Kategorie: Rezension

Jane Harper: Hitze (Aaron Falk 1)

In den letzten Monaten bin ich mehrmals bei Neyasha über Bücher gestolpert, die ich interessant fand, so auch „Hitze“ von Jane Harper, das ich in der Onleihe ausleihen konnte. Der Kriminalroman beginnt mit der Beerdigung von Luke Hadler, der erst seine Frau und seinen Sohn und dann sich selbst umgebracht haben soll. Der Polizist Aaron Falk, Lukes Freund aus Kindertagen, kommt zu diesem Anlass zurück in seinen Geburtsort Kiewarra, obwohl er mit dem Ort keine guten Erinnerungen verknüpft. So ist es kein Wunder, dass Aaron eigentlich so schnell wie möglich wieder verschwinden will, doch Lukes Mutter ist sich sicher, dass ihr Sohn niemals seine Familie umgebracht hätte, und auch den örtlichen Polizisten Sergeant Raco beschäftigen rund um Lukes Tod noch einige unbeantwortete Fragen.

Von Anfang an bekommt man als Leser mit, dass für Aaron die Rückkehr nach Kiewarra nicht so einfach ist, da er vor vielen Jahren verdächtigt wurde, seine Freundin Ellie ermordet zu haben. Luke hatte ihm zwar damals für den Nachmittag, an dem Ellie verschwand, ein Alibi gegeben, aber so richtig wollte niemand in der kleinen Stadt glauben, dass der (oder gar beide) Teenager unschuldig an dem Tod der Sechzehnjährigen waren. Je mehr Aaron sich mit dem Tod von Luke beschäftigt, desto mehr Erinnerungen kommen auch an ihre gemeinsame Jugendzeit und natürlich Ellie hoch. Jane Harper lässt sich Zeit beim Erzählen der beiden Handlungsstränge rund um den Mord an Luke und seiner Familie sowie um den Tod von Ellie, der zwar offiziell als Selbstmord zu den Akten gelegt wurde, aber in den Augen der Bewohner von Kiewarra bis heute ungeklärt blieb. Ich mochte diese eher gemächliche Erzählweise der Autorin, weil sie einem so nicht nur die Gelegenheit gab, die verschiedenen Charaktere gut kennenzulernen, sondern damit auch eine ungemein atmosphärische Stimmung für ihre Geschichte kreiert hat.

Das Leben in Kiewarra war noch nie einfach, die Menschen dort leben von der Landwirtschaft und der australische Boden ist weder gnädig zu den Pflanzen noch zu den Nutztieren. Doch in den vergangenen Jahren wurde die Situation in dem kleinen Ort noch angespannter. Zwei Jahre Dürre haben die Felder verdorren und die letzten Wasserreserven verschwinden lassen. Viele Farmen in Kiewarra ringen um ihr Überleben oder mussten sich den extremen Wetterbedingungen geschlagen geben, was natürlich auch Auswirkungen auf alle anderen Geschäfte im Ort hat. Durch Aarons Augen erlebt man als Leser diese Veränderungen hautnah. Er hat schon als Kind gesehen, wie schwierig das Leben von der Landwirtschaft ist und welche Abhängigkeiten sich innerhalb der Nachbarschaft unter solchen Bedinungen entwickeln (und wie unmöglich das Leben an einem solchen Ort wird, wenn die Nachbarn beschließen, dass man in ihren Reihen keinen Platz mehr hat). Doch die Stimmung im heutigen Kiewarra ist noch angespannter, die Verzweiflung und Armut der Menschen an allen Ecken zu spüren, ebenso wie die Gewissheit, dass (im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne) ein Funke genügt, um eine Katastrophe auszulösen.

Obwohl die Stimmung in der Stadt schrecklich ist, fand ich die Geschichte nicht deprimierend. Ich mochte Aaron Falk, der mit all seinen Stärken und Schwächen einen sympathischen und glaubwürdigen Protagonisten abgab, und ich mochte es vor allem, dass er so gut mit dem örtlichen Polizisten Sergeant Raco zusammenarbeitete. Es gab kein Kompetenzgerangel zwischen den beiden – was auch daran lag, dass beide inoffiziell in einem eigentlich schon abgeschlossenen Fall ermittelten -, stattdessen entwickelt sich aus dem gemeinsamen Bedürfnis, die Wahrheit über die entsetzlichen Morde zu erfahren, eine relativ entspannte Freundschaft und ein überraschend belastbares Vertrauensverhältnis. Am Ende werden beide Fälle gelöst, wobei die Hintergründe rund um Ellies Tod schon relativ lange auf der Hand lagen, während mich die Autorin rund um den Tod von Luke und seiner Familie erfolgreich von meinem anfänglichen (richtigen) Verdacht ablenken konnte. Insgesamt bin ich wirklich beeindruckt davon, dass Jane Harper mit ihrem Debütroman eine so überzeugende und faszinierend Kriminalgeschichte geschaffen hat. Mir hat „Hitze“ sogar so gut gefallen, dass ich schon während des Lesens „Ins Dunkel“, den zweiten Band rund um Aaron Falk, in der Onleihe vorgemerkt habe, um ihn dann hoffentlich bald lesen zu können.

Seanan McGuire: Deadlands 3 – Boneyard

Ich muss zugeben, dass ich das Weird-West-RPG „Deadlands“ nicht kannte, bevor ich diesen Roman in die Finger bekam, aber nach dem Lesen kann ich behaupten, dass man die Hintergründe des Games oder der ersten beiden Bände („Ghostwalkers“ von Jonathan Maberry und „Thunder Moon Rising“ von Jeffrey Mariotte) auch nicht benötigt, um diese Geschichte genießen zu können. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Annie Pearl, die beim Blackstone Familiy Circus – dem sie gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Tochter Adeline angehört – für die Pflege der Kuriositäten zuständig ist. Schon früh lernt man, dass Annie in deutlich wohlhabenderen Umständen aufgewachsen ist und dass sie vor Jahren auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit beim Zirkus landete, als verzweifelte Frau mit einem Kleinkind auf der Hüfte und einem noch nicht ausgewachsenem Luchsweibchen auf den Schultern.

Die Geschichte beginnt im Herbst: Der Zirkus benötigt dringend noch einen guten Halt vor dem Winter, um genügend Geld für die kommenden Monate zu verdienen. Die Situation ist so angespannt, dass Jonathan Blackwood beschließt, mit seinem Zirkus nach „The Clearing“ zu reisen – eine kleine Stadt tief in der Wildnis von Oregon, wo die Menschen freundlich und der Profit groß sein sollen. Ihm ist, ebenso wie allen anderen Mitgliedern seines Zirkus, durchaus bewusst, dass eine Gelegenheit, die sich so gut anhört, einen Haken haben muss. Doch um all seine Angestellten (inklusive der diversen Waisenkinder, die ihren Weg zum Zirkus gefunden haben) über den Winter bringen zu können, muss er dieses Riskio eingehen.

