Kategorie: Rezension

RaShelle Workman: Undercover Reaper (Eerie Valley Supernaturals 1)

„Undercover Reaper“ von RaShelle Workman ist noch ein Titel, über den ich gestolpert bin, als ich eine Liste mit (kostenlosen und 99-Cent-)Urban-Fantasy-Angeboten durchgeschaut hatte. Und ich muss zugeben, dass ich das erste Drittel dieses Romans wirklich nett und unterhaltsam fand, obwohl sich die Autorin nicht besonders viel Mühe gegeben hat, um einen einigermaßen glaubwürdigen Hintergrund für ihre Urban-Fantasy-Geschichte zu schaffen. Die Handlung dreht sich um die Polizistin Faith Ghraves, die seit einigen Monaten in der kleinen Stadt Eerie Valley (in der Nähe von Los Angeles) arbeitet. Aktuell ermittelt sie in einem Serienmörder-Fall, für den sie undercover als Stripperin arbeiten soll, und hilft nebenbei ihrem Partner Steve, den Fall eines verschwundenen Kindes zu lösen. Faith hat von ihren verstorbenen Eltern genügend Geld geerbt, um sich ein Haus in der Stadt zu kaufen, kommt in der Regel ganz gut mit ihren Kollegen aus und hat vor einiger Zeit entdeckt, dass sie übernatürliche Fähigkeiten besitzt. Genau genommen bezeichnet sich Faith als „Reaper“ und beschreibt ihre Aufgabe damit, dass sie die Seelen von Toten auf ihren Weg bringt. Allerdings entdeckt Faith im Laufe der Geschichte schnell weitere Fähigkeiten, so dass sie vergangene Erlebnisse von Personen sehen kann, wenn sie diese berührt, oder von Personen in Not träumt, denen sie dann anscheinend helfen soll.

Außerdem gibt es einen wunderschönen halbnackten Mann, der regelmäßig vor ihrer Haustür auftaucht und ihr Hinweise zur Ermordung ihrer Eltern gibt oder sie auffordert, ihre Fähigkeiten „richtig“ anzuwenden. Und weil es ja zu einfach wäre, wenn er ihr sagen würde, was Sache ist, muss sie Stück für Stück seine (in der Regel unausgesprochenen) Erwartungen erfüllen, um weitere Informationen zu bekommen. Auch scheint Faith nicht die einzige Person in der Stadt zu sein, die übernatürliche Fähigkeiten hat, aber da natürlich niemand über so etwas redet, kann man das als Leser nur anhand der diversen Anspielungen (und Mordfallauflösungen) erahnen. Das alles hätte ich zwar nicht wirklich gut, aber zumindest sehr unterhaltsam gefunden, wenn nicht nach dem ersten Drittel ständig irritierende „technische“ Fehler aufgetaucht wären. Immer häufiger gab es Sätze, in denen statt „ich“ „sie“ verwendet wurde, wobei der Wechsel auch mitten im Satz vorkommen konnte, was immerhin den Vorteil hatte, dass ich mich dann nicht fragen musste, ob die Autorin da beim Perspektivwechsel nur vergessen hatte, etwas zu ändern, oder ob ich mich da auf eine Art gespaltene Persönlichkeit einlassen sollte.

Während die gesamte Handlung (theoretisch) aus der Sicht von Faith erzählt wird, gibt es ab der Hälfte des Romans auf einmal ein Kapitel, das aus der Perspektive von ihrem Partner Steve geschrieben wurden, und ein weiteres am Ende des Romans (das aus dem Blauen heraus auf einmal lauter Hintergründe erklärt) aus der Sicht von FBI-Agent Lucas Mackey. Dieser Wechsel ist nicht nur vollkommen überraschend, sondern bringt bei Steves Kapitel auch keinerlei Mehrwert für den Leser. Es ist verwirrend, weil auf einmal Dinge, die in der ersten Hälfte des Buchs ganz klar gesagt wurden, aus Steves Perspektive um gegensätzliche oder zumindest widersprüchliche Elemente ergänzt werden. Bei Lucas‘ Kapitel hingegen habe ich mich gefragt, wieso die Autorin diese Details nicht schon früher mal eingeflochten oder zumindest angedeutet hat. Auch Faith selbst wirkt in dieser zweiten Hälfte als Charakter deutlich unrunder und unstimmiger (also zusätzlich zu den Sachen, die schon zu Beginn der Geschichte nicht so unglaublich gut ausgearbeitet waren). Das letzte Viertel von „Undercover Reaper“ habe ich dann eigentlich nur noch gelesen, weil ich wissen wollte, wie schlimm das Ganze noch werden könnte (und ich kann versichern, dass es definitiv nicht besser wurde)!

Weil ich mich dann so geärgert habe, dass so etwas veröffentlicht wird, habe ich angefangen, ein bisschen zu recherchieren, und herausgefunden, dass RaShelle Workman vor fünf Jahren einen Roman mit dem Titel „Undercover Empath – Kindred Demon“ veröffentlicht hatte, dessen Protagonistin zwar erst neunzehn Jahre alt ist, Rose Hansen heißt und in Blush Valley lebt, dessen Inhaltsangabe aber ansonsten deckungsgleich mit „Undercover Reaper“ ist. So ermittelt Rose nicht nur als Polizistin in einem Serienmord, wofür sie als Stripperin auftreten muss, sowie in einem Fall mit einem verschwundenen Kind (wobei ihr Partner dieses Mal Jack heißt), sondern auch ihr erscheint ein halbnackter Typ, der ihr Informationen zum Mord an ihren Eltern gibt und sie auffordert, ihre (Empathie-)Fähigkeiten zu nutzen. Selbst wenn „Undercover Empath“ noch zu kaufen gewesen wäre, hätte ich mir die Geschichte nicht angetan, aber ich bin mir sicher, dass RaShelle Workman nur ein älteres Buch umgeschrieben hat, um mit „Undercover Reaper“ eine Neuveröffentlichung vorzuweisen zu haben. Dagegen spricht ja grundsätzlich nichts, wenn es denn auch dementsprechend von der Autorin kommuniziert wird, vor allem, da die überarbeitete Fassung – soweit ich das nach dem mir vorliegenden Roman beurteilen kann – wirklich deutlich besser hätte werden können, wenn die Überarbeitung sich nicht nur auf das erste Drittel des Buchs beschränkt hätte. So hingegen finde ich es geradezu eine Unverschämtheit gegenüber dem Leser, dass sie den Text in diesem Zustand veröffentlicht hat.

