Schlagwort: Fantasy

Stephanie Burgis: Scales and Sensibility (Regency Dragons 1)

“It was a truth universally acknowledged that any young lady without a dragon was doomed to social failure.”

Dies ist der erste Satz in “Scales and Sensibility” von Stephanie Burgis und eigentlich wisst ihr damit über den Ton der Geschichte schon fast alles, was ihr wissen müsst. 😉 Dieser Titel ist die aktuellste Veröffentlichung der Autorin, obwohl sie die erste Version des Manuskripts schon vor vielen Jahren geschrieben hatte. Aber damals hieß es, dass es keinen Markt für fantastische Regency-Romane gäbe, weshalb sich Stephanie Burgis lieber auf andere Ideen konzentrierte. Wenn ich an all die Jahre denke, in denen ich fantastische Regency gesucht habe, frage ich mich, wie irgendein Agent oder Verlag auf die Idee kommen konnte, dass der Markt dafür nicht reif wäre … aber nun gut … “Scales and Sensibility” wird aus der Perspektive von Elinor Tregarth erzählt, die nach dem Tod ihrer Eltern von ihrer Tante aufgenommen wurde. Elinor sehnt sich nicht nur sehr nach ihren beiden jüngeren Schwestern, die von zwei anderen Verwandten aufgenommen wurden, sondern auch nach einer liebevollen und respektvollen Umgebung. Sowohl ihr Onkel als auch ihre Cousine Penelope lassen Elinor ständig spüren, dass sie nur die arme Verwandte ist und dankbar sein muss, dass sie überhaupt aufgenommen wurde.

Die Tatsache, dass Elinor Penelope bei ihrer ersten Saison helfen soll (obwohl sie selbst bislang kein Debüt hatte) und von ihrer Cousine ebenso schlecht wie die Dienstmädchen behandelt wird, macht es für die junge Frau nicht einfacher. Und dann gibt es da noch den kleinen Drachen Sir Jessamyn, der – wie es sich bei einer Dame der Gesellschaft gehört – dekorativ auf Penelopes Schulter sitzen sollte, aber stattdessen so viel Angst vor seiner Besitzerin hat, dass er regelmäßig seinen Darm auf ihren Kleidern entleert. Als Penelope ihn deswegen beinah verletzt, platzt Elinor der Kragen, was zur Folge hat, dass sie gemeinsam mit Sir Jessamyn das Haus verlässt. Ohne Geld, ohne eine Unterkunft in Aussicht und mit einem (gestohlenen) Drachen auf der Schulter scheint Elinors Schicksal besiegelt, doch dann überrascht Sir Jessamyn die junge Frau mit einer überraschenden Fähigkeit, und außerdem macht Elinor die Bekanntschaft von Benedict Hawkins, dessen Geldsorgen ihn dazu bringe, dass er die Hand von Penelope gewinnen will. Mit der Hilfe von Sir Jessamyn, und um Benedict bei seinem Vorhaben zu unterstützen, landet Elinor inmitten einer trubeligen Hausparty, bei der sie jederzeit als Hochstaplerin und Diebin eines kostbaren Drachens enttarnt werden könnte. Dazu kommt noch, dass es auch noch andere Gäste bei dieser Gesellschaft gibt, die sich mit ganz eigenen (unlauteren) Motiven dort eingefunden haben.

Mir hat “Scales and Sensibility” wirklich viel Freude beim Lesen bereitet, auch wenn ich die ganze Zeit sehr mit Elinor mitgelitten habe. Die junge Frau ist eigentlich ein sehr ehrlicher und offenherziger Mensch, und die Scharade, die sie mit allen Anwesenden bei dieser Hausparty spielen muss, gefällt ihr so gar nicht. Aber jedes Mal, wenn sie offen und ehrlich sein will, passiert etwas, das dafür sorgen würde, dass ein anderer Mensch darunter leiden müsste, wenn sie ihre Identität aufdecken würde. Also wird Elinor immer weiter gezwungen, Theater zu spielen und gleichzeitig Wege zu finden, um mit den diversen Erpressungen und Bedrohungen umzugehen und natürlich Benedict bei seinen Bemühungen um Penelopes Hand zu unterstützen. Trotz all dieser unangenehmen Situationen für Elinor ist die Geschichte wirklich lustig und ich habe ständig vor mich hingekichert, während es zu Missverständnissen zwischen den verschiedenen Figuren, etwas zu offenherzigen Aussagen von Elinors Tante und ähnlichen Momenten kam. Doch vor allem mochte ich einige der Charaktere wirklich gern und wollte unbedingt wissen, wie es mit ihnen weitergeht.

Allen voran natürlich Elinor, deren Zuneigung zu ihren Schwestern und Sir Jessamyn wirklich schön zu lesen war, auch wenn sie beides immer wieder in Schwierigkeiten gebracht hat. Ebenso mochte ich Benedict Hawkins sehr gern, der zwar ein Mitgiftjäger ist, aber nicht nur gute Gründe dafür hat, sondern auch ein freundlicher, ehrbarer und hilfsbereiter Mensch ist. Dazu kommen noch Figuren wie Benedicts bester Freund Cornelius Aubrey, dessen geistesabwesende Gelehrsamkeit vielleicht etwas übertrieben ist, aber für wunderbar amüsante Momente sorgt, oder Elinors Tante, die im Laufe der Geschichte entdeckt, wie befreiend es doch sein kann, einfach nur offen die eigene Meinung zu äußern. Ich mochte diesen Roman wirklich gern und ich habe große Lust, mehr von Elinor, ihren beiden Schwestern (die bislang nur durch Elinors Erinnerungen bekannt sind) und natürlich diese ungewöhnlichen kleinen Drachen und ihre überraschenden Fähigkeiten zu lesen. Zum Glück plant Stephanie Burgis zwei weitere Regency-Dragon-Romane, in denen dann Elinors Schwestern die Protagonistinnen sein werden.

Benjamin Read und Laura Trinder: The Midnight Hour

Über “The Midnight Hour” von Benjamin Read und Laura Trinder bin ich erst vor Kurzem gestolpert, als der dritte Band der Trilogie veröffentlicht wurde. Die Geschichte dreht sich um Emily, die zu Beginn des Romans vor allem ein Problem mit ihrem eigenen aufbrausenden Temperament und ihrer großen Klappe hat. Doch dann verschwindet ihre Mutter, nachdem diese einen geheimnisvollen Brief bekommen hatte, und wenige Tage später kommt auch Emilys Vater nicht mehr zurück von seiner Suche nach Emilys Mutter. Emilys einzige Hoffnung, mehr über den Verbleib ihrer Eltern herauszufinden, besteht darin, den Arbeitsplatz ihres Vaters aufzusuchen: die Night Post. Doch schnell muss sie feststellen, dass dies gar nicht so einfach ist, denn die Night Post befindet sich nicht in dem Teil von London, den Emily Tag für Tag sieht, sondern in der Midnight Hour. Die Midnight Hour ist eine magische Welt, in der ewige Nacht herrscht und die nur zwischen dem ersten und letzten mitternächtlichen Glockenschlag von Big Ben betreten werden kann.

