Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Hanna Alkaf: The Girl and the Ghost

Von Hanna Alkaf habe ich schon eine ganze Weile den Roman „The Weight of Our Sky“ auf dem SuB, aber als „The Girl and the Ghost“ erschien, musste ich das Buch trotz der Tatsache, dass die Autorin bislang „unerprobt“ ist, unbedingt haben, weil die Beschreibung einfach so gut klang. Die Geschichte dreht sich um die junge Suraya, die beim Tod ihrer Großmutter von dieser einen Pelesit (einen Geister-Familiar, aus der Sagenwelt Malaysias) erbt. Dabei wird dem Leser die Handlung abwechselnd aus Sicht des Mädchens und aus Sicht des Geistes erzählt, was es leichter macht, die Gedanken und die Motive der beiden zu verstehen.

Ich muss gestehen, dass ich anfangs den Roman ziemlich häufig aus der Hand gelegt habe, weil die Geschichte nicht nur ein paar Elemente enthielt, auf die ich empfindlich reagiere (wie Insektenplagen – auch in Zusammenhang mit Essen), sondern mir auch durchgehend das Gefühl gab, dass es jeden Moment ganz schrecklich werden würde. Auf der anderen Seite war „The Girl and the Ghost“ so wunderschön geschrieben und beinhaltete so viele tolle Szenen, dass ich das Buch definitiv nicht abbrechen wollte. Als ich den Roman dann beendet hatte, musste ich meinen Gefühlen ein bisschen auf Twitter Luft machen, was auf folgenden Tweet hinauslief:

Twitter-Screenshot mit dem Text: Es ist so schön ein Buch zu beenden, dass so berührend und toll geschrieben, witzig und fürchterlich und einfach nur gut war, dass ich am Ende einfach nur ein paar Stunden dasitzen und die Stimmung festhalten will.

Für Suraya, die in einem recht freudlosen und gefühlskalten Zuhause aufwächst, ist der Geist – den sie mit all ihrer fünfjährigen Weisheit „Pink“ nennt – ein dringend notwendiger Freund. Doch im Laufe der Zeit muss sie feststellen, dass die Freundschaft zu Pink ein zweischneidiges Schwert ist, denn so sehr er ihr zur Seite steht, so kann er doch seinen Ursprung als Fluch- und Plagenbringer nicht verleugnen. Er ist für sie da, als sie in der Schule drangsaliert wird, und man könnte sagen, dass er der Grund ist, warum sie im Laufe der Geschichte häufig besser und verzeihender ist, als man es bei einem Charakter ihres Alters erwarten würde, da sie weiß, dass Pinks Aktionen gegen ihre Feinde maßlos und fürchterlich sein würden. Richtig dramatisch wird es, als Suraya endlich eine Freundin findet und Pink nicht weiß, wie er damit umgehen soll.

Aber während Hanna Alkaf mich in der ersten Hälfte von „The Girl and the Ghost“ damit fertiggemacht hat, dass sie mich die ganze Zeit fürchten ließ, dass schreckliche Dinge passieren, gelingt es der Autorin, all die fürchterlichen Entwicklungen und Enthüllungen am Ende mit so vielen amüsanten Momenten zu mischen, dass ich diese Passagen – entgegen aller vorherigen Befürchtungen – rundum genossen habe. Ich habe Suraya, ihre chinesische Freundin Jing, Pink und ein paar der übernatürlichen Nebenfiguren wirklich ins Herz geschlossen. Außerdem fand ich es spannend, mal eine Geschichte zu lesen, die in Malaysia spielt und neben all den Sagenelementen auch ganz selbstverständlichen den Alltag in diesem Land aufgreift. Doch vor allem hat es mir Hanna Alkafs Erzählweise angetan, die zwischen märchenhaft und modern schwankt und von der ersten bis zur letzten Seite mit meinen Emotionen spielte.

 

Annabelle Sami: Agent Zaiba Investigates 1 – The Missing Diamonds

Bei dem ersten „Agent Zaiba Investigates“-Band von Annabelle Sami weiß ich gar nicht mehr, wie ich auf das Buch aufmerksam geworden bin. Aber die Inhaltsangabe klang nett, und ich teste gern neue Kriminalromane für Kinder bzw. Jugendliche an, weil ich davon eigentlich immer einen Vorrat auf Lager haben mag. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht der elfjährigen Zaiba, die mit ihrer Familie (sowie ihrer besten Freundin Poppy) die Mehndi-Feier ihrer älteren Cousine Sam (Samirah) und deren Verlobten Tanvir im Royal-Star-Hotel besucht. Doch nicht nur die gesamte Großfamilie ist in dem Hotel untergebracht, sondern auch eine mysteriöse Berühmtheit, deren Identität Zaiba unbedingt herausfinden will. Denn Zaibas größter Wunsch ist es, einmal eine ebenso erfolgreiche Privatdetektivin zu sein wie ihre Tante Fouzia, und um dieses Ziel zu erreichen, nutzt sie all das Wissen, das sie aus den Romanen rund um die Detektivin Eden Lockett (und dem Eden-Lockett-Detektiv-Handbuch) gewinnen kann.

Gemeinsam mit Poppy und ihrem jüngeren Bruder Ali versucht sie, mehr über die Berühmtheit im Hotel herauszufinden, doch dann verschwindet ein wertvolles Diamant(hunde)halsband, und aus der spielerischen Ermittlung wird schnell ein ernsthaftes Unterfangen – vor allem, da all der Trubel Samis Mehndi-Feier bedroht. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte in der ersten Hälfte des Romans nicht so recht packen konnte. Ich mochte Zaibas pakistanisch-britische Familie, ich fand es nett, wie die drei Kinder durchs Hotel stromerten, und hier und da habe ich etwas schmunzeln müssen. Als dann die Handlung aber etwas mehr anzog, es immer mehr Hinweise auf das Verbrechen gab und man mehr über Zaiba und all die anderen Charaktere erfuhrt, hatte ich wirklich Spaß mit dem Buch. Der Kriminalfall ist zwar nicht gerade herausfordernd (was ich bei einem Buch für eine Zielgruppe zwischen 10 und 12 Jahren auch nicht erwartet hätte), aber so konzipiert, dass man gut mitraten kann. Außerdem mochte ich die ganzen Verweise auf die Eden-Lockett-Geschichten und die Tatsache, dass diese Romane schon Zaibas verstorbener Mutter und ihrer Tante Fouzia viel bedeutet haben, als diese noch Kinder waren.

