Kategorie: Rezension

Marieke Nijkamp (Hrsg.): Unbroken (Anthologie)

„Unbroken“ ist eine Anthologie mit „13 stories starring disabled teens“ herausgegeben von Marieke Nijkamp. Wie immer, wenn ich eine Sammlung von Kurzgeschichten lesen, versuche ich hier einen spoilerfreien Beitrag mit meiner Meinung zu den einzelnen Texten zu verfassen, damit ich mich auch in ein paar Jahren noch an die Autor.innen und die Geschichten erinnere. 😉

1. Heidi Heilig: The Long Road
Die erste Geschichte wird aus der Sicht von Lihua erzählt, die gemeinsam mit ihren Eltern die Seidenstraße gen Westen bereist, da ihre Eltern dort eine Heilung für den Fluch zu finden hoffen, der auf ihrer Tochter liegt. Lihua selbst leidet vor allem unter all den Amuletten, die ihr wohlmeinende Menschen umgehängt haben, unter der Aufmerksamkeit, die diese auf sie ziehen, und unter der Tatsache, dass ihre Eltern ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen mussten, um diese Reise zu finanzieren. Ich mochte es sehr, wie Heidi Heilig es geschafft hat, im Laufe der Geschichte aufzuzeigen, dass Lihuas „Fluch“ zwar nichts ist, was heilbar ist, dass sie aber lernen kann, damit umzugehen, und dass die Behinderung, die mit ihren psychischen Problemen einhergeht, vor allem von außen kommt und dass sie nicht alles hinnehmen muss, was ihr erzählt wird. Ebenso gefiel mir die Vorstellung von einer sich gegenseitig unterstützenden Gemeinschaft von Menschen, die ihre vermeintlichen Schwächen voreinander nicht verstecken, sondern sich gegenseitig helfen, damit zu leben.

2. Kody Keplinger: Britt and the Bike God
Kody Keplingers Protagonistin Britt ist eine begeisterte Fahrradfahrerin, die aufgrund ihrer Augenprobleme darauf angewiesen ist, dass jemand mit ihr auf einem Tandem fährt. Ich mochte die Begeisterung, die Britt für das Fahrradfahren aufbringt, mir gefiel es, dass man als Leser miterlebt, wie Britt einen neuen Tandem-Captain „einarbeitete“, und ich habe die süße Liebesgeschichte zwischen ihr und einem anderen Mitglied des Fahrradclubs genossen. „Britt and the Bike God“ war eine wunderbare und amüsante Geschichte, die mir viel Freude bereitet hat.

3. Kayla Whaley: The Leap and the Fall
„The Leap and the Fall“ erzählt von den beiden Freundinnen Eloise und Gemma, die sich schon seit so vielen Jahren kennen. Doch Gemma hat sich in den Monaten, die seit ihrem sechzehnten Geburtstag vergangen sind, sehr verändert, während Eloise damit zu kämpfen hat, dass sie in Gemma inzwischen mehr als nur eine Freundin sieht. Mir gefiel, dass Kayla Whaley aus dieser Grundlage eine Geistergeschichte gemacht hat, in der Eloise am Ende sowohl um Gemmas als auch um ihr eigenes Leben kämpfen muss. Das bot mir eine hübsche Mischung aus unheimlich und süß und hat mich gut unterhalten.

4. Katherine Locke: Per Aspera Ad Astra
Eine Science-Fiction-Geschichte, in der die Protagonistin Lizzie mit ihrem inneren Krieg fertigwerden muss, um zu verhindern, dass ihre Stadt und ihre Familie bei einem feindlichen Angriff zerstört werden. Ich fand es beeindruckend, wie die Autorin Lizzies lähmende Angst, die seit Monaten ihr gesamtes Leben bestimmt, dargestellt hat und wie es trotzdem stimmig war, dass Lizzie sich aufmacht, um ihre Stadt zu retten. Ich mochte die unerwartete Unterstützung, die sie im Laufe der Geschichte bekam, und dass es ihr am Ende zwar nicht gutgeht, aber sie (zumindest für den Moment) gelernt hat, dass es reicht, wenn man ein kleines Problem nach dem anderen angeht, statt sich von der Masse der Probleme überwältigen zu lassen.

5. William Alexander: Found Objects
Das hier ist die erste Geschichte in der Anthologie, mit der ich einige Probleme hatte, weshalb ich hier leichte Spoiler verwenden muss, um deutlich zu machen, warum ich damit hadere. Die Handlung wird von einer namenlosen Person einer anderen namenlosen Person erzählt – wobei die adressierte Person nicht der Leser ist, denn beide Charaktere gehen auf dieselbe Highschool und sind Teil desselben Theaterclubs. Dass der Erzähler das Erlebte nicht dem Leser berichtet, hat mich beim Lesen irritiert, weil ich mich durch das verwendete „you“ direkt angesprochen gefühlt habe, ohne gemeint gewesen zu sein. Die erzählende Person verfügt über ererbte Magie, die in dieser Geschichte dafür sorgt, dass die Rolle, die sie am Abend gespielt hatte, zum Leben erweckt wurde. Um diese magische Kreatur zu bekämpfen, formt die Person aus den Schmerzen, die sie in ihrer Krücke gespeichert hat, ein Schwert. Das Ganze war für mich ehrlich gesagt etwas zu abstrakt, obwohl ich die Handlung an sich und theoretisch auch die Erzählweise mochte (wenn nur dieses irritierend „you“ nicht gewesen wäre).

6. Karuna Riazi: Plus One
In „Plus One“ begleitet der Leser die Schülerin Hafsah bei einer Haddsch, die sie gemeinsam mit ihrer Familie unternimmt. Dabei schwingt von Anfang an die Hoffnung mit, dass Hafsah auf dieser Reise das namenlose Etwas loswird, das von Klein auf an ihr hängt und dafür sorgt, dass sie sich fehl am Platz fühlt, dass sie mutlos und ungeschickt ist, dass sie nicht so funktioniert, wie sie es tun sollte. Ein Teil dieser Geschichte hat mich wütend gemacht, der Teil, in dem Hasfah versichert wird, dass dieses Etwas nur eine Teenager-Phase sei, dass sie nur brav genug, religiös genug sein müsse, um es loszuwerden. Hier und da hingegen gibt es kleine Hinweise darauf, dass sie in ihrer Schule zum Beispiel Unterstützung bekommt (auch wenn sie nicht in der Lage zu sein scheint, diese anzunehmen) und am Ende scheint das Mädchen durch die Pilgerfahrt immerhin den Mut gefunden zu haben, weiter gegen das sie begleitende Etwas anzukämpfen, nicht auf eine Art Wunderheilung zu hoffen, sondern darauf zu setzen, dass sie langfristig immer wieder die Oberhand über dieses Etwas bekommen kann.

7. Marieke Nijkamp: The Day the Dragon Came
„The Day the Dragon Came“ ist eine wunderschöne Geschichte, die in Gent spielt, die von einem Mädchen handelt, das die Stadt unbedingt verlassen will, von einem Zimmermann, der an dem größten Glockenturm der Stadt baut, und von einem Drachen, der darauf wartet, seine Position als Wächter der Stadt einzunehmen. So eine schöne Geschichte rund um die Blütezeit der Stadt, um Träume, um die Suche nach Zugehörigkeit und (etwas mehr als) Freundschaft.

8. Francisco X. Stork: Captain My Captain
„Captain, My Captain“ wird aus der Sicht von Alberto erzählt, der gemeinsam mit seiner Schwester Lupe und ihrem Baby Chato lebt und für Lupes Freund Wayne als Maler arbeitet. Seit ein paar Wochen hört Alberto die Stimme von Captain America in seinem Kopf, der ihm erzählt, dass er seine Familie verlassen und auf der Straße leben müsse, dass er frei und glücklich sein müsse – und so richtig sich das für Alberto anhört, so schwer fällt es ihm, Lupe zu verlassen. Ich muss gestehen, dass ich nach dem ersten Absatz ziemliche Angst um Alberto hatte und am Ende sehr froh bin, dass er (vermutlich) jemanden gefunden hat, der ihm zur Seite steht. Ich fand die Geschichte sehr berührend und sehr nachdenklich machend.

