Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Benjamin Read und Laura Trinder: The Midnight Hour

Über “The Midnight Hour” von Benjamin Read und Laura Trinder bin ich erst vor Kurzem gestolpert, als der dritte Band der Trilogie veröffentlicht wurde. Die Geschichte dreht sich um Emily, die zu Beginn des Romans vor allem ein Problem mit ihrem eigenen aufbrausenden Temperament und ihrer großen Klappe hat. Doch dann verschwindet ihre Mutter, nachdem diese einen geheimnisvollen Brief bekommen hatte, und wenige Tage später kommt auch Emilys Vater nicht mehr zurück von seiner Suche nach Emilys Mutter. Emilys einzige Hoffnung, mehr über den Verbleib ihrer Eltern herauszufinden, besteht darin, den Arbeitsplatz ihres Vaters aufzusuchen: die Night Post. Doch schnell muss sie feststellen, dass dies gar nicht so einfach ist, denn die Night Post befindet sich nicht in dem Teil von London, den Emily Tag für Tag sieht, sondern in der Midnight Hour. Die Midnight Hour ist eine magische Welt, in der ewige Nacht herrscht und die nur zwischen dem ersten und letzten mitternächtlichen Glockenschlag von Big Ben betreten werden kann.

Für Emily ist es ein großer Schock festzustellen, dass es nicht nur eine geheime magische Welt gibt, in der lauter Monster leben, sondern auch, dass ihre Eltern vielfältige Verbindungen zur Midnight Hour haben. Gerüstet mit einem Rücksack voller Sandwiches, einem halbverhungertem Igel und mehr Mut als Verstand, macht Emily sich in der Midnight Hour auf die Suche nach ihren Eltern. Im Laufe ihres Abenteuers muss sie sich mit unglaublich alten Mächten, Vampiren, Werbären und anderen Monstern herumschlagen, findet aber auch ein paar überraschende Verbündete, die ihr helfen, ihre Eltern wiederzufinden. Mir persönlich hat diese magische Parallelwelt, in der all die übernatürlichen Wesen überleben, nachdem unsere Welt für sie zu magiefeindlich geworden ist, gut gefallen. Es gibt so viele amüsante und fantastische Dinge in dieser Welt und vor allem die Night Post (wenn auch nicht unbedingt ihr Leiter) ist einfach großartig. Dabei sparen Benjamin Read und Laura Trinder nicht mit gruseligen oder ekeligen Elemente, übertreiben es aber nicht so sehr, dass es mich beim Lesen abgeschreckt hätte (und ich würde vermuten, dass ich da empfindlicher bin als die meisten Kinder es wären 😉 ).

Ich mochte auch Emily sehr gern. Sie ist unhöflich, impulsiv und unverschämt und reißt ihre Klappe immer viel zu weit auf – aber ihr ist auch bewusst, dass ihr Naturell es anderen Personen nicht einfach macht und dass sie regelmäßig zu weit geht. Auf der anderen Seite helfen ihr all diese Eigenschaften aber auch dabei, nicht den Mut zu verlieren und sich selbst gegen die unheimlichsten Gegner zu behaupten, so dass es oft überraschend amüsant ist, mitzuerleben, wenn Emilys Temperament mal wieder mit ihr durchgeht. “The Midnight Hour” erzählt eine temporeich und flüssig zu lesende Geschichte, die voller spannender, aber auch amüsanter Momente ist. Ich mochte es, Emily dabei zu begleiten, wie sie die fantastische Welt erkundet, wie sie mehr über sich und ihre Familie herausfindet, wie sie Verbündete findet und sich gegen uralte Mächte stellt, obwohl all dies nicht immer einfach für sie ist. Mir hat es viel Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen, und ich freue mich darauf, auch die beiden anderen Bände (“The Midnight Howl” und “The Midnight Hunt”) rund um Emily und die Midnight Hour zu lesen.

Stephanie Burgis: The Raven Heir

“The Raven Heir” von Stephanie Burgis wird aus Sicht der zwölfjährigen Cordelia erzählt, die gemeinsam mit ihren Geschwistern Giles, Rosalind und Connall, ihrer Mutter und deren Freundin Alys in einer Festung im Wald aufwächst. Ihr ganzes Leben lang hat Cordelia an diesem Ort verbracht und sie sehnt sich danach, endlich die Welt außerhalb der Festung erkunden zu können. Doch ihre Mutter, die eine mächtige Zauberin ist, verbietet es den Kindern, einen Fuß aus der Festung zu setzen. Nicht einmal die Tatsache, dass sich Cordelia in jedes beliebige Tier verwandeln und sich so sicher durch den Wald bewegen kann, kann ihre Mutter dazu bringen, sie aus der Festung zu lassen. Erst als eine Gruppe bewaffneter Männer die Festung angreift, erfahren die Drillinge Cordelia, Giles und Rosalind, dass einer von ihnen ein Recht auf den Thron von Corvenne hat. Doch wer von ihnen es ist, bleibt ein Geheimnis, denn ihre Mutter hat ihnen nie verraten, wer von ihnen als Erstes geboren wurde. Gemeinsam müssen die drei Geschwister aus der Festung fliehen und nicht nur einen Weg finden, ihre eigene Freiheit zu bewahren, sondern auch ihre Lieben aus den Händen der Angreifer zu befreien.

Stephanie Burgis kam auf die Idee zu “The Raven Heir”, als sie über die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster nachdachte und darüber, wie es den Kindern während dieser Kriege erging. Einige von ihnen wurden jahrelang als Geiseln gehalten und schon als Kleinkinder von ihren Müttern getrennt, während diese alles versuchten, um ihre Kinder zurückzubekommen. All diese Gedanken über Kinder, die zu politischen Schachfiguren wurden, führten dann zu der Geschichte rund um Cordelia und ihre Geschwister, deren Mutter alles versucht, um ihre Kinder zu beschützen. Das hatte zur Folge, dass “The Raven Heir” überraschenderweise beim Lesen für mich das gleiche Gefühl bereithielt wie “Cart and Cwidder” von Diana Wynne Jones, und das hatte ich so nicht erwartet. Auch hier spielt die Geschichte in einem Land, das unter dem seit Jahrzehnten andauernden Krieg leidet. Und auf ihrer Flucht lernen Cordelia, Giles und Rosalind nicht nur mehr über das Land, in dem sie leben, sondern auch über sich, ihre Magie und ihre Familie. Alle drei müssen damit fertig werden, dass ihre Mutter solch große Geheimnisse vor ihnen hat, und es ist nicht einfach für die Geschwister zu verstehen, dass ihre Mutter nicht nur eine mächtige Zaubererin ist, sondern auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen.

