Schlagwort: Fantasy

Hanna Alkaf: The Girl and the Ghost

Von Hanna Alkaf habe ich schon eine ganze Weile den Roman „The Weight of Our Sky“ auf dem SuB, aber als „The Girl and the Ghost“ erschien, musste ich das Buch trotz der Tatsache, dass die Autorin bislang „unerprobt“ ist, unbedingt haben, weil die Beschreibung einfach so gut klang. Die Geschichte dreht sich um die junge Suraya, die beim Tod ihrer Großmutter von dieser einen Pelesit (einen Geister-Familiar, aus der Sagenwelt Malaysias) erbt. Dabei wird dem Leser die Handlung abwechselnd aus Sicht des Mädchens und aus Sicht des Geistes erzählt, was es leichter macht, die Gedanken und die Motive der beiden zu verstehen.

Ich muss gestehen, dass ich anfangs den Roman ziemlich häufig aus der Hand gelegt habe, weil die Geschichte nicht nur ein paar Elemente enthielt, auf die ich empfindlich reagiere (wie Insektenplagen – auch in Zusammenhang mit Essen), sondern mir auch durchgehend das Gefühl gab, dass es jeden Moment ganz schrecklich werden würde. Auf der anderen Seite war „The Girl and the Ghost“ so wunderschön geschrieben und beinhaltete so viele tolle Szenen, dass ich das Buch definitiv nicht abbrechen wollte. Als ich den Roman dann beendet hatte, musste ich meinen Gefühlen ein bisschen auf Twitter Luft machen, was auf folgenden Tweet hinauslief:

Twitter-Screenshot mit dem Text: Es ist so schön ein Buch zu beenden, dass so berührend und toll geschrieben, witzig und fürchterlich und einfach nur gut war, dass ich am Ende einfach nur ein paar Stunden dasitzen und die Stimmung festhalten will.

Für Suraya, die in einem recht freudlosen und gefühlskalten Zuhause aufwächst, ist der Geist – den sie mit all ihrer fünfjährigen Weisheit „Pink“ nennt – ein dringend notwendiger Freund. Doch im Laufe der Zeit muss sie feststellen, dass die Freundschaft zu Pink ein zweischneidiges Schwert ist, denn so sehr er ihr zur Seite steht, so kann er doch seinen Ursprung als Fluch- und Plagenbringer nicht verleugnen. Er ist für sie da, als sie in der Schule drangsaliert wird, und man könnte sagen, dass er der Grund ist, warum sie im Laufe der Geschichte häufig besser und verzeihender ist, als man es bei einem Charakter ihres Alters erwarten würde, da sie weiß, dass Pinks Aktionen gegen ihre Feinde maßlos und fürchterlich sein würden. Richtig dramatisch wird es, als Suraya endlich eine Freundin findet und Pink nicht weiß, wie er damit umgehen soll.

Aber während Hanna Alkaf mich in der ersten Hälfte von „The Girl and the Ghost“ damit fertiggemacht hat, dass sie mich die ganze Zeit fürchten ließ, dass schreckliche Dinge passieren, gelingt es der Autorin, all die fürchterlichen Entwicklungen und Enthüllungen am Ende mit so vielen amüsanten Momenten zu mischen, dass ich diese Passagen – entgegen aller vorherigen Befürchtungen – rundum genossen habe. Ich habe Suraya, ihre chinesische Freundin Jing, Pink und ein paar der übernatürlichen Nebenfiguren wirklich ins Herz geschlossen. Außerdem fand ich es spannend, mal eine Geschichte zu lesen, die in Malaysia spielt und neben all den Sagenelementen auch ganz selbstverständlichen den Alltag in diesem Land aufgreift. Doch vor allem hat es mir Hanna Alkafs Erzählweise angetan, die zwischen märchenhaft und modern schwankt und von der ersten bis zur letzten Seite mit meinen Emotionen spielte.

 

Shanna Swendson: Interview with a Dead Editor (Lucky Lexie Mysteries 1)

Nachdem ich in den vergangenen Wochen sehr viele fantastische Geschichten gelesen habe, war mir in den letzten Tagen spontan nach einem gemütlichen Kriminalroman. Trotzdem bin ich dann irgendwie bei einem Cozy gelandet, der zumindest leichte fantastische Elemente beinhaltete, denn in „Interview with a Dead Editor“ von Shanna Swendson kann man den Titel ruhig wortwörtlich nehmen, da nicht nur Personen mit besonderen Fähigkeiten in der Handlung auftauchen, sondern auch Geister eine Rolle spielen. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Alexa „Lucky Lexie“ Lincoln erzählt, die man als Leser zu einem Job-Interview begleitet, bei dem sie über die Leiche des Zeitungsredakteur Paul Odgen stolpert, mit dem sie den Termin gehabt hätte. Die Tatsache, dass sie zu den Verdächtigen gehört, sorgt ebenso wie ein aufziehender Sturm dafür, dass Lexie für ein paar Tage in der kleinen Stadt Stirling Mills bleiben muss – und natürlich kann die Journalistin ihre Neugier nicht so ganz zügeln und beginnt auf eigene Faust zu recherchieren.

Ermutigt wird sie bei ihren Ermittlungen von Jean Jacobs, der Gründerin der kleinen Zeitung in Sterling Mills – genauer gesagt von Jeans Geist, denn die Dame ist schon seit Längerem verstorben. Von Jean erfährt Lexie auch, das der verstorbene Odgen zuletzt an einem Artikel über eine Schülerin gearbeitet hatte, die vor zwanzig Jahren auf ungeklärte Weise ums Leben kam, womit der Verdacht naheliegt, dass der Mord an dem Redakteur mit seinen Recherchen zu tun haben könnte. Aber natürlich ist das nicht die einzige Vermutung, der Lexie nachgeht, und so dreht sich ein Großteil der Geschichte darum, dass die Journalistin mit den Bewohnern von Stirling Mills redet und versucht, mehr über all die Personen, ihre Beziehungen zueinander und eventuelle Verdachtsmomente herauszufinden. Auch mit dem ermittelnden Polizisten, Lt. Wes Mosby, tauscht Lexie sich regelmäßig aus, obwohl sie sich anfangs in seiner Gegenwart recht unwohl fühlt, weil er sie als Verdächtige behandelt.

