Schlagwort: Märchen

Tansy Rayner Roberts: Let Sleeping Princes Lie (A Castle Charming 3)

Je länger eine Castle-Charming-Geschichte, desto ernsthafter scheint sie zu sein – so ist es kein Wunder, dass „Let Sleeping Princes Lie“ von Tansy Rayner Roberts mit 134 Seiten der bislang dramatischte Band der Castle-Charming-Geschichten ist. Nach der herbstlichen Ballsaison („Glass Slipper Scandal“) und der winterlichen „Sportsaison“ („Dance, Prince, Dance“) ist nun der Frühling im Königreich Charming herangebrochen und damit auch die Spinnrad-Phase. Jedes Jahr um diese Zeit werden alle Spinnräder eingesammelt und verbrannt und trotzdem tauchen rund ums Schloss lauter Spinnräder auf und bedrohen die Prinzen und die Prinzessin. Für den Reporter Kai, der erst seit wenigen Monaten im Königreich lebt, ist das Ganze anfangs nur eine interessante Story – doch dann versucht er, Prinz Chase vor einem plötzlich auftauchenden Spinnrad zu retten und fällt selbst dem Fluch zum Opfer. Während Kais Freund Dennis, seine Kollegen von der Palastwache und Chase, Cyrus und Camilla Charming verzweifelt einen Weg suchen, um Kai aus seinem Zauberschlaf zu retten, findet sich Kai in einem verzauberten Schloss voller tödlicher Monster wieder.

Gemeinsam mit der wehrhaften L und dem Xix-Prinzen Zuo-lin muss der Reporter ununterbrochen kämpfen, um nicht von diesen unheimlichen Wesen getötet zu werden. Ich mochte die Idee sehr, dass die Personen, die dem Fluch der Spinnräder zum Opfer fallen, nicht einfach nur schlafen, sondern in einem albtraumhaften Schloss Tag für Tag um ihr Leben kämpfen müssen. Dies sorgt – ebenso wie die Enthüllungen rund um den Fluch, der für Kais Entführung und das Schicksal von Königin Ella verantwortlich ist – für eine düstere und bedrückende Atmosphäre, ohne dass Tansy Rayner Roberts vollkommen auf die kleinen amüsanten Szenen verzichtet, die von Anfang an den Ton der Castle-Charming-Geschichten ausgemacht haben. Dazu kommen noch die überraschenden Erkenntnisse rund um den Ursprung des Fluchs und um die Identität von Kais Pflegemutter und einige neue und unvorhersehbare Entwiklungen rund um die Palastwächterin Ziggy, die für eine spannende Weiterführung der Handlung sorgen.

Ich mochte es sehr, wie stimmig die Autorin die Handlung weiterentwickelt hat. Obwohl schon von Anfang in den Geschichten mitschwingt, dass die gesamte Königsfamilie (und somit auch das Königshaus) unter dem Fluch leidet, wird erst in „Let Sleeping Princes Lie“ deutlich, wie viele Geheimnisse und unausgesprochene Vorwürfe damit verbunden sind und wie sehr das Ganze die Königsfamilie beeinflusst hat. Am Ende dieser Geschichte müssen sie nicht nur mit der Vernachlässigung durch den König und die Abwesenheit ihrer Mutter fertigwerden, sondern auch mit all den Dingen, die ihr Vater ihnen bislang vorenthalten hat und die fast alles, was sie bislang über ihrer Familiengeschichte zu wissen glaubten, auf den Kopf stellten. So scheint das Brechen des Fluchs für die Zukunft mehr Probleme aufzuwerfen, als das Leben mit dem Fluch eh schon mit sich brachte. Ich bin wirklich neugierig, wie es im Königreich Charming weitergeht und ob es am Ende doch noch so etwas wie ein Happy End für die Königsfamilie (und die Mitglieder der Palastwache) geben wird – dummerweise wird der vierte Teil der Serie erst im kommenden Jahr veröffentlicht, und so muss ich mich noch eine ganze Weile gedulden.

Robin McKinley: Spindle’s End

„Spindle’s End“ von Robin McKinley hatte ich mir ursprünglich für eine Leserunde besorgt, die dann doch nicht zustandekam. Beim Auspacken meiner ganzen Buchkartons fiel mir der Roman dann vor ein paar Wochen wieder in die Hände, und so habe ich ihn nach all den Jahren endlich auch mal gelesen. „Spindle’s End“ ist eine Dornröschen-Variante, und anfangs fand ich die Erzählweise etwas gewöhnungsbedürftig, weil Robin McKinley zu Beginn mehr erklärende Einschübe zum Weltenbau und der Magie einfließen lässt, als ich es von ihren anderen Titeln gewohnt bin. Das ist zwar amüsant zu lesen, sorgt aber auch dafür, dass es ziemlich lange dauert, bis die eigentliche Handlung anfängt.

Die Geschichte spielt in einem Land, in dem so viel Magie präsent ist, dass sie wie eine dicke Staubschicht alles bedeckt und dementsprechend auch viel Einfluss auf alle Lebenwesen und Dinge in diesem Teil der Welt hat. Obwohl die Magie so überpräsent ist, gibt es nur wenige Personen (in der Regel Magier und Feen), die sie bewusst anwenden können. Die Mitglieder des Könighauses gehören nicht zu diesem Personenkreis – denn es ist Gesetz, dass das Land von jemandem regiert wird, der keinerlei Magie besitzt. Bei einem solch magischen Königreich ist es nicht überraschend, dass die Prinzessin und Thronerbin bei ihrer Taufe von einer Fee verflucht wird – ungewöhnlich ist hingegen, dass sie, kurz nachdem der Fluch ausgesprochen wird, von einem Mädchen, das die Gabe hat, mit Tieren zu kommunizieren, in Sicherheit gebracht wird.

