Schlagwort: Fantasy

Rae Carson: The Girl of Fire and Thorns

Ich muss gestehen, dass der Debütroman von Rae Carson ziemlich an mir vorbeigegangen ist, als er vor ca. 11 Jahren erschien, obwohl ich mir sicher bin, dass einige Personen ihn gelesen haben, deren Blogs ich folg(t)e. Und ich habe keine Ahnung mehr, was mich im vergangenen Herbst dazu brachte, spontan das eBook zu kaufen (wenn ich mal vom günstigen Preis absehe). Aber ich bin sehr froh, dass ich mir den Roman gegönnt habe, und habe in der vergangenen Woche gespannt all die Ereignisse rund um die Protagonistin Elisa verfolgt. Elisa ist „die Auserwählte“, diejenige, die am Tag ihrer Taufe von Gott mit einem Edelstein im Bauchnabel versehen wurde. Elisa wird irgendwann in ihrem Leben hoffentlich eine große Aufgabe erfüllen, doch was für eine Aufgabe das sein wird, weiß niemand. Und Elisa ist diejenige, die am wenigsten von allen versteht, warum gerade sie auserwählt wurde – was auch der Grund dafür ist, dass sie im Laufe der Zeit eine ausgewachsene Essstörung entwickelt hat, die dafür sorgt, dass Elisa ziemlich dick ist.

An ihrem sechzehnten Geburtstag wird Elisa mit König Alejandro verheiratet und reist mit ihm in seine Heimat. Dort muss sie zu ihrer großen Überraschung feststellen, dass Alejandro ihre Hochzeit erst einmal geheimhalten will und sie nur als Ehrengast bei Hof vorstellt. Doch das Leben und die Intrigen an diesem fremden Hof sind nur eine der Herausforderungen, die auf Elisa warten. An den Grenzen des Landes stehen feindliche Truppen, Rebellen sorgen für Unruhen und schon bald findet Elisa heraus, dass es deutlich mehr über den Götterstein in ihrem Bauchnabel zu wissen gibt, als ihr beigebracht wurde. Während Elisa anfangs schüchtern und voller Minderwertigkeitskomplexe ist, fand ich es schön zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt und an ihren Herausforderungen wächst. Ich fand es durchaus verständlich, dass Elisa das Gefühl hatte, dass sie neben ihrer schönen, klugen und weltgewandten großen Schwester Alodia verblasst und dass ihre Gesellschaft nur wegen des Göttersteins gesucht wird. So versteckt sie sich vor der Welt hinter ihrem Essen und hinter Schriftrollen, die ihr vielleicht mehr zu ihrem Schicksal verraten können.

Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen Elisa schon früh beweist, dass sie eine kluge und herzliche Person ist. Ich mochte es zum Beispiel sehr, wie sie im Laufe der Geschichte auf ihren Mann Alejandro reagierte. Anfangs ist sie – verständlicherweise – überwältigt davon, dass ein erfahrener und so gut aussehender Mann so freundlich mit ihr umgeht, während sie mit jeder weiteren Begegnung mehr über ihn lernt und so auch seine Schwächen wahrnimmt. Sie bemüht sich während der gesamten Handlung von „The Girl of Fire and Thorns“ hart darum, sich den Respekt der Personen um sich herum zu erarbeiten. Und je mehr Elisa den anderen Menschen beweist, dass sie mehr ist als nur die Trägerin des Göttersteins, dass sie eine Person ist, die ihre Versprechen hält und bereit ist, wirklich weit zu gehen, um diejenigen zu beschützen, die ihr am Herzen liegen, desto mehr lernt sie sich selbst zu mögen und ihren Fähigkeiten zu vertrauen. Ich mochte es sehr, wie Rae Carson nicht nur Elisa, sondern auch all die anderen Figuren in dieser Geschichte angelegt hat. Wenn ich ehrlich bin, sorgte die Autorin schon früh dafür, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, ich könne keinem Charakter rund um Elisa vertrauen. Aber Rae Carson gelang es auch, mir zu vermitteln, dass jede ihrer Figuren einen guten Grund für ihr Handeln hat – und das hat mir wirklich viel Spaß gemacht.

Interessant fand ich auch den Weltenbau bei „The Girl of Fire and Thorns“, denn Rae Carson lässt dabei viele Elemente offen und bietet relativ wenig Erklärungen für diese Mischung aus arabischer und spanischer Kultur. Die wenigen Hinweise, die es in den „religiösen Texten“ gibt, die Elisa regelmäßig liest, haben bei mir das gleiche Gefühl hinterlassen wie viele ältere SF-Romane, die ich früher gelesen habe. So als ob die Autorin eine grobe Idee hatte, die darauf basiert, dass eine (unsere?) Welt aufhörte zu existieren und ihre Bewohner deshalb in einer anderen Welt Zuflucht fanden. Das würde die Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elementen ebenso erklären wie einige der Legenden rund um vergangene Ereignisse. Auf der anderen Seite bot mir Rae Carson beim Lesen aber auch sehr viele realistische und alltägliche Details rund um das Überleben in der Wüste, das Bewegen in der Natur und die Dinge, auf die jemand achten muss, der ohne Vorräte in der Wildnis zurechtkommen muss. Ich mochte es sehr, dass in ihrer Welt nicht einfach Bogenschützen in der Wüste unterwegs sind, denn schließlich müssen sich die Menschen am Rande der Wüste gut überlegen, ob sie irgendwo Holz für Pfeile und Bögen herbekommen oder ob sie ihren Krieg nicht eher mit Schleudern und ähnlichen Mitteln führen sollten.

All diese Elemente zum Weltenbau und zum Alltag der Figuren mochte ich sehr. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin ihre Charaktere angelegt hatte, und ich fand es faszinierend, Elisa zu begleiten, während sie an all ihren Herausforderungen wächst. Insgesamt hat die Handlung einen gefährlichen „noch ein Kapitel“-Sog auf mich ausgeübt, der für längere Frühstückspausen gesorgt hat, als ich mir eigentlich leisten konnte. Die Geschichte ist am Ende von „The Girl of Fire and Thorns“ noch nicht abgeschlossen, aber der Ausklang des Romans ist so rund, dass das Buch für sich stehen kann. Ich fürchte allerdings, dass ich mit wohl in näherer Zukunft noch die nächsten Bände holen werde, auch wenn ich eigentlich eine eBook-Kaufpause einlegen wollte, bis ich wieder ein paar Titel aus meinem Bestand gelesen habe. Aber ich möchte zu gern wissen, wie es mit Elisa und all den anderen Charakteren weitergeht und wie sie mit den weiteren Herausforderungen, die noch auf sie warten, umgehen wird.

Leslie Vedder: The Bone Spindle

Mit „The Bone Spindle“ erzählt Leslie Vedder eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Im Prolog stellt die Autorin das fantastischen Königreich Andar vor, dessen jüngster Prinz von der Spindle Witch verflucht wurde. Nur durch den Einfluss der anderen drei großen Hexen (der Snake Witch, der Dream Witch und der Rose Witch) konnte der Fluch gemildert werden. Das Königreich Andar wurde durch diesen Fluch vernichtet, seine Bewohner flohen in die anliegenden Reiche, die drei großen Hexen starben bei dem Versuch, die Spindle Witch zu besiegen, und alle Personen im Schloss fielen – ebenso wie Prinz Briar – in einen unendlichen Schlaf, der nur durch den Kuss einer jungen Frau gebrochen werden kann. Doch bislang hat es niemand geschafft, den Fluch über Andars Prinzen zu brechen. Stattdessen durchstöbern Schatzjäger die Ruinen des zerstörten Königreichs nach kostbaren Schätzen, magischen Artefakten und unbekannten Zauberbüchern. Diese Schatzsuchen sind nicht ganz ungefährlich, denn die wertvollsten Dinge in diesen Ruinen werden durch ausgeklügelte Zauber und Fallen geschützt.

