Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Tamzin Merchant: The Hatmakers

Vor ein paar Tagen habe ich „The Hatmakers“ von Tamzin Merchant beendet und mich dabei wunderbar mit diesem Debütroman amüsiert. (Wobei ich erst einmal einen Hinweis von Anette brauchte, um zu kapieren, dass ich der Autorin schon als Schauspielerin in der 2005er-Verfilmung von „Pride & Prejudice“ begegnet war. *g*) Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Cordelia Hatmaker erzählt, deren Familie seit vielen Generationen magische Hüte anfertig. Jeder Hut, der die Werkstatt der Hatmakers verlässt, beeinflusst mit seiner Magie seinen Träger oder seine Trägerin. Cordelias Familie ist sich nur zu bewusst, welche Verantwortung sie mit der Herstellung ihrer Hüte trägt, und so wurde Cordelia von klein auf eingeprägt, wie wichtig die richtigen Materialien, die Launen der Hutmacher und natürlich die Ausgewogenheit aller Bestandteile beim Herstellen sind. Umso schlimmer ist es, dass gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem der König dringend einen „Peace Hat“ benötigt, Cordelias Vater in einem Sturm vermisst wird. Natürlich versucht Cordelia alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Vater zu retten, und stolpert dabei über mysteriöse Ereignisse, die die Zukunft aller Maker-Familien gefährdet.

Für mich gab es am Anfang von „The Hatmakers“ so einige Elemente, die mich an Geschichten von Diana Wynne Jones erinnert haben, wie die magischen Hüte (Sophie aus „Howl’s Moving Castle“), das Zusammenleben der Hatmakers in ihrem großen Haus und die Rivalität der verschiedenen Maker-Familien untereinander (wie bei den Montana- und Petrocchi-Familien in „The Magicians of Caprona“). Aber da ich genau diese Dinge sehr mag und Tamzin Merchant aus diesen vertraut wirkenden Sachen eine wunderbare Geschichte gesponnen hat, störte mich das überhaupt nicht. Cordelia ist eine wunderbare Protagonistin, wild entschlossen, ihren Vater zu retten, und voller Einfallsreichtum, was die diversen Herausforderungen betrifft, die sie dabei zu bewältigen hat. Schon früh steht fest, dass das britische Königreich kurz vor einem Krieg mit Frankreich steht, während der König ein paar unerwartete Probleme beim Regieren hat. Und obwohl die Autorin die Gefahr, die durch diesen Krieg für die Bevölkerung entsteht, nicht verharmlost, gibt es so viele absurde und komische Momente rund um diesen Teil der Geschichte, dass ich ständig beim Lesen schmunzeln musste.

Mir gefiel auch sehr die Art und Weise, wie Tamzin Merchant Magie und Handwerk in ihrer Geschichte verknüpft hat und wie die verschiedenen Materialien und ihre Gewinnung beschrieben wurden. Und obwohl die Enthüllung der Personen, die im Hintergrund an den Fäden gezogen haben, keine Überraschung war, fand ich es spannend zu lesen, welche fiesen Taten sie sich als nächstes ausdenken würden – und wie Cordelia ihre Pläne (unwissentlich oder bewusst) sabotieren würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir für eine der bösen Personen ein anderes Ende gewünscht hätte (oder dass sie sich als nicht ganz so fies und rachsüchtig herausstellen würde), weil – und das ist die einzige Art, es ohne Spoiler auszudrücken – die Maker schließlich sieben Sterne in ihrem Logo haben.

Insgesamt habe ich mich aber einfach nur wohlgefühlt mit all den großen und kleinen Abenteuern, die Cordelia erlebt, ich habe mit ihr mitgelitten, wenn sie um das Leben ihres Vater gebangt hat, und mich gefreut, wenn sie eine Lösung für eines der vielen Probleme gefunden hat, die sie beschäftigen. Ich mochte Cordelia wirklich sehr als Protagonistin mit all ihrer Dickköpfigkeit, ihrem Einfallsreichtum und ihren großen und kleinen Fehlern, und auch die verschiedenen Nebenfiguren habe ich schnell ins Herz geschlossen und mich über jeden kleineren und größeren Auftritt gefreut, den sie bekamen. Da die Ideen hinter „The Hatmakers“ noch so einigen Stoff für weitere Geschichten bieten und Cordelia so eine wunderbare Protagonistin ist, freue ich mich sehr, dass im kommenden Jahr ein zweiter Band mit dem Titel „The Mapmakers“ erscheinen soll. Ich hoffe, dass es in dem Roman dann auch wieder sehr viele magische Elemente und sehr viele Szenen mit Cordelias Familie und Freunden geben wird.

Barbara Sleigh: Carbonel

Über „Carbonel“ von Barbara Sleigh bin ich vor vielen Jahren bei Kiya gestolpert, und da der Titel nicht nur sehr lange auf meiner Wunschliste saß, sondern dann auch noch über ein Jahr auf meinem SuB lag, habe ich nun das Problem, dass ich den dritten Carbonel-Band nicht mehr bestellen kann. Dabei gefiel mir der erste Teil rund um Rosemary, ihren neu gewonnenen Freund John und den König der Katzen so gut, dass ich gern noch mehr Abenteuer mit den dreien lesen würde. Die Geschichte beginnt damit, dass die zehnjährige Rosemary sich überlegt, dass sie in ihren Sommerferien mit Putzen Geld verdienen könnte. Doch dafür benötigt sie erst einmal die notwendigen Utensilien, und so kauft sie auf einem Gebrauchtmarkt von einer etwas wunderlichen alten Frau einen Besen.

Da die Dame auch noch günstig einen schwarzen Kater abzugeben hatte und Rosemary schon immer eine Katze wollte, nimmt sie diesen auch noch mit, ohne zu wissen, dass sie damit in Besitz eines Hexenbesens und des passenden Hexenkaters gekommen ist. Doch Carbonel ist mehr als nur ein einfacher Hexenkater. Er ist ein Prinz der Katzen, der als Kätzchen von der Hexe gestohlen und verflucht wurde. Erst wenn der Fluch gebrochen ist, kann er den Thron seines verstorbenen Vaters in Besitz nehmen und über die Katzen von London herrschen. Natürlich erklärt sich Rosemary bereit, alles dafür zu tun, dass Carbonels Fluch gebrochen wird. Dies führt dazu, dass sie in den kommenden Wochen quer durch London unterwegs ist, um die notwendigen Dinge für den Zauber aufzutreiben. Doch diese Aufgabe ist nicht so einfach, und so ist es nur gut, dass Rosemary in ihrem neu gefundenen Freund John jemanden hat, der mit ihr gemeinsam Informationen sammelt und Abenteuer erlebt.

