Kategorie: Rezension

Dhonielle Clayton, Nic Stone, Tiffany D. Jackson, Ashley Woodfolk, Angie Thomas und Nicola Yoon: Blackout

Auf „Blackout“ bin ich aufmerksam geworden, als mir ein Beitrag der „This Morning“-Sendung des US-Senders CBS in meine Twitter-Timeline gespült wurde. Dort haben sich die sechs Autorinnen darüber unterhalten, wie sich die gemeinsame Arbeit an dem Buch für sie angefühlt hat. Mir hat es so gut gefallen, wie respektvoll und sich gegenseitig schätzend die sechs Frauen in diesem Gespräch miteinander umgegangen sind und wie sie über ihre jeweiligen Geschichten gesprochen haben, dass ich mir „Blackout“ spontan bestellt habe. Initiiert wurde diese Zusammenarbeit der sechs Autorinnen von Dhonielle Clayton, deren fünfzehnjährige Nichte sie gefragt hatte, wieso Schwarze Mädchen nie eine große Liebesgeschichte haben dürfen und immer nur als „Sidekick“ in Romanen vorkommen. Dazu kam dann noch das Bedürfnis, ein Gegengewicht zu den ganzen Bildern von Polizeigewalt gegen Schwarze Personen und zu all den schrecklichen Nachrichten über die Pandemie im vergangenen Jahr zu setzen – und so kam es zu dem Entschluss, gemeinsam mit fünf anderen Autorinnen ein hoffnungsvolles und wohltuendes (Jugend-)Buch mit Geschichten über Liebe und Freundschaft zu schreiben, in dem Schwarze Protagonist.innen im Zentrum der Handlung stehen.

„Blackout“ besteht aus sechs einzelnen Geschichten, wobei „The Long Walk“ von Tiffany D. Jackson in kleinere Segmenten aufgebrochen wurde, die zwischen den Geschichten der anderen Autorinnen platziert wurden und so einen roten Faden durch das gesamte Buch bilden. Alle Geschichten spielen während eines großen Stromausfalls in New York, und die verschiedenen Protagonisten und Nebenfiguren stehen alle untereinander in irgendeiner Art von Beziehung. So ist Tammi (Protagonistin von „The Long Walk“) zum Beispiel die Tochter des Busfahrers, der in „No Sleep Till Brooklyn“ (Angie Thomas) eine Rolle spielt, und die Schwester von Tremaine, der wiederum in „Mask Off“ (Nic Stone) für den Erzähler JJ sehr wichtig ist. Mit gerade mal 256 Seiten ist „Blackout“ kein besonders umfangreiches Buch, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass eine der Geschichten zu kurz wäre. Jede von ihnen bietet eine wunderbare kleine Auszeit mit sympathischen Figuren, amüsanten Momenten und sehr süßen Liebesgeschichten. Dabei bedeutet die Tatsache, dass diese sechs Autorinnen in diesem Roman „Liebesgeschichten“ erzählen, nicht unbedingt, dass die Handlungen vorhersehbar wären.

All diese Geschichten haben – obwohl sie wirklich gut zueinander passen und sich wunderbar ergänzen – einen sehr individuellen Ton, so dass nicht vorhersagbar ist, ob einen als nächstes eine leise Liebesgeschichte, eine eher dramatischere Handlung oder vor allem sehr amüsante Szenen erwarten. Ebensowenig lassen sich die Figuren in Schubladen pressen und das nicht nur, weil einige von ihnen nicht heterosexuell sind, sondern auch, weil im Fall von „Blackout“ eine Liebegeschichte auch mal bedeuten kann, dass am Ende kein glückliches Paar aus der Handlung hervorgeht, sondern vielleicht „nur“ eine Person, die gelernt hat, sich selbst ein bisschen mehr zu lieben oder etwas ehrlicher mit sich zu sein. Ich mochte diesen Überraschungsfaktor beim Lesen sehr und habe mich darüber ebenso gefreut wie über die vielen kleinen Verknüpfungen zwischen den Geschichten, die dafür sorgten, dass ich die ganze Zeit die Augen offen gehalten habe nach Hinweisen darauf, wie welche Person mit welcher Figur bekannt oder verwandt sein könnte. Außerdem ist „Blackout“ unübersehbar eine Liebeserklärung an das Leben in New York mit all seinen Facetten, von der großen Bibliothek, den Touristenbussen, den alten Ziegelsteinhäusern, dem Kulturangebot, dem Gemeinschaftsgefühl innerhalb eines Viertels bis zu U-Bahn – und ich muss zugeben, dass ich mich in letzterer während eines Stromausfalls nicht aufhalten möchte. 😉

Mir hat das Lesen von „Blackout“ gutgetan, und ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt. Ich muss aber auch zugeben, dass die Kürze der Geschichten dafür sorgt, dass man eben nur einen sehr kleinen Einblick in das Leben der Figuren bekommt, weshalb sie keinen so lang anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Aber ich hatte viel Spaß mit den Charakteren und habe mir fest vorgenommen, dass ich „Blackout“ im nächsten Sommer wieder aus dem Regal ziehe, um mich von all den verschiedenen Figuren erneut in ein hochsommerliches New York entführen zu lassen, in dem ein umfassender Stromausfall so viele Leben positiv verändert. Oh, und wer Lust auf das Buch bekommen haben sollte, aber nicht auf Englisch lesen mag: Zeitgleich mit der englischen Ausgabe ist bei cbj „Blackout – Liebe leuchtet auch im Dunkeln“ als gebundenes Buch erschienen. Diese Variante ist zwar etwas teurer und das Cover ist nicht ganz so hübsch wie bei der englischsprachigen Ausgabe, aber mal nicht lange auf eine deutsche Übersetzung warten zu müssen, ist doch wirklich großartig.

Lydia M. Hawke: Becoming Crone (Crone Wars 1)

Ich bin gerade wirklich mäkelig, wenn es ums Lesen geht, aber „Becoming Crone“ von Lydia M. Hawke hat mich in der letzten Woche überraschend gut unterhalten. Die Geschichte beginnt mit dem sechzigsten Geburtstag von Claire Emerson und fühlt sich anfangs nach einem dieser Frauenromane an, bei denen die Protagonistin (normalerweise mit Anfang 40) vor den Scherben ihres durchgeplanten und – bislang irgendwie – erfolgreichen Lebens wiederfindet. Claire ist vor sechs Monaten geschieden worden, ihr Sohn hat schon vor einigen Jahren eine eigene Familie gegründet, und ihr geht so langsam auf, dass sie immer ihre eigenen Bedürfnisse für andere zurückgesteckt hat. Sie ist frustriert und gelangweilt und sehnt sich nach einer erfüllenden Aufgabe, hat aber keine Ahnung, wie solche eine Aufgabe aussehen könnte.

Wenn das alles gewesen wäre, hätte mich die Autorin nicht dazu gebracht, nach der Leseprobe spontan das Buch zu kaufen. Aber da von Anfang an feststeht, dass Claires Leben mit einem kräftigen Schuss Magie in Aufruhr gebracht wird, habe ich gespannt und amüsiert verfolgt, wie die Protagonistin mit der Tatsache fertigwerden muss, dass sie eine Hexe ist. Genau genommen ist sie eine „Crone“, was bedeutet, dass sie eine führende Position im Kampf gegen eine Gruppe von Magiern einnehmen sollte. Und eigentlich hätte sie in den vergangenen Jahrzehnten genügend Wissen und Können rund um ihre Magie sammeln sollen, um ihre neue Rolle angemessen ausfüllen zu können. So aber sieht sich Claire mit ihren sechzig Jahren gezwungen, nicht nur damit fertigzuwerden, dass es Magie wirklich gibt und sie eine Menge dazu zu lernen hat, sondern auch damit, dass einige Magier und ihre Monster es auf sie (und ihre Familie) abgesehen haben.

