Kategorie: Rezension

Seanan McGuire: The Girl in the Green Silk Gown (Ghost Roads 2)

Als im Mai 2014 „Sparrow Hill Road“ von Seanan McGuire veröffentlicht wurde, sah es nicht so aus, als ob es jemals weitere Geschichten zu Rose Marshall zu lesen gäbe, was ich sehr schade fand, denn ich mochte den Hitchhiker Ghost und seine Welt sehr gern. In diesem Jahr ist dann mit „The Girl in the Green Silk Gown“ doch noch eine Fortsetzung erschienen, und im Gegensatz zu „Sparrow Hill Road“ wird hier die Handlung nicht in einzelnen und nur locker zusammenhängenden Episoden erzählt. Während man im ersten Teil Rose und ihre Art des Zwielichts kennengelernt und mehr über die wenigen Fixpunkte in ihrem Leben nach dem Tod herausgefunden hat, dreht sich die Geschichte in „The Girl in the Green Silk Gown“ um eine Auseinandersetzung mit dem Mann, der vor über sechzig Jahren für Rose‘ Tod verantwortlich war.

Bobby Cross (auch Diamond Bobby genannt) hatte Rose an dem Abend in einen tödlichen Unfall verwickelt, an dem sie auf dem Weg zu ihrem Abschlussball war. Statt ihre Seele zu fangen, wie er es eigentlich geplant hatte, konnte Rose ihm entkommen. Seitdem wird sie von ihm gejagt. Doch je länger Rose im Zwielicht unterwegs ist, je mehr Straßen sie als Hitchhiker Ghost bereist und je mehr sie über Bobby Cross und sein Geschäft mit den Crossroads lernt, desto entschlossener ist sie, ihm das Handwerk zu legen. Als Verbündete bei diesem Vorhaben stehen ihr die Routewitches zur Seite – allen voran Apple, die Königin der Routewitches von Nordamerika. Aber selbst so mächtige Verbündete können nicht verhindern, dass Rose zu Beginn von „The Girl in the Green Silk Gown“ in eine Falle tappt, die Bobby Cross ihr gestellt hat.

So dreht sich eigentlich die gesamte Handlung des Romans um das, was Bobby Cross Rose angetan hat, und um ihre Anstrengungen, die Folgen von Bobbys Falle wieder rückgängig zu machen. Dabei hat Rose zwar mächtige Freunde und Verbündete an ihrer Seite, aber Bobby hatte viel Zeit, seine Pläne zu schmieden, sämtliche Schritte von Rose vorherzusehen und ihr dementsprechende Hindernisse in den Weg zu legen. All diese Widernisse haben mir manchmal das Gefühl gegeben, dass gar nicht so viel in diesem Roman passiert, aber das war nicht schlimm, denn wie so oft sind es vor allem die ungewöhnlichen Details, die Beziehungen der Charaktere zueinander und der grandiose Umgang mit vertrauten Legenden und Mythen, die den Unterhaltungswert bei Seanan McGuires Büchern für mich ausmachen. Auch sorgt die Veränderung der Erzählform nicht nur dafür, dass die Autorin in „The Girl in the Green Silk Gown“ mehr Raum hat für die kleinen Alltäglichkeiten in Rose‘ Leben als Hitchhiker, die in „Sparrow Hill Road“ nicht zur Sprache kamen, sondern auch dafür, dass man den Roman wirklich zügig durchlesen kann.

Am Ende ist Rose‘ Auseinandersetzung mit Bobby Cross nicht endgültig besiegelt, was mich hoffen lässt, dass noch mehr Geschichten rund um den Hitchhiker Ghost von Seanan McGuire veröffentlicht werden. Mit jeder Veröffentlichung wird die Welt, in der Rose lebt, größer und detaillierter, und ich mag dieses unerbittliche und doch so viel schöne Momente und faszinierende Charaktere mit sich bringende Zwielicht. Ich mag die Melancholie, die Rose‘ Leben nach dem Tod durchzieht, ebenso wie die unglaublich traurigen Szenen, wenn sie einen Menschen nicht von seinem Weg abbringen und ihn am Ende nur noch ein Stückchen begleiten kann. Und weil eine Geschichte mit Melancholie und Traurigkeit nicht allein funktionieren kann, gibt es noch all die amüsanten Momente rund um Rose und ihr Umfeld und die vielen großen und kleinen überraschenden Wendungen in der Handlung, mit denen Seanan McGuire einen jedes Mal wieder erwischt.

Noch eine kleine Anmerkung zur veränderten Erzählform: Egal, ob Rose‘ Geschichte in einer Sammlung von einzelnen Episoden oder in einer durchgehenden Handlung erzählt wird, ich mag beide Varianten. Ich muss aber zugeben, dass mein Herz ein kleines bisschen mehr an den Kurzgeschichten aus „Sparrow Hill Road“ hängt. Denn dort mochte ich ganz besonders die Abwechslung, die vielen unvertrauten Figuren und das Gefühl, das Buch eine Weile aus der Hand legen zu können und ein Detail oder eine Idee noch etwas zu genießen, ohne mich die ganze Zeit zu fragen, wie es wohl weitergeht.

