Schlagwort: Fantasy

Ellen Oh und Elsie Chapman (Hrsg.): A Thousand Beginnings and Endings (Anthologie)

„A Thousand Beginnings and Endings“ ist eine Anthologie, die fünfzehn Neuerzählungen von asiatischen Märchen und Legenden beinhaltet, geschrieben von fünfzehn Autorinnen und Autoren unterschiedlicher asiatischer Herkunft. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen Ellen Oh und Elsie Chapman, dass sie als Kinder Bücher über griechische Mythologie sehr geliebt haben, aber ihnen im Laufe der Zeit auffiel, dass es nichts Vergleichbares für den asiatischen Raum gibt. Wenn asiatische Legenden in Büchern zu finden waren, dann weil sie von nicht-asiatischen Autoren wiedererzählt wurden – und diesen Nacherzählungen fehlte in ihren Augen ein ganz besonderes Element. Jedem einzelnen Beitrag folgt ein Nachwort, in dem die Legende, auf der die Geschichte basiert, vorgestellt wird, und es wird berichtet, welcher Aspekt daraus für die Handlung aufgegriffen wurde.

Roshani Chokshi: Forbitten Fruit
Mit „Forbitten Fruit“ erzählt Roshani Chokshi ihre eigene Version der Geschichte rund um Maria Makiling, die der Schutzgeist des filipinischen Mount Makiling sein soll. Roshani Chokshis Variante der Legenden ist eine bittersüße Liebesgeschichte, in der ein Berg sein Herz an einen Menschen verliert. Ich mochte die Geschichte sehr, – gerade weil ich mir wünschte, dass sie am Ende anders ausgehen würde – allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin sehr weit vom Original entfernt hätte. Die Handlung ist eigentlich sehr vorhersehbar und der Ton sehr märchenhaft. Letzteres gefällt mir eigentlich, aber es gibt dem Kern der Geschichte keine neuen Impulse.

Alyssa Wong: Olivia’s Table
Die Kurzgeschichte „Olivia’s Table“ von Alyssa Wong hat mir sehr gut gefallen (ich muss mal schauen, was die Autorin noch so geschrieben hat). In der Geschichte wird das chinesische Yu Lan (Hungry Ghost Festival – keine Ahnung, wie das auf Deutsch genannt wird) aufgegriffen, wobei Olivia eine chinesische Amerikanerin ist, die nach dem Tod ihrer Mutter deren Rolle als „Exorzistin“ übernimmt und in einer alten Minenstadt für die Geister ein Festmahl ausrichtet. Während das örtliche Hotel Olivia eher für ein Touristen-Spektakel engagiert hat, geht es ihr darum, die Vorfahren zu ehren und sie auch nach dem Tod noch mit gutem Essen glücklich zu machen. Und wenn das dazu führt, dass sie Ruhe und Frieden finden, dann ist es gut so. Ich mochte die Geschichte sehr, weil es nicht nur schön diese chinesische Tradition beschreibt, sondern auch Olivias eigenen Weg, um mit dem Tod ihrer Mutter fertig zu werden, und ihre Suche nach einen Platz im Leben.

Lori M. Lee: Steel Skin
Lori M. Lee greift in „Steel Skin“ eine Geschichte der Hmong (und zwar „The Woman and the Tiger“) auf und erzählt eine SF-Handlung, in der die fünfzehnjährige Protagonistin Yer vor einem Jahr bei einem Aufstand der Androiden ihre Mutter verloren hat. Ihr Vater ist seitdem nicht mehr derselbe, er ist verschlossen, antriebslos und abweisend, obwohl Yer ihn nun mehr den je benötigt. Richtig unheimlich wird es, als er nach einer Reise zurückkommt und sich noch weniger als zuvor um Yer kümmert, bis in ihr der Verdacht aufkommt, dass die Person, mit der sie zusammenlebt, nicht mehr ihr Vater ist … Ich mochte die Geschichte sehr, sie ist voller Wut und Trauer, Freundschaft und Vertrauen und präsentiert ein wirklich überraschendes und cooles Ende.

Sona Charaipotra: Still Star-Crossed
In „Still Star-Crossed“ hat sich Sona Charaipotra von der Geschichte von „Mirza und Sahiba“ inspirieren lassen und sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn diese beiden legendären Figuren heutzutage aufeinanderträfen. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob mir die Geschichte gefällt. Auf der einen Seite mag ich die Protagonistin Taara, auf der anderen Seite finde ich Nick, der sich sicher ist, dass er Taara (wiederer)kennt, etwas zu übergriffig, zu selbstsicher, zu stalkend. Dann wieder finde ich die Wendung am Ende hübsch, bei der Taaras Mutter Amrita von ihrer ersten Liebe erzählt und davon, was damals passiert ist …

Aliette de Bodard: The Counting of Vermillion Beads
In „The Counting of Vermillion Beads“ greift Aliette de Bodard das Grundthema des vietnamesischen Märchens „Tấm Cám“ (in dem es um die Beziehung zweier Schwestern zueinander geht) auf. Doch statt eine Geschichte voller Eifersucht, Mord und Wiedergeburt zu erzählen, bekommt der Leser hier mit Tam und Cam zwei Schwestern präsentiert, die einander nicht besonders ähnlich sind, aber aneinander hängen, aneinander denken und sich gegenseitig stützen – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so zu sein scheint. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich etwas brauchte, um in die Handlung hineinzufinden (aber so geht es mir eigentlich immer bei Texten von Aliette de Bodard).

E.C. Myers: The Land of the Morning Calm
Oh, ich mochte diese Geschichte wirklich! Der Autor erzählt die Handlung aus der Sicht von Sun Moon, deren Mutter vor fünf Jahren starb und deren Großvater fest davon überzeugt ist, er hätte in den letzten Wochen regelmäßig den Geist seiner verstorbenen Tochter gesehen. Mir gefiel diese Mischung aus Geistergeschichte, Online-Rollenspiel (das in einem historischen Korea spielt, in dem sich die Charaktere in Tiere verwandeln können,) und Trauerbewältigung wirklich gut, auch wenn ein paar Wendungen nicht gerade überraschend kamen.

Aisha Saeed: The Smile
Mit „The Smile“ greift Aisha Saeed die Legende von Anarkali auf, der Geliebten eines Prinzen, deren Lächeln dem König verriet, dass sein Sohn ein Verhältnis mit ihr hat. Hier aber wird die Handlung von Naseem erzählt, die offiziell die Konkubine des Prinzen Kareem ist und der erst im Laufe der Zeit bewusst wird, was es bedeutet, dass sie dem Prinzen gehört. Ich mochte nicht nur Naseems Blick auf ihre Position als Konkubine, sondern auch die Nebencharaktere in der Geschichte sehr.

Preeti Chhibber: Girls Who Twirl and Other Dangers
Preeti Chhibber hat das Hinduistische Fest Navrātri in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt und drei Freundinnen, die – wie die Göttin Durgā – für das Gute kämpfen. Nur dass Nirali, Jessica und Jaya bei der Wahl ihres Gegners kein solch gutes Händchen haben wie die Göttin. Ich fand die Geschichte nicht nur sehr unterhaltsam, ich habe es auch genossen von der Freundschaft der drei Mädchen zu lesen und von dem Fest, bei dem eine große indischstämmige Gemeinschaft mit Tanz und Essen zusammen feiert.

Renée Ahdieh: Nothing into All
„Nothing into All“ basiert auf dem koreanischen Märchen „The Goblin Treasure“, das Renée Ahdieh als Kind regelmäßig vorgelesen bekam. So ist es kein Wunder, dass die Geschichte selbst auch sehr märchenhaft von den Geschwistern Charan und Chun erzählt, die sich seit Jahren regelmäßig auf die Suche nach Goblins machen. Dabei dreht sich die Handlung mehr um das Verhältnis zwischen Charan und Chun und darum, wie die Eltern ihre Tochter und ihren Sohn behandeln, als um die Magie der Goblins, was diesem klassischen Märchen von einer Schatzsuche etwas mehr Tiefe verleiht.

Rahul Kanakia: Spear Carrier
Zu „Spear Carrier“ wurde der Autor durch das indische Epos Mahabharata inspiriert, in dem es einen Part gibt, in dem Tausende in einen Kampf ziehen, der zu einem Krieg um die Herrschaft gehört. Von diesen Tausenden überleben nur zwölf die Schlacht, doch statt aus der Sicht der Überlebenden wird diese Kurzgeschichte aus Sicht eines dieser Soldaten erzählt, der von Anfang an weiß, dass er den Kampf nicht überleben wird. Ich muss zugeben, dass ich anfangs mit „Spear Carrier“ nicht so recht warm geworden bin, auch weil ich den Protagonisten nicht gerade sympathisch fand. Erst mit dem angehängten Hinweis des Autors auf das Mahabharata und der Entwicklung, die die Handlung ganz am Ende nimmt, finde ich den Kern der Kurzgeschichte interessant genug, um noch etwas länger darüber nachzudenken.