Die Handlung ist nicht gerade komplex (was bei gerade mal 200 Seiten kein Wunder ist), aber es gab so viele Elemente, die ich an der Geschichte mochte, dass mich das definitiv nicht gestört hat. Ich finde es großartig, dass die Protagonistin eine sechzigjährige Frau mit all den dementsprechenden Wehwechen ist und dass sie z.B. das Grimoire, das ihr mehr über Magie und die Geschichte der Crone beibringen soll, nicht entziffern kann, wenn sie keine Lesebrille bei der Hand hat. Ich mochte es, dass Claire nicht alles nur schwarz oder weiß sieht und dass sie sich Stück für Stück an die Magie gewöhnt, statt diese anfangs vollkommen abzulehnen und dann hundertprozentig von ihrer Existenz überzeugt zu sein. Auch gefiel es mir, dass natürlich in der Geschichte so einiges schiefläuft, weil eine Hexe ohne jegliche Übung nun einmal nicht erfahren genug ist, um mit der Macht der Crone umzugehen, die Claire an ihrem Geburtstag verliehen wurde.

Dazu kommen noch all die wunderbaren Nebencharaktere wie Claires beste Freundin Edie, die Gargoyle-Dame Keven, Claires Gestaltwandler-Beschützer Lucan oder die Polizistin Kate. Ich habe die Interaktionen der verschiedenen Figuren mit Claire sehr genossen, weil in den Gesprächen häufig gegenseitiges Verständnis und Respekt mitschwingen, selbst wenn Claire regelmäßig unglücklich mit dem Ausgang dieser Unterhaltungen ist. Außerdem gibt es immer wieder amüsante kleine Elemente in der Handlung, die mich zum Schmunzeln gebracht haben, wie Edies Versuche, Claire zum Fluchen zu bewegen, oder die Reaktionen von Passanten, wenn Claire mit einem Wolf an der Leine durch die Stadt geht. All das führt dazu, dass „Becoming Crone“ sich – trotz der Bedrohung durch die Magier, die Kämpfe und der im Laufe der Geschichte getöteten Charaktere – nicht sehr düster und mehr nach „Wohlfühllektüre“ anfühlt. Ich finde es auf jeden Fall schön, dass dies erst der erste Band rund um Claire war und in einem halben Jahr der nächste Teil („The Gathering of Crones“) veröffentlicht wird.

Drei Bücher, die mich im Mai am Lesen gehindert haben. ;)

Oder wäre „Drei Bücher, die ich am Ende abgebrochen habe“ ein besserer Titel gewesen? Im Mai gab es drei Romane, bei denen ich relativ früh stockte, weil mir irgendetwas an den Geschichten nicht gefiel, obwohl ich die Bücher eigentlich mögen wollte. Am letzten Mai-Wochenende hatte ich dann die Nase voll von dem Stapel mit angefangenen Büchern, bei dem sich wochenlang nichts tat, obwohl ich die Geschichten doch eigentlich lesen wollte. Also nahm ich mir vor, dass ich mich in den nächsten Tagen mit jedem dieser Romane für eine Stunde beschäftigen würde. Wenn sie mich nach einer Stunde Lesezeit immer noch nicht gepackt (oder mich erneut irritiert/geärgert) hätten, dann würde ich sie endgültig abbrechen und mir etwas Anderes zu lesen suchen. Aber diese eine Stunde Lesezeit wollte ich jeder der drei Geschichten noch gönnen.

Über „The Secret Life of Mary Bennet“ von Katherine Cowley bin ich gestolpert, als ich einen Text der Autorin bei John Scalzis „The Big Idea“ gelesen hatte, in der sie über die Idee hinter dem Roman schrieb. Sie hatte sich gefragt, welche Stärken Mary Bennet eigentlich hat und welchen Weg das Leben dieser Figur nehmen müsste, damit sie sich von ihren berühmteren Schwestern abheben kann. Ich mochte den Text und ich mochte die Idee, also habe ich mir den Roman als eBook gegönnt, obwohl ich normalerweise mit Geschichten nicht so glücklich bin, die an Jane Austens Bücher angelehnt sind. Bei „The Secret Life of Mary Bennet“ hatte ich aber kein Problem, die Handlung getrennt von Jane Austens Romanen zu betrachten, weil Marys Perspektive dafür sorgte, dass ich die vertrauten Figuren mit anderen Augen sah. Die Geschichte beginnt in den Tagen vor Mr. Bennets Beerdigung, und so habe ich anfangs den einen oder anderen für mich irritierenden Gedanken der Protagonistin auf ihre Trauer geschoben. Vor allem tat mir Mary in ihrer Unbeholfenheit leid, und ich fand es bedrückend zu sehen, wie sie von ihrer Familie abgetan und wenig geschätzt wurde.

Aber nach einem Drittel der Handlung fand ich es schwierig, Marys Verhalten weiter zu entschuldigen. Es gab immer mehr Szenen, in denen ich die Darstellung von Mary widersprüchlich (und auch schwer zu ertragen) fand. So wird sie zum Beispiel auf der einen Seite als jemand beschrieben, dem Regeln wichtig sind und Halt geben, auf der anderen Seite verstößt sie ständig (bewusst!) gegen gesellschaftliche Regeln, weil diese nicht ihren Bedürfnissen entsprechen. Je häufiger ich diese kleinen Widersprüche im Text sah, desto weniger Lust hatte ich, mich mit Mary Bennet und ihrem Schicksal zu beschäftigen. Ich habe das Buch abgebrochen, nachdem eine Leiche gefunden wurden, obwohl das ja normalerweise der Punkt ist, an dem eine Geschichte erst richtig anzieht. Aber es war mir so egal, wie die Handlung weitergeht, und ich hatte so wenig Lust, weiter Marys Gedanken verfolgen zu müssen, dass ich mich von diesem Buch nicht länger von genussvollerer Lektüre abhalten lassen wollte. (Stattdessen habe ich dann zu „The Daughter of the Sun“ von Effie Calvin gegriffen und an einem Tag durchgelesen.)

Der zweite Titel auf meinem „SaB“ war „Stray Magic“ von Kelly Meding. Den Roman hatte ich vor längerer Zeit schon einmal angefangen und dann mit einem „Ich bin anscheinend gerade nicht in der Stimmung für Urban Fantasy“-Gedanken zur Seite gelegt. Nachdem ich im Mai aber „Smoke Bitten“ von Patricia Briggs gelesen hatte, hatte ich definitiv große Lust auf weitere Urban-Fantasy-Titel und habe deshalb erneut meine Nase in „Stray Magic“ gesteckt – nur, um nach gerade mal 31 Seiten das Buch frustriert zur Seite zu legen. Ich mochte die „Dreg City“- und die „Cornerstone Run“-Romane der Autorin wirklich gern und hatte gehofft, dass mich „Stray Magic“ ebenso gut unterhalten würde. Doch irgendwie funktionierte diese Geschichte für mich nicht, und obwohl ich mir einzureden versuchte, dass es vielleicht nur daran lag, dass ich mich nicht richtig darauf eingelassen oder beim ersten Anlesen zu viele andere Dinge im Kopf hatte, kam ich auch beim zweiten Anlauf nicht damit zurecht.

