Schlagwort: Fantasy

Auralee Wallace: In the Company of Witches (Evenfall Witches B&B 1)

Ich weiß nicht mehr genau, wo ich über „In the Company of Witches“ gestolpert bin, aber da das Buch als „herbstlich“, „cozy“ und „wohltuend“ beworben wurde, habe ich es mir als Herbstlektüre besorgt. Am vergangenen Montag dachte ich, dass das der passende Titel wäre, um mich von einem ziemlich frustrierenden Tag zu erholen, und ich fürchte, dass ich damit nicht ganz richtig lag. Das lag aber eher an meinen Erwartungen an den Roman als an der Geschichte, die ich vermutlich mehr genossen hätte, wenn ich nicht so sehr im Hinterkopf gehabt hätte, dass sie „heimelig“ und „wohltuend“ sei, um dann über Elemente zu stolpern, die ich persönlich definitiv nicht in diese Kategorien stecken würde.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Brynn Warren, die gemeinsam mit ihren beiden Tanten Nora und Izzy das Bed & Breadfast „Ivywood Hollow“ führt, in dem auch ihr Onkel Gideon lebt. Brynn ist 31 Jahre alt und seit dem überraschenden Tod ihres Mannes Adam vor über einem Jahr verwitwet. Außerdem ist sie – ebenso wie der Rest der Familie – eine Hexe und sorgt wie schon ihrer Vorfahren dafür, dass es den Anwohnern des kleinen Ortes, in dem sie leben, gut geht, auch wenn natürlich niemand wissen darf, dass die Warrens Hexen sind. Dummerweise wird dann Constance Graves, die wegen einer Renovierung ihres eigenen Hauses im B&B wohnt, ermordet, und bei all den Gerüchten rund um den Mord fällt der Verdacht nicht nur auf Brynns Tante Nora, sondern es gibt natürlich auch die eine oder andere Person, die zu einer Hexenjagd aufruft. Klingt wirklich gemütlich, nicht wahr? 😉

Lustigerweise gibt es wirklich viele schöne und heimelige Elemente in „In the Company of Witches“. Ich mochte es sehr, wie die Magie der Warrens beschrieben wurde, ich habe gern von Brynns Zuneigung zu ihrer Familie und von ihrer Liebe zu ihrem verstorbenen Mann gelesen, und ich habe mich amüsiert über all die Geplänkel zwischen Nora und … ach, eigentlich dem gesamten Rest der Welt. Sehr vieles daran hat mich an den Film „Practical Magic“ erinnert, aber auch bei dem würde ich halt nicht sagen, dass er rundum wohltuend und heimelig ist, denn schließlich gibt es da all die unverarbeitete Trauer von Sally und einen Geist, der ausgetrieben werden muss. So ist es im Prinzip auch bei „In the Company of Witches“, wo Brynns Trauer um ihren Mann der Grund dafür ist, dass sie ihr Leben (und ihre Magie) fast vollständig aufgegeben hat, während die Ermordung von Constance dafür sorgt, dass Brynn nicht nur ihre Beziehung zu ihrer Familie – vor allem zu ihren sich ständig einmischenden Tanten – aufarbeiten, sondern sich auch noch mit Constances vollkommen miteinander verfeindeten Geschwistern beschäftigen muss.

So ist dieser Roman zwar definitiv von einer herbstlichen Atmosphäre geprägt und es gibt viele schöne Momente rund um Brynns Familie und ihre Magie, die ich sehr genossen habe, aber die Geschichte war für mich definitiv nicht „fluffy“ oder „gemütlich“ zu lesen. Dafür gibt es zu viele Szenen, die von Trauer, von Wut oder der kleinlichen Rache von Familienmitgliedern geprägt sind, es gibt zu viele verletzte Gefühle und zu viele Geheimnisse. Natürlich mischen sich darunter auch einige lustige und wohltuende Momente, außerdem habe ich Brynns Familie sehr gemocht, und das, obwohl ihre Tanten in ihrer Zuneigung für Brynn stellenweise wirklich fürchterlich übergriffig handeln. Insgesamt denke ich sogar, dass ich dem zweiten Band der Reihe eine Chance geben werde, nachdem ich nun weiß, dass es weniger „cozy“ sein wird, als ich ursprünglich gedacht hatte. Es waren wirklich vor allem meine Erwartungen an das Buch, die mir den Spaß daran etwas verdorben haben. Wenn ich gewusst hätte, was für Themen in der Geschichte dominieren, hätte ich nicht an einem Tag dazu gegriffen, an dem ich etwas Tröstendes lesen wollte. Wer also kein Problem damit hat, in „In the Company of Witches“ von unverarbeiteter Trauer und von einander hassenden Familienmitgliedern eines Mordopfers zu lesen, wird mit dieser Cozy-Mystery-Variante von „Practical Magic“ bestimmt viel Spaß haben

Katherine Addison: The Witness for the Dead (The Cemeteries of Amalo 1)

Nachdem mir schon „The Goblin Emperor“ von Katherine Addison sehr gut gefallen hatte und ich im Mai die Kurzgeschichte „Min Zemerin’s Plan“ gelesen hatte, war klar, dass ich mir in absehbarer Zeit auch noch „The Witness for the Dead“ (und „The Grief of Stones“) besorgen müsste. „The Witness for the Dead“ wird aus der Perspektive von Thara Celehar, der in „The Goblin Emperor“ eine wichtige Nebenrolle spielte, erzählt. Nach den Ereignissen rund um Maias Thronbesteigung hat der Prälat eine neue Aufgabe zugeteilt bekommen, die ihn in die Stadt Amalo geführt hat. Dort arbeitet er nun in seiner Eigenschaft als Witness for the Dead, was bedeutet, dass er, wenn er darum gebeten wird, als Zeuge/Fürsprecher der Verstorbenen handelt. Seine besondere Gabe verleiht Celehar dabei die Fähigkeit, Erinnerungen oder Eindrücke von (frisch) Verstorbenen wahrzunehmen, aber wenn dies nicht mehr möglich ist oder keine hilfreichen Antworten liefert, dann muss der Geistliche auf ganz normale Ermittlungen zurückgreifen, um Probleme zu klären.

In „The Witness for the Dead“ hat Celehar gleich mehrere Angelegenheiten, die ihn beschäftigen. So setzt der Geistliche seine besondere Fähigkeit in einem Erbstreit ein, um herauszufinden, welchem seiner Söhne ein verstorbener Händler sein Geschäft hinterlassen hat, er sucht das Grab einer Frau, von der ihr Bruder vermutet, dass sie von ihrem Mann ermordet wurde, und er versucht herauszufinden, von wem und warum eine Opernsängerin getötet worden sein könnte. Obwohl Celehar mit so vielen unschönen Fällen beschäftigt ist und sich zusätzlich noch mit Kirchenpolitik herumschlagen muss, liest sich dieser Roman überraschend entspannt und wohltuend, was vor allem an der Persönlichkeit des Protagonisten liegt. Celehar ist ein ernsthafter Mann, der die Aufgaben, die in sein Arbeitsgebiet fallen, mit großer Professionalität und Entschlossenheit behandelt. Er gibt sich große Mühe, vorurteilsfrei an seine Fälle heranzugehen, und auch wenn manche Aspekte seiner Arbeit mühsam und unschön sind, so sind sie halt Teil seiner Berufung und verdienen deshalb in seinen Augen die gleiche Aufmerksamkeit und den gleichen Respekt wie die Dinge, die einfacher und befriedigender zu erledigen sind.

Ich habe es sehr genossen, Celehars Perspektive zu verfolgen und mich überraschend oft amüsiert, wenn der arme Geistliche einen möglichst taktvollen Weg finden musste, um eine Information zu übermitteln, oder wenn er sich mit anderen Würdenträgern herumschlagen muss, obwohl er doch einfach nur seinen Job erledigen wollte. Und obwohl es im Laufe der Handlungen zu Morden, Ghul-Angriffen, Explosionen und ähnlichen Dingen kommt, liest sich die Geschichte sehr entspannt, weil sich Katherine Addison vor allem auf das Innenleben ihres Protagonisten und all die kleinen Dinge, die er über die Personen um sich herum rausfindet, konzentriert. Die Tatsache, dass ich von Anfang an Celehar so sehr ins Herz geschlossen habe, hat dafür gesorgt, dass ich selbst bei den eher gemächlichen Passagen mit voller Konzentration dabei war, weil ich nicht nur neugierig auf die Ergebnisse seiner Ermittelungen, sondern auf seine persönliche Reaktion darauf war. Ich fand es schön mitzuverfolgen, wie er im Laufe des Romans ein wenig Frieden mit den Ereignissen aus seiner Vergangenheit schließt und wie er zaghaft neue Freundschaften knüpft.

