Schlagwort: Fantasy

Seanan McGuire: In an Absent Dream (Wayward Children)

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass ich das Buch dank einer Vormerkung relativ zeitnah zum Veröffentlichungstermin Anfang Januar bekommen würde, aber am Ende hat es bis zur zweiten Februar-Woche gedauert, bis ich den neusten Band der Wayward-Children-Bücher von Seanan McGuire in den Händen hielt. „In an Absent Dream“ erzählt die Geschichte von Katherine Lundy, bevor sie ihren Platz in „Eleanor West’s School for Wayward Children“ fand. Für diejenigen, die „Every Heart a Doorway“ gelesen haben, ist Lundy eine alte Bekannte, aber man benötigt definitiv kein Vorwissen, um „In an Absent Dream“ genießen zu können.

Zu Beginn erzählt Seanan McGuire von Katherines Elternhaus und den Problemen, die sie mit den anderen Kindern bekam, weil ihr Vater der Leiter der örtlichen Grundschule war. Statt sich nach Freunden zu sehnen, die mit der Position ihres strengen Vaters leben konnten, hat Katherine sich in Bücher vergraben und davon geträumt, dass sie eines Tages als Bibliothekarin ihren Lebensunterhalt verdient. So langweilig und ruhig ihre Grundschulzeit anfangs verlief, so radikal änderte sich ihr Leben, als sie mit acht Jahren in den Sommerferien über eine Tür zum Goblin Market stolpert. Der Goblin Market ist eine Welt, in der die Bewohner vom Handel miteinander leben und in der das Leben einigen wenigen festen Regeln folgt. Jeder Besucher lernt noch vor Betreten dieser Welt diese Regeln, da der Weg zum Goblin Market damit geschmückt ist. Diese Regeln lauten:

  1. Ask for nothing
  2. Names have power
  3. Always give fair value
  4. Take what is offered and be grateful
  5. Remember the curfew

Und natürlich gibt es da noch die wichtigste Regel von allen, auch wenn sie nicht offziell als solche benannt wurde: Be sure!

Für Lundy bedeuten diese Regeln Sicherheit. Sie lernt schnell, was auf dem Goblin Market von ihr erwartet wird, wie sie für ihre täglichen Bedürfnisse aufkommen kann, und sie findet – im Gegensatz zu der Welt, in die sie geboren wurde – mit Moon schnell eine gute Freundin. Doch der Goblin Market erwartet, dass die Personen, die sich ihm anschließen, sich ihres Entschlusses wirklich sicher sind und bietet so den Kindern, die sich in ihn „verirren“, die Möglichkeit, ihn bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag zu besuchen. Nach jeder Rückkehr zu ihrer leiblichen Familie ist sich Lundy sicherer, dass der Goblin Market die Welt ist, in der sie für den Rest ihres Lebens sein möchte. Doch bevor sie sich endgültig dafür entscheiden kann, muss sie sich sicher sein, dass sie in ihrer alten Welt keine Schulden und Verpflichtungen zurücklässt.

Seanan McGuire spannt die Handlung in „In an Absent Dream“ über zehn Jahre, was für gerade mal gut zweihundert Seiten sehr viel Zeit ist. So bekommt man als Leser auch nur die Momente erzählt, die wichtig für Lundys Charakterentwicklung und für ihre Entscheidungsfindung sind. Stellenweise fand ich es schade, dass man so wenig von den Abenteuern erfuhr, die Lundy im Goblin Market erlebte. Ich hätte diese Welt gern noch besser kennengelernt inklusive all der Gefahren, die dort existieren, und den Personen, mit denen sich die Protagonistin dort anfreundet. Aber die Geschichte dreht sich nun einmal nicht um all die verschiedenen Abenteuer, sondern um Lundys Entwicklung, um die Entscheidungen und Wendungen, die dazu geführt haben, dass sie am Ende in der Schule für Wayward Children landete.

Diese Entscheidungen zu verfolgen, führen – wie so oft in den Wayward-Children-Titeln – zu bittersüßen Lesemomenten. Ich habe die Passagen über die Eigenheiten und Händler des Goblin Markets gemocht und fand es wunderbar zu verfolgen, wie Lundys Verständnis dieser Welt von Besuch zu Besuch wuchs. Auf der anderen Seite war von Anfang an klar, dass am Ende irgendetwas passieren wird, das dafür sorgt, dass Lundy in der Schule für „Wayward Children“ landet und dass ihre Liebe zum Goblin Market und ihre Freundschaft zu Moon sie nicht davor bewahren würden, einen entscheidenden Fehler zu machen. Spannend fand ich es auch, dass in dieser Geschichte Lundy nicht die erste Person aus ihrer Familie ist, die den Weg in den Goblin Market findet, so dass ihr Wechsel zwischen den Welten in gewisser Weise reibungsloser verläuft, als dies bei einer anderen Vorgeschichte der Fall gewesen wäre.

Auch fand ich es faszinierend, dass man durch die zweite Perspektive auf den Goblin Market (so kurz die auch angerissen wird) eine kleine Vorstellung davon bekommt, wieso jemand dieser scheinbar so gerechten Welt den Rücken kehren würde, während Lundy den Markt nur als einen Ort wahrnimmt, in dem Fairness das oberste Gebot ist und stattdessen darunter leidet, dass es in unserer Welt alles andere als fair zugeht. Ich finde es traurig, dass ich diese negative Sicht auf den Goblin Market ein klein wenig nachvollziehen kann, bewundere es aber auch wieder, dass Seanan McGuire mit gerade mal ein paar Zeilen solch eine Reaktion bei mir auslösen kann. So oder so klingen die Geschichten und Figuren aus den Wayward-Children-Romanen immer noch eine Weile in mir nach und ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Januar und die Veröffentlichung von „Come Tumbling Down“.

Kelly Barnhill: Dreadful Young Ladies and Other Stories (Anthologie)

Die Anthologie „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ habe ich mir ziemlich „blind“ gekauft, nachdem ich den Roman „The Girl Who Drank the Moon“ so wundervoll fand. Lustigerweise stellte ich dann beim Aufschlagen des Buchs fest, dass ich die erste Geschichte schon online gelesen und sehr genossen hatte (und die letzte Geschichte hatte ich schon in einer anderen Ausgabe als Einzelband gekauft). „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ beinhaltet die Geschichten „Mrs. Sorensen and the Sasquatch“, „Open the Door and the Light Pours Through“, „The Dead Boy’s Last Poem“, „Dreadful Young Ladies“, „The Taxidermist’s Other Wife“, „Elegy to Gabrielle – Patron Saint of Healers, Whores and Righteous Thives“, „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“, „The Insect and the Astronomer: A Love Story“ und „The Unlicensed Magician“, wobei die einzelnen Geschichten -. von der letzten abgesehen, die 113 Seiten lang ist – einen Umfang von zwanzig bis dreißig Seiten haben.

