Kategorie: Rezension

Rae Carson: The Girl of Fire and Thorns

Ich muss gestehen, dass der Debütroman von Rae Carson ziemlich an mir vorbeigegangen ist, als er vor ca. 11 Jahren erschien, obwohl ich mir sicher bin, dass einige Personen ihn gelesen haben, deren Blogs ich folg(t)e. Und ich habe keine Ahnung mehr, was mich im vergangenen Herbst dazu brachte, spontan das eBook zu kaufen (wenn ich mal vom günstigen Preis absehe). Aber ich bin sehr froh, dass ich mir den Roman gegönnt habe, und habe in der vergangenen Woche gespannt all die Ereignisse rund um die Protagonistin Elisa verfolgt. Elisa ist „die Auserwählte“, diejenige, die am Tag ihrer Taufe von Gott mit einem Edelstein im Bauchnabel versehen wurde. Elisa wird irgendwann in ihrem Leben hoffentlich eine große Aufgabe erfüllen, doch was für eine Aufgabe das sein wird, weiß niemand. Und Elisa ist diejenige, die am wenigsten von allen versteht, warum gerade sie auserwählt wurde – was auch der Grund dafür ist, dass sie im Laufe der Zeit eine ausgewachsene Essstörung entwickelt hat, die dafür sorgt, dass Elisa ziemlich dick ist.

An ihrem sechzehnten Geburtstag wird Elisa mit König Alejandro verheiratet und reist mit ihm in seine Heimat. Dort muss sie zu ihrer großen Überraschung feststellen, dass Alejandro ihre Hochzeit erst einmal geheimhalten will und sie nur als Ehrengast bei Hof vorstellt. Doch das Leben und die Intrigen an diesem fremden Hof sind nur eine der Herausforderungen, die auf Elisa warten. An den Grenzen des Landes stehen feindliche Truppen, Rebellen sorgen für Unruhen und schon bald findet Elisa heraus, dass es deutlich mehr über den Götterstein in ihrem Bauchnabel zu wissen gibt, als ihr beigebracht wurde. Während Elisa anfangs schüchtern und voller Minderwertigkeitskomplexe ist, fand ich es schön zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt und an ihren Herausforderungen wächst. Ich fand es durchaus verständlich, dass Elisa das Gefühl hatte, dass sie neben ihrer schönen, klugen und weltgewandten großen Schwester Alodia verblasst und dass ihre Gesellschaft nur wegen des Göttersteins gesucht wird. So versteckt sie sich vor der Welt hinter ihrem Essen und hinter Schriftrollen, die ihr vielleicht mehr zu ihrem Schicksal verraten können.

Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen Elisa schon früh beweist, dass sie eine kluge und herzliche Person ist. Ich mochte es zum Beispiel sehr, wie sie im Laufe der Geschichte auf ihren Mann Alejandro reagierte. Anfangs ist sie – verständlicherweise – überwältigt davon, dass ein erfahrener und so gut aussehender Mann so freundlich mit ihr umgeht, während sie mit jeder weiteren Begegnung mehr über ihn lernt und so auch seine Schwächen wahrnimmt. Sie bemüht sich während der gesamten Handlung von „The Girl of Fire and Thorns“ hart darum, sich den Respekt der Personen um sich herum zu erarbeiten. Und je mehr Elisa den anderen Menschen beweist, dass sie mehr ist als nur die Trägerin des Göttersteins, dass sie eine Person ist, die ihre Versprechen hält und bereit ist, wirklich weit zu gehen, um diejenigen zu beschützen, die ihr am Herzen liegen, desto mehr lernt sie sich selbst zu mögen und ihren Fähigkeiten zu vertrauen. Ich mochte es sehr, wie Rae Carson nicht nur Elisa, sondern auch all die anderen Figuren in dieser Geschichte angelegt hat. Wenn ich ehrlich bin, sorgte die Autorin schon früh dafür, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, ich könne keinem Charakter rund um Elisa vertrauen. Aber Rae Carson gelang es auch, mir zu vermitteln, dass jede ihrer Figuren einen guten Grund für ihr Handeln hat – und das hat mir wirklich viel Spaß gemacht.

Interessant fand ich auch den Weltenbau bei „The Girl of Fire and Thorns“, denn Rae Carson lässt dabei viele Elemente offen und bietet relativ wenig Erklärungen für diese Mischung aus arabischer und spanischer Kultur. Die wenigen Hinweise, die es in den „religiösen Texten“ gibt, die Elisa regelmäßig liest, haben bei mir das gleiche Gefühl hinterlassen wie viele ältere SF-Romane, die ich früher gelesen habe. So als ob die Autorin eine grobe Idee hatte, die darauf basiert, dass eine (unsere?) Welt aufhörte zu existieren und ihre Bewohner deshalb in einer anderen Welt Zuflucht fanden. Das würde die Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elementen ebenso erklären wie einige der Legenden rund um vergangene Ereignisse. Auf der anderen Seite bot mir Rae Carson beim Lesen aber auch sehr viele realistische und alltägliche Details rund um das Überleben in der Wüste, das Bewegen in der Natur und die Dinge, auf die jemand achten muss, der ohne Vorräte in der Wildnis zurechtkommen muss. Ich mochte es sehr, dass in ihrer Welt nicht einfach Bogenschützen in der Wüste unterwegs sind, denn schließlich müssen sich die Menschen am Rande der Wüste gut überlegen, ob sie irgendwo Holz für Pfeile und Bögen herbekommen oder ob sie ihren Krieg nicht eher mit Schleudern und ähnlichen Mitteln führen sollten.

All diese Elemente zum Weltenbau und zum Alltag der Figuren mochte ich sehr. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin ihre Charaktere angelegt hatte, und ich fand es faszinierend, Elisa zu begleiten, während sie an all ihren Herausforderungen wächst. Insgesamt hat die Handlung einen gefährlichen „noch ein Kapitel“-Sog auf mich ausgeübt, der für längere Frühstückspausen gesorgt hat, als ich mir eigentlich leisten konnte. Die Geschichte ist am Ende von „The Girl of Fire and Thorns“ noch nicht abgeschlossen, aber der Ausklang des Romans ist so rund, dass das Buch für sich stehen kann. Ich fürchte allerdings, dass ich mit wohl in näherer Zukunft noch die nächsten Bände holen werde, auch wenn ich eigentlich eine eBook-Kaufpause einlegen wollte, bis ich wieder ein paar Titel aus meinem Bestand gelesen habe. Aber ich möchte zu gern wissen, wie es mit Elisa und all den anderen Charakteren weitergeht und wie sie mit den weiteren Herausforderungen, die noch auf sie warten, umgehen wird.

Julia Buckley: The Big Chili (Undercover Dish 1)

Nachdem mir „A Dark and Stormy Murder“ von Julia Buckley so gut gefallen hatte, habe ich wenig später auch noch „The Big Chili“ von der Autorin gelesen. „The Big Chili“ ist ein Jahr vor „A Dark and Stormy Murder“ erschienen und der Auftakt der vierteiligen Undercover-Dish-Reihe, die sich um Lilah Drake dreht. (Ich muss gestehen, ich wüsste schon gern, wie viele Serien die Autorin parallel schreibt, wenn ich mir den Veröffentlichungsrhythmus ihrer Bücher so anschaue.) Lilah arbeitet tagsüber für ihre Eltern, die eine Marklerfirma betreiben, und in ihrer Freizeit kocht sie heimlich für eine Handvoll Kunden. Genau genommen für Kunden, die Lilahs Gerichte als ihre eigenen ausgeben, um dafür dann Lob und Anerkennung einzuheimsen. Schwierig wird Lilahs Situation, als eine Frau bei einer Kirchenveranstaltung stirbt, nachdem sie ein Chili probiert hat, das von Lilah gekocht wurde. Auf der einen Seite fleht ihre Kundin sie an, dass sie niemandem verraten soll, dass Lilah das Chili gekocht hat, auf der anderen Seite befürchtet Lilah natürlich, dass ihr Stillschweigen die Ermittlungen beeinträchtigen könnte.

