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Rachel Caine: Working Stiff (Revivalist 1)

Bislang habe ich mich eigentlich mit allen Romanen, die ich von Rachel Caine gelesen habe, gut unterhalten gefühlt, aber „Working Stiff“ konnte mich nicht so recht überzeugen. Die Handlung dreht sich um Bryn Davis, die nach einigen Jahren in der US-Armee ihren ersten zivilen Job in einem Bestattungsinstitut antritt. Nach all der Zeit, in der sie mit Kriegsopfern zu tun hatte, weiß sie, dass sie mit Leichen ebensowenig wie mit Trauer ein Problem hat. Außerdem geht sie davon aus, dass die Beschäftigung in einem Bestattungsinstitut ihr einen ruhigen und langfristigen Arbeitsplatz sichern wird. Doch bedauerlicherweise betreibt ihr neuer Arbeitgeber Mr. Fairview ein kleines illegales Nebengeschäft, das dafür sorgt, dass Bryn gleich an ihrem ersten Arbeitstag getötet wird.

Grundsätzlich habe ich ja kein Problem mit toten Protagonistinnen, davon gibt es ja so einige in den diversen Urban-Fantasy-Romanen, aber hier ist nicht Magie die Ursache für Bryns weitere Existenz, sondern eine Chemikalie mit dem Namen „Returné“, die ihren Körper weiterhin „normal“ funktionieren lässt, solange sie einmal am Tag damit versorgt wird. Doch um weiterhin Zugang zu Returné zu haben, muss Bryn für die herstellende Pharmafirma herausfinden, wer Mr. Fairview illegal mit der Chemikalie versorgt und welche seiner Kunden der Bestattungsunternehmer damit behandelt hat. Dieser Auftrag ist natürlich nicht so einfach zu erfüllen, und so muss sich Bryn nicht nur mit dem Alltag des Bestattungsgeschäfts herumschlagen, sondern auch mit skrupellosen Wissenschaftlern, paranoiden Ex-FBI-Angestellten und einer neugierigen kleinen Schwester.

Ich muss zugeben, dass „Working Stiff“ in meinen Augen gleich mehrere Probleme mit sich bringt. So fand ich die Handlung über weite Strecken nicht besonders spannend, weil es recht lange dauerte, bis die Grundsituation aufgebaut und alle wichtigen Charaktere vorgestellt waren. Aber eine eher langsam voranschreitende Geschichte stört mich normalerwiese nicht, wenn ich die Figuren sympathisch finde und genügend unterhaltsame Szenen geboten bekomme, um dabei zu bleiben. Ich mochte, dass Rachel Caine die Protagonistin (zumindest zu Beginn) mit glaubwürdigen Stärken und Schwächen versehen hat, und das hat mich über den eher zähen Einstieg hinweggetröstet. So ist Bryn zwar eine Kriegsveteranin, aber sie ist nicht immer und jederzeit kampfbereit, sondern eben ein ganz normaler Mensch, der auch mal von einem Angriff aus heiterem Himmel überrascht wird. Ebenso ist sie in unvertrauten Situationen – wie sie zum Beispiel ihr erster Arbeitstag in größeren Mengen bietet – unsicher, während sie auf der anderen Seite kein Problem damit hat, aggressiven oder übergriffigen Personen ihre Grenzen aufzuzeigen, weil das eben etwas ist, womit sie Erfahrung hat.

Trotzdem bin ich mit Bryn bis zum Schluss nicht so recht warm geworden, und ich fürchte, dass das an der Ausweglosigkeit ihrer Situation lag. Bryn stirbt relativ früh in der Geschichte, und auch wenn Returné sie wie einen lebendigen Menschen funktionieren lässt, so steht von Anfang an fest, dass es keine Heilung oder Besserung für sie gibt. Sie wird für ihre restliche Existenz darauf angewiesen sein, dass ihr einmal am Tag Returné verabreicht wird, und wenn diese Chemikalien für ein paar Tage ausbleibt, wird sie bei vollen Bewusstsein verrotten. Außerdem gibt es eine Nebenwirkung von Returné, die dafür sorgt, dass Bryn jederzeit ihren eigenen Willen verlieren kann, wenn ihr nicht einmal wöchentlich ein Gegenmittel verabreicht wird. Mit dieser Grundvoraussetzung war es für mich als Leserin erschreckend egal, dass Bryn theoretisch ein gutes Leben führen könnte – also wenn es die diversen Personen und Institutionen, die sie manipulieren und kontrollieren wollen, nicht gäbe. Dazu kommt noch, dass ihr untoter Zustand dafür sorgt, dass Bryn so gut wie unzerstörbar ist. Sie kann zwar Schmerzen spüren und das Bewusstsein verlieren, aber genügend Zeit und eine ausreichende Versorgung mit Returné führen dazu, dass ihr Körper selbst noch so schwere Verletzungen wieder reparieren kann.

Ich brauche, wenn ich solche Bücher lese, einen kleinen Funken Hoffnung, dass es für die Protagonistin am Ende noch irgendwie „besser“ werden könnte und dass es ihr gelingt, die „Bösewichte“ in der Geschichte (zumindest temporär) zu besiegen. Außerdem möchte ich zu den Charakteren eine Verbindung aufbauen, die dafür sorgt, dass ich mir Gedanken um ihr Wohlergehen mache und mich frage, wie sie wohl aus den diversen Schwierigkeiten wieder herauskommen. Bei „Working Stiff“ habe ich diese Hoffnung und dieses Mitbangen leider vermissen müssen, und das sorgte dafür, dass ich mich nicht weiter mit Bryns Schicksal auseinandersetzen mochte. Mir fehlte ein Ausgleich für all die unschönen Szenen, die die Brutalität und Skrupellosigkeit der diversen Nebenfiguren mit sich brachten, und je weiter ich las, desto weniger neugierig war ich auf das Schicksal von Bryn und ihren Freunden. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich das Buch wohl nur beendet, weil ich hoffte, dass Rachel Caine am Ende doch noch etwas aus dieser Geschichte machen würde.

Leseeindrücke Januar und Februar 2021

Ich habe schon sehr lange keine Leseeindrücke mehr geschrieben, aber in den letzten Wochen habe ich ein paar Bücher gelesen, bei denen es nicht zu einer längeren Rezension reicht, die ich aber nicht vollständig untergehen lassen möchte.