Melissa de la Cruz: Code of Honor
Für ihre Geschichte greift Melissa de la Cruz die Legenden der philippinischen Aswangs (Vampir-ähnliche Hexen) auf, wobei ihre Protagonistin Aida schon seit langer Zeit nach einem eigenen Ehrenkodex lebt und nun in New York auf der Suche nach Personen ist, mit denen sie sich anfreunden kann. Wirklich einfach ist es nicht, Freundschaften zu schließen, wenn man sich von Blut ernährt und außerordentliche Aggressionsprobleme hat, aber Aida bemüht sich, einen Platz in der Schule zu finden, die sie zu diesem Zweck besucht. Ich fand die Geschichte ganz nett, auch wenn die „überraschende Wende“ am Ende etwas arg vorhersehbar war (selbst dann, wenn man die Blue-Blood-Serie der Autorin nicht kennt, sondern erst nach dem Lesen der Kurzgeschichte beim Recherchieren über die Autorin davon erfährt).

Elsie Chapman: Bullet, Butterfly
„Bullet, Butterfly“ ist eine Neuerzählung der Geschichte „The Butterfly Lovers“, einer chinesischen Romeo-und-Julia-Variante, bei der die beiden Liebenden nicht zueinanderkommen, weil familiäre Verpflichtungen gravierender sind als ihre Gefühle füreinander. Elsie Chapman lässt ihre Geschichte in einer Welt spielen, die von Krieg und Hunger gezeichnet ist und in der das Leben von Teenagern von ihrer Pflicht gegenüber ihrer Familie geprägt ist. Weder der Protagonist Liang noch seine Freundin Zhu haben Einfluss auf ihr Leben, und doch suchen sie nach einem Weg, um beieinander bleiben zu können. Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte wirklich gut erzählt und berührend zu lesen fand, aber das (klassische) Ende frustrierte mich.

Shveta Thakrar: Daughter of the Sun
Auch diese Geschichte wurde von dem indische Epos Mahabharata inspiriert, aber statt wie in „Spear Carrier“ von Krieg und Opfern zu handeln, dreht sie sich um zwei Liebende. Dabei war es Shveta Thakrar wichtig aufzugreifen, dass es die Protagonistin ist, die ihren Liebsten rettet und einen Weg finden, damit sie zusammenbleiben können. Ich fand die Geschichte sehr hübsch zu lesen, auch wenn die Mischung aus altmodischen und modernen Elementen in meinen Augen nicht immer ganz rund war.

Cindy Pon: The Crimson Cloak
Mit „The Crimson Cloak“ gibt Cindy Pon einer Figur eine Stimme, die ihrer Meinung nach in keiner der chinesischen Märchenvarianten, die es über „The Cowherd and the Weaver Girl“ gibt, ausreichend zu Wort kommt. In „The Crimson Cloak“ ist es die siebte Tochter der Himmelskönigin, die eines Tages an einem See einen Mann sieht und ihn näher kennenlernen will, während es in den verschiedenen Märchen er ist, der ihr beim Baden ihren Mantel raubt, damit sie ihn heiraten muss. Ich mochte es sehr, dass die Autorin nicht nur eine Figur zu Wort kommen lässt, die (nach Aussage von Cindy Pon) im Märchen weniger zu sagen hat als der magische Ochse des Protagonisten, sondern auch, dass diese Geschichte so glücklich verläuft, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer Unsterblichen und einem Menschen nun einmal sein kann.

Julie Kagawa: Eyes like Candlelight
Julie Kagawa erzählt die Geschichte von Takeo, der als Kind einen Fuchs rettete und sich als Mann in eine Kitsune verliebt, und der alles dafür tun würde, um sein Dorf vor der Willkür des Daimyo zu retten. „Eyes like Candlelight“ ist eine bittersüße Geschichte und bildet einen melancholischen Ausklang für die Anthologie, gerade weil die Figuren so liebenswert sind.

 

Insgesamt war ich beim Lesen von „A Thousand Beginnings and Endings“ wirklich fasziniert davon, wie viele verschiedene Ansätze hier gefunden wurden, um klassische asiatische Sagen(elemente) neu oder auch nur erneut zu erzählen. Auch wenn ich häufig die moderneren Varianten bevorzugte, gab es doch so einige märchenhafte Nacherzählungen, die ich sehr genossen habe und die mich sehr berührten.

Caroline Stevermer: A College of Magics

Seit ich die „Cecelia and Kate“-Romane von Patricia C. Wrede und Caroline Stevermer gelesen habe, halte ich die Augen nach weiteren Büchern von Caroline Stevermer auf (Patricia C. Wrede gehört sowieso zu den wenigen Autoren, deren Neuerscheinungen automatisch von mir gekauft werden). „Magic Below Stairs“ von der Autorin hatte mir ebenfalls gut gefallen, aber so richtig wusste ich danach nicht, was ich als nächstes ausprobieren sollte, bis ich vor einigen Tagen über einen Artikel gestolpert bin, in dem die Fortsetzung von „A College of Magic“ empfohlen wurde. Da es mir aber widerstrebt, mit dem zweiten (und angeblich besseren) Teil eine Serie anzufangen, habe ich mir daraufhin „A College of Magic“ als eBook besorgt und gelesen. Der Roman erzählt die Geschichte von Faris Nallaneen, die als Achtzehnjährige in Greenlaw aufgenommen wird. Greenlaw ist mehr als eine normale „Finishing School“, denn dort wird bekannterweise Magie gelehrt, auch wenn in der Welt, in der Faris lebt, eigentlich so gut wie keine Magie vorzukommen scheint.

Caroline Stevermer erzählt in „A College of Magic“ sehr ruhig und unaufgeregt von Faris‘ Entwicklung und den Dingen, die sie in den drei Jahren nach ihrer Ankunft in Greenlaw erlebt. Dabei teilt sich die Handlung in drei Abschnitte, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte (und Handlungsorte) aufweisen. Der erste Teil konzentriert sich darauf, Faris und ihren Hintergrund vorzustellen und eine Basis für die folgenden Ereignisse zu schaffen. Faris ist die Herzogin von Galazon, einem kleinen Herzogtum im Osten eines alternativen Europas, und bis zu ihrem 21. Geburtstag wird das Land von Faris‘ Onkel Brinker regiert. Da Faris ihrem Onkel nicht vertraut und sich sicher ist, dass er Galazon in den Ruin treiben wird, ist sie nicht gerade begeistert von der Aussicht, einige Jahre in Frankreich zur Schule zu gehen und keinerlei Kontakt zu ihrem Herzogtum zu haben. Doch im Laufe der Zeit findet Faris nicht nur einige Freundinnen, sondern lernt auch, das Lernen zu lieben. Spannenderweise wird in Greenlaw aber nicht – wie man bei einem College für Magie eigentlich erwarten sollte – Magie gelehrt, sondern die „Magiestunden“ konzentrieren sich auf Theorien und Philosophien, die es jemanden mit angeborener Magie ermöglichen sollten, die eigenen verborgenen Kräfte zu nutzen.

Der anschließende mittlere Teil der Geschichte erzählt von Faris‘ Reise nach Hause, von all den Entdeckungen und Erlebnissen während des Heimwegs, und zeigt, wie Galazon sich unter der Herrschaft ihres Onkels entwickelt hat. Dieser Abschnitt der Handlung zeigt ein größeres Bild als der vorhergehende Teil, so dass man nicht nur ein Gefühl dafür bekommt, in welcher politischen (und persönlichen) Situation sich Faris befindet, sondern auch dafür, wie weit die Ereignisse in Galazon auch Einfluss auf die Nachbarländer haben, und dafür, dass Faris‘ Stellung in der Welt mehr sein könnte als die eine bloßen Herzogin eines recht unbedeutenden kleinen Landes. Im dritten Abschnitt wiederum muss Faris ihre Ausbildung, die Erfahrungen der letzten Monate und die Fähigkeiten, über die sie potenziell verfügt, nutzen, um sich den Aufgaben zu stellen, die sie (nicht nur in ihrer Rolle als Herzogin) von ihren Vorfahren geerbt hat.

Es gibt vieles, was ich – neben dem wunderschönen Schreibstil von Caroline Stevermer – an „A College of Magic“ mochte. Mir gefiel die Low-Magic-Welt, in der die Geschichte spielt und die an unser Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert, und mir gefiel die Darstellung des Collegelebens in Greenlaw. Ich mochte Faris, ihre Freundinnen (allen voran die großartige Jane) und ihre Vertrauten und (von einer ganz speziellen Gegnerin abgesehen) las ich gern von Faris‘ Gegenspielern, die schön vielschichtig angelegt waren. Außerdem zog sich durch den gesamten Roman ein feiner Humor, der immer wieder zu Sätzen oder Szenen führte, die ich gern jemandem vorgelesen hätte, weil ich dabei schmunzeln musste. Besonders geschätzt habe ich auch all die kleinen Details, die stimmig das Leben in einem kleinen und von Landwirtschaft geprägten Land darstellten, wie zum Beispiel die Erwähnung, dass die Steuern immer nach der letzten Ernte des Jahres erhoben wurden. Überhaupt lag Faris‘ Augenmerk – egal, ob es um Nachrichten von Zuhause oder um die vorbeiziehende Landschaft während einer Reise ging – auf der Landwirtschaft, und der Frage, wie die Ernte ausgefallen ist, lag ihr ebenso nah wie die Beobachtung, welche Produkte in welchem Gebiet angebaut werden, oder die selbstverständliche Rücksicht auf die Felder während einer herbstlichen Fuchsjagd.

