Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Jordan Stratford: The Wollstonecraft Detective Agency 1 – The Case of the Missing Moonstone

Normalerweise bin ich nicht so glücklich, wenn ein Autor sich zu große Freiheiten bei der Verwendung historischer Persönlichkeiten nimmt, aber mit „The Case of the Missing Moonstone“ von Jordan Stratford habe ich mich zu gut amüsiert, um ihm diesen großzügigen (und vollkommen unkorrekten) Einsatz berühmter Figuren übelzunehmen. Dazu muss ich allerdings anfügen, dass Jordan Stratford sich die Mühe gemacht hat, die realen Daten und Fakten im Anhang aufzulisten und zu erklären, wieso er diese für seine Geschichte angepasst hat. Für die Geschichte im ersten Band der „Wollstonecraft Detective Agency“-Reihe muss man als Leser also hinnehmen, dass Lady Ada Byron (Ada Lovelace) und Mary Godwin (Mary Shelley) gerade mal drei Jahren Altersunterschied trennen (statt der realen 18 Jahre), und auch sonst gibt es einige unerwartete Elemente.

Zu Beginn des Romans lässt sich Jordan Stratford Zeit, die beiden Protagonistinnen Ada und Mary vorzustellen. Ada ist zu diesem Zeitpunkt nicht gerade zufrieden mit ihrem Leben, da ihre Gouvernante sie verlässt (unerklärlicherweise, um zu heiraten!) und sie zukünftig – gemeinsam mit einem ihr unbekannten Mädchen – von einem Hauslehrer unterrichtet werden soll. Von den intellektuellen Fähigkeiten dieses Percy Snagsby (von Ada nur Peebs genannt) ist die Elfjährige nicht gerade überzeugt, und sowieso reicht es ihr, wenn man ihr aktuelle Sachbücher zu den Wissensgebieten zur Verfügung stellt, die sie interessieren. Die vierzehnjährige Mary hingegen freut sich sehr über diese einmalige Möglichkeit, durch einen Hauslehrer unterrichtet zu werden, auch wenn es eine Weile dauert, bis sie dahinterkommt, wie man am Besten mit Adas zahlreichen Eigenarten umgehen muss.

Je besser sich die beiden Mädchen kennenlernen, desto mehr stellen sie fest, dass sie sich in ihrer Gegensätzlichkeit gut ergänzen, was darauf hinausläuft, dass sie zusammen die „Wollstonecraft Detective Agency“ gründen. Für Ada ist dies die Möglichkeit, ihren Intellekt unter Beweis zu stellen, während Mary von der Aussicht auf Abenteuer gelockt wird. Beiden ist natürlich bewusst, dass sie als junge Damen der Gesellschaft nicht jeden Fall annehmen können, doch als in einem der benachbarten Herrenhäuser ein Schmuckstück gestohlen wird, scheint der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein, sich an ihren ersten Kriminalfall zu wagen. Passend zur Zielgruppe (ab acht Jahren) ist die Geschichte weder blutig noch besonders aufregend, dafür gibt es sehr viele amüsante Momente, die sich um Adas Eigenheiten drehen oder um all die kleinen Geheimnisse, die viele der Charaktere haben. Was aber vor allem heraussticht, ist eine Liebe zu Wissen und Wissenschaft, die sich nicht nur in Adas Begeisterung für Erfindungen widerspiegelt, sondern auch in all den kleinen Szenen mit „Rechenmaschinen“, seltsamen „unsichtbaren“ Jungen in der Kutsche oder eben auch in den Elementen, die zur Lösung des Falls entscheidend sind.

Jordan Stratford bietet eine verspielte und ungewöhnliche Sicht auf Mathematik, Physik und Chemie, und er fordert den Leser mit Wörtern, die theoretisch zu schwierig für die Altersgruppe sind, aber so beiläufig von Ada und Mary erklärt und verwendet werden, dass es Spaß macht, ihre Freude beim Kennenlernen neuer Wörter zu verfolgen. Ich persönlich mag normalerweise keine „lehrhaften“ Kinderbücher (wenn ich nicht gerade bewusst zu einem Sachbuch greife), aber ich habe mich bei „The Case of the Missing Moonstone“ großartig unterhalten gefühlt, während Ada über Schießpulver für ihre Peebs-Kanone nachdachte, Mary gemeinsam mit Charles Dickens (!) in einem Zeitungsarchiv Nachforschungen anstellte oder die beiden Mädchen eine lebensgefährliche Begegnung mit dem ersten pferdegezogenen britischen Omnibus hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich als Kind nicht nur viel Spaß mit der Handlung gehabt hätte, sondern dass auch die diversen Hinweise auf historische Figuren, Literaturklassiker und Ähnliches dafür gesorgt hätten, dass ich mehr über die verschiedenen Gebiete hätte erfahren wollen. Bei mir hat das Lesen dieses Romans aber vor allem dazu geführt, dass ich große Lust auf weitere Geschichten mit Ada und Mary habe.

Jessica Townsend: Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow

Es kommt selten vor, dass ich mich erst in ein Cover verliebe und dann in die Geschichte dahinter, aber bei „Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ war das der Fall (wobei ich dazu sagen muss, dass ich die englischsprachige Ausgabe gekauft habe, bei der man Menschen mit bunten Regenschirmen von einem Dach springen sieht). Jessica Townsend lässt ihren Roman recht deprimierend beginnen, denn zuerst lernt man Morrigan Crow kennen, wie sie als verfluchtes Kind für all die großen und kleinen Unglücke verantwortlich gemacht wird, die in den vergangenen Tagen in ihrer Gegend passiert sind. Sie ist eins von vier Kindern, das aufgrund seines Eventide-Geburtstags verflucht ist. Dass diese Flüche regelmäßig vorkommende und ernstzunehmende Ereignisse in den vier Staaten der „Wintersea Republic“ sind, kann man schon daran sehen, dass es ein seperates Ministerium für alle Angelegenheiten rund um diese Kinder gibt und dass Morrigan (und die anderen drei) nicht nur regelmäßig von einer Beamtin betreut werden, sondern es auch eine Regelung für Schadenersatzforderungen gibt, so dass Morrigans Vater für die finanziellen Probleme, die seine Tochter verursacht, einstehen muss.