9. Dhonielle Clayton: Dear Nora James, You Know Nothing About Love
Ich muss zugeben, dass ich nicht so recht weiß, was ich am Ende von dieser Geschichte halten soll. Nora James‘ Leben wird von ihren Ängsten und ihren Magenproblemen bestimmt. Sie ist wütend auf ihren Vater, der ihre Mutter verlassen hat. Sie verbringt einen Großteil ihrer Freizeit damit, eine Beziehungs-Ratgeber-Kolumne zu schreiben, obwohl sie selbst noch nie in einer Beziehung oder gar verliebt war, und nun soll sie auch noch ihre beste Freundin zu einem Doppel-Date begleiten. Es gibt sehr viel glaubwürdige Elemente in dieser Geschichte, gerade rund um Noras Umgang mit ihrer Krankheit, und ich weiß, dass Kurzgeschichten nun mal ein offenes Ende haben, aber hier hatte ich am Schluss das Gefühl, mir fehlt eine Entwicklung, ein Zwischenhalt, ein kleine Ausblick auf Noras Zukunft – irgendetwas, das diese Geschichte für mich abrundet und dafür sorgt, dass ich Nora nicht nur als anstrengenden Teenager empfinde.

10. Fox Benwell: A Play in Many Parts
„A Play in Many Parts“ erzählt von E., von dem ersten Schritt mit einer Krücke in einen Bühnenraum, von dem Aufbau eines Stücks, von der Liebe zu Wörtern, von der Leidenschaft fürs Theater und von all dem, was es kostet, wenn man seine Seele für eine gelungene Aufführung gibt. Ich muss gestehen, dass ich durch die Erzählweise (teils Bühnenstück, teils die Gedanken von E.) etwas Probleme hatte in die Geschichte reinzukommen, am Ende haben mich aber die Intensität der erzählenden Person und die Vielschichtigkeit des Stücks gefangen genommen.

11. Kristine Wyllys: Ballad of Weary Daughters
Kristine Wyllys erzählt hier eine berührende Geschichte vom Funktionieren trotz psychischer Probleme, Extrastress und Medikamenten, die nicht richtig eingestellt sind, und von einer langjährigen Freundschaft, die der Protagonistin River als Anker in einer schweren Zeit dient. Ich mochte nicht nur die Sprache und die Charaktere, sondern auch, dass River trotz all ihrer Schwierigkeiten Verantwortung übernimmt und im Alltag gut genug funktioniert, obwohl es ihr so schwerfällt.

12. Keah Brown: Mother Nature’s Youngest Daughter
Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht von Millie, der jüngsten Tochter von Mutter Natur, die in der Schule gemobbt wird und so gern etwas dagegen unternehmen würde, aber nicht riskieren darf, dass jemand dahinterkommt, welche Fähigkeiten ihre Familie besitzt. Ich mochte diese Mischung aus Magie und Verantwortungsgefühl bei Millie, ebenso die Tatsache, dass sie sich am Ende doch an den Mädchen rächt, die ihr das Leben tagtäglich so schwer machen. Aber ich glaube, langfristig wird bei mir vor allem die Grundidee mit den magischen Kindern von Mutter Natur nachklingen, die fand ich hübsch und sie bietet so schön viel Urban-Fantasy-Potenzial. 😉

13. Corinne Duyvis: A Curse, A Kindness
Ich mochte diese Geschichte so sehr! Die Handlung wird erzählt aus der Sicht von Mia und Sienna, die vor einem Supermarkt ineinanderstolpern. Und weil Mia dabei nett zu Sienna ist, muss diese ihr drei Wünsche erfüllen. Corinne Duyvis bastelt aus der klassischen Dschinn-Grundidee eine süße (und nachdenklich machende) Liebesgeschichte, die ich rundum genossen habe. Ich mochte Mia in all ihrer Unsicherheit und ihrer Liebenswürdigkeit, und ich mochte Sienna mit all ihren Problemen und ihren Versuchen, sich vor weiteren negativen Erfahrungen zu schützen. Doch besonders hübsch fand ich die Lösung, die Mia am Ende für ihren dritten Wunsch fand, und welche Möglichkeiten sich daraus für die beiden Teenager ergaben.

Tupoka Ogette: exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen

Eigentlich hatte ich ja die Sachbuch-Challenge für dieses Jahr geplant, um mal meinen Sachbuch-SuB in Angriff zu nehmen, aber bevor ich das tun kann, musste ich erst einmal die aus der Bibliothek ausgeliehenen Bücher vor Ablauf der Ausleihzeit lesen. „exit RACISM“ von Tupoka Ogette hatte ich irgendwann im vergangenen Herbst vorgemerkt, und da so viele Menschen den Titel lesen wollten, hat es bis Ende Dezember gedauert, bis ich das Buch in die Finger bekam. Irgendwie finde ich es schön, dass sich so viele Personen mit diesem Thema auseinandersetzen. Denn auch wenn die meisten Menschen, die ich kenne, nicht bewusst rassistisch sind, sind wir doch alle mit einem allgemeinen Alltagsrassismus aufgewachsen, der es notwendig macht, dass wir immer wieder über unser Verhalten und unsere Vorurteile nachdenken.

Tupoka Ogette hat sich beim Schreiben von „exit RACISM“ an den von ihr durchgeführten Anti-Rassismus-Seminaren orientiert, was das Buch zu einer sehr guten Lektüre für Personen macht, die gerade anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Dabei startet sie mit einer Erklärung zum „Happyland“ – ein Begriff, den ein Seminarteilnehmer von ihr geprägt hat, als er sein Leben vor dem Anti-Rassismus-Seminar (als er sich dank seiner Ignoranz noch in einem „Happyland“ wähnte) mit seinem Leben danach verglich. Trotz seiner Kürze (das Buch umfasst gerade mal 130 Seiten) geht die Autorin mit „exit RACISM“ auf viele verschiedene Themen rund um Rassismus in Deutschland ein. Sie macht nicht nur deutlich, wo und wie Schwarze Personen und People of Color in Deutschland tagtäglich mit Rassismus konfrontiert werden, sondern auch, welche Folgen das für das Leben der von diesem Alltagsrassismus betroffenen Personen hat.

Dabei ist der Ton, den Tupoka Ogette verwendet, freundlich und sogar regelrecht verständnisvoll, sie wirft den Leser.innen den vorhandenen Rassimus nicht vor, sondern fordert dazu auf, das eigene Denken und Verhalten anhand der verschiedenen Fakten und geschilderten Situationen zu überdenken. Immer wieder gibt es Stellen in dem Buch, an denen Raum für diese Reflexionen geboten wird, an denen Fragen gestellt werden, die einen dazu bringen sollen, dass man seine eigenen Gefühle und Gedanken zu den eben gelesenen Passagen überdenkt. Dem vorangestellt wurden die fünf Phasen, die normalerweise ihre Seminarteilnehmer durchlaufen, wenn sie mit dem Thema Rassismus konfrontiert werden. Diese Phasen sind Happyland, Abwehr, Scham, Schuld und Anerkennung, so dass man jederzeit überprüfen kann, in welcher Phase man sich während des Lesens befindet.

Ergänzt werden viele der Kapitel durch QR-Codes, die einen mit der dementsprechenden App zu Videos bringen sollen, die Interviews oder Dokumente zeigen, die das jeweilige Thema vertiefen. Da ich leider kein Gerät besitze, mit dem ich die Codes hätte auslesen können, waren diese für mich nicht nutzbar. Ich habe allerdings ein paar der Videos durch die Nutzung der Suchmaschine finden können – habe mir aber nicht bei allen die Mühe gemacht, weil ich normalerweise den Laptop bewusst außer Reichweite halte, wenn ich lese, damit ich mich auf meine Lektüre konzentrieren kann. Die QR-Codes aber sind auf jeden Fall eine gute Möglichkeit für Menschen, die gern mehr als nur eine Zusammenfassung oder ein Zitat aus einer Dokumentation oder einem Interview sehen möchten, um einen intensiveren Eindruck zu bekommen. Insgesamt bietet „exit RACISM“ dem Leser ein gutes Fundament, um sich über die Geschichte des Rassismus in Deutschland und über die Auswirkungen von Rassismus (nicht nur für die Betroffenen) zu informieren, um über sein eigenes Verhalten nachzudenken und aktiv gegen den (häufig unbewussten) Alltagsrassismus in seinem eigenen Leben und seinem Umfeld angehen zu können.

Jordan Stratford: The Wollstonecraft Detective Agency 1 – The Case of the Missing Moonstone

Normalerweise bin ich nicht so glücklich, wenn ein Autor sich zu große Freiheiten bei der Verwendung historischer Persönlichkeiten nimmt, aber mit „The Case of the Missing Moonstone“ von Jordan Stratford habe ich mich zu gut amüsiert, um ihm diesen großzügigen (und vollkommen unkorrekten) Einsatz berühmter Figuren übelzunehmen. Dazu muss ich allerdings anfügen, dass Jordan Stratford sich die Mühe gemacht hat, die realen Daten und Fakten im Anhang aufzulisten und zu erklären, wieso er diese für seine Geschichte angepasst hat. Für die Geschichte im ersten Band der „Wollstonecraft Detective Agency“-Reihe muss man als Leser also hinnehmen, dass Lady Ada Byron (Ada Lovelace) und Mary Godwin (Mary Shelley) gerade mal drei Jahren Altersunterschied trennen (statt der realen 18 Jahre), und auch sonst gibt es einige unerwartete Elemente.