Überhaupt spielt Zaibas Familie eine große Rolle in der Geschichte, und ihre Verwandtschaft wird so liebevoll (und trotzdem realistisch) dargestellt, dass man am liebsten Teil ihrer Familie sein würde. Ich fand es auch sehr schön zu sehen, dass Zaibas Freundin Poppy und Ali einen wichtigen Part bei den Ermittlungen spielen. Obwohl Zaiba eindeutig die Anführerin ist, würde sie ohne die Hilfe ihrer beiden „Assistenten“ deutlich mehr Fehler machen oder sich – und das sollte keine gute Detektivin! – in Spekulationen verrennen, ohne die bekannten Fakten noch einmal nachzuprüfen. Sowohl Poppy als auch Ali bringen ihre ganz eigenen Interessen und Stärken ein und überwinden im Laufe des Buches immer wieder (größere oder kleinere) Ängste, um die Suche nach den verschwundenen Diamanten voranzubringen. Dabei mochte ich es nicht nur, dass sich die drei immer wieder gegenseitig unterstützen, sondern auch, dass sie sich gegenseitig auf Fehler und Irrtümer aufmerksam machten, ohne dass das zu Zerwürfnissen führte.

Insgesamt hat mir „The Missing Diamonds“ deutlich mehr Freude bereitet, als ich das in der ersten Hälfte des Buches erwartet hätte, und so ist inzwischen auch der zweite Band („The Poison Plot“) auf meinem Wunschzettel gelandet. Zum Schluss muss ich noch die wirklich ansprechenden Schwarz-weiß-Illustrationen von Daniela Sosa (von der auch das Cover ist) erwähnen, die sich durch das gesamte Buch ziehen und mir richtig gut gefallen haben, weil sie Zaiba und all die anderen so lebendig und stimmig darstellen. Man bekommt auf den Bildern nicht nur die verschiedenen Schlüsselszenen präsentiert, sondern auch einen ganz wunderbar atmosphärischen Eindruck von dem eleganten Hotel, der ausgelassenen Mehndi-Feier und den verschiedenen Nebenfiguren, so dass die Zeichnungen die erzählte Geschichte wirklich schön ergänzen.

Leah Johnson: You Should See Me in a Crown

„You Should See Me in a Crown“ von Leah Johnson ist ein wunderbares Wohlfühlbuch rund um die Bemühungen der siebzehnjährigen Elizabeth (Liz) Lighty, zur Prom Queen ihrer Highschool gewählt zu werden. Dabei gehört Liz nicht zu den beliebten Schülerinnen, für die es selbstverständlich zu sein scheint, dass sie sich in den verrückten Wahlrummel stürzen, der an der Campbell-County-Highschool jedes Jahr veranstaltet wird. Doch Liz will unbedingt am Pennington College studieren, und da sie es nicht geschafft hat, ein Stipendium vom College zu bekommen, muss sie einen anderen Weg finden, um finanzielle Unterstützung für ihr Studium zusammenzubekommen. So bleibt ihr nur der Versuch, Prom Queen zu werden, da diese neben dem Titel ein 10.000-Dollar-Stipendium überreicht bekommen.

Doch Liz gehört nicht nur zu den unauffälligen Schülerinnen und Bandmitgliedern, die gewiss keinen Beliebtheitswettbewerb gewinnen, sondern sie leidet auch unter heftiger „anxiety“. Allein schon der Gedanke an all die Aufmerksamkeit, die die Teilnehmer.innen während des Wettbewerbs auf sich ziehen, sorgt bei ihr für eine Panikattacke. Aber dies scheint der einzige Weg zu sein, all die harte Arbeit für gute Schulnoten und all die Zeit, die sie mit Nebenjobs verbracht hat, um Geld zu sparen, nicht umsonst sein zu lassen und doch noch irgendwie ihr Studium aufnehmen zu können. Außerdem hat Liz ja auch ihre Freundinnen Gabi, Britt und Stone, die ihr bei ihrem Weg zur Prom Queen zur Seite stehen, und dann gibt es da noch die neue Mitschülerin Mack, die Liz wirklich anziehend findet.

Leah Johnson gelingt es, aus einem Roman über eine der wenigen schwarzen Schüler.innen, die versucht, an einer konservativen Highschool in Indiana die Positon der Prom Queen zu erlangen, eine Wohlfühlgeschichte zu machen, ohne dabei all die alltäglichen Probleme, mit denen Liz zu kämpfen hat, unter den Teppich zu kehren. Ich habe es genossen mitzuverfolgen, wie Liz nach vier Jahren, in denen sie sich angepasst hat, in denen sie alles getan hat, um nicht aufzufallen, und in denen sie all ihre Energie darauf ausgerichtet hat, einen Studienplatz zu bekommen und ihren Geburtsort zu verlassen, einen Weg findet, um der ganzen Schule zu zeigen, wer sie wirklich ist. Dabei ist es für sie in mehrfacher Hinsicht nicht einfach, da sie nicht nur schwarz ist, sondern ihre Familie auch relativ arm und Liz selbst lesbisch ist und sich bislang nur gegenüber ihrer Familie und ihren besten Freundinnen geoutet hat. Dazu kommt noch, dass Liz‘ Bruder Robbie – ebenso wie ihre verstorbene Mutter – an Sichelzellen-Anämie leidet und sich Liz deshalb ständig Sorgen um ihn macht.