Für Emily ist es ein großer Schock festzustellen, dass es nicht nur eine geheime magische Welt gibt, in der lauter Monster leben, sondern auch, dass ihre Eltern vielfältige Verbindungen zur Midnight Hour haben. Gerüstet mit einem Rücksack voller Sandwiches, einem halbverhungertem Igel und mehr Mut als Verstand, macht Emily sich in der Midnight Hour auf die Suche nach ihren Eltern. Im Laufe ihres Abenteuers muss sie sich mit unglaublich alten Mächten, Vampiren, Werbären und anderen Monstern herumschlagen, findet aber auch ein paar überraschende Verbündete, die ihr helfen, ihre Eltern wiederzufinden. Mir persönlich hat diese magische Parallelwelt, in der all die übernatürlichen Wesen überleben, nachdem unsere Welt für sie zu magiefeindlich geworden ist, gut gefallen. Es gibt so viele amüsante und fantastische Dinge in dieser Welt und vor allem die Night Post (wenn auch nicht unbedingt ihr Leiter) ist einfach großartig. Dabei sparen Benjamin Read und Laura Trinder nicht mit gruseligen oder ekeligen Elemente, übertreiben es aber nicht so sehr, dass es mich beim Lesen abgeschreckt hätte (und ich würde vermuten, dass ich da empfindlicher bin als die meisten Kinder es wären 😉 ).

Ich mochte auch Emily sehr gern. Sie ist unhöflich, impulsiv und unverschämt und reißt ihre Klappe immer viel zu weit auf – aber ihr ist auch bewusst, dass ihr Naturell es anderen Personen nicht einfach macht und dass sie regelmäßig zu weit geht. Auf der anderen Seite helfen ihr all diese Eigenschaften aber auch dabei, nicht den Mut zu verlieren und sich selbst gegen die unheimlichsten Gegner zu behaupten, so dass es oft überraschend amüsant ist, mitzuerleben, wenn Emilys Temperament mal wieder mit ihr durchgeht. “The Midnight Hour” erzählt eine temporeich und flüssig zu lesende Geschichte, die voller spannender, aber auch amüsanter Momente ist. Ich mochte es, Emily dabei zu begleiten, wie sie die fantastische Welt erkundet, wie sie mehr über sich und ihre Familie herausfindet, wie sie Verbündete findet und sich gegen uralte Mächte stellt, obwohl all dies nicht immer einfach für sie ist. Mir hat es viel Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen, und ich freue mich darauf, auch die beiden anderen Bände (“The Midnight Howl” und “The Midnight Hunt”) rund um Emily und die Midnight Hour zu lesen.

Stephanie Burgis: The Raven Heir

“The Raven Heir” von Stephanie Burgis wird aus Sicht der zwölfjährigen Cordelia erzählt, die gemeinsam mit ihren Geschwistern Giles, Rosalind und Connall, ihrer Mutter und deren Freundin Alys in einer Festung im Wald aufwächst. Ihr ganzes Leben lang hat Cordelia an diesem Ort verbracht und sie sehnt sich danach, endlich die Welt außerhalb der Festung erkunden zu können. Doch ihre Mutter, die eine mächtige Zauberin ist, verbietet es den Kindern, einen Fuß aus der Festung zu setzen. Nicht einmal die Tatsache, dass sich Cordelia in jedes beliebige Tier verwandeln und sich so sicher durch den Wald bewegen kann, kann ihre Mutter dazu bringen, sie aus der Festung zu lassen. Erst als eine Gruppe bewaffneter Männer die Festung angreift, erfahren die Drillinge Cordelia, Giles und Rosalind, dass einer von ihnen ein Recht auf den Thron von Corvenne hat. Doch wer von ihnen es ist, bleibt ein Geheimnis, denn ihre Mutter hat ihnen nie verraten, wer von ihnen als Erstes geboren wurde. Gemeinsam müssen die drei Geschwister aus der Festung fliehen und nicht nur einen Weg finden, ihre eigene Freiheit zu bewahren, sondern auch ihre Lieben aus den Händen der Angreifer zu befreien.

Stephanie Burgis kam auf die Idee zu “The Raven Heir”, als sie über die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster nachdachte und darüber, wie es den Kindern während dieser Kriege erging. Einige von ihnen wurden jahrelang als Geiseln gehalten und schon als Kleinkinder von ihren Müttern getrennt, während diese alles versuchten, um ihre Kinder zurückzubekommen. All diese Gedanken über Kinder, die zu politischen Schachfiguren wurden, führten dann zu der Geschichte rund um Cordelia und ihre Geschwister, deren Mutter alles versucht, um ihre Kinder zu beschützen. Das hatte zur Folge, dass “The Raven Heir” überraschenderweise beim Lesen für mich das gleiche Gefühl bereithielt wie “Cart and Cwidder” von Diana Wynne Jones, und das hatte ich so nicht erwartet. Auch hier spielt die Geschichte in einem Land, das unter dem seit Jahrzehnten andauernden Krieg leidet. Und auf ihrer Flucht lernen Cordelia, Giles und Rosalind nicht nur mehr über das Land, in dem sie leben, sondern auch über sich, ihre Magie und ihre Familie. Alle drei müssen damit fertig werden, dass ihre Mutter solch große Geheimnisse vor ihnen hat, und es ist nicht einfach für die Geschwister zu verstehen, dass ihre Mutter nicht nur eine mächtige Zaubererin ist, sondern auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen.

Auf der anderen Seite gilt es für Cordelia und die anderen beiden, ihre eigenen Grenzen auszutesten und herauszufinden, wie weit sie mit ihren eigenen Fähigkeiten gehen können. Sie müssen für sich herausfinden, wem sie trauen können und wollen – und welche Dinge ihnen wirklich wichtig sind. So dreht sich ein Großteil der Handlung um die innere Entwicklung der Protagonistin, während sie gemeinsam mit Giles und Rosalind auf der Flucht ist. Das alles führt zu wunderbaren Szenen zwischen den Geschwistern, in denen immer wieder deutlich wird, dass sie sich zwar häufig gegenseitig auf die Nerven gehen, aber doch als Familie immer zusammenstehen. Ich mochte all diese berührenden Momente, die zeigen, wie viel die anderen Cordelia bedeutet, und wie schwer es ihr gerade deshalb manchmal fällt, offen mit ihren Geschwistern zu reden. Daneben gab es aber auch noch eine ganze Reihe von amüsanten Momenten, die die Handlung so weit auflockerten, dass ich trotz aller Bedrohungen für die Geschwister sehr viel Spaß beim Lesen hatte und immer wieder kichern musste. “The Raven Heir” ist nur der erste Teil einer Trilogie, und ich muss gestehen, dass ich mir im Moment nicht vorstellen kann, in welche Richtung die Geschichte noch gehen soll. Aber egal, welche Abenteuer als nächstes auf die Geschwister warten, ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen mit Cordelia, Giles, Rosalind und natürlich ihrem großen Bruder Connall.

Julie Abe: Eva Evergreen – Semi-Magical Witch

“Eva Evergreen – Semi-Magical Witch” ist eine wirklich wohltuende Geschichte der Autorin Julie Abe. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem die zwölfjährige Hexe Evalithimus “Eva” Evergreen ihre Novizen-Quest antreten soll. Dabei läuft gefühlt alles schief, was nur schieflaufen kann, angefangen damit, dass ihr Name nicht auf der Liste der angehenden Novizen steht, bis zu dem Moment, in dem sie auf einem Schiff einschläft und deshalb nicht mitbekommt, an welchem Hafen ihr magisches Reiseticket ihr signalisiert, dass sie aussteigen muss. So landet Eva in der Hafenstadt Auteri, dem Endpunkt der Schiffsroute, und muss hoffen, dass die Bürgermeisterin bereit ist, sie für die Zeit ihrer Novizen-Quest aufzunehmen. Gerade mal einen Monat hat Eva, um zu beweisen, dass sie als Hexe einer Stadt von Nutzen sein kann – und dies, obwohl sie nur über einen Hauch von Magie verfügt und deutlich besser mit Werkzeug umzugehen weiß, als einen Zauber zu wirken.

