Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Phil Hickes: The Vanishing of Aveline Jones (Aveline Jones 3)

„The Vanishing of Aveline Jones“ ist schon der dritte Band von Phil Hickes (mit Illustrationen von Keith Robinson) rund um Aveline Jones und ihre unheimlichen Erlebnisse. Ich freue mich inzwischen jedes Mal sehr, wenn ein neuer Teil angekündigt wird, weil ich diese gruseligen Kinderbücher wirklich wunderbar atmosphärisch finde. Und nachdem die letzte Geschichte im Sommer spielte, fand ich es umso schöner herauszufinden, dass sich Aveline dieses Mal in den Tagen vor Weihnachten übernatürlichen Gefahren stellen muss. Genau genommen reist Aveline gemeinsam mit ihrem Freund Harold und ihrer Mutter und ihre Tante Liliane nach Scarbury, wo sie das Haus von Avelines Onkel Rowan für einen Verkauf herrichten wollen. Onkel Rowan ist vor zehn Jahren kurz vor Weihnachten von einem Moment auf den anderen spurlos verschwunden. Es gab keinerlei Hinweise auf ein Verbrechen und bis heute fragen sich seine Schwestern, was aus Rowan geworden ist.

Aveline und Harold sind fest entschlossen, während ihres Aufenthalts in Scarbury mehr über Onkel Rowans Verschwinden herauszufinden. Bei ihrer Durchsuchung seines Arbeitszimmers finden sie einige Hinweise auf ein altes Hügelgrab, das in der Nähe des Ortes liegt, und in Sammy, der einen Blog für übernatürliche Ereignisse betreibt, finden die beiden einen örtlichen Experten rund um das Hügelgrab. Sammy ist es auch, der Aveline und Harold weitere Details zu all den Menschen erzählen kann, die in der Vergangenheit in der Umgebung von Scarbury spurlos verschwunden sind, und zu den Gerüchten, dass das Hügelgrab der Eingang zum Feenreich sein soll. So unheimlich und beängstigend diese Vorstellung ist, so gibt sie Aveline doch die Hoffnung, dass sie vielleicht in der Lage sein könnte, ihren Onkel wiederzufinden, wenn sie nur mehr über die Feen und ihre Machenschaften herausfindet.

Wie schon bei den anderen beiden Romanen („The Haunting of Aveline Jones“ und „The Bewitching of Aveline Jones“) hat mir diese Mischung aus eher alltäglichen Momenten und den unheimlichen Elementen, die damit verwoben wurden, sehr viel Spaß gemacht, auch wenn mir in „The Vanishing of Aveline Jones“ die Handlung fast schon zu schnell voranschritt, weil die nahe Wintersonnenwende für etwas „Termindruck“ sorgte. Ich genieße es bei diesen Geschichten sehr, wie gut sich Aveline und Harold mit ihren gegensätzlichen Fähigkeiten und ihrer gemeinsamen Bereitschaft, sich auf Übernatürliches einzulassen, ergänzen. Die Freundschaft dieser beiden Charaktere ist schon mehrfach auf die Probe gestellt worden, ohne dass es jemals zu Zerwürfnissen kam, was dazu führt, dass ich beim Lesen das Gefühl habe, dass ich darauf vertrauen kann, dass die beiden zusammen schon einen Weg aus den Schwierigkeiten finden, in die sie geraten sind.

Im Kontrast zu dieser wirklich nett zu lesenden Freundschaft stehen all die Szenen mit den Fae, die unheimlich und düster sind, die Aveline und den anderen Fallen stellen und jeden ihrer Schwachpunkte ausnutzen. Dabei fand ich es schön zu sehen, wie Phil Hickes immer wieder Elemente aus Avelines vorherigen Abenteuern aufgreift und aufzeigt, dass diese Herausforderungen sie stärker gemacht haben und ihr nun helfen, mit neuen Problemen fertigzuwerden. Ich muss gestehen, dass mir das Ende von „The Vanishing of Aveline Jones“ für so eine unheimliche Geschichte schon fast ein bisschen zu harmonisch war, aber auf der anderen Seite lese ich ja vor allem deshalb gruselige Kinderbücher, weil ich da sicher sein kann, dass am Ende alles gut ausgeht. Dieser Roman ist auf jeden Fall perfekt, um sich an einem kalten und regnerischen (oder verschneiten) Tag mit einer heißen Schokolade einzurollen und sich eine wunderbar atmosphärische und gruselige Geschichte erzählen zu lassen

James Nicol: The Spell Tailors

Nachdem mir die Apprentice-Witch-Titel von James Nicol so gut gefallen hatten, musste ich natürlich auch den neusten Roman des Autors lesen. „The Spell Tailors“ dreht sich um die Familie Danelli, die als Schneider von magischen Kleidungsstücken seit mehreren hundert Jahren Zaubersprüche in die von ihnen gefertigten Waren einsticken. Diese magischen Stiche versehen die Kleidungsstücke mit besonderen Eigenschaften, was für Sommerkleidung sorgt, die kühlt, oder Reisekleidung, die den Träger vor diversen Unannehmlichkeiten beschützen kann. Doch in den vergangenen Monaten lief das Geschäft nicht gerade rund. Es gab Gerüchte, dass magische Kleidung ihre Träger krank machen kann, und dann ist da noch die wachsende Popularität der Kleiderfabrik von Tiberius Pepper, der günstigere verzauberte Massenware anbietet. So muss sich der zwölfjährige Hen(ryton) nicht nur Sorgen um den Laden machen, den seine Nana führt, sondern auch mitansehen, wie ein Schneidergeschäft nach dem anderen in der kleinen Stadt Sparrow Down schließt. Noch ernsthafter wird die Situation, als sein Onkel Bertrand mitsamt dessen Frau Lucia und Tochter Connie bei Hen und Nana einzieht. Onkel Bertie ist wild entschlossen, das Familiengeschäft am Leben zu halten, und er hat auch ganz genaue Vorstellungen davon, wie er das erreicht. Hen hingegen setzt seine Hoffnungen auf all die Dinge, die er von seiner Nana gelernt hat, und auf den neuen Erinnerungszauber, den er gerade erst entdeckt hat.

So sehr ich die Grundidee der Geschichte mochte, so muss ich doch gestehen, dass ich beim Lesen der ersten Hälfte von „The Spell Tailors“ (gemeinsam mit Hen) unglaublich frustriert war. Es hat mich regelrecht fertiggemacht, dass Hen und seine – noch recht unerprobten – magischen Fähigkeiten als Sündenbock für alles herhalten mussten, was in dem Geschäft der Danellis schlief läuft, während gleichzeitig sein Onkel Bertie in all seiner Besorgtheit und seinem Übereifer die Situation kontinuierlich verschlimmert. Einzig die langsam wachsende Freundschaft zwischen Hen und seiner Cousine Connie hat diesen Teil für mich erträglich gemacht.