Zu Beginn des Romans lässt sich Jordan Stratford Zeit, die beiden Protagonistinnen Ada und Mary vorzustellen. Ada ist zu diesem Zeitpunkt nicht gerade zufrieden mit ihrem Leben, da ihre Gouvernante sie verlässt (unerklärlicherweise, um zu heiraten!) und sie zukünftig – gemeinsam mit einem ihr unbekannten Mädchen – von einem Hauslehrer unterrichtet werden soll. Von den intellektuellen Fähigkeiten dieses Percy Snagsby (von Ada nur Peebs genannt) ist die Elfjährige nicht gerade überzeugt, und sowieso reicht es ihr, wenn man ihr aktuelle Sachbücher zu den Wissensgebieten zur Verfügung stellt, die sie interessieren. Die vierzehnjährige Mary hingegen freut sich sehr über diese einmalige Möglichkeit, durch einen Hauslehrer unterrichtet zu werden, auch wenn es eine Weile dauert, bis sie dahinterkommt, wie man am Besten mit Adas zahlreichen Eigenarten umgehen muss.

Je besser sich die beiden Mädchen kennenlernen, desto mehr stellen sie fest, dass sie sich in ihrer Gegensätzlichkeit gut ergänzen, was darauf hinausläuft, dass sie zusammen die „Wollstonecraft Detective Agency“ gründen. Für Ada ist dies die Möglichkeit, ihren Intellekt unter Beweis zu stellen, während Mary von der Aussicht auf Abenteuer gelockt wird. Beiden ist natürlich bewusst, dass sie als junge Damen der Gesellschaft nicht jeden Fall annehmen können, doch als in einem der benachbarten Herrenhäuser ein Schmuckstück gestohlen wird, scheint der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein, sich an ihren ersten Kriminalfall zu wagen. Passend zur Zielgruppe (ab acht Jahren) ist die Geschichte weder blutig noch besonders aufregend, dafür gibt es sehr viele amüsante Momente, die sich um Adas Eigenheiten drehen oder um all die kleinen Geheimnisse, die viele der Charaktere haben. Was aber vor allem heraussticht, ist eine Liebe zu Wissen und Wissenschaft, die sich nicht nur in Adas Begeisterung für Erfindungen widerspiegelt, sondern auch in all den kleinen Szenen mit „Rechenmaschinen“, seltsamen „unsichtbaren“ Jungen in der Kutsche oder eben auch in den Elementen, die zur Lösung des Falls entscheidend sind.

Jordan Stratford bietet eine verspielte und ungewöhnliche Sicht auf Mathematik, Physik und Chemie, und er fordert den Leser mit Wörtern, die theoretisch zu schwierig für die Altersgruppe sind, aber so beiläufig von Ada und Mary erklärt und verwendet werden, dass es Spaß macht, ihre Freude beim Kennenlernen neuer Wörter zu verfolgen. Ich persönlich mag normalerweise keine „lehrhaften“ Kinderbücher (wenn ich nicht gerade bewusst zu einem Sachbuch greife), aber ich habe mich bei „The Case of the Missing Moonstone“ großartig unterhalten gefühlt, während Ada über Schießpulver für ihre Peebs-Kanone nachdachte, Mary gemeinsam mit Charles Dickens (!) in einem Zeitungsarchiv Nachforschungen anstellte oder die beiden Mädchen eine lebensgefährliche Begegnung mit dem ersten pferdegezogenen britischen Omnibus hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich als Kind nicht nur viel Spaß mit der Handlung gehabt hätte, sondern dass auch die diversen Hinweise auf historische Figuren, Literaturklassiker und Ähnliches dafür gesorgt hätten, dass ich mehr über die verschiedenen Gebiete hätte erfahren wollen. Bei mir hat das Lesen dieses Romans aber vor allem dazu geführt, dass ich große Lust auf weitere Geschichten mit Ada und Mary habe.

Darcie Wilde: A Useful Woman (Rosalind Thorne Mystery 1)

Über einen Mangel an Cozies, die in den 1920er oder 1930er Jahren spielen, kann ich mich ja nicht beschweren, aber ab und an sehne ich mich nach gemütlichen Kriminalromanen, die zu anderen Zeiten spielen. Bei „A Useful Woman“ muss ich gestehen, dass ich zuerst auf das Cover aufmerksam geworden bin und dann erst feststellte, dass die Reihe um 1817 spielt. Im Prolog bekommt man einen ersten Eindruck vom Familienleben der Protagonistin Rosalind Thorne und muss miterleben, wie ihr Vater sich gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Charlotte aus dem Staub macht, weil er seine Gläubiger fürchtet. Rosalind und ihre Mutter hingegen bleiben zurück und müssen irgendwie mit den Auswirkungen dieser Flucht fertig werden. Fünf Jahre später spielt Rosalind eine ungewöhnliche und sehr diskrete Rolle in der Gesellschaft, indem sie den diversen Ladys zur Seite steht, wenn diese besonders aufwändige Pläne verwirklichen wollen. In der Regel bestehen diese Pläne nur aus der Ausrichtung eines großen Festes oder ähnlich harmloser Ereignisse, aber manchmal gehört zu Rosalinds Aufgabe auch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen oder einer Person Ratschläge zu geben, wie diese eine gesellschaftliche Katastrophe abwenden könnte.

Nachdem Rosalind ihre Tätigkeit anfangs aus dem Anwesen ihrer Patentante Lady Blanchard heraus ausgeübt hat, ist sie vor einem Jahr in ein eigenes kleines Haus in London gezogen, was ihre finanzielle Situation etwas angespannt sein lässt. So scheint das überaus großzügige Angebot von Lady Edmund Aimesworth, die nicht nur eine jährliche Apanage, sondern auch lebenslanges Wohnrecht in einem ihrer Häuser in Aussicht stellt, für die junge Frau unwiderstehlich zu sein. Um diese begehrlichen Dinge zu erlangen, muss Rosalind es nur schaffen, Lady Aimesworth zu einer Position als Patronesse bei Almack’s zu verhelfen, Doch dann wird ihr Sohn Jasper Aimesworth ermordet im Ballsall von Almack’s aufgefunden. Für Rosalind stellt sich nun die Frage, welche der Personen, die an diesem Tag unerwarteterweise im Gebäude anwesend waren, für den Tod des jungen Mannes verantwortlich sein könnte, und was im Hause Aimesworth vorgeht, vor dem Jasper sie vor seinem Tod warnen wollte.

Diese Beschreibung klingt jetzt etwas dramatischer, als die Geschichte wirklich ist, aber gerade die ruhige Erzählweise und all die kleinen Details, die Rosalinds Alltag als „diskrete Helferin der Damen der Gesellschaft“ ausmachen, mochte ich an diesem Roman wirklich. Rosalind hat nach der Flucht ihres Vaters dank ihrer Patentante Lady Blanchard ihre Stellung in der Gesellschaft halten können, und all ihr Verhalten ist seitdem davon bestimmt, diese Position nicht zu verlieren. Auf der anderen Seite hat sie durch ihr Engagement für die diversen Ladys in den vergangenen Jahren Einblicke in die Ecken der verschiedenen Adelsfamilien bekommen, über die normalerweise ein Mantel des Schweigens gehüllt wird. Ebenso hat sie – auch dank ihrer Haushälterin Mrs. Kendricks – Kontakte in die Dienstbotenkreise, aus denen sie Informationen erhält, die ihr bei ihrer Arbeit hilfreich sind. So ist es kein Wunder, dass Principal Officer Adam Harkness von Anfang an der Meinung ist, dass Rosalind und ihre Beziehungen nützlich für ihn sind, während er versucht, mehr über das Ableben von Jasper herauszufinden.