Zoe Chant: Timber Wolf (Virtue Shifters 1)

„Timber Wolf“ von Zoe Chant (das ist ein Gruppen-Pseudonym – in diesem Fall ist die Autorin C.E. Murphy) ist der erste Band einer neuen Reihe, die sich um mehrere Gestaltwandler in der kleinen Stadt Virtue dreht. Ich muss zugeben, dass ich momentan anscheinend eine Schwäche für Bücher habe, in denen nicht viel passiert (wie schon in „A Magical Inheritance“). Denn wenn man die Handlung in „Timber Wolf“ zusammenfassen will, reicht es zu sagen, dass sich die Geschichte um Mab Brannigan dreht, die gemeinsam mit ihrem vierjährigen Sohn in ein geerbtes Farmhaus gezogen ist, um dann festzustellen, dass das Gebäude dringend restauriert werden muss, um bewohnbar zu sein. Bevor sie jedoch die dringendsten Dinge in Angriff nehmen kann, verschwindet der engagierte Handwerker mit ihren wenigen Ersparnissen. Zum Glück kehrt zu diesem Zeitpunkt der Gestaltwandler Jake Rowly nach Virtue zurück, wo er aufgewachsen ist. Jake ist nicht nur Tischler, sondern auch auf der Suche nach einer Unterkunft, so dass er und Mab sich darauf einigen, dass er ihre Scheune bewohnen kann, während er ihr hilft, das Haus wieder in Ordnung zu bringen.

Das ist im Prinzip die gesamte Handlung. Jake wohnt in der Scheune und renoviert das Haus, Mab arbeitet in ihrem Job, kümmert sich um ihren Sohn Noah und hilft in ihrer „freien“ Zeit Jake mit den Handwerksarbeiten. Das Ganze erstreckt sich über mehr als fünf Monate, und in diesen fünf Monaten lernen sich die beiden sehr gut kennen und lieben. Natürlich gibt es noch ein kleines bisschen Ärger mit einem örtlichen Makler, der Mabs Grundstück kaufen will, und auch ihr Ex-Freund, der der Vater von Noah ist, taucht kurz noch einmal auf, aber das ist eigentlich gar nicht relevant. Die Autorin konzentriert sich auf die sehr langsam ablaufende Liebesgeschichte zwischen Mab und Jake, die sich zwar auf den ersten Blick anziehend finden, aber beide gute Gründe haben, es erst einmal bei einer Freundschaft zu belassen. Das führt zu einigen sehr niedlichen und amüsanten Szenen und zu sehr vielen Momenten, in denen Jake zeigen kann, dass er kein Problem damit hat, wenn eine Frau für sich selbst einsteht, Entscheidungen trifft und eben keine Hilfe von einem großen, männlichen Typen haben will, nur weil der zur Verfügung steht.

Abgesehen von ein paar winzigen Szenen, in denen Jake in Wolfsform agiert, und diversen (unterhaltsamen) Dialogen zwischen Jake und seinem Wolf spielt es eigentlich auch keine Rolle, dass Jake ein Gestaltwandler ist. Ich fand es wunderbar erholsam, dass die Tatsache, dass Jake sich in einen Wolf verwandeln kann, überhaupt kein Drama hervorruft und so gut wie kein Thema in der Geschichte ist. Diese Fähigkeit ist angeboren und hindert ihn in keiner Weise daran, ein ganz normales Leben zu führen, seinem Handwerk nachzugehen, Liebeskummer zu haben oder einen gemütlichen Abend mit Kochen zu verbringen. Auch Mab fand ich als Figur sehr sympathisch. Sie zeigt zwar regelmäßig Unsicherheiten (dank einer früheren toxischen Beziehung, die ihr einiges an Selbstbewusstsein genommen hat), aber sie steht trotzdem auf eigenen Beinen, kümmert sich allein um all ihre Probleme und scheut auch vor Auseinandersetzungen nicht zurück. Dabei passiert es schon mal, dass sie eine falsche Entscheidung trifft, aber auch das ist kein Drama in diesem Roman, sondern eben etwas, das halt passiert und mit dem man dann umgehen muss.

Wenn ich einen Kritikpunkt an „Timber Wolf“ suchen müsste, dann ist es die Tatsache, dass die beiden Protagonisten ein bisschen sehr oft in Gedanken an den (nicht nur körperlichen!) Vorzügen des anderen hängen. Da die Handlung aber nun über mehrere Monate geht und es sehr lange dauert, bis die beiden sich näherkommen, gibt es eben auch viel Raum für solche Passagen. Aber grundsätzlich hat mich das nicht gestört, weil ich diese dramafreie Geschichte, den respektvollen Umgang zwischen Mab und Jake und all die hübschen kleinen Szenen mit den verschiedenen (Neben-)Charakteren so nett, unterhaltsam und erholsam fand. Erholsam ist, glaube ich, wirklich das passendste Wort für diesen Roman. Ich freue mich jetzt schon darüber, dass davon eine ganze Reihe angekündigt wurde, die in Virtue spielen wird, weil ich mir sicher bin, dass ich auch in Zukunft immer wieder Bedarf an erholsamen und wohltuenden Lesestunden haben werde. Und wenn ich dann mehr über die bislang kennengelernten Nebencharaktere in dieser Geschichte erfahren werde, ist das umso schöner.