Natasha Farrant (Story)/Lydia Corry (Illustrationen): „Eight Princesses and a Magic Mirror“

In „Eight Princesses and a Magic Mirror“ geht eine Zaubererin der Frage nach, was eine exzellente Prinzessin ausmacht, um ihrer Patentochter das passende Taufgeschenk machen zu können – was zu acht wunderbaren und sehr unterschiedlichen Märchen rund um ebensolche Prinzessinen führt. Ich mochte es sehr, dass Natasha Farrant so verschiedene Geschichten rund um die Prinzessinen gesponnen hat, und die Illustrationen von Lydia Corry passen wirklich perfekt zu den verschiedenen Figuren und ihren Welten. Ich muss aber auch zugeben, dass man hier wirklich nur „Märchen“ findet, was bedeutet, dass die Figuren nicht besonders intensiv ausgearbeitet wurden und nicht immer alle Details erklärt werden oder alles rundum stimmig in den verschiedenen Welten ist. Mir persönlich hat aber  gerade das sehr gut gefallen, so dass ich mir die einzelnen Märchen bewusst eingeteilt habe, um sie genießen und meine Fantasie von den verschiedenen Geschichten und Illustrationen anregen lassen zu können.

Auf dem Foto ist ein aufgeschlagenes Buch vor einer orangen Bettdecke zu sehen. Auf der linken Seite des Buches ist eine Illustration mit einer Figur mit hellen Zöpfen und einem blauen Kleid, die dem Betrachter den Rücken zuwendet und auf ein Schiff auf dem Meer hinausblickt, auf der rechten Seite sieht man den Titel einer Geschichte ("The Princess of the High Seas"), um den verschiedenen kleine blaue Zeichnungen (Möwe, Fisch, Papageientaucher, Boote und Muscheln) arrangiert sind.

Olivia Atwater: „Half a Soul“ (Regency Faerie Tale 1)/“Ten Thousand Stitches“ (Regency Faerie Tale 2)

Die beiden Romane „Half a Soul“ und „Ten Thousand Stitches“ erzählen zwei unabhängig voneinander lesbare Geschichten, die beide in derselben fantastischen Regency-Welt spielen, was dafür sorgt, dass Nebenfiguren aus dem ersten Band auch im zweiten Teil vorkommen. In „Half a Soul“ wurde der Protagonistin Theodora Ettings als junges Mädchen die Hälfte ihrer Seele von Elfen gestohlen, was dazu geführt hat, dass sie nur noch sehr gedämpft Gefühle wahrnehmen kann. Dieses Handicap sorgt dafür, dass sie in den Augen ihrer Familie unverheiratbar und somit eine Last ist. Nur ihre Cousine Vanessa gibt sich alle Mühe, Dora zur Seite zu stehen, als diese während Vanessas erster Saison in London einige seltsame Erlebnisse hat und immer wieder mit dem königlichen Magier aneinandergerät. Für mich als Leserin war Doras recht distanzierter Umgang mit all den Dingen, die ihr passierten, überaus amüsant zu lesen, so dass ich auch gut damit leben konnte, dass die Handlung an sich sehr vorhersehbar verlief, weil ich mich so gut von der Erzählweise und den vielen kleinen Vorfällen rund um Dora unterhalten fühlte.

Bei „Ten Thousand Stitches“ wird die Geschichte aus der Sicht der Dienstbotin Euphemia Reeves erzählt, die wider besseres Wissen einen Handel mit einem Elfen eingeht, um den Mann, in den sie sich verliebt hat, heiraten zu können. Als Bezahlung für die Hilfe, die ihr der Elf zur Verfügung stellt, muss sie ihm innerhalb von hundert Tagen seine Jacke mit 10.000 Stichen besticken – was gar nicht so einfach ist, da sie nur in den Nachtstunden nach ihrem Dienst Zeit für diese Arbeit hat. Auch hier habe ich mich wunderbar amüsiert, während der Elf voller bester Absichten eine Katastrophe nach der anderen auslöst, während Effie feststellen muss, dass ihr Handel nicht ganz so verläuft, wie sie sich das vorgestellt hatte. Neben all den unterhaltsamen und witzigen Elementen in beiden Geschichten mag ich es, dass die Autorin Olivia Atwater nicht davor zurückschreckt, in ihrern Büchern auf die Situation in den „Work Houses“ oder die Machtlosigkeit der Dienstboten gegenüber ihrer Herrschaft einzugehen. Da mir beide Bände so gut gefallen haben, habe ich den demnächst erscheinenden dritten Teil auch schon vorbestellt.

Suzanne Walker (Story)/Wendy Xu (Zeichnungen): „Mooncakes“ (Comic)

„Mooncakes“ erzählt die Geschichte von der Hexe Nova Huang und dem Werwolf Tam Lang, die sich in ihrer Kinderzeit gekannt haben und sich nun nach Jahren der Trennung wiederbegegnen. Zusammen müssen sie mit einem Dämon fertig werden, der in den nahegelegenen Wäldern sein Unwesen treibt. Trotz des Dämons ist die Geschichte einfach nur sehr, sehr süß, und ich mochte nicht nur die Freundschaft/entstehende Beziehung zwischen Nova und Tam, sondern auch all die anderen Personen, mit denen die beiden so zu tun haben. Besonders Novas Familie ist voller sehr individueller Persönlichkeiten, die alle in der Regel wunderbar liebevoll miteinander umgehen. Auch gefiel es mir, dass Novas Schwerhörigkeit und ihre Hörgeräte zwar als ein lästiger Teil ihres Alltags, aber eben nicht als ein größeres Problem dargestellt wurden. Die Zeichnungen haben nicht vollkommen meinen Geschmack getroffen, aber insgesamt mochte ich den recht weichen und liebevollen Stil von Wendy Xu und die für den Comic verwendeten warmen Farben.

