Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Julia Lee: The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth

„The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth“ von Julia Lee gehört zu den eBooks, die ich in den letzten Wochen auf meinem eReader gefunden habe und von denen ich keine Ahnung mehr habe, wann oder warum ich sie gekauft habe. Um mehr über das Buch herauszufinden, habe ich die ersten Seiten angelesen und hatte dann die Protagonistin Clemency so sehr ins Herz geschlossen, dass ich einfach dabeigeblieben bin. Clemency ist elf Jahre alt, als sie in Bombay ein Überseeschiff betritt. Da sie eine gültige Fahrkarte hat, kann man ihr die Überfahrt nicht verweigern, obwohl es unüblich ist, dass ein Mädchen in ihrem Alter allein unterwegs ist. Clemency reist von Indien nach England, in der Hoffnung, dass sie dort Verwandte findet, die bereit sind, sich nach dem Tod ihrer Mutter um sie zu kümmern. Für die Dauer der Reise übergibt sie der Kapitän des Schiffes in die Obhut von Mrs. Potchard, die sich nach ihrer Ankunft in England darum kümmert, dass Clemency erst einmal in der Pension ihrer Schwester Hetty Marvel unterkommt.

Einige Wochen lang scheint sich niemand auf die von Mrs. Potchard geschaltete Anzeige hin zu melden, um Clemency abzuholen, bis die unfreundliche Mrs. Clawe in der Pension auftaucht und das Mädchen mitnimmt, ohne auch nur ein Wort mit Clemencys Pensionswirtin zu wechseln. Am nächsten Tag findet sich Clemency als Spülmagd in dem Herrenhaus Great Hall wieder, während sich Mrs. Potchard, ihr Sohn Gulliver, ihre Schwester Hetty und deren Tochter Whitby fragen, was aus ihrem Schützling geworden ist. Ich habe mich beim Lesen gut mit Clemency und der Familie Potchard/Marvel amüsiert, muss aber auch zugeben, dass die Geschichte mich nicht so sehr gepackt hat, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte. Ich habe die Erzählweise der Autorin genossen und die vielen Szenen, in denen etwas passiert, das – da der Leser die Hintergründe noch nicht kennt – skurril wirkt, und die Momente, in denen Clemencys Temperament mit ihr durchging. Aber ich habe an keiner Stelle um die Figuren bangen müssen oder mich gefragt, was wohl als Nächstes kommen würde. Selbst wenn es Clemency nicht gutging, hat Julia Lee mir die ganze Zeit vermittelt, dass es genügend Personen gibt, die sich Sorgen um das Mädchen machen und einfallsreich genug sind, um auch wirklich etwas zu bewegen.

Die Autorin sorgte zwar immer wieder dafür, dass in Gesprächen deutlich wurde, welche schrecklichen Gefahren Clemency theoretisch erwarten (angefangen von der Abschiebung in ein Waisenhaus über das Erfrieren im Straßengraben bis hin zu skrupellosem Mord), aber es gelang Julia Lee leider trotzdem nicht, dass ich mich ernsthaft um Clemencys Wohlergehen sorgte. Stattdessen hatte ich kein Problem, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl die Protagonistin gerade vor einer kritischen Situation stand, oder mal eben zurückzublättern, um meinem Mann einen besonders hübsch formulierten Satz vorzulesen. So ist es vor allem der Tatsache, dass ich wirklich viele Passagen aufgrund ihrer Formulierung genossen habe, zu verdanken, dass ich überlege, ob ich noch weitere Geschichten der Autorin lesen mag. Es gibt einen Titel, der sich um Mrs. Potchards Sohn Gulliver dreht, so dass ich noch etwas bei dieser sympathischen Familie bleiben könnte. Oder ich greife zu einer ihrer Nancy-Parker-Detektivgeschichten und schaue, ob Julia Lee dort vielleicht die Handlung spannender erzählt.

Leseeindrücke Januar und Februar 2021

Ich habe schon sehr lange keine Leseeindrücke mehr geschrieben, aber in den letzten Wochen habe ich ein paar Bücher gelesen, bei denen es nicht zu einer längeren Rezension reicht, die ich aber nicht vollständig untergehen lassen möchte.

Natasha Farrant (Story)/Lydia Corry (Illustrationen): „Eight Princesses and a Magic Mirror“

In „Eight Princesses and a Magic Mirror“ geht eine Zaubererin der Frage nach, was eine exzellente Prinzessin ausmacht, um ihrer Patentochter das passende Taufgeschenk machen zu können – was zu acht wunderbaren und sehr unterschiedlichen Märchen rund um ebensolche Prinzessinen führt. Ich mochte es sehr, dass Natasha Farrant so verschiedene Geschichten rund um die Prinzessinen gesponnen hat, und die Illustrationen von Lydia Corry passen wirklich perfekt zu den verschiedenen Figuren und ihren Welten. Ich muss aber auch zugeben, dass man hier wirklich nur „Märchen“ findet, was bedeutet, dass die Figuren nicht besonders intensiv ausgearbeitet wurden und nicht immer alle Details erklärt werden oder alles rundum stimmig in den verschiedenen Welten ist. Mir persönlich hat aber  gerade das sehr gut gefallen, so dass ich mir die einzelnen Märchen bewusst eingeteilt habe, um sie genießen und meine Fantasie von den verschiedenen Geschichten und Illustrationen anregen lassen zu können.

Auf dem Foto ist ein aufgeschlagenes Buch vor einer orangen Bettdecke zu sehen. Auf der linken Seite des Buches ist eine Illustration mit einer Figur mit hellen Zöpfen und einem blauen Kleid, die dem Betrachter den Rücken zuwendet und auf ein Schiff auf dem Meer hinausblickt, auf der rechten Seite sieht man den Titel einer Geschichte ("The Princess of the High Seas"), um den verschiedenen kleine blaue Zeichnungen (Möwe, Fisch, Papageientaucher, Boote und Muscheln) arrangiert sind.