Ich fürchte, es gibt bei „Stray Magic“ einfach zu viele Punkte, die nicht meinem Geschmack entsprechen. Ich fand die Protagonistin Shiloh regelrecht unsympathisch, und das hat es mir schwer gemacht, ihrer Erzählstimme zu folgen. Außerdem gefiel mir zwar grundsätzlich der Anfang des Romans (eine Gruppe von Vampiren nimmt die Bewohner eines Trailerparks als Geisel, um Unterstützung zu bekommen, die ihnen hilft herauszufinden, wer Vampire und Werwölfe entführt), aber die Ausführung reizte mich so gar nicht. Als dann bei meinem (inzwischen dritten Versuch mit dem Roman) noch der „untote“ Kopf von Shilohs Vorgesetztem gefunden wurde und mich ihre Trauer total kalt ließ, habe ich das Buch dann doch lieber abgebrochen. Es ist sehr schade, dass Kelly Meding mit ihren früheren Reihen nicht erfolgreicher war. Aber ich fürchte, der fehlende Erfolg der Bücher, die meinen Geschmack getroffen haben, hat dazu geführt, dass sie mit ihren Geschichten in eine Richtung gegangen ist, von der sie hoffte, dass sie eher ein Publikum findet, die mir persönlich aber einfach nicht gefällt. (Ich habe dann meine Urban-Fantasy-Lust mit dem gerade erschienenen Titel „Practical Boots“ von C.E. Murphy gestillt. 😉 )

Zuletzt hat mir noch „The Scandalous Sisterhood of Prickwillow Place“ von Julie Berry zu schaffen gemacht. Der Roman stand schon ziemlich lange auf meiner Merkliste, aber so richtig sicher war ich mir nicht, ob er wirklich in mein Beuteschema passen würde. Mir gefiel die Grundidee (sieben Schülerinnen vertuschen im viktorianischen London den plötzlichen Tod ihrer Schulleiterin, um weiterhin gemeinsam in ihrer Schule leben zu können), und grundsätzlich mag ich humorvolle Kriminalromane. Auf der anderen Seite ist es immer schwierig vorherzusagen, ob der Humor einer Autorin mit meinem kompatibel ist. Bei dieser Geschichte hat mich von Anfang an gestört, dass die sieben Protagonistinnen immer mit ihren vollen Spitznamen („Disgraceful Mary Jane“,  „Dour Elinor“, „Smooth Kitty“, „Dull Martha“, „Pocked Louise“, „Stout Alice“ und „Dear Roberta“) erwähnt wurden. Nicht ein einziges Mal gab es nur einen Vornamen zu lesen, die Namen wurden immer mit dem „Label“ zusammen erwähnt und das hat mich unglaublich genervt, weshalb ich das Buch nach 50 gelesenen Seiten erst einmal weggelegte, obwohl die sieben Schülerinnen gerade mit einem Haus voller unangekündigter Gäste zu kämpfen hatten. Außerdem wurden die Charaktere (zumindest im ersten Drittel) schrecklich eindimensional dargestellst und als ich mich dann dabei ertappte, dass ich bei meiner „ich gebe diesem Buch noch eine Chance“-Stunde mit meinen Gedanken überall anders war, aber nicht bei der Geschichte, weil mich die Erzählweise einfach nicht packen konnte, habe ich auch diesen Roman abgebrochen (und aussortiert).

***

Da der Beitrag noch in den Entwürfen ruhte, als ich mein erstes Buch im Juni abbrach, bekommt das hier auch noch eine „ehrenvolle“ Erwähnung. 😉 Ich hatte mir den ersten Teil der Twist-Reihe, „Indelible“, von Dawn Metcalf relativ spontan als eBook besorgt, weil dieses Urban-Fantasy-Jugendbuch für seine „slow burning romance“ gelobt wurde. Die Handlung wird aus der Sicht von Joy erzählt, die bei einem Diskobesuch von einem Fremden angegriffen und am Auge verletzt wird. Relativ schnell stellt sich heraus, dass der Fremde (Ink) eine Art übernatürliches Wesen ist und ihr eigentlich das Augenlicht hätte nehmen müssen. Da er daran aber scheiterte, hat sein Angriff Joy als seinen Besitz bzw. seine Gefährtin gekennzeichnet. Damit Joy nicht getötet wird, weil sie über die Fähigkeit verfügt, übernatürliche Wesen sehen zu können, und Ink nicht vernichtet wird, weil er daran gescheitert ist, die magischen Wesen vor der Entdeckung durch einen Menschen zu schützen, müssen die beiden so tun, als ob sie eine Beziehung hätten.

Ich muss zugeben, dass die Kennenlernen von Joy und Ink sich wunderbar langsam entwickelt und es im ersten Drittel des Romans überraschend intime (und jugendfreie!) Szenen mit den beiden gibt. Auch gibt es einige andere Aspekte, die die Autorin wirklich gut behandelt hat, die mich sonst häufig in (nicht nur Urban-Fantasy-)Romanen ärgern. So fand ich es zum Beispiel wunderbar zu lesen, dass sich Joy anfangs einem Polizisten anvertraut und sich halt wirklich wie ein relativ vernünftiger verängstigter Teenager verhält und nicht wie eine sich selbst überschätzende Superheldin. Aber insgesamt hat mich die Geschichte leider nicht packen können, weil mich der fantastische Teil der Handlung so gar nicht interessiert hat – und als ich mich dann dabei ertappte, dass ich lieber noch eine Runde Haushaltskram erledigte, als meine Lesezeit mit diesem Buch zu verbringen, habe ich auch diesen Roman abgebrochen. Mal schauen, wie es in den nächsten Wochen so weitergeht mit mir und dem Lesen …

Tamzin Merchant: The Hatmakers

Vor ein paar Tagen habe ich „The Hatmakers“ von Tamzin Merchant beendet und mich dabei wunderbar mit diesem Debütroman amüsiert. (Wobei ich erst einmal einen Hinweis von Anette brauchte, um zu kapieren, dass ich der Autorin schon als Schauspielerin in der 2005er-Verfilmung von „Pride & Prejudice“ begegnet war. *g*) Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Cordelia Hatmaker erzählt, deren Familie seit vielen Generationen magische Hüte anfertig. Jeder Hut, der die Werkstatt der Hatmakers verlässt, beeinflusst mit seiner Magie seinen Träger oder seine Trägerin. Cordelias Familie ist sich nur zu bewusst, welche Verantwortung sie mit der Herstellung ihrer Hüte trägt, und so wurde Cordelia von klein auf eingeprägt, wie wichtig die richtigen Materialien, die Launen der Hutmacher und natürlich die Ausgewogenheit aller Bestandteile beim Herstellen sind. Umso schlimmer ist es, dass gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem der König dringend einen „Peace Hat“ benötigt, Cordelias Vater in einem Sturm vermisst wird. Natürlich versucht Cordelia alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Vater zu retten, und stolpert dabei über mysteriöse Ereignisse, die die Zukunft aller Maker-Familien gefährdet.