Harper Lin: Love and Murder in Savannah (The Southern Sleuth 1)

„Love and Murder in Savannah“ von Harper Lin gehört zu den Büchern, über die ich beim Sichten meiner eBook-Bestände gestolpert bin. Ich kann mich nicht mehr erinnern, woher ich den Titel habe, aber ich würde behaupten, dass die beiden Punkte „20er Jahre“ und „Protagonistin kann Geister sehen“ der Grund waren, wieso ich die Geschichte lesen wollte. Rebecca „Becky“ Madeline Mackenzie ist 20 Jahre alt und die Tochter einer gehobenen Südstaaten-Familie, die in Savannah zuhause ist. Was bedeutet, dass sie relativ ungestört in den Tag hineinleben kann, solange sie die Erwartungen ihrer Mutter und der Gesellschaft einigermaßen erfüllt – und natürlich nur bis ein passender junger Mann auftaucht, der sie heiratet. Ungewöhnlich an ihr ist, dass sie von klein auf Geister sehen und mit ihnen reden kann, was mit ein Grund dafür ist, dass sie sich gern auf dem nahegelegenen alten Friedhof aufhält, um Schwätzchen zu halten und zu zeichnen. Von ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit wissen nur ihre beiden besten Freunde (Teddy und Martha), auch wenn Becky diese Kraft immer mal wieder nutzt, um ihren Nachbarn hilfreich zur Seite zu stehen. Erst als bei Marthas Geburtstagsfeier ein junger Mann ermordet wird, muss Becky feststellen, dass nicht alle Geister freundliche Wesen sind, mit denen man unterhaltsame Anekdoten austauschen kann.

Ich muss zugeben, dass diese Geschichte genau genommen nur in die Kategorie „ganz nett“ gehört – vor allem, da der Kriminalfall nicht gerade herausfordernd aufgebaut ist. Aber in der Regel ist „nett“ ja genau das, was man sucht, wenn man zu einem Cozy greift. „Love and Murder in Savannah“ liest sich unterhaltsam, was vor allem an der 20-Jahre-Atmosphäre und dem Südstaaten-Feeling liegt. Becky und ihre Freunde verbringen regelmäßig die Nächte in „Speakeasies“, wo sie tanzen und illegal gebrannten Alkohol trinken. Ansonsten ist Becky vor allem damit beschäftigt, den Plänen ihrer Mutter auszuweichen und sich über ihre unangenehme Cousine Fanny aufzuregen. Außerdem denkt sie regelmäßig darüber nach, wie sie ihre Mutter davon überzeugen kann, dass ihr Bekannter Adam White ein Gentleman ist, obwohl er aus dem Norden stammt und nicht zur oberen Schicht von Savannah gehört. So macht sich Becky anfangs auch vor allem Sorgen um ihre Freundin Martha und den Ruf von Marthas Familie, als bei der Geburtstagsfeier ein Mord geschieht, statt darüber nachzudenken, dass sie ihre Fähigkeiten nutzen könnte, um mehr über die Tat herauszufinden. Ich fand es sehr stimmig, dass die Protagonistin nicht auf den Gedanken kommt, dass sie sich in eine Polizeiermittlung einmischen könnte, sondern aus ihrer begrenzten, privilegierten Perspektive heraus auf den Mord blickt. Erst als sie über genügend seltsame Elemente stolpert, die mit dem Kriminalfall in Verbindung stehen, entwickelt sie etwas mehr Eigeninitiative und überlegt, welcher der bei der Feier Anwesenden verdächtig sein könnte.

Beckys relativ sorglose Sicht auf die Welt führt dazu, dass sich eine gewisse Leichtigkeit durch die Geschichte zieht. Natürlich ist ihr bewusst, dass sie in ihrer gesellschaftlichen und finanziellen Position sehr priviligiert ist, aber ihr persönlicher Alltag wird vor allem von den Kabbeleien mit ihrer Mutter und dem unangenehmen Verhalten ihrer Cousine bestimmt. Wenn Becky über eine Person stolpert, die vermutlich ein Verbrecher ist, dann ist dies für sie nur ein kurzer aufregender Moment, weil sie sich einfach nicht vorstellen kann, dass sie selbst irgendwie in Gefahr sein könnte. Das kann man natürlich kritisch sehen, hat bei mir aber dafür gesorgt, dass sich das Lesen von „Love and Murder in Savannah“ stellenweise wie das Anschauen einer Kriminalkomöde aus den 1930er Jahren anfühlte. Auch wenn dieser Roman leider nicht mit den wunderbaren Dialogen mithalten kann, wie sie zum Beispiel in „Der dünne Mann“ („The Thin Man“) zu finden sind, war die Atmosphäre für mich ähnlich und die Charaktere sympathisch genug, um mir ein paar unterhaltsame Stunden zu liefern und dafür zu sorgen, dass ich mir weitere Titel Autorin anschauen werde.

Stephanie Burgis: The Princess Who Flew with Dragons

„The Princess Who Flew with Dragons“ ist der dritte Band von Stephanie Burgis, der in der fantastischen Stadt Drachenburg beginnt. Aber dieses Mal begleitet man nicht die Drachin Aventurine oder die Händlerin Silke bei ihren Abenteuern, sondern Prinzessin Sofia bei einer Reise, die sie in das ferne Villenne bringt. Sofia, die schon in den vorhergehenden Geschichten eine (Neben-)Rolle einnahm, sieht sich als die „unnütze“ Prinzessin von Drachenburg. Während ihre ältere Schwester Katrin schon seit Jahren die Regentschaft für ihren trauernden Vater übernommen hat, versteckt sich Sofia mit ihren Philosophiebüchern in ihrem Zimmer und versucht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Dabei ist sie sich durchaus der Verantwortung bewusst, die die Königsfamilie gegenüber ihren Untertanen hat, sie weiß nur nicht, wie sie selbst etwas zum Wohl des Königsreichs beitragen könnte. Gegen diese Gefühle der Unzulänglichkeit hilft es auch nicht, dass Katrin sie immer wieder in Situationen bringt, die Sofia zu Dingen zwingen, die sie sich einfach nicht zutraut.

Genau dies ist auch der Fall, als Sofia nach Villenne reisen muss, wobei die Tatsache, dass sie sich nicht einmal auf die Reise vorbereiten durfte, die Sache nicht besser macht. Doch in Villenne angekommen muss Sofia entdecken, wie befreiend es ist, dass sie sich anonym durch diese Stadt bewegen und neue Freunde finden kann. Alles könnte so großartig sein, wenn sich nicht doch noch ihre Schwester Katrin einmischen und dann auch noch die Eisriesen aus dem Norden angreifen würden. Ich habe Sofia gern auf ihrer Reise nach Villenne und zu sich selbst begleitet. Es war berührend, von ihren Ängsten und Selbstzweifeln zu lesen, und so schön zu verfolgen, wie sie aufblüht, als sie unter ganz ungewöhnlichen Rahmenbedingungen Villenne erkundet. Für Sofia geht mit diesen sorglosen Tagen ein Traum in Erfüllung. Aber natürlich ist es für eine Prinzessin – egal, wie unnütz sie sich selbst fühlt – nicht in Ordnung, wenn sie ihre diplomatische Mission für ihr eigenes Vergnügen vernachlässigt. So ist es kein Wunder, dass eines Tages Katrin vor ihr steht und ihr den ganzen Spaß verdirbt.

