Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Kate Williams: The Babysitters Coven

Über „The Babysitters Coven“ von Kate Williams bin ich bei Twitter gestolpert, und da es dort als eine Mischung aus „Adventures in Babysitting“ und „Buffy – The Vampire Slayer“ beschrieben wurde, habe ich den Roman spontan vorbestellt. Und obwohl ich am Ende zugeben muss, dass die Geschichte so einige Schwachpunkte vorzuweisen hat, bin ich sehr froh über diese Bestellung, denn „The Babysitters Coven“ ist das erste Buch seit Wochen, das ich innerhalb von zwei Tagen durchgelesen habe, statt es ständig zur Seite zu legen und irgendwas anderes zu machen.

Die Geschichte wird aus der Sicht der siebzehnjährigen Esme Pearl erzählt, die in den letzten Wochen ungewöhnlich viel Pech hatte und nicht so recht weiß, was sie von all den seltsamen Vorfällen halten soll. Bis vor kurzem drehte sich Esmes Leben vor allem darum, in der Schule nicht groß aufzufallen und ihre Freizeit mit ihrer besten Freundin Janis zu verbringen. Um Geld zu verdienen, verdingt sie sich als Babysitter und hatte sogar früher – gemeinsam mit Janis und zwei anderen Freundinnen – einen Babysitter-Club, der inzwischen aber nur noch dem Namen nach existiert.

Esme hätte kein Problem damit, wenn ihr Leben einfach so weiterlaufen würde, doch bei den letzten beiden Babysitter-Jobs hatte sie das Gefühl, als ob jemand ins Haus eingedrungen wäre, vor dem sie die Kinder beschützen musste. Außerdem passieren immer wieder seltsame Dinge, wenn sich Esme aufregt, und dann ist da noch die neue Mitschülerin Cassandra, die unbedingt Teil des Babysitter-Clubs werden möchte, obwohl sie offensichtlich keinerlei Erfahrung mit der Betreuung von Kindern hat. Es dauert eine Weile, bis Esme herausfindet, dass sie – ebenso wie Cassandra – über besondere Fähigkeiten verfügt und dass ihre Aufgabe als „Sitter“ über ein normales Babysitten hinausgeht.

Ich fand das Prinzip der „Sitter“, ihre Aufgabe in der Welt und die „Synod“ (eine Art „Rat der Wächter“) von der Grundidee ganz lustig, aber die Ausarbeitung durch die Autorin hätte schon überzeugender sein können. Man muss als Leserin in der Hinsicht ein paar Details einfach hinnehmen, wenn man sich den Spaß an der Geschichte nicht verderben lassen möchte. Auch muss man bei „The Babysitters Coven“ damit leben können, dass die Handlung nicht gerade action-geladen ist (auch wenn der Verlag das Buch damit bewirbt), weil sich Kate Williams viel Zeit lässt, um Esme, ihr Leben und später ihre Kräfte einzuführen. Da ich aber all die kleinen Dinge in Esmes Leben gern verfolgt habe und es mochte, von ihrer Freundschaft zu Janis, ihrem Hund Pig und all den anderen Dingen zu lesen, die in ihrem Alltag eine Rolle spielen, konnte ich sowohl mit der relativ langsamen Handlungsentwicklung als auch mit den kleinen Unstimmigkeiten gut umgehen.

Ich fand Esme ebenso wie Janis sympathisch, ich fand es lustig, dass Esme sich jeden Tag ein anderes Thema für ihre Kleidung vornimmt, und es hat mir leidgetan, dass ihre Mutter seit so vielen Jahren nicht für sie da sein kann (vor allem, da von Anfang an klar war, dass diese wohl ebenfalls über besondere Fähigkeiten verfügte). Mit Cassandra hatte ich stellenweise so meine Probleme (ich bin auch mit Faith bei „Buffy“ nie so recht warm geworden), aber sie bildete einen stimmigen Kontrast zu Esme, die sich eher mit Skepsis ihrer Magie nähert statt mit Begeisterung. Es gibt in „The Babysitters Coven“ einen Hauch einer Liebesgeschichte – genauer gesagt schwärmt Esme für Cassandras älteren Bruder Dion, aber die Szenen zwischen der Protatonistin und ihrem Schwarm nutzt die Autorin eher, um die familiären Hintergründe von Cassandra und Dion aufzudecken, als dass wirklich etwas zwischen Esme und ihm passieren würde. Mir persönlich kommt das nur entgegen, weil ich definitiv keine Lust mehr auf Liebesgeschichten in Jugendbüchern habe, aber einige Rezensenten hatten sich in der Beziehung wohl mehr erhofft.

Alles in allem war „The Babysitters Coven“ sehr nett zu lesen und hat mir einige Gelegenheiten zum Schmunzeln geboten. Allerdings denke ich auch, dass eine etwas erfahrenere Autorin (der Roman ist das Debüt von Kate Williams) etwas mehr aus der Grundidee und den Figuren hätte rausholen können. Vor allem hat es mir ein wenig an Spannung gefehlt, denn so gern ich „Wohlfühlromane“ lese, so gehört für mich zu einem solchen Roman doch auch Bösewichte, die ich ernst nehmen kann und die mir das Gefühl geben, dass die Protagonistin und diejenigen, die ihr am Herzen liegen, in Gefahr schweben. Trotz dieser Kritikpunkte gehe ich momentan davon aus, dass ich mir im kommenden Herbst auch die schon angekündigte Fortsetzung des Buches holen werde, einfach weil ich wissen will, wie es mit Esme, ihrer Familie und ihren Freunden weitergehen wird.