Auf der anderen Seite gilt es für Cordelia und die anderen beiden, ihre eigenen Grenzen auszutesten und herauszufinden, wie weit sie mit ihren eigenen Fähigkeiten gehen können. Sie müssen für sich herausfinden, wem sie trauen können und wollen – und welche Dinge ihnen wirklich wichtig sind. So dreht sich ein Großteil der Handlung um die innere Entwicklung der Protagonistin, während sie gemeinsam mit Giles und Rosalind auf der Flucht ist. Das alles führt zu wunderbaren Szenen zwischen den Geschwistern, in denen immer wieder deutlich wird, dass sie sich zwar häufig gegenseitig auf die Nerven gehen, aber doch als Familie immer zusammenstehen. Ich mochte all diese berührenden Momente, die zeigen, wie viel die anderen Cordelia bedeutet, und wie schwer es ihr gerade deshalb manchmal fällt, offen mit ihren Geschwistern zu reden. Daneben gab es aber auch noch eine ganze Reihe von amüsanten Momenten, die die Handlung so weit auflockerten, dass ich trotz aller Bedrohungen für die Geschwister sehr viel Spaß beim Lesen hatte und immer wieder kichern musste. “The Raven Heir” ist nur der erste Teil einer Trilogie, und ich muss gestehen, dass ich mir im Moment nicht vorstellen kann, in welche Richtung die Geschichte noch gehen soll. Aber egal, welche Abenteuer als nächstes auf die Geschwister warten, ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen mit Cordelia, Giles, Rosalind und natürlich ihrem großen Bruder Connall.

Julie Abe: Eva Evergreen – Semi-Magical Witch

“Eva Evergreen – Semi-Magical Witch” ist eine wirklich wohltuende Geschichte der Autorin Julie Abe. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem die zwölfjährige Hexe Evalithimus “Eva” Evergreen ihre Novizen-Quest antreten soll. Dabei läuft gefühlt alles schief, was nur schieflaufen kann, angefangen damit, dass ihr Name nicht auf der Liste der angehenden Novizen steht, bis zu dem Moment, in dem sie auf einem Schiff einschläft und deshalb nicht mitbekommt, an welchem Hafen ihr magisches Reiseticket ihr signalisiert, dass sie aussteigen muss. So landet Eva in der Hafenstadt Auteri, dem Endpunkt der Schiffsroute, und muss hoffen, dass die Bürgermeisterin bereit ist, sie für die Zeit ihrer Novizen-Quest aufzunehmen. Gerade mal einen Monat hat Eva, um zu beweisen, dass sie als Hexe einer Stadt von Nutzen sein kann – und dies, obwohl sie nur über einen Hauch von Magie verfügt und deutlich besser mit Werkzeug umzugehen weiß, als einen Zauber zu wirken.

Mit der Hilfe einiger neugefundener Freund.innen startet Eva in Auteri einen “Semi-Magical Repair Shop”, dessen Mangel an Kundschaft ihr überraschend viel Zeit lässt, um ihre neue Stadt und ihre Bewohner kennenzulernen. Dabei habe ich all die kleinen und größeren Szenen, in denen Eva neue Freunde findet, in denen sie versucht, die Probleme anderer Personen zu lösen und in denen sie hier und da eine kleinere (oder größere) Katastrophe auslöst, sehr genossen. Eva ist eine sympathische Protagonistin, die sich von ihrem Mangel an Magie nicht entmutigen lassen will. Statt großer Zauber setzt sie ihren Einfallsreichtum und ihre Hartnäckigkeit ein, um Probleme zu lösen. Und auch wenn das manchmal schiefläuft, so ist sie doch wild entschlossen, anderen zur Seite zu stehen, hilfreich zu sein und Gutes zu tun, so wie es sich für eine Hexe nun einmal gehört. Ich mochte es auch sehr mitzuverfolgen, wie Eva die Menschen in “ihrer” Stadt immer besser kennenlernt. Dabei stellt Julie Abe Eva die unterschiedlichsten Personen zur Seite, von der freundlichen Rin über den abenteuerlustigen Davy bis zur abweisenden Charlotte. Und obwohl es Eva anfangs nicht immer leichtfällt, auf diese Menschen zuzugehen, lernt sie sie im Laufe der Zeit mit all ihren Eigenheiten schätzen.

Obwohl relativ früh deutlich wird, dass am Ende der Geschichte eine große Gefahr auf die Stadt Auteri zusteuert, gehört “Eva Evergreen” eindeutig in die Kategorie “Wohlfühlbücher”. Jeder unangenehme Moment, den Eva erlebt, wird durch eine amüsante Szene (oder einen Streich von Evas Flamefox Ember) oder aber durch ein freundschaftliches/hilfreiches Gespräch mit einer der anderen Figuren aufgelockert. Außerdem habe ich es geliebt, all die kleinen Details rund um das Leben in Auteri zu lesen. Eva landet in einer verlassenen, kleinen Hütte, die traditionell den Hexen der Stadt zur Verfügung steht, und ihr “Laden” ist nicht mehr als ein Provisorium aus Holzkisten neben einer Konditorei, aber ich mochte es, wie sie aus all diesen Bedingungen das Beste machte. Außerdem gibt es in den Wochen, die sie in der Stadt verbringt, große Vorfreude auf das Lichterfest, für das Auteri berühmt ist. Und es war lustig, von all den Vorbereitungen für das Fest, den kleinen Kabbeleien zwischen einigen Ladenbesitzern und den für diesen Tag geplanten Aktivitäten zu lesen.