Auch die Protagonistinnen Fi – genauer Lady Filore Nenroa – und Shane, eine Kriegerin aus dem Norden, sind Schatzjägerinnen, wobei Shane vor allem auf Reichtümer aus ist, während Fi auf der Suche nach Wissen über das verlorene Königreich Andor und die Orden der großen Hexen ist. Genau genommen hofft Fi, dass sie in den Unterlagen der alten Hexen-Orden Informationen findet, die ihr helfen, einen Fluch zu brechen, mit dem sie ihr Ex-Freund vor einem Jahr verhext hat. Doch stattdessen stolpert sie bei einem gemeinsamen Abenteuer mit Shane über einen weiteren Fluch – den Fluch, den die Spindle Witch auf den Prinzen von Andor gelegt hat. Dieser Fluch sorgt für einen Seelenbund zwischen Fi und dem schlafenden Briar, und je länger dieser Bund besteht, desto näher kommen sich die beiden. Auf ihrem Weg zum verfluchten Schloss von Andor müssen sich Fi und Shane nicht nur mit dunkler Magie, Hexenjägern, einem manipulativem Ex-Freund und einer rätselhaften jungen Frau in einem roten Umhang herumschlagen, sondern auch mit der dunklen Magie der Spindle Witch. Trotzdem ist „The Bone Spindle“ alles andere als eine düstere Geschichte, denn allein schon die gegensätzlichen Charaktere der beiden Protatonistinnen sorgen für diverse amüsante Szenen.

Ich mochte es sehr, dass Fi und Shane anfangs nicht mehr als „Arbeitskolleginnen“ waren, die sich miteinander arrangieren, obwohl sie die andere Person und ihr Verhalten häufig nicht verstehen können. So konnte ich abwechselnd mit einem Schmunzeln Fis und Shanes Gedanken verfolgen, die sie sich über ihre Kollegin machten, und nach und nach miterleben, wie sich diese beiden so unterschiedlichen Frauen miteinander anfreunden. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin verschiedene Märchenelemente aufgreift und ihre ganz eigene Geschichte daraus spinnt. Dabei belässt sie es nicht dabei, Prinz Briar zum Opfer des Fluches zu machen oder sich einfach bei bekannten Märchen zu bedienen, sondern sie baut eine ganz eigene Welt rund um die Hexen-Orden, die Schatzjäger und das verfluchte Königreich auf. Allerdings muss ich zugeben, dass „The Bone Spindle“ durch die ausführliche Vorstellung der Figuren (und der Welt) in den ersten Kapiteln etwas gemächlich anfängt. Ich habe das erste Drittel des Romans problemlos immer wieder aus der Hand legen und stattdessen in anderen Büchern stöbern können, aber als dieser Teil vorbei war, hat mich die Handlung so richtig gepackt und dafür gesorgt, dass ich „nur noch eben ein Kapitel“ gelesen habe, bis der Roman zuende war.

Das Einzige, was mich beim Lesen etwas irritiert hat, war das Alter der Protagonistinnen. Fi zum Beispiel ist siebzehn und wurde vor einem Jahr von ihrem Ex-Freund, mit dem sie sich einen Ruf als Schatzjägerin erarbeitet hatte, verflucht. Und wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich, wie alt Fi bitte war, als sie anfing, gemeinsam mit ihrem Ex als Schatzjägerin zu arbeiten. Selbst wenn sie relativ schnell gewisse Berühmtheit erlangt hat, so kann sie zu Beginn ihrer Karriere maximal fünfzehn Jahre alt gewesen sein, und das finde ich schon etwas arg jung. Und auch bei Shane frage ich mich etwas, wie alt sie wohl gewesen sein muss, als sie ihr Zuhause (kurz vor ihrer Heirat!) hinter sich ließ – und wie sie sich dann so schnell Berühmtheit als Kriegerin erarbeiten konnte. Wenn ich dann noch all die deprimierenden Monate in Betracht ziehe, die sie als Söldnerin mit zweifelhaften Jobs verbracht hat … Aber nun gut, ich vermute mal, dass die anvisierte jugendliche Zielgruppe der Grund dafür ist, dass Fi und Shane deutlich jünger sind, als sie meiner Ansicht nach sein dürften, und grundsätzlich hat mich das Ganze nicht so sehr gestört, dass es mein Lesevergnügen deutlich getrübt hätte. Auch wenn ich es natürlich trotzdem hier ansprechen musste …

Insgesamt hat mir „The Bone Spindle“ wirklich gut gefallen. Ich mochte die beiden Protagonistinnen mit all ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen sehr gern, ich fand es unterhaltsam zu verfolgen, wie Briar versucht, Fis Herz für sich zu gewinnen, und ich habe es genossen, zu lesen, wie Fi und Shane sich im Laufe ihrer Reise anfreunden und immer wieder füreinander einstehen. Selbst wenn es hier und da Momente gab, in denen ich das Verhalten der beiden Protagonistinnen nicht wirklich klug fand, konnte ich ihre Beweggründe in der Regel nachvollziehen, was dafür gesorgt hat, dass mich diese Passagen so gar nicht gestört haben. Stattdessen habe ich mich über die vielen kleinen Entwicklungen, die die Figuren durchmachen, und über jede neue Information zu ihren Hintergründen gefreut. Ich fand es spannend, dass einige Charaktere in der Geschichte nur einen kleinen Auftritt hatten und es der Autorin doch gelang, sie so darzustellen, dass sie einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Am Ende gibt es noch so viel über Fi, Shane, Briar, Red und die Paper Witch herauszufinden, dass ich sehr gespannt bin, wie Leslie Vedder die Handlung in „The Severed Thread“ fortsetzen wird. Dummerweise erscheint der Band erst im Februar 2023, aber ich freue mich schon darauf, dass ich dann ein Wiedersehen mit all den Charakteren feiern kann.

Faith Erin Hicks: The Nameless City (Comic)

Ich weiß nicht, wo ich über die „The Nameless City“-Comics von Faith Erin Hicks gestolpert bin, aber nachdem ich den ersten Band gelesen habe, bin ich fest entschlossen, mir auch noch die anderen beiden Teile der Reihe zu besorgen. Die Geschichte spielt in der titelgebenden „Nameless City“, die auf der einen Seite viele Namen hat, weil sie im Laufe ihres Bestehens immer wieder erobert und dann mit einem neuen Namen versehen wurde, und auf der anderen Seite namenlos ist, weil ihre Bewohner die ständig wechselnden Namen ihrer Eroberer nicht anerkennen. Diese kleine Stadt ist ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel mit den verschiedenen Reichen und seit dreißig Jahren in der Hand der Dao. Die Handlung beginnt an dem ersten Tag, den der Dao-Junge Kaidu (Kai) in der Stadt verbringt. Wie es Tradition bei den Dao ist, soll der Junge in der Stadt zum Krieger ausgebildet werden, doch Kaidu selbst hat wenig Freude am Kämpfen und hat vor allem deshalb den Weg in die Stadt gewählt, um endlich seinen Vater Andren kennenzulernen, der dort stationiert ist.