Schon früh wird deutlich, dass Morrigans Vater kaum noch den Tag erwarten kann, an dem seine Tochter elf Jahre alt wird – und verstirbt. Doch zu Morrigans großer Überraschung bekommt sie von dem ungewöhnlichen Jupiter North das Angebot für eine Aufnahme der „Wundrous Society“ zu kandidieren. Obwohl sie noch nie von dieser Society gehört hat, ergreift sie natürlich diese Chance – bedeutet dies doch auch, dass sie ihrem vermeintlich sicheren Tod entgehen kann. In den folgenden Wochen lernt Morrigan nicht nur Nevermoor, den geheimen fünften Staat der Republik, kennen, sondern auch all die wunderbaren, großartigen und gefährlichen Dinge, die mit einer eventuellen Aufnahme in die Wundrous Society einhergehen. So muss Morrigan im Laufe des folgenden Jahres vier verschiedene Prüfungen bestehen, wobei jedes Versagen bedeuten würde, dass sie des Staates verwiesen und somit sterben würde. Für Morrigan sind all diese Monate in Nevermoor, in denen sie versucht, Teil der Wundrous Society zu werden und das rätselhafte Verhalten ihres Mentors Jupiter North zu verstehen, sehr aufreibend und gefährlich, aber sie bieten auch viele großartige Momente, neue Freunde und so viele kleine Dinge, die ich beim Lesen einfach geliebt habe!

„Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ gehört zu den wenigen Büchern, die mir so gut gefallen haben, dass ich das Lesen regelrecht hinausgezögert habe, weil ich nicht wollte, dass die Geschichte so schnell endet. Ich mochte Morrigan, die trotz allem, was sie in ihren ersten elf Lebensjahren erlebt hat, versucht, offen und hilfsbereit zu sein, wobei sie alles andere als sanft ist und sich ohne Bedenken in ein (Wort-)Gefecht stürzt, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Es gibt so viele großartige Charaktere in diesem Roman wie die Sängerin mit den sechs Verehrern (am Sonntag benötigt sie dann doch ihre Ruhe vor den Männern), Fen, eine Magnificat und Hausdame in einem der besten Hotels Nevermoors, Hawthorne, der Chaos-verbreitende angehende Drachenreiter, und natürlich Jupiter North, der sehr, sehr viel sieht und sehr wenig verrät. Ich mochte all diese Figuren in ihrer Exzentrik, mit ihren Ecken und Kanten und selbst bei den unsympathischen Charakteren habe ich mich über ein Wiedersehen gefreut, denn in der Regel bedeutete das, dass da gleich ein paar Szenen kommen würden, über die ich mich wunderbar amüsieren konnte.

Meine große Liebe gilt aber dem Hotel Deucalion, weil man mich mit liebevollen Beschreibungen von Häusern, die über ihre eigene Magie verfügen, einfach immer packen kann, sowie der Erzählweise von Jessica Townsend und all den großartigen fantastischen Details, die das Leben in Nevermoor ausmachen. Ich muss zugeben, dass es hier und da kleine Unstimmigkeiten gibt, wenn die Autorin zum Beispiel Elemente einfließen lässt, die es in unserer realen Welt gibt und die mir unpassend für Morrigans Welt zu sein scheinen, aber grundsätzlich habe ich den Roman rundum genießen können. Es kommt selten vor, dass mich eine Geschichte so oft überraschen kann, wobei ich es mochte, dass Morrigan zwar regelmäßig in Gefahr schwebt, man sich beim Lesen aber trotzdem die ganze Zeit so gut aufgehoben gefühlt hat. Aktuell habe ich ein großes Bedürfnis nach Wohlfühlbüchern und ich freu mich schon jetzt darauf, mehr über Morrigan und ihre Abenteuer in Nevermoor zu lesen (weshalb ich den zweiten Band, „Wundersmith – The Calling of Morrigan Crow“ direkt nach dem Lesen dieses Romans bei meinem Buchhändler geordert habe). Nur die Tatsache, dass es bis zum Erscheinen des dritten Bandes noch acht Monate sind, hat mich davon abgehalten, auch noch diesen Teil der Reihe zu bestellen.

Diana Wynne Jones: The Spellcoats (The Dalemark Quartet 3)

Der dritte Band der Dalemark-Reihe von Diana Wynne Jones führt den Leser in eine Vergangenheit von Dalemark zurück, in der es noch Könige gab. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tanaqui, die die vierte von fünf Geschwistern und eine hervorragende Weberin ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie ihre Geschichte in zwei Mäntel (Spellcoats) einwebt, so dass nur diejenigen, die die Webmuster zu lesen wissen, davon erfahren. Dabei erzählt der erste Mantel, wie alles in dem kleinen Dorf am Fluss begann, in dem Tanaqui gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrem Vater aufgewachsen ist, und wo die übliche Ruhe von einem Tag auf den anderen durch eine Gruppe Flüchtlinge gestört wurde. Diese Flüchtlinge berichteten von Krieg, und kurz nachdem diese Menschen über den Fluss gesetzt hatten und weitergezogen waren, kamen auch schon die ersten Soldaten, um Männer (und Jungen) anzuwerben, die für den König in den Kampf ziehen sollten.

Nachdem Tanaquis Vater im Krieg getötet wird und ihr ältester Bruder fast seelenlos zurückkommt, werden die Geschwister aus dem Dorf vertrieben und reisen den Fluss entlang bis zum Meer. Für Tanaqui und die anderen ist das eine beschwerliche Reise voller Gefahren in einem Gebiet, das von Hochwasser und Krieg zerstört wurde. Im Laufe ihrer Reise lernen sie, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügen und dass die Unsterblichen (the Undying), die schon in „Drowned Ammet“ eine große Rolle spielten, sie vor der Magie der „Heiden“ aus dem Norden schützen können – wenn Tanaqui und ihre Geschwister denn auf die Zeichen und Hinweise der (beinahe) göttlichen Wesen hören. Doch es ist nicht so einfach, mit den Unsterblichen zu kommunizieren und herauszufinden, welcher Weg für Tanaqui und die anderen der richtige ist.