Die zweite Hälfte der Geschichte konnte ich hingegen deutlich mehr genießen, da James Nicol dort trotz aller erschütternden Entdeckungen, die Hen und Connie machen, und all der Gefahren, die sie durchstehen müssen, eine für mich besser funktionierende Balance zwischen schrecklichen Ereignissen und humorvollen und gemütlichen Momenten gefunden hat. Insgesamt mochte ich die Idee mit den verzauberten Kleidungsstücken und ihrer Auswirkung auf die Person, die sie trägt, sehr. Auch Hen und seine Nana habe ich von Anfang an ins Herz geschlossen, weil beide so unglaublich liebenswert und so sorgfältig und aufmerksam bei ihrer Arbeit sind. Die Tatsache, dass Hens Leben mit Nana zwar nicht perfekt, aber grundsätzlich sehr schön war, hat es mir vermutlich auch so schwer gemacht zuzusehen, wie Onkel Bertie mit seiner besserwisserischen Art einfach über alles hinweggeht, was Nana in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat.

Insgesamt muss ich zugeben, dass mir „The Apprentice Witch“ etwas besser gefallen hat als „The Spell Tailors“, weil da für mich die Balance zwischen schönen und schrecklichen Elementen besser passte. Aber ich denke auch, dass ich ein zweites Lesen von „The Spell Tailors“ mehr genießen werde als dieses erste Mal, weil ich mich dann weniger auf die Handlung (und Onkel Berties Verbohrtheit) und mehr auf all die hübschen kleinen Details rund um die magischen Stiche und die verschiedenen liebenswerten Figuren konzentrieren kann. Es war halt nicht gerade einfach, all diese bezaubernden Einfälle des Autors zu würdigen, während ich nur endlich miterleben wollte, dass es für Hen wieder aufwärts geht. Immerhin kann ich sagen, dass James Nicol es am Ende sogar geschafft hat, mich mit Onkel Bertie auszusöhnen und davon zu überzeugen, dass Hen einfach alles flicken kann – sogar seine Familie.

Ashia Monet: The Black Veins (Dead Magic 1)

Ich weiß nicht mehr, wo ich über „The Black Veins“ von Ashia Monet gestolpert bin, aber ich bin mir sicher, dass es der Beginn des Klappentextes („In a world where magic thrives in secret city corners, a group of magicians embark on a road trip – and it’s the „no-love-interest“, found family adventure you’ve been searching for.“) war, der mich dazu brachte, den Roman auf meinen Wunschzettel zu setzen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der sechzehnjährigen Blythe, die den Großteil ihrer Kindheit damit verbracht hat, mit ihrer Familie von einem Ort zum nächsten zu ziehen. Erst vor einigen Jahren haben sich ihre Eltern niedergelassen und ein Café eröffnet, in dem Blythe neben der Schule und in den Ferien arbeitet. Sie liebt ihren Job als Barista, weil er so normal und alltäglich ist und sie davon ablenkt, dass sie zu den magischen Guardians gehört.

Die Guardians sind sieben Personen, denen als kleine Kinder einen Teil der sieben Quellen der Magie übertragen wurden. Dies macht die Guardians – wenn sie denn ihren Zugriff auf diese Magie meistern können – zu den mächtigsten Magiern ihrer Welt, aber auch zu einem politischen Spielball zwischen der aktuellen Regierung (the Black Veins) und der Rebellenregierung (Trident Republic), die diese stürzen will. Das ist jetzt eine sehr vereinfachte Darstellung der Rolle der Guardians und der politischen Situation in dieser – vor normalen Menschen verborgenen – magischen Parallelgesellschaft. Im Roman klingt das alles etwas weniger abwegig, auch wenn ich immer noch nicht davon überzeugt bin, dass es eine gute Idee sein soll, einem Haufen Kleinkinder so viel Macht zu übertragen, damit diese Magiemenge nicht länger ausschließlich in der Hand der sieben Personen liegt, die seit Jahrhunderten regieren. Als ihre Familie von den Rebellen entführt und die einzige Person, mit der Blythe befreundet ist, dabei schwer verletzt wird, macht sich das Mädchen auf den Weg, um die anderen Guardians zu suchen und dazu zu überreden, ihr bei der Rettung ihrer Lieben zu helfen. Was natürlich nicht so einfach ist, denn auf der einen Seite weiß Blythe so gut wie nichts über die anderen Guardians, und auf der anderen Seite gerät sie dabei mitten in den Krieg zwischen den Black Veins und der Trident Republic.

Bevor ich über all die Dinge rede, die mir wirklich gut an Ashia Monets Geschichte gefallen haben, muss ich zwei Sachen erwähnen, die mich gestört haben. Erst einmal las sich der Roman, als ob es kein abschließendes Lektorat gegeben hätte. Es gab keine groben Tippfehler, über die ich gestolpert wäre, aber regelmäßig fehlte ein Wort oder es stand an der falschen Stelle im Satz – oder ein Satz ergab keinen Sinn, bis ich in meinem Kopf ein Wort gegen eins mit ähnlichen Buchstaben ausgetauscht hatte (z.B. „time“ gegen „team“). Das sind alles Dinge, die bei einer automatischen Rechtschreibprüfung nicht gemeldet werden, die aber bei einem gründlichen Lektorat hätten auffallen müssen. Ich muss aber auch zugeben, dass ich die erste Auflage von „The Black Veins“ habe, und es gibt inzwischen eine „Anniversary Edition“ des Buchs, die später erscheinen ist und ein anderes Cover hat, bei der diese Fehler hoffentlich beseitigt wurden. Außerdem gibt es eine Phase in der Geschichte, in der Blythe – obwohl sie mit dem Wissen über den magischen Teil ihrer Welt aufgewachsen ist – noch einmal all die wichtigsten Informationen von einer anderen, erwachsenen Person erzählt bekommt. Auch wenn das den Leser*innen das notwendige Grundlagenwissen über diese magische Welt vermittelt, so fühlte es sich für mich doch vollkommen falsch an, dass Blythe da so belehrt wurde, obwohl sie doch den Großteil dieser Informationen schon haben sollte.