Die Geschichten sind thematisch alle sehr unterschiedlich, obwohl sie alle märchenhaft-fantastische Elemente beinhalten. Und jede von ihnen beweist, wie gut Kelly Barnhill mit Worten umgehen und was für eindringliche Atmosphären sie mit ihren Sätzen erschaffen kann. Von der Handlung scheinen die Geschichten nicht sehr viel gemeinsam zu haben und doch habe ich in jeder einzelnen eine Variante von Liebe gefunden, die ich mal bezaubernd, mal erschreckend und dann wieder faszinierend fand. Obwohl weder „The Girl Who Drank the Moon“, noch „The Witch’s Boy“ frei von grausamen und schrecklichen Elementen waren, fand ich diese Anthologie häufig deutlich düsterer als die beiden von mir gelesenen Romane der Autorin. Ich muss zugeben, dass mir persönlich die Geschichten mehr lagen, die zwar trotz all der skurrilen Elemente und Entwicklungen eine „einfacher“ zu erfassende Handlung boten – nachgeklungen haben aber alle Geschichten und Charaktere in mir, und sie haben dafür gesorgt, dass mir auch ein paar Tage nach dem Lesen immer wieder Szenen oder Figuren in den Sinn kamen.

„The Unlicensed Magician“ war die Geschichte, die mich am ehesten noch an die bislang gelesenen Romane erinnerte – wahrscheinlich, weil die Länge einer Novelle einfach eine andere Erzählweise möglich macht als eine klassische Kurzgeschichte, aber ich fand es faszinierend, wie sehr sich der Umfang bei Kelly Barnhill auf die Schreibweise auswirken kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Kurzgeschichten mehr Raum zum Experimentieren ermöglichen und deshalb dort mehr Unterschiede bei der Erzählweise zu finden sind. Ich mochte zum Beispiel sehr, wie man bei „Open the Door and the Light Pours Through“ anfangs von den Dingen liest, die sich ein Ehepaar gegenseitig in Briefen anvertraut – und von denen, die sie für sich behalten und vor dem Partner/der Partnerin geheimhalten, bis sich immer mehr unheimliche Begebenheiten in die Geschichte schleichen.

Doch vor allem fasziniert es mich bei Kelly Barnhill immer wieder, wie sie vertraut wirkende Sachen vermischt, wie sie märchenhafte Elemente in einen anderen Rahmen setzt oder eben reale Dinge auf fantastische Weise weiterspinnt. Am Ende war ich dann manchmal schon fast etwas erschrocken darüber, wie unterhaltsam ich zum Beispiel „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“ fand, obwohl die Autorin weder mit Ronia Drake noch mit den Personen in ihrem Umfeld zimperlich umging. Ich fand es spannend, mich auf die verschiedenen Geschichten, Welten und Figuren einzulassen, und ich habe die Sprache und Atmosphäre jedes Mal wieder genossen. Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen, aber das ist bei Anthologien ja eigentlich grundsätzlich der Fall. Ich fand die, die mir nicht so zusagten, aber immerhin faszinierend, und es war auch da interessant zu sehen, wie Kelly Barnhill die Geschichte aufbaute und welche überraschenden Elemente sie dieses Mal wieder verwendete. Solange ihr nicht erwartet, dass „Dreadful Young Ladies and Other Stories“  mit Varianten von „The Girl Who Drank the Moon“ aufwartet, sondern euch gern auf sehr unterschiedliche, manchmal amüsante, häufig düstere Geschichten voller skurriler Elemente einlassen mögt, solltet ihr einen Blick in die Anthologie werfen.

Cindy Pon: Serpentine

„Serpentine“ von Cindy Pon liegt schon ein paar Jahre auf meinem SuB, nachdem ich den Roman damals nach einem kurzen Anlesen erst einmal zur Seite gelegt hatte, weil ich nicht in der richtigen Stimmung dafür war. Da ich in den letzten Tagen große Lust auf ein asiatisches Setting hatte (vermutlich ist mein Mann mit seiner „Rebellen vom Liang Shan Po“-BluRay Schuld daran), habe ich endlich „Serpentine“ aus dem Regal gezupft und fast in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der sechzehnjährigen Skybright, die, solange sie denken kann, als Kammerzofe für die gleichaltrige Zhen Ni arbeitet. Genau genommen sind Zhen Ni und Skybright zusammen aufgewachsen, nachdem eine Dienerin kurz vor Zhen Nis Geburt ein neugeborenes ausgesetztes Mädchen fand. Doch so sehr Zhen Ni immer betont, dass sie in ihrer Dienerin eine Schwester sieht, so sehr ist Skybright doch bewusst, dass ihre Stellung deutlich niedriger ist und dass sie ihr Leben lang abhängig von Zhen Ni sein wird.

Beide Mädchen gehen davon aus, dass sie wissen, was die Zukunft für sie bereithalten wird. Zhen Ni wird – wenn sie denn endlich ihre Periode bekommt – an einen reichen und einflussreichen Mann verheiratet, während Skybright Zhen Ni nach der Hochzeit in den neuen Haushalt folgen und weiterhin ihren Pflichten als Zofe und getreue Freundin nachgehen wird. Keine von beiden kann sich vorstellen, dass ihre Beziehung einmal weniger eng sein könnte als in all den Jahren des Heranwachsens, und doch gibt es in dem Sommer, in dem der Roman spielt, Ereignisse, die dafür sorgen, dass die Mädchen Geheimnisse voreinander haben. Vor allem Skybright ist sich sicher, dass sie die Tatsache, dass sie sich auf einmal in der Nacht zur Hälfte in eine Schlange verwandelt, niemals jemandem preisgeben darf, wenn sie nicht von den Menschen, die ihr nahestehen, als Dämon gejagt werden will. Und auch ihre Gefühle für den im benachbarten Kloster aufgewachsenen siebzehnjährigen Kai Sen verbirgt Skybright lieber vor ihrer Herrin.