Wobei ich anmerken muss, dass sich Adam Harkness auch sonst zu Rosalind hingezogen fühlt, während diese noch immer Gefühle für (ihren ehemaligen Beinah-Verlobten) Lord Casselmaine hegt. Während ich normalerweise Dreiecks-Geschichten nicht so sehr mag, fand ich hier auch diesen Teil der Handlung stimmig gemacht. Erst einmal nimmt der „Beziehungsteil“ nicht so großen Raum ein, und dann ist es für Rosalinds Entwicklung im Laufe von „A Useful Woman“ wichtig, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit (und somit mit ihrem Verhältnis zu Lord Casselmaine) ebenso auseinandersetzt wie mit der Frage, was in Zukunft aus ihr werden soll. Ich mochte es sehr, dass Darcie Wilde es schaffte, dass Rosalind und ihre von Regeln beherrschte Gesellschaft stimmig und mit all den kleinen und größeren Geheimnissen, die hinter den perfekten Fassaden schlummern, dargestellt wurde. Durch Rosalinds Perspektive hingegen konnte man sehr gut verstehen, wieso es ihr so wichtig ist, dass sie diese (häufig unausgesprochenen) Regeln als Halt für ihr Benehmen und ihren Auftritt hat. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Szenen, in denen deutlich wird, dass dieser Halt trügerisch ist und dass gerade die Frauen zu dieser Zeit ohne eigenes Verschulden sehr hohen Risiken ausgesetzt waren.

Was mich zu den großartigen Nebenfiguren führt, die neben Rosalind so viel zur Atmosphäre von „A Useful Woman“ beigetragen haben. So ist Rosalind seit vielen Jahren mit Alice Littlefield befreundet, die nach dem Tod ihrer Eltern zusammen mit ihrem Bruder in einer kleinen Wohnung lebt und als Journalistin ihren Lebensunterhalt bestreitet. Obwohl Alice in derselben Schicht aufgewachsen ist wie Rosalind, hat sie scheinbar mühelos den Schritt in die (finanzielle) Unabhängigkeit gewagt, obwohl das bedeutete, dass sie nie wieder ihren Weg zurück in die Gesellschaft finden kann. Honoria Aimesworth hingegen, die Tochter von Lady Edmund Aimesworth und Jaspers Schwester, gehört zur Gesellschaft, auch wenn sie von den meisten Personen als exzentrisch angesehen wird. Doch trotz ihres Selbstbewusstseins und ihrer direkten Art wird schon früh deutlich, wie wenig sie von ihrer Schicht hält und wie verzweifelt sie eine Möglichkeit sucht, sich ein anderes Leben aufzubauen.

Bei all diesen Elementen wird der Kriminalfall ein wenig in den Hintergrund gerückt, was ich aber nicht schlimm fand, da die Frage nach Jaspers Tod und die Folgen, die dieser für die verschiedenen Personen hatte, trotzdem immer im Raum steht. Außerdem gibt es immer wieder kleine Hinweise auf die Auflösung in all den Szenen, die Rosalind beobachtet, und in den Gesprächen, die sie mit anderen Personen führt. So schrecklich überraschend waren die Motive der beteiligten Personen also am Ende nicht, ebensowenig wie die Identität des Mörders, aber Darcie Wilde ist es trotzdem gelungen, dass ich auf die Auflösung hinfieberte und am Ende aus mehreren Gründen um Rosalind (und ihre Freunde) bangte. Nachdem ich keine großen Erwartungen in „A Useful Woman“ gesetzt hatte und nur nach einer neuen netten Krimireihe suchte, war ich ziemlich überrascht, wie viel Spaß ich mit dem Roman hatte und wie sehr mir die verschiedenen Figuren ans Herz gewachsen waren – nur gut, dass es noch zwei weitere Rosalind-Thorne-Bände gibt, so dass ich noch ein paar Lesestunden mit ihr vor mir habe.

Susannah Stapleton: The Adventures of Maud West, Lady Detective

„The Adventures of Maud West, Lady Detective – Secrets and Lies in the Golden Age of Crime“ hatte ich schon im Juli 2019 angefangen, aber obwohl die ersten Kapitel ungemein faszinierend waren, hat mich dann das Sommerwetter wieder dazu gezwungen, meine (gedruckten) Bücher zur Seite zu legen. Als ich mir im Oktober dann vornahm, meine angefangenen Sachbücher bis zum Jahresende zu beenden, hatte ich mir dieses Buch als krönenden Abschluss für mein Sachbuchlesen 2019 aufgehoben. Denn auf der einen Seite habe ich mich sehr darauf gefreut, das Buch weiterzulesen, und auf der anderen Seite begann das Ganze für die Historikerin Susannah Stapleton während eines Weihnachtsurlaubs, was doch irgendwie ganz passend war. Damals kam für sie die Frage auf, ob es zu Zeiten von Agatha Christie oder Dorothy Sayers eigentlich reale Privatdetektivinnen gegeben hatte, und wenn ja, wieso man heutzutage nichts mehr über diese Frauen weiß. Bei einer flüchtigen Online-Recherche stieß sie dann auf den Namen von Maud West, und auch wenn diese (entgegen diverser Zeitungsartikel zu ihrer Zeit) nicht die einzige Privatdetektivin in Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, so scheint sie doch eine der faszinierendsten Frauen in diesem Gewerbe gewesen zu sein.

Das Lesen von „The Adventures of Maud West, Lady Detective“ hat mir ungemein viel Spaß gemacht, weil man nicht nur den häufig beschwerlichen Weg nachvollziehen kann, den Susannah Stapleton bei ihren Recherchen gehen musste, sondern die Autorin mit Maud West auch über eine wirklich interessante Persönlichkeit gestolpert ist. Obwohl ihr Name heutzutage vollkommen unbekannt ist, gab es so einiges an Material für die Historikerin zu finden, als sie erst einmal mit der Suche anfing. Doch schnell musste sie feststellen, dass all die vielen Artikel, die sie aus den 1920er und 1930er Jahren in Zeitungsarchiven auf der ganzen Welt gespeichert fand, entweder von Maud West selbst geschrieben worden waren oder auf Interviews mit ihr basierten. Dabei hat sich die Privatdetektivin bei den vielen Erlebnissen, die ihr angeblich bei ihrer Arbeit passiert sind, anscheinend von Autoren wie Edgar Wallace oder ähnlichen „Groschenromanschreibern“ beeinflussen lassen. Denn Susannah Stapleton hat bei ihrer weiteren Recherche nicht nur feststellen müssen, dass es keine Belege für all diese abenteuerlichen Geschichten gab, sondern auch, dass sich Maud West im Laufe der Jahre regelmäßig selbst widersprach.

Doch diese Widersprüche lassen einen als Leser nur noch neugieriger auf die geheimnisvolle Privatdetektivin werden, was es umso spanneder macht zu verfolgen, wie sich die Autorin der Person Maud West angenähert hat und wie sie am Ende nicht nur überraschend viele Daten zusammengetragen hat, sondern einem auch ein glaubwürdiges und faszinierendes Bild einer ungewöhnlichen und beruflich erfolgreichen Frau vermittelt. Einige Elemente in diesem Sachbuch basieren auf reinen Vermutungen von Susannah Stapleton, aber das finde ich nicht schlimm, da man dank des Aufbaus des Buchs genau nachvollziehen kann, welche Recherchen und Gedanken hinter solchen Passagen stecken und welchen Teil davon die Autorin belegen kann und welchen nicht. So muss ich auch Tage später immer noch über die fiktive Schlagzeile „Maud West – The Woman Who Failed To Catch Crippen“ schmunzeln – auch wenn nur die Tatsache, dass Dr. Crippen, die Music Hall Ladiess Guild (der Dr. Crippens ermordete Frau angehörte) und Maud West im selben Gebäude ihre Büros hatten, sowie eine Bemerkung eines Mitglieds der Ladies Guild darauf verweist, dass sie erst „a private detective“ engagiert hatten, bevor sie zur Polizei gingen, überhaupt eine Verbindung zwischen dem Crippen-Fall und Maud West knüpfen.

Da sich die Suche nach Fakten über Maud West so schwierig gestaltete, driftet Susannah Stapleton in „The Adventures of Maud West, Lady Detective“ immer wieder in Bereiche ab, die nur am Rande mit der Privatdetektivin zu tun haben. Doch diese Abschweifungen empfand ich als ebenso faszinierend wie die Passagen, die sich direkt um Maud West drehten, weil es so viele Informationen über (zum Teil wirklich absurde) Kriminalfälle gab oder Details zum alltäglichen Leben in London Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich muss gestehen, dass ich mich so gut beim Lesen amüsiert habe, dass ich meinen Mann ganze Seiten vorgelesen habe. Allerdings scheint er mir das bei diesem Buch auch erstaunlich wenig übel genommen zu haben, obwohl ich ihn damit bei seinen eigenen Beschäftigungen gestört habe. 😉 Als einzigen Kritikpunkt könnte ich nach dem Lesen von „The Adventures of Maud West, Lady Detective“ vielleicht noch anmerken, dass Susannah Stapleton bei einigen Entdeckungen rund um Maud Wests Privatleben mehr in die ungeklärten Elemente hineininterpretierte, als ich es getan hätte. Aber dieser Punkt hat mich beim Lesen definitiv nicht gestört, sondern eher dafür gesorgt, dass ich mich über all die Fragen amüsiert habe, die der Autorin nach so einem neuen Informationsfund eingefallen waren, und darüber, dass diese häufig zu neuen faszinierenden Fakten rund um Maud West geführt haben.

