Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Tracey Baptiste: Rise of the Jumbies (The Jumbies 2)

„Rise of the Jumbies“ von Tracey Baptiste ist die Fortsetzung von „The Jumbies“ und auch hier verwendet die Autorin wieder Legenden, die sie in ihrer Kindheit in Trinidad gehört hat, sowie Elemente afrikanischer Legenden. Die Geschichte spielt einige Wochen nach Corinnes Kampf gegen die Jumbie Severine. Für Corinne hat sich seitdem so einiges geändert. Denn jetzt, da ihre Nachbarn wissen, dass Corinnes Mutter eine Jumbie war, wird das Mädchen von vielen mit Misstrauen betrachtet und für die Angriffe der Jumbies verantwortlich gemacht.

Auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden Dru, Malik und Bouki wurde durch diese Enthüllung etwas getrübt, denn obwohl sie ihr weiterhin zur Seite stehen, gibt es doch immer wieder Momente, in denen sie Corinnes Absichten zu hinterfragen oder sogar etwas Angst vor ihr zu haben scheinen. Trotzdem könnte das Mädchen sein Leben normal weiterführen, wenn nicht von einem Tag auf den anderen Kinder auf der Insel verschwinden würden. Die Suche nach dem Verantwortlichen für die Entführung der Kinder führt Corinne, Dru, Malik und Bouki in die Tiefen des Meeres, wo sie Mama D’Leau um Hilfe bitten. Doch Mama D’Leau ist nicht nur eine der mächtigsten Jumbies, sie gewährt ihre Hilfe auch nicht, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen.

So gut mir „The Jumbies“ schon gefallen hatte, so fand ich „Rise of the Jumbies“ noch besser als das erste Buch rund um Corinnes Abenteuer mit den übernatürlichen Wesen. Nachdem Tracey Baptiste im Auftaktband der Reihe die Grundlagen gelegt hat, kann sie in „Rise of the Jumbies“ nicht nur tiefer in karibische und afrikanische Legenden eintauchen, sondern auch mehr Details rund um die Jumbies erzählen. Für Corinne bedeutet die Suche nach den verschwundenen Kindern und die damit verbundenen Abenteuer und Gefahren vor allem eine Suche nach ihrer eigenen Identität. Sie muss für sich herausfinden, was es bedeutet, dass sie zur Hälfte ein Mensch und zur Hälfte eine Jumbie ist, und sie muss einen Weg finden, damit ihre Nachbarn sie so akzeptieren, wie sie ist. Außerdem lernt sie – ebenso wie ihre Freunde – mehr über den Weg, den ihre Vorfahren auf die Insel genommen haben, und was mit denjenigen passierte, die nicht heil auf der Insel ankamen. Dabei flicht Tracey Baptiste kindgerecht, aber nicht beschönigend Details über den Handel mit schwarzen Menschen ein, die von Afrika aus unter schlimmsten Bedingungen in die verschiedenen Kolonien verschifft wurden.

Es gab so einige Szenen in „Rise of the Jumbies“, die mich wirklich berührt haben, und ich mochte es sehr, wie die Autorin immer wieder in ihrer Geschichte auf die Frage zurückkommt, ob „Vergessen“ oder „Erinnern und Auseinandersetzen“ der bessere Weg ist, um mit der Vergangenheit und der eigenen Identität umzugehen. Außerdem muss Corinne angesichts ihrer Herkunft und ihrer Verwandtschaft zu Severine natürlich auch darüber nachdenken, was es bedeutet, eine Familie zu sein und wie weit die Loyalität gegenüber Familienmitgliedern gehen muss, vor allem, wenn diese dir nicht so nahestehen wie andere Menschen, mit denen du nicht verwandt bist.

Mir gefällt es sehr, wie Tracey Baptiste all diese Themen anschneidet, ohne dem Leser dabei einen einfachen Weg zu bieten oder gar zu behaupten, dass es nur eine Lösung für all diese Fragen gibt. Stattdessen gestattet die Autorin dem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen, mit Corinne und ihren Freunden mitzuleiden und zu hoffen, dass sie sich alle so weiterentwickeln, dass sie am Ende eine Antwort für ihre Fragen und Problemen finden werden. Und trotz all dieser nachdenklich machenden und berührenden Szenen gibt es immer wieder amüsante Dialoge oder Momente, die einen zum Schmunzeln bringen und dafür sorgen, dass die Atmosphäre in „Rise of the Jumbies“ nicht zu trüb wird und die Geschichte einen gut unterhält.

Gabrielle Kent: Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle (Alfie Bloom 1)

„Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ von Gabrielle Kent war vor ein paar Wochen ein Zufallsfund (ich muss endlich anfangen, all die Tweets mit eBook-Sonderangeboten zu ignorieren!), und ich habe das Buch in den letzten Tagen sehr genossen. Die Geschichte wird aus der Sicht des elfjährigen Alfie erzählt, der so gar keine Lust auf den Beginn der Sommerferien hat, weil Ferien normalerweise bedeuten, dass er den ganzen Tag allein zu Hause ist, während sein Vater arbeitet. Doch dann erbt Alfie überraschenderweise die alte Burg in dem Ort Hexbridge, was ihm nicht nur die Gelegenheit bietet, mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen, sondern auch täglichen Kontakt zu seinem Cousin Robin und seiner Cousine Maddie ermöglicht. Doch so schön das Leben in Hexbridge ist, so gibt es doch so einige (gefährliche!) Geheimnisse rund um die Vergangenheit der Burg, ihren Vorbesitzer und die Personen, die es auf Alfies Talisman abgesehen haben.