Die Geschichte wurde von Barbara Sleigh das erste Mal 1955 veröffentlicht, und natürlich merkt man der Handlung ihr Alter auch an. Barbara und John müssen zu Fuß, mit dem Bus oder mit dem – leider ziemlich altersschwachen – Hexenbesen all ihre Wege hinter sich bringen. Und um überhaupt den ganzen Tag unterwegs sein zu können, benötigen sie die Erlaubnis von Johns Tante und Rosemarys Mutter. So verstreicht zwischen den verschiedenen Unternehmungen immer wieder Zeit, und es gibt Tage, an denen die beiden Kinder einfach nur gemeinsam im Garten von Johns Tante spielen, weil sie eben diese Erlaubnis nicht bekommen haben. Das sorgt dafür, dass „Carbonel“ eher ruhig erzählt wird, aber gerade das habe ich sehr gemocht. Ich habe eine Schwäche für altmodische britische Kinderbücher voller Magie und Alltagsszenen, und genau das habe ich hier gefunden. Ich mochte all die fantastischen Elemente ebenso sehr wie die eher alltäglichen Momente, mir gefielen die verschiedenen Charaktere, und ich fand es großartig, dass Carbonel arrogant und fordernd ist und wenig Verständnis für die begrenzten Möglichkeiten eines zehnjährigen Mädchens hat.

Es gab beim Lesen immer wieder Punkte, die mich an die Mary-Poppins-Romane von P.L. Travers oder an die Geschichten von Edith Nesbit erinnert haben, die ich als Kind so geliebt habe. Dabei hatte ich jedoch nie das Gefühl, dass Barbara Sleigh sich von diesen Autorinnen hat inspirieren lassen. „Carbonel“ ist eine ganz eigene Geschichte mit einer wunderbar warmherzigen Atmosphäre, vielen amüsanten Wendungen und (Neben-)Charakteren, die ich wirklich mochte. Für diejenigen, die nun auch Lust auf „Carbonel“ bekommen haben, aber nicht auf Englisch lesen mögen: 2013 ist eine deutsche Ausgabe mit dem Titel „Carbonel – König der Katzen“ bei Ravensburger erschienen und auch wenn das Buch nur noch gebraucht zu bekommen ist, so scheint das Angebot an günstigen und gut erhaltenen Exemplaren gar nicht so gering zu sein.

Aisha Bushby: Moonchild – Voyage of the Lost and Found

Um „Moonchild – Voyage of the Lost and Found“ von Aisha Bushby bin ich ziemlich lange drumherumgeschlichen. Auf der einen Seite gefiel mir der Klappentext, auf der anderen Seite wurde die Geschichte regelmäßig mit den Aru-Sha-Titeln von Roshani Chokshi verglichen, und da mich der erste Teil dieser Reihe nicht so ganz überzeugen konnte, fürchtete ich, dass es mir mit „Moonchild“ ähnlich gehen würde. Am Ende muss ich gestehen, dass sich meine Befürchtungen bewahrheitet haben, obwohl es in „Moonchild“ wirklich sehr viele Elemente gab, die ich mochte. Die Geschichte dreht sich um die zwölfjährige Amira und ihren katzenartigen Jiinni Namur. Die beiden wissen seit Jahren, dass sie zusammen in einer Auster geboren wurden, die dann von zwei Seehexen aus dem Meer gefischt wurde. Diese beiden Seehexen, Dunya und Jamila, haben sich von diesem Tag an um Amira gekümmert und sie als ihre Tochter aufgezogen. Gemeinsam wohnen die drei auf einer Dau und leben von dem, was das Meer ihnen zur Verfügunge stellt, und was sie an selbstgemachten Dingen auf den verschiedenen Insel-Basaren verkaufen können.

Zu Beginn des Romans beschädigt ein Sturm das Schiff der kleinen Familie, und so müssen sie für Reparaturen im Hafen der Insel Failaka anlegen. Da Amira inzwischen alt genug ist, darf sie zum ersten Mal mit Dunya auf den Basar gehen und ihre Waren verkaufen. Dabei muss sie schnell lernen, dass die meisten Menschen – im Gegensatz zu ihrer Familie – nicht über Magie verfügen und Magie sogar etwas ist, das man eher geheim halten sollte. Als dann auch noch ein Sturmvogel auftaucht und die Insel bedroht, wird die Stimmung auf Failaka noch unangenehmer für das Mädchen. Denn Amiras Magie (und ihre Verbindung zu ihrem Jiinni Namur) ermöglicht es ihr, die Gefühle anderer Menschen zu spüren. Was auch dazu führt, dass sie genau weiß, dass ihre beiden Mütter ihr etwas Wichtiges verschweigen …

Ich habe die zweite Hälfte von „Moonchild – Voyage of the Lost and Found“ wirklich sehr genossen, aber der Weg dahin war ziemlich steinig für mich. Nach den ersten Kapiteln hatte ich sogar überlegt, ob ich das Buch nicht unbeendet in den Öffentlichen Bücherschrank stellen sollte. Dabei gab es von Anfang an so viele schöne und fantastischen Elemente in der Geschichte, die ich wirklich sehr gemocht habe. So fand ich Amiras Mütter und ihr Verhältnis zueinander sehr sympathisch, ebenso gefielen mir die Beschreibungen des Lebens auf der Dau (inklusive der dickköpfigen Ziege und der abendlichen Geschichtenerzähl-Runde) und die magischen Wesen, die es in dieser Welt gibt, haben mir mit ihren Eigenheiten viel Freude bereitet. Auch fand ich Leo, mit dem sich Amira auf Failaka anfreundet, auf Anhieb sehr nett und hatte Lust, mehr über den nervösen Jungen und sein Leben zu erfahren.