Für mich gab es am Anfang von „The Hatmakers“ so einige Elemente, die mich an Geschichten von Diana Wynne Jones erinnert haben, wie die magischen Hüte (Sophie aus „Howl’s Moving Castle“), das Zusammenleben der Hatmakers in ihrem großen Haus und die Rivalität der verschiedenen Maker-Familien untereinander (wie bei den Montana- und Petrocchi-Familien in „The Magicians of Caprona“). Aber da ich genau diese Dinge sehr mag und Tamzin Merchant aus diesen vertraut wirkenden Sachen eine wunderbare Geschichte gesponnen hat, störte mich das überhaupt nicht. Cordelia ist eine wunderbare Protagonistin, wild entschlossen, ihren Vater zu retten, und voller Einfallsreichtum, was die diversen Herausforderungen betrifft, die sie dabei zu bewältigen hat. Schon früh steht fest, dass das britische Königreich kurz vor einem Krieg mit Frankreich steht, während der König ein paar unerwartete Probleme beim Regieren hat. Und obwohl die Autorin die Gefahr, die durch diesen Krieg für die Bevölkerung entsteht, nicht verharmlost, gibt es so viele absurde und komische Momente rund um diesen Teil der Geschichte, dass ich ständig beim Lesen schmunzeln musste.

Mir gefiel auch sehr die Art und Weise, wie Tamzin Merchant Magie und Handwerk in ihrer Geschichte verknüpft hat und wie die verschiedenen Materialien und ihre Gewinnung beschrieben wurden. Und obwohl die Enthüllung der Personen, die im Hintergrund an den Fäden gezogen haben, keine Überraschung war, fand ich es spannend zu lesen, welche fiesen Taten sie sich als nächstes ausdenken würden – und wie Cordelia ihre Pläne (unwissentlich oder bewusst) sabotieren würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir für eine der bösen Personen ein anderes Ende gewünscht hätte (oder dass sie sich als nicht ganz so fies und rachsüchtig herausstellen würde), weil – und das ist die einzige Art, es ohne Spoiler auszudrücken – die Maker schließlich sieben Sterne in ihrem Logo haben.

Insgesamt habe ich mich aber einfach nur wohlgefühlt mit all den großen und kleinen Abenteuern, die Cordelia erlebt, ich habe mit ihr mitgelitten, wenn sie um das Leben ihres Vater gebangt hat, und mich gefreut, wenn sie eine Lösung für eines der vielen Probleme gefunden hat, die sie beschäftigen. Ich mochte Cordelia wirklich sehr als Protagonistin mit all ihrer Dickköpfigkeit, ihrem Einfallsreichtum und ihren großen und kleinen Fehlern, und auch die verschiedenen Nebenfiguren habe ich schnell ins Herz geschlossen und mich über jeden kleineren und größeren Auftritt gefreut, den sie bekamen. Da die Ideen hinter „The Hatmakers“ noch so einigen Stoff für weitere Geschichten bieten und Cordelia so eine wunderbare Protagonistin ist, freue ich mich sehr, dass im kommenden Jahr ein zweiter Band mit dem Titel „The Mapmakers“ erscheinen soll. Ich hoffe, dass es in dem Roman dann auch wieder sehr viele magische Elemente und sehr viele Szenen mit Cordelias Familie und Freunden geben wird.

Effie Calvin: The Queen of Ieflaria (Tales of Inthya Book 1)

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund dachte ich in den vergangenen Monaten, dass „Queen of Coin and Whispers“ von Helen Corcoran und „The Queen of Ieflaria“ von Effie Calvin dasselbe Buch seien. Deshalb glaubte ich auch lange, dass es zu „Queen of Coin and Whispers“ eine Fortsetzung geben müsste, was nicht der Fall ist. Nachdem ich also den Roman von Helen Corcoran gelesen hatte, hatte ich also das Gefühl, ich sollte auch noch „The Queen of Ieflaria“ lesen, um die beiden Geschichten entgültig in getrennte Schubladen in meinem Kopf zu stecken. Jetzt kann ich also sagen, dass die beiden Romane nicht viel miteinander zu tun haben (abgesehen davon, dass bei die Protagonistinnen ungefähr gleich alt sind und es Fantasybücher sind, die sich rund um das Thema „Königin sein“ drehen). 😉

Die Handlung wird bei „The Queen of Ieflaria“ auf der einen Seite aus der Sicht der ca. 19-jährigen Esofi erzählt, die nach einer monatelangen Reise am Hof von Ieflaria eintrifft, wo nun statt einer Hochzeit die Trauerzeit um ihren Verlobten auf sie wartet. Ich mochte es sehr, dass Esofi den Tod des Thronerben Albion wirklich betrauerte. Denn obwohl sie ihren Verlobten noch nie getroffen hatte, so hat sie mit ihm in den vergangenen Jahren doch viele Briefe ausgetauscht und ihn so überraschend gut kennengelernt. Aber trotz aller Trauer ist Esofi sich auch der Tatsache bewusst, dass sie nun eine neue Verbindung zum Ieflarianischen Hof finden muss, wenn sie irgendwann die Königin des Landes werden will. Dabei geht es Esofi weniger um die Macht, die mit der Position einhergeht, als um die Magie, die sie dort wieder etablieren will, und um all die anderen Dinge, die sie für das Land und seine Bevölkerung tun kann.

Die zweite Perspektive, aus der die Geschichte erzählt wird, ist die der siebzehnjährigen Adale. Adale ist die jüngere Schwester des verstorbenen Albion und diejenige in der Familie, die bislang keinerlei Verantwortung übernehmen musste. Adale liebt es, zu jagen und zu reiten, sie zieht nachts mit ihren Freunden durch die Kneipen der Stadt und scheint das Leben rundum zu genießen. Als Adale nun aufgefordert wird, sich mit Esofi zu verloben und so dafür zu sorgen, dass Esofis Fähigkeiten und Wissen Ieflaria im Kampf gegen die angreifenden Drachen zur Verfügung stehen, gerät sie in Panik. Sie fühlt sich nicht in der Lage, so viel Verantwortung zu übernehmen. Adale kann sich nicht gut ausdrücken, sie hat nie den Vergleich mit Albion bestehen können, und sie hat Angst davor, Fehler zu machen, die gravierende Folgen haben könnten. Auf der anderen Seite fühlt sie sich schnell zu Esofi hingezogen und möchte nicht, dass diese eine andere Person heiraten muss, die sie respektlos oder gar grausam behandeln würde.

„The Queen of Ieflaria“ ist meinem Gefühl nach in erster Linie eine Liebesgeschichte, auch wenn die fantastischen Elemente, die Effie Calvin für ihren Roman geschaffen hat, zahlreich und wichtig sind. Ieflaria sieht sich seit Jahren immer heftiger werdenden Angriffen von Drachen ausgesetzt, das Göttersystem ist vielfältig, die Götter können einen direkten Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen, und Magie ist allgegenwärtig, aber trotzdem nicht selbstverständlich. Aber vor allem dreht sich die Handlung darum, wie Esofi und Adale mit der Situation fertig werden, die durch Albions überraschenden Tod hervorgerufen wurde. Esofi ist überaus pragmatisch und pflichtbewusst und wurde ihr Leben lang auf die Rolle der Königin von Ieflaria vorbereitet. Trotzdem zeigt sie immer wieder überraschende Unsicherheiten, die sie sehr sympathisch wirken lassen, und eine Sehnsucht nach Romantik, die bei einer Frau, deren ganzes Streben auf politische und religiöse Elemente ausgerichtet zu sein scheint, wirklich berührend zu lesen ist.

