„The Teller of Small Fortunes“ von Julie Leong ist ein Roman, dem das Label „cozy fantasy“ meinem Gefühl nach nicht gutgetan hat, weil so viele Leser*innen damit Erwartungen verknüpften, die die Geschichte dann nicht erfüllt hat. Ich habe vor einiger Zeit eine Rezension zu dem Titel gelesen, die besagte, dass dieser Roman insofern cozy sei, dass all die schlimmen Dinge, die geschehen könnten (und von denen die Figuren befürchten, dass sie passieren werden), eben nicht eintreffen – und das trifft es meiner Meinung nach sehr gut. Das bedeutet aber auch, dass die Handlung in „The Teller of Small Fortunes“ ein wenig vor sich hin dümpelt und ein/e Leser*in halt bereit sein muss, sich darauf einzulassen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tao, die mit ihrem kleinen Wagen durch Eshtera reist und als Wahrsagerin arbeitet. Wobei sie nur kleine Dinge vorhersagt, denn die großen sind – Taos Erfahrung nach – zu gefährlich. Obwohl von Anfang an feststeht, dass Tao sehr einsam ist und sich nach ihrem Geburtsland Shinara sehnt, erfahren wir erst nach und nach, wie es kam, dass sie als kleines Mädchen mit ihrer Mutter nach Eshtera ausgewandert ist. Als Shinn begegnet sie auf den Straßen des Landes viel Misstrauen, genießt als reisende Wahrsagerin aber auch viele Freiheiten – was es ihr ermöglicht, den beiden Reisenden Silt und Mash zur Seite zu stehen, die auf der Suche nach Mashs verschwundener kleiner Tochter sind. Gemeinsam reisen die drei (plus die später dazukommende Bäckerin …) durch das Land und versuchen, mehr über den Verbleib des Kindes herauszufinden.
Es passiert wirklich relativ wenig in der Geschichte, auch wenn die kleine Reisegruppe in den verschiedenen Orten immer wieder anderen Personen begegnet, die – wie Menschen nun mal sind – mal herzlich, mal feindselig oder misstrauisch auf die Fremden reagieren. Dabei befürchtet Tao die ganze Zeit, von der Magiergilde aufgespürt zu werden, falls diese von ihrer Fähigkeit als Wahrsagerin erfahren sollten, während sich Mash natürlich große Gedanken um das Wohlergehen seiner Tochter macht. Doch vor allem bringen diese gemeinsame Reise und die Gespräche, die sie führen, die Reisenden dazu, dass sich diese unterschiedlichen Charaktere mit ihren Hoffnungen und Sorgen auseinandersetzen. Das ermöglicht es Julie Leong, viele verschiedene ernsthaftere Themen aufzugreifen, ohne dass die Lektüre belastend oder bedrückend würde.
So dreht sich ein Teil von Taos Problemen zum Beispiel darum, dass sie aufgrund ihrer Shinn-Abstammung als Fremde in dem Land gesehen wird, in dem sie aufgewachsen ist. Gleichzeitig weiß sie zu wenig über ihr Geburtsland und spricht die Sprache nicht ausreichend gut, um zu versuchen, über das Meer zurück nach Shinara zu gehen. Obwohl das natürlich ein ernsthaftes Problem für die junge Frau ist, fühlt es sich beim Lesen nicht so schlimm an, weil es auf der Hand liegt, dass sie zu Beginn der Geschichte schon auf genau die richtigen Personen für eine wohltuende Wahlfamilie gestoßen ist. Für mich war „The Teller of Small Fortunes“ deshalb trotz der verschiedenen ernsthaften Themen ein überraschend entspannender Roman. Ich habe die Geschichte in vielen kleinen Häppchen gelesen, wenn ich ein bisschen Zeit mit sympathischen Figuren und den kleinen Herausforderungen, die der nächste Handlungsort mit sich bringen würde, verbringen wollte. Doch auch wenn der Roman keine besonders mitreißende Geschichte erzählt hat, so verbinde ich damit doch kleine Szenen und Eindrücke, an die ich gern zurückdenke.