Ich muss aber auch zugeben, dass dies keines der Bücher war, bei denen mir die Personen besonders am Herzen gelegen hätten. Ich habe gern von Faris und all den anderen gelesen und ich war neugierig darauf, wie ihre Geschichte weiterging, aber ich hatte trotzdem keinerlei Probleme, das Buch aus der Hand zu legen und mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Zum Teil lag das vermutlich auch daran, dass gerade im ersten Drittel des Romans relativ große Zeitsprünge in der Handlung vorkommen, um die verschiedenen Entwicklungs- und Lernstufen von Faris besser darstellen zu können. „A College of Magic“ war für mich eindeutig ein Buch, das mehr meinen Kopf als meine Emotionen beschäftigt hat (obwohl ich lustigerweise den einen oder anderen Aspekt der Geschichte nachts mit in meine Träume genommen habe, wenn ich vor dem Schlafengehen darin gelesen habe). Insgesamt mochte ich den Roman aber sehr und bin jetzt schon gespannt darauf, was in „A Scholar of Magic“ – das in dem englischen College Greencastle spielt und in dem Faris‘ Freundin Jane wieder vorkommt – für eine Geschichte erzählt wird.

Seanan McGuire: Deadlands 3 – Boneyard

Ich muss zugeben, dass ich das Weird-West-RPG „Deadlands“ nicht kannte, bevor ich diesen Roman in die Finger bekam, aber nach dem Lesen kann ich behaupten, dass man die Hintergründe des Games oder der ersten beiden Bände („Ghostwalkers“ von Jonathan Maberry und „Thunder Moon Rising“ von Jeffrey Mariotte) auch nicht benötigt, um diese Geschichte genießen zu können. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Annie Pearl, die beim Blackstone Familiy Circus – dem sie gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Tochter Adeline angehört – für die Pflege der Kuriositäten zuständig ist. Schon früh lernt man, dass Annie in deutlich wohlhabenderen Umständen aufgewachsen ist und dass sie vor Jahren auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit beim Zirkus landete, als verzweifelte Frau mit einem Kleinkind auf der Hüfte und einem noch nicht ausgewachsenem Luchsweibchen auf den Schultern.

Die Geschichte beginnt im Herbst: Der Zirkus benötigt dringend noch einen guten Halt vor dem Winter, um genügend Geld für die kommenden Monate zu verdienen. Die Situation ist so angespannt, dass Jonathan Blackwood beschließt, mit seinem Zirkus nach „The Clearing“ zu reisen – eine kleine Stadt tief in der Wildnis von Oregon, wo die Menschen freundlich und der Profit groß sein sollen. Ihm ist, ebenso wie allen anderen Mitgliedern seines Zirkus, durchaus bewusst, dass eine Gelegenheit, die sich so gut anhört, einen Haken haben muss. Doch um all seine Angestellten (inklusive der diversen Waisenkinder, die ihren Weg zum Zirkus gefunden haben) über den Winter bringen zu können, muss er dieses Riskio eingehen.

Seanan McGuire lässt in „Boneyard“ die Handlung sehr langsam anlaufen, man lernt als Leser den Zirkus und die diversen Personen, die mit ihm verbunden sind, kennen, man erfährt ein wenig über Annies Alltag mit ihren Kuriositäten und welche Gefahren der Umgang mit diesen Wesen mit sich bringt. Mir hat es gut gefallen, wie die Autorin die diversen Charaktere vorstellt und wie sie die aktuelle Situation (und Vergangenheit) der verschiedenen Figuren durch kleine Beschreibungen und Szenen andeutet. Allerdings muss ich zugeben, dass dieses langsame Herantasten an die Geschichte auch dazu geführt hat, dass ich den Roman anfangs auch gut aus der Hand legen und mich mit etwas Anderem beschäftigen konnte. Dabei mochte ich grundsätzlich das Setting mit seinen Western-Steampunk-Horror-Elementen und fühlte mich von der Erzählweise stellenweise an die Jonathan-Healey-und-Frances-Brown-Kurzgeschichten aus Seanan McGuires InCryptid-Serie erinnert.

Als der Zirkus dann in „The Clearing“ ankommt, zieht die Handlung endlich an. Schnell wird klar, dass mit dem Ort wirklich etwas nicht in Ordung ist, und so findet sich Annie bald in einem Kampf um das Überleben ihrer Tochter und all der anderen Personen, die dem Zirkus angehören, wieder. Auch hier zieht das Tempo nicht besonders stark an, aber diese eher gemächliche Erzählweise passt zu dem Grauen, das in den Wäldern rund um „The Clearing“ heimisch ist. Das Warten darauf, dass man endlich die bedrohlichen Kreaturen zu Gesicht bekommt, die zwischen den Bäumen lauern, die Stunden, die sich Annie im Dunkeln durch den Wald bewegt, ohne zu wissen, ob sie Adeline jemals wieder zu Gesicht bekommen wird, die grauenhafte Geschichte, die der allein in einer Hütte in den Wäldern hausende Hal zu erzählen hat – all das sorgt für wunderbar atmosphärische Lesestunden, bei denen man die ganze Zeit darauf wartet, dass die Protagonisten endlich aktiv gegen die Bedrohung angehen können.

Allerdings gab es in „Boneyard“ auch Elemente, die ich nicht ganz so überzeugend fand und bei denen ich vermute, dass es zum Teil daran lag, dass ich mit „Deadlands“ nicht vertraut bin. So fand ich zwar die Beschreibungen von Annies Ehemann und seinem gottlosen Tun angemessen abstoßend, hatte aber das Gefühl, ich könnte seine Rolle in der Welt und die Position, die sein Mentor Dr. Hellstromme einnimmt, nicht richtig einschätzen. Auch hätte ich normalerwiese bei Seanan McGuire eine besser ausgebaute Hintergrundgeschichte zu „The Clearing“ erwartet, denn auch wenn sie durch die Einführung von Hal und seinen Erfahrungsbericht mit dem Ort und seinem Bürgermeister da noch einige Details nachgeliefert hat, so konnte mich das doch nicht ganz überzeugen. Alles in Allem hat mir das Lesen von „Boneyard“ aber sehr viel Spaß gemacht, und wenn ich wieder auf der Suche nach einer relativ ruhig erzählten Horrorgeschichte für einen dunklen und unheimlichen Herbsttag bin, dann werde ich „Boneyard“ gewiss noch einmal aus dem Regal ziehen.

Diana Wynne Jones: The Spellcoats (The Dalemark Quartet 3)

Der dritte Band der Dalemark-Reihe von Diana Wynne Jones führt den Leser in eine Vergangenheit von Dalemark zurück, in der es noch Könige gab. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tanaqui, die die vierte von fünf Geschwistern und eine hervorragende Weberin ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie ihre Geschichte in zwei Mäntel (Spellcoats) einwebt, so dass nur diejenigen, die die Webmuster zu lesen wissen, davon erfahren. Dabei erzählt der erste Mantel, wie alles in dem kleinen Dorf am Fluss begann, in dem Tanaqui gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrem Vater aufgewachsen ist, und wo die übliche Ruhe von einem Tag auf den anderen durch eine Gruppe Flüchtlinge gestört wurde. Diese Flüchtlinge berichteten von Krieg, und kurz nachdem diese Menschen über den Fluss gesetzt hatten und weitergezogen waren, kamen auch schon die ersten Soldaten, um Männer (und Jungen) anzuwerben, die für den König in den Kampf ziehen sollten.

Nachdem Tanaquis Vater im Krieg getötet wird und ihr ältester Bruder fast seelenlos zurückkommt, werden die Geschwister aus dem Dorf vertrieben und reisen den Fluss entlang bis zum Meer. Für Tanaqui und die anderen ist das eine beschwerliche Reise voller Gefahren in einem Gebiet, das von Hochwasser und Krieg zerstört wurde. Im Laufe ihrer Reise lernen sie, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügen und dass die Unsterblichen (the Undying), die schon in „Drowned Ammet“ eine große Rolle spielten, sie vor der Magie der „Heiden“ aus dem Norden schützen können – wenn Tanaqui und ihre Geschwister denn auf die Zeichen und Hinweise der (beinahe) göttlichen Wesen hören. Doch es ist nicht so einfach, mit den Unsterblichen zu kommunizieren und herauszufinden, welcher Weg für Tanaqui und die anderen der richtige ist.