Mir haben an „Serpentine“ wirklich sehr viele Aspekte gefallen, angefangen von der Darstellung dieses fantastischen historischen Chinas über die fantastischen (und stellenweise sehr beängstigenden) Wesen und die Charaktere, die sich beim Lesen realistisch und stimmig anfühlten, bis hin zu den Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren. Ich mochte Skybright als Erzählerin sehr, gerade weil sie so pragmatisch mit ihrer Situation umgeht. Ihr ist bewusst, dass es recht wenig zählt, wenn ihre Herrin sie als Schwester bezeichnet, da doch ihr ganzes Leben auf dem Wohlwollen von Zhen Nis Familie aufgebaut wurde und sich jederzeit ihre Situation ändern könnte, wenn Zhen Nis Eltern das so entscheiden sollten. Trotz dieser ungleichen Ausgangssituation hegt Skybright für Zhen Ni ehrliche freundschaftlich-schwesterliche Gefühle (und reagiert eifersüchtig, als ein anderes Mädchen im Leben ihrer Herrin eine wichtige Position einnimmt). Auch mit ihrer nächtlichen Verwandlung versucht das Mädchen pragmatisch umzugehen und testet nach der ersten Panik systematisch die Möglichkeiten, die ihre neue Gestalt ihr bietet, während sie gleichzeitig versucht, in den Legenden mehr über „Schlangenwesen“ herauszufinden.

Natürlich ist Sykbrights Verwandlung nicht das einzige fantastische Element in der Geschichte, sie ist nur für den Leser ein erstes Anzeichen dafür, dass das Tor zur Unterwelt sich geöffnet hat und Geister und Dämonen die Welt der Menschen betreten haben. Im Laufe der Geschichte wird Skybright durch ihre neuen Fähigkeiten, ihre Freundschaft zu Kai Sen und ihr Bedürfnis, den jungen Mann vor den Ungeheuern zu beschützen, die er als Teil der Klostergemeinschaft bekämpfen muss, in einen uralten Kampf zwischen Menschen und Dämonen hineingezogen. Viele dieser Elemente wurden von Cindy Pon nur relativ kurz angerissen, denn es geht in der Geschichte weniger um diese Auseinandersetzung mit den Dämonen als um Skybrights Suche nach ihrer eigenen Identität und um ihre Beziehungen zu Zhen Ni und Kai Sen. Da am Ende von „Serpentine“ noch einige Fragen offen sind und ich Skybrights Welt nur ungern verlassen habe, werde ich auf jeden Fall auch noch zu „Sacrifice“, dem zweiten Serpentine-Band, greifen.

Molly Knox Ostertag: The Witch Boy (Comic)

Den Comic „The Witch Boy“ von Molly Knox Ostertag hatte ich schon seit einiger Zeit auf dem Wunschzettel, bis mein Vater ihn mir im November zum Geburtstag schenkte. Wie immer, wenn ich so viele Neuzugänge auf einmal bekomme, hat es etwas gedauert, bis ich das Lesen des Comics auf die Reihe bekam – dafür habe ich die Geschichte dann umso mehr genossen. „The Witch Boy“ erzählt von dem dreizehnjährigen Aster, der in einer Familie aufwächst, in der jedes weibliche Wesen eine Hexe ist und jedes männliche Wesen ein Gestaltwandler. Doch Aster verspürt keinen Drang, sich zu verwandeln, und ist stattdessen von klein auf von der Magie der Hexen fasziniert. So meidet er die gröberen Spiele mit den anderen Jungen und verbringt seinen Tag lieber damit, hinter den Mädchen herzuspionieren, um so viel wie möglich von ihrem Zauber-Unterricht aufschnappen zu können.

Seine Familie tut alles, um Aster von der Hexenmagie fernzuhalten, damit aus dem Jungen nicht so ein schrecklicher Mensch wird wie aus seinem Großonkel, dessen Interesse an Hexerei ihn in ein Ungeheuer verwandelt hat. Verständnis für seine ungewöhnlichen Interessen findet Aster nur bei seiner neuen Freundin Charlie, die er kennenlernt, als er in seinem Kummer den geschützten Bereich der magischen Gemeinschaft verlässt und durch einen angrenzenden Vorort wandert. Da Charlie keinerlei Erfahrungen mit Magie hat, kann sie unvoreingenommen mit dem Thema umgehen, und da sie selbst – trotz ihrer großen Sportlichkeit – deutlich weniger Chancen im Sport bekommt als gleichaltrige Jungen, kann sie nur zu gut nachvollziehen, wie es Aster geht. So ist es Charlie, die ihn unterstützt, als Asters Cousins verschwinden und er mit Magie nach ihnen suchen will.

Mir hat bei „The Witch Boy“ gut gefallen, wie Molly Knox Ostertag auf der einen Seite in ihrer Geschichte zeigt, dass Asters Familienangehörige wenig Verständnis für sein Interesse an der Hexerei haben, sie auf der anderen Seite den Jungen aber wirklich lieben und ihm helfen wollen, ein Talent fürs Gestaltwandeln zu entwickeln. Gerade seine Eltern sind sehr liebevoll und unterstützen Aster nur deshalb nicht, weil sie Angst haben, dass ihm das Gleiche wiederfährt wie seinem Großonkel. Charlie hingegen akzeptiert ihn so, wie er ist, und nimmt es auch gelassen hin, dass er aus einer ungewöhnlichen Familie kommt (und dass es in seinem Leben Magie gibt). Erschreckenderweise habe ich das Gefühl, ich müsste hier betonen, dass zwischen Aster und Charlie „nur“ Freundschaft besteht – vielleicht weil ich in diversen englischsprachigen Kommentaren zu dem Comic Fragen nach Asters Sexualität oder zu einer romantischen Entwicklung zwischen den beiden gelesen habe. Dass beides so gar kein Thema in dieser Geschichte ist, finde ich besonders angenehm, denn so kann keine sogenannte Liebesgeschichte von dem eigentlichen Kern des Comics ablenken.

Auch die Zeichnungen haben mir bei „The Witch Boy“ gut gefallen. Die Figuren sind wunderbar individuell gestaltet und strotzen nur so vor lauter kleinen Details, die ihnen nur noch mehr Charakter verleihen. Besonders schön fand ich, dass Asters Familie aus sehr unterschiedlichen Menschen (Hautfarben, Körperformen, Neigungen) besteht und wie gut Molly Knox Ostertag es gelungen ist, dies alles in ihren Darstellungen zu transportieren. So wird bei Asters Cousins zum Beispiel in nur wenigen Panels anhand von Gestik und Mimik deutlich, wer von ihnen dazu neigt, Aster wegen seines Verhaltens zu hänseln, und wer zugunsten des gemeinsamen Ziels auf diplomatische Weise die Rolle des Anführers übernimmt. Dazu passt die Koloration, die anfangs sehr gefällig und leicht wirkt (ohne pastellig zu sein) und im Laufe der dramatischen Entwicklungen in der Handlung immer kräftiger und dominanter wird. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass es schon eine Fortsetzung zu „The Witch Boy“ gibt (und ein dritter Band schon angekündigt wurde).