Ich hatte allerdings zwei Probleme beim Lesen des Buches. Das kleiner Problem ist die namenlose Erzählerin, die die Geschichte immer wieder an den spannendsten Stellen unterbricht, um den Leser direkt anzusprechen. Das soll natürlich an die Stilmittel traditioneller Geschichtenerzähler erinnern, kam mir aber hier so übertrieben und unrund vor, dass es mich etwas geärgert hat. Vor allem mochte ich hier nicht, dass mich diese Unterbrechungen genau an dem Punkt immer aus der Handlung gerissen haben, wenn ich endlich mal ein bisschen in der Geschichte versunken war. Und damit sind wir beim zweiten Problem: Mich in die Geschichte fallen zu lassen fiel mir nämlich wirklich schwer, weil ich Amiras Perspektive so ungern geteilt habe. Sie war ständig wütend – was wichtig für die Handlung war, aber eben auch dafür sorgte, dass sie weder mit ihren Müttern noch mit ihrem neugefundenen Freund Leo ein anständiges Gespräch führen konnte. Ich fand es wirklich anstrengend, dass ich mich die ganze Zeit beim Lesen mit ihren Gefühlen beschäftigen musste, obwohl ich immer nur denken konnte, dass ein paar ruhige klärende Worte alle Beziehungsprobleme zwischen den Figuren sofort beseitigt hätten.

Ich fand es auch nicht so toll, dass Amiras Mütter Geheimnisse vor ihr hatten, vor allem, da von Anfang an absehbar war, dass dieses Verschweigen von Wissen nur dazu führt, dass Amira in größere Schwierigkeiten als notwendig gerät. Erst als dieser Punkt aus dem Weg geräumt war und alle Charaktere zusammengearbeitet haben, um gegen die Gefahr vorzugehen, die von dem Sturmvogel ausging, zog die Handlung so weit an, dass ich all die märchenhaften Elemente wirklich genießen konnte. Vorher hat mich Amiras Verhalten so sehr gestört, dass ich ständig das Buch aus der Hand gelegt und nach einer Leseunterbrechung lieber zu einem anderen Roman mit einer weniger anstrengenden Protagonistin gegriffen habe. Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, ob ich weitere Veröffentlichungen von Aisha Bushby lesen werde. Ich habe die ganzen kleinen Geschichten in der größeren Geschichte genossen, ich mochte die märchenhaften und „orientalischen“ Elemente in „Moonchild – Voyage of the Lost and Found“, aber insgesamt habe ich mich einfach zu sehr über die Figuren geärgert.

Sharna Jackson: High-Rise Mystery

Der Roman „High-Rise Mystery“ von Sharna Jackson stand schon ziemlich lange auf meinem Wunschzettel, bis ich ihn im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt bekam. So ist es kein Wunder, dass es inzwischen auch eine deutsche Ausgabe mit dem Titel „Highrise Mystery – Ein Tödlicher Sommer“ und im englischen Original eine Fortsetzung („Mic Drop“) gibt. Erzählt wird die Handlung von der elfjährigen Anika „Nik“ Alexander, die gemeinsam mit ihrer dreizehnjährigen Schwester Norva den Mord an ihrem Nachbarn Hugo Knightley-Webb aufklären will. Die beiden Mädchen interessieren sich schon länger für Kriminalfälle und führen seit fast einem Jahr eine Datei, in der sie alle Vorkommnisse, die sich in dem Hochhaus-Komplex „The Tri“ ereignen, festhalten. So stehen den beiden für ihre Ermittlungen von Anfang an eine ganze Menge Daten über ihre Nachbarn zur Verfügung, und doch haben sie keine Ahnung, wer als potenzieller Mörder in Frage kommt. Deshalb bleibt Nik und Norva nichts anderes übrig, als systematisch zu ermitteln. Als dann noch ihr eigener Vater von der Polizei verdächtigt wird, wird es umso wichtiger, den Mörder zu finden.

Ich habe Nik und Norva auf Anhieb sympathisch gefunden, obwohl die – gerade sehr verliebte – Norva weder für mich noch für die erzählende Nik immer einfach zu ertragen war. Aber ich mochte es, wie gegensätzlich die beiden Schwestern dargestellt waren und wie gut sie sich deshalb ergänzt haben. Nik geht systematisch vor und arbeitet sich Punkt für Punkt durch ihre Ermittlungen, auch wenn das bedeutet, dass sie unangenehme Fragen klären oder gar ihren eigenen Vater verdächtigen muss. Norva hingegen ist deutlich implusiver, emotionaler und scheut auch schon mal davor zurück, das Alibi und Motiv einer Person zu untersuchen, von der sie sicher ist, dass sie unschuldig sein muss. Norvas Einfallsreichtum sorgt allerdings auch dafür, dass die beiden Schwestern manchmal ungewöhnliche Wege bei der Suche nach Informationen gehen, was bedeutet, dass man als Leser ständig über sie schmunzeln kann. Für mich haben sich Nik und Norva mit all ihren Stärken und Schwächen überraschend realistisch angefühlt. Auch ihre Ermittlungsmethoden sind von Sharna Jackson stimmig dargestellt worden. So haben die Schwestern zum Beispiel keinerlei Zugang zu Informationen, die die Polizei hat, wenn man von dem einen oder anderen belauschten Gespräch absieht, und sind in der Regel auf eigene Beobachtungen und die Aussagen ihrer Nachbarn angewiesen.

Dabei würde die Geschichte so nicht funktionieren, wenn die Autorin nicht so eine großartige Kulisse dafür gewählt hätte. The Tri ist ein etwas vernachlässigter Hochhauskomplex in London voller unterschiedlicher Mieter, die definitiv nicht zur Oberschicht gehören. Das Geld für Reparaturen ist knapp, das Treppenhaus riecht nach Urin und es kann schon mal passieren, dass die Aufzüge übers gesamte Wochenende defekt sind, so dass die Bewohner die (mindestens) 22 Stockwerke zu Fuß hochlaufen müssen. Auf der anderen Seite gibt es einen Gemeinschaftsraum, in dem unter anderem Kunst- oder Yogakurse angeboten werden, es wird gemeinsam von den Anwohnern Geld für dringende Projekte gesammelt, und die Hilfsbereitschaft einiger Nachbarn ist wunderbar. Gerade weil Nik und Norva so vertraut mit und so stolz auf ihr Zuhause sind, bietet dieser Hochhauskomplex so einen tollen Hintergrund für diese Kriminalgeschichte und die Ermittlungen von Nik und Norva.