Roshani Chokshi: Aru Shah and the End of Time (Pandava 1)

„Aru Shah and the End of Time“ von Roshani Chokshi hatte ich mir auf den Merkzettel gepackt, als vor ein paar Jahren die ersten Titel der „Rick Riordan presents“-Veröffentlichungen angekündigt wurden. Überraschenderweise habe ich es sogar geschafft, in all der Zeit keinerlei Meinungen zu dem Titel mitzubekommen, so dass ich wunderbar unvoreingenommen an die Geschichte herangehen konnte. Leider muss ich zugeben, dass ich von Anfang an ein Problem mit Aru Shah hatte, weil ich mit ihrem Verhalten nicht zurechtkam.

Aru ist eine chronische Lügnerin, die nicht nur ihren Mitschülern (die anscheinend alle aus deutlich reicherem Hause kommen) ständig Unwahrheiten erzählt, sondern die grundsätzlich auf alle Herausforderungen des Lebens mit einer Lüge zu reagieren scheint. So sind es auch Arus Lügen, die sie dazu bringen, eine verfluchte Lampe in dem Museum anzuzünden, in dem ihre Mutter arbeitet. Es tut ihr danach zwar leid, dass sie mit dem Anzünden der Lampe das Ende der Welt heraufbeschworen hat, aber auch dieses schlechte Gewissen führt nicht zu einem Überdenken ihres Handelns, sondern eher zu weiteren Lügen.

Auch mit der Darstellung von Mini, Arus „Seelenschwester“ (beide Mädchen sind als Pandavas in gewisser Weise Töchter indischer Gottheiten), hatte ich meine Probleme. Dabei fand ich Mini an sich gar nicht unsympathisch, aber sie wird von Roshani Chokshi dargestellt wie der typische kränkliche, ängstliche Nerd, und ich hasse solch eine Charakterisierung inzwischen wirklich. Mini hat Allergien, sie versucht auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein (was natürlich dazu führt, dass sie diverse absurde Dinge mit sich führt), sie hat vor ihrem eigenen Schatten Angst und verfügt über seltsame Wissensbrocken, für die sie dann von Aru gehänselt wird.

Ich finde es überaus bedauerlich, dass keines der beiden Mädchen anfangs irgendwelche Merkmale aufweist, die sie interessant oder liebenswert machen. Stattdessen musste ich mich an all den – wirklich tollen! – Details über indische Mythologie festhalten, um Interesse für die ersten Kapitel des Buches aufbringen zu können. Erst nach der Hälfte der Geschichte entwickelt Aru sich endlich etwas weiter und denkt nicht mehr ständig an sich selbst, sondern ist auch in der Lage, etwas ehrlicher mit den Personen in ihrer Umgebung umzugehen. Aber bis zu diesem Punkt habe ich den Roman regelmäßig aus der Hand gelegt, weil ich einfach keine Lust auf die Protagonistin hatte.

Nach Arus Weiterentwicklung hingegen mochte ich die Geschichte sehr. Roshani Chokshi führt den Leser durch eine fantastische Welt voller Dämonen, (Halb-)Göttern und anderen großartigen indischen Sagengestalten. Immer wieder kommt es zu wundervollen und überraschenden kleinen Momenten, während sich Aru und Mini den verschiedenen Herausforderungen stellen müssen, um das Ende der Welt zu verhindern. Ich mochte Roshani Chokshis Umgang mit indischer Mythologie, wobei mir nicht nur die göttlichen Reittiere ans Herz gewachsen sind, sondern auch der (fast) vergessene Palast der Pandavas und viele andere Personen. Am Ende finde ich es wirklich bedauerlich, dass ich – dank Arus sperrigem Charakter – so lange nicht in die Geschichte hineingefunden habe. Wenn mir der gesamte Roman so viel Spaß gemacht hätte wie die zweite Hälfte, hätte ich keine Hemmungen, mir sofort die Fortsetzung zu bestellen. So hingegen werde ich erst einmal abwarten.

Sayantani Dasgupta: The Serpent’s Secret (Kiranmala and the Kingdom Beyond 1)

„The Serpent’s Secret“ von Sayantani Dasgupta ist der erste Band der dreiteiligen Reihe „Kiranmala and the Kingdom Beyond“. Die Geschichte beginnt an Kiran(mala)s zwölftem Geburtstag, als sie von der Schule nach Hause kommt und ihre Eltern verschwunden sind. Auf einer nicht beendeten Geburtstagskarte informiert ihre Mutter sie darüber, dass dies der Tag sei, an dem sie von einem Fluch eingeholt worden wären, dass Kiran eine Prinzessin sei (so wie ihre Eltern es ihr seit Jahren erzählen) und dass sie den Prinzen trauen soll. Kurz darauf klopfen wirklich zwei junge Prinzen an Kirans Tür und retten sie vor einem Rakkhosh. Gemeinsam reisen die drei ins Kingdom Beyond, einem magischen Königreich, in dem die Prinzen Neel und Lal zuhause sind und in dem auch Kiran und ihre Eltern geboren wurden.