Dieses Mädchen ist Katriona, aus deren Sicht die Geschichte zu Beginn auch erzählt wird. Katriona ist eine Waise, die von ihrer Tante aufgezogen wurde, welche wiederum in ihrem abgelegenen Heimatort eine der mächtigsten Feen ist. Gemeinsam mit dieser Tante gelingt es ihr, die Identität der Prinzessin geheimzuhalten und das kleine Mädchen als ihre Cousine Rosie aufzuziehen. Rosie entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einer selbstbewussten jungen Frau, die – dank der ungewöhnlichen Ereignisse rund um ihre Taufe – die Gabe hat, mit Tieren zu sprechen. Obwohl die böse Fee, die sie verflucht hat, sie all die Jahre sucht, sorgt Katriona gemeinsam mit ihrer Tante dafür, dass Rosie eine wunderbare (und sehr gewöhnliche) Kindheit erleben kann. Sie steht Rosie auch nicht im Weg, als diese vom Schmied des Ortes zur Pferdeheilerin ausgebildet wird. Doch mit Rosies herannahendem 21. Geburtstag lässt sich ihre Herkunft nicht länger verbergen, und so muss die junge Frau sich – gemeinsam mit einigen ungewöhnlichen Verbündeten – am Ende gegen die böse Fee stellen, um nicht nur ihr eigenes Leben zu retten.

Robin McKinley konzentriert sich in „Spindle’s End“ lange Zeit darauf, von Rosies Heranwachsen zu erzählen und von all den Dingen, die das Mädchen so liebt und die so gar nicht prinzessinnenhaft sind. Ihre Gewöhnlichkeit und die Tatsache, dass sie mit Tieren kommunzieren kann, sind für Rosie der beste Schutz gegen die Suchzauber der bösen Fee, und so gibt es für den Leser viele kleine Szenen mit den wilden und zahmen Tieren der Umgebung, mit den Menschen im Dorf, die natürlich keine Ahnung von Rosies wahrer Herkunft haben, und mit Rosies kleiner „Pflegefamilie“, die das Mädchen liebt, als wäre es ihr Fleisch und Blut. All diese Elemente werden von Robin McKinley so liebevoll erzählt, dass ich sie gern gelesen habe. Gleichzeitig habe ich mich immer wieder gefragt, wie ein solches Mädchen irgendwann einmal in die Rolle einer Prinzessin schlüpfen soll. Doch natürlich hat die Autorin auch dafür am Ende eine stimmige Lösung gefunden.

Ich mochte es sehr, dass es in dieser Dornröschen-Variante zwar die klassischen Elemente wie den Zauberschlaf gab, aber nicht in der vertrauten Märchenversion, sondern als eine Folge des Suchzaubers, den die böse Fee jahrelang einsetzt. Auch gibt es zwar einen Prinzen am Ende der Geschichte, aber nicht für Rosie, die (wenn auch nicht ganz allein) diejenige ist, die selbst gegen die böse Fee kämpft, um sich und ihr Königreich zu retten. Robin McKinleys Dornröschen ist definitiv keine zarte Prinzessin, die in einem von Dornen umringten Schloss auf Rettung wartet, sondern eine mutige junge Frau, die einen ungewöhnlichen und gefährlichen Weg einschlägt, um gegen einen übermächtigen Gegner zu kämpfen und so diejenigen zu retten, die sie liebt.

Ich mochte Rosie ebenso gern wie die vielen Verbündeten, die ihr zur Seite standen. Doch besonders gefallen haben mir all die vielen kleinen, stimmigen Elemente, die sonst in den verschiedenen Dornröschen-Varianten gar keine Beachtung finden. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, welche Folgen ein Fluch hat, der durch eine Spindel ausgelöst werden soll, in einem Land und einer Zeit, in dem die Verarbeitung von Fasern nun einmal zu den überlebensnotwendigen alltäglichen Verrichtungen gehören. Auch wenn ich mich erst auf die ruhigere und ausführliche Erzählweise einlassen musste, habe ich diese Geschichte wirklich genossen – es war schön, mal eine so stimmige Dornröschen-Version zu lesen.

Tansy Rayner Roberts: Dance, Prince, Dance (A Castle Charming 2)

„Dance, Prince, Dance“, der zweite Teil der Castle-Charming-Geschichten von Tansy Rayner Roberts, ist mit 73 Seiten etwas länger als „Glass Slipper Scandal“ – was dem Ganzen meiner Meinung nach guttut. Dieses Mal wird der Leser direkt in die Handlung geworfen – es wird eindeutig vorausgesetzt, dass man die Figuren schon aus der ersten Geschichte kennt -, während man als Erstes den jährlichen winterlichen Wettstreit zwischen den Prinzen und ihren „Hunden“ (der Palastwache) auf dem Spielfeld kennenlernt. So amüsant die Geschichte mit einer Runde „Rookery“ anfängt, bei der zwei gut gerüstete Parteien um drei mit Eisenstacheln besetzte Bälle spielen, so wird schnell deutlich, dass „Dance, Prince, Dance“ insgesamt einen deutlich düstereren Unterton hat als „Glass Slipper Scandal“.

Dieses Mal bekommt man als Leser auch die Perspektive von Prinz Chase Charming mit, der Nacht für Nacht von einem ungewöhnlichen Ball träumt, an dem er und sein Bruder Prinz Cyrus teilnehmen. Während sich der Rest des Landes noch fragt, was es mit der mysteriösen Bestellung von Tanzschuhen auf sich hat, ermitteln der Palastwächter Dennis, seine neue Kollegin Ziggy und der Reporter Kai auf eigene Faust. So stolpern diese drei nicht nur über den Hersteller der Schuhe, sondern auch über einen Soldaten, der schon früher mit massenhaft zertanzten Schuhen zu tun hatte und mehr über die Hintergründe dieses speziellen Rätsels zu wissen scheint. Obwohl Tansy Rayner Roberts diese Geschichte immer noch mit vielen amüsanten kleinen Momenten spickt, ist der Grundton deutlich melancholischer als bei dem ersten Castle-Charming-Teil, was mir gut gefallen hat.

Zwar mag ich den Humor der Autorin sehr, und die Tatsache, dass dieses magische Königreich so viele Elemente für skurrile Szenen bietet, aber die Perspektive von Prinze Chase fügt dem Ganzen mehr Realismus zu und lässt einen hinter die Fassade des leichtlebigen jungen Mannes blicken. So verleiht Tansy Rayner Roberts nicht nur allen Prinzen deutlich mehr Tiefgang, sondern bietet dem Leser auch einen Einblick in die Vergangenheit des Kommandanten der Palastwache und seiner Beziehung zu der Feen-Patin, die für den Glass-Slipper-Skandal verantwortlich war. Ein wenig ausgeglichen werden diese düsteren Elemente durch die sich weiter entwickelnde Beziehung von Dennis und Kai, die sich – trotz der Probleme, die sich durch ihre Berufe ergeben – endlich ein bisschen näher kommen. Dabei bleibt ein großes Geheimnis am Ende der Geschichte immer noch ungelüftet, so dass genügend Fragen offen bleiben, um einen neugierig auf „Let Sleeping Princes Lie“, den dritten Castle-Charming-Band, zu machen.