Seanan McGuire lässt in „Boneyard“ die Handlung sehr langsam anlaufen, man lernt als Leser den Zirkus und die diversen Personen, die mit ihm verbunden sind, kennen, man erfährt ein wenig über Annies Alltag mit ihren Kuriositäten und welche Gefahren der Umgang mit diesen Wesen mit sich bringt. Mir hat es gut gefallen, wie die Autorin die diversen Charaktere vorstellt und wie sie die aktuelle Situation (und Vergangenheit) der verschiedenen Figuren durch kleine Beschreibungen und Szenen andeutet. Allerdings muss ich zugeben, dass dieses langsame Herantasten an die Geschichte auch dazu geführt hat, dass ich den Roman anfangs auch gut aus der Hand legen und mich mit etwas Anderem beschäftigen konnte. Dabei mochte ich grundsätzlich das Setting mit seinen Western-Steampunk-Horror-Elementen und fühlte mich von der Erzählweise stellenweise an die Jonathan-Healey-und-Frances-Brown-Kurzgeschichten aus Seanan McGuires InCryptid-Serie erinnert.

Als der Zirkus dann in „The Clearing“ ankommt, zieht die Handlung endlich an. Schnell wird klar, dass mit dem Ort wirklich etwas nicht in Ordung ist, und so findet sich Annie bald in einem Kampf um das Überleben ihrer Tochter und all der anderen Personen, die dem Zirkus angehören, wieder. Auch hier zieht das Tempo nicht besonders stark an, aber diese eher gemächliche Erzählweise passt zu dem Grauen, das in den Wäldern rund um „The Clearing“ heimisch ist. Das Warten darauf, dass man endlich die bedrohlichen Kreaturen zu Gesicht bekommt, die zwischen den Bäumen lauern, die Stunden, die sich Annie im Dunkeln durch den Wald bewegt, ohne zu wissen, ob sie Adeline jemals wieder zu Gesicht bekommen wird, die grauenhafte Geschichte, die der allein in einer Hütte in den Wäldern hausende Hal zu erzählen hat – all das sorgt für wunderbar atmosphärische Lesestunden, bei denen man die ganze Zeit darauf wartet, dass die Protagonisten endlich aktiv gegen die Bedrohung angehen können.

Allerdings gab es in „Boneyard“ auch Elemente, die ich nicht ganz so überzeugend fand und bei denen ich vermute, dass es zum Teil daran lag, dass ich mit „Deadlands“ nicht vertraut bin. So fand ich zwar die Beschreibungen von Annies Ehemann und seinem gottlosen Tun angemessen abstoßend, hatte aber das Gefühl, ich könnte seine Rolle in der Welt und die Position, die sein Mentor Dr. Hellstromme einnimmt, nicht richtig einschätzen. Auch hätte ich normalerwiese bei Seanan McGuire eine besser ausgebaute Hintergrundgeschichte zu „The Clearing“ erwartet, denn auch wenn sie durch die Einführung von Hal und seinen Erfahrungsbericht mit dem Ort und seinem Bürgermeister da noch einige Details nachgeliefert hat, so konnte mich das doch nicht ganz überzeugen. Alles in Allem hat mir das Lesen von „Boneyard“ aber sehr viel Spaß gemacht, und wenn ich wieder auf der Suche nach einer relativ ruhig erzählten Horrorgeschichte für einen dunklen und unheimlichen Herbsttag bin, dann werde ich „Boneyard“ gewiss noch einmal aus dem Regal ziehen.

Barbara Achermann: Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte von Ruanda

Auf den Titel „Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte von Ruanda“ von Barbara Achermann bin ich bei Neyasha gestoßen, die das Buch während des Herbstlesens erwähnt hatte. In diesem Sachbuch konzentriert sich die Autorin vor allem darauf, Frauen aus Ruanda vorzustellen, wie die über hundertjährige Zula, die nicht nur die Kolonialzeiten miterlebt hat, sondern auch während des Völkermords unzählige Menschen in ihrem Haus versteckt und so deren Leben gerettet hat. Oder die junge Musikerin Teta, die früh beide Eltern verlor und nun neben der Musik verschiedene Geschäftsideen ausprobiert, um über die Runden zu kommen und für Notfälle ein zweites Standbein parat zu haben. Einige der vorgestellten Frauen haben einflussreiche Positionen wie Espérance Nyirasafari, die zum Zeitpunkt des Interviews als Ministerin für „Gender and Family Promotion“ verantwortlich war (und inzwischen Sport- und Kulturministerin ist), doch fast alle von ihnen haben gemeinsam, dass sie nach dem Völkermord ohne Ehemänner oder Väter dastanden, die ihr Leben bestimmten, und deshalb aus eigener Kraft (und im besten Fall mit anderen Frauen zusammen) einen Weg finden musste, um zu (über)leben.

Mithilfe dieser vielen verschiedenen Frauen beschreibt Barbara Achermann ein Land, das in den vergangenen 20 Jahren unglaubliche Fortschritte erzielt hat, auch wenn man nicht verschweigen darf, dass die autoritäre Regierung in Ruanda alles andere als vorbildlich ist, wenn es um das Thema Menschenrechte, um eine eventuelle Opposition und Ähnliches geht. Was natürlich die Frage aufwirft, wie sehr man die Entwicklung Ruandas loben darf, wenn ihre Schattenseiten in der Unterdrückung (und Ermordung) von Oppositionspolitikern und kritischen Journalisten besteht oder wenn all die schönen sauberen Straßen vermutlich nur deshalb so vorbildlich ausschauen, weil jeder Mensch, der dort Anstoß erregen könnte, inhaftiert wurde. Spannend fand ich auch die Passagen, in denen über die Folgen der unübersehbaren Emanzipierung der Frauen auf die Männer geschrieben wurde und wie schwer es für einen Teil von ihnen ist, dass ihre Frauen nun auch Raum in der Berufswelt einnehmen und über mehr Bildung und Selbstbewusstsein verfügen.

Doch vor allem interessierten mich die verschiedenen Personen, die im Rahmen dieses Buches vorgestellt werden, ebenso wie die Folgen, die dieser (kommerzielle) Erfolg der Frauen auf die gesellschaftliche und politische Situation von Ruanda hatte und bis heute hat. Allerdings liegt mir der Stil, in dem Barbara Achermann die verschiedenen Personen vorstellt, nicht, was natürlich mein ganz eigenes Problem ist. Dieser ganz spezielle journalistische Stil soll dafür sorgen, dass der Journalist den Leser auf seine Reise mitnimmt und ihm so das Recherchierte und Erlebte näherbringt. Doch bei mir führt diese Schreibweise immer nur dazu, dass ich das Gefühl habe, ich würde mindestens ebenso viel über die Befindlichkeiten und Abneigungen des Autors/der Autorin erfahren wie über das eigentliche Thema. Am Ende werde ich dann nur ungeduldig mit dem Buch und mit Barbara Achermann, mit ihrer Sicht auf Afrika, mit den Untertönen, die bei ihren Beschreibungen oft mitschwingen, und wünschte mir, dass das Thema, um das es sich doch eigentlich dreht, mehr Raum in der Veröffentlichung bekommen hätte.