Im Laufe ihrer Reise erfährt Kiran nicht nur mehr über das magische Königreich, aus dem sie stammt, sondern auch über ihre leiblichen Eltern und die beiden Menschen, die sie aufgezogen haben. Dabei erlebt sie eine sehr abenteuerliche Reise, voller Monster, Flüche, Rätsel und Reime, und all diese Elemente basieren auf indischen Mythen. Ich habe es sehr genossen, diesen Teil der Geschichte zu lesen, denn das Königreich ist voller Seltsamkeiten und Überraschungen, voller märchenhafter Elemente und Gefahren, die Kiran und die Prinzen bestehen müssen. Auf der anderen Seite gab es zwei Dinge, die ich an „The Serpent’s Secret“ sehr schade fand: Obwohl Kiran anfangs sagt, dass sie kein Mädchen sei, das den Jungs hinterherschaut, lässt sie sich ständig von Neels Gegenwart ablenken. Ihre Gefühle ihm gegenüber schwanken die ganze Zeit zwischen Bewunderung und Ablehnung, und das finde ich wirklich anstrengend zu lesen.

Außerdem nimmt sich niemand die Zeit, Kiran mal genau über die aktuelle Situation aufzuklären und über die Dinge, die sie beachten oder vor denen sie sich in Acht nehmen muss. Unter den Umständen ist es kein Wunder, dass sie ständig Fehler macht, die ihr dann natürlich vorgeworfen werden. So schwankt sie durchgehend zwischen „ich muss etwas tun, um die Menschen zu retten, die mir am Herzen liegen“ und „ich bin darauf angewiesen, dass ein Prinz mich und die meinen rettet, weil ich keine Ahnung von dieser Welt habe“. Ganz ehrlich, ein intelligentes Mädchen, das sich seit Jahren mit Bogenschießen beschäftigt hat, hätte eine deutlich bessere Rolle in dieser Geschichte verdient, wenn denn nur einmal einer der Einheimischen richtig mit ihm geredet hätte. Dabei ist es vermutlich nicht so unwahrscheinlich, dass zwei pubertierende Jungen nicht in der Lage sind, richtig zu kommunizieren (vor allem, wenn ihr Gegenüber nicht nur weiblich, sondern auch noch in einer verschmähten Welt aufgewachsen ist), aber die Geschichte hätte halt von einem etwas weniger klischeehaften Verhalten der Figuren deutlich profitieren können. Am Ende muss ich leider sagen, dass mir „The Serpent’s Secret“ lange nicht so gut gefallen hat, wie ich anhand all der fantastischen indischen Elemente erwartet hätte, so dass ich nicht nur die Reihe nicht weiterlesen, sondern auch den Roman aus meinem Bestand aussortieren werde.

Sarah Prineas: The Lost Books – The Scroll of the Kings

Seitdem mir die „The Magic Thief“-Reihe von Sarah Prineas vor einigen Jahren so gut gefallen hat, halte ich immer die Augen nach neuen Veröffentlichungen der Autorin offen. Leider gibt es relativ wenige (und vor allem keine aktuellen) Informationen auf ihrer Homepage, so dass es immer ein Glücksspiel ist, ob und wann ich bei meiner Suche über neue Titel stolpere. Bei „The Lost Books – The Scroll of the Kings“ wüsste ich zum Beispiel gern, ob das der Auftakt einer neuen Reihe ist oder ein für sich stehendes Buch. Ich kann zumindest sagen, dass es auch als Einzelband wunderbar funktioniert, auch wenn ich gern noch mehr über den Protagonisten Alex(andren) und die verlorenen Bücher lesen würde.

Zu Beginn des Buches arbeitet Alex als Assistent für Master Farnsworth, den Bibliothekar der Dowager Duchess Purslane. Doch als Master Farnsworth stirbt (und Alex ist sich sicher, dass ein ganz bestimmtes Buch für den Tod des Bibliothekars verantwortlich ist), muss sich der Junge eine neue Stellung suchen. Er ist nicht nur (angehender) Bibliothekar mit Leib und Seele, sondern auch wild entschlossen, dem Geheimnis der gefährlichen Bücher auf die Spur zu kommen. So gibt er sich der Königin gegenüber als sein verstorbener Meister aus und übernimmt – probeweise – die Bibliothek des Schlosses. Auch hier befinden sich so einige gefährliche Bücher, und Alex muss nicht nur herausfinden, was diese Titel zur tödlichen Lektüre macht, sondern auch darum kämpfen, seinen Posten als Schlossbibliothekar zu behalten. Aber er ist nicht der Einzige, der mit Herausforderungen konfrontiert wird, die ein bisschen zu groß für ihn zu sein scheinen. Auch Queen Kenneret – die sich sicher ist, dass ihr neuer Bibliothekar nicht der ist, der er vorgibt zu sein – stehen in „The Lost Books – The Scroll of Kings“ einige Kämpfe bevor, die über die Zukunft des Landes entscheiden können.

Ich fand es spannend, mir beim Lesen Gedanken darüber zu machen, was wohl vor sechzig Jahren passiert ist, dass alle Bibliotheken geschlossen und bestimmte Bücher weggesperrt wurden. Ebenso spannend fand ich es, gemeinsam mit Alex mehr über diese gefährlichen Bücher herauszufinden und über die Dinge, die diese Bücher zu so einer Gefahr werden lassen. Doch vor allem habe ich es genossen, durch Alex‘ Augen die Schlossbibliothek zu entdecken, mir Gedanken über den Zustand der Bücher zu machen und mich mit ihm zu ärgern, wenn er entdeckt, dass jemand sein mühsam erstelltes Katalogsystem durcheinandergebracht hat. Ich mochte den Beschützerinstinkt, den Alex gegenüber den Büchern hatte, und ich mochte seine kurz angebundene und zielstrebige Art, die zu einigen amüsanten Dialogen führte, weil kaum ein anderer Mensch mit seiner „Unhöflichkeit“ umgehen konnte. Ebenso gefielen mir die Passagen, die aus Kennerets Sicht geschrieben waren, weil die junge Königin nach gerade mal vier Monaten im Amt immer noch auf der Suche nach dem richtigen Weg für sich ist. Kenneret arbeitet hart und ist sich der Tatsache bewusst, dass sie als Königin für die schweren Entscheidungen im Land verantwortlich ist, aber um diese zu fällen, muss sie erst einmal herausfinden, wer ein vertrauenswürdiger Berater ist und wer ihr die notwendigen Informationen für ihre Beschlüsse besorgen kann.