Y. S. Lee: A Spy in the House (The Agency 1)

Über die Autorin Y. S. Lee bin ich in der „The Underwater Ballroom Society“-Anthologie gestolpert, und da mir ihre Kurzgeschichte „Twelve Sisters“ so gut gefiel, habe ich nach anderen Veröffentlichungen von ihr Ausschau gehalten. „A Spy in the House“ ist der Debütroman der Autorin, und mir hat die Geschichte rund um die siebzehnjährige Mary, die mit zwölf Jahren zum Tod durch den Galgen verurteilt wurde und stattdessen eine neue Identität und eine Ausbildung als Spionin bekam, sehr gut gefallen. Marys erster Auftrag führt sie in den Haushalt des Händlers Thorold, der unter dem Verdacht steht, aus Indien und China geschmuggelte Waren unterschlagen und seine Schiffe fälschlich als verloren gemeldet zu haben. Mary weiß nicht, wer den Auftrag erteilt hat, und als Anfängerin im Geschäft soll sie nur die Vorgänge in der Familie beobachten und alle verdächtigen Informationen an ihre Vorgesetzte weiterleiten. Doch natürlich möchte Mary beweisen, dass sie gut genug für diesen Job ist, und so beginnt sie, ihre Nase aktiver in die Angelegenheiten der Thorolds zu stecken, und entdeckt so einige schmutzige Geheimnisse.

Mir hat es sehr gut gefallen, dass Marys Charakter eine glaubwürdige Mischung aus Stärken und Schwächen aufweist, die dafür sorgen, dass sie immer wieder zwischen Überschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und Zweifeln an diesen schwankt. So findet sie zwar einige Dinge über die Familie Thorold heraus, indem sie ihre „nur beobachten“-Anweisung missachtet, stört damit aber auch die Ermittlungen ihrer (ihr unbekannten) erfahreneren Kollegin. Aber nicht nur Marys Darstellung hat mir gefallen, sondern auch die verschiedenen Nebencharaktere, die selten ins Stereotypische abgleiten und dafür im Laufe der Handlung Facetten zeigen, die sie stimmig und realistisch wirken lassen. So bekommt man die Geschichte nicht nur aus der Sicht von Mary erzählt, sondern auch aus der Perspektive von James Easton, der aus ganz eigenen Gründen versucht, mehr über die Geschäfte von Mr. Thorold herauszufinden.

Ebenso beeindruckend wie die Charaktere waren die atmosphärischen Beschreibungen von Y. S. Lee rund um das alltägliche Leben im Jahr 1858 in London, inklusive des Einflusses der Themse (und ihrer Verschmutzung) auf das Klima und die aktuellen Großbaustellen der Stadt. Die Autorin streift in „A Spy in the House“ die unterschiedlichsten Themen vom Leben in einem finanziell gut gestellten bürgerlichen Haushalt über die Lebensumstände einer Familie in ärmeren Verhältnissen und das Leben von ausländischen Seemännern in London bis zur Höhe von Bestrafungen für (kleinere) Verbrechen. Marys „verbrecherische“ Karriere, ihre überraschende Aufnahme in die Agency und ihre Herkunft bieten dabei für Y. S. Lee viele Ansatzpunkte, um all diese Aspekte natürlich in die Handlung einfließen zu lassen. Außerdem hat mich die Autorin immer wieder mit humorvollen Szenen überrascht, die ich an diesen Stellen der Handlung so nicht erwartet hätte, die mich aber wunderbar unterhalten haben.

Auch der Krimianteil in „A Spy in the House“ ist solide konstruiert und mit genügend Nebensträngen versehen, so dass man schön mitraten (und sich stellenweise in die Irre führen lassen) kann. Die Identität des „großen Bösewichts“ fand ich zwar am Ende nicht so überraschend, aber die Aufdeckung – inklusive des klassischen Geständnisses gegenüber dem nächsten Opfer – war gut genug geschrieben, dass ich damit definitiv nicht unglücklich war. Insgesamt bin ich mehr als zufrieden mit dem Roman und freu mich sehr, dass die Reihe rund um Mary und „The Agency“ vier Bände umfasst, so dass ich mich auf drei weitere Bücher freuen kann, die mir hoffentlich ebenso unterhaltsame Lesestunden bereiten wie der Auftaktband.

Tracey Baptiste: Rise of the Jumbies (The Jumbies 2)

„Rise of the Jumbies“ von Tracey Baptiste ist die Fortsetzung von „The Jumbies“ und auch hier verwendet die Autorin wieder Legenden, die sie in ihrer Kindheit in Trinidad gehört hat, sowie Elemente afrikanischer Legenden. Die Geschichte spielt einige Wochen nach Corinnes Kampf gegen die Jumbie Severine. Für Corinne hat sich seitdem so einiges geändert. Denn jetzt, da ihre Nachbarn wissen, dass Corinnes Mutter eine Jumbie war, wird das Mädchen von vielen mit Misstrauen betrachtet und für die Angriffe der Jumbies verantwortlich gemacht.

Auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden Dru, Malik und Bouki wurde durch diese Enthüllung etwas getrübt, denn obwohl sie ihr weiterhin zur Seite stehen, gibt es doch immer wieder Momente, in denen sie Corinnes Absichten zu hinterfragen oder sogar etwas Angst vor ihr zu haben scheinen. Trotzdem könnte das Mädchen sein Leben normal weiterführen, wenn nicht von einem Tag auf den anderen Kinder auf der Insel verschwinden würden. Die Suche nach dem Verantwortlichen für die Entführung der Kinder führt Corinne, Dru, Malik und Bouki in die Tiefen des Meeres, wo sie Mama D’Leau um Hilfe bitten. Doch Mama D’Leau ist nicht nur eine der mächtigsten Jumbies, sie gewährt ihre Hilfe auch nicht, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen.

So gut mir „The Jumbies“ schon gefallen hatte, so fand ich „Rise of the Jumbies“ noch besser als das erste Buch rund um Corinnes Abenteuer mit den übernatürlichen Wesen. Nachdem Tracey Baptiste im Auftaktband der Reihe die Grundlagen gelegt hat, kann sie in „Rise of the Jumbies“ nicht nur tiefer in karibische und afrikanische Legenden eintauchen, sondern auch mehr Details rund um die Jumbies erzählen. Für Corinne bedeutet die Suche nach den verschwundenen Kindern und die damit verbundenen Abenteuer und Gefahren vor allem eine Suche nach ihrer eigenen Identität. Sie muss für sich herausfinden, was es bedeutet, dass sie zur Hälfte ein Mensch und zur Hälfte eine Jumbie ist, und sie muss einen Weg finden, damit ihre Nachbarn sie so akzeptieren, wie sie ist. Außerdem lernt sie – ebenso wie ihre Freunde – mehr über den Weg, den ihre Vorfahren auf die Insel genommen haben, und was mit denjenigen passierte, die nicht heil auf der Insel ankamen. Dabei flicht Tracey Baptiste kindgerecht, aber nicht beschönigend Details über den Handel mit schwarzen Menschen ein, die von Afrika aus unter schlimmsten Bedingungen in die verschiedenen Kolonien verschifft wurden.

