Alle Artikel von Konstanze

Was schön war (2): Ein Urlaubswochenende

Ein langes Wochenende
bei meiner ältesten Freundin verbracht.

Trotz Zugausfall, Verspätungen und weiteren Probleme
Glück bei den Bahnfahrten und
insgesamt nicht mehr als eine Stunde Verspätung gehabt.
Dabei entdeckt, wie schön das Reisen im Fahrradabteil ist
– inklusive Beinfreiheit, Ruhe und einer schönen Aussicht.

Viel gesehen und
viele Stunden geredet und
viele „weißt du noch“-Momente erlebt
– nur unterbrochen von leckerem Essen und Getränken.

Cindy Pon: Serpentine

„Serpentine“ von Cindy Pon liegt schon ein paar Jahre auf meinem SuB, nachdem ich den Roman damals nach einem kurzen Anlesen erst einmal zur Seite gelegt hatte, weil ich nicht in der richtigen Stimmung dafür war. Da ich in den letzten Tagen große Lust auf ein asiatisches Setting hatte (vermutlich ist mein Mann mit seiner „Rebellen vom Liang Shan Po“-BluRay Schuld daran), habe ich endlich „Serpentine“ aus dem Regal gezupft und fast in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der sechzehnjährigen Skybright, die, solange sie denken kann, als Kammerzofe für die gleichaltrige Zhen Ni arbeitet. Genau genommen sind Zhen Ni und Skybright zusammen aufgewachsen, nachdem eine Dienerin kurz vor Zhen Nis Geburt ein neugeborenes ausgesetztes Mädchen fand. Doch so sehr Zhen Ni immer betont, dass sie in ihrer Dienerin eine Schwester sieht, so sehr ist Skybright doch bewusst, dass ihre Stellung deutlich niedriger ist und dass sie ihr Leben lang abhängig von Zhen Ni sein wird.

Beide Mädchen gehen davon aus, dass sie wissen, was die Zukunft für sie bereithalten wird. Zhen Ni wird – wenn sie denn endlich ihre Periode bekommt – an einen reichen und einflussreichen Mann verheiratet, während Skybright Zhen Ni nach der Hochzeit in den neuen Haushalt folgen und weiterhin ihren Pflichten als Zofe und getreue Freundin nachgehen wird. Keine von beiden kann sich vorstellen, dass ihre Beziehung einmal weniger eng sein könnte als in all den Jahren des Heranwachsens, und doch gibt es in dem Sommer, in dem der Roman spielt, Ereignisse, die dafür sorgen, dass die Mädchen Geheimnisse voreinander haben. Vor allem Skybright ist sich sicher, dass sie die Tatsache, dass sie sich auf einmal in der Nacht zur Hälfte in eine Schlange verwandelt, niemals jemandem preisgeben darf, wenn sie nicht von den Menschen, die ihr nahestehen, als Dämon gejagt werden will. Und auch ihre Gefühle für den im benachbarten Kloster aufgewachsenen siebzehnjährigen Kai Sen verbirgt Skybright lieber vor ihrer Herrin.

Mir haben an „Serpentine“ wirklich sehr viele Aspekte gefallen, angefangen von der Darstellung dieses fantastischen historischen Chinas über die fantastischen (und stellenweise sehr beängstigenden) Wesen und die Charaktere, die sich beim Lesen realistisch und stimmig anfühlten, bis hin zu den Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren. Ich mochte Skybright als Erzählerin sehr, gerade weil sie so pragmatisch mit ihrer Situation umgeht. Ihr ist bewusst, dass es recht wenig zählt, wenn ihre Herrin sie als Schwester bezeichnet, da doch ihr ganzes Leben auf dem Wohlwollen von Zhen Nis Familie aufgebaut wurde und sich jederzeit ihre Situation ändern könnte, wenn Zhen Nis Eltern das so entscheiden sollten. Trotz dieser ungleichen Ausgangssituation hegt Skybright für Zhen Ni ehrliche freundschaftlich-schwesterliche Gefühle (und reagiert eifersüchtig, als ein anderes Mädchen im Leben ihrer Herrin eine wichtige Position einnimmt). Auch mit ihrer nächtlichen Verwandlung versucht das Mädchen pragmatisch umzugehen und testet nach der ersten Panik systematisch die Möglichkeiten, die ihre neue Gestalt ihr bietet, während sie gleichzeitig versucht, in den Legenden mehr über „Schlangenwesen“ herauszufinden.

Natürlich ist Sykbrights Verwandlung nicht das einzige fantastische Element in der Geschichte, sie ist nur für den Leser ein erstes Anzeichen dafür, dass das Tor zur Unterwelt sich geöffnet hat und Geister und Dämonen die Welt der Menschen betreten haben. Im Laufe der Geschichte wird Skybright durch ihre neuen Fähigkeiten, ihre Freundschaft zu Kai Sen und ihr Bedürfnis, den jungen Mann vor den Ungeheuern zu beschützen, die er als Teil der Klostergemeinschaft bekämpfen muss, in einen uralten Kampf zwischen Menschen und Dämonen hineingezogen. Viele dieser Elemente wurden von Cindy Pon nur relativ kurz angerissen, denn es geht in der Geschichte weniger um diese Auseinandersetzung mit den Dämonen als um Skybrights Suche nach ihrer eigenen Identität und um ihre Beziehungen zu Zhen Ni und Kai Sen. Da am Ende von „Serpentine“ noch einige Fragen offen sind und ich Skybrights Welt nur ungern verlassen habe, werde ich auf jeden Fall auch noch zu „Sacrifice“, dem zweiten Serpentine-Band, greifen.

Februar-SuB 2019

Nachdem ich gleich zu Beginn des Jahres meine „Lesebrille“ auf den Badezimmerboden fallen ließ und somit einige Zeit meine Sehfähigkeit ziemlich eingeschränkt war, konnte ich leider die letzten Urlaubstage nicht so gut zum Lesen nutzen wie geplant. Dafür habe ich dann nach ein paar Tagen entdeckt, dass meine Sehleistung zumindest fürs Mangalesen ausreichte, weshalb ich mich dann erst einmal darauf konzentriert habe. Das hat dazu geführt, dass ich im vergangenen Monat ohne es so recht zu merken 38 Comics und Manga gelesen habe – was doch eine überraschend hohe Zahl ist, wenn man bedenkt, dass ich das Gefühl hatte, ich hätte den Großteil meiner Freizeit mit der Switch verbracht. *g*

Nachdem ich wieder mit einer angemessenen Sehhilfe ausgestattet war, habe ich meine Zeit zwischen den Bibliotheksausleihen und meinem SuB aufgeteilt. Letzterer hatte zwischendurch die 100 geknackt und das ist mir dann doch ein bisschen viel an ungelesenem Lesematerial im Haus. Also habe ich mir vorgenommen, dass ich mich in den kommenden Monaten mit den Bibliotheksausleihen etwas zurückhalte – was mir durch den Hackerangriff auf den Bibliothekskatalog erleichtert wird, denn nach dem Wiederherstellen des Katalogs ist meine Merkliste mit noch auszuleihenden Büchern verschwunden – und mich mehr auf all die Schätze auf meinem SuB konzentriere.