Jessica Townsend: Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow

Es kommt selten vor, dass ich mich erst in ein Cover verliebe und dann in die Geschichte dahinter, aber bei „Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ war das der Fall (wobei ich dazu sagen muss, dass ich die englischsprachige Ausgabe gekauft habe, bei der man Menschen mit bunten Regenschirmen von einem Dach springen sieht). Jessica Townsend lässt ihren Roman recht deprimierend beginnen, denn zuerst lernt man Morrigan Crow kennen, wie sie als verfluchtes Kind für all die großen und kleinen Unglücke verantwortlich gemacht wird, die in den vergangenen Tagen in ihrer Gegend passiert sind. Sie ist eins von vier Kindern, das aufgrund seines Eventide-Geburtstags verflucht ist. Dass diese Flüche regelmäßig vorkommende und ernstzunehmende Ereignisse in den vier Staaten der „Wintersea Republic“ sind, kann man schon daran sehen, dass es ein seperates Ministerium für alle Angelegenheiten rund um diese Kinder gibt und dass Morrigan (und die anderen drei) nicht nur regelmäßig von einer Beamtin betreut werden, sondern es auch eine Regelung für Schadenersatzforderungen gibt, so dass Morrigans Vater für die finanziellen Probleme, die seine Tochter verursacht, einstehen muss.

Schon früh wird deutlich, dass Morrigans Vater kaum noch den Tag erwarten kann, an dem seine Tochter elf Jahre alt wird – und verstirbt. Doch zu Morrigans großer Überraschung bekommt sie von dem ungewöhnlichen Jupiter North das Angebot für eine Aufnahme der „Wundrous Society“ zu kandidieren. Obwohl sie noch nie von dieser Society gehört hat, ergreift sie natürlich diese Chance – bedeutet dies doch auch, dass sie ihrem vermeintlich sicheren Tod entgehen kann. In den folgenden Wochen lernt Morrigan nicht nur Nevermoor, den geheimen fünften Staat der Republik, kennen, sondern auch all die wunderbaren, großartigen und gefährlichen Dinge, die mit einer eventuellen Aufnahme in die Wundrous Society einhergehen. So muss Morrigan im Laufe des folgenden Jahres vier verschiedene Prüfungen bestehen, wobei jedes Versagen bedeuten würde, dass sie des Staates verwiesen und somit sterben würde. Für Morrigan sind all diese Monate in Nevermoor, in denen sie versucht, Teil der Wundrous Society zu werden und das rätselhafte Verhalten ihres Mentors Jupiter North zu verstehen, sehr aufreibend und gefährlich, aber sie bieten auch viele großartige Momente, neue Freunde und so viele kleine Dinge, die ich beim Lesen einfach geliebt habe!

„Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ gehört zu den wenigen Büchern, die mir so gut gefallen haben, dass ich das Lesen regelrecht hinausgezögert habe, weil ich nicht wollte, dass die Geschichte so schnell endet. Ich mochte Morrigan, die trotz allem, was sie in ihren ersten elf Lebensjahren erlebt hat, versucht, offen und hilfsbereit zu sein, wobei sie alles andere als sanft ist und sich ohne Bedenken in ein (Wort-)Gefecht stürzt, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Es gibt so viele großartige Charaktere in diesem Roman wie die Sängerin mit den sechs Verehrern (am Sonntag benötigt sie dann doch ihre Ruhe vor den Männern), Fen, eine Magnificat und Hausdame in einem der besten Hotels Nevermoors, Hawthorne, der Chaos-verbreitende angehende Drachenreiter, und natürlich Jupiter North, der sehr, sehr viel sieht und sehr wenig verrät. Ich mochte all diese Figuren in ihrer Exzentrik, mit ihren Ecken und Kanten und selbst bei den unsympathischen Charakteren habe ich mich über ein Wiedersehen gefreut, denn in der Regel bedeutete das, dass da gleich ein paar Szenen kommen würden, über die ich mich wunderbar amüsieren konnte.

Meine große Liebe gilt aber dem Hotel Deucalion, weil man mich mit liebevollen Beschreibungen von Häusern, die über ihre eigene Magie verfügen, einfach immer packen kann, sowie der Erzählweise von Jessica Townsend und all den großartigen fantastischen Details, die das Leben in Nevermoor ausmachen. Ich muss zugeben, dass es hier und da kleine Unstimmigkeiten gibt, wenn die Autorin zum Beispiel Elemente einfließen lässt, die es in unserer realen Welt gibt und die mir unpassend für Morrigans Welt zu sein scheinen, aber grundsätzlich habe ich den Roman rundum genießen können. Es kommt selten vor, dass mich eine Geschichte so oft überraschen kann, wobei ich es mochte, dass Morrigan zwar regelmäßig in Gefahr schwebt, man sich beim Lesen aber trotzdem die ganze Zeit so gut aufgehoben gefühlt hat. Aktuell habe ich ein großes Bedürfnis nach Wohlfühlbüchern und ich freu mich schon jetzt darauf, mehr über Morrigan und ihre Abenteuer in Nevermoor zu lesen (weshalb ich den zweiten Band, „Wundersmith – The Calling of Morrigan Crow“ direkt nach dem Lesen dieses Romans bei meinem Buchhändler geordert habe). Nur die Tatsache, dass es bis zum Erscheinen des dritten Bandes noch acht Monate sind, hat mich davon abgehalten, auch noch diesen Teil der Reihe zu bestellen.

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!

Da ich immer wieder an den Youtube-Videos von Mai Thi Nguyen-Kim hängenbleibe, habe ich mir vor einigen Wochen ihr Buch „Komisch, alles chemisch! Handys, Kaffee, Emotionen – wie man mit Chemie wirklich alles erklären kann“ vorgemerkt, um zu schauen, ob ich sie in Buchform ebenso informativ und unterhaltsam finde. Vorweg kann ich schon mal eins sagen: Informativ ist das Buch, aber nicht ganz so unterhaltsam wie die Videos – was natürlich auch an den unterschiedlichen Möglichkeiten der verschiedenen Medien liegt und Mais stakkatoartige Sprechweise wirkt für mich besser, als wenn ich einen vergleichbaren Text lese.

Die Autorin hangelt sich in „Komisch, alles chemisch!“ an ihrem persönlichen Tagesablauf entlang, um auf die vielen kleinen und großen alltäglichen Dinge aufmerksam zu machen, bei denen wir mit Chemie zu tun haben, ohne dass es uns in der Regel bewusst ist (oder zumindest ohne dass wir normalerweise darüber nachdenken, welche chemischen Abläufe da gerade passieren). Für mich hätte es diesen persönlichen roten Faden durchs Buch nicht benötigt – vor allem, da der eine oder andere Übergang, ebenso wie einige der Beispiele, doch etwas sehr bemüht wirken. Aber insgesamt sorgt diese „Geschichte“, die die verschiedenen Elemente miteinander verbindet, dafür, dass sich „Komisch, alles chemisch!“ trotz einer Flut von Informationen gut und flüssig lesen lässt (was man ja leider nicht so oft von deutschen Sachbüchern sagen kann).

Ein bisschen habe ich mich beim Lesen gefragt, für wen das Buch eigentlich gedacht ist, weil es – aufgrund der Vielfältigkeit der verschiedenen Beispiele von „Alltagschemie“ – viele Themen nur flüchtig streifen kann. Das hat bei mir angenehmerweise dafür gesorgt, dass ich mir erstaunlich schlau vorkam, weil ich feststellen durfte, dass ich beim Lesen überraschend viel Schulwissen (Chemie war bei mir Abi-Pflichtfach) abrufen konnte, obwohl ich mich damit in den vergangenen Jahrzehnten nicht gezielt beschäftigt habe. Am Ende würde ich sagen, dass „Komisch, alles chemisch!“ eine Art Speed-Dating mit der Chemie ist für Leute, die bislang noch nicht viel mit dem Thema zu tun hatten. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass Mai Thi Nguyen-Kim damit bei dem einen oder anderen Leser, der Chemie bislang abschreckend oder uninteressant fand, Neugier geweckt hat – und das ist schließlich genau das, was sie mit diesem Buch und ihren Videos beabsichtigt.

