Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Diana Wynne Jones: Black Maria

Ich habe immer noch den vierten Teil der Dalemark-Reihe vor mir, aber ich hatte nach dem ersten Anlesen festgestellt, dass ich Abstand zwischen den ersten drei Bänden und dem Abschlussband benötigen würde. Das hat dazu geführt, dass ich erst einmal keine Romane von Diana Wynne Jones gelesen habe, obwohl ich ein großes Bedürfnis danach hatte, und als mir aufging, dass diese ungewollte „Abstinenz“ doch ziemlich bescheuert ist, habe ich mir „Black Maria“ vorgenommen und sehr genossen. Die Geschichte gehört zu denen, von denen ich noch nie gehört hatte, bevor ich mir vorgenommen hatte, dass ich mir alle englischen Ausgaben der Autorin zulegen wollte. Außerdem muss ich zugeben, dass dieser Roman eher weniger für diejenigen geeignet ist, die in aktuellen Zeiten ein Wohlfühlbuch suchen, da die Atmosphäre bis kurz vor dem Ende wirklich unangenehm ist. Die Handlung wird aus der Sicht von Mig (Naomi Margaret Laker) erzählt, die nach dem Tod ihres Vaters gemeinsam mit ihrer Mutter Betty und ihrem Bruder Chris über die Osterferien zu ihrer Tante Maria fährt.

Keiner der drei wollte diesen Besuch eigentlich machen, aber da Tante Maria (von den Kindern nach dem britischen Kartenspiel „Black Maria“ genannt) seit dem Tod von Migs Vater täglich telefonisch Kontakt zu der Familie suchte, hatte Betty anscheinend so viel Mitleid mit ihr, dass sie die Einladung nicht ablehnen konnte. Schnell wird klar, dass in dem Ort Cranbury-on-Sea – ebenso wie mit Tante Maria – etwas nicht stimmt, auch wenn Mig nicht auf Anhieb sagen kann, was da eigentlich so seltsam ist. Vor allem fällt ihr ins Auge, dass alle sämtliche Wünsche von Tante Maria erfüllen, obwohl Mig und ihre Mutter das eigentlich gar nicht wollen und sich immer wieder fest vornehmen, dass sie die alte Frau dazu bringen wollen, etwas selbstständiger zu werden. Auf der anderen Seite kann sich Chris (fast) so unmöglich benehmen, wie er will, und weder Tante Maria noch ihre zwölf besten Freundinnen (von Chris nur die Mrs. Urs genannt) sind bereit, sein Verhalten überhaupt wahrzunehmen. Erst nach und nach finden Mig und Chris heraus, wieso ihre Tante Maria wie eine sanft wirkende, aber grausam handelnde Bienenkönigin über den kleinen Ort an der See herrscht.

Es gibt so einige Dinge, die Mig erst deutlich später auffallen als dem Leser – zum Beispiel, was es mit der grauen Katze auf sich hat, die immer wieder in Tante Marias Garten eindringt. Aber das hat mich beim Lesen so gar nicht gestört, weil Diana Wynne Jones so eine wunderbar unheimliche Atmosphäre in ihrem Buch geschaffen hat. Von dem Moment an, in dem Mig und ihre Familie in Cranbury-on-Sea ankommen, gibt es (gefühlt) keine einzige Sekunde mehr, in der die drei nicht unbeobachtet sind. Tante Maria will bei jedem Gespräch, das in ihrem Haus geführt wird, wissen, worum es geht, und natürlich hat sie genaue Vorstellungen davon, worüber überhaupt geredet werden darf und worüber nicht. Und auch der Gang vor die Tür bietet keine Fluchtmöglichkeit, denn hinter jedem Fenster lauert eine von Tante Marias „Freundinnen“, die ihr genau berichten, was Mig und die anderen draußen unternommen haben, wen sie gesehen haben und wie sie sich verhalten haben. Diese ständige Bespitzelung führt ebenso wie die sanfte, aber unerbittliche Manipulation von Betty und Mig durch Tante Maria und die anderen Frauen zu einem wirklich unheimlichen Gefühl.

Dazu kommen die Beschreibungen rund um den Ort und seine Bewohner, die einem ein wirklich trostloses Bild von einem scheinbar idyllischen Ferienort an der See vermitteln. Es gibt so gar nichts heimeliges in dieser Geschichte und das Auftauchen eines – seltsamen – Geistes scheint fast das Hoffnungsvollste und Schönste in diesem Roman zu sein, weil diese ungewöhnliche Gestalt zumindest einen winzig kleinen Ausweg aus der ganzen Situation zu bieten scheint. Trotz all dieser trostlosen Elemente habe ich das Lesen von „Black Maria“ sehr genossen, weil Diana Wynne Jones‘ Humor all die fürchterlichen Szenen durchzieht. So stößt Chris im Laufe der Handlung etwas Fürchterliches zu, aber trotzdem kann er noch dafür sorgen, dass die nachmittägliche Teerunde im Haus von Tante Maria kräftig aufgemischt wird (inklusive flatternder Unterwäsche, Teeüberschwemmung und kopflos herumrennender Mrs. Urs). Wie so oft am Ende eines Diana-Wynne-Jones-Buch bin ich wieder einmal fasziniert davon, welches klassische Element die Autorin für diese Geschichte aufgegriffen hat und was sie Kreatives daraus gemacht hat. Ich mag ihre ungewöhnliche Perspektive auf Mythologien, auf Magie und natürlich auf all die kleinen Alltäglichkeiten, die erst durch ihre Beschreibungen zu etwas Besonderem werden.

Sarah Beth Durst: Fire and Heist

Auf der Homepage der Autorin wird „Fire and Heist“ als „Ocean’s Eleven… with were-dragons“ beschrieben, und das reichte mir, um neugierig auf den Titel zu werden. „Fire and Heist“ ist für mich der erste Roman von Sarah Beth Durst, und auch wenn ich definitiv älter bin als die jugendliche Zielgruppe, mochte ich die Geschichte und den Erzählton sehr und habe nach dem Lesen gleich noch ein paar weitere Bücher der Autorin auf die Merkliste gesetzt. Die Handlung wird aus der Sicht der sechzehnjährigen Sky Hawkins erzählt, deren Familie in den vergangenen Wochen eine harte Zeit erlebte. Sky lebt in einer Welt, die theoretisch der unseren entspricht, nur dass neben den Menschen auch Wyvern (oder Wer-Drachen) leben. Ihre Existenz ist nicht nur seit Jahrhunderten bekannt, die Wyvern nehmen auch einen Promi-Status ein, der nicht nur darauf basiert, dass jede Wyvern-Familie sehr, sehr reich ist.