Als Kai endlich mit Andren zusammentrifft, stellt er fest, dass seinem Vater die Stadt mit all ihren unterschiedlichen Bewohnern ans Herz gewachsen ist. Im Gegensatz zu den anderen Dao-Soldaten geht er häufiger durch die Straßen der Stadt, genießt das Essen an den verschiedenen Ständen und versucht, mehr über die Menschen dort herauszufinden. Da auch Kai wissbegierig ist, nimmt er sich ein Beispiel an seinem Vater und freundet sich so mit dem Mädchen Rat an. Rat hasst die Dao, da diese für den Tod ihrer Eltern verantwortlich sind, aber gegen Kais Hartnäckigkeit und Freundlichkeit kommt sie mit ihrer abweisenden Art nicht an. Stattdessen zeigt sie ihm im Laufe der folgenden Wochen ihre Seite der Stadt, sie erzählt ihm von den Mönchen, die ihr im Stone Heart Obdach geben, und bringt ihm bei, über die Dächer der Stadt zu laufen.

Ich mochte es sehr, Kai dabei zu begleiten, wie er die Stadt, die vorerst sein Zuhause sein wird, kennenlernt, wie er die verschiedenen Menschen trifft und mehr über ihre Sicht auf die Stadt erfährt, und natürlich wie er sich nach und nach mit Rat anfreundet. Es gelingt Faith Erin Hicks, dabei all die vielen verschiedenen Verhältnisse zwischen Eroberern und Eroberten darzustellen, ohne plakativ zu betonen, wie schwierig das Zusammenleben für diese unterschiedlichen Gruppen ist. Besonders schön fand ich es dabei, dass die Künstlerin die ganze Zeit in ihrer Geschichte mitschwingen lässt, dass keine der gezeigten Personen sich so einfach in eine Schublade packen lässt. Da gibt es auf der einen Seite den General, dessen Einsatz entscheidend für die Eroberung der Stadt war, aber der auch in der Lage ist, all die Leben zu betrauern, die diese Eroberung gekostet hat, während es auf der anderen Seite Soldaten gibt, die die Bewohner der Stadt nicht als „echte Menschen“ wahrnehmen, weil sie ja keine Dao sind.

Diese kleinen Details rund um die unterschiedlichen Charaktere haben mir fast mehr Freude bereitet als die relativ geradlinige erzählte Handlung, weil in all den kleinen Szenen und Zeichnungen so vielschichtige Elemente mitschwangen. Den Zeichenstil selbst fand ich für mich persönlich etwas gewöhnungsbedürftig, da die Künstlerin mit harten Outlines und ebenso hart schraffierten Schatten arbeitet, was ich nicht so ansprechend finde. Auf der anderen Seite passen die harten Linien sehr gut zur erzählten Geschichte und dem entbehrungsreichen Leben in der Stadt. Gemildert wird die Härte der Zeichnungen etwas durch die warmen Erdtöne, in denen Jordie Bellaire den Comic koloriert hat. Nachdem ich mich etwas „eingesehen“ hatte, habe ich den Kontrast zwischen den Zeichnungen und der Koloration und zwischen den vielen dynamischen und den ruhigeren Panels sehr genossen. Und am Ende des Comics bin ich sehr neugierig darauf zu erfahren, wie sich die Geschichte weiterentwickeln wird und was aus all den Charakteren wird, deren überraschende Freundschaft, deren Zwiespalt zwischen Loyalität und Gerechtigkeitsinn oder deren Wille, ungewöhnliche Wege zu gehen, die Welt und das Leben in der Stadt verändern könnten.

Katie & Kevin Tsang: Dragon Mountain (Dragon Realm 1)

Über „Dragon Mountain“, den ersten Band der Dragon-Realm-Reihe von Katie und Kevin Tsang, bin ich im vergangenen Jahr zufällig gestolpert und fand, dass sich der Klappentext nett anhört. Die Geschichte wird aus der Sicht des zwölfjährigen Billy Chan erzählt, der eigentlich davon geträumt hatte, den Sommer gemeinsam mit seinen Freunden surfend am Strand von Kalifornien zu verbringen. Stattdessen findet er sich in einem Sommercamp inmitten unwegsamer Berge in China wieder, weil seine Eltern meinten, dass dies eine einzigartige Chance sei, damit Billy seine Mandarin-Kenntnisse verbessern kann. Sehr begeistert ist er also nicht von der Aussicht, seinen Sommer im „Camp Dragon“ zu verbringen, aber immerhin lernt er schon während der Anreise andere Kinder kennen, mit denen er sich gut versteht. Als Billy dann noch während einer Gruppenaufgabe gemeinsam mit Dylan, Ling-Fei und Charlotte über eine verborgene Kammer in den Bergen stolpert, in der sie Drachen finden, beginnt für die vier Kinder ein fantastisches Abenteuer.

Zusammen mit den Drachen müssen sie gegen ein unvorstellbar böses Wesen kämpfen, das sowohl die Welt der Drachen als auch die Welt der Menschen bedroht. Dabei ist der Zusammenhalt zwischen den neu gefundenen Freunden ebenso wichtig wie die magischen Fähigkeiten, die ihnen ihre Verbindung mit den Drachen verleiht. Viel mehr kann ich eigentlich zum Inhalt von „Dragon Mountain“ nicht verraten, wenn ich nicht zu viel der Handlung spoilern will. Katie und Kevin Tsang erzählen diese Geschichte recht geradlinig, es gibt nur wenige Wendungen (und die, die es gibt, fand ich recht vorhersehbar) und es fühlt sich an, als ob Billy und seine Freunde die ganze Zeit nur von einem Punkt zum nächsten geschickt werden, bis es am Ende zu einer größeren Auseinandersetzung mit ihrem Gegner kommt. Und während ich sonst sagen würde, dass das Alter der Protagonisten auch grob dem Alter der anvisierten Zielgruppe entspricht, scheint mir diese Geschichte auch für ein deutlich jüngeres Publikum (ab 8 Jahren) geeignet zu sein.

Was ich an dem Roman sehr mochte und was dafür gesorgt hat, dass ich ihn innerhalb von zwei Tagen gelesen habe, waren die Charaktere. Billy, Dylan, Ling-Fei und Charlotte haben alle vier ihre Stärken und Schwächen. Und während zum Beispiel Dylan in all seiner Ängstlichkeit schnell lächerlich oder Charlotte mit ihrer bestimmenden Art schnell unsympathisch wirken könnte, gelingt es Katie und Kevin Tsang, sie so darzustellen, dass sie trotz (oder gerade wegen) dieser Eigenheiten liebenswert wirken. Auch gefiel mir die Haltung, mit der alle vier Kinder sich durch die gesamte Geschichte bewegen. So ist Billy wirklich nicht begeistert von der Aussicht, seinen Sommer in diesem Camp zu verbringen, aber nachdem er schon mal da ist und seinen ersten Unmut überwunden hat, versucht er, das Beste aus der ganzen Situation zu machen. Dylan hingegen hat die ganze Zeit Angst und verhehlt nicht, dass er diese ganzen Herausforderungen lieber aussitzen und stattdessen gemütlich in seinem Bett zuhause rumgammeln würde. Aber ihm ist auch bewusst, wie wichtig der Kampf gegen ihren Gegner ist und dass es nicht hilfreich wäre, wenn er nichts tun würde, also gibt er sein Bestes und unterstützt seine Freunde und die Drachen, so gut er kann.