Olivia Atwater: „Half a Soul“ (Regency Faerie Tale 1)/“Ten Thousand Stitches“ (Regency Faerie Tale 2)

Die beiden Romane „Half a Soul“ und „Ten Thousand Stitches“ erzählen zwei unabhängig voneinander lesbare Geschichten, die beide in derselben fantastischen Regency-Welt spielen, was dafür sorgt, dass Nebenfiguren aus dem ersten Band auch im zweiten Teil vorkommen. In „Half a Soul“ wurde der Protagonistin Theodora Ettings als junges Mädchen die Hälfte ihrer Seele von Elfen gestohlen, was dazu geführt hat, dass sie nur noch sehr gedämpft Gefühle wahrnehmen kann. Dieses Handicap sorgt dafür, dass sie in den Augen ihrer Familie unverheiratbar und somit eine Last ist. Nur ihre Cousine Vanessa gibt sich alle Mühe, Dora zur Seite zu stehen, als diese während Vanessas erster Saison in London einige seltsame Erlebnisse hat und immer wieder mit dem königlichen Magier aneinandergerät. Für mich als Leserin war Doras recht distanzierter Umgang mit all den Dingen, die ihr passierten, überaus amüsant zu lesen, so dass ich auch gut damit leben konnte, dass die Handlung an sich sehr vorhersehbar verlief, weil ich mich so gut von der Erzählweise und den vielen kleinen Vorfällen rund um Dora unterhalten fühlte.

Bei „Ten Thousand Stitches“ wird die Geschichte aus der Sicht der Dienstbotin Euphemia Reeves erzählt, die wider besseres Wissen einen Handel mit einem Elfen eingeht, um den Mann, in den sie sich verliebt hat, heiraten zu können. Als Bezahlung für die Hilfe, die ihr der Elf zur Verfügung stellt, muss sie ihm innerhalb von hundert Tagen seine Jacke mit 10.000 Stichen besticken – was gar nicht so einfach ist, da sie nur in den Nachtstunden nach ihrem Dienst Zeit für diese Arbeit hat. Auch hier habe ich mich wunderbar amüsiert, während der Elf voller bester Absichten eine Katastrophe nach der anderen auslöst, während Effie feststellen muss, dass ihr Handel nicht ganz so verläuft, wie sie sich das vorgestellt hatte. Neben all den unterhaltsamen und witzigen Elementen in beiden Geschichten mag ich es, dass die Autorin Olivia Atwater nicht davor zurückschreckt, in ihrern Büchern auf die Situation in den „Work Houses“ oder die Machtlosigkeit der Dienstboten gegenüber ihrer Herrschaft einzugehen. Da mir beide Bände so gut gefallen haben, habe ich den demnächst erscheinenden dritten Teil auch schon vorbestellt.

Suzanne Walker (Story)/Wendy Xu (Zeichnungen): „Mooncakes“ (Comic)

„Mooncakes“ erzählt die Geschichte von der Hexe Nova Huang und dem Werwolf Tam Lang, die sich in ihrer Kinderzeit gekannt haben und sich nun nach Jahren der Trennung wiederbegegnen. Zusammen müssen sie mit einem Dämon fertig werden, der in den nahegelegenen Wäldern sein Unwesen treibt. Trotz des Dämons ist die Geschichte einfach nur sehr, sehr süß, und ich mochte nicht nur die Freundschaft/entstehende Beziehung zwischen Nova und Tam, sondern auch all die anderen Personen, mit denen die beiden so zu tun haben. Besonders Novas Familie ist voller sehr individueller Persönlichkeiten, die alle in der Regel wunderbar liebevoll miteinander umgehen. Auch gefiel es mir, dass Novas Schwerhörigkeit und ihre Hörgeräte zwar als ein lästiger Teil ihres Alltags, aber eben nicht als ein größeres Problem dargestellt wurden. Die Zeichnungen haben nicht vollkommen meinen Geschmack getroffen, aber insgesamt mochte ich den recht weichen und liebevollen Stil von Wendy Xu und die für den Comic verwendeten warmen Farben.

Stephanie Burgis: The Princess Who Flew with Dragons

„The Princess Who Flew with Dragons“ ist der dritte Band von Stephanie Burgis, der in der fantastischen Stadt Drachenburg beginnt. Aber dieses Mal begleitet man nicht die Drachin Aventurine oder die Händlerin Silke bei ihren Abenteuern, sondern Prinzessin Sofia bei einer Reise, die sie in das ferne Villenne bringt. Sofia, die schon in den vorhergehenden Geschichten eine (Neben-)Rolle einnahm, sieht sich als die „unnütze“ Prinzessin von Drachenburg. Während ihre ältere Schwester Katrin schon seit Jahren die Regentschaft für ihren trauernden Vater übernommen hat, versteckt sich Sofia mit ihren Philosophiebüchern in ihrem Zimmer und versucht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Dabei ist sie sich durchaus der Verantwortung bewusst, die die Königsfamilie gegenüber ihren Untertanen hat, sie weiß nur nicht, wie sie selbst etwas zum Wohl des Königsreichs beitragen könnte. Gegen diese Gefühle der Unzulänglichkeit hilft es auch nicht, dass Katrin sie immer wieder in Situationen bringt, die Sofia zu Dingen zwingen, die sie sich einfach nicht zutraut.