Adale hingegen wirkt anfangs einfach nur wie ein verwöhntes und verantwortungsloses Wesen, bis man sie als Leser besser kennenlernt und versteht, wie sehr sie sich davor fürchtet, Fehler zu machen. Sie war nie so gut wie ihr Bruder Albion, sie ist unsicher und ihr ist nur allzu gut bewusst, welche Folgen ihre Fehler auf die Menschen in ihrem Reich hätten. Dass ihre Nähe zum „normalen Volk“ ein Pluspunkt sein könnte, ist ihr ebensowenig klar wie die Tatsache, dass man als Thronerbin nicht perfekt sein muss. Ich habe es sehr genossen, die beiden Protagonistinnen immer besser kennenzulernen und mehr über sie herauszufinden – gerade weil von Anfang an deutlich wurde, dass die beiden Frauen sich wunderbar ergänzen würden, wenn sie bereit wären, aufeinander zuzugehen und miteinander zu arbeiten. Ich fand es auch spannend, dass in Effie Calvins Welt das Geschlecht einer Person keine so wichtige Rolle spielte und dass es (mindestens?) drei Geschlechter gab. Allerdings ist es schon ein Thema, dass es bei einer Ehe zwischen Esofi und Adale Probleme mit dem Nachwuchs geben könnte, wenn nicht eine von beiden in der Lage wäre, für eine gewisse Zeit auf magische Weise ihr Geschlecht zu ändern.

Es gibt relativ wenig Drama in der Handlung, auch wenn die Situation zwischen den beiden Frauen natürlich zum einen oder andere Missverständnis führt. Stattdessen sorgt die Autorin dafür, dass ich mich über die Gedanken der jeweiligen Erzählerin amüsiert und voller Vorfreude auf die Auflösung dieser Missverständnisse gewartet habe. „The Queen of Ieflaria“ ist – trotz der politischen und religiösen Elemente und der Gefahr durch die Drachen – eine überraschend entspannte und heitere Lektüre gewesen. Ich habe beim Lesen viel vor mich hingekichert. Außerdem mochte ich Esofi und Adale wirklich gern und fand es schön, die beiden bei ihrem Kennenlernen zu begleiten. Es wäre großartig, wenn irgendwann auch noch jede einzelne Hofdame der beiden Protagonistinnen ihren eigenen Roman bekäme, weil selbst diese (nicht so wichtigen) Nebenfiguren mir so viel Spaß beim Lesen gemacht haben. Genau genommen habe ich diesen Band so unterhaltsam gefunden, dass ich mir gleich nach dem Beenden den zweiten Teil der „Tales of Inthya“-Reihe, „Daughter of the Sun“, besorgt habe.

Zoe Chant: Librarian Bear (Virtue Shifters 2)

„Librarian Bear“ von Zoe Chant (C.E. Murphy) ist der zweite Teil der Virtue-Shifters-Serie, und nachdem ich den ersten Band, „Timber Wolf“, im vergangenen Jahr als so wohltuend und erholsam empfand, hatte ich den zweiten Teil vorbestellt, sobald die Autorin ihn auf Twitter angekündigt hatte. Die Handlung wird abwechselnd aus den Perspektiven von Sarah und Matthew erzählt. Sarah ist die Leiterin der Bibliothek in Virtue und hat für einen Monat einen Archivar finanziert bekommen, der die alten Unterlagen ordnen soll, die in den Tiefen der Bibliothek aufbewahrt werden. Dieser Archivar ist der Bären-Gestaltwandler Matthew, der den Job in Virtue als Überbrückung nutzen will, bis er in wenigen Wochen seinen Traumjob in Chicago antreten wird.

Beide Charaktere fühlen sich von Anfang an zueinander hingezogen und zeigen dies ihrem Gegenüber auch. Dabei wird in jeder Szene deutlich, dass die beiden die Grenzen des anderen respektieren und alles dafür tun, damit sich der andere nicht unwohl mit der gezeigten Aufmerksamkeit fühlt. Ich liebe diesen freundschaftlich-respektvollen Umgang, den die Figuren in den Virtue-Shifter-Romanen miteinander pflegen, und wünschte mir wirklich, dass mehr Autorinnen kapieren, dass Charaktere, die miteinander reden und sich (relativ) langsam aneinander annähern nicht nur romantisch, sondern auch sexy sein können. Das große Hindernis in dieser sich anbahnenden Beziehung besteht in der Tatsache, dass Matthew ja nur für einen Monat in Virtue ist. Was mich als „Problem“ für eine Liebesgeschichte gestört hätte, wenn Matt und Sarah nicht im Laufe der Handlung darüber reden würden, ob sie sich auch eine Fernbeziehung vorstellen könnten.

Außerdem gibt es noch eine Landerschließungsfirma, die in Virtue Fuß fassen und dafür die Ranch von Rachels Freundin enteignen lassen will. Um dieser Firma Einhalt gebieten zu können, muss Sarah eine Abschrift des Gründungsdokuments der Stadt finden (ich hoffe, dass das mehr Sinn ergibt, wenn man sich mit US-Recht auskennt 😉 ), was natürlich den beiden Charakteren viel Zeit gibt, um gemeinsam in Archiven zu wühlen. Dieser Handlungsstrang führt dazu, dass sich Sarah und Matt mit der Geschichte der Stadt und den Besonderheiten einiger Einwohner beschäftigen müssen. So kommt es, dass der Gestaltwandler-Anteil der Reihe in „Librarian Bear“ eine entscheidende Rolle spielt, während er in „Timber Wolf“ nur ein amüsantes, aber definitiv nicht notwendiges Element war. So fühlt es sich an, als ob die Autorin in diesem Band mehr in ihrer Urban-Fantasy-Welt angekommen wäre, was mir gut gefallen hat.

Wenn ich etwas an „Librarian Bear“ kritisieren müsste, dann wäre es die unglaublich umfassende Kompetenz von Sarah. Sie ist nicht nur eine hervorragende Bibliothekarin, die nebenbei eine tägliche Kinderbetreuung in ihrer Bibliothek aufgebaut hat, das örtliche Jugendtheater mit Kostümen versorgt und diverse gemeinnützige Organisationen leitet, sondern sie näht auch all ihre Kleidung perfekt selbst und wartet und repariert ihr altes Auto. Trotzdem hat sie nebenbei noch genügend Zeit, um mit Matt stundenlang alte Papiere zu durchwühlen und die alteingesessenen Familien abzuklappern und auszufragen. Das war alles ein bisschen viel und nur deshalb erträglich, weil diese Protagonistin trotz allem überraschend sympathisch war. Außerdem lese ich solche Romane nicht für ihren Realismus, sondern für ihre wohltuende Wirkung, und so konnte ich über die überperfekte Sarah hinwegsehen und stattdessen den wunderbaren Umgang der beiden Hauptfiguren miteinander und die amüsanten kleinen Szenen zwischen diesen beiden Charakteren und all den Nebenfiguren genießen.