All diese Probleme, mit denen Liz jongliert, sorgen dafür, dass sie nicht immer die klügsten Entscheidungen trifft, aber anstatt dass die Autorin daraus große Dramen spinnt, erlebt man als Leser Charaktere, die miteinander reden, die sich entschuldigen und einander verzeihen – und das ist so wohltuend zu lesen. Ich mochte Liz und ihre Freunde wirklich sehr, und ich fand es wunderbar, ihre Gedanken und ihre Erlebnisse mitzuverfolgen. Und wann immer Liz etwas Unangenehmes erlebt hat, gab es jemanden, der sie aufgefangen hat, der sie in den Arm genommen oder abgelenkt hat, und das hat die Geschichte umso schöner gemacht. Ich könnte höchstens kritisieren, dass nicht alle Charaktere in diesem Roman besonders tief ausgearbeitet sind – so findet man zum Beispiel auch hier die klassische, boshafte Highschool-Schönheit, die der Protagonistin das Leben schwermacht. Aber mir reichte die Charakterisierung der verschiedenen Nebenfiguren vollkommen, damit sie ihre Rolle in der Geschichte ausfüllen und mir ein Gefühl dafür geben, wieso sie in welchem Verhältnis zu Liz stehen.

Außerdem mochte ich all die Gespräche zwischen Liz und Mack über Musik, die verschiedenen popkulturellen Anspielungen in der Geschichte und die vielen Szenen, in denen Liz und ihr (ehemals bester) Freund Jordan beweisen, wie vertraut sie miteinander sind. Es gab so viele wunderbare Momente zwischen den verschiedenen Figuren – egal, ob es nun Charaktere waren, die Liz nahestanden, oder Personen, die sie kaum kannte und die ihr Facetten zeigten, die sie nicht erwartet hätte. Mich hat das Lesen dieses Romans für ein paar Stunden glücklich gemacht, ich habe mich mit Liz gefreut, wenn etwas Gutes passiert ist, und mit ihr gelitten, wenn ihre Ängste oder ihre Nerven die Oberhand gewannen. Und weil ich das gerade nicht oft genug betonen kann: Ich habe „You Should See Me in a Crown“ als überraschend wohltuend empfunden! Was dafür sorgt, dass ich jetzt schon gespannt auf die nächste Veröffentlichung („Rise to the Sun“) von Leah Johnson bin, die im kommenden Sommer erscheinen wird, und in der es um zwei Mädchen geht, die sich bei einem Musikfestival treffen.

Celine Kiernan: Begone the Raggedy Witches (The Wild Magic Trilogy 1)

Nachdem ich am Wochenende solche Lust auf eine Hexengeschichte hatte, habe ich spontan „Begone the Raggedy Witches“ von Celine Kiernan vom SuB gezogen. Die Geschichte wird aus der Sicht von Mup (Pearl) erzählt und beginnt eines Abends, als Mup gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Tipper und ihrer Mutter Stella aus dem Krankenhaus nach Hause fährt. Während der Fahrt sieht Mup Hexen, die das Auto verfolgen, und erinnert sich daran, dass ihre Großtante Boo sie vor den Hexen gewarnt hatte und dass Mup ihr unbedingt Bescheid sagen soll, wenn sie jemals welche sieht. Doch Tante Boo liegt im Krankenhaus im Sterben und ihre Mutter hört ihr nicht zu, bis die Hexen schon längst ins Haus der Familie eingedrungen sind und kurz darauf Mups Vater Daniel vermisst wird. Um ihren Vater zu retten, macht sich der Rest der Familie auf in das magische Königreich Witches Borough, dessen böse Königin sich als Tante Boos Schwester herausstellt – was Mups Mutter Stella zur Thronerbin macht.

Während Mup, Stella und ihr kleiner Bruder nur ihren Vater befreien wollen, erhoffen sich die Rebellen in Witches Borough, dass Stella den Kampf gegen die böse Königin aufnimmt und so die Herrschaft ihrer eigenen Mutter beendet. Was genau das wäre, was die Königin seit der Geburt ihrer Tochter fürchtet und weshalb Tante Boo Stella überhaupt in die Menschenwelt in Sicherheit gebracht hat. Je mehr Mup von den Vorgängen in Witches Borough mitbekommt, desto mehr fürchtet sie, dass sie ihre Mutter an das magische Land verliert. Auf der anderen Seite kann Mup ebensowenig wie ihre Mutter mit ansehen, wie die Bewohner des Landes unter der Herrschaft ihrer Großmutter zu leiden haben. Celine Kiernan gelingt es sehr gut, die verschiedenen bedrohlichen Facetten eines Lebens unter einer Tyrannin darzustellen und trotzdem immer wieder wunderbar amüsante und absurde Szenen einzuflechten, die die Geschichte auflockern und dafür sorgen, dass sie für jüngere Leser nicht zu beängstigend wird.

Außerdem mochte ich es sehr, wie Celine Kiernan die Handlung auf den ersten Blick rund um die tyrannische Herrschaft von Mups Großmutter spielen lässt, sich die Geschichte aber vor allem damit beschäftigt, was eine Familie eigentlich ausmacht, was es bedeutet, jemandem zu vertrauen, und welche Verantwortung damit verbunden ist, wenn jemand das Vertrauen einer Person genießt. Ebenso ist es ein wichtiges Thema in der Geschichte, dass es grundsätzlich nicht gut ist, wenn jemand darüber bestimmen will, wie das Leben eines anderen auszusehen hat – unabhängig davon, wie gut die Motive einer Person sein mögen. So sind all die Charaktere in „Begone the Raggedy Witches“ wunderbar stimmig dargestellt, mit all den guten und schlechten Eigenschaften, die eine realistische Figur nun einmal ausmachen, und es gibt immer wieder kleine Momente oder Dialoge, die den Leser darüber nachdenken lassen, wie man mit seiner Familie und seine Freunden umgehen will und wie man von ihnen behandelt werden möchte. Dabei werden all diese Elemente in eine unterhaltsame und märchenhafte Geschichte verpackt, die voller Magie und Hexen, voller dramatischer Ereignisse und überaus amüsanter Momente ist.

Michelle Harrison: A Sprinkle of Sorcery

Nach dem Lesen von „A Pinch of Magic“ von Michelle Harrison hatte ich mir vorgenommen, darauf zu achten, dass ich den nächsten Band rund um die Widdershins-Schwestern zur passenden Jahreszeit lese. Aber dann hatte ich so große Lust auf „A Sprinkle of Sorcery“, dass ich das Buch noch im September angefangen habe, obwohl die Handlung im Mai spielt. 😉 Allerdings fand ich es dieses Mal nicht so schlimm, dass ich den Roman nicht zur passenden Jahreszeit las, denn von Frühling spürt man in der Geschichte nicht viel, ist doch die Atmosphäre auf Crowstone (und all den anderen Inseln) düster genug, um in den Herbst zu passen. Und da die Handlung von „A Sprinkle of Sorcery“ ohne Vorkenntnisse aus dem ersten Band gut lesbar ist, gibt es hier auch keine Spoiler zu „A Pinch of Magic“.