Leah Moore/John Reppion/Sally Jane Thompson: Conspiracy of Ravens (Comic)

Vor einiger Zeit war ich über eine Ankündigung zu diesem Comic gestolpert, und da der Klappentext gut klang, habe ich den Titel bei unserem Comic-Händler bestellt. Als er dann mit der Oktober-Lieferung bei uns eintraf, habe ich erst einmal nur einen kurzen Blick auf die Zeichnungen von „Conspiracy of Ravens“ werfen wollen und bin prompt bei der Geschichte hängengeblieben. Die Grundidee entstand, nachdem Sally Jane Thompson (die Zeichnerin des Comics) online eine Zeichnung verloste und der Gewinner (John Reppion) sich etwas „Viktorianisches mit Rabenvögeln“ wünschte. Aus der ersten Skizze entstand eine Geschichte rund um Anne, die ein magisches Erbe antritt, und deshalb gemeinsam mit einigen anderen Mädchen ganz ungewöhnliche Fähigkeiten entwickelt.

Es gab eine Menge, was ich an dem Comic mochte. Die Zeichnungen von Sally Jane Thompson sind relativ schlicht und ausschließlich in schwarz, weiß und blau gehalten, aber gerade deshalb passen sie sehr gut zur Geschichte und zur Atmosphäre von „Conspiracy of Ravens“. Auch die Figuren mochte ich gern, von der sympathischen Anne, die vor allem damit zu kämpfen hat, dass ihre geschiedenen Eltern ihr nicht zuhören, über ihre kluge Freundin Binky, das einzigartige Hausmädchen Eve, das schon für Annes verstorbene Großtante gearbeitet hat, bis zur kämpferischen Jenny. Es gibt so viele Elemente in der Geschichte, die ich wirklich mochte. Es war schön mitzuerleben, wie Anne erfährt, dass sie die Erbin ihrer verstorbenen Großtante ist, wie sie das alte Gebäude besichtigt und nach und nach die Geheimnisse, die damit verbunden sind, aufdeckt.

Ich fand es spannend, wie sie – dank der Recherchefähigkeiten von Binky – mehr über die Frauen erfährt, mit denen ihre Großtante zusammengearbeitet hat, und deren Nachfahren aufspürt. Dabei steht von Anfang an fest, dass es mindestens eine Person gibt, die unbedingt verhindern will, dass Anne ihr Erbe antritt, was zu ein paar fantastischen und gruseligen Szenen führt. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto hastiger und unstimmiger wird dieser Part in meinen Augen erzählt, genauso wie spätere Figuren nicht gerade gründlich eingeführt werden. Irgendwann hatte ich einen Punkt erreicht, wo ich zurückblättern und noch einmal nachlesen musste, was es denn mit einem der Charaktere wohl auf sich hat. Ich bin eigentlich sonst ganz gut darin, solche „Erzähllücken“ bei Comics selbst zu füllen, aber hier hat es mich irritiert, weil auf einmal wichtige Elemente so überhastet dargestellt wurden, dass sie sich nicht mehr richtig anfühlten. Da wäre es schöner gewesen, wenn der Comic mehr Seiten – und somit mehr Raum für die Handlung – gehabt hätte, oder wenn auf die eine oder andere zusätzliche Wendung verzichtet worden wäre, um dafür die restliche Geschichte etwas stimmiger zu erzählen.

Trotz dieser Kritikpunkte mochte ich „Conspiracy of Ravens“ sehr. Es ist eine niedliche Geschichte rund um ein paar Mädchen, die gemeinsam eine Aufgabe erfüllen und langfristig gute Freundinnen werden können und deren Leben dank Annes Erbe in Zukunft wohl sehr spannend sein wird. Ich mochte die Grundidee, mir waren die Charaktere sympathisch (weshalb ich wirklich gern noch mehr über sie erfahren hätte) und ich fand die Vorstellung von einem Haus wie Ravenhall inklusive all der damit verbundenen Geheimnisse toll. Ich habe definitiv eine Schwäche für Geschichten, in denen es um starke Frauenfiguren, Magie und Automaten geht. Allerdings wäre der Comic noch besser gewesen, wenn all diese Elemente ihren angemessenen Anteil bekommen hätten und in einem passenderen Tempo aufgegriffen worden wären.

Astrid Lindgren und Louise Hartung: Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft

Im vergangenen Jahr habe ich „Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft“ zum Geburtstag bekommen. In diesem Buch wurde ein großer Teil der noch erhaltenen Briefe zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung (wenn auch zum Teil gekürzt) veröffentlicht, wobei die Briefe, die im Original zum Großteil auf Schwedisch (von Astrid Lindgren) und Deutsch (von Louise Hartung) geschrieben wurden, hier natürlich durchgehend übersetzt vorliegen. Kennengelernt haben sich Louise Hartung und Astrid Lindgren im Oktober 1953, als Louise Hartung im Rahmen ihrer Arbeit für das Berliner Jugendamt Astrid Lindgren für eine Rede einlud. Während der drei Tage, die Astrid Lindgren zu diesem Anlass in Berlin war, hat sie bei Louise Hartung gewohnt und die beiden Frauen haben – wenn man nach all den Verweisen in den Briefen auf diese Tage geht – eine intensive Zeit miteinander verbracht.