Elizabeth Hawes: Zur Hölle mit der Mode

Vor über achtzig Jahren erschien mit „Fashion is Spinach“ ein Titel, in dem die Designerin Elizabeth Hawes auf die Zeit zurückblickt, die sie in Paris und den USA mit dem Studium und dem Entwerfen von Mode verbracht hat. Mit „Zur Hölle mit der Mode“ ist im August 2019 die von Constanze Derham übersetzte deutsche Version des Buches herausgekommen (und die durfte dann erst einmal ein Jahr auf meinem SuB liegen, bevor ich sie endlich las 😉 ). Ich habe ja schon mehrfach auf diesem Blog erzählt, dass ich an aktueller Mode so gar nicht interessiert bin, dass ich es aber immer wieder spannend finde, mich mit Mode-Geschichte zu beschäftigen. Gerade in den Jahrzehnten vor den beiden Weltkriegen ist so viel im Bereich Mode passiert, was ich wirklich faszinierend finde, und in „Zur Hölle mit der Mode“ bekommt man einiges mit, was in den 1920er-Jahren hinter den Kulissen der Pariser Designhäuser passierte und in den 30er-Jahren rund um die Mode in den USA.

Mit Anfang zwanzig ging Elizabeth Hawes direkt nach ihrem Collegeabschluss nach Paris, in der Hoffnung, einen Weg zu finden, um als Modedesignerin arbeiten zu können. Ihr war natürlich klar, dass niemand eine unbekannte Amerikanerin engagieren würde, so dass sie jeden Job annahm, der es ihr erlaubte, die Pariser Modewelt zu studieren. Vom Juli 1925 bis August 1928 lebte sie in Frankreichs Hauptstadt und arbeitete unter anderem als Mode-Journalistin, als Mode-Zeichnerin (was bedeutete, dass sie bei den Modeschauen die Entwürfe der großen Designer „kopierte“) und letztendlich auch als Designerin, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass es sie langfristig nicht reizte, „französische Mode“ für die High Society zu entwerfen. Stattdessen versuchte Elizabeth Hawes in den folgenden neun Jahren in New York als Designerin mit einer eigenen Kollektion und hochwertigen Maßanfertigungen Fuß zu fassen. Doch um diesen Traum zu finanzieren, musste sie immer wieder Abstecher in die Welt der Massenproduktion und Kaufhäuser machen, was bedeutete, dass sie auch diese Seite der Modeherstellung überraschend gut kennenlernte.

All diese Erfahrungen, die Elizabeth Hawes in dieser Zeit gesammelt hat, führen dazu, dass „Zur Hölle mit der Mode“ zu einer faszinierenden und unterhaltsamen Abrechnung mit der Welt der Mode und den unterschiedlichsten Produzenten und Anbietern wird. Die Autorin schreibt über den Unterschied von Stil und Mode, über die Arbeitsbedingungen, über die Erwartungen der Käuferinnen und die Geschäftsgebaren der verschiedenen Betriebe, die an der Herstellung von Kleidung beteiligt sind. Dabei hat Elizabeth Hawes viele amüsante Anekdoten zu erzählen, aber auch so einige Daten und Fakten zu präsentieren, die einem beim Lesen zu denken geben. Sie rechnet auf, welche Materialien zum Beispiel für ein hochwertiges Kleid benötigt werden, welche Arbeitszeit in die Herstellung fließt, welche zusätzlichen Elemente verwendet werden und zeigt so auf, wie der Preis für ein qualitatives Kleidungsstück entsteht.

Immer wieder geht Elizabeth Hawes darauf ein, welche Tricks Produzenten anwenden, um Material zu spare, und wie sie auf minderwertige Stoffe zurückgreifen, um ihre Kleidungsstücke möglichst billig herstellen zu können – und welche Folgen das für die Käuferinnen dieser Produkte hat. Sie scheut auch nicht davon zurück zu beschreiben, unter welche Bedingungen die Näher.innen arbeiten und welchen Lohn sie für ihre hochwertige Arbeit bekommen. Dabei ist es erschreckend, wie vertraut diese Beschreibungen klingen, auch wenn heutzutage die Näher.innen nicht mehr im Umland von Paris, sondern in Bangladesch oder ähnlichen Ländern leben. Für mich war „Zur Hölle mit der Mode“ wirklich eine spannende Lektüre, denn selbst Elemente, die ich schon kannte, bekamen durch die persönliche Perspektive der Autorin noch einmal eine andere Note.

Auch muss ich zugeben, dass ich es sehr angenehm fand, mal beim Lesen ein Buch in der Hand zu halten, das sich so wertig anfühlt. Normalerweise lese ich ja doch vor allem (Mass-)Paperbacks und im Vergleich dazu fühlen sich Buchleinen, ein gerundeter Rücken und qualitativeres Papier doch gleich ganz anders an. Überhaupt ist diese Ausgabe wirklich liebevoll hergestellt und bietet nicht nur Grafiken aus Modeveröffentlichungen, die zwischen 1882 und 1922 erschienen sind, sondern auch einen Überblick, der die von Elizabeth Hawes erwähnten Namen und Geschäfte einordnet, und ein Nachwort der Übersetzerin Constanze Derham. Ebenfalls muss ich betonen, dass man beim Lesen wirklich merkt, dass sich Constanze Derham sehr gut mit Mode (und den verwendeten Materialien) auskennt und dementsprechend auch das dazugehörige Vokabular beherrscht.

Umso bedauerlicher fand ich es, dass wohl einige Kapitel in der zweiten Hälfte des Buches beim Korrekturlesen im Bereich Kommasetzung ein bisschen zu kurz gekommen sind. Bei ein paar wenigen Kommafehlern hätte ich nichts gesagt, aber hier gab es ein paar Kapitel, die für mich deswegen nicht flüssig zu lesen waren – und ich bin jemand, dem das nur auffällt, wenn wirklich grundlegende Kommaregeln missachtet werden. Von diesem kleinen Makel abgesehen hat mir „Zur Hölle mit der Mode“ rundum wirklich sehr gut gefallen und mir Lust gemacht, mich wieder mehr mit dem Thema Mode(geschichte) zu beschäftigen. Nur gut, dass ich noch „Berlin Hausvogteiplatz – Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode“ von Brunhilde Dähn und „Creating the Illusion“ auf dem Sachbuch-SuB liegen habe.

Radiya Hafiza: Rumaysa

In den letzten Tagen wusste ich nicht so recht, auf welche Art von Geschichte ich eigentlich Lust hätte. Also habe ich testweise ein paar Bücher angelesen und bei „Rumaysa“ bin ich direkt nach den ersten Absätzen hängengeblieben. Ich mochte die ungewöhnlichen Märchenvarianten, die Radiya Hafiza in „Rumaysa“ erzählt, so sehr, dass ich mir die Geschichten eigentlich einteilen wollte – nur um dann doch immer wieder zum Buch zu greifen, um nur noch ein weiteres kleines Kapitel zu lesen. Genau genommen greift die Autorin die Märchen von „Rapunzel“, „Aschenputtel“ und „Dornröschen“ auf und spinnt daraus ganz eigene Geschichten mit starken und selbstbewussten Protagonistinnen, die Hijab tragen und das Fastenbrechen feiern, die keine Prinzen benötigen, die sie retten, sondern einfallsreich sind. Dabei ist die titelgebende Rumaysa nicht nur die erste Person, deren Geschichte in diesem Buch erzählt wird, sondern sie spielt auch eine wichtige Rolle im Leben der anderen beiden Protagonistinnen (Cinder)Ayla und (Sleeping) Sara.

Jede der drei Geschichten beginnt nicht nur mit dem klassischen „Once upon a time“-Anfang, sondern sie bieten auch sonst eine durchgehende Märchenatmosphäre. Zusätzlich gibt es aber so viele amüsante Momente und überraschende Wendungen, dass es sich immer wieder anfühlte, als ob ich die vertrauten Geschichten ganz neu entdecken dürfte. Es war so wunderbar zu lesen, wie sich Rumaysa selbst aus ihrem Turm rettet und wie sie im Anschluss an dieses erste Abenteuer anderen Mädchen zur Seite steht, die dringend Hilfe benötigen. Ich mochte es so sehr, dass der Fokus der Autorin nicht darauf lag, dass die Protagonistinnen ihren jeweiligen Prinzen bekamen, sondern dass sie Freunde fanden und einen Weg, um ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben zu führen.