Es gab so einige Szenen in „Rise of the Jumbies“, die mich wirklich berührt haben, und ich mochte es sehr, wie die Autorin immer wieder in ihrer Geschichte auf die Frage zurückkommt, ob „Vergessen“ oder „Erinnern und Auseinandersetzen“ der bessere Weg ist, um mit der Vergangenheit und der eigenen Identität umzugehen. Außerdem muss Corinne angesichts ihrer Herkunft und ihrer Verwandtschaft zu Severine natürlich auch darüber nachdenken, was es bedeutet, eine Familie zu sein und wie weit die Loyalität gegenüber Familienmitgliedern gehen muss, vor allem, wenn diese dir nicht so nahestehen wie andere Menschen, mit denen du nicht verwandt bist.

Mir gefällt es sehr, wie Tracey Baptiste all diese Themen anschneidet, ohne dem Leser dabei einen einfachen Weg zu bieten oder gar zu behaupten, dass es nur eine Lösung für all diese Fragen gibt. Stattdessen gestattet die Autorin dem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen, mit Corinne und ihren Freunden mitzuleiden und zu hoffen, dass sie sich alle so weiterentwickeln, dass sie am Ende eine Antwort für ihre Fragen und Problemen finden werden. Und trotz all dieser nachdenklich machenden und berührenden Szenen gibt es immer wieder amüsante Dialoge oder Momente, die einen zum Schmunzeln bringen und dafür sorgen, dass die Atmosphäre in „Rise of the Jumbies“ nicht zu trüb wird und die Geschichte einen gut unterhält.

Krista D. Ball: A Magical Inheritance (Ladies Occult Society 1)

Ich muss sagen, ich habe in letzter Zeit wirklich ein gutes Händchen bei der Auswahl meiner Lektüre bewiesen, so auch bei dieser „Mannerpunk“-Geschichte. Krista D. Balls „A Magical Inheritance“ spielt in einem alternativen „Regency England“, in dem Magie bzw. das Okkulte zwar nicht in allen Kreisen gut angesehen, aber doch relativ normal ist. Die Protagonistin Elizabeth Knight ist die älteste Tochter ihrer Familie und zum großen Ärger ihres Vaters mit 28 Jahren noch immer unverheiratet, während er selbst vor einem Jahr zum dritten Mal geheiratet hat. Zu Beginn des Romans erhält Elizabeth die Nachricht, dass ihr Onkel gestorben ist und ihr nicht nur einen großzügigen Geldbetrag, sondern auch 300 Bücher, die Teil seiner okkulten Bibliothek waren, hinterlassen hat. Nur mit großer Mühe erhält sie die Erlaubnis ihres Vaters nach London zu reisen, um ihrer Tante Cass in ihrer Trauer beizustehen und sich um ihr Erbe zu kümmern. Doch als sie bei ihrer Tante ankommt, findet sie mehr als ihre 300 geerbten Bücher vor und muss zusätzlich auch noch feststellen, dass eines der Bücher mit ihr spricht. Genauer gesagt gelingt es Elizabeth unabsichtlich den in dem Buch festgehaltenen Geist einer Mrs. Egerton soweit freizusetzen, dass diese ihr bei ihren Studien des Okkulten beistehen kann.

So seltsam – und vermutlich langweilig – es sich anhört, wenn ich sage, dass sich der Großteil der Handlung darum dreht, dass Elizabeth gemeinsam mit ihrer Tante (und später weiterer Unterstützung durch Freunden) die Sammlung okkulter Bücher ihres verstorbenen Onkels sortiert, katalogisiert und zum Teil verkauft, so unterhaltsam fand ich „A Magical Inheritance“. Elizabeth Situation innerhalb ihrer Familie ist recht unschön (die beste Verbündete scheint Stiefmutter Nr. 2 zu sein, die fünf Jahre jünger als Elizabeth ist,) und gerade deshalb habe ich es genossen sowohl von den langjährigen, also auch von den neuen Freundschaften in ihrem Leben zu lesen. Dazu kommt, dass Elizabeths Leben durch die Erbschaft recht aufgewühlt wird und sie einen Weg finden muss, um ihr Geld vor den gierigen Fingern ihres Vaters zu sichern, ohne ihre Familie gegen sich aufzubringen, da diese ihr trotz aller Vorfälle in der Vergangenheit doch am Herzen liegt.

Neben sehr schön charakterisierten Figuren und amüsanten Dialogen findet man in „A Magical Inheritance“ so einige sehr atmosphärische Beschreibungen der Regency-Zeit. Krista D. Ball hat ihren Abschluss in englischer Geschichte gemacht und das merkt man dem Roman auch an. Elizabeth kommt im Laufe der Handlung mit den verschiedensten Seiten der Lebens in London in Berührung und ich habe selten so stimmige Darstellungen von den Wohn- und Lebenssituationen der verschiedensten Charaktere gelesen. Egal, ob die Protagonistin eine ehemalige Dienstbotin ihres Onkels in einem der Elendsviertel oder einen Händler besucht oder ob sich eine Szene um das Leben im Haus ihrer (sehr wohlhabenden) Tante Cass dreht, es fühlt sich aufgrund der vielen Details realistisch an. Dazu kommt, dass sich Elizabeth und ihre Freundinnen so einige Gedanken um ihre Position als Frau in einer Gesellschaft machen, in der Besitz fast ausschließlich in den Händen von Männern liegt und Bildung (oder gar die Ausübung von Magie) für eine Frau schwer zu erlangen ist. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, das diese Frauen mit ihrem Benehmen und Überlegungen unstimmig für die dargestellte Zeit wären, sondern dass die Probleme, die ihnen ihre eingeschränkten Rechte bereiteten, so groß waren, dass sie gar nicht anders konnten als über diese großen Ungerechtigkeiten in ihrem Leben nachzudenken.