Auch der Kriminalfall ist solide von Sharna Jackson konstruiert worden, und da die erzählende Nik so betroffen von Hugos Tod ist, fühlt es sich von Anfang an wirklich dringlich an, dass sein Mord aufgeklärt wird. Dabei stehen den Schwestern nur eingeschränkte Mittel für ihre Ermittlungen zur Verfügung, aber aus diesen machen sie wirklich das Beste. Immer wieder überarbeiten sie ihre Listen und Tabellen, so dass man auch als Leser einen guten Überblick über den aktuellen Wissenstand und die neusten Informationen hat. Insgesamt hat mir „High-Rise Mystery“ wirklich sehr gut gefallen. Das einzige (und nicht sehr relevante) Problem, das ich beim Lesen hatte, war, dass der eine oder andere Slangausdruck, der in dem Roman verwendet wird, für mich nicht auf Anhieb verständlich war. Ich habe mich aber im Laufe der Zeit recht gut an diese ungewohnten Ausdrücke der Mädchen (und ihres Freundes George) gewöhnt, und angesichts des Alters der Protagonistinnen fand ich es auch definitiv stimmig, dass sie ihre eigene Ausdrucksweise hatten. Ich freu mich schon auf die Fortsetzung „Mic Drop“  und bin gespannt, wie Nik und Norva dann im Rahmen eines Musikvideo-Drehs in The Tri ermitteln.

Dominique Valente: Starfell 1 – Willow Moss and the Lost Day

So langsam sollte es ja hinreichend bekannt sein, dass ich eine Schwäche für fantastische Kinder- und Jugendbücher habe, in denen Hexen die Protagonistinnen sind. Was natürlich der Grund ist, wieso ich mir den Titel „Starfell – Willow Moss and the Lost Day“ von Dominique Valente zugelegt habe. Trotzdem hatte ich nicht erwartet, dass mir die Geschichte so gut gefallen würde, dass ich mir noch vor Beenden des Buches den zweiten Band („Starfell – Willow Moss and the Forgotten Tale“) bestellen würde. 😉 Willow ist die jüngste Tochter ihrer Familie und diejenige mit dem geringsten magischen Talent. Während ihre Schwestern wirklich aufsehenerregende Magie beherrschen, kann Willow nur verlorene Dinge wiederfinden. So ist es kein Wunder, dass Willow immer diejenige ist, die zurückbleibt und sich um ihre Großmutter kümmern muss, während ihre Mutter mit Willows Schwestern auf Jahrmärkte fährt, um Geld zu verdienen.

Doch dann steht eines Tages die mächtige Hexe Moreg Vaine vor Willow und benötigt ihre Hilfe, um einen verschwundenen Tag wiederzufinden. Wenn dieser verlorene Dienstag nicht wieder auftaucht, könnte die Existenz der gesamten Welt auf dem Spiel stehen. Doch bevor Willow den verschwundenen Tag herbeibeschwören kann, muss sie erst einmal gemeinsam mit Moreg herausfinden, wer der Täter ist und wie dieser Dienstag gestohlen wurde. Dabei stehen Willow ihr „Kobold Monster under the Bed in the Bag“ Oswin zur Seite und einige Freunde, die sie im Laufe der Reise findet. Ich mochte die vielen verschiedenen Charaktere sehr und wie sie mit ihrer – zum Teil sehr herausfordernden – Magie umgingen. Denn in dieser Geschichte ist Magie nicht etwas, das man lernt, sondern eher ein Talent, das man hat. Auch wenn es früher wohl so war, dass eine Person verschiedene magische Talente haben konnte, so ist diese Zeit schon lange vorbei.

Dominique Valente hat mit Starfell eine wunderbare fantastische Welt voller skurriler Gestalten  geschaffen. All die vielen verschiedenen Talente scheinen eine wichtige Rolle im Alltag zu spielen, auch wenn die fanatischen Brothers of Wol alles dafür tun, dass die Magie aus Starfell verschwindet. So muss sich Willow nicht nur mit der Suche nach dem verschwundenen Tag beschäftigen, sondern auch mit all den Herausforderungen fertig werden, die die Reise durch ein von Fanatikern beherrschtes Land mit sich bringen. Umso hübscher ist es zu lesen, wie sie – auch mit Hilfe ihrer Freunde – immer wieder Lösungen für akute Probleme findet. Was im Laufe der Zeit dazu führt, dass Willow sich selbst und ihr nicht gerade aufsehenerregendes Talent deutlich mehr zu schätzen lernt, als sie es ihm Kreis ihrer Familie konnte. Ich habe Willows Entwicklung wirklich gern verfolgt und mich wunderbar über all die kleinen und größeren Abenteuer, die sie erlebt, amüsiert. Ich mochte die ungewöhnliche Sicht auf magische Elemente, die Dominique Valente immer wieder präsentierte, und habe die verschiedenen Figuren schnell ins Herz geschlossen.

Einzig die Spielerei mit den Textformaten (andere Schriftarten und -größen, wenn eine Person lauter oder aufgeregter ist oder ein kurviger Schriftverlauf, wenn besonders dynamische Aktionen beschrieben wurden) und die eher lautmalerische Ausdrucksweise von Oswin hätte ich persönlich nicht benötigt. Auf der anderen Seite hat mich das aber beim Lesen auch nicht so sehr gestört, dass ich das Buch hätte abbrechen wollen. Die Illustrationen von Sarah Warburton fand ich hingegen wirklich bezaubernd und zu der Doppelseite mit dem Drachen habe ich sogar mehrfach hingeblättert, um sie erneut zu betrachten. Ich freu mich jetzt schon auf den Tag, an dem die Fortsetzung bei mir eintrifft und ich weitere Abenteuer in Starfell erleben kann. Oh, und wer Lust auf Willows Geschichten hat, aber nicht auf Englisch lesen mag, hat die Möglichkeit, die ersten beiden Bände schon in der Übersetzung zu bekommen. Die deutsche Reihenbezeichnung lautet „Der Zauber von Immerda“, der erste Band trägt den Titel „Die Suche nach dem verschwundenen Dienstag“ und der zweite Teil „Ein Hellseher sieht schwarz“.