Die Geschichte beginnt an einem Abend im Wirtshaus „The Poacher’s Pocket“, während die dreizehnjährige Betty Widdershins und der Rest der Familie darauf warten, dass ein potenzieller Käufer für das Gebäude auftaucht. Doch bevor die Abendfähre an der Insel anlegt, erklingen die Gefängnisglocken von der Nachbarinsel Repent herüber. Schnell macht die Neuigkeit die Runde, dass zwei Gefangene von der Insel Torment geflüchtet sind, und kurz darauf findet die sechsjährige Charlie (Charlotte) ein etwa gleichaltriges und vollkommen durchnässtes Mädchen versteckt im Hinterhof. Schnell sind sie und Betty sich einig, dass sie Willow vor den Wächtern, die jedes Haus der Insel durchsuchen, in Sicherheit bringen müssen. Doch natürlich läuft dann etwas schief, und so müssen Betty und ihre ältere Schwester Fliss (Felicitas) mitansehen, wie die Großmutter Bunny und die kleine Charlie von zwei Wächtern abgeführt werden.

Gemeinsam mit Willow machen sich die beiden Mädchen auf, um ihre Familienmitglieder zu retten, und erleben dabei einige fantastische Abenteuer auf See. Ich liebe es, wie Michelle Harrison dabei eine sehr düstere und realistische Welt rund um die Inselgruppe in den Marschen schafft und auf der anderen Seite immer wieder Märchen und eine kleine Prise Zauberei in die Geschichte einwebt. Während sich der erste Band um einen Fluch drehte, der auf den Frauen der Familie Widdershins lag, so sind hier die Angelpunkte der Geschichte vor allem das Schicksal der entführten Charlie und das von Willow, die alles daran setzt, die Unschuld ihres Vaters zu beweisen, bevor dieser hingerichtet werden kann. Dabei spielen Irrlichter eine große Rolle in Willows Leben. Ich fand es großartig, wie die Autorin diese schon im ersten Band in die Handlung eingebaut und hier – mit einigen ungewöhnlichen Facetten versehen – wieder aufgenommen hat.

Auch in „A Sprinkle of Sorcery“ ist die Atmosphäre durchgehend ziemlich düster, denn Betty und ihre Schwestern machen sich die ganze Zeit über Sorgen, sie hungern und frieren, und sie müssen mit Entführern, Piraten und Hexen fertigwerden. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, man würde beim Lesen in lauter Hoffnungslosigkeit versinken, da die Mädchen einfach wunderbar mutig und einfallsreich sind. Immer wieder gibt es Szenen, die einfach nur amüsant sind (Betty als Piratenkapitän-Geist ist mein absoluter Lieblingsmoment in dem Buch gewesen), oder in denen die Zuneigung zwischen den Schwestern wirklich herzerwärmend zu lesen ist. So gut mir „A Pinch of Magic“ gefallen hat, so denke ich, dass ich „A Sprinkle of Sorcery“ noch besser fand. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich einfach den richtigen Zeitpunkt für den Roman gewählt hatte, oder daran, dass mir all die Seefahrt- und Piratenelemente so viel Freude bereitet haben, aber ich kann diese Geschichte mindestens ebenso sehr empfehlen wie den ersten Band. Und ich freue mich sehr darüber, dass der dritte Band („A Tangle of Spells“) im Original gerade für Anfang Februar 2021 angekündigt wurde.

Sophie Anderson: The Girl Who Speaks Bear

„The Girl Who Speaks Bear“ ist Sophie Andersons zweite Veröffentlichung nach „The House with Chicken Legs“, und auch hier greift die Autorin Elemente aus russischen Märchen und Legenden auf und verflicht sie zu einer ganz eigenen Geschichte. Der Roman ist unabhängig von „The House with Chicken Legs“ zu lesen, auch wenn eine Nebenfigur (die dort nur einen sehr, sehr kurzen Auftritt hatte) von der Autorin noch einmal aufgegriffen wird. Erzählt wird „The Girl Who Speaks Bear“ von der zwölfjährigen Yanka, die von den Bewohnern des kleinen Dorfes, in dem sie lebt, nur „Yanka the Bear“ genannt wird. Dabei wissen die meisten ihrer Nachbarn nicht einmal, dass ihre Pflegemutter Mamochka Yanka als zweijähriges Kind ganz allein – neben einer von einer alten Bärin bewohnten Höhle – im Wald gefunden hatte.

So sehr Yanka ihre Pflegemutter liebt und so wohl sie sich mit ihrem besten Freund Sasha fühlt, so hat sie doch das Gefühl, dass sie nicht wirklich zu den Dorfbewohnern gehört. Und natürlich fragt sie sich seit Jahren, wo wohl ihre leiblichen Eltern geblieben sind, wieso sie allein im Wald gefunden wurden und wieso sich der „Snow Forest“ anfühlt, als ob er sie rufen würde. Als Yanka dann beim jährlichen Festival etwas Ungewöhnliches zustößt, beschließt sie, dass es Zeit wird, in den Wald aufzubrechen und mehr über ihrer Vergangenheit herauszufinden. Doch der Snow Forest birgt nicht nur das Geheimnis rund um Yankas Herkunft, sondern auch viele Gefahren und Herausforderungen.

Ich fand es wunderbar zu lesen, wie Yanka trotz aller Ängste, die sie im Laufe der Geschichte durchstehen muss, immer versucht vorwärts zu gehen. Ihr Bedürfnis, mehr über ihre Geburtsfamilie zu erfahren, ist so groß, dass sie sich auch von Hindernissen nicht abschrecken lässt. Während ihrer Reise lernt sie so viel über sich selbst, aber auch darüber, was eine Familie wirklich ausmacht und dass man nicht perfekt sein muss, um seinen Platz in einer Gemeinschaft zu finden. Doch vor allem lernt Yanka so viele neue Geschichten über den Wald und seine Bewohner – und gleichzeitig auch über ihre eigene Vergangenheit.