Auch Sky gehört zu den Wyvern, doch der Reichtum ihrer Familie hat sich vor einem Monat deutlich reduziert, nachdem sie dafür bestraft wurden, dass Skys Mutter Anabeth in die Schatzkammer einer anderen Wyvern-Familie einbrach. Dass Wyvern einander bestehlen, ist ganz normal, und der erste Diebstahl signalisiert in ihrer – von Gold besessenen – Gesellschaft das Erwachsenwerden eines Wyvern. Anabeths Vergehen bestand also vor allem darin, dass sie sich hatte erwischen lassen – und da sie seit diesem Einbruch spurlos verschwunden ist, kann Sky sie nicht einmal fragen, was ihre Mutter sich bei ihrem Vorhaben überhaupt gedacht hatte. Stattdessen muss Sky gleichzeitig mit dem Verlust ihrer Mutter, der Ächtung innerhalb der Wyvern-Gesellschaft, dem Ende ihrer Beziehung zu ihrem Freund Ryan und dem verschlossenen Verhalten ihrer Familie fertig werden. Doch Sky ist niemand, der solch eine Situation einfach hinnimmt (zumindest nicht, nachdem sie sich einen Monat Trauer- und Erholungszeit gegönnt hat), weshalb sie beschließt, dass sie als ihren ersten Coup einen Einbruch plant, der sie in genau dieselbe Schatzkammer bringt, in der ihre Mutter erwischt wurde.

Ich mochte die Protagonistin Sky sehr, und ich mochte es, dass ihre ganze Erziehung sie nicht nur dafür qualifiziert, einen Einbruch zu begehen, sondern dass das auch ihr erster Gedanke war, um alles wieder „in Ordnung“ zu bringen, was durch das Verhalten ihrer Mutter kaputtgegangen ist. Aber noch mehr mochte ich, dass Sky von Anfang an klar ist, dass sie alleine so einen Einbruch niemals erfolgreich durchziehen kann und dass sie eine Crew benötigt. Das Zusammenspiel zwischen Sky und den anderen Personen, die ihr bei ihrem Vorhaben helfen, ist wirklich wunderbar. Nicht allen von ihnen kann sie wirklich vertrauen, und doch sind die gemeinsamen Szenen von einem Gefühl der Kameradschaft durchzogen, weil alle wissen, dass sie einander und ihre jeweils besonderen Fähigkeiten benötigen, um heil aus der Sache rauszukommen. Auch die Momente, die man mit Sky und ihrer Familie verfolgen kann, sind wunderbar. Obwohl Sky sich von ihrem Vater und ihren Brüdern im Stich gelassen fühlt, wird deutlich, dass sie sich eigentlich sehr nahe stehen und füreinander da sein wollen – auch wenn sie gerade nicht so recht wissen, wie sie mit ihren eigenen Gefühlen umgehen sollen.

„Fire and Heist“ war für mich ein amüsantes Wohlfühlbuch, das ich kaum aus der Hand legen mochte, weil ich mich immer fragte, was wohl als Nächstes passiert oder wie Sky wohl (mehr oder weniger) heil aus einer Situation wieder herauskommt. Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass die große und überraschende Entdeckung, die Sky bei ihrem Einbruch macht, recht vorhersehbar war, aber das trübte die Handlung für mich nicht, weil ich beim Lesen erst voller Vorfreude auf diesen Moment war und dann so damit beschäftigt war herauszufinden, welche Folgen dies nun für die Protagonistin und ihre Familie haben wird. Alles in allem hat mir dieses Buch wirklich rundum Spaß gemacht, und ich habe sogar die Momente genossen, die sich um Skys und Ryans Beziehung drehten – und wer mich kennt, weiß, wie selten es ist, dass eine Liebesgeschichte in meinen fantastischen Jugendbüchern vor meinen Augen Gnade findet. 😉

Außerdem habe ich bei der Suche nach anderen Titeln der Autorin gesehen, dass eine Übersetzung von „Fire and Heist“ Ende April auf Deutsch erscheinen wird. Wer also nun Lust bekommen hat, diese Geschichte zu lesen, und sich nicht mit (relativ einfachem) Englisch abmühen will, muss nur noch ein paar Wochen auf „Feuer und Gold“ warten.

Amy Wilson: Shadows of Winterspell

„Shadows of Winterspell“ von Amy Wilson ist mir im Oktober 2019 regelmäßig vor die Nase gekommen, als der Roman veröffentlicht wurde. Irgendwann bin ich dann doch neugierig genug geworden, um das Buch auf meine Wunschliste zu setzen, und passend zum herbstlich-winterlichen Thema habe ich die Geschichte dann an einem trüben und regnerischen Januarnachmittag angefangen. Protagonist ist die zwölfjährige Stella (Estelle) Briggs, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem kleinen Häuschen am Rande des Waldes Winterfell lebt. Lange Zeit war Stella zufrieden mit ihrem Leben, aber so langsam sehnt sie sich nach der Gesellschaft anderer und nach einem „normalen“ Leben mit täglichem Schulbesuch und Freunden, mit denen sie ihre Freizeit verbringen kann.

Dabei ist ihr bewusst, dass sie zu viele Geheimnisse hütet, um unbefangen Freundschaft mit Menschen schließen zu können. So ist Stellas Großmutter ein (wenn auch einigermaßen stofflicher) Geist, ihr Mitbewohner ist ein Imp, und Stella selbst hat von klein auf den Gebrauch von Magie gelernt. Dazu kommt noch, dass Stella die Tochter des Königs der Schatten ist, dessen Fluch auf dem Wald Winterspell liegt und dessen Schatten dafür sorgen, dass die Fae Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Doch Stellas Sehnsucht nach Abwechslung und Freundschaft ist so groß, dass sie sich trotz all der damit verbundenen Risiken (und der Zorn ihrer Großmutter ist darunter nicht das geringste) bei der örtlichen Schule anmeldet. Dort warten allerlei Herausforderungen und Überraschungen auf Stella, die ihr nicht nur die langersehnten Freunde bringen, sondern auch dafür sorgen, dass sie über sich hinauswächst und am Ende den Kampf gegen den König der Schatten aufnimmt.

Ich mochte dieses Buch so sehr, dass ich direkt nach dem Lesen drei weitere Titel der Autorin auf meine Merkliste gesetzt habe, obwohl mir die Klappentexte das Gefühl vermittelten, dass ihre Geschichten sich immer um sehr ähnlich Themen drehen. Aber mir gefiel die Erzählweise von Amy Wilson sehr, die dafür sorgt, dass die Handlung zwar relativ gradlinig und einfach erzählt wird, auf der anderen Seite aber immer Untertöne mitschwingen, die bei eigentlich amüsanten oder gemütlichen Szenen eine gewisse Traurigkeit oder Hilflosigkeit mit sich bringen, während man selbst bei den wirklich traurigen Momenten immer noch schmunzeln muss oder diese Geborgenheit spürt, die Wohlfühlbücher vermitteln. Auch bei ihren Charakteren findet man viele verschiedene Facetten, und selbst die Figuren, die auf den ersten Blick etwas schwierig zu sein scheinen, sind so stimmig beschrieben, dass sie einem im Laufe der Geschichte ans Herz wachsen.

Am Ende fiel es mir schwer, das kleine Häuschen am Waldrand zu verlassen, weil ich Stella, ihre Großmutter und all die anderen Charaktere so mochte und Winterspell selbst mit all seinen fantastischen Kreaturen ein großartiger Ort ist, den ich gern noch besser kennengelernt hätte. Außerdem habe ich einfach eine Schwäche für gut beschriebene gemütliche Häuser mit wohnlichen Küchen, behaglichen Schlafzimmern und einer Bibliothek voll alter Bücher. Ich mochte die verschiedenen fantastischen Wesen, die in Winterspell lebten, ebenso wie die Vorstellung, dass die Nähe zu einem „Feenwald“ eben auch die Bewohner des angrenzendes Ortes beeinflusst. Ein bisschen hat mich „The Shadows of Winterfell“ an „The Darkest Part of the Forest“ von Holly Black erinnert, nur das die Geschichte auf ein jüngeres Publikum zielt und sich deshalb – trotz aller Gefahren – nicht ganz so bedrohlich anfühlt (und die Liebesgeschichten wegfallen).