Ich mochte sehr, dass man dadurch, dass Tanaquis Spellcoats die wahre Geschichte erzählen müssen, um ihre Magie zu wirken, das Gefühl bekommt, man könne der Erzählerin vertrauen – auch wenn es ihr oft genug nicht leicht gefallen ist, von all ihren Irrtümern und kleinlichen Gedanken zu erzählen. „The Spellcoats“ erzählt von der Entstehung Dalemarks, von den alten Mächten, die in dem Land aktiv sind/waren, und von der Herkunft der einen oder anderen Figur, die man bislang nur als Sagengestalt kennengelernt hat. Mir gefiel an Tanaquis Erzählstimme nicht nur, dass ich ihr als Erzählerin vertrauen konnte, sondern ich mochte auch, dass sie – trotz all der besonderen Fähigkeiten, über die sie verfügt, – eine ganz normale und sympathische Figur war. Sie liebt ihre Geschwister und ist doch oft ungeduldig mit ihnen oder ärgert sich über ihr Verhalten, sie vermisst ihre Eltern und wünscht sich regelmäßig, es gäbe jemanden, der sich um sie kümmern würde. Doch da es niemanden gibt, der ihr die Arbeit aus der Hand nimmt, und ihre Geschwister immer wieder jemanden brauchen, der sich um sie kümmert, nimmt sie die Angelegenheiten regelmäßig selber in die Hand. Nicht immer sind ihre Entschlüsse die klügsten, aber gerade das sorgt ja auch dafür, dass man ihrer Geschichte so gerne folgt und sich voller Spannung fragt, ob sie wohl am Ende ihre Aufgabe erledigt bekommt oder nicht.

Ich finde es immer schwierig, eine Reihe so zu lesen, dass die Ereignisse nicht chronologisch stattfinden, weil das oft genug dazu führt, dass man als Leser Dinge erzählt bekommt, die man schon kennt. Hier hingegen muss ich zugeben, dass es sich für mich richtig anfühlt, die Romane in der Veröffentlichungsreihenfolge zu lesen. Die Handlung von „Cart und Cwidder“ lässt sich ohne weitere Hintergründe (meinem Gefühl nach sogar besser) genießen, während ich vermutlich mit dem Wissen um die Vergangenheit Dalemarks, um die Unsterblichen und vielleicht sogar um die Herkunft des Barden Osfameron eine ganz andere Sicht auf die Geschichte gehabt hätte. So hingegen habe ich das Gefühl, dass ich als Leser gemeinsam mit der Welt von Dalemark wachse und im Laufe der Romane immer mehr Details und Hintergründe entdecken kann. All das macht mich auf jeden Fall sehr neugierig auf den Band „The Crown of Dalemark“, mit dem die Serie ihren Abschluss findet.

Diana Wynne Jones: Drowned Ammet (The Dalemark Quartet 2)

Der zweite Band des Dalemark-Quartets von Diana Wynne Jones – den ich bis zu diesem Lesen noch nicht kannte – bringt den Leser wieder in den Süden von Dalemark, genau genommen in das Reich des Herzogs Hadd. Dabei wird die Geschichte in „Drowned Ammet“ zu Beginn aus der Sicht von Mitt erzählt, den der Leser von seinen ersten (überraschend sorgenfreien) Lebensjahren an begleitet, nur um mitzuerleben, wie aus dem zufriedenen kleinen Jungen ein Mensch voller Rachefantasien und Hass wird. Denn Herzog Hadd ist ein grausamer und streitsüchtiger Mann, der keine Hemmungen hat, sein Volk mit seinen Steuern um seine Lebensgrundlage zu bringen. Auch Mitts Eltern gehören zu denen, die wenige Jahre nach Mitts Geburt ihr weniges Hab und Gut verlieren und Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Menschen in seinem Land fürchten den Herzog, seine Soldaten und seine Spitzel, und so ist es kein Wunder, dass neben Armut und Angst auch die Wut und der Wille zur Rebellion in seinem Volk wachsen.

Auch Mitts Vater Al (beide heißen mit vollem Namen Alhammit) schließt sich nach dem Verlust seines Hofes in der Hafenstadt Holand einer Gruppe von Freiheitskämpfern an, doch er und seine Gefährten werden vor der Durchführung eines geplanten Anschlags verraten. Nachdem Mitt mit seiner Mutter zurückbleibt, schließt auch er sich den Freiheitskämpfern an, und ich muss zugeben, dass das ein Punkt war, wo mich Diana Wynne Jones ausnahmsweise nicht überzeugen konnte. Ich musste mir beim Lesen dieser Kapitel rund um Mitts Aufwachsen und sein Engagement für die Freiheitskämpfer immer wieder vorrechnen, dass Mitt noch sehr jung ist. Seine Familie kann es sich nicht leisten, ihn zur Schule zu schicken und er hat keine gleichaltrigen Freunde, mit denen er auf den Straßen spielen könnte. Stattdessen fängt er als Achtjähriger an, auf einem Fischerboot zu arbeiten, und alles, was er Tag für Tag hört, sind Klagen über die Ungerechtigkeit des Herzogs. Und wenn meine Rechnung stimmt (die auf so groben Angaben basiert wie „beim nächsten „Holand Sea Festival“, „im folgenden Sommer“ oder „wenige Wochen später“, dann ist er gerade mal elf oder zwölf Jahre alt, als er einen Anschlag auf den Herzog verübt.

Ein Kind, das unter diesen Umständen aufwächst, ist deutlich „erwachsener“ als ein Kind, das eine sorgenfreie Kindheit verbringen kann und sich keine Gedanken darüber machen muss, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Auf der anderen Seite ist Mitt nicht erwachsen genug, um wirklich die Konsequenzen seines Tuns überblicken zu können, oder um die Motive und Aussagen anderer Menschen zu hinterfragen und sich seine eigene Meinung bilden zu können. Gerade seine emotionale Abhängigkeit von seiner Mutter erklärt sich für mich sehr dadurch, dass er eigentlich noch ein Kind ist. Dass ich mir aber all diese Dinge immer wieder vor Augen halten musste, hat für mich diese Kapitel etwas schwierig zu lesen gemacht, obwohl ich die Grundsituation spannend fand. Ich weiß nicht, ob ich als Kind/Jugendliche diese Passagen anders wahrgenommen hätte. Aber ich glaube, ich hätte damals auch schon Kleinkind-Mitt, der nicht verstehen kann, wieso seine Nachbarn Angst vor dem Soldaten haben, mit dem er sich gerade angefreundet hat, lieber gemocht, als den achtjährigen Mitt, der anscheinend nur zu seiner Mutter so etwas wie Zuneigung empfinden kann und für den alle anderen Menschen nur Mittel zum Zweck zu sein scheinen.