Abi Elphinstone: Sky Song

Mit „Sky Song“ hat Abi Elphinstone ein bezauberndes Märchen geschrieben, dessen einzelne Elemente sich häufig zwar sehr vertraut anfühlen, die in der Summe aber eine wunderschöne neue Geschichte ergeben. Zu Beginn lernt man das verschneite Land Erkenwald kennen, in dem drei Stämme friedlich miteinander leben, Wale zwischen Eisbergen schwimmen, Wölfe in der Tundra jagen und Polarbären zwischten Gletschern wandern. In Erkenwald scheint den ganzen Sommer über die Sonne und sie geht nicht einmal in der Nacht unter, während im Winter Tag und Nacht der Sternenhimmel zu sehen ist. Unter all diesen Sternen am Himmel kann man auch die sieben „Sky Gods“ sehen, deren ältester und stärkster von den Astronomen irrtümlicherweise als Polarstern bezeichnet wird.

Vor nicht allzu langer Zeit fiel die jüngste unter den Himmelsgöttern – von den Bewohnern Erkenwalds „Eiskönigin“ genannt – vom Himmel, und mit Hilfe des Schamanen des Tusk-Stamms gelang es ihr, das Land nach einer großen Schlacht in ihren Besitz zu bringen. Die Gefangenen, die nach dem Kampf von der Eiskönigin gemacht wurden, wurden von ihr ihrer Stimme beraubt und in ihre Eisfestung am Meer eingesperrt. Dort spielt die Eiskönigin jeden Morgen auf einer Orgel aus Eis und versucht so mit den vertrauten Stimmen der in ihrer Festung verschollenen Menschen diejenigen aus ihren Verstecken zu locken, die sich noch in den wilden Regionen des Landes verstecken. Nur eine einzige Gefangene gibt es, deren Stimme die Eiskönigin noch nicht in ihren Besitz gebracht hat, und das ist ein junges Mädchen names Eska. Ihr gelingt es mithilfe des Jungen Flint, aus der Gefangenschaft der Eiskönigin zu fliehen, und gemeinsam suchen die beiden einen Weg, um die Herrschaft der Eiskönigin zu beenden, bevor sie auch die letzten freien Menschen Erkenwalds in ihre Gewalt bekommt.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Eska und Flint, und während man mit Eska eine Protagonistin hat, die sämtliche Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Gefangenschaft verloren hat und deshalb mit offenen Augen und ohne große Vorurteile durch die Welt geht, ist Flint in seinem Denken und Handeln von all den Dingen geprägt, die sein Stamm ihm beigebracht hat und die es ihm schwer machen, auf Menschen zuzugehen, die nicht zu seinem vertrauten Kreis gehören. Ich mochte die beiden Figuren sehr und ich habe sie gern dabei begleitet, wie Eska und Flint neue Dinge gelernt und sich weiterentwickelt haben. Dabei erleben die beiden viele größere und kleinere Abenteuer, die von einer wunderbaren magischen Welt zeugen, in der Steinriesen und Magie genauso dazugehören wie das alltägliche Überleben in einer Welt voller Eis und Schnee. Und während ich diesen Alltag sehr schön realistisch dargestellt fand, überraschten mich immer wieder die kleinen magischen Elemente, die in der Geschichte vorkamen, weil sie ungewöhnliche Bestandteile enthielten und zu unvorhersehbaren Wendungen in der Handlung führten, die ich sehr genossen habe.

„A voice is a mighty thing, Eska. When everything is taken from you – your family, your home, your friends, your dignity – you still have a voice, however weak it sounds.“ (Seite 131)

Die Botschaft, die hinter dieser Variante der „Schneekönigin“ steckt, wird stellenweise schon etwas sehr plakativ von Abi Elphinstone präsentiert, aber da „Sky Song“ für Leser ab acht Jahren gedacht ist und weniger für Erwachsene, kann ich gut damit leben. Etwas schade fand ich, dass die Autorin trotz all ihrer Bemühungen, aufzuzeigen, dass Vorurteile gegen einen anderen „Stamm“ dumm sind, ihre Stämme vor allem aufgrund der Haarfarbe (und ihres Wohnorts) unterscheidbar gemacht hat. So gibt es einen blonden, einen braunhaarigen und einen schwarzhaarigen Stamm (und eine rothaarige Heldin), und das gab mir das Gefühl, dass alle erwähnten Personen von weißer Hautfarbe sind, was ich bei einer Welt, die so sehr an die Arktis erinnert, doch ziemlich unpassend fand. Von diesem Kritikpunkt abgesehen hat mir „Sky Song“ aber sehr, sehr gut gefallen. Ich mochte die märchenhafte Erzählweise, die verschiedenen Charaktere mit ihren Ecken und Kanten, die Beschreibungen vom Leben in einer so unwirtlichen Umgebung und all die ungewöhnlichen und wunderschönen magischen Elemente in der Geschichte. Das alles hat dazu geführt, dass ich das Buch mit einem breiten Lächeln (und der einen oder anderen Träne) gelesen habe und nicht aus der Hand legen mochte, weil ich wissen wollte, welche bezaubernden oder schrecklichen Wesen hinter der nächsten Ecke stecken und welche Auswirkungen eine Begegnung mit ihnen auf die beiden Protagonisten haben würde.

Stephanie Burgis: Congress of Secrets

„Congress of Secrets“ war der letzte Titel von Stephanie Burgis‘ Backlist, der mir noch fehlte, und nachdem ich ihn mir im August gekauft hatte, dauerte es ein bisschen, bis ich in der richtigen Stimmung für einen Roman war, der 1814 in Wien spielt und voller politischer Intrigen steckt. Die Autorin greift für „Congress of Secrets“ auf dieselbe Welt zurück, in der auch „Masks and Shadows“ spielte, was sich nicht nur durch einen Verweis auf eine der Nebenfiguren aus „Masks and Shadows“ zeigt, sondern auch durch die Art und Weise, in der Stephanie Burgis die Alchemie ihrer Welt beschreibt. In beiden Romanen ist die Alchemie eine dunkle, dämonische Macht, die von Menschen verwendet wird, die sich zum Drahtzieher hinter dem Thron aufschwingen wollen (oder diesen Platz schon eingenommen haben). So ist es nicht verwunderlich, dass die Atmosphäre in „Congress of Secrets“ von Anfang an bedrückend ist und man die gesamte Geschichte hindurch um die verschiedenen Figuren bangen muss.