So scheut Krista D. Ball in ihrem Roman nicht vor unerfreulichen Themen und erschreckend realistischen Darstellungen der Situation in den Elendsvierteln zurück und schafft es trotzdem eine heitere Geschichte zu schreiben, die ich wirklich gern gelesen habe. Außerdem fand ich es angenehm, dass die Freundschaft zwischen Elizabeth und mehreren anderen Frauen der zentrale „Beziehungspunkt“ in dem Buch war und keine „klassische“ Liebesgeschichte. Es wird zwar erwähnt, dass es mal einen Mann in ihrem Leben gab, aber insgesamt ist eine Beziehung oder gar eine Heirat für die Protagonistin zu diesem Zeitpunkt kein Thema. Dies wiederum ist natürlich der Hauptgrund, wieso sie so auf die egoistischen und skrupellosen Männer in ihrer Familie angewiesen ist, was immer wieder in der Geschichte angesprochen wird, aber grundsätzlich fand ich es so erfrischend in einem solchen Roman keinen „Helden“ vorzufinden, der Elizabeth vor ihrer lieblosen Familie „rettet“.

T. Kingfisher: Swordheart

Als Information vorweg kann ich zu „Swordheart“ von T. Kingfisher (Ursula Vernon) sagen, dass die Geschichte in derselben Welt spielt wie die beiden „Clockwork Boys“-Romane der Autorin. Da ich diese Romane nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie sich „Swordheart“ von diesen unterscheidet. In einer Anmerkung zum Buch sagt Ursula Vernon allerdings, dass „Swordheart“ nicht nur deutlich weniger düster sei, sondern auch in einem anderen Teil des Landes spielen würde. Ich kann außerdem sagen, dass ich nicht das Gefühl hatte, ich würde irgendetwas verpassen, weil ich die „Clockwork Boys“-Geschichten nicht kenne. Was nun „Swordheart“ angeht, so dreht sich die Geschichte um die verwitwete Halla, die von dem gerade verstorbenen Großonkel ihres Mannes ein kleines Vermögen geerbt hat und nun mit der Reaktion der restlichen Verwandtschaft fertig werden muss. Zu Beginn des Romans hat Halla schon drei Tage eingesperrt in ihrem Zimmer verbracht, weil ihre angeheiratete Tanta Malwa Halla zwingen will, Malwas Sohn zu heiraten, damit Haus und Vermögen in der Familie bleiben. Nach diesen drei Tagen ist Halla so weit, dass sie lieber Selbstmord begehen will als in diese Heirat einzuwilligen.

Doch als sie das seit Jahren dekorativ an der Wand hängende Schwert zieht, um es gegen sich selbst zu richten, erscheint der Krieger Sarkis, der vor mehreren hundert Jahren an die Klinge gebunden wurde. Er ist nicht nur unsterblich, sondern auch verpflichtet, der Person zu dienen, in deren Besitz das Schwert ist, und so verhindert er Hallas Selbstmord und versucht auch, ihre Probleme mit der Verwandtschaft zu lösen. Am Ende eines ereignisreichen Abends müssen die beiden aus dem Haus flüchten und die lange Reise zum Tempel der Ratte auf sich nehmen, in der Hoffnung, dass sie dort von den Priestern (die für die Rechtsprechung in diesem fantastischen Land verantwortlich sind) die notwendige Unterstützung für ihren Fall finden werden. In den folgenden Tagen wandern Halla und Sarkis sehr viel hin und her und lernen sich dabei immer besser kennen. Dass ihre Reise dabei nicht ohne Probleme und Umwege verläuft, muss ich vermutlich nicht noch betonen, und dass sie dabei ungewöhnliche Feinde und Freunde gewinnen, vermutlich auch nicht. Am Ende muss ich zugeben, dass der Roman – trotz einer Länge von über 400 Seiten – gar nicht soooo viel Handlung hat, aber ich habe mich durchgehend wunderbar unterhalten gefühlt.

Ursula Vernon trifft mit ihrer Geschichte und ihren Dialogen genau meinen Humor, und ich habe (obwohl ich wirklich viele amüsante Romane in letzter Zeit gelesen habe) schon lange nicht mehr so viel gelacht und überrascht aufgequietscht beim Lesen. Ich bin mir aber auch durchaus bewusst, dass Halla und ihre unendlichen Fragen wohl nicht jeden Leser so gut unterhalten werden wie mich. Ebenso denke ich, dass wohl nicht jeder die „wissenschaftlichen Forschungen“ rund um Sarkis‘ Verbindung mit dem Schwert oder die Nebenbemerkungen des Ochsen-Führers ebenso lustig finden wird wie ich. Ich mochte aber nicht nur den Humor in „Swordheart“, sondern auch die bittere (und wenig heldenhafte) Hintergrundgeschichte rund um Sarkis, alle vorkommenden Rattenpriester.innen und einfach grundsätzlich das Charakterdesign und den Weltenbau.

Ich vermute mal, dass man in den „Clockwork Boys“-Romanen mehr Details zu der Welt mitbekommt, aber die Passagen, in denen die Religionen erklärt werden oder sehr spezielle geografische Besonderheiten der Region, haben mir gut gefallen. Ebenso gefiel es mir, dass sich Halla und Sarkis Zeit lassen, um einander kennenzulernen und mehr über den anderen zu erfahren, auch wenn die Tatsache, dass sie sich die Hälfte der Zeit auf der Flucht befinden, dieses Kennenlernen nicht einfacher machen. Falls es jetzt noch nicht deutlich geworden ist: Ich habe mich wunderbar beim Lesen amüsiert und den Roman nicht aus der Hand legen können, bis ich ihn mitten in der Nacht ausgelesen hatte. Die Autorin hat im Nachwort angekündigt, dass sie zwei Fortsetzungen plant, die sich um die anderen beiden verzauberten Schwertkrieger drehen werden, die man in „Swordheart“ durch die Erinnerungen von Sarkis kennenlernt, und ich werde den nächsten Teil definitiv vorbestellen, sobald das möglich ist.