Nachdem ich nun alles losgeworden bin, was mich beim Lesen gestört hat, muss ich noch einmal betonen, dass ich trotzdem viel Spaß mit „The Black Veins“ hatte, weil ich all die verschiedenen Charaktere so mochte und es toll fand, wie Ashia Monet die allmählich wachsende Freundschaft zwischen Blythe und den anderen Guardians darstellte. Die Handlung in diesem Roman wird überraschend langsam erzählt, wenn ich bedenke, dass es ständig Auseinandersetzungen mit den Rebellen und anderen Widersachern gibt, aber das liegt daran, dass der Schwerpunkt eben auf den Figuren, ihrer Entwicklung und ihren Beziehungen zueinander liegt. Jeder der Guardians hat seine eigenen Stärken und Schwächen, jeder von ihnen hat seine eigenen Motive, um mit Blythe zu reisen, und es steht von Anfang an fest, dass es für sie nicht einfach wird, diese unerschiedlichen Personen auf ihre Seite zu ziehen und für ihr Anliegen zu gewinnen. Da die Charaktere so verschieden sind, fühlte es sich auch nicht langweilig an, dass ein großer Teil der Handlung daraus besteht, dass Blythe von einem Ort zum nächsten reist, dort den nächsten Guardian aufsucht, etwas besser kennenlernt und zum Mitreisen überredet. Es war eher so, dass dies mir das gleiche Gefühl vermittelte wie frühe RPGs und somit einen vertrauten Rahmen bildete für die Weiterentwicklung der Figuren.

Außerdem habe ich mich sehr gut über all das Geplänkel zwischen Blythe und den anderen Teenagern amüsiert. Da so unterschiedliche Charaktere in der Geschichte aufeinandertreffen, gibt es natürlich viele Reibungspunkt zwischen ihnen, die für unterhaltsame Szenen sorgen. Dazu gibt es immer wieder überraschend berührende Momente, in denen die sieben Personen füreinander da sind, sich gegenseitig unterstützen oder auch mal etwas zurechtstutzen, wenn jemand zu sehr über die Stränge schlägt. Ich mochte das Verhältnis dieser sieben Figuren zueinander sehr, ich fand es interessant zu sehen, wie sich die verschiedenen Magieformen darstellten, und ich fand es sehr schön, wie divers die Charaktere in diesem Roman sind und wie viel Mühe sie sich – trotz aller Reibereien – geben, um respektvoll miteinander umzugehen. Da ich Blythe und die anderen so sehr beim Lesen ins Herz geschlossen habe und so viel Spaß mit „The Black Veins“ hatte, hätte ich mir gern nach dem Beenden des Romans den nächsten Band besorgt. Doch obwohl das Buch als erster Teil der „Dead Magic“-Reihe bezeichnet wird und schon vor über drei Jahren erschienen ist, gibt es leider keinen Hinweis auf eine geplante Veröffentlichung des zweiten Bands. Für mich kann dieser erste Teil aber auch ganz gut für sich stehen, obwohl die Geschichte rund um den Kampf zwischen den beiden Regierungen nicht zu Ende erzählt wurde und die Guardians auf der letzten Seite zu einem weiteren Abenteuer aufbrechen.

Sangu Mandanna: Kiki Kallira Breaks a Kingdom (Kiki Kallira 1)

Auf „Kiki Kallira Breaks a Kingdom“ von Sangu Mandanna hatte ich mich gefreut, seitdem ich die erste Ankündung für das Buch gesehen hatte – und dann gab es in den Wochen nach der Veröffentlichung des Romans so viele begeisterte Stimmen, dass ich erst einmal etwas Abstand brauchte, bevor ich die Geschichte anfangen mochte. Bei einem ersten Anlesen in diesem Sommer war ich aber schon sehr angetan vom Erzählton und von der dreizehnjährigen Kiki, die alles versucht, um irgendwie mit ihren eigenen – irrationalen – Ängsten fertig zu werden. Kiki ist sich durchaus bewusst darüber, dass es eigentlich vollkommen unmöglich ist, dass sich ein Hai im Schulschwimmbecken aufhalten könnte, und trotzdem gibt es Tage, an denen sie nicht aufhören kann, daran zu denken, wie gefährlich das wäre. Um sich von all ihren Gedankenspiralen abzulenken, hat Kiki in den letzten Monaten zu ihrem Skizzenbuch und ihren Zeichenstiften gegriffen und eine fiktive Version der indischen Stadt Mysore (auf Deutsch Mysuru) geschaffen, in der Asura unter der Führung von Mahishasura die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, während die „Crow“ – eine Gruppe von Kindern – gegen diese Dämonen kämpfen. Angeführt werden die Crow von Ashwini, einem Mädchen, das Kiki nach dem Vorbild ihrer verstorbenen Ur-Großtante (die das schwarze Schaf der Familie war) gestaltet hat.

Als Kiki eines Tages herausfindet, dass ihre fantastische Version von Mysore ebenso wie all die Charaktere, die sie sich ausgedacht hat, von Mahishasura zum Leben erweckt wurden, sieht sie sich gezwungen, mit Hilfe der Crow gegen den Dämonen zu kämpfen. Doch natürlich ist es nicht so einfach für ein Mädchen, das kaum in der Lage ist, seine eigenen Ängste im Zaum zu halten, mal eben einen Dämonen zu besiegen. Dazu kommt, dass einige der Crow nicht gerade glücklich darüber sind, welches Leben sich Kiki für sie ausgedacht hatte. So muss Kiki nicht nur das Vertrauen ihrer Mitstreiter erringen, sondern auch einen Weg finden, mit ihren eigenen Problemen fertig zu werden, um überhaupt eine Chance gegen Mahishasura zu haben. Ich mochte es sehr, Kikis Perspektive zu verfolgen, und fand es stimmig, wie ihr auf der einen Seite bewusst ist, dass ihre Ängste nicht „normal“ sind, und wie ihr Leben auf der anderen Seite trotzdem von diesen Ängsten beherrscht wird. So ist es natürlich auch nicht verwunderlich, dass ihre psychischen Probleme auch ihre größte Schwachstelle beim Kampf gegen Mahishasura sind. Umso schöner war es deshalb auch zu verfolgen, wie Kiki im Laufe ihres Abenteuers herausfindet, dass ihre Ängste nicht ihr ganzes Leben beherrschen müssen und dass sie Stärken hat, die ihr helfen können, mit all ihren Problemen (inklusive Dämonen 😉 ) fertig zu werden.