Obwohl ich den Teil mit den „übernatürlichen Fähigkeiten“ der verschiedenen Charaktere nicht so recht überzeugend fand, gefiel mir „Interview with a Dead Editor“ gut genug, dass ich die Geschichte innerhalb von zwei Tagen gelesen habe. Die Stadt Stirling Mills bietet eine Mischung aus sympathischen und skurrilen Figuren, wobei ich sie alle mit ihren Stärken und Schwächen überraschend glaubwürdig dargestellt fand. Außerdem mochte ich die Protagonistin, obwohl sie in Gesprächen immer wieder dazu neigt, ihrem Gegenüber zu viel zu erklären, um ja niemanden vor den Kopf zu stoßen oder um ihre kleinen „Macken“ zu begründen, damit niemand sie deshalb für seltsam hält. Aber das ist – ebenso wie die vorher erwähnten übernatürlichen Fähigkeiten – nicht so schlimm, dass ich mich groß dran gestört hätte, sondern einfach nur etwas, woran ich mich beim Lesen gewöhnen musste.

Ich mochte, dass Lexie zwar schnell Leute kennenlernte, aber es keine Zu- oder Abneigungen auf den ersten Blick gab. Sie geht offen auf die verschiedenen Personen zu, findet einige davon auch sehr nett, ist aber trotzdem in der Lage, sich zu fragen, ob diese Person vielleicht einen Grund für einen Mord (oder sonstigen Dreck am Stecken) hätte. Auch das Verhältnis von Lexie zu Lt. Wes Mosby gefiel mir, denn beide gehen – auch wenn es für die Journalistin belastend ist, dass sie als Verdächtige behandelt wird – professionell miteinander um, tauschen Informationen aus, wenn es angebracht ist, und das Ganze ist so wunderbar dramafrei, dass ich wirklich angenehm überrascht davon war. Insgesamt hat mich „Interview with a Dead Editor“ zwar nicht umgehauen, aber mir genau das geboten, was ich von einem Cozy erwarte: Eine nette und unterhaltsame Geschichte mit sympathischen Figuren, von denen ziemlich viele ein bisschen verdächtig sind, so dass ich mir beim Lesen immer wieder von neuem Gedanken um mögliche Motive machen konnte.

Kalynn Bayron: Cinderella is Dead

Ich muss gestehen, dass „Cinderella is Dead“ von Kalynn Bayron eines der Bücher ist, die ich auf die Merkliste gesetzt habe, weil ich das Cover der Taschenbuch-Ausgabe so toll fand (und grundsätzlich Märchen-Neuerzählungen mag). Die Handlung wird aus Sicht von Sophia erzählt, die – wie jedes Mädchen in ihrem Alter – zum jährlichen Ball des Königs eingeladen wurde. Doch da dieser Ball seine ganz eigene Historie hat, ist dies für Sophia kein Anlass zu Freude, sondern sie ist wütend und sorgt sich um sich und ihre Freundinnen. Denn in dem Königreich, in dem die Geschichte spielt, wird in jedem Jahr von neuem Cinderellas Ballnacht neu aufgeführt, nur dass es nicht darum geht, dass sich ein Mädchen aus dem Volk und ein Prinz ineinander verliebe und miteinander glücklich bis in alle Ewigkeit leben. Hier geht es darum, dass die Mädchen zum Ball gezwungen werden, damit die Männer des Landes sich eine Frau auswählen können. Die Mädchen haben keinerlei Mitspracherecht, und wenn sie bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr keinen Mann gefunden haben, landen sie im Arbeitshaus.

Kalynn Bayron stellt von Anfang an für den Leser klar, dass es nichts Märchenhaftes in diesem Königreich gibt. Die Männer sind es gewohnt, ihre Frauen als Besitz anzusehen, und selbst die Familien, die ihren Töchtern gern den Ball mit all seinen Folgen ersparen würden, werden gezwungen, sich der „Tradition“ anzuschließen, wenn sie nicht das Leben aller Familienmitglieder aufs Spiel setzen wollen. Es gibt kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen durch Hinrichtung verloren hat, und es gibt erschreckend viele Männer, deren Frauen kurz vor dem Ball „Unfälle“ erleiden, damit sie sich an der frischen „Ware“ bedienen können. Für Sophia kommt noch dazu, dass sie sich Sorgen um ihre Freundin Liv macht, die zum dritten und letzten Mal den Ball besuchen muss, obwohl ihre Familie keinerlei Geld mehr hat, um den üblichen Auftritt (Ballkleid, Schmuck usw.) bezahlen zu können. Und dann ist da noch Erin, das Mädchen, das Sophia seit Jahren liebt, und das ebenfalls in diesem Jahr zum ersten Mal am königlichen Ball teilnimmt.

Ich habe in einigen Rezensionen gelesen, dass es Leute gab, für die die Charaktere nicht gründlich genug ausgearbeitet waren, aber für mich hat die Autorin die richtige Balance zwischen Märchenatmosphäre und Charaktergestaltung gefunden. Ich hatte nicht das Gefühl, ich würde etwas vermissen, und mir reichte es, die Protagonistinnen in diesen wenigen Tagen, in denen der Roman spielt, begleiten zu können. Ich glaube sogar, dass ich die leichte Distanz, die mir die märchenhafte Erzählweise erlaubt hat, gebraucht habe, um das Buch so intensiv lesen zu können und mich dabei trotzdem noch gut zu unterhalten. Denn das Königreich, in dem Sophia lebt, ist unglaublich bedrückend. Vor allem sind es die Frauen, die tagtäglich damit leben müssen, dass sie keinerlei Rechte haben, dass für sie ebenso wie für die Kinder eine abendliche Ausgangssperre gilt, dass sie jederzeit – ohne Folgen für den Täter – misshandelt werden können und dass sie keinen Besitz haben, sondern Besitz sind. Aber auch unter den Männern gibt es genügend, denen bewusst ist, dass die Willkür des Königs sie jederzeit treffen kann und dass jeder, der nicht der vom König festgelegten Norm entspricht, seine wahre Natur entweder verbergen muss oder hingerichtet wird.