Ich fand die Briefe sehr faszinierend zu lesen – nicht nur, weil man durch sie sehr viel über Astrid Lindgren als Privatperson erfährt (deutlich mehr, als zum Beispiel durch ihre Tagebucheinträge), sondern auch, weil ich Louise Hartung als eine sehr spannende Person empfand, von der ich vor dem Lesen ihrer Briefe kaum etwas wusste. Es war sehr fesselnd, den Austausch diese beiden Frauen zu verfolgen, wobei die Themenvielfalt von ihrem Privatleben und ihren Gefühlen (Louise Hartung hat für Astrid Lindgren mehr als Freundschaft empfunden) über ihre Arbeit und Reisen bis zu den verschiedenen kulturellen Bereichen reichte. Immer wieder gibt es Verweise auf die damals aktuelle politische Lage, auf Bücher, die sich die beiden Frauen gegenseitig besorgt oder empfohlen haben, und auf die kleinen Alltäglichkeiten, die das Leben der Schreiberinnen ausmachten. Sehr lustig fand ich zum Beispiel mitzuverfolgen, wie die beiden eine Zeitlang fleißig Wein von Deutschland nach Schweden schmuggelten und welche Hindernisse das vor allem für Louise Hartung so mit sich brachte.

Interessant fand ich auch zu sehen, wie unterschiedlich die beiden Frauen waren. In Astrid Lindgrens Briefen kann man immer wieder von Melancholie lesen, von einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung angesichts der politischen Lage der Welt, von dem Bedürfnis, all den Anforderungen, die an ihre Person gestellt werden, gerecht zu werden und von ihrer Flucht in ihr Sommerhäuschen, wo sie Ruhe findet. Louise Hartung hingegen scheint sehr viel kämpferischer auf viele Widerstände reagiert zu haben als die Freundin, sehr viel fordernder gewesen zu sein, egal, ob es um ihr Privatleben oder ihren Beruf ging, und gerade deshalb hat sie wohl auch sehr viel in Bewegung setzen können. Auf der anderen Seite hat auch Louise Hartung eindeutig Zeiten gekannt, in denen sie verzweifelt war – weniger an der Welt, als an Astrid Lindgren, deren zurückhaltendes Verhalten sie wohl immer wieder als Abweisung ihrer Person interpretierte.

Für beide Frauen scheint diese Freundschaft zu Beginn nicht leicht gewesen zu. Während Astrid Lindgren mit den extremen Seiten der Freundin (die sich mal in einer Flut von Geschenken, mal in dem Vorwurf, ihre Gefühle für Louise wären nicht innig genug, äußerten) fertig werden musste, hatte Louise Hartung damit zu leben, dass ihre Liebe nicht auf die gleiche intensive Weise erwidert wurde und dass Astrid Lindgren ihre Freundschaft zwar sehr schätzte, aber nicht bereit war, die anderen Menschen in ihrem Leben zugunsten Louises zu vernachlässigen. Trotzdem haben beide Frauen ihre Freundschaft so sehr geschätzt, dass sie elf Jahre lang erstaunlich häufig und offenherzig Briefe ausgetauscht haben, und gerade in den letzten Jahren scheinen sie auch die Eigenheiten der anderen so weit akzeptiert zu haben, dass sie einander nur noch Unterstützung und Zuneigung entgegenbrachten. Und obwohl beide nicht gerade zurückhaltend in ihren Aussagen über andere Menschen waren, fand ich es auch spannend zu verfolgen, wie spitz einige Bemerkungen waren und wie viel schlagfertiger die Briefe wurden, je vertrauter sich die beiden Frauen waren.

Ich gebe zu, dass es sich auch ein wenig voyeuristisch anfühlt, die Briefe der beiden Frauen zu lesen. Auch wenn einige Schriftstücke von Louise Hartung nicht veröffentlicht wurden, um sie nach ihrem Tod nicht zu sehr bloßzustellen, so erfährt man doch so viel über das Leben, die Gedanken und Wünsche dieser vielseitigen und faszinierenden Frau. Es ist schon spannend, dass ich zu dem Buch griff, weil ich mehr über Astrid Lindgren – die ich aufgrund ihrer Bücher und der wenigen Reden und Artikel, die ich von ihr kenne, als kluge Frau empfinde – erfahren wollte und am Ende vor allem von der mir bis dahin fast unbekannten Louise Hartung so gefesselt war. Egal also, ob man sich für Astrid Lindgren an sich interessiert, Texte über eine ungewöhnliche Freundschaft verfolgen möchte oder grundsätzlich ein Interesse für die vielen Facetten des Lebens zweier Künstlerinnen hat, ich kann diese Briefe wirklich empfehlen. „Ich habe auch gelebt“ ist eine berührende, faszinierend, anregende und sehr fesselnde Lektüre, die mein ganz persönliches kleines Leben definitiv bereichert hat.