Von Anfang an macht Gabrielle Kent für den Leser deutlich, dass es in ihrer Welt eine Spur von Magie und sehr großen Gefahren gibt, und doch ist „Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ in erster Linie ein Wohlfühlbuch voller wunderbarer Freundschaften. Ich mochte es, wie die Autorin auf der einen Seite Alfie in einer völlig normalen modernen Umgebung leben lässt und auf der anderen Seite ganz selbstverständlich Magie in die Geschichte einflicht. Dabei entsteht eine Atmosphäre, die ich vor allem mit klassischen fantastischen Kinderbüchern aus Großbritannien verbinde. Alfie, Maggie und Robin verbringen einige Zeit mit der Erkundung der Burg und lernen mehr über ihre Geschichte, während gleichzeitig im Ort immer wieder Kühe, Schafe und sogar eine ältere Nachbarin verschwinden. Und nach den Sommerferien muss Alfie sich dann auch noch an eine neue Schule inklusive der beiden extrem unangenehmen Schulleiterinnen gewöhnen.

All diese gewöhnlichen und ungewöhnlichen Erlebnisse von Alfie sind nicht nur wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen, sondern bieten der Autorin auch wunderbare Gelegenheiten, die Freundschaft sowohl zwischen Alfie, Maddie und Robin als auch zwischen Alfie und seiner früheren Klassenkameradin Amy darzustellen. Auch mochte ich, dass zwar Alfies Vater relativ wenig Zeit für seinen Sohn hat, aber trotzdem deutlich spürbar wird, dass die beiden einander viel bedeuten und eigentlich auch ein gutes Team sind. Überhaupt hat Alfie recht viel Glück mit den Personen (und … äh … ehemaligen Personen *g*), die er so im Laufe der Geschichte kennenlernt, so dass es einfach schön ist, mit ihm Zeit zu verbringen. Ich kann nicht so recht beurteilen, ob die Hindergründe rund um die beiden Schuldirektorinnen (und die noch nicht enthüllten Details zu Alfies Lieblingslehrerin) für die kindliche Zielgruppe (ab zehn Jahre) genauso offensichtlich sind wie für mich, aber mich hat diese Offensichtlichkeit in keiner Weise gestört. Es hat mir einfach nur Spaß gemacht, von Alfies Erbschaft und all den damit verbundenen Abenteuern zu lesen, und ich bin froh, dass auch der zweite Band auf Englisch im Angebot war und deshalb schon auf meinem eReader auf mich wartet.

Oh, und für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen, gibt es die drei Alfie-Bloom-Romane auch auf Deutsch mit den Titeln „Das Geheimnis der Drachenburg“, „Jagd nach dem magischen Schlüssel“ und „Duell am Dämonenfelsen“.

Molly Knox Ostertag: The Witch Boy 2 – The Hidden Witch (Comic)

Obwohl mir „The Witch Boy“ von Molly Knox Ostertag im vergangenen Jahr so gut gefallen hatte, hat es doch wieder etwas gedauert, bis ich die Fortsetzung gelesen habe (und ich fürchte ein bisschen, dass es mit dem im November 2019 erschienenen dritten Band „The Midnight Witch“ ebenso laufen wird), weil ich mir die Comics gern für die richtige Stimmung aufhebe. In den letzten Tagen war ich aber in der passenden Stimmung für diese Art von Geschichte, und so habe ich „The Hidden Witch“ sehr genossen. Nachdem Aster im ersten Band darum kämpfen musste, dass er entgegen aller Traditionen als Hexe ausgebildet wird, versucht er nun all die Dinge nachzuholen, die er in den vergangenen Jahren verpasst hat. Doch seine Lehrerin ist nicht gerade hilfsbereit, und so muss er einen anderen Weg finden, um all das Wissen nachzuholen, das ihm aufgrund des verweigerten Unterrichts fehlt.

Asters Freundin Charlie hingegen muss feststellen, dass ihre Schulfreundinnen im Laufe des Sommers, in dem sie wegen ihres gebrochenen Beins nicht ins Ferienlager fahren konnte, neue Interessen entwickelt haben. Zum Glück gibt es die Mitschülerin Ariel, mit der sich Charlie auf Anhieb versteht, auch wenn diese sich manchmal etwas seltsam benimmt. So könnte es für Charlie und Aster – trotz all der Dinge, die sie in den vergangenen Wochen erlebt haben – eigentlich ganz gut laufen, wenn nicht auf einmal ein Fetch (eine Art böses Schattenwesen) auftauchen würde, um Charlie zu schaden, während sich Aster zeitgleich damit auseinandersetzen muss, dass seine Großmutter es sich in den Kopf gesetzt hat, ihrem Bruder zu helfen, sich von einem Monster wieder in einen Menschen zu verwandeln.