So ist es kein Wunder, dass Sophia die ganze Zeit hindurch zwischen Angst und Wut schwankt und ihre Reaktionen auf die verschiedenen Bedrohungen vielleicht nicht immer klug und durchdacht sind. Was bei jeder Szene deutlich wird, ist ihre Verzweiflung über den aktuellen Status und ihr ungebrochener Wille, etwas gegen die Tyrannei des Königs zu unternehmen. Besonders schön fand ich dabei, dass Sophia zwar gegen den König und seine „Traditionen“ kämpfen will und in keiner Weise bereit ist, sich zu verstecken oder anzupassen, aber eben auch immer wieder feststellen muss, wie sehr sie durch die Regeln des Königs geprägt ist und wie schwer es ihr fällt, neue Informationen, die der von Klein auf gelernten Cinderella-Geschichte widersprechen, zu verarbeiten. Hübsch fand ich auch Sophias Liebesgeschichte, denn obwohl sie schon als kleines Mädchen wusste, dass sie Mädchen liebt, und das von ihren Eltern toleriert wurde, solange die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr, so wird im Laufe des Romans deutlich, wie wichtig es ist, dass man auch öffentlich zu seiner Liebe stehen darf und dass man von jemandem zurückgeliebt wird, der einen so akzeptiert, wie man ist.

Ich habe den gesamten Roman sehr genossen, obwohl die „überraschende Enthüllung“ am Ende der Geschichte für mich sehr vorhersehbar war. Die Autorin hat es mit ihrer Schreibweise nämlich geschafft, dass ich trotzdem bis zum Schluss mit den Figuren gebangt habe, dass ich mir Gedanken um die verschiedenen Personen gemacht habe, die in den letzten Kampf gegen den König involviert waren, und dass ich mit Sophia zusammen um das Leben der schon längst verstorbenen Cinderella getrauert habe. Insgesamt hatte ich viel Spaß beim Lesen von „Cinderella is Dead“ und fand die – wirklich düstere – Interpretation, die Kalynn Bayron für das klassische Aschenputtel-Märchen gefunden hat, ungemein faszinierend. Außerdem war es spannend, all die Details zu entdecken, die zeigen, was alles aus einem Land werden kann, wenn man die verklärten Elemente eines Märchens instrumentalisiert, um Frauen zu unterdrücken. Auch wenn das keine neuen Erkenntnisse sind, so wirkt es doch ganz anders, wenn es innerhalb einer solchen Geschichte noch einmal erzählt wird. Nach „Cinderella is Dead“ bin ich sehr gespannt auf andere Bücher von Kalynn Bayron und schleiche aktuell um ihre Neuinterpretation der Peter-Pan-Geschichte („Hook’s Origin“ und „The Lost Son“) herum.

Rachel Caine: Ink and Bone (The Great Library 1)

Rachel Caines „The Great Library“-Serie basiert auf der Grundidee, dass die Große Bibliothek von Alexandria nie zerstört wurde, sondern im Laufe der Zeit immer mehr Wissen und Macht an sich gerissen hat. Die daraus resultierende Alternativ-Welt, die der Leser in „Ink and Bone“ kennenlernt, ist eine harte Welt für die Menschen, die darin leben. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Jess Brightwell, dessen Familie als Buchschmuggler ein gefährliches und lukratives Geschäft betreibt. Denn der Besitz von Original-Bücher ist von der Bibliothek verboten worden, und wer mit diesen Kostbarkeiten handelt, dem droht die Todesstrafe – unabhängig vom Alter desjenigen, der mit einem solchen illegalen Buch erwischt wird. Jess liebt es zwar, alte Bücher in den Händen zu halten, aber er hasst die Skrupellosigkeit, mit der sein Vater seinem Geschäft nachgeht. So sieht er in dem Plan seines Vaters, dass Jess sich auf eine der seltenen Trainingsstellen der Bibliothek bewerben soll, eine Möglichkeit, dem Geschäft seiner Familie zu entkommen – auch wenn sein Vater damit nur eine neue Quelle für illegale Bücher auftun will.

Doch schnell muss Jess erkennen, dass das Leben innerhalb der Großen Bibliothek nicht weniger gefährlich ist als seine Tätigkeit als „Runner“ für seinen Vater. Nur sechs Anwärter können auf eine der begehrten Stellen in der Bibliothek hoffen, so dass die Rivalität zwischen den – anfangs dreißig – Bewerbern hoch ist. Einige von ihnen haben daher keine Hemmungen, drastische Mittel einzusetzen, um die Konkurrenten auszuschalten. Außerdem entdeckt Jess im Laufe der Zeit, wie skrupellos die Obersten der Bibliothek sind, wie wenig ein Menschenleben in ihren Augen zählt und welche Mittel sie einsetzen, um ihre Macht zu erhalten. Während Jess relativ wenig Probleme damit hat, wenn er sein Leben geben soll, um einzigartige Bücher zu beschützen, so erschüttern ihn doch die (bibliothekspolitischen) Intrigen und Machtspiele, die er während seiner Trainingszeit erleben muss.

Obwohl Rachel Caine „Ink and Bone“ mit einer actionreichen und sehr spannenden Szene beginnt, bei der man Jess als Zehnjährigen begleitet, während er als Runner für seinen Vater unterwegs ist, entwickelt sich die Handlung in dem Roman recht langsam. Es dauert einige Zeit, bis die Autorin einem die Alternativ-Welt, in der ihre Handlung spielt, vorgestellt hat und die verschiedenen Parteien, sowohl die, die gegen die Großen Bibliothek vorgehen, als auch die, die innerhalb dieser Institution agieren, eingeführt hat. Trotzdem sind diese Kapitel in keiner Weise langweilig, weil den gesamten Roman – selbst bei den amüsanten Szenen – so eine bedrohliche Atmosphäre durchzieht. Außerdem muss sich Jess immer wieder in Situationen bewähren, die im besten Fall seine Hoffnung auf eine Anstellung in der Bibliothek oder im schlimmsten Fall sogar sein Leben bedrohen.