Ich bin mir übrigens sicher, dass es kein Zufall ist, dass einige Elemente in “Eva Evergreen – Semi-Magical Witch” an “Kikis kleiner Lieferservice” erinnern, und das nicht nur, weil das Oberhaupt der Magier-Gilde den Vornamen Hayato trägt. Aber ich muss zugeben, dass mir dieser Roman – trotz meiner wirklich großen Schwäche für den Film – deutlich besser gefallen hat als der Anime. Eva ist für mich nicht nur die sympathischere Protagonistin, ihre Welt – inklusive der Stadt Auteri – fühlt sich auch wesentlich komplexer und fantastischer an als die von Kiki. Wenn ich eine Sache an “Eva Evergreen” kritisieren müsste, dann die, dass Julie Abe die gesamte Handlung in gerade mal vier bis fünf Wochen spielen lässt, obwohl ein etwas längerer Zeitraum meinem Gefühl nach stimmiger gewesen wäre. Aber insgesamt habe ich die Geschichte einfach nur rundum genossen, regelmäßig gekichert und mich oft genug voller Spannung gefragt, wie Eva wohl mit einem auftauchendem Problem fertig werden wird. Und ich freu mich sehr darüber, dass mit “Eva Evergreen and the Cursed Witch” schon ein zweiter Band erschienen ist (auch wenn ich wohl noch ein Jahr auf die Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe warten werde).

Amy Wilson: Lightning Falls

“Lightning Falls” ist die neuste Veröffentlichung von Amy Wilson und die perfekte Lektüre, um ein paar heimelig-herbstliche Stunden mit einem Buch zu verbringen. Die Protagonistin Valerie wurde vor zehn Jahren von Lord Rory auf dem Friedhof seines Anwesens “Lightning Falls” gefunden. “Lighning Falls” ist ein Geisterhaus, und bei den Bewohnern handelt es sich zum Großteil um die verstorbenen Familienmitgliedern und Bediensteten des Hauses. So ist es kein Wunder, dass Lord Rory vor allem damit Geld verdient, dass er sein Haus an Gäste vermietet, die sich gern einmal gepflegt gruseln möchten. Doch Valerie ist anders als die anderen Bewohner des Hauses, denn sie ist ein “Hallowed Ghost”, ein Geist, der altert und Nahrung benötigt und trotzdem durch Wände gehen und sich unsichtbar machen kann. Valerie liebt das Leben in “Lightning Falls” sehr, und nur manchmal fragt sie sich, wie es überhaupt dazu kam, dass sie als Kleinkind auf dem Friedhof gefunden wurde.

Erst als ein geheimnisvoller Junge auftaucht und behauptet, dass Valerie – genau wie er selbst – aus einer anderen, einer magischen Welt stammt, fängt das Mädchen an, all die Informationen, die es bislang über sein Leben hatte, zu hinterfragen. Nach und nach deckt Valerie diverse kleinere und größere Geheimnisse rund um “Lightning Falls” und seine Bewohner auf, und am Ende benötigt sie die Hilfe ihrer gesamten Familie, um ihrer aller Existenz zu retten. Diese kleine Zusammenfassung klingt jetzt dramatischer, als die Geschichte rund um Valerie wirklich ist, denn obwohl wirklich das Fortbestehen einer Welt auf dem Spiel steht, liest sich “Lightning Falls” recht entspannt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht weniger die Gefahr, in der alle schweben, als das Verhältnis zwischen Valerie und ihrer ungewöhnlichen “Pflegefamilie”. Dabei hat Amy Wilson mit dem Geisterhaus, in dem die Protagonistin aufwächst, eine großartige Kulisse für ihre Geschichte geschaffen.

Ich habe es sehr genossen, von all den verschiedenen Geistern, ihren Aufgaben im Haus und ihrem Verhältnis zu Valerie zu lesen. Besonders eng fühlt sich Valerie mit Meg verbunden, die so etwas wie eine Schwester für sie ist. Ich mochte es sehr, dass die Autorin dabei aufzeigt, wie sich das Verhältnis zwischen Valerie und Meg im Laufe der Zeit verändert hat. Denn während Meg als “normaler” Geist nicht weiter altert, ist Valerie inzwischen zu einem Teenager geworden, was die beiden Mädchen ungefähr gleich alt erscheinen lässt, obwohl Meg jahrelang dabei geholfen hat, Valerie aufzuziehen. Die gegenseitige Unterstützung, die sich Meg und Valerie zukommen lassen, ist einfach wunderschön zu verfolgen. Ebenso hat es mir gefallen, wie Amy Wilson dafür sorgt, dass sich das dunkle und unheimliche Geisterhaus beim Lesen so sehr nach “Zuhause” anfühlt. Für mich ist “Lighning Falls” ein Ort, den ich mir als perfekte Unterkunft für ein gemütliches Halloween-Wochenende vorstellen könnte. 😉

Die fantastische Welt Orbis hingegen ist deutlich strahlender, ein magischer Ort voller Farben und wundervoller Dinge – was aber auch dazu führt, dass diese Welt so viel zerbrechlicher wirkt als die, in der Valerie aufgewachsen ist. Ich mochte den Gegensatz zwischen diesen beiden Welten, aber ich muss zugeben, dass sich “Lightning Falls” für mich – trotz aller Gefahren – deutlich heimeliger anfühlte, weshalb ich die Szenen, die dort spielten, auch etwas mehr genossen habe. So ist es auch das Geisterhaus, das beim Lesen meine Fantasie anregte und dafür sorgte, dass ich mich fast ein bisschen ärgerte, weil sich der Roman so zügig lesen ließ und die Handlung deshalb viel zu schnell vorbei war. Ich wollte “Lighning Falls” und seine Bewohner einfach nicht verlassen, und ich hätte gern noch viel mehr über Valerie und ihre Zukunft zwischen zwei so unterschiedlichen Welten gelesen. Wenn ihr also auf der Suche nach einem flüssig zu lesenden Wohlfühlbuch voller Geister und anderer fantastischer Elemente seid, bei dem die Geschichte in einem großartigen düsteren Haus spielt und das eine ungewöhnliche Adoptivfamilie zum Thema hat, dann kann ich euch “Lightning Falls” nur ans Herz legen.