Genau dies ist auch der Fall, als Sofia nach Villenne reisen muss, wobei die Tatsache, dass sie sich nicht einmal auf die Reise vorbereiten durfte, die Sache nicht besser macht. Doch in Villenne angekommen muss Sofia entdecken, wie befreiend es ist, dass sie sich anonym durch diese Stadt bewegen und neue Freunde finden kann. Alles könnte so großartig sein, wenn sich nicht doch noch ihre Schwester Katrin einmischen und dann auch noch die Eisriesen aus dem Norden angreifen würden. Ich habe Sofia gern auf ihrer Reise nach Villenne und zu sich selbst begleitet. Es war berührend, von ihren Ängsten und Selbstzweifeln zu lesen, und so schön zu verfolgen, wie sie aufblüht, als sie unter ganz ungewöhnlichen Rahmenbedingungen Villenne erkundet. Für Sofia geht mit diesen sorglosen Tagen ein Traum in Erfüllung. Aber natürlich ist es für eine Prinzessin – egal, wie unnütz sie sich selbst fühlt – nicht in Ordnung, wenn sie ihre diplomatische Mission für ihr eigenes Vergnügen vernachlässigt. So ist es kein Wunder, dass eines Tages Katrin vor ihr steht und ihr den ganzen Spaß verdirbt.

Erst als Sofia sich gemeinsam mit ihrem Freund Jasper (dem kleinen Bruder von Aventurine) aufmacht, um Katrin und all die anderen zu retten, die von den Eisriesen gefangen genommen wurden, merkt sie, wie viel sie in den letzten Wochen über sich und ihre Fähigkeiten gelernt hat. Gerade weil Sofias Situation (auch während ihrer Rettungsmission) nicht gerade einfach ist, bieten sich Stephanie Burgis wunderbare Gelegenheiten für witzige Dialoge und Szenen. So habe ich beim Lesen der Geschichte regelmäßig mit Sofia mitgelitten und musste doch immer wieder vor mich hinkichern, wenn sie mal wieder ein überraschendes Abenteuer erlebte oder bewies, wie wenig sie das Leben innerhalb ihres Palastzimmers auf die reale Welt vorbereitet hatte.

Ich glaube, dass Sofia, gerade weil sie die unsicherste der drei Protagonistinnen ist, mir als Erzählerin noch besser gefallen hat als Aventurine oder Silke. Denn obwohl ich die anderen beiden auch mochte, sieht man bei Sofia besonders schön die Entwicklung, die sie im Laufe der Zeit durchmacht. Ich mochte es auch sehr, wie sich die Beziehung der beiden Schwestern am Ende wandelt und wie Sofia mehr über den Umgang mit anderen Menschen lernt, als sie sich endlich eingesteht, dass sie sich gegenüber ihren Freunden nicht verstellen muss. Wenn ich einen Kritikpunkt suchen müsste, dann vielleicht, dass sich am Ende alles ein bisschen zu schnell in Wohlgefallen auflöst. Aber „The Princess Who Flew with Dragons“ ist nun einmal ein Buch für Kinder im Grundschulalter und ich lese diese Bücher für den garantierten „Wohlfühlfaktor“, also kann ich mich definitiv nicht beschweren, wenn ich genau das auch geboten bekomme.

Jenni Spangler: The Vanishing Trick

„The Vanishing Trick“ von Jenni Spangler ist vor einigen Wochen auf meiner Merkliste gelandet, da es zu meiner aktuellen Lust auf „viktorianische und unheimliche Geschichten“ zu passen schien, und ich kann nun sagen, dass dieses Jugendbuch wirklich genau in mein momentanes Beuteschema fiel. Die Geschichte wird zum Großteil aus der Sicht des elfjährigen Leander erzählt, der seit dem Tod seiner Mutter nur mühsam mit kleinen Nebenjobs und Diebstählen über die Runden kommt. Als er in Gefähr gerät, seine Unterkunft (eine nicht mehr genutzte Bibliothek in einem stark vernachlässigten Herrenhaus) zu verlieren und schon zu viele Tage ohne Essen auskommen musste, kommt ihm das Angebot, in den Dienst der reisenden Madame Pinchbeck zu treten, gerade recht. Dabei fühlt sich Leander von Anfang an nicht wohl dabei, dass Augustina Pinchbeck den Anhänger seiner Mutter als Sicherheit dafür verlangt, dass er sie weder ausraubt noch betrügt.

Mit diesem Pfand verkauft Leander mehr als nur seine Dienste an das unheimliche Medium, denn Madame Pinchbeck verfügt über Magie und nutzt Leanders Erinnerungsstück, um den Jungen mit Leib und Leben an sich zu binden. Schnell findet Leander heraus, dass er weder der Erste noch der Einzige ist, dem dieses Schicksal widerfährt. Für all die Tricks, die Madame Pinchbeck bei ihrer Arbeit als Medium anwendet, ist sie auf ihre Magie und die Fähigkeiten der von ihr gefangengenommenen Kinder angewiesen. Doch wenn diese Kinder keinen Nutzen mehr für sie haben, verschwinden sie spurlos. Gemeinsam mit den beiden anderen Gefangenen des Mediums, der gebildeten Charlotte und dem Geiger Felix, muss Leander einen Weg finden, um die Macht, die Madame Pinchbeck über sie hat, zu brechen, ohne dass eines der Kinder dabei ums Leben kommt.

Jenni Spangler greift mit „The Vanishing Trick“ die Leidenschaft der Menschen in der vikorianischen Zeit für Séancen und ähnliche „übernatürliche“ Elemente auf. Dabei mischt die Autorin ganz wunderbar die vielen verschiedenen Tricks wie durch Doppelbelichtung entstandenen Geister-Fotos, manipulierte Kerzen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt während der Séance erlöschen, und ähnliche Elemente mit Madame Pinchbecks unheimlicher Magie. Das alles führt zu wunderbar fesselnden Szenen, die gerade deshalb, weil man als Leserin hinter die Kulissen schauen darf, sehr atmosphärisch sind. Dazu kommt, dass man sich natürlich die ganze Zeit fragt, wie es die drei Kinder wohl schaffen werden, sich aus der magischen Gefangenschaft zu retten, in die sie geraten sind. Dabei präsentiert Jenni Spangler schon früh im Buch kleine Hinweise, die einem aber erst im Laufe der Geschichte genügend Informationen bieten, um eine Idee davon zu bekommen, was zur Befreiung der drei beitragen könnte. Mir gefiel es sehr, dass die Auflösung nicht direkt auf der Hand lag und ich mich so bei jeder Szene fragte, ob diese kleine Anektdote oder dieser Nebensatz vielleicht einen Teil des Puzzles enthalten könnte.