  1. Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone
  2. Sophie Anderson: The House with Chicken Legs
  3. Kelly Barnhill: Iron Hearted Violet
  4. Tracy Baptiste: Rise of the Jumbies (The Jumbies 2)
  5. T. J. Berry: Space Unicorn Blues
  6. Holly Black: The Coldest Girl in Coldtown
  7. Lawrence Block (Hrsg.): In Sunlight or in Shadow – Stories Inspired by the Paintings of Edward Hopper
  8. Aliette de Bodard: In the Vanishers‘ Palace
  9. Lila Bowen: Wake of Vultures (Shadow Series 1)
  10. Rhys Bowen: Royal Flush (Royal Spyness 3)
  11. Rhys Bowen: Royal Blood (Royal Spyness 4)
  12. Rhys Bowen: Naughty in Niece (Royal Spyness 5)
  13. Alan Bradley: Flavia de Luce 5 – Schlussakkord für einen Mord
  14. Alan Bradley: Flavia de Luce 6 – Tote Vögel singen nicht
  15. Marie Brennan: The Voyage of the Basilisk – A Memoir by Lady Trent
  16. Marie Brennan: In the Labyrinth of Drakes – A Memoir by Lady Trent
  17. Marie Brennan: Within the Sancutary of Wings – A Memoir by Lady Trent
  18. Sarah Rees Brennan: Tell the Wind and Fire
  19. Sarah Rees Brennan: In Other Lands
  20. Patricia Briggs: River Marked (Mercy Thompson 6)
  21. Rachel Caine: Ink and Bone (The Great Library 1)
  22. Julie Campbell: The Mysterious Visitor (Trixie Belden 4)
  23. Beth Cato: Breath of Earth (Blood of Earth #1)
  24. Vivien Chien: Death by Dumpling
  25. Roshani Chokshi: Aru Shah and the End of Time
  26. Deborah Crombie: Beklage deine Sünden (Kincaid und James 17)
  27. Louise Erdrich: The Birchbark House
  28. Laura Ann Gilman: Silver on the Road
  29. Jasmine Gower: Moonshine
  30. Mira Grant: Feedback (Newsflash #4)
  31. Alex Grecian: The Black Country (Scotland Yard’s Murder Squat 3)
  32. Kate Griffin: The Midnight Mayor (Matthew Swift #2)
  33. Kate Griffin: The Neon Court (Matthew Swift #3)
  34. Kate Griffin: The Minority Council (Matthew Swift #4)
  35. Kate Griffin: Stray Souls (Magicals Anonymous #1)
  36. Kate Griffin: The Glass God (Magicals Anonymous #2)
  37. Christian Handel (Hrsg.): Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln (Anthologie)
  38. Rachel Hartman: Seraphina
  39. Jim C. Hines: Die Buchmagier – Angriff der Verschlinger
  40. Jim C. Hines: Terminal Alliance
  41. Mark Hodder: Auf der Suche nach dem Auge von Naga
  42. Tanya Huff: Wizard of the Grove
  43. D. B. Jackson: Thieve’s Quarry (Thieftaker #2)
  44. D. B. Jackson: A Plunder of Souls (Thieftaker #3)
  45. Diana Wynne Jones: The Dark Lord of Derkholm
  46. Diana Wynne Jones: Year of the Griffin
  47. Diana Wynne Jones: Cart and Cwidder (The Dalemark Quartet 1)
  48. Diana Wynne Jones: Drowned Ammet (The Dalemark Quartet 2)
  49. Diana Wynne Jones: The Spellcoats (The Dalemark Quartet 3)
  50. Diana Wynne Jones: Crown of Dalemark (The Dalemark Quartet 4)
  51. Diana Wynne Jones: Dogsbody
  52. Diana Wynne Jones: Power of Three
  53. Diana Wynne Jones: The Game
  54. Celine Kiernan: Geisterpfade
  55. Celine Kiernan: Königspfade
  56. Mary Robinette Kowall: The Calculating Stars
  57. Scott Lynch: Die Lügen des Locke Lamora
  58. Kelly McCullough: Der Zorn der Klinge
  59. Kelly McCullough: Die erste Klinge
  60. Kelly McCullough: Der Schwur der Klinge
  61. Seanan McGuire: Tricks for Free (InCryptid 7)
  62. Seanan McGuire: The Brightest Fell (October Daye 11)
  63. Seanan McGuire: Deadlands – Boneyard
  64. Seanan McGuire: In an Absent Dream (Wayward Children 4)
  65. Kelly Meding: Stray Magic
  66. Kate Milford: The Boneshaker
  67. Kari Maaren: Weave a Circle Round
  68. Bishop O’Connell: The Stolen
  69. Ellen Oh und Elsie Chapman (Hrsg.): A Thousand Beginnings and Endings (Anthologie)
  70. Nnedi Okorafor: Akata Warrior (Akata Witch 2)
  71. Dominik Parisien und Navah Wolfe (Hrsg.): The Starlit Wood – New Fairy Tales (Anthologie)
  72. Dominik Parisien und Navah Wolfe (Hrsg.): Robots vs. Fairies (Anthologie)
  73. S. A. Patrick: A Darkness of Dragons
  74. Tamora Pierce: Tempests and Slaughter
  75. Sarah Prineas: The Lost Books – The Scroll of Kings
  76. Riley Redgate: Noteworthy
  77. Philip Reeve: Larklight
  78. Rebecca Roanhorse: Trail of Lightning (The Sixth World 1)
  79. John Scalzi: Fuzzy Nation
  80. Helen Simonson: Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
  81. A.C.H. Smith: Jim Henson’s The Dark Crystal
  82. Robin Stevens: A Spoonful of Murder (A Murder Unladylike Mystery 6)
  83. Robin Stevens: Death in the Spotlight (Murder Most Unladylike 7)
  84. Rosemary Sutcliff: Troja oder die Rückkehr des Odysseus
  85. Rosemary Sutcliff: König Artus und die Ritter der Tafelrunde
  86. Charles den Tex: Die Zelle
  87. Rob Thomas: Veronica Mars – The Thousand Dollar Tan Line
  88. Sarah Tolcser: Song of the Current
  89. Tiffany Trent: Unnaturalist
  90. Gail Tsukiyama: Die Straße der tausend Blüten
  91. Catherynne M. Valente: The Refrigerator Monologues
  92. Catherynne M. Valente: Space Opera
  93. Uwe Voehl: Tod und Schinken
  94. Jaye Wells: Dirty Magic (Prospero’s War 1)
  95. Xinran: Gerettete Wort
  96. Rick Yancey: Der Monstrumologe und die Insel des Blutes
  97. Ovidia Yu: The Frangipani Tree Mystery