Ich habe wirklich eine Schwäche für die eigensinnigen und intensiven Charaktere, die Sarah Prineas für ihre Bücher schafft, und genieße ihre Romane sehr. Ihre Geschichten leben für mich von diesen ganz besonderen Figuren, den ungewöhnlichen Ideen hinter ihren Romanen und von all den kleinen Szenen, in denen man die Charaktere besser kennenlernt und sie ein Stückchen bei ihrem Alltag begleitet. Letzteres macht es schwierig, die Handlung so zusammenzufassen, dass man nicht zu viel verrät, denn auf den ersten Blick scheint nicht so viel in ihren Geschichten los zu sein. Aber ich brauche nicht viele Szenenwechseln oder eine sich über einen langen Zeitraum entwickelnde Handlung, wenn mich diese kleinen Szenen amüsieren und mich mit vielen ungewöhnlichen Details versorgen, die meine Fantasie anregen und in mir den Wunsch wecken, ich könnte ein bisschen Zeit in dieser Welt verbringen, und die mir zeigen, dass sich die Charaktere stetig weiterentwickeln. So ist es wohl nicht überraschend, dass ich gern noch mehr Geschichten über Alex, Kenneret und die vielen verschiedenen Bücher in ihrer (oder anderen) Bibliothek(en) lesen würde, auch wenn die Handlung in „The Lost Books – The Scroll of the Kings“ ein befriedigendes Ende bietet.

James Nicol: The Apprentice Witch

Ich mag Geschichten mit Hexen, ich mag Geschichten, die mir etwas zum Schmunzeln geben, und ich mag Geschichten, die mich beim Lesen an andere Geschichten denken lassen, die mir früher schon gefallen haben. „The Apprentice Witch“ von James Nicols erfüllt all diese Punkte, und beim Lesen musste ich an „Kikis kleiner Lieferservice“, „The Worst Witch“, „Little Witch Academia“ und viele andere Geschichten denken, die ich gerne mag. Trotz all der Szenen, die mich an andere Dinge erinnert haben, ist „The Apprentice Witch“ ein ganz eigener wunderbarer Roman, den ich sehr genossen habe. Die Handlung dreht sich um Arianwyn Gribble, die zu Beginn des Buches kurz vor ihrer Abschlussprüfung zur Hexe ist. Dabei müssen die Hexen in dieser „modernen“ Welt (es gibt Züge, Autos, Telefone und diverse technische Elemente rund um die Magie – es fühlt sich insgesamt nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an) sich einer Messung durch den „evaluation gauge“ unterziehen. Als die fünfzehnjährige Arianwyn an der Reihe ist, gibt es Probleme mit dem Gerät, und so wird ihr der Aufstieg zu einer Hexe mit abgeschlossener Ausbildung verweigert.

Trotzdem bekommt sie einen ersten Posten als „Apprentice Witch“ in dem kleinen Städtchen Lull am Rande des Landes Hylund, direkt neben dem Großen Wald, der – Legenden zufolge – voller magischer Kreaturen sein soll. Da das Städchen sehr klein ist und es in den vergangenen Jahrzehnten ganz ohne eigene Hexe ausgekommen ist, geht man davon aus, dass Arianwyn dort nicht über Probleme stolpern wird, die sie nicht bewältigen kann. Doch natürlich trifft die junge Hexe noch vor ihrer Ankunft in Lull auf eine Herausforderung, mit der sie kaum fertig wird. Das ist natürlich nur der Anfang einer ganzen Reihe von Vorfällen, die sie immer wieder an die Grenzen ihres Wissens und Könnens bringen und dafür sorgen, dass der Bürgermeister Mayor Belcher die neue Hexe in der Stadt von Anfang an misstrauisch im Auge behält.

Ich mochte vor allem die kleinen Szenen, die beschreiben, wie Arianwyn in Lull ankommt, das Spellorium (ihren Zauberladen) in Besitz nimmt und sich mit Salle, der Nichte der Wirtsleute in Lull, anfreundet. Aber auch die kleinen Auseinandersetzung mit magischen Wesen (die sich zum Beispiel in menschlichen Häusern eingenistet haben und dort Unfug anrichten) habe ich gern verfolgt – vor allem, da Arianwyn regelmäßig denkt, sie hätte eine Situation im Griff, und dann passiert irgendeine Kleinigkeit, die zu absolutem Chaos führt. Das bietet nicht nur viele amüsante Momente für den Leser, sondern Arianwyn die Möglichkeit, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Denn so einfach ist es für Arianwyn nicht, zum ersten Mal auf eigenen Füßen zu stehen und die Verantwortung für die magische Versorgung einer ganzen Stadt zu übernehmen (auch wenn sie sich jederzeit an ihre Vorgesetzte Miss Delafield wenden kann).