Noch etwas zur Aufbereitung der Briefe in der deutschen Ausgabe von Ullstein: Wie schon erwähnt, sind die Briefe ins Deutsche übersetzt, hier und da gibt es Verweise auf den originalen Wortlaut oder darauf, dass ein bestimmter Begriff aus einer zusammen erlebten privaten Situation (wie zum Beispiel einem gemeinsamen Urlaub) entstanden ist. Dazu kommt noch ein Vorwort von Jens Andersen und Jette Glargaard, die die Briefe ausgewählt und herausgegeben haben. Dieses Vorwort gewährt einem schon mal einen groben Überblick über das Leben der beiden Frauen und begründet, warum manche Passagen oder Schriftstücke ausgelassen wurden. Für mich war dies vor allem hilfreich, um Louise Hartungs Arbeit im „Amt“ einzuschätzen, weil ich nicht gerade viel Ahnung von dem Amtsaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rolle des Berliner „Jugendamtes“ in Deutschland hatte.

Zwischen den Briefen findet man immer wieder Fotos von den beiden Frauen, Faksimiles von den Briefen oder Abbildungen von Dingen, die eine Rolle im Austausch zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung spielten, und in einem Nachwort von Antje Rávic Strubel wird noch einmal auf die Beziehung der beiden Frauen eingegangen. Während ich die Fotos sehr schön fand, kam mir das Nachwort ehrlich gesagt etwas überflüssig vor, da ich ja gerade erst diesen intensiven Briefwechsel gelesen und mir ein eigenes Bild gemacht hatte. Richtig geärgert habe ich mich allerdings über die „editorische Notiz“, in der unter anderem darauf verwiesen wird, dass die Fußnoten „für die bessere Lesbarkeit“ ans Ende des Buches gesetzt wurden. Was bitte ist an Endnoten besser lesbar? Keine dieser Anmerkungen war besonders lang (in der Regel gerade mal eine bis zwei schmale Zeilen), und ich hasse es, wenn ich mit zwei Lesezeichen arbeiten muss, um während des Lesens zu den Endnoten blättern zu können. Noch ärgerlicher wird es, wenn ich dann feststelle, dass die Fußnote nur auf eine frühere Anmerkung verweist, die ich noch gut in Erinnerung hatte, und ich deshalb ganz umsonst das Buch aus der Hand legen und blättern musste, während mich ein kurzer Blick zum Seitenende deutlich weniger gestört hätte.

Livia Day: A Trifle Dead (Café La Femme 1)

Ich habe keine Ahnung mehr, wie „A Trifle Dead“ auf meinen Reader gekommen ist – ich fürchte, es kam während der vergangenen Sommermonate bei mir zu dem einen oder anderen spontanen Angebotskauf. Diese spontane Anschaffung könnte allerdings davon motiviert gewesen sein, dass sich hinter „Livia Day“ die Autorin Tansy Rayner Roberts verbirgt, deren „A Castle Charming“-Titel ich sehr mochte. Auch dieser Cozy rund um Tabitha Darling – stolze Besitzerin eines Hipster-Cafés und eigentlich überhaupt nicht daran interessiert, ihre Nase in einen Mordfall zu stecken – hat sich gut lesen lassen und eine unterhaltsame, skurrile Geschichte geboten. Ein Pluspunkt war dabei der Schauplatz Hobart in Australien, da dieser Handlungsort dem Ganzen eine etwas andere Note verlieh, als sie die für mich üblicheren britischen oder amerikanischen Cozies sonst beherrscht.

Für Tabitha beginnt die Geschichte an dem Tag, an dem im Obergeschoss des Gebäudes, in dem sie ihr Café betreibt, eine Leiche gefunden wird. Anfangs wird noch vermutet, dass der Tote bei einem missglückten Streich (oder gar PR-Gag) der dort wohnenden Band „Crash Velvet“ umgekommen sei. Aber da er erstens an einer Überdosis starb und zweitens nicht an dem Ort sein Leben aushauchte, an dem er gefunden wurde, scheint etwas mehr hinter dem Tod des Mannes zu stecken. Wenig später bringen Polizei und Presse den Toten mit anderen seltsamen Ereignissen in Verbindung, die sich in Hobart zugetragen haben, während Tabitha sich darüber wundert, was ihren Freunden und Familienmitgliedern in den letzten Tagen alles zugestoßen ist. Angetrieben von ihrer Neugier (und der Tatsache, dass sie sehr stolz darauf ist, über jeglichen Klatsch in der Stadt Bescheid zu wissen), versucht Tabitha, mehr über die Vorfälle rund um den mysteriösen „Trapper“ und den Toten herauszufinden.