Auch ist es der Autorin gelungen, die Verzweiflung, die Einsamkeit und die Hilflosigkeit von Leander, Charlotte und Felix glaubwürdig darzustellen, ohne dass die Geschichte dadurch (für jüngere Leser.innen) unerträglich würde. Denn trotz der deprimierenden Lebensumstände der verschiedenen Personen und der ständig drohenden Gefahr durch Madame Pinchbeck gibt es auch immer wieder amüsante oder berührende Momente mit den drei Kindern. Ich mochte es, wie sich langsam (und von Charlottes Seite recht widerwillig) eine Freundschaft zwischen Leander und den anderen beiden entwickelt. Dank Leanders „Ausbildung“ durch Felix und Charlotte lernt man eine Menge über das Leben auf der Straße und die Techniken, die Madame Pinchbeck bei ihren Auftritten verwendet. Aber diese Szenen sorgen auch – ebenso wie die Passagen, die aus der Sicht der beiden geschrieben wurden – dafür, dass man Charlotte und Felix besser kennen und ihr Verhalten verstehen lernt. Ich habe „The Vanishing Trick“ beim Lesen wirklich sehr genossen. Die Handlung war stellenweise ganz schön unheimlich und deprimierend, aber es gab dafür auch genau die richtige Menge amüsanter und überraschender Szenen, um all die düsteren Momente wieder auszugleichen.

Kwame Mbalia: Tristan Strong Punches a Hole in the Sky (Tristan Strong 1)

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ von Kwame Mbalia gehört zu den „Rick Riordan Presents“-Veröffentlichungen, die mehr Aufmerksamkeit auf Geschichten von Own-Voice-Autor.innen lenken sollen. Der Protagonist Tristan Strong ist ein African-American-Teenager, der von seiner Großmutter sein Leben lang Geschichten gehört hat, die sich um Figuren wie John Henry, High John, Brer Rabbit oder Anansi drehen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Eddie hat Tristan diese Figuren und ihre Abenteuer immer wieder aufgegriffen, und nachdem Eddie bei einem Busunfall verstorben ist, bleibt Tristan nur noch das Notizbuch, in dem sein Freund all diese Geschichten niedergeschrieben hat. Doch Tristan ist nicht der Einzige, für den Eddies Notizbuch etwas Besonderes ist, und so ertappt er eines nachts die legendäre Gum Baby beim Klauen des Buches. Als Tristan ihr folgt, gerät er nach Alke, eine geheimnisvolle und bedrohliche Welt, in der all die Götter und Sagengestalten leben, von denen er bislang nur gehört hatte. Doch Alke steckt in Schwierigkeiten, mit denen nicht einmal diese mächtigen Götter fertig werden, und es sieht so aus, als wäre Tristan die Ursache für all die Probleme dieser fantastischen Welt.

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ erzählt eine großartige Handlung voller legendärer Helden und voller Bezüge auf afrikanische und afro-amerikanische Legenden. Obwohl so viel Schreckliches in dem Roman passiert, Tristan von Anfang an um seinen Freund Eddie trauert und nicht weiß, wie er mit all diesen negativen Gefühlen umgehen soll, gibt es eine Menge amüsante Szenen in diesem Buch. Dazu kommt die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Tristan und seinen Mitstreitern wie der wehrhaften und mutigen Gum Baby, der Pilotin Ayanna oder gar dem Helden High John. Ich mochte es sehr, wie Kwame Mbalia die verschiedenen Sagengestalten in seiner fantastischen Welt aufgriff und wie er sie – trotz ihrer übernatürlichen Fähigkeiten – als stimmige Charaktere mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen darstellt. Es war für mich sehr spannend zu sehen, welche Elemente ich aus anderen Geschichten (wiederer)kannte und wie viele Legenden und Figuren – gerade aus den afro-amerikanischen Legenden – für mich noch vollkommen neu waren. Letzteres hat dann dazu geführt, dass ich immer wieder die Lektüre unterbrach, um online nach weiteren Informationen zu den verschiedenen Figuren zu suchen. Ich mag es, wenn Romane mich dazu bringen, noch weiter zu recherchieren und so meinen Horizont zu erweitern.

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich ein kleines Problem mit dem Protagonisten hatte – wobei ich davon ausgehe, dass das vor allem daran liegt, dass ich kein Junge im Teenageralter bin. Mich hat Tristans Trauer das gesamte Buch hindurch sehr berührt, ebenso wie seine Probleme mit seinem Vater und mit seinem Großvater, und ich fand es schön zu verfolgen, wie Tristan im Laufe der Geschichte mit seinen Emotionen umzugehen lernt und mehr über sich herausfindet. Aber die Tatsache, dass Tristan sich für Eddies Tod verantwortlich fühlt, führt in der Geschichte auch dazu, dass er sich lange Zeit weigert, aktiv zu werden, weil er eben befürchtet, dass er wieder jemanden im Stich lässt. Tristan will nur noch nach Hause, und egal wie sehr es ihn entsetzt, dass andere Personen in Gefahr sind, und egal wie viele Beweise er vor die Nase gesetzt bekommt, dass er in der Lage wäre, etwas zu tun, um die Situation zu verbessern, er bleibt über sehr, sehr viele Kapitel hinweg passiv und wehleidig. Und so sehr ich normalerweise wiederwillige Helden mag, so dauerte es mir hier etwas zu lange, bis Tristan sich endlich eingesteht, dass sich an seiner Situation nichts ändern wird, wenn er nicht mal sein Verhalten ändert und seinen Teil an der Rettung Alkes übernimmt.