Es ist selten der Fall, dass ich bei einem fantastischen Kinderbuch die Charaktere lieber mag als die Grundidee oder die eigentlich Handlung mit all ihren ungewöhnlichen Elementen, aber bei „Dragon Mountain“ war das definitiv so. Die Geschichte selbst war nett, aber nicht so packend oder ungewöhnlich, dass ich dafür hätte weiterlesen müssen. Billy, Dylan, Charlotte und Ling-Fei hingegen hatte ich schnell ins Herz geschlossen und mochte es sehr, wie sie dargestellt wurden und wie sie sich gemeinsam all den Herausforderungen stellten, die auf sie warteten. Trotzdem hätte ich bis wenige Seiten vor Ende des Buches gesagt, dass ich keine Fortsetzung der Reihe lesen werde, weil die Handlung für mich persönlich doch ein wenig zu einfach und geradlinig erzählt wird ( – wäre „Dragon Mountain“ ein Videospiel, würde ich sagen, dass mir die Side-Quests fehlen 😉 ). Aber dann gab es kurz vor Schluss noch einen Cliffhanger, der dafür sorgt, dass ich mich nun frage, was wohl aus einer der Figuren wird und wie sich ihre Geschichte wohl im nächsten Band entwickelt. Ich bin also noch etwas unentschlossen, ob ich der Reihe eine weitere Chance geben soll oder nicht.

Michelle Harrison: A Storm of Sisters

„A Storm of Sisters“ ist der vierte Band rund um die Widdershins-Schwestern von Michelle Harrison. Dieses Mal schickt die Autorin die drei Schwestern Fliss, Betty und Charlie gemeinsam mit ihrer Großmutter Bunny in den abgelegenen Ort Wilderness, um sich um Cousine Clarissa zu kümmern, die sich bei einem Unfall das Bein gebrochen hat. Für Betty ist diese Reise eine willkommene Abwechslung zum Alltag in dem kleinen Cottage in Pendlewick. Denn so gern sie ihr neues Zuhause mag, so sehnt sie sich doch weiterhin danach, neue Orte zu entdecken. Und Wilderness hat den drei Schwestern so einige Abenteuer zu bieten, denn der Ort ist nicht nur für seine ungewöhnlich kalten Temperaturen berühmt, sondern auch für seinen Wintermarkt, der zufällig gerade während ihres Besuchs stattfindet. Noch spannender wird es, als die Schwestern feststellen, dass in Clarissas kleinem Cottage kein Platz für sie ist und sie deshalb in dem großen Hotel des Ortes unterkommen.

Das Hotel „Echo Hall“ ist zur Zeit voller Besucher, die den Wintermarkt erleben wollen, und wimmelt geradezu von all den Gerüchten über eine Geistererscheinung. Genauer gesagt soll der Geist des ehemaligen Dienstmädchens Elora umgehen, nachdem diese vor einigen Jahrzehnten in dem See in der Nähe des Hotels ertrunken ist. Auch besagen die Gerüchte, dass Elora nur deshalb ertrank, weil sie ihren Liebsten, der ein Straßenräuber war, inmitten eines Schneesturms suchte, nachdem dieser den kostbaren Kristall einer Wahrsagerin an sich gebracht hatte. Und bei all den Erlebnissen, die die drei Widdershins-Schwestern in der Vergangenheit schon mit übernatürlichen Elementen hatten, überrascht es nicht, dass auch dieser sagenhafte Kristall der Wahrsagerin über seine ganz eigene Magie verfügen soll. Gemeinsam versuchen Fliss, Betty und Charlie, mehr über Eloras Geschichte herauszufinden und so vielleicht einen Todesfall zu verhindern, der angeblich durch den Anblick von Eloras Geist vorhergesagt wurde.

Ich habe es so genossen, wieder durch Bettys Perspektive all die Ereignisse rund um die Widdershins-Schwestern zu verfolgen. Bettys Neugier auf die unbekannte Umgebung, auf all die Menschen, die sie im Hotel kennenlernt, und natürlich auf die Details rund um Eloras Geschichte sorgt dafür, dass ich viel Spaß dabei hatte, mit ihr zusammen Wilderness zu erkunden. Dazu kamen noch all die eindringlichen Beschreibungen des fürchterlich kalten und verschneiten Winters, der einerseits für eine wunderbar märchenhafte Atmosphäre bei dem Wintermarkt sorgte, aber auf der anderen Seite immer auch als Bedrohung im Raum stand. Michelle Harrison konzentriert sich nämlich nicht nur auf die romantische und gemütliche Seite des Winters, sondern schreckt in „A Storm of Sisters“ nicht davor zurück, Betty und ihre Schwestern durch die fürchterliche Kälte in Gefahr zu bringen. Ich mag diese Mischung aus heimeligen und unheimlichen Szenen und dass all die bedrohlichen Elemente in der Geschichte wie die fürchterliche Kälte ebenso wie die Bedrohungen, die von gierigen und skrupellosen Menschen ausgehen, dadurch ausgeglichen werden, dass Fliss, Betty und Charlie füreinander da sind und sich gegenseitig beschützen.

Obwohl „A Storm of Sisters“ schon der vierte Band der Reihe ist, habe ich nicht das Gefühl, dass der Autorin so langsam die Ideen ausgehen oder dass sich bestimmte Elemente wiederholen. Wilderness bietet als Kulisse ganz andere Möglichkeiten als die Marschen oder das idyllische Pendlewick, und Eloras Geistergeschichte hat einen vollkommen anderen Hintergrund als Bettys Familiengeschichte oder der Hexenfluch in den vorhergehenden Bänden. Das sorgt dafür, dass es immer wieder überraschende Elemente und Wendungen in der Handlung zu entdecken gibt, die mich beim Lesen neugierig auf die weiteren Entwicklungen machen. Auch mochte ich es sehr, wie Michelle Harrison mit den Vorurteilen und Erwartungen der Leser*innen spielt und welche Folgen dies für die Enthüllungen am Ende der Geschichte hatte. Trotz der unheimlichen Elemente, der Flüche und Geistererscheinungen gehören die Widdershins-Romane für mich eindeutig in die Kategorie „Wohlfühlbücher“, und jedes Mal, wenn ich einen neuen Band beendet habe, habe ich das Gefühl, dass dieser noch ein kleines bisschen besser war als der davor. Ich hoffe sehr, dass Michelle Harrison noch lange nicht die Ideen rund um Betty und ihre Schwestern ausgehen und ich so noch einige unheimliche Abenteuer mit den drei Mädchen erleben kann.

Travis Baldree: Legends & Lattes

Wenn ich das Genre, das ich gerade am liebsten lese, mit einem Label versehen müsste, so wäre es wohl „Cozy Fantasy“ – und „Legends & Lattes“ von Travis Baldree passt definitiv perfekt in dieses Genre! Die Handlung dreht sich um die Ork-Barbarin Liv, die nach Jahrzehnten als Abenteurerin von ihrem Job die Nase voll hat und beschliesst, dass es Zeit für einen Richtungswechsel ist. Genau gesagt möchte Liv in der Stadt Thune ein Kaffeehaus eröffnen und den Rest ihres Lebens damit verbringen, die Bewohner von Thune mit dem ungewöhnlichen Gebräu der Gnome vertraut zu machen. Startpunkt für diesen Traum war ein unvergesslicher Tag, den sie in einer Stadt der Gnome verbrachte und wo sie zu ihrer eigenen Überraschung von der Atmosphäre des örtlichen Kaffeehauses verzaubert wurde. Der Duft des Getränks, der Geschmack und die entspannende Umgebung, all das möchte Liv ihren zukünftigen Kunden bieten. Und nachdem sie bei ihrem letzten Abenteuer in den Besitz eines Scalvert’s Stones geraten ist, hofft sie, dass der Stein ihr genügend Glück bringt, um diesen Traum zu verwirklichen.