Ich mochte sehr, dass man dadurch, dass Tanaquis Spellcoats die wahre Geschichte erzählen müssen, um ihre Magie zu wirken, das Gefühl bekommt, man könne der Erzählerin vertrauen – auch wenn es ihr oft genug nicht leicht gefallen ist, von all ihren Irrtümern und kleinlichen Gedanken zu erzählen. „The Spellcoats“ erzählt von der Entstehung Dalemarks, von den alten Mächten, die in dem Land aktiv sind/waren, und von der Herkunft der einen oder anderen Figur, die man bislang nur als Sagengestalt kennengelernt hat. Mir gefiel an Tanaquis Erzählstimme nicht nur, dass ich ihr als Erzählerin vertrauen konnte, sondern ich mochte auch, dass sie – trotz all der besonderen Fähigkeiten, über die sie verfügt, – eine ganz normale und sympathische Figur war. Sie liebt ihre Geschwister und ist doch oft ungeduldig mit ihnen oder ärgert sich über ihr Verhalten, sie vermisst ihre Eltern und wünscht sich regelmäßig, es gäbe jemanden, der sich um sie kümmern würde. Doch da es niemanden gibt, der ihr die Arbeit aus der Hand nimmt, und ihre Geschwister immer wieder jemanden brauchen, der sich um sie kümmert, nimmt sie die Angelegenheiten regelmäßig selber in die Hand. Nicht immer sind ihre Entschlüsse die klügsten, aber gerade das sorgt ja auch dafür, dass man ihrer Geschichte so gerne folgt und sich voller Spannung fragt, ob sie wohl am Ende ihre Aufgabe erledigt bekommt oder nicht.

Ich finde es immer schwierig, eine Reihe so zu lesen, dass die Ereignisse nicht chronologisch stattfinden, weil das oft genug dazu führt, dass man als Leser Dinge erzählt bekommt, die man schon kennt. Hier hingegen muss ich zugeben, dass es sich für mich richtig anfühlt, die Romane in der Veröffentlichungsreihenfolge zu lesen. Die Handlung von „Cart und Cwidder“ lässt sich ohne weitere Hintergründe (meinem Gefühl nach sogar besser) genießen, während ich vermutlich mit dem Wissen um die Vergangenheit Dalemarks, um die Unsterblichen und vielleicht sogar um die Herkunft des Barden Osfameron eine ganz andere Sicht auf die Geschichte gehabt hätte. So hingegen habe ich das Gefühl, dass ich als Leser gemeinsam mit der Welt von Dalemark wachse und im Laufe der Romane immer mehr Details und Hintergründe entdecken kann. All das macht mich auf jeden Fall sehr neugierig auf den Band „The Crown of Dalemark“, mit dem die Serie ihren Abschluss findet.

Kyle Robert Shultz: The Beast of Talesend – After Beauty and the Beast (Beaumont and Beasley 1)

Auf die Reihe „Beaumont and Beasley“ bin ich durch Kiya aufmerksam geworden und hab mir dann recht spontan in der vergangenen Woche ein Bundle mit den ersten drei eBooks gekauft. Im ersten Teil, „After Beauty and the Beast“, bekommt man als Leser die Geschichte aus der Sicht des fünfundzwanzigjährigen Nick Beasley erzählt, der als Privatdetektiv in den Afterlands arbeitet und sich darauf spezialisiert hat, zu beweisen, dass Magie nicht existiert. Nick ist wirklich erfolgreich in seinem Beruf und hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur als Detektiv, sondern auch als Sprachkenner eine gewisse Berühmtheit erarbeitet, was dazu führt, dass er von Lord Whitlock und dessen Tochter Cordelia engagiert wird. Dummerweise führt dieser Auftrag dazu, dass Nick durch uralte Magie in ein Monster verwandelt wird, was nicht nur grundsätzlich eine unangenehme Situation ist, sondern auch das Todesurteil für seine Karriere bedeuten kann.

Gemeinsam mit Lady Cordelia macht sich Nick daran, mehr über den Fluch herauszufinden, der ihn in ein Monster verwandelt hat, um ihn zu brechen. Dabei lernt der Detektiv nicht nur mehr über Magie, als er jemals wissen wollte, sondern er muss auch eine Intrige vereiteln, die zum Ende der bestehenden Gesellschaft führen könnte. Ich mochte an der Geschichte sehr den ungewöhnlichen Blick auf vertraute Märchen und all die Hintergründe und „wahren“ Vorfälle, die sich Kyle Robert Shultz für seinen kurzen Roman ausgedacht hat. Der Autor beschränkt sich nicht nur darauf, die eh schon düsteren Seiten von Märchen zu betonen, sondern entwickelt seine eigene – häufig zynisch wirkende – „wahre Geschichte“ hinter den verschiedenen Märchen. Trotz dieser düsteren Märchenelemente ist „The Beast of Talesend“ eine amüsante und fluffige Geschichte, bei der man nicht nur über die diversen absurden Vorfälle schmunzeln kann, sondern auch über das Verhältnis der Charaktere zueinander und die daraus resultierenden Dialoge.

Ich mochte nicht nur Nick, der bei aller Pedanterie und Selbstgefälligkeit überaschend sympathisch war, sondern auch Lady Cordelia mit all ihren impulsiven Einfällen und Nicks kleinen Bruder Crispin, der so liebenswert unvernünftig dargestellt wurde, dass es schon fast zu klischeehaft war. Nicks Gegenspieler blieb im Vergleich dazu ziemlich blass, und dass die Beherrschung der Welt sein einziges Motiv zu sein schien, fand ich auch etwas schwach. Aber grundsätzlich hat mich diese Darstellung nicht so sehr gestört, dass ich mich dadurch weniger amüsiert hätte. Ein bisschen hat mich „The Beast of Talesend“ an die „Castle Charming“-Geschichten von Tansy Rayner Roberts erinnert, wobei Kyle Robert Shultz neben dem Märchenhaften eine deutliche 20er-Jahre-Atmosphäre in seinen Roman eingebaut hat, die der Handlung wirklich gut getan hat. Die Figuren von Tansy Rayner Roberts berühren mich mehr als Nick, Crispin und Cordelia, aber ansonsten mag ich bei beiden Autoren den ungewöhnlichen Blick auf Märchen und die amüsante Erzählweise, bei der man die Geschichte einfach nicht aus der Hand legen mag, weil jederzeit wieder etwas überaus Absurdes und Unterhaltsames passieren wird.

Diana Wynne Jones: Drowned Ammet (The Dalemark Quartet 2)

Der zweite Band des Dalemark-Quartets von Diana Wynne Jones – den ich bis zu diesem Lesen noch nicht kannte – bringt den Leser wieder in den Süden von Dalemark, genau genommen in das Reich des Herzogs Hadd. Dabei wird die Geschichte in „Drowned Ammet“ zu Beginn aus der Sicht von Mitt erzählt, den der Leser von seinen ersten (überraschend sorgenfreien) Lebensjahren an begleitet, nur um mitzuerleben, wie aus dem zufriedenen kleinen Jungen ein Mensch voller Rachefantasien und Hass wird. Denn Herzog Hadd ist ein grausamer und streitsüchtiger Mann, der keine Hemmungen hat, sein Volk mit seinen Steuern um seine Lebensgrundlage zu bringen. Auch Mitts Eltern gehören zu denen, die wenige Jahre nach Mitts Geburt ihr weniges Hab und Gut verlieren und Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Menschen in seinem Land fürchten den Herzog, seine Soldaten und seine Spitzel, und so ist es kein Wunder, dass neben Armut und Angst auch die Wut und der Wille zur Rebellion in seinem Volk wachsen.

Auch Mitts Vater Al (beide heißen mit vollem Namen Alhammit) schließt sich nach dem Verlust seines Hofes in der Hafenstadt Holand einer Gruppe von Freiheitskämpfern an, doch er und seine Gefährten werden vor der Durchführung eines geplanten Anschlags verraten. Nachdem Mitt mit seiner Mutter zurückbleibt, schließt auch er sich den Freiheitskämpfern an, und ich muss zugeben, dass das ein Punkt war, wo mich Diana Wynne Jones ausnahmsweise nicht überzeugen konnte. Ich musste mir beim Lesen dieser Kapitel rund um Mitts Aufwachsen und sein Engagement für die Freiheitskämpfer immer wieder vorrechnen, dass Mitt noch sehr jung ist. Seine Familie kann es sich nicht leisten, ihn zur Schule zu schicken und er hat keine gleichaltrigen Freunde, mit denen er auf den Straßen spielen könnte. Stattdessen fängt er als Achtjähriger an, auf einem Fischerboot zu arbeiten, und alles, was er Tag für Tag hört, sind Klagen über die Ungerechtigkeit des Herzogs. Und wenn meine Rechnung stimmt (die auf so groben Angaben basiert wie „beim nächsten „Holand Sea Festival“, „im folgenden Sommer“ oder „wenige Wochen später“, dann ist er gerade mal elf oder zwölf Jahre alt, als er einen Anschlag auf den Herzog verübt.