Bei all der Magie und den größeren und kleineren Herausforderungen für Arianwyn ist „The Apprentice Witch“ doch vor allem eine wunderbar liebevoll erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden einer jungen Hexe, die sich mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen muss, die Freunde findet und Verantwortung übernimmt. Ich mochte Arianwyn sehr, ebenso wie ihre Freundin Salle und Miss Delafield. Ich habe mich wunderbar über die ganzen Vorfälle rund um Arianwyns Job amüsiert und mit ihr mitgefiebert, wenn es darum ging, ihren Nachbarn bei ihren kleinen und größeren Problemen zu helfen. Und auch wenn ich die eine oder andere Frage zum Weltenbau habe, so gefiel mir Hylund mit seiner Mischung aus Magie und Technik. „The Apprentice Witch“ ist für mich ganz eindeutig ein Wohlfühlbuch und am Ende wollte ich das Städtchen Lull, Arianwyn und all ihre Nachbarn gar nicht mehr verlassen (und habe mir direkt nach dem Zuklappen des Buches gleich den zweiten Band bestellt).

Ursula Vernon: Castle Hangnail

Ursula Vernon sitzt schon so lange auf meiner Merkliste, dass es erschreckend ist, dass ich erst jetzt eines ihrer Bücher gelesen habe. Dafür habe ich die Geschichte rund um „Castle Hangnail“, die dazugehörigen Schergen und die Wicked Witch Molly sehr genossen. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem der Wächter des Schlosses einer potenziellen neuen Schlossherrin das Tor öffnet. Castle Hangnail ist schon lange auf der Suche nach einer neuen Herrin, denn kein böses Schloss kann ohne angemessene Herrschaft existieren, und auch wenn Hangnail in weniger düsterer Umgebung gebaut wurde, als der Wächter es angemessen fände, so ist es doch ein gutes böses Schloss und verdient eine dementsprechende Herrschaft. In den vergangenen Jahrhunderten hat der Wächter schon bösen Zauberinnen, Vampirlords, verrückten Wissenschaftlern und allen möglichen anderen Bösewichten gedient und gemeinsam mit seinen Kollegen jede damit zusammenhängende Herausforderung hervorragend gemeistert.

Doch seine potenzielle neue Herrin scheint ihn etwas zu überfordern, denn Molly nicht nur sehr jung, sie wirkt auch nicht besonders „wicked“ (irgendwie finde ich kein angemessenes deutsches Wort, dass den Unterschied zwischen „wicked“ und „evil“ so hervorhebt wie die englischen Wörter). Das einzige, was in den Augen des Wächters für sie spricht, sind ihre Stiefel – ansonsten ist es vor allem die Verzweiflung, die ihn dazu bringt, Molly Zugang zum Schloss zu gewähren. Für den Leser wird schnell deutlich, dass die Zweifel des Wächters nicht unangebracht sind. Molly ist nicht diejenige, die ursprünglich die Einladung als Schlossherrin erhalten hat, und eigentlich scheint sie auch viel zu nett zu sein, um die Herausforderungen zu bestehen, die mit der Bewerbung auf die Herrschaft über das Schloss einhergehen. Aber Molly ist hingerissen vom Castle Hangnail und gibt ihr Bestes, um ihre Aufgabe als Schlossherrin zu erfüllen.

Ich fand es großartig zu lesen, wie Molly die verschiedenen Diener im Schloss kennenlernt und wie sie sich alle Mühe gibt, um die Herausforderungen zu erfüllen. Sie findet das heruntergekommene Schloss perfekt, sie schließt die verschiedenen Diener in ihr Herz und sie gibt sich Mühe, mit den Nachbarn im Dorf gut auszukommen. Es gibt keine großen dramatischen Szenen in diesem Buch, stattdessen sehr viele Wohlfühlmomente, in denen Molly die verschiedenen Facetten eines Lebens als Schlossherrin erkundet und dabei immer gerade „wicked“ genug ist, damit ihre Bewerbung weiterhin in Betracht gezogen werden kann.

All das führt zu so vielen amüsanten und niedlichen Momenten, zu liebevoller Unterstützung durch ihre Schergen und zu genau den heimeligen Szenen, die ich wirklich in Kinderbüchern mag. Trotzdem wird es nicht langweilig, weil Molly eben die verschiedenen Herausforderungen zu bewältigen hat und am Ende um ihr Schloss (und die Loyalität des misstrauischen Wächters) kämpfen muss. Ich habe „Castle Hangnail“ von der ersten bis zur letzten Seite genossen, ich mochte die Zeichnungen, mit denen die Autorin die Geschichte illustriert hat, und ich fände es großartig, wenn das Buch noch diverse Fortsetzungen bekäme, weil ich Molly und all die anderen Charaktere beim Lesen wirklich ins Herz geschlossen habe. Außerdem hat es Ursula Vernon geschafft, in dieser süßen Geschichte so viele wichtige Themen unterzubringen, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben, dass ich mir wünschte, ich hätte „Castle Hangnail“ schon als Kind lesen können, denn ich denke, die Geschichte hätte mir – die ich viel zu brav und still war – gutgetan.