Außerdem bin ich weiterhin fasziniert von der Welt, die die Autorin rund um ihre Elven und Goblins geschaffen hat, auch wenn mich auch dieses Mal das Problem mit den unterschiedlichen Anreden für die verschiedenen Personen fertiggemacht hat. Es ist nicht gerade einfach, bei einer solch großen Gruppe von Charakteren den Überblick zu behalten, wenn die Anreden davon abhängen, in welchem Verhältnis die miteinander sprechenden Personen stehen, welches Statusgefälle eine Rolle spielt oder ob die Figuren sich gerade privat oder in ihrer offiziellen Funktion miteinander unterhalten. Aber da es sich schon bei „The Goblin Emperor“ bewährt hat, wenn ich mir da keinen Stress gemacht habe und einfach darauf wartete, dass mir die folgenden Absätze schon erklären werden, welcher Charakter da gerade mit dem Protagonisten redet, habe ich das auch dieses Mal einfach hingenommen. In der Regel klappte das auch ganz gut – was aber auch daran lag, dass ich „The Witness for the Dead“ so sehr mochte, dass ich den Roman wirklich zügig gelesen habe. Am Ende ist es mir überraschend schwer gefallen, Celehar und seine Welt zu verlassen – weshalb ich direkt im Anschluss zu „The Grief of Stones“ gegriffen habe.

Angela Slatter: Vigil (Verity Fassbinder 1)

Um die Verity-Fassbinder-Trilogie von Angela Slatter bin ich schon länger herumgeschlichen, und nachdem ich vor kurzem große Lust auf Urban Fantasy hatte, habe ich zu „Vigil“ gegriffen. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Verity Fassbinder erzählt, einer Frau, die zur Hälfte „Normal“ und zur Hälfte „Weyrd“ ist – genau genommen war ihr Vater Grigor ein sogenannter „Kinderfresser“, und auch wenn sie keine seiner Verwandlungsfähigkeiten geerbt hat, so ist Verity doch ganz besonders stark. Außerdem hat sie das Gefühl, sie müsse die Verbrechen ihres Vaters wieder gutmachen, da dieser nicht nur (normale) Kinder tötete, sondern sich auch noch dabei erwischen ließ und somit die Existenz der Weyrd in Gefahr brachte. So arbeitet Verity als eine Art private Ermittlerin für die Weyrd, wobei ihr Hauptauftraggeber der Rat ist, der dafür sorgt, dass all die verschiedenen übernatürlichen Wesen sich zumindest an ein paar Grundregeln halten.

Ich muss zugeben, dass ich – obwohl mir „Vigil“ grundsätzlich sehr gut gefallen hat – ein paar Probleme mit dem Roman hatte. Zum einen jongliert Verity von Anfang an mit einem ganzen Haufen Fälle. Sie muss ermitteln, wer illegalen Wein anbietet, der aus den Tränen von (dabei getöteten) Kindern hergestellt wurde, sie muss einen (oder mehrere) Mörder finden, der Sirenen vernichtet, sie bekommt den Auftrag, einen verschwundenen jungen Mann zu suchen, und dann gibt es da noch eine unheimliche Wesenheit, der mehrere Personen in den Straßen von Brisbane zum Opfer fallen. All diese vielen verschiedenen Fälle laufen parallel, und dazu gibt es noch so einige Altlasten, mit denen Verity fertigwerden muss, wie zum Beispiel eine Verletzung, die sie sich bei ihrem letzten Auftrag zugezogen hat. Das alles ist ganz schön viel auf einmal, vor allem, da nebenbei noch von der Autorin die Urban-Fantasy-Welt vorgestellt wird, in der Verity lebt, sowie Veritys eigene Vergangenheit und welchen Einfluss ihr Vater (und seine Verbrechen) auf ihr heutiges Leben haben.

Trotz dieser Masse an Handlungselementen und vieler wirklich eindrucksvoll und atmosphärisch geschriebener Passagen hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass die Spannung nachlassen und sich die Geschichte stellenweise sogar etwas dahinschleppen würde. Erst nach Beenden des Romans fiel mir auf, dass es sich angefühlt hat, als ob die Autorin an einige Handlungsstränge herangegangen wäre, als ob es sich dabei um Kurzgeschichten handeln würde. Dazu sollte ich vielleicht erwähnen, dass Angela Slatter ihre Karriere mit ziemlich erfolgreichen Kurzgeschichten begonnen hat und „Vigil“ der erste Roman ist, den sie allein geschrieben hat. Diese „Kurzgeschichten“ innerhalb des Romans fand ich sehr überzeugend erzählt, und sie waren voller Elemente, die ich nachts mit in meine Träume genommen habe, aber zwischen diesen wirklich coolen Passagen gab es eben auch immer wieder Übergänge, die mich nicht so überzeugen konnten und die ein bisschen „zusammengebastelt“ wirkten. Vor allem in der ersten Hälfte des Romans fand ich das wirklich auffällig, während ich das letzte Drittel – vielleicht auch weil sich dort die diversen Handlungsstränge endlich zusammenfügten – deutlich besser lesbar fand.

Von diesen etwas zähen Übergängen abgesehen hatte ich aber viel Spaß mit „Vigil“. Angela Slatters Urban-Fantasy-Geschichte spielt nicht nur in einer (für mich) ungewöhnlichen Stadt, was dazu führte, dass ich all die Details rund um Brisbane sehr genossen habe, sondern die Autorin verwendet auch wirklich viele fantastische Wesen auf eine erfrischend andere Art und Weise. Ich mochte die drei Nornen (und ihr Café), ich fand die Details rund um die Sirenen spannend zu lesen, und ich habe große Lust, noch mehr Zeit in Veritys fantastischer Variante von Brisbane zu verbringen. Angela Slatter hat sich für ihre übernatürlichen Wesen eindeutig von den düstereren Seiten der diversen Märchen und Mythologien inspirieren lassen und schafft es trotzdem (oder gerade deshalb?) hervorragend, all diese Figuren in unsere moderne Welt zu transportieren und dort ihre ganz eigenen Nischen finden zu lassen. Dazu kommt, dass Verity die Art von Kick-Ass-Heldin ist, von der ich gerne lesen, und dass der „romantische Anteil“ der Geschichte so gar nicht „sexy“ oder romantisch ist, sondern daraus besteht, dass die Protagonistin einen wirklich netten Mann kennenlernt, mit dem sie sich stundenlang unterhalten kann. Dass es in dieser sich anbahnenden Beziehung – trotz all der Probleme, die Veritys Leben mit sich bringt – so gar kein Drama gibt, fand ich wunderbar erholsam und wirklich schön zu lesen. Insgesamt fühlte ich mich mit diesem Auftaktband der Reihe gut genug unterhalten, dass ich mir direkt im Anschluss die Fortsetzung „Corpselight“ besorgt habe (weshalb ich sagen kann, dass sich dieser Teil dann auch von Anfang an flüssiger lesen lässt).

Cat Gray: Spellstoppers

Ich habe keine Ahnung mehr, wo ich über „Spellstoppers“ von Cat Gray gestolpert bin, aber so lange kann das Buch noch nicht auf meinem eReader geschlummert haben, als ich es im August gelesen habe. Die Handlung wird aus der Sicht des zwölfjährigen Max erzählt, der seit Jahren ein riesiges Problem hat. Jedes elektrische Gerät, das er berührt, geht kaputt, während er selbst einen heftigen und sehr schmerzhaften Schlag bekommt. Nachdem er – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen – mit dem neuen elektrischen Auto seiner Mutter in Berührung kam, sieht seine Mutter ein, dass es so nicht weitergehen kann, und schickt Max in den kleinen Ort Yowling zu seinem Großvater Bram. Zu seiner großen Überraschung eröffnet Bram ihm, dass es so etwas wie Magie wirklich gibt und dass Max selbst von einer langen Linie von Spellstoppern abstammt.