Dabei ist Tabitha eindeutig keine professionelle Ermittlerin, und gerade das macht „A Trifle Dead“ so nett zu lesen. Tabitha backt wunderbare Leckereien (die Beschreibungen allein machen schon Lust auf eine Kuchenrunde), und während Kunden und Bekannte davon kosten, erfährt die Protagonistin so einige Details über die ungewöhnlichen Vorfälle, die dem „Trapper“ zugeschrieben werden. Unterstützung erhält sie dabei von dem Schotten Stewart, der für einen erfolgreichen Blog schreibt, der sich mit lokalen Ereignissen beschäftigt, während der Polizist (und ehemalige Kollege von Tabithas Vater) Leo Bishop nicht so begeistert davon ist, dass sie ihre Nase in seine Ermittlungen steckt. Während ich sonst eher genervt davon bin, wenn sich in einem Cozy eine Dreiecksgeschichte anbahnt, so fand ich hier das Verhältnis zwischen Tabitha und den beiden Männern, denen ihr Interesse gilt, wirklich nett zu verfolgen. Für Bishop schwärmt sie, seitdem sie ein Teenager ist, aber da er sie nur als Tochter seines verstorbenen Kollegen und (ehemals) beste Freundin seiner kleine Schwester sieht, ist zwischen den beiden nie etwas gelaufen. Stewart hingegen ist vor allem ein netter (und gutaussehender) Kerl, der viel Geduld mit Tabithas Macken aufbringt und sich trotz der Kürze ihrer Bekanntschaft als guter Freund erweist.

Überhaupt entsteht ein Großteil der amüsanten Szenen durch Tabithas Freundes- und Bekanntenkreis und durch die Selbstverständlichkeit, mit der die Autorin die verschiedenen Figuren in ihrer Geschichte auftauchten lässt. Tabithas feste Angestellte im Café ist eine furchteinflößende Person, die kein Verständnis für die Marotten ihrer Chefin hat, ihre ehemals beste Freundin beherrscht mehrere Kampfsportarten und befindet sich auf einem Rachefeldzug gegen ihren Exfreund, Tabithas Vermieter hat auch diverse exzentrische Eigenarten und ihr Mitbewohner Ceege ist nicht nur ein begeisterter Gamer, sondern tauscht auch gern mit Tabitha Kleidung und Make up. Dabei werden die extremeren Charaktereigenschaften der Figuren eigentlich nur dann betont, wenn es um die Frage geht, ob Tabithas Freunde vielleicht irgendwie in den Fall verwickelt sein könnten.

Ein wenig schade fand ich es, dass der Täter und sein Motiv für mich doch ziemlich früh schon auf der Hand lagen, aber da der Kriminalfall nicht das Wichtigste an der Geschichte ist, konnte ich damit leben. Genau genommen konzentriert sich die Handlung in „A Trifle Dead“ mehr auf die verschiedenen Charaktere rund um Tabitha als auf den Kriminalfall, aber da all diese kleinen Szenen rund um die Beziehungen zwischen Tabitha und ihren Freunden, das Backen (und Essen) und den Schauplatz Hobart so liebevoll geschrieben sind, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Dieser Cozy ist kein absoluter „must read“, aber eine wunderbare Lektüre für entspannte Stunden und hat mir so gut gefallen, dass ich mir auch noch die beiden anderen Teile rund um das „Café La Femme“ besorgt habe.

Diane Zahler: Baker’s Magic

Von Diane Zahler habe ich schon mehrere Märchenadaptionen gelesen und immer sehr gemocht. „Baker’s Magic“ hingegen basiert nicht auf einem schon bekannten Märchen, sondern ist eine eigenständige fantastische Geschichte, die in dem Land Aradyn spielt, das ein wenig an die Niederlande erinnert. Protagonistin in diesem Roman ist Bee (Beatrix), die eine Waise ist und vor einiger Zeit von ihrer Pflegefamilie weglief. Zu Beginn der Geschichte erreicht sie Zeewal, die Hauptstadt des Landes, und weil sie so unglaublich hungrig ist, stiehlt sie bei einem Bäcker ein Brötchen – und wird prompt dabei erwischt. Doch statt Bee für den Diebstahl zur Rechenschaft zu ziehen, nimmt der gutmütige Bäcker Master Bout sie als Auszubildende auf. Dabei stellt sich heraus, dass Bee nicht nur ein Händchen fürs Backen hat, sondern auch über Magie verfügt, die dafür sorgt, dass ihre Gefühle beim Fertigen der Backwaren in das Gebäck fließen und von denjenigen gespürt werden, die die Backwaren essen.

Im Laufe der Zeit erfährt Bee nicht nur mehr über die Geschichte des Landes Aradyn, sondern lernt auch die Prinzessin Anika und den Hofmagier Master Joris kennen. Für den Leser steht schnell fest, dass im Land etwas nicht in Ordnung ist. Es gibt keinen einzigen Baum, und Früchte wie Äpfel oder ähnliches kennen die Bewohner nur aus alten Sagen oder uralten Koch- und Backbüchern. Immer wieder wird das flache Land von heftigen Winden gebeutelt und vom Meer, das sich Jahr für Jahr mehr Landmasse einverleibt. Und schon früh beschleicht den Leser der Verdacht, dass der hochgeprisene Magier Joris gar nicht so gut für das Königreich ist und dass es in Bees Händen liegen wird, ob dieser Mann weiterhin über das Schicksal von Aradyn entscheidet. Doch bevor es so weit ist, muss Bee gemeinsam mit ihrem neuen Freund Will und Prinzessin Anika einige Herausforderungen bestehen, die sie auf ein Piratenschiff, zu einer Zuflucht für alternde Magier und auf eine schwimmende Insel bringen.