Auch nach diesem Band bleibt es dabei, dass ich die Geschichten rund um Aster und Charlie sehr mag. Die Moral der Geschichte wird zwar stellenweise etwas plakativ rübergebracht, aber das kann ich angesichts der vielen hübschen Details und der stimmigen Charaktere wirklich verzeihen. Ich mag Aster und Charlie und ihre Familie und kann sogar bei denjenigen Figuren, die mir nicht so sympathisch sind, verstehen, warum sie so handeln, wie sie es tun. Außerdem spricht mich diese Mischung aus lustigen, nachdenklichen und gefährlichen Momenten an, sowie die Art und Weise, in der sich die verschiedenen Figuren im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Auch wenn Aster und Charlie stellenweise etwas zu unbedarft auf Menschen zugehen, finde ich das angesichts der recht behüteten Umgebungen, in denen die beide aufgewachsen sind, immer noch stimmig. Und am Ende hat man als Leser das Gefühl, dass alles gut werden könnte, aber nicht unbedingt gut werden muss, weil die Charaktere zu realistisch ausgearbeitet wurden, um immer die richtige Entscheidung zu treffen.

Wie schon beim ersten Band habe ich nicht nur die Handlung an sich, sondern auch die schönen Zeichnungen genossen. Bei den verschiedenen Charakteren gibt es immer wieder schöne, ausdrucksstarke Momente, wenn es um Mimik und Gestik geht, und außerdem beweist die Zeichnerin ein gutes Händchen, wenn es um die kleinen Details geht, die eine Figur zu einem Individuum machen. Bei der Koloration greift Molly Knox Ostertag auf die Farbpaletten zurück, die schon den ersten Band beherschten, und so bekommt man als Betrachter gefällig und leicht wirkende Seiten für die heiteren und alltäglichen Szenen und düstere und kräftig gehaltene Panels für die Teile der Geschichte, in denen mächtige und nicht gerade wohlwollende Kräfte walten. Insgesamt gehören die „The Witch Boy“-Bände für mich definitiv zu den Wohlfühl-Comics, obwohl dort so einige Themen angesprochen werden, mit denen (nicht nur) Jugendliche zu kämpfen haben.

Marika McCoola/Emily Carroll: Baba Yaga’s Assistant (Comic)

„Baba Yaga’s Assistant“ von Marika McCoola ist kein Comic, der mich spontan angesprochen oder den ich mir selbst gekauft hätte, da mich die Zeichnungen von Emily Carroll nicht so sehr reizen. Da ich den Titel aber als Leihgabe im Haus habe und Comics gerade die richtige Art von Unterhaltung für mich zu sein scheinen, habe ich den Band in den letzten Tagen gelesen. Die Handlung dreht sich um Masha, die nach dem Tod ihrer Großmutter recht einsam ist. Ihre Mutter starb schon, als Masha sehr klein war, und da ihr Vater sich in seiner Trauer um seine Frau (und vergraben in seine Arbeit) nicht um seine Tochter kümmern konnte, hat die Großmutter Masha aufgezogen und ihr den notwendigen emotionalen Halt nach dem Verlust ihrer Mutter gegeben.

Doch nun scheint Masha ganz allein in der Welt zu stehen, denn nicht nur ist ihre Großmutter tot, sondern ihr Vater hat auch eine neue Frau kennengelernt, die er heiraten will. Dabei muss ich anmerken, dass die potenzielle Stiefmutter wirklich nett – wenn auch eindeutig überfordert mit ihrer eigenen kleinen Tochter – dargestellt wird, was auch Masha anerkennen kann. Aber die Tatsache, dass ihr Vater ihr nichts von dieser Frau erzählt hat, bis die Verlobung schon stand, und dass er sich regelmäßig die Zeit genommen hat, um mit seiner neuen Familie zu essen, während sie allein zu Hause war, verletzt das Mädchen so sehr, dass sie beschließt, ihr Heim zu verlassen und sich als Assistentin bei der Baba Yaga zu bewerben. Über die Baba Yaga gibt es viele Geschichten, und Masha hat sie alle von ihrer Großmutter gehört, die selbst eine Zeitlang bei der berühmen Hexe im Wald gelebt hat. Dass die Baba Yaga gerade jetzt eine Annonce geschaltet hat, in der sie eine neue Assistentin sucht, scheint für Masha wie ein Wink des Schicksals zu sein. Doch es ist für Masha nicht so einfach, all die Herausforderungen zu meistern, die die Baba Yaga für ihre potenzielle Assistentin bereithält.

Ich muss zugeben, dass ich mich im Laufe der Zeit an den Stil von Emily Carroll gewöhnt habe und auch anerkennen kann, dass sie in einigen Panels eine wirklich ausdrucksvolle Mimik und Gestik zeigt, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihren Zeichnungen nicht. Die Geschichte hingegen, die Marika McCoola mit diesem Comic erzählt, fand ich sehr süß. Auf der einen Seite verweist sie immer wieder auf verschiedene klassische Märchen rund um die Baba Yaga, auf der anderen Seite zeigt sie eine Facette dieser unheimlichen Hexe, die überraschend sympathisch ist. Und je mehr Mühe sich Masha mit der Bewältigung ihrer „Aufnahmeprüfungen“ geben muss, desto mehr wächst das Mädchen an ihren Herausforderungen. Am Ende gibt es sogar eine Art Versöhnung mit ihrem Vater, wobei ich finde, dass dieser viel zu leicht aus der ganzen Sache herauskommt. Dass er viele Jahre lang seine Tochter vernachlässigt hat, dass er sich mit seiner potentiellen neuen Familie deutlich mehr Mühe gibt als mit dem Mädchen, das gerade erst seine Großmutter verloren hat, all das ist eigentlich gar kein Thema mehr. Das zieht eine ansonsten süße Geschichte leider etwas runter.