Ich mochte auch Sangu Mandannas Erzählweise sehr gern, denn der Autorin gelingt es, eine gute Mischung aus amüsanten, berührenden und absurden Szenen zu einer wundervoll unterhaltsamen Geschichte zu verweben. Mir gefiel es auch, dass ich eigentlich immer das Gefühl hatte, ich könnte die Beweggründe der verschiedenen Figuren nachvollziehen, selbst wenn ich ihr Handeln selbst nicht gutheißen konnte. Neben Kiki und den Crow mit all ihren wunderbaren Begabungen gibt es so einige Charaktere, die – selbst wenn sie nur ein paar Zeilen lang im Buch vorkommen – einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben, weil sie so wichtig dafür waren, dass die fantastische Version von Mysore sich real anfühlte. Überhaupt ist Kikis fiktive Stadt mit ihrer Mischung aus realer indischer Kultur, Steampunk-Elementen und Magie einfach eine großartige Kulisse für ein solches Abenteuer, und ich hätte gern noch viel mehr Zeit dort verbracht. Weshalb ich mir noch während des Lesens von „Kiki Kallira Breaks a Kingdom“ die Fortsetzung, „Kiki Kallira Conquers a Curse“, bestellt habe – allerdings in der zu meinem Buch passenden Taschenbuch-Ausgabe, weshalb ich leider noch bis zum kommenden Mai warten muss, bis ich gemeinsam mit Kiki weitere Ecken von Mysore erkunden kann.

 

Jacqueline West: Long Lost

Die Handlung in „Long Lost“ von Jacqueline West wird aus Sicht der elfjährigen Fiona erzählt, die gerade mit ihrer Familie in den kleinen Ort Lost Lake gezogen ist. Fiona ist nicht gerade glücklich mit diesem Umzug, weil dieser bedeutet, dass sie all ihre Freunde (und sie schließt nicht gerade leicht Freundschaften) zurücklassen musste, nur damit ihre ältere Schwester Arden besseren Zugang zu ihrem Eiskunstlauf-Training hat. Überhaupt hat Fiona das Gefühl, dass sich in der Familie alles um die dreizehnjährige Arden dreht, während sie selbst und ihre Bedürfnisse ständig übersehen werden. Einziger Lichtblick in Lost Lake ist die Öffentliche Bibliothek, die sich in einem ehemaligen Herrenhaus befindet. Vor allem ein Buch mit dem Titel „The Lost One“, das die Geschichte der beiden Schwestern Hazel und Pearl erzählt, hat es Fiona angetan. Je mehr Fiona über das Buch herausfindet, desto sicherer ist sie sich, dass die Handlung in „The Lost One“ von einer wahren Begebenheit in Lost Lake erzählt. Doch bevor Fiona das Ende lesen kann, verschwindet das mysteriöse Buch, und die Bibliotheksleiterin versichert ihr glaubhaft, dass es einen solchen Titel niemals im Bestand der Bibliothek gab.

Ich habe „Long Lost“ wirklich gern gelesen und es genossen, mit Fiona zusammen mehr über Hazel und Pearl zu erfahren – und darüber, wie eine der beiden Schwestern verschwand. Es gelingt Jacqueline West, über lange Zeit hinweg offen zu lassen, ob etwas Übernatürliches in Lost Lake vor sich geht oder ob Fionas Fantasie mit ihr durchgeht, während es ganz einfache Erklärungen für all die Vorgänge gibt, die sie so sehr beschäftigen. Ich mochte dieses Miträtseln und ich habe Fionas Perspektive gern verfolgt. Die Protagonistin hat mir wirklich leidgetan, weil sie niemanden hatte, mit dem sie reden konnte. Sie vermisst die ganze Zeit über ihre Freunde, und jedes Mal, wenn ihre Eltern ihr etwas versprechen, dann wird sie von ihnen im Stich gelassen. Das hat dazu geführt, dass ich sehr gut verstehen konnte, wieso sie sich so von ihrer Familie missachtet fühlt und wieso sie irgendwann ihren Gefühlen Luft machen muss – auch wenn Fiona sich da alles andere als nett verhält. Vor allem fand ich es spannend, dass ich mich die ganze Zeit beim Lesen gefragt habe, ob ich die Geschichte als jüngere Leserin anders wahrgenommen hätte. Denn so sehr ich mit Fiona mitfühlte, so konnte ich als erwachsene Leserin doch verstehen, dass die ganze Situation auch für ihre Eltern und ihre ältere Schwester Arden ziemlich schwierig ist.

Dazu mischen sich den gesamten Roman hindurch Fionas Erlebnisse mit denen von Hazel und Pearl, und das sorgt für eine faszinierende Lektüre. So wie die Handlung nur aus Fionas Sicht erzählt wird, erfährt sie von den Ereignissen rund um die beiden Schwestern nur aus Pearls Perspektive. Um der Wahrheit auf den Grund gehen zu können, muss Fiona irgendwann die Geschehnisse in Frage stellen, die Pearl beschreibt, und die Entwicklung, die das in Fiona auslöst, habe ich sehr gern verfolgt. Jacqueline West hat wirklich ein Händchen dafür, Geschichten mit lauter kleinen unheimlichen Elementen zu schreiben, die einen immer wieder an all den rationalen Erklärungen zweifeln lassen, die doch so offensichtlich zu sein scheinen. Dazu kommen wunderbar atmosphärische Beschreibungen des trostlos wirkenden Ortes Lost Lake und Charaktere, die so realistisch wirken, dass sie mich auch dann nicht ganz losgelassen haben, wenn ich eine Lesepause einlegen musste. Nachdem mir „Long Lost“ so gut gefallen hat, frage ich mich ehrlich gesagt, ob ich mir „Olive und das Haus der Schatten“ – ein Jacqueline-West-Titel, den mir Natira vor einigen Jahren geliehen hatte – noch einmal im Original anschauen (und vielleicht auch noch die Fortsetzungen lesen) sollte.

Elizabeth Acevedo: With the Fire on High

„With the Fire on High“ von Elizabeth Acevedo war für mich beim Lesen ein wunderbares Wohlfühlbuch, auch wenn die Themen, mit denen sich die Protagonistin Emoni auseinandersetzen muss, nicht immer einfach waren. Emoni ist zu Beginn der Geschichte 17 Jahre alt, sie geht zur High School, arbeitet nebenbei bei einer Fast-Food-Kette, um ihre Großmutter finanziell unterstützen zu können, und weiß nicht so recht, welche Zukunft sie nach der Schule anvisieren soll. Sie träumt davon, eines Tages als Köchin zu arbeiten, doch da Emoni eine zweijährige Tochter namens Emma hat, deren Wohl für sie wichtiger ist als alles andere, geht sie davon aus, dass sie die Ausbildung zur Köchin nicht finanziert bekommt. Neben der finanziellen Seite hat sie auch das Gefühl, sie müsse endlich ihre Großmutter entlasten, die nicht nur Emonis Vater Julia, sondern auch Emoni aufgezogen und ihr in den vergangenen zwei Jahren zusätzlich geholfen hat, sich um Emma zu kümmern.