Ich fand die Welt, die Rachel Caine für diesen Roman geschaffen hat, mit all ihren Details rund um die Bibliothek, um Politik und Krieg wirklich faszinierend, doch noch mehr haben mich ihre Charaktere überzeugt. Egal, ob mir eine Figur sympathisch war oder nicht, ich hatte das Gefühl, ich könnte ihr Motive verstehen und trotz aller Fehler auch ihre guten Seiten anerkennen (wenn sie denn gute Seiten hatten). Dabei geht die Autorin alles andere als gnädig mit ihren Charakteren um, und die Sterberate in „Ink and Bone“ ist nicht gering. Aber da die Welt, die rund um die Große Bibliothek entstanden ist, so unbarmherzig ist, sind diese Todesfälle innerhalb der Handlung stimmig. Außerdem erwartet einen am Ende dieses Buchs kein wie auch immer geartetes Happy End, allerdings auch kein Cliffhanger – nur die Frage, wie die Zukunft für diejenigen, die nach all den schrecklichen Erlebnissen nun einen Job in der Bibliothek ergattert haben, aussehen wird. Was bedeutet, dass ich den nächsten Band („Paper and Fire“) direkt ganz oben auf den Wunschzettel gepackt habe, weil ich unbedingt herausfinden muss, wie es Jess und seinen Mitstreitern ergehen wird.

Celine Kiernan: Begone the Raggedy Witches (The Wild Magic Trilogy 1)

Nachdem ich am Wochenende solche Lust auf eine Hexengeschichte hatte, habe ich spontan „Begone the Raggedy Witches“ von Celine Kiernan vom SuB gezogen. Die Geschichte wird aus der Sicht von Mup (Pearl) erzählt und beginnt eines Abends, als Mup gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Tipper und ihrer Mutter Stella aus dem Krankenhaus nach Hause fährt. Während der Fahrt sieht Mup Hexen, die das Auto verfolgen, und erinnert sich daran, dass ihre Großtante Boo sie vor den Hexen gewarnt hatte und dass Mup ihr unbedingt Bescheid sagen soll, wenn sie jemals welche sieht. Doch Tante Boo liegt im Krankenhaus im Sterben und ihre Mutter hört ihr nicht zu, bis die Hexen schon längst ins Haus der Familie eingedrungen sind und kurz darauf Mups Vater Daniel vermisst wird. Um ihren Vater zu retten, macht sich der Rest der Familie auf in das magische Königreich Witches Borough, dessen böse Königin sich als Tante Boos Schwester herausstellt – was Mups Mutter Stella zur Thronerbin macht.

Während Mup, Stella und ihr kleiner Bruder nur ihren Vater befreien wollen, erhoffen sich die Rebellen in Witches Borough, dass Stella den Kampf gegen die böse Königin aufnimmt und so die Herrschaft ihrer eigenen Mutter beendet. Was genau das wäre, was die Königin seit der Geburt ihrer Tochter fürchtet und weshalb Tante Boo Stella überhaupt in die Menschenwelt in Sicherheit gebracht hat. Je mehr Mup von den Vorgängen in Witches Borough mitbekommt, desto mehr fürchtet sie, dass sie ihre Mutter an das magische Land verliert. Auf der anderen Seite kann Mup ebensowenig wie ihre Mutter mit ansehen, wie die Bewohner des Landes unter der Herrschaft ihrer Großmutter zu leiden haben. Celine Kiernan gelingt es sehr gut, die verschiedenen bedrohlichen Facetten eines Lebens unter einer Tyrannin darzustellen und trotzdem immer wieder wunderbar amüsante und absurde Szenen einzuflechten, die die Geschichte auflockern und dafür sorgen, dass sie für jüngere Leser nicht zu beängstigend wird.

Außerdem mochte ich es sehr, wie Celine Kiernan die Handlung auf den ersten Blick rund um die tyrannische Herrschaft von Mups Großmutter spielen lässt, sich die Geschichte aber vor allem damit beschäftigt, was eine Familie eigentlich ausmacht, was es bedeutet, jemandem zu vertrauen, und welche Verantwortung damit verbunden ist, wenn jemand das Vertrauen einer Person genießt. Ebenso ist es ein wichtiges Thema in der Geschichte, dass es grundsätzlich nicht gut ist, wenn jemand darüber bestimmen will, wie das Leben eines anderen auszusehen hat – unabhängig davon, wie gut die Motive einer Person sein mögen. So sind all die Charaktere in „Begone the Raggedy Witches“ wunderbar stimmig dargestellt, mit all den guten und schlechten Eigenschaften, die eine realistische Figur nun einmal ausmachen, und es gibt immer wieder kleine Momente oder Dialoge, die den Leser darüber nachdenken lassen, wie man mit seiner Familie und seine Freunden umgehen will und wie man von ihnen behandelt werden möchte. Dabei werden all diese Elemente in eine unterhaltsame und märchenhafte Geschichte verpackt, die voller Magie und Hexen, voller dramatischer Ereignisse und überaus amüsanter Momente ist.

Jonna Gjevre: Arcanos Unraveled

Wenn ich überlege, dass ich früher nie einen Blick auf die Cover der Bücher geworfen habe, die ich gekauft habe, dann habe ich in letzter Zeit doch erstaunlich viele „Coverkäufe“ unter meinen Neuzugängen. Auch bei „Arcanos Unraveled“ von Jonna Gjevre wurde ich durch das Cover von Kathleen Jennings (deren Designs auch alle Mund-Nasen-Schutzmasken schmücken, die ich besitze) auf den Roman aufmerksam und fand dann den Klappentext reizvoll genug, um mir das Buch recht spontan zu kaufen, obwohl ich von der Autorin vorher noch nichts gehört hatte. Die Geschichte spielt zu heutiger Zeit in Madison (Wisconsin), auch wenn man davon am Anfang kaum etwas merkt, da die Protagonistin Anya Winter in einer magischen Parallelgesellschaft lebt, die jeglichen Kontakt mit magielosen Personen meidet.