Während ich bei „The House with Chicken Legs“ nicht immer so glücklich mit der Protagonistin war, habe ich „The Girl Who Speaks Bear“ rundum genossen. Yanka ist eine liebenswerte Person, die man gern bei ihrem Abenteuer begleitet, und auch die Figuren, die sie im Laufe ihrer Reise kennenlernt, habe ich auf Anhieb ins Herz geschlossen. Es gibt so viele berührende, amüsante, absurde und liebenswerte Szenen mit all den verschiedenen Charakteren, dass ich das Buch gar nicht aus der Hand legen wollte. Dazu kommt, dass die Autorin wunderbar atmosphärische Beschreibungen vom Leben im und am Rande des Walds in ihren Roman eingebaut hat. Außerdem durchzieht ein ganzes Geflecht aus Geschichten und Märchen Yankas Leben, das ich rundum genossen habe. Jede Figur hat etwas zu Yankas Leben beizutragen, auch wenn das nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird, und so bekommt man nach und nach erzählt, wie es dazu kam, dass das kleine Mädchen allein im Wald gefunden wurde, und welche Rolle es für die Zukunft des Snow Forest spielen wird.

Wer auch nur eine kleine Schwäche für märchenhafte Geschichten, für russische Folklore oder grundsätzlich für Erzählungen hat, in denen liebenswerte Charaktere und wunderbare Tierfiguren vorkommen, sollte sich „The Girl Who Speaks Bear“ auf keinen Fall entgehen lassen. Ich habe den Roman so sehr genossen, dass ich ihn am liebsten direkt nach dem Lesen noch einmal angefangen hätte, und ich bin mir sicher, dass ich spätestens zum Winterende noch einmal zu diesem Buch greifen werde. Für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen mögen, gibt es mit „Das Mädchen und der flüsternde Wald“ im Januar 2021 eine deutsche Veröffentlichung beim Dressler Verlag, während ich jetzt darauf warte, dass mir der dritte Roman („The Castle of Tangled Magic“) der Autorin geliefert wird.

T. Kingfisher: A Wizard’s Guide To Defensive Baking

Mit „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kommt hier die Rezension einer Geschichte, die ich schon im August gelesen habe und unbedingt noch auf dem Blog vorstellen wollte. Ursula Vernon sagte vor einigen Wochen auf Twitter, dass sie das Pseudonym „T. Kingfisher“ für alle Geschichten verwendet, die sich nicht in Schubladen stecken lassen. So ist ihr „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ schon ein älteres Manuskript, das sie viele Jahre lang nicht bei einem Verlag unterbringen konnte, weil es den Verantwortlichen zu düster für eine Veröffentlichung für Kinder war. Ich persönlich fand den Roman gar nicht so düster, auch wenn die Stadt, in der die Protagonistin lebt, nicht gerade freundlich mit ihren Bewohnern umgeht und die Handlung mit einigen Morden (unter anderem an Kindern) beginnt.

Die Geschichte wird aus der Sicht der vierzehnjährigen Mona erzählt, die seit ein paar Jahren in der Bäckerei ihrer Tante Tabitha arbeitet, wo Monas Magie dafür sorgt, dass die Brote knusprig werden und die Lebkuchenmänner tanzen können. Als Mona eines Morgens in die Bäckerei kommt, um die Öfen anzuheizen und die ersten Brotteige anzusetzen, findet sie im Verkaufsraum die Leiche eines jungen Mädchens. So schlimm sie dies findet (zumal sie auch noch verdächtigt wird, die Mörderin zu sein), so hat Mona doch nicht das Gefühl, dass dies wirklich etwas mit ihr zu tun hat. Auch als sie erfährt, dass in den letzten Wochen mehrere Personen, die über Magie verfügten, verschwunden oder getötet worden sind, glaubt sie noch nicht, dass dies sie persönlich betreffen oder sie gar in Gefahr bringen würde. Schließlich können magiebegabte Personen in dieser Stadt unbehelligt zwischen all den anderen Menschen leben. Und ohne den überaus geachteten Lord Ethan, der als Feuermagier der Armee der Stadt vorsteht, wären die Barbaren schon längst über das kleine Herzogtum hergefallen.

Aber natürlich hilft es nichts, wenn man sich selbst einredet, dass einen all dies nicht berührt, während gleichzeitig schreckliche Dinge geschehen, und so muss auch Mona sich eines Tages eingestehen, dass sie nicht weiter passiv zuschauen kann und handeln muss. Ich mochte es sehr, dass Mona so eine unwillige Heldin ist, und fand es realistisch, dass sie so lange darauf vertraut, dass schon alles gut geht und dass die Regierung alles regeln wird. Erst als sie flüchen muss, um ihr Leben und ihre Freiheit zu retten, wird ihr bewusst, dass sie selbst aktiv werden muss, um sich und die anderen Magiebegabten der Stadt zu retten. Dabei ist sie auf die Hilfe von Spindle, dem zehnjährigen Bruder der in der Bäckerei getöteten Tibbie, angewiesen, um ohne den Schutz ihrer Familie überleben zu können – und Ideen zu entwickeln, die ihr bei der Suche nach dem Mörder helfen. Mit ein Grund, wieso Mona sich die ganze Zeit nicht als „Heldin“ sehen konnte, ist, dass ihre Magie sich nur auf Brot (und anderes Gebäck) auswirkt und sie sich nicht vorstellen kann, dass man mit Brotmagie etwas Großes bewirken oder gar kämpfen könnte. Doch im Laufe der Geschichte lernt Mona, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ihre Magie im Kampf einzusetzen – und dass es nicht so sehr auf die Stärke der Magie ankommt, sondern darauf, dass man sie kreativ verwendet.