Emonis Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, ihr Vater ist kurz darauf nach Puerto Rico zurückgegangen, zu ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits hat sie so gut wie keinen Kontakt, und so müssen Emoni, ihre Großmutter und die kleine Emma schauen, wie sie zurechtkommen. Dabei lässt Elizabeth Acevedo ihre Protagonistin Emoni sehr sachlich ihre Lebensumstände beschreiben. Überhaupt ist Emonie ziemlich pragmatisch, wenn es um ihr Leben und ihre Zukunftsaussichten geht. Manchmal vielleicht zu pragmatisch, denn die junge Frau hat ein magisches Händchen, wenn es ums Kochen geht, und – wie im Laufe der Geschichte deutlich wird – so einige Personen um sich herum, die ihr helfen wollen, ihre Träume zu verwirklichen. Elizabeth Acevedo erzählt die Geschichte in vielen kleinen Kapiteln, von denen einige einen Rückblick auf Emonis Kindheit bieten und auf die Zeit, in der sie Tyrone kennenlernte und von ihm schwanger wurde.

Dabei verschweigt Emoni nicht, wie leichtsinnig sie war und dass sie nicht nur mit Tyrone zusammen war, weil er sie so umgarnt hat, sondern auch, weil sie „mitreden können“ wollte. Diese Sachlichkeit und diese Selbsterkenntnis haben mir ebenso gefallen wie die Tatsache, dass Emonis Verhältnis zu Tyrone auch zwei Jahre nach Emmas Geburt zwar nicht einfach ist, er aber nicht als Bösewicht dargestellt wird. Tyrone ist einfach nur ein junger Mensch, der Fehler gemacht hat und der nun mit den Folgen leben muss, und das bekommt er – ebenso wie Emoni – mal besser und mal schlechter auf die Reihe. Überhaupt mochte ich all die Figuren um die Protagonistin von ihrer Großmutter, die im Laufe der Handlung zugibt, dass sie auch gern mal wieder als eigenständige Person wahrgenommen werden würde, über Emonis beste Freundin Angelica, die auf der einen Seite so tough und auf der anderen Seite so unsicher ist, wenn es um ihre Liebste geht, bis zu Chef Ayden, der Emoni beibringt, dass es manchmal wichtiger ist, Regeln einzuhalten, als das bestmögliche Essen zu kochen.

Ich finde es wirklich schwierig, hier genau zu beschreiben, was mir so viel Freude beim Lesen von „With the Fire on High“ gemacht hat, weil es eben so viele kleine Situationen waren, die mir gefallen haben. Vielleicht waren es all die kleinen Momente, in denen Elizabeth Acevedo der Handlung einen fürchterlich dramatischen Dreh hätte geben können und in denen sie genau darauf verzichtet hat. Stattdessen bekommen wir mit dieser Geschichte Emonis Leben als eine gute Mischung aus Herausforderungen, die mal mit Hilfe, mal ohne Beistand von ihr bewältigt werden, und schönen Momenten präsentiert. Emoni hat definitiv kein einfaches Leben, aber egal wie erschöpft und überfordert sie häufig ist, sie wächst im Laufe des Romans an all den Herausforderungen, mit denen sie fertig werden muss, und das ist wirklich sehr schön zu verfolgen.

Fiona Longmuir: Looking for Emily

„Looking for Emily“ von Fiona Longmuir war eine spontane Bestellung, die ich in den letzten Tagen getätigt hatte, nachdem ich (mal wieder) auf Twitter über den Titel gestolpert war und den Klappentext sehr ansprechend fand. Die zwölfjährige Protagonistin Lily ist zu Beginn der Geschichte gerade erst mit ihrer Mutter aus der Großstadt in die kleine Küstenstadt Edge gezogen und sie ist nicht glücklich darüber. Edge ist viel zu klein und langweilig, nie passiert etwas in der kleinen Stadt und dann ist da noch die Tatsache, dass Lily niemanden in ihrer Klasse kennt und keine Freunde hat. Erst als sie über ein ungewöhnliches privates Museum stolpert, hat Lily das Gefühl, dass Edge immerhin ein Rätsel für sie zu bieten hat. Versteckt hinter einer unauffälligen Tür zwischen zwei kleinen Fischerhäuschen findet Lily in dem „Museum of Emily“ lauter kleine und alltägliche Dinge, die einmal einem Mädchen namens Emily gehört haben.

Was das Museum nicht zu bieten hat, ist eine Antwort darauf, wieso jemand all diese Dinge sorgfältig aufbewahrt und belabelt hat, und erst recht nicht darauf, wer Emily überhaupt war und was aus ihr geworden ist. Kurz nach der Entdeckung des Museums freundet sich Lily mit ihrer Nachbarin Sam und deren Freund Jay an und gemeinsam versuchen die drei mehr über Emily herauszufinden. Vor allem stürzen sich die Freunde dabei auf das Archiv der örtlichen Bibliothek und natürlich auf all die Schaustücke in Emilys Museum. Was ich etwas seltsam fand, war, dass keines der Kinder auf den Gedanken kam, dass sie mal jemanden nach Emily fragen könnten, der schon länger in Edge lebt, obwohl es viele Hinweise darauf gab, dass Emily in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren in dem Ort gelebt haben müsste. Natürlich sind die drei wild entschlossen selber herauszufinden, was mit Emily geschehen ist, aber meiner Meinung nach würde es doch auf der Hand liegen bei einem solchen Rätsel auch ältere Anwohner als Informationsquelle heranzuziehen. Aber vielleicht hatte die Autorin das Gefühl, dass sie mit Lily, ihren beiden Freunden, den Lehrerinnen, einer Bibliothekarin, Emily und all den dazugehörigen Familienmitgliedern schon genügend Figuren in ihre Geschichte gepackt hatte.

Außerdem war ich anfangs etwas verwirrt, was die Zeitspanne anging, in der die Handlung passierte, denn immer wenn ich den Eindruck hatte, dass mehrere Tage vergangen waren, gab es einen Satz, der zu sagen schien, dass die gerade gelesenen Sachen an einem einzigen Tag passiert sind. Während ich bei anderen Szenen das Gefühl hatte, das wäre direkt hintereinander passiert, während dann wieder ein Satz kam, der andeutete, dass mehr Zeit vergangen war. Diese Zeitverwirrtheit könnte aber auch an mir gelegen haben, da ich die ersten Kapitel mit relativ viel Abstand gelesen hatte, oder vielleicht lag es daran, dass am Anfang Lilys Passagen von kurzen Kapiteln unterbrochen wurden, in denen Emily von den Ereignissen erzählt, die zu ihrem Verschwinden geführt haben. In der zweiten Hälfte des Buches wurde das auf jeden Fall besser und grundsätzlich hat mich diese Verwirrtheit nicht so sehr gestört, dass sie mich aus der Geschichte rausgebracht hätte.