Ich muss zugeben, dass mir dieser Roman von Julia Buckley nicht so gut gefallen hat wie „A Dark and Stormy Murder“, obwohl ich mich insgesamt auch von dieser Geschichte gut unterhalten gefühlt habe. Ich fand die Idee lustig, dass Lilah eine Handvoll Kunden hat, die nicht wissen, dass Lilah ihr heimliches Kochen zu einem kleinen Geschäft ausgebaut hat und dass sie mehrere Personen in ihrem Ort regelmäßig mit Gerichten versorgt. Ebenso amüsant waren die diversen Übergabeaktionen der fertigen Gerichte an abwegigen Orten oder unter ebenso abwegigen Vorwänden. Allerdings fand ich es dann doch etwas zu überzogen, dass Lilah nicht einmal die Polizei in ihr Geheimnis einweiht – vor allem. da sie sich häufiger mit Detective Inspector Jacob „Jay“ Parker unter vier Augen unterhält. Und da ich schon bei den Kritikpunkten bin (und das, bevor ich noch die netten Teile des Romans erwähnt habe): Obwohl es in dieser Geschichte viele schöne Passagen gibt, die sich um das Thema Kochen und Essen drehen, gibt es leider – wie auch schon in „A Dark and Stormy Murder“ – immer wieder Momente, in denen sich die Protagonistin Lilah schlecht fühlt, weil sie (nach einem langen und anstrengenden Tag) Fast Food isst oder weil sie zu einem Softdrink greift. Wie gesagt, es gibt einige Szenen, in denen es einfach nur um genussvolles Essen geht, aber ganz konnte die Autorin ihrer Protagonistin dann doch nicht das schlechte Gewissen ersparen, weil sie sich nicht hundertprozentig gesund ernährt.

Ansonsten fand ich es sehr nett zu verfolgen, wie Lilah ihre Nase in die Angelegenheiten ihrer Freunde und Kunden steckt, wie sie mehr über die verschiedenen Personen herausfindet, obwohl sie doch dachte, dass sie sie gut kennen würde, und wie das dazu führt, dass sie Jay immer wieder Informationen geben kann, über die er noch nicht gestolpert war. Wie schon bei „A Dark und Stormy Murder“ wird die Protagonistin von Anfang an nicht verdächtigt, was ich wirklich angenehm finde. Sie muss auch nicht ihr Geschäft retten oder sonstige Dramen lösen, und Lilah arbeitet die ganze Zeit mit der Polizei zusammen, auch wenn es ihr manchmal unangenehm ist, dass sie Informationen weitergibt. Und während die Protagonistin in dem anderen Roman sich von Anfang an sicher war, dass der Verdächtige Sam West absolut unschuldig sein muss, hat Lilah immer wieder Momente, in denen sie selbst Personen verdächtigt, von denen sie eigentlich glaubt, dass es gute Menschen sind, die niemals einen Mord begehen könnten. Dieses Bewusstsein dafür, dass theoretisch jede dieser Personen mordverdächtigt sein könnte, obwohl sich Lilah gut mit ihnen versteht und sie schon lange kennt, hat mir gut gefallen.

Dieser Mangel an Drama (wobei es in „The Big Chili“ am Ende einen kleines „Beziehungsdrama“ zwischen Lilah und Jay gibt) finde ich wirklich wohltuend bei den Romanen von Julia Buckley, ebenso wie das harmonische Familienumfeld der Protagonistinnen und die vielen kleinen (und häufig amüsanten) Begegnungen mit den verschiedenen Figuren, die Informationen zu den Ermordeten beizutragen haben. Wenn ich von meinem Kritikpunkt rund um die Essensszenen absehe, kann ich die Geschichten rundum genießen. Mir gefällt es einfach, wenn es in einem gemütlichen Kriminalroman nicht erzwungen um die Unschuld der Protagonistin oder ihre Existenz geht und wenn die ermittelnden Polizisten nicht als Feinde behandelt werden. Auch wenn mir die „Liebesgeschichten“, die Julia Buckley sowohl in „The Big Chili“ als auch in „A Dark und Stormy Murder“ eingebaut hat, etwas arg schnell verliefen und es für mich nicht so ganz nachvollziehbar war, wieso sich da nun diese Paare gefunden haben, so muss ich zugeben, dass dies für nette Dialoge zwischen den Protagonistinnen und anderen Personen (Freundeskreis, Familienmitglieder oder eben der potenzielle neue Partner) gesorgt haben. Und da mein Bedürfnis nach Cozys immer noch nicht so ganz vorbei ist, habe ich mir auch noch „Death in a Budapest Butterfly“, den Start der Hungarian-Tea-House-Reihe, von der Autorin besorgt.

 

Leslie Vedder: The Bone Spindle

Mit „The Bone Spindle“ erzählt Leslie Vedder eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Im Prolog stellt die Autorin das fantastischen Königreich Andar vor, dessen jüngster Prinz von der Spindle Witch verflucht wurde. Nur durch den Einfluss der anderen drei großen Hexen (der Snake Witch, der Dream Witch und der Rose Witch) konnte der Fluch gemildert werden. Das Königreich Andar wurde durch diesen Fluch vernichtet, seine Bewohner flohen in die anliegenden Reiche, die drei großen Hexen starben bei dem Versuch, die Spindle Witch zu besiegen, und alle Personen im Schloss fielen – ebenso wie Prinz Briar – in einen unendlichen Schlaf, der nur durch den Kuss einer jungen Frau gebrochen werden kann. Doch bislang hat es niemand geschafft, den Fluch über Andars Prinzen zu brechen. Stattdessen durchstöbern Schatzjäger die Ruinen des zerstörten Königreichs nach kostbaren Schätzen, magischen Artefakten und unbekannten Zauberbüchern. Diese Schatzsuchen sind nicht ganz ungefährlich, denn die wertvollsten Dinge in diesen Ruinen werden durch ausgeklügelte Zauber und Fallen geschützt.

Auch die Protagonistinnen Fi – genauer Lady Filore Nenroa – und Shane, eine Kriegerin aus dem Norden, sind Schatzjägerinnen, wobei Shane vor allem auf Reichtümer aus ist, während Fi auf der Suche nach Wissen über das verlorene Königreich Andor und die Orden der großen Hexen ist. Genau genommen hofft Fi, dass sie in den Unterlagen der alten Hexen-Orden Informationen findet, die ihr helfen, einen Fluch zu brechen, mit dem sie ihr Ex-Freund vor einem Jahr verhext hat. Doch stattdessen stolpert sie bei einem gemeinsamen Abenteuer mit Shane über einen weiteren Fluch – den Fluch, den die Spindle Witch auf den Prinzen von Andor gelegt hat. Dieser Fluch sorgt für einen Seelenbund zwischen Fi und dem schlafenden Briar, und je länger dieser Bund besteht, desto näher kommen sich die beiden. Auf ihrem Weg zum verfluchten Schloss von Andor müssen sich Fi und Shane nicht nur mit dunkler Magie, Hexenjägern, einem manipulativem Ex-Freund und einer rätselhaften jungen Frau in einem roten Umhang herumschlagen, sondern auch mit der dunklen Magie der Spindle Witch. Trotzdem ist „The Bone Spindle“ alles andere als eine düstere Geschichte, denn allein schon die gegensätzlichen Charaktere der beiden Protatonistinnen sorgen für diverse amüsante Szenen.