Obwohl ich viele der vorgestellten Frauen vorher nicht kannte, hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, ich hätte so viel Neues über Ruanda erfahren. Dabei muss ich erwähnen, dass ich in den vergangenen Jahren regelmäßig Artikel (zum Großteil aus dem englischsprachigen Raum) gelesen habe, in denen von Unternehmerinnen in Ruanda erzählt wurde und davon, welche Auswirkungen ihr geschäftlicher Erfolg auf das Land hat. Wer aber keinerlei Vorwissen hat, wenn es um dieses Land geht, um die Folgen der Kolonialisierung (durch Deutschland und Belgien), um den Völkermord, der 1994 an den Tutsi begangen wurde, darüber, wie die Rolle der Frau vor gerade mal zwei Jahrzehnten in Ruanda noch ausschaute und wie sehr sich die Frauen in den vergangenen 25 Jahren emanzipiert haben, der ist mit „Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte Ruandas“ sehr gut bedient. Das Buch bietet einen leicht zu lesenden Einstieg in die Geschichte des Landes, konzentriert sich dann auf all die Frauen, die in den vergangenen Jahren – mithilfe einer autoritären Regierung – zum Motor eines tiefgehenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fortschritts von Ruanda wurden, und lässt auch die Schattenseiten dieser an sich großartigen Entwicklung nicht aus.

Laura Andersen: Das geheime Turmzimmer

Über „Das geheime Turmzimmer“ von Laura Andersen bin ich bei Neyasha gestolpert, die den Roman als „Eine sehr schöne Mischung aus Schauerroman, Krimi, Liebesgeschichte und Familiensaga – und deutlich düsterer als man bei dem lieblichen Cover vermuten würde bezeichnet und mich so neugierig auf die Geschichte gemacht hat. Erzählt wird die Geschichte zum größten Teil aus der Perspektive von Carragh Ryan, einer Bibliothekarin, die die Privatbibliothek der Familie Gallagher katalogisieren soll, bevor die Familie ihr Anwesen Deeprath Castle inklusive der darin befindlichen Bibliothek dem National Trust überschreiben wird. Aber man wirft auch immer wieder durch die Augen von Lord Aidan Gallagher, seiner (inzwischen verstorbenen) Mutter Lily und Inspector Sibéal McKenna sowie vLon ady Jenny Gallagher und Evan Chase, der im Jahr 1880 Jenny geheiratet hatte, einen Blick auf die aktuellen und vergangenen Ereignisse rund um Deeprath.

Ich mochte, dass die Handlung in „Das geheime Turmzimmer“ auf drei Zeitebenen spielt. Auf der einen Seite bekommt man Stück für Stück erzählt, wie sich Jenny und Evan kennengelernt haben und wie damals die Situation in Deeprath war, andererseits lernt man durch Carragh die aktuellen Gallagher-Familienmitglieder kennen und erfährt, wie sehr die Familie durch den gewaltsamen Tod von Lily und ihrem Mann Cillian, der vor zwanzig Jahren passierte, zerrüttet wurde. Und zuletzt gibt es noch Passagen, in denen Lily im Jahr 1992 von ihrer Suche nach einem Familiengeheimnis erzählt. Diese verschiedenen Ebenen und Perspektiven sorgen für eine spannende und sehr unterhaltsame Geschichte, auch weil die vielen Figuren einem schnell ans Herz wachsen und man ihnen (selbst wenn man schon weiß, dass ihr Leben nicht glücklich endete) nur das Beste wünscht. Mir gefielen auch die vielen Schilderungen der Region rund um Deeprath Castle und die Beschreibungen des Gebäudes, das eine wunderbare Kulisse für eine solche Geschichte voller Geheimnisse, Dramen, Geister und Stromausfälle bildet.

Zwei Kritikpunkte habe ich allerdings an der Geschichte, wobei ich den einen der Autorin problemlos verzeihen kann, während mir der andere eine Wendung zu viel brachte. Das Zuviel bezieht sich dabei auf eine Beziehung, die Carragh zu einem der Familienmitglieder hat (und damit meine ich nicht Aidan). Die Handlung hätte sehr gut ohne diese Extra-Entwicklung funktioniert, die keinen Mehrwert für die Geschichte gebracht hat, sondern mir vor allem das Gefühl gab, Laura Andersen hätte damit die Auflösung all der Geheimnisse künstlich verzögert. Was mich zum zweiten Punkt bringt: Das Motiv und die Identität der Person, die für den Tod von Lily und ihrem Mann Cillian verantwortlich war. Beides lässt sich relativ früh erahnen, was ich grundsätzlich nicht schlimm finde, denn in vielen Krimis geht es ja mehr um die Frage, wie der Täter gestellt wird, als um die Frage, wer der Täter überhaupt ist. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass Laura Andersen am Ende die eine oder andere Wendung weniger eingebaut hätte, weil all diese Extraszenen für mich zu Lasten der Spannung gingen. Trotzdem habe ich mich insgesamt mit „Das geheime Turmzimmer“ gut unterhalten gefühlt und hatte Spaß dabei, die vielen verschiedenen Charaktere besser kennenzulernen und mir Gedanken über die Familie Gallagher und ihre Geheimnisse zu machen.

Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo: Poor Economics – Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut

Ich muss gestehen, dass ich auf „Poor Economics“ aufmerksam wurde, als bekannt wurde, dass der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis an Abhijit V. Banerjee „und seine Frau“ verliehen wird, wie ein englischsprachiges Wirtschaftsmagazin so schön formulierte. Weil es mich wütend gemacht hat, dass Esther Duflo in dieser Schlagzeile nur als Anhängsel erwähnt wurde, habe ich versucht, etwas mehr über die beiden Wissenschaftler und ihre Arbeit herauszufinden. Dabei bin ich über „Poor Economics“ gestolpert, fand, dass das Buch sehr interessant klingt, und habe es deshalb spontan in der Bibliothek ausgeliehen. Dabei muss ich betonen, dass der Titel im Original schon 2011 veröffentlicht wurde, was ich mir beim Lesen immer wieder ins Bewusstsein rufen musste, weil die meisten zitierten Studien vor 2010 stattfanden. Ein bisschen frage ich mich daher schon, welche der dort dargestellten Informationen sich schon wieder als veraltet herausgestellt haben und welche nicht.