Erst als Sofia sich gemeinsam mit ihrem Freund Jasper (dem kleinen Bruder von Aventurine) aufmacht, um Katrin und all die anderen zu retten, die von den Eisriesen gefangen genommen wurden, merkt sie, wie viel sie in den letzten Wochen über sich und ihre Fähigkeiten gelernt hat. Gerade weil Sofias Situation (auch während ihrer Rettungsmission) nicht gerade einfach ist, bieten sich Stephanie Burgis wunderbare Gelegenheiten für witzige Dialoge und Szenen. So habe ich beim Lesen der Geschichte regelmäßig mit Sofia mitgelitten und musste doch immer wieder vor mich hinkichern, wenn sie mal wieder ein überraschendes Abenteuer erlebte oder bewies, wie wenig sie das Leben innerhalb ihres Palastzimmers auf die reale Welt vorbereitet hatte.

Ich glaube, dass Sofia, gerade weil sie die unsicherste der drei Protagonistinnen ist, mir als Erzählerin noch besser gefallen hat als Aventurine oder Silke. Denn obwohl ich die anderen beiden auch mochte, sieht man bei Sofia besonders schön die Entwicklung, die sie im Laufe der Zeit durchmacht. Ich mochte es auch sehr, wie sich die Beziehung der beiden Schwestern am Ende wandelt und wie Sofia mehr über den Umgang mit anderen Menschen lernt, als sie sich endlich eingesteht, dass sie sich gegenüber ihren Freunden nicht verstellen muss. Wenn ich einen Kritikpunkt suchen müsste, dann vielleicht, dass sich am Ende alles ein bisschen zu schnell in Wohlgefallen auflöst. Aber „The Princess Who Flew with Dragons“ ist nun einmal ein Buch für Kinder im Grundschulalter und ich lese diese Bücher für den garantierten „Wohlfühlfaktor“, also kann ich mich definitiv nicht beschweren, wenn ich genau das auch geboten bekomme.

Jenni Spangler: The Vanishing Trick

„The Vanishing Trick“ von Jenni Spangler ist vor einigen Wochen auf meiner Merkliste gelandet, da es zu meiner aktuellen Lust auf „viktorianische und unheimliche Geschichten“ zu passen schien, und ich kann nun sagen, dass dieses Jugendbuch wirklich genau in mein momentanes Beuteschema fiel. Die Geschichte wird zum Großteil aus der Sicht des elfjährigen Leander erzählt, der seit dem Tod seiner Mutter nur mühsam mit kleinen Nebenjobs und Diebstählen über die Runden kommt. Als er in Gefähr gerät, seine Unterkunft (eine nicht mehr genutzte Bibliothek in einem stark vernachlässigten Herrenhaus) zu verlieren und schon zu viele Tage ohne Essen auskommen musste, kommt ihm das Angebot, in den Dienst der reisenden Madame Pinchbeck zu treten, gerade recht. Dabei fühlt sich Leander von Anfang an nicht wohl dabei, dass Augustina Pinchbeck den Anhänger seiner Mutter als Sicherheit dafür verlangt, dass er sie weder ausraubt noch betrügt.

Mit diesem Pfand verkauft Leander mehr als nur seine Dienste an das unheimliche Medium, denn Madame Pinchbeck verfügt über Magie und nutzt Leanders Erinnerungsstück, um den Jungen mit Leib und Leben an sich zu binden. Schnell findet Leander heraus, dass er weder der Erste noch der Einzige ist, dem dieses Schicksal widerfährt. Für all die Tricks, die Madame Pinchbeck bei ihrer Arbeit als Medium anwendet, ist sie auf ihre Magie und die Fähigkeiten der von ihr gefangengenommenen Kinder angewiesen. Doch wenn diese Kinder keinen Nutzen mehr für sie haben, verschwinden sie spurlos. Gemeinsam mit den beiden anderen Gefangenen des Mediums, der gebildeten Charlotte und dem Geiger Felix, muss Leander einen Weg finden, um die Macht, die Madame Pinchbeck über sie hat, zu brechen, ohne dass eines der Kinder dabei ums Leben kommt.

Jenni Spangler greift mit „The Vanishing Trick“ die Leidenschaft der Menschen in der vikorianischen Zeit für Séancen und ähnliche „übernatürliche“ Elemente auf. Dabei mischt die Autorin ganz wunderbar die vielen verschiedenen Tricks wie durch Doppelbelichtung entstandenen Geister-Fotos, manipulierte Kerzen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt während der Séance erlöschen, und ähnliche Elemente mit Madame Pinchbecks unheimlicher Magie. Das alles führt zu wunderbar fesselnden Szenen, die gerade deshalb, weil man als Leserin hinter die Kulissen schauen darf, sehr atmosphärisch sind. Dazu kommt, dass man sich natürlich die ganze Zeit fragt, wie es die drei Kinder wohl schaffen werden, sich aus der magischen Gefangenschaft zu retten, in die sie geraten sind. Dabei präsentiert Jenni Spangler schon früh im Buch kleine Hinweise, die einem aber erst im Laufe der Geschichte genügend Informationen bieten, um eine Idee davon zu bekommen, was zur Befreiung der drei beitragen könnte. Mir gefiel es sehr, dass die Auflösung nicht direkt auf der Hand lag und ich mich so bei jeder Szene fragte, ob diese kleine Anektdote oder dieser Nebensatz vielleicht einen Teil des Puzzles enthalten könnte.

Auch ist es der Autorin gelungen, die Verzweiflung, die Einsamkeit und die Hilflosigkeit von Leander, Charlotte und Felix glaubwürdig darzustellen, ohne dass die Geschichte dadurch (für jüngere Leser.innen) unerträglich würde. Denn trotz der deprimierenden Lebensumstände der verschiedenen Personen und der ständig drohenden Gefahr durch Madame Pinchbeck gibt es auch immer wieder amüsante oder berührende Momente mit den drei Kindern. Ich mochte es, wie sich langsam (und von Charlottes Seite recht widerwillig) eine Freundschaft zwischen Leander und den anderen beiden entwickelt. Dank Leanders „Ausbildung“ durch Felix und Charlotte lernt man eine Menge über das Leben auf der Straße und die Techniken, die Madame Pinchbeck bei ihren Auftritten verwendet. Aber diese Szenen sorgen auch – ebenso wie die Passagen, die aus der Sicht der beiden geschrieben wurden – dafür, dass man Charlotte und Felix besser kennen und ihr Verhalten verstehen lernt. Ich habe „The Vanishing Trick“ beim Lesen wirklich sehr genossen. Die Handlung war stellenweise ganz schön unheimlich und deprimierend, aber es gab dafür auch genau die richtige Menge amüsanter und überraschender Szenen, um all die düsteren Momente wieder auszugleichen.