Ich mochte es sehr, dass Fi und Shane anfangs nicht mehr als „Arbeitskolleginnen“ waren, die sich miteinander arrangieren, obwohl sie die andere Person und ihr Verhalten häufig nicht verstehen können. So konnte ich abwechselnd mit einem Schmunzeln Fis und Shanes Gedanken verfolgen, die sie sich über ihre Kollegin machten, und nach und nach miterleben, wie sich diese beiden so unterschiedlichen Frauen miteinander anfreunden. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin verschiedene Märchenelemente aufgreift und ihre ganz eigene Geschichte daraus spinnt. Dabei belässt sie es nicht dabei, Prinz Briar zum Opfer des Fluches zu machen oder sich einfach bei bekannten Märchen zu bedienen, sondern sie baut eine ganz eigene Welt rund um die Hexen-Orden, die Schatzjäger und das verfluchte Königreich auf. Allerdings muss ich zugeben, dass „The Bone Spindle“ durch die ausführliche Vorstellung der Figuren (und der Welt) in den ersten Kapiteln etwas gemächlich anfängt. Ich habe das erste Drittel des Romans problemlos immer wieder aus der Hand legen und stattdessen in anderen Büchern stöbern können, aber als dieser Teil vorbei war, hat mich die Handlung so richtig gepackt und dafür gesorgt, dass ich „nur noch eben ein Kapitel“ gelesen habe, bis der Roman zuende war.

Das Einzige, was mich beim Lesen etwas irritiert hat, war das Alter der Protagonistinnen. Fi zum Beispiel ist siebzehn und wurde vor einem Jahr von ihrem Ex-Freund, mit dem sie sich einen Ruf als Schatzjägerin erarbeitet hatte, verflucht. Und wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich, wie alt Fi bitte war, als sie anfing, gemeinsam mit ihrem Ex als Schatzjägerin zu arbeiten. Selbst wenn sie relativ schnell gewisse Berühmtheit erlangt hat, so kann sie zu Beginn ihrer Karriere maximal fünfzehn Jahre alt gewesen sein, und das finde ich schon etwas arg jung. Und auch bei Shane frage ich mich etwas, wie alt sie wohl gewesen sein muss, als sie ihr Zuhause (kurz vor ihrer Heirat!) hinter sich ließ – und wie sie sich dann so schnell Berühmtheit als Kriegerin erarbeiten konnte. Wenn ich dann noch all die deprimierenden Monate in Betracht ziehe, die sie als Söldnerin mit zweifelhaften Jobs verbracht hat … Aber nun gut, ich vermute mal, dass die anvisierte jugendliche Zielgruppe der Grund dafür ist, dass Fi und Shane deutlich jünger sind, als sie meiner Ansicht nach sein dürften, und grundsätzlich hat mich das Ganze nicht so sehr gestört, dass es mein Lesevergnügen deutlich getrübt hätte. Auch wenn ich es natürlich trotzdem hier ansprechen musste …

Insgesamt hat mir „The Bone Spindle“ wirklich gut gefallen. Ich mochte die beiden Protagonistinnen mit all ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen sehr gern, ich fand es unterhaltsam zu verfolgen, wie Briar versucht, Fis Herz für sich zu gewinnen, und ich habe es genossen, zu lesen, wie Fi und Shane sich im Laufe ihrer Reise anfreunden und immer wieder füreinander einstehen. Selbst wenn es hier und da Momente gab, in denen ich das Verhalten der beiden Protagonistinnen nicht wirklich klug fand, konnte ich ihre Beweggründe in der Regel nachvollziehen, was dafür gesorgt hat, dass mich diese Passagen so gar nicht gestört haben. Stattdessen habe ich mich über die vielen kleinen Entwicklungen, die die Figuren durchmachen, und über jede neue Information zu ihren Hintergründen gefreut. Ich fand es spannend, dass einige Charaktere in der Geschichte nur einen kleinen Auftritt hatten und es der Autorin doch gelang, sie so darzustellen, dass sie einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Am Ende gibt es noch so viel über Fi, Shane, Briar, Red und die Paper Witch herauszufinden, dass ich sehr gespannt bin, wie Leslie Vedder die Handlung in „The Severed Thread“ fortsetzen wird. Dummerweise erscheint der Band erst im Februar 2023, aber ich freue mich schon darauf, dass ich dann ein Wiedersehen mit all den Charakteren feiern kann.

Julia Buckley: A Dark and Stormy Murder (A Writer’s Apprentice Mystery)

Anfang des Monats hatte ich mir „A Dark and Stormy Murder“ von Julia Buckley besorgt, nachdem das Buch schon einige Zeit auf meinem Merkzettel stand und ich aktuell große Lust auf gemütliche Kriminalromane habe. Die Geschichte wird aus Sicht von Lena „Lee“ London erzählt, die vor einigen Monaten erst ihr Studium beendet hat und nun auf der Suche nach einem Job ist, mit dem sie ihren Lebensunterhalt finanzieren kann. Lena ist kurz davor zu verzweifeln, als ihre Freundin Allison anruft, um ihr zu erzählen, dass sie Camilla Graham – eine berühmte Autorin, die seit vielen Jahren Lenas Vorbild ist – kennengelernt hat und dass Camilla eine Assistentin sucht. Wenig später macht sich Lena gemeinsam mit ihrem Kater Lestrade auf den Weg nach Blue Lake in Indiana, um probeweise für Camilla zu arbeiten. Schnell lebt sich Lena in Blue Lake ein, freundet sich mit ihrer Arbeitgeberin an, lernt neue Leute kennen und genießt ihren Job – bis sie am Seeufer unterhalb von Camillas Haus über die Leiche eines ermordeten Mannes stolpert.

Ich habe es sehr genossen, „A Dark and Stormy Murder“ zu lesen, obwohl Lenas Leben in Blue Lake ein kleines bisschen zu perfekt war und ich ihre Instant-Verliebtheit in Camillas Nachbarn Sam West nicht so ganz nachvollziehen konnte. Der kleine Ort Blue Lake ist einfach bilderbuchhaft perfekt und wird trotzdem nicht von Touristen überlaufen und Lenas neuer Job ist für sie die Erfüllung eines Traumes, weil sie Camilla Graham beim Schreiben ihres neusten Romans assistieren darf. Obendrein wird Camilla innerhalb kurzer Zeit zu einer (mütterlichen) Freundin für Lena und es gibt gleich zwei attraktive Männer, die um die Aufmerksamkeit der Protagonistin bemüht sind. All das wäre mir normalerweise etwas zu viel, um die Geschichte zu genießen, aber es gelingt Julia Buckley, genügend realistische Elemente in die Handlung einzuflechten, dass ich mich beim Lesen einfach nur wunderbar entspannt und unterhalten gefühlt habe. So trifft Lena zum Beispiel immer wieder Personen, die ihr sympathisch sind und die sie gern besser kennenlernen würde, aber das hindert sie nicht daran, sich zu fragen, ob die jeweiligen Personen vielleicht etwas mit dem Mordfall zu tun haben oder Dinge wissen könnten, die der Polizei bei den Ermittlungen helfen würden.