„Baker’s Magic“ war wirklich eine hübsche Geschichte, voller Elemente und Figuren, die mich normalerweise ansprechen. Der gutmütige Bäcker Bout, der sympathische Schmiedelehrling Will, die dickköpfige Bee und die realitätsferne, aber liebenswürdige Prinzessin Anika waren wirklich sympathisch angelegt. Das Land Aradyn mit all seinen Tulpen, seinen freundlichen Bewohnern und den übers Land peitschenden Winden bot einen atmosphärischen Hintergrund für die Handlung, und der egozentrische Magier Joris bildete einen angemessenen Bösewicht für ein fantastisches Kinderbuch. Auch mochte ich die eine oder andere ungewöhnliche Lösung für ein Problem, die sich aus Bees besonderen Fähigkeiten entwickelte. Trotzdem hatte ich kein Problem, das Buch einfach aus der Hand zu legen und für drei Wochen pausieren zu lassen, obwohl ich mitten im Satz das Lesen unterbrochen hatte, während Master Bout Bee gerade erzählte, wie der Magier vor vielen, vielen Jahren angeblich alle Bäume auf einmal weggezaubert hat. (Falls sich jemand fragt, warum der Magier das tun sollte: Natürlich brauchte er den Platz, um Tulpen zu züchten, die als Exportprodukte sehr viel Geld ins Land bringen.)

Irgendwie fehlte mir bei „Baker’s Magic“ der Funke, der dafür sorgt, dass ich mich in einer Welt verlieren kann, dass ich mit den Figuren mitfiebern, den Bösewicht hassen oder zumindest verachten kann und dass ich die Geschichte nicht mehr aus der Hand legen will. Diesen Abstand zu den Figuren habe ich zum Teil auch schon bei anderen Romanen von Diane Zahler gespürt, aber da hat er mich nicht gestört, da ich das 1. stimmig für ein Märchen empfinde, mich 2. die indiviuellen Elemente, die die Autorin in die vertrauten Märchen gebracht hat, faszinierten, und 3. die Bücher auch deutlich dünner waren, so dass die Handlung wesentlich komprimierter erzählt wurde. Dabei war „Baker’s Magic“ wirklich nicht schlecht, ich mochte so viele Ideen in diesem Buch, und gerade auf dem Piratenschiff gab es wunderbare Momente. Aber egal, ob den Figuren etwas Gutes oder etwas Böses widerfuhr, als Leser wurde ich immer auf Abstand gehalten. Die wirklich dramatischen Elemente der Handlung lagen alle in der Vergangenheit, diejenigen Entwicklungen, die berührend hätten sein können, hat man entweder aus der Perspektive einer dritten Person (also Bee, die das Ganze beobachtet) verfolgt, oder es wurde von Diana Zahler mal eben über die Passagen hinweggehuscht.

Lustigerweise habe ich bei „Baker’s Magic“ einige Ähnlichkeiten zu meinen Lieblingsbüchern von Diana Wynne Jones, Patricia Wrede und Stephanie Burgis gefunden, was aber vor allem dazu geführt hat, dass ich mich fragte, was eine dieser Autorinnen wohl aus der Idee gemacht hätte – auf jeden Fall hätten sie es geschafft, all diese hübschen kleinen, gemütlichen und alltäglichen Szenen mit einer Prise mehr Atmosphäre und deutlich mehr Humor zu erzählen, während ich bei den traurigen Dingen mit den Figuren mitgelitten hätte. Was dann wieder dafür gesorgt hätte, dass ich „Baker’s Magic“ mit einem befriedigteren Gefühl aus der Hand gelegt hätte. So hingegen habe ich eine ganz nette Geschichte gelesen, die aber wohl nicht lange bei mir hängenbleiben wird, obwohl sie theoretisch über all das verfügte, was ich normalerweise so an fantastischen Kinderbüchern mag.

Diana Pharao Francis: Putting the Fun in Funeral (Everyday Disasters 1)

Von Diana Pharao Francis kenne ich bislang die „Hornblade Witches“-Serie und zwei von vier Büchern der „Crosspoint Chronicles“ – beide Reihen fand ich sehr unterhaltsam mit gut geschriebenen Actionszenen, einem großartigen Weltenbau und stimmige und sympathische Charakteren. Als ich also über Twitter mitbekam, dass die Autorin Anfang September den Auftaktband einer neue Reihe (bislang ausschließlich als englisches eBook erhältlich) veröffentlicht hatte, habe ich relativ kurzentschlossen zugeschlagen und den Roman dann überraschend zügig durchgelesen. Doch obwohl ich „Putting the Fun in Funeral“ so intensiv gelesen habe, gibt es eine Menge Dinge an dieser Geschichte, die mir eigentlich nicht zugesagt haben und die ich angesichts der früheren Veröffentlichungen der Autorin recht enttäuschend fand.