Kwame Mbalia: Tristan Strong Punches a Hole in the Sky (Tristan Strong 1)

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ von Kwame Mbalia gehört zu den „Rick Riordan Presents“-Veröffentlichungen, die mehr Aufmerksamkeit auf Geschichten von Own-Voice-Autor.innen lenken sollen. Der Protagonist Tristan Strong ist ein African-American-Teenager, der von seiner Großmutter sein Leben lang Geschichten gehört hat, die sich um Figuren wie John Henry, High John, Brer Rabbit oder Anansi drehen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Eddie hat Tristan diese Figuren und ihre Abenteuer immer wieder aufgegriffen, und nachdem Eddie bei einem Busunfall verstorben ist, bleibt Tristan nur noch das Notizbuch, in dem sein Freund all diese Geschichten niedergeschrieben hat. Doch Tristan ist nicht der Einzige, für den Eddies Notizbuch etwas Besonderes ist, und so ertappt er eines nachts die legendäre Gum Baby beim Klauen des Buches. Als Tristan ihr folgt, gerät er nach Alke, eine geheimnisvolle und bedrohliche Welt, in der all die Götter und Sagengestalten leben, von denen er bislang nur gehört hatte. Doch Alke steckt in Schwierigkeiten, mit denen nicht einmal diese mächtigen Götter fertig werden, und es sieht so aus, als wäre Tristan die Ursache für all die Probleme dieser fantastischen Welt.

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ erzählt eine großartige Handlung voller legendärer Helden und voller Bezüge auf afrikanische und afro-amerikanische Legenden. Obwohl so viel Schreckliches in dem Roman passiert, Tristan von Anfang an um seinen Freund Eddie trauert und nicht weiß, wie er mit all diesen negativen Gefühlen umgehen soll, gibt es eine Menge amüsante Szenen in diesem Buch. Dazu kommt die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Tristan und seinen Mitstreitern wie der wehrhaften und mutigen Gum Baby, der Pilotin Ayanna oder gar dem Helden High John. Ich mochte es sehr, wie Kwame Mbalia die verschiedenen Sagengestalten in seiner fantastischen Welt aufgriff und wie er sie – trotz ihrer übernatürlichen Fähigkeiten – als stimmige Charaktere mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen darstellt. Es war für mich sehr spannend zu sehen, welche Elemente ich aus anderen Geschichten (wiederer)kannte und wie viele Legenden und Figuren – gerade aus den afro-amerikanischen Legenden – für mich noch vollkommen neu waren. Letzteres hat dann dazu geführt, dass ich immer wieder die Lektüre unterbrach, um online nach weiteren Informationen zu den verschiedenen Figuren zu suchen. Ich mag es, wenn Romane mich dazu bringen, noch weiter zu recherchieren und so meinen Horizont zu erweitern.

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich ein kleines Problem mit dem Protagonisten hatte – wobei ich davon ausgehe, dass das vor allem daran liegt, dass ich kein Junge im Teenageralter bin. Mich hat Tristans Trauer das gesamte Buch hindurch sehr berührt, ebenso wie seine Probleme mit seinem Vater und mit seinem Großvater, und ich fand es schön zu verfolgen, wie Tristan im Laufe der Geschichte mit seinen Emotionen umzugehen lernt und mehr über sich herausfindet. Aber die Tatsache, dass Tristan sich für Eddies Tod verantwortlich fühlt, führt in der Geschichte auch dazu, dass er sich lange Zeit weigert, aktiv zu werden, weil er eben befürchtet, dass er wieder jemanden im Stich lässt. Tristan will nur noch nach Hause, und egal wie sehr es ihn entsetzt, dass andere Personen in Gefahr sind, und egal wie viele Beweise er vor die Nase gesetzt bekommt, dass er in der Lage wäre, etwas zu tun, um die Situation zu verbessern, er bleibt über sehr, sehr viele Kapitel hinweg passiv und wehleidig. Und so sehr ich normalerweise wiederwillige Helden mag, so dauerte es mir hier etwas zu lange, bis Tristan sich endlich eingesteht, dass sich an seiner Situation nichts ändern wird, wenn er nicht mal sein Verhalten ändert und seinen Teil an der Rettung Alkes übernimmt.

Als Tristan dann aber endlich seiner Rolle als „Held“ gerecht wured und so langsam lernte, mit seinen eigenen Stärken und Schwächen umzugehen, mochte ich ihn ebenso gern wie all die anderen Figuren in „Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“. Was in mir die Hoffnung aufkommen lässt, dass mir der zweite Band („Tristan Strong Destroys the World“) der Trilogie noch besser gefallen wird als der erste Band, da Tristan sich ja nun mit seinen besonderen Fähigkeiten abgefunden hat und seine Heldenrolle vielleicht etwas weniger widerwillig übernehmen wird. Aber selbst wenn Tristan es mir als Leserin wieder etwas schwer machen sollte, so freue ich mich doch auf all die unvertrauten und spannenden Elemente aus den afrikanischen und afro-amerikanischen Legenden, die Kwame Mabalia dort aufgreifen und verwenden wird. Diesen Teil des Romans habe ich, ebenso wie die vielfältigen Nebencharaktere und die große Rolle, die (mündlich erzählte) Geschichten in der Handlung einnehmen, uneingeschränkt genossen.

Ursula Vernon: The House of Diamond (Black Dogs 1)

Obwohl ich ja in den vergangenen Jahren deutlich mehr Urban Fantasy als Fantasy gelesen habe, scheint Ursula Vernon mit ihrer Erzählweise genau den richtigen Ton zu finden, um mich wieder zu Fantasygeschichten zu bringen. „The House of Diamond“ beginnt mit der Auslöschung von Lyras Familie durch eine Gruppe von Räubern, die von Lyras Halbruder Jasen angeführt wurden. Verletzt gelingt es der Siebzehnjährigen zu fliehen, doch die Überlebenschancen für eine behütete junge Frau aus einem reichen Kaufmannshaushalt sind nicht sehr groß, bis sie im Wald von dem Hunde-Krieger Sadrao gefunden wird. Für ihn ist es selbstverständlich, dass er sich so lange um Lyra kümmert, bis sie genug gelernt hat, um allein in der Welt bestehen zu können. So steht auch schnell fest, dass Lyra ihn begleitet, als Sadrao für zwei Freundinnen den jungen Halb-Elfen Trent zum House of Diamond bringen soll.