Auch die Art und Weise, wie Lena (und Camilla) in die Ermittlungen involviert werden, mochte ich, weil die Protagonistin weder glaubt, dass sie es besser machen kann als die Polizei, noch aktiv gegen die Ermittler arbeitet, sondern nur ihre Neugier befriedigt, indem sie Klatsch und Tratsch austauscht oder online Informationen sucht. Und wenn sie dann wirklich über Dinge stolpert, die der Polizei helfen könnten, dann gibt sie diese Informationen auch direkt an den Ermittler weiter. Einzig ihre Haltung gegenüber Sam West, der seit Monaten des Mordes an seiner (verschwundenen) Ehefrau verdächtigt wird, war mir etwas zu extrem, denn es brauchte nur zwei Begegnungen, und schon war Lena nicht nur davon überzeugt, dass Sam vollkommen unschuldig sein muss, sondern sie war auch Hals über Kopf in ihn und seinen rauen Charme verliebt. Immerhin gab es kein großes Drama rund um die Tatsache, dass nicht nur Sam, sondern auch der ermittelnde Polizist Doug Heller an Lena interessiert war, was ich wirklich anerkennen möchte. Wieso können nicht mehr Autor*innen solche Handlungselemente lösen, indem sie ihre Figuren wie vernünftige erwachsene Menschen handeln lassen?! Erschreckend, dass mich das hier so froh gemacht hat, weil das einfach so selten vorkommt.

Ansonsten habe ich noch eine kleinen Kritikpunkt an „A Dark and Stormy Murder“, und der bezieht sich auf das Essverhalten der Protagonistin. Während es auf der einen Seite schön zu lesen war, dass Lena ständig leckeres Essen genießt, hatte sie auf der anderen Seite jedes Mal ein schlechtes Gewissen oder musste daran denken, dass sie ganz bestimmt bald schrecklich dick wird, wenn sie sich weiterhin so schlecht ernährt. Ich muss gestehen, ich habe fast das Gefühl, ich könnte Julia Buckley diesen Punkt nicht wirklich vorwerfen, weil es in unserer verdammten Gesellschaft nun einmal überall verbreitet ist, dass Essen etwas ist, das kein Genuss sein darf und mit schlechtem Gewissen verknüpft ist. Aber ich finde es schrecklich, so etwas in einem ansonsten wirklich wohltuenden Roman zu lesen – so viele Beschreibungen von leckerem Essen, und jede einzelne davon wird mit dem Schuldgefühl der Protagonistin verknüpft. Ich weiß nicht, wie vielen anderen Leser*innen das überhaupt auffällt, aber mich hat das wirklich geärgert.

Allerdings hat mich dieser Punkt nicht so sehr geärgert, dass es mir den Rest der Geschichte verdorben hätte. Ich mochte grundsätzlich die Figuren, ich habe es genossen, Lenas perfekten neuen Alltag mitzuerleben, und mir hat es gefallen, wie Julia Buckley den Kriminalfall konstruiert hat. Ich fand es sogar unterhaltsam, Lenas Arbeitsalltag und all ihre Gedanken rund um Camillas nächsten Roman, „The Salzburg Train“, mitzuverfolgen, auch wenn ich die Passagen aus diesem fiktiven Buch, die an fast jedem Kapitelanfang zu lesen waren, eher schlecht geschrieben fand. Aber das hatte schon wieder seinen ganz eigenen Unterhaltungswert für mich und sorgte dafür, dass ich jedes Kapitel mit einem Grinsen startete, während ich darüber nachdachte, dass Camilla Grahams Bücher für mich nicht geeignet wären. Insgesamt hat mir „A Dark and Stormy Murder“ Lust auf weitere Veröffentlichungen von Julia Buckley gemacht – weshalb ich mir direkt im Anschluss das eBook „The Big Chili“, den Auftakt der „Undercover Dish“-Reihe, gekauft habe, um herauszufinden, ob mir andere Reihen der Autorin auch zusagen könnten.

Skyla Dawn Cameron: Livi Talbot 1-3

Nachdem ich in letzter Zeit so viele fantastische Kinder- und Jugendbücher gelesen habe, hatte ich in den vergangen Tagen spontan Lust auf Urban Fantasy. Aber so richtig konnten mich meine schon gelesenen Reihen nicht reizen, und bei den ungelesenen Titeln auf meinem eReader ging es mir ähnlich, bis ich bei „Solomon’s Seal“, dem ersten Livi-Talbot-Roman von Skyla Dawn Cameron, landete. In der Zwischenzeit habe ich nicht nur den zweiten und dritten Band der Reihe („Odin’s Spear“ und „The Emperor’s Tomb“) gelesen, die beide ebenfalls schon auf meinem eReader schlummerten, sondern mir auch den Band 2.5 („Ashford’s Ghost“) gekauft, damit ich den am chronologisch passenden Punkt der Reihe lesen konnte. Die Geschichten drehen sich um Olivia „Livi“ Talbot, die mit 17 von ihrem (einfluss)reichen Vater aus dem Haus geworfen wurde, nachdem sie schwanger geworden war. Ein paar Jahre hat sie sich und ihre Tochter mit Jobs als Kellnerin durchgebracht, bis ihr Bruder Martin – ein anerkannter Archäologe – sie engagierte, um Zutritt zu dem Haus einer ehemaligen Schulkameradin von Livi zu bekommen, wo er ein ungewöhnliches archäologisches Fundstück vermutete.

Dies war Livis erste Berührung mit magischen Artefakten, die aktiviert wurden, als es vor einigen Jahren einen weltweiten „Pulse“ gab. Seitdem verdient sie ihren Lebensunterhalt als Schatzjägerin, die aus den entlegensten Regionen der Welt (oder auch dem einen oder anderem nicht so entlegenem Museum) Artefakte für ihre Auftraggeber besorgt. Die Arbeit ist gefährlich und wenig vorhersehbar, und genau das gefällt Livi, die von sich behauptet, ein Adrenalin-Junkie zu sein. Möglich sind diese Jobs, weil sich während ihre Abwesenheit ihre Mitbewohnerin Pru um Livis Tochter kümmert, während Livis Bruder Martin einer der größten Gefahrenpunkte für ihr Leben geworden ist, weil er keine Hemmungen hat, sie bei ihren Aufträgen mit radikalen Mitteln aufzuhalten oder gar ihre Beute an sich zu bringen. Ein weiteres Problem sind häufig Livis Auftraggeber, die nicht gerade zu den vertrauenswürdigsten Personen gehören – ein Punkt, mit dem sie sich im Laufe der Zeit immer wieder auseinandersetzen muss und der auch für einige Weiterentwicklungen ihres Charakters sorgt.

Ich mochte beim Lesen diese Schatzjäger-Lara-Croft-Elemente sehr, vor allem da es Skyla Dawn Cameron gelingt, die körperlichen Herausforderungen, die zum Beispiel das Erkunden oder Ertauchen von Höhlen, das Bergsteigen auf verschneiten Gipfeln und dergleichen mit sich bringen, sehr realistisch zu beschreiben. So gibt es immer wieder Passagen, in denen Livi ihre Ausrüstung überprüft, in denen erklärt wird, worauf zu achten ist, wenn eine Person längere Zeit in tiefer Dunkelheit unterwegs ist und welche Orientierungslosigkeit das mit sich bringen kann. Dazu kommen noch all die fantastischen Elemente, die in der allgemeinen Welt, in der Livi lebt, gar keine so große Rolle spielen, die aber bei ihren Aufträgen einen großen Einfluss auf ihr Überleben haben können. So begegnet sie ungewöhnlichen (oder als verstorben geltenden) Tieren ebenso wie zum Beispiel Gestaltwandlern oder einem Dschinn, und ich muss zugeben, dass mich die Autorin hier immer wieder überraschend konnte, was beim Lesen viel Spaß gemacht hat.