Nach einer Anfangsszene, bei der dieser letzte Moment in Livs Abenteurerleben gezeigt wird, dreht sich die Geschichte nur darum, wie die Protagonistin ein passendes Gebäude für ihr Kaffeehaus sucht, jemanden für die Reparaturen und Umbauten engagiert, eine Mitarbeiterin findet und so nach und nach das Kaffeehaus Wirklichkeit wird. Gemeinsam gelingt es Liv und ihrer Mitarbeiterin Tandri, die ersten Gäste anzulocken, und je größer die Gästezahl wird, desto mehr entwickelt sich auch Vivs Angebot in ihrem Kaffeehaus. Ich habe es wirklich geliebt, all diese kleinen Schritte rund um das Kaffeehaus zu lesen, Liv und all die anderen Figuren besser kennenzulernen und zu sehen, wie die Protagonistin treue Freunde und Stammkunden findet. Natürlich läuft nicht alles reibungslos in „Legends & Lattes“, denn es ist nun mal eine High-Fantasy-Welt und Livs Vergangenheit lässt sich nicht von einem Moment auf den anderen abschütteln. Aber ich mochte es sehr, wie Liv nach einem friedlichen Weg sucht, um zum Beispiel mit Schutzgeld-Erpressern fertig zu werden. Und selbst als es gegen Ende zu einer etwas dramatischeren Entwicklung kommt, hatten die vorhergehenden Kapitel so sehr dafür gesorgt, dass ich mir sicher war, dass alles gut ausgehen würde, dass mich dieser Teil nicht aus meiner entspannten Stimmung beim Lesen herausreißen konnte.

Travis Baldree ist es mit „Legends & Lattes“ nicht nur gelungen, eine wunderbar entspannte nd wohltuende Geschichte zu erzählen, sondern dabei auch noch all die kleinen Elemente einzubauen, die so typisch für High Fantasy sind, und die das sind, was ich immer noch an diesem Genre liebe, auch wenn ich es kaum noch lese. Allein die vielen verschiedenen Charaktertypen, die in der Geschichte wunderbar dargestellt werden, sind schon ein Grund, um diesen Roman zu lesen. Ich mochte es sehr, dass weder Liv noch ihre Freunde sich davon abschrecken ließen, dass ihnen dank ihrer Herkunft ein schlechter Ruf vorauseilt. Stattdessen versammeln sich im Laufe der Zeit rund um Liv so viele unterschiedliche Personen, die alle ihre eigenen Hoffnungen und Träume mit dem Kaffeehaus verbinden und die sich wunderbar gegenseitig ergänzen. Ich habe „Legends & Lattes“ so sehr genossen, dass ich das Buch am Veröffentichungstag in einem Zug durchgelesen habe. Es gibt nur eine einzige Sache, die ich kritisieren würde: Jeder neue Gast verliebt sich auf Anhieb in das ungewöhnliche Getränk! Für jemanden, der selbst Jahrzehnte brauchte, um Geschmack an Kaffee zu entwickeln (und ich trinke ihn nie pur!), ist das etwas unglaubwürdig. 😉

Oh, und wenn ihr nun ebenfalls Lust auf das Buch bekommen haben solltet: Für Kindle-Nutzer gibt es das eBook wirklich günstig zu kaufen oder bei KU zu lesen.

Claire Eliza Bartlett: The Winter Duke

Ich finde es lustig, dass die wenigen (High-)Fantasy-Bücher, die mich in letzter Zeit reizen, einen großen politischen Schwerpunkt haben, obwohl mich politische Geschichten in Romanen normalerweise gar nicht ansprechen. Nach diesem Einleitungssatz ist es also wohl nicht überraschend, wenn ich sage, dass „The Winter Duke“ von Claire Eliza Bartlett ein großes Gewicht auf die Politik des Großherzogtums Kylma Above (und dem Gegenstück Kylma Below) legt. Die Handlung wird aus der Sicht der 16jährigen Ekata (Ekatarina Avenko) erzählt, die das mittlere Kind des Großherzogs von Kylma Above ist. Ekata ist die einzige Person in ihrer Familie, die kein Interesse an den Machtspielen und dem Kampf um die Thronfolge hat. Stattdessen hofft sie, dass ihr Vater ihr irgendwann erlauben wird, ihre Heimat zu verlassen, um im Süden ein Medizinstudium beginnen zu können. Doch bevor es so weit kommt, fällt ihre gesamte Familie einer mysteriösen Krankheit zum Opfer, und als einziges nicht erkranktes Mitglied der Avenkos sieht es Ekata als ihre Pflicht an, den Thron (zumindest vorübergehend) einzunehmen.

Von diesem Moment an muss Ekata versuchen, irgendwie ihre machthungrigen Minister und ihren noch gefährlicheren ehemaligen Pflegebruder, König Sigis, im Griff zu behalten, während sie gleichzeitig mit den Ritualen der Thron-Übernahme und der Suche nach einem Heilmittel für ihre Familie beschäftigt ist. Und dann sind da noch all die politischen Verwicklungen, von denen Ekata überhaupt keine Ahnung hat und die nicht nur aufgrund der angespannten Situation mit Kylma Below, sondern auch wegen der gerade laufenden Brautschau (ursprünglich für Ekatas ältesten Bruder gedacht) besonders brisant sind. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Ekata nur mit Mühe und Not ihren neuen Alltag übersteht und nicht immer die klügsten oder bestdurchdachten Entscheidungen trifft. Aber da ihre Motivation für mich immer nachvollziehbar war, machte dies die Protagonistin in meinen Augen nur umso sympathischer. Ebenso fand ich es stimmig, dass Ekata in all ihrer Hilflosigkeit regelmäßig auf die einzigen Vorbilder zurückgreift, die sie für solche Situationen kennt, und das bedeutet, dass sie sich im Laufe der Zeit immer häufiger wie ihre Mutter oder ihr Vater verhält und somit genau die Charaktereigenschaften an den Tag legt, die dafür gesorgt haben, dass sie selbst keinerlei Zuneigung zu ihren Eltern empfinden kann.

Es gibt nur wenige Personen, denen Ekata vertraut, und selbst bei diesen muss sie sich immer wieder fragen. ob dieses Vertrauen überhaupt gerechtfertig ist. Die Tatsache, dass die meisten in ihrem Umfeld vielfältige Beweggründe haben, von denen Ekata keine Ahnung hat, macht es für sie so schwierig, Entscheidungen zu fällen und herauszufinden, auf wessen Ratschläge sie überhaupt hören kann. Eine überraschende Verbündete findet sie in Inkar, einer jungen Frau, die zur Brautschau angereist war. Dabei gibt es so einige Parallelen im Leben dieser beiden Frauen, was einem immer wieder aufzeigt, wie falsch der Weg ist, den Ekata in ihrer Hilflosigkeit einschlägt. Ich mochte es sehr, wie sich Ekata und Inkar im Laufe der Geschichte ein bisschen besser kennenlernen und wie Inkar Ekata immer wieder anstupst, damit diese eigenständige Entscheidungen trifft und sich nicht so häufig von ihren Ängsten beeinflussen lässt. Es gelingt Claire Eliza Bartlett, deutlich zu machen, wie wichtig es für Ekatas Position wäre, die Personen um sich heraum wirklich gut zu kennen, und wie viel einfacher es im Vergleich für Inkar ist, sich am Hof zu bewegen, weil sie ein aufrichtiges Interesse an den Menschen um sich herum hat.