Amy Sparkes: The House at the Edge of Magic

“The House at the Edge of Magic” gehört zu den vielen Kinderbüchern, die mir so oft bei Twitter untergekommen sind, dass ich doch irgendwann schwach geworden bin. Wobei es kein Wunder ist, dass mich die Geschichte von Amy Sparkes angesprochen hat, denn ich habe ja bekanntermaßen eine Schwäche für magische Häuser und für “Found Family”-Geschichten. Die Handlung dreht sich um Nine, die als Dreijährige von “Pocket”, dem Anführer einer Bande von Taschendieben, gefunden wurde. Glücklich ist sie mit dem Leben als Taschendiebin nicht, aber bevor sie Pocket verlassen kann, muss sie erst genügend stehlen, um auch ohne die Sicherheit der Bande eine Zukunft haben zu können. Eines Tages stiehlt sie ein kleines Ornament – in Form eines Hauses – aus der Tasche einer reichen Lady. Zu Nines Überraschung verwandelt sich dieses Schmuckstück in ein richtiges (und sehr wunderlich aussehendes) Gebäude, als sie den Türklopfer betätigt, und sie erfährt, dass es nun ihre Aufgabe sei, den Fluch einer Hexe zu brechen.

Diese Hexe hat nicht nur das Haus (at the Edge of Magic) verflucht, sondern sorgt auch dafür, dass die Bewohner dieses fantastischen Gebäudes schon seit drei Jahren keinen Schritt vor die Tür gehen konnten. Aber nicht nur diese Nebeneffekte des Fluches quälen den Magier Flabberghast, seinen Haushälter-Troll Eric und ihren Gast Dr. Spoon, es gibt noch so einige andere Nachteile, wie Nine im Laufe der Zeit entdecken muss. Um dafür zu sorgen, dass Nine auch wirklich den Fluch bricht, verspricht Flabberghast ihr ein Juwel, das so kostbar ist, dass es ihr eine sorgenfreie Zukunft verschaffen kann. Was ich an Nine wirklich mochte, ist, dass sie sich von all der Magie nicht einschüchtern und beeindrucken lassen will. Manche Dinge machen ihr Angst und manche Elemente des Fluchs sind einfach nur sehr absurd, aber Nine ist grundsätzlich bereit, es mit allem aufzunehmen, wenn ihr dies eine Verbesserung ihrer Lebensumstände bringt. Dabei muss sie auch damit fertig werden, dass Flabberghast ihr – aus ganz persönlichen Gründen – nicht immer alle notwendigen Informationen zur Verfügung stellt, um die verschiedenen Schritte des fluchbrechenden Zaubers auszuführen.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch lange Zeit nur “sehr nett” fand, wobei “sehr nett” ja definitiv nichts Schlimmes ist, wenn es um unterhaltsame Kinderbücher geht. Ich habe mich wunderbar über Flabberghast, Eric und all die skurrilen und fantastischen Elemente rund um das magische Haus amüsiert. Ich habe die kleinen Szenen mit Nine und dem Bibliothekar, der fast so etwas wie ein Freund für sie ist, sehr genossen, und ich habe mich keinen Moment lang gelangweilt beim Lesen. Aber so richtig gepackt hat mich die Geschichte lange Zeit nicht, weil “The House at the Edge of Magic” sich zu wenig von anderen netten, fantastischen Kinderbüchern unterschied, die ich gelesen habe. Dann aber kamen die letzten Kapitel, in denen Nine mehr über die Hexe erfährt, die das Haus und seine Bewohner verflucht hat. Diese Hintergründe sorgten nicht nur dafür, dass ich einige der vorhergehenden Ereignisse aus einer anderen Perspektive sah, sondern auch dafür, dass ich das Ende deutlich berührender fand, als ich erwartet hätte.

Was bedeutet, dass ich mir vermutlich auch die (am Ende des Romans angekündigte) Fortsetzung besorgen werde, wenn ich mitbekomme, wenn diese veröffentlich wird. Ich hoffe, dass Amy Sparkes mich dann ebenso mit ihrer Geschichte berühren kann wie mit dem Ende dieses Romans. Ansonsten muss ich gestehen, dass mich ihre bislang erschienenen Titel wenig reizen, da sie eindeutig für ein noch jüngeres Publikum geschrieben wurden als “The House at the Edge of Magic”. Ansonsten kann ich noch mitteilen, dass es im Oktober eine deutsche Veröffentlichung des Buchs mit dem Titel “Das Haus am Rande der Magie” geben wird. Falls also jemand, der nicht so gern auf Englisch liest, neugierig auf Nines Abenteuer rund um dieses fantastische Haus geworden ist, gibt es in wenigen Wochen die Chance, trotzdem die Geschichte zu lesen.

L. D. Lapinski: The Strangeworlds Travel Agency

“The Strangeworlds Travel Agency” von L. D. Lapinski gehört zu den Büchern, um die ich eine ganze Weile herumgeschlichen bin, weil ich mir nicht sicher war, ob es was für mich sein würde. Grundsätzlich mag ich ja fantastische Middle-Grade-Geschichten, aber die Sache mit den vielen verschiedenen Welten und dem Reisen durch Koffer hatte mich etwas abgeschreckt. Als dann aber Anfang des Jahres so viel Werbung rund um den zweiten Titel (“The Edge of the Ocean”) gemacht wurde, bin ich doch schwach geworden und kann inzwischen sagen, dass meine Vorurteile sich nicht bestätigt haben- was wohl daran liegt, wie die Autorin die magischen Elemente ihrer Geschichte vorstellt. Nach einem kleinen Einblick in Jonathan Mercators Alltag als Custodian der fantastischen Strangeworlds Society lernt man durch die Augen der zwölfjährigen Flick (Felicity Hudson) die Strangeworlds Travel Agency kennen und erfährt ein bisschen mehr über die Hintergründe des Multiversums und der Spalten (Schism), die – in Koffern eingeschlossen – das Reisen in andere Welten ermöglichen.