Tansy Rayner Roberts: Glass Slipper Scandal (A Castle Charming 1)

Vor einiger Zeit hatte ich eine Kickstarter-Kampagne entdeckt, bei der die Autorin Tansy Rayner Roberts Geld sammelte, um ihre Creature-Court-Serie noch einmal auf den Markt bringen zu können. Als Belohnung gab es nicht nur die Creature-Court-Titel, sondern auch noch weitere Veröffentlichungen der Autorin, die in den letzten Tagen bei mir (als eBooks) eingetroffen sind. „Glass Slipper Scandal“ ist eine 40seitige Geschichte rund um die aktuelle Saison in Castle Charming. Aus mehreren Perspektiven erlebt man eine Geschichte rund um diese ganz besonders verrückte Zeit im Jahr, in der lauter ausländische Prinzessinnen auf dem Schloss eintreffen, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit eines der beiden Prinzen auf sich zu ziehen. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht einer der Prinzessinnen (Ziyi), eines der neuen Palastwächter (Dennis) und eines – ebenfalls neu in seinem Job seienden – Reporters (Kai).

Obwohl die Geschichte so kurz ist, habe ich die verschiedenen Erzähler ebenso wie die diversen Nebenfiguren schnell ins Herz geschlossen. Ziyi zum Beispiel ist es vollkommen egal, ob sie einen Prinzen heiratet, sie will nur, dass diese demütigende Reise von Saison zu Saison und von Königreich zu Königreich endlich ein Ende hat. Kai hingegen entdeckt, dass man als Reporter eine ganze Menge Dinge erfährt, die man nie schreiben kann, weil es nicht nur darum geht, die Wahrheit zu erzählen, sondern auch darum, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Und Dennis stellt fest, dass man als Leibwächter des Prinzen weniger Angst vor Attentätern als vor dem Benehmen seines Schützlings haben muss. Dazu kommt, dass das gesamte Königreich traumatisiert ist durch die Liebesgeschichte des aktuellen Königs und seiner Frau. Die beiden haben eine klassische „Glass Slipper“-Romanze gehabt, doch wie es nun einmal bei Liebesgeschichten der Fall ist, die durch die Hilfe von Feen zustandekamen, war das Ende recht tragisch. Niemand im gesamten Königreich will so etwas noch einmal miterleben – weshalb es umso alarmierender ist, als am ersten Ballabend eine geheimnisvolle Prinzessin mit gläsernen Schuhen auftaucht und mit dem ältesten Prinzen tanzt.

Auch wenn „Glass Slipper Scandal“ kaum mehr als der Prolog der Geschichte rund um Castle Charming ist, habe ich mich wunderbar über all die märchenhaften Elemente, die überraschenden Hintergründe zu den diversen Personen und die unterhaltsamen kleinen Wendungen in der Handlung amüsiert. Ich fand die Anziehung zwischen Dennis und Kai wunderschön beschrieben, ich mochte Prinzessin Ziyis wilde Entschlossenheit, alles dafür zu tun, damit sie nicht zurück in ihre Heimat muss, und ich musste über den armen Kai schmunzeln, der über die Story seines Lebens stolpert, nur um festzustellen, dass er das so niemals veröffentlichen können wird. Es gibt so viele Nebenfiguren in dieser kurzen Geschichte, über deren Leben ich gern mehr erfahren würde, ebenso wie ich gern mehr über all die kleinen fantastischen Dinge wissen würde, wie zum Beispiel die magische Tinte, die für das Schreiben des „Charming Heralds“ verwendet wird. Alles in allem war „Glass Slipper Scandal“ ein wunderbarer kleiner Blick in ein ungewöhnliches märchenhaftes Königreich und ich freue mich sehr, dass ich mit „Dance, Prince, Dance“ und „Let Sleeping Princes Lie“ zwei weitere (wenn auch wieder recht kurze) Geschichten rund um Castle Charming vor mir habe.

Alethea Kontis: Woodcutter Sisters 1/Books of Arilland 1 – Enchanted (Hörbuch)

„Enchanted“ ist der erste Band der Woodcutter-Sisters-Serie bzw. Books-of-Arilland-Serie der Autorin Alethea Kontis. Wer nun wegen der beiden Serien-Titel verwirrt ist: Die hängen damit zusammen, dass die ersten drei Veröffentlichungen („Woodcutter Sisters“) über einen Verlag passiert sind, der nicht nur die ersten Manuskripte radikaler bearbeitete, als es der Autorin lieb war, sondern auch nach dem dritten Band keine weiteren Teile mehr herausbringen wollte. Die „Books of Arilland“ hat hingegen die Autorin (soweit sie es finanzieren konnte) im Eigenverlag veröffentlicht – ohne die ersten drei Bänden, deren Rechte noch dem Verlag gehören, und in der Hoffnung, dass sie diese Rechte irgendwann einmal zurückkaufen und dann die Serie erfolgreicher bewerben kann, als dies aktuell der Fall ist. (Was man doch alles bei einem kurzen Besuch auf der Autorinnen-Homepage lernen kann. 😉 )

Die Geschichte in „Enchanted“ steht für sich und es gibt am Ende auch keinen Cliffhanger, so dass man nichts verpasst, wenn man sich auf diesen Titel beschränkt. Wobei mir das Hören des Hörbuchs (auch dank der guten Sprecherin) so viel Spaß gemacht hat und ich so neugierig auf all die anderen fantastischen Abenteuer der Familie Woodcutter geworden bin, dass ich mir wohl nach und nach die weiteren verfügbaren Hörbücher besorgen werde. Die fantastische Welt, die Alethea Kontis in dieser Geschichte beschreibt, beinhaltet all die klassischen Märchenelemente wie Feen-Patentanten, verwunschene Prinzen und einen armen Holzfäller (bzw. seine Familie), aber viele dieser Aspekte werden von der Autorin auf ungewöhnliche Weise kombiniert.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Sunday, der jüngsten Tochter der Familie Woodcutter, und aus der Sicht des Froschs Grumble, der in einem Wunschbrunnen im Wald lebt. Sunday und Grumble, der natürlich ein verfluchter Prinz ist, freunden sich schnell miteinander an und empfinden bald tiefere Gefühle füreinander. Doch diese Gefühle scheinen nicht tief genug, um den Fluch zu brechen, und als Grumble dann doch wieder zurückverwandelt wird, ist Sunday nicht vor Ort, um dieses Wunder mitzuerleben. Da die Familie Woodcutter gute Gründe hat, um Prinz Rumbold von Arilland zu hassen, muss dieser nun einen Weg finden, um auch in menschlicher Gestalt die Zuneigung seiner geliebten Sunday zu gewinnen.