96 Titel auf dem SuB

(durchgestrichene Titel habe ich in diesem Monat gelesen)
(kursive Titel sind in diesem Monat neu hinzugekommen)

 

Victoria Jamieson: Roller Girl (Comic)

Wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich bei Twitter über „Roller Girl“ von Victoria Jamieson gestolpert, und da ich inzwischen mit großem Vergnügen die Bouts der hiesigen Roller-Derby-Mannschaft verfolge und bislang viel Spaß mit Comics zu dem Thema hatte, musste ich den Titel natürlich auch haben. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der zwölfjährigen Astrid Vasquez, die zusammen mit ihrer besten Freundin Nicole von ihrer Mutter zu einem Roller-Derby-Spiel mitgenommen wurde. Mrs. Vasquez macht solche „kulturellen Bildungsausflüge“ regelmäßig mit den beiden Mädchen, doch während Astrid und Nicole die Gedichtvorträge, Museums- und Opernbesuche nicht ganz so zu würdigen wussten, ist Astrid bei ihrem ersten Roller-Derby-Spiel (Bout) gleich Feuer und Flamme.

Astrid ist sogar so begeistert von dem Sport, dass sie sich kurz darauf zu einem Roller-Derby-Sommer-Camp anmeldet – und dabei davon ausgeht, dass ihre beste Freundin Nicole ebenfalls mit dabeisein wird. Doch Nicole hat schon andere Pläne für den Sommer und diese beinhalten nicht Roller Derby, sondern ein Ballett-Camp, an dem auch Astrids Erzfeindin Rachel teilnehmen wird. So muss sich Astrid nicht nur ganz allein dem Abenteuer „Roller-Derby-Camp“ stellen, sondern auch feststellen, dass sich ihre langjährige Freundschaft zu Nicole auf einmal total verändert hat. Und weil sie sich nicht traut, ihrer Mutter von all den Dingen zu erzählen, baut sich über den Sommer eine Lüge nach der anderen auf, was Astrid immer wieder in Schwierigkeiten bringt.

Es gab viele Elemente, die ich an Astrid beim Lesen mochte. Das Mädchen ist begeisterungsfähig und beweist während des herausfordernden Roller-Derby-Camps Durchhaltevermögen. Auf der anderne Seite ist sie ihren Freundinnen gegenüber häufig ziemlich unsensibel und egoistisch, ohne zu merken, dass nicht jeder Mensch ihre Prioritäten teilt oder dass jemand anderer vielleicht auch mal Unterstützung und ein offenes Ohr benötigt. Umso schöner war es, im Laufe des Comics zu verfolgen, wie sehr Astrid sich im Laufe des Sommers entwickelte und mit welcher Hingabe sie sich dem Roller Derby zuwandte. Auch mochte ich die vielen lustigen Momente, die sich unter anderem aus Astrids kleinen Lügen ergaben. Dabei rechne ich es Victoria Jamieson hoch an, dass ich diese Szenen wirklich amüsant fand, statt Fremdscham zu empfinden, was bei mir sonst sehr schnell der Fall ist. So wurde Astrid gerade durch ihre Fehler und ihre Hilflosigkeit gegenüber dem veränderten Verhalten ihrer Freundin Nicole für mich zu einem realistischen und liebenswerten Charakter, deren Sommer im Roller-Derby-Camp ich gern verfolgt habe.

Sehr schön fand ich auch den Roller-Derby-Anteil in der Geschichte. Da hatte ich das Gefühl, dass dieser Teil sehr davon profitiert hat, dass die Autorin selbst auch spielt. So wurden die verschiedenen Regeln, die beim Roller Derby gelten, sehr schön in die Geschichte eingeflocheten, so dass jemand, der sich mit dem Thema nicht auskennt, nachvollziehen kann, was bei einem Bout so passiert, während Roller-Derby-vertraute Leser nicht das Gefühl bekommen, hier würde lehrbuchmäßig über Selbstverständlichkeiten doziert. Mir hat es auch gefallen, dass für Astrid dieser Sport nicht einfach zu lernen war und dass sie am Ende trotz aller Übungen immer noch keine besonders gute Spielerin war und sie trotzdem großen Spaß beim Roller Derby hat. Außerdem mochte ich das Zusammenspiel zwischen den Teilnehmerinnen des Camps sehr gern in dieser Geschichte. Es gibt Freundschaften und Rivalitäten, Neid und all die anderen Gefühle, die zwischen Menschen in einer Gruppe nun einmal so herrschen, aber am Ende ist es für Astrid und die anderen vor allem wichtig, dass sie als Team zusammenspielen, und dafür unterstützen sie sich trotz aller Unterschiede gegenseitig.

Nicht  nur die Handlung, sondern auch die Zeichnungen von Victoria Jamieson haben mir gut gefallen. Obwohl ich ihren Stil stellenweise etwas schlicht finde, mochte ich die Lebendigkeit der Darstellungen, wie abwechslungsreich die verschiedenen Charaktere gezeichnet waren und die in der Regel fröhliche Farbgebung, die die verschiedenen Szenen stimmig untermalt. Und während ich überzogene Mimik und Gestik häufig nicht so schön finde, fand ich diese Szenen in „Roller Girl“ angesichts Astrids teilweise extremer (pubertärer) Gefühlsausbrüche überraschend angemessen. Alles in allem hat mir dieser Comic so gut gefallen, dass ich mir gleich nach dem Lesen angeschaut habe, was Victoria Jamieson sonst noch so veröffentlich hat, und nun sitzt ihr Comic „All’s Faire in Middle School“ ganz oben auf der Merkliste.

Was schön war (1): Ein Museumsbesuch

An einem klirrend kalten Wintertag
mit dem allerersten Hauch von Schnee
in meine kuschelige Jacke eingemuckelt
mit dem vor Kurzem gestrickten Schal um den Hals
durch die Stadt gehen.

Eine Sonderausstellung im Deutschen Filmmuseum besucht,
in der Kostüme von Barbara Baum gezeigt wurden
(leider vor sehr dunklem Hintergrund und mit sehr dämmrigem Licht,
so dass man kaum Details erkennen konnte).

Neben den Kostümen gab es noch Skizzen, Notizen zu Materialplanungen
und viele andere Dinge rund um den Schaffensprozess der Kostümbildnerin zu sehen.
Das war ziemlich faszinierend
und wenn es nicht irgendwann ziemlich voll geworden wäre,
wäre ich auch noch länger in der Ausstellung geblieben
und hätte danach noch das Museumscafé ausprobiert.