Ich mochte Flicks Perspektive sehr gern und fand es schön mitzuerleben, wie sie durch die Bekanntschaft mit Jonathan einen Weg findet, um ihrem doch recht verantwortungsvollen Alltag zu entfliehen. Flicks Leben ist definitiv nicht schlecht, sie liebt ihre Familie und sie versteht, dass ihre Eltern ihr so viele Pflichten aufbürden, weil sie keine andere Wahl haben. Aber natürlich wäre es ihr deutlich lieber, wenn sie sich nicht täglich um die Wäsche, das Essenkochen und andere Sachen kümmern müsste und stattdessen einfach freie Zeit für sich hätte. Flick träumt schon seit Langem davon, Fernreisen zu unternehmen, und Jonathan lässt diesen Traum für sie wahr werden – dafür muss sie nur ein paar Stunden Zeit freischaufeln, in denen sie dann ein ganz besonderes Abenteuer erleben kann. Doch natürlich ist nicht alles rund um die Strangeworlds Society eitel Sonnenschein. Von Anfang an wird deutlich, dass Jonathan mit seiner ererbten Aufgabe ziemlich überfordert ist und dass das Verschwinden seines Vaters mit seltsamen Vorfällen im Multiversum zusammenhängt. Auch gibt es immer wieder Momente, in denen seine Erklärungen und Erzählungen Lücken aufzuweisen scheinen, von denen einem beim Lesen natürlich bewusst ist, dass diese Auslassungen noch gravierende Folgen für ihn und Flick haben werden.

So schwingt selbst bei den heiteren, magischen Momenten immer eine Spur von Bedrohlichkeit mit, die ich persönlich sehr genossen habe. Mir gefiel diese Mischung aus amüsanten Szenen und Andeutungen von drohender Gefahr, ebenso wie der Kontrast aus Flicks sehr pragmatischem Alltag und all den wundervollen und fantastischen Dingen, die sie beim Reisen erleben darf. Dazu kommt noch, dass L. D. Lapinski mit Flick und Jonathan glaubwürdige Figuren geschaffen hat, die grundsätzlich liebenswert, aber definitiv nicht ohne Fehler und Macken sind. Die wachsende Freundschaft zwischen den beiden ist wirklich schön zu verfolgen, ebenso wie das Kennenlernen all der Bekanntschaften, die Flick (und Jonathan) im Laufe der Zeit in den anderen Welten machen. Ich muss gestehen, dass ich sehr hoffe, dass einige dieser Nebenfiguren in den weiteren Bänden noch eine Rolle spielen werden, denn ich habe viele dieser Charaktere ins Herz geschlossen. Insgesamt habe ich mich von “The Strangeworlds Travel Agency” wirklich gut unterhalten gefühlt, weshalb ich mich schon sehr auf die kommenden beiden Teile der Trilogie freue und gespannt bin, welche Entdeckungen es noch rund um diese ungewöhnliche Society geben wird.

Oh, und auf Deutsch gibt es den ersten und zweiten Band auch schon mit den Titeln “Strangeworlds – Öffne den Koffer und spring hinein!” und “Strangeworlds – Reise ans Ende der Welt”. Ich verkneife mir an dieser Stelle erneut eine Anmerkung zu den deutschen Titeln … *seufz*

Gail Carson Levine: A Tale of Two Castles

Über die Autorin Gail Carson Levine bin ich schon früher gestolpert, aber bislang haben mich ihre Geschichten nicht gereizt, obwohl märchenhafte Fantasy ja eigentlich genau mein Ding ist. Bei “A Tale of Two Castles” hat mich dann der Hinweis auf ein zu lösendes Geheimnis rund um einen gestaltwandelnden Oger dazu gebracht, dem Roman eine Chance zu geben. Die Geschichte beginnt damit, dass sich die zwölfjährige Elodie auf den Weg in die Stadt “Two Castles” macht, weil sie hofft, dass sie dort eine Lehrstelle finden wird. Dabei muss man wissen, dass das “Ausbildungssystem” in diesem Land ganz traditionell darauf basiert, dass die Lehrlinge ihre Meister für ihre Ausbildung bezahlen. Je mehr Geld jemand zahlen kann, desto kürzer die Ausbildungszeit, je weniger Geld, desto länger. Elodie hat keinerlei Geld, das sie in eine Ausbildung investieren könnte, und hofft, dass sie jemanden findet, der sie ohne Gebühr für zehn Jahre in seinen Dienst nimmt. Genau genommen hofft sie, dass sie eine Stelle als Schauspieler-Lehrling findet, denn davon träumt sie, seitdem ein ehemaliger Schauspieler auf der Farm ihrer Eltern gelandet ist und ihr von seinem früheren Leben erzählt hat.

Doch da ihr Schiff aufgrund einer Flaute aufgehalten wird, kommt Elodie zu spät für die Ausbildungsmesse in Two Castles an und muss froh sein, dass sie kurz darauf einen Platz als Assistentin von Meenore findet. Meenore ist als Drache (Drachen werden mit dem Pronomen IT bzw. ES bzeichnet) berühmt für Geiz und launisches Temperament, doch Elodie findet sich relativ schnell in ihrem neuen Arbeitsumfeld zurecht. Während Meenore den Lebensunterhalt in der Regel mit dem Verkauf von durch die Drachenflamme erhitzten Brot-und-Käse-Leckereien verdient, interessiert ES sich eigentlich vor allem für das Lösen von Rätseln und Verbrechen. So wird Elodie schnell von Meenore in das Rätsel rund um den Oger Count Jonty Um verwickelt, der eigentlich nur auf der Suche nach seinem Lieblingshund ist, während ES vermutet, dass das Leben des Counts in Gefahr ist. Denn der sanftmütige Oger wird vom Stadtvolk wegen der schrecklichen Taten seiner Eltern gefürchtet, und die Tatsache, dass der König seine Tochter mit Count Jonty Um verlobt hat, sorgt dafür, dass die Bevölkerung davon ausgehen muss, dass der Oger in Zukunft auf dem Thron sitzen wird.