Neben der wirklich spannenden Handlung, den vielen verschiedenen Wendungen und dem überraschenden Ende (ich hatte zwar einen Verdacht, aus welchem Personenkreis jemand beteiligt sein müsste, dabei aber die ganze Zeit die falsche Person im Auge gehabt 😀 ) hat mich auch der Weltenbau in „The Winter Duke“ wirklich angesprochen. In der Welt, in der die Geschichte spielt, sind genderneutrale Pronomen ebenso normal wie die Tatsache, dass zu der „Brautschau“ nicht nur weibliche Personen angereist sind. Es fühlte sich beim Lesen die ganze Zeit an, als ob bestimmte Begriffe – wie eben die Brautschau – noch traditionell geschlechtsbezogen seien, aber in der Realität diese Geschlechter-Schubladen schon lange abgelegt worden seien. Was nicht bedeuten würde, dass Ekata als Tochter des Großherzogs selbst über ihr Leben bestimmen könnte, aber immerhin wird doch die Thronfolge geschlechterunabhängig davon bestimmt, wer die Machtkämpfe innerhalb der Geschwister überlebt. So ist es auch kein Problem, dass Ekata eine der für ihren Bruder bestimmten Bräute „übernimmt“ oder dass sie als Frau den Thron beansprucht, nachdem ihre restliche Familie durch die mysteriöse Krankheit in eine Art Koma fällt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich es – gerade aufgrund der sonst recht gut beschriebenen Genderneutralität in der Welt – schon recht auffällig fand, wie sehr Ekata als junge Frau von all den alten Männern (in der Regierung) so gar nicht ernst genommen wurde. Auf der anderen Seite lässt sich das auch der Tatsache zuschreiben, dass sie sich bekanntermaßen bislang überhaupt nicht für Politik interessierte und deshalb eben keine Ahnung von all den Regierungsvorgängen im Schloss hatte.

Ein weiterer wunderbarer Aspekt des Weltenbaus waren die Details rund um Kylma Below – ein Unterwasser-Herzogtum, das seit langer Zeit in einer Art Symbiose mit Kylma Above existiert. Beide Reiche können nur miteinander gedeihen, und diese Abhängigkeit führt zu einem zerbrechlichen Balanceakt zwischen Above und Below. Doch trotz dieses politisch engen Verhältnisses wissen die Personen in Kylma Above kaum etwas über die Bewohner von Kylma Below, und so war es wirklich spannend, gemeinsam mit Ekata mehr über das Unterwasserreich zu erfahren. Ebenso faszinierend fand ich all die Details, die die Autorin über das Leben in einem Schloss aus Eis, das auf einem zugefrorenen (sehr, sehr großen) See gebaut wurde, in die Geschichte eingebaut hat. Dabei spielte Magie beim Leben im Schloss durchaus eine Rolle, aber eine deutlich kleinere als bei einem fantastischen Roman zu erwarten gewesen wäre. Was dazu führt, dass es stattdessen Erwähnungen von irdenen Gefäßen gibt (weil Metall an den Lippen festfrieren würde) oder Schuhwerk mit Metallspikes alltäglich ist (da damit ein normales Gehen auf dem Eis innerhalb des Schlosses möglich ist), oder es werden die Probleme (oder die nicht ganz so vielfältige Ernährung) erwähnt, die damit einhergehen, dass es so gut wie keine Landwirtschaft im Großherzogtum gibt. Insgesamt habe ich das Lesen von „The Winter Duke“ wirklich sehr genossen und meine Lesezeit in der vergangenen Woche abends immer wieder verlängert, weil ich nur noch eben ein bisschen in diesem Roman weiterlesen musste. Außerdem bin ich nun neugierig auf die beiden anderen bislang erschienenen Titel von Claire Eliza Bartlett und werde mir wohl demnächst mal ihren Thriller „The Good Girls“ beschaffen müssen.

Ein paar Leseeindrücke

Da ich in diesem Monat bislang vor allem zu sehr kurzen Büchern, Comics und Manga und „netten“ Romanen gegriffen habe, komme ich zahlenmäßig in den ersten zwei Februarwochen sogar auf eine ganz befriedigende Anzahl an gelesenen Titeln. (Ich darf nur nicht so genau hinschauen, wenn es um die Seitenzahlen geht. *g*) Allerdings bieten diese Titel nur selten genügend Stoff für eine richtige Rezension, obwohl ich es schade fände, wenn sie keine Erwähnung auf dem Blog bekommen würden. Also gibt es hier nach sehr langer Zeit mal wieder eine Sammlung von Leseeindrücken:

R. W. Gingell: Gothel and the Maiden Prince
Im vergangenen Jahr habe ich von R. W. Gingell schon die „Shards of a Broken Sword“-Trilogie gelesen und war fasziniert davon, wie die Autorin mit klassischen Fantasy-/Märchenthemen umgeht. Ich mochte ihre Figuren und die ungewöhnlichen Wendungen, die ihre Geschichten nahmen, weshalb einige andere Bücher von der Autorin auf dem Merkzettel gelandet sind. „Gothel and the Maiden Prince“ ist eine Rapunzel-Variante, bei der Prinz Lucien (von seinem Vater und seinen Brüdern nur verächtlich Maiden Prince genannt, weil er ihnen nicht „männlich“ genug ist) sich aufmacht, um eine Prinzessin aus dem magischen Turm einer bösen Zauberin zu befreien. Doch da Lucien jemand ist, der Fragen stellt und zuhört, findet er schnell heraus, dass die Zauberin gar nicht so böse ist, und dass die Prinzessin wild entschlossen ist in der Obhut ihrer Entführerin zu bleiben. Die gerade mal 131 Seiten lange Geschichte dreht sich vor allem darum, wie sich Prinz Lucien und die Zauberin Gothel besser kennenlernen, wobei es so einige amüsante Szenen zwischen den beiden, aber auch mit den Bewohnern eines angrenzenden Dorfes gibt. Abgesehen von einigen (sehr vagen) Erwähnungen rund um Kindesmissbrauch (der in der Vergangenheit liegt und dessen Opfer inzwischen in Sicherheit ist) ist „Gothel and the Maiden Prince“ einfach nur eine wunderbar wohltuende Geschichte, die mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Lydia M. Hawke: A Gathering of Crones (Crone Wars 2)
„A Gathering of Crones“ ist die Fortsetzung von „Becoming Crone“ das mir im vergangenen Sommer viel Freude bereitet hatte. Während die Protagonistin Clarie im ersten Band damit fertig werden muss, dass sie eine Hexe ist, muss sie nun damit umgehen lernen, dass ihre Magie nicht wie erwartet funktioniert und dass ihre Position sie in das Zentrum eines Krieges rückt. Außerdem lernt Clarie ihre Kolleginnen kennen und hier mochte ich es sehr, dass all diese Frauen schon älter sind, mitten im Leben stehen und gelernt haben mit Rückschlägen und sich nicht erfüllenden Erwartungen umzugehen. Dieser Band ist weniger ruhig als der erste Teil, da das Leben für Claire inzwischen deutlich gefährlicher ist, aber ich mochte es all die Details zur Magie zu lesen und zu sehen wie die Protagonistin so langsam in ihre Rolle hineinfindet. Auch wenn ihr letzteres nicht gerade einfach gemacht wird, weil ihre Position sehr ungewöhnlich ist und die Personen um sie herum nicht so recht wissen, wie sie mit ihr umgehen sollen. Und weil ich diesen Band so gern gelesen habe und sehr neugierig auf die weiteren Entwicklungen bin, habe ich prompt gleich den dritten Teil vorbestellt, auch wenn er erst im Herbst erscheinen wird.