Anya ist eine Heckenhexe (und somit eine „minderwertige Magiekundige“) und hat zu Beginn des Jahres mit viel Glück eine Vertretungsstelle als Dozentin für textile Zauberei in der magischen Universität Arcanos Hall bekommen, obwohl sie selbst keinerlei Studienabschlüsse vorweisen kann. Da die magische Gesellschaft durch Kontakt mit nichtmagischen Technologien wie Smartphones, PCs und Ähnlichem ihre Magie verliert, gibt es keinerlei Austausch zwischen den beiden Welten, und so hat sich diese Parallelgesellschaft ein eher mittelalterlich anmutendes System erhalten, inklusive Königen, die gegeneinander um die Herrschaft der (magischen) Welt Krieg führen. So ist es auch kein Wunder, dass sich unter Anyas Studenten vor allem Adelige befinden, wenn man von einigen wenigen Stipendiaten absieht, und dass Anya selbst es nicht einfach hat, sich in der akademischen Welt zu behaupten.

Trotzdem liebt sie Arcanos Halls sehr und hat das Gefühl, endlich ein Zuhause gefunden zu haben, bis ihr innerhalb kürzester Zeit all die Dinge, die sie in den vergangen Monaten erreicht hat, genommen werden. Der magische Schutzschirm der Universität wird zerstört, und irgendwie gelingt es ihrem ehemaligen Liebhaber Professor Ruskin, die Schuld dafür auf Anya zu schieben. Gleichzeitig macht Anya sich (begründete) Sorgen, weil sie gerade erst ihrer Studentin Prinzessin Elena helfen musste, die Leiche eines unbekannten Mannes zu beseitigen. Da Anya nicht nur eine Heckenhexe, sondern ihr Vater auch ein magieloser Physiker ist, scheint sie den perfekten Sündenbock für die Person abzugeben, die hinter all den Vorfällen rund um die Universität steckt, weshalb Anya nichts anderes übrig bleibt, als mit der Hilfe Prinzessin Elenas und eines mysteriösen Computer-Programmierers herauszufinden, wer der wahre Schuldige ist.

Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, um mich in der magischen Gesellschaft von „Arcanos Unraveled“ zurechtzufinden, aber als ich mich erst einmal reingefunden hatte, mochte ich die Geschichte sehr gern. Jonna Gjevre hat sympathische und realistische Charaktere geschaffen, und auch wenn der Konflikt zwischen „Zauberern“ und „Heckenhexen“ nicht neu ist, so hat sie diesen Teil nicht nur gut und stimmig in ihre Welt eingebaut, sondern auch für einige wichtige Handlungselemente rund um Anya und ihre Verbündeten genutzt. An Anyas Erzählstimme musste ich mich etwas gewöhnen, denn für sie verwendet die Autorin ein Stilelement, das ich normalerweise nicht so gerne mag, und das ist der bewusste Widerspruch zwischen dem, was die Protagonistin denkt, was das richtige Handeln wäre, und ihrem tatsächlichen Handeln. Aber da Anya nicht mit ihren „Fehlern“ dem Leser gegenüber kokettiert, sondern diesen Widerspruch entweder selbst irritiert beobachtet oder einem eine gute Begründung gibt (häufig in der Form ihres Vaters, dessen Paranoia als „Aluhut-Träger“ ihre Kindheit sehr geprägt hat), konnte ich in diesem Fall gut damit leben.

Statt mich also immer wieder daran aufzuhängen, dass Anya Dinge tut, die auf den ersten Blick etwas irrational erscheinen, habe ich mich über die diversen Schwierigkeiten amüsiert, in denen sich die Protagonistin wiederfand. Außerdem habe ich diverse Charaktere sehr ins Herz geschlossen und würde wirklich gern mehr über sie erfahren – so wie die Stipendiatin Bertha Bratsch oder die alte Textil-Heckenhexe Madame Olann. Überhaupt ist die Textilmagie in diesem Roman wunderbar beschrieben, von der Verarbeitung der Fasern bis hin zum Stricken oder Häkeln komplizierter Muster. Nichts davon ist so ausführlich oder speziell beschrieben, dass man Erfahrung im Handarbeiten haben muss, um das zu lesen, aber jede Seite zeugt davon, dass in dieser Welt so viele Dinge darauf basieren, dass jemand Fasern mit einfachen Werkzeugen so verarbeitet, dass Magie entsteht. Ich mochte es sehr, dass all die fliegenden Teppiche, Unsichtbarkeitsmäntel usw. in dieser Geschichte nicht einfach nur da sind, sondern sich die Autorin viele Gedanken über die Herstellung und die Rolle dieser Objekte in ihrer Welt gemacht hat. Insgesamt hat mir „Arcanons Unraveled“ so viel Spaß beim Lesen bereitet, dass ich auch noch den Debütroman der Autorin („Requiem in La Paz“) auf meinen Merkzettel gesetzt habe.

Michelle Harrison: A Sprinkle of Sorcery

Nach dem Lesen von „A Pinch of Magic“ von Michelle Harrison hatte ich mir vorgenommen, darauf zu achten, dass ich den nächsten Band rund um die Widdershins-Schwestern zur passenden Jahreszeit lese. Aber dann hatte ich so große Lust auf „A Sprinkle of Sorcery“, dass ich das Buch noch im September angefangen habe, obwohl die Handlung im Mai spielt. 😉 Allerdings fand ich es dieses Mal nicht so schlimm, dass ich den Roman nicht zur passenden Jahreszeit las, denn von Frühling spürt man in der Geschichte nicht viel, ist doch die Atmosphäre auf Crowstone (und all den anderen Inseln) düster genug, um in den Herbst zu passen. Und da die Handlung von „A Sprinkle of Sorcery“ ohne Vorkenntnisse aus dem ersten Band gut lesbar ist, gibt es hier auch keine Spoiler zu „A Pinch of Magic“.

Die Geschichte beginnt an einem Abend im Wirtshaus „The Poacher’s Pocket“, während die dreizehnjährige Betty Widdershins und der Rest der Familie darauf warten, dass ein potenzieller Käufer für das Gebäude auftaucht. Doch bevor die Abendfähre an der Insel anlegt, erklingen die Gefängnisglocken von der Nachbarinsel Repent herüber. Schnell macht die Neuigkeit die Runde, dass zwei Gefangene von der Insel Torment geflüchtet sind, und kurz darauf findet die sechsjährige Charlie (Charlotte) ein etwa gleichaltriges und vollkommen durchnässtes Mädchen versteckt im Hinterhof. Schnell sind sie und Betty sich einig, dass sie Willow vor den Wächtern, die jedes Haus der Insel durchsuchen, in Sicherheit bringen müssen. Doch natürlich läuft dann etwas schief, und so müssen Betty und ihre ältere Schwester Fliss (Felicitas) mitansehen, wie die Großmutter Bunny und die kleine Charlie von zwei Wächtern abgeführt werden.