Ich muss gestehen, dass ich mit “A Tale of Two Castles” nicht so ganz glücklich war. Der Roman war nett zu lesen, hat mich aber nicht wirklich gepackt – was man schon allein daran sehen konnte, dass ich für so eine eigentlich locker zu lesende Geschichte über eine Woche Lesezeit gebraucht habe. Es gab so viele unstimmige und unausgewogene Elemente in dem Buch, dass ich mich stellenweise wirklich geärgert habe – gerade weil eigentlich viele dieser Elemente zu den Dingen gehören, die ich an fantastischen Geschichten für Kinder so sehr mag. Auf der einen Seite gab es zum Beispiel sehr viele “häusliche Szenen” mit Meenore und Elodie, die heimelig, alltäglich und eigentlich schön zu lesen waren, die aber auf der anderen Seite so gar nicht zum “Krimianteil” der Handlung passten. Gerade in der zweiten Hälfte des Romans, als das Leben des Counts wirklich in Gefahr schwebte, hätte ich einen deutlichen Anzug des Erzähltempos erwartet anstelle weiterer Beschreibungen von Essen und Möbeln.

Ein weiteres Problem war für mich, dass Gail Carson Levine zwar versucht, ein realistisches Bild vom Leben eines armen Mädchens wie Elodie zu zeichnen (so hungert Elodie während der letzten zwei Tage ihrer Schiffsreise und ist bei ihrem Vorsprechen bei den Schauspielern so hungrig, dass sie an nichts anderes denken kann als an den Apfel, der auf dem Tisch liegt). Aber auf der anderen Seite schweben selbst die Personen und Tiere, die im Laufe der Handlung vergiftet oder verletzt werden, nie spürbar in Lebensgefahr. Eine Geschichte, in der niemandem etwas Schlimmes passiert, obwohl die gesamte Stadt der Willkür des Königs ausgesetzt ist, ein Giftmischer sein Unwesen treibt und Spione eines feindlichen Königreiches unterwegs sind, ist für mich als Leser einfach nicht glaubwürdig – selbst wenn die angestrebte Zielgruppe sehr jung sein sollte.

So kam es auch, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die Autorin wüsste selbst nicht so genau, für welches Alter ihre Geschichte sein sollte. Es gab so viele alberne und durchschaubare Elemente, die ich eher bei einer Veröffentlichung für Leseanfänger erwartet hätte, aber eben auch einige Dinge, die eher für Teenager geeignet gewesen wären, weil sie Wissen voraussetzen, über das ein Leseanfänger in der Regel noch nicht verfügt. Alles in allem war ich – obwohl ich zum Beispiel Meenore als Figur sehr mochte – regelmäßig ziemlich irritiert beim Lesen von “A Tale of Two Castles”. Ich weiß nicht, ob diese Probleme auch in anderen Veröffentlichungen von Gail Carson Levine auftauchen oder ob ich einfach nur ein nicht so gutes Buch von ihr in die Finger bekommen habe. Auf jeden Fall werde ich nach diesem ziemlich unbefriedigenden Leseerlebnis wohl so schnell keine weiteren Geschichten von Gail Carson Levine lesen.

Dhonielle Clayton, Nic Stone, Tiffany D. Jackson, Ashley Woodfolk, Angie Thomas und Nicola Yoon: Blackout

Auf “Blackout” bin ich aufmerksam geworden, als mir ein Beitrag der “This Morning”-Sendung des US-Senders CBS in meine Twitter-Timeline gespült wurde. Dort haben sich die sechs Autorinnen darüber unterhalten, wie sich die gemeinsame Arbeit an dem Buch für sie angefühlt hat. Mir hat es so gut gefallen, wie respektvoll und sich gegenseitig schätzend die sechs Frauen in diesem Gespräch miteinander umgegangen sind und wie sie über ihre jeweiligen Geschichten gesprochen haben, dass ich mir “Blackout” spontan bestellt habe. Initiiert wurde diese Zusammenarbeit der sechs Autorinnen von Dhonielle Clayton, deren fünfzehnjährige Nichte sie gefragt hatte, wieso Schwarze Mädchen nie eine große Liebesgeschichte haben dürfen und immer nur als “Sidekick” in Romanen vorkommen. Dazu kam dann noch das Bedürfnis, ein Gegengewicht zu den ganzen Bildern von Polizeigewalt gegen Schwarze Personen und zu all den schrecklichen Nachrichten über die Pandemie im vergangenen Jahr zu setzen – und so kam es zu dem Entschluss, gemeinsam mit fünf anderen Autorinnen ein hoffnungsvolles und wohltuendes (Jugend-)Buch mit Geschichten über Liebe und Freundschaft zu schreiben, in dem Schwarze Protagonist.innen im Zentrum der Handlung stehen.

“Blackout” besteht aus sechs einzelnen Geschichten, wobei “The Long Walk” von Tiffany D. Jackson in kleinere Segmenten aufgebrochen wurde, die zwischen den Geschichten der anderen Autorinnen platziert wurden und so einen roten Faden durch das gesamte Buch bilden. Alle Geschichten spielen während eines großen Stromausfalls in New York, und die verschiedenen Protagonisten und Nebenfiguren stehen alle untereinander in irgendeiner Art von Beziehung. So ist Tammi (Protagonistin von “The Long Walk”) zum Beispiel die Tochter des Busfahrers, der in “No Sleep Till Brooklyn” (Angie Thomas) eine Rolle spielt, und die Schwester von Tremaine, der wiederum in “Mask Off” (Nic Stone) für den Erzähler JJ sehr wichtig ist. Mit gerade mal 256 Seiten ist “Blackout” kein besonders umfangreiches Buch, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass eine der Geschichten zu kurz wäre. Jede von ihnen bietet eine wunderbare kleine Auszeit mit sympathischen Figuren, amüsanten Momenten und sehr süßen Liebesgeschichten. Dabei bedeutet die Tatsache, dass diese sechs Autorinnen in diesem Roman “Liebesgeschichten” erzählen, nicht unbedingt, dass die Handlungen vorhersehbar wären.