Noch ein Punkt, der mir wirklich viel Freude bereitet hat, war, dass Skyla Dawn Cameron bei Livis Abenteuern nicht nur das Erreichen das Ziels, sondern auch immer den Rückweg im Auge hatte. Das ist etwas, was ich bei „Abenteuerfilmen“ oft schrecklich nervig finde, wenn die Charaktere Dutzende Hinternisse überwinden müssen, um ihren „Schatz“ zu finden, der Heimweg aber am Ende gar kein Thema ist, obwohl die Figuren auf ihrem Hinweg alles in Schutt und Asche gelegt haben. Bei den Livi-Talbot-Romanen hingegen steht von Anfang an fest, dass jede eingestürzte Höhle, jede aktivierte Falle, jedes fantastische Wesen, an dem sie sich mit Mühe und Not vorbeischleichen konnte, auf dem Rückweg ein Problem darstellt, das bewältigt werden muss. Es reicht nicht, ein gesuchtes Artefakt in die Hände zu bekommen, sie muss es auch schaffen, heil mit ihrem Schatz wieder nach Hause zu kommen – und das ist manchmal der richtig herausfordernde Teil ihres Jobs.

Der einzige Grund, warum ich mir noch nicht die restlichen drei bislang erschienenen Romane der Reihe angeschafft habe, ist, dass in den Klappentexten zu den kommenden Bänden Punkte erwähnt werden, die ich nicht so gerne lese. (Ganz ehrlich, sag mir, dass die Protagonistin betrogen/verraten wird oder einen großen Verlust erleidet und schon habe ich keine Lust mehr auf die Geschichte …) Auf der anderen Seite hat Skyla Dawn Cameron in den bislang von mir gelesenen Teilen jedes Mal nach ca. einem Drittel der Handlung etwas eingebaut, das mich zumindest bei den ersten beiden Bänden fast dazu gebracht hätte, die Lektüre abzubrechen, was sie dann aber so gedreht hat, dass mir die Geschichte am Ende wirklich Spaß gemacht hat. Außerdem mag ich die Figuren rund um Livi und ihre Hintergründe (ich muss nur ignorieren, dass Zeit in diesen Büchern etwas flexibler gehandhabt wird, was es z.B. Livi ermöglich hat, sich in gerade mal vier Jahren von einer misshandelten Kellnerin in eine weltberühmte Schatzjägerin und Höhlenexpertin zu verwandeln 😉 ) und ich wüsste gern, wie es für die Charaktere in Zukunft weitergeht.

Faith Erin Hicks: The Nameless City (Comic)

Ich weiß nicht, wo ich über die „The Nameless City“-Comics von Faith Erin Hicks gestolpert bin, aber nachdem ich den ersten Band gelesen habe, bin ich fest entschlossen, mir auch noch die anderen beiden Teile der Reihe zu besorgen. Die Geschichte spielt in der titelgebenden „Nameless City“, die auf der einen Seite viele Namen hat, weil sie im Laufe ihres Bestehens immer wieder erobert und dann mit einem neuen Namen versehen wurde, und auf der anderen Seite namenlos ist, weil ihre Bewohner die ständig wechselnden Namen ihrer Eroberer nicht anerkennen. Diese kleine Stadt ist ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel mit den verschiedenen Reichen und seit dreißig Jahren in der Hand der Dao. Die Handlung beginnt an dem ersten Tag, den der Dao-Junge Kaidu (Kai) in der Stadt verbringt. Wie es Tradition bei den Dao ist, soll der Junge in der Stadt zum Krieger ausgebildet werden, doch Kaidu selbst hat wenig Freude am Kämpfen und hat vor allem deshalb den Weg in die Stadt gewählt, um endlich seinen Vater Andren kennenzulernen, der dort stationiert ist.

Als Kai endlich mit Andren zusammentrifft, stellt er fest, dass seinem Vater die Stadt mit all ihren unterschiedlichen Bewohnern ans Herz gewachsen ist. Im Gegensatz zu den anderen Dao-Soldaten geht er häufiger durch die Straßen der Stadt, genießt das Essen an den verschiedenen Ständen und versucht, mehr über die Menschen dort herauszufinden. Da auch Kai wissbegierig ist, nimmt er sich ein Beispiel an seinem Vater und freundet sich so mit dem Mädchen Rat an. Rat hasst die Dao, da diese für den Tod ihrer Eltern verantwortlich sind, aber gegen Kais Hartnäckigkeit und Freundlichkeit kommt sie mit ihrer abweisenden Art nicht an. Stattdessen zeigt sie ihm im Laufe der folgenden Wochen ihre Seite der Stadt, sie erzählt ihm von den Mönchen, die ihr im Stone Heart Obdach geben, und bringt ihm bei, über die Dächer der Stadt zu laufen.

Ich mochte es sehr, Kai dabei zu begleiten, wie er die Stadt, die vorerst sein Zuhause sein wird, kennenlernt, wie er die verschiedenen Menschen trifft und mehr über ihre Sicht auf die Stadt erfährt, und natürlich wie er sich nach und nach mit Rat anfreundet. Es gelingt Faith Erin Hicks, dabei all die vielen verschiedenen Verhältnisse zwischen Eroberern und Eroberten darzustellen, ohne plakativ zu betonen, wie schwierig das Zusammenleben für diese unterschiedlichen Gruppen ist. Besonders schön fand ich es dabei, dass die Künstlerin die ganze Zeit in ihrer Geschichte mitschwingen lässt, dass keine der gezeigten Personen sich so einfach in eine Schublade packen lässt. Da gibt es auf der einen Seite den General, dessen Einsatz entscheidend für die Eroberung der Stadt war, aber der auch in der Lage ist, all die Leben zu betrauern, die diese Eroberung gekostet hat, während es auf der anderen Seite Soldaten gibt, die die Bewohner der Stadt nicht als „echte Menschen“ wahrnehmen, weil sie ja keine Dao sind.

Diese kleinen Details rund um die unterschiedlichen Charaktere haben mir fast mehr Freude bereitet als die relativ geradlinige erzählte Handlung, weil in all den kleinen Szenen und Zeichnungen so vielschichtige Elemente mitschwangen. Den Zeichenstil selbst fand ich für mich persönlich etwas gewöhnungsbedürftig, da die Künstlerin mit harten Outlines und ebenso hart schraffierten Schatten arbeitet, was ich nicht so ansprechend finde. Auf der anderen Seite passen die harten Linien sehr gut zur erzählten Geschichte und dem entbehrungsreichen Leben in der Stadt. Gemildert wird die Härte der Zeichnungen etwas durch die warmen Erdtöne, in denen Jordie Bellaire den Comic koloriert hat. Nachdem ich mich etwas „eingesehen“ hatte, habe ich den Kontrast zwischen den Zeichnungen und der Koloration und zwischen den vielen dynamischen und den ruhigeren Panels sehr genossen. Und am Ende des Comics bin ich sehr neugierig darauf zu erfahren, wie sich die Geschichte weiterentwickeln wird und was aus all den Charakteren wird, deren überraschende Freundschaft, deren Zwiespalt zwischen Loyalität und Gerechtigkeitsinn oder deren Wille, ungewöhnliche Wege zu gehen, die Welt und das Leben in der Stadt verändern könnten.