Katherine Woodfine: The Clockwork Sparrow (The Sinclair’s Mysteries 1)

Ich habe keine Ahnung, warum ich so lange um „The Clockwork Sparrow“ von Katherine Woodfinde rumgeschlichen bin (vielleicht, weil es der Auftakt einer vierteiligen Reihe ist?), aber nachdem ich den Roman angefangen hatte, konnte ich ihn nicht mehr aus der Hand legen. Lustigerweise habe ich parallel dazu das Sachbuch „Maud West, Lady Detective“ gelesen und fand in beiden Büchern Elemente, die mich an den anderen Titel erinnerten. Das führt dazu, dass ich mir schon beim Lesen sicher war, dass die Handlung in „The Clockwork Sparrow“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, auch wenn im ganzen Buch keine Jahresangabe zu finden war – erst am Ende fand ich dann die Bestätigung in einem Anhang der Autorin, in der sie auf die Eröffnung von Selfridges im Jahr 1909 verweist.

Protagonistin der Geschichte ist die vierzehnjährige Sophie Taylor(-Cavendish), eine Tochter aus gutem Hause, die nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters einen Weg finden musste, um auf eigenen Füßen zu stehen. So ist es für Sophie ein großer Glückfall, dass sie eine Anstellung als Verkäuferin in der Hutabteilung des bald neu eröffnenden Sinclair’s Department Store in London gefunden hat. Das Leben als Verkäuferin ist zwar ungewohnt und anstrengend, aber die Arbeit macht Sophie Spaß und die Vorfreude auf die Eröffnung des Kaufhauses sorgt für eine aufgeregte Spannung unter den Angestellten. Umso erschütternder ist es, als kurz nach der Eröffnung Schaustücke gestohlen werden, die in einem der Räume ausgestellt worden waren. Zu den gestohlenen Objekten gehört auch der einzigartige „Clockwork Sparrow“, ein mit Juwelen geschmückter mechanischer Vogel, der bei jedem Aufziehen eine andere Tonfolge von sich gibt.

Gemeinsam mit ihren neuen Freunden – Lilian Rose (die als Mannequin bei Sinclair’s arbeitet und gerade ihre erste Bühnenrolle ergattern konnte), Bobby Parker (der eine Ausbildung als „Porter“ bei Sinclair’s begonnen hat) und Joe (dessen Vergangenheit als Gangmitglied ihn jederzeit einholen könnte) – versucht Sophie mehr über den Diebstahl herauszufinden. Mehr möchte ich hier gar nicht über die Handlung verraten, weil es immer wieder Momente gibt, in denen Sophie in Gefahr gerät (und diese geht nicht immer von den Kriminellen aus, die den Diebstahl verübt haben,) und bei denen es gerade die nicht so spektakulären Wendungen sind, die einen als Leser mit der Geschichte mitfiebern lassen. Ich fand es wunderbar, wie Katherine Woodfine von der ersten Seite an Sophies Leben beschreibt und wie man anhand all der vielen kleinen Nebenbemerkungen ein gutes Bild davon bekommt, wie schwierig es ist, unter den Umständen zu überleben, in denen sie sich nach dem Tod ihres Vaters befindet. Umso wichtiger ist für Sophie der Arbeitsplatz bei Sinclair’s und der Rückhalt, den sie im Laufe der Geschichte durch ihre Freunde bekommt.

Ich mochte in „The Clockwork Sparrow“ diese Mischung aus Realismus und Elementen, die man eher in einem Groschenroman von Edgar Wallace erwartet hätte, und fand, dass ein übermächtig wirkender Gangsterboss ebenso wie die später in der Geschichte auftauchenden Spionage-Elemente gerade deshalb so gut in die Handlung passten, weil sie auf Sophie ebenso absurd wirken wie auf den Leser. Außerdem hat es mir gefallen, dass die Autorin es geschafft hat, dass ich regelmäßig um Sophie und ihre Freunde gebangt habe, weil ich mir nicht sicher sein konnte, dass alle heil aus der ganzen Angelegenheit herauskommen. Stattdessen habe ich nach den ersten Kapiteln jederzeit befürchten müssen, dass diesen vier Personen Dinge zustoßen, die vielleicht nicht ihr Leben, aber doch ihre Existenz bedrohen könnten.

Ich habe dieses Mitfiebern beim Lesen sehr genossen, vor allem, da es zwischendurch immer wieder die schönen Momente rund um die Freundschaften, die sich da aufbauten, und den Zauber, den so ein luxuriöses Kaufhaus ausstrahlen konnte, zum Erholen und Genießen gab. Insgesamt haben mich die Charaktere, die Erzählweise, die Handlung und die Atmosphäre in „The Clockwork Sparrow“ so sehr überzeugt, dass ich mir noch vor Beenden des Romans die drei Fortsetzungen der Reihe bei meinem Buchhändler bestellt habe, weil ich einfach nicht wollte, dass ich Sophie und ihr Leben als Verkäuferin in Sinclair’s Hutabteilung so schnell hinter mir lassen musste.

Ben Guterson: Winterhouse

Über „Winterhouse“ von Ben Guterson bin ich in den letzten Monaten immer wieder gestolpert, und nachdem ich das Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, habe ich es mir gleich gegriffen und gelesen. Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Elizabeth Somers erzählt, die seit ihrem vierten Lebensjahr bei ihrer Tante Purdy und ihrem Onkel Burlap lebt. Besonders glücklich ist sie dort nicht, da ihre Verwandten ihr das Gefühl geben, sie sei nur eine (kostenintensive) Last. Umso überraschender ist es, als die beiden über Weihachten allein in den Urlaub fahren, während für Elizabeth ein dreiwöchiger Aufenthalt in einem anderen Hotel gebucht wird. Obwohl sich Elizabeth von ihrem Hotel, dem Winterhouse, nicht viel verspricht, fühlt sie sich auf Anhieb wohl in dem beeindruckenden großen Gebäude mit den freundlichen Angestellten und dem etwas exentrisch erscheinenden Besitzer Norbridge.

Zu ihrer großen Überraschung freundet sie sich schon an ihrem ersten Tag mit dem gleichaltrigen Freddy an, der nicht nur ebenso große Freude an Anagrammen und (Wort-)Puzzles hat wie Elizabeth, sondern ebenfalls über die Feiertage allein im Winterhouse weilt. So verbringen die beiden einen Großteil ihrer Zeit in dem Hotel gemeinsam, fordern sich gegenseitig mit Rätseln und Wortleitern heraus und genießen die diversen Winteraktivitäten in der verschneiten Landschaft rund um das Winterhouse. Dass es diverse rätselhafte Dinge im Hotel zu entdecken gibt, wie das Geheimnis um das Porträt von Nestor Falls, dem Gründer des Winterhouses, oder die Gründe hinter Norbridges seltsamem Verhalten in der Bibliothek des Hotels, macht den Aufenthalt für Elizabeth nur noch reizvoller. Weniger angenehm ist ihr allerdings das Verhalten des rätselhaften Ehepaars Selena und Marcus Q. Hiems, da ihr die beiden Personen regelrecht unheimlich sind und sie nichts Gutes im Schilde zu führen scheinen.