All diese Geschichten haben – obwohl sie wirklich gut zueinander passen und sich wunderbar ergänzen – einen sehr individuellen Ton, so dass nicht vorhersagbar ist, ob einen als nächstes eine leise Liebesgeschichte, eine eher dramatischere Handlung oder vor allem sehr amüsante Szenen erwarten. Ebensowenig lassen sich die Figuren in Schubladen pressen und das nicht nur, weil einige von ihnen nicht heterosexuell sind, sondern auch, weil im Fall von “Blackout” eine Liebegeschichte auch mal bedeuten kann, dass am Ende kein glückliches Paar aus der Handlung hervorgeht, sondern vielleicht “nur” eine Person, die gelernt hat, sich selbst ein bisschen mehr zu lieben oder etwas ehrlicher mit sich zu sein. Ich mochte diesen Überraschungsfaktor beim Lesen sehr und habe mich darüber ebenso gefreut wie über die vielen kleinen Verknüpfungen zwischen den Geschichten, die dafür sorgten, dass ich die ganze Zeit die Augen offen gehalten habe nach Hinweisen darauf, wie welche Person mit welcher Figur bekannt oder verwandt sein könnte. Außerdem ist “Blackout” unübersehbar eine Liebeserklärung an das Leben in New York mit all seinen Facetten, von der großen Bibliothek, den Touristenbussen, den alten Ziegelsteinhäusern, dem Kulturangebot, dem Gemeinschaftsgefühl innerhalb eines Viertels bis zu U-Bahn – und ich muss zugeben, dass ich mich in letzterer während eines Stromausfalls nicht aufhalten möchte. 😉

Mir hat das Lesen von “Blackout” gutgetan, und ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt. Ich muss aber auch zugeben, dass die Kürze der Geschichten dafür sorgt, dass man eben nur einen sehr kleinen Einblick in das Leben der Figuren bekommt, weshalb sie keinen so lang anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Aber ich hatte viel Spaß mit den Charakteren und habe mir fest vorgenommen, dass ich “Blackout” im nächsten Sommer wieder aus dem Regal ziehe, um mich von all den verschiedenen Figuren erneut in ein hochsommerliches New York entführen zu lassen, in dem ein umfassender Stromausfall so viele Leben positiv verändert. Oh, und wer Lust auf das Buch bekommen haben sollte, aber nicht auf Englisch lesen mag: Zeitgleich mit der englischen Ausgabe ist bei cbj “Blackout – Liebe leuchtet auch im Dunkeln” als gebundenes Buch erschienen. Diese Variante ist zwar etwas teurer und das Cover ist nicht ganz so hübsch wie bei der englischsprachigen Ausgabe, aber mal nicht lange auf eine deutsche Übersetzung warten zu müssen, ist doch wirklich großartig.

Tamzin Merchant: The Hatmakers

Vor ein paar Tagen habe ich “The Hatmakers” von Tamzin Merchant beendet und mich dabei wunderbar mit diesem Debütroman amüsiert. (Wobei ich erst einmal einen Hinweis von Anette brauchte, um zu kapieren, dass ich der Autorin schon als Schauspielerin in der 2005er-Verfilmung von “Pride & Prejudice” begegnet war. *g*) Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Cordelia Hatmaker erzählt, deren Familie seit vielen Generationen magische Hüte anfertig. Jeder Hut, der die Werkstatt der Hatmakers verlässt, beeinflusst mit seiner Magie seinen Träger oder seine Trägerin. Cordelias Familie ist sich nur zu bewusst, welche Verantwortung sie mit der Herstellung ihrer Hüte trägt, und so wurde Cordelia von klein auf eingeprägt, wie wichtig die richtigen Materialien, die Launen der Hutmacher und natürlich die Ausgewogenheit aller Bestandteile beim Herstellen sind. Umso schlimmer ist es, dass gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem der König dringend einen “Peace Hat” benötigt, Cordelias Vater in einem Sturm vermisst wird. Natürlich versucht Cordelia alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Vater zu retten, und stolpert dabei über mysteriöse Ereignisse, die die Zukunft aller Maker-Familien gefährdet.

Für mich gab es am Anfang von “The Hatmakers” so einige Elemente, die mich an Geschichten von Diana Wynne Jones erinnert haben, wie die magischen Hüte (Sophie aus “Howl’s Moving Castle”), das Zusammenleben der Hatmakers in ihrem großen Haus und die Rivalität der verschiedenen Maker-Familien untereinander (wie bei den Montana- und Petrocchi-Familien in “The Magicians of Caprona”). Aber da ich genau diese Dinge sehr mag und Tamzin Merchant aus diesen vertraut wirkenden Sachen eine wunderbare Geschichte gesponnen hat, störte mich das überhaupt nicht. Cordelia ist eine wunderbare Protagonistin, wild entschlossen, ihren Vater zu retten, und voller Einfallsreichtum, was die diversen Herausforderungen betrifft, die sie dabei zu bewältigen hat. Schon früh steht fest, dass das britische Königreich kurz vor einem Krieg mit Frankreich steht, während der König ein paar unerwartete Probleme beim Regieren hat. Und obwohl die Autorin die Gefahr, die durch diesen Krieg für die Bevölkerung entsteht, nicht verharmlost, gibt es so viele absurde und komische Momente rund um diesen Teil der Geschichte, dass ich ständig beim Lesen schmunzeln musste.