Gabrielle Kent: Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle (Alfie Bloom 1)

„Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ von Gabrielle Kent war vor ein paar Wochen ein Zufallsfund (ich muss endlich anfangen, all die Tweets mit eBook-Sonderangeboten zu ignorieren!), und ich habe das Buch in den letzten Tagen sehr genossen. Die Geschichte wird aus der Sicht des elfjährigen Alfie erzählt, der so gar keine Lust auf den Beginn der Sommerferien hat, weil Ferien normalerweise bedeuten, dass er den ganzen Tag allein zu Hause ist, während sein Vater arbeitet. Doch dann erbt Alfie überraschenderweise die alte Burg in dem Ort Hexbridge, was ihm nicht nur die Gelegenheit bietet, mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen, sondern auch täglichen Kontakt zu seinem Cousin Robin und seiner Cousine Maddie ermöglicht. Doch so schön das Leben in Hexbridge ist, so gibt es doch so einige (gefährliche!) Geheimnisse rund um die Vergangenheit der Burg, ihren Vorbesitzer und die Personen, die es auf Alfies Talisman abgesehen haben.

Von Anfang an macht Gabrielle Kent für den Leser deutlich, dass es in ihrer Welt eine Spur von Magie und sehr großen Gefahren gibt, und doch ist „Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ in erster Linie ein Wohlfühlbuch voller wunderbarer Freundschaften. Ich mochte es, wie die Autorin auf der einen Seite Alfie in einer völlig normalen modernen Umgebung leben lässt und auf der anderen Seite ganz selbstverständlich Magie in die Geschichte einflicht. Dabei entsteht eine Atmosphäre, die ich vor allem mit klassischen fantastischen Kinderbüchern aus Großbritannien verbinde. Alfie, Maggie und Robin verbringen einige Zeit mit der Erkundung der Burg und lernen mehr über ihre Geschichte, während gleichzeitig im Ort immer wieder Kühe, Schafe und sogar eine ältere Nachbarin verschwinden. Und nach den Sommerferien muss Alfie sich dann auch noch an eine neue Schule inklusive der beiden extrem unangenehmen Schulleiterinnen gewöhnen.

All diese gewöhnlichen und ungewöhnlichen Erlebnisse von Alfie sind nicht nur wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen, sondern bieten der Autorin auch wunderbare Gelegenheiten, die Freundschaft sowohl zwischen Alfie, Maddie und Robin als auch zwischen Alfie und seiner früheren Klassenkameradin Amy darzustellen. Auch mochte ich, dass zwar Alfies Vater relativ wenig Zeit für seinen Sohn hat, aber trotzdem deutlich spürbar wird, dass die beiden einander viel bedeuten und eigentlich auch ein gutes Team sind. Überhaupt hat Alfie recht viel Glück mit den Personen (und … äh … ehemaligen Personen *g*), die er so im Laufe der Geschichte kennenlernt, so dass es einfach schön ist, mit ihm Zeit zu verbringen. Ich kann nicht so recht beurteilen, ob die Hindergründe rund um die beiden Schuldirektorinnen (und die noch nicht enthüllten Details zu Alfies Lieblingslehrerin) für die kindliche Zielgruppe (ab zehn Jahre) genauso offensichtlich sind wie für mich, aber mich hat diese Offensichtlichkeit in keiner Weise gestört. Es hat mir einfach nur Spaß gemacht, von Alfies Erbschaft und all den damit verbundenen Abenteuern zu lesen, und ich bin froh, dass auch der zweite Band auf Englisch im Angebot war und deshalb schon auf meinem eReader auf mich wartet.

Oh, und für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen, gibt es die drei Alfie-Bloom-Romane auch auf Deutsch mit den Titeln „Das Geheimnis der Drachenburg“, „Jagd nach dem magischen Schlüssel“ und „Duell am Dämonenfelsen“.

Dorothy Gilman: The Clairvoyant Countess (Madame Karitska 1)

Wer meinen Blog schon länger liest, weiß, wie sehr ich die „Mrs. Pollifax“-Romane von Dorothy Gilman liebe. Doch andere Bücher der Autorin hatte ich bis vor ein paar Tagen nicht gelesen, weil diese lange Zeit nicht auf Deutsch (als ich noch nicht so viel auf Englisch las) bzw. gar nicht mehr zu bekommen waren. Vor zwei Wochen habe ich dann aber das eBook von „The Clairvoyant Countess“ in die Finger bekommen, und da ich immer noch das Bedürfnis nach erholsamer Lektüre habe und die kurzen Geschichten rund um Madame Karitska perfekt waren, um zwischendurch gelesen zu werden, blieb das Buch auch nicht lange ungelesen liegen.

Emily Pollifax und Madame Marina Karitska scheinen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben, denn während Mrs. Pollifax anscheinend ihr gesamtes Leben in einem ruhigen Vorort ohne große Aufregung verbracht hat, stammt Madame Karitska nicht nur von verarmten russischen Adeligen ab, die vor der Revolution flohen, sondern hat auch von absoluter Armut bis zu großem Luxus die verschiedensten Lebensumstände erlebt. Doch eins haben beide Figuren gemeinsam: Sie verfügen über eine sehr große Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen und das Beste aus einer Situation zu machen. Dazu kommt bei Madame Karitska noch, dass sie eine „übernatürliche“ Fähigkeit hat, die es ihr ermöglicht, mehr über einen Menschen zu erfahren, wenn sie einen Gegenstand in den Händen hält, den diese Person lange Zeit über genutzt hat.

So beginnen die Geschichten rund um diese ungewöhnliche Frau damit, dass sie intensiv von einem ganz bestimmten Gebäude träumt, in dem ein Schild mit der Aufschrift „Madame Karitska, Readings“ im Fenster zu sehen ist. Natürlich mietet sie zum nächstmöglichen Zeitpunkt das dazugehörige Apartment und beginnt eine Karriere als eine Art Hellseherin, die langfristig sogar die Polizei (genauer gesagt Lt. Pruden) bei aktuellen Fällen berät. So bekommt man als Leser mit „The Clairvoyant Countess“ lose zusammenhängende Kurzgeschichten mit eher gemütlichen Kriminalfällen präsentiert, bei denen manchmal nur ein Hinweis auf vorhergehende Ereignisse einen Zusammenhang herstellt, während bei anderen Geschichten frühere Vorkommnisse noch einmal aufgegriffen und weitererzählt werden.