Erika Fatland: Die Grenze – Eine Reise rund um Russland …

… durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage. Über „Die Grenze“ von Erika Fatland bin ich bei Helma gestolpert, die das Buch erst auf Twitter und später in ihrem Blog so sehr gelobt hatte, dass ich es spontan in der Bibliothek vorgemerkte. Die Autorin beginnt ihren Reisebericht mit der – im Vergleich zu den restlichen Erlebnissen – überraschend entspannten Seefahrt entlang der Nordostpassage, und schon hier hat mich die Erzählweise der Autorin gut unterhalten. Erika Fatland hat ein Händchen dafür, ihre Reiseerlebnisse inkusive diverser Anekdoten zu den verschiedenen Menschen, denen sie während der Reihe begegnet, mit einer gut lesbaren Zusammenfassung der Historie einer Region zu vermischen. So lernt man nicht nur Land und Leute durch die Augen der Autorin kennen, sondern kann die verschiedenen Erlebnisse auch in einen Zusammenhang mit der Geschichte und der aktuellen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation der jeweiligen Region bringen.

Das Buch wurde von Erika Fatland in vier Abschnitte („Das Meer“, „Asien“, „Kaukasus“ und „Europa“) unterteilt, wobei die Autorin den letzten Teil ihrer Reise – die Reise entlang der Nordostpassage – als Einleitung ihres Berichts gewählt hat. Doch egal in welchem Gebiet entlang der russischen Grenze sich der Leser mit Erika Fatland bewegt, immer wird deutlich, wie sehr sich diese Grenze im Laufe der Zeit verschoben hat, wie groß Russlands Einfluss auf die Nachbarländer in den vergangenen Jahrhunderten war und wie wenig sich doch daran in den vergangenen Jahren geändert hat, auch wenn es die UdSSR schon lange nicht mehr gibt. Dabei muss man sich nicht einmal ein so gravierendes Beispiel wie die Ereignisse in den letzten Jahren auf der Krim-Halbinsel vor Augen führen. Auch ohne den Einsatz von Soldaten gibt es in „Die Grenze“ viele Beispiele, wie Russland auch heute noch die Länder auf der anderen Seite der Grenze durch seine wirtschaftliche oder politische Macht beeinflusst.

Ich muss gestehen, dass ich erwartet hatte, dass ich den asiatischen Teil des Reiseberichts am spannendsten finden würde, weil ich in der Region nicht besonders bewandert bin, wenn es um die Geschichte der verschiedenen Länder geht. Aber am Ende gibt es eigentlich kein Kapitel, das ich weniger spannend fand als die anderen. Selbst rund um Nordkorea – wo man einfach eingestehen muss, dass jede Person, die jemals in Pjöngjang gewesen ist, dasselbe zu erzählen hat – gab es in „Die Grenze“ so einiges Neues für mich zu entdecken, weil es der Autorin gelungen ist, in Gebiete außerhalb der Hauptstadt zu fahren und diese Erlebnisse dann in ihrem Bericht geschickt mit den historischen Ereignissen zu verknüpfen. Es war wirklich spannend, die verschiedenen Länder zu entdecken und dabei die ganze Zeit die Frage nach ihrer Verbindung zu Russland im Hinterkopf zu halten. Außerdem hat es mir (obwohl einige Berichte wirklich erschütternd waren) viel Freude gemacht, all die verschiedenen Menschen kennenzulernen, denen Erika Fatland während ihrer Reise begegnet ist und die einen Platz in diesem Buch bekommen haben.

Auch wenn ich nach dem Lesen ein wenig überfordert war mit all den Daten und Fakten über die Geschichte dieser vielen verschiedenen Länder, so gibt es doch viele Details und Personen, die einen bleibenen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Schuld daran ist die wirklich flüssige und nachvollziehbare Erzählweise von Erika Fatland, der es gelungen ist, einen persönlichen Blick auf all die Menschen, Städte und Landschaften zu werfen, ohne mir als Leser dabei das Gefühl zu geben, sie würde mir ihre Sicht aufdrängen. Selbst bei den Passagen, in denen deutlich wird, dass sie überfordert und übermüdet war und nicht glücklich mit ihrem aktuellen Aufenthaltsort, gelingt es ihr, nicht nörgelig zu klingen, sondern genügend Abstand zu diesem Punkt der Reise aufzubauen, um deutlich zu machen, dass ein Teil dieses Eindrucks eben aufgrund ihrer Verfassung entstanden sein könnte. Ich bin wirklich begeistert von Erika Fatlands Art, ihre Reiseerlebnisse mit der Geschichte der jeweiligen Region zu verbinden und dem Leser so einen (groben) historischen Überblick und gleichzeitig einen persönlichen Blick auf die vielen Länder entlang der russischen Grenze zu bieten. Und weil ich so angetan von „Die Grenze“ war, habe ich gleich noch „Sowjetistan“ von der Autorin in der Bibliothek vorgemerkt, obwohl ich mich im kommenden Jahr doch eigentlich auf die Sachbücher von meinem SuB konzentrieren wollte.

Ellen Oh und Elsie Chapman (Hrsg.): A Thousand Beginnings and Endings (Anthologie)

„A Thousand Beginnings and Endings“ ist eine Anthologie, die fünfzehn Neuerzählungen von asiatischen Märchen und Legenden beinhaltet, geschrieben von fünfzehn Autorinnen und Autoren unterschiedlicher asiatischer Herkunft. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen Ellen Oh und Elsie Chapman, dass sie als Kinder Bücher über griechische Mythologie sehr geliebt haben, aber ihnen im Laufe der Zeit auffiel, dass es nichts Vergleichbares für den asiatischen Raum gibt. Wenn asiatische Legenden in Büchern zu finden waren, dann weil sie von nicht-asiatischen Autoren wiedererzählt wurden – und diesen Nacherzählungen fehlte in ihren Augen ein ganz besonderes Element. Jedem einzelnen Beitrag folgt ein Nachwort, in dem die Legende, auf der die Geschichte basiert, vorgestellt wird, und es wird berichtet, welcher Aspekt daraus für die Handlung aufgegriffen wurde.

Roshani Chokshi: Forbitten Fruit
Mit „Forbitten Fruit“ erzählt Roshani Chokshi ihre eigene Version der Geschichte rund um Maria Makiling, die der Schutzgeist des filipinischen Mount Makiling sein soll. Roshani Chokshis Variante der Legenden ist eine bittersüße Liebesgeschichte, in der ein Berg sein Herz an einen Menschen verliert. Ich mochte die Geschichte sehr, – gerade weil ich mir wünschte, dass sie am Ende anders ausgehen würde – allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin sehr weit vom Original entfernt hätte. Die Handlung ist eigentlich sehr vorhersehbar und der Ton sehr märchenhaft. Letzteres gefällt mir eigentlich, aber es gibt dem Kern der Geschichte keine neuen Impulse.

Alyssa Wong: Olivia’s Table
Die Kurzgeschichte „Olivia’s Table“ von Alyssa Wong hat mir sehr gut gefallen (ich muss mal schauen, was die Autorin noch so geschrieben hat). In der Geschichte wird das chinesische Yu Lan (Hungry Ghost Festival – keine Ahnung, wie das auf Deutsch genannt wird) aufgegriffen, wobei Olivia eine chinesische Amerikanerin ist, die nach dem Tod ihrer Mutter deren Rolle als „Exorzistin“ übernimmt und in einer alten Minenstadt für die Geister ein Festmahl ausrichtet. Während das örtliche Hotel Olivia eher für ein Touristen-Spektakel engagiert hat, geht es ihr darum, die Vorfahren zu ehren und sie auch nach dem Tod noch mit gutem Essen glücklich zu machen. Und wenn das dazu führt, dass sie Ruhe und Frieden finden, dann ist es gut so. Ich mochte die Geschichte sehr, weil es nicht nur schön diese chinesische Tradition beschreibt, sondern auch Olivias eigenen Weg, um mit dem Tod ihrer Mutter fertig zu werden, und ihre Suche nach einen Platz im Leben.

Lori M. Lee: Steel Skin
Lori M. Lee greift in „Steel Skin“ eine Geschichte der Hmong (und zwar „The Woman and the Tiger“) auf und erzählt eine SF-Handlung, in der die fünfzehnjährige Protagonistin Yer vor einem Jahr bei einem Aufstand der Androiden ihre Mutter verloren hat. Ihr Vater ist seitdem nicht mehr derselbe, er ist verschlossen, antriebslos und abweisend, obwohl Yer ihn nun mehr den je benötigt. Richtig unheimlich wird es, als er nach einer Reise zurückkommt und sich noch weniger als zuvor um Yer kümmert, bis in ihr der Verdacht aufkommt, dass die Person, mit der sie zusammenlebt, nicht mehr ihr Vater ist … Ich mochte die Geschichte sehr, sie ist voller Wut und Trauer, Freundschaft und Vertrauen und präsentiert ein wirklich überraschendes und cooles Ende.