Mit der Hilfe einiger neugefundener Freund.innen startet Eva in Auteri einen “Semi-Magical Repair Shop”, dessen Mangel an Kundschaft ihr überraschend viel Zeit lässt, um ihre neue Stadt und ihre Bewohner kennenzulernen. Dabei habe ich all die kleinen und größeren Szenen, in denen Eva neue Freunde findet, in denen sie versucht, die Probleme anderer Personen zu lösen und in denen sie hier und da eine kleinere (oder größere) Katastrophe auslöst, sehr genossen. Eva ist eine sympathische Protagonistin, die sich von ihrem Mangel an Magie nicht entmutigen lassen will. Statt großer Zauber setzt sie ihren Einfallsreichtum und ihre Hartnäckigkeit ein, um Probleme zu lösen. Und auch wenn das manchmal schiefläuft, so ist sie doch wild entschlossen, anderen zur Seite zu stehen, hilfreich zu sein und Gutes zu tun, so wie es sich für eine Hexe nun einmal gehört. Ich mochte es auch sehr mitzuverfolgen, wie Eva die Menschen in “ihrer” Stadt immer besser kennenlernt. Dabei stellt Julie Abe Eva die unterschiedlichsten Personen zur Seite, von der freundlichen Rin über den abenteuerlustigen Davy bis zur abweisenden Charlotte. Und obwohl es Eva anfangs nicht immer leichtfällt, auf diese Menschen zuzugehen, lernt sie sie im Laufe der Zeit mit all ihren Eigenheiten schätzen.

Obwohl relativ früh deutlich wird, dass am Ende der Geschichte eine große Gefahr auf die Stadt Auteri zusteuert, gehört “Eva Evergreen” eindeutig in die Kategorie “Wohlfühlbücher”. Jeder unangenehme Moment, den Eva erlebt, wird durch eine amüsante Szene (oder einen Streich von Evas Flamefox Ember) oder aber durch ein freundschaftliches/hilfreiches Gespräch mit einer der anderen Figuren aufgelockert. Außerdem habe ich es geliebt, all die kleinen Details rund um das Leben in Auteri zu lesen. Eva landet in einer verlassenen, kleinen Hütte, die traditionell den Hexen der Stadt zur Verfügung steht, und ihr “Laden” ist nicht mehr als ein Provisorium aus Holzkisten neben einer Konditorei, aber ich mochte es, wie sie aus all diesen Bedingungen das Beste machte. Außerdem gibt es in den Wochen, die sie in der Stadt verbringt, große Vorfreude auf das Lichterfest, für das Auteri berühmt ist. Und es war lustig, von all den Vorbereitungen für das Fest, den kleinen Kabbeleien zwischen einigen Ladenbesitzern und den für diesen Tag geplanten Aktivitäten zu lesen.

Ich bin mir übrigens sicher, dass es kein Zufall ist, dass einige Elemente in “Eva Evergreen – Semi-Magical Witch” an “Kikis kleiner Lieferservice” erinnern, und das nicht nur, weil das Oberhaupt der Magier-Gilde den Vornamen Hayato trägt. Aber ich muss zugeben, dass mir dieser Roman – trotz meiner wirklich großen Schwäche für den Film – deutlich besser gefallen hat als der Anime. Eva ist für mich nicht nur die sympathischere Protagonistin, ihre Welt – inklusive der Stadt Auteri – fühlt sich auch wesentlich komplexer und fantastischer an als die von Kiki. Wenn ich eine Sache an “Eva Evergreen” kritisieren müsste, dann die, dass Julie Abe die gesamte Handlung in gerade mal vier bis fünf Wochen spielen lässt, obwohl ein etwas längerer Zeitraum meinem Gefühl nach stimmiger gewesen wäre. Aber insgesamt habe ich die Geschichte einfach nur rundum genossen, regelmäßig gekichert und mich oft genug voller Spannung gefragt, wie Eva wohl mit einem auftauchendem Problem fertig werden wird. Und ich freu mich sehr darüber, dass mit “Eva Evergreen and the Cursed Witch” schon ein zweiter Band erschienen ist (auch wenn ich wohl noch ein Jahr auf die Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe warten werde).

Amy Wilson: Lightning Falls

“Lightning Falls” ist die neuste Veröffentlichung von Amy Wilson und die perfekte Lektüre, um ein paar heimelig-herbstliche Stunden mit einem Buch zu verbringen. Die Protagonistin Valerie wurde vor zehn Jahren von Lord Rory auf dem Friedhof seines Anwesens “Lightning Falls” gefunden. “Lighning Falls” ist ein Geisterhaus, und bei den Bewohnern handelt es sich zum Großteil um die verstorbenen Familienmitgliedern und Bediensteten des Hauses. So ist es kein Wunder, dass Lord Rory vor allem damit Geld verdient, dass er sein Haus an Gäste vermietet, die sich gern einmal gepflegt gruseln möchten. Doch Valerie ist anders als die anderen Bewohner des Hauses, denn sie ist ein “Hallowed Ghost”, ein Geist, der altert und Nahrung benötigt und trotzdem durch Wände gehen und sich unsichtbar machen kann. Valerie liebt das Leben in “Lightning Falls” sehr, und nur manchmal fragt sie sich, wie es überhaupt dazu kam, dass sie als Kleinkind auf dem Friedhof gefunden wurde.

Erst als ein geheimnisvoller Junge auftaucht und behauptet, dass Valerie – genau wie er selbst – aus einer anderen, einer magischen Welt stammt, fängt das Mädchen an, all die Informationen, die es bislang über sein Leben hatte, zu hinterfragen. Nach und nach deckt Valerie diverse kleinere und größere Geheimnisse rund um “Lightning Falls” und seine Bewohner auf, und am Ende benötigt sie die Hilfe ihrer gesamten Familie, um ihrer aller Existenz zu retten. Diese kleine Zusammenfassung klingt jetzt dramatischer, als die Geschichte rund um Valerie wirklich ist, denn obwohl wirklich das Fortbestehen einer Welt auf dem Spiel steht, liest sich “Lightning Falls” recht entspannt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht weniger die Gefahr, in der alle schweben, als das Verhältnis zwischen Valerie und ihrer ungewöhnlichen “Pflegefamilie”. Dabei hat Amy Wilson mit dem Geisterhaus, in dem die Protagonistin aufwächst, eine großartige Kulisse für ihre Geschichte geschaffen.

Ich habe es sehr genossen, von all den verschiedenen Geistern, ihren Aufgaben im Haus und ihrem Verhältnis zu Valerie zu lesen. Besonders eng fühlt sich Valerie mit Meg verbunden, die so etwas wie eine Schwester für sie ist. Ich mochte es sehr, dass die Autorin dabei aufzeigt, wie sich das Verhältnis zwischen Valerie und Meg im Laufe der Zeit verändert hat. Denn während Meg als “normaler” Geist nicht weiter altert, ist Valerie inzwischen zu einem Teenager geworden, was die beiden Mädchen ungefähr gleich alt erscheinen lässt, obwohl Meg jahrelang dabei geholfen hat, Valerie aufzuziehen. Die gegenseitige Unterstützung, die sich Meg und Valerie zukommen lassen, ist einfach wunderschön zu verfolgen. Ebenso hat es mir gefallen, wie Amy Wilson dafür sorgt, dass sich das dunkle und unheimliche Geisterhaus beim Lesen so sehr nach “Zuhause” anfühlt. Für mich ist “Lighning Falls” ein Ort, den ich mir als perfekte Unterkunft für ein gemütliches Halloween-Wochenende vorstellen könnte. 😉