Spellstopper sind Personen, die in der Lage sind, die Magie anderer zu neutralisieren. Und da Elektrizität und Magie sich nicht unähnlich sind, muss Max seine Fähigkeit in den Griff bekommen, bevor er noch einmal den Umgang mit elektrischen Geräten riskieren kann. Bram ist auch nicht der einzige Bewohner von Yowling, der über eine magische Fähigkeit verfügt. Der gesamte Küstenort wird von Personen bewohnt, die Magie besitzen oder selbst magisch sind. Dabei zittern sämtliche Bewohner von Yowling seit Generationen vor den Keepern, die die Aufsicht über das magische Schloss vor der Küste des Ortes haben und so mächtig sind, dass sie alle anderen Einwohner terrorisieren können. Als Bram entführt wird, um für den aktuellen Keeper zu arbeiten, muss Max gemeinsam mit seiner neuen Freundin Kit alles versuchen, um seinen Großvater zu retten – auch wenn das bedeutet, dass er seine gerade erst entdeckte Magie gegen eine unvorstellbar böse Macht einsetzen muss.

Es gibt viele Elemente in „Spellstoppers“, die mir sehr viel Spaß gemacht haben. Die Beschreibungen des kleinen Ortes Yowling habe ich zum Beispiel sehr genossen, ebenso wie die Begegnungen mit vielen der Einwohner, die Max im Laufe der Zeit kennenlernt. Überhaupt gibt es in der Geschichte wirklich viele schöne magische Elemente, die den Alltag in Yowling prägen, während gleichzeitig auch jemand wie Kit, die über keine Magie zu verfügen scheint, einen festen Platz in der magischen Gemeinschaft finden kann. Auf der anderen Seite hatte ich immer wieder ein Problem mit dem Handeln der verschiedenen Charaktere. So finde ich es auch einige Zeit nach dem Lesen des Romans noch immer unglaublich, dass die Mutter von Max ihn jahrelang mit seinem Problem kämpfen ließ und dabei zusah, wie er immer einsamer wurde, obwohl sie genau wusste, dass ihr Vater dem Jungen helfen könnte. Selbst wenn sie nicht wieder nach Yowling zurückkehren wollte, so habe ich nicht das Gefühl, dass eine liebevolle Mutter ein solches Problem ihres Sohnes ignorieren würde, um zu hoffen, dass er schon nicht deshalb sterben wird. Cat Gray lässt die Mutter zwar am Ende noch einmal deutlich sagen, dass sie all das nur getan hat, weil sie Max vor der dunklen Seite der Magie beschützen wollte, aber mich überzeugt das einfach nicht.

Auch bei Max gibt es immer wieder Momente, in denen er auf eine Art und Weise handelt, die ich für ihn als Charakter unglaubwürdig finde und bei denen ich das Gefühl hatte, dass das für die Autorin halt der einfachste Weg war, um die Handlung weiterzuführen. Was dazu führt, dass ich mich, obwohl ich „Spellstoppers“ insgesamt eigentlich nett fand, immer wieder schrecklich über bestimmte Szenen geärgert habe. Deshalb werde ich wohl nicht zu einem weiteren Buch von Cat Gray greifen, obwohl die Autorin so viele hübsche fantastische Ideen verwendet hat. Es ärgert mich einfach zu sehr, wenn Charaktere so widersprüchlich dargestellt werden, obwohl es so viele andere Möglichkeiten gäbe, um diese Elemente innerhalb der Geschichte zu klären. Ganz ehrlich, mir sind auf Anhieb drei verschiedene Ideen einfallen, die problemlos erklären könnten, wieso die Mutter Max nicht früher mit ihrem Vater in Verbindung gebracht hat und bei denen sie weiterhin als liebevolle und sympathische Person dastehen würde. Wenn eine Autorin es nicht auf die Reihe bekommt, aus ihren Charakteren glaubwürdige Figuren zu machen, dann finde ich das als Leserin wirklich unbefriedigend.

Mur Lafferty: The Shambling Guide to New York City (The Shambling Guide 1)

In den letzten Wochen habe ich so einige „nette“ Romane gelesen, die noch auf meinem eReader schlummerten (oder von mir spontan heruntergeladen wurden 😉 ). „The Shambling Guide to New York City“ von Mur Lafferty gehört definitiv in die Kategorie „nette Romane“ und hat mich gut unterhalten. Die Protagonistin Zoë Jennifer Norris sucht zu Beginn der Geschichte dringend einen neuen Job, nachdem sie ihren letzte Arbeitgeber wegen persönlicher Differenzen (vor allem mit der Ehefrau ihres Vorgesetzten) verlassen musste. Da Zoë sich als Autorin und Redakteurin auf Reiseführer für Städtereisen spezialisiert hat, ist sie hingerissen, als sie bei einem Ausflug in New York in einer seltsamen kleinen Buchhandlung über einen Aushang stolpert, in dem ein neu gegründeter Reisebuch-Verlag jemanden mit ihren Erfahrungen sucht. Doch obwohl Zoë sich sicher ist, dass sie ein Glücksfall für Underground Publishing sein müsste, will der Verlagsinhaber Phillip Rand ihre Bewerbung nicht einmal annehmen. Erst als deutlich wird, dass Zoë nicht so schnell aufgeben wird, kommt es zu einem Vorstellungsgespräch, bei dem sie herausfindet, dass der Verlag von Monstern Cotterie geführt wird.

Nachdem sie den ersten Schock darüber überwunden hat, dass es Vampire, Zombies, Todes-Göttinnen und ähnliche übernatürlich Wesen (allgemein als Cotterie bezeichnet) wirklich gibt, beschließt Zoë, dass die Arbeit für Underground Publishing eine Herausforderung darstellt, die sie wirklich reizt. Allerdings ist es nicht ganz einfach für sie, in einer solchen Umgebung Fuß zu fassen, vor allem, da es unter den Kolleg*innen nicht wenige gibt, die sich von Menschen ernähren. Ich fand es sehr unterhaltsam zu lesen, wie Zoë mehr über diese – ihr bislang vollkommen unbekannte – Parallelgesellschaft der Cotterie erfährt und wie sie sich bei jeder Begegnung mit einer neuen Spezies Gedanken um Etikette macht. Auch war es nett zu verfolgen, wie sie sich mit zwei Kolleginnen anfreundet, während andere Mitarbeiter sie vor größere Herausforderungen gestellt haben. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich nach ca. 100 Seiten fragte, worauf die Autorin mit ihrer Geschichte eigentlich hinauswill, weil ich das Gefühl hatte, dass so langsam etwas passieren müsste. Ein Kapitel später war es dann auch so weit und Zoë begegnet ihrem neuen Kollegen Wesley, der nicht nur ein Konstrukt (in diesem Fall ein aus Leichenteilen zusammengesetztes Wesen) ist, sondern der auch eine Verbindung zu Zoës Vergangenheit hat. Ab diesem Moment nimmt die Handlung etwas mehr Fahrt auf, auch wenn ich sie insgesamt immer noch recht gemütlich zu lesen fand.

Vor allem lebt die Geschichte von „The Shambling Guide to New York City“ von all den größeren und kleineren Begegnungen, die Zoë mit den verschiedenen Cotterie-Varianten hat. Häufig überschätzt die Frau ihr angelesenes Wissen über die verschiedenen Kreaturen, was zu amüsanten Momenten führt, dann wieder trifft sie auf Cotterie, von denen sie vorher noch nie etwas gehört hat und bei denen die Protagonistin sich unsicher ist, wie sie sich verhalten muss, um heil aus der Situation herauszukommen. Dazu kommen all die verschiedenen Nebencharaktere, die mir wirklich viel Spaß gemacht haben, wie Zoës Kolleg*innen oder die alte Granny Good Mae, die Zoë in Selbstverteidigung unterrichtet. Mur Lafferty hat wirklich viele ungewöhnliche Ideen in ihren Roman gepackt, so dass ich immer wieder über überraschende neue Elemente in ihrer Version von New York stolpern konnte. Dazu kommen dann noch all die kleinen Einträge aus dem Reiseführer, an dem Zoë die ganze Zeit arbeitet, die noch weitere Details zu dieser Urban-Fantasy-Welt zufügen. Ich fand es nett, von den alltäglichen Problemen der Cotterie zu lesen, wenn es um die Nahrungsbeschaffung oder Übernachtungsoptionen auf Reisen geht, muss aber auch zugeben, dass all diese Elemente eben auch dazu geführt haben, dass der Roman stellenweise etwas zu gemächlich dahinplätscherte. Wer also eine eher gemütliche Urban-Fantasy-Geschichte mit amüsanten Städteführer-Auszügen sucht, hat mit „The Shambling Guide to New York City“ den passenden Roman gefunden. Wer lieber etwas mit mehr Action liest, sollte definitiv zu einem anderen Buch greifen.