So gibt es gerade in der zweiten Hälfte des Romans so einige amüsante Szenen, in denen Mona ihre Magie auf eine Art und Weise einsetzt, die sie sich früher nie hätte vorstellen können, und in denen sie gemeinsam mit Spindle einige unerwartete Abenteuer erlebt. Ich fand es großartig, welche Ideen die Autorin rund um den Einsatz der Brotmagie hatte. Aber nicht nur diesen Teil der Geschichte mochte ich sehr, sondern auch all die kleinen und großen Szenen rund um die verschiedenen Charaktere. Während der „Spring Green Man“, der der Mörder ist, ebenso wie der Inquisitor Oberon wunderbar hassenswerte Gegenspieler für Mona sind, gibt es auch so viele liebenswerte und warmherzige Charaktere, die dem Mädchen zur Seite stehen. Ich fand Tante Tabitha und Onkel Albert ungemein sympathisch, weil sie alles dafür geben, damit ihre Nichte sicher unter ihrer Obhut leben kann, oder die verrückte „Knackering Molly“, die eine ganz eigene Sicht auf die Welt hat, aber doch alles in ihrer Macht stehende versucht, um Mona und die anderen zu beschützen. Besonders erwähnen muss man auch Bob, der Monas Sauerteigstarter ist und … einen ganz eigenen Charakter hat. Bob ist einfach einzigartig, und was ihn so großartig macht, muss man einfach selbst lesen. *g*

Wenn ich etwas an „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kritisieren müsste, dann könnte ich höchstens anführen, dass das erste Drittel der Geschichte sich ein bisschen hinzieht und der Weltenbau nicht besonders detailliert ist. Aber da ich auch das erste Drittel mit all den kleinen Szenen, die einem mehr über Mona, ihre Nachbarn und die Stadt, in der sie leben, erzählen, genossen habe, kann ich mich da eigentlich nicht beschweren. Und auch den Weltenbau fand ich eigentlich ausreichend, denn obwohl „die Barbaren“ als großer Feind von außen ein bisschen billig wirken, so reichen sie als beängstigende Gegner für diese Geschichte vollkommen aus. Außerdem würde jemand wie Mona, aus deren Sicht die Handlung ja nun erzählt wird, auch nicht mehr über die Barbaren wissen, als uns die Autorin in diesem Roman erzählt. Alles in allem habe ich „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ also wirklich genossen, über die eine oder andere Aussage ein bisschen sinnieren müssen und über eine Menge Szenen – gerade gegen Ende der Geschichte – schallend gelacht.

Michelle Harrison: A Pinch of Magic

Ich muss gestehen, dass mich das hübsche Cover auf „A Pinch of Magic“ von Michelle Harrison aufmerksam gemacht hat und ich erst im Nachhinein kapiert habe, dass das die Autorin ist, von der ich schon die „Elfenseelen“-Trilogie so sehr mochte. Außerdem sollte ich schon mal darauf hinweisen, dass es nicht die beste Idee von mir war, diese Geschichte im Juli zu lesen, obwohl die gesamte Atmosphäre in „A Pinch of Magic“ nach Herbst und Halloween ruft – bei der Fortsetzung werde ich also erst schauen, wann sie spielt, und sie dann jahreszeitlich passender lesen. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Betty Widdershins, deren großer Traum es ist, eines Tages die kleine Insel Crowstone zu verlassen und die Welt zu sehen. Doch als sie an ihrem dreizehnten Geburtstag (der auch noch auf Halloween fällt) heimlich mit ihrer sechsjährigen Schwester Charlie (Charlotte) aufs Festland fahren will, werden die beiden von ihrer Großmutter Bunny erwischt.

Um weitere Alleingänge von Betty zu verhindern, klärt Bunny die beiden Mädchen über den Fluch auf, der seit langer Zeit auf der Familie Widdershins liegt. Dieser Fluch sorgt dafür, dass jedes weibliche Mitglied der Familie, das die Insel Crowstone verlässt, im Laufe eines Tages stirbt. Angesichts dieser Mitteilung kann nicht einmal die Tatsache, dass Charlie, Betty und die sechzehnjährige Fliss (Felicity) zusammen mit dem Fluch auch drei magische Gegenstände geerbt haben, Betty aufmuntern. Stattdessen überlegt sie, dass es doch irgendeinen Weg geben muss, um diesen Familienfluch zu brechen und das Schicksal der Widdershins-Frauen zu ändern – und bei der Suche nach solch einem Weg lässt sie sich auch von all den Gefahren, die auf sie lauern, nicht aufhalten.

Ich mochte „A Pinch of Magic“ wirklich sehr! Mir gefiel die Atmosphäre, die Michelle Harrison in der Geschichte aufbaut, die Trostlosigkeit der kleinen Inselgruppe im Sumpfgebiet vor dem Festland, die Armut, die das Leben der Bewohner von Crowstone durchzieht, den Schatten, den die Gefängnisinsel Repent über die anderen Inseln wirft, und wie all dies erträglich wird durch den Zusammenhalt innerhalb der Familie Widdershins. Das Wirtshaus „Poacher’s Pocket“, das Großmutter Bunny gehört, ist kein wirklich heimeliger Ort, aber es ist das Zuhause und die Zuflucht von Fliss, Betty und Charlie. Ich fand es auch wunderbar zu lesen, wie unterschiedlich die Autorin die drei Schwestern dargestellt hat. So ist Fliss diejenige, die am wenigsten kämpferisch ist und die sich – nachdem sie an ihrem sechzehnten Geburtstag von dem Fluch erfahren hatte – damit abgefunden hat, dass sie den Rest ihres Lebens auf der Insel bleiben wird. Betty hingegen will ihre Träume nicht aufgeben und erkennt erst im Laufe der Zeit, dass die Gefahren, die die Suche nach einer Aufhebung des Fluchs mit sich bringen, nicht nur sie, sondern auch diejenigen, die sie liebt, betreffen könnten.