Farrah Rochon: The Boyfriend Project
Über „The Boyfriend Project“ von Farrah Rochon bin ich gestolpert, weil die Autorin und ihre Romane mit Talia Hibbert verglichen wurden. „The Boyfriend Project“ dreht sich um Samiah, die dank einer Frau, die ihr aktuelles Date auf Twitter live kommentiert, herausfindet, dass ihr Freund Craig sich auch noch mit anderen Frauen trifft. Genau genommen trifft sich Craig auch noch mit Taylor und London (die mit ihren Tweets das Ganze angestoßen hatte). Was mir an der Geschichte gut gefiel, ist, dass Craig danach eigentlich kein Thema mehr ist, wenn man davon absieht, dass die Konfrontationsszene mit ihm im Restaurant auf Youtube viral ging und so Samiah, Taylor und London zu einer kurzzeitigen und ungewollten Berühmtheit verhilft. Stattdessen freunden sich die drei Frauen an und beschließen sich gegenseitig dabei zu helfen, sich in den kommenden Monaten um sich selbst zu kümmern, die Suche nach einem Freund sein zu lassen und dafür Dinge zu tun, die sie bislang immer aufgeschoben haben. Was natürlich bedeutet, dass Samiah kurz darauf einen neuen Arbeitskollegen kennenlernt, der einfach perfekt zu sein scheint … Alles in allem fand ich „The Boyfriend Project“ wirklich nett, ich mochte die Figuren, ich mochte die Grundidee und es gab tolle Szenen zwischen Samiah und ihrem Arbeitskollegen Daniel, in denen sich die beiden besser kennenlernten und langsam aufeinander zugingen. Trotzdem muss ich sagen, dass Farrah Rochon für mich nicht an Talia Hibbert herankommt, denn ich fühlte mich zwar ganz gut unterhalten von ihrem Roman, aber ich war nicht emotional involviert. Ich war nicht wirklich gespannt darauf, wie die Handlung weitergeht, ich habe nicht um die Beziehung von Samiah und Daniel gebangt und ich bin nicht wirklich neugierig darauf, wie es mit Taylor und London in den nächsten Bänden weitergehen wird.

Bali Rai: The Royal Rebel – The Life of Suffragette Princess Sophia Duleep Singh
„The Royal Rebel“ ist ein biografischer Roman für Kinder über das Leben von Prinzessin Sophia Duleep Singh. Sophia Alexandra Duleep Singh war die jüngste Tochter des letzten Sikh-Maharadschas von Punjab und wuchs in Großbritannien auf, wo sie vor allem für ihr Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen bekannt wurde. „The Royal Rebel“ erzählt in einfachen und kindgerechten Sätzen die Lebensgeschichte der Prinzessin. Angefangen bei ihrer Kindheit in dem luxuriösen Anwesen Elveden, über die Zeit, in der die Schulden ihres Vaters die Familie außer Landes trieb, über ihre Suche nach ihren Wurzeln in Indien bis zu dem Tag, an dem Großbritannien Frauen das Wahlrecht gewährt. Dabei lässt Bali Rai zwar sehr viele Details über das Leben von Sophia Duleep Singh aus, bietet aber meinem Gefühl nach für junge Leser.innen einen guten und altersgemäßen Einblick in das Leben der Prinzessin, die Folgen, die die britische Herrschaft für Indien hatte, und in die Herausforderungen, die die Frauen, die für ihre Rechte kämpften, zu bewältigen hatten. Ich mochte, wie viele kritische Themen in dem Buch angeschnitten werden, obwohl es für jüngere Kinder geschrieben wurde und nicht sehr umfangreicht ist.

K. O’Neill: The Tea Dragon Society 2 – The Tea Dragon Festival (Comic)
Im Prinzip könnte ich zu „The Tea Dragon Festival“ einfach meine Rezension zum ersten Tea-Dragon-Comic kopieren, denn dieser Band ist genauso bezaubernd, wohltuend und hübsch gezeichnet wie der erste. Die Handlung spielt deutlich vor „The Tea Dragon Society“ und dreht sich um Eriks Nichte Rinn, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem kleinen Dorf in den Bergen lebt und hofft, dass sie eines Tages eine Ausbildung als Köchin beginnen kann. Die Tea Dragons spielen in dieser Geschichte keine so große Rolle, dafür gibt es eine andere Drachen-Variante und einen Einblick in das Leben von Erik und Hesekiel, als diese noch als Kopfgeldjäger aktiv waren. Hach, ich mag die Tea-Dragon-Geschichten und da es noch eine Weile dauern wird, bis auch der dritte Comic als Taschenbuch erscheint, muss ich mich wohl damit begnügen, dass ich in den nächsten Tagen den ersten Band mal wieder aus dem Regal ziehe.

Stephanie Burgis: Good Neighbors (The Full Collection)

Eigentlich hatte Stephanie Burgis nur vier „Good Neighbors“-Kurzgeschichten geplant, als sie die erste Geschichte rund um Mia Brandt und Leander Fabian schrieb. Aber irgendwie sind die folgenden Titel immer etwas länger geworden als die davor und so kommt die „Full Collection“ (die die Texte „Good Neighbors“, „Deadly Courtesies“, „Fine Deceptions“ und „Fierce Company“ beinhaltet) insgesamt auf 254 Seiten. Ich persönlich bin sehr froh darüber, dass die Autorin so viel Spaß beim Schreiben und so viele fantastische Ideen für ihre „Cozy-Spooky Fantasy Rom-Com“ hatte, denn ich habe mich beim Lesen wunderbar amüsiert. (Und ich hoffe sehr, dass sie wirklich irgendwann ihre Überlegung weitere Geschichten in dieser Welt zu schreiben, in denen dann zwei wirklich wunderbare Nebenfiguren als Protagonistinnen auftreten werden, wahr werden lässt.)

Alle vier Geschichten in „Good Neighbors“ werden aus der Sicht der 24jährigen Mia Brandt erzählt, die gerade erst mit ihrem Vater in ein Cottage im Schatten eines unheimlichen Schlosses vor den Mauern des kleinen Städtchen Hapthorn gezogen ist. Mia ist wild entschlossen ein unauffälliges und (zumindest nach außen) respektables Leben zu führen, nachdem sie ihre frühere Heimatstadt nach einem Vorfall (der einen Fackel-schwingenden Mob, einen verletzten Vater und die Zerstörung ihres Geburtshauses beinhaltete) verlassen musste. Von nun an will sie sich nur noch um sich, ihren Vater und ihre Erfindungen kümmern und vor allem möchte sie sich nicht die Mühe machen müssen mit ihren Nachbarn ein „freundschaftliches“ Verhältnis aufbauen zu müssen. Doch ihr neuer Nachbar, der Nekromant Leander Fabian, sorgt dafür, dass die abweisende Erfinderin sich nicht nur mit seinen untoten Minions beschäftigen, sondern langfristig auch eine (widerwillige) Allianz mit ihm schließen muss.

Ich habe es wirklich genossen zu lesen, wie Mia eigentlich immer nur allein gelassen werden will, damit sie in Ruhe an ihren Erfindungen arbeiten kann, und dann kommt irgendwas dazwischen, dass dafür sorgt, dass sie sich in Sachen wie Lokalpolitik einmischen oder einen Nekromanten-Ball besuchen muss. Dazu kommt, dass ihre Allianz mit ihrem Nachbarn es ihr nicht gerade einfach macht damit umzugehen, dass sie sich von dem – überraschend sympathischen und attraktiven – Leander angezogen fühlt. Neben all den amüsanten Momenten, in denen sich die beiden kabbeln, zieht sich durch alle vier Geschichten die Unsicherheit, die beide Figuren empfinden, wenn es darum geht sich auf eine andere Person einzulassen. Die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass Leander von einem sadistischen Nekromanten aufgezogen wurde, und die, die dazu geführt haben, dass Mias Vater verletzt wurde und sie ihre Heimatstadt verlassen musste, haben bei beiden Charakteren Spuren hinterlassen. Und obwohl sich sowohl Mia, als auch Leander im Laufe der Zeit darüber klar werden, dass ihr Gegenüber sie nicht verletzten will, gibt es doch immer wieder Momente, in denen sie sich instinktiv zurückziehen.