Ein Kind, das unter diesen Umständen aufwächst, ist deutlich „erwachsener“ als ein Kind, das eine sorgenfreie Kindheit verbringen kann und sich keine Gedanken darüber machen muss, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Auf der anderen Seite ist Mitt nicht erwachsen genug, um wirklich die Konsequenzen seines Tuns überblicken zu können, oder um die Motive und Aussagen anderer Menschen zu hinterfragen und sich seine eigene Meinung bilden zu können. Gerade seine emotionale Abhängigkeit von seiner Mutter erklärt sich für mich sehr dadurch, dass er eigentlich noch ein Kind ist. Dass ich mir aber all diese Dinge immer wieder vor Augen halten musste, hat für mich diese Kapitel etwas schwierig zu lesen gemacht, obwohl ich die Grundsituation spannend fand. Ich weiß nicht, ob ich als Kind/Jugendliche diese Passagen anders wahrgenommen hätte. Aber ich glaube, ich hätte damals auch schon Kleinkind-Mitt, der nicht verstehen kann, wieso seine Nachbarn Angst vor dem Soldaten haben, mit dem er sich gerade angefreundet hat, lieber gemocht, als den achtjährigen Mitt, der anscheinend nur zu seiner Mutter so etwas wie Zuneigung empfinden kann und für den alle anderen Menschen nur Mittel zum Zweck zu sein scheinen.

Auf der anderen Seite bekommt man die Geschichte aus Sicht von Hildy (Hildrida), der Enkeltochter von Herzog Hadd, erzählt. Hildys Temperament ähnelt von klein auf einer Naturgewalt, und nicht einmal ihr Vater traut sich, sich gegen sie zu stellen, wenn sie schlechte Laune hat. Dabei ist Hildy kein verwöhntes Kind oder eine Nervensäge, sie ist nur schrecklich frustriert von ihrer Rolle als Schachfigur bei den politischen Spielen ihres Großvaters, davon, dass ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter so gleichgültig geworden ist, und von all den anderen kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die sie so erlebt. Hildy ist nicht gerade ein netter Charakter, aber ich fand sie auf Anhieb sympathisch. So ist es auch kein Wunder, dass die Geschichte für mich deutlich anzog, als Hildy, ihr Bruder Ynen und Mitt nach der Hälfte des Romans aufeinandertrafen und sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Illusionen bezüglich der eigenen Person und ihren Vorurteilen gegenüber anderer Gesellschaftsschichten auseinandersetzen mussten. Dazu kamen noch wunderbar atmosphärische Segelszenen und ein Hauch Magie, und schon fühlte ich mich mit „Drowned Ammet“ wieder wohl und war neugierig auf die weitere Entwicklung der Geschichte.

Am Ende kann ich verstehen, wieso Diana Wynne Jones die erste Hälfte des Romans so erzählt hat, aber ich muss zugeben, dass mich dieser Teil trotzdem nicht ganz so überzeugt hat, wie es ihre Bücher normalerweise tun. Erst beim Lesen der zweiten Hälfte kam für mich das Gefühl auf, ich würde eine „richtige“ Diana-Wynne-Jones-Geschichte lesen, mit all ihren Untertönen und ihren bitteren und amüsanten Momenten. Doch während ich bei „Cart and Cwidder“ am Ende zufrieden mit dem Ausgang der Handlung und den Andeutungen über Morils Zukunft war, fühlen sich hier die letzten Seiten an, als ob mir die Autorin bislang nur einen langen Prolog erzählt hätte – und nun muss ich auf den vierten Teil der Reihe („The Crown of Dalemark“) warten, um zu erfahren, wie das Ganze ausgeht. Doch bevor ich zum vierten Band greife, werde ich erst einmal „The Spellcoats“ aus dem SuB fischen und mich mit der Geschichte in die Vergangenheit von Dalemark begeben.

Diana Wynne Jones: Cart and Cwidder (The Dalemark Quartet 1)

Vorweg muss ich zugeben, dass ich bei dieser Rezension von „Cart and Cwidder“ nicht gerade objektiv sein kann, denn ich habe diese Geschichte als Kind Jugendliche geliebt (ich war fest davon überzeugt, dass ich „Die Kraft der Mandola“ schon als Kind gelesen hatte, aber die deutsche Ausgabe erschien anscheinend erst 1985). Außerdem ist die Angabe „Band 1“ beim Dalemark-Quartet etwas schwierig zu machen, da dies zwar der erste Band von Diana Wynne Jones ist, der in der Welt von Dalemark spielt, aber chronologisch gesehen müsste die Geschichte nach „The Spellcoats“ und „Drowned Ammet“ gelesen werden. Zusätzlich kann ich noch mitteilen, dass bei meiner britischen Ausgabe von Harper Collins von den insgesamt 336 Seiten die letzten 80 Seiten aus „A Guide to Dalemark“ bestehen, wo noch einmal die verschiedenen (historischen) Figuren vorgestellt, Redewendungen aufgegriffen und bestimmte Gebräuche vorgestellt werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des elfjährigen Moril, der gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern als Spielleute in einem bunt bemaltem Wagen durch Dalemark zieht. Sein Vater ist der berühmte Sänger Clennen, doch auch Morils Mutter, sein älterer Bruder Dagner, seine Schwester Brit und natürlich er selbst müssen ihren Anteil zu den regelmäßigen Aufführungen beitragen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei ist es nicht so einfach, in Dalemark sein Auskommen zu finden, denn das Land ist seit langer Zeit gespalten, es gibt keinen König mehr und die Herzöge des Nordens sind mit den Herzögen des Südens verfeindet. Für Moril bedeutet das Reisen durch den Süden, dass nicht alle Lieder gesungen werden dürfen, dass sich alle ständig umdrehen und schauen, dass sie nicht bespitzelt werden, und dass man aufpassen muss, dass man nichts sagt, was der jeweilige Herzog als aufrührerischen Akt auslegen könnte. Der Norden hingegen ist frei und bietet so viele Möglichkeiten auch für die Spielleute, dass Moril froh ist, dass die jährliche Reise nach Norden wieder ansteht.

Einziger Wermutstropfe bei der Reise nach Norden ist die Tatsache, dass Clennen auch in diesem Jahr wieder einen Passagier aufgenommen hat. Weder Brid noch Moril können Kialan besonders gut leiden. Der junge Mann scheint eingebildet zu sein und wenig hilfsbereit, wenn es um die täglichen Pflichten auf der Reise geht. Als die Geschwister im Laufe der Zeit dann aber auf sich allein gestellt sind, finden sie heraus, dass mehr hinter Kialan steckt, als sie anfangs vermutet haben. Mehr will ich über die Geschichte gar nicht erzählen, weil sie meiner Meinung nach – trotz der Bedrohung durch die Herzöge des Südens und die am Ende vorkommende Armee – von all den kleinen Entwicklungen lebt, die während der Reise geschehen. Ich mochte schon immer Morils leicht verträumte Perspektive, und daran hat sich in all den Jahren, seitdem ich die Geschichte das letzte Mal gelesen habe, nichts geändert. Außerdem finde ich es spannend, wie Diana Wynne Jones die Atmosphäre in den südlichen Herzogtümern von Dalemark beschreibt und wie die Angst vor der Willkür der Herzöge das Leben der Menschen beeinflusst. Es ist kein Wunder, dass in einer solchen Welt voller Unterdrückung Figuren wie der „Porter“ auftauchen – ein Spion, der Informationen und Menschen nach Norden schmuggelt und eine große Rolle im Widerstand gegen den Süden spielt.

Die Handlung wird in dieser Geschichte wieder einmal sehr geradlinig erzählt, da man Moril auf dieser Reise von Süden nach Norden begleitet und es nicht viele Umwege oder Abstecher gibt. Aber Moril reift im Laufe der Reise, und ihm fallen viele kleine Dinge auf, die er früher einfach nur hingenommen hat. Die Familiendynamik ändert sich durch einen tragischen Moment entscheidend, und ich fand es spannend mitzuerleben, wie jeder von ihnen nun eine neue Rolle finden muss. Dabei gelingt es der Autorin, auch radikalere Veränderungen nicht zu verurteilen, sondern im Leser – durch Morils Augen – Verständnis für die Handlungen der jeweiligen Figur entstehen zu lassen. Dazu kommt noch, dass die Musik eine große Rolle in der Geschichte spielt – was ja nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Spielleute im Zentrum der Handlung stehen. Moril bewundert seinen Vater sehr für sein Können mit der Cwidder und als Sänger, und er findet es faszinierend, dass sein Bruder Dagner so gut darin ist, eigene Lieder zu schreiben, und trotzdem solche Probleme damit hat, auf der Bühne zu stehen und seine Lieder zu präsentieren. Ich mochte es sehr, wie Moril im Laufe der Geschichte immer mehr über sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten herausfindet, und das nicht nur, wenn es um die Musik geht. Auch nach all den Jahren fand ich das Lesen von „Cart and Cwidder“ immer noch durch und durch befriedigend, und ich freue mich darauf, dass ich noch drei weitere Bände zu lesen habe, die in Dalemark spielen (und die ich zum Teil noch nicht kenne).