Neben den tollen Charakteren und der wunderbar-trostlosen Atmosphäre brachte „A Pinch of Magic“ auch noch eine Handlung mit sich, die voller amüsanter, gefährlicher und überraschender Szenen steckt. Von Anfang an steht fest, wer den Fluch über die Familie Widdershins gebracht hat, aber erst im Laufe der Zeit erfährt man die Geschichte und die Beweggründe dieser Person und muss so immer wieder überdenken, wer denn wohl der „Bösewicht“ in der Geschichte ist. Und obwohl die drei Schwestern in lebensgefährliche Situationen geraten, bleibt der Ton in der Geschichte in der Regel heiter genug, dass auch jüngere Leser.innen Freude an der Handlung haben werden. Außerdem ist es wunderbar. von dem Verhältnis der drei Schwestern zueinander zu lesen, gerade weil sie nicht immer nur nett miteinander umgehen, aber trotzdem die gesamte Zeit durchscheint, wie sehr die drei einander mögen und wie wichtig ihnen das Wohlergehen der anderen ist. So freue ich mich jetzt schon sehr auf das Lesen der Fortsetzung – vielleicht sogar gerade deshalb, weil ich mir nicht so recht vorstellen kann, worum sich der nächste Band wohl drehen wird.

Oh, und für diejenige, die neugierig auf die Geschichte geworden sind, aber keine Bücher auf Englisch lesen mögen: Der Titel der deutschen Ausgabe von „A Pinch of Magic“ lautet „Eine Prise Magie“ und auch die Fortsetzung („A Sprinkle of Sorcery“) ist schon unter dem Titel „Ein Hauch von Zauberei“ auf Deutsch erschienen.

Jim Hines: Tamora Carter – Goblin Queen

„Tamora Carter – Goblin Queen“ von Jim Hines wird offiziell erst am 15. September veröffentlicht, aber da ich mich an dem Kickstarter beteiligt hatte, mit dem das Buch finanziert wurde, habe ich den Titel schon im August lesen können. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der zwölfjährigen Tamora Soo-jin Carter, deren bester Freund Andre Steward vor einiger Zeit verschwunden ist. Niemand weiß, was Andre zugestoßen ist, es scheint keinen Grund zu geben, wieso er von Zuhause hätte fortlaufen sollen, aber Anzeichen für eine Entführung gibt es eigentlich auch nicht. Tamora leidet sehr darunter, dass sie nicht weiß, was aus Andre geworden ist, und nur ihr Roller-Derby-Training lenkt sie etwas von ihren Sorgen ab – bis sie eines Abends hinter der Sporthalle über ein paar Goblins stolpert. Doch nicht nur Goblins, sondern auch noch weitere fantastische Kreaturen tauchen in den folgenden Tagen in der kleinen Stadt Dearborn in Michigan auf. Je mehr Tamora über diese ungewöhnlichen Wesen lernt, desto mehr wächst in ihr der Verdacht, dass diese Kreaturen etwas mit dem Verschwinden von Andre und zwei weiteren Schülern zu tun haben könnten. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Mac und Karina Lord, deren Bruder Kevin zur selben Zeit verschwunden ist wie Andre und die dritte entführte Jugendliche, Elizabeth O’Neil, macht sich Tamora daran, ihren Freund zu suchen.

Es gibt so viele Elemente, die ich an „Tamora Carter – Goblin Queen“ einfach großartig fand. So hat Jim C. Hines für dieses Jugendbuch nicht die Perspektive des Teenagers, der in eine fantastische Welt gerät und dort Abenteuer erlebt, gewählt, sondern die einer Person, die zurückbleibt und sich fragt, was mit ihrem besten Freund passiert ist. Tamora, ihre Familienmitglieder und all die anderen Charaktere, die in dem Roman vorkommen, sind von dem Autor wunderbar realistisch und liebenswert dargestellt worden. Tamora ist tapfer und hilfsbereit, aber definitiv nicht fehlerfrei, ihr vierzehnjähriger Bruder Mac ist ein großteils non-verbaler Autist, und wenn man davon absieht, dass er schnell von all den fantastischen Ereignissen rund um seine Schwester gestresst wird und am liebsten über ein Tablet kommuniziert, hindert ihn dies nicht daran, eine große Rolle bei der Rettung von Andre und den anderen zu spielen. (Jim C. Hines hat dazu angemerkt, dass sein eigener Sohn, der autistisch ist, das Manuskript mehrfach gelesen hat, bevor es veröffentlicht wurde.) Mir gefiel auch das Verhältnis zwischen Tamora und ihrem Vater, denn auch wenn sie beide es manchmal ein wenig damit übertreiben, wenn sie den anderen beschützen wollen, so vertrauen sie sich doch gegenseitig. Dies führt dazu, dass Tamoras Vater im Laufe der Handlung nicht zu einem Hindernis wird, das mit allen Mitteln umgangen werden muss (wie man es sonst so oft bei Kinder- und Jugendbüchenr erlebt), sondern zu einem Verbündeten im Kampf gegen die übernatürlichen Widersacher.

Außerdem schreckt der Autor nicht davor zurück, seine Charaktere in Gefahr zu bringen und sie wirklich schwierige Entscheidungen treffen zu lassen, wobei die heftigeren Szenen aber immer – passend für eine Geschichte für Kinder und Jugendliche – durch humorvolle Elemente und Dialoge aufgelockert werden. Ich mochte es auch sehr, wie Jim C. Hines all die fantastischen Geschöpfe mit den Herausforderungen umgehen ließ, die das moderne Amerika für sie bereithält, und wie sie ihr Kampfverhalten an all die unvertrauten Gegner angepasst haben, mit denen sie sich im Laufe der Geschichte auseinandersetzen müssen. Die eine oder andere Entwicklung in der Handlung ist zwar etwas vorhersehbar (selbst wenn man nicht wissen sollte, dass man es hier mit einer Variante von „Portal Fantasy“ zu tun hat), aber das hat mich nicht gestört, weil ich die ganze Zeit so gespannt war, wie Tamora mit all diesen Entdeckungen und für sie überraschenden Elementen umgehen wird. Eine weitere Sache, über die ich mich sehr beim Lesen gefreut habe, ist die Tatsache, dass Tamora Roller Derby spielt und der Autor so immer wieder stimmige Szenen eingebaut hat, in denen das Mädchen Taktiken und Fertigkeiten, die es für diesen Sport gelernt hat, beim Kampf gegen all die übernatürlichen Wesen einbringt. (Für diejenige, die sich wundern, dass auf dem Cover ein Hockeyschläger zu sehen ist: Auch der kommt in der Geschichte vor, auch wenn er natürlich beim Roller Derby keine Rolle spielt. 😉 )