Ich mochte, dass ich bei dem Krimianteil mitraten konnte und dass mir der Großteil der Personen beim Lesen so sympathisch war. Gerade Madame Karitskas Sicht auf andere Menschen und die Welt an sich fand ich sehr angenehm, während Lt. Pruden anfangs wunderbar skeptisch mit der Hellseherin und ihren Fähigkeiten umging, aber als gewissenhafter Polizist nun einmal jedem Hinweise nachgehen musste. Wie auch bei den „Mrs. Pollifax“-Romanen zieht sich ein feiner Humor durch „The Clairvoyant Countess“, den ich sehr genossen habe. Wobei ich auch anmerken muss, dass weder die Art und Weise, in der die Figuren angelegt sind, noch die Länge der jeweiligen Geschichten dazu geeignet sind, besonders intensive oder tiefgehende Handlungen zu erzählen. Dafür bekommt man authentische 70er-Jahre-Atmosphäre, keine Liebesgeschichte (was ich wirklich angenehm fand!) und eine fantastische Protagonistin geboten – alles zusammen ist einfach perfekt, wenn man einfach nur kleine Auszeiten nehmen und sich erholen möchte!

Jana DeLeon: Happily Everlasting 1 – Dead Man Talking

Nachdem mich das Happily-Everlasting-Spin-Off „Better Haunts and Garden Gnomes“ von Michelle M. Pillow so gut unterhalten hatte, habe ich prompt direkt zu „Dead Man Talking“ von Jana DeLeon gegriffen, um zu schauen, ob ich mich damit auch so gut amüsiere. Die Geschichte dreht sich um die Meterologin Zoe Parker, die in den vergangenen sechs Jahren in L.A. gelebt und jede Rückkehr in ihren Geburtsort Everlasting vermieden hat. Doch nun liegt ihre Großtante Sapphire nach einem Sturz im Krankenhaus, und Zoe muss sich nun nicht nur um Sapphire kümmern, sondern auch um den ehemaligen Leuchtturm, in dem die Großtante lebt, um ihre zehn Katzen und um den Geist Cornelius. Außerdem liegt schnell der Verdacht auf der Hand, dass Sapphires Sturz kein Unfall war, sondern dass Einbrecher dabei ihre Hand im Spiel hatten. Gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Dane Stanton nimmt Zoe die Ermittlungen auf, nachdem das Büro des Sheriffs sich als nicht besonders hilfreich herausgestellt hat.

Tja … Wenn ich ehrlich bin, dann ist „Dead Man Talking“ eigentlich besser geschrieben als „Better Haunts and Garden Gnomes“, aber so richtig gut unterhalten habe ich mich nicht gefühlt. Jana DeLeon bietet dem Leser einen Grund, wieso es Magie in dem kleinen Ort Everlasting gibt (und an anderen Orten nicht), sie hat ihre Figuren deutlich tiefer charakterisiert als Michelle M. Pillow, und der kleine Kriminalfall ist auch besser ausgearbeitet (wenn auch die Lösung wieder ziemlich offensichtlich war). Zoe und Dane werden als wirklich nette Menschen dargestellt, es gibt keine großen Missverständnisse, sondern einen respektvollen Umgang zwischen den beiden, und die beiden reden sogar miteinander, um mehr über die Wünsche und Ziele des anderen herauszufinden. Allerdings fand ich die beiden auch schrecklich langweilig, weil sie so nett waren, so wenige Ecken und Kanten hatten und ihre „Beziehung“ so gar nichts zur Geschichte beizutragen hatte, auch wenn sie durch ihre gemeinsame Vergangenheit immerhin eine stimmige Basis für ihre „Liebesgeschichte“ hatten.

Was mich noch gestört hat, war die Erklärung für die Magie, die in diesem Buch auftaucht. Die Legende mit dem magischen Smaragd, der König Arthur gehört haben soll und der für die Magie im Ort verantwortlich ist, ist schon für sich betrachtet nicht gerade schlüssig. Wenn man dann aber noch die Tatsache im Hinterkopf hat, dass Magie in „Better Haunts and Garden Gnomes“ vererbbar und nicht örtlich begrenzt ist, dass dort viele übernatürliche Personen vorkamen, die in Everlasting keine Rolle spielen, und dass Tante Polly in dem Spin-Off hemmungslos mit Magie um sich wirft und kein Geheimnis daraus macht, dass sie eine Hexe ist, während sie in Everlasting nur als exzentrische Bäckerin erwähnt wird, dann ist das insgesamt so unstimmig, dass ich mich beim Lesen regelrecht geärgert habe.

Ein weiterer Punkt, der mich richtig gefuchst hat, war, wie die Autorin mit den zehn Katzen im Buch umging. Obwohl Zoe auch nach Everlasting zurückkehrt, um sich um die Katzen zu kümmern, werden die Viecher morgens von Dane gefüttert, der gerade Sapphires Küche umbaut, und dann verschwinden die Tiere spurlos für den Rest des Tages (und das, obwohl sie freien Zugang zum gesamten Gebäude haben). Da die Katzen – wie ständig betont wird – so trainiert sind, dass sie das menschliche Klo und sogar die Wasserspülung benutzen (Magie macht’s möglich!), gibt es keine Katzenklos zu reinigen, und abends lässt sich Zoe dann doch dazu herab, selbst Futter zu verteilen. Aber wenn nicht gerade Einbrecher auftauchen, gibt es keine einzige Erwähnung mehr, dass Katzen im Haus sind. Selbst wenn Zoe die Tiere nicht mag, würde ich doch erwarten, dass sie bei all den alltäglichen Dingen, die beschrieben werden, irgendwann mal vorkommen! Man kann nicht mit zehn Katzen in einem Gebäude mit relativ kleiner Grundfläche leben, ohne ständig über eine zu stolpern oder die gesamte Kleidung voller Haare zu haben oder zumindest hier und da mal ein Geräusch zu hören, das andeutet, dass man nicht allein im Haus ist.