Als Tristan dann aber endlich seiner Rolle als „Held“ gerecht wured und so langsam lernte, mit seinen eigenen Stärken und Schwächen umzugehen, mochte ich ihn ebenso gern wie all die anderen Figuren in „Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“. Was in mir die Hoffnung aufkommen lässt, dass mir der zweite Band („Tristan Strong Destroys the World“) der Trilogie noch besser gefallen wird als der erste Band, da Tristan sich ja nun mit seinen besonderen Fähigkeiten abgefunden hat und seine Heldenrolle vielleicht etwas weniger widerwillig übernehmen wird. Aber selbst wenn Tristan es mir als Leserin wieder etwas schwer machen sollte, so freue ich mich doch auf all die unvertrauten und spannenden Elemente aus den afrikanischen und afro-amerikanischen Legenden, die Kwame Mabalia dort aufgreifen und verwenden wird. Diesen Teil des Romans habe ich, ebenso wie die vielfältigen Nebencharaktere und die große Rolle, die (mündlich erzählte) Geschichten in der Handlung einnehmen, uneingeschränkt genossen.

Marieke Nijkamp/Manuel Preitano: The Oracle Code (Comic)

„The Oracle Code“ von Marieke Nijkamp (Story) und Manuel Preitano (Zeichnungen) ist eine für sich stehende Geschichte, die theoretisch im DC-Universum spielt, auch wenn man davon beim Lesen nicht viel mitbekommt. So darf man nicht erwarten, dass sich die Handlung von „The Oracle Code“ auf Barbara Gordons Zeit als Batgirl oder ihre darauf folgende Aktivität als Oracle bezieht. Veröffentlicht wurde dieser Titel im Original als „DC Graphic Novel for Teenagers“ und ich vermute, dass diese Reihe der Versuch ist, neue Leser für klassische DC-Comics zu finden, weshalb hier Geschichten erzählt werden, die keinerlei Vorwissen über das DC-Universum vorraussetzen. Für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen mögen: Eine deutsche Ausgabe des Comics – mit dem Titel „Der Oracle Code“ – ist im Herbst 2020 von Panini veröffentlicht worden.

Das größte Hobby der Teenagerin Barbara „Babs“ Gordon ist es, gemeinsam mit ihrem Freund Benjamin zu hacken – bis zu dem Tag, an dem sie einem Räuber, der auf der Flucht ist, in die Quere kommt und angeschossen wird. Von nun an ist Babs auf einen Rollstuhl angewiesen, um sich fortzubewegen, und sie hat einige Probleme damit, sich an all die Veränderungen zu gewöhnen, die damit einhergehen. Also beschließt Babs‘ Vater, dass sie gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen im „Arkham Center for Independence“ lernen soll, mit ihrer Verletzung und dem damit einhergehenden Trauma umzugehen. Doch es fällt Babs schwer, sich auf die verschiedenen Therapien im Center einzulassen, und noch weniger ist sie bereit, neue Freundschaften zu schließen, obwohl ein paar Mädchen auf ihrem Flur sich wirklich Mühe mit ihr geben. Erst als einige seltsame Vorfälle in der Therapie-Einrichtung Babs Misstrauen wecken und ein Mädchen verschwindet, lernt Babs, dass der Rollstuhl sie nicht daran hindert, Rätsel zu knacken oder sich Herausforderungen zu stellen.

Wenn man die Handlung für sich betrachtet und nicht erwartet, dass „The Oracle Code“ eine Batgirl-Hintergrundstory erzählt, bekommt man eine berührende – und stellenweise wirklich amüsante – Geschichte über ein Mädchen, das lernen muss, mit seiner Behinderung umzugehen. Ich mochte die Offenheit, mit der Babs‘ Zimmernachbarinnen auf sie zugegangen sind, und die Unterstützung, die sie ihr geboten haben, obwohl Babs anfangs alles dafür tut, um diese Mädchen zu verscheuchen. Ebenso gefiel es mir, Babs‘ Entwicklung mitzuverfolgen – von der anfänglichen Wut und Frustration über den immer sichereren Umgang mit dem Rollstuhl bis hin zu dem Punkt, an dem sie sich weder von ihren eigenen Ängsten noch von den sie zurückhaltenden Erwachsenen daran hindern lässt, das Rätsel um die verschwundenen Kinder zu lösen. Mit all ihrer Frustration und Wut und anfänglichen Hilflosigkeit verfügt Marieke Nijkamps Barbara Gordon über viele Ecken und Kanten, und gerade das macht sie zu einem wirklich sympathischen Charakter, dessen Geschichte ich gern verfolgt habe.

Die Zeichnungen von Manuel Preitano sind für meinen Geschmack etwas zu gefällig und geben mir das Gefühl, dass er für diese Veröffentlichung ausgewählt wurde, weil sein Stil auch Personen zusagen könnte, die normalerweise nicht so schnell zu einem Comic greifen würden. Aber ihm gelingt es definitiv, den jugendlichen Charakteren in ihren vielen verschiedenen Stimmungen gerecht zu werden, was gerade bei Babs sehr deutlich zu sehen ist. Ich mochte besonders die kleinen Elemente (wie die unterschiedlichen Frisuren von Babs), die neben Gestik und Mimik viel über die Figur und ihre jeweilige Stimmung verraten. Außerdem gibt es dann noch die Passagen, in denen Babs Geschichten erzählt bekommt, die einen angemessen märchenhaft-gruseligen Zeichenstil aufweisen und so sehr zur Atmosphäre des Comics beitragen. Alles in allem habe ich mich mit „The Oracle Code“ gut unterhalten gefühlt und bin gespannt, ob es in Zukunft weitere Comics mit Storys von Marieke Nijkamp geben wird.