„I’m looking for someone – a princess. Have you seen her?“
„No, I’m the only one here,“ Rumaysa replied tersely.
It was quiet for a moment. „Right, OK. Guess I’ll go, then.“
Rumaysa heard an odd whoosh in the air and then silence. She let out a breath of relief – the boy must have gone.
As she restarted her climb, she muttered, „When I need someone to break me out, no one shows for years and years. But the night I’m hanging from a sky-high tower, then some boy wants to show up.“ (Rumaysa, Seite 46)

Keine der Protagonistinnen schafft es allein, sich gegen die Widrigkeiten in ihrem Leben zu behaupten, aber sie brauchen keinen „Prinzen“, um ihre Situation zu verbessern, sie finden Freunde, die ihnen zur Seite stehen – und das ist so viel schöner zu lesen. Wie so oft bei solchen Geschichten gefielen mir vor allem die kleinen Momente, in denen zwei Freundinnen sich über ihren Tag austauschen, in denen gemeinsam gegessen wird oder in denen den Protagonistinnen bewusst wird, dass ihnen mehrere Alternativen offen stehen. Der einzige Kritikpunkt, den ich an „Rumaysa“ finden kann, besteht in dem relativ abrupten – und für Rumaysa offenen – Ende des Buches. Es wäre schön gewesen, wenn die Autorin auch für diese Figur einen runden Abschluss gefunden hätte. Aber ich hoffe, dass dies bedeutet, dass Radiya Hafiza noch weitere Märchen neu-erzählen wird, auch wenn ich bislang noch keinen Hinweis auf eine weitere Veröffentlichung gefunden habe.

Erwähnen sollte ich auch noch, dass es in dem Buch mehrere Illustrationen von Rhaida El Touny gibt und auch wenn ich nicht alle Bilder gleichermaßen mochte, so vertiefen sie doch die Atmosphäre des jeweiligen Märchens. Besonders gefielen mir die kleinen Zeichnungen über den Kapitelanfängen – vor allem die von der Eule Zabina, die einfach bezaubernd zerzaust aussieht. Aber auch die Ballszene mit den vielen unterschiedlichen Kleidungsstilen fand ich wunderbar, gerade weil Rumaysa dort mit ihrem Hijab so gut hineinpasst. Insgesamt fand ich die Illustrationen zwar nicht ganz so umwerfend wie die von Lydia Corry in „Eight Princesses and a Magic Mirror“ (was auch daran liegt, dass ihnen die Farbigkeit fehlt), aber sie haben definitiv zur märchenhaften Atmosphäre von „Rumaysa“ beigetragen.

Helen Corcoran: Queen of Coin and Whispers

Ich weiß nicht, ob es an der relativ ruhigen Erzählweise oder an der Menge an Politik und Intrigen lag, aber „Queen of Coin and Whispers“ von Helen Corcoran hat mich beim Lesen immer wieder an „The Goblin Emperor“ von Katherine Addison erinnert. Die Geschichte wird auf der einen Seite aus der Sicht der achtzehnjährigen Aurelia (Lia) erzählt, die nach langen Jahren des Wartens und Vorbereitens endlich die Krone von ihrem Onkel erbt. Als Königin will sie all die Dinge in die Hand nehmen, die ihr Onkel und ihr Großvater haben schleifen lassen, und dafür sorgen, dass die Korruption in ihrem Königreich bekämpft wird. Doch bevor sie wirklich etwas bewirken kann, muss sie erst einmal mit all den Personen fertig werden, die sich an ihre Macht klammern und alles versuchen, um die Pläne der junge Königin zu durchkreuzen. Nur zwei Menschen gibt es, denen Lia wirklich vertraut: Ihren Kindheitsfreund Matthias, mit dem sie sich schon seit vielen Jahren die Reformen ausgemalt hat, die sie vornehmen will, und die junge Xania, die für Lia die Rolle des „Whispers“ (als Leiterin von Lias Spionagenetzwerk) einnimmt.

Xanias Perspektive ist die zweite Sicht, aus der der Leser die Handlung erlebt, und so wissen wir von Anfang an, dass Xania die Position des Whispers in erster Linie annimmt, um möglichst viele Informationen über den skrupellosen und mächtigen Lord Vigrante zu sammeln. Dieser hält nicht nur alle Fäden bei Hofe in der Hand, sondern Xania ist sich auch sicher, dass er für den Mord an ihrem Vater verantwortlich ist. Als Angehörige eines niedrigen Adelshauses kann sich Xania relativ frei am Hof bewegen, und als Mitarbeiterin der Schatzkammer hat sie Einblick in die Finanzen der anderen Personen am Hofe und der wichtigsten Kaufleute des Landes, was ihr einen überraschenden Vorteil als Whispers verschafft. Auf der anderen Seite hat ihr Lia keinerlei Informationen über ihren Vorgänger und seine Agenten beschaffen können, so dass Xania von Grund auf ein neues Spionagenetzwerk aufbauen muss. Beide Frauen sind fest entschlossen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um das überschuldete Königreich auf einen besseren Kurs zu bringen, auch wenn sie hoffnungslos überfordert sind mit all den Aufgaben, die dies mit sich bringt. Dass Lia und Xania dann auch noch Gefühle füreinander entwickeln, macht die Situation definitiv nicht einfacher, denn Emotionen helfen nun einmal nicht, rationale Entscheidungen zu treffen.

Ich mochte beide Protagonistinnen sehr gern habe die Geschichte gern aus ihrer beider Sicht verfolgt. Ich fand die Liebesgeschichte zwischen den beiden jungen Frauen sehr süß zu verfolgen, weil sich diese Beziehung sehr langsam und voller Unsicherheiten (auch aufgrund des großen Machtunterschieds) aufbaut, und hatte trotzdem nicht das Gefühl, dass dieser Teil der Handlung zu viel Raum einnehmen würde. Denn in erster Linie hat sich Helen Corcoran auf die Situation bei Hof, auf all die Intrigen, die Anschläge und politischen Machtspielchen konzentriert, mit denen Lia und Xania zu kämpfen haben. Dabei gibt es viele Szenen, in denen jemand (qualvoll) zu Tode kommt, die aber trotzdem überraschend gut zu lesen sind, weil sich die beiden Erzählerinnen nicht an den unappetitlichen Details festhalten, sondern sofort darüber nachdenken müssen, welche Konsequenzen das Ableben einer Person nach sich zieht. Und obwohl ich normalerweise keine Schwäche für sehr politische Fantasy habe, fand ich es hier sehr spannend mitzuerleben, wie sich Lia und Xania bei Hof behaupten und wie sie immer und immer wieder von Neuem herausfinden müssen, welche Partei welche Motive für ihr Handeln hat und mit welchen Mitteln jemand vielleicht dazu bewegt werden kann, sich auf die Seite der Königin zu stellen.