Lisa Shearin: The Grendel Affair (SPI Files 1)

Ich muss zugeben, dass ich „The Grendel Affair“ von Lisa Shearin vor allem rezensiere, um bei der Masse der „netten“ Urban-Fantasy-Romane, die ich so lese, den Überblick zu behalten. „The Grendel Affair“ ist der erste Band einer (aktuell) achtteiligen Reihe, deren Handlung aus der Sicht von Makenna (Mac) Fraser erzählt wird. In „The Grendel Affair“ arbeitet Mac seit gerade mal einigen Wochen für das SPI (Supernatural Protection & Investigations), wobei sie bei ihrer Arbeit ihre angeborenen Fähigkeiten als Seherin einsetzt – was bedeutet, dass sie in der Lage ist, jegliche magische Tarnung zu durchschauen und die wahre Gestalt einer Kreatur zu sehen. Die Handlung in dem Auftaktband der Reihe beginnt kurz vor Silvester, als Mac sich nach der Arbeit aufmacht, um ihrem Freund Ollie einen Gefallen zu tun. Eigentlich ist Ollie eher ihr Informant als ein Freund, denn der Kuriositätenhändler bekommt von seinen nichtmenschlichen Kunden so einige Details mit. Doch an diesem Abend geht es Mac darum, einen Bavarian Nachtgnome zu fangen, der sich in Ollies Laden eingenistet hat. Als Seherin gehört sie zwar nicht zu den aktiven Kampfeinheiten des SPI, aber sie ist sich sicher, dass sie mit einem Nachtgnome schon fertig wird – zumindest ist sie das, bis sie über die Leiche eines unbekannten Mannes stolpert.

Der Tote wurde eindeutig nicht von einem Menschen getötet, sondern von einem Monster, das stark genug war, um der Leiche Gliedmaßen auszureißen. Es hat zudem eine Kralle am Tatort zurückgelassen, die den Verdacht nahelegt, dass es wirklich riesig ist. Im Laufe der Ermittlungen findet das SPI heraus, dass eine Gruppe von übernatürlichen Wesen vorhat, während des Silvester-Countdowns am Times Square einen Angriff durchzuführen, der die Existenz übernatürlicher Wesen enthüllen und die Menschheit einschüchtern soll. Mehr zur Handlung muss ich hier eigentlich nicht schreiben, denn so komplex ist sie nicht, dass mehr Details notwendig wären. Was mir bei „The Grendel Affair“ gut gefallen hat, war, dass sich die Geschichte leicht und fluffig lesen ließ. Es gibt immer wieder humorvolle Momente – gerade in den Gefahrensituationen – ohne dass ich das als zu Slapstick-haft oder abwegig empfunden hätte. Mac ist zwar mit dem Wissen aufgewachsen, dass es übernatürliche Wesen gibt, und ihre Polizistenfamilie übernimmt in ihrer kleinen Stadt im Prinzip ähnliche Aufgaben wie das SPI, aber sie selbst ist – wie sie schnell genug feststellen muss – keine Kämpferin.

So gern ich Kick-Ass-Heldinnen lese, so mochte ich es doch besonders, dass Mac eben alles andere als eine erfahrene Kämpferin ist (auch wenn sie ihre Fähigkeiten mit einer Schusswaffe anfangs noch höher einschätzt, als sie sind). Sie ist eine Frau, deren Stärken ihre Recherche- und Seherinnen-Fähigkeiten sind, und das führt dazu, dass Mac in all den Kampf- und Gefahrensituationen vor allem versucht, nicht im Zentrum des Geschehens zu landen, um dort den erfahrenen Kämpfern nicht im Weg zu stehen. Natürlich kann es in solch einem Urban-Fantasy-Roman nicht sein, dass die Protagonistin keinerlei Gefahren erlebt, aber oft genug übersteht Mac diese nur, weil sie entweder durch ihr eigenes Ungeschick oder durch das Eingreifen ihrer Kollegen gerettet wird. Wobei die Momente, in denen Mac tollpatschig ist, meiner Meinung nach von Lisa Shearin so geschrieben wurden, dass sie sich überraschend realistisch lesen, statt mir das Gefühl zu vermitteln, dass die Autorin verzweifelt eine Lösung für eine Situation gesucht hätte oder noch irgendwie humorvoll hätte sein wollen. Insgesamt fand ich es zur Abwechslung wirklich angenehm, dass Mac in vielen Bereichen eine so untypische Protagonistin für einen Urban-Fantasy-Roman war. Außerdem mochte ich die lockere Erzählweise und die humorvollen Szenen, die mich zwar selten überrascht haben, aber dafür sorgten, dass ich mich wirklich gut unterhalten gefühlt habe. Ich werde die Serie auf jeden Fall im Hinterkopf behalten für den Tag, an dem ich mal wieder Lust auf etwas leichtere Urban-Fantasy-Romane habe.

T. Kingfisher: Nettle & Bone

Bei T. Kingfisher (Ursula Vernon) kann ich inzwischen sagen, dass ich alle ihre Bücher rundum genieße – sogar die Horror-Romane, die ich bislang gelesen habe, haben mir gefallen. „Nettle & Bone“ habe ich also direkt am Erscheinungstag gelesen und dann gleich zwei Monate danach noch einmal, als ich ein paar Erinnerungen für die Rezension auffrischen wollte und mich dann dabei ertappte, dass ich das Buch nicht wieder aus der Hand legen mochte. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Marra erzählt, die die dritte und jüngste Prinzessin ihres Königreichs ist. Marra ist nicht wie ihre älteren Schwestern – und bevor ihr jetzt denkt, dass ihr das „not like other girls“-Element ziemlich über habt, muss ich betonen, dass es hier wirklich wichtig ist, dass Marra als Kind so naiv gegenüber all den politischen Schachzügen ist, die dafür sorgen, dass ihre beiden älteren Schwestern nacheinander mit dem Prinzen des Nördlichen Königreichs verheiratet werden. Erst als erwachsene Frau findet Marra mehr über die Ehen ihrer Schwestern heraus und beschließt, dass sie einen Weg finden muss, um den Prinzen zu töten.

Ich liebe es, dass Ursula Vernon so oft Charaktere, die über 30 Jahre alt sind, als Protagonisten ihrer Geschichten wählt. Figuren, die vielleicht desillusioniert sind und sich alles andere als heldenhaft fühlen, die aber das Gefühl haben, sie könnten nicht ignorieren, dass es da einen Job gibt, der unbedingt erledigt werden muss. Marra selber fragt sich die ganze Zeit, ob sich all die Helden in den Geschichten, die sie als Kind gehört hat, auch so verloren fühlten, und ob sie auch so viel Zeit mit Warten, mit dem Sammeln von Informationen und ähnlichen langwierigen Dingen verbracht haben. So gibt es in „Nettle & Bone“ nicht nur all die magischen und märchenhaften Momente, in denen eine Dust Wife (eine Art Friedhofshexe) Marra drei unmögliche Aufgaben stellt, sie den Goblin Market besucht oder einer unsterblichen Fee gegenübersteht. Zusätzlich gibt es auch noch Passagen, in denen sie das für sie richtige Verhalten in einer öffentlichen Kutsche herausfindet, in denen sie mit einem halben Ei zum Frühstück (und das kommt auch noch von einem dämonenbesessenen Huhn!) ihre Reise durchstehen muss oder als Assistentin einer heilkundigen Nonne die schmutzigen Details rund um eine Geburt kennenlernt.