Ähnlich ist es auch mit dem Hausgeist, der zwar wichtig für die Geschichte ist und mir grundsätzlich auch sympathisch war, aber die gesamte Handlung hindurch ohne Hosen rumlaufen musste, damit die Autorin ganz am Anfang eine „witzige“ Szene einbauen konnte. So gab es immer wieder Elemente, die mir das Gefühl gaben, dass Jana DeLeon sie für einen einzigen Punkt in der Geschichte lieblos reingestopft hat, ohne darüber nachzudenken, dass sie in der gesamten Handlung funktionieren müssen. Ich habe mich jetzt beim Lesen nicht durchgehend geärgert, aber ich bin immer wieder über solche Dinge gestolpert und es gab sonst nichts, was mich darüber hingeweggetröstet hätte. Selbst ohne diese kleinen Ärgernisse wäre „Dead Man Talking“ nur irgendwie ganz nett gewesen, ohne einen größeren Eindruck zu hinterlassen. Vor allem muss ich aber sagen, dass „Better Haunt and Garden Gnomes“ – trotz aller unübersehbaren Mängel – deutlich charmanter war als dieser Roman. Nach „Dead Man Talking“ bin ich mir sicher, dass ich die Happily-Everlasting-Reihe (trotz wechselnder Autorinnen) nicht weiterlesen werde, während ich den Nachfolger von „Better Haunt and Garden Gnomes“ noch nicht von der Merkliste gestrichen habe.

Michelle M. Pillow: (Un)Lucky Valley 1 – Better Haunts and Garden Gnomes

Vor einigen Tagen bin ich über eine Liste mit „Hexen“-Romanen gestolpert und fand die Inhaltsangabe von „Better Haunts and Garden Gnomes“ so nett, dass ich mir die eBook-Version davon gekauft und direkt gelesen habe. Es gibt eine Menge Punkte, die ich an dem Buch kritisieren könnte, aber bevor ich mich daran mache, kann ich schon mal sagen, dass ich die Geschichte rund um Lily Goode einfach nur wunderbar anspruchslos und genau deshalb sehr erholsam fand. Erst nach dem Lesen habe ich herausgefunden, dass die beiden „(Un)Lucky Valley“-Romane wohl ein Spin-Off der „The Happily Everlasting Series“ sind und dass diese Serie von insgesamt vier Autorinnen geschrieben wurde (und den ersten Band davon habe ich zu meiner großen Überraschung sogar bei den ungelesenen Titeln auf meinem eReader gefunden). Da ich bislang noch nichts aus der „The Happily Everlasting Series“ gelesen habe, weiß ich nicht, ob dort vielleicht etwas ausführlicherer Weltenbau betrieben wurde, aber in „Better Haunts and Garden Gnomes“ ist das definitiv nicht der Fall.

Als Leser wird man ohne weitere Hintergründe in eine Welt hineingeworfen, in der übernatürliche Personen in kleinen abgeschiedenen Gemeinden neben unserer „normalen“ Welt leben. Es gibt keinerlei Erklärungen, wie Magie funktioniert und wo die ganzen übernatürlichen Personen herkommen, man muss das als Leser einfach so hinnehmen – ebenso wie die Protagonistin Lily. Diese ist gemeinsam mit ihren beiden Geschwistern vor langer Zeit von ihrer Mutter vor einer Feuerwehrwache ausgesetzt worden, und obwohl Lily damals erst acht Jahre alt war, hat sie von diesem Tag an die Verantwortung für ihren Bruder Dante und ihre Schwester Jesse übernommen. Nach vielen Jahren und einer Kindheit, die von verschiedenen Pflegestellen geprägt war, erfährt Lily, dass sie von ihrer Mutter ein altes Gebäude am Rand des Örtchens Lucky Valley geerbt hat. Doch niemand im Ort ist erfreut darüber, dass eine Goode-Hexe wieder in das alte Gebäude ziehen will, und so muss Lily nicht nur mit damit fertigwerden, dass sie ein baufälliges Haus, eine exzentrische Verwandte und Magie, über die sie keinerlei Kontrolle hat, geerbt hat, sondern auch mit Vandalismus und ähnlichen „Vertreibungsmaßnahmen“.

Eine dieser „Vertreibungsmaßnahmen“ ist der dicke Stapel mit Gemeindevorschriften, die durch das baufällige Gebäude und vernachlässigte Grundstück verletzt werden, den ihr der Werwolf Nolan Dawson direkt nach Übernahme ihres Erbes überreichte. Nolan soll im Auftrag der Gemeinde dafür sorgen, dass Lily wieder verschwindet, doch stattdessen entwickelt er Gefühle für die energische Frau und will ihr (nicht nur) bei den notwendigen Renovierungen helfen. Insgesamt sind weder die Welt noch die Charaktere besonders detailliert oder hintergrundreich dargestellt, aber dafür gibt es viele ungewöhnliche Anwohner in Lucky Valley, einen Haufen Geister und natürlich Lilys Tante Polly, ihren Hummer Hermann und ihre Armee von Gartenzwergen, die alle zusammen für so einige absurde Situationen und Dialoge verantwortlich sind. Das Rätsel um die verschiedenen Anschläge auf Lilys Haus ist nicht gerade komplex, dafür bieten die diversen Vandalismusfolgen immer wieder Möglichkeiten für amüsante Szenen mit den Einheimischen.

Wenn ich ehrlich bin, dann gibt es nichts an diesem Roman, wo ich sagen könnte, dass Michelle M. Pillow einen richtig guten Job gemacht hat. Aber irgendwie ist das gar nicht schlimm, denn trotz aller Oberflächlichkeit, Unlogik und Durchschaubarkeit war „Better Haunts and Garden Gnomes“ die perfekte Lektüre, um ein paar Stunden abzuschalten, um mich zu entspannen und mich immer wieder über die eine oder andere Szene zu amüsieren. Vielleicht liegt es sogar daran, dass es so wenig greifbare Beschreibungen und Informationen gab, aber irgendwie hatte ich nach dem Lesen Lust, gleich wieder nach Lucky Valley zurückzukehren und vielleicht andere Facetten dieses Ortes zu entdecken. Doch bevor ich das mache, lese ich wohl besser erst einmal „Dead Man Talking“ von Jana Deleon, da ich das Buch noch auf dem eReader habe und das der erste Band der „The Happily Everlasting Series“ ist – wer weiß, vielleicht bietet mir die Geschichte ja dann mehr Hintergründe oder zumindest ein paar ebenso nette Lesestunden wie „Better Haunts and Garden Gnomes“.