Mir gefiel auch sehr die Art und Weise, wie Tamzin Merchant Magie und Handwerk in ihrer Geschichte verknüpft hat und wie die verschiedenen Materialien und ihre Gewinnung beschrieben wurden. Und obwohl die Enthüllung der Personen, die im Hintergrund an den Fäden gezogen haben, keine Überraschung war, fand ich es spannend zu lesen, welche fiesen Taten sie sich als nächstes ausdenken würden – und wie Cordelia ihre Pläne (unwissentlich oder bewusst) sabotieren würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir für eine der bösen Personen ein anderes Ende gewünscht hätte (oder dass sie sich als nicht ganz so fies und rachsüchtig herausstellen würde), weil – und das ist die einzige Art, es ohne Spoiler auszudrücken – die Maker schließlich sieben Sterne in ihrem Logo haben.

Insgesamt habe ich mich aber einfach nur wohlgefühlt mit all den großen und kleinen Abenteuern, die Cordelia erlebt, ich habe mit ihr mitgelitten, wenn sie um das Leben ihres Vater gebangt hat, und mich gefreut, wenn sie eine Lösung für eines der vielen Probleme gefunden hat, die sie beschäftigen. Ich mochte Cordelia wirklich sehr als Protagonistin mit all ihrer Dickköpfigkeit, ihrem Einfallsreichtum und ihren großen und kleinen Fehlern, und auch die verschiedenen Nebenfiguren habe ich schnell ins Herz geschlossen und mich über jeden kleineren und größeren Auftritt gefreut, den sie bekamen. Da die Ideen hinter “The Hatmakers” noch so einigen Stoff für weitere Geschichten bieten und Cordelia so eine wunderbare Protagonistin ist, freue ich mich sehr, dass im kommenden Jahr ein zweiter Band mit dem Titel “The Mapmakers” erscheinen soll. Ich hoffe, dass es in dem Roman dann auch wieder sehr viele magische Elemente und sehr viele Szenen mit Cordelias Familie und Freunden geben wird.

Barbara Sleigh: Carbonel

Über “Carbonel” von Barbara Sleigh bin ich vor vielen Jahren bei Kiya gestolpert, und da der Titel nicht nur sehr lange auf meiner Wunschliste saß, sondern dann auch noch über ein Jahr auf meinem SuB lag, habe ich nun das Problem, dass ich den dritten Carbonel-Band nicht mehr bestellen kann. Dabei gefiel mir der erste Teil rund um Rosemary, ihren neu gewonnenen Freund John und den König der Katzen so gut, dass ich gern noch mehr Abenteuer mit den dreien lesen würde. Die Geschichte beginnt damit, dass die zehnjährige Rosemary sich überlegt, dass sie in ihren Sommerferien mit Putzen Geld verdienen könnte. Doch dafür benötigt sie erst einmal die notwendigen Utensilien, und so kauft sie auf einem Gebrauchtmarkt von einer etwas wunderlichen alten Frau einen Besen.

Da die Dame auch noch günstig einen schwarzen Kater abzugeben hatte und Rosemary schon immer eine Katze wollte, nimmt sie diesen auch noch mit, ohne zu wissen, dass sie damit in Besitz eines Hexenbesens und des passenden Hexenkaters gekommen ist. Doch Carbonel ist mehr als nur ein einfacher Hexenkater. Er ist ein Prinz der Katzen, der als Kätzchen von der Hexe gestohlen und verflucht wurde. Erst wenn der Fluch gebrochen ist, kann er den Thron seines verstorbenen Vaters in Besitz nehmen und über die Katzen von London herrschen. Natürlich erklärt sich Rosemary bereit, alles dafür zu tun, dass Carbonels Fluch gebrochen wird. Dies führt dazu, dass sie in den kommenden Wochen quer durch London unterwegs ist, um die notwendigen Dinge für den Zauber aufzutreiben. Doch diese Aufgabe ist nicht so einfach, und so ist es nur gut, dass Rosemary in ihrem neu gefundenen Freund John jemanden hat, der mit ihr gemeinsam Informationen sammelt und Abenteuer erlebt.

Die Geschichte wurde von Barbara Sleigh das erste Mal 1955 veröffentlicht, und natürlich merkt man der Handlung ihr Alter auch an. Barbara und John müssen zu Fuß, mit dem Bus oder mit dem – leider ziemlich altersschwachen – Hexenbesen all ihre Wege hinter sich bringen. Und um überhaupt den ganzen Tag unterwegs sein zu können, benötigen sie die Erlaubnis von Johns Tante und Rosemarys Mutter. So verstreicht zwischen den verschiedenen Unternehmungen immer wieder Zeit, und es gibt Tage, an denen die beiden Kinder einfach nur gemeinsam im Garten von Johns Tante spielen, weil sie eben diese Erlaubnis nicht bekommen haben. Das sorgt dafür, dass “Carbonel” eher ruhig erzählt wird, aber gerade das habe ich sehr gemocht. Ich habe eine Schwäche für altmodische britische Kinderbücher voller Magie und Alltagsszenen, und genau das habe ich hier gefunden. Ich mochte all die fantastischen Elemente ebenso sehr wie die eher alltäglichen Momente, mir gefielen die verschiedenen Charaktere, und ich fand es großartig, dass Carbonel arrogant und fordernd ist und wenig Verständnis für die begrenzten Möglichkeiten eines zehnjährigen Mädchens hat.

Es gab beim Lesen immer wieder Punkte, die mich an die Mary-Poppins-Romane von P.L. Travers oder an die Geschichten von Edith Nesbit erinnert haben, die ich als Kind so geliebt habe. Dabei hatte ich jedoch nie das Gefühl, dass Barbara Sleigh sich von diesen Autorinnen hat inspirieren lassen. “Carbonel” ist eine ganz eigene Geschichte mit einer wunderbar warmherzigen Atmosphäre, vielen amüsanten Wendungen und (Neben-)Charakteren, die ich wirklich mochte. Für diejenigen, die nun auch Lust auf “Carbonel” bekommen haben, aber nicht auf Englisch lesen mögen: 2013 ist eine deutsche Ausgabe mit dem Titel “Carbonel – König der Katzen” bei Ravensburger erschienen und auch wenn das Buch nur noch gebraucht zu bekommen ist, so scheint das Angebot an günstigen und gut erhaltenen Exemplaren gar nicht so gering zu sein.