Außerdem muss ich zugeben, dass Wirtschaftswissenschaften so gar kein Thema sind, das mich bislang interessiert hat. Ich habe keinerlei Vorbildung in dem Gebiet, was bedeutet, dass das, was die beiden Autoren in ihrem Buch geschrieben haben, für mich vollkommen neue Wissensfelder betrifft. Umso spannender fand ich, dass ich den verschiedenen Kapiteln in „Poor Economics“ problemlos folgen konnte und die verschiedenen Schlüsse, die Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo aus den diversen Studien zogen, nachvollziehbar und stimmig fand. Wobei mich der rein „wirtschaftliche Blick“ der Autoren auf ein Thema beim Lesen regelmäßig irritierte, weil es mir nun einmal fernliegt, eine Gesundheitsmaßnahme, ein Bildungsangebot oder Ähnliches ausschließlich aufgrund von wirtschaftlichen Erfolgen oder bezüglich der effektivsten Nutzung von Ressourcen zu betrachten. Oder weil ich es unstimmig finde auszurechnen, dass ein Mensch pro Jahr, das er mehr in der Schule verbringt, theoretisch x Prozent mehr Lohn in seinem Leben verdienen wird und sich deshalb dieses „Investment“ in Bildung rentiert. Aber ich gebe zu, dass meine Ansicht, dass Bildung sich immer rentiert, auch wenn am Ende kein „finanzieller Mehrwert“ dabei rausspringt, einer sehr priviligierten Sicht auf die Welt entspringt.

In zehn Kapiteln beschäftigen sich Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo mit der Ursache für Armut, mit den Themen Ernährung und Hunger, Gesundheit und Bildung, Familienplanung und Absicherungen/Versicherungen, sowie mit den Möglichkeiten zu sparen und Unternehmensgründung. All diese Kapitel fand ich so gut und verständlich geschrieben, dass auch jemand wie ich, die sich noch nie mit Wirtschaftsthemen beschäftigt hat, die verschiedenen Probeme, ihre Ursachen und ihre (möglichen) Lösungen gut verstand. Viele Punkte werden mit Beispielen belegt, denen die beiden Autoren im Laufe ihrer Forschung begegnet sind, was sie für mich greifbarer machten.

Was mich besonders fasziniert hat, waren die Dinge, die ich so nicht erwartet hätte. Zum Beispiel wird ganz zu Beginn von „Poor Economics“ erwähnt, dass zwar seit Jahrzehnten sehr viel Geld in die Entwicklungshilfe gesteckt wird, es aber keine gut belegte Forschung dazu gab, welche Maßnahmen wirklich spürbaren Einfluss auf das Leben der Menschen hatten. So ist es unumstritten, dass zum Beispiel Menschen in Krisengebieten kurzfristig mit Nahrung und Wasser beliefert werden müssen, aber lange Zeit hat sich niemand die Mühe gemacht herauszufinden, ob die langfristige Ausgabe von Lebensmittelspenden die sinnvollste Art der Unterstützung wäre. (Ich spoilere mal und verrate, dass es spätestens dann unsinnig ist, wenn ein Teil der Lebensmittelspenden in korrupten Regierungskanälen versickert oder aufgrund schlechter Lagerungsmöglichkeiten von Schädlingen vernichtet wird.)

„Die mangelnde Rentabilität der Unternehmungen von Armen erklärt auch, weshalb Mikrokredite offenbar keine radikalen Veränderungen im Leben der Kunden herbeiführen. (…) Wenn die von Armen betriebenen Geschäfte generell unrentabel sind, wird plausibel, warum Kredite, die ihnen die Geschäftsgründung ermöglichen sollen, keine deutliche Verbesserung ihrer Gesamtsituation nach sich ziehen.“ (S. 227)

Erst Mitte der 1990er Jahre wurden (unter anderem von Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo) überhaupt Vergleichsstudien entwickelt, mit denen die Wirksamkeit der verschiedenen Maßnahmen überprüft werden konnten und nicht alle Organisationen und Regierungen waren glücklich mit den Ergebnissen, die bei diesen Studien herauskamen. So ergaben diese Vergleichstudien, dass die beliebten und weit verbreiteten Mikrokredite zwar das Leben derjenigen häufig verbesserten, die sie aufnahmen, dass diese Verbesserung aber relativ gering war, dass nur wenige weitere Menschen davon profitierten und dass selbst bei großzügigen Kreditangeboten in der Regel große Hemmungen bestanden, so einen Mikrokredit aufzunehmen. Zum Teil zeigten diese Vergleichstudien auch auf, dass man gar nicht die Maßnahmen zur Entwicklungshilfe ändern musste, um erfolgreicher zu sein, sondern bestimmte Bedingungen vor Ort. So ist zum Beispiel vielen Landwirten in afrikanischen oder asiatischen Ländern durchaus bewusst, dass sie mit Dünger und besserem Saatgut bessere Ernten einfahren können, aber sie haben kurz vor der Aussaat kein Geld für Dünger und Saatgut.

Dieses Problem könnte theoretisch umschifft werden, wenn sie direkt nach dem Verkauf ihrer Ernte Saatgut und Dünger kaufen würden, aber da zu diesem Zeitpunkt die örtlichen Geschäfte in der Regel diese beiden Produkte nicht anbieten, bleibt den Landwirten nur der Vorsatz, Geld dafür zur Seite zu legen. Doch dieses gesparte Geld wird am Ende nur selten bis zur Saatzeit unangerührt bleiben, weil in armen Haushalten nun einmal regelmäßig (mehr oder weniger ernsthafte) Notfälle auftreten, die Extrakosten verursachen. Wenn aber direkt nach der Ernte diesen Landwirten von Hilfsorganisationen Gutscheine über die gewünschten Produkte (in erster Linie Dünger) angeboten wurden, um ihr Kapital zielbezogen festzulegen, fanden sie in der Regel alternative Möglichkeiten, um mit den Notfällen zwischen Ernte und Saatzeit umzugehen, und so stand ihnen dann zur passenden Zeit der notwendige Dünger zur Verfügung.

Ich muss zugeben, dass dieser „menschliche“ Faktor für mich der faszinierendste Aspekt an den in „Poor Economics“ geschilderten Studienergebnissen war. Am Ende bleibt trotz all der in dem Buch beschriebenen Vergleichsstudien und gewonnenen Erkenntnisse eigentlich auf der einen Seite das Fazit, dass man mit kleinen Maßnahmen schon überraschend viel erreichen kann. Aber auf der anderen Seite steht eben auch die Einsicht, dass man noch immer viel zu wenig über die vielen Faktoren weiß, die Entwicklungshilfe und das Leben der Menschen, die davon eigentlich profitieren sollten, betreffen. Und für mich persönlich steht ein bisschen die Frage im Raum, was sich wohl in den zehn Jahren, die seit der Erstveröffentlichung von „Poor Economics“ verstrichen sind, in diesem Bereich der Forschung noch so getan hat.