Erzählt wird die Handlung aus mehreren Perspektiven, wobei man vor allem die Sicht von Lady Caroline Wyndham (geborene Karolina Vogl) und die von Michael Steinhüller verfolgt. Beide Personen sind in Wien geboren und mussten aufgrund von Ereignissen rund um Carolines Vater vor über zwanzig Jahren die Stadt verlassen. Damals wurden die – noch relativ jungen – Gesetze zur Pressefreiheit von Kaiser Joseph II zurückgenommen, was dazu führte, dass einige Journalisten und Drucker illegal Handblätter verteilten, in denen sie über die aktuelle politische Situation aufklärten. Carolines Vater war einer dieser Drucker, und als die Geheimpolizei ihn festnahm, wurde auch Caroline gefangen gesetzt, wobei Michael, der als Druckerlehrling für Herrn Vogl arbeitete, die Flucht gelang. Während Michael sich in den vergangenen vierundzwanzig Jahren als Hochstapler und Betrüger durchs Leben schlug, hat es Caroline Jahre nach ihrer Inhaftierung nach England verschlagen, wo sie inzwischen zu einer geachteten Dame der Gesellschaft geworden ist, die nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes frei über ihr Vermögen verfügen kann.

Dieses Vermögen will Caroline nun ebenso wie ihren guten Ruf einsetzen, um während des Wiener Kongresses mehr über das Schicksal ihres Vaters zu erfahren und ihn wenn irgendwie möglich aus der Gefangenschaft freikaufen. Dabei ist ihr durchaus bewusst, dass sie ein großes Risiko eingeht, denn wenn Kaiser Franz II oder gar Johan Anton von Pergen, der (inoffizielle) Leiter der Geheimpolizei, sie wiedererkennen würden, dann würden all ihre Beziehungen in Großbritannien sie nicht davor bewahren können, in den geheimen Wiener Verliesen zu landen. Anfangs scheint für Caroline alles gut zu laufen, denn sie kennt die richtigen Leute, die sie mit dem Kaiser in Verbindung bringen können, und es gelingt ihr, den Kaiser mit ihrem Charme und der Aufsicht auf finanzielle Unterstützung auf sich aufmerksam zu machen. Doch dann begegnet sie Michael wieder, der den Wiener Kongress für einen letzten großen Coup nutzen will, der ihm genügend Geld bringen soll, um seine Zukunft zu sichern. Während sich Caroline der großen Gefahr durchaus bewusst ist, in der sie schwebt, scheint es Michael egal zu sein, wie riskant seine Pläne sind und was aus den Menschen wird, die er darin verwickelt.

Ich muss gestehen, dass die Figur des Michael Steinhüller es mir anfangs recht schwer gemacht hat, diesen Roman zu genießen. Ich mochte die Zeit und die Atmosphäre des Wiener Kongresses sehr, ebenso wie die Art und Weise, in der Stephanie Burgis reale Ereignisse und Figuren mit der Bedrohung durch ihre Variante der Alchemie verknüpfte. Das Ganze sorgt dafür, dass man sich gemeinsam mit der Protagonistin ständig vergewissern will, dass man nicht belauscht wird, dass die Risiken, die die Figuren eingehen, auch gerechtfertigt sind, und dass man nur auf den Moment wartet, in dem Pergen seine Informationen, seine Macht und natürlich auch die Alchemie nutzt, um Caroline und ihre Verbündeten in seine Gewalt zu bekommen. Dazu kommt dann eine Figur wie Michael, ein leichtsinniger Mensch, der sich keine Gedanken über seine Taten macht, der nicht darüber nachdenkt, was er über die Personen in seiner Umgebung bringt, wenn er sie ausnutzt, betrügt und erpresst, nur um seinen eigenen Vorteil daraus zu schlagen. Obwohl ich mir sicher war (schließlich habe ich inzwischen genügend Geschichten der Autorin gelesen), dass sich auch Michael am Ende als weniger skrupellos herausstellt, als er anfangs wirkt, fand ich es sehr schwer, diesen Weg zu verfolgen.

Eigentlich ist es ja ein Beweis dafür, wie gut Stephanie Burgis ihre Geschichte erzählt hat, wenn mir ein Protagonist so sehr auf die Nerven geht, aber das machte das Lesen für mich nicht einfacher. Auf der anderen Seite konnte ich das Buch auch nicht nur wegen dieser einen Figur abbrechen, wo ich doch den Rest so gut geschrieben und spannend fand und unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Ganz versöhnt war ich am Ende mit Michael nicht (und der „romantische“ Teil der Geschichte hätte für meinen Geschmack ruhig etwas weniger hastig passieren dürfen), aber insgesamt bleiben mir von „Congress of Secrets“ vor allem die tolle Atmosphäre, der wunderbare Einsatz der diversen realen historischen Figuren für diese Geschichte und der spannende und stellenweise sogar amüsante Schluss in Erinnerung. Außerdem haben die Literaturverweise am Ende des Buches dafür gesorgt, dass ich mir die Biografie „Prince of Europe: The Life of Charles Joseph de Ligne“ bestellt habe, weil ich endlich mehr über diese Person lernen will, nachdem sie mir schon so oft in historischen Romanen begegnete und mir eigentlich immer sympathisch war.

Catherine Fisher: The Clockwork Crow

„The Clockwork Crow“ von Catherine Fisher gehört zu den vielen Büchern, die mir in den letzten Monaten in meiner englischsprachigen Timeline bei Twitter untergekommen sind und die so gut klangen, dass sie direkt auf dem Wunschzettel gelandet sind. Die Handlung erinnert auf den ersten Blick an verschiedene britische Kinderbuchklassiker, aber es gibt genügend Wendungen und Elemente, um „The Clockwork Crow“ zu einer ganz eigenen Geschichte voller kleiner Besonderheiten zu machen. Der Leser lernt die Protagonistin Seren Rhys kennen, als sie gerade mitten im Schneegestöbert auf einem Bahnsteig auf den Zug wartet. Das Mädchen hat nach dem Tod seiner Eltern zwölf Jahre in einem Waisenhaus gelebt, um dann eine kurze Zeit bei seiner Großtante Grace unterzukommen. Jetzt, nachdem Großtante Grace verstorben ist, soll Seren von ihrem Patenonkel Captain Arthur Jones und seiner Familie aufgenommen werden, was bedeutet, dass sie die lange Bahnfahrt nach Wales auf sich nehmen muss.