Ich mochte es sehr, dass bei Alethea Kontis die Verwandlung in ein Tier oder die Rückwandlung in einen Menschen schmerzhafte Folgen hat. Es dauert, bis der Körper und der Geist sich umgestellt haben und sich wieder mit Vertrautheit und ohne Irritation oder Schmerzen bewegen lassen. Ebenso gefiel es mir, dass es Dinge gibt, die – mehr oder weniger – allgemein bekannt sind und die jemand, der frisch zurückverwandelt ist, beachten sollte. Zauber, Feen, Flüche und Magie sind in dieser Welt weit verbreitet und doch schon allein aufgrund ihrer „Nebenwirkungen“ keine alltäglichen Dinge. Jedem ist bewusst, dass mit Magie Schreckliches bewirkt werden kann, selbst wenn eine magische Gabe noch so „harmlos“ zu sein scheint. Dazu kommt die Sichtweise, die Alethea Kontis in dieser Geschichte auf klassische Märchen wirft. Außerdem baut sie unglaublich viele Elemente ein, ohne dass es erzwungen oder überfrachtet wirkt – wie die Schneewittchen-Gegenstände (Kamm, Apfel, Schnürriemen, der hier ein Halsband ist) bei einem harmlosen Marktbesuch, die kleinen Informationen rund um den großen Bruder Jack oder die Art und Weise, in der die verzauberte Bohnenstange Beginn und Ende der Handlung verbindet.

Die Charaktere waren mir zum Großteil sehr sympathisch – von den Bösewichten natürlich abgesehen. Jeder von ihnen hat Stärken und Schwächen, und auch wenn manche von ihnen aus Sundays oder Grumbles Perspektive vielleicht etwas zu perfekt wirken, so gibt mir die Autorin doch das Gefühl, dass auch diese Figuren ihre Probleme und Eigenheiten haben. Stellenweise war mir Sundays Reaktion ein wenig zu emotional, aber auf der anderen Seite passte das ebenso zu ihrem Charakter wie zu ihrem Alter, und am Ende hat sie sich immer so weit wieder berappelt, dass ich ihrer Perspektive weiter folgen mochte. Besonders schön fand ich ihre (und später Rumbolds) Ansichten über ihre Familie, die bei allen Auseinandersetzungen und Problemen doch sehr liebevoll miteinander umging.

Ein weiteres Lob gilt der (leider in diesem Januar verstorbenen) Sprecherin Katherine Kellgren, die nicht nur die märchenhafte Sprache von Alethea Kontis wunderbar zu Geltung brachte, sondern auch den vielen verschiedenen Charakteren durch ihre Betonung einen hohen Wiedererkennungswert verlieh. Katherine Kellgren hat mit ihrem Vortrag von „Enchanted“ nicht nur zu Beginn der Geschichte all die wunderbar amüsanten Momente und rätselhaften Andeutungen in der Handlung passend vorgetragen, sondern auch den rasanten Entkampf so fesselnd gestaltet, dass ich mich dabei ertappte, wie ich beim Zuhören mit offenem Mund und mit Putzlappen und Eimer in der Hand mitten im Zimmer stand und mich minutenlang nicht gerührt hatte.

Halo Summer: Aschenkindel – Das wahre Märchen (Hörbuch)

In den vergangenen Monaten bin ich immer wieder auf den diversen Blogs über die Bücher von Halo Summer gestolpert. Irgendwann bin ich dann bei dem Hörbuch von „Aschenkindel – Das wahre Märchen“ schwach geworden, weil ich dachte, dass das eine gute Möglichkeit sei, um den Schreibstil der Autorin kennenzulernen. Schließlich mag ich Märchen und Märchenadaptionen und ein Einzeltitel ist zum Ausprobieren auch weniger riskant als der Auftakt einer Reihe. Dummerweise bin ich aber mit der Geschichte nicht so recht warm geworden, was nicht nur an der – in meinen Augen unausgereiften – Protagonistin und ihrem Schwarm lag.

Aber erst einmal zu den Hintergründen: Die Geschichte von Clairie Farnflee spielt in derselben Welt wie die „Sumpfloch-Saga“ der Autorin, es gibt ein Kaiserreich, das den Großteil der Welt beherrscht, und ein paar wenige kleine Königreiche, die sich bislang noch gegen das Kaiserreich behaupten (oder einfach Glück hatten, dass der Kaiser sie noch nicht erobert hat). In Clairies Heimatkönigreich ist das Leben relativ einfach, Magie spielt keine besonders große Rolle, obwohl es gute Feen gibt (die anscheinend nicht mehr sind als magiebegabte Frauen, die als eine Art Patentante fungieren), Clairie einen Flugwurm hat (den stelle ich mir ein wenig wie einen chinesischen Drachen mit sechs Beinen vor) und es in dem an die Stadt angrenzenden Wald Vampire gibt. Alles in allem also relativ wenig Magie, dafür eine nette und bunte Mischung aus märchenhaften und fantastischen Elementen.

Clairie hat vor sechs Jahren ihren Vater verloren, der ein lebenslustiger Kaufmann war und auf einer seiner Reisen mit seinem Schiff (und leider auch seinem Vermögen) unterging. Seitdem führt die inzwischen Siebzehnjährige ihrer Stiefmutter und den beiden Stiefschwestern den Haushalt. Das Verhältnis zwischen dem „Aschenkindel“ und ihrer Stieffamilie ist zwar nicht besonders gut und Clairie ist den ganzen Tag auf den Beinen, um den Haushalt alleine einigermaßen in den Griff zu bekommen, aber sie hat immerhin Zeit, um Freundschaften zu schließen oder in den Wald zu gehen (wenn auch nur, um unter Lebensgefahr Leckereien für die Stieffamilie zu sammeln). Ihre „gute Fee“ ist anscheinend die einzige, die sich um Clairies Wohlergehen sorgt und somit ist sie es auch, die dem Mädchen eine Einladung zum Ball des Prinzen besorgt. Dummerweise hat Clairie kurz zuvor erst im Wald einen Fremden kennengelernt, der ihr Herz höher schlagen lässt. Warum auch immer ihr Herz das tut … Immerhin geht sie trotzdem auf den Ball und kommt mit dem Prinzen ins Gespräch, obwohl sie ihn aus seiner Kindheit noch als unerträglich verwöhnten Jungen in Erinnerung hat.