Diana Wynne Jones: The Spellcoats (The Dalemark Quartet 3)

Der dritte Band der Dalemark-Reihe von Diana Wynne Jones führt den Leser in eine Vergangenheit von Dalemark zurück, in der es noch Könige gab. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tanaqui, die die vierte von fünf Geschwistern und eine hervorragende Weberin ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie ihre Geschichte in zwei Mäntel (Spellcoats) einwebt, so dass nur diejenigen, die die Webmuster zu lesen wissen, davon erfahren. Dabei erzählt der erste Mantel, wie alles in dem kleinen Dorf am Fluss begann, in dem Tanaqui gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrem Vater aufgewachsen ist, und wo die übliche Ruhe von einem Tag auf den anderen durch eine Gruppe Flüchtlinge gestört wurde. Diese Flüchtlinge berichteten von Krieg, und kurz nachdem diese Menschen über den Fluss gesetzt hatten und weitergezogen waren, kamen auch schon die ersten Soldaten, um Männer (und Jungen) anzuwerben, die für den König in den Kampf ziehen sollten.

Nachdem Tanaquis Vater im Krieg getötet wird und ihr ältester Bruder fast seelenlos zurückkommt, werden die Geschwister aus dem Dorf vertrieben und reisen den Fluss entlang bis zum Meer. Für Tanaqui und die anderen ist das eine beschwerliche Reise voller Gefahren in einem Gebiet, das von Hochwasser und Krieg zerstört wurde. Im Laufe ihrer Reise lernen sie, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügen und dass die Unsterblichen (the Undying), die schon in „Drowned Ammet“ eine große Rolle spielten, sie vor der Magie der „Heiden“ aus dem Norden schützen können – wenn Tanaqui und ihre Geschwister denn auf die Zeichen und Hinweise der (beinahe) göttlichen Wesen hören. Doch es ist nicht so einfach, mit den Unsterblichen zu kommunizieren und herauszufinden, welcher Weg für Tanaqui und die anderen der richtige ist.

Ich mochte sehr, dass man dadurch, dass Tanaquis Spellcoats die wahre Geschichte erzählen müssen, um ihre Magie zu wirken, das Gefühl bekommt, man könne der Erzählerin vertrauen – auch wenn es ihr oft genug nicht leicht gefallen ist, von all ihren Irrtümern und kleinlichen Gedanken zu erzählen. „The Spellcoats“ erzählt von der Entstehung Dalemarks, von den alten Mächten, die in dem Land aktiv sind/waren, und von der Herkunft der einen oder anderen Figur, die man bislang nur als Sagengestalt kennengelernt hat. Mir gefiel an Tanaquis Erzählstimme nicht nur, dass ich ihr als Erzählerin vertrauen konnte, sondern ich mochte auch, dass sie – trotz all der besonderen Fähigkeiten, über die sie verfügt, – eine ganz normale und sympathische Figur war. Sie liebt ihre Geschwister und ist doch oft ungeduldig mit ihnen oder ärgert sich über ihr Verhalten, sie vermisst ihre Eltern und wünscht sich regelmäßig, es gäbe jemanden, der sich um sie kümmern würde. Doch da es niemanden gibt, der ihr die Arbeit aus der Hand nimmt, und ihre Geschwister immer wieder jemanden brauchen, der sich um sie kümmert, nimmt sie die Angelegenheiten regelmäßig selber in die Hand. Nicht immer sind ihre Entschlüsse die klügsten, aber gerade das sorgt ja auch dafür, dass man ihrer Geschichte so gerne folgt und sich voller Spannung fragt, ob sie wohl am Ende ihre Aufgabe erledigt bekommt oder nicht.

Ich finde es immer schwierig, eine Reihe so zu lesen, dass die Ereignisse nicht chronologisch stattfinden, weil das oft genug dazu führt, dass man als Leser Dinge erzählt bekommt, die man schon kennt. Hier hingegen muss ich zugeben, dass es sich für mich richtig anfühlt, die Romane in der Veröffentlichungsreihenfolge zu lesen. Die Handlung von „Cart und Cwidder“ lässt sich ohne weitere Hintergründe (meinem Gefühl nach sogar besser) genießen, während ich vermutlich mit dem Wissen um die Vergangenheit Dalemarks, um die Unsterblichen und vielleicht sogar um die Herkunft des Barden Osfameron eine ganz andere Sicht auf die Geschichte gehabt hätte. So hingegen habe ich das Gefühl, dass ich als Leser gemeinsam mit der Welt von Dalemark wachse und im Laufe der Romane immer mehr Details und Hintergründe entdecken kann. All das macht mich auf jeden Fall sehr neugierig auf den Band „The Crown of Dalemark“, mit dem die Serie ihren Abschluss findet.

Kyle Robert Shultz: The Beast of Talesend – After Beauty and the Beast (Beaumont and Beasley 1)

Auf die Reihe „Beaumont and Beasley“ bin ich durch Kiya aufmerksam geworden und hab mir dann recht spontan in der vergangenen Woche ein Bundle mit den ersten drei eBooks gekauft. Im ersten Teil, „After Beauty and the Beast“, bekommt man als Leser die Geschichte aus der Sicht des fünfundzwanzigjährigen Nick Beasley erzählt, der als Privatdetektiv in den Afterlands arbeitet und sich darauf spezialisiert hat, zu beweisen, dass Magie nicht existiert. Nick ist wirklich erfolgreich in seinem Beruf und hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur als Detektiv, sondern auch als Sprachkenner eine gewisse Berühmtheit erarbeitet, was dazu führt, dass er von Lord Whitlock und dessen Tochter Cordelia engagiert wird. Dummerweise führt dieser Auftrag dazu, dass Nick durch uralte Magie in ein Monster verwandelt wird, was nicht nur grundsätzlich eine unangenehme Situation ist, sondern auch das Todesurteil für seine Karriere bedeuten kann.

Gemeinsam mit Lady Cordelia macht sich Nick daran, mehr über den Fluch herauszufinden, der ihn in ein Monster verwandelt hat, um ihn zu brechen. Dabei lernt der Detektiv nicht nur mehr über Magie, als er jemals wissen wollte, sondern er muss auch eine Intrige vereiteln, die zum Ende der bestehenden Gesellschaft führen könnte. Ich mochte an der Geschichte sehr den ungewöhnlichen Blick auf vertraute Märchen und all die Hintergründe und „wahren“ Vorfälle, die sich Kyle Robert Shultz für seinen kurzen Roman ausgedacht hat. Der Autor beschränkt sich nicht nur darauf, die eh schon düsteren Seiten von Märchen zu betonen, sondern entwickelt seine eigene – häufig zynisch wirkende – „wahre Geschichte“ hinter den verschiedenen Märchen. Trotz dieser düsteren Märchenelemente ist „The Beast of Talesend“ eine amüsante und fluffige Geschichte, bei der man nicht nur über die diversen absurden Vorfälle schmunzeln kann, sondern auch über das Verhältnis der Charaktere zueinander und die daraus resultierenden Dialoge.