Diana Wynne Jones: Earwig and the Witch

Auch wenn es für euch vermutlich langsam langweilig wird, so habe ich gerade ein großes Bedürfnis nach Diana-Wynne-Jones-Bücher und vergleichbaren Geschichten. „Earwig and the Witch“ ist von der Autorin eindeutig für sehr junge Leser geschrieben worden und dementsprechend geradlinig verläuft die Handlung auch. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Earwig, die sich – im Gegensatz zu den anderen Kindern in St Morwald’s Home for Children – nicht danach sehnt, adoptiert zu werden. Earwig lebt, seitdem sie ein Baby war, in dem Kinderheim, und da dort alle ihre Wünsche erfüllt werden, ist sie dort auch sehr glücklich. Eine Erklärung dafür, dass Earwigs Leben im Kinderheim für sie so befriedigend ist, könnte in der Nachricht zu finden sein, die bei ihr lag, als sie vor der Tür des Heims ausgesetzt wurde:

„Got the other twelve Witches all chasing me. I’ll be back for her when I shook them off. May take years. Her name is Earwig.“

Trotz ihrer besonderen Fähigkeiten kann Earwig nicht verhindern, dass sie eines Tages von einem sehr dubiosem Paar aus dem Kinderheim abgeholt wird. Da ihre üblichen Überredungskünste bei ihrer neuen Pflegemutter Bella Yaga nichts bewirken, muss Earwig einen Weg finden, um sich mit ihren neuen Lebensumständen abzufinden.

Die Geschichte rund um Earwig ist wirklich sehr kurz, so dass ich keine halbe Stunde zum Lesen dieses Buchs gebraucht habe. Aber diese kleine Pause mit „Earwig and the Witch“ habe ich sehr genossen, weil die Protagonistin mit viel Glück, etwas Hilfe von unerwarteter Seite und einer großen Portion Unerschrockenheit das Beste aus ihrer Situation macht. Für mich persönlich wäre es natürlich schöner gewesen, wenn die Geschichte und die Figuren etwas mehr Tiefe gehabt hätten, auf der anderen Seite mag ich es auch, wenn kleine Bemerkungen in solchen Büchern meine Fantasie anheizen.

Beim Lesen habe ich mir deshalb fast mehr Gedanken um die kleine Notiz gemacht, die ich oben zitiert habe, als um Earwigs Schicksal – vor allem, da von Anfang an klar war, dass ein so gewitzes Mädchen am Ende doch wieder auf die Füße fallen wird. Ich bin definitiv nicht die richtige Zielgruppe für eine Geschichte, die eindeutig zum Vorlesen für jüngere Kinder geschrieben wurde, aber ich habe mich trotzdem – wie eigentlich bei allen Diana-Wynne-Jones-Büchern – gut unterhalten gefühlt und es hat mir Spaß gemacht, mir vorzustellen, was es eigentlich mit den dreizehn Hexen auf sich hat und ob Bella Yaga vielleicht sogar dazugehört.

Sophie Anderson: The House with Chicken Legs

Nur selten ist es mir wichtig, welches Cover ich bei einem Buch in den Händen halte, aber bei „The House with Chicken Legs“ von Sophie Anderson wollte ich unbedingt die türkise Hardcover-Ausgabe, weil ich die Holzhütte mit den Hühnerbeinen, den Zaun mit den Totenköpfen und die Protagonistin auf der Veranda so ansprechend fand. Der Roman erzählt die Geschichte der dreizehnjährigen Marinka, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem Haus mit Hühnerbeinen lebt. Ich habe mich schon auf den ersten Seiten in das Haus verliebt, das früher mit Marinka Fangen oder Verstecken gespielt hat, das alles tat, damit es seinen Bewohnerinnen gut geht, und dessen Füße nach einem langen Weg auch mal eine Abkühlung benötigten oder das in schlimmen Momenten Trost und Aufmunterung gebrauchen konnte.

Auch Marinkas Baba fand ich wunderbar, weil sie so liebevoll und fürsorglich war, obwohl das Mädchen es ihr oft nicht leicht gemacht hat. Mit Marinka hingegen hatte ich im Laufe der Handlung so einige Probleme und das nicht nur, weil ich definitiv kein Teenager mehr bin, sondern auch, weil Marinka regelmäßig Entscheidungen getroffen hat, von denen sie selbst wusste, dass sie falsch waren. Von Anfang an wird klar, dass Marinka mit dem einsamen Leben bei ihrer Großmutter nicht zufrieden ist. Sie will rausgehen, sie will andere Kinder kennenlernen, die Schule besuchen und nicht jede Nacht die Toten durch das magische Tor zu den Sternen geleiten. Das alles sind nachvollziehbare Bedürfnisse, doch statt mit ihrer Großmutter, die immer für sie da war, zu reden, beginnt sie sich in Lügen zu verstricken, gegen Regeln zu verstoßen, die nicht nur für das Überleben der Baba Yagas wichtig sind, und macht es mit jeder Entscheidung nur noch schlimmer.

Zum Glück entwickelt sich Marinka im Laufe der Geschichte weiter, und bis es endlich dazu kam, habe ich einfach diese wunderbare Variante einer Baba-Yaga-Geschichte genossen. Sophie Andersons Baba Yagas sind liebevolle Personen, die Nacht für Nacht die Seelen der Toten in ihr Haus einladen und ihr gelebtes Leben mit ihnen feiern, um sie am Ende der Nacht zu einem Tor zu geleiten, das die Seelen zu den Sternen bringt. So sind die Baba Yagas ein wichtiger Teil des Kreislaufs von Leben und Tod, wobei ihre Nähe zu den Geistern, die Magie ihres Hauses und all die Geheimnisse, die sie durch ihre Aufgabe hüten, dafür sorgen, das sie die Lebenden nicht zu nah an sich heranlassen dürfen. Und während Marinka sehr darunter leidet, dass ihre Großmutter die einzige Person ist, zu der sie eine Beziehung haben kann, scheint ihre Baba zufrieden damit zu sein, den Toten einen letzten schönen Moment zu bereiten, bevor ihre Reise weitergeht.