 

Shannon Hale/Dean Hale/Victoria Ying: Diana – Princess of the Amazons (Comic)

Auf „Diana – Princess of the Amazons“ bin ich aufmerksam geworden, weil die Zeichnerin Victoria Ying an dem Comic beteiligt ist und ich ihre Illustrationen für das Spiel „Bargain Quest“ sehr mag. Der Comic wurde von Shannon Hale und Dean Hale geschrieben, von Victoria Ying gezeichnet und von Lark Pien koloriert. Zu Beginn der Geschichte ist Diana ziemlich allein, sie ist zu alt, um noch ständig von ihrer Mutter und all den Tanten im Auge be- und unterhalten zu werden, und zu jung, um mit den anderen Amazonen zu trainieren und zu arbeiten. Sie langweilt sich schrecklich und es gibt niemanden auf der Insel, der in ihrem Alter ist und mit ihr Sachen unternehmen könnte. In ihrer Einsamkeit formt Diana ein Mädchen aus Lehm und haucht ihr Leben ein, um endlich eine Freundin zu haben. Doch so schön es ist, mit Mona – so nennt Diana ihre neue Freundin – über die Insel zu stromern und endlich gemeinsam Sachen zu erleben: Mona scheint eine boshafte Seite zu haben, die Diana Unbehagen bereitet. Trotzdem lässt sie sich von ihr zu gefährlichen Aktionen überreden, nur um dann mit den Folgen ihrer eigenen Tat fertig werden zu müssen.

Ich mochte sehr, wie die Handlung sich langsam entwickelt, wie anfangs gezeigt wird, wieso sich Diana so einsam fühlt und wie sich ihr Leben (erst einmal zum Besseren) verändert, als sie endlich eine „gleichaltrige“ Freundin hat. Auch wenn schon früh klar wird, dass Monas Moralempfinden nicht dem von Diana gerecht wird, ist es verständlich, dass Diana lange Zeit darüber hinwegsieht. Erst als Mona und Diana mit ihren gemeinsamen Taten die gesamte Insel der Amazonen in Gefahr bringen, muss Diana sich gegen ihre Freundin stellen und Verantwortung für ihre Taten übernehmen. Dieser Comic ist für eine recht junge Zielgruppe (ab 6 Jahren, würde ich sagen) gedacht, aber ich hatte wirklich viel Freude beim Lesen. Diana ist eine sympathische Protagonistin, und ihre Gefühle und Handlungen sind nachvollziehbar dargestellt, auch wenn für den Leser von Anfang an klar ist, dass sie sich irgendwann gegen Mona und ihre boshafte Seite stellen muss. Ihr Wohlergehen hat mich berührt, sie tat mir in ihrer Einsamkeit leid, ich fand es wunderbar zu sehen, wie Diana die Gesellschaft ihrer neuen Freundin genießt und ich war stolz auf sie, als sie sich am Ende entscheidet, sich den Folgen ihrer Taten zu stellen.

Dass ich die Zeichnungen von Victoria Ying grundsätzlich mag, sagte ich ja schon, und auch hier habe ich ihren Stil sehr genossen. Gestik und Mimik der verschiedenen Figuren finde ich wunderbar aussagekräftig und die ganzen Tiere, die in der Geschichte vorkommen, sind einfach nur bezaubernd. Doch vor allem mag ich den Humor und das Tempo in ihren Zeichnungen. Die Kolorationen von Lark Pien sind da die perfekte Ergänzung. Die leuchtenden, aber nicht zu grellen Farben erzeugen eine heitere Atmosphäre, ohne dass man dabei als Betrachter die Bedrohungen, die der Insel durch Dianas und Monas Taten bevorstehen, nicht ernstnehmen würde. Insgesamt bin ich überraschend glücklich mit „Diana – Princess of the Amazons“ und freu mich sehr darüber, dass ich diesen Comic durchgehend genießen konnte.

Amy Wilson: A Girl Called Owl

Nachdem mir „The Shadows of Winterspell“ von Amy Wilson so gut gefallen hatte, habe ich auch die anderen Bücher der Autorin auf meinen Merkzettel gesetzt. „A Girl Called Owl“ ist der Debütroman von Amy Wilson (und es gibt diese Geschichte auch noch mit dem Titel „The Lost Frost Girl“ als Hardcover-Ausgabe). Die Handlung dreht sich um die gerade mal dreizehnjährige Owl, die es seit Jahren unangenehm findet, dass ihre Mutter ihr einen Namen gegeben hat, der aus der Masse heraussticht. Doch natürlich bleibt es nicht bei einem ungewöhnlichen Namen (und dem dazu passenden Aussehen), sondern Owl muss zu Beginn des Romans feststellen, dass sie über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Immer wieder überziehen Eisblumen ihre Haut, und sie erzeugt um sich herum Frost, ohne darüber Kontrolle zu haben. Nicht einmal mit ihrer besten Freundin Mallory kann sie sich über all die seltsamen Dinge austauschen, die ihr passieren, denn diese muss mit ihren ganz eigenen persönlichen Problemen fertigwerden.