Die fantastische Welt Orbis hingegen ist deutlich strahlender, ein magischer Ort voller Farben und wundervoller Dinge – was aber auch dazu führt, dass diese Welt so viel zerbrechlicher wirkt als die, in der Valerie aufgewachsen ist. Ich mochte den Gegensatz zwischen diesen beiden Welten, aber ich muss zugeben, dass sich “Lightning Falls” für mich – trotz aller Gefahren – deutlich heimeliger anfühlte, weshalb ich die Szenen, die dort spielten, auch etwas mehr genossen habe. So ist es auch das Geisterhaus, das beim Lesen meine Fantasie anregte und dafür sorgte, dass ich mich fast ein bisschen ärgerte, weil sich der Roman so zügig lesen ließ und die Handlung deshalb viel zu schnell vorbei war. Ich wollte “Lighning Falls” und seine Bewohner einfach nicht verlassen, und ich hätte gern noch viel mehr über Valerie und ihre Zukunft zwischen zwei so unterschiedlichen Welten gelesen. Wenn ihr also auf der Suche nach einem flüssig zu lesenden Wohlfühlbuch voller Geister und anderer fantastischer Elemente seid, bei dem die Geschichte in einem großartigen düsteren Haus spielt und das eine ungewöhnliche Adoptivfamilie zum Thema hat, dann kann ich euch “Lightning Falls” nur ans Herz legen.

Amy Sparkes: The House at the Edge of Magic

“The House at the Edge of Magic” gehört zu den vielen Kinderbüchern, die mir so oft bei Twitter untergekommen sind, dass ich doch irgendwann schwach geworden bin. Wobei es kein Wunder ist, dass mich die Geschichte von Amy Sparkes angesprochen hat, denn ich habe ja bekanntermaßen eine Schwäche für magische Häuser und für “Found Family”-Geschichten. Die Handlung dreht sich um Nine, die als Dreijährige von “Pocket”, dem Anführer einer Bande von Taschendieben, gefunden wurde. Glücklich ist sie mit dem Leben als Taschendiebin nicht, aber bevor sie Pocket verlassen kann, muss sie erst genügend stehlen, um auch ohne die Sicherheit der Bande eine Zukunft haben zu können. Eines Tages stiehlt sie ein kleines Ornament – in Form eines Hauses – aus der Tasche einer reichen Lady. Zu Nines Überraschung verwandelt sich dieses Schmuckstück in ein richtiges (und sehr wunderlich aussehendes) Gebäude, als sie den Türklopfer betätigt, und sie erfährt, dass es nun ihre Aufgabe sei, den Fluch einer Hexe zu brechen.

Diese Hexe hat nicht nur das Haus (at the Edge of Magic) verflucht, sondern sorgt auch dafür, dass die Bewohner dieses fantastischen Gebäudes schon seit drei Jahren keinen Schritt vor die Tür gehen konnten. Aber nicht nur diese Nebeneffekte des Fluches quälen den Magier Flabberghast, seinen Haushälter-Troll Eric und ihren Gast Dr. Spoon, es gibt noch so einige andere Nachteile, wie Nine im Laufe der Zeit entdecken muss. Um dafür zu sorgen, dass Nine auch wirklich den Fluch bricht, verspricht Flabberghast ihr ein Juwel, das so kostbar ist, dass es ihr eine sorgenfreie Zukunft verschaffen kann. Was ich an Nine wirklich mochte, ist, dass sie sich von all der Magie nicht einschüchtern und beeindrucken lassen will. Manche Dinge machen ihr Angst und manche Elemente des Fluchs sind einfach nur sehr absurd, aber Nine ist grundsätzlich bereit, es mit allem aufzunehmen, wenn ihr dies eine Verbesserung ihrer Lebensumstände bringt. Dabei muss sie auch damit fertig werden, dass Flabberghast ihr – aus ganz persönlichen Gründen – nicht immer alle notwendigen Informationen zur Verfügung stellt, um die verschiedenen Schritte des fluchbrechenden Zaubers auszuführen.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch lange Zeit nur “sehr nett” fand, wobei “sehr nett” ja definitiv nichts Schlimmes ist, wenn es um unterhaltsame Kinderbücher geht. Ich habe mich wunderbar über Flabberghast, Eric und all die skurrilen und fantastischen Elemente rund um das magische Haus amüsiert. Ich habe die kleinen Szenen mit Nine und dem Bibliothekar, der fast so etwas wie ein Freund für sie ist, sehr genossen, und ich habe mich keinen Moment lang gelangweilt beim Lesen. Aber so richtig gepackt hat mich die Geschichte lange Zeit nicht, weil “The House at the Edge of Magic” sich zu wenig von anderen netten, fantastischen Kinderbüchern unterschied, die ich gelesen habe. Dann aber kamen die letzten Kapitel, in denen Nine mehr über die Hexe erfährt, die das Haus und seine Bewohner verflucht hat. Diese Hintergründe sorgten nicht nur dafür, dass ich einige der vorhergehenden Ereignisse aus einer anderen Perspektive sah, sondern auch dafür, dass ich das Ende deutlich berührender fand, als ich erwartet hätte.

Was bedeutet, dass ich mir vermutlich auch die (am Ende des Romans angekündigte) Fortsetzung besorgen werde, wenn ich mitbekomme, wenn diese veröffentlich wird. Ich hoffe, dass Amy Sparkes mich dann ebenso mit ihrer Geschichte berühren kann wie mit dem Ende dieses Romans. Ansonsten muss ich gestehen, dass mich ihre bislang erschienenen Titel wenig reizen, da sie eindeutig für ein noch jüngeres Publikum geschrieben wurden als “The House at the Edge of Magic”. Ansonsten kann ich noch mitteilen, dass es im Oktober eine deutsche Veröffentlichung des Buchs mit dem Titel “Das Haus am Rande der Magie” geben wird. Falls also jemand, der nicht so gern auf Englisch liest, neugierig auf Nines Abenteuer rund um dieses fantastische Haus geworden ist, gibt es in wenigen Wochen die Chance, trotzdem die Geschichte zu lesen.

L. D. Lapinski: The Strangeworlds Travel Agency

“The Strangeworlds Travel Agency” von L. D. Lapinski gehört zu den Büchern, um die ich eine ganze Weile herumgeschlichen bin, weil ich mir nicht sicher war, ob es was für mich sein würde. Grundsätzlich mag ich ja fantastische Middle-Grade-Geschichten, aber die Sache mit den vielen verschiedenen Welten und dem Reisen durch Koffer hatte mich etwas abgeschreckt. Als dann aber Anfang des Jahres so viel Werbung rund um den zweiten Titel (“The Edge of the Ocean”) gemacht wurde, bin ich doch schwach geworden und kann inzwischen sagen, dass meine Vorurteile sich nicht bestätigt haben- was wohl daran liegt, wie die Autorin die magischen Elemente ihrer Geschichte vorstellt. Nach einem kleinen Einblick in Jonathan Mercators Alltag als Custodian der fantastischen Strangeworlds Society lernt man durch die Augen der zwölfjährigen Flick (Felicity Hudson) die Strangeworlds Travel Agency kennen und erfährt ein bisschen mehr über die Hintergründe des Multiversums und der Spalten (Schism), die – in Koffern eingeschlossen – das Reisen in andere Welten ermöglichen.