Diese Mischung aus magischen und realistischen Elementen sorgt für eine Handlung voller überraschender Wendungen und für Kapitel, in denen ich immer wieder über Sätze gestolpert bin, die mich haben schlucken lassen, weil sie die menschliche Natur so gut auf den Punkt bringen. Es gibt es nur wenige Autor*innen, die mich beim Lesen regelmäßig innehalten lassen, weil ihre Sätze nicht nur schön zu lesen und humorvoll formuliert sind, sondern oft auch einen bitteren und erschreckend wahren Kern haben – Ursula Vernon gehört definitiv zu diesen Autor*innen. Dabei verzichtet sie in der Regel vollkommen auf großes Drama und unterhält mich stattdessen mit vielen absurden kleinen Szenen und lauter amüsanten Elementen, die vor allem aus dem Pragmatismus der Figuren entstehen. Ich mag all diese realistischen Charaktere, die sich trotz all ihrer Wehwechen und trotz des Gefühls, dass sie vollkommen ungeeignet für den Job sind, mit einer Ansammlung seltsamer Reisegefährten aufmachen, um die Welt ein kleines Stück zu verbessern – selbst wenn sie dafür Dinge tun müssen, die ihnen vollkommen zuwider sind.

A. L. Heard/Nina Waters/A. Reilly (Hrsg.): Add Magic to Taste (Anthologie)

Wie immer, wenn ich eine Anthologie lese, gibt es einen Blogbeitrag, in dem ich meine Gedanken zu den einzelnen Geschichten festhalte. Wobei ich dieses Mal besonders betonen muss, dass ich diesen Beitrag vor allem für mich schreibe, denn die Anthologie habe ich über ein Kickstarter-Projekt erhalten und sie ist ansonsten – soweit ich das sagen kann – nicht bei den üblichen Anbietern, sondern nur als eBook direkt über die „Duck Prints Press“-Homepage zu beziehen. „Add Magic to Taste“ beinhaltet „A Spellbinding (and Scrumptious!) Collection of Heartwarming Queer Stories“ von Autor*innen, die ich vorher alle nicht kannte.

1. Shea Sullivan: Sea Salt and Caramel
Die Kurzgeschichte von Shea Sullivan wird aus der Perspektive des Gestaltwandlers Kyle erzählt, der vor einiger Zeit Mitglied einer Delegation war, die ein Abkommen mit den Bewohnern der Stadt schloss, in deren Nähe Kyles Familie unter der Meeresoberfläche lebt. Kyle wirkt anfangs ziemlich unzufrieden mit sich und seinem Leben, doch dann lernt er den Skateboarder Clovis kennen. Ich mochte das von Shea Sullivan beschriebene Zusammenleben zwischen Menschen und (Meeres-)Gestaltwandlern sehr, auch wenn es dazu nur kleine Einblicke gibt, und ich fand es sehr schön mitzuerleben, wie sich Kyle und Clovis kennenlernen, sich in einander verlieben und dafür sorgen, dass der andere einen neuen Blick auf sein vertrautes Leben wirft. Das war ein wirklich hübscher Start in die Anthologie.

2. Scarlett Gale: Unusual Blends
Eine sehr süße Geschichte, die aus der Perspektive der Teeladen-Besitzerin und Hexe Vivian erzählt wird, die sich von ihrer neuen Nachbarin Gwendolyn irritiert fühlt. Während Vivian sehr kontrolliert und organisiert ist, ungern redet und auf die Gesellschaft von anderen Menschen gut verzichten könnte, ist Gwendolyn chaotisch, laut und ungemein gesprächig – und sie sucht fast täglich Vivians Laden auf. Ich mochte die Erzählweise von I.A. Ashcroft, ich fand es niedlich, Vivians Perspektive zu verfolgen, gerade weil schon schnell deutlich wurde, dass sie etwas für Gwendolyn empfindet, und ich mochte es, wie die beiden Frauen am Ende (endlich) zum ersten Mal richtig miteinander geredet haben.

3. A. L. Heard: The Tasty Crumpet
Auch das hier war eine eigentlich sehr süße Geschichte über einen jungen Mann (Danny), dessen Urgroßmutter ihm (und jedem anderen Familienmitglied) Angst davor eingejagt hat, das magische Viertel der Stadt zu betreten. Und da Danny auf seine Urgroßmutter gehört hat, hat er keine Ahnung, dass die ungewöhnliche Kundschaft in dem Café „The Tasty Crumpet“, in dem er einen Job gefunden hat, aus Angehörigen der magischen Gemeinschaft besteht. Das war alles sehr nett zu lesen, ebenso wie sein vorsichtiges Flirten mit einem der Kunden. Aber es war halt nur deshalb so nett zu lesen, weil ich die ganze Zeit erwartet hatte, dass es lustig sein wird, wenn Danny endlich herausfindet, was es mit all den ungewöhnlichen Kunden auf sich hat. Doch statt einer amüsanten Auflösungsszene bekam ich einen Protagonisten geboten, der diese für ihn unerwartete Enthüllung recht gelassen hingenommen hat und … das war es irgendwie.

4. Florence Vale: Bånd
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Thomas erzählt, der ein Café mit „extra Service“ betreibt – genau genommen hat er eine zusätzliche Lizenz, um Zauber zu verkaufen. Dummerweise verflucht er aus Versehen einen Kunden und muss nun einen Weg finden, um diesen Fluch wieder aufzuheben, was bedeutet, dass er viel Zeit mit seinem Kunden verbringen muss … Ich mochte es, Thomas‘ Perspektive zu verfolgen, und ich mochte, dass sein Kunde Jay ein „Fährmann“ ist und dank des Fluchs nun seinem Job nicht mehr nachgehen konnte, aber vor allem war es süß zu verfolgen, wie die beiden sich besser kennengelernt haben. Alles in allem war das eine wirklich süße Liebesgeschichte, auch wenn ich gestehen muss, dass sich die bislang gelesenen Geschichten in dieser Anthologie überraschend ähnlich anfühlen, wenn ich bedenke, dass sie von den verschiedensten Autor*innen sind.

5. Jessica Black: A Family Thing
Noch eine Café-Geschichte, dieses Mal aus der Sicht von Connor erzählt, der von klein auf weiß, dass ein Fluch auf ihm liegt, der seit Generationen in seiner Familie vorkommt. Und Connor ist so wild entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich dieser Fluch nicht erfüllt, dass er in Panik gerät, als er feststellt, dass er mehr für einen seiner Café-Kunden empfindet. Es war für mich ziemlich überraschend, wie sehr dieses „Fluchelement“ für mich die Atmosphäre der Handlung aus den anderen Geschichten herausstechen ließ, weil es eben nicht so sehr darum geht, dass Connor sich seine Gefühle eingesteht, sondern dass er seine Angst bezüglich des Familienfluchs überwindet. Alles in allem eine sehr süße Geschichte – irgendwie scheine ich an diesem Wort zu hängen, wenn es um die Beiträge in dieser Anthologie geht. 😉

6. Theresa Alef: Anywhere, Everywhere, Forever
Uuuund noch eine süße Geschichte! *g* Dieses Mal wird die Handlung aus Sicht von Keegan erzählt, der ein recht chaotischer und unorganisierter Typ zu sein scheint – und der deshalb von seinem Ex-Freund wohl regelmäßig fertig gemacht wurde. Doch seit inzwischen sechs Jahren ist Keegan mit Tan zusammen und an dem Jahrestags ihres ersten Dates will er Tan einen Heiratsantrag machen. Allerdings geht alles schief, angefangen damit, dass Keegan den Ring zu Hause vergessen hat … Es war sehr niedlich zu verfolgen, wie Keegans Pläne alle zunichte gemacht wurden und wie er seinen Freund Tan mit seinem Verhalten total verwirrt und wie es am Ende dann doch noch zum langgeplanten Heiratsantrag kam. Ich fand es hübsch, mal eine Geschichte zu lesen, in der es nicht darum geht, dass zwei Personen zusammenkommen, sondern in der sie – trotz aller Ängste und Minderwertigkeitsgefühle – den nächsten Schritt in ihrer Beziehung gehen wollen.

7. Lacey Hays: The Magic Kin Know
Die erste Geschichte, bei der mir nicht spontan „süß“ als passende Bezeichnung einfällt. 😉 Ich mochte „The Magic Kin Know“, mir gefiel das Café („Bubbles and Brew“) der Protagonistin Isla und ich hätte gern noch mehr über das Verhältnis zwischen Fae und magischer Gemeinschaft erfahren. Die Handlung selber fand ich eher bittersüß, denn Isla hat elf Jahre lang ihre Liebste Aven nicht gesehen, weil die Fae ihren Bund damals nicht akzeptierten. Und auch wenn schon früh in der Geschichte klar ist, dass es eine zweite Chance für die beiden Frauen geben würde, so fand ich es bitter, dass sie erst elf Jahre ohne einander verbringen musste, bevor sie sich wiedersehen konnten …

8. Maggie Page: Herald of Love
Ich habe mich gefreut, mal eine Geschichte zu lesen, in der es darum ging, dass drei Personen in einer Beziehung zusammenfinden, allerdings war es mir beim Lesen relativ egal, ob die Protagonistin nun mutig genug ist, um auf die anderen beiden Personen zuzugehen oder nicht. Dafür mochte ich die Beschreibungen ihres Teegeschäfts und fand es lustig zu lesen, wie sie zu dritt einen kleinen Drachen durch den Laden gejagt haben. Insgesamt nett, aber wohl keine Geschichte, die bei mir hängenbleiben wird.