Gemeinsam mit Willow machen sich die beiden Mädchen auf, um ihre Familienmitglieder zu retten, und erleben dabei einige fantastische Abenteuer auf See. Ich liebe es, wie Michelle Harrison dabei eine sehr düstere und realistische Welt rund um die Inselgruppe in den Marschen schafft und auf der anderen Seite immer wieder Märchen und eine kleine Prise Zauberei in die Geschichte einwebt. Während sich der erste Band um einen Fluch drehte, der auf den Frauen der Familie Widdershins lag, so sind hier die Angelpunkte der Geschichte vor allem das Schicksal der entführten Charlie und das von Willow, die alles daran setzt, die Unschuld ihres Vaters zu beweisen, bevor dieser hingerichtet werden kann. Dabei spielen Irrlichter eine große Rolle in Willows Leben. Ich fand es großartig, wie die Autorin diese schon im ersten Band in die Handlung eingebaut und hier – mit einigen ungewöhnlichen Facetten versehen – wieder aufgenommen hat.

Auch in „A Sprinkle of Sorcery“ ist die Atmosphäre durchgehend ziemlich düster, denn Betty und ihre Schwestern machen sich die ganze Zeit über Sorgen, sie hungern und frieren, und sie müssen mit Entführern, Piraten und Hexen fertigwerden. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, man würde beim Lesen in lauter Hoffnungslosigkeit versinken, da die Mädchen einfach wunderbar mutig und einfallsreich sind. Immer wieder gibt es Szenen, die einfach nur amüsant sind (Betty als Piratenkapitän-Geist ist mein absoluter Lieblingsmoment in dem Buch gewesen), oder in denen die Zuneigung zwischen den Schwestern wirklich herzerwärmend zu lesen ist. So gut mir „A Pinch of Magic“ gefallen hat, so denke ich, dass ich „A Sprinkle of Sorcery“ noch besser fand. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich einfach den richtigen Zeitpunkt für den Roman gewählt hatte, oder daran, dass mir all die Seefahrt- und Piratenelemente so viel Freude bereitet haben, aber ich kann diese Geschichte mindestens ebenso sehr empfehlen wie den ersten Band. Und ich freue mich sehr darüber, dass der dritte Band („A Tangle of Spells“) im Original gerade für Anfang Februar 2021 angekündigt wurde.

Sophie Anderson: The Girl Who Speaks Bear

„The Girl Who Speaks Bear“ ist Sophie Andersons zweite Veröffentlichung nach „The House with Chicken Legs“, und auch hier greift die Autorin Elemente aus russischen Märchen und Legenden auf und verflicht sie zu einer ganz eigenen Geschichte. Der Roman ist unabhängig von „The House with Chicken Legs“ zu lesen, auch wenn eine Nebenfigur (die dort nur einen sehr, sehr kurzen Auftritt hatte) von der Autorin noch einmal aufgegriffen wird. Erzählt wird „The Girl Who Speaks Bear“ von der zwölfjährigen Yanka, die von den Bewohnern des kleinen Dorfes, in dem sie lebt, nur „Yanka the Bear“ genannt wird. Dabei wissen die meisten ihrer Nachbarn nicht einmal, dass ihre Pflegemutter Mamochka Yanka als zweijähriges Kind ganz allein – neben einer von einer alten Bärin bewohnten Höhle – im Wald gefunden hatte.

So sehr Yanka ihre Pflegemutter liebt und so wohl sie sich mit ihrem besten Freund Sasha fühlt, so hat sie doch das Gefühl, dass sie nicht wirklich zu den Dorfbewohnern gehört. Und natürlich fragt sie sich seit Jahren, wo wohl ihre leiblichen Eltern geblieben sind, wieso sie allein im Wald gefunden wurden und wieso sich der „Snow Forest“ anfühlt, als ob er sie rufen würde. Als Yanka dann beim jährlichen Festival etwas Ungewöhnliches zustößt, beschließt sie, dass es Zeit wird, in den Wald aufzubrechen und mehr über ihrer Vergangenheit herauszufinden. Doch der Snow Forest birgt nicht nur das Geheimnis rund um Yankas Herkunft, sondern auch viele Gefahren und Herausforderungen.

Ich fand es wunderbar zu lesen, wie Yanka trotz aller Ängste, die sie im Laufe der Geschichte durchstehen muss, immer versucht vorwärts zu gehen. Ihr Bedürfnis, mehr über ihre Geburtsfamilie zu erfahren, ist so groß, dass sie sich auch von Hindernissen nicht abschrecken lässt. Während ihrer Reise lernt sie so viel über sich selbst, aber auch darüber, was eine Familie wirklich ausmacht und dass man nicht perfekt sein muss, um seinen Platz in einer Gemeinschaft zu finden. Doch vor allem lernt Yanka so viele neue Geschichten über den Wald und seine Bewohner – und gleichzeitig auch über ihre eigene Vergangenheit.

Während ich bei „The House with Chicken Legs“ nicht immer so glücklich mit der Protagonistin war, habe ich „The Girl Who Speaks Bear“ rundum genossen. Yanka ist eine liebenswerte Person, die man gern bei ihrem Abenteuer begleitet, und auch die Figuren, die sie im Laufe ihrer Reise kennenlernt, habe ich auf Anhieb ins Herz geschlossen. Es gibt so viele berührende, amüsante, absurde und liebenswerte Szenen mit all den verschiedenen Charakteren, dass ich das Buch gar nicht aus der Hand legen wollte. Dazu kommt, dass die Autorin wunderbar atmosphärische Beschreibungen vom Leben im und am Rande des Walds in ihren Roman eingebaut hat. Außerdem durchzieht ein ganzes Geflecht aus Geschichten und Märchen Yankas Leben, das ich rundum genossen habe. Jede Figur hat etwas zu Yankas Leben beizutragen, auch wenn das nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird, und so bekommt man nach und nach erzählt, wie es dazu kam, dass das kleine Mädchen allein im Wald gefunden wurde, und welche Rolle es für die Zukunft des Snow Forest spielen wird.