Auf der anderen Seite bekommt man die Geschichte aus Sicht von Hildy (Hildrida), der Enkeltochter von Herzog Hadd, erzählt. Hildys Temperament ähnelt von klein auf einer Naturgewalt, und nicht einmal ihr Vater traut sich, sich gegen sie zu stellen, wenn sie schlechte Laune hat. Dabei ist Hildy kein verwöhntes Kind oder eine Nervensäge, sie ist nur schrecklich frustriert von ihrer Rolle als Schachfigur bei den politischen Spielen ihres Großvaters, davon, dass ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter so gleichgültig geworden ist, und von all den anderen kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die sie so erlebt. Hildy ist nicht gerade ein netter Charakter, aber ich fand sie auf Anhieb sympathisch. So ist es auch kein Wunder, dass die Geschichte für mich deutlich anzog, als Hildy, ihr Bruder Ynen und Mitt nach der Hälfte des Romans aufeinandertrafen und sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Illusionen bezüglich der eigenen Person und ihren Vorurteilen gegenüber anderer Gesellschaftsschichten auseinandersetzen mussten. Dazu kamen noch wunderbar atmosphärische Segelszenen und ein Hauch Magie, und schon fühlte ich mich mit „Drowned Ammet“ wieder wohl und war neugierig auf die weitere Entwicklung der Geschichte.

Am Ende kann ich verstehen, wieso Diana Wynne Jones die erste Hälfte des Romans so erzählt hat, aber ich muss zugeben, dass mich dieser Teil trotzdem nicht ganz so überzeugt hat, wie es ihre Bücher normalerweise tun. Erst beim Lesen der zweiten Hälfte kam für mich das Gefühl auf, ich würde eine „richtige“ Diana-Wynne-Jones-Geschichte lesen, mit all ihren Untertönen und ihren bitteren und amüsanten Momenten. Doch während ich bei „Cart and Cwidder“ am Ende zufrieden mit dem Ausgang der Handlung und den Andeutungen über Morils Zukunft war, fühlen sich hier die letzten Seiten an, als ob mir die Autorin bislang nur einen langen Prolog erzählt hätte – und nun muss ich auf den vierten Teil der Reihe („The Crown of Dalemark“) warten, um zu erfahren, wie das Ganze ausgeht. Doch bevor ich zum vierten Band greife, werde ich erst einmal „The Spellcoats“ aus dem SuB fischen und mich mit der Geschichte in die Vergangenheit von Dalemark begeben.

Diana Wynne Jones: Cart and Cwidder (The Dalemark Quartet 1)

Vorweg muss ich zugeben, dass ich bei dieser Rezension von „Cart and Cwidder“ nicht gerade objektiv sein kann, denn ich habe diese Geschichte als Kind Jugendliche geliebt (ich war fest davon überzeugt, dass ich „Die Kraft der Mandola“ schon als Kind gelesen hatte, aber die deutsche Ausgabe erschien anscheinend erst 1985). Außerdem ist die Angabe „Band 1“ beim Dalemark-Quartet etwas schwierig zu machen, da dies zwar der erste Band von Diana Wynne Jones ist, der in der Welt von Dalemark spielt, aber chronologisch gesehen müsste die Geschichte nach „The Spellcoats“ und „Drowned Ammet“ gelesen werden. Zusätzlich kann ich noch mitteilen, dass bei meiner britischen Ausgabe von Harper Collins von den insgesamt 336 Seiten die letzten 80 Seiten aus „A Guide to Dalemark“ bestehen, wo noch einmal die verschiedenen (historischen) Figuren vorgestellt, Redewendungen aufgegriffen und bestimmte Gebräuche vorgestellt werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des elfjährigen Moril, der gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern als Spielleute in einem bunt bemaltem Wagen durch Dalemark zieht. Sein Vater ist der berühmte Sänger Clennen, doch auch Morils Mutter, sein älterer Bruder Dagner, seine Schwester Brit und natürlich er selbst müssen ihren Anteil zu den regelmäßigen Aufführungen beitragen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei ist es nicht so einfach, in Dalemark sein Auskommen zu finden, denn das Land ist seit langer Zeit gespalten, es gibt keinen König mehr und die Herzöge des Nordens sind mit den Herzögen des Südens verfeindet. Für Moril bedeutet das Reisen durch den Süden, dass nicht alle Lieder gesungen werden dürfen, dass sich alle ständig umdrehen und schauen, dass sie nicht bespitzelt werden, und dass man aufpassen muss, dass man nichts sagt, was der jeweilige Herzog als aufrührerischen Akt auslegen könnte. Der Norden hingegen ist frei und bietet so viele Möglichkeiten auch für die Spielleute, dass Moril froh ist, dass die jährliche Reise nach Norden wieder ansteht.

Einziger Wermutstropfe bei der Reise nach Norden ist die Tatsache, dass Clennen auch in diesem Jahr wieder einen Passagier aufgenommen hat. Weder Brid noch Moril können Kialan besonders gut leiden. Der junge Mann scheint eingebildet zu sein und wenig hilfsbereit, wenn es um die täglichen Pflichten auf der Reise geht. Als die Geschwister im Laufe der Zeit dann aber auf sich allein gestellt sind, finden sie heraus, dass mehr hinter Kialan steckt, als sie anfangs vermutet haben. Mehr will ich über die Geschichte gar nicht erzählen, weil sie meiner Meinung nach – trotz der Bedrohung durch die Herzöge des Südens und die am Ende vorkommende Armee – von all den kleinen Entwicklungen lebt, die während der Reise geschehen. Ich mochte schon immer Morils leicht verträumte Perspektive, und daran hat sich in all den Jahren, seitdem ich die Geschichte das letzte Mal gelesen habe, nichts geändert. Außerdem finde ich es spannend, wie Diana Wynne Jones die Atmosphäre in den südlichen Herzogtümern von Dalemark beschreibt und wie die Angst vor der Willkür der Herzöge das Leben der Menschen beeinflusst. Es ist kein Wunder, dass in einer solchen Welt voller Unterdrückung Figuren wie der „Porter“ auftauchen – ein Spion, der Informationen und Menschen nach Norden schmuggelt und eine große Rolle im Widerstand gegen den Süden spielt.