Sona Charaipotra: Still Star-Crossed
In „Still Star-Crossed“ hat sich Sona Charaipotra von der Geschichte von „Mirza und Sahiba“ inspirieren lassen und sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn diese beiden legendären Figuren heutzutage aufeinanderträfen. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob mir die Geschichte gefällt. Auf der einen Seite mag ich die Protagonistin Taara, auf der anderen Seite finde ich Nick, der sich sicher ist, dass er Taara (wiederer)kennt, etwas zu übergriffig, zu selbstsicher, zu stalkend. Dann wieder finde ich die Wendung am Ende hübsch, bei der Taaras Mutter Amrita von ihrer ersten Liebe erzählt und davon, was damals passiert ist …

Aliette de Bodard: The Counting of Vermillion Beads
In „The Counting of Vermillion Beads“ greift Aliette de Bodard das Grundthema des vietnamesischen Märchens „Tấm Cám“ (in dem es um die Beziehung zweier Schwestern zueinander geht) auf. Doch statt eine Geschichte voller Eifersucht, Mord und Wiedergeburt zu erzählen, bekommt der Leser hier mit Tam und Cam zwei Schwestern präsentiert, die einander nicht besonders ähnlich sind, aber aneinander hängen, aneinander denken und sich gegenseitig stützen – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so zu sein scheint. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich etwas brauchte, um in die Handlung hineinzufinden (aber so geht es mir eigentlich immer bei Texten von Aliette de Bodard).

E.C. Myers: The Land of the Morning Calm
Oh, ich mochte diese Geschichte wirklich! Der Autor erzählt die Handlung aus der Sicht von Sun Moon, deren Mutter vor fünf Jahren starb und deren Großvater fest davon überzeugt ist, er hätte in den letzten Wochen regelmäßig den Geist seiner verstorbenen Tochter gesehen. Mir gefiel diese Mischung aus Geistergeschichte, Online-Rollenspiel (das in einem historischen Korea spielt, in dem sich die Charaktere in Tiere verwandeln können,) und Trauerbewältigung wirklich gut, auch wenn ein paar Wendungen nicht gerade überraschend kamen.

Aisha Saeed: The Smile
Mit „The Smile“ greift Aisha Saeed die Legende von Anarkali auf, der Geliebten eines Prinzen, deren Lächeln dem König verriet, dass sein Sohn ein Verhältnis mit ihr hat. Hier aber wird die Handlung von Naseem erzählt, die offiziell die Konkubine des Prinzen Kareem ist und der erst im Laufe der Zeit bewusst wird, was es bedeutet, dass sie dem Prinzen gehört. Ich mochte nicht nur Naseems Blick auf ihre Position als Konkubine, sondern auch die Nebencharaktere in der Geschichte sehr.

Preeti Chhibber: Girls Who Twirl and Other Dangers
Preeti Chhibber hat das Hinduistische Fest Navrātri in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt und drei Freundinnen, die – wie die Göttin Durgā – für das Gute kämpfen. Nur dass Nirali, Jessica und Jaya bei der Wahl ihres Gegners kein solch gutes Händchen haben wie die Göttin. Ich fand die Geschichte nicht nur sehr unterhaltsam, ich habe es auch genossen von der Freundschaft der drei Mädchen zu lesen und von dem Fest, bei dem eine große indischstämmige Gemeinschaft mit Tanz und Essen zusammen feiert.

Renée Ahdieh: Nothing into All
„Nothing into All“ basiert auf dem koreanischen Märchen „The Goblin Treasure“, das Renée Ahdieh als Kind regelmäßig vorgelesen bekam. So ist es kein Wunder, dass die Geschichte selbst auch sehr märchenhaft von den Geschwistern Charan und Chun erzählt, die sich seit Jahren regelmäßig auf die Suche nach Goblins machen. Dabei dreht sich die Handlung mehr um das Verhältnis zwischen Charan und Chun und darum, wie die Eltern ihre Tochter und ihren Sohn behandeln, als um die Magie der Goblins, was diesem klassischen Märchen von einer Schatzsuche etwas mehr Tiefe verleiht.

Rahul Kanakia: Spear Carrier
Zu „Spear Carrier“ wurde der Autor durch das indische Epos Mahabharata inspiriert, in dem es einen Part gibt, in dem Tausende in einen Kampf ziehen, der zu einem Krieg um die Herrschaft gehört. Von diesen Tausenden überleben nur zwölf die Schlacht, doch statt aus der Sicht der Überlebenden wird diese Kurzgeschichte aus Sicht eines dieser Soldaten erzählt, der von Anfang an weiß, dass er den Kampf nicht überleben wird. Ich muss zugeben, dass ich anfangs mit „Spear Carrier“ nicht so recht warm geworden bin, auch weil ich den Protagonisten nicht gerade sympathisch fand. Erst mit dem angehängten Hinweis des Autors auf das Mahabharata und der Entwicklung, die die Handlung ganz am Ende nimmt, finde ich den Kern der Kurzgeschichte interessant genug, um noch etwas länger darüber nachzudenken.

Melissa de la Cruz: Code of Honor
Für ihre Geschichte greift Melissa de la Cruz die Legenden der philippinischen Aswangs (Vampir-ähnliche Hexen) auf, wobei ihre Protagonistin Aida schon seit langer Zeit nach einem eigenen Ehrenkodex lebt und nun in New York auf der Suche nach Personen ist, mit denen sie sich anfreunden kann. Wirklich einfach ist es nicht, Freundschaften zu schließen, wenn man sich von Blut ernährt und außerordentliche Aggressionsprobleme hat, aber Aida bemüht sich, einen Platz in der Schule zu finden, die sie zu diesem Zweck besucht. Ich fand die Geschichte ganz nett, auch wenn die „überraschende Wende“ am Ende etwas arg vorhersehbar war (selbst dann, wenn man die Blue-Blood-Serie der Autorin nicht kennt, sondern erst nach dem Lesen der Kurzgeschichte beim Recherchieren über die Autorin davon erfährt).

Elsie Chapman: Bullet, Butterfly
„Bullet, Butterfly“ ist eine Neuerzählung der Geschichte „The Butterfly Lovers“, einer chinesischen Romeo-und-Julia-Variante, bei der die beiden Liebenden nicht zueinanderkommen, weil familiäre Verpflichtungen gravierender sind als ihre Gefühle füreinander. Elsie Chapman lässt ihre Geschichte in einer Welt spielen, die von Krieg und Hunger gezeichnet ist und in der das Leben von Teenagern von ihrer Pflicht gegenüber ihrer Familie geprägt ist. Weder der Protagonist Liang noch seine Freundin Zhu haben Einfluss auf ihr Leben, und doch suchen sie nach einem Weg, um beieinander bleiben zu können. Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte wirklich gut erzählt und berührend zu lesen fand, aber das (klassische) Ende frustrierte mich.

Shveta Thakrar: Daughter of the Sun
Auch diese Geschichte wurde von dem indische Epos Mahabharata inspiriert, aber statt wie in „Spear Carrier“ von Krieg und Opfern zu handeln, dreht sie sich um zwei Liebende. Dabei war es Shveta Thakrar wichtig aufzugreifen, dass es die Protagonistin ist, die ihren Liebsten rettet und einen Weg finden, damit sie zusammenbleiben können. Ich fand die Geschichte sehr hübsch zu lesen, auch wenn die Mischung aus altmodischen und modernen Elementen in meinen Augen nicht immer ganz rund war.

Cindy Pon: The Crimson Cloak
Mit „The Crimson Cloak“ gibt Cindy Pon einer Figur eine Stimme, die ihrer Meinung nach in keiner der chinesischen Märchenvarianten, die es über „The Cowherd and the Weaver Girl“ gibt, ausreichend zu Wort kommt. In „The Crimson Cloak“ ist es die siebte Tochter der Himmelskönigin, die eines Tages an einem See einen Mann sieht und ihn näher kennenlernen will, während es in den verschiedenen Märchen er ist, der ihr beim Baden ihren Mantel raubt, damit sie ihn heiraten muss. Ich mochte es sehr, dass die Autorin nicht nur eine Figur zu Wort kommen lässt, die (nach Aussage von Cindy Pon) im Märchen weniger zu sagen hat als der magische Ochse des Protagonisten, sondern auch, dass diese Geschichte so glücklich verläuft, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer Unsterblichen und einem Menschen nun einmal sein kann.