Ich mochte nicht nur Nick, der bei aller Pedanterie und Selbstgefälligkeit überaschend sympathisch war, sondern auch Lady Cordelia mit all ihren impulsiven Einfällen und Nicks kleinen Bruder Crispin, der so liebenswert unvernünftig dargestellt wurde, dass es schon fast zu klischeehaft war. Nicks Gegenspieler blieb im Vergleich dazu ziemlich blass, und dass die Beherrschung der Welt sein einziges Motiv zu sein schien, fand ich auch etwas schwach. Aber grundsätzlich hat mich diese Darstellung nicht so sehr gestört, dass ich mich dadurch weniger amüsiert hätte. Ein bisschen hat mich „The Beast of Talesend“ an die „Castle Charming“-Geschichten von Tansy Rayner Roberts erinnert, wobei Kyle Robert Shultz neben dem Märchenhaften eine deutliche 20er-Jahre-Atmosphäre in seinen Roman eingebaut hat, die der Handlung wirklich gut getan hat. Die Figuren von Tansy Rayner Roberts berühren mich mehr als Nick, Crispin und Cordelia, aber ansonsten mag ich bei beiden Autoren den ungewöhnlichen Blick auf Märchen und die amüsante Erzählweise, bei der man die Geschichte einfach nicht aus der Hand legen mag, weil jederzeit wieder etwas überaus Absurdes und Unterhaltsames passieren wird.

Diana Wynne Jones: Drowned Ammet (The Dalemark Quartet 2)

Der zweite Band des Dalemark-Quartets von Diana Wynne Jones – den ich bis zu diesem Lesen noch nicht kannte – bringt den Leser wieder in den Süden von Dalemark, genau genommen in das Reich des Herzogs Hadd. Dabei wird die Geschichte in „Drowned Ammet“ zu Beginn aus der Sicht von Mitt erzählt, den der Leser von seinen ersten (überraschend sorgenfreien) Lebensjahren an begleitet, nur um mitzuerleben, wie aus dem zufriedenen kleinen Jungen ein Mensch voller Rachefantasien und Hass wird. Denn Herzog Hadd ist ein grausamer und streitsüchtiger Mann, der keine Hemmungen hat, sein Volk mit seinen Steuern um seine Lebensgrundlage zu bringen. Auch Mitts Eltern gehören zu denen, die wenige Jahre nach Mitts Geburt ihr weniges Hab und Gut verlieren und Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Menschen in seinem Land fürchten den Herzog, seine Soldaten und seine Spitzel, und so ist es kein Wunder, dass neben Armut und Angst auch die Wut und der Wille zur Rebellion in seinem Volk wachsen.

Auch Mitts Vater Al (beide heißen mit vollem Namen Alhammit) schließt sich nach dem Verlust seines Hofes in der Hafenstadt Holand einer Gruppe von Freiheitskämpfern an, doch er und seine Gefährten werden vor der Durchführung eines geplanten Anschlags verraten. Nachdem Mitt mit seiner Mutter zurückbleibt, schließt auch er sich den Freiheitskämpfern an, und ich muss zugeben, dass das ein Punkt war, wo mich Diana Wynne Jones ausnahmsweise nicht überzeugen konnte. Ich musste mir beim Lesen dieser Kapitel rund um Mitts Aufwachsen und sein Engagement für die Freiheitskämpfer immer wieder vorrechnen, dass Mitt noch sehr jung ist. Seine Familie kann es sich nicht leisten, ihn zur Schule zu schicken und er hat keine gleichaltrigen Freunde, mit denen er auf den Straßen spielen könnte. Stattdessen fängt er als Achtjähriger an, auf einem Fischerboot zu arbeiten, und alles, was er Tag für Tag hört, sind Klagen über die Ungerechtigkeit des Herzogs. Und wenn meine Rechnung stimmt (die auf so groben Angaben basiert wie „beim nächsten „Holand Sea Festival“, „im folgenden Sommer“ oder „wenige Wochen später“, dann ist er gerade mal elf oder zwölf Jahre alt, als er einen Anschlag auf den Herzog verübt.

Ein Kind, das unter diesen Umständen aufwächst, ist deutlich „erwachsener“ als ein Kind, das eine sorgenfreie Kindheit verbringen kann und sich keine Gedanken darüber machen muss, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Auf der anderen Seite ist Mitt nicht erwachsen genug, um wirklich die Konsequenzen seines Tuns überblicken zu können, oder um die Motive und Aussagen anderer Menschen zu hinterfragen und sich seine eigene Meinung bilden zu können. Gerade seine emotionale Abhängigkeit von seiner Mutter erklärt sich für mich sehr dadurch, dass er eigentlich noch ein Kind ist. Dass ich mir aber all diese Dinge immer wieder vor Augen halten musste, hat für mich diese Kapitel etwas schwierig zu lesen gemacht, obwohl ich die Grundsituation spannend fand. Ich weiß nicht, ob ich als Kind/Jugendliche diese Passagen anders wahrgenommen hätte. Aber ich glaube, ich hätte damals auch schon Kleinkind-Mitt, der nicht verstehen kann, wieso seine Nachbarn Angst vor dem Soldaten haben, mit dem er sich gerade angefreundet hat, lieber gemocht, als den achtjährigen Mitt, der anscheinend nur zu seiner Mutter so etwas wie Zuneigung empfinden kann und für den alle anderen Menschen nur Mittel zum Zweck zu sein scheinen.

Auf der anderen Seite bekommt man die Geschichte aus Sicht von Hildy (Hildrida), der Enkeltochter von Herzog Hadd, erzählt. Hildys Temperament ähnelt von klein auf einer Naturgewalt, und nicht einmal ihr Vater traut sich, sich gegen sie zu stellen, wenn sie schlechte Laune hat. Dabei ist Hildy kein verwöhntes Kind oder eine Nervensäge, sie ist nur schrecklich frustriert von ihrer Rolle als Schachfigur bei den politischen Spielen ihres Großvaters, davon, dass ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter so gleichgültig geworden ist, und von all den anderen kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die sie so erlebt. Hildy ist nicht gerade ein netter Charakter, aber ich fand sie auf Anhieb sympathisch. So ist es auch kein Wunder, dass die Geschichte für mich deutlich anzog, als Hildy, ihr Bruder Ynen und Mitt nach der Hälfte des Romans aufeinandertrafen und sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Illusionen bezüglich der eigenen Person und ihren Vorurteilen gegenüber anderer Gesellschaftsschichten auseinandersetzen mussten. Dazu kamen noch wunderbar atmosphärische Segelszenen und ein Hauch Magie, und schon fühlte ich mich mit „Drowned Ammet“ wieder wohl und war neugierig auf die weitere Entwicklung der Geschichte.