Wer auch nur eine kleine Schwäche für märchenhafte Geschichten, für russische Folklore oder grundsätzlich für Erzählungen hat, in denen liebenswerte Charaktere und wunderbare Tierfiguren vorkommen, sollte sich „The Girl Who Speaks Bear“ auf keinen Fall entgehen lassen. Ich habe den Roman so sehr genossen, dass ich ihn am liebsten direkt nach dem Lesen noch einmal angefangen hätte, und ich bin mir sicher, dass ich spätestens zum Winterende noch einmal zu diesem Buch greifen werde. Für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen mögen, gibt es mit „Das Mädchen und der flüsternde Wald“ im Januar 2021 eine deutsche Veröffentlichung beim Dressler Verlag, während ich jetzt darauf warte, dass mir der dritte Roman („The Castle of Tangled Magic“) der Autorin geliefert wird.

T. Kingfisher: A Wizard’s Guide To Defensive Baking

Mit „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kommt hier die Rezension einer Geschichte, die ich schon im August gelesen habe und unbedingt noch auf dem Blog vorstellen wollte. Ursula Vernon sagte vor einigen Wochen auf Twitter, dass sie das Pseudonym „T. Kingfisher“ für alle Geschichten verwendet, die sich nicht in Schubladen stecken lassen. So ist ihr „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ schon ein älteres Manuskript, das sie viele Jahre lang nicht bei einem Verlag unterbringen konnte, weil es den Verantwortlichen zu düster für eine Veröffentlichung für Kinder war. Ich persönlich fand den Roman gar nicht so düster, auch wenn die Stadt, in der die Protagonistin lebt, nicht gerade freundlich mit ihren Bewohnern umgeht und die Handlung mit einigen Morden (unter anderem an Kindern) beginnt.

Die Geschichte wird aus der Sicht der vierzehnjährigen Mona erzählt, die seit ein paar Jahren in der Bäckerei ihrer Tante Tabitha arbeitet, wo Monas Magie dafür sorgt, dass die Brote knusprig werden und die Lebkuchenmänner tanzen können. Als Mona eines Morgens in die Bäckerei kommt, um die Öfen anzuheizen und die ersten Brotteige anzusetzen, findet sie im Verkaufsraum die Leiche eines jungen Mädchens. So schlimm sie dies findet (zumal sie auch noch verdächtigt wird, die Mörderin zu sein), so hat Mona doch nicht das Gefühl, dass dies wirklich etwas mit ihr zu tun hat. Auch als sie erfährt, dass in den letzten Wochen mehrere Personen, die über Magie verfügten, verschwunden oder getötet worden sind, glaubt sie noch nicht, dass dies sie persönlich betreffen oder sie gar in Gefahr bringen würde. Schließlich können magiebegabte Personen in dieser Stadt unbehelligt zwischen all den anderen Menschen leben. Und ohne den überaus geachteten Lord Ethan, der als Feuermagier der Armee der Stadt vorsteht, wären die Barbaren schon längst über das kleine Herzogtum hergefallen.

Aber natürlich hilft es nichts, wenn man sich selbst einredet, dass einen all dies nicht berührt, während gleichzeitig schreckliche Dinge geschehen, und so muss auch Mona sich eines Tages eingestehen, dass sie nicht weiter passiv zuschauen kann und handeln muss. Ich mochte es sehr, dass Mona so eine unwillige Heldin ist, und fand es realistisch, dass sie so lange darauf vertraut, dass schon alles gut geht und dass die Regierung alles regeln wird. Erst als sie flüchen muss, um ihr Leben und ihre Freiheit zu retten, wird ihr bewusst, dass sie selbst aktiv werden muss, um sich und die anderen Magiebegabten der Stadt zu retten. Dabei ist sie auf die Hilfe von Spindle, dem zehnjährigen Bruder der in der Bäckerei getöteten Tibbie, angewiesen, um ohne den Schutz ihrer Familie überleben zu können – und Ideen zu entwickeln, die ihr bei der Suche nach dem Mörder helfen. Mit ein Grund, wieso Mona sich die ganze Zeit nicht als „Heldin“ sehen konnte, ist, dass ihre Magie sich nur auf Brot (und anderes Gebäck) auswirkt und sie sich nicht vorstellen kann, dass man mit Brotmagie etwas Großes bewirken oder gar kämpfen könnte. Doch im Laufe der Geschichte lernt Mona, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ihre Magie im Kampf einzusetzen – und dass es nicht so sehr auf die Stärke der Magie ankommt, sondern darauf, dass man sie kreativ verwendet.

So gibt es gerade in der zweiten Hälfte des Romans so einige amüsante Szenen, in denen Mona ihre Magie auf eine Art und Weise einsetzt, die sie sich früher nie hätte vorstellen können, und in denen sie gemeinsam mit Spindle einige unerwartete Abenteuer erlebt. Ich fand es großartig, welche Ideen die Autorin rund um den Einsatz der Brotmagie hatte. Aber nicht nur diesen Teil der Geschichte mochte ich sehr, sondern auch all die kleinen und großen Szenen rund um die verschiedenen Charaktere. Während der „Spring Green Man“, der der Mörder ist, ebenso wie der Inquisitor Oberon wunderbar hassenswerte Gegenspieler für Mona sind, gibt es auch so viele liebenswerte und warmherzige Charaktere, die dem Mädchen zur Seite stehen. Ich fand Tante Tabitha und Onkel Albert ungemein sympathisch, weil sie alles dafür geben, damit ihre Nichte sicher unter ihrer Obhut leben kann, oder die verrückte „Knackering Molly“, die eine ganz eigene Sicht auf die Welt hat, aber doch alles in ihrer Macht stehende versucht, um Mona und die anderen zu beschützen. Besonders erwähnen muss man auch Bob, der Monas Sauerteigstarter ist und … einen ganz eigenen Charakter hat. Bob ist einfach einzigartig, und was ihn so großartig macht, muss man einfach selbst lesen. *g*