Einzig der neue Mitschüler (und ja, das ist ein sehr häufig verwendetes Klischee, aber es ist nett geschrieben!) Alberic scheint zu verstehen, wie es Owl gerade geht. Er ist es auch, der ihr als erster von den großen Elementaren erzählt, vom Hof der Fey und davon, dass (Halb-)Menschen dort nicht gerade gern gesehen sind. Dabei ist Alberic ebenfalls zur Hälfte menschlich und am Hof der Fey aufgewachsen, weshalb er genau weiß, welche Risiken Owl eingeht, als sie beschließt, ihren Vater zu suchen. Wie schon in „The Shadow of Winterspell“ ist auch in dieser Geschichte die Welt der übernatürlichen Wesen keine einfache oder gar ungefährliche, aber es gibt so viele wunderschöne und magische Momente, die die Autorin rund um die Elementare und die Naturgeister spinnt, dass man vollkommen davon verzaubert wird. Gemeinsam mit Owl lernt man mehr über die verschiedenen Aufgaben, die die Elementare haben, und über die Rivalitäten zwischen den verschiedenen Jahreszeiten. Und während man als Leser all diese vielen fantastischen Details einfach nur genießen kann, muss Owl darum kämpfen, mehr über sich und ihre Fähigkeiten lernen zu können und sich nicht in all den neuen Erfahrungen zu verlieren.

Doch nicht nur diese neue magische Welt bringt für Owl Herausforderungen mit sich, denn bei all den gravierenden Ereignissen in ihrem Leben ist es für sie nicht einfach, ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter oder ihren Freunden aufrechtzuerhalten. Ich mag diese Mischung aus Magie und Normalität, die Amy Wilson in ihre Geschichten einbaut, ebenso wie die kleinen Szenen, in denen die man mehr über Owl und ihre Mutter oder Owls Freundschaft zu Mallory erfährt. Dass der Frost in diesem Roman eine nicht gerade geringe Rolle spielt, kommt mir auch entgegen, und so habe ich mich beim Lesen all dieser atmosphärischen Herbst- und Winterszenen die ganze Zeit nach dem Anblick von Herbstlaub, dem Geruch von Holzfeuern und vor allem nach dem ersten Frost des Herbsts gesehnt, der den Winter ankündigt und die Luft so wunderbar frisch und ein kleines bisschen beißend sein lässt. Ich bin mir sicher, dass ich im Herbst wieder zu „A Girl Called Owl“ greifen und all diese schönen Szenen, sympathischen Charaktere und fantastischen Details erneut genießen werde. Und bis es soweit ist, habe ich mit „Snowglobe“ noch ein weiteres Buch der Autorin auf dem SuB, das bestimmt perfekt für den anstehenden Sommer geeignet sein wird. 😉

Diana Wynne Jones: Archer’s Goon

So langsam arbeite ich mich durch meine Sammlung von Diana-Wynne-Jones-Titeln, die ich noch nicht kenne. In den vergangenen Tagen war das Buch „Archer’s Goon“ an der Reihe, das folgendes verspricht:

This book will prove the following ten facts:

1. A Goon is a being who melts into the foreground and sticks there.
2. Pigs have wings, making them hard to catch.
3. All power corrupts, but we need electricity.
4. When an irresistible force meets an immovable object, the result is a family fight.
5. Music does not always soothe the troubled breast.
6. An Englishman’s home is his castle.
7. The female of the species is more deadly than the male.
8. One black eye deserves another.
9. Space is the final frontier, and so is the sewage farm.
10. It pays to increase your word power.

Die Geschichte beginnt damit, dass der dreizehnjährige Howard Sykes eines Tages von der Schule kommt und Archer’s Goon in seiner Küche vorfindet, der behauptet, dass Howards Vater seinem Boss noch 2000 Wörter schuldet. Weder Howards kleine Schwester Awful noch die Studentin Fifi, die mit im Haus wohnt und nachmittags dafür sorgt, dass die beiden Kinder ihren Tee serviert bekommen, wissen, wer Archer ist oder was er mit den 2000 Wörtern tut, die ihm Mr. Sykes schulden. Doch so richtig seltsam wird die ganze Angelegenheit für Howard, nachdem sein Vater seine Schulden bezahlt hat und der Goon trotzdem bei Howards Schule auftaucht und darauf besteht, dass er und Howard nun Freunde seien, während gleichzeit diverse andere Personen auf einmal Interesse an Mr. Sykes‘ Wörtern entwickeln. Doch je mehr Personen von ihm einen Text geschrieben haben wollen, desto störrischer wird der Autor und verweigert jegliche Mitarbeit – was zu einigen dramatischen Entwicklungen für seine Familie (und sehr amüsanten Momenten für den Leser) führt.