Ich mochte Flicks Perspektive sehr gern und fand es schön mitzuerleben, wie sie durch die Bekanntschaft mit Jonathan einen Weg findet, um ihrem doch recht verantwortungsvollen Alltag zu entfliehen. Flicks Leben ist definitiv nicht schlecht, sie liebt ihre Familie und sie versteht, dass ihre Eltern ihr so viele Pflichten aufbürden, weil sie keine andere Wahl haben. Aber natürlich wäre es ihr deutlich lieber, wenn sie sich nicht täglich um die Wäsche, das Essenkochen und andere Sachen kümmern müsste und stattdessen einfach freie Zeit für sich hätte. Flick träumt schon seit Langem davon, Fernreisen zu unternehmen, und Jonathan lässt diesen Traum für sie wahr werden – dafür muss sie nur ein paar Stunden Zeit freischaufeln, in denen sie dann ein ganz besonderes Abenteuer erleben kann. Doch natürlich ist nicht alles rund um die Strangeworlds Society eitel Sonnenschein. Von Anfang an wird deutlich, dass Jonathan mit seiner ererbten Aufgabe ziemlich überfordert ist und dass das Verschwinden seines Vaters mit seltsamen Vorfällen im Multiversum zusammenhängt. Auch gibt es immer wieder Momente, in denen seine Erklärungen und Erzählungen Lücken aufzuweisen scheinen, von denen einem beim Lesen natürlich bewusst ist, dass diese Auslassungen noch gravierende Folgen für ihn und Flick haben werden.

So schwingt selbst bei den heiteren, magischen Momenten immer eine Spur von Bedrohlichkeit mit, die ich persönlich sehr genossen habe. Mir gefiel diese Mischung aus amüsanten Szenen und Andeutungen von drohender Gefahr, ebenso wie der Kontrast aus Flicks sehr pragmatischem Alltag und all den wundervollen und fantastischen Dingen, die sie beim Reisen erleben darf. Dazu kommt noch, dass L. D. Lapinski mit Flick und Jonathan glaubwürdige Figuren geschaffen hat, die grundsätzlich liebenswert, aber definitiv nicht ohne Fehler und Macken sind. Die wachsende Freundschaft zwischen den beiden ist wirklich schön zu verfolgen, ebenso wie das Kennenlernen all der Bekanntschaften, die Flick (und Jonathan) im Laufe der Zeit in den anderen Welten machen. Ich muss gestehen, dass ich sehr hoffe, dass einige dieser Nebenfiguren in den weiteren Bänden noch eine Rolle spielen werden, denn ich habe viele dieser Charaktere ins Herz geschlossen. Insgesamt habe ich mich von “The Strangeworlds Travel Agency” wirklich gut unterhalten gefühlt, weshalb ich mich schon sehr auf die kommenden beiden Teile der Trilogie freue und gespannt bin, welche Entdeckungen es noch rund um diese ungewöhnliche Society geben wird.

Oh, und auf Deutsch gibt es den ersten und zweiten Band auch schon mit den Titeln “Strangeworlds – Öffne den Koffer und spring hinein!” und “Strangeworlds – Reise ans Ende der Welt”. Ich verkneife mir an dieser Stelle erneut eine Anmerkung zu den deutschen Titeln … *seufz*

Lesezeit (1) – Das Elfenbeintor

In letzter Zeit denke ich ständig beim Blick ins Regal, dass ich dieses oder jenes Buch gern mal wieder lesen würde, greife dann aber doch erst einmal zu einem anderen Roman. Um mir in Zukunft regelmäßig Zeit für ältere Titel zu nehmen, die ich seit (mindestens) zehn Jahren nicht mehr gelesen habe, gibt es also in den nächsten Wochen die “Lesezeit”-Beiträge auf dem Blog. Ich fand es so nett, als ich mit Sayuri zusammen die Deborah-Crombie-Romane gelesen und dabei immer wieder meine Gedanken festgehalten habe, dass ich das gern auch für andere ältere Bücher machen mag. Gerade bei Geschichten, die ich früher häufiger gelesen habe, wird es spannend zu sehen, ob sie mir immer noch so gut gefallen oder ob ich mit einigen Jahren Abstand eine ganz andere Sicht auf die Handlung und die Charaktere haben werde.

Heute geht es los mit “Das Elfenbeintor”, dem ersten Band des Ivory-Zyklus (genauer gesagt Trilogie) von Doris Egan. Ich habe schon vor einiger Zeit zu der Autorin recherchiert und dabei festgestellt, dass sie nach dieser Trilogie nur noch ein weiteres Buch veröffentlicht – und danach wohl die Finger von den Romanen gelassen hatte. Stattdessen hat sie Karriere als Autorin und Produzentin von TV-Serien gemacht und überraschend viele Serien an denen sie mitgewirkt hat, habe ich sogar gesehen, was ich lustig finde. “The Gate of Ivory”, wie “Das Elfenbeintor” im Original heißt, wurde 1989 bei DAW Books veröffentlicht, 1994 kam dann die deutsche Ausgabe bei Heyne heraus – das war auch das Jahr, in dem ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe.

Links ein Buch mit altmodischem SF-Cover und dem Titel "Das Elfenbeintor", rechts kann man eine große Tasse mit Milchkaffee erahnen und dazwischen steht eine kleine Schale mit vier Schokowaffeln.

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Sehr weit bin ich in den 45 Minuten, die ich mir heute Nachmittag zum Lesen freigehalten habe, nicht gekommen, aber ich habe die ersten drei Kapitel von “Das Elfenbeintor” geschafft. Es ist seltsam die Geschichte ungefähr 15 Jahre, nachdem ich das Buch das letzte Mal gelesen habe, wieder neu zu entdecken. Es gibt so viele Elemente, an die ich mich erinnern kann, und trotzdem fühlt es sich fast so an, als ob ich den Roman noch nicht kennen würde. Ich mag diese Mischung aus Vertrautheit und Neuentdecken beim Lesen eines älteren Buches. 🙂 An die Ausgangssituation und den Hintergrund der Protagonistin Theodora konnte ich mich noch gut erinnern. Sie ist auf dem Planeten Pyrene aufgewachsen, auf dem das Leben sehr organisiert ist und wo Kinder nicht von ihren Familien, sondern in Erziehungsstätten aufgezogen werden. Mit zwölf Jahren bekam sie ein Stipendium für ein Studium auf Athena, was Theodora als willkommende Gelegenheit sah, um all ihre Verbindungen zu Pyrene vollständig zu kappen. Zwei Jahre vor Beginn der Geschichte strandete sie (während einer Reise, die sie mit anderen Studenten unternahm,) auf dem Planeten Ivory. Seitdem versucht Theodora irgendwie genügend Geld zu verdienen, um ein Rückflugticket nach Athena zu bezahlen, doch ohne Geld, Ausweis oder gar die passenden Verbindungen stehen ihr nur begrenzte Möglichkeiten zur Verfügung. Weshalb das Arbeitsangebot des Zauberers Ran Cormallon wie ein Geschenk des Himmels wirkt, bis Theodora miterleben muss, wie ein – vermutlich durch einen Zauber verursachtes – Feuer ihr Herbergszimmer (und noch schlimmer ihr Erspartes vernichtet).