9. Nina Waters: Knishes and Noshes
Oh, ich mochte die Grundidee hinter dieser Geschichte wirklich, und auch, dass die beiden Protagonisten Benjamin und Eli trotz Kommunikationsproblemen versuchen, miteinander zu reden und einander besser kennenzulernen. Den „religiösen“ Teil der Handlung kann ich nicht ganz nachvollziehen, was definitiv an mir und nicht an der Geschichte liegt, aber ich fand es schön zu lesen, wie Benjamin und Eli auch hier immer wieder gemeinsam Lösungen für Probleme gefunden haben.

10. I. A. Ashcroft: Harmony
Ich fand es in „Harmony“ nett zu lesen, wie die beiden Protagonisten miteinander umgingen und es gab einige süße Details in der Handlung, die ich sehr genossen habe. Allerdings hat es mich anfangs etwas verwirrt, dass die Person, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, so panisch auf das Auftauchen der anderen Person reagiert, weil mir einfach das Hintergrundwissen fehlte, um das richtig einzuordnen. Einige dieser Details werden zwar im Laufe der Geschichte nachgereicht, aber alles in allem hätte ich gern mehr über die Figuren und ihre Welt gewusst, um all die vielen Andeutungen zur „magischen Gemeinschaft“ und die Probleme, die beide Protagonisten damit haben, besser einordnen zu können … aus diesem Grund fand ich die Kurzgeschichte leider etwas unbefriedigend.

11. Puck Malamud: Confluence
Ich mochte die Geschichte über zwei Personen, die vor langer, langer Zeit ein paar Tage miteinander verbracht und sich gegenseitig deutlich mehr beeinflusst haben, als ihnen damals bewusst wurde. Genau genommen ist es eine Geschichte über eine Russalka und einen Fuchs und darüber, wie sie sich nach all der Zeit in vollkommen fremder Umgebung und unter vollkommen unerwarteten Umständen wiedertreffen und einander neu kennenlernen. Das war hübsch zu lesen, weil beide sich so sehr verändert haben seit dem ersten Treffen und doch gleich eine gemeinsame Basis zu spüren ist.

12. Alex Ransom: Flowers Bloom Even Then
Diese Geschichte wird aus der Sicht von Max erzählt, der magische Potions verkauft, die mit den Emotionen ihrer Nutzer spielen können. Bei einem Verkaufstermin trifft er auf Devon, den er anziehender findet als erwartet – was ihn dazu bringt einzugestehen, dass die „romantischen“ Potions auf ihn keine Wirkung haben. Ich mochte es, dass zwar von Anfang an deutlich wird, dass die beiden das Potenzial für eine tolle Beziehung haben, dass Alex Ransom aber nur dieses allererste Kennenlernen beschreibt und alles andere offen lässt …

13. Beth Lumen: Breaking Bread
Es gab sehr viele Elementen in dieser Kurzgeschichte, die ich mochte, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sie an Islands Küste spielt, dass es in der Geschichte ums Brotbacken geht (und ein paar schön fantastische Details zum Brotbacken unter der Meeresoberfläche erwähnt werden) und natürlich, wie die beiden Protagonist*innen miteinander umgehen. Was ich nicht mochte, war das Verhältnis zwischen der erzählenden Person und ihrer Mutter und dass es am Ende einen „wenn ich gewusst hätte, dass mein Handeln Auswirkungen auf reale Personen hat, hätte ich anders gehandelt“-Moment gab. Mehr kann ich dazu nicht sagen, wenn ich nicht zu viel spoilern will, aber dieser Punkt hat mich überraschend wütend gemacht.

14. Lex T. Lindsay: Rain and Moonlight
Auch „Rain and Moonlight“ ist eine sehr süße Liebesgeschichte – dieses Mal zwischen den beiden Hexen Daisy und Helix. Beide kannten sich schon während des Studiums und Daisy, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, war schon damals hoffnungslos in Helix verliebt. Als sie sich nun zufällig wiedertreffen, stellt sich heraus, dass auch Helix Gefühle für Daisy hat. Wie gesagt, eine sehr süße Liebesgeschichte und ich mochte auch Daisy und Helix sehr, aber ich muss zugeben, dass ich vor allem die Welt mit ihrer Magie, all den Hexen und den mit ihnen verbundenen Göttinen mochte und gern noch mehr darüber gelesen hätte.

15. Em Rowntree: Tomb Many Cooks
Eine wunderbare Geschichte über den Gott Hades, der eine Bäckerei betreibt. Allerdings hat er ein großes Problem, denn seine Backwaren sind zwar köstlich, aber trotzdem kommen seine Kunden nicht wieder, weil der Verzehr seines Gebäcks beim Essen zu Lebenskrisen führt. Zum Glück bekommt er Hilfe von Seph, einer Person, die so begeistert von Hades‘ Backkunst ist, dass sie ihm helfen will. Auch diese Kurzgeschichte erzählt eine süße Liebesgeschichte und ich mochte die Grundidee mit der Wirkung von Hades‘ Backwaren auf seine menschlichen Kunden so sehr, doch vor allem stach für mich bei „Tomb Many Cooks“ die Sprache von Em Rowntree hervor, die stellenweise geradezu poetisch ist, ohne dabei auch nur im geringsten gekünstelt zu wirken. Davon würde ich gern mehr lesen, leider habe ich online keine weiteren Geschichten von Em Rowntree gefunden – aber ich werde weiter die Augen danach aufhalten!

16. Tris Lawrence: Dreaming of Pines
Die Geschichte spielt in einem magischen Café, dessen Kunden durch individuelle Türen kommen und gehen, und wird aus der Perspektive von Mel erzählt, die seit langer Zeit dieses Café zusammen mit dem Gestaltwandler Josh betreibt. Als eines Tages Britt das Café besucht (und wenig später wieder verlässt), kann Mel sie nicht so recht vergessen – ebenso wenig wie das Eiersalat-Sandwich-Rezept, das sie für diese Kundin gemacht hat. Ich mochte die Vorstellung von einem solchen magischen Cafés, ich mochte die Idee, dass die Gerichte und Getränke, die Mel für ihre Kunden zubereitet, ganz besondere Bedeutung für diese haben und viele Erinnerungen mit sich bringen. Alles in allem war das eine wirklich süße Geschichte.

17. Willa Blythe: Something in the Water
Diese Geschichte wird aus der Sicht von Merrily erzählt, die eine Hexe ist und im Café ihrer Tante arbeitet. Von Anfang an ist klar, dass Merrily Angst vor größerer Magie hat, weshalb sie auch erst einmal sehr ablehnend ist, als Thea ins Café kommt und Hilfe gegen die HOA (Homeowner’s Association) in ihrer Nachbarschaft benötigt. Erst im Laufe der Handlung wird deutlich, wieso Merrily sich so davor fürchtet, ihre Magie einzusetzen – und gemeinsam mit Thea findet sie einen Weg, um sich mit ihren Fähigkeiten wieder wohl zu fühlen (und natürlich Thea zu helfen). Insgesamt war das wirklich eine hübsche Geschichte, aber ich fand die Verbindung zwischen Thea und Merrilys ersten großen magischen Projekt etwas arg … offensichtlich. Diese extra Verknüpfung hätte es in meinen Augen gar nicht benötigt.

18. Kristi Mae: The Ballad of Yggdrasil
Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Geschichte nicht ganz warm geworden bin. Die Grundidee finde ich etwas seltsam: Eine Gesellschaft, in der Yggdrasil als eine Macht dargestellt wird, die Seelengefährten zusammenführt, wobei das Finden eines Seelengefährten in der Regel zur Ehe führt und dazu, dass die Seelengefährten dann gemeinsam Magie wirken können. Dazu eine aromantische Protagonistin, die sich nach dieser „Normalität“ sehnt (eben weil sie Magie wirken können will), bis sie ihre Seelengefährtin trifft, die nicht an diesen Kram glaubt und ihr andere Wege eröffnet … oder so ähnlich. Wer weiß, vielleicht ist mein Problem mit der Geschichte das Gleiche, das aromantische Personen mit Liebesgeschichten haben. Aber ich denke eher, dass die Geschichte mich nicht so recht gepackt hat, weil ich den Weltenbau verwirrend und unstimmig fand.