Katie & Kevin Tsang: Dragon Mountain (Dragon Realm 1)

Über „Dragon Mountain“, den ersten Band der Dragon-Realm-Reihe von Katie und Kevin Tsang, bin ich im vergangenen Jahr zufällig gestolpert und fand, dass sich der Klappentext nett anhört. Die Geschichte wird aus der Sicht des zwölfjährigen Billy Chan erzählt, der eigentlich davon geträumt hatte, den Sommer gemeinsam mit seinen Freunden surfend am Strand von Kalifornien zu verbringen. Stattdessen findet er sich in einem Sommercamp inmitten unwegsamer Berge in China wieder, weil seine Eltern meinten, dass dies eine einzigartige Chance sei, damit Billy seine Mandarin-Kenntnisse verbessern kann. Sehr begeistert ist er also nicht von der Aussicht, seinen Sommer im „Camp Dragon“ zu verbringen, aber immerhin lernt er schon während der Anreise andere Kinder kennen, mit denen er sich gut versteht. Als Billy dann noch während einer Gruppenaufgabe gemeinsam mit Dylan, Ling-Fei und Charlotte über eine verborgene Kammer in den Bergen stolpert, in der sie Drachen finden, beginnt für die vier Kinder ein fantastisches Abenteuer.

Zusammen mit den Drachen müssen sie gegen ein unvorstellbar böses Wesen kämpfen, das sowohl die Welt der Drachen als auch die Welt der Menschen bedroht. Dabei ist der Zusammenhalt zwischen den neu gefundenen Freunden ebenso wichtig wie die magischen Fähigkeiten, die ihnen ihre Verbindung mit den Drachen verleiht. Viel mehr kann ich eigentlich zum Inhalt von „Dragon Mountain“ nicht verraten, wenn ich nicht zu viel der Handlung spoilern will. Katie und Kevin Tsang erzählen diese Geschichte recht geradlinig, es gibt nur wenige Wendungen (und die, die es gibt, fand ich recht vorhersehbar) und es fühlt sich an, als ob Billy und seine Freunde die ganze Zeit nur von einem Punkt zum nächsten geschickt werden, bis es am Ende zu einer größeren Auseinandersetzung mit ihrem Gegner kommt. Und während ich sonst sagen würde, dass das Alter der Protagonisten auch grob dem Alter der anvisierten Zielgruppe entspricht, scheint mir diese Geschichte auch für ein deutlich jüngeres Publikum (ab 8 Jahren) geeignet zu sein.

Was ich an dem Roman sehr mochte und was dafür gesorgt hat, dass ich ihn innerhalb von zwei Tagen gelesen habe, waren die Charaktere. Billy, Dylan, Ling-Fei und Charlotte haben alle vier ihre Stärken und Schwächen. Und während zum Beispiel Dylan in all seiner Ängstlichkeit schnell lächerlich oder Charlotte mit ihrer bestimmenden Art schnell unsympathisch wirken könnte, gelingt es Katie und Kevin Tsang, sie so darzustellen, dass sie trotz (oder gerade wegen) dieser Eigenheiten liebenswert wirken. Auch gefiel mir die Haltung, mit der alle vier Kinder sich durch die gesamte Geschichte bewegen. So ist Billy wirklich nicht begeistert von der Aussicht, seinen Sommer in diesem Camp zu verbringen, aber nachdem er schon mal da ist und seinen ersten Unmut überwunden hat, versucht er, das Beste aus der ganzen Situation zu machen. Dylan hingegen hat die ganze Zeit Angst und verhehlt nicht, dass er diese ganzen Herausforderungen lieber aussitzen und stattdessen gemütlich in seinem Bett zuhause rumgammeln würde. Aber ihm ist auch bewusst, wie wichtig der Kampf gegen ihren Gegner ist und dass es nicht hilfreich wäre, wenn er nichts tun würde, also gibt er sein Bestes und unterstützt seine Freunde und die Drachen, so gut er kann.

Es ist selten der Fall, dass ich bei einem fantastischen Kinderbuch die Charaktere lieber mag als die Grundidee oder die eigentlich Handlung mit all ihren ungewöhnlichen Elementen, aber bei „Dragon Mountain“ war das definitiv so. Die Geschichte selbst war nett, aber nicht so packend oder ungewöhnlich, dass ich dafür hätte weiterlesen müssen. Billy, Dylan, Charlotte und Ling-Fei hingegen hatte ich schnell ins Herz geschlossen und mochte es sehr, wie sie dargestellt wurden und wie sie sich gemeinsam all den Herausforderungen stellten, die auf sie warteten. Trotzdem hätte ich bis wenige Seiten vor Ende des Buches gesagt, dass ich keine Fortsetzung der Reihe lesen werde, weil die Handlung für mich persönlich doch ein wenig zu einfach und geradlinig erzählt wird ( – wäre „Dragon Mountain“ ein Videospiel, würde ich sagen, dass mir die Side-Quests fehlen 😉 ). Aber dann gab es kurz vor Schluss noch einen Cliffhanger, der dafür sorgt, dass ich mich nun frage, was wohl aus einer der Figuren wird und wie sich ihre Geschichte wohl im nächsten Band entwickelt. Ich bin also noch etwas unentschlossen, ob ich der Reihe eine weitere Chance geben soll oder nicht.

Michelle Harrison: A Storm of Sisters

„A Storm of Sisters“ ist der vierte Band rund um die Widdershins-Schwestern von Michelle Harrison. Dieses Mal schickt die Autorin die drei Schwestern Fliss, Betty und Charlie gemeinsam mit ihrer Großmutter Bunny in den abgelegenen Ort Wilderness, um sich um Cousine Clarissa zu kümmern, die sich bei einem Unfall das Bein gebrochen hat. Für Betty ist diese Reise eine willkommene Abwechslung zum Alltag in dem kleinen Cottage in Pendlewick. Denn so gern sie ihr neues Zuhause mag, so sehnt sie sich doch weiterhin danach, neue Orte zu entdecken. Und Wilderness hat den drei Schwestern so einige Abenteuer zu bieten, denn der Ort ist nicht nur für seine ungewöhnlich kalten Temperaturen berühmt, sondern auch für seinen Wintermarkt, der zufällig gerade während ihres Besuchs stattfindet. Noch spannender wird es, als die Schwestern feststellen, dass in Clarissas kleinem Cottage kein Platz für sie ist und sie deshalb in dem großen Hotel des Ortes unterkommen.

Das Hotel „Echo Hall“ ist zur Zeit voller Besucher, die den Wintermarkt erleben wollen, und wimmelt geradezu von all den Gerüchten über eine Geistererscheinung. Genauer gesagt soll der Geist des ehemaligen Dienstmädchens Elora umgehen, nachdem diese vor einigen Jahrzehnten in dem See in der Nähe des Hotels ertrunken ist. Auch besagen die Gerüchte, dass Elora nur deshalb ertrank, weil sie ihren Liebsten, der ein Straßenräuber war, inmitten eines Schneesturms suchte, nachdem dieser den kostbaren Kristall einer Wahrsagerin an sich gebracht hatte. Und bei all den Erlebnissen, die die drei Widdershins-Schwestern in der Vergangenheit schon mit übernatürlichen Elementen hatten, überrascht es nicht, dass auch dieser sagenhafte Kristall der Wahrsagerin über seine ganz eigene Magie verfügen soll. Gemeinsam versuchen Fliss, Betty und Charlie, mehr über Eloras Geschichte herauszufinden und so vielleicht einen Todesfall zu verhindern, der angeblich durch den Anblick von Eloras Geist vorhergesagt wurde.