So allerdings bin ich nach gut zwei Stunden an die frische Luft „geflohen“,
um mir im nahe gelegenen und bewährten Café ein Stück Kuchen zu gönnen.
Auf dem Heimweg habe ich mich in der Bahn dann noch über
zwei betont „cool“ und „männlich“ gekleidete und gestylte Teenager gefreut,
deren Gespräch mit ihrem Karate-Training begann,
über die Betreuung der Kinder im Dojo
und die richtige Zubereitung von pochierten Eiern wanderte
und mit der Einkaufsplanung für das gemeinsame Kochen endete.

Zu Hause wartete dann noch eine unangekündigte
Buchhändler-Fahrradkurier-Lieferung auf mich,
die der Nachbar nicht nur für mich angenommen,
sondern auch noch extra zu uns hochgetragen und vor die Tür gelegt hatte.

Molly Knox Ostertag: The Witch Boy (Comic)

Den Comic „The Witch Boy“ von Molly Knox Ostertag hatte ich schon seit einiger Zeit auf dem Wunschzettel, bis mein Vater ihn mir im November zum Geburtstag schenkte. Wie immer, wenn ich so viele Neuzugänge auf einmal bekomme, hat es etwas gedauert, bis ich das Lesen des Comics auf die Reihe bekam – dafür habe ich die Geschichte dann umso mehr genossen. „The Witch Boy“ erzählt von dem dreizehnjährigen Aster, der in einer Familie aufwächst, in der jedes weibliche Wesen eine Hexe ist und jedes männliche Wesen ein Gestaltwandler. Doch Aster verspürt keinen Drang, sich zu verwandeln, und ist stattdessen von klein auf von der Magie der Hexen fasziniert. So meidet er die gröberen Spiele mit den anderen Jungen und verbringt seinen Tag lieber damit, hinter den Mädchen herzuspionieren, um so viel wie möglich von ihrem Zauber-Unterricht aufschnappen zu können.

Seine Familie tut alles, um Aster von der Hexenmagie fernzuhalten, damit aus dem Jungen nicht so ein schrecklicher Mensch wird wie aus seinem Großonkel, dessen Interesse an Hexerei ihn in ein Ungeheuer verwandelt hat. Verständnis für seine ungewöhnlichen Interessen findet Aster nur bei seiner neuen Freundin Charlie, die er kennenlernt, als er in seinem Kummer den geschützten Bereich der magischen Gemeinschaft verlässt und durch einen angrenzenden Vorort wandert. Da Charlie keinerlei Erfahrungen mit Magie hat, kann sie unvoreingenommen mit dem Thema umgehen, und da sie selbst – trotz ihrer großen Sportlichkeit – deutlich weniger Chancen im Sport bekommt als gleichaltrige Jungen, kann sie nur zu gut nachvollziehen, wie es Aster geht. So ist es Charlie, die ihn unterstützt, als Asters Cousins verschwinden und er mit Magie nach ihnen suchen will.

Mir hat bei „The Witch Boy“ gut gefallen, wie Molly Knox Ostertag auf der einen Seite in ihrer Geschichte zeigt, dass Asters Familienangehörige wenig Verständnis für sein Interesse an der Hexerei haben, sie auf der anderen Seite den Jungen aber wirklich lieben und ihm helfen wollen, ein Talent fürs Gestaltwandeln zu entwickeln. Gerade seine Eltern sind sehr liebevoll und unterstützen Aster nur deshalb nicht, weil sie Angst haben, dass ihm das Gleiche wiederfährt wie seinem Großonkel. Charlie hingegen akzeptiert ihn so, wie er ist, und nimmt es auch gelassen hin, dass er aus einer ungewöhnlichen Familie kommt (und dass es in seinem Leben Magie gibt). Erschreckenderweise habe ich das Gefühl, ich müsste hier betonen, dass zwischen Aster und Charlie „nur“ Freundschaft besteht – vielleicht weil ich in diversen englischsprachigen Kommentaren zu dem Comic Fragen nach Asters Sexualität oder zu einer romantischen Entwicklung zwischen den beiden gelesen habe. Dass beides so gar kein Thema in dieser Geschichte ist, finde ich besonders angenehm, denn so kann keine sogenannte Liebesgeschichte von dem eigentlichen Kern des Comics ablenken.

Auch die Zeichnungen haben mir bei „The Witch Boy“ gut gefallen. Die Figuren sind wunderbar individuell gestaltet und strotzen nur so vor lauter kleinen Details, die ihnen nur noch mehr Charakter verleihen. Besonders schön fand ich, dass Asters Familie aus sehr unterschiedlichen Menschen (Hautfarben, Körperformen, Neigungen) besteht und wie gut Molly Knox Ostertag es gelungen ist, dies alles in ihren Darstellungen zu transportieren. So wird bei Asters Cousins zum Beispiel in nur wenigen Panels anhand von Gestik und Mimik deutlich, wer von ihnen dazu neigt, Aster wegen seines Verhaltens zu hänseln, und wer zugunsten des gemeinsamen Ziels auf diplomatische Weise die Rolle des Anführers übernimmt. Dazu passt die Koloration, die anfangs sehr gefällig und leicht wirkt (ohne pastellig zu sein) und im Laufe der dramatischen Entwicklungen in der Handlung immer kräftiger und dominanter wird. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass es schon eine Fortsetzung zu „The Witch Boy“ gibt (und ein dritter Band schon angekündigt wurde).

Lese-Sonntag im Januar 2019

Nachdem ich Anfang des Jahres meine Lesebrille kaputt gemacht hatte, bestand der Januar vor allem aus dem Lesen von Manga und kurzen eBooks. Kaum war die neue Brille im Haus, habe ich mich auf das „Abarbeiten“ der Bibliotheksbücher gestürzt und nun bin ich so langsam wieder bereit mich meinem SuB zuzuwenden. Angesichts der Tatsache, dass dieser dank der einen oder anderen Bücherlieferung in der vergangenen Woche schnurstracks auf die 100 zusteuert, ist es nur gut, dass heute wieder der dritte Sonntag im Monat und somit der erste Lese-Sonntag im Jahr 2019 ist. Mein Tag wird vermutlich wie an den meisten anderen Lese-Sonntagen aus ein bisschen Lesen, nachmittags mit meinem Mann ein Brettspiel spielen und ansonsten viel zu viel Zeit im Internet verbringen bestehen. 😉 Aber erst einmal starte ich mit „Mistletoe and Murder“ von Robin Stevens in den Tag, wenn ich nicht doch noch spontan zu einem der beiden anderen angefangenen Bücher („Girl Squads“ von Sam Maggs und „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ von Kelly Barnhill) greife – ich bin momentan nicht gerade entscheidungsfreudig …

Update 9:30 Uhr

Die letzten Stunden habe ich doch wirklich etwas in „Mistletoe and Murder“ gelesen. Eigentlich wollte ich den Roman schon um Weihnachten anfangen, aber der Januar ist auch noch okay, um einen Krimi zu lesen, der rund um die Weihnachtszeit spielt. Dieses Mal sind Daisy und Hazel in Cambridge zu Besuch und messen sich bei der Lösung eines Falls mit ihren Rivalen, den „Junior Pinkertons. Ich mag es sehr zu verfolgen, wie sich die beiden Mädchen im Laufe der Reihe entwickeln und welche Charaktere dazu kommen – überhaupt habe ich das Gefühl, dass die „Murder Most Unladylike“-Romane im Laufe der Zeit besser geworden sind, was man ja leider nicht von jeder Reihe sagen kann.