Die Handlung wird in dieser Geschichte wieder einmal sehr geradlinig erzählt, da man Moril auf dieser Reise von Süden nach Norden begleitet und es nicht viele Umwege oder Abstecher gibt. Aber Moril reift im Laufe der Reise, und ihm fallen viele kleine Dinge auf, die er früher einfach nur hingenommen hat. Die Familiendynamik ändert sich durch einen tragischen Moment entscheidend, und ich fand es spannend mitzuerleben, wie jeder von ihnen nun eine neue Rolle finden muss. Dabei gelingt es der Autorin, auch radikalere Veränderungen nicht zu verurteilen, sondern im Leser – durch Morils Augen – Verständnis für die Handlungen der jeweiligen Figur entstehen zu lassen. Dazu kommt noch, dass die Musik eine große Rolle in der Geschichte spielt – was ja nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Spielleute im Zentrum der Handlung stehen. Moril bewundert seinen Vater sehr für sein Können mit der Cwidder und als Sänger, und er findet es faszinierend, dass sein Bruder Dagner so gut darin ist, eigene Lieder zu schreiben, und trotzdem solche Probleme damit hat, auf der Bühne zu stehen und seine Lieder zu präsentieren. Ich mochte es sehr, wie Moril im Laufe der Geschichte immer mehr über sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten herausfindet, und das nicht nur, wenn es um die Musik geht. Auch nach all den Jahren fand ich das Lesen von „Cart and Cwidder“ immer noch durch und durch befriedigend, und ich freue mich darauf, dass ich noch drei weitere Bände zu lesen habe, die in Dalemark spielen (und die ich zum Teil noch nicht kenne).

Sarah Prineas: Winterling (Summerlands 1)

Obwohl ich die Bücher, die ich bislang von Sarah Prineas gelesen habe, immer sehr mochte, fehlte mir ein bisschen der Überblick über ihre Veröffentlichungen. Das führt dazu, dass ich immer mal wieder über Titel stolpere, von denen ich vorher noch nie gehört hatte. Die Summerlands-Trilogie gehört zu diesen Titeln, und als ich sie vor Kurzem entdeckte, habe ich spontan alle drei Bände gekauft. „Winterling“ ist der erste Band der Trilogie und führt den Leser gemeinsam mit der Protagonistin (Jenni)Fer in das Summerland, das von der Mór regiert wird. Bislang hat Fer gemeinsam mit ihrer Großmutter (Grand-Jane) gelebt, ohne allzu viel über ihre Eltern zu wissen. Erst nachdem sie einen magischen Weg öffnet, als sie in der Nähe ihres Hauses einen Teich berührt, erfährt sie mehr über ihre Herkunft.

Während ihr Vater ein ganz normaler Mensch war, kam ihre Mutter durch den magischen Weg in die Welt der Menschen. Ihre Großmutter redet nicht gern über Fers Eltern, weil diese schon vor langer Zeit in der anderen Welt verschwunden sind, ohne jemals wiederzukommen. Grand-Jane ist sich sicher, dass Fers Eltern gestorben sind, was mit ein Grund dafür ist, dass sie allen Wesen dieser fremden Welt misstraut. So ist sie auch nicht begeistert darüber, dass Fer an dem Teich einen verletzten Puck aufsammelt und ihn versorgen will. Fer hingegen sieht in dem Puck Rook einen neuen Freund, der ihr vielleicht mehr über ihre Eltern und das Summerland erzählen kann. Was Fer anfangs nicht weiß, ist, dass Rook der Mór einen dreifachen Eid geschworen hat und deshalb jedem ihrer Befehle gehorchen muss – und dass die Mór ihre ganz eigenen Pläne mit einem naiven Mädchen wie Fer hat.

Ich mochte die Welt, die Sarah Prineas für „Winterling“ geschafft hat. Die Bewohner dieser fantastischen Welt erinnern nur teilweise an Menschen, und jeder von ihnen hat einen tierischen oder pflanzlichen Ursprung. Dabei hat sich die Autorin eng an diverse (keltische) Mythen gehalten und mit vielen vertrauten Elementen gespielt. Die Zahl Drei spielt eine wichtige Rolle in dieser magischen Welt, ein dreifacher Eid darf niemals gebrochen werden, eine dreimal gestellt Frage muss beantwortet werden und ein gerettetes Leben führt dazu, dass der Gerettete seinem Retter ein Leben schuldet. Auf der anderen Seite müssen alle Fragen auf die richtige Art und Weise gestellt werden, damit man auch die Antwort bekommt, die man sich davon erhofft hat, und Befehle, die nicht gut formuliert wurden, lassen Schlupflöcher, die ausgenutzt werden können. Für Fer ist das alles nicht nur befremdlich, sondern stellenweise auch gefährlich, und doch weigert sie sich immer wieder, sich den Regeln dieser Welt zu beugen. Sie ist freundlich und hilfsbereit, und obwohl Fer sich Anleitung und Hilfe von der Mór verspricht, lässt sie sich von diesem skrupellosen Wesen nicht so einfach einlullen.

So gefährlich und ursprünglich die Welt ist, die Fer in „Winterling“ erkundet, so ist die Geschichte doch für Leser ab acht Jahren geschrieben, was bedeutet, dass ich beim Lesen nie das Gefühl hatte, dass die Protagonistin und ihre Freunde wirklich in Gefahr schwebten. Auch wird die Handlung sehr gradlinie erzählt und man bekommt schon früh angezeigt, welchen Weg Fer gehen muss, um die Mór zu besiegen und so den Winter aus dem Summerland zu vertreiben. Trotzdem habe ich das Lesen von „Winterling“ sehr genossen, ich mochte nicht nur die Protagonistin, sondern auch die vielen anderen Charaktere, die in der Geschichte vorkommen. Sogar die Wolfswächter, die als dumm und gefährlich dargestellt werden, haben fast so etwas wie eine liebenwerte Seite, wenn man sie besser kennenlernt. So wachsen einem beim Lesen beinah sogar die Bösewichte ans Herz, wenn man von der Mór absieht, die sämtliche „menschlichen“ Regungen für ihre Macht aufgegeben hat.

Ich muss zugeben, dass „Winterling“ sich nicht groß von vergleichbaren Veröffentlichungen unterscheidet, weil Sarah Prineas einfach sehr, sehr viele vertraute Elemente zu einer – sich ebenfalls vertraut anfühlenden – Geschichte zusammengesponnen hat. Aber ich habe es trotzdem genossen, gemeinsam mit Fer diese magische Welt, ihre Regeln und ihre Bewohner kennenzulernen, und fand es nett, dass der Roman mir solch entspannte Lesestunden beschert hat. Auch wenn mich andere Bücher der Autorin mehr bewegt haben, so freue ich mich doch darauf, die beiden weiteren Bände der Summerlands-Trilogie zu lesen und herauszufinden, welche weiteren Abenteuer Fer erlebt und wie es ihren Freunden weiter ergehen wird.