Ilona Andrews: Burn for Me (Hidden Legacy 1)

Vor einiger Zeit habe ich in einer Anthologie eine Kurzgeschichte gelesen, in der eine Figur der Hidden-Legacy-Romane die Protagonistin war. Da ich den Ton und die Atmosphäre in der Geschichte sehr mochte, hatte ich die Serie auf die Merkliste gepackt, um sie mal anzutesten. Als ich Ende September dann verreiste und nach eBooks für die Fahrt suchte, blieb ich dann ziemlich schnell bei „Burn for Me“ hängen, obwohl der Roman auf den ersten Blick sehr viele Elemente beinhaltet, die ich eigentlich gar nicht mehr leiden kann. Gerade angesichts all meiner Meckereien über „Trace of Magic“ am vergangenen Donnerstag ist es vermutlich etwas seltsam zu lesen, dass ich mich von „Burn for Me“ so gut unterhalten gefühlt habe, obwohl eine „problematische Beziehung“ und „Leidenschaft auf den ersten Blick“ eine spürbare Rolle in diesem Buch spielen.

Die Protagonistin in dieser Geschichte ist die fünfundzwanzigjährige Nevada Baylor, die als Chefin einer kleinen Privatermittlungsfirma für das finanzielle Überleben ihrer Familie verantwortlich ist. Normalerweise konzentriert sich Nevada auf Eheprobleme und Betrüger, auf die kleineren Fälle, die sie auch ohne den Einsatz von Magie bewältigen kann. Dummerweise ist ihr kleines Familienunternehmen nach dem Tod von Nevadas Vater hochverschuldet, und so sind sie vertraglich an eine größere Firma gebunden, deren Aufträge Nevada nicht ablehnen kann. Der aktuelle Auftrag, besteht darin, einen der begabtesten Magier des Landes lebendig zu seiner Familie zurückzubringen, bevor die Polizei ihn tötet. Nicht, dass die Polizei in dieser Welt grundsätzlich eher töten als verhaften würde, aber Adam Pierce wird nicht nur schon seit Jahren gesucht, sondern hat bei seinem letzten terroristischen Attentat einen Polizisten umgebracht. Für Nevada steht fest, dass dieser Auftrag ein Selbstmord-Job ist, auf der anderen Seite kann sie ihn nicht ablehnen und außerdem hat sie so vorgesorgt, dass ihre Familie, wenn Nevada im Rahmen ihrer Arbeit ums Leben käme, finanziell abgesichert ist.

Neben Nevada und die Polizei ist auch Connor „Mad“ Rogan auf der Suche nach Adam Pierce. Rogan ist nicht nur ein ebenso mächtiger Magier wie Adam, sondern auch weltberühmt für seine fürchterlichen Zerstörungstaten während seiner Zeit bei der Armee. Mit Rogan wären wir dann auch schon bei der „Leidenschaft auf den ersten Blick“, die mich sonst in Romanen so sehr frustriert. Hier hingegen konnte ich gut damit leben, denn 1. fand Nevada Rogan schon vor dem ersten Kennenlernen attraktiv und hat sich vorgestellt, dass sein Blick von innerer Qual zeugt (was ich als Fantasie einer jungen Frau, die davon ausgeht, dass sie niemals die Person, über die sie tagträumt, treffen wird, durchaus hinnehmen kann), 2. ist sich Nevada nicht nur bewusst, dass das eine rein körperliche Anziehung ist und lässt sich davon normalerweise weder in ihrem Urteil beeinflussen noch von ihrer Arbeit ablenken und 3. gibt es außer einem Tagtraum und zwei Küssen eigentlich keine „sexy Szenen“. Stattdessen bekommt man als Leser eine interessante Welt, sympathische Charaktere und Dialoge, die mehr über die Welt und die Figuren verraten. Und neben all der Action und den Gefahren gab es auch noch so einige amüsante Momente.

Während ich Nevada sehr mochte (auch wenn sie unfähig zu sein scheint, ihren Beschützerinstinkt mal etwas runterzufahren und ihrer Familie etwas mehr zuzutrauen), so macht es Rogan einem relativ schwierig, ihn zu mögen. Da er aber das stimmige Produkt einer Welt ist, in der die Stärke der Magie über den Einfluss einer Familie bestimmt und seine Familie schon seit Generationen ihre Nachkommen auf Magie, gutes Aussehen und Intelligenz züchtet, während die emotionale Seite keinerlei Rolle spielt, kann ich mit seinem Verhalten leben. Und da ich schon mal beim Thema Magie bin: Natürlich verfügt auch Nevada über Magie. Sie ist im Prinzip ein lebendiger Lügendetektor (und deutlich mächtiger, als sie selbst weiß) und hält diese Fähigkeit normalerweise geheim, da sie damit zu einem Spielball der großen Familien werden würde. Während ich bei „Trace of Magic“ total sauer darüber war, dass die Protatonistin ihre Fähigkeiten verriet, indem sie sich verplapperte oder zu dumm war, sich Ausreden einfallen zu lassen, finde ich es bei „Burn for Me“ realistisch, dass Nevada unabsichtlich Rogan ihre Fähigkeiten verrät, als dieser sie (bei ihrer ersten Begegnung) in Lebensgefahr bringt. Bei Nevada ist es eine instinktive Reaktion, während sie um ihr Leben fürchtet, und keine lose Zunge oder simple Dummheit. Eine einigermaßen nachvollziehbare Begründung oder eine gut geschriebene Szene macht wirklich einen riesigen Unterschied, wenn es darum geht, bestimmte Handlungsentwicklungen hinzunehmen.

Das Ganze macht „Burn for Me“ nicht zum Höhepunkt der Urban Fantasy, dafür gibt es einfach zu viele Elemente in dem Roman, die man in jeder zweiten Geschichte dieses Genres findet. (Wobei ich ja zugeben muss, dass ich all diese Elemente wirklich mag, sonst würde ich nicht so regelmäßig zur Urban Fantasy zurückkommen. 😉 ) Und der größte Makel an dieser Geschichte war für mich die Motivation des „Oberbösewichts“ im Hintergrund, aber auch damit konnte ich problemlos leben, weil mich der Rest des Romans so gut unterhalten hat. Genau genommen habe ich mir sogar schon den zweiten Band der Reihe als eBook besorgt, damit ich weiterlesen kann, wenn ich das nächste Mal Lust auf Action, Magie und korrupte Parteien habe, gegen die die Protagonistin vorgehen muss. Doch vor allem freue ich mich auf weitere Szenen mit Nevadas ungewöhnlicher Familie, die mir mit all ihren Eigenheiten und ihrem liebevollen Umgang wirklich sympathisch ist. Ich muss am Ende auch noch eingestehen, dass mir im Laufe der Geschichte sogar Rogan ein wenig ans Herz gewachsen ist, da seine Handlungen aus seiner Perspektive heraus immer logisch (und teilweise sogar fast so etwas wie fürsorglich) waren. Aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, würde ich „White Hot“ lesen wollen, da ich darauf vertraue, dass mich die Geschichte gut unterhält und der Beziehungskram auch in dem Roman eine deutlich geringere Rolle spielt, als im Klappentext angedeutet wird.

Joshua Palmatier/Patricia Bray (Hrsg.): Temporally Out of Order (Anthologie)

In der von Joshua Palmatier und Patricia Bray herausgegebenen Anthologie drehen sich alle Geschichten um das Thema „Temporally Out of Order“. Die Idee kam Joshua Palmatier, nachdem er an einem Flughafen eine Telefonzelle mit diesem schönen Tippfehler beschriftet gesehen hatte und sich überlegte, was wäre, wenn dieses Telefon wirklich „temporally“ und nicht „temporary“ out of order wäre.

Seanan McGuire: Reading Lists
Seanan McGuires Geschichte „Reading Lists“ dreht sich um die (anfangs) siebenundvierzigjährige Megan Halprin, die zum ersten Mal in ihrem Leben im Besitz eines Bibliotheksausweises ist. Auf der Suche nach einem Buch kommt sie in einen Raum, an dessen Tür ein Schild mit „Temporally Out of Order“ steht. Die dort arbeitende Bibliothekarin stellt sich bei jedem von Megans Besuchen als überaus hilfreich heraus, obwohl Megan jedes Mal ein Buch ausleihen will, das schon vor Jahren auf ihren Ausweis verbucht wurde und lange überfällig ist. Ich mochte es sehr, wie man im Laufe dieser Kurzgeschichte erfährt, wie sehr die verschiedenen Bibliotheksbücher Megans Leben verändern und in welche (zeitliche) Richtung diese Veränderungen verlaufen. 😉

Elektra Hammond: Salamander Bites
Die Geschichte von Elektra Hammond führt den Leser in die Küche eines kleinen Restaurants, das erst vor einem Jahr eröffnet wurde. Die Geschichte beginnt an einem Abend, als Steve, der Chef des „With Wine“, sich Gedanken darüber macht, dass er wohl nie genug Geld mit dem Restaurant machen wird, um weitere Köche anzustellen. Er ist so sehr in seine Gedanken vertieft, dass er beim Kochen gravierende Fehler macht – trotzdem kommen perfekte Gerichte aus seinem „Salamander“ (ein Ofen mit starker Oberhitze). So hervorragende Speisen, dass Steve den Vergleich mit seinem berühmten ehemaligen Chef nicht zu scheuen braucht, auch wenn er keine Ahnung hat, wieso sein Essen auf einmal so gelobt wird. „Salamander Bites“ ist eine bitterböse Geschichte, die mir beim Lesen gut gefiel. Allerdings muss ich zugeben, dass sie keinen besonders langanhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

David B. Coe: Black and White
Protagonistin von „Black and White“ ist Jessie, die nach dem Tod ihres Großvaters sein Büro aufräumt. Dabei fällt ihr auf, dass in seinem Foto-Archiv einige Bilder fehlen. Beim Versuch, diese Fotos mit Hilfe der alten Kamera ihres Großvaters zu rekonstruieren, stolpert Jessie über ein unschönes Stück Familiengeschichte. Ich habe den Anfang von „Black and White“ geliebt, weil Jessies Erinnerungen an ihren Großvater und an die Zeit, als er ihr beibrachte, wie man fotografiert, so wunderbar beschrieben wurden. Und gerade weil dieser Anfang so schön ist, trifft es einen umso mehr, als man gemeinsam mit Jessie eine Seite an ihren Großeltern entdeckt, die die junge Frau lieber nicht enthüllt hätte. So bleibt am Ende der Geschichte die Frage im Raum stehen, wie man damit umgehen soll, dass die eigene Familie nicht immer auf der richtigen Seite gestanden hat und dass man sie trotzdem liebt. Das war gut geschrieben und ich mochte, dass der Autor eine Kamera als „temporally out of order“-Element genutzt hat.