Ich habe es so genossen, wieder durch Bettys Perspektive all die Ereignisse rund um die Widdershins-Schwestern zu verfolgen. Bettys Neugier auf die unbekannte Umgebung, auf all die Menschen, die sie im Hotel kennenlernt, und natürlich auf die Details rund um Eloras Geschichte sorgt dafür, dass ich viel Spaß dabei hatte, mit ihr zusammen Wilderness zu erkunden. Dazu kamen noch all die eindringlichen Beschreibungen des fürchterlich kalten und verschneiten Winters, der einerseits für eine wunderbar märchenhafte Atmosphäre bei dem Wintermarkt sorgte, aber auf der anderen Seite immer auch als Bedrohung im Raum stand. Michelle Harrison konzentriert sich nämlich nicht nur auf die romantische und gemütliche Seite des Winters, sondern schreckt in „A Storm of Sisters“ nicht davor zurück, Betty und ihre Schwestern durch die fürchterliche Kälte in Gefahr zu bringen. Ich mag diese Mischung aus heimeligen und unheimlichen Szenen und dass all die bedrohlichen Elemente in der Geschichte wie die fürchterliche Kälte ebenso wie die Bedrohungen, die von gierigen und skrupellosen Menschen ausgehen, dadurch ausgeglichen werden, dass Fliss, Betty und Charlie füreinander da sind und sich gegenseitig beschützen.

Obwohl „A Storm of Sisters“ schon der vierte Band der Reihe ist, habe ich nicht das Gefühl, dass der Autorin so langsam die Ideen ausgehen oder dass sich bestimmte Elemente wiederholen. Wilderness bietet als Kulisse ganz andere Möglichkeiten als die Marschen oder das idyllische Pendlewick, und Eloras Geistergeschichte hat einen vollkommen anderen Hintergrund als Bettys Familiengeschichte oder der Hexenfluch in den vorhergehenden Bänden. Das sorgt dafür, dass es immer wieder überraschende Elemente und Wendungen in der Handlung zu entdecken gibt, die mich beim Lesen neugierig auf die weiteren Entwicklungen machen. Auch mochte ich es sehr, wie Michelle Harrison mit den Vorurteilen und Erwartungen der Leser*innen spielt und welche Folgen dies für die Enthüllungen am Ende der Geschichte hatte. Trotz der unheimlichen Elemente, der Flüche und Geistererscheinungen gehören die Widdershins-Romane für mich eindeutig in die Kategorie „Wohlfühlbücher“, und jedes Mal, wenn ich einen neuen Band beendet habe, habe ich das Gefühl, dass dieser noch ein kleines bisschen besser war als der davor. Ich hoffe sehr, dass Michelle Harrison noch lange nicht die Ideen rund um Betty und ihre Schwestern ausgehen und ich so noch einige unheimliche Abenteuer mit den drei Mädchen erleben kann.

Travis Baldree: Legends & Lattes

Wenn ich das Genre, das ich gerade am liebsten lese, mit einem Label versehen müsste, so wäre es wohl „Cozy Fantasy“ – und „Legends & Lattes“ von Travis Baldree passt definitiv perfekt in dieses Genre! Die Handlung dreht sich um die Ork-Barbarin Liv, die nach Jahrzehnten als Abenteurerin von ihrem Job die Nase voll hat und beschliesst, dass es Zeit für einen Richtungswechsel ist. Genau gesagt möchte Liv in der Stadt Thune ein Kaffeehaus eröffnen und den Rest ihres Lebens damit verbringen, die Bewohner von Thune mit dem ungewöhnlichen Gebräu der Gnome vertraut zu machen. Startpunkt für diesen Traum war ein unvergesslicher Tag, den sie in einer Stadt der Gnome verbrachte und wo sie zu ihrer eigenen Überraschung von der Atmosphäre des örtlichen Kaffeehauses verzaubert wurde. Der Duft des Getränks, der Geschmack und die entspannende Umgebung, all das möchte Liv ihren zukünftigen Kunden bieten. Und nachdem sie bei ihrem letzten Abenteuer in den Besitz eines Scalvert’s Stones geraten ist, hofft sie, dass der Stein ihr genügend Glück bringt, um diesen Traum zu verwirklichen.

Nach einer Anfangsszene, bei der dieser letzte Moment in Livs Abenteurerleben gezeigt wird, dreht sich die Geschichte nur darum, wie die Protagonistin ein passendes Gebäude für ihr Kaffeehaus sucht, jemanden für die Reparaturen und Umbauten engagiert, eine Mitarbeiterin findet und so nach und nach das Kaffeehaus Wirklichkeit wird. Gemeinsam gelingt es Liv und ihrer Mitarbeiterin Tandri, die ersten Gäste anzulocken, und je größer die Gästezahl wird, desto mehr entwickelt sich auch Vivs Angebot in ihrem Kaffeehaus. Ich habe es wirklich geliebt, all diese kleinen Schritte rund um das Kaffeehaus zu lesen, Liv und all die anderen Figuren besser kennenzulernen und zu sehen, wie die Protagonistin treue Freunde und Stammkunden findet. Natürlich läuft nicht alles reibungslos in „Legends & Lattes“, denn es ist nun mal eine High-Fantasy-Welt und Livs Vergangenheit lässt sich nicht von einem Moment auf den anderen abschütteln. Aber ich mochte es sehr, wie Liv nach einem friedlichen Weg sucht, um zum Beispiel mit Schutzgeld-Erpressern fertig zu werden. Und selbst als es gegen Ende zu einer etwas dramatischeren Entwicklung kommt, hatten die vorhergehenden Kapitel so sehr dafür gesorgt, dass ich mir sicher war, dass alles gut ausgehen würde, dass mich dieser Teil nicht aus meiner entspannten Stimmung beim Lesen herausreißen konnte.

Travis Baldree ist es mit „Legends & Lattes“ nicht nur gelungen, eine wunderbar entspannte nd wohltuende Geschichte zu erzählen, sondern dabei auch noch all die kleinen Elemente einzubauen, die so typisch für High Fantasy sind, und die das sind, was ich immer noch an diesem Genre liebe, auch wenn ich es kaum noch lese. Allein die vielen verschiedenen Charaktertypen, die in der Geschichte wunderbar dargestellt werden, sind schon ein Grund, um diesen Roman zu lesen. Ich mochte es sehr, dass weder Liv noch ihre Freunde sich davon abschrecken ließen, dass ihnen dank ihrer Herkunft ein schlechter Ruf vorauseilt. Stattdessen versammeln sich im Laufe der Zeit rund um Liv so viele unterschiedliche Personen, die alle ihre eigenen Hoffnungen und Träume mit dem Kaffeehaus verbinden und die sich wunderbar gegenseitig ergänzen. Ich habe „Legends & Lattes“ so sehr genossen, dass ich das Buch am Veröffentichungstag in einem Zug durchgelesen habe. Es gibt nur eine einzige Sache, die ich kritisieren würde: Jeder neue Gast verliebt sich auf Anhieb in das ungewöhnliche Getränk! Für jemanden, der selbst Jahrzehnte brauchte, um Geschmack an Kaffee zu entwickeln (und ich trinke ihn nie pur!), ist das etwas unglaubwürdig. 😉

Oh, und wenn ihr nun ebenfalls Lust auf das Buch bekommen haben solltet: Für Kindle-Nutzer gibt es das eBook wirklich günstig zu kaufen oder bei KU zu lesen.