Das ist ungefähr der Punkt, an dem ich gerade in der Handlung bin, und ich mag Theodora mit ihrer Mischung aus Pragmatismus und Unsicherheit gegenüber den Gepflogenheiten von Ivory, während ich Ran schwierig finde. Er ist nicht unsympathisch, aber er ist nicht nur ein Zauberer, sondern gehört auch zu den (einfluss-)reichsten Familien des Planeten, obwohl er kein Adeliger ist. Und er ist natürlich von den gesellschaftlichen Regeln Ivorys geprägt und das bedeutet, dass er skrupellos mordet, dass Rache für ihn eine selbstverständliche Handlung ist und das einzig relevante Element bei beiden ist, dass es “kunstvoll” ausgeführt wird. Ivory selber ist eine seltsame Mischung aus (importierten) Technologien, (für die Reichen alltäglicher) Magie und einer asiatisch anmutenden historischen Gesellschaft. Wobei Doris Egan darauf verzichtet hat, sich an einem bestimmten Land zu orientieren, was dazu führt, dass die Atmosphäre vage an “historisch und asiatisch” erinnert, ohne dass ich beim Lesen die ganze Zeit ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Epoche im Hinterkopf habe. Bislang finde ich es auf jeden Fall nett die Geschichte wiederzuentdecken. Lustigerweise frage ich mich die ganze Zeit, ob eine bestimmte Szene mit einem … Heilkundigen eigentlich in diesem Band oder erst in einem der nächsten beiden Teile vorkommen wird. Ich werde nicht vorblättern, um das rauszufinden, aber diese Frage lenkt mich doch ein bisschen ab. *g*

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Mittwoch (18.08.) – Kapitel 4 bis 6

In den letzten Tagen habe ich mir keine Zeit für “Das Elfenbeintor” genommen – was okay ist, denn bei diesem Reread habe ich nicht das Bedürfnis schnell die Handlung zu erleben, sondern hänge lieber mit meinen Gedanken bei den kleinen Elementen der Geschichte. So habe ich mich gefragt, ob die Autorin sich eigentlich mehr Hintergründe zum Leben auf Pyrene gemacht hatte, als die wenigen Details, die die Protagonistin mit dem Leser teilt. Es gibt so viele verschiedene Romane, in denen Gesellschaften vorkommen, in denen die Kinder nicht von den Eltern aufgezogen werden, aber normalerweise gibt es zumindest eine Andeutung für den Leser, die erklärt wie es überhaupt zu diesen Kindern kommt. Weshalb ich mich also gefragt habe, ob es überhaupt so etwas wie “Ehe” auf Pyrene gibt, ob Kinder von Menschen ausgetragen oder in künstlicher Umgebung gezeugt werden und heranwachsen. Es frustriert mich ein bisschen, dass Doris Egan mich mit so vielen Fragen zurücklässt, vielleicht, weil ich vermute, dass die Autorin sich dazu keine Gedanken gemacht hatte, sondern einfach nur eine grobe Erklärung dafür haben wollte, dass Theodora so wenig Ahnung vom Leben auf Ivory und stattdessen einen anderen Bildungshintergrund als die Einheimischen hat.

Oh, und ich musste immer wieder daran denken, dass Theodora überhaupt nur den Job als Kartenleserin von Ran bekommen hat, weil Ran als Zehnjähriger seine Großmutter verärgert hatte, indem er behauptete, er würde niemals heiraten. Da sie der Ansicht war, dass selbst ein Zehnjähriger seine Pflicht gegenüber der Familie kennen sollte, hat sie dafür gesorgt, dass er für den Rest seines Lebens von einer Frau abhängig sein wird, um seine Magie zu wirken. Ich mag diese kleine Geschichte, weil sie – wie ich finde – amüsant ist, sehr viel über Rans Charakter und über die Gesellschaft, in der er lebt, aussagt.

Es ist schon lustig, welche Elemente mich beim Lesen stören. Ich kann mit dieser seltsamen Mischung aus (importierter) Technik, altmodischen Gebräuchen und Magie leben, aber ich ärgere mich darüber, dass Theodora beim ersten Aufeinandertreffen mit einem Pferd vollkommen verwirrt ist, weil sie es sich ganz anders vorgestellt hatte. Erst einmal frage ich mich wie es sein kann, dass all die Bücher, die sie während des Studiums gelesen hat, unbebildert waren, und dann wie es sein kann, dass sie so viele Geschichten mit Pferden gelesen hat, aber in keiner dieser Geschichten Beschreibungen der Tiere vorkamen … *grummel*

Alles in allem beinhalteten die heutigen drei Kapitel vor allem Vorstellung von Rans Familie, eine etwas quengelige Protagonistin, eine Entführung und eine Runde mit unpersönlichem Sex, um dann mit einem Brandanschlag zu enden. Alles ganz unterhaltsam, wenn ich nicht zu kritisch lese, aber so langsam wird es Zeit, dass sich in der Handlung was bewegt. 😉

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Mittwoch (25.08.) – Kapitel 7 bis 9

Wenn es so weitergeht, dass ich gerade mal drei Kapitel pro Woche lese, habe ich noch ein bisschen Zeit mit diesem Buch vor mir. *g* Aber das ist okay, ich teile meine Aufmerksamkeit gerade eh lieber auf mehrere Bücher auf.

Das siebte Kapitel beginnt mit einer Szene, die ich sehr mag. Theodora wacht nach dem Brandanschlag auf und fühlt sich überraschend gut. Als sie mit Ran und seiner Schwester Kylla redet, erfährt sie, dass zwei Personen sie behandelt haben. Ein Heiler aus den Bergen von Ivory, der meinte, sie bekäme nicht genügend Bewegung und “lebe nicht genug in ihrem Leib”, und einen Arzt aus Tellys (ein wissenschaftlich-technischer Planet), der meinte, sie hätte eine Gehirnerschütterung und Verbrennungen zweiten Grades. Als der Arzt ging hatte sie immer noch eine Gehirnerschütterung und Verbrennungen, als der Heiler ging waren ihre Verletzungen geheilt … Ran ist dabei ziemlich genervt davon, dass die Heiler in den Bergen anscheinend über eine Magie verfügen, von der er noch nie gehört hat. Außerdem gab es in einem Gespräch zwischen Theodora und Rans Bruder Eln Informationen zu eventuellen Hintergründen zur Magie auf Ivory – die vielleicht durch wissenschaftliche Experimente und Genmanipulationen an von Außerirdischen “mitgenommenen” Menschen verursacht wurde. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass dieser Teil irgendeine Rolle in der Geschichte spielt (was vermutlich daran liegt, dass ich das komplett vergessen hatte), aber für die Protagonistin ist das der Anlass sich darüber Gedanken zu machen, ob sie und die Menschen von Ivory überhaupt noch der selben Spezies angehören … Äh … ich nehme das mal so hin, finde es aber überraschend wenig überzeugend. 😉

Es ist schon faszinierend, dass ich die Geschichte momentan mit einer Mischung aus “angenehmer Vertrautheit” und “skeptischen Blick auf nicht so fundierte Elemente der Handlung” lesen kann, ohne dass ich mich über Letzteres ärgere. Es zeigt mir eher, wie sehr sich mein Lesen in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat. Was ich aber weiterhin genießen kann, sind die kleinen zwischenmenschlichen und häufig amüsanten Momente. Manchmal ist es nur eine flüchtige Beobachtung, die Theodora macht, aber andere unterhaltsame Momente entstehen aus ihrer Unkenntnis der Gesellschaft, weil sie nicht genug Informationen hat oder weil die Einheimischen andere Erwartungen an sie setzen als an ihre Nachbarn. Diese Szenen mag ich wirklich sehr! Außerdem zieht die Handlung endlich an und Theodora und Ran sind auf sich allein gestellt im Hinterland unterwegs. Theodora hat gerade einen Job gefunden, mit dem sie in den kommenden Wochen vielleicht für sich und Ran sorgen kann, wenn sie ihre Tätigkeit denn überlebt … *g*

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Mittwoch (01.09.) Kapitel 10 bis 14

Oh, das zehnte Kapitel beginnt mit der Begegnung zwischen Theodora und dem “Masseur” (genauer gesagt Heiler), an den ich mich noch so gut erinnern konnte. Wenn ich an die Ivory-Bücher denke, dann ist das immer der Teil der Handlung, an den ich mich als erstes erinnere, und die Atmosphäre, die ich gesucht habe, als ich das Buch nach so vielen Jahren wieder aus dem Regal zog. Naja, das und die Tatsache, dass ich herausfinden wollte, ob ich die Romane weiterhin so sehr mag, dass sie Platz in der Wohnung einnehmen dürfen. 😉 An den Alten Mann von der Insel Kato konnte ich mich auch nicht mehr erinnern, dabei ist er so ein wunderbarer Charakter! Auf jeden Fall finde ich es faszinierend, dass so ein kleiner Teil der Handlung so einen langanhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat und in meiner Erinnerung für die gesamte Trilogie steht.