Insgesamt hat mir „Looking for Emily“ sehr gut gefallen. Ich mochte Lily mit all ihren Ecken und Kanten – sie macht es Sam und Jay nicht immer einfach mit ihr befreundet zu sein – und ich fand es sehr unterhaltsam zu verfolgen wie Lily und die beiden anderen zusammen mehr über Emily herausgefunden haben. Im Laufe der Zeit werden ihre Ermittlungen immer gefährlicher für die drei, was wirklich spannend zu lesen war. Vor allem, da die Protagonistin versucht sich erwachsene Hilfe zu holen und daran scheitert, dass sie nicht ernst genommen wird. Neben den fesselnden Passagen gelingt es Fiona Longmuir ihre Geschichte immer wieder mit amüsanten und heimeligen Elementen aufzulockern und einem beim Lesen die Gewissheit zu vermitteln, dass am Ende alles gut ausgehen wird. Außerdem bin ich – auch nach dem Lesen des Romans – immer noch ganz verliebt in die Idee eines „Museums of Emily“ und all die kleinen Details, die Lily, Sam und Jay über all die alltäglichen Ausstellungsstücke über Emily herausgefunden haben und finde, dass das eine wunderbare Basis für eine Geschichte ist.

Rae Carson: The Girl of Fire and Thorns

Ich muss gestehen, dass der Debütroman von Rae Carson ziemlich an mir vorbeigegangen ist, als er vor ca. 11 Jahren erschien, obwohl ich mir sicher bin, dass einige Personen ihn gelesen haben, deren Blogs ich folg(t)e. Und ich habe keine Ahnung mehr, was mich im vergangenen Herbst dazu brachte, spontan das eBook zu kaufen (wenn ich mal vom günstigen Preis absehe). Aber ich bin sehr froh, dass ich mir den Roman gegönnt habe, und habe in der vergangenen Woche gespannt all die Ereignisse rund um die Protagonistin Elisa verfolgt. Elisa ist „die Auserwählte“, diejenige, die am Tag ihrer Taufe von Gott mit einem Edelstein im Bauchnabel versehen wurde. Elisa wird irgendwann in ihrem Leben hoffentlich eine große Aufgabe erfüllen, doch was für eine Aufgabe das sein wird, weiß niemand. Und Elisa ist diejenige, die am wenigsten von allen versteht, warum gerade sie auserwählt wurde – was auch der Grund dafür ist, dass sie im Laufe der Zeit eine ausgewachsene Essstörung entwickelt hat, die dafür sorgt, dass Elisa ziemlich dick ist.

An ihrem sechzehnten Geburtstag wird Elisa mit König Alejandro verheiratet und reist mit ihm in seine Heimat. Dort muss sie zu ihrer großen Überraschung feststellen, dass Alejandro ihre Hochzeit erst einmal geheimhalten will und sie nur als Ehrengast bei Hof vorstellt. Doch das Leben und die Intrigen an diesem fremden Hof sind nur eine der Herausforderungen, die auf Elisa warten. An den Grenzen des Landes stehen feindliche Truppen, Rebellen sorgen für Unruhen und schon bald findet Elisa heraus, dass es deutlich mehr über den Götterstein in ihrem Bauchnabel zu wissen gibt, als ihr beigebracht wurde. Während Elisa anfangs schüchtern und voller Minderwertigkeitskomplexe ist, fand ich es schön zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt und an ihren Herausforderungen wächst. Ich fand es durchaus verständlich, dass Elisa das Gefühl hatte, dass sie neben ihrer schönen, klugen und weltgewandten großen Schwester Alodia verblasst und dass ihre Gesellschaft nur wegen des Göttersteins gesucht wird. So versteckt sie sich vor der Welt hinter ihrem Essen und hinter Schriftrollen, die ihr vielleicht mehr zu ihrem Schicksal verraten können.

Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen Elisa schon früh beweist, dass sie eine kluge und herzliche Person ist. Ich mochte es zum Beispiel sehr, wie sie im Laufe der Geschichte auf ihren Mann Alejandro reagierte. Anfangs ist sie – verständlicherweise – überwältigt davon, dass ein erfahrener und so gut aussehender Mann so freundlich mit ihr umgeht, während sie mit jeder weiteren Begegnung mehr über ihn lernt und so auch seine Schwächen wahrnimmt. Sie bemüht sich während der gesamten Handlung von „The Girl of Fire and Thorns“ hart darum, sich den Respekt der Personen um sich herum zu erarbeiten. Und je mehr Elisa den anderen Menschen beweist, dass sie mehr ist als nur die Trägerin des Göttersteins, dass sie eine Person ist, die ihre Versprechen hält und bereit ist, wirklich weit zu gehen, um diejenigen zu beschützen, die ihr am Herzen liegen, desto mehr lernt sie sich selbst zu mögen und ihren Fähigkeiten zu vertrauen. Ich mochte es sehr, wie Rae Carson nicht nur Elisa, sondern auch all die anderen Figuren in dieser Geschichte angelegt hat. Wenn ich ehrlich bin, sorgte die Autorin schon früh dafür, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, ich könne keinem Charakter rund um Elisa vertrauen. Aber Rae Carson gelang es auch, mir zu vermitteln, dass jede ihrer Figuren einen guten Grund für ihr Handeln hat – und das hat mir wirklich viel Spaß gemacht.

Interessant fand ich auch den Weltenbau bei „The Girl of Fire and Thorns“, denn Rae Carson lässt dabei viele Elemente offen und bietet relativ wenig Erklärungen für diese Mischung aus arabischer und spanischer Kultur. Die wenigen Hinweise, die es in den „religiösen Texten“ gibt, die Elisa regelmäßig liest, haben bei mir das gleiche Gefühl hinterlassen wie viele ältere SF-Romane, die ich früher gelesen habe. So als ob die Autorin eine grobe Idee hatte, die darauf basiert, dass eine (unsere?) Welt aufhörte zu existieren und ihre Bewohner deshalb in einer anderen Welt Zuflucht fanden. Das würde die Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elementen ebenso erklären wie einige der Legenden rund um vergangene Ereignisse. Auf der anderen Seite bot mir Rae Carson beim Lesen aber auch sehr viele realistische und alltägliche Details rund um das Überleben in der Wüste, das Bewegen in der Natur und die Dinge, auf die jemand achten muss, der ohne Vorräte in der Wildnis zurechtkommen muss. Ich mochte es sehr, dass in ihrer Welt nicht einfach Bogenschützen in der Wüste unterwegs sind, denn schließlich müssen sich die Menschen am Rande der Wüste gut überlegen, ob sie irgendwo Holz für Pfeile und Bögen herbekommen oder ob sie ihren Krieg nicht eher mit Schleudern und ähnlichen Mitteln führen sollten.