Chuck Rothman: Dinosaur Stew
Diese Geschichte beginnt mit einer Mutter, die zu ihrer großen Überraschung von ihren Söhnen für ihr Essen gelobt wird und wenig später einen Dinosaurier-Zahn darin findet. Doch natürlich bleibt es nicht bei einem Zahn, und die weiteren Handlungsentwicklungen bringen die eine oder andere Überraschung mit sich. Mir hat die Geschichte großen Spaß gemacht, gerade weil ich mir nach dem Anfang mit dem Essen nicht so viel davon erwarte hatte. Am Ende hatte ich mich aber wunderbar amüsiert – nicht nur über die Slapstick-Szene, die zwei unbeholfene Männer und ein Kind in Dinosaurier-Verkleidung beinhaltete, sondern auch über den Sinneswandel der Protagonistin.

Faith Hunter: Not All Is As It Seems
Ich weiß, dass ich von Faith Hunter schon mehrere Geschichten gelesen habe, aber ich kann mir immer nicht merken, zu welchem „Universum“ die gelesenen Kurzgeschichten gehören. Diese hier ist „A Story from the World of Jane Yellowrock“, die Erzählerin Molly ist Jane Yellowrocks beste Freundin, und sie muss zu Beginn der Handlung herausfinden, was sie mit den beiden Vampiren anstellt, die vor ihrer Türschwelle stehen. Am Ende führen die beiden unerwarteten Besucher zu einer Geschichte voller berührender Momente, Überraschungen, einer ungewöhnlichen Teekanne und einem Wiedersehen zwischen sehr alten Freunden. Mir gefiel es sehr, dass dieses Mal die Autorin bei dem „Zeitreise“-Element einen ganz anderen Ansatz hatte als idie vorangegangenen Kurzgeschichten, und ich habe gerade große Lust, mehr über Molly (bzw. ihre Freundin Jane) zu lesen.

Edmund R. Schubert: Batting Out of Order
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich nicht weiß, was ich von der Geschichte halten soll. Protagonist ist der fünfzehnjährige Jerome, der in einer Zukunft lebt, in der Baseballkarten Hologramme erzeugen. Eines dieser Hologramme zeigt Jerome eine Zukunft, in der er nach seiner ersten Saison als Profispieler so schwer verletzt wird, dass seine Karriere endet. Theoretisch könnte sich der Junge nun dafür entscheiden, nie wieder Baseball zu spielen, doch aufgrund seiner familiären Umstände zieht er trotzdem eine Karriere als Profi in Betracht. Obwohl mich das Ende der Geschichte berührte, macht es mich doch wütend, dass ein Leben mit Behinderung sowohl von dem Protagonisten als auch von seiner Familie als wertlos empfunden wird. Außerdem hat es mich sehr aufgebracht, dass Jeromes Selbstaufopferung so heroisiert wird, obwohl es so viele andere Wege gäbe, um seiner Familie zu helfen. Doch natürlich wird keiner dieser Wege in dieser Geschichte in Betracht gezogen, es gibt nicht mal eine Andeutung, dass Jerome überhaupt mehr als einen Weg haben könnte, obwohl die Ausgangssituation der Handlung in meinen Augen nicht mal ein Problem ist. Je länger ich darüber nachdenke, desto frustrierter bin ich mit „Batting Out of Order“.

Steve Ruskin: Grand Tour
Eine wirklich hübsche Geschichte über einen Maler, dessen verstorbene Frau ihn darum gebeten hatte, dass er nach ihrem Tod 1. ein Medium aufsucht und 2. die gemeinsam geplante Grand Tour nach Italien unternehmen würde. Auch wenn man das Verhältnis der beiden zueinander nur in seinen Erinnungen mitbekam, so fand ich es schön, von ihrer Zuneigung zu lesen. Ebenso schön fand ich die „Unterstützung“, die die Verstorbene ihrem Mann mit auf den Weg gegeben hat und in welcher Form sie sich manifestierte. Außerdem musste ich sehr über „Foxx’s Techniques of Michelangelo“ schmunzeln – das wäre ein Bildband, den ich auch gern einmal studieren würde.

Sofie Bird: „A“ is for Alacrity, Astronauts, and Grief
Eine Geschichte über eine Schwester im Koma, einen liebevollen Vater, eine toxische Mutter und einen Neffen, den die Protagonistin beschützen will. Ich mochte die Idee mit der Schreibmaschine, die kryptische Nachrichten zu schreiben scheint, wenn man auf ihr tippt, und die kleinen Andeutungen über die Zukunft der Familie. Auf der anderen Seite denke ich nicht, dass mir diese Geschichte lange in Erinnerung bleiben wird, obwohl sie bei mir den einen oder anderen Nerv getroffen hat.

Laura Resnick: The Spiel of the Glocken
Der Protagonist erlebt einen aufregenden Morgen, inklusive Büffelherde, Mammut, dem Aufmarsch einer Armee und der Annäherung an eine Barista, die er schon seit Wochen näher kennenlernen will. Eigentlich eine nette Geschichte, aber für mich waren die darin eingestreuten deutschen Brocken etwas irritierend, weil das für mich keine Atmosphäre schafft, sondern eher das Gefühl gibt, dass da jemande seine Vokabeln noch einmal hätte nachschlagen müssen. Ebenso verwirrte mich ein vom Münchner Marienplatz inspiriertes Glockenspiel, das den Rattenfänger von Hameln zeigt, ein Gänseliesel-Brunnen und das jährliche Oktoberfest – ich bin vermutlich einfach zu norddeutsch, um damit leben zu können, dass all das in einen Topf geworfen wird. 😉

Amy Griswold: The Passing Bell
Die Geschichte mochte ich wirklich gern! Dieses Mal sind es Kirchenglocken, die den Tod eines Menschen melden, bevor dieser wirklich gestorben ist – was natürlich dazu führt, dass die Bewohner des Ortes ihre eigenen Mittel finden, um dafür zu sorgen, dass diese Todesankündigung auch die passende Person trifft. In diesem Fall ist die „passende Person“ ein durchreisender Seefahrer, der am Ende eine angemessene Lösung für die verfluchten Glocken findet. Ich mochte die Erzählstimme, die Grundidee und das Ende – für mich eine rundum stimmige Geschichte, bei der ich trotz der unheimlichen Elemente mehr als einmal beim Lesen geschmunzelt habe.

Laura Anne Gilman: Destination Ahead
In Laura Ann Gilmans Geschichte „Destination Ahead“ ist das Gerät, das „temporally out of order“ ist, das GPS von Shan und Jack. So finden sich die beiden gemeinsam mit ihrer achtjährigen Tochter am Ende ihrer Fahrt zwar beim Haus der Schwiegermutter, auch wenn sie nicht am vereinbarten Tag dort ankommen. Ich mochte die Geschichte, obwohl ich die Reaktion der Hausherrin auf ihre Besucher aus der Zukunft nicht ganz stimmig fand, aber ein paartherapierendes GPS ist eine wirklich nette Idee für so eine Anthologie.

Susan Jett: Where There’s Smoke
Ich muss gestehen, dass ich bei dieser Anthologie zum ersten Mal ernsthaft überlege, was die Herausgeber dazu bewogen hat, die Geschichten in genau dieser Anordnung zu veröffentlichen. In dieser Geschichte ist es ein paartherapierender Rauchmelder, dessen Zeitgefühl nicht ganz korrekt zu sein scheint und der damit das Leben (und die Beziehung) von Jack und Neil rettet. Nett und unterhaltsam, aber mir vom Grundthema her etwas zu nah an der vorhergehenden Geschichte, um sie wirklich genießen zu können.