Diese Mischung aus Humor, sympathischen und realistischen Charakteren und vielen fantastischen Elementen hat dafür gesorgt, dass es mir ziemlich schwer fiel das Buch aus der Hand zu legen, nachdem ich damit angefangen hatte. Ich mochte es sehr, wie Stephanie Burgis klassische Horror-Elemente aufgriff und daraus so eine wunderbare Wohlfühlgeschichte machte. Dabei unterschlägt die Autorin nicht die hässlichen Seiten, die ein Leben als „unnatürliche“ Person haben kann, denn es gibt es eine Menge Menschen in den Geschichten, die alles bekämpfen, was sie als „anders“ oder „beängstigend“ empfinden. Aber selbst die Momente, in denen es gefährlich für die Protagonistin wird, beinhalten so viel Humor, dass sie überraschend unterhaltsam zu lesen sind. Und am Ende findet Stephanie Burgis einen Weg, damit all die Figuren, die ich im Laufe der Geschichten ins Herz geschlossen hatte, in einer guten Nachbarschaft aufgenommen werden. Ich fand es ziemlich spannend zu verfolgen, was sich alles aus dieser ersten kleinen Kurzgeschichten rund um eine abweisende Erfinderin und einen charmanten Nekromanten entwickelt hat und möchte gern irgendwann noch mehr so wohltuende Geschichten rund um all die „guten Nachbarn“ lesen.

Sophie Anderson: The Castle of Tangled Magic

Die Bücher von Sophie Anderson mag ich so gern, dass ich sie mir etwas aufhebe, um die Vorfreude noch etwas länger genießen zu können. Nachdem aber für März schon die nächste Veröffentlichung der Autorin angekündigt wurde, dachte ich, dass es so langsam Zeit wird, „The Castle of Tangled Magic“ zu lesen. Die Geschichte wird aus der Sicht von Olia (kurz für Magnolia) erzählt, die gemeinsam mit ihren Eltern, ihrer Großmutter und ihrer kleinen Schwester Rosa in einem sehr alten, hölzernen Schloss lebt. Das Schloss Mila wurde vor 500 Jahren von Olias Vorfahren gebaut, als diese noch Könige waren, und obwohl Olias Familie nicht mehr adlig ist, leben sie noch immer in dem Gebäude und tun alles, um ihr Erbe zu erhalten. Für Olia ist Schloss Mila das schönste Zuhause, das sie sich vorstellen kann.

Doch kurz bevor das Herbstfest im Schloss gefeiert werden soll, gibt es einen heftigen Sturm, der die größte Kuppel des Schlosses zerstört, und schnell steht fest, dass das gesamte Gebäude von den auf den Sturm folgenden heftigen Winden bedroht wird. Und Olias Babusya, die schon immer behauptet hat, dass es Naturgeister und andere magische Wesen gibt, ist sich sicher, dass einzig Olia mit der Hilfe des domovoi Feliks das Schloss retten kann. Zu ihrer großen Überraschung entdeckt Olia, dass ihre Großmutter recht hat, dass Magie wirklich existiert und dass Feliks auch schon eine Idee hat, wie sie das Schloss retten kann. Doch so wunderbar diese Entdeckungen auch sind, so drängt doch die Zeit, und dabei ist sich Olia so gar nicht sicher, dass sie die richtige Person ist, um Schloss Mila und all die anderen Wesen, die mit dem Gebäude zusammenhängen, retten zu können.

Ich habe auch diese Geschichte von Sophie Anderson sehr genossen, und es war einfach perfekt, dass ich das Buch zu einer Zeit aus dem Regal gezogen habe, in der es bei uns sehr stürmisch war, weil das für die passende Umgebung beim Lesen sorgte. Ich hatte so viel Freude dabei, das Schloss Mila kennenzulernen und all die schönen Erinnerungen, die Olia an das Gebäude hat, zu teilen. Mir gefiel die Vorstellung so sehr, dass die Protagonistin in einem hölzernen Schloss lebt, in dem ihre Eltern in einem ehemaligen Ballsaal eine Schreinerei betreiben, wo es lauter noch unentdeckte Geheimtüren, -gänge und -treppen gibt und wo sich regelmäßig das ganze Dorf in der großen Halle versammelt, um besondere Anlässe zu feiern. Es gibt noch so viele Räume voller überraschender Schätze zu entdecken, die Olias Vorfahren dort hinterlassen haben, und so viele magische kleine Ecken in dem Gebäude, die Olia noch nicht gefunden hat. So fiel es mir natürlich auch nicht schwer, beim Lesen Olias Angst um das Gebäude mitzufühlen und mit ihr zu bangen, ob sie einen Weg findet, um Schloss Mila zu retten.

Denn Olia ist nicht nur eine sympathische, sondern auch eine sehr ängstliche Protagonistin, und so macht sie, als sie gemeinsam mit Feliks unterwegs ist, auch recht viele Fehler, weil sie fürchtet, dass sie die falsche Entscheidungen treffen könnte. Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen immer wieder an Sophie Andersons erstes Buch, „The House With Chicken Legs“ denken musste, wo ich mit der Protagonistin nicht so ganz glücklich war, weil sie sich für meinen Geschmack nicht schnell genug weiterentwickelte. Aber während Marika in „The House With Chicken Legs“ so viele Fehler machte, weil sie nur an sich dachte, macht Olia ihre Fehler, weil sie sich zu viele Gedanken um ihre Familie, ihre Freunde und die Rettung von Schloss Mila macht. Was dazu führte, dass mir Olia mit all ihren Ängsten und Befürchtungen leid tat und ich jeden kleinen Fortschritt und jeden neuen Freund, den sie auf ihrer Reise fand, innerlich bejubelte.

Neben dem wunderbar beschriebenen Schloss und der liebevollen Familie von Olia besticht „The Castle of Tangled Magic“ auch noch durch all die osteuropäischen Fabelwesen, die die Autorin in ihre Geschichte eingebaut hat. Nicht nur der bezaubernde domovoi Feliks spielt eine große Rolle bei Olias Rettungsmission, sondern auch noch so viele andere Figuren, die alle ihre kleinen Eigenarten haben. Ich habe es sehr genossen, gemeinsam mit Olia die verschiedenen Charaktere kennenzulernen und mit jedem Schritt im Land der Verbotenen Magie über ein neues fantastisches Wesen zu stolpern (oder gar an einer unerwarteten Stelle auf ein Haus mit Hühnerbeinen zu stoßen – ich mag diese kleinen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Veröffentlichungen von Sophie Anderson). Mit „The Castle of Tangled Magic“ ist es der Autorin erneut gelungen, eine bezaubernde Geschichte mit liebenswerten Charakteren und wunderbaren fantastischen Elementen zu erzählen. Für mich sind die Romane von Sophie Anderson definitiv Wohlfühlbücher mit ganz besonderen märchenhaften Gesschichten, und ich freue mich schon darauf, bald ihre nächste Veröffentlichung in den Händen zu halten.