Außerdem habe ich noch ein bisschen zum Thema „Muscheltaucherinnen“ informiert. Ich habe gestern den „Haenyeo“-Eintrag in „Girl Squads“ gelesen und mich die ganze Zeit gefragt, ob ich vor einigen Jahren über diese koreanischen Frauen oder – wie ich es in Erinnerung hatte – über eine Gruppe Japanerinnen eine Dokumentation gesehen hatte. Inzwischen weiß ich, dass ich wirklich über die japanischen Ama einen Film sah und dass ich deshalb so verwirrt war, als Sam Maggs im Text erwähnte, dass die Haenyeo heutzutage nicht mehr die traditionelle Baumwollkleidung zum Apnoe-Tauchen tragen, sondern Taucheranzüge und dass das ganz neue Probleme mit sich bringt. Oh, „Girl Squads“ ist übrigens ein Sachbuch, in dem die Autorin Frauen vorstellt, die gemeinsam etwas Bemerkenswertes erreicht oder getan haben. Das Buch ist aufgeteilt in die Bereiche „Athlete Squads“, „Political and Activist Squads“, „Warrior Squads“, Scientist Squads“ und „Artist Squads“ und ich bin bislang noch ganz am Anfang, fand aber den Ansatz, dass nicht eine einzelne Frau vorgestellt wird, sondern mehrere Gruppen, deren Zusammenarbeit historisch interessant waren, reizvoll.

Jetzt sollte ich mir aber wohl erst einmal ein Frühstück machen, bevor ich mich weiter mit meinen Büchern beschäftige. 😉

Update 12:00 Uhr

Zum Frühstück gab es weitere Kapitel in „Mistletoe and Murder“ für mich (bislang noch kein Mord, aber er wird kommen!) und danach musste ich mich erst einmal um Christie kümmern, die zur Zeit sehr bedürftig ist. Momentan kann ich nicht mal im Bad verschwinden, ohne dass sie vor der Tür lauert und darauf wartet, dass ich wieder rauskomme und mit ihr zum Sofa gehe, um dort für sie als Liegefläche zu fungieren. Sie will nicht mal bespielt werden (oder gar geschmust), aber sie besteht darauf, dass ich viel Zeit mit ihr auf dem Sofa liege, damit sie es warm und kuschelig hat. In der Woche konnte ich das noch verstehen, weil wir wieder einen Handwerker im Treppenhaus hatte und die Geräusche für sie natürlich nicht einordbar und deshalb verstörend sind. Aber so langsam wird mir unser Kätzchen da ein bisschen zu fordernd, vor allem, da sie es sich auch angewöhnt hat nachts sofort Aufmerksamkeit zu verlangen, sobald wir ins Bett gegangen sind. Da wünschte ich mir wirklich, sie hätte es sich nicht vor ein paar Jahren abgewöhnt mit ins Bett zu krabbeln, sondern würde sich dann einfach zu uns gesellen und in Ruhe schlafen lassen …

Oops, mein „passt nicht mehr ins Regal“-SuB ist im Hintergrund deutlich zu sehen. *g*

Update 13:45 Uhr

Sehr viel ist in den letzten zwei Stunden nicht passiert, aber bevor ich mich mit meinem Mann zu unserer sonntäglichen Brettspielrunde zurückziehe, wollte ich hier noch ein kleines Lebenszeichen von mir geben. 😉 Bislang habe ich die Mittagszeit vor allem mit Lesen (weiterhin „Mistletoe and Murder“) Carola-Dunn-Titeln-Recherchieren verbracht – wenn ich demnächst eine große Bestellung in Großbritannien aufgebe, dann seid ihr daran Schuld! 😉

Was Christies Verhalten angeht, so denke ich, dass sie gerade nicht nur Probleme mit dem Handwerker hat, sondern auch etwas gestresst war, weil wir Anfang der Wochen viel unterwegs waren und sie ungewöhnlich häufig allein gelassen haben. Sie ist ja doch daran gewöhnt, dass ich so gut wie den ganzen Tag daheim bin. Außerdem müsste so langsam die Wirkung des Kortisondepots nachlassen (zumindest sind seit der Spritze drei Monate vergangen), was sich zwar noch nicht damit bemerkbar macht, dass sie sich ständig kratzt, aber Grund für ihre Unruhe sein könnte …

Die nächsten Stunden wird das Kätzchen aber leider wieder auf meine Sofapräsenz verzichten müssen, denn ich habe einen Laden zu eröffnen und Abenteurer mit Waffen und anderen Items auszustatten, damit sie die Stadt vor Monstern schützen können! *g*

Update 17:00 Uhr

„Bargain Quest“ war wieder sehr lustig – ich hatte das Spiel viel zu lange nicht mehr gespielt, während mein Mann das momentan regelmäßig mit zur Arbeit nimmt, um sich danach mit Kollegen zum Spielen zusammenzusetzen. Die erste Runde verlief für mich ziemlich katastrophal, weil ich zwar schöne Items für den Verkauf hatte, aber die Helden entweder kein Geld hatten oder mit meinem Angebot nichts anfangen konnte – lustigerweise waren sie insgesamt trotzdem stark genug, um die Monster, die die Stadt bedrohten, zu killen, so dass die erste Runde auch schnell vorbei war. In der zweiten Runde haben wir doppelt so viele Anläufe gebraucht, um die Gegner zu vernichten, dafür habe ich mit meinem Laden sehr, sehr viel Geld verdient, was meine Krämerseele sehr gefallen hat. 😉

Bis es Zeit zum Kochen ist, werde ich jetzt noch eine Blogrunde drehen und dann meine Nase in „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ von Kelly Barnhill stecken. Bislang hatte ich nur die erste Geschichte („Mrs. Sorensen and the Sasquatch“) der Anthologie gelesen und das nun schon zum dritten Mal, weil ich den Text online schon zweimal vor der Nase hatte. Jetzt bin ich gespannt, wie mir „Open the Door and the Light Pours Through“ gefällt.