Ich muss gestehen, dass ich mich ein bisschen zwiespältig fühle, wenn es um „Winterhouse“ geht, denn ich mochte die Geschichte zwar sehr gern, aber das Buch hat mich nicht so mitgerissen wie einige andere, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Das wäre jetzt nicht so schlimm, denn normalerweise reicht es mir, wenn ein Roman einfach nur „nett“ ist und ich stundenlang in Beschreibungen von gemütlich-besonderen Häusern oder Hotels schwelgen kann. Aber beim „Winterhouse“ gab es das eine oder andere Element, das ich unstimmig fand, und so gern ich sonst von Rätseln lese, so konnte ich Elizabeths und Freddys Begeisterung für Wortleitern nicht so ganz nachvollziehen. Auch habe ich sonst kein Problem mit Magie, aber hier hätte es für mich gereicht, wenn sich der magische Anteil auf Elizabeths „vorahnungsähnliche Gefühle“ beschränkt hätte, denn mit all den Rätseln und Puzzles hätte die Geschichte auch ohne dieses zusätzliche Element (und die dramatische Szene in der Bibliothek am Ende) funktioniert.

Insgesamt habe ich mich von „Winterhouse“ aber gut genug unterhalten gefühlt, dass ich die Fortsetzung nach dem Lesen auf meine Merkliste gesetzt habe. Ich mochte das Hotel und mir gefielen Details wie das riesige Puzzle in der Lobby und die beiden Herren, die seit Jahren immer wieder gemeinsam daran arbeiten, oder natürlich die überraschend große Hotelbibliothek mit der liebenswerten Bibliothekarin. Und obwohl die Enthüllungen bezüglich Elizabeths Familie am Ende des Romans nicht so überraschend kamen, bin ich doch neugierig darauf, wie es mit ihr und all den anderen Charakteren weitergeht. Irgendwann werde ich also ins „Winterhouse“ zurückkehren und weitere Abenteuer mit Elizabeth und Freddy erleben, auch wenn mir der nächste Teil nicht so wichtig ist, dass ich sofort die Fortsetzung hätte bestellen müssen.

Marieke Nijkamp (Hrsg.): Unbroken (Anthologie)

„Unbroken“ ist eine Anthologie mit „13 stories starring disabled teens“ herausgegeben von Marieke Nijkamp. Wie immer, wenn ich eine Sammlung von Kurzgeschichten lesen, versuche ich hier einen spoilerfreien Beitrag mit meiner Meinung zu den einzelnen Texten zu verfassen, damit ich mich auch in ein paar Jahren noch an die Autor.innen und die Geschichten erinnere. 😉

1. Heidi Heilig: The Long Road
Die erste Geschichte wird aus der Sicht von Lihua erzählt, die gemeinsam mit ihren Eltern die Seidenstraße gen Westen bereist, da ihre Eltern dort eine Heilung für den Fluch zu finden hoffen, der auf ihrer Tochter liegt. Lihua selbst leidet vor allem unter all den Amuletten, die ihr wohlmeinende Menschen umgehängt haben, unter der Aufmerksamkeit, die diese auf sie ziehen, und unter der Tatsache, dass ihre Eltern ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen mussten, um diese Reise zu finanzieren. Ich mochte es sehr, wie Heidi Heilig es geschafft hat, im Laufe der Geschichte aufzuzeigen, dass Lihuas „Fluch“ zwar nichts ist, was heilbar ist, dass sie aber lernen kann, damit umzugehen, und dass die Behinderung, die mit ihren psychischen Problemen einhergeht, vor allem von außen kommt und dass sie nicht alles hinnehmen muss, was ihr erzählt wird. Ebenso gefiel mir die Vorstellung von einer sich gegenseitig unterstützenden Gemeinschaft von Menschen, die ihre vermeintlichen Schwächen voreinander nicht verstecken, sondern sich gegenseitig helfen, damit zu leben.

2. Kody Keplinger: Britt and the Bike God
Kody Keplingers Protagonistin Britt ist eine begeisterte Fahrradfahrerin, die aufgrund ihrer Augenprobleme darauf angewiesen ist, dass jemand mit ihr auf einem Tandem fährt. Ich mochte die Begeisterung, die Britt für das Fahrradfahren aufbringt, mir gefiel es, dass man als Leser miterlebt, wie Britt einen neuen Tandem-Captain „einarbeitete“, und ich habe die süße Liebesgeschichte zwischen ihr und einem anderen Mitglied des Fahrradclubs genossen. „Britt and the Bike God“ war eine wunderbare und amüsante Geschichte, die mir viel Freude bereitet hat.

3. Kayla Whaley: The Leap and the Fall
„The Leap and the Fall“ erzählt von den beiden Freundinnen Eloise und Gemma, die sich schon seit so vielen Jahren kennen. Doch Gemma hat sich in den Monaten, die seit ihrem sechzehnten Geburtstag vergangen sind, sehr verändert, während Eloise damit zu kämpfen hat, dass sie in Gemma inzwischen mehr als nur eine Freundin sieht. Mir gefiel, dass Kayla Whaley aus dieser Grundlage eine Geistergeschichte gemacht hat, in der Eloise am Ende sowohl um Gemmas als auch um ihr eigenes Leben kämpfen muss. Das bot mir eine hübsche Mischung aus unheimlich und süß und hat mich gut unterhalten.

4. Katherine Locke: Per Aspera Ad Astra
Eine Science-Fiction-Geschichte, in der die Protagonistin Lizzie mit ihrem inneren Krieg fertigwerden muss, um zu verhindern, dass ihre Stadt und ihre Familie bei einem feindlichen Angriff zerstört werden. Ich fand es beeindruckend, wie die Autorin Lizzies lähmende Angst, die seit Monaten ihr gesamtes Leben bestimmt, dargestellt hat und wie es trotzdem stimmig war, dass Lizzie sich aufmacht, um ihre Stadt zu retten. Ich mochte die unerwartete Unterstützung, die sie im Laufe der Geschichte bekam, und dass es ihr am Ende zwar nicht gutgeht, aber sie (zumindest für den Moment) gelernt hat, dass es reicht, wenn man ein kleines Problem nach dem anderen angeht, statt sich von der Masse der Probleme überwältigen zu lassen.

5. William Alexander: Found Objects
Das hier ist die erste Geschichte in der Anthologie, mit der ich einige Probleme hatte, weshalb ich hier leichte Spoiler verwenden muss, um deutlich zu machen, warum ich damit hadere. Die Handlung wird von einer namenlosen Person einer anderen namenlosen Person erzählt – wobei die adressierte Person nicht der Leser ist, denn beide Charaktere gehen auf dieselbe Highschool und sind Teil desselben Theaterclubs. Dass der Erzähler das Erlebte nicht dem Leser berichtet, hat mich beim Lesen irritiert, weil ich mich durch das verwendete „you“ direkt angesprochen gefühlt habe, ohne gemeint gewesen zu sein. Die erzählende Person verfügt über ererbte Magie, die in dieser Geschichte dafür sorgt, dass die Rolle, die sie am Abend gespielt hatte, zum Leben erweckt wurde. Um diese magische Kreatur zu bekämpfen, formt die Person aus den Schmerzen, die sie in ihrer Krücke gespeichert hat, ein Schwert. Das Ganze war für mich ehrlich gesagt etwas zu abstrakt, obwohl ich die Handlung an sich und theoretisch auch die Erzählweise mochte (wenn nur dieses irritierend „you“ nicht gewesen wäre).