P.S.: Und nachdem ich am vergangenen Lese-Sonntag auch noch „Summerkin“ und „Moonkind“ beendet habe, kann ich noch ergänzen, dass die Trilogie in meinen Augen mit jedem Band besser wird und dass ich am Ende sehr froh bin, dass ich mir gleich alle drei Teile auf einmal gekauft habe, weil ich so die ganze Geschichte am Stück genießen konnte.

Kate Williams: The Babysitters Coven

Über „The Babysitters Coven“ von Kate Williams bin ich bei Twitter gestolpert, und da es dort als eine Mischung aus „Adventures in Babysitting“ und „Buffy – The Vampire Slayer“ beschrieben wurde, habe ich den Roman spontan vorbestellt. Und obwohl ich am Ende zugeben muss, dass die Geschichte so einige Schwachpunkte vorzuweisen hat, bin ich sehr froh über diese Bestellung, denn „The Babysitters Coven“ ist das erste Buch seit Wochen, das ich innerhalb von zwei Tagen durchgelesen habe, statt es ständig zur Seite zu legen und irgendwas anderes zu machen.

Die Geschichte wird aus der Sicht der siebzehnjährigen Esme Pearl erzählt, die in den letzten Wochen ungewöhnlich viel Pech hatte und nicht so recht weiß, was sie von all den seltsamen Vorfällen halten soll. Bis vor kurzem drehte sich Esmes Leben vor allem darum, in der Schule nicht groß aufzufallen und ihre Freizeit mit ihrer besten Freundin Janis zu verbringen. Um Geld zu verdienen, verdingt sie sich als Babysitter und hatte sogar früher – gemeinsam mit Janis und zwei anderen Freundinnen – einen Babysitter-Club, der inzwischen aber nur noch dem Namen nach existiert.

Esme hätte kein Problem damit, wenn ihr Leben einfach so weiterlaufen würde, doch bei den letzten beiden Babysitter-Jobs hatte sie das Gefühl, als ob jemand ins Haus eingedrungen wäre, vor dem sie die Kinder beschützen musste. Außerdem passieren immer wieder seltsame Dinge, wenn sich Esme aufregt, und dann ist da noch die neue Mitschülerin Cassandra, die unbedingt Teil des Babysitter-Clubs werden möchte, obwohl sie offensichtlich keinerlei Erfahrung mit der Betreuung von Kindern hat. Es dauert eine Weile, bis Esme herausfindet, dass sie – ebenso wie Cassandra – über besondere Fähigkeiten verfügt und dass ihre Aufgabe als „Sitter“ über ein normales Babysitten hinausgeht.

Ich fand das Prinzip der „Sitter“, ihre Aufgabe in der Welt und die „Synod“ (eine Art „Rat der Wächter“) von der Grundidee ganz lustig, aber die Ausarbeitung durch die Autorin hätte schon überzeugender sein können. Man muss als Leserin in der Hinsicht ein paar Details einfach hinnehmen, wenn man sich den Spaß an der Geschichte nicht verderben lassen möchte. Auch muss man bei „The Babysitters Coven“ damit leben können, dass die Handlung nicht gerade action-geladen ist (auch wenn der Verlag das Buch damit bewirbt), weil sich Kate Williams viel Zeit lässt, um Esme, ihr Leben und später ihre Kräfte einzuführen. Da ich aber all die kleinen Dinge in Esmes Leben gern verfolgt habe und es mochte, von ihrer Freundschaft zu Janis, ihrem Hund Pig und all den anderen Dingen zu lesen, die in ihrem Alltag eine Rolle spielen, konnte ich sowohl mit der relativ langsamen Handlungsentwicklung als auch mit den kleinen Unstimmigkeiten gut umgehen.

Ich fand Esme ebenso wie Janis sympathisch, ich fand es lustig, dass Esme sich jeden Tag ein anderes Thema für ihre Kleidung vornimmt, und es hat mir leidgetan, dass ihre Mutter seit so vielen Jahren nicht für sie da sein kann (vor allem, da von Anfang an klar war, dass diese wohl ebenfalls über besondere Fähigkeiten verfügte). Mit Cassandra hatte ich stellenweise so meine Probleme (ich bin auch mit Faith bei „Buffy“ nie so recht warm geworden), aber sie bildete einen stimmigen Kontrast zu Esme, die sich eher mit Skepsis ihrer Magie nähert statt mit Begeisterung. Es gibt in „The Babysitters Coven“ einen Hauch einer Liebesgeschichte – genauer gesagt schwärmt Esme für Cassandras älteren Bruder Dion, aber die Szenen zwischen der Protatonistin und ihrem Schwarm nutzt die Autorin eher, um die familiären Hintergründe von Cassandra und Dion aufzudecken, als dass wirklich etwas zwischen Esme und ihm passieren würde. Mir persönlich kommt das nur entgegen, weil ich definitiv keine Lust mehr auf Liebesgeschichten in Jugendbüchern habe, aber einige Rezensenten hatten sich in der Beziehung wohl mehr erhofft.

Alles in allem war „The Babysitters Coven“ sehr nett zu lesen und hat mir einige Gelegenheiten zum Schmunzeln geboten. Allerdings denke ich auch, dass eine etwas erfahrenere Autorin (der Roman ist das Debüt von Kate Williams) etwas mehr aus der Grundidee und den Figuren hätte rausholen können. Vor allem hat es mir ein wenig an Spannung gefehlt, denn so gern ich „Wohlfühlromane“ lese, so gehört für mich zu einem solchen Roman doch auch Bösewichte, die ich ernst nehmen kann und die mir das Gefühl geben, dass die Protagonistin und diejenigen, die ihr am Herzen liegen, in Gefahr schweben. Trotz dieser Kritikpunkte gehe ich momentan davon aus, dass ich mir im kommenden Herbst auch die schon angekündigte Fortsetzung des Buches holen werde, einfach weil ich wissen will, wie es mit Esme, ihrer Familie und ihren Freunden weitergehen wird.