Update 22:00 Uhr

Ich mochte die Geschichte „Open the Door and the Light Pours Through“ sehr gern, auch wenn ich das Ende etwas sehr skurril fand. Der Anfang ist schon mal sehr cool, wenn man verfolgen kann, wie sich ein Mann und seine Frau gegenseitig Briefe schreiben, nachdem er sie wegen der Amerikaner im weltkriegsgeplagten London zu seiner Familie aufs Land geschickt hat. Nach jedem Brief gibt es eine Passage mit den Dinge, die sich die beiden nicht geschrieben haben, die sie aber beschäftigen, und irgendwann kommt der Punkt, an dem er Briefe erhält, die anscheinend nicht mit der normalen Post gekommen sind … Nach der Geschichte bin ich dann doch etwas eingedöst, dabei hatte ich mir fest vorgenommen, dass ich heute nicht wieder beim Lesen einnicke. Immerhin war es nur eine Viertelstunde und dann ging es auch schon ans Kochen. Ich mag diesen Kartoffel-Kichererbsen-Paprika-Eintopf total gern und das Beste daran ist nicht nur, dass er gut schmeckt, sondern dass er auch einfach zu machen ist. *g*

Zum Abschluss des Abends gab es noch den Film „Adventures in Babysitting“ (oder auch „Die Nacht der Abenteuer“). Der Film ist total albern und die 80er-Jahre-Kostüme sind definitiv nicht gut gealtert, aber für mich ist das ein Wohlfühlfilm. Zum Großteil liegt das daran, dass ich den Soundtrack so sehr mag und da es die Musik nicht auf CD gibt (wenn ich nicht gerade über hundert Euro für eine CD investieren will), habe ich mir Ende letzten Jahres mal die relativ günstige DVD gegönnt. Mein Mann kannte den Film noch nicht – ich habe keine Ahnung, wie ihm der entgehen konnte, wo ich den in den letzten Jahren doch immer mal wieder auf Video geschaut hatte – und fand ihn anscheinend nett genug, um ihn aufmerksam bis zum Ende zu schauen. Ich hingegen habe nebenbei etwas gesurft und kommentiert, „Blümchen gegossen“, mit den Füßen zur Musik gewippt und spontan Textpassagen zitiert. Ich kenne den Film definitiv viel zu gut. 😉

Jetzt werde ich nur noch ein paar Seiten lesen und dann ins Bett fallen. Ich habe mich gefreut, dass wir heute wieder mit mehreren Leuten beim Lese-Tag dabei waren und dass ihr euch alle anscheinend wirklich gemütlich gemacht und den Tage genossen habt. Habt einen guten Start in die Woche! 🙂

***

Heutige Mitleserinnen:

Natira
Neyasha
Kiya
Sayuri

Hideo Yokoyama: 64

Den Roman „64“ von Hideo Yokoyama hatte ich schon einmal im vergangenen Sommer ausgeliehen und dann war es einfach zu heiß, um einen 770-Seiten-Wälzer aufmerksam zu lesen. Da mir der Anfang aber gut genug gefallen und mich neugierig auf die Geschichte gemacht hatte, habe ich das Buch noch einmal in der Bibliothek vormerken lassen und es mir jetzt im Januar vorgenommen. Am Ende stehe ich allerdings da und frage mich, ob sich das Lesen dieses Wälzers gelohnt hat, den es gab sehr viele Aspekte an dem Roman, die nicht meinen Geschmack getroffen haben. Dabei fing die Geschichte recht stimmungsvoll an, indem beschrieben wird, wie Yoshinobu Mikami und seine Frau Minako die Leiche eines jungen Mädchens betrachten, um herauszufinden, ob die Tote ihre Tochter Ayumi ist, die vor einigen Wochen von Zuhause weggelaufen ist. Diese Angst davor, dass Ayumi irgendwann tot aufgefunden werden würde, zieht sich für Mikami und seine Familie durch das gesamte Buch und beeinflusst viele Entscheidungen des ehemaligen Kriminalbeamten und aktuellen Direktors der Pressestelle des Präsidiums der Präfektur D.

Doch erst einmal wird Mikamis Aufmerksamkeit nach seiner Rückkehr zur Arbeit vor allem von der Tatsache gefangen gehalten, dass ein hoher Beamter aus Tokio bei einem in den nächsten Tagen anstehenden Besuch eine Pressekonferenz im Haus von Yoshio Amamiya abhalten will. Für das Präsidium stehen der Name Amamiya und der Fall „64“ (danach benannt, dass er im 64sten Jahr der Shōwa-Ära stattfand) für ihren größten Misserfolg, da es den Ermittlern weder damals noch in den folgenden Jahren gelang, den Entführer und Mörder von Yoshio Amamiyas kleiner Tochter Shoko zu fassen. Gerade mal sieben Tage hat Mikami, um den immer noch trauernden Vater davon zu überzeugen, diesen Besuch zuzulassen. Sein einziges Argument besteht darin, dass die Pressekonferenz auch nach all dieser Zeit vielleicht genügend Aufmerksamkeit weckt, um neue Hinweise auf den damaligen Täter zu bekommen.

Statt des versprochenen Thrillers, bei dem – wenn man den Angaben des Klappentextes glauben darf – der vor vierzehn Jahren passierte Entführungsfall mit dem Verschwinden von Mikamis Tochter in Verbindung steht, bekommt man so eine Geschichte, die sich um die politischen und persönlichen Intrigen innerhalb des Präsidums dreht. Von Anfang an steht fest, dass Mikami als ehemaliger Kriminalbeamter zwischen den Stühlen sitzt, da ihm von den Verwaltungsleuten (wozu auch die Pressestellenmitarbeiter gehören) vorgeworfen wird, dass er Partei für das KUA (Kriminaluntersuchungsamt) ergreift, während seine ehemaligen Kollegen sich sicher sind, dass er ihre sensiblen Arbeitsergebnisse an die Presse „verrät“.

Wenn man den Roman als Studie zum Thema Loyalität sieht, dann hat Hideo Yokoyama ein spannendes Werk geschaffen, bei dem der Leser im Laufe der Zeit mehr über die verschiedenen Beteiligten, ihren Charakter und ihre Motivation erfährt. Immer wieder sehen sich die verschiedenen Figuren vor die Frage gestellt, wem ihre Loyalität gilt, ob sie zu ihrem direkten Vorgesetzten, ihrer Abteilung oder den Polizeiapparat als Gesamtheit stehen sollen. Am Ende steht sogar die Frage im Raum, ob es einen funktionierenden Polizeiapparat überhaupt geben kann, solange es dieses Gegeneinander der verschiedenen Abteilungen gibt – vor allem, wenn dazu noch der Kampf mit der Presse kommt, deren Vertreter theoretisch als Bindeglied zwischen der Polizei und der Bevölkerung dienen könnten.