Erst einmal muss ich anmerken, dass die Autorin die beiden „Black Dogs“-Romane laut einer Anmerkung im Buch schon als Teenager geschrieben hat, was dazu führt, dass sie die Handlung und die Figuren deutlich „traditioneller“ aufgebaut hat, als sie es meiner Meinung nach heute tun würde. Zumindest haben die beiden neueren Romane, die ich von ihr gelesen habe, mich auch wegen der ungewöhnlichen Sicht auf klassische Fantasythemen begeistert, während „The House of Diamon“ wenig überraschende Elementen aufweist, wenn es um die eigentliche Handlung geht. Nachdem Lyra von Sadrao aufgesammelt wird, geht es in erster Linie darum, dass der Hunde-Krieger die junge Frau ausbildet, und auch seine beiden Freundinnen – die Elfen Jacyl und Sinai – bringen ihr in der kurzen Zeit, die sie zusammen reisen, so viel wie möglich bei. So dreht sich die Handlung gefühlt darum, dass die kleine Truppe (in wechselnder Besetzung) mit ein paar Zwischenstopps von A nach B reist und am Ende eine Person aus einer Zelle befreien muss.

Auch wenn das vielleicht etwas langweilig klingt, habe ich mich beim Lesen gut amüsiert. Ursula Vernon hat ein Händchen für lustige Dialoge und sympathische Charaktere, außerdem haben mich all die kleinen Informationen, mit denen Lyra versorgt wird, und die diversen Kampf- und Trainingsszenen gut unterhalten. Mir gefielen auch die vielen kleinen Elemente, die die Autorin über die Welt eingebaut hatte – die unbedeutend wirkenden Dinge, die nicht so großen Einfluss auf die Handlung oder das Verhalten der Charaktere hatten, die aber eine Facette der Welt zeigen, die einen überrascht oder berührt. Dazu kommen noch all die fantastischen Tier-Personen wie die Hunde-Krieger, die auf der einen Seite ganz selbstverständlich eine Rolle in dieser Welt spielen und auf der anderen Seite damit zu kämpfen haben, dass es einen immer größer werdenden Rassismus gegen alle Nicht-Menschen (und Elfen) gibt. Man könnte vielleicht kritisieren, dass die Protagonistin Lyra ein bisschen zu gut oder zu geschickt in all den Dingen ist, die sie innerhalb von gerade mal zwei Monaten unter Sadraos Anleitung lernt, aber da es genügend Szenen gibt, in denen Lyra sich dann doch wieder dumm anstellt oder gegen all ihre Instinkte ankämpfen muss, um das neu gelernte Wissen überhaupt anwenden zu können, konnte ich gut damit leben.

Ich hätte allerdings darauf verzichten können, dass sich die einzigen beiden jungen Personen in der Reisegruppe ineinander verlieben. Aber da die beiden wirklich viele gemeinsame Interessen haben und das Ganze ein relativ undramatischer Nebenstrang der Geschichte ist, hat mich diese Liebesgeschichte nicht so sehr gestört, dass sie mir den Roman hätte verderben können. Insgesamt kann ich sagen, dass „The House of Diamodn“ zwar nicht gerade die fesselndste Lektüre war, die ich in den letzten Wochen in der Hand hatte, aber ich habe mich beim Lesen wunderbar amüsiert und viele Details rund um die Welt, die Ursula Vernon für diesen Roman geschaffen hat, genossen. Das Ganze führt dazu, dass ich mich schon jetzt auf den zweiten (und abschließenden) Band mit dem Titel „The Mountain of Iron“ freue, wo es für die kleine Reisegruppe in die Tiefe des Walds der Elfen geht, wo sie sich dann dem großen, bösen Zauberer gegenüberstellen, der Trents Leben von Klein auf zur Hölle gemacht hat. Mal schauen, was die Autorin in dieser Geschichte neben der eher gewöhnlich klingenden Handlung für amüsante Details zu bieten haben wird.

Lucy Strange: The Ghost of Gosswater

„The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange dreht sich um die zwölfjährige Lady Agatha Asquith of Gosswater, die am Morgen nach dem Tod ihres Vaters erfährt, dass dieser gar nicht mit ihr verwandt war und dass sie auf Veranlassung von Cousin Clarence – dem Erben des verstorbenen Earls – den Herrensitz verlassen und in Zukunft bei ihrem leiblichen Vater leben soll. Für Agatha bricht eine Welt zusammen, sie kann kaum glauben, dass der Gänsezüchter Thomas Walters wirklich ihr Vater sein soll und dass das Ganze keine Intrige von Clarence ist. Dazu kommt noch, dass niemand ihr erklärt, wieso sie die ersten Jahre ihres Lebens als Tochter des Earls auf dem Herrensitz verbracht hat, oder wer ihre Mutter war und wieso sie nicht von dieser aufgezogen wurde.

Ich muss gestehen, dass Agatha genau betrachtet einige nicht gerade sympathische Wesenszüge besitzt. Sie ist nicht nur ständig wütend, sondern auch rachsüchtig, materialistisch und häufig ignorant, aber auf der anderen Seite ist sie so einsam, so hilflos und trotzdem so entschlossen, auch in der schlimmsten Situation weiter Haltung zu zeigen, dass ich sie schnell ins Herz geschlossen habe. Vor allem aber will sie unbedingt die Wahrheit über ihre Herkunft herausfinden, auch weil dieses Wissen anscheinend mit dem Verschwinden des legendären weißen Opals von Gosswater Hall und mit dem Geist, der ihr in der Silvesternacht erschienen ist, zusammenhängt. Neben dem bösen und gierigen Cousin Clarence und einem unheimlichen Friedhofswärter gibt es in der Handlung natürlich noch einige nette Figuren, die Agatha in den Wochen nach dem Tod des Earls kennenlernt und die ihr dabei helfen, mehr über ihre Herkunft herauszufinden.