Die Protagonistin von „Putting the Fun in Funeral“ ist die 26jährige Beck Wyatt. Beck ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die ihren Lebensunterhalt mit dem Kauf und Verkauf von Waren bestreitet, die sie bei Haushaltsauflösungen ergattert hat. Ihre wichtigsten Bezugspersonen sind ihre Freundinnen Lorraine, Jennifer und Stacey, die mit ihr seit vielen Jahren durch dick und dünn gehen, während das Verhältnis zwischen Beck und ihrer Mutter so schlecht war, dass Beck sehr versucht ist, eine große Party zu schmeißen, als sie erfährt, dass ihre Mutter ermordet wurde. Schon bevor man Details über Becks Kindheit erfährt, wird für den Leser sehr deutlich, dass ihre Mutter eine ausgeprägte sadistische Ader besaß, die sie ihrer Tochter gegenüber hemmungslos ausgelebt hat. Einzig ihre drei Freundinnen – die nur ein wenig von dem erahnen, was Beck daheim durchmachte – sind der Grund, warum die Protagonistin trotz ihre Kindheit zu einer relativ normalen Frau werden konnte. „Relativ normal“, weil Beck zwar grundsätzlich ein hilfsbereiter Mensch, eine aufmerksame Freundin und eine gute und verantwortungsvolle Chefin ist, aber auf der anderen Seite auch sehr aggressiv werden kann, wenn sie das Gefühl hat, dass ihr jemand Vorschriften machen will.

Die Ermordung ihrer Mutter führt nicht nur dazu, dass Beck von der Polizei als Verdächtige behandelt wird (schließlich macht sie keinen Hehl daraus, wie froh sie über diesen Todesfall ist), sondern auch zu einigen merkwürdigen Vorfällen in ihrem Leben. Vor allem die Beinahe-Entführung durch Damon, ein Fluch und weitere gefährliche Ereignisse machen Beck klar, dass mehr hinter der Ermordung ihrer Mutter steckt, als sie ursprünglich gedacht hatte. Bislang ging Beck davon aus, dass sie die Einzige war, die wusste, dass ihre Mutter (ebenso wie Beck selbst) über Magie verfügte und diese auch regelmäßig einsetze, doch nun muss sie nicht nur feststellen, dass es noch mehr Menschen gibt, die Magie benutzen können, sondern auch, dass damit eine Gesellschaft voller machthungriger Personen, Intrigen und zweifelhafter Familienbande verbunden ist.

Den Weltenbau – auch wenn er nicht gerade innovativ gestaltet war – mochte ich sehr gern, ebenso wie die vielen kleinen Elemente rund um Becks Leben, wie etwa ihre Freundschaft zu Lorraine, Jennifer und Stacey, ihr Verhältnis zu ihren Angestellten und ihre Bereitschaft, sich für einen ihr vollkommen unbekannten Hund einzusetzen. Zum Teil mochte ich sogar die langsam wachsende Beziehung zwischen Beck und Damon, aber leider nur zu einem Teil. Mir gefiel es, dass er ihre Unabhängigkeit, ihren Mut und ihre Starrköpfigkeit ebenso anziehend fand wie ihr Äußeres, aber ich verstehe nicht, warum er von der Autorin zu Beginn als machohafter Entführer angelegt wurde, der Beck gegen ihren Willen küsst – was dann zu dieser unglaublichen körperlichen Anziehung zwischen den beiden führt.

Überhaupt muss man mir als Leserin schon einen sehr guten Grund für solch eine extreme körperliche Anziehung bieten, damit ich das einfach hinnehmen kann, und hier war das nicht der Fall. Die beiden sehen sich und denken von diesem Augenblick an nur noch an Sex (wobei ich hier mal spoilere und verrate, dass es keine einzige richtige Sexzene in diesem Roman gibt, denn mehr als Küssen passiert eigentlich nicht). Und weil er nur noch an Sex denken kann, will er sein kleines Frauchen natürlich auch ständig beschützen, obwohl er doch eigentlich ihre Unabhängigkeit so sehr bewundert – irgendwie passt das für mich nicht. Wenn es neben all den „er ist so heiß“- und „sie streiten sich, weil sie sich nicht beschützen lassen will und er das nicht versteht“-Szenen nicht auch noch genügend Momente gegeben hätte, in denen sich die beiden langsam kennenlernen und mehr als nur die körperliche Anziehung miteinander teilen, hätte ich das Buch abgebrochen.