Gini Koch: Alien Time Warp
Diese Geschichte spielt in der Welt der „Alien/Katherine (Kitty) Katt“-Serie der Autorin, was dazu geführt hat, dass ich zu Beginn – weil ich die Romane nicht kenne – Probleme hatte, die Erzählstimme und die Ereignisse zuzuordnen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto selbstständiger fühlte sich das Ganze an, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass man diese Geschichte nur dann so richtig schätzen kann, wenn man mit den dementsprechenden Hintergründe der Serie vertraut ist. Ich finde es ja immer faszinierend, dass manche Autoren es hervorragend hinbekommen, dass mich ihre Kurzgeschichten neugierig auf die Serien machen, in deren Welten sie spielen, und andere scheitern nicht nur daran, meine Neugier zu wecken, sondern scheinen ihre Kurzgeschichten auch nicht so schreiben zu können, dass sie ohne HIntergrundwissen funktionieren …

Chris Barili: Cell Service
In dieser Geschichte ist der Autor auf die ungewöhnliche Idee gekommen, gleich fünf veraltete Handys als „paartherapierende“ Geräte zu nehmen. Ich bin wirklich verwundert, wie viele Autoren in dieser Anthologie dieses Thema aufgreifen (und dass den Herausgebern gleich drei Geschichten mit diesem Aspekt nicht zu viel waren). Immerhin ist es sehr nett zu lesen, wie der Protagonist anhand der alten Geräte die wichtigsten Momente seiner zehnjährigen Ehe noch einmal erlebt und lernt, was er in der Vergangenheit hätte anders machen müssen, um seine Beziehung zu erhalten.

Stephen Leigh: Temporally Full
„Temporally Full“ wird aus der Sicht von Tom erzählt, der zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten wieder in Cinncinati ist, um nach dem Tod seines Vaters dessen Haushalt aufzulösen. Tom hatte sich vor zwanzig Jahren von seinem Vater entfremdet und trotz all der bitteren Erinnerungen an seine Jugend bereut er es nun, dass er in all der Zeit nicht versucht hat, die Unstimmigkeiten mit seinem Vater zu klären. Ich mochte, dass dieses Mal ein Parkhaus „temporally out of order“ war, gerade angesichts der Tatsache, dass eine Corvette der letzte Anlass war, der das eh schon fragile Verhältnis zwischen Tom und seinem Vater zerstörte. Die Geschichte war überraschend berührend und ich habe sie wirklich gemocht.

Juliet E. McKenna: Notes and Queries
Eine nette und kurze Geschichte über eine musizierende Studentin, ungewöhnliche Banknoten und einen Bankautomaten, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Mehr als nett kann ich dazu eigentlich nicht sagen, aber ich habe die Geschichte gern gelesen und am Ende gehofft, dass sich alles so entwickelt, wie die Protagonistin Ellie es sich erträumt.

Jeremy Sim: Temporally Out of Odor – A Fragrant Fable
„Temporally Out of Odor“ ist eine wirklich ungewöhnliche Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird. Auf der einen Seite erlebt man aus der Sicht von Philip die Probleme mit einem Kunden, der nach einem Autounfall eine Nasenprothese benötigt, auf der anderen Seite lernt man Walter kennen, der nach einem Unfall ohne seine verstorbene Frau Ana weiterleben muss. Beide Charaktere habe ich nicht auf Anhieb als liebenswert empfunden, aber ich mochte sie am Ende sehr – ebenso wie die Idee, dass dieses Mal eine Nase(nprothese) das Objekt ist, das in einer anderen Zeitebene zu sein scheint. Das war nicht nur schön zu lesen, sondern auch eine angenehm überraschende Handlung zum Abschluss der Anthologie.

Sarah Prineas: Winterling (Summerlands 1)

Obwohl ich die Bücher, die ich bislang von Sarah Prineas gelesen habe, immer sehr mochte, fehlte mir ein bisschen der Überblick über ihre Veröffentlichungen. Das führt dazu, dass ich immer mal wieder über Titel stolpere, von denen ich vorher noch nie gehört hatte. Die Summerlands-Trilogie gehört zu diesen Titeln, und als ich sie vor Kurzem entdeckte, habe ich spontan alle drei Bände gekauft. „Winterling“ ist der erste Band der Trilogie und führt den Leser gemeinsam mit der Protagonistin (Jenni)Fer in das Summerland, das von der Mór regiert wird. Bislang hat Fer gemeinsam mit ihrer Großmutter (Grand-Jane) gelebt, ohne allzu viel über ihre Eltern zu wissen. Erst nachdem sie einen magischen Weg öffnet, als sie in der Nähe ihres Hauses einen Teich berührt, erfährt sie mehr über ihre Herkunft.

Während ihr Vater ein ganz normaler Mensch war, kam ihre Mutter durch den magischen Weg in die Welt der Menschen. Ihre Großmutter redet nicht gern über Fers Eltern, weil diese schon vor langer Zeit in der anderen Welt verschwunden sind, ohne jemals wiederzukommen. Grand-Jane ist sich sicher, dass Fers Eltern gestorben sind, was mit ein Grund dafür ist, dass sie allen Wesen dieser fremden Welt misstraut. So ist sie auch nicht begeistert darüber, dass Fer an dem Teich einen verletzten Puck aufsammelt und ihn versorgen will. Fer hingegen sieht in dem Puck Rook einen neuen Freund, der ihr vielleicht mehr über ihre Eltern und das Summerland erzählen kann. Was Fer anfangs nicht weiß, ist, dass Rook der Mór einen dreifachen Eid geschworen hat und deshalb jedem ihrer Befehle gehorchen muss – und dass die Mór ihre ganz eigenen Pläne mit einem naiven Mädchen wie Fer hat.

Ich mochte die Welt, die Sarah Prineas für „Winterling“ geschafft hat. Die Bewohner dieser fantastischen Welt erinnern nur teilweise an Menschen, und jeder von ihnen hat einen tierischen oder pflanzlichen Ursprung. Dabei hat sich die Autorin eng an diverse (keltische) Mythen gehalten und mit vielen vertrauten Elementen gespielt. Die Zahl Drei spielt eine wichtige Rolle in dieser magischen Welt, ein dreifacher Eid darf niemals gebrochen werden, eine dreimal gestellt Frage muss beantwortet werden und ein gerettetes Leben führt dazu, dass der Gerettete seinem Retter ein Leben schuldet. Auf der anderen Seite müssen alle Fragen auf die richtige Art und Weise gestellt werden, damit man auch die Antwort bekommt, die man sich davon erhofft hat, und Befehle, die nicht gut formuliert wurden, lassen Schlupflöcher, die ausgenutzt werden können. Für Fer ist das alles nicht nur befremdlich, sondern stellenweise auch gefährlich, und doch weigert sie sich immer wieder, sich den Regeln dieser Welt zu beugen. Sie ist freundlich und hilfsbereit, und obwohl Fer sich Anleitung und Hilfe von der Mór verspricht, lässt sie sich von diesem skrupellosen Wesen nicht so einfach einlullen.

So gefährlich und ursprünglich die Welt ist, die Fer in „Winterling“ erkundet, so ist die Geschichte doch für Leser ab acht Jahren geschrieben, was bedeutet, dass ich beim Lesen nie das Gefühl hatte, dass die Protagonistin und ihre Freunde wirklich in Gefahr schwebten. Auch wird die Handlung sehr gradlinie erzählt und man bekommt schon früh angezeigt, welchen Weg Fer gehen muss, um die Mór zu besiegen und so den Winter aus dem Summerland zu vertreiben. Trotzdem habe ich das Lesen von „Winterling“ sehr genossen, ich mochte nicht nur die Protagonistin, sondern auch die vielen anderen Charaktere, die in der Geschichte vorkommen. Sogar die Wolfswächter, die als dumm und gefährlich dargestellt werden, haben fast so etwas wie eine liebenwerte Seite, wenn man sie besser kennenlernt. So wachsen einem beim Lesen beinah sogar die Bösewichte ans Herz, wenn man von der Mór absieht, die sämtliche „menschlichen“ Regungen für ihre Macht aufgegeben hat.

Ich muss zugeben, dass „Winterling“ sich nicht groß von vergleichbaren Veröffentlichungen unterscheidet, weil Sarah Prineas einfach sehr, sehr viele vertraute Elemente zu einer – sich ebenfalls vertraut anfühlenden – Geschichte zusammengesponnen hat. Aber ich habe es trotzdem genossen, gemeinsam mit Fer diese magische Welt, ihre Regeln und ihre Bewohner kennenzulernen, und fand es nett, dass der Roman mir solch entspannte Lesestunden beschert hat. Auch wenn mich andere Bücher der Autorin mehr bewegt haben, so freue ich mich doch darauf, die beiden weiteren Bände der Summerlands-Trilogie zu lesen und herauszufinden, welche weiteren Abenteuer Fer erlebt und wie es ihren Freunden weiter ergehen wird.

P.S.: Und nachdem ich am vergangenen Lese-Sonntag auch noch „Summerkin“ und „Moonkind“ beendet habe, kann ich noch ergänzen, dass die Trilogie in meinen Augen mit jedem Band besser wird und dass ich am Ende sehr froh bin, dass ich mir gleich alle drei Teile auf einmal gekauft habe, weil ich so die ganze Geschichte am Stück genießen konnte.