Lucy Strange: The Ghost of Gosswater

„The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange dreht sich um die zwölfjährige Lady Agatha Asquith of Gosswater, die am Morgen nach dem Tod ihres Vaters erfährt, dass dieser gar nicht mit ihr verwandt war und dass sie auf Veranlassung von Cousin Clarence – dem Erben des verstorbenen Earls – den Herrensitz verlassen und in Zukunft bei ihrem leiblichen Vater leben soll. Für Agatha bricht eine Welt zusammen, sie kann kaum glauben, dass der Gänsezüchter Thomas Walters wirklich ihr Vater sein soll und dass das Ganze keine Intrige von Clarence ist. Dazu kommt noch, dass niemand ihr erklärt, wieso sie die ersten Jahre ihres Lebens als Tochter des Earls auf dem Herrensitz verbracht hat, oder wer ihre Mutter war und wieso sie nicht von dieser aufgezogen wurde.

Ich muss gestehen, dass Agatha genau betrachtet einige nicht gerade sympathische Wesenszüge besitzt. Sie ist nicht nur ständig wütend, sondern auch rachsüchtig, materialistisch und häufig ignorant, aber auf der anderen Seite ist sie so einsam, so hilflos und trotzdem so entschlossen, auch in der schlimmsten Situation weiter Haltung zu zeigen, dass ich sie schnell ins Herz geschlossen habe. Vor allem aber will sie unbedingt die Wahrheit über ihre Herkunft herausfinden, auch weil dieses Wissen anscheinend mit dem Verschwinden des legendären weißen Opals von Gosswater Hall und mit dem Geist, der ihr in der Silvesternacht erschienen ist, zusammenhängt. Neben dem bösen und gierigen Cousin Clarence und einem unheimlichen Friedhofswärter gibt es in der Handlung natürlich noch einige nette Figuren, die Agatha in den Wochen nach dem Tod des Earls kennenlernt und die ihr dabei helfen, mehr über ihre Herkunft herauszufinden.

Mir hat diese Geschichte gut gefallen, ich habe mit Agatha mitgelitten und mir gewünscht, es würde endlich mal einer der Erwachsenen den Mund aufmachen und über die Vergangenheit reden, und ich habe mich gefreut, als sie mit Bryn Black einen gleichaltrigen Freund findet, der mit ihr kleine Abenteuer unternimmt. Außerdem kann man mich mit einer Mischung aus düsteren und unheimlichen Momenten und gemütlichen und häuslichen Szenen immer kriegen – ich mag das einfach. Ich muss allerdings zugeben, dass das Geheimnis rund um Agathas Herkunft nicht gerade undurchschaubar war, aber dafür stand die ganze Zeit die Frage im Raum, wie Agatha langfristig mit Cousin Clarence fertig werden würde. Dazu gab es so viele atmosphärische Beschreibungen und nette Momente rund um ihr neues Leben in dem kleinen Cottage, dass ich mich mit diesem Buch insgesamt wirklich gut unterhalten gefühlt habe.

Der Geisteranteil in „The Ghost of Gosswater“ ist allerdings deutlich weniger unheimlich als die ganzen Auseinandersetzungen mit Cousin Clarence oder einige der Konfrontationen mit dem Friedhofswärter Sexton Black. Wenn ihr also eine wirklich gruselige Geistergeschichte für Jugendliche sucht, dann solltet ihr eher zu „The Haunting of Aveline Jones“ greifen. Dieser Roman bietet dafür einen eher freundlichen Geist, ein einsames Mädchen im Lake Destrict im Jahr 1899, einen widerlichen Bösewicht, atmosphärische Landschaftsbeschreibungen und viele Szenen rund um die Suche nach der eigenen Identität und das Finden von Freunden und Familie. Für mich war das eine stimmige Mischung, und ich habe mir nach dem Lesen noch die beiden anderen bislang veröffentlichten Titel der Autorin („The Secret of Nightingale Wood“ und „Our Castle by the Sea“) auf die Merkliste gesetzt.

Phil Hickes: The Haunting of Aveline Jones

Da ich in den letzten Wochen überraschend große Lust auf Geistergeschichten hatte, hatte ich mir „The Haunting von Aveline Jones“ von Phil Hickes zu Weihnachten gewünscht. Und ich muss sagen, dass es die perfekte Geschichte ist für einen gemütlichen Abend auf dem Sofa, während fette Regentropfen ans Fenster pladdern und es draußen grau und ungemütlich ausschaut. Die Handlung spielt Ende Oktober in dem kleinen Ort Malmouth an der Küste von Cornwall, wo Aveline die Herbstferien bei ihrer Tante Lilian verbringen soll, während ihre Mutter sich um Avelines Großmutter kümmert, die in Schottland im Krankenhaus liegt. Aveline fürchtet, dass diese Ferien schrecklich langweilig werden, da Tante Lilian immer sehr streng wirkt und in Malmouth außerhalb der Touristensaison nur wenig los ist. Doch schon bei ihrem ersten Gang in den kleinen Ortskern findet Aveline in der wunderbaren Secondhand-Buchhandlung von Ernst Lieberman ein vielversprechendes Buch mit Geistergeschichten aus der Region.

Geistergeschichten sind nämlich Avelines Leidenschaft, auch wenn sie bei ihr immer mal wieder für Albträume sorgen. Als Aveline dann noch herausfindet, dass das Buch früher Primrose Penberthy gehört hat und dass diese vor dreißig Jahren spurlos verschwunden ist, ist sie wild entschlossen herauszufinden, was aus Primrose geworden ist – und ob die mysteriöse letzte Geschichte in ihrem neuen Buch damit zu tun hat.