Wie gesagt, die Welt, in der das Ganze spielt, fand ich nett (wenn auch stellenweise etwas bemüht, wenn es um „exotische Zutaten“ oder ähnliches ging), auch mochte ich den einen oder anderen Nebencharakter (wie zum Beispiel die gute Fee oder den Prinzen). Nett fand ich auch, dass all die bürgerlichen jungen Frauen erst einmal einen Benimmkurs mitmachen musste, bevor sie auf das Schloss durften – so ein Hauch von Realität tat der Geschichte wirklich gut. Außerdem gab es hier und da Szenen, die ich sogar amüsant fand – erschreckend oft war dabei ein Frettchen oder ein anderes Tier involviert. Aber es gab auch viele Aspekte, die ich an dieser Geschichte als so ungesund und unangenehm empfunden habe, dass ich das Hören immer wieder unterbrechen musste, um mich abzuregen.

Ein Punkt, den ich wirklich schlimm fand, war die Szene, in der der Fremde, in den sich Clairie verliebt hat, ihr gesteht, dass er sie wochenlang heimlich beobachtet hat, um mehr über sie herauszufinden. Einen kurzen Moment lang regt sie sich auf, nur um sich dann auch noch geschmeichelt zu fühlen. Stalking ist nicht romantisch! Da ist es mir egal, welche Motivation dahintersteckt und ob es mit Magie oder auf anderem Weg passiert. Ich will nicht mal wissen, ob er ihr bei seinen Stalkingrunden ins Schlafzimmer gefolgt ist oder nicht – das ist kein akzeptables Benehmen für irgendeinen Menschen! Und wenn das dann auch noch als romantisch dargestellt wird, dann werde ich richtig wütend.

Ich kann ja noch verstehen, dass eine Siebzehnjährige Lust mit Liebe verwechselt, vor allem, da es das erste Mal ist, dass ein Mann ihr zeigt, dass er sie begehrt. Aber wenn sie wirklich so vernünftig wäre, wie es sie selbst ständig über sich sagt (und die Autorin anscheinend mit all den bissigen Bemerkungen in Clairies Gedanken und ihrer Beherrschung des anstrengenden Haushalts zeigen will), dann sollte es ihr bewusst sein, dass Lust keine Entschuldigung für sein Verhalten und keine zuverlässige Basis für eine langfristige Beziehung ist. Vor allem, da der Stalker nicht der einzige Mann ist, der an der Protagonistin interessiert ist, und sein Rivale ist nicht nur deutlich sympathischer, sondern nimmt sich auch die Zeit, die Freundschaft von Clairie zu gewinnen.

Der Stalker erklärt gegen Ende der Geschichte, als er und Clairie sich über das Kaiserreich und die Gefahren für ihr Heimatland unterhalten, dass es doch ein Glück für jedes kleine Königreich sein müsse, wenn das Kaiserreich es annektiere. Denn als Teil des Kaiserreichs würden die Bewohner des kleinen Königreichs von der großen Gemeinschaft der Weltmacht profitieren, es gäbe weniger Armut, die importieren Produkte wären günstiger und überhaupt ginge es allen Menschen besser (vom König vielleicht abgesehen, der nun keinen Einfluss auf sein Land mehr hat). So gut das alles vielleicht klingt, so gibt es doch einen deutlichen Unterschied zwischen einem freiwilligen Zusammenschluss unterschiedlicher Länder, die gemeinsam dafür sorgen wollen, dass es ihnen besser geht, oder der Unterwerfung kleinerer oder technisch angeblich rückständiger Länder, die sich nach der Einverleibung in ein großes Reich den dort herrschenden Regeln und Gesetzen unterwerfen müssen. Spontan fällt mir zumindest kein Beispiel ein, bei dem eines der vielen Länder, die z.B. zu einem der vielen Kolonialreiche gehörten, die in der Vergangenheit existierten, langfristig glücklich mit dieser Politik war. Stattdessen gibt es viele Probleme, die durch eine solche Machtpolitik entstanden sind und die bis heute den diversen ehemaligen Großmächten und den früher von ihnen beherrschten Gebieten Kopfzerbrechen bereiten. Aber was soll’s, „Aschenkindel“ ist ja schließlich ein Märchen und der Stalker der Held der Geschichte, da muss man seine Handlungen und Aussagen ja nicht weiter hinterfragen, oder?

Soman Chainani: The School for Good and Evil – The Last Ever After

Nach „The School for Good and Evil“ und „A World Without Princes“ ist „The Last Ever After“ der dritte – und abschließende – Teil der Reihe rund um die Freundinnen Sophie und Agatha. Nachdem sich der zweite Band vor allem damit beschäftigte, was in einer Märchenwelt mit den Prinzen werden soll, wenn die Prinzessinnen feststellen, dass sie die Jungs für ein Happy End nicht mehr benötigen, dreht sich dieser Roman vor allem um die Frage, was nach dem „Happy End“ auf die glücklichen Paare wartet und ob das „Happy End“ der einen bedeutet, dass andere Personen leer ausgehen müssen.

Auch bei dieser Geschichte hat Soman Chainani wieder einen großartigen Job bei der Gestaltung seiner Märchenwelt und der Entwicklung der verschiedenen Figuren gemacht. Nach den Ereignissen aus „A World Without Princes“ teilt sich die Schule nicht mehr in „Gut“ und „Böse“ oder „Mädchen“ und „Jungen“ auf, sondern in „Alt“ und „Neu“. Auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen glücklichen Ende versuchen nun die Bösewichte der Märchenwelt, ihre Geschichten neu zu schreiben. Denn erst wenn all die Leser den Glauben daran verlieren, dass das Gute immer siegt und nur das Gute am Ende Liebe findet, können die Bösewichte wirklich die Macht ergreifen.

Aber es geht nicht nur um den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse in der Märchenwelt, sondern auch darum, wie die Geschichte nach dem Zusammenfinden von Prinz und Prinzessin weitergeht. Das betrifft nicht nur Agatha und Sophie und ihre Suche nach der einen wahren Liebe, sondern auch die altvertrauten Märchen, bei denen man doch angeblich genau weiß, wie sie enden. Doch wenn eine Liebe wie die von Tedros Eltern Arthur und Guinevere auseinanderbricht, weil Guinevere mit Lancelot davonläuft, wie kann man dann davon ausgehen, dass das Zusammenkommen von Prinz und Prinzessin für immer das glückliche Ende besiegelt.

Ich will gar nicht mehr zum Inhalt schreiben, denn dann müsste ich auf Entwicklungen des zweiten Bandes eingehen, die erst am Ende der Geschichte passieren und die zu viel über die Handlung verraten würden. Aber ich fand es toll, wie der Autor bei all den fantastischen, amüsanten und bedrückenden Szenen immer wieder auf die Frage zurückkommt, was eigentlich notwendig ist, damit ein Mensch zufrieden mit seinem Leben ist – und ob die einzig wahre Liebe wirklich alle Probleme löst. Neben diesen großen Themen, die immer wieder in der Handlung durchschimmern, mag ich all die kleinen Szenen, die von Freundschaft, Heldenmut oder einfach „nur“ Menschlichkeit erzählen. Doch das alles würde nicht funktionieren, wenn Soman Chainani nicht so wunderbare Charaktere für seine Bücher geschaffen hätte.

Agatha und Sophie sind als Protagonisten natürlich wichtig für die Geschichte, und ohne ihre Gegensätzlichkeit würde das alles nicht funktionieren. Aber vor allem freue ich mich jedes Mal, wenn einer der Nebencharaktere etwas mehr Präsenz bekommt, Und in „The Last Ever After“ bekommen sehr viele von diesen Nebenfiguren Raum, um ihre Hintergrundgeschichte zu offenbaren. Hintergrundgeschichten, die berührend sind und traurig und voller Missverständnisse und die den vertrauten Märchen so viele unerwartete Facetten hinzufügen. Diese ungewohnte Perspektive macht Spaß, aber sie lässt einen am Ende auch sehr nachdenklich zurück. Sagte ich schon, wie sehr ich das mag? 😉

Soman Chainani: The School for Good and Evil – A World Without Princes

Es ist schon eine Weile her, dass ich den ersten Band dieser Reihe gelesen habe, aber ich war damals so angetan von den Ideen des Autors, dass ich die Fortsetzung „The School for Good and Evil – A World Without Princes“ gleich auf den Wunschzettel gesetzt hatte. Inzwischen ist der dritte Teil schon lange erschienen und so wurde es langsam Zeit mal zum zweiten Band zu greifen. Die Geschichte beginnt einige Zeit nach dem Ende des ersten Romans. Sophie und Agatha sind wieder zurück in Gavaldon und werden von den anderen Dorfbewohnern regelrecht verehrt. Sie sind die ersten, die nach einer Entführung durch den „School Master“, wieder zurückgekehrt sind und vor allem Sophie erzählt unermüdlich, was ihr und Agatha zugestoßen ist. Dass ihre Version sich ein wenig von Agathas Erinnerung unterscheidet, spielt dabei nur eine kleine Rolle.

Alles könnte so schön sein, wären da nicht Sophies Vater und seine neue Freundin und ihre beiden Söhne. Während Sophie hoffte, sie bekäme endlich seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit, scheint sich ihr Vater vor allem darüber zu freuen, dass es endlich zwei Jungen in seiner Familie gibt. Aber nicht nur Sophie muss entdecken, dass das Leben nach ihrer Heimkehr nicht ganz so rosig ist wie erhofft. Agatha kann den Gedanken an ihren Prinzen nicht vollkommen verdrängen und sehnt sich – auch wenn sie sich es selber kaum eingestehen kann – immer stärker nach Tedros. All diese Entwicklungen führen dazu, dass die beiden Mädchen sich wieder in der „School for Good and Evil“ wiederfinden – doch sie erkennen die Schule kaum wieder.

Die Ereignisse rund um Sophies und Agathas ersten Aufenthalt in der Schule haben zu einem großen Umbruch geführt. Nun gibt es nicht mehr die Trennung zwischen „Gut“ und „Böse“, sondern eine Trennung zwischen „Mädchen“ und „Jungen“. Denn das Beispiel der beiden Freundinnen hat all den Prinzessinnen und Hexen gezeigt, dass sie keine Jungen benötigen, um zu einem Happy End zu kommen. Sie können ganz alleine mit all den Widrigkeiten, die die Märchenwelt ihnen entgegenstellt, fertig werden. Vor allem dann, wenn Prinzessinnen und Hexen zusammen- statt gegeneinander arbeiten. Doch was bleibt noch für die Prinzen übrig, wenn sie keine Rolle mehr im Märchen „ihrer“ Prinzessinen spielen?

Soman Chainani hat aus dieser Grundidee wieder eine wunderbar und amüsante Geschichte gemacht. Auch dieses Mal gab es die eine oder andere vorhersehbare Wendung, aber das konnte ich dem Autor problemlos verzeihen, weil dieser Roman so viele fantastische Elemente und lustige Szenen beinhaltet, dass ich mich beim Lesen wieder rundum gut unterhalten gefühlt habe. Es gibt immer wieder spannende und erschreckende Szenen, wenn es um ein „selbstbestimmtes Leben“ für die Mädchen geht. Aber auch schöne Momente, wenn zum Beispiel Agatha und Sophie nicht mehr anhand des Äußeren sagen können, welches Mädchen „Gut“ oder „Böse“ ist, oder wenn beschrieben wird, wie sich die verschiedenen Personen durch die Ereignisse verändert haben.