Bevor ihr Zug noch am Bahnsteig eintrifft, bekommt Seren von einem geheimnisvollen und sehr ängstlichen Mann ein Päckchen übergeben, das sie für ein paar Minuten sicher aufbewahren soll, bis er es wieder abholt. Doch als der Fremde nach der vereinbarten Zeit nicht zurückkehrt, nimmt Seren das Päckchen mit, als endlich ihr Zug abfährt. In Plas-y-Fran, dem Haus von Captain Jones, angekommen, muss Seren feststellen, dass die Familie in London weilt und sie ganz allein mit der Haushälterin und einem weiteren Angestellten in dem düsteren und unheimlichen Haus wohnen soll. Obwohl Seren schon so lange Zeit von einem gemütlichen Weihnachtsfest im Kreis einer liebevollen Familie geträumt hat, versucht sie, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Doch die Tatsache, dass sie ständig über Regeln und Verbote stolpert, deren Sinn sich ihr nicht erschließt, und dass es ein unheimliches Geheimnis rund um Captain Jones‘ Sohn Tomos zu geben scheint, das eng mit Plas-y-Fran verknüpft ist, lassen ihr keine Ruhe. Gemeinsam mit der mechanischen und verzauberten Krähe aus dem Päckchen, das sie am Bahnhof in ihre Obhut genommen hat, versucht Seren, die diversen Geheimnisse in ihrem neuen Zuhause zu lüften.

Grundsätzlich habe ich eh schon eine Schwäche für diese Art britische Kinderbücher, aber bei „The Clockwork Crow“ kamen angenehmerweise zu einer klassischen Handlung auch noch viele unvertraute Elemente hinzu, die ich sehr mochte, und eine Protagonistin, die ich schnell ins Herz geschlossen hatte. Seren ist kein traditionelles braves Mädchen, das es allen recht machen will, sie ist aber auch keine Mary Lennox, die erst einmal lernen muss, dass ihre eigenen Bedürfnisse nicht wichtiger sind als die der anderen. Aber Seren ist enttäuscht von der Situation in Plas-y-Fran und frustriert von all den Erwachsenen, die ihre Fragen nicht beantworten wollen, und sie hat keine Hemmungen, diese Gefühle auch offen zu zeigen. Gerade mit der Haushälterin Mrs. Villiers gerät Seren regelmäßig aneinander, obwohl sie nicht bewusst aufsässig oder verletztend sein will. Außerdem ist Seren sehr mutig und riskiert am Ende nicht nur ihre Freiheit, sondern sogar den Verlust ihres neuen Zuhauses, um das Geheimnis von Plas-y-Fran zu lüften und der Familie Jones zu helfen.

Ich mochte Serens offene und aufmüpfige Art sehr und ich mochte ihr Interagieren mit der mechanischen Krähe, die nicht gerade ein aufmerksamer und liebenswerter Helfer ist, aber gerade deshalb für einige amüsante Szenen in der Geschichte verantwortlich ist. Dazu kommt die wunderbar düster-viktorianische Atmophäre, die Catherine Fisher in „The Clockwork Crow“ heraufbeschwört und die anfangs wenig greifbare, aber überaus präsente Bedrohung durch Personen, vor denen anscheinend jeder, der von ihnen weiß, große Angst hat. Dass die ganze Geschichte dann noch in einem vernachlässigt wirkenden eingeschneiten Herrenhaus spielt, ist eigentlich nur noch das Tüpfelchen auf dem i und macht „The Clockwork Crow“ zur perfekten „Vorweihnachtslektüre“ – vor allem, da man sich bei einem Kinderbuch darauf verlassen kann, dass am Schluss trotz aller Widernisse und Gefahren ein glückliches Ende auf die Protagonistin warten wird.

Tansy Rayner Roberts: Power and Majesty (The Creature Court 1)

Obwohl ich bislang von Tansy Rayner Roberts vor allem humorvolle Fantasy gelesen habe, war es lustigerweise die Creature-Court-Reihe, die mich überhaupt erst auf die Autorin gebracht hatte. Irgendwie war ich über einen Kickstarter der Autorin gestolpert, mit dem sie die Neuauflage der drei Romane und die Veröffentlichung einer neuen Novella finanzieren wollte und weil die Bücher gut klangen und ich sehr viele Geschichten für einen überschaubaren finanziellen Beitrag bekommen sollte, habe ich mitgemacht. Am Ende hat das dazu geführt, dass ich mich seit ein paar Monaten mehr oder weniger systematisch durch Tansy Rayner Roberts‘ Veröffentlichungen lese und relativ hemmungslos die eBooks nachkaufe, die mir zur Vervollständigung der verschiedenen Reihen fehlen – für die Autorin hat sich mein Anteil an diesem Kickstarter definitiv gelohnt und ich beschwere mich auch nicht über all die Lesestunden, in denen ich mich bislang gut unterhalten gefühlt habe. 😉

Während bislang eigentlich alles sehr humorvoll gehalten war, was ich von Tansy Rayner Roberts gelesen habe, ist die Creature-Court-Reihe eher düstere Fantasy mit „Flappers“, Gestaltwandlern und einer nächtlichen Welt voller Kämpfe, Intrigen und Gefahren. Ich muss gestehen, dass bei „Power and Majesty“ der Flapper-Anteil relativ spät kommt und ich die Geschichte anfangs – dank der diversen Feiertage und Bezeichnungen – grob in „modernen“ römischen Zeiten einordnete. Aber auch ohne spürbaren 20er-Jahre-Anteil in den ersten Kapiteln fand ich die Grundidee hinter dieser Geschichte und den Ausbau der Welt von der ersten Seite an sehr cool. Den Großteil der Handlung verfolgt man aus den Perspektiven von Velody und Ashiol, die anfangs zwei vollkommen gegensätzliche Leben führen.

Während Velody zur Schneiderin ausgebildet wird und ihre größten Probleme in den ersten Jahren darin liegen, dass sie sich in der – für ein Mädchen aus einer Kleinstadt – überwältigend großen Stadt Aufleur nicht wohlfühlt, in die sie für sieben Jahre zur Ausbildung geschickt wird, kämpft Ashiol nachts über den Dächern von Aufleur um das Überleben der Stadt und gegen den Wahnsinn seines Herrschers. Velody weiß ebensowenig wie die restlichen Bewohner von Aufleur von den Ereignissen, die Nacht für Nacht unter und über der Stadt stattfinden. Ihr Leben wird von eher alltäglichen Begebenheiten und den diversen Feiertagen, die in Aufleur begangen werden, bestimmt. Einzig die Tatsache, dass sie – ebenso wie ihre beiden Freundinnen Delphine und Rhian – einige Erinnerungslücken bezüglich ihrer Vergangenheit hat, beunruhigt Velody. Erst als sie gegen ihren Willen in die Ereignisse rund um den Creature Court verwickelt wird, findet sie heraus, was diese Erinnerungslücken verursacht hat und welche Kämpfe in der Nacht gefochten werden.