6. Karuna Riazi: Plus One
In „Plus One“ begleitet der Leser die Schülerin Hafsah bei einer Haddsch, die sie gemeinsam mit ihrer Familie unternimmt. Dabei schwingt von Anfang an die Hoffnung mit, dass Hafsah auf dieser Reise das namenlose Etwas loswird, das von Klein auf an ihr hängt und dafür sorgt, dass sie sich fehl am Platz fühlt, dass sie mutlos und ungeschickt ist, dass sie nicht so funktioniert, wie sie es tun sollte. Ein Teil dieser Geschichte hat mich wütend gemacht, der Teil, in dem Hasfah versichert wird, dass dieses Etwas nur eine Teenager-Phase sei, dass sie nur brav genug, religiös genug sein müsse, um es loszuwerden. Hier und da hingegen gibt es kleine Hinweise darauf, dass sie in ihrer Schule zum Beispiel Unterstützung bekommt (auch wenn sie nicht in der Lage zu sein scheint, diese anzunehmen) und am Ende scheint das Mädchen durch die Pilgerfahrt immerhin den Mut gefunden zu haben, weiter gegen das sie begleitende Etwas anzukämpfen, nicht auf eine Art Wunderheilung zu hoffen, sondern darauf zu setzen, dass sie langfristig immer wieder die Oberhand über dieses Etwas bekommen kann.

7. Marieke Nijkamp: The Day the Dragon Came
„The Day the Dragon Came“ ist eine wunderschöne Geschichte, die in Gent spielt, die von einem Mädchen handelt, das die Stadt unbedingt verlassen will, von einem Zimmermann, der an dem größten Glockenturm der Stadt baut, und von einem Drachen, der darauf wartet, seine Position als Wächter der Stadt einzunehmen. So eine schöne Geschichte rund um die Blütezeit der Stadt, um Träume, um die Suche nach Zugehörigkeit und (etwas mehr als) Freundschaft.

8. Francisco X. Stork: Captain My Captain
„Captain, My Captain“ wird aus der Sicht von Alberto erzählt, der gemeinsam mit seiner Schwester Lupe und ihrem Baby Chato lebt und für Lupes Freund Wayne als Maler arbeitet. Seit ein paar Wochen hört Alberto die Stimme von Captain America in seinem Kopf, der ihm erzählt, dass er seine Familie verlassen und auf der Straße leben müsse, dass er frei und glücklich sein müsse – und so richtig sich das für Alberto anhört, so schwer fällt es ihm, Lupe zu verlassen. Ich muss gestehen, dass ich nach dem ersten Absatz ziemliche Angst um Alberto hatte und am Ende sehr froh bin, dass er (vermutlich) jemanden gefunden hat, der ihm zur Seite steht. Ich fand die Geschichte sehr berührend und sehr nachdenklich machend.

9. Dhonielle Clayton: Dear Nora James, You Know Nothing About Love
Ich muss zugeben, dass ich nicht so recht weiß, was ich am Ende von dieser Geschichte halten soll. Nora James‘ Leben wird von ihren Ängsten und ihren Magenproblemen bestimmt. Sie ist wütend auf ihren Vater, der ihre Mutter verlassen hat. Sie verbringt einen Großteil ihrer Freizeit damit, eine Beziehungs-Ratgeber-Kolumne zu schreiben, obwohl sie selbst noch nie in einer Beziehung oder gar verliebt war, und nun soll sie auch noch ihre beste Freundin zu einem Doppel-Date begleiten. Es gibt sehr viel glaubwürdige Elemente in dieser Geschichte, gerade rund um Noras Umgang mit ihrer Krankheit, und ich weiß, dass Kurzgeschichten nun mal ein offenes Ende haben, aber hier hatte ich am Schluss das Gefühl, mir fehlt eine Entwicklung, ein Zwischenhalt, ein kleine Ausblick auf Noras Zukunft – irgendetwas, das diese Geschichte für mich abrundet und dafür sorgt, dass ich Nora nicht nur als anstrengenden Teenager empfinde.

10. Fox Benwell: A Play in Many Parts
„A Play in Many Parts“ erzählt von E., von dem ersten Schritt mit einer Krücke in einen Bühnenraum, von dem Aufbau eines Stücks, von der Liebe zu Wörtern, von der Leidenschaft fürs Theater und von all dem, was es kostet, wenn man seine Seele für eine gelungene Aufführung gibt. Ich muss gestehen, dass ich durch die Erzählweise (teils Bühnenstück, teils die Gedanken von E.) etwas Probleme hatte in die Geschichte reinzukommen, am Ende haben mich aber die Intensität der erzählenden Person und die Vielschichtigkeit des Stücks gefangen genommen.

11. Kristine Wyllys: Ballad of Weary Daughters
Kristine Wyllys erzählt hier eine berührende Geschichte vom Funktionieren trotz psychischer Probleme, Extrastress und Medikamenten, die nicht richtig eingestellt sind, und von einer langjährigen Freundschaft, die der Protagonistin River als Anker in einer schweren Zeit dient. Ich mochte nicht nur die Sprache und die Charaktere, sondern auch, dass River trotz all ihrer Schwierigkeiten Verantwortung übernimmt und im Alltag gut genug funktioniert, obwohl es ihr so schwerfällt.

12. Keah Brown: Mother Nature’s Youngest Daughter
Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht von Millie, der jüngsten Tochter von Mutter Natur, die in der Schule gemobbt wird und so gern etwas dagegen unternehmen würde, aber nicht riskieren darf, dass jemand dahinterkommt, welche Fähigkeiten ihre Familie besitzt. Ich mochte diese Mischung aus Magie und Verantwortungsgefühl bei Millie, ebenso die Tatsache, dass sie sich am Ende doch an den Mädchen rächt, die ihr das Leben tagtäglich so schwer machen. Aber ich glaube, langfristig wird bei mir vor allem die Grundidee mit den magischen Kindern von Mutter Natur nachklingen, die fand ich hübsch und sie bietet so schön viel Urban-Fantasy-Potenzial. 😉

13. Corinne Duyvis: A Curse, A Kindness
Ich mochte diese Geschichte so sehr! Die Handlung wird erzählt aus der Sicht von Mia und Sienna, die vor einem Supermarkt ineinanderstolpern. Und weil Mia dabei nett zu Sienna ist, muss diese ihr drei Wünsche erfüllen. Corinne Duyvis bastelt aus der klassischen Dschinn-Grundidee eine süße (und nachdenklich machende) Liebesgeschichte, die ich rundum genossen habe. Ich mochte Mia in all ihrer Unsicherheit und ihrer Liebenswürdigkeit, und ich mochte Sienna mit all ihren Problemen und ihren Versuchen, sich vor weiteren negativen Erfahrungen zu schützen. Doch besonders hübsch fand ich die Lösung, die Mia am Ende für ihren dritten Wunsch fand, und welche Möglichkeiten sich daraus für die beiden Teenager ergaben.