Was ich wirklich an „The Haunting of Aveline Jones“ mochte, ist die Tatsache, dass nicht nur Aveline und ihr neuer Freund Harold, der der Neffe des Buchhändlers ist, in die Ereignisse verwickelt werden, sondern dass auch Ernst Lieberman und Avelines Tante Lilian im Laufe der Geschichte ungewöhnliche und beunruhigende Dinge sehen und erleben. So bekommt man als Leser deutlich zu spüren, dass auch diese Erwachsenen nicht all diese rätselhaften und unheimlichen Ereignisse wegerklären können. Die Unterstützung, die Aveline und Harold durch die Erwachsenen bekommen, sorgt dann auch für diverse sehr gemütliche Szenen voller Geborgenheit, die ich sehr genossen habe und die einen wunderbaren Ausgleich zu all den bedrohlichen Elementen in der Geschichte bieten.

Die Illustrationen von Keith Robinson sind wunderbar düster und tragen sehr zur gruseligen Atmosphäre in dem Buch bei. Vor jedem Kapitel gibt es eine karge Landschaft, in der sich ein Zitat von Primrose finden lässt, die Kapitelüberschriften werden von entlaubten Zweigen und fliegenden Blättern eingefasst und wichtige Elemente der Geschichte werden mit kleinen Zeichnungen noch einmal aufgegriffen. Der gesamte Roman ist durchdrungen von der unangenehmsten Seite, die der Herbst an der Küste zeigen kann. Es regnet und stürmt, es ist kalt und unheimlich, und all das wird immer wieder durch Szenen in der überfüllten Buchhandlung oder vor dem gemütlichen Kaminfeuer unterbrochen. Für eine Geschichte, deren Zielgruppe Neun- bis Elfjährige sein sollen, fand ich die Handlung überraschend düster, aber ich habe all die unheimlichen und gefährlichen Elemente ebenso wie die heimeligen Szenen sehr genossen und ich bin mir sicher, dass ich das Buch irgendwann Ende Oktober noch einmal aus dem Regal ziehen und lesen werde. Außerdem soll es – laut der Rückseite meiner Taschenbuchausgabe – eine Fortsetzung mit dem Titel „The Bewitching of Aveline Jones“ geben, auf die ich mich schon jetzt freue, aber da habe ich bislang keinerlei Informationen über den genauen Veröffentlichungstermin finden können.

Amy Wilson: Snowglobe

Nachdem ich im November „Owl and the Lost Boy“ von Amy Wilson gelesen hatte, wollte ich unbedingt noch in diesem Jahr auch „Snowglobe“ vom SuB ziehen, und ich bin sehr froh, dass ich das getan habe. Ich weiß nicht, ob ich zuvor schon einmal eine Geschichte gelesen habe, die sich so sehr nach Diana Wynne Jones anfühlte, ohne von Diana Wynne Jones zu sein. Die Handlung dreht sich um die zwölfjährige Clem(entine) und beginnt damit, dass diese Magie gegen einen Mitschüler einsetzt, der sie seit Monaten in der Schule drangsaliert. Dabei ist es für sie nicht so überraschend, dass sie über Magie verfügt, hat sie doch im vergangenen Jahr alles versucht, um diese zu unterdrücken und sich so zu verhalten, als wäre sie ganz normal. Geerbt hat Clem ihre Magie von ihrer vor zehn Jahren verschwundenen Mutter Callisto, und erst als ihr Vater ihr das alte Tagebuch ihrer Mutter anvertraut, lernt Clem nach und nach mehr über Callistos Familie. Doch schon die ersten Hinweise führen Clem in ein unheimliches Haus voller Schneekugeln, und als sie in einer der Schneekugeln ihren Mitschüler Dylan entdeckt, setzt sie alles daran, ihn zu befreien.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll – ich habe das Buch beim Lesen so genossen und als so wohltuend empfunden. Clem und ihr Vater haben eine zwar etwas sprachlose, aber wunderbar vertrauensvolle Beziehung zueinander, und ich mochte die Szenen mit den beiden sehr. So ist er auch nicht verärgert, als Clem für einige Tage von der Schule suspendiert wird, sondern bittet sie nur darum zu versuchen, dass sie ihre Magie (mit Hilfe des alten Tagebuchs) in den Griff bekommt. Auch als er später in der Geschichte dahinterkommt, dass Clem sich regelmäßig in Gefahr begibt und immer wieder das rätselhafte Haus mit den Schneekugeln aufsucht, gibt es keinen großen Ärger mit ihm, sondern ein Gespräch zwischen den beiden, in dem sie versuchen, ihre Gefühle und Gedanken offenzulegen und eine Lösung zu finden, mit der beide leben können. Mir gefiel dieser respektvolle und fürsorgliche Umgang zwischen Vater und Tochter und ich mochte es sehr, dass das alles so undramatisch vonstatten ging, obwohl sich Clems Vater natürlich große Sorgen um sie machte.

Die Beziehung zwischen Clem und ihrem Mitschüler Dylan ist da deutlich schwieriger. Auf der einen Seite versucht sie alles, um ihn aus seiner Schneekugel zu retten, auf der anderen Seite ist Dylans bester Freund der Junge, der Clem jeden Tag in der Schule terrorisiert – ohne dass Dylan jemals eingegriffen hätte. Überhaupt muss sich Clem in „Snowglobe“ immer wieder widerstreitenden Gefühlen stellen: Sie hat Sehnsucht nach ihrer Mutter und ist doch wütend, dass diese vor so vielen Jahren verschwunden ist, sie hat Verständnis für Dylans Probleme und wünscht sich doch, er würde ihr einmal zur Seite stehen, und dann sind da noch die beiden unheimlichen und mächtigen Frauen, die in dem rätselhaften Haus leben und die anscheinend eine Verbindung zu Clems Mutter haben. Außerdem gibt es so viele andere Personen, die in den Schneekugeln gefangen gehalten werden, und jede einzelne von ihnen hat ihren ganz eigenen Weg gefunden, um mit diesem Gefängnis fertigzuwerden – und das bedeutet auch, dass sich manche dieser Gefangenen auf die Seite ihrer Gefängniswärterinnen geschlagen haben.