Wirklich neu ist die Idee rund um den Creature Court eigentlich nicht. Die Autorin mischt da eine Gruppe von Gestaltwandlern mit einer gewalttätigen Lebensweise, seltsamen Abhängigkeitsverhältnissen, Sex und einer Spur von Vampirismus und packt dazu den großen nächtlichen Kampf gegen den Himmel. Keines dieser Elemente würde mich packen, wenn Tansy Rayner Roberts nicht auf der einen Seite wirklich toller Charaktere geschaffen hätte und es auf der anderen Seite nicht immer wieder großartige und überraschende Entwicklungen zwischen Velody und dem Creature Court geben würde. Da Velody erst als erwachsene Frau zu dieser dunklen Gesellschaft stößt und vollkommen unbelastet ist von all den Vorgeschichten, Intrigen und Verbindungen, sind ihre Handlungen für die anderen Beteiligten unberechenbar, während sie selbst alles dafür tut, um innerhalb der Möglichkeiten, die der Creature Court bietet, so menschlich wie möglich zu bleiben.

Durch all die überraschenden und ungewöhnlichen Elemente in „Power and Majesty“ fand ich diese Fantasygeschichte erstaunlich packend und erfrischend zu lesen. Ich habe die verschiedenen Charaktere mit all ihren Stärken und Schwächen schnell ins Herz geschlossen, und vor allem freue ich mich sehr, dass ich mit „The Shattered City“, „Reign of Beasts“ und „Cabaret of Monsters“ noch einige Geschichten in dieser seltsamen und düsteren Welt vor mir habe und noch mehr Abenteuer mit Velody, Ashiol und den anderen Mitglieder des Creature Court erleben darf. Ich freu mich wirklich darüber, dass es der Autorin so gut gelungen ist, aus vertrauten und inzwischen eigentlich wenig reizvollen Urban-Fantasy-Aspekten eine solch ungewöhnliche und unterhaltsame Geschichte zu schaffen.

Stephanie Burgis: The Girl with the Dragon Heart

„The Girl with the Dragon Heart“ ist nach „The Dragon with a Chocolate Heart“ der zweite Roman von Stephanie Burgis, der in der Stadt Drachenburg spielt. Dieses Mal dreht sich die Handlung um Silke, die im ersten Buch zur besten Freundin der Drachin Aventurine wurde. Theoretisch kann man diese Geschichte unabhängig vom ersten Band lesen, doch natürlich gibt es das eine oder andere Detail in „The Girl with the Dragon Heart“, das einem schon etwas über den Ausgang von Aventurines Abenteuer verraten würde. Wer „The Dragon with a Chocolate Heart“ schon gelesen hat, wird Silke als unerschrockenes und kreatives Mädchen kennengelernt haben, das immer eine Lösung für die Probleme ihrer Freunde findet und das ganz hervorragend mit Worten umgehen kann. In „The Girl with the Dragon Heart“ lernt man hingegen ganz neue Seiten an Silke kennen, denn der Weg nach Drachenburg war auch für sie nicht ganz einfach, und ihre Vergangenheit belastet und beeinflusst sie bis zum heutigen Tag.

Ich mochte Silke schon in dem ersten Roman, in dem sie auftauchte, aber in „The Girl with the Dragon Heart“ habe ich sie richtig ins Herz geschlossen. Sie ist manchmal etwas engstirnig und begreift lange Zeit nicht, dass es mehrere Wege gibt, um ihre Ziele im Leben zu erreichen, aber Stephanie Burgis gelingt es sehr gut, aufzuzeigen, warum Silke so ist und so handelt, wie sie es tut. Auch wenn das Mädchen nie darüber redet, so ist sie doch traumatisiert davon, dass vor vielen Jahren – als ihre Familie aus einem entfernteren Königreich nach Drachenburg flüchtete – ihre Eltern im Elfenwald verschwanden. Seit dieser Zeit lebt Silke unter der Obhut ihres großen Bruders Dieter am Flußufer von Drachenburg, einer der ärmsten Gegenden der Stadt. Doch Silke lässt es nicht zu, dass ihr Leben auf einen kleinen Teil der Stadt beschränkt wird. Sie hat die vergangenen Jahre damit zugebracht, alle Viertel Drachenburgs zu durchstreifen, Schleichwege zu finden und Kontakte zu knüpfen. Sie ist wild entschlossen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich einen Platz im Leben zu erobern, der ihr die Sicherheit bietet, die sie in den vergangenen Jahren vermisst hat. Und ein Auftrag der Kronprinzessin, die eine unauffällige Spionin sucht, um die Geheimnisse einer Delegation der Feen zu enthüllen, scheint trotz aller damit verbundenen Gefahren die perfekte Gelegenheit zum Erreichen von Silkes Zielen zu sein.

Für mich hat bei „The Girl with the Dragon Heart“ die Mischung aus Spannung, Humor und Emotionen genau gestimmt. Ich fand es schön, einen Blick hinter Silkes selbstbewusste Fassade zu werfen und mitzuverfolgen, welche Gedanken ihr durch den Kopf gehen, wenn ihr vorlautes Mundwerk sie mal wieder in Schwierigkeiten gebracht hat, oder zu spüren, wie sehr Aventurine und die Betreiber des Schokoladenhauses ihr ans Herz gewachsen sind. Es hat mich sehr berührt, davon zu lesen, wie sehr sie unter dem Verlust ihrer Eltern leidet und wie dieser Vorfall im Elfenwald und die wenigen Erinnerungen, die sie noch an ihre Mutter hat, ihr Leben beeinflusst haben. Erst im Laufe der Geschichte lernt Silke, dass sie nicht immer alles alleine schaffen muss und dass auch zerbrechliche Dinge ein solides Fundament für ein Leben sein können, und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, diesen Lernprozess zu verfolgen.

Dazu kamen noch all die kleinen, wunderbaren fantastischen Elemente, die diese Welt so besonders machen, und diese schrecklich verlockenden Passagen rund um (heiße) Schokolade, die dazu geführt haben, dass ich ständig das Gefühl hatte, ich müsste in die Küche springen und mir zumindest einen Kakao kochen, und natürlich diese vielen stimmigen Charaktere rund um Silke, die die Geschichte nicht nur bereichert haben, sondern auch sehr viel Reibungsfläche für ein so selbstbewusstes und eigensinniges Mädchen geboten haben. Ich freu mich jetzt schon darüber, dass es im kommenden Jahr noch einen weiteren Roman von Stephanie Burgis geben wird, der die jüngere Prinzessin und Aventurines Bruder Jasper zum Thema haben wird.