Ich liebe die Charaktere in diesem Buch. Besonders Howards kleine Schwester Awful (eigentlich Anthea) ist so schrecklich, wie ihr Name andeutet, und dabei so großartig, dass ich jede einzelne Szene mit ihr genossen habe. Nicht alle Figuren sind detailliert ausgearbeitet, aber das macht überhaupt nichts, weil man schon bei einem kleinen Auftritt in der Regel ein genaues Gefühl für den Charakter bekommt. Dazu kommt ein kompliziertes Geflecht von Beziehungen zwischen den verschiedenen Figuren, das so nach und nach enthüllt wird, und ich war wieder einmal hingerissen von der Fähigkeit der Autorin, all diese kleinen zwischenmenschlichen Momente zu erfassen, die das Agieren verschiedener Menschen miteinander so sehr bestimmen. Dazu kommt, dass Howard, je intensiver er die Personen in seiner Umgebung und ihre Reaktion auf andere Menschen beobachtet, eine ganze Menge über sich selbst und seine Familie lernt.

Wie es sich für ein richtig gutes Diana-Wynne-Jones-Buch gehört, ist auch „Archer’s Goon“ voller skurriler und amüsanter Entwicklungen, die einem innerhalb dieser Romanwelt überraschend stimmig vorkommen. Dabei greift die Autorin wieder einmal auf Figuren zurück, die über Magie verfügen und dank ihrer Fähigkeiten gleich eine ganze Stadt unter ihrer Herrschaft haben. Da es sich jedes Mal neu und ungewöhnlich anfühlt, wenn Diana Wynne Jones mit dieser Idee spielt, kann ich sehr gut damit leben, dass sie immer wieder dieselbe Grundvoraussetzung in ihre Geschichten einbaut. In „Archer’s Goon“ gab es so viele überraschende und bizarre Momente, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, mir würde die perfekte Mischung aus vertrauten und geliebten Elementen und unverbrauchten Ideen präsentiert. So sehr ich die Romane der Autorin wie „Howl’s Moving Castle“ mag, die durchgehend in einer Fantasywelt angesiedelt sind: Ich genieße die Geschichten, die „britischen Alltag“ mit einer Spur von Magie versehen, doch noch ein bisschen mehr.

Kelley Armstrong: A Royal Guide to Monster Slaying

Um Kelley Armstrong schleiche ich schon sehr lange herum, da ich einige Kurzgeschichten von der Autorin gelesen habe, die mir sehr gut gefielen. Auf der anderen Seite hatte mir der Anfang ihrer Urban-Fantasy-Geschichte „Bitten“ so wenig gefallen, dass ich den Roman abgebrochen und weggegeben hatte. „A Royal Guide to Monster Slaying“ schien mir unter diesen Umständen eine gute Wahl, um einen weiteren Roman der Autorin anzutesten, denn ich ging (zu recht) davon aus, dass das Thema Beziehungen in einer Geschichte, deren Protagonistin gerade mal zwölf Jahre alt ist, keine so große Rolle spielen würde. Genau genommen dreht sich die Handlung um Prinzessin Rowan, der Thronfolgerin des Clan Dacre, die statt Königin zu werden lieber eine Zukunft als Monsterjägerin anstreben würde.

Diese Voraussetzung für eine Geschichte klingt nicht gerade innovativ, vor allem, wenn man noch bedenkt, dass Rowan einen zwei Minuten jüngeren Zwillingsbruder hat, der perfekt für die Rolle des Königs geeignet wäre, aber entgegen seiner Fähigkeiten und Neigungen der Traditionen ihres Clans folgend zum Monsterjäger ausgebildet wird. Doch aus dieser eher ausgereizten Grundidee spinnt Kelley Armstrong eine überraschende, amüsante und immer wieder nachdenklich machende Geschichte, die mir wirklich sehr gut gefallen hat. Rowan ist eine mutige und etwas zu waghalsige Protagonistin, die schon früh in der Handlung eine Monsterjagd miterlebt, bei der so einige Dinge schrecklich schief laufen. Am Ende dieser Jagd wird nicht nur Rowans gesamtes Leben auf den Kopf gestellt, sondern ihre Familie droht sogar den Thron an jemanden zu verlieren, der mit sehr großer Wahrscheinlichkeit als Tyrann über das Land herrschen würde. Um dies zu verhindern, begibt sich Rowan in ungewöhnlicher Gesellschaft auf eine beschwerliche Reise, auf der sie nach und nach erwachsen wird.

Ich mochte es sehr, dass die unerschrockene und impulsive Rowan so früh im Roman lernt, Angst zu haben – Angst um diejenigen, die ihr am Herzen liegen, und um die Zukunft des Landes, ebenso wie Angst vor dem, was da alles auf sie wartet, und vor den Monstern, denen sie im Laufe ihres Lebens gegenüberstehen wird. Aber sie lernt noch so viel mehr über sich selbst und über die Menschen, denen sie auf ihrer Reise begegnet, und ich fand es wirklich wunderbar zu verfolgen, wie sie so langsam erwachsener wird, ohne dabei all die Charaktereigenschaften zu verlieren, die sie zu einer so sympathischen Protagonistin machen. Neben den Figuren (zu Rowan gesellen sich einige Nebenfiguren, die von Kelley Armstrong nicht immer sympathisch, aber definitiv stimmig dargestellt wurden,) mochte ich auch die fantastische Welt, in der die Geschichte spielt. Für Rowan ist es recht normal, dass Einhörner und Pegasi (beide nicht gerade freundliche Kreaturen), Jackaroo, Wargen oder Greife existieren. Keine dieser Tierarten ist so weit verbreitet, dass sie zu einer alltäglichen Bedrohung werden, aber sie sind häufig und gefährlich genug, dass das Königreich auf die Monsterjäger angewiesen ist, die diese Tiere im besten Fall vertreiben oder im schlimmsten Fall töten.