19. Jo Mathieson: In Like Flynn
Sehr nette Geschichte über zwei Personen, die das selbe seltene Buch kaufen wollen, und dann beschließen, gemeinsam mit dem Buch zu studieren – und sich dabei verlieben. Was ich besonders niedlich fand, war Flynn – der Drache, der in dem Buch lebte und meine große Schwäche für Latte und Zimtschnecken teilt. 😉 Der Rest der Handlung fühlte sich nach all den „zwei Personen treffen sich in einem Coffeeshop und lernen sich nach und nach besser kennen“-Geschichte relativ vertraut an, war aber trotzdem sehr wohltuend zu lesen.

20. T. S. Knight: A Leap Worth Taking
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Shiloh, die der festen Überzeugung ist, dass sie wiedergeboren wurde. In der Hoffnung, dass sie dort Verständnis – und vielleicht ein paar Erklärungen für all die Visionen von einem anderen Leben – findet, geht sie zu einem Treffen der „Reincarnation Support Group“. Ich mochte zwei Dinge an dieser Kurzgeschichte: 1. dass die „Reincarnation Support Group“ einen ganz anderen Hintergrund hatte, als erwartbar gewesen wäre, und trotzdem sehr unterstützend war, und 2. dass Shiloh zwar davon überzeugt ist, dass sie die Ehefrau ihres früheren Selbst finden muss, dass dies aber weniger zu einem „lass uns zu unserer früheren Beziehung zurückkehren“ als ein „lass uns schauen, ob wir eine gemeinsame Zukunft haben könnten“ wird.

 

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„Add Magic to Taste“ ist eine wirklich hübsche Anthologie voller süßer, queerer und magischer Liebesgeschichten, die ich wirklich gern gelesen habe. Wobei ich zugeben muss, dass die Masse an „Coffee Shop“-Schauplätzen mich zwischendrin etwas überwältigt hat, so dass ich nicht – wie ich es sonst mache – täglich eine Kurzgeschichte gelesen habe bis ich mit dem Band durch war. Stattdessen brauchte ich immer wieder Pausen, um danach die verschiedenen Geschichten wieder bewusst würdigen zu können. Auf der anderen Seite habe ich immer wieder überraschende Elemente in all den Cafés, Bäckereien und anderen Schauplätzen dieser Geschichten gefunden, dass das Lesen definitiv nicht langweilig wurde. Wer also eine fantastische und queere Anthologie sucht um sich ab und an mit einer queeren Liebesgeschichten zu entspannen, wird mit diesem Titel perfekt bedient. Oh, und es schadet definitiv nicht, wenn beim Lesen ein Heißgetränk und leckeres Gebäck in Reichweite steht … 😉

Rae Carson: The Girl of Fire and Thorns

Ich muss gestehen, dass der Debütroman von Rae Carson ziemlich an mir vorbeigegangen ist, als er vor ca. 11 Jahren erschien, obwohl ich mir sicher bin, dass einige Personen ihn gelesen haben, deren Blogs ich folg(t)e. Und ich habe keine Ahnung mehr, was mich im vergangenen Herbst dazu brachte, spontan das eBook zu kaufen (wenn ich mal vom günstigen Preis absehe). Aber ich bin sehr froh, dass ich mir den Roman gegönnt habe, und habe in der vergangenen Woche gespannt all die Ereignisse rund um die Protagonistin Elisa verfolgt. Elisa ist „die Auserwählte“, diejenige, die am Tag ihrer Taufe von Gott mit einem Edelstein im Bauchnabel versehen wurde. Elisa wird irgendwann in ihrem Leben hoffentlich eine große Aufgabe erfüllen, doch was für eine Aufgabe das sein wird, weiß niemand. Und Elisa ist diejenige, die am wenigsten von allen versteht, warum gerade sie auserwählt wurde – was auch der Grund dafür ist, dass sie im Laufe der Zeit eine ausgewachsene Essstörung entwickelt hat, die dafür sorgt, dass Elisa ziemlich dick ist.

An ihrem sechzehnten Geburtstag wird Elisa mit König Alejandro verheiratet und reist mit ihm in seine Heimat. Dort muss sie zu ihrer großen Überraschung feststellen, dass Alejandro ihre Hochzeit erst einmal geheimhalten will und sie nur als Ehrengast bei Hof vorstellt. Doch das Leben und die Intrigen an diesem fremden Hof sind nur eine der Herausforderungen, die auf Elisa warten. An den Grenzen des Landes stehen feindliche Truppen, Rebellen sorgen für Unruhen und schon bald findet Elisa heraus, dass es deutlich mehr über den Götterstein in ihrem Bauchnabel zu wissen gibt, als ihr beigebracht wurde. Während Elisa anfangs schüchtern und voller Minderwertigkeitskomplexe ist, fand ich es schön zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt und an ihren Herausforderungen wächst. Ich fand es durchaus verständlich, dass Elisa das Gefühl hatte, dass sie neben ihrer schönen, klugen und weltgewandten großen Schwester Alodia verblasst und dass ihre Gesellschaft nur wegen des Göttersteins gesucht wird. So versteckt sie sich vor der Welt hinter ihrem Essen und hinter Schriftrollen, die ihr vielleicht mehr zu ihrem Schicksal verraten können.

Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen Elisa schon früh beweist, dass sie eine kluge und herzliche Person ist. Ich mochte es zum Beispiel sehr, wie sie im Laufe der Geschichte auf ihren Mann Alejandro reagierte. Anfangs ist sie – verständlicherweise – überwältigt davon, dass ein erfahrener und so gut aussehender Mann so freundlich mit ihr umgeht, während sie mit jeder weiteren Begegnung mehr über ihn lernt und so auch seine Schwächen wahrnimmt. Sie bemüht sich während der gesamten Handlung von „The Girl of Fire and Thorns“ hart darum, sich den Respekt der Personen um sich herum zu erarbeiten. Und je mehr Elisa den anderen Menschen beweist, dass sie mehr ist als nur die Trägerin des Göttersteins, dass sie eine Person ist, die ihre Versprechen hält und bereit ist, wirklich weit zu gehen, um diejenigen zu beschützen, die ihr am Herzen liegen, desto mehr lernt sie sich selbst zu mögen und ihren Fähigkeiten zu vertrauen. Ich mochte es sehr, wie Rae Carson nicht nur Elisa, sondern auch all die anderen Figuren in dieser Geschichte angelegt hat. Wenn ich ehrlich bin, sorgte die Autorin schon früh dafür, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, ich könne keinem Charakter rund um Elisa vertrauen. Aber Rae Carson gelang es auch, mir zu vermitteln, dass jede ihrer Figuren einen guten Grund für ihr Handeln hat – und das hat mir wirklich viel Spaß gemacht.

Interessant fand ich auch den Weltenbau bei „The Girl of Fire and Thorns“, denn Rae Carson lässt dabei viele Elemente offen und bietet relativ wenig Erklärungen für diese Mischung aus arabischer und spanischer Kultur. Die wenigen Hinweise, die es in den „religiösen Texten“ gibt, die Elisa regelmäßig liest, haben bei mir das gleiche Gefühl hinterlassen wie viele ältere SF-Romane, die ich früher gelesen habe. So als ob die Autorin eine grobe Idee hatte, die darauf basiert, dass eine (unsere?) Welt aufhörte zu existieren und ihre Bewohner deshalb in einer anderen Welt Zuflucht fanden. Das würde die Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elementen ebenso erklären wie einige der Legenden rund um vergangene Ereignisse. Auf der anderen Seite bot mir Rae Carson beim Lesen aber auch sehr viele realistische und alltägliche Details rund um das Überleben in der Wüste, das Bewegen in der Natur und die Dinge, auf die jemand achten muss, der ohne Vorräte in der Wildnis zurechtkommen muss. Ich mochte es sehr, dass in ihrer Welt nicht einfach Bogenschützen in der Wüste unterwegs sind, denn schließlich müssen sich die Menschen am Rande der Wüste gut überlegen, ob sie irgendwo Holz für Pfeile und Bögen herbekommen oder ob sie ihren Krieg nicht eher mit Schleudern und ähnlichen Mitteln führen sollten.