Natürlich dreht sich ein großer Teil der Handlung um das Verhältnis zwischen Sophie und Agatha und was Freundschaft für die beiden bedeutet – und ob Freundschaft ohne Vertrauen Bestand haben kann. Aber ich muss zugeben, dass ich diesen Teil weniger berührend fand, als die vielen kleinen Momente, in denen es vor allem darum ging, dass einzelne Personen im früheren System untergegangen sind, weil sie nicht der „Norm“ entsprachen, während sie jetzt zumindest eine Chance auf eine positive Entwicklung haben. Auch fand ich es spannend, wie Soman Chainani die Kompromisslosigkeit „klassischer“ Märchen aufs Korn nimmt. Es gibt immer nur eine Prinzessin und einen Prinzen und natürlich eine böse Person, die am Ende vernichtet werden muss. Eine Prinzessin kann nicht gleichzeitig ein Happy End mit einem Prinzen und eine Freundin haben und eine Prinzessin muss natürlich gut sein – egal, ob sie es wirklich ist oder nicht. Immer wieder gibt es einen ungewöhnlichen Blick auf die verschiedenen Märchenfiguren – und die Frage, welche Folgen ihre Geschichte wohl auf die Familien dieser Figuren hatte. Das alles sorgt (ebenso wie die Ereignisse am Ende dieses Romans) dafür, dass ich wirklich neugierig auf das nächste Abenteuer von Sophie und Agatha bin.

Seanan McGuire: Indexing – Reflections (Indexing 2)

Zwei Jahre nach dem Erscheinen von „Indexing“ von Seanan McGuire gibt es mit „Indexing: Reflections“ die Fortsetzung um Henry (Henrietta Marchen) und ihre Kollegen sowie ihren Kampf gegen Märchen, die danach streben, real zu werden. Auch bei diesem Band erschienen die einzelnen Kapitel zuerst als Fortsetzungsgeschichte für den Kindle und sind somit sehr gut mit ein paar Tagen Abstand zwischen den Episoden zu lesen. Dieses Mal geht es vor allem um die Nachwirkungen der Vorgänge im ersten Band. In „Indexing“ wäre es fast zu einer Katastrophe gekommen, da eine Geschichtenerzählerin („Mother Goose“) diverse potenziellen Märchenfiguren und ihre Geschichten manipuliert hatte. Aber auch nach der Ergreifung dieser Verbrecherin kommt es immer noch zu einem erhöhten Aufkommen an Märchenvorfällen, was für die Mitarbeiter des ATI Management Bureaus eine Menge Extraarbeit bedeutet.

Doch nicht nur das größere Arbeitsaufkommen macht Henry und ihrem Team zu schaffen. Durch die Vorgänge rund um die „Mother Goose“ wurde Henrys Geschichte aktiviert, ebenso wie die von Demi, die inzwischen ein fester Bestandteil dieser „Märcheneinsatztruppe“ ist. Also müssen Henry (ein aktives „Schneewittchen“), Jeff (ein „Schuhmacher“), Demi (eine aktive „Rattenfängerin“), Sloane (eine „böse Stiefschwester“) und Andy (der einzige im Team, der nicht von Märchen berührt wurde) dem ATI Management Bureau erst einmal beweisen, dass sie immer noch ihrem Dienst nachgehen können, ohne dass ihr Märchenhintergrund zu einer Gefahr für die Allgemeinheit wird. Zu ihren Gunsten spricht dabei, dass Henry und ihre Kollegen auch im inaktiven Zustand schon viel Erfahrung mit ihrer Märchenidentität sammeln können und sich der Risiken durchaus bewusst sind. Außerdem haben sie eine gute Erfolgsquote und sind eines der wenigen Teams, das mit Sloane gut zusammenarbeiten kann, Denn Sloane ist eine Mitarbeiterin mit einzigartigen und unverzichtbaren Fähigkeiten, deren Wohl dem ATI besonders am Herzen liegt. Wie einzigartig die potenzielle Giftmischerin ist, wird dabei erst im Laufe der Geschichte deutlich. ….

Es ist wohl wenig überraschend, dass ich auch diesen Roman von Seanan McGuire sehr genossen habe. Die Autorin trifft immer wieder meinen Humor und ich liebe es, wie sie mit den verschiedenen Themen umgeht und wie sie eine ungewöhnliche Sicht auf vertraute Elemente beweist. Die Handlung von „Indexing“ war so weit eigentlich abgeschlossen, aber es blieben genügend Stränge offen, dass daran wieder angeknüpft werden konnte. Neben den ganzen Vorfällen rund um die kurz vor der Aktivierung stehenden Märchen fand ich es sehr spannend, mehr über die Entstehung des ATI Management Bureaus zu erfahren und mitzuerleben, wie aus Sloane eine „böse Stiefschwester“ wurde. Aber auch Henrys Auseinandersetzung mit ihrem (Ur-)Märchen und all die anderen neuen Figuren, deren Märchen schon aktiv sind, die aber anscheinend damit umgehen konnten, haben schöne neue Sichtweisen auf das Märchenthema gebracht. Dazu kam noch, dass die Geschichte einigen Anlass bot, um sich mit dem Schicksal der Personen auseinanderzusetzen, die von Henry und all den anderen im Laufe der Jahrhunderte daran gehindert wurden, sich als Märchenfiguren zu manifestieren.

So gab es immer wieder bitterböse, traurige, aber auch amüsante Szenen, wobei der „Märchenschwerpunkt“ weiterhin bei Henry und dem Schneewittchenthema lag. Seanan McGuire hat sich in diesem Band viel Zeit genommen, um auf die Vergangenheit des Schneewittchenmotivs einzugehen und um ihre Welt detaillierter vorzustellen. Das hat vielleicht die eine oder anderen Wendung nicht ganz so überraschend gestaltet, aber dafür gab es für mich sehr viele Anstöße, noch einmal über die verschiedenen Märchenvarianten und die Entwicklung und Verbreitung von Märchen nachzudenken. Außerdem mag ich es, wie die Autorin ihre Märchenfiguren in ein modernes Umfeld versetzt, ohne sich dabei zu sehr von dem märchenhaften Grundmotiv zu entfernen.

Patricia C. Wrede: Snow White and Rose Red

Am vergangenen Sonntag habe ich „Snow White and Rose Red“ von Patricia C. Wrede angefangen und es hat bis Mittwoch gedauert, bis ich den Roman beendet hatte, was vor allem an der Sprache lag, die die Autorin verwendet hat. Im Nachwort sagt sie, dass sie versucht hat einen zeitgemäßen Ton zu finden und trotzdem noch für moderne Leser verständlich zu bleiben – und verständlich war es, aber für mich auch sehr gewöhnungsbedürftig und gerade am Anfang überraschend anstrengend. Außerdem habe ich hin und wieder den Humor vermisst, denn ich aus den „Zauberwald“-Geschichten der Autorin so sehr mag. Wobei ich zugeben muss, dass sich die Handlung in „Snow White and Rose Red“ nicht gerade für humorvolle Szenen eignet.

Im Nachwort erwähnt Patricia C. Wrede, dass „Schneeweißchen und Rosenrot“ schon immer ihr Lieblingsmärchen gewesen ist, dass sie aber beim erneuten Lesen für diesen Roman überrascht davon war, wie episodenhaft die Handlung aufgebaut ist. Umso schöner fand ich es, wie sie es geschafft hat, diese episodenhafte Erzählweise aufzugreifen und in eine deutlich stimmigere Form zu pressen. Die Handlung von „Snow White and Rose Red“ zieht sich über viele Monate hinweg und beginnt an einem Halloween-Abend. Zeitlich ist die Geschichte im elisabethanischem England einzuordnen und Patricia C. Wrede hat sowohl auf den damals lebenden Hofastrologen John Dee zurückgegriffen, als auch reale Gegebenheiten um diese Figur in ihre Handlung eingebunden.

An dem Halloween-Abend, an dem die Geschichte beginnt, sprechen John Dee und sein jüngerer Kollege Edward Kelly im Wald einen Zauber aus, der die beiden Männer in Besitz von Feenmagie bringen soll. Denn es ist allseits bekannt, dass in dem Wald, der an das Örtchen Mortlak angrenzt, ein Übergang zur Feenwelt zu finden ist. Beobachtet werden die beiden Männer in ihrem Tun von Blanche und Rosamund, den Töchter der Witwe Arden, die für ihre Mutter im Wald Kräuter suchten. Doch da allgemein bekannt ist, dass John Dee ein Zauberer ist, der – auch aufgrund der Protektion der Königin – schon zwei Anklagen wegen Hexerei überstanden hat, und die Mutter der beiden Mädchen große Angst davor hat, das jemals jemand sie und ihr Töchter der Hexerei beschuldigen würde, erzählen die drei Frauen niemandem von dem, was die Mädchen gesehen haben.

Parallel dazu lernt der Leser die beiden Brüder John (eigentlich Thomas) und Hugh kennen, deren Mutter die Königin der Feen ist. Während der jüngere Prinz sehr zufrieden mit seinem Leben im Feenreich ist, wandert John regelmäßig in der Welt der Menschen umher. Beide Männer werden von einigen Feen misstrauisch beäugt, da ihr Vater ein Mensch ist und John und Hugh somit keine reinrassigen Feen sind. So versucht eine kleine Gruppe von Verschwörern das Wissen um den Zauber, der von John Dee und Edward Kelly gesprochen wird, zu nutzen, um sich der beiden Halbfeen zu entledigen. Doch der Zauber beeinflusst nur Hugh und nimmt dem jungen Mann innerhalb weniger Tage seine Gestalt, so dass er am Ende – in der Form eines Bären – aus dem Feenland verbannt wird.

Im Laufe der folgenden Monate treffen Hugh und die beiden Mädchen natürlich aufeinander, ebenso wie John irgendwann herausfindet, dass es da eine Verbindung zwischen seinem Bruder und der Familie Arden gibt. Während diese fünf Personen nun alles versuchen, um den Zauber aufzuheben, der Hugh so sehr verändert hat, experimentieren Dee und Kelly mit der Macht, die sie durch ihr Tun gewonnen haben. Aber auch die Verschwörer auf der Feenseite bleiben nicht untätig, haben sie doch gerade mal einen Teilerfolg errungen. Gleichzeitig kommen im Ort Mortlak aus mehreren Gründen immer wieder Gerüchte über Hexerei und Zauberei auf, was die Anwohner immer nervöser und misstrauischer werden lässt.

Ich fand es spannend, was für eine komplexe Welt Patricia C. Wrede für die Neuerzählung dieses Märchen gewählt hat und wie viele Personen in dieser Geschichte vorkommen, wenn man überlegt, dass es im Märchen gerade mal sechs Figuren sind, die eine Rolle spielen. Man bekommt eigentlich von allen Parteien mit, was sie gerade planen und denken und wie sie in den nächsten Wochen vorgehen wollen, aber gerade das machte es für mich auch so fesselnd. Während die einen sich auf eine Aufgabe konzentrieren und gerade mal befürchten müssen, dass sie dabei von jemandem beobachtet werden, weiß man schon, dass weitere Parteien auf den selben Zeitpunkt hinarbeiten, aber vollkommen anderen Ziele verfolgen – und natürlich sorgt das dafür, dass irgendetwas schief läuft. Aber was genau schief laufen wird und wer zu diesem Zeitpunkt davon profitiert, muss man natürlich erst noch herausfinden.

Auch der Teil mit der Hexenverfolgung war gut gemacht. Während die Witwe, die nun mal lebenserfahrener ist, immer befürchtete, dass irgendwann einmal sie und ihre Töchter der Vorwurf trifft, sind Blanche und Rosamund verhältnismäßig sorglos. Sie machen schließlich nichts Böses und vertrauen auf Gott und gehen regelmäßig in die Kirche. Allein ihre Zuneigung zu ihrer Mutter sorgt dafür, dass sie trotzdem immer wieder Vorsicht walten und sich von dem einen oder anderen riskanteren Plan wieder abbringen lassen. Trotzdem kommen all diese Gerüchte über Zauberei irgendwann den falschen Leuten zu Ohren, so dass Ermittler in Mortlak auftauchen, die die ganze Angelegenheit verkomplizieren.

Emotional hat mich „Snow White and Rose Red“ weniger angesprochen, auch weil man den Figuren nicht so nahe kommt wie bei manch anderer Geschichte. Aber es hat mich nicht gestört, weil ich so fasziniert davon war, was Patricia C. Wrede aus dem Märchen gemacht hat. Schön fand ich es auch, dass vor jedem Kapitel eine Passage des Märchens vorgestellt war, so dass man sich das Original noch einmal in Erinnerung rufen und dann beim Lesen mit der neuen Version vergleichen konnte. Ich weiß allerdings auch nach ein paar Tagen noch nicht, ob ich mit der letzten Wendung am Ende wirklich zufrieden bin. Es entspricht zwar dem Märchen, aber ich hätte mir eine „grenzübergreifendere“ Lösung gewünscht. Insgesamt hatte ich aber wirklich viel Spaß mit dem Roman und habe es geliebt herauszufinden, was die Autorin aus den jeweiligen Märchenpassagen gemacht hat und zu sehen wie sie die Geschichte mit keltischen Sagenelementen verwoben hat.