All diese Elemente zum Weltenbau und zum Alltag der Figuren mochte ich sehr. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin ihre Charaktere angelegt hatte, und ich fand es faszinierend, Elisa zu begleiten, während sie an all ihren Herausforderungen wächst. Insgesamt hat die Handlung einen gefährlichen „noch ein Kapitel“-Sog auf mich ausgeübt, der für längere Frühstückspausen gesorgt hat, als ich mir eigentlich leisten konnte. Die Geschichte ist am Ende von „The Girl of Fire and Thorns“ noch nicht abgeschlossen, aber der Ausklang des Romans ist so rund, dass das Buch für sich stehen kann. Ich fürchte allerdings, dass ich mit wohl in näherer Zukunft noch die nächsten Bände holen werde, auch wenn ich eigentlich eine eBook-Kaufpause einlegen wollte, bis ich wieder ein paar Titel aus meinem Bestand gelesen habe. Aber ich möchte zu gern wissen, wie es mit Elisa und all den anderen Charakteren weitergeht und wie sie mit den weiteren Herausforderungen, die noch auf sie warten, umgehen wird.

Leslie Vedder: The Bone Spindle

Mit „The Bone Spindle“ erzählt Leslie Vedder eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Im Prolog stellt die Autorin das fantastischen Königreich Andar vor, dessen jüngster Prinz von der Spindle Witch verflucht wurde. Nur durch den Einfluss der anderen drei großen Hexen (der Snake Witch, der Dream Witch und der Rose Witch) konnte der Fluch gemildert werden. Das Königreich Andar wurde durch diesen Fluch vernichtet, seine Bewohner flohen in die anliegenden Reiche, die drei großen Hexen starben bei dem Versuch, die Spindle Witch zu besiegen, und alle Personen im Schloss fielen – ebenso wie Prinz Briar – in einen unendlichen Schlaf, der nur durch den Kuss einer jungen Frau gebrochen werden kann. Doch bislang hat es niemand geschafft, den Fluch über Andars Prinzen zu brechen. Stattdessen durchstöbern Schatzjäger die Ruinen des zerstörten Königreichs nach kostbaren Schätzen, magischen Artefakten und unbekannten Zauberbüchern. Diese Schatzsuchen sind nicht ganz ungefährlich, denn die wertvollsten Dinge in diesen Ruinen werden durch ausgeklügelte Zauber und Fallen geschützt.

Auch die Protagonistinnen Fi – genauer Lady Filore Nenroa – und Shane, eine Kriegerin aus dem Norden, sind Schatzjägerinnen, wobei Shane vor allem auf Reichtümer aus ist, während Fi auf der Suche nach Wissen über das verlorene Königreich Andor und die Orden der großen Hexen ist. Genau genommen hofft Fi, dass sie in den Unterlagen der alten Hexen-Orden Informationen findet, die ihr helfen, einen Fluch zu brechen, mit dem sie ihr Ex-Freund vor einem Jahr verhext hat. Doch stattdessen stolpert sie bei einem gemeinsamen Abenteuer mit Shane über einen weiteren Fluch – den Fluch, den die Spindle Witch auf den Prinzen von Andor gelegt hat. Dieser Fluch sorgt für einen Seelenbund zwischen Fi und dem schlafenden Briar, und je länger dieser Bund besteht, desto näher kommen sich die beiden. Auf ihrem Weg zum verfluchten Schloss von Andor müssen sich Fi und Shane nicht nur mit dunkler Magie, Hexenjägern, einem manipulativem Ex-Freund und einer rätselhaften jungen Frau in einem roten Umhang herumschlagen, sondern auch mit der dunklen Magie der Spindle Witch. Trotzdem ist „The Bone Spindle“ alles andere als eine düstere Geschichte, denn allein schon die gegensätzlichen Charaktere der beiden Protatonistinnen sorgen für diverse amüsante Szenen.

Ich mochte es sehr, dass Fi und Shane anfangs nicht mehr als „Arbeitskolleginnen“ waren, die sich miteinander arrangieren, obwohl sie die andere Person und ihr Verhalten häufig nicht verstehen können. So konnte ich abwechselnd mit einem Schmunzeln Fis und Shanes Gedanken verfolgen, die sie sich über ihre Kollegin machten, und nach und nach miterleben, wie sich diese beiden so unterschiedlichen Frauen miteinander anfreunden. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin verschiedene Märchenelemente aufgreift und ihre ganz eigene Geschichte daraus spinnt. Dabei belässt sie es nicht dabei, Prinz Briar zum Opfer des Fluches zu machen oder sich einfach bei bekannten Märchen zu bedienen, sondern sie baut eine ganz eigene Welt rund um die Hexen-Orden, die Schatzjäger und das verfluchte Königreich auf. Allerdings muss ich zugeben, dass „The Bone Spindle“ durch die ausführliche Vorstellung der Figuren (und der Welt) in den ersten Kapiteln etwas gemächlich anfängt. Ich habe das erste Drittel des Romans problemlos immer wieder aus der Hand legen und stattdessen in anderen Büchern stöbern können, aber als dieser Teil vorbei war, hat mich die Handlung so richtig gepackt und dafür gesorgt, dass ich „nur noch eben ein Kapitel“ gelesen habe, bis der Roman zuende war.

Das Einzige, was mich beim Lesen etwas irritiert hat, war das Alter der Protagonistinnen. Fi zum Beispiel ist siebzehn und wurde vor einem Jahr von ihrem Ex-Freund, mit dem sie sich einen Ruf als Schatzjägerin erarbeitet hatte, verflucht. Und wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich, wie alt Fi bitte war, als sie anfing, gemeinsam mit ihrem Ex als Schatzjägerin zu arbeiten. Selbst wenn sie relativ schnell gewisse Berühmtheit erlangt hat, so kann sie zu Beginn ihrer Karriere maximal fünfzehn Jahre alt gewesen sein, und das finde ich schon etwas arg jung. Und auch bei Shane frage ich mich etwas, wie alt sie wohl gewesen sein muss, als sie ihr Zuhause (kurz vor ihrer Heirat!) hinter sich ließ – und wie sie sich dann so schnell Berühmtheit als Kriegerin erarbeiten konnte. Wenn ich dann noch all die deprimierenden Monate in Betracht ziehe, die sie als Söldnerin mit zweifelhaften Jobs verbracht hat … Aber nun gut, ich vermute mal, dass die anvisierte jugendliche Zielgruppe der Grund dafür ist, dass Fi und Shane deutlich jünger sind, als sie meiner Ansicht nach sein dürften, und grundsätzlich hat mich das Ganze nicht so sehr gestört, dass es mein Lesevergnügen deutlich getrübt hätte. Auch wenn ich es natürlich trotzdem hier ansprechen musste …