Wenn ich etwas an „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kritisieren müsste, dann könnte ich höchstens anführen, dass das erste Drittel der Geschichte sich ein bisschen hinzieht und der Weltenbau nicht besonders detailliert ist. Aber da ich auch das erste Drittel mit all den kleinen Szenen, die einem mehr über Mona, ihre Nachbarn und die Stadt, in der sie leben, erzählen, genossen habe, kann ich mich da eigentlich nicht beschweren. Und auch den Weltenbau fand ich eigentlich ausreichend, denn obwohl „die Barbaren“ als großer Feind von außen ein bisschen billig wirken, so reichen sie als beängstigende Gegner für diese Geschichte vollkommen aus. Außerdem würde jemand wie Mona, aus deren Sicht die Handlung ja nun erzählt wird, auch nicht mehr über die Barbaren wissen, als uns die Autorin in diesem Roman erzählt. Alles in allem habe ich „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ also wirklich genossen, über die eine oder andere Aussage ein bisschen sinnieren müssen und über eine Menge Szenen – gerade gegen Ende der Geschichte – schallend gelacht.

Michelle Harrison: A Pinch of Magic

Ich muss gestehen, dass mich das hübsche Cover auf „A Pinch of Magic“ von Michelle Harrison aufmerksam gemacht hat und ich erst im Nachhinein kapiert habe, dass das die Autorin ist, von der ich schon die „Elfenseelen“-Trilogie so sehr mochte. Außerdem sollte ich schon mal darauf hinweisen, dass es nicht die beste Idee von mir war, diese Geschichte im Juli zu lesen, obwohl die gesamte Atmosphäre in „A Pinch of Magic“ nach Herbst und Halloween ruft – bei der Fortsetzung werde ich also erst schauen, wann sie spielt, und sie dann jahreszeitlich passender lesen. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Betty Widdershins, deren großer Traum es ist, eines Tages die kleine Insel Crowstone zu verlassen und die Welt zu sehen. Doch als sie an ihrem dreizehnten Geburtstag (der auch noch auf Halloween fällt) heimlich mit ihrer sechsjährigen Schwester Charlie (Charlotte) aufs Festland fahren will, werden die beiden von ihrer Großmutter Bunny erwischt.

Um weitere Alleingänge von Betty zu verhindern, klärt Bunny die beiden Mädchen über den Fluch auf, der seit langer Zeit auf der Familie Widdershins liegt. Dieser Fluch sorgt dafür, dass jedes weibliche Mitglied der Familie, das die Insel Crowstone verlässt, im Laufe eines Tages stirbt. Angesichts dieser Mitteilung kann nicht einmal die Tatsache, dass Charlie, Betty und die sechzehnjährige Fliss (Felicity) zusammen mit dem Fluch auch drei magische Gegenstände geerbt haben, Betty aufmuntern. Stattdessen überlegt sie, dass es doch irgendeinen Weg geben muss, um diesen Familienfluch zu brechen und das Schicksal der Widdershins-Frauen zu ändern – und bei der Suche nach solch einem Weg lässt sie sich auch von all den Gefahren, die auf sie lauern, nicht aufhalten.

Ich mochte „A Pinch of Magic“ wirklich sehr! Mir gefiel die Atmosphäre, die Michelle Harrison in der Geschichte aufbaut, die Trostlosigkeit der kleinen Inselgruppe im Sumpfgebiet vor dem Festland, die Armut, die das Leben der Bewohner von Crowstone durchzieht, den Schatten, den die Gefängnisinsel Repent über die anderen Inseln wirft, und wie all dies erträglich wird durch den Zusammenhalt innerhalb der Familie Widdershins. Das Wirtshaus „Poacher’s Pocket“, das Großmutter Bunny gehört, ist kein wirklich heimeliger Ort, aber es ist das Zuhause und die Zuflucht von Fliss, Betty und Charlie. Ich fand es auch wunderbar zu lesen, wie unterschiedlich die Autorin die drei Schwestern dargestellt hat. So ist Fliss diejenige, die am wenigsten kämpferisch ist und die sich – nachdem sie an ihrem sechzehnten Geburtstag von dem Fluch erfahren hatte – damit abgefunden hat, dass sie den Rest ihres Lebens auf der Insel bleiben wird. Betty hingegen will ihre Träume nicht aufgeben und erkennt erst im Laufe der Zeit, dass die Gefahren, die die Suche nach einer Aufhebung des Fluchs mit sich bringen, nicht nur sie, sondern auch diejenigen, die sie liebt, betreffen könnten.

Neben den tollen Charakteren und der wunderbar-trostlosen Atmosphäre brachte „A Pinch of Magic“ auch noch eine Handlung mit sich, die voller amüsanter, gefährlicher und überraschender Szenen steckt. Von Anfang an steht fest, wer den Fluch über die Familie Widdershins gebracht hat, aber erst im Laufe der Zeit erfährt man die Geschichte und die Beweggründe dieser Person und muss so immer wieder überdenken, wer denn wohl der „Bösewicht“ in der Geschichte ist. Und obwohl die drei Schwestern in lebensgefährliche Situationen geraten, bleibt der Ton in der Geschichte in der Regel heiter genug, dass auch jüngere Leser.innen Freude an der Handlung haben werden. Außerdem ist es wunderbar. von dem Verhältnis der drei Schwestern zueinander zu lesen, gerade weil sie nicht immer nur nett miteinander umgehen, aber trotzdem die gesamte Zeit durchscheint, wie sehr die drei einander mögen und wie wichtig ihnen das Wohlergehen der anderen ist. So freue ich mich jetzt schon sehr auf das Lesen der Fortsetzung – vielleicht sogar gerade deshalb, weil ich mir nicht so recht vorstellen kann, worum sich der nächste Band wohl drehen wird.

Oh, und für diejenige, die neugierig auf die Geschichte geworden sind, aber keine Bücher auf Englisch lesen mögen: Der Titel der deutschen Ausgabe von „A Pinch of Magic“ lautet „Eine Prise Magie“ und auch die Fortsetzung („A Sprinkle of Sorcery“) ist schon unter dem Titel „Ein Hauch von Zauberei“ auf Deutsch erschienen.