Es wird deutlich, dass jede Baba Yaga ihren eigenen Weg finden muss, wie sie mit ihrer Aufgabe und dem damit verbundenen einsamen Leben zurechtkommt, und ich muss zugeben, dass ich darüber gern noch mehr erfahren hätte. So hingegen habe ich vor allem Marinka dabei beobachtet, wie sie – mit vielen Umwegen und Problemen – herausfindet, wie sie das Leben in ihrem Haus mit Hühnerbeinen und all die Dinge, die sie gern tun würde, miteinander verbinden kann. Und auch wenn ich es nicht immer einfach fand, Marinka dabei zu begleiten, und regelmäßig das Bedürfnis hatte, sie zu schütteln, so mochte ich das Ende von „The House with Chicken Legs“ ebenso sehr wie all die Details zu den Baba Yagas und ihren Häusern, die Sophie Anderson sich für ihren Roman ausgedacht hat. Aber ich bin ja eh schnell für Geschichten zu begeistern, in denen solch großartige Häuser vorkommen, vor allem, wenn die Autorin drumherum auch noch eine so wunderbar ungewöhnliche Handlung rund Themen wie Verlust, Trauer, Familie, Freundschaft und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt gewoben hat.

Diana Wynne Jones: The Game

Bei „The Game“ von Diana Wynne Jones bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich das Buch vorher schon mal gelesen hatte oder nicht. Es weckt auf jeden Fall starke Erinnerungen an andere britische Kinderbuchklassiker (die ich als Kind gelesen habe) in mir, und gerade gegen Ende gab es ein paar Szenen, die mir sehr vertraut vorkamen. Wenn ich es jemals gelesen habe, dann war es auf jeden Fall eine deutsche Ausgabe und ist schon sehr, sehr lange her. In „The Game“ erzählt Diana Wynne Jones die Geschichte der jungen Hayley, die bei ihren Großeltern aufwächst, bis sie – aus ihr unbekannten Gründen – bei ihrer Großmutter in Ungnade fällt und innerhalb weniger Stunden zur Verwandtschaft nach Irland geschickt wird. Von Anfang an wird deutlich, dass Hayley bei ihren Großeltern nicht gerade ein glückliches Leben hatte, da ihre Großmutter sehr strikte Vorstellungen davon hatte, wie Hayley sich zu benehmen hat und mit wem sie Kontakt haben darf. Das führte dazu, dass Hayley nicht nur daheim von der Großmutter unterrichtet wurde, sondern auch dazu, dass ihr einziger sozialer Umgang in den Großeltern, den ständig wechselnden Dienstmädchen und den seltenen Besuchen ihres Onkels Jolyon bestand.

Umso überwältigter ist Hayley, als sie entdeckt, dass sie in Irland Unmengen an Verwandtschaft hat, die sie vorher noch nicht kannte. Ihre diversen Tanten nehmen sie herzlich in Empfang, und auch all die Cousins und Cousinen sind zum Großteil sehr nett zu ihr und bringen ihr unter anderem die Regeln ihres ganz privaten, besonderen Spiels bei. Dieses Spiel führt Hayley in die Mythosphäre, von der ihr Großvater ihr schon erzählt hat und deren verschiedene Stränge durch all die vielen unterschiedlichen Geschichten und Legenden auf der Welt entstehen. Hayley und die anderen sind sich dabei durchaus bewusst, dass die Mythosphäre für sie verboten ist, aber die Abenteuer, die es dort zu erleben gibt, sind zu verlockend, um diesem Verbot zu folgen. Die Mythosphäre bietet dabei wunderschöne, aber auch sehr grausame Elemente, und vermutlich ist es gerade der Kitzel, der durch das Bewusstsein entsteht, wie gefährlich diese Ausflüge sind, der das Spiel so verlockend für Hayley und ihre Verwandtschaft macht. Erst im Laufe der Zeit erfährt Hayley, dass ihre Großeltern ihr in der Vergangenheit nicht nur den Zugang zur Mythosphäre, sondern auch noch viele andere Geheimnisse vorenthalten haben.

Ich mochte Hayley, ihre Familie und die diversen anderen Charaktere ebenso sehr, wie die Szenen, die in der Mythosphäre spielen. Als Leser muss man bei „The Game“ erst einmal einige Dinge hinnehmen und auch am Ende der Geschichte damit leben, dass Diana Wynne Jones nicht für jeden Vorfall und jede Figur eine Erklärung bietet. Ich habe einige Rezensionen gesehen, die dies als Kritikpunkt hervorgehoben haben und den Mangel an „Weltenbau“ beklagten, aber für mich ist das einfach ein stimmiges Mittel für diese Art von Geschichten. Zum einen bietet die Handlung so Raum für die Fantasie des Lesers, und zum anderen müssen viele Dinge nicht erklärt werden, wenn man sich mit klassischen (griechischen) Sagen auskennt. Dabei kann man „The Game“ meiner Meinung nach auch genießen, wenn man nicht all die Verweise und Anspielungen auf die griechische Götter- und Sagenwelt zuordnen kann. Außerdem gibt es zumindest in meiner Ausgabe des Buches (ISBN 9780007267132) Anhänge, die mehr über die verschiedenen Sagengestalten, über Planeten, Sternzeichen und ähnliches erzählen, um das notwendige Hintergrundwissen nachschlagen zu können, wenn man das möchte.