Claire Eliza Bartlett: The Winter Duke

Ich finde es lustig, dass die wenigen (High-)Fantasy-Bücher, die mich in letzter Zeit reizen, einen großen politischen Schwerpunkt haben, obwohl mich politische Geschichten in Romanen normalerweise gar nicht ansprechen. Nach diesem Einleitungssatz ist es also wohl nicht überraschend, wenn ich sage, dass „The Winter Duke“ von Claire Eliza Bartlett ein großes Gewicht auf die Politik des Großherzogtums Kylma Above (und dem Gegenstück Kylma Below) legt. Die Handlung wird aus der Sicht der 16jährigen Ekata (Ekatarina Avenko) erzählt, die das mittlere Kind des Großherzogs von Kylma Above ist. Ekata ist die einzige Person in ihrer Familie, die kein Interesse an den Machtspielen und dem Kampf um die Thronfolge hat. Stattdessen hofft sie, dass ihr Vater ihr irgendwann erlauben wird, ihre Heimat zu verlassen, um im Süden ein Medizinstudium beginnen zu können. Doch bevor es so weit kommt, fällt ihre gesamte Familie einer mysteriösen Krankheit zum Opfer, und als einziges nicht erkranktes Mitglied der Avenkos sieht es Ekata als ihre Pflicht an, den Thron (zumindest vorübergehend) einzunehmen.

Von diesem Moment an muss Ekata versuchen, irgendwie ihre machthungrigen Minister und ihren noch gefährlicheren ehemaligen Pflegebruder, König Sigis, im Griff zu behalten, während sie gleichzeitig mit den Ritualen der Thron-Übernahme und der Suche nach einem Heilmittel für ihre Familie beschäftigt ist. Und dann sind da noch all die politischen Verwicklungen, von denen Ekata überhaupt keine Ahnung hat und die nicht nur aufgrund der angespannten Situation mit Kylma Below, sondern auch wegen der gerade laufenden Brautschau (ursprünglich für Ekatas ältesten Bruder gedacht) besonders brisant sind. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Ekata nur mit Mühe und Not ihren neuen Alltag übersteht und nicht immer die klügsten oder bestdurchdachten Entscheidungen trifft. Aber da ihre Motivation für mich immer nachvollziehbar war, machte dies die Protagonistin in meinen Augen nur umso sympathischer. Ebenso fand ich es stimmig, dass Ekata in all ihrer Hilflosigkeit regelmäßig auf die einzigen Vorbilder zurückgreift, die sie für solche Situationen kennt, und das bedeutet, dass sie sich im Laufe der Zeit immer häufiger wie ihre Mutter oder ihr Vater verhält und somit genau die Charaktereigenschaften an den Tag legt, die dafür gesorgt haben, dass sie selbst keinerlei Zuneigung zu ihren Eltern empfinden kann.

Es gibt nur wenige Personen, denen Ekata vertraut, und selbst bei diesen muss sie sich immer wieder fragen. ob dieses Vertrauen überhaupt gerechtfertig ist. Die Tatsache, dass die meisten in ihrem Umfeld vielfältige Beweggründe haben, von denen Ekata keine Ahnung hat, macht es für sie so schwierig, Entscheidungen zu fällen und herauszufinden, auf wessen Ratschläge sie überhaupt hören kann. Eine überraschende Verbündete findet sie in Inkar, einer jungen Frau, die zur Brautschau angereist war. Dabei gibt es so einige Parallelen im Leben dieser beiden Frauen, was einem immer wieder aufzeigt, wie falsch der Weg ist, den Ekata in ihrer Hilflosigkeit einschlägt. Ich mochte es sehr, wie sich Ekata und Inkar im Laufe der Geschichte ein bisschen besser kennenlernen und wie Inkar Ekata immer wieder anstupst, damit diese eigenständige Entscheidungen trifft und sich nicht so häufig von ihren Ängsten beeinflussen lässt. Es gelingt Claire Eliza Bartlett, deutlich zu machen, wie wichtig es für Ekatas Position wäre, die Personen um sich heraum wirklich gut zu kennen, und wie viel einfacher es im Vergleich für Inkar ist, sich am Hof zu bewegen, weil sie ein aufrichtiges Interesse an den Menschen um sich herum hat.

Neben der wirklich spannenden Handlung, den vielen verschiedenen Wendungen und dem überraschenden Ende (ich hatte zwar einen Verdacht, aus welchem Personenkreis jemand beteiligt sein müsste, dabei aber die ganze Zeit die falsche Person im Auge gehabt 😀 ) hat mich auch der Weltenbau in „The Winter Duke“ wirklich angesprochen. In der Welt, in der die Geschichte spielt, sind genderneutrale Pronomen ebenso normal wie die Tatsache, dass zu der „Brautschau“ nicht nur weibliche Personen angereist sind. Es fühlte sich beim Lesen die ganze Zeit an, als ob bestimmte Begriffe – wie eben die Brautschau – noch traditionell geschlechtsbezogen seien, aber in der Realität diese Geschlechter-Schubladen schon lange abgelegt worden seien. Was nicht bedeuten würde, dass Ekata als Tochter des Großherzogs selbst über ihr Leben bestimmen könnte, aber immerhin wird doch die Thronfolge geschlechterunabhängig davon bestimmt, wer die Machtkämpfe innerhalb der Geschwister überlebt. So ist es auch kein Problem, dass Ekata eine der für ihren Bruder bestimmten Bräute „übernimmt“ oder dass sie als Frau den Thron beansprucht, nachdem ihre restliche Familie durch die mysteriöse Krankheit in eine Art Koma fällt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich es – gerade aufgrund der sonst recht gut beschriebenen Genderneutralität in der Welt – schon recht auffällig fand, wie sehr Ekata als junge Frau von all den alten Männern (in der Regierung) so gar nicht ernst genommen wurde. Auf der anderen Seite lässt sich das auch der Tatsache zuschreiben, dass sie sich bekanntermaßen bislang überhaupt nicht für Politik interessierte und deshalb eben keine Ahnung von all den Regierungsvorgängen im Schloss hatte.

Ein weiterer wunderbarer Aspekt des Weltenbaus waren die Details rund um Kylma Below – ein Unterwasser-Herzogtum, das seit langer Zeit in einer Art Symbiose mit Kylma Above existiert. Beide Reiche können nur miteinander gedeihen, und diese Abhängigkeit führt zu einem zerbrechlichen Balanceakt zwischen Above und Below. Doch trotz dieses politisch engen Verhältnisses wissen die Personen in Kylma Above kaum etwas über die Bewohner von Kylma Below, und so war es wirklich spannend, gemeinsam mit Ekata mehr über das Unterwasserreich zu erfahren. Ebenso faszinierend fand ich all die Details, die die Autorin über das Leben in einem Schloss aus Eis, das auf einem zugefrorenen (sehr, sehr großen) See gebaut wurde, in die Geschichte eingebaut hat. Dabei spielte Magie beim Leben im Schloss durchaus eine Rolle, aber eine deutlich kleinere als bei einem fantastischen Roman zu erwarten gewesen wäre. Was dazu führt, dass es stattdessen Erwähnungen von irdenen Gefäßen gibt (weil Metall an den Lippen festfrieren würde) oder Schuhwerk mit Metallspikes alltäglich ist (da damit ein normales Gehen auf dem Eis innerhalb des Schlosses möglich ist), oder es werden die Probleme (oder die nicht ganz so vielfältige Ernährung) erwähnt, die damit einhergehen, dass es so gut wie keine Landwirtschaft im Großherzogtum gibt. Insgesamt habe ich das Lesen von „The Winter Duke“ wirklich sehr genossen und meine Lesezeit in der vergangenen Woche abends immer wieder verlängert, weil ich nur noch eben ein bisschen in diesem Roman weiterlesen musste. Außerdem bin ich nun neugierig auf die beiden anderen bislang erschienenen Titel von Claire Eliza Bartlett und werde mir wohl demnächst mal ihren Thriller „The Good Girls“ beschaffen müssen.