Julia Lee: The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth

„The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth“ von Julia Lee gehört zu den eBooks, die ich in den letzten Wochen auf meinem eReader gefunden habe und von denen ich keine Ahnung mehr habe, wann oder warum ich sie gekauft habe. Um mehr über das Buch herauszufinden, habe ich die ersten Seiten angelesen und hatte dann die Protagonistin Clemency so sehr ins Herz geschlossen, dass ich einfach dabeigeblieben bin. Clemency ist elf Jahre alt, als sie in Bombay ein Überseeschiff betritt. Da sie eine gültige Fahrkarte hat, kann man ihr die Überfahrt nicht verweigern, obwohl es unüblich ist, dass ein Mädchen in ihrem Alter allein unterwegs ist. Clemency reist von Indien nach England, in der Hoffnung, dass sie dort Verwandte findet, die bereit sind, sich nach dem Tod ihrer Mutter um sie zu kümmern. Für die Dauer der Reise übergibt sie der Kapitän des Schiffes in die Obhut von Mrs. Potchard, die sich nach ihrer Ankunft in England darum kümmert, dass Clemency erst einmal in der Pension ihrer Schwester Hetty Marvel unterkommt.

Einige Wochen lang scheint sich niemand auf die von Mrs. Potchard geschaltete Anzeige hin zu melden, um Clemency abzuholen, bis die unfreundliche Mrs. Clawe in der Pension auftaucht und das Mädchen mitnimmt, ohne auch nur ein Wort mit Clemencys Pensionswirtin zu wechseln. Am nächsten Tag findet sich Clemency als Spülmagd in dem Herrenhaus Great Hall wieder, während sich Mrs. Potchard, ihr Sohn Gulliver, ihre Schwester Hetty und deren Tochter Whitby fragen, was aus ihrem Schützling geworden ist. Ich habe mich beim Lesen gut mit Clemency und der Familie Potchard/Marvel amüsiert, muss aber auch zugeben, dass die Geschichte mich nicht so sehr gepackt hat, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte. Ich habe die Erzählweise der Autorin genossen und die vielen Szenen, in denen etwas passiert, das – da der Leser die Hintergründe noch nicht kennt – skurril wirkt, und die Momente, in denen Clemencys Temperament mit ihr durchging. Aber ich habe an keiner Stelle um die Figuren bangen müssen oder mich gefragt, was wohl als Nächstes kommen würde. Selbst wenn es Clemency nicht gutging, hat Julia Lee mir die ganze Zeit vermittelt, dass es genügend Personen gibt, die sich Sorgen um das Mädchen machen und einfallsreich genug sind, um auch wirklich etwas zu bewegen.

Die Autorin sorgte zwar immer wieder dafür, dass in Gesprächen deutlich wurde, welche schrecklichen Gefahren Clemency theoretisch erwarten (angefangen von der Abschiebung in ein Waisenhaus über das Erfrieren im Straßengraben bis hin zu skrupellosem Mord), aber es gelang Julia Lee leider trotzdem nicht, dass ich mich ernsthaft um Clemencys Wohlergehen sorgte. Stattdessen hatte ich kein Problem, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl die Protagonistin gerade vor einer kritischen Situation stand, oder mal eben zurückzublättern, um meinem Mann einen besonders hübsch formulierten Satz vorzulesen. So ist es vor allem der Tatsache, dass ich wirklich viele Passagen aufgrund ihrer Formulierung genossen habe, zu verdanken, dass ich überlege, ob ich noch weitere Geschichten der Autorin lesen mag. Es gibt einen Titel, der sich um Mrs. Potchards Sohn Gulliver dreht, so dass ich noch etwas bei dieser sympathischen Familie bleiben könnte. Oder ich greife zu einer ihrer Nancy-Parker-Detektivgeschichten und schaue, ob Julia Lee dort vielleicht die Handlung spannender erzählt.

Leseeindrücke Januar und Februar 2021

Ich habe schon sehr lange keine Leseeindrücke mehr geschrieben, aber in den letzten Wochen habe ich ein paar Bücher gelesen, bei denen es nicht zu einer längeren Rezension reicht, die ich aber nicht vollständig untergehen lassen möchte.

Natasha Farrant (Story)/Lydia Corry (Illustrationen): „Eight Princesses and a Magic Mirror“

In „Eight Princesses and a Magic Mirror“ geht eine Zaubererin der Frage nach, was eine exzellente Prinzessin ausmacht, um ihrer Patentochter das passende Taufgeschenk machen zu können – was zu acht wunderbaren und sehr unterschiedlichen Märchen rund um ebensolche Prinzessinen führt. Ich mochte es sehr, dass Natasha Farrant so verschiedene Geschichten rund um die Prinzessinen gesponnen hat, und die Illustrationen von Lydia Corry passen wirklich perfekt zu den verschiedenen Figuren und ihren Welten. Ich muss aber auch zugeben, dass man hier wirklich nur „Märchen“ findet, was bedeutet, dass die Figuren nicht besonders intensiv ausgearbeitet wurden und nicht immer alle Details erklärt werden oder alles rundum stimmig in den verschiedenen Welten ist. Mir persönlich hat aber  gerade das sehr gut gefallen, so dass ich mir die einzelnen Märchen bewusst eingeteilt habe, um sie genießen und meine Fantasie von den verschiedenen Geschichten und Illustrationen anregen lassen zu können.

Auf dem Foto ist ein aufgeschlagenes Buch vor einer orangen Bettdecke zu sehen. Auf der linken Seite des Buches ist eine Illustration mit einer Figur mit hellen Zöpfen und einem blauen Kleid, die dem Betrachter den Rücken zuwendet und auf ein Schiff auf dem Meer hinausblickt, auf der rechten Seite sieht man den Titel einer Geschichte ("The Princess of the High Seas"), um den verschiedenen kleine blaue Zeichnungen (Möwe, Fisch, Papageientaucher, Boote und Muscheln) arrangiert sind.