Jordan Stratford: The Wollstonecraft Detective Agency 1 – The Case of the Missing Moonstone

Normalerweise bin ich nicht so glücklich, wenn ein Autor sich zu große Freiheiten bei der Verwendung historischer Persönlichkeiten nimmt, aber mit „The Case of the Missing Moonstone“ von Jordan Stratford habe ich mich zu gut amüsiert, um ihm diesen großzügigen (und vollkommen unkorrekten) Einsatz berühmter Figuren übelzunehmen. Dazu muss ich allerdings anfügen, dass Jordan Stratford sich die Mühe gemacht hat, die realen Daten und Fakten im Anhang aufzulisten und zu erklären, wieso er diese für seine Geschichte angepasst hat. Für die Geschichte im ersten Band der „Wollstonecraft Detective Agency“-Reihe muss man als Leser also hinnehmen, dass Lady Ada Byron (Ada Lovelace) und Mary Godwin (Mary Shelley) gerade mal drei Jahren Altersunterschied trennen (statt der realen 18 Jahre), und auch sonst gibt es einige unerwartete Elemente.

Zu Beginn des Romans lässt sich Jordan Stratford Zeit, die beiden Protagonistinnen Ada und Mary vorzustellen. Ada ist zu diesem Zeitpunkt nicht gerade zufrieden mit ihrem Leben, da ihre Gouvernante sie verlässt (unerklärlicherweise, um zu heiraten!) und sie zukünftig – gemeinsam mit einem ihr unbekannten Mädchen – von einem Hauslehrer unterrichtet werden soll. Von den intellektuellen Fähigkeiten dieses Percy Snagsby (von Ada nur Peebs genannt) ist die Elfjährige nicht gerade überzeugt, und sowieso reicht es ihr, wenn man ihr aktuelle Sachbücher zu den Wissensgebieten zur Verfügung stellt, die sie interessieren. Die vierzehnjährige Mary hingegen freut sich sehr über diese einmalige Möglichkeit, durch einen Hauslehrer unterrichtet zu werden, auch wenn es eine Weile dauert, bis sie dahinterkommt, wie man am Besten mit Adas zahlreichen Eigenarten umgehen muss.

Je besser sich die beiden Mädchen kennenlernen, desto mehr stellen sie fest, dass sie sich in ihrer Gegensätzlichkeit gut ergänzen, was darauf hinausläuft, dass sie zusammen die „Wollstonecraft Detective Agency“ gründen. Für Ada ist dies die Möglichkeit, ihren Intellekt unter Beweis zu stellen, während Mary von der Aussicht auf Abenteuer gelockt wird. Beiden ist natürlich bewusst, dass sie als junge Damen der Gesellschaft nicht jeden Fall annehmen können, doch als in einem der benachbarten Herrenhäuser ein Schmuckstück gestohlen wird, scheint der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein, sich an ihren ersten Kriminalfall zu wagen. Passend zur Zielgruppe (ab acht Jahren) ist die Geschichte weder blutig noch besonders aufregend, dafür gibt es sehr viele amüsante Momente, die sich um Adas Eigenheiten drehen oder um all die kleinen Geheimnisse, die viele der Charaktere haben. Was aber vor allem heraussticht, ist eine Liebe zu Wissen und Wissenschaft, die sich nicht nur in Adas Begeisterung für Erfindungen widerspiegelt, sondern auch in all den kleinen Szenen mit „Rechenmaschinen“, seltsamen „unsichtbaren“ Jungen in der Kutsche oder eben auch in den Elementen, die zur Lösung des Falls entscheidend sind.

Jordan Stratford bietet eine verspielte und ungewöhnliche Sicht auf Mathematik, Physik und Chemie, und er fordert den Leser mit Wörtern, die theoretisch zu schwierig für die Altersgruppe sind, aber so beiläufig von Ada und Mary erklärt und verwendet werden, dass es Spaß macht, ihre Freude beim Kennenlernen neuer Wörter zu verfolgen. Ich persönlich mag normalerweise keine „lehrhaften“ Kinderbücher (wenn ich nicht gerade bewusst zu einem Sachbuch greife), aber ich habe mich bei „The Case of the Missing Moonstone“ großartig unterhalten gefühlt, während Ada über Schießpulver für ihre Peebs-Kanone nachdachte, Mary gemeinsam mit Charles Dickens (!) in einem Zeitungsarchiv Nachforschungen anstellte oder die beiden Mädchen eine lebensgefährliche Begegnung mit dem ersten pferdegezogenen britischen Omnibus hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich als Kind nicht nur viel Spaß mit der Handlung gehabt hätte, sondern dass auch die diversen Hinweise auf historische Figuren, Literaturklassiker und Ähnliches dafür gesorgt hätten, dass ich mehr über die verschiedenen Gebiete hätte erfahren wollen. Bei mir hat das Lesen dieses Romans aber vor allem dazu geführt, dass ich große Lust auf weitere Geschichten mit Ada und Mary habe.

Jessica Townsend: Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow

Es kommt selten vor, dass ich mich erst in ein Cover verliebe und dann in die Geschichte dahinter, aber bei „Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ war das der Fall (wobei ich dazu sagen muss, dass ich die englischsprachige Ausgabe gekauft habe, bei der man Menschen mit bunten Regenschirmen von einem Dach springen sieht). Jessica Townsend lässt ihren Roman recht deprimierend beginnen, denn zuerst lernt man Morrigan Crow kennen, wie sie als verfluchtes Kind für all die großen und kleinen Unglücke verantwortlich gemacht wird, die in den vergangenen Tagen in ihrer Gegend passiert sind. Sie ist eins von vier Kindern, das aufgrund seines Eventide-Geburtstags verflucht ist. Dass diese Flüche regelmäßig vorkommende und ernstzunehmende Ereignisse in den vier Staaten der „Wintersea Republic“ sind, kann man schon daran sehen, dass es ein seperates Ministerium für alle Angelegenheiten rund um diese Kinder gibt und dass Morrigan (und die anderen drei) nicht nur regelmäßig von einer Beamtin betreut werden, sondern es auch eine Regelung für Schadenersatzforderungen gibt, so dass Morrigans Vater für die finanziellen Probleme, die seine Tochter verursacht, einstehen muss.

Schon früh wird deutlich, dass Morrigans Vater kaum noch den Tag erwarten kann, an dem seine Tochter elf Jahre alt wird – und verstirbt. Doch zu Morrigans großer Überraschung bekommt sie von dem ungewöhnlichen Jupiter North das Angebot für eine Aufnahme der „Wundrous Society“ zu kandidieren. Obwohl sie noch nie von dieser Society gehört hat, ergreift sie natürlich diese Chance – bedeutet dies doch auch, dass sie ihrem vermeintlich sicheren Tod entgehen kann. In den folgenden Wochen lernt Morrigan nicht nur Nevermoor, den geheimen fünften Staat der Republik, kennen, sondern auch all die wunderbaren, großartigen und gefährlichen Dinge, die mit einer eventuellen Aufnahme in die Wundrous Society einhergehen. So muss Morrigan im Laufe des folgenden Jahres vier verschiedene Prüfungen bestehen, wobei jedes Versagen bedeuten würde, dass sie des Staates verwiesen und somit sterben würde. Für Morrigan sind all diese Monate in Nevermoor, in denen sie versucht, Teil der Wundrous Society zu werden und das rätselhafte Verhalten ihres Mentors Jupiter North zu verstehen, sehr aufreibend und gefährlich, aber sie bieten auch viele großartige Momente, neue Freunde und so viele kleine Dinge, die ich beim Lesen einfach geliebt habe!

„Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ gehört zu den wenigen Büchern, die mir so gut gefallen haben, dass ich das Lesen regelrecht hinausgezögert habe, weil ich nicht wollte, dass die Geschichte so schnell endet. Ich mochte Morrigan, die trotz allem, was sie in ihren ersten elf Lebensjahren erlebt hat, versucht, offen und hilfsbereit zu sein, wobei sie alles andere als sanft ist und sich ohne Bedenken in ein (Wort-)Gefecht stürzt, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Es gibt so viele großartige Charaktere in diesem Roman wie die Sängerin mit den sechs Verehrern (am Sonntag benötigt sie dann doch ihre Ruhe vor den Männern), Fen, eine Magnificat und Hausdame in einem der besten Hotels Nevermoors, Hawthorne, der Chaos-verbreitende angehende Drachenreiter, und natürlich Jupiter North, der sehr, sehr viel sieht und sehr wenig verrät. Ich mochte all diese Figuren in ihrer Exzentrik, mit ihren Ecken und Kanten und selbst bei den unsympathischen Charakteren habe ich mich über ein Wiedersehen gefreut, denn in der Regel bedeutete das, dass da gleich ein paar Szenen kommen würden, über die ich mich wunderbar amüsieren konnte.

Meine große Liebe gilt aber dem Hotel Deucalion, weil man mich mit liebevollen Beschreibungen von Häusern, die über ihre eigene Magie verfügen, einfach immer packen kann, sowie der Erzählweise von Jessica Townsend und all den großartigen fantastischen Details, die das Leben in Nevermoor ausmachen. Ich muss zugeben, dass es hier und da kleine Unstimmigkeiten gibt, wenn die Autorin zum Beispiel Elemente einfließen lässt, die es in unserer realen Welt gibt und die mir unpassend für Morrigans Welt zu sein scheinen, aber grundsätzlich habe ich den Roman rundum genießen können. Es kommt selten vor, dass mich eine Geschichte so oft überraschen kann, wobei ich es mochte, dass Morrigan zwar regelmäßig in Gefahr schwebt, man sich beim Lesen aber trotzdem die ganze Zeit so gut aufgehoben gefühlt hat. Aktuell habe ich ein großes Bedürfnis nach Wohlfühlbüchern und ich freu mich schon jetzt darauf, mehr über Morrigan und ihre Abenteuer in Nevermoor zu lesen (weshalb ich den zweiten Band, „Wundersmith – The Calling of Morrigan Crow“ direkt nach dem Lesen dieses Romans bei meinem Buchhändler geordert habe). Nur die Tatsache, dass es bis zum Erscheinen des dritten Bandes noch acht Monate sind, hat mich davon abgehalten, auch noch diesen Teil der Reihe zu bestellen.

Diana Wynne Jones: The Spellcoats (The Dalemark Quartet 3)

Der dritte Band der Dalemark-Reihe von Diana Wynne Jones führt den Leser in eine Vergangenheit von Dalemark zurück, in der es noch Könige gab. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tanaqui, die die vierte von fünf Geschwistern und eine hervorragende Weberin ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie ihre Geschichte in zwei Mäntel (Spellcoats) einwebt, so dass nur diejenigen, die die Webmuster zu lesen wissen, davon erfahren. Dabei erzählt der erste Mantel, wie alles in dem kleinen Dorf am Fluss begann, in dem Tanaqui gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrem Vater aufgewachsen ist, und wo die übliche Ruhe von einem Tag auf den anderen durch eine Gruppe Flüchtlinge gestört wurde. Diese Flüchtlinge berichteten von Krieg, und kurz nachdem diese Menschen über den Fluss gesetzt hatten und weitergezogen waren, kamen auch schon die ersten Soldaten, um Männer (und Jungen) anzuwerben, die für den König in den Kampf ziehen sollten.

Nachdem Tanaquis Vater im Krieg getötet wird und ihr ältester Bruder fast seelenlos zurückkommt, werden die Geschwister aus dem Dorf vertrieben und reisen den Fluss entlang bis zum Meer. Für Tanaqui und die anderen ist das eine beschwerliche Reise voller Gefahren in einem Gebiet, das von Hochwasser und Krieg zerstört wurde. Im Laufe ihrer Reise lernen sie, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügen und dass die Unsterblichen (the Undying), die schon in „Drowned Ammet“ eine große Rolle spielten, sie vor der Magie der „Heiden“ aus dem Norden schützen können – wenn Tanaqui und ihre Geschwister denn auf die Zeichen und Hinweise der (beinahe) göttlichen Wesen hören. Doch es ist nicht so einfach, mit den Unsterblichen zu kommunizieren und herauszufinden, welcher Weg für Tanaqui und die anderen der richtige ist.

Ich mochte sehr, dass man dadurch, dass Tanaquis Spellcoats die wahre Geschichte erzählen müssen, um ihre Magie zu wirken, das Gefühl bekommt, man könne der Erzählerin vertrauen – auch wenn es ihr oft genug nicht leicht gefallen ist, von all ihren Irrtümern und kleinlichen Gedanken zu erzählen. „The Spellcoats“ erzählt von der Entstehung Dalemarks, von den alten Mächten, die in dem Land aktiv sind/waren, und von der Herkunft der einen oder anderen Figur, die man bislang nur als Sagengestalt kennengelernt hat. Mir gefiel an Tanaquis Erzählstimme nicht nur, dass ich ihr als Erzählerin vertrauen konnte, sondern ich mochte auch, dass sie – trotz all der besonderen Fähigkeiten, über die sie verfügt, – eine ganz normale und sympathische Figur war. Sie liebt ihre Geschwister und ist doch oft ungeduldig mit ihnen oder ärgert sich über ihr Verhalten, sie vermisst ihre Eltern und wünscht sich regelmäßig, es gäbe jemanden, der sich um sie kümmern würde. Doch da es niemanden gibt, der ihr die Arbeit aus der Hand nimmt, und ihre Geschwister immer wieder jemanden brauchen, der sich um sie kümmert, nimmt sie die Angelegenheiten regelmäßig selber in die Hand. Nicht immer sind ihre Entschlüsse die klügsten, aber gerade das sorgt ja auch dafür, dass man ihrer Geschichte so gerne folgt und sich voller Spannung fragt, ob sie wohl am Ende ihre Aufgabe erledigt bekommt oder nicht.