Auch hatte ich häufig ein Problem mit der Ausdrucksweise von Beck (und ihren Freundinnen) und den Themen, die sie beschäftigten. Obwohl Beck nach einem unangenehmen Erlebnis auf dem Autorücksitz einen Mitschülers angeblich vollkommen dem Sex abgeschworen hat, scheinen sie und ihre Freundinnen – solange kein Notfall vorliegt – über nichts anderes als Männer und Sex zu reden. Ihre drei Freundinnen sind selbst in dieser Hinsicht sehr aktiv und allesamt der Meinung, dass auch Beck unbedingt Sex braucht, während Beck selbst jedem gutaussehenden Mann hinterhersabbert, der ihr begegnet, und überlegt, ob er ein potenzieller Bettgefährte wäre oder nicht. Ich frage mich, ob die Rezensentinnen, die all die positiven Meinungen zu „Putting the Fun in Funeral“ veröffentlich haben, diese Szenen auch so lustig fänden, wenn ein Autor so über eine Gruppe von Männern geschrieben hätte, die jeder vorbeikommenden attraktiven Frau hinterherhecheln. Mich persönlich hat es unglaublich geärgert, dass eine Geschichte, die für mich eigentlich sehr viele ansprechende und unterhaltsame Elemente beinhaltete, durch diese Passagen so getrübt wurde. Am Ende weiß ich nicht, ob ich mir die Fortsetzung auch besorgen werden, obwohl ich eigentlich gern mehr über die Magie, die fantastischen Kreaturen (Gargoyles!) und sogar Becks Schicksal erfahren würde.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen

„Der Sonnenschirm des Terroristen“ von Iori Fujiwara ist einer dieser Romane, bei denen ich nicht mehr weiß, wo genau er mir untergekommen ist. Irgendwann hatte ich ihn spontan in der Bibliothek vorgemerkt, und da es so lange dauerte, bis mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt werden konnte, hatte ich ihn schon wieder vergessen, als die Bereitstellungs-Mail bei mir ankam. Dabei ist „Der Sonnenschirm des Terroristen“ ein solider und unterhaltsamer Krimi, bei dem ich froh bin, ihn gelesen zu haben. Geschrieben hat Iori Fujiwara das Buch schon 1995 (angeblich, um von dem Gewinn durch die Veröffentlichung des Manuskripts seine Spielschulden bezahlen zu können), was man der Geschichte stellenweise auch anmerkt, wenn es um die Lebensumstände des Protagonisten Keisuke Shimamura, die Beschreibungen des Lebens in Japan und die alltäglichen (politischen) Vorgänge geht.

Der Roman beginnt mit einem ganz normalen Vormittag für Keisuke Shimamura und endet mit einer Bombe in einem öffentlichen Park, der mehrere Menschen zum Opfer fallen. Solch ein Ereignis wäre für jede Person traumatisierend, aber Shimamura muss nun befürchten, dass die Polizei (dank einer im Park liegengelassenen Whiskeyflasche) anhand seiner Fingerabdrücke feststellt, dass er eigentlich Shunsuke Kikuchi ist, der viele Jahre als Terrorist gesucht wurde. Während der ’69er Studentenproteste gehörte er zu einer Gruppe von Studenten, die an den Unruhen rund um die Tokyoter Universität beteiligt waren, und im Jahr 1971 wurde er in einen Vorfall verwickelt, bei dem ein Polizist durch eine Autobombe getötet wurde – seit diesem Jahr versteckt sich Shimamura vor den Behörden.

So ist es nicht verwunderlich, dass Shimamura beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln, wer für die Bombe im Park verantwortlich ist. Damit würde er nicht nur seine eigene Unschuld beweisen können, bevor die Polizei ihn in die Finger bekommen kann, sondern vielleicht auch den Grund herausfinden, warum einige Yakuza auf einmal Interesse an seiner Person haben. Da Iori Fujiwara seinen Protagonisten in den Tagen nach dem Bombenattentat durch die verschiedensten Stadtteile Tokyos schickt und mit den unterschiedlichsten Personen Kontakt haben lässt, ergibt sich für den Leser ein spannendes und interessantes Bild von Tokyo zu Beginn der 90er Jahre. Auch ist Shimamura ein faszinierender und trotz seines Alkoholismus ein sympathischer Protagonist, dessen Ermittlungen man gerne folgt. Seine bewegte Vergangenheit, sein unstetes Leben und die verschiedenen Personen, denen Shimamura im Laufe seiner Ermittlungen so begegnet, sorgen für ein atmosphärisches und facettenreiches Bild der japanischen Gesellschaft.

Insgesamt bekommt „Der Sonnenschirm des Terroristen“ so eine gewisse „noir“-Note, die mir wirklich gut gefallen hat und dafür sorgte, dass ich den Roman in einem Zug ausgelesen habe. Ich mochte Shimamura wirklich gern, auch weil er – trotz der Tatsache, dass er mitverantwortlich für den Tod eines Polizisten ist – eine nette Person ist und sich Gedanken um seine Mitmenschen macht. Ich muss allerdings auch zugeben, dass die Auflösung der Geschichte nicht nur sehr offensichtlich war, sondern auch einige Verknüpfungen zu viel beinhaltete. Wenn gefühlt jede vorhandene Person in irgendeiner Beziehung zur Tat, zu den Opfern und den Ermittlern steht, dann wird die Handlung halt doch etwas unglaubwürdig. