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Elizabeth Lim: Six Crimson Cranes

„Six Crimson Cranes“ von Elizabeth Lim hatte ich vor über einem Jahr gleich zweimal angefangen und jedes Mal nach den ersten 50 Seiten pausiert, weil ich die Protagonistin Shiori nicht besonders mochte. Prinzessin Shiori ist in diesen ersten Kapiteln so ein typisches „armes reiches Mädchen“, das auf der einen Seite sehr einsam ist und immer wieder Wege sucht, um die Aufmerksamkeit seiner älteren Brüder zu erlangen. Aber Shiori wächst auf der anderen Seite eben auch sehr priviligiert auf und verhält sich häufig deutlich jünger und unverantwortlicher, als ihr Alter (und ihre Herkunft) es mich erwarten ließen. Das hat mich immer wieder dazu gebracht, dass ich das Buch zur Seite legte. Bei meinem letzten Versuch mit dem Roman hatte ich mir im August vorgenommen, dass ich zwei Stunden lang durchlesen würde, um zu schauen, ob ich nicht endlich über den Teil hinwegkomme, bei dem ich immer pausiert hatte. Was natürlich dazu führte, dass mich die Geschichte gerade mal vier (kurze) Kapitel später gepackt hatte.

Die Handlung in „Six Crimson Cranes“ wirkt wie eine asiatische Variante der „Sechs Schwäne“. Prinzessin Shiori’anma lebt zu Beginn der Geschichte mit ihren sechs älteren Brüdern im Haushalt ihres königlichen Vaters und ihrer wunderschönen Stiefmutter Raikama. Während ihre Brüder sich auf ihre zukünftigen Posten innerhalb des Reichs vorbereiten, sieht Shiori mit Abscheu auf ihre baldige Verlobung – nicht, weil ihr Zukünftiger so unangenehm ist, sondern weil diese Hochzeit sie von ihrer Familie und ihrem Zuhause wegführen und sie all der Freiheiten berauben wird, die sie als verwöhnte einzige Tochter des Königs genießt. Doch nachdem ihre Stiefmutter Raikama herausfindet, dass Shiori über verbotene Magie verfügt, belegt sie das Mädchen mit einem Fluch, verwandelt seine sechs Brüder in Kraniche und vertreibt die sieben Königskinder aus dem Palast. So muss Shiori nicht nur auf sich allein gestellt einen Weg finden, um den Fluch der auf ihr und ihren Brüdern liegt, zu brechen, sondern auch für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen. Letzteres wird davon erschwert, dass sie keinen Laut von sich geben darf, wenn sie nicht das Leben ihrer Brüder aufs Spiel setzen will.

Nachdem Shiori verflucht wurde, hatte ich sie überraschend schnell ins Herz geschlossen. Und so habe ich beim Lesen regelrecht mitgefiebert, wenn sie der Aufhebung des Fluchs ein Stückchen näher kam, und gelitten, wenn sie mal wieder einen Rückschlag erlebte. Kaum findet die Prinzessin sich außerhalb des Palasts wieder, entwickelt sie ein bewunderswertes Durchhaltevermögen und lernt sogar, erst einmal nachzudenken, bevor sie handelt. Diese Shiori mochte ich wirklich gern, ebenso wie einige der Nebenfiguren, denen sie im Laufe der Geschichte begegnet. Mir ging beim Lesen immer wieder durch den Kopf, dass für mich persönlich der Einstieg in den Roman deutlich einfacher und angenehmer gewesen wäre, wenn die Handlung mit Shioris Aufwachen nach ihrer Verfluchung begonnen hätte, während in Rückblenden dann der Weg dahin hätte erzählt werden können. Aber ich muss auch zugeben, dass ich älter bin als die „Young Adult“-Zielgruppe des Romans, und relativ wenig Geduld mit bestimmten Verhaltensweisen von Teenager-Protagonist*innen habe.

Von den ersten ungefähr 60 Seiten abgesehen, hat mich Elizabeth Lim mit ihrer Erzählweise wirklich überzeugen können. Ich mochte die Art und Weise, in der sie die vertrauten Elemente eines Märchens nimmt und daraus etwas sehr Eigenes macht, wobei die verschiedenen Figuren – vor allem Shiori und ihre Brüder – sich im Laufe der Zeit weiterentwickelten und selbst Charaktere, die anfangs in eine vertraute Schublade zu passen scheinen, einen immer wieder überraschende Facetten entdecken ließen. Außerdem ist die Autorin wirklich sehr gut darin, den verschiedenen Regionen, durch die Shiori reist, sehr individuelle Atmosphären zu verleihen. Am Ende von „Six Crimson Cranes“ würde ich zwar nicht behaupten, dass ich in Zukunft alle Veröffentlichungen von Elizabeth Lim lesen werde, aber ich werde definitiv noch zu der Fortsetzung „The Dragon’s Promise“ und der Vorgeschichte „Her Radiant Curse“ greifen, weil ich nicht nur wissen will, wie es mit Shiori weitergeht, sondern auch neugierig auf die Hintergrundgeschichte ihrer Stiefmutter bin.