Ich finde es immer schwierig, eine Reihe so zu lesen, dass die Ereignisse nicht chronologisch stattfinden, weil das oft genug dazu führt, dass man als Leser Dinge erzählt bekommt, die man schon kennt. Hier hingegen muss ich zugeben, dass es sich für mich richtig anfühlt, die Romane in der Veröffentlichungsreihenfolge zu lesen. Die Handlung von „Cart und Cwidder“ lässt sich ohne weitere Hintergründe (meinem Gefühl nach sogar besser) genießen, während ich vermutlich mit dem Wissen um die Vergangenheit Dalemarks, um die Unsterblichen und vielleicht sogar um die Herkunft des Barden Osfameron eine ganz andere Sicht auf die Geschichte gehabt hätte. So hingegen habe ich das Gefühl, dass ich als Leser gemeinsam mit der Welt von Dalemark wachse und im Laufe der Romane immer mehr Details und Hintergründe entdecken kann. All das macht mich auf jeden Fall sehr neugierig auf den Band „The Crown of Dalemark“, mit dem die Serie ihren Abschluss findet.

Diana Wynne Jones: Drowned Ammet (The Dalemark Quartet 2)

Der zweite Band des Dalemark-Quartets von Diana Wynne Jones – den ich bis zu diesem Lesen noch nicht kannte – bringt den Leser wieder in den Süden von Dalemark, genau genommen in das Reich des Herzogs Hadd. Dabei wird die Geschichte in „Drowned Ammet“ zu Beginn aus der Sicht von Mitt erzählt, den der Leser von seinen ersten (überraschend sorgenfreien) Lebensjahren an begleitet, nur um mitzuerleben, wie aus dem zufriedenen kleinen Jungen ein Mensch voller Rachefantasien und Hass wird. Denn Herzog Hadd ist ein grausamer und streitsüchtiger Mann, der keine Hemmungen hat, sein Volk mit seinen Steuern um seine Lebensgrundlage zu bringen. Auch Mitts Eltern gehören zu denen, die wenige Jahre nach Mitts Geburt ihr weniges Hab und Gut verlieren und Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Menschen in seinem Land fürchten den Herzog, seine Soldaten und seine Spitzel, und so ist es kein Wunder, dass neben Armut und Angst auch die Wut und der Wille zur Rebellion in seinem Volk wachsen.

Auch Mitts Vater Al (beide heißen mit vollem Namen Alhammit) schließt sich nach dem Verlust seines Hofes in der Hafenstadt Holand einer Gruppe von Freiheitskämpfern an, doch er und seine Gefährten werden vor der Durchführung eines geplanten Anschlags verraten. Nachdem Mitt mit seiner Mutter zurückbleibt, schließt auch er sich den Freiheitskämpfern an, und ich muss zugeben, dass das ein Punkt war, wo mich Diana Wynne Jones ausnahmsweise nicht überzeugen konnte. Ich musste mir beim Lesen dieser Kapitel rund um Mitts Aufwachsen und sein Engagement für die Freiheitskämpfer immer wieder vorrechnen, dass Mitt noch sehr jung ist. Seine Familie kann es sich nicht leisten, ihn zur Schule zu schicken und er hat keine gleichaltrigen Freunde, mit denen er auf den Straßen spielen könnte. Stattdessen fängt er als Achtjähriger an, auf einem Fischerboot zu arbeiten, und alles, was er Tag für Tag hört, sind Klagen über die Ungerechtigkeit des Herzogs. Und wenn meine Rechnung stimmt (die auf so groben Angaben basiert wie „beim nächsten „Holand Sea Festival“, „im folgenden Sommer“ oder „wenige Wochen später“, dann ist er gerade mal elf oder zwölf Jahre alt, als er einen Anschlag auf den Herzog verübt.

Ein Kind, das unter diesen Umständen aufwächst, ist deutlich „erwachsener“ als ein Kind, das eine sorgenfreie Kindheit verbringen kann und sich keine Gedanken darüber machen muss, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Auf der anderen Seite ist Mitt nicht erwachsen genug, um wirklich die Konsequenzen seines Tuns überblicken zu können, oder um die Motive und Aussagen anderer Menschen zu hinterfragen und sich seine eigene Meinung bilden zu können. Gerade seine emotionale Abhängigkeit von seiner Mutter erklärt sich für mich sehr dadurch, dass er eigentlich noch ein Kind ist. Dass ich mir aber all diese Dinge immer wieder vor Augen halten musste, hat für mich diese Kapitel etwas schwierig zu lesen gemacht, obwohl ich die Grundsituation spannend fand. Ich weiß nicht, ob ich als Kind/Jugendliche diese Passagen anders wahrgenommen hätte. Aber ich glaube, ich hätte damals auch schon Kleinkind-Mitt, der nicht verstehen kann, wieso seine Nachbarn Angst vor dem Soldaten haben, mit dem er sich gerade angefreundet hat, lieber gemocht, als den achtjährigen Mitt, der anscheinend nur zu seiner Mutter so etwas wie Zuneigung empfinden kann und für den alle anderen Menschen nur Mittel zum Zweck zu sein scheinen.

Auf der anderen Seite bekommt man die Geschichte aus Sicht von Hildy (Hildrida), der Enkeltochter von Herzog Hadd, erzählt. Hildys Temperament ähnelt von klein auf einer Naturgewalt, und nicht einmal ihr Vater traut sich, sich gegen sie zu stellen, wenn sie schlechte Laune hat. Dabei ist Hildy kein verwöhntes Kind oder eine Nervensäge, sie ist nur schrecklich frustriert von ihrer Rolle als Schachfigur bei den politischen Spielen ihres Großvaters, davon, dass ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter so gleichgültig geworden ist, und von all den anderen kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die sie so erlebt. Hildy ist nicht gerade ein netter Charakter, aber ich fand sie auf Anhieb sympathisch. So ist es auch kein Wunder, dass die Geschichte für mich deutlich anzog, als Hildy, ihr Bruder Ynen und Mitt nach der Hälfte des Romans aufeinandertrafen und sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Illusionen bezüglich der eigenen Person und ihren Vorurteilen gegenüber anderer Gesellschaftsschichten auseinandersetzen mussten. Dazu kamen noch wunderbar atmosphärische Segelszenen und ein Hauch Magie, und schon fühlte ich mich mit „Drowned Ammet“ wieder wohl und war neugierig auf die weitere Entwicklung der Geschichte.

Am Ende kann ich verstehen, wieso Diana Wynne Jones die erste Hälfte des Romans so erzählt hat, aber ich muss zugeben, dass mich dieser Teil trotzdem nicht ganz so überzeugt hat, wie es ihre Bücher normalerweise tun. Erst beim Lesen der zweiten Hälfte kam für mich das Gefühl auf, ich würde eine „richtige“ Diana-Wynne-Jones-Geschichte lesen, mit all ihren Untertönen und ihren bitteren und amüsanten Momenten. Doch während ich bei „Cart and Cwidder“ am Ende zufrieden mit dem Ausgang der Handlung und den Andeutungen über Morils Zukunft war, fühlen sich hier die letzten Seiten an, als ob mir die Autorin bislang nur einen langen Prolog erzählt hätte – und nun muss ich auf den vierten Teil der Reihe („The Crown of Dalemark“) warten, um zu erfahren, wie das Ganze ausgeht. Doch bevor ich zum vierten Band greife, werde ich erst einmal „The Spellcoats“ aus dem SuB fischen und mich mit der Geschichte in die Vergangenheit von Dalemark begeben.