Es gibt eigentlich relativ wenig Szenen in dem Roman, die einem als Leser einen Einblick in das Denken anderer Figuren als Theodora bieten. Aber ich mag die Momenten, in denen Theodora auf “problematische” oder “feindliche” Personen trifft und in denen sie sich gemeinsam mit ihrem Gegenüber eine Auszeit von all den schwierigen Themen gönnt und stattdessen einfach zusammen schweigen oder sich gegenseitig Geschichten erzählen. Wenn ich ehrlich bin, dann reicht die (bisherige) Handlung in “Das Elfenbeintor” eigentlich nicht für einen Roman, aber all diese kleinen zwischenmenschlichen Momente sorgen dafür, dass ich die Geschichte trotzdem mag und es nett finde, dass ich das Buch in diesen kleinen Nachmittagsportionen wiederentdecken kann.

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Mittwoch (08.09.) Kapitel 15 bis Ende

Ich mag es sehr, wie schlüssig Theodoras Entwicklung bis zum Ende des Romans von Doris Egan dargestellt wird. Wie Theodora Tag für Tag versucht Kompromisse zu finden zwischen den Ansichten und Lebensweisen, mit denen sie aufgewachsen ist bzw. die sie auf Athena gelernt hat, und denen, die auf Ivory üblich sind. Und am Schluss steht sie da und findet heraus, wie sehr all diese Kompromisse sie selbst verändert haben. Dass sie – egal, wie sehr Theodora versucht hat sich dies einzureden – nicht mehr dieselbe Wissenschaftlerin ist, die vor Jahren auf einem für sie barbarisch wirkenden Planeten strandete. Inzwischen ist sie selbst deutlich “barbarischer” geworden, als sie es sich je hätte vorstellen können, und das führt dazu, dass Theodora am Ende nicht so recht weiß, wohin sie gehört. Was sich irgendwie bitter, aber nicht entmutigend anfühlt. Oh, und obwohl es kein glückliches Ende gibt, gelingt es der Autorin, dass ich mit einem Schmunzeln das Buch aus der Hand lege – was mit ein Grund dafür ist, dass ich die Reihe in all den Jahren in so guter Erinnerung behalten habe. “Das Elfenbeintor” hat so einige kritisierenswerte Punkte, aber insgesamt finde ich die Geschichte ungewöhnlich und die Erzählweise der Autorin auch nach all den Jahren immer noch ansprechend genug, dass die Reihe weiterhin einen Platz in meinem Regal verdient hat. Und das ist ehrlich gesagt mehr, als ich beim ersten Anlesen erwartet hätte. 😉

Gail Carson Levine: A Tale of Two Castles

Über die Autorin Gail Carson Levine bin ich schon früher gestolpert, aber bislang haben mich ihre Geschichten nicht gereizt, obwohl märchenhafte Fantasy ja eigentlich genau mein Ding ist. Bei “A Tale of Two Castles” hat mich dann der Hinweis auf ein zu lösendes Geheimnis rund um einen gestaltwandelnden Oger dazu gebracht, dem Roman eine Chance zu geben. Die Geschichte beginnt damit, dass sich die zwölfjährige Elodie auf den Weg in die Stadt “Two Castles” macht, weil sie hofft, dass sie dort eine Lehrstelle finden wird. Dabei muss man wissen, dass das “Ausbildungssystem” in diesem Land ganz traditionell darauf basiert, dass die Lehrlinge ihre Meister für ihre Ausbildung bezahlen. Je mehr Geld jemand zahlen kann, desto kürzer die Ausbildungszeit, je weniger Geld, desto länger. Elodie hat keinerlei Geld, das sie in eine Ausbildung investieren könnte, und hofft, dass sie jemanden findet, der sie ohne Gebühr für zehn Jahre in seinen Dienst nimmt. Genau genommen hofft sie, dass sie eine Stelle als Schauspieler-Lehrling findet, denn davon träumt sie, seitdem ein ehemaliger Schauspieler auf der Farm ihrer Eltern gelandet ist und ihr von seinem früheren Leben erzählt hat.

Doch da ihr Schiff aufgrund einer Flaute aufgehalten wird, kommt Elodie zu spät für die Ausbildungsmesse in Two Castles an und muss froh sein, dass sie kurz darauf einen Platz als Assistentin von Meenore findet. Meenore ist als Drache (Drachen werden mit dem Pronomen IT bzw. ES bzeichnet) berühmt für Geiz und launisches Temperament, doch Elodie findet sich relativ schnell in ihrem neuen Arbeitsumfeld zurecht. Während Meenore den Lebensunterhalt in der Regel mit dem Verkauf von durch die Drachenflamme erhitzten Brot-und-Käse-Leckereien verdient, interessiert ES sich eigentlich vor allem für das Lösen von Rätseln und Verbrechen. So wird Elodie schnell von Meenore in das Rätsel rund um den Oger Count Jonty Um verwickelt, der eigentlich nur auf der Suche nach seinem Lieblingshund ist, während ES vermutet, dass das Leben des Counts in Gefahr ist. Denn der sanftmütige Oger wird vom Stadtvolk wegen der schrecklichen Taten seiner Eltern gefürchtet, und die Tatsache, dass der König seine Tochter mit Count Jonty Um verlobt hat, sorgt dafür, dass die Bevölkerung davon ausgehen muss, dass der Oger in Zukunft auf dem Thron sitzen wird.

Ich muss gestehen, dass ich mit “A Tale of Two Castles” nicht so ganz glücklich war. Der Roman war nett zu lesen, hat mich aber nicht wirklich gepackt – was man schon allein daran sehen konnte, dass ich für so eine eigentlich locker zu lesende Geschichte über eine Woche Lesezeit gebraucht habe. Es gab so viele unstimmige und unausgewogene Elemente in dem Buch, dass ich mich stellenweise wirklich geärgert habe – gerade weil eigentlich viele dieser Elemente zu den Dingen gehören, die ich an fantastischen Geschichten für Kinder so sehr mag. Auf der einen Seite gab es zum Beispiel sehr viele “häusliche Szenen” mit Meenore und Elodie, die heimelig, alltäglich und eigentlich schön zu lesen waren, die aber auf der anderen Seite so gar nicht zum “Krimianteil” der Handlung passten. Gerade in der zweiten Hälfte des Romans, als das Leben des Counts wirklich in Gefahr schwebte, hätte ich einen deutlichen Anzug des Erzähltempos erwartet anstelle weiterer Beschreibungen von Essen und Möbeln.

Ein weiteres Problem war für mich, dass Gail Carson Levine zwar versucht, ein realistisches Bild vom Leben eines armen Mädchens wie Elodie zu zeichnen (so hungert Elodie während der letzten zwei Tage ihrer Schiffsreise und ist bei ihrem Vorsprechen bei den Schauspielern so hungrig, dass sie an nichts anderes denken kann als an den Apfel, der auf dem Tisch liegt). Aber auf der anderen Seite schweben selbst die Personen und Tiere, die im Laufe der Handlung vergiftet oder verletzt werden, nie spürbar in Lebensgefahr. Eine Geschichte, in der niemandem etwas Schlimmes passiert, obwohl die gesamte Stadt der Willkür des Königs ausgesetzt ist, ein Giftmischer sein Unwesen treibt und Spione eines feindlichen Königreiches unterwegs sind, ist für mich als Leser einfach nicht glaubwürdig – selbst wenn die angestrebte Zielgruppe sehr jung sein sollte.