Stephanie Burgis: Masks and Shadows

Von Stephanie Burgis habe ich in den letzten Jahren fast alle Veröffentlichungen gelesen. Was mir bislang aber noch fehlte, waren ihre ersten beiden Romane für Erwachsene („Masks and Shadows“ und „Congress of Secrets“). „Masks und Shadows“ spielt im Jahr 1779 und wird zu einem großen Teil aus der Perspektive der frisch verwitweten Charlotte von Steinbeck erzählt. Zusätzlich kann man noch die Sicht des Kastraten Carlo Morelli sowie einige weitere Personen verfolgen. Alle Beteiligten sind zu Gast (oder Angestellte) im Palast des ungarischen Prinzen Nikolaus, dessen offizielle Geliebte Charlottes Schwester Sophie ist. Charlotte und Carlo stolpern unabhängig voneinander über seltsame Vorgänge im Palast, die anscheinend mit den beiden anwesenden Alchemisten in Verbindungen stehen und in die auch einige Mitglieder des Gesangsensembles des Opernhaus des Prinzen verwickelt zu sein scheinen.

Ich muss gestehen, dass ich den Titel aus dem Regal gezogen hatte, weil ich etwas Abwechslung zu den eher düsteren Geschichten haben wollte, die ich Ende Oktober gelesen habe – und dann musste ich feststellen, dass „Masks and Shadows“ auf seine Weise nicht weniger düster war als „Into the Drowning Deep“ und „Der Besucher“. Von Anfang an ist die Situation für Charlotte unangenehm, nachdem sie feststellen muss, dass ihre Schwester nicht nur die Geliebte des Prinzen Esterházy ist, sondern auch öffentlich als seine Begleiterin und Gastgeberin bei seinen Veranstaltungen auftritt. Die Prinzessin Esterházy hingegen wurde von ihrem Mann in ihre Gemächer verbannt und scheint auf den ersten Blick bei Hof keine Rolle mehr zu spielen. Dass dieser erste Eindruck täuscht, wird Charlotte schnell bewusst, denn in diesem Palast scheint das Überleben davon abhängig zu sein, wie gut man informiert ist und wie gut man sich bei all den Intrigen behaupten kann.

Für Carlo sind die Vorgänge weniger überraschend als für Charlotte, die seit ihrer Verheiratung in einem sehr abgeschiedenen und ländlichen Umfeld gelebt hat. Der musico hingegen hat nur deshalb eine so erfolgreiche Karriere führen können, weil er die Vorgänge an den verschiedenen Höfen Europas in der Regel schnell durchschaute und sich darauf einstellen konnte. Doch was unter dem Dach des Prinzen Esterházy vor sich geht, ist auch für Carlo nicht so einfach zu entschlüsseln. Ich fand es sehr faszinierend, die verschiedenen Informationen und Perspektiven zu verfolgen, immer mehr Details über die Charaktere und ihre Motivation zu bekommen und mir meine Gedanken darüber zu machen, welcher der Beteiligten wohl welchen seiner Verbündeten hintergehen wird.

Stephanie Burgis spart dabei nicht an Szenen, die deutlich machen, wie willkürlich die Regentschaft des Prinzen Nikolaus war und wie gefährlich das Leben an einem solchen Hof sein konnte, wenn man weder Einfluss noch mächtige Verbündete hatte. Sehr schön fand ich dabei, wie unterschiedlich Charlotte und Carlo viele Szenen wahrnahmen, denn obwohl Charlotte für ihre Zeit relativ offen ist und ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeit von Standesunterschieden hat, so ist sie doch von ihrer Erziehung und ihrer Umgebung beeinflusst. Carlo hingegen ist als Sohn armer italienischer Bauern geboren worden und weiß, welche Entbehrungen für das einfache Volk damit verbunden sind, wenn ihr Prinz zum Beispiel beschließt, dass er ein Stück Land trockenlegen lassen will, um dort einen neuen Prachtbau errichten zu lassen. Dabei ist sich Carlo durchaus der Tatsache bewusst, dass er – dadurch, dass er sich von den diversen Adelshäusern engagieren lässt – ebenso seinen Vorteil aus diesem System zieht.

Ausgeglichen werden die düsteren Szenen rund um die Intrige, die im Palast gesponnen wird, und die kritischen Elemente bezüglich des Verhaltens der Adeligen am Hof durch die Liebe zur Musik, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Dass für Carlo die Musik mehr ist als eine Tätigkeit, mit der er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, ist mehr als offensichtlich. Dass diese Musik ihm auch etwas genommen hat, das dafür sorgt, dass ihn viele Menschen nicht als gleichwertig oder gar als Mann wahrnehmen, ebenso. Trotzdem liebt er die Musik, liebt es, zu singen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Auch Charlotte und viele andere haben ein besonderes Verhältnis zur Musik und so sind diese Passagen selbst dann schön zu lesen, wenn man – so wie ich – relativ wenig mit Opern anfangen kann. Ebenso mochte ich es, Charlottes Entwicklung zu verfolgen, die zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben vor mehreren möglichen Wegen steht und für sich entscheiden muss, wie sie ihre Zukunft gestaltet und auf wessen Gefühle und Erwartungen sie dabei Rücksicht nehmen kann und möchte.

Ein weiterer Pluspunkt in der Geschichte war für mich der Schauplatz. Schloss Esterházy galt zu seiner Zeit als ungarisches Versailles, und seine prachtvollen Bauten waren berühmt (wenn auch anscheinend nicht unbedingt geschmackvoll eingerichtet, wenn ich nach den Beschreibungen der Autorin gehe). Auch hatte Prinz Nikolaus in seinem Palast einige der berühmtesten Künstler seiner Zeit versammelt, wie zum Beispiel den Komponisten Joseph Haydn, der jahrelang exklusiv für den Prinzen arbeitete. Diese Mischung aus Möglichkeiten und Gefahren, die sich durch eine solche Anstellung für die Künstler ergaben, hat Stephanie Burgis meiner Meinung nach gerade anhand von Haydns Beispiel gut eingefangen, was für einen wirklich atmosphärischen Rahmen für ihre Geschichte sorgt.

Insgesamt hat mir „Masks and Shadows“ zwar nicht die erhoffte Abwechslung von meiner eher düsteren Lektüre geboten, aber dafür habe ich den unverbrauchten Schauplatz und die realistischen (und of genug auch sympathischen) Charaktere sehr gemocht, während die unheimliche, von den Alchemisten beschworene Gefahr und die damit verbundene Intrige für Spannung sorgte. Insgesamt habe ich die Geschichte wirklich gern gelesen und mich dabei immer wieder darüber gefreut, wie gut es Stephanie Burgis dabei meiner Ansicht nach gelingt, Spannung und Grusel aufkommen zu lassen und doch immer wieder kleine Momente einzubauen, in denen man als Leser hoffen kann, dass die eine oder andere Figur vielleicht doch noch davonkommt oder vielleicht sogar gestärkt und gereift aus all den schrecklichen Situationen hervorgeht.