Julie Kagawa: Eyes like Candlelight
Julie Kagawa erzählt die Geschichte von Takeo, der als Kind einen Fuchs rettete und sich als Mann in eine Kitsune verliebt, und der alles dafür tun würde, um sein Dorf vor der Willkür des Daimyo zu retten. „Eyes like Candlelight“ ist eine bittersüße Geschichte und bildet einen melancholischen Ausklang für die Anthologie, gerade weil die Figuren so liebenswert sind.

 

Insgesamt war ich beim Lesen von „A Thousand Beginnings and Endings“ wirklich fasziniert davon, wie viele verschiedene Ansätze hier gefunden wurden, um klassische asiatische Sagen(elemente) neu oder auch nur erneut zu erzählen. Auch wenn ich häufig die moderneren Varianten bevorzugte, gab es doch so einige märchenhafte Nacherzählungen, die ich sehr genossen habe und die mich sehr berührten.

Kristin Hahn/Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff – Jüdische Konfektionäre vom Hausvogteiplatz

Ende letzten Jahres habe ich einiges über die Ausstellung „Brennender Stoff“ mitbekommen, und da ich nicht nach Berlin fahren konnte, um sie mir anzuschauen, habe ich mir das Begleitbuch zur Ausstellung besorgt. Leider habe ich mich dann beim ersten Anlesen etwas über die Einleitung geärgert, so dass es einige Zeit dauerte, bis ich das Buch wieder in die Hand nahm, obwohl ich das Thema grundsätzlich wirklich interessant finde (und mir in diesem Jahr auch von Brundhilde Dähn den Titel „Hausvogteiplatz“ besorgt habe, auf den hier oft verwiesen wird). In „Brennender Stoff“ wird die Entwicklung des Hausvogteiplatzes (bzw. der dort vor dem Zweiten Weltkrieg angesiedelten jüdischen Bekleidungsfirmen) beschrieben.

In dem Kapitel „Mode schaffen – Mode zerstören“ wird zum Beispiel von Marian Vatter erläutert, wie es überhaupt dazu kam, dass sich dank des Emanzipationsedikts von 1812, das Juden in den vier Provinzen Brandenburg, Schlesien, Pommern und Ostpreußen Gewerbefreiheit gewährte, so viele jüdische Schneider in Berlin sammelten, und wie diese im Laufe der folgenden Jahrzehnte durch das Zwischenmeistersystem (bei dem Aufträge an kleine Firmen vergeben werden, die wiederum Heimarbeiterinnen beschäftigen) kostengünstig in größeren Mengen Mode produzieren konnten. Diese effizente Herstellungsweise sorgte – ebenso wie die „Anlehnung“ der Designs an Pariser Modelle – für eine Ausweitung des Berliner Modemarktes ins Ausland, so dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin hergestellte Kleidung in Amerika, England, Holland, Russland, Skandinavien und der Schweiz getragen wurde.

Mit „Heimnäherinnen“ geht Paula Hausmann näher auf die Rolle all der Frauen ein, die die (schlecht bezahlte) Grundlage für das Zwischenmeistersystem bildeten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Heimarbeiterinnen im Vergleich zu ihren Kolleginnen in den Konfektionswerkstätten deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen hatten. Sie wurden durch keinerlei Gesetz geschützt, wurden nach Stückzahl und nicht nach Arbeitszeit bezahlt, und wenn ihr Zwischenmeister keine Aufträge hatte, gab es auch kein Einkommen für sie. Außerdem mussten sie sich selbst eine teure Nähmaschine anschaffen, um überhaupt Aufträge als Heimnäherin zu bekommen, denn das Nähen mit der Hand war nach ca. 1850 im Vergleich zur Arbeit mit der Maschine weder schnell genug noch präzise genug.

Die folgenden beiden Kapitel („Vergessene Pioniere vom Hausvogteiplatz“ von Lisa Schellig und „Das Warenhaus N. Israel“ von Siggi Meyhöfer) konzentrieren sich auf die jüdischen Modehäuser Hermann Gerson, Valentin Manheimer und Nathan Israel und ihre Entwicklung von der Gründung Anfang des 18. Jahrhunderts an bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten bzw. den weiteren Verlauf der Geschäfte in den Händen nazitreuer neuer Besitzer/Geschäftsführer. Ein bisschen habe ich hier die Verweise auf das Zwischenmeistersystem und die Heimnäherinnen vermisst, während der Schwerpunkt der Autorinnen sehr auf den Erfolgen und Errungenschaften der Familienunternehmen lag (inklusive der für ihre Zeit sehr fortschrittlichen Versorgung der direkten Angestellten mit Versicherungen und Weiterbildungen).

„Berlin wird Modestadt – Förderung der Mode“ (von Melanie Mengay) dreht sich um die Gründung des „Verein Mode-Museum e. V. Berlin“ und weiterer Organisationen, die sich für eine Zusammenarbeit der verschiedenen Modeindustrien, den Austausch untereinander und Veranstaltungen rund um das Thema bemühten. „Mode und Medien – Eine Symbiose“ (erneut von Marian Vatter) hingegen geht auf das Zusammenspiel zwischen den Konfektionshäusern und dem Theater- bzw. Filmmilieu ein, das sich nicht nur darin äußerte, dass ganze Filme von einzelnen Konfektionären ausgestattet wurden, sondern auch darin, dass berühmte Schauspieler.innen für bestimmte Modehäuser warben. Ich muss gestehen, dass mir die Entdeckung, dass es das Theatergenre „Konfektionsposse“ gab, beim Lesen dieses Kapitels große Freude bereitet hat.

In „Mode und Emanzipation“ geht Sarah Gubitz auf den kurzen Aufschwung der Frauenrechte in den 1920er Jahren ein, als ein gestiegenes Angebot an Arbeitsplätzen für Frauen (gerade im städtischen Umfeld) dem weiblichen Teil der Bevölkerung größere Unabhängigkeit ermöglichte. Die in dieser Zeit erkämpften Rechte und Möglichkeiten für Frauen fielen aber wenig später der Politik der Nationalsozialisten zum Opfer – was sich auch bei einem Vergleich der Modeströmungen in diesen Jahrzehnten zeigt. Das Kapitel „Arisierung“ (von Sandra Zangerl) zeigt die Mechanismen auf, die dazu führten, dass innerhalb von gerade mal sechs Jahren die einfluss- und erfolgreichen jüdischen Konfektionäre vom Hausvogteiplatz vertrieben wurden. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die geänderte Gesetzgebung, sondern auch auf die Propaganda der Nationalsozialisten und die Rolle, die zum Beispiel das Archiv der IHK dabei spielte, ein. Abschließend wirft das Kapitel „Die Familie Wolff – Enteignung und Rückführung eines jüdischen Besitzes“ (von Vera Braun und Katharina Giertz) noch einen Blick auf den Versuch von Dina Gold, einer Nachfahrin der Familie Wolff, mehr über das Schicksal ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs herauszufinden, während der Text „Der Hausvogteiplatz nach dem Zweiten Weltkrieg“ (von Jonathan Irrgang) die Entwicklung des Hausvogteiplatzes in der DDR und nach der Wiedervereinigung schildert.

Ich finde das Thema (Berliner) Modegeschichte grundsätzlich interessant, muss aber zugeben, dass ich mit dieser Veröffentlichung nicht immer so ganz glücklich war. Dadurch, dass die Texte von unterschiedlichen Autor.innen verfasst wurden, gibt es deutliche Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Kapiteln. Diese zeigen sich nicht nur in der inhaltlichen Aufbereitung der unterschiedlichen Themen, sondern auch in der Sprache und Strukturierung der verschiedenen Beiträge. Besonders bedauerlich fand ich es, dass ich stellenweise über Aussagen gestolpert bin, die mehr von Vorurteilen als von einem aktuellen Wissensstand zum Thema historische Mode zeugten. Was mich aber vor allem geärgert hat, war eine Anmerkung der Herausgeberinnen im Vorwort, in dem darauf verwiesen wurde, dass die Texte „nur“ von Studierenden verfasst wurden (und man deshalb keine zu hohen Ansprüche an die Qualität stellen sollte), während ich mich frage, warum die beiden als Leiterinnen dieses Projekts dann nicht mit den Autor.innen daran gearbeitet haben, dass alle Texte vor ihrer Veröffentlichung inhaltlich und stilistisch ein angemessenes Niveau erreichen.