Roshani Chokshi: Aru Shah and the End of Time (Pandava 1)

„Aru Shah and the End of Time“ von Roshani Chokshi hatte ich mir auf den Merkzettel gepackt, als vor ein paar Jahren die ersten Titel der „Rick Riordan presents“-Veröffentlichungen angekündigt wurden. Überraschenderweise habe ich es sogar geschafft, in all der Zeit keinerlei Meinungen zu dem Titel mitzubekommen, so dass ich wunderbar unvoreingenommen an die Geschichte herangehen konnte. Leider muss ich zugeben, dass ich von Anfang an ein Problem mit Aru Shah hatte, weil ich mit ihrem Verhalten nicht zurechtkam.

Aru ist eine chronische Lügnerin, die nicht nur ihren Mitschülern (die anscheinend alle aus deutlich reicherem Hause kommen) ständig Unwahrheiten erzählt, sondern die grundsätzlich auf alle Herausforderungen des Lebens mit einer Lüge zu reagieren scheint. So sind es auch Arus Lügen, die sie dazu bringen, eine verfluchte Lampe in dem Museum anzuzünden, in dem ihre Mutter arbeitet. Es tut ihr danach zwar leid, dass sie mit dem Anzünden der Lampe das Ende der Welt heraufbeschworen hat, aber auch dieses schlechte Gewissen führt nicht zu einem Überdenken ihres Handelns, sondern eher zu weiteren Lügen.

Auch mit der Darstellung von Mini, Arus „Seelenschwester“ (beide Mädchen sind als Pandavas in gewisser Weise Töchter indischer Gottheiten), hatte ich meine Probleme. Dabei fand ich Mini an sich gar nicht unsympathisch, aber sie wird von Roshani Chokshi dargestellt wie der typische kränkliche, ängstliche Nerd, und ich hasse solch eine Charakterisierung inzwischen wirklich. Mini hat Allergien, sie versucht auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein (was natürlich dazu führt, dass sie diverse absurde Dinge mit sich führt), sie hat vor ihrem eigenen Schatten Angst und verfügt über seltsame Wissensbrocken, für die sie dann von Aru gehänselt wird.

Ich finde es überaus bedauerlich, dass keines der beiden Mädchen anfangs irgendwelche Merkmale aufweist, die sie interessant oder liebenswert machen. Stattdessen musste ich mich an all den – wirklich tollen! – Details über indische Mythologie festhalten, um Interesse für die ersten Kapitel des Buches aufbringen zu können. Erst nach der Hälfte der Geschichte entwickelt Aru sich endlich etwas weiter und denkt nicht mehr ständig an sich selbst, sondern ist auch in der Lage, etwas ehrlicher mit den Personen in ihrer Umgebung umzugehen. Aber bis zu diesem Punkt habe ich den Roman regelmäßig aus der Hand gelegt, weil ich einfach keine Lust auf die Protagonistin hatte.

Nach Arus Weiterentwicklung hingegen mochte ich die Geschichte sehr. Roshani Chokshi führt den Leser durch eine fantastische Welt voller Dämonen, (Halb-)Göttern und anderen großartigen indischen Sagengestalten. Immer wieder kommt es zu wundervollen und überraschenden kleinen Momenten, während sich Aru und Mini den verschiedenen Herausforderungen stellen müssen, um das Ende der Welt zu verhindern. Ich mochte Roshani Chokshis Umgang mit indischer Mythologie, wobei mir nicht nur die göttlichen Reittiere ans Herz gewachsen sind, sondern auch der (fast) vergessene Palast der Pandavas und viele andere Personen. Am Ende finde ich es wirklich bedauerlich, dass ich – dank Arus sperrigem Charakter – so lange nicht in die Geschichte hineingefunden habe. Wenn mir der gesamte Roman so viel Spaß gemacht hätte wie die zweite Hälfte, hätte ich keine Hemmungen, mir sofort die Fortsetzung zu bestellen. So hingegen werde ich erst einmal abwarten.

Sayantani Dasgupta: The Serpent’s Secret (Kiranmala and the Kingdom Beyond 1)

„The Serpent’s Secret“ von Sayantani Dasgupta ist der erste Band der dreiteiligen Reihe „Kiranmala and the Kingdom Beyond“. Die Geschichte beginnt an Kiran(mala)s zwölftem Geburtstag, als sie von der Schule nach Hause kommt und ihre Eltern verschwunden sind. Auf einer nicht beendeten Geburtstagskarte informiert ihre Mutter sie darüber, dass dies der Tag sei, an dem sie von einem Fluch eingeholt worden wären, dass Kiran eine Prinzessin sei (so wie ihre Eltern es ihr seit Jahren erzählen) und dass sie den Prinzen trauen soll. Kurz darauf klopfen wirklich zwei junge Prinzen an Kirans Tür und retten sie vor einem Rakkhosh. Gemeinsam reisen die drei ins Kingdom Beyond, einem magischen Königreich, in dem die Prinzen Neel und Lal zuhause sind und in dem auch Kiran und ihre Eltern geboren wurden.

Im Laufe ihrer Reise erfährt Kiran nicht nur mehr über das magische Königreich, aus dem sie stammt, sondern auch über ihre leiblichen Eltern und die beiden Menschen, die sie aufgezogen haben. Dabei erlebt sie eine sehr abenteuerliche Reise, voller Monster, Flüche, Rätsel und Reime, und all diese Elemente basieren auf indischen Mythen. Ich habe es sehr genossen, diesen Teil der Geschichte zu lesen, denn das Königreich ist voller Seltsamkeiten und Überraschungen, voller märchenhafter Elemente und Gefahren, die Kiran und die Prinzen bestehen müssen. Auf der anderen Seite gab es zwei Dinge, die ich an „The Serpent’s Secret“ sehr schade fand: Obwohl Kiran anfangs sagt, dass sie kein Mädchen sei, das den Jungs hinterherschaut, lässt sie sich ständig von Neels Gegenwart ablenken. Ihre Gefühle ihm gegenüber schwanken die ganze Zeit zwischen Bewunderung und Ablehnung, und das finde ich wirklich anstrengend zu lesen.