All diese Elemente zum Weltenbau und zum Alltag der Figuren mochte ich sehr. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin ihre Charaktere angelegt hatte, und ich fand es faszinierend, Elisa zu begleiten, während sie an all ihren Herausforderungen wächst. Insgesamt hat die Handlung einen gefährlichen „noch ein Kapitel“-Sog auf mich ausgeübt, der für längere Frühstückspausen gesorgt hat, als ich mir eigentlich leisten konnte. Die Geschichte ist am Ende von „The Girl of Fire and Thorns“ noch nicht abgeschlossen, aber der Ausklang des Romans ist so rund, dass das Buch für sich stehen kann. Ich fürchte allerdings, dass ich mit wohl in näherer Zukunft noch die nächsten Bände holen werde, auch wenn ich eigentlich eine eBook-Kaufpause einlegen wollte, bis ich wieder ein paar Titel aus meinem Bestand gelesen habe. Aber ich möchte zu gern wissen, wie es mit Elisa und all den anderen Charakteren weitergeht und wie sie mit den weiteren Herausforderungen, die noch auf sie warten, umgehen wird.

Leslie Vedder: The Bone Spindle

Mit „The Bone Spindle“ erzählt Leslie Vedder eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Im Prolog stellt die Autorin das fantastischen Königreich Andar vor, dessen jüngster Prinz von der Spindle Witch verflucht wurde. Nur durch den Einfluss der anderen drei großen Hexen (der Snake Witch, der Dream Witch und der Rose Witch) konnte der Fluch gemildert werden. Das Königreich Andar wurde durch diesen Fluch vernichtet, seine Bewohner flohen in die anliegenden Reiche, die drei großen Hexen starben bei dem Versuch, die Spindle Witch zu besiegen, und alle Personen im Schloss fielen – ebenso wie Prinz Briar – in einen unendlichen Schlaf, der nur durch den Kuss einer jungen Frau gebrochen werden kann. Doch bislang hat es niemand geschafft, den Fluch über Andars Prinzen zu brechen. Stattdessen durchstöbern Schatzjäger die Ruinen des zerstörten Königreichs nach kostbaren Schätzen, magischen Artefakten und unbekannten Zauberbüchern. Diese Schatzsuchen sind nicht ganz ungefährlich, denn die wertvollsten Dinge in diesen Ruinen werden durch ausgeklügelte Zauber und Fallen geschützt.

Auch die Protagonistinnen Fi – genauer Lady Filore Nenroa – und Shane, eine Kriegerin aus dem Norden, sind Schatzjägerinnen, wobei Shane vor allem auf Reichtümer aus ist, während Fi auf der Suche nach Wissen über das verlorene Königreich Andor und die Orden der großen Hexen ist. Genau genommen hofft Fi, dass sie in den Unterlagen der alten Hexen-Orden Informationen findet, die ihr helfen, einen Fluch zu brechen, mit dem sie ihr Ex-Freund vor einem Jahr verhext hat. Doch stattdessen stolpert sie bei einem gemeinsamen Abenteuer mit Shane über einen weiteren Fluch – den Fluch, den die Spindle Witch auf den Prinzen von Andor gelegt hat. Dieser Fluch sorgt für einen Seelenbund zwischen Fi und dem schlafenden Briar, und je länger dieser Bund besteht, desto näher kommen sich die beiden. Auf ihrem Weg zum verfluchten Schloss von Andor müssen sich Fi und Shane nicht nur mit dunkler Magie, Hexenjägern, einem manipulativem Ex-Freund und einer rätselhaften jungen Frau in einem roten Umhang herumschlagen, sondern auch mit der dunklen Magie der Spindle Witch. Trotzdem ist „The Bone Spindle“ alles andere als eine düstere Geschichte, denn allein schon die gegensätzlichen Charaktere der beiden Protatonistinnen sorgen für diverse amüsante Szenen.

Ich mochte es sehr, dass Fi und Shane anfangs nicht mehr als „Arbeitskolleginnen“ waren, die sich miteinander arrangieren, obwohl sie die andere Person und ihr Verhalten häufig nicht verstehen können. So konnte ich abwechselnd mit einem Schmunzeln Fis und Shanes Gedanken verfolgen, die sie sich über ihre Kollegin machten, und nach und nach miterleben, wie sich diese beiden so unterschiedlichen Frauen miteinander anfreunden. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin verschiedene Märchenelemente aufgreift und ihre ganz eigene Geschichte daraus spinnt. Dabei belässt sie es nicht dabei, Prinz Briar zum Opfer des Fluches zu machen oder sich einfach bei bekannten Märchen zu bedienen, sondern sie baut eine ganz eigene Welt rund um die Hexen-Orden, die Schatzjäger und das verfluchte Königreich auf. Allerdings muss ich zugeben, dass „The Bone Spindle“ durch die ausführliche Vorstellung der Figuren (und der Welt) in den ersten Kapiteln etwas gemächlich anfängt. Ich habe das erste Drittel des Romans problemlos immer wieder aus der Hand legen und stattdessen in anderen Büchern stöbern können, aber als dieser Teil vorbei war, hat mich die Handlung so richtig gepackt und dafür gesorgt, dass ich „nur noch eben ein Kapitel“ gelesen habe, bis der Roman zuende war.

Das Einzige, was mich beim Lesen etwas irritiert hat, war das Alter der Protagonistinnen. Fi zum Beispiel ist siebzehn und wurde vor einem Jahr von ihrem Ex-Freund, mit dem sie sich einen Ruf als Schatzjägerin erarbeitet hatte, verflucht. Und wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich, wie alt Fi bitte war, als sie anfing, gemeinsam mit ihrem Ex als Schatzjägerin zu arbeiten. Selbst wenn sie relativ schnell gewisse Berühmtheit erlangt hat, so kann sie zu Beginn ihrer Karriere maximal fünfzehn Jahre alt gewesen sein, und das finde ich schon etwas arg jung. Und auch bei Shane frage ich mich etwas, wie alt sie wohl gewesen sein muss, als sie ihr Zuhause (kurz vor ihrer Heirat!) hinter sich ließ – und wie sie sich dann so schnell Berühmtheit als Kriegerin erarbeiten konnte. Wenn ich dann noch all die deprimierenden Monate in Betracht ziehe, die sie als Söldnerin mit zweifelhaften Jobs verbracht hat … Aber nun gut, ich vermute mal, dass die anvisierte jugendliche Zielgruppe der Grund dafür ist, dass Fi und Shane deutlich jünger sind, als sie meiner Ansicht nach sein dürften, und grundsätzlich hat mich das Ganze nicht so sehr gestört, dass es mein Lesevergnügen deutlich getrübt hätte. Auch wenn ich es natürlich trotzdem hier ansprechen musste …

Insgesamt hat mir „The Bone Spindle“ wirklich gut gefallen. Ich mochte die beiden Protagonistinnen mit all ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen sehr gern, ich fand es unterhaltsam zu verfolgen, wie Briar versucht, Fis Herz für sich zu gewinnen, und ich habe es genossen, zu lesen, wie Fi und Shane sich im Laufe ihrer Reise anfreunden und immer wieder füreinander einstehen. Selbst wenn es hier und da Momente gab, in denen ich das Verhalten der beiden Protagonistinnen nicht wirklich klug fand, konnte ich ihre Beweggründe in der Regel nachvollziehen, was dafür gesorgt hat, dass mich diese Passagen so gar nicht gestört haben. Stattdessen habe ich mich über die vielen kleinen Entwicklungen, die die Figuren durchmachen, und über jede neue Information zu ihren Hintergründen gefreut. Ich fand es spannend, dass einige Charaktere in der Geschichte nur einen kleinen Auftritt hatten und es der Autorin doch gelang, sie so darzustellen, dass sie einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Am Ende gibt es noch so viel über Fi, Shane, Briar, Red und die Paper Witch herauszufinden, dass ich sehr gespannt bin, wie Leslie Vedder die Handlung in „The Severed Thread“ fortsetzen wird. Dummerweise erscheint der Band erst im Februar 2023, aber ich freue mich schon darauf, dass ich dann ein Wiedersehen mit all den Charakteren feiern kann.