Mir hat diese Geschichte gut gefallen, ich habe mit Agatha mitgelitten und mir gewünscht, es würde endlich mal einer der Erwachsenen den Mund aufmachen und über die Vergangenheit reden, und ich habe mich gefreut, als sie mit Bryn Black einen gleichaltrigen Freund findet, der mit ihr kleine Abenteuer unternimmt. Außerdem kann man mich mit einer Mischung aus düsteren und unheimlichen Momenten und gemütlichen und häuslichen Szenen immer kriegen – ich mag das einfach. Ich muss allerdings zugeben, dass das Geheimnis rund um Agathas Herkunft nicht gerade undurchschaubar war, aber dafür stand die ganze Zeit die Frage im Raum, wie Agatha langfristig mit Cousin Clarence fertig werden würde. Dazu gab es so viele atmosphärische Beschreibungen und nette Momente rund um ihr neues Leben in dem kleinen Cottage, dass ich mich mit diesem Buch insgesamt wirklich gut unterhalten gefühlt habe.

Der Geisteranteil in „The Ghost of Gosswater“ ist allerdings deutlich weniger unheimlich als die ganzen Auseinandersetzungen mit Cousin Clarence oder einige der Konfrontationen mit dem Friedhofswärter Sexton Black. Wenn ihr also eine wirklich gruselige Geistergeschichte für Jugendliche sucht, dann solltet ihr eher zu „The Haunting of Aveline Jones“ greifen. Dieser Roman bietet dafür einen eher freundlichen Geist, ein einsames Mädchen im Lake Destrict im Jahr 1899, einen widerlichen Bösewicht, atmosphärische Landschaftsbeschreibungen und viele Szenen rund um die Suche nach der eigenen Identität und das Finden von Freunden und Familie. Für mich war das eine stimmige Mischung, und ich habe mir nach dem Lesen noch die beiden anderen bislang veröffentlichten Titel der Autorin („The Secret of Nightingale Wood“ und „Our Castle by the Sea“) auf die Merkliste gesetzt.

C. L. Polk: Witchmark (Kingston Cycle 1)

Es ist lustig, aber obwohl dieser Titel so viel besprochen und mit so viel Begeistung in meiner Timeline aufgenommen wurde, hatte ich gar keine rechte Vorstellung von „Witchmark“ von C. L. Polk, bevor ich den Roman gelesen hatte. Die Geschichte, die in einer fantastischen Welt spielt, die ein wenig an das edwardianische England erinnert, wird aus der Perspektive von Miles Singer erzählt. Dieser arbeitet (nach einem frühren Einsatz als Militär-Chirurg) als Psychiater im Beauregard-Krankenhaus und ist dort vor allem für die Betreuung von Soldaten zuständig, die von der Front im Nachbarland Laneer heimgekehrt sind. Als Miles eines Abends seine Schicht beenden will, wird von einem fremden Mann ein Sterbender eingeliefert, den dieser auf der Straße aufgefunden hatte. Bevor Miles überhaupt die Möglichkeit hat, dem mysteriösen Nick Elliott zu helfen, nimmt dieser ihm das Versprechen ab, in seinem Mordfall zu ermitteln, und verstirbt. Gemeinsam mit dem Fremden, der sich Miles gegenüber als Tristan Hunter vorstellt, versucht der Arzt, mehr über Nick Elliott und die Personen, die für seinen Tod verantwortlich sind, herauszufinden.

Da ich vorher so gar keine Vorstellungen davon hatte, was mich bei „Witchmark“ erwartet (abgesehen von „irgendwas mit Magie“ und „Veteranen“), gab es für mich beim Lesen immer wieder kleine Aha-Momente, wenn ich mal wieder über ein neues Genre-Element gestolpert bin. In dem Roman mischen sich Historisches mit Fantasy, mit Kriminal- und mit Liebesgeschichte zu einem Gesamtwerk, das ich wirklich gern gelesen habe. Ich mochte die verschiedenen Figuren (von den Antagonisten natürlich abgesehen), auch wenn nicht alle Personen, die ich gern besser kennengelernt hätte, wirklich viel Raum in der Handlung bekommen, aber ich habe mich über jede weitere Szene mit einem dieser Charaktere gefreut. Miles selbst kam mir stellenweise etwas naiv vor, aber das war aufgrund seines familiären Hintergrunds und der Art und Weise, wie die Gesellschaft in diesem Roman funktioniert, auch stimmig. Ebenso realistisch fand ich es, dass einige der sympathischen Figuren in der Geschichte nicht immer die beste oder „richtige“ Wahl getroffen habe, wenn sie Entscheidungen treffen mussten. Dabei ist es C. L. Polk gelungen, glaubwürdig darzustellen, welche Gewissenskonflikte hinter den verschiedenen Entscheidungen standen, so dass ich als Leser zwar etwas enttäuscht von dem jeweiligen Charakter war, aber trotzdem Verständnis für ihn haben konnte.

Außerdem gefiel mir der Weltenbau, der auf der einen Seite – dank vieler Elemente, die an das edwardianische England erinnern – so vertraut wirkte, aber auf der anderen Seite durch die unvertraute Geografie und Technik ebenso wie durch die Erwähnung und Anwendung von Magie genügend ungewöhnliche Bestandteile mit sich brachte, um meine Neugier beim Lesen wach zu halten. Ich habe es auf jeden Fall genossen, mehr über diese Welt herauszufinden, obwohl es – wegen der ganzen Passagen, die sich um Miles‘ Kriegserlebnisse und die Ereignisse in Laneer drehten – stellenweise ganz schön heftig wurde. Im Kontrast dazu standen dann die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Tristan und Miles, die einfach nur süß mitzuerleben war – gerade weil Miles sich eigentlich nicht darauf einlassen will und weil beide befürchten müssen, dass sie nur eine kurze Zeit miteinander haben.

Dafür, dass die Handlung nur wenige Tage umspannt, lässt sich die Autorin recht viel Zeit mit dem Erzählen der Geschichte. Es gibt immer wieder kleine Momente, in denen häusliche Szenen oder die Lebens- und Arbeitssituationen der verschiedenen Figuren beschrieben werden, und es gibt einige Passagen, in denen sich Miles und Tristan private Stunden gönnen, um einander kennenzulernen. So liest sich „Witchmark“ trotz des soliden Kriminalanteils der Geschichte und der dadurch hervorgerufenden Spannung überraschend gemütlich. Ich bezeichne den Kriminalanteil als „solide“, weil ich einige der „unerwarteten“ Wendungen relativ vorhersehbar fand. Aber das hat nichts daran geändert, dass ich diese entscheidenden Punkte in der Handlung trotzdem interessiert gelesen habe, weil die Art und Weise, wie Miles diese Elemente herausfindet, für mich unterhaltsam genug war, um mich mit der Vorhersehbarkeit zu versöhnen.