Doch natürlich geht die größte Gefahr für die Prinzessin nicht von all den vielen Monstern aus, sondern von den verschiedenen Personen, die es auf den Thron und deshalb auf ihre Freiheit oder gar ihr Leben abgesehen haben. Das macht es für sie nicht einfach, Verbündete oder gar Freunde zu finden, aber ihre Zielstrebigkeit, ihre Hilfsbereitschaft und ihr wachsendes Verständnis für andere Personen (und Monster) sorgen dafür, dass sie im Laufe der Zeit eine bunte Gruppe an Begleitern um sich schart. Die unterschiedlichen Vorgeschichten der verschiedenen Figuren und ihre voneinander abweichenden Ansichten dazu, wie man in den jeweiligen Situationen vorgehen sollte, sorgen für so einige amüsante Wortwechsel. So sind es am Ende vor allem die unerwarteten Freundschaften, die mir von diesem Buch in Erinnerung bleiben, und die Neugier darauf, was wohl in Zukunft aus Rowan und ihren Begleitern werden wird, hat dafür gesorgt, dass ich die demnächst erscheinende Fortsetzung ganz oben auf den Merkzettel geschoben habe.

Diana Wynne Jones: Wilkins‘ Tooth

Am Wochenende hatte ich mal wieder Lust auf etwas „fluffigere“, kürzere Lektüre und landete beim Blick über meinen SuB bei „Wilkins‘ Tooth“ von Diana Wynne Jones. Dieses Buch der Autorin kannte ich noch nicht, aber es ist mir in den vergangenen Monaten regelmäßig untergekommen, weil in meiner englischsprachigen Timeline immer mal wieder darauf verwiesen wurde. Ein bisschen hatte ich vor dem Lesen den Verdacht, dass man diesen Roman als Kind gelesen haben muss, um ihn so lang anhaltend in Erinnerung zu behalten wie all die Personen, die den Titel erwähnten, und ich fürchte, dass sich dieser Verdacht beim Lesen bestätigt hat, aber das ändert nichts daran, dass „Wilkins‘ Tooth“ eine sehr amüsante Geschichte ist.

Die Handlung wird erzählt aus der Sicht der Geschwister Frank und Jess Pirie, die vor kurzem einen neuen Stuhl ihrer Eltern zerbrochen haben und nun für vier lange Monate kein Taschengeld bekommen werden. Da ihr Vater ihnen auch die Suche nach richtigen Nebenjobs verbietet, gründen die beiden eine  „Vergeltungsgesellschaft“ („Own Back Inc.“). Doch was anfangs nach einer guten Idee klingt, entwickelt sich schnell zu einer deutlich anstrengenderen und komplizierteren Angelegenheit, als die beiden gedacht hätten. So möchten sie eigentlich schon nach dem ersten Auftrag ihre Gesellschaft wieder auflösen, kommen aber nicht so einfach aus der Sache wieder raus. Jeder einzelne Job zieht wieder neue Entwicklungen nach sich, die dafür sorgen, dass Frank und Jess nur noch eine Sache erledigen müssen oder noch ein kleines bisschen mehr verschuldet sind, als sie es zu Beginn der Geschichte schon waren. Dabei hilft es auch nicht, dass sie sich mit ihren Tätigkeiten unabsichtlich in die Geschäfte der örtlichen Hexe gemischt haben und nun auch noch mit dem Unmut dieser Person fertigwerden müssen.

Ich habe Franks und Jess‘ kleine und größere Herausforderungen gern begleitet und mich wunderbar amüsiert, wenn die beiden mal wieder mit den besten Absichten das größte Chaos anstellten. Dabei lernen sie im Laufe der Zeit weitere Kinder kennen, deren Aufträge sie erfüllen sollen und mit denen sie sich dann nach und nach anfreunden, was dazu führt, dass am Ende mehr als ein Dutzend Personen versuchen, gemeinsam gegen die Hexe Biddy Iremonger vorzugehen. Denn die örtliche Hexe, von der Jess‘ und Franks Eltern glauben, dass sie nur eine etwas wunderliche arme Frau sei, wird von Diana Wynne Jones als wirklich schrecklich boshafte, rachsüchtige und machthungrige Person dargestellt, deren Magie deutlich stärker ist, als die beiden Kinder (und der Leser) anfangs ahnen können. Allerdings muss ich zugeben, dass es sich die Autorin hier an manchen Stellen in meinen Augen etwas zu einfach gemacht hat, denn natürlich ist die seltsame ältere Frau, die in einer schäbigen Hütte am Fluss lebt, die Böse, und auch ihr Motiv für ihre Rache an der Familie Adams – mit deren Töchtern sich Jess und Frank anfreunden – ist ziemlich einfallslos.