So kam es auch, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die Autorin wüsste selbst nicht so genau, für welches Alter ihre Geschichte sein sollte. Es gab so viele alberne und durchschaubare Elemente, die ich eher bei einer Veröffentlichung für Leseanfänger erwartet hätte, aber eben auch einige Dinge, die eher für Teenager geeignet gewesen wären, weil sie Wissen voraussetzen, über das ein Leseanfänger in der Regel noch nicht verfügt. Alles in allem war ich – obwohl ich zum Beispiel Meenore als Figur sehr mochte – regelmäßig ziemlich irritiert beim Lesen von “A Tale of Two Castles”. Ich weiß nicht, ob diese Probleme auch in anderen Veröffentlichungen von Gail Carson Levine auftauchen oder ob ich einfach nur ein nicht so gutes Buch von ihr in die Finger bekommen habe. Auf jeden Fall werde ich nach diesem ziemlich unbefriedigenden Leseerlebnis wohl so schnell keine weiteren Geschichten von Gail Carson Levine lesen.

Jasmine Gower: Moonshine

“Moonshine” von Jasmine Gower saß drei Jahre auf meinem SuB, bis ich es endlich auf die Reihe bekam, den Roman zu lesen, obwohl ich das Versprechen auf eine fantastische Geschichte mit einer Flapper-Protagonistin eigentlich sehr reizvoll fand. Laut Klappentext spielt die Handlung in einer fantastischen Version des 1920er-Chicago. Wobei ich vermute, dass der Vergleich vor allem deshalb gewählt wurde, weil Chicago so sehr mit organisiertem Verbrechen in Verbindung gebracht wird. Für mich fühlte sich der Schauplatz Soot City beim Lesen an, als wäre er deutlich weniger “großstädtisch” und industriell, als es Chicago in den 1920er Jahren war, aber wenn ich von diesem Punkt absehe, habe ich die versprochene Flapper-Fantasy-Geschichte bekommen, die im Klappentext angekündigt wurde.

Die Protagonistin Daisy ist ein “Modern Girl” – selbstständig, selbstbewusst, geht mit der Mode und ist wild entschlossen, sich ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, auch wenn das nicht immer einfach ist. So freut sie sich zu Beginn des Buchs sehr darüber, dass sie einen neuen Arbeitsplatz als Sekretärin gefunden hat, und bleibt auch bei ihrem neuen Arbeitgeber, als sie herausfindet, dass dieser eine Scheinfirma betreibt. Diese Firma dient dazu, die Einnahmen zu waschen, die durch Mana-Schmuggel und eine Flüsterkneipe in Soot City produziert werden. Denn obwohl Magier in Soot City relativ ungestört leben können, ist die Ausübung von Magie und erst recht der Vertrieb von Mana, das von den Magiern benötigt wird, verboten. Was natürlich dazu führt, dass es einen blühenden illegalen Handel mit diesem magischen Stoff gibt – vor allem, da dieser bei Nichtmagiern zu rauschartigen und süchtig machenden Zuständen führt. Daisy nimmt es recht gelassen hin, dass sie nun für eine Gruppe von Verbrechern arbeitet, und freundet sich schnell mit ihren neuen Kollegen an. Als dann aber jemand Anschläge auf Daisy und ihre Freunde verübt, muss sie entscheiden, ob sie es riskiert, dass jemand von ihrer ganz eigenen Magie erfährt, während sie diese zum Schutz der anderen einsetzt.

Es gab viele Elemente, die ich an “Moonshine” wirklich mochte. Mir gefiel das Setting in Soot City, einer Stadt, die durch die vielen Vulkane in der Nähe ständig voller Ruß ist, deren Technologien auf der Ingenieurskunst von Ogern basieren (über diesen Teil hätte ich gern noch viel mehr erfahren) und die sich fast täglich weiterentwickelt – was gerade für die ärmeren Bewohner der Stadt auch mit einigen Ängsten und Verlusten einhergeht. Mir hat es auch zugesagt, dass die Autorin ganz selbstverständlich unterschiedliche queere Figuren in ihrer Geschichte vorkommen lässt, ohne dass ihre Queerness dabei wirklich ein Thema wäre. Und mir hat es gefallen, dass die Handlung nicht nur aus Daisys Perspektive, sondern auch aus der von Ming erzählt wird – gerade weil Ming überraschend sympathisch ist, obwohl sie die Assassinin ist, die Daisy und ihre Freunde bedroht.

Allerdings gab es auch einige Punkte, die mir persönlich nicht so gut gefallen haben. So fand ich Daisy ein bisschen zu perfekt, ein bisschen zu gelassen, wenn es um die Verbrechen ihrer Kollegen ging, und ein bisschen zu “einzigartig”, was ihre Magie anging. Auch gefiel es mir nicht, dass es für Daisy und ihre Freunde überhaupt kein Problem zu sein scheint, dass eine von ihnen nur so lange eine bezaubernd charismatische Persönlichkeit an den Tag legt, wie alles nach ihren Wünschen abläuft. Dieselbe Person wird wenig später im Buch als jemand beschrieben, der so engagiert dabei ist, wenn es darum geht, jemanden zu foltern, dass sie schnell mal Grenzen überschreitet. Ich kann verstehen, dass Daisy diese Person anfangs toll findet, aber spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem sie von der “dunkleren Seite” dieser Figur erfährt, erwarte ich, dass sich ihr Verhältnis zu diesem Charakter ändert – vor allem, da Daisy sonst immer als jemand dargestellt wird, der bestimmte moralische Regeln nicht überschreiten würde. Der letzte Punkt, der mich nicht überzeugen konnte, war die “Liebesgeschichte”, die sich zwischen Daisy und ihrem Vorgesetzten entwickelt. Es wird zwar immer wieder von ihren Kolleginnen gesagt, dass er etwas für Daisy zu empfinden scheint, aber das hat nicht dafür gereicht, dass ich das Gefühl bekam, dass sich da eine Art von Beziehung entwickeln würde.

Trotz dieser Kritikpunkte habe ich mich wirklich gut von “Moonshine” unterhalten gefühlt und den Roman gern gelesen. Mir hat die ungewöhnliche Herangehensweise von Jasmine Gower an eine solche Geschichte gefallen, ich hätte gern noch viel mehr über ihre fantastische Welt erfahren, und es gab einen Haufen (Neben-)Charaktere, die ich wirklich ins Herz geschlossen habe. Ich hoffe, dass ein paar der Dinge, die mir negativ aufgefallen sind, darauf zu zurückzuführen sind, dass “Moonshine” der Debütroman der Autorin war, was mir die Hoffnung gibt, dass sie in einer weiteren Veröffentlichung eine – für mich – rundere Darstellung ihrer Charaktere präsentieren wird. Insgesamt wäre ich definitiv bereit, zu einer Fortsetzung von “Moonshine” zu greifen, weil ich wirklich gern noch mehr Geschichten rund um Soot City und all die Entdeckungen rund um Magie, die in diesem Roman gemacht wurden, lesen würde. Da aber bislang noch keine Fortsetzung in Sicht ist, können wir wohl leider davon ausgehen, dass es keine weiteren Bücher in diese Welt von Jasmin Gower geben wird.