Mir hat das Lesen von „Tamora Carter – Goblin Queen“ rundum Spaß gemacht, ich habe mit den Charakteren gebangt, ich habe ein wenig um diejenigen, die Opfer des Krieges wurden, getrauert und ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich beim Lesen vor mich hinkicherte. Schon bei den Prinzessinnen-Büchern hatte Jim C. Hines gezeigt, dass er ein Händchen für eine ungewöhnliche Neuinterpretation von Märchenthemen hat, und hier hat mir seine erfrischende Sicht auf klassische Märchen- und Fantasyelemente ganz besonders gut gefallen. Und während ich normalerweise sehr glücklich damit bin, wenn ich ausnahmsweise mal einen Einzelband erwische, so habe ich mir hier nach dem Lesen gewünscht, dass der Autor irgendwann noch einmal zu Tamora und ihren Freunden zurückkehren wird. Ich wüsste gern, was aus all den fantastischen Wesen, die es nach Michigan verschlagen hat, langfristig geworden ist, ich möchte mehr von der Bibliothekarin Miss Pookie lesen, ich will wissen, wie es Andre und den anderen beiden ergeht, nachdem sie den Weg zurück nach Hause gefunden haben, und natürlich bin ich den Entführern gegenüber misstrauisch und glaube nicht, dass sie sich endgültig geschlagen gegeben haben. Es ist selten der Fall, dass ich eine Geschichte so wenig loslassen mag und – trotz eines wirklich befriedigenden Endes – noch so viele Fragen habe, die ich gern vom Autor beantwortet hätte.

Melinda Salisbury: Hold Back the Tide

Eine kleine Warnung vorweg: Wer zu einem Jugendbuch greift, weil er ein garantiertes Happy End für alle Charaktere lesen möchte, der sollte von „Hold Back the Tide“ vielleicht die Finger lassen. Allen anderen Lesern hingegen würde ich diese wirklich sehr gut geschriebene Horror-Geschichte von der Autorin Melinda Salisbury sehr ans Herz legen. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht von Alva, die gemeinsam mit ihrem Vater in einem kleinen Ort in den schottischen Bergen lebt. Von Anfang an wird man von Alva darüber informiert, dass ihr Vater vor sieben Jahren ihre Mutter umgebracht hat, als das Mädchen mitten in der Nacht von lauten Stimmen und dem Geräusch von Schüssen und klirrendem Glas aufwachte. Aber da nie eine Leiche gefunden wurde, geht ihr Vater weiterhin unbehelligt seiner Aufgabe als Hüter des örtlichen Lochs nach, während die Dorfbewohner die kleine Familie so weit wie möglich schneiden.

Ebenso steht von Anfang an fest, dass Alva in den vergangenen Jahren alles getan hat, um eine Flucht aus ihren Heimatort vorzubereiten, und nun endlich hat sie Geld und die notwendige Ausrüstung für eine längere Reise beisammen und einen Arbeitsplatz in einer weiter entfernt liegenden Stadt in Aussicht. Alles, was sie noch organisieren muss, ist eine Reisemöglichkeit, die sie schnell genug aus dem Dorf entfernt, damit ihr Vater sie nicht wieder zurückholen kann. Doch bevor Alva ihre Flucht antreten kann, passieren unerwartete und unheimliche Dinge im Ort, und in der jungen Frau keimt der Verdacht auf, dass das radikale Sinken des Pegels des Lochs eine der Ursachen für all die Veränderungen sein könnte. Mehr möchte ich gar nicht zum Inhalt dieser Geschichte sagen, denn ich finde, man sollte sich möglichst unvoreingenommen auf Alva, ihre Erzählweise und ihre Erlebnisse einlassen, um die Handlung rundum genießen zu können.

Einige Entwicklungen kann man in „Hold Back the Tide“ zwar schon recht früh vorhersehen, aber das stört überhaupt nicht, weil die Figuren und die Atmosphäre in dieser Geschichte einen wirklich gefangen nehmen. Dieses abgeschiedene Dorf inmitten der schottischen Berge ist die perfekte Kulisse für einen solchen Horrorroman, und die Monster, die im Laufe der Handlung auftauchen, werden durch ihre Verbindung zum Loch zu einer ganz eigenen und ungewöhnlichen Variante eines bekannten Monstertypus. Ich mochte auch die verschiedenen Charaktere, die man im Laufe der Handlung kennenlernt, sehr gern. Die Protagonistin Alva ist zwar stellenweise fast ein bisschen zu fähig und zu gut (ebenso wie einer der anderen jugendlichen Dorfbewohner), aber sie hat trotzdem genügend Schwächen und Fehler, um eine überzeugende Erzählerin zu sein.

Obwohl das eBook nur 218 Seiten lang ist, hatte ich das Gefühl, dass sich Melinda Salisbury einige Zeit lässt, um ihre Geschichte aufzubauen, und erst nach und nach die verschiedenen Entdeckungen und unheimlichen Vorfälle einbringt. Für mich hat das vor allem dafür gesorgt, dass ich – wann immer ich das Buch aus der Hand legen musste – mit meinen Gedanken immer wieder zu Alva und den Ereignissen in ihrem Heimatort geschweift bin. Ich mag es sehr, wenn mich eine Geschichte nicht so recht loslässt und ich immer wieder dahin zurückkehre. Außerdem fand ich (als jemand, der selten zu Horrorgeschichten greift,) die Darstellung der Kreaturen aus dem Loch ausgewogen genug, dass ich um Alva und all die anderen Charaktere zwar gebangt, aber dieses Unbehagen nicht mit in meinen Alltag genommen habe. Wer also mit dem Wissen leben kann, dass die Geschichte nicht für alle Beteiligten gut ausgeht, und Lust auf einen ruhig erzählten und atmosphärischen Horrorroman hat, der (vermutlich) Ende des 19. Jahrhunderts in der Abgeschiedenheit schottischer Berge spielt und gut geschriebene, stimmige Charaktere aufzuweisen hat, der sollte definitiv einen Versuch mit „Hold Back the Tide“ wagen.