Auf der anderen Seite ist die Geschichte voller amüsanter Szenen, bei denen man nur zwischen leichter Fassungslosigkeit und hämischer Vorfreude die Pläne der Kinder verfolgt. Bei einer meiner Lieblingsstellen bekommt man als Leser nicht einmal direkt die Vorgänge beschrieben, sondern man bekommt das Ganze nur aus der Perspektive von Jess und Frank erzählt, die anhand der Geräusche und Gesprächsfetzen, die sie hören, erraten, was gerade in den angrenzenden Räumen (und dem Garten und auf dem Dach) alles los ist. Wenn ich so etwas lese und mich dabei so gut unterhalten fühle (und dann noch bedenke, dass „Wilkins‘ Tooth“ wohl das erste Buch war, das sie für Kinder geschrieben hat), dann kann ich Diana Wynne Jones auch die kleinen Dinge verzeihen, die mich beim Lesen gestört haben. Alles in allem war diese Geschichte inklusive dieser wunderbaren Slapstick-haften Pasagen perfekt für ein paar entspannte und unterhaltsame Lesestunden.

Sarah Jean Horwitz: The Dark Lord Clementine

„The Dark Lord Clementine“ von Sarah Jean Horwitz saß im vergangenen Jahr so lange auf meinem Merkzettel, dass ich keine Ahnung mehr habe, wie ich über den Titel gestolpert bin. Aber ich bin sehr froh, dass ich das Buch am Ende des Jahres dann geschenkt bekam, denn ich habe das Lesen sehr genossen – es ist so eine wunderbare Geschichte, die mich vor allem während der ersten Kapitel sehr an die britischen Kinderbücher erinnerte, die ich schon als Kind so geliebt habe. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Clementine, deren Vater als Dark Lord über ein Schloss inklusive angrenzendem Dorf in dem Gebirgszug „Seven Sisters“ herrscht. Für Clementine ist es ganz selbstverständlich, dass ihr Leben von all den dunklen Machenschaften ihres Vaters, von Zaubern, Flüchen und ähnlichem beherrscht wird, und alles in allem würde ich behaupten, dass sie trotzdem eine relativ gute Kindheit genießen darf. Doch dann trifft ein Fluch ihren Vater, der dafür sorgt, dass dieser nach und nach … ähm … weggeschnitzt wird. Während Clementine anfangs nur all die anfallenden Aufgaben rund ums Schloss übernehmen muss, die nun nicht mehr durch die Magie ihres Vaters abgedeckt werden, wird sie im Laufe der Zeit immer mehr in die Rolle des Ersatz-Dark-Lords gedrängt.

Doch so richtig gut erfüllt Clementine diese neue Rolle nicht, obwohl sie seit ihrer Geburt vor zwölf Jahren darauf vorbereitet wurde. Als ihr Vater dann noch monatelang nicht in der Lage ist, den Fluch zu brechen, der auf ihm liegt, beschließt das Mädchen, dass es selbst einen Weg finden muss, um mehr Informationen über die „Whittle Witch“ zu finden und natürlich eine Möglichkeit, den Fluch aufzuheben. Bei all ihren Versuchen, mehr über die Hexe zu erfahren, lernt Clementine so einige Personen kennen, die ihr – wenn auch nicht immer aus uneigennützigen Gründen – zur Seite stehen. Außerdem erfährt sie so viel mehr über das Leben außerhalb des Schlosses und wie es sich für die Dorfbewohner anfühlt, dass ein böser Lord alle Aspekte ihres Lebens bestimmt. So kommen ihr im Laufe der Zeit Zweifel, ob sie wirklich ihr Leben als Dark Lord verbringen will – und wenn Clementine ihren Vater heilen würde, dann würde das bedeuten, dass all das, was sie neu gelernt hat, umsonst gewesen wäre und sie wieder in alte Gewohnheiten verfallen müsste.

Es gibt viele amüsante Aspekte an dieser Geschichte, angefangen beim sprechenden schwarzen Schaf über die Gruppen ungewöhnlicher Ritter und beweglicher Vogelscheuchen bis hin zu Clementines Haaren, die ganz eigene Ansichten über die passende Farbe zum jeweiligen Zeitpunkt haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Elemente, die einen nachdenklich oder traurig machen, wenn auch nie so sehr, dass ich das Buch hätte aus der Hand legen wollen. Denn selbst in den Kapiteln, in denen es ums Sterben geht, gibt einem Sarah Jean Horwitz die Gewissheit, dass am Ende schon irgendwie alles gut ausgehen wird. So habe ich all die Höhen und Tiefen in Clementines Leben genießen und gespannt die verschiedenen Wendungen in der Handlung verfolgen können, ohne dass ich mir zu viele Sorgen um die Zukunft dieses sympathischen Charakters hätte machen müssen. Clementine und all die anderen Figuren in „The Dark Lord Clementine“ sind mir beim Lesen wirklich sehr ans Herz gewachsen, und ich mochte diese Mischung aus melancholischen Momenten, skurrilen Elementen und Humor so sehr, dass ich in absehbarer Zeit auch noch einen Blick auf „The Wingsnatchers“, den ersten Teil der Carmer-and-Grit-Serie der Autorin, werfen werde.