Insgesamt hat mir „The Bone Spindle“ wirklich gut gefallen. Ich mochte die beiden Protagonistinnen mit all ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen sehr gern, ich fand es unterhaltsam zu verfolgen, wie Briar versucht, Fis Herz für sich zu gewinnen, und ich habe es genossen, zu lesen, wie Fi und Shane sich im Laufe ihrer Reise anfreunden und immer wieder füreinander einstehen. Selbst wenn es hier und da Momente gab, in denen ich das Verhalten der beiden Protagonistinnen nicht wirklich klug fand, konnte ich ihre Beweggründe in der Regel nachvollziehen, was dafür gesorgt hat, dass mich diese Passagen so gar nicht gestört haben. Stattdessen habe ich mich über die vielen kleinen Entwicklungen, die die Figuren durchmachen, und über jede neue Information zu ihren Hintergründen gefreut. Ich fand es spannend, dass einige Charaktere in der Geschichte nur einen kleinen Auftritt hatten und es der Autorin doch gelang, sie so darzustellen, dass sie einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Am Ende gibt es noch so viel über Fi, Shane, Briar, Red und die Paper Witch herauszufinden, dass ich sehr gespannt bin, wie Leslie Vedder die Handlung in „The Severed Thread“ fortsetzen wird. Dummerweise erscheint der Band erst im Februar 2023, aber ich freue mich schon darauf, dass ich dann ein Wiedersehen mit all den Charakteren feiern kann.

Katie & Kevin Tsang: Dragon Mountain (Dragon Realm 1)

Über „Dragon Mountain“, den ersten Band der Dragon-Realm-Reihe von Katie und Kevin Tsang, bin ich im vergangenen Jahr zufällig gestolpert und fand, dass sich der Klappentext nett anhört. Die Geschichte wird aus der Sicht des zwölfjährigen Billy Chan erzählt, der eigentlich davon geträumt hatte, den Sommer gemeinsam mit seinen Freunden surfend am Strand von Kalifornien zu verbringen. Stattdessen findet er sich in einem Sommercamp inmitten unwegsamer Berge in China wieder, weil seine Eltern meinten, dass dies eine einzigartige Chance sei, damit Billy seine Mandarin-Kenntnisse verbessern kann. Sehr begeistert ist er also nicht von der Aussicht, seinen Sommer im „Camp Dragon“ zu verbringen, aber immerhin lernt er schon während der Anreise andere Kinder kennen, mit denen er sich gut versteht. Als Billy dann noch während einer Gruppenaufgabe gemeinsam mit Dylan, Ling-Fei und Charlotte über eine verborgene Kammer in den Bergen stolpert, in der sie Drachen finden, beginnt für die vier Kinder ein fantastisches Abenteuer.

Zusammen mit den Drachen müssen sie gegen ein unvorstellbar böses Wesen kämpfen, das sowohl die Welt der Drachen als auch die Welt der Menschen bedroht. Dabei ist der Zusammenhalt zwischen den neu gefundenen Freunden ebenso wichtig wie die magischen Fähigkeiten, die ihnen ihre Verbindung mit den Drachen verleiht. Viel mehr kann ich eigentlich zum Inhalt von „Dragon Mountain“ nicht verraten, wenn ich nicht zu viel der Handlung spoilern will. Katie und Kevin Tsang erzählen diese Geschichte recht geradlinig, es gibt nur wenige Wendungen (und die, die es gibt, fand ich recht vorhersehbar) und es fühlt sich an, als ob Billy und seine Freunde die ganze Zeit nur von einem Punkt zum nächsten geschickt werden, bis es am Ende zu einer größeren Auseinandersetzung mit ihrem Gegner kommt. Und während ich sonst sagen würde, dass das Alter der Protagonisten auch grob dem Alter der anvisierten Zielgruppe entspricht, scheint mir diese Geschichte auch für ein deutlich jüngeres Publikum (ab 8 Jahren) geeignet zu sein.

Was ich an dem Roman sehr mochte und was dafür gesorgt hat, dass ich ihn innerhalb von zwei Tagen gelesen habe, waren die Charaktere. Billy, Dylan, Ling-Fei und Charlotte haben alle vier ihre Stärken und Schwächen. Und während zum Beispiel Dylan in all seiner Ängstlichkeit schnell lächerlich oder Charlotte mit ihrer bestimmenden Art schnell unsympathisch wirken könnte, gelingt es Katie und Kevin Tsang, sie so darzustellen, dass sie trotz (oder gerade wegen) dieser Eigenheiten liebenswert wirken. Auch gefiel mir die Haltung, mit der alle vier Kinder sich durch die gesamte Geschichte bewegen. So ist Billy wirklich nicht begeistert von der Aussicht, seinen Sommer in diesem Camp zu verbringen, aber nachdem er schon mal da ist und seinen ersten Unmut überwunden hat, versucht er, das Beste aus der ganzen Situation zu machen. Dylan hingegen hat die ganze Zeit Angst und verhehlt nicht, dass er diese ganzen Herausforderungen lieber aussitzen und stattdessen gemütlich in seinem Bett zuhause rumgammeln würde. Aber ihm ist auch bewusst, wie wichtig der Kampf gegen ihren Gegner ist und dass es nicht hilfreich wäre, wenn er nichts tun würde, also gibt er sein Bestes und unterstützt seine Freunde und die Drachen, so gut er kann.

Es ist selten der Fall, dass ich bei einem fantastischen Kinderbuch die Charaktere lieber mag als die Grundidee oder die eigentlich Handlung mit all ihren ungewöhnlichen Elementen, aber bei „Dragon Mountain“ war das definitiv so. Die Geschichte selbst war nett, aber nicht so packend oder ungewöhnlich, dass ich dafür hätte weiterlesen müssen. Billy, Dylan, Charlotte und Ling-Fei hingegen hatte ich schnell ins Herz geschlossen und mochte es sehr, wie sie dargestellt wurden und wie sie sich gemeinsam all den Herausforderungen stellten, die auf sie warteten. Trotzdem hätte ich bis wenige Seiten vor Ende des Buches gesagt, dass ich keine Fortsetzung der Reihe lesen werde, weil die Handlung für mich persönlich doch ein wenig zu einfach und geradlinig erzählt wird ( – wäre „Dragon Mountain“ ein Videospiel, würde ich sagen, dass mir die Side-Quests fehlen 😉 ). Aber dann gab es kurz vor Schluss noch einen Cliffhanger, der dafür sorgt, dass ich mich nun frage, was wohl aus einer der Figuren wird und wie sich ihre Geschichte wohl im nächsten Band entwickelt. Ich bin also noch etwas unentschlossen, ob ich der Reihe eine weitere Chance geben soll oder nicht.