Am Ende kann ich verstehen, wieso Diana Wynne Jones die erste Hälfte des Romans so erzählt hat, aber ich muss zugeben, dass mich dieser Teil trotzdem nicht ganz so überzeugt hat, wie es ihre Bücher normalerweise tun. Erst beim Lesen der zweiten Hälfte kam für mich das Gefühl auf, ich würde eine „richtige“ Diana-Wynne-Jones-Geschichte lesen, mit all ihren Untertönen und ihren bitteren und amüsanten Momenten. Doch während ich bei „Cart and Cwidder“ am Ende zufrieden mit dem Ausgang der Handlung und den Andeutungen über Morils Zukunft war, fühlen sich hier die letzten Seiten an, als ob mir die Autorin bislang nur einen langen Prolog erzählt hätte – und nun muss ich auf den vierten Teil der Reihe („The Crown of Dalemark“) warten, um zu erfahren, wie das Ganze ausgeht. Doch bevor ich zum vierten Band greife, werde ich erst einmal „The Spellcoats“ aus dem SuB fischen und mich mit der Geschichte in die Vergangenheit von Dalemark begeben.

Diana Wynne Jones: Cart and Cwidder (The Dalemark Quartet 1)

Vorweg muss ich zugeben, dass ich bei dieser Rezension von „Cart and Cwidder“ nicht gerade objektiv sein kann, denn ich habe diese Geschichte als Kind Jugendliche geliebt (ich war fest davon überzeugt, dass ich „Die Kraft der Mandola“ schon als Kind gelesen hatte, aber die deutsche Ausgabe erschien anscheinend erst 1985). Außerdem ist die Angabe „Band 1“ beim Dalemark-Quartet etwas schwierig zu machen, da dies zwar der erste Band von Diana Wynne Jones ist, der in der Welt von Dalemark spielt, aber chronologisch gesehen müsste die Geschichte nach „The Spellcoats“ und „Drowned Ammet“ gelesen werden. Zusätzlich kann ich noch mitteilen, dass bei meiner britischen Ausgabe von Harper Collins von den insgesamt 336 Seiten die letzten 80 Seiten aus „A Guide to Dalemark“ bestehen, wo noch einmal die verschiedenen (historischen) Figuren vorgestellt, Redewendungen aufgegriffen und bestimmte Gebräuche vorgestellt werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des elfjährigen Moril, der gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern als Spielleute in einem bunt bemaltem Wagen durch Dalemark zieht. Sein Vater ist der berühmte Sänger Clennen, doch auch Morils Mutter, sein älterer Bruder Dagner, seine Schwester Brit und natürlich er selbst müssen ihren Anteil zu den regelmäßigen Aufführungen beitragen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei ist es nicht so einfach, in Dalemark sein Auskommen zu finden, denn das Land ist seit langer Zeit gespalten, es gibt keinen König mehr und die Herzöge des Nordens sind mit den Herzögen des Südens verfeindet. Für Moril bedeutet das Reisen durch den Süden, dass nicht alle Lieder gesungen werden dürfen, dass sich alle ständig umdrehen und schauen, dass sie nicht bespitzelt werden, und dass man aufpassen muss, dass man nichts sagt, was der jeweilige Herzog als aufrührerischen Akt auslegen könnte. Der Norden hingegen ist frei und bietet so viele Möglichkeiten auch für die Spielleute, dass Moril froh ist, dass die jährliche Reise nach Norden wieder ansteht.

Einziger Wermutstropfe bei der Reise nach Norden ist die Tatsache, dass Clennen auch in diesem Jahr wieder einen Passagier aufgenommen hat. Weder Brid noch Moril können Kialan besonders gut leiden. Der junge Mann scheint eingebildet zu sein und wenig hilfsbereit, wenn es um die täglichen Pflichten auf der Reise geht. Als die Geschwister im Laufe der Zeit dann aber auf sich allein gestellt sind, finden sie heraus, dass mehr hinter Kialan steckt, als sie anfangs vermutet haben. Mehr will ich über die Geschichte gar nicht erzählen, weil sie meiner Meinung nach – trotz der Bedrohung durch die Herzöge des Südens und die am Ende vorkommende Armee – von all den kleinen Entwicklungen lebt, die während der Reise geschehen. Ich mochte schon immer Morils leicht verträumte Perspektive, und daran hat sich in all den Jahren, seitdem ich die Geschichte das letzte Mal gelesen habe, nichts geändert. Außerdem finde ich es spannend, wie Diana Wynne Jones die Atmosphäre in den südlichen Herzogtümern von Dalemark beschreibt und wie die Angst vor der Willkür der Herzöge das Leben der Menschen beeinflusst. Es ist kein Wunder, dass in einer solchen Welt voller Unterdrückung Figuren wie der „Porter“ auftauchen – ein Spion, der Informationen und Menschen nach Norden schmuggelt und eine große Rolle im Widerstand gegen den Süden spielt.

Die Handlung wird in dieser Geschichte wieder einmal sehr geradlinig erzählt, da man Moril auf dieser Reise von Süden nach Norden begleitet und es nicht viele Umwege oder Abstecher gibt. Aber Moril reift im Laufe der Reise, und ihm fallen viele kleine Dinge auf, die er früher einfach nur hingenommen hat. Die Familiendynamik ändert sich durch einen tragischen Moment entscheidend, und ich fand es spannend mitzuerleben, wie jeder von ihnen nun eine neue Rolle finden muss. Dabei gelingt es der Autorin, auch radikalere Veränderungen nicht zu verurteilen, sondern im Leser – durch Morils Augen – Verständnis für die Handlungen der jeweiligen Figur entstehen zu lassen. Dazu kommt noch, dass die Musik eine große Rolle in der Geschichte spielt – was ja nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Spielleute im Zentrum der Handlung stehen. Moril bewundert seinen Vater sehr für sein Können mit der Cwidder und als Sänger, und er findet es faszinierend, dass sein Bruder Dagner so gut darin ist, eigene Lieder zu schreiben, und trotzdem solche Probleme damit hat, auf der Bühne zu stehen und seine Lieder zu präsentieren. Ich mochte es sehr, wie Moril im Laufe der Geschichte immer mehr über sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten herausfindet, und das nicht nur, wenn es um die Musik geht. Auch nach all den Jahren fand ich das Lesen von „Cart and Cwidder“ immer noch durch und durch befriedigend, und ich freue mich darauf, dass ich noch drei weitere Bände zu lesen habe, die in Dalemark spielen (und die ich zum Teil noch nicht kenne).