All das ist grundsätzlich nicht uninteressant zu lesen, trifft aber bei mir eines der Themen, mit denen ich mich bei Unterhaltungsliteratur wirklich ungern beschäftige. Ich hasse Geschichten, die sich vor allem darum drehen, dass Menschen, deren Zusammenarbeit wichtig ist, aus unterschiedlichen Gründen gegeneinander arbeiten, intrigieren und ihre Macht missbrauchen. Es fängt schon damit an, dass Mikami von Anfang an das Gefühl hat, er dürfe nicht zu weit gehen, weil dann vielleicht die nationale (und eher inoffizielle) Suche nach seiner Tochter eingestellt werden könnte. Bei „64“ dreht sich dummerweise fast das ganze Buch um genau diese Thematik und erst kurz vor Schluss erkennt man all die kleinen Hinweise, die in all die Szenen rund um die Intrigen eingebettet sind und die zum Showdown führen, auch wirklich als Fingerzeige.

Normalerweise mag ich dieses Sammeln von kleinen Momenten und Beschreibungen, die einen auf die richtige Fährte führen, aber bei diesem Roman haben mich all diese Machtkämpfe so ermüdet, dass die Geschichte auf den letzten hundert Seiten nur noch hinter mich bringen wollte. Dazu kam noch, dass der dann doch noch vorhandene Krimianteil sich als recht offensichtlich herausstellte, so dass ich nicht mal daraus am Ende Befriedigung ziehen konnte. Grundsätzlich verstehe ich, dass Hideo Yokoyama ein erfolgreicher Autor ist und „64“ ein Bestseller wurde, denn der Autor schreibt wirklich gut und hat ein Händchen für Szenen, die vom ersten oberflächlichen Eindruck ausgehend nach und nach den Kern eines Charakters aufdecken. Aber ich hatte mich auf einen Thriller gefreut und nicht auf eine Studie zum Thema Loyalität und interne Politik in japanischen Polizeiapparaten, und da mich nur ungern mit Letzterem beschäftige, war „64“ nicht die richtige Lektüre für mich.

Abi Elphinstone: Sky Song

Mit „Sky Song“ hat Abi Elphinstone ein bezauberndes Märchen geschrieben, dessen einzelne Elemente sich häufig zwar sehr vertraut anfühlen, die in der Summe aber eine wunderschöne neue Geschichte ergeben. Zu Beginn lernt man das verschneite Land Erkenwald kennen, in dem drei Stämme friedlich miteinander leben, Wale zwischen Eisbergen schwimmen, Wölfe in der Tundra jagen und Polarbären zwischten Gletschern wandern. In Erkenwald scheint den ganzen Sommer über die Sonne und sie geht nicht einmal in der Nacht unter, während im Winter Tag und Nacht der Sternenhimmel zu sehen ist. Unter all diesen Sternen am Himmel kann man auch die sieben „Sky Gods“ sehen, deren ältester und stärkster von den Astronomen irrtümlicherweise als Polarstern bezeichnet wird.

Vor nicht allzu langer Zeit fiel die jüngste unter den Himmelsgöttern – von den Bewohnern Erkenwalds „Eiskönigin“ genannt – vom Himmel, und mit Hilfe des Schamanen des Tusk-Stamms gelang es ihr, das Land nach einer großen Schlacht in ihren Besitz zu bringen. Die Gefangenen, die nach dem Kampf von der Eiskönigin gemacht wurden, wurden von ihr ihrer Stimme beraubt und in ihre Eisfestung am Meer eingesperrt. Dort spielt die Eiskönigin jeden Morgen auf einer Orgel aus Eis und versucht so mit den vertrauten Stimmen der in ihrer Festung verschollenen Menschen diejenigen aus ihren Verstecken zu locken, die sich noch in den wilden Regionen des Landes verstecken. Nur eine einzige Gefangene gibt es, deren Stimme die Eiskönigin noch nicht in ihren Besitz gebracht hat, und das ist ein junges Mädchen names Eska. Ihr gelingt es mithilfe des Jungen Flint, aus der Gefangenschaft der Eiskönigin zu fliehen, und gemeinsam suchen die beiden einen Weg, um die Herrschaft der Eiskönigin zu beenden, bevor sie auch die letzten freien Menschen Erkenwalds in ihre Gewalt bekommt.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Eska und Flint, und während man mit Eska eine Protagonistin hat, die sämtliche Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Gefangenschaft verloren hat und deshalb mit offenen Augen und ohne große Vorurteile durch die Welt geht, ist Flint in seinem Denken und Handeln von all den Dingen geprägt, die sein Stamm ihm beigebracht hat und die es ihm schwer machen, auf Menschen zuzugehen, die nicht zu seinem vertrauten Kreis gehören. Ich mochte die beiden Figuren sehr und ich habe sie gern dabei begleitet, wie Eska und Flint neue Dinge gelernt und sich weiterentwickelt haben. Dabei erleben die beiden viele größere und kleinere Abenteuer, die von einer wunderbaren magischen Welt zeugen, in der Steinriesen und Magie genauso dazugehören wie das alltägliche Überleben in einer Welt voller Eis und Schnee. Und während ich diesen Alltag sehr schön realistisch dargestellt fand, überraschten mich immer wieder die kleinen magischen Elemente, die in der Geschichte vorkamen, weil sie ungewöhnliche Bestandteile enthielten und zu unvorhersehbaren Wendungen in der Handlung führten, die ich sehr genossen habe.

„A voice is a mighty thing, Eska. When everything is taken from you – your family, your home, your friends, your dignity – you still have a voice, however weak it sounds.“ (Seite 131)

Die Botschaft, die hinter dieser Variante der „Schneekönigin“ steckt, wird stellenweise schon etwas sehr plakativ von Abi Elphinstone präsentiert, aber da „Sky Song“ für Leser ab acht Jahren gedacht ist und weniger für Erwachsene, kann ich gut damit leben. Etwas schade fand ich, dass die Autorin trotz all ihrer Bemühungen, aufzuzeigen, dass Vorurteile gegen einen anderen „Stamm“ dumm sind, ihre Stämme vor allem aufgrund der Haarfarbe (und ihres Wohnorts) unterscheidbar gemacht hat. So gibt es einen blonden, einen braunhaarigen und einen schwarzhaarigen Stamm (und eine rothaarige Heldin), und das gab mir das Gefühl, dass alle erwähnten Personen von weißer Hautfarbe sind, was ich bei einer Welt, die so sehr an die Arktis erinnert, doch ziemlich unpassend fand. Von diesem Kritikpunkt abgesehen hat mir „Sky Song“ aber sehr, sehr gut gefallen. Ich mochte die märchenhafte Erzählweise, die verschiedenen Charaktere mit ihren Ecken und Kanten, die Beschreibungen vom Leben in einer so unwirtlichen Umgebung und all die ungewöhnlichen und wunderschönen magischen Elemente in der Geschichte. Das alles hat dazu geführt, dass ich das Buch mit einem breiten Lächeln (und der einen oder anderen Träne) gelesen habe und nicht aus der Hand legen mochte, weil ich wissen wollte, welche bezaubernden oder schrecklichen Wesen hinter der nächsten Ecke stecken und welche Auswirkungen eine Begegnung mit ihnen auf die beiden Protagonisten haben würde.