Überhaupt gibt es relativ wenig an „Witchmark“, das ich als neu oder ungewöhnlich bezeichnen würde, aber C. L. Polks Erzählweise hat dafür gesorgt, dass ich das Buch – trotz der dramatischen und schrecklichen Elemente – sehr genossen habe. Oh, und bevor ich es vergesse: Ich habe selten eine Geschichte gelesen, in der so viel mit dem Fahrrad gefahren wird, und ich habe mich ungemein darüber gefreut, weil diese Szenen stellenweise so toll geschrieben waren und weil das Fahrrad – obwohl es doch so eine wichtige Rolle in der Emanzipation der Frauen und überhaupt der Entwicklung der Menschen rund um das Ende des 19. Jahrhunderts spielte – viel zu selten eine prominente Rolle in Romanen spielt. Ich freu mich sehr darüber, dass es noch zwei weitere Bücher in der Welt gibt (der zweite Band mit dem Titel „Stormsong“ ist 2020 erschienen, der dritte Teil mit dem Titel „Soulstar“ erscheint im März 2021), auch wenn dort andere Protagonisten im Zentrum stehen.

Amy Wilson: Snowglobe

Nachdem ich im November „Owl and the Lost Boy“ von Amy Wilson gelesen hatte, wollte ich unbedingt noch in diesem Jahr auch „Snowglobe“ vom SuB ziehen, und ich bin sehr froh, dass ich das getan habe. Ich weiß nicht, ob ich zuvor schon einmal eine Geschichte gelesen habe, die sich so sehr nach Diana Wynne Jones anfühlte, ohne von Diana Wynne Jones zu sein. Die Handlung dreht sich um die zwölfjährige Clem(entine) und beginnt damit, dass diese Magie gegen einen Mitschüler einsetzt, der sie seit Monaten in der Schule drangsaliert. Dabei ist es für sie nicht so überraschend, dass sie über Magie verfügt, hat sie doch im vergangenen Jahr alles versucht, um diese zu unterdrücken und sich so zu verhalten, als wäre sie ganz normal. Geerbt hat Clem ihre Magie von ihrer vor zehn Jahren verschwundenen Mutter Callisto, und erst als ihr Vater ihr das alte Tagebuch ihrer Mutter anvertraut, lernt Clem nach und nach mehr über Callistos Familie. Doch schon die ersten Hinweise führen Clem in ein unheimliches Haus voller Schneekugeln, und als sie in einer der Schneekugeln ihren Mitschüler Dylan entdeckt, setzt sie alles daran, ihn zu befreien.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll – ich habe das Buch beim Lesen so genossen und als so wohltuend empfunden. Clem und ihr Vater haben eine zwar etwas sprachlose, aber wunderbar vertrauensvolle Beziehung zueinander, und ich mochte die Szenen mit den beiden sehr. So ist er auch nicht verärgert, als Clem für einige Tage von der Schule suspendiert wird, sondern bittet sie nur darum zu versuchen, dass sie ihre Magie (mit Hilfe des alten Tagebuchs) in den Griff bekommt. Auch als er später in der Geschichte dahinterkommt, dass Clem sich regelmäßig in Gefahr begibt und immer wieder das rätselhafte Haus mit den Schneekugeln aufsucht, gibt es keinen großen Ärger mit ihm, sondern ein Gespräch zwischen den beiden, in dem sie versuchen, ihre Gefühle und Gedanken offenzulegen und eine Lösung zu finden, mit der beide leben können. Mir gefiel dieser respektvolle und fürsorgliche Umgang zwischen Vater und Tochter und ich mochte es sehr, dass das alles so undramatisch vonstatten ging, obwohl sich Clems Vater natürlich große Sorgen um sie machte.

Die Beziehung zwischen Clem und ihrem Mitschüler Dylan ist da deutlich schwieriger. Auf der einen Seite versucht sie alles, um ihn aus seiner Schneekugel zu retten, auf der anderen Seite ist Dylans bester Freund der Junge, der Clem jeden Tag in der Schule terrorisiert – ohne dass Dylan jemals eingegriffen hätte. Überhaupt muss sich Clem in „Snowglobe“ immer wieder widerstreitenden Gefühlen stellen: Sie hat Sehnsucht nach ihrer Mutter und ist doch wütend, dass diese vor so vielen Jahren verschwunden ist, sie hat Verständnis für Dylans Probleme und wünscht sich doch, er würde ihr einmal zur Seite stehen, und dann sind da noch die beiden unheimlichen und mächtigen Frauen, die in dem rätselhaften Haus leben und die anscheinend eine Verbindung zu Clems Mutter haben. Außerdem gibt es so viele andere Personen, die in den Schneekugeln gefangen gehalten werden, und jede einzelne von ihnen hat ihren ganz eigenen Weg gefunden, um mit diesem Gefängnis fertigzuwerden – und das bedeutet auch, dass sich manche dieser Gefangenen auf die Seite ihrer Gefängniswärterinnen geschlagen haben.

Clem (und Dylan) schweben die gesamte Geschichte hindurch immer wieder in (Lebens-)Gefahr, und doch zieht die Handlung ihre Spannung nicht aus diesen Elementen, sondern aus den vielfältigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Charakteren. „Snowglobe“ dreht sich um Freundschaft und Familie, um Verlust und Trauer, aber auch ums Um-Verzeihung-Bitten und ums verzeihen können. Ich mochte die magische Atmosphäre in diesem Roman sehr, genauso wie mir die Grundidee rund um die Schneekugeln sehr gut gefallen hat, und ich habe die verschiedenen Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten ins Herz geschlossen. Dass mir Amy Wilsons Erzählweise gefällt, weiß ich ja schon seit „Shadows of Winterspell“, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie mit einem ihrer Romane für mich so sehr den Ton von Diana Wynne Jones treffen und dass sich das für mich so stimmig anfühlen würde. Spätestens mit diesem Buch ist die Autorin auf meiner „jede Neuerscheinung vorbestellen“-Liste gelandet, und den letzten Roman von ihrer Backlist habe ich mir gleich nach dem Beenden von „Snowglobe“ auch bestellt.