Dabei hat die Autorin auch stimmig dargestellt, dass so ein Leben natürlich Spuren bei den Beteiligten hinterlässt. Wenn man ständig von korrupten und skrupellosen Menschen umgeben ist, fällt es nicht immer leicht, die eigenen Ideale und Überzeugungen hochzuhalten, statt sich auf das Niveau seiner Gegner herabzubegeben. So muss sich zum Beispiel Lia im Laufe der Geschichte fragen, ob sie wirklich mit Argumenten und guten Absichten weiterkommt oder ob sie vielleicht doch auf Erpressung und Drohungen zurückgreifen sollte, um endlich etwas bewirken zu können. Und auch Xania muss regelmäßig feststellen, dass man nicht vor unangenehmen Überraschungen geschützt ist, nur weil man einen Menschen gut zu kennen glaubt und viele Informationen über ihn gesammelt hat. Ich mochte diesen Realismus und die Entwicklungen, die die beiden Frauen nehmen, muss aber auch zugeben, dass dies dafür sorgt, dass es für einen stimmigen Abschluss der Handlung auch kein uneingeschränktes „Happy End“ geben konnte. Dieser leicht bittere Beigeschmack am Ende hat aber mein Vergnügen an diesem Geschichte nicht geschmälert, sondern dafür gesorgt, dass ich mich umso mehr über die kleinen positiven Entwicklungen für die Figuren gefreut habe.

C. Gockel: Wolves (I Bring the Fire 1)

Ich hatte im März die Anthologie „Once Upon A Curse“ gelesen und mochte die Kurzgeschichte „Magic After Midnight“, die C. Gockel in der Anthologie veröffentlicht hatte, unglaublich gern. Also habe ich nach weiteren Titeln der Autorin gesucht und festgestellt, dass die Sammelausgabe von „I Bring the Fire“ (Band 1-3 plus 3.5) schon seit einiger Zeit in der riesigen ungelesenen Datensammlung meines eReaders ruhte. Ich gestehe, dass meine Erwartungen nach dieser einen Kurzgeschichte hoch waren und dass sie von „Wolves“ … nicht so ganz erfüllt wurden. Genau genommen bin ich nach dem Lesen des letzten Satzes dieses kurzen Romans (252 Seiten) in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil die Geschichte so absurd endet – oder besser gesagt „nicht endet“, da man diesen ersten Teil definitiv nicht so für sich stehen lassen kann. Da ich mir aber noch nicht sicher bin, ob ich die anderen Teile noch lesen mag, und gern meine Gedanken ein wenig (öffentlich) ordnen will, gibt es hier also eine Rezension zum ersten Band. Ich kann ja ein Postscriptum an den Beitrag anhängen, wenn ich noch mehr lesen sollte.

Die Handlung wird auf der einen Seite aus Sicht der Veterinärmedizin-Studentin Amy Lewis erzählt, die gemeinsam mit ihrem kleinen Hund Fenrir zu Beginn der Ferien mit dem Auto von der Universität zu ihrer Großmutter Beatrice nach Chicago fährt. Dort will sie den Sommer über genügend Geld verdienen, um das kommende Semester zu finanzieren. Auf der langen Strecke bekommt sie ein Problem mit ihrem Auto, und statt Glück zu haben und von einem anderen Fahrer Hilfe zu bekommen, wird sie von einem Serienmörder gefunden. Doch bevor etwas Schlimmes passieren kann, kommt Amy ein unbekannter Mann zur Hilfe, der sich als Thor Odinson vorstellt. Womit wir zur zweiten Perspektive in dieser Geschichte kommen, der von Thor Loki. Loki ist nach einem Vorfall, bei dem Odin Lokis Söhne wegen Verrats in die Leere (ich vermute, dass damit Ginnungagap gemeint sein sollte) werfen lassen wollte, durch einen irrgeleiteten Zweig des Weltenbaums auf der Erde gelandet. Dank glücklicher Umstände kann Loki so Amy vor dem Serienmörder retten und bekommt damit eine Begleiterin, die sich nicht nur in der aktuellen Welt auskennt, sondern auch bereit ist, ihm immer wieder bei allen möglichen Dingen zu helfen. Denn Loki muss nicht nur eine Zeitlang auf der Erde überleben, sondern er versucht natürlich auch, seine Söhne doch noch zu retten oder – wenn sein Rettungsversuch zu spät sein sollte – Rache an Odin zu nehmen.

Das ist die Ausgangssituation, und viel mehr passiert in der aktuellen Handlung eigentlich nicht, bis es zum „mehr als offenen“ Ende kommt. Amy und Loki fahren zu Amys Großmutter, unternehmen gemeinsam mit dieser einen Ausflug zu den Elfen und … das ist es irgendwie. Wobei ich zugeben muss, dass es so einige amüsante Momente mit Loki gab, der sich mit moderner Technologie herumschlägt, denn das letzte Mal war er während des ersten Weltkriegs auf der Erde. Amy selbst ist etwas farblos gestaltet, aber ich fand Amys Reaktion auf Magie und all die anderen Dinge, die für Loki selbstverständlich sind, unterhaltsam zu lesen. Außerdem ist Amys Großmutter Beatrice eine wunderbare Figur, von der ich gern noch mehr gesehen hätte, auch wenn ihre Szenen nicht so viel zum Voranschreiten der Handlung beigetragen haben. Was Loki angeht, so gibt es immer wieder Passagen, in denen er sich an Ereignisse in der Vergangenheit erinnert, und diese waren wirklich gut zu lesen. Die Autorin beweist hier eine ungewöhnliche Sicht auf bekannte nordische Mythen, bei denen die vertraute Basis durch Lokis Perspektive und all die anderen Dinge, die er über die beteiligten Personen zu sagen hat, einen ganz neuen Dreh bekommt. Diese „Neuerzählungen“ mochte ich wirklich gern, und ich glaube ehrlich gesagt, dass C. Gockel mit der „I bring the Fire“-Serie eigentlich auch nur einen Weg suchte, um ihre Loki-Geschichten in einen (verkaufbaren?) Urban-Fantasy-Roman einzuflechten, ohne dass sie sich wirklich eine Handlung für den UF-Teil des Ganzen ausgedacht hatte.

Außerdem fühlt sich „Wolves“ definitiv nicht nach einem abgeschlossener Roman an, auch wenn er als erster Band der Serie vermarktet und verkauft wird. Die Geschichte liest sich eher wie ein sehr langer (und stellenweise sogar wirklich unterhaltsamer) Prolog, und kaum hat die Autorin die Grundvoraussetzungen ihrer Welt und die aktuelle Position ihrer Figuren dem Leser dargelegt, endet das Buch, ohne dass man das Gefühl hat, es sei wirklich etwas passiert. Ich vermute vielmehr, dass man die ersten drei Bände am Stück lesen muss, um einen „abgeschlossenen ersten Teil“ gelesen zu haben, aber ich muss gestehen, dass mich nur die Tatsache, dass ich eh schon die beiden nächsten Teile (plus die anschließende Novella) habe, überhaupt darüber nachdenken lässt, weiterzulesen. Wenn ich mir den zweiten Band dafür kaufen müsste, würde ich einfach mit den Schultern zucken und zu einem anderen Buch weiterwandern, weil es mir diese Geschichte definitiv nicht wert wäre, dafür extra Geld auszugeben. So hingegen habe ich ja die Fortsetzungen schon, und auch wenn ich erschreckenderweise so gar nicht neugierig auf den weiteren Verlauf der Handlung bin, so argumentiert ein Teil von mir mit „aber es war ja schon irgendwie nett und stellenweise amüsant“ fürs Weiterlesen.