Olivia Atwater: „Half a Soul“ (Regency Faerie Tale 1)/“Ten Thousand Stitches“ (Regency Faerie Tale 2)

Die beiden Romane „Half a Soul“ und „Ten Thousand Stitches“ erzählen zwei unabhängig voneinander lesbare Geschichten, die beide in derselben fantastischen Regency-Welt spielen, was dafür sorgt, dass Nebenfiguren aus dem ersten Band auch im zweiten Teil vorkommen. In „Half a Soul“ wurde der Protagonistin Theodora Ettings als junges Mädchen die Hälfte ihrer Seele von Elfen gestohlen, was dazu geführt hat, dass sie nur noch sehr gedämpft Gefühle wahrnehmen kann. Dieses Handicap sorgt dafür, dass sie in den Augen ihrer Familie unverheiratbar und somit eine Last ist. Nur ihre Cousine Vanessa gibt sich alle Mühe, Dora zur Seite zu stehen, als diese während Vanessas erster Saison in London einige seltsame Erlebnisse hat und immer wieder mit dem königlichen Magier aneinandergerät. Für mich als Leserin war Doras recht distanzierter Umgang mit all den Dingen, die ihr passierten, überaus amüsant zu lesen, so dass ich auch gut damit leben konnte, dass die Handlung an sich sehr vorhersehbar verlief, weil ich mich so gut von der Erzählweise und den vielen kleinen Vorfällen rund um Dora unterhalten fühlte.

Bei „Ten Thousand Stitches“ wird die Geschichte aus der Sicht der Dienstbotin Euphemia Reeves erzählt, die wider besseres Wissen einen Handel mit einem Elfen eingeht, um den Mann, in den sie sich verliebt hat, heiraten zu können. Als Bezahlung für die Hilfe, die ihr der Elf zur Verfügung stellt, muss sie ihm innerhalb von hundert Tagen seine Jacke mit 10.000 Stichen besticken – was gar nicht so einfach ist, da sie nur in den Nachtstunden nach ihrem Dienst Zeit für diese Arbeit hat. Auch hier habe ich mich wunderbar amüsiert, während der Elf voller bester Absichten eine Katastrophe nach der anderen auslöst, während Effie feststellen muss, dass ihr Handel nicht ganz so verläuft, wie sie sich das vorgestellt hatte. Neben all den unterhaltsamen und witzigen Elementen in beiden Geschichten mag ich es, dass die Autorin Olivia Atwater nicht davor zurückschreckt, in ihrern Büchern auf die Situation in den „Work Houses“ oder die Machtlosigkeit der Dienstboten gegenüber ihrer Herrschaft einzugehen. Da mir beide Bände so gut gefallen haben, habe ich den demnächst erscheinenden dritten Teil auch schon vorbestellt.

Suzanne Walker (Story)/Wendy Xu (Zeichnungen): „Mooncakes“ (Comic)

„Mooncakes“ erzählt die Geschichte von der Hexe Nova Huang und dem Werwolf Tam Lang, die sich in ihrer Kinderzeit gekannt haben und sich nun nach Jahren der Trennung wiederbegegnen. Zusammen müssen sie mit einem Dämon fertig werden, der in den nahegelegenen Wäldern sein Unwesen treibt. Trotz des Dämons ist die Geschichte einfach nur sehr, sehr süß, und ich mochte nicht nur die Freundschaft/entstehende Beziehung zwischen Nova und Tam, sondern auch all die anderen Personen, mit denen die beiden so zu tun haben. Besonders Novas Familie ist voller sehr individueller Persönlichkeiten, die alle in der Regel wunderbar liebevoll miteinander umgehen. Auch gefiel es mir, dass Novas Schwerhörigkeit und ihre Hörgeräte zwar als ein lästiger Teil ihres Alltags, aber eben nicht als ein größeres Problem dargestellt wurden. Die Zeichnungen haben nicht vollkommen meinen Geschmack getroffen, aber insgesamt mochte ich den recht weichen und liebevollen Stil von Wendy Xu und die für den Comic verwendeten warmen Farben.

Stephanie Burgis: The Princess Who Flew with Dragons

„The Princess Who Flew with Dragons“ ist der dritte Band von Stephanie Burgis, der in der fantastischen Stadt Drachenburg beginnt. Aber dieses Mal begleitet man nicht die Drachin Aventurine oder die Händlerin Silke bei ihren Abenteuern, sondern Prinzessin Sofia bei einer Reise, die sie in das ferne Villenne bringt. Sofia, die schon in den vorhergehenden Geschichten eine (Neben-)Rolle einnahm, sieht sich als die „unnütze“ Prinzessin von Drachenburg. Während ihre ältere Schwester Katrin schon seit Jahren die Regentschaft für ihren trauernden Vater übernommen hat, versteckt sich Sofia mit ihren Philosophiebüchern in ihrem Zimmer und versucht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Dabei ist sie sich durchaus der Verantwortung bewusst, die die Königsfamilie gegenüber ihren Untertanen hat, sie weiß nur nicht, wie sie selbst etwas zum Wohl des Königsreichs beitragen könnte. Gegen diese Gefühle der Unzulänglichkeit hilft es auch nicht, dass Katrin sie immer wieder in Situationen bringt, die Sofia zu Dingen zwingen, die sie sich einfach nicht zutraut.

Genau dies ist auch der Fall, als Sofia nach Villenne reisen muss, wobei die Tatsache, dass sie sich nicht einmal auf die Reise vorbereiten durfte, die Sache nicht besser macht. Doch in Villenne angekommen muss Sofia entdecken, wie befreiend es ist, dass sie sich anonym durch diese Stadt bewegen und neue Freunde finden kann. Alles könnte so großartig sein, wenn sich nicht doch noch ihre Schwester Katrin einmischen und dann auch noch die Eisriesen aus dem Norden angreifen würden. Ich habe Sofia gern auf ihrer Reise nach Villenne und zu sich selbst begleitet. Es war berührend, von ihren Ängsten und Selbstzweifeln zu lesen, und so schön zu verfolgen, wie sie aufblüht, als sie unter ganz ungewöhnlichen Rahmenbedingungen Villenne erkundet. Für Sofia geht mit diesen sorglosen Tagen ein Traum in Erfüllung. Aber natürlich ist es für eine Prinzessin – egal, wie unnütz sie sich selbst fühlt – nicht in Ordnung, wenn sie ihre diplomatische Mission für ihr eigenes Vergnügen vernachlässigt. So ist es kein Wunder, dass eines Tages Katrin vor ihr steht und ihr den ganzen Spaß verdirbt.