Clem (und Dylan) schweben die gesamte Geschichte hindurch immer wieder in (Lebens-)Gefahr, und doch zieht die Handlung ihre Spannung nicht aus diesen Elementen, sondern aus den vielfältigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Charakteren. „Snowglobe“ dreht sich um Freundschaft und Familie, um Verlust und Trauer, aber auch ums Um-Verzeihung-Bitten und ums verzeihen können. Ich mochte die magische Atmosphäre in diesem Roman sehr, genauso wie mir die Grundidee rund um die Schneekugeln sehr gut gefallen hat, und ich habe die verschiedenen Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten ins Herz geschlossen. Dass mir Amy Wilsons Erzählweise gefällt, weiß ich ja schon seit „Shadows of Winterspell“, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie mit einem ihrer Romane für mich so sehr den Ton von Diana Wynne Jones treffen und dass sich das für mich so stimmig anfühlen würde. Spätestens mit diesem Buch ist die Autorin auf meiner „jede Neuerscheinung vorbestellen“-Liste gelandet, und den letzten Roman von ihrer Backlist habe ich mir gleich nach dem Beenden von „Snowglobe“ auch bestellt.

Damaris Young: The Creature Keeper

„The Creature Keeper“ von Damaris Young war ein Zufallsfund, auf den ich wegen des hübschen Covers aufmerksam wurde. Die Geschichte dreht sich um die zwölfjährige Cora Erwood, die am Rande des Moors mit ihren Eltern auf einer kleinen Farm aufwächst. Obwohl es ihren Eltern schwerfällt, mit dem Halten von Hühnern und Kühen genug zu verdienen, um über die Runden zu kommen, ist Cora zufrieden mit ihrem Leben. Sie liebt es, sich um die Tiere zu kümmern oder im Moor die Natur zu beobachten. Mit den Hoftieren kann sie ebenso wie mit den diversen Wildtieren, die sie im Notfall versorgt, selbstbewusst umgehen, während Menschen – vor allem ihre gleichaltrigen, unfreundlichen Mitschüler – ihr Unbehagen bereiten.

Insgesamt gibt es wenig Trubel in Coras Leben, nur all die Gerüchte über Direspire Hall, den Familiensitz von Lady Cavendish, sorgen hier und da an den Markttagen für etwas Aufregung in der ländlichen Gemeinde. Denn Lady Cavendish soll auf ihrem Anwesen, das für alle Personen abgesehen von ihrem Butler Mr. Johnson verschlossen ist, gefährliche und exotische Tiere halten. Es heißt sogar, dass mindestens eines dieser Tiere vor ein paar Jahren für den Tod von Lady Cavendishs Eltern verantwortlich war. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn fürchtet sich Cora nicht vor der Vorstellung, dass in der Nähe ungewöhnliche Raubtiere gehalten werden. Für sie klingt es sehr verlockend, Geschöpfe kennenlernen zu können, die nicht im Moor oder auf einer Farm zuhause sind, und so nutzt sie die Gelegenheit, als Lady Cavendish einen Creature Keeper sucht, und bewirbt sich auf diese Position. Doch neben wirklich unglaublichen Tieren, die einen deutliche Spur von Fantasy in die Geschichte bringen, beinhaltet das Herrenhaus auch so einige Geheimnisse, die Cora in Gefahr bringen können.

Ich mochte Damaris Youngs Erzählweise sehr und wie sie es schafft, von Anfang Spannung aufzubauen, obwohl zu Beginn gar nicht so viel in der Geschichte passiert. Erst einmal lernt man Cora und ihr Leben kennen und erkundet etwas später mit ihr das vernachlässigte Direspire Hall. Das alte Herrenhaus steckt voller Schätze, und dann sind da natürlich noch all die Tiere, um die sich Cora kümmern muss. Ich muss gestehen, dass ich das Gefühl hatte, dass sich die Autorin bei der Grundidee für das eine oder andere Tier etwas von Pokémon hat inspirieren lassen, aber das hat mich nicht weiter gestört. Stattdessen habe ich es genossen, gemeinsam mit Cora die verschiedenen Geschöpfe kennenzulernen und zu lesen, wie sie ihnen näherkommt und wie aufwändig die Versorgung dieser Kreaturen teilweise ist. Dabei hat die Autorin so einiges an Fantasie bewiesen, wenn es um die Beschaffung der Nahrung für einige der magisch anmutenden Tiere geht, was wirklich nett zu lesen war.

Außerdem freundet sich Cora mit dem Gärtner Griff an. Ich fand es schön zu verfolgen, wie sie es auf der einen Seite genießt, jemand Gleichaltrigen zum Freund zu haben, wie sie sich aber auf der anderen Seite auch Sorgen macht, dass sie dieser Freundschaft nicht gerecht wird oder dass Griff langfristig lieber mit jemand anderem befreundet wäre. Ich habe die Protagonistin und auch Griff wirklich schnell ins Herz geschlossen, und auch sonst gibt es einige sympathische oder zumindest interessante Figuren in diesem Roman. Wirklich unheimlich ist die Handlung nicht (zumindest nicht für eine erwachsene Leserin), aber da schon von Anfang deutlich wird, dass etwas in Direspire Hall im Argen liegt und das Haus von unheimlichen Geräuschen durchdrungen ist, liegt die ganze Zeit Spannung in der Luft. So hat es mir viel Spaß gemacht, von Cora und ihren Abenteuern rund um ihre neue Tätigkeit als Creature Keeper zu lesen, und ich bin gespannt, was die Autorin in Zukunft noch für Romane veröffentlichen wird und ob diese uns noch einmal in Coras fantastische Welt führen werden.