Grundsätzlich mag ich diese Anspielungen auf die klassische Sagenwelt und den recht respektlosen Umgang mit den diversen Göttern und ihren Geschichten. Ich glaube nicht, dass ich etwas Vergleichbares jemals in deutschen Kinderbüchern gefunden habe, während ich wirklich viele britische Kinderbücher kenne, bei denen ganz selbstverständlich und ohne jede weitere Erklärung Götter, Jahreszeiten, Planeten usw. in die Handlung eingeflochten wurde, um der Geschichte so einen fantastischen Touch zu verleihen. Wer also ebenfalls solche Elemente mag und keine detaillierten Erklärungen rund um die beschriebene fantastische Welt benötigt, der wird mit „The Game“ vermutlich viel Spaß haben. Ich persönlich mochte Hayley und den Großteil ihrer Familie ebenso wie das russische Kindermädchen, die Straßenmusiker und all die amüsanten und seltsamen Begebenheiten, die sie mit ihnen erlebte.

Katie O’Neill: Princess Princess Ever After (Comic)

„Princess Princess Ever After“ von Katie O’Neill ist ein zuckersüßer Comic über zwei Prinzessinnen, die sich gegenseitig „retten“, und mein größter Kritikpunkt an der Geschichte ist, dass sie mit gut fünfzig Seiten einfach viel zu kurz ist. 😉 Entstanden ist „Princess Princess Ever After“ aus einem Online-Comic und ich vermute, dass das der Grund ist, warum die einzelnen Episoden, die die beiden Prinzessinnen erleben, relativ kurz sind. Diese Kürze ändert aber nichts daran, dass Katie O’Neill eine süße und amüsante Geschichte über zwei junge Frauen erzählt, die auf ihre ganz eigene Weise einen Weg in der Welt finden müssen und sich gegenseitig dabei unterstützen.

Zu Beginn des Comics lebte Sadie – wie es sich für eine Prinzessin in Nöten gehört – eingesperrt in einen Turm, wo sie von einem (ziemlich süßen) Drachen bewacht wird. Die blonde Prinzessin scheint anfangs nicht allzu entzückt davon zu sein, dass schon wieder jemand gekommen ist, um sie zu retten. Doch dem Enthusiasmus von Prinzessin Amira und ihrem Plätzchen-liebenden Einhorn kann auch Sadie nicht widerstehen, und so machen sich die beiden jungen Frauen wenig später gemeinsam auf den Weg, um Amiras Mission fortzuführen und Personen zu finden, die Hilfe benötigen könnten. Auf ihrer Reise stolpern die beiden über einen Oger, der ein Dorf zerstört, einen Prinzen in Schwierigkeiten und eine böse Zaubererin und werden in der Regel auf ganz eigene Art mit all diesen Herausforderungen fertig.

Ich fand es lustig zu verfolgen, wie Amira, die wild entschlossen ist zu beweisen, dass eine Prinzessin ebenso gut (wenn nicht besser) wie ein Prinz heroische Taten vollbringen kann, auf traditionelle Weise an ein Problem heranging. Sadie hingegen ist nicht nur sehr freundlich, sondern denkt auch außerhalb der gewohnten Bahnen und zeigt Amira so immer wieder, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, um auf eine Herausforderung zu reagieren. Auf der anderen Seite hat Sadie keine besonders hohe Meinung von sich selbst, während Amira keinerlei Fehler an Sadie finden kann (wenn man von ihrer fehlenden Musikalität absieht). Auch Prinz Vladric findet durch die Bekanntschaft mit den beiden Prinzessinnen den Mut, sein Leben so zu führen, wie er es möchte, statt den Erwartungen der Gesellschaft (und seines Vaters) nachzugeben.

Im Laufe des Comics erfährt man auch ein wenig über die Gründe, die dazu geführt haben, dass Sadie so wenig Selbstvertrauen hat und dass Amira so wild entschlossen ist, ihren Weg in der Welt zu finden, ohne dass ein Prinz sie beschützt. Da ich diese beiden Charaktere so toll finde, ist es umso bedauerlicher, dass Prinz Vladric die ganze Zeit von Amira nur „Butthead“ genannt wird. Amira ist eindeutig der bessere „Prinz“ von den beiden, aber das ist für mich keine ausreichende Entschuldigung, um jemanden zu verspotten, der den gesellschaftlichen Erwartungen genauso wenig entspricht wie sie selber. Von diesem Punkt abgesehen beweist Katie O’Neill bei den verschiedensten Themen ein wunderbares Fingerspitzengefühl, zum Beispiel wenn es um die Beziehung zwischen Sadie und Amira geht, um die Erwartungen der Gesellschaft an Prinzessinnen und Prinzen oder um die systematische Untergrabung von Sadies Selbstbewusstsein durch ein Familienmitglied.

Auch die Zeichnungen (inklusive Kolorierung) haben mir gut gefallen. Katie O’Neills Stil ist einfach, aber ausdrucksstark, und die Atmosphäre der verschiedenen Szenen wird durch die – mal heitere, mal düstere – Farbgebung sehr schön betont. Ich mochte auch den Humor in der Geschichte und die unerwarteten Wendungen, die die Handlung immer wieder nahm. Am Ende finde ich es einerseits schade, dass es so lange gedauert hat, bis ich den Comic endlich gelesen habe, und freue mich anderseits darüber, dass die Künstlerin schon ein paar weitere Veröffentlichungen auf den Markt gebracht hat, die natürlich prompt auf den Wunschzettel gewandert sind. Ich denke, als nächstes werde ich mir „The Tea Dragon Society“ gönnen – und sei es nur, weil ich den Titel so nett finde.