Erst als Sofia sich gemeinsam mit ihrem Freund Jasper (dem kleinen Bruder von Aventurine) aufmacht, um Katrin und all die anderen zu retten, die von den Eisriesen gefangen genommen wurden, merkt sie, wie viel sie in den letzten Wochen über sich und ihre Fähigkeiten gelernt hat. Gerade weil Sofias Situation (auch während ihrer Rettungsmission) nicht gerade einfach ist, bieten sich Stephanie Burgis wunderbare Gelegenheiten für witzige Dialoge und Szenen. So habe ich beim Lesen der Geschichte regelmäßig mit Sofia mitgelitten und musste doch immer wieder vor mich hinkichern, wenn sie mal wieder ein überraschendes Abenteuer erlebte oder bewies, wie wenig sie das Leben innerhalb ihres Palastzimmers auf die reale Welt vorbereitet hatte.

Ich glaube, dass Sofia, gerade weil sie die unsicherste der drei Protagonistinnen ist, mir als Erzählerin noch besser gefallen hat als Aventurine oder Silke. Denn obwohl ich die anderen beiden auch mochte, sieht man bei Sofia besonders schön die Entwicklung, die sie im Laufe der Zeit durchmacht. Ich mochte es auch sehr, wie sich die Beziehung der beiden Schwestern am Ende wandelt und wie Sofia mehr über den Umgang mit anderen Menschen lernt, als sie sich endlich eingesteht, dass sie sich gegenüber ihren Freunden nicht verstellen muss. Wenn ich einen Kritikpunkt suchen müsste, dann vielleicht, dass sich am Ende alles ein bisschen zu schnell in Wohlgefallen auflöst. Aber „The Princess Who Flew with Dragons“ ist nun einmal ein Buch für Kinder im Grundschulalter und ich lese diese Bücher für den garantierten „Wohlfühlfaktor“, also kann ich mich definitiv nicht beschweren, wenn ich genau das auch geboten bekomme.

Jenni Spangler: The Vanishing Trick

„The Vanishing Trick“ von Jenni Spangler ist vor einigen Wochen auf meiner Merkliste gelandet, da es zu meiner aktuellen Lust auf „viktorianische und unheimliche Geschichten“ zu passen schien, und ich kann nun sagen, dass dieses Jugendbuch wirklich genau in mein momentanes Beuteschema fiel. Die Geschichte wird zum Großteil aus der Sicht des elfjährigen Leander erzählt, der seit dem Tod seiner Mutter nur mühsam mit kleinen Nebenjobs und Diebstählen über die Runden kommt. Als er in Gefähr gerät, seine Unterkunft (eine nicht mehr genutzte Bibliothek in einem stark vernachlässigten Herrenhaus) zu verlieren und schon zu viele Tage ohne Essen auskommen musste, kommt ihm das Angebot, in den Dienst der reisenden Madame Pinchbeck zu treten, gerade recht. Dabei fühlt sich Leander von Anfang an nicht wohl dabei, dass Augustina Pinchbeck den Anhänger seiner Mutter als Sicherheit dafür verlangt, dass er sie weder ausraubt noch betrügt.

Mit diesem Pfand verkauft Leander mehr als nur seine Dienste an das unheimliche Medium, denn Madame Pinchbeck verfügt über Magie und nutzt Leanders Erinnerungsstück, um den Jungen mit Leib und Leben an sich zu binden. Schnell findet Leander heraus, dass er weder der Erste noch der Einzige ist, dem dieses Schicksal widerfährt. Für all die Tricks, die Madame Pinchbeck bei ihrer Arbeit als Medium anwendet, ist sie auf ihre Magie und die Fähigkeiten der von ihr gefangengenommenen Kinder angewiesen. Doch wenn diese Kinder keinen Nutzen mehr für sie haben, verschwinden sie spurlos. Gemeinsam mit den beiden anderen Gefangenen des Mediums, der gebildeten Charlotte und dem Geiger Felix, muss Leander einen Weg finden, um die Macht, die Madame Pinchbeck über sie hat, zu brechen, ohne dass eines der Kinder dabei ums Leben kommt.

Jenni Spangler greift mit „The Vanishing Trick“ die Leidenschaft der Menschen in der vikorianischen Zeit für Séancen und ähnliche „übernatürliche“ Elemente auf. Dabei mischt die Autorin ganz wunderbar die vielen verschiedenen Tricks wie durch Doppelbelichtung entstandenen Geister-Fotos, manipulierte Kerzen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt während der Séance erlöschen, und ähnliche Elemente mit Madame Pinchbecks unheimlicher Magie. Das alles führt zu wunderbar fesselnden Szenen, die gerade deshalb, weil man als Leserin hinter die Kulissen schauen darf, sehr atmosphärisch sind. Dazu kommt, dass man sich natürlich die ganze Zeit fragt, wie es die drei Kinder wohl schaffen werden, sich aus der magischen Gefangenschaft zu retten, in die sie geraten sind. Dabei präsentiert Jenni Spangler schon früh im Buch kleine Hinweise, die einem aber erst im Laufe der Geschichte genügend Informationen bieten, um eine Idee davon zu bekommen, was zur Befreiung der drei beitragen könnte. Mir gefiel es sehr, dass die Auflösung nicht direkt auf der Hand lag und ich mich so bei jeder Szene fragte, ob diese kleine Anektdote oder dieser Nebensatz vielleicht einen Teil des Puzzles enthalten könnte.