Außerdem nimmt sich niemand die Zeit, Kiran mal genau über die aktuelle Situation aufzuklären und über die Dinge, die sie beachten oder vor denen sie sich in Acht nehmen muss. Unter den Umständen ist es kein Wunder, dass sie ständig Fehler macht, die ihr dann natürlich vorgeworfen werden. So schwankt sie durchgehend zwischen „ich muss etwas tun, um die Menschen zu retten, die mir am Herzen liegen“ und „ich bin darauf angewiesen, dass ein Prinz mich und die meinen rettet, weil ich keine Ahnung von dieser Welt habe“. Ganz ehrlich, ein intelligentes Mädchen, das sich seit Jahren mit Bogenschießen beschäftigt hat, hätte eine deutlich bessere Rolle in dieser Geschichte verdient, wenn denn nur einmal einer der Einheimischen richtig mit ihm geredet hätte. Dabei ist es vermutlich nicht so unwahrscheinlich, dass zwei pubertierende Jungen nicht in der Lage sind, richtig zu kommunizieren (vor allem, wenn ihr Gegenüber nicht nur weiblich, sondern auch noch in einer verschmähten Welt aufgewachsen ist), aber die Geschichte hätte halt von einem etwas weniger klischeehaften Verhalten der Figuren deutlich profitieren können. Am Ende muss ich leider sagen, dass mir „The Serpent’s Secret“ lange nicht so gut gefallen hat, wie ich anhand all der fantastischen indischen Elemente erwartet hätte, so dass ich nicht nur die Reihe nicht weiterlesen, sondern auch den Roman aus meinem Bestand aussortieren werde.

Sarah Prineas: The Lost Books – The Scroll of the Kings

Seitdem mir die „The Magic Thief“-Reihe von Sarah Prineas vor einigen Jahren so gut gefallen hat, halte ich immer die Augen nach neuen Veröffentlichungen der Autorin offen. Leider gibt es relativ wenige (und vor allem keine aktuellen) Informationen auf ihrer Homepage, so dass es immer ein Glücksspiel ist, ob und wann ich bei meiner Suche über neue Titel stolpere. Bei „The Lost Books – The Scroll of the Kings“ wüsste ich zum Beispiel gern, ob das der Auftakt einer neuen Reihe ist oder ein für sich stehendes Buch. Ich kann zumindest sagen, dass es auch als Einzelband wunderbar funktioniert, auch wenn ich gern noch mehr über den Protagonisten Alex(andren) und die verlorenen Bücher lesen würde.

Zu Beginn des Buches arbeitet Alex als Assistent für Master Farnsworth, den Bibliothekar der Dowager Duchess Purslane. Doch als Master Farnsworth stirbt (und Alex ist sich sicher, dass ein ganz bestimmtes Buch für den Tod des Bibliothekars verantwortlich ist), muss sich der Junge eine neue Stellung suchen. Er ist nicht nur (angehender) Bibliothekar mit Leib und Seele, sondern auch wild entschlossen, dem Geheimnis der gefährlichen Bücher auf die Spur zu kommen. So gibt er sich der Königin gegenüber als sein verstorbener Meister aus und übernimmt – probeweise – die Bibliothek des Schlosses. Auch hier befinden sich so einige gefährliche Bücher, und Alex muss nicht nur herausfinden, was diese Titel zur tödlichen Lektüre macht, sondern auch darum kämpfen, seinen Posten als Schlossbibliothekar zu behalten. Aber er ist nicht der Einzige, der mit Herausforderungen konfrontiert wird, die ein bisschen zu groß für ihn zu sein scheinen. Auch Queen Kenneret – die sich sicher ist, dass ihr neuer Bibliothekar nicht der ist, der er vorgibt zu sein – stehen in „The Lost Books – The Scroll of Kings“ einige Kämpfe bevor, die über die Zukunft des Landes entscheiden können.

Ich fand es spannend, mir beim Lesen Gedanken darüber zu machen, was wohl vor sechzig Jahren passiert ist, dass alle Bibliotheken geschlossen und bestimmte Bücher weggesperrt wurden. Ebenso spannend fand ich es, gemeinsam mit Alex mehr über diese gefährlichen Bücher herauszufinden und über die Dinge, die diese Bücher zu so einer Gefahr werden lassen. Doch vor allem habe ich es genossen, durch Alex‘ Augen die Schlossbibliothek zu entdecken, mir Gedanken über den Zustand der Bücher zu machen und mich mit ihm zu ärgern, wenn er entdeckt, dass jemand sein mühsam erstelltes Katalogsystem durcheinandergebracht hat. Ich mochte den Beschützerinstinkt, den Alex gegenüber den Büchern hatte, und ich mochte seine kurz angebundene und zielstrebige Art, die zu einigen amüsanten Dialogen führte, weil kaum ein anderer Mensch mit seiner „Unhöflichkeit“ umgehen konnte. Ebenso gefielen mir die Passagen, die aus Kennerets Sicht geschrieben waren, weil die junge Königin nach gerade mal vier Monaten im Amt immer noch auf der Suche nach dem richtigen Weg für sich ist. Kenneret arbeitet hart und ist sich der Tatsache bewusst, dass sie als Königin für die schweren Entscheidungen im Land verantwortlich ist, aber um diese zu fällen, muss sie erst einmal herausfinden, wer ein vertrauenswürdiger Berater ist und wer ihr die notwendigen Informationen für ihre Beschlüsse besorgen kann.

Ich habe wirklich eine Schwäche für die eigensinnigen und intensiven Charaktere, die Sarah Prineas für ihre Bücher schafft, und genieße ihre Romane sehr. Ihre Geschichten leben für mich von diesen ganz besonderen Figuren, den ungewöhnlichen Ideen hinter ihren Romanen und von all den kleinen Szenen, in denen man die Charaktere besser kennenlernt und sie ein Stückchen bei ihrem Alltag begleitet. Letzteres macht es schwierig, die Handlung so zusammenzufassen, dass man nicht zu viel verrät, denn auf den ersten Blick scheint nicht so viel in ihren Geschichten los zu sein. Aber ich brauche nicht viele Szenenwechseln oder eine sich über einen langen Zeitraum entwickelnde Handlung, wenn mich diese kleinen Szenen amüsieren und mich mit vielen ungewöhnlichen Details versorgen, die meine Fantasie anregen und in mir den Wunsch wecken, ich könnte ein bisschen Zeit in dieser Welt verbringen, und die mir zeigen, dass sich die Charaktere stetig weiterentwickeln. So ist es wohl nicht überraschend, dass ich gern noch mehr Geschichten über Alex, Kenneret und die vielen verschiedenen Bücher in ihrer (oder anderen) Bibliothek(en) lesen würde, auch wenn die Handlung in „The Lost Books – The Scroll of the Kings“ ein befriedigendes Ende bietet.