Stephanie Burgis: Congress of Secrets

„Congress of Secrets“ war der letzte Titel von Stephanie Burgis‘ Backlist, der mir noch fehlte, und nachdem ich ihn mir im August gekauft hatte, dauerte es ein bisschen, bis ich in der richtigen Stimmung für einen Roman war, der 1814 in Wien spielt und voller politischer Intrigen steckt. Die Autorin greift für „Congress of Secrets“ auf dieselbe Welt zurück, in der auch „Masks and Shadows“ spielte, was sich nicht nur durch einen Verweis auf eine der Nebenfiguren aus „Masks and Shadows“ zeigt, sondern auch durch die Art und Weise, in der Stephanie Burgis die Alchemie ihrer Welt beschreibt. In beiden Romanen ist die Alchemie eine dunkle, dämonische Macht, die von Menschen verwendet wird, die sich zum Drahtzieher hinter dem Thron aufschwingen wollen (oder diesen Platz schon eingenommen haben). So ist es nicht verwunderlich, dass die Atmosphäre in „Congress of Secrets“ von Anfang an bedrückend ist und man die gesamte Geschichte hindurch um die verschiedenen Figuren bangen muss.

Erzählt wird die Handlung aus mehreren Perspektiven, wobei man vor allem die Sicht von Lady Caroline Wyndham (geborene Karolina Vogl) und die von Michael Steinhüller verfolgt. Beide Personen sind in Wien geboren und mussten aufgrund von Ereignissen rund um Carolines Vater vor über zwanzig Jahren die Stadt verlassen. Damals wurden die – noch relativ jungen – Gesetze zur Pressefreiheit von Kaiser Joseph II zurückgenommen, was dazu führte, dass einige Journalisten und Drucker illegal Handblätter verteilten, in denen sie über die aktuelle politische Situation aufklärten. Carolines Vater war einer dieser Drucker, und als die Geheimpolizei ihn festnahm, wurde auch Caroline gefangen gesetzt, wobei Michael, der als Druckerlehrling für Herrn Vogl arbeitete, die Flucht gelang. Während Michael sich in den vergangenen vierundzwanzig Jahren als Hochstapler und Betrüger durchs Leben schlug, hat es Caroline Jahre nach ihrer Inhaftierung nach England verschlagen, wo sie inzwischen zu einer geachteten Dame der Gesellschaft geworden ist, die nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes frei über ihr Vermögen verfügen kann.

Dieses Vermögen will Caroline nun ebenso wie ihren guten Ruf einsetzen, um während des Wiener Kongresses mehr über das Schicksal ihres Vaters zu erfahren und ihn wenn irgendwie möglich aus der Gefangenschaft freikaufen. Dabei ist ihr durchaus bewusst, dass sie ein großes Risiko eingeht, denn wenn Kaiser Franz II oder gar Johan Anton von Pergen, der (inoffizielle) Leiter der Geheimpolizei, sie wiedererkennen würden, dann würden all ihre Beziehungen in Großbritannien sie nicht davor bewahren können, in den geheimen Wiener Verliesen zu landen. Anfangs scheint für Caroline alles gut zu laufen, denn sie kennt die richtigen Leute, die sie mit dem Kaiser in Verbindung bringen können, und es gelingt ihr, den Kaiser mit ihrem Charme und der Aufsicht auf finanzielle Unterstützung auf sich aufmerksam zu machen. Doch dann begegnet sie Michael wieder, der den Wiener Kongress für einen letzten großen Coup nutzen will, der ihm genügend Geld bringen soll, um seine Zukunft zu sichern. Während sich Caroline der großen Gefahr durchaus bewusst ist, in der sie schwebt, scheint es Michael egal zu sein, wie riskant seine Pläne sind und was aus den Menschen wird, die er darin verwickelt.

Ich muss gestehen, dass die Figur des Michael Steinhüller es mir anfangs recht schwer gemacht hat, diesen Roman zu genießen. Ich mochte die Zeit und die Atmosphäre des Wiener Kongresses sehr, ebenso wie die Art und Weise, in der Stephanie Burgis reale Ereignisse und Figuren mit der Bedrohung durch ihre Variante der Alchemie verknüpfte. Das Ganze sorgt dafür, dass man sich gemeinsam mit der Protagonistin ständig vergewissern will, dass man nicht belauscht wird, dass die Risiken, die die Figuren eingehen, auch gerechtfertigt sind, und dass man nur auf den Moment wartet, in dem Pergen seine Informationen, seine Macht und natürlich auch die Alchemie nutzt, um Caroline und ihre Verbündeten in seine Gewalt zu bekommen. Dazu kommt dann eine Figur wie Michael, ein leichtsinniger Mensch, der sich keine Gedanken über seine Taten macht, der nicht darüber nachdenkt, was er über die Personen in seiner Umgebung bringt, wenn er sie ausnutzt, betrügt und erpresst, nur um seinen eigenen Vorteil daraus zu schlagen. Obwohl ich mir sicher war (schließlich habe ich inzwischen genügend Geschichten der Autorin gelesen), dass sich auch Michael am Ende als weniger skrupellos herausstellt, als er anfangs wirkt, fand ich es sehr schwer, diesen Weg zu verfolgen.

Eigentlich ist es ja ein Beweis dafür, wie gut Stephanie Burgis ihre Geschichte erzählt hat, wenn mir ein Protagonist so sehr auf die Nerven geht, aber das machte das Lesen für mich nicht einfacher. Auf der anderen Seite konnte ich das Buch auch nicht nur wegen dieser einen Figur abbrechen, wo ich doch den Rest so gut geschrieben und spannend fand und unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Ganz versöhnt war ich am Ende mit Michael nicht (und der „romantische“ Teil der Geschichte hätte für meinen Geschmack ruhig etwas weniger hastig passieren dürfen), aber insgesamt bleiben mir von „Congress of Secrets“ vor allem die tolle Atmosphäre, der wunderbare Einsatz der diversen realen historischen Figuren für diese Geschichte und der spannende und stellenweise sogar amüsante Schluss in Erinnerung. Außerdem haben die Literaturverweise am Ende des Buches dafür gesorgt, dass ich mir die Biografie „Prince of Europe: The Life of Charles Joseph de Ligne“ bestellt habe, weil ich endlich mehr über diese Person lernen will, nachdem sie mir schon so oft in historischen Romanen begegnete und mir eigentlich immer sympathisch war.