Auch ist es der Autorin gelungen, die Verzweiflung, die Einsamkeit und die Hilflosigkeit von Leander, Charlotte und Felix glaubwürdig darzustellen, ohne dass die Geschichte dadurch (für jüngere Leser.innen) unerträglich würde. Denn trotz der deprimierenden Lebensumstände der verschiedenen Personen und der ständig drohenden Gefahr durch Madame Pinchbeck gibt es auch immer wieder amüsante oder berührende Momente mit den drei Kindern. Ich mochte es, wie sich langsam (und von Charlottes Seite recht widerwillig) eine Freundschaft zwischen Leander und den anderen beiden entwickelt. Dank Leanders „Ausbildung“ durch Felix und Charlotte lernt man eine Menge über das Leben auf der Straße und die Techniken, die Madame Pinchbeck bei ihren Auftritten verwendet. Aber diese Szenen sorgen auch – ebenso wie die Passagen, die aus der Sicht der beiden geschrieben wurden – dafür, dass man Charlotte und Felix besser kennen und ihr Verhalten verstehen lernt. Ich habe „The Vanishing Trick“ beim Lesen wirklich sehr genossen. Die Handlung war stellenweise ganz schön unheimlich und deprimierend, aber es gab dafür auch genau die richtige Menge amüsanter und überraschender Szenen, um all die düsteren Momente wieder auszugleichen.

Kwame Mbalia: Tristan Strong Punches a Hole in the Sky (Tristan Strong 1)

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ von Kwame Mbalia gehört zu den „Rick Riordan Presents“-Veröffentlichungen, die mehr Aufmerksamkeit auf Geschichten von Own-Voice-Autor.innen lenken sollen. Der Protagonist Tristan Strong ist ein African-American-Teenager, der von seiner Großmutter sein Leben lang Geschichten gehört hat, die sich um Figuren wie John Henry, High John, Brer Rabbit oder Anansi drehen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Eddie hat Tristan diese Figuren und ihre Abenteuer immer wieder aufgegriffen, und nachdem Eddie bei einem Busunfall verstorben ist, bleibt Tristan nur noch das Notizbuch, in dem sein Freund all diese Geschichten niedergeschrieben hat. Doch Tristan ist nicht der Einzige, für den Eddies Notizbuch etwas Besonderes ist, und so ertappt er eines nachts die legendäre Gum Baby beim Klauen des Buches. Als Tristan ihr folgt, gerät er nach Alke, eine geheimnisvolle und bedrohliche Welt, in der all die Götter und Sagengestalten leben, von denen er bislang nur gehört hatte. Doch Alke steckt in Schwierigkeiten, mit denen nicht einmal diese mächtigen Götter fertig werden, und es sieht so aus, als wäre Tristan die Ursache für all die Probleme dieser fantastischen Welt.

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ erzählt eine großartige Handlung voller legendärer Helden und voller Bezüge auf afrikanische und afro-amerikanische Legenden. Obwohl so viel Schreckliches in dem Roman passiert, Tristan von Anfang an um seinen Freund Eddie trauert und nicht weiß, wie er mit all diesen negativen Gefühlen umgehen soll, gibt es eine Menge amüsante Szenen in diesem Buch. Dazu kommt die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Tristan und seinen Mitstreitern wie der wehrhaften und mutigen Gum Baby, der Pilotin Ayanna oder gar dem Helden High John. Ich mochte es sehr, wie Kwame Mbalia die verschiedenen Sagengestalten in seiner fantastischen Welt aufgriff und wie er sie – trotz ihrer übernatürlichen Fähigkeiten – als stimmige Charaktere mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen darstellt. Es war für mich sehr spannend zu sehen, welche Elemente ich aus anderen Geschichten (wiederer)kannte und wie viele Legenden und Figuren – gerade aus den afro-amerikanischen Legenden – für mich noch vollkommen neu waren. Letzteres hat dann dazu geführt, dass ich immer wieder die Lektüre unterbrach, um online nach weiteren Informationen zu den verschiedenen Figuren zu suchen. Ich mag es, wenn Romane mich dazu bringen, noch weiter zu recherchieren und so meinen Horizont zu erweitern.

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich ein kleines Problem mit dem Protagonisten hatte – wobei ich davon ausgehe, dass das vor allem daran liegt, dass ich kein Junge im Teenageralter bin. Mich hat Tristans Trauer das gesamte Buch hindurch sehr berührt, ebenso wie seine Probleme mit seinem Vater und mit seinem Großvater, und ich fand es schön zu verfolgen, wie Tristan im Laufe der Geschichte mit seinen Emotionen umzugehen lernt und mehr über sich herausfindet. Aber die Tatsache, dass Tristan sich für Eddies Tod verantwortlich fühlt, führt in der Geschichte auch dazu, dass er sich lange Zeit weigert, aktiv zu werden, weil er eben befürchtet, dass er wieder jemanden im Stich lässt. Tristan will nur noch nach Hause, und egal wie sehr es ihn entsetzt, dass andere Personen in Gefahr sind, und egal wie viele Beweise er vor die Nase gesetzt bekommt, dass er in der Lage wäre, etwas zu tun, um die Situation zu verbessern, er bleibt über sehr, sehr viele Kapitel hinweg passiv und wehleidig. Und so sehr ich normalerweise wiederwillige Helden mag, so dauerte es mir hier etwas zu lange, bis Tristan sich endlich eingesteht, dass sich an seiner Situation nichts ändern wird, wenn er nicht mal sein Verhalten ändert und seinen Teil an der Rettung Alkes übernimmt.

Als Tristan dann aber endlich seiner Rolle als „Held“ gerecht wured und so langsam lernte, mit seinen eigenen Stärken und Schwächen umzugehen, mochte ich ihn ebenso gern wie all die anderen Figuren in „Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“. Was in mir die Hoffnung aufkommen lässt, dass mir der zweite Band („Tristan Strong Destroys the World“) der Trilogie noch besser gefallen wird als der erste Band, da Tristan sich ja nun mit seinen besonderen Fähigkeiten abgefunden hat und seine Heldenrolle vielleicht etwas weniger widerwillig übernehmen wird. Aber selbst wenn Tristan es mir als Leserin wieder etwas schwer machen sollte, so freue ich mich doch auf all die unvertrauten und spannenden Elemente aus den afrikanischen und afro-amerikanischen Legenden, die Kwame Mabalia dort aufgreifen und verwenden wird. Diesen Teil des Romans habe ich, ebenso wie die vielfältigen Nebencharaktere und die große Rolle, die (mündlich erzählte) Geschichten in der Handlung einnehmen, uneingeschränkt genossen.