Ilona Andrews: Burn for Me (Hidden Legacy 1)

Vor einiger Zeit habe ich in einer Anthologie eine Kurzgeschichte gelesen, in der eine Figur der Hidden-Legacy-Romane die Protagonistin war. Da ich den Ton und die Atmosphäre in der Geschichte sehr mochte, hatte ich die Serie auf die Merkliste gepackt, um sie mal anzutesten. Als ich Ende September dann verreiste und nach eBooks für die Fahrt suchte, blieb ich dann ziemlich schnell bei „Burn for Me“ hängen, obwohl der Roman auf den ersten Blick sehr viele Elemente beinhaltet, die ich eigentlich gar nicht mehr leiden kann. Gerade angesichts all meiner Meckereien über „Trace of Magic“ am vergangenen Donnerstag ist es vermutlich etwas seltsam zu lesen, dass ich mich von „Burn for Me“ so gut unterhalten gefühlt habe, obwohl eine „problematische Beziehung“ und „Leidenschaft auf den ersten Blick“ eine spürbare Rolle in diesem Buch spielen.

Die Protagonistin in dieser Geschichte ist die fünfundzwanzigjährige Nevada Baylor, die als Chefin einer kleinen Privatermittlungsfirma für das finanzielle Überleben ihrer Familie verantwortlich ist. Normalerweise konzentriert sich Nevada auf Eheprobleme und Betrüger, auf die kleineren Fälle, die sie auch ohne den Einsatz von Magie bewältigen kann. Dummerweise ist ihr kleines Familienunternehmen nach dem Tod von Nevadas Vater hochverschuldet, und so sind sie vertraglich an eine größere Firma gebunden, deren Aufträge Nevada nicht ablehnen kann. Der aktuelle Auftrag, besteht darin, einen der begabtesten Magier des Landes lebendig zu seiner Familie zurückzubringen, bevor die Polizei ihn tötet. Nicht, dass die Polizei in dieser Welt grundsätzlich eher töten als verhaften würde, aber Adam Pierce wird nicht nur schon seit Jahren gesucht, sondern hat bei seinem letzten terroristischen Attentat einen Polizisten umgebracht. Für Nevada steht fest, dass dieser Auftrag ein Selbstmord-Job ist, auf der anderen Seite kann sie ihn nicht ablehnen und außerdem hat sie so vorgesorgt, dass ihre Familie, wenn Nevada im Rahmen ihrer Arbeit ums Leben käme, finanziell abgesichert ist.

Neben Nevada und die Polizei ist auch Connor „Mad“ Rogan auf der Suche nach Adam Pierce. Rogan ist nicht nur ein ebenso mächtiger Magier wie Adam, sondern auch weltberühmt für seine fürchterlichen Zerstörungstaten während seiner Zeit bei der Armee. Mit Rogan wären wir dann auch schon bei der „Leidenschaft auf den ersten Blick“, die mich sonst in Romanen so sehr frustriert. Hier hingegen konnte ich gut damit leben, denn 1. fand Nevada Rogan schon vor dem ersten Kennenlernen attraktiv und hat sich vorgestellt, dass sein Blick von innerer Qual zeugt (was ich als Fantasie einer jungen Frau, die davon ausgeht, dass sie niemals die Person, über die sie tagträumt, treffen wird, durchaus hinnehmen kann), 2. ist sich Nevada nicht nur bewusst, dass das eine rein körperliche Anziehung ist und lässt sich davon normalerweise weder in ihrem Urteil beeinflussen noch von ihrer Arbeit ablenken und 3. gibt es außer einem Tagtraum und zwei Küssen eigentlich keine „sexy Szenen“. Stattdessen bekommt man als Leser eine interessante Welt, sympathische Charaktere und Dialoge, die mehr über die Welt und die Figuren verraten. Und neben all der Action und den Gefahren gab es auch noch so einige amüsante Momente.

Während ich Nevada sehr mochte (auch wenn sie unfähig zu sein scheint, ihren Beschützerinstinkt mal etwas runterzufahren und ihrer Familie etwas mehr zuzutrauen), so macht es Rogan einem relativ schwierig, ihn zu mögen. Da er aber das stimmige Produkt einer Welt ist, in der die Stärke der Magie über den Einfluss einer Familie bestimmt und seine Familie schon seit Generationen ihre Nachkommen auf Magie, gutes Aussehen und Intelligenz züchtet, während die emotionale Seite keinerlei Rolle spielt, kann ich mit seinem Verhalten leben. Und da ich schon mal beim Thema Magie bin: Natürlich verfügt auch Nevada über Magie. Sie ist im Prinzip ein lebendiger Lügendetektor (und deutlich mächtiger, als sie selbst weiß) und hält diese Fähigkeit normalerweise geheim, da sie damit zu einem Spielball der großen Familien werden würde. Während ich bei „Trace of Magic“ total sauer darüber war, dass die Protatonistin ihre Fähigkeiten verriet, indem sie sich verplapperte oder zu dumm war, sich Ausreden einfallen zu lassen, finde ich es bei „Burn for Me“ realistisch, dass Nevada unabsichtlich Rogan ihre Fähigkeiten verrät, als dieser sie (bei ihrer ersten Begegnung) in Lebensgefahr bringt. Bei Nevada ist es eine instinktive Reaktion, während sie um ihr Leben fürchtet, und keine lose Zunge oder simple Dummheit. Eine einigermaßen nachvollziehbare Begründung oder eine gut geschriebene Szene macht wirklich einen riesigen Unterschied, wenn es darum geht, bestimmte Handlungsentwicklungen hinzunehmen.

Das Ganze macht „Burn for Me“ nicht zum Höhepunkt der Urban Fantasy, dafür gibt es einfach zu viele Elemente in dem Roman, die man in jeder zweiten Geschichte dieses Genres findet. (Wobei ich ja zugeben muss, dass ich all diese Elemente wirklich mag, sonst würde ich nicht so regelmäßig zur Urban Fantasy zurückkommen. 😉 ) Und der größte Makel an dieser Geschichte war für mich die Motivation des „Oberbösewichts“ im Hintergrund, aber auch damit konnte ich problemlos leben, weil mich der Rest des Romans so gut unterhalten hat. Genau genommen habe ich mir sogar schon den zweiten Band der Reihe als eBook besorgt, damit ich weiterlesen kann, wenn ich das nächste Mal Lust auf Action, Magie und korrupte Parteien habe, gegen die die Protagonistin vorgehen muss. Doch vor allem freue ich mich auf weitere Szenen mit Nevadas ungewöhnlicher Familie, die mir mit all ihren Eigenheiten und ihrem liebevollen Umgang wirklich sympathisch ist. Ich muss am Ende auch noch eingestehen, dass mir im Laufe der Geschichte sogar Rogan ein wenig ans Herz gewachsen ist, da seine Handlungen aus seiner Perspektive heraus immer logisch (und teilweise sogar fast so etwas wie fürsorglich) waren. Aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, würde ich „White Hot“ lesen wollen, da ich darauf vertraue, dass mich die Geschichte gut unterhält und der Beziehungskram auch in dem Roman eine deutlich geringere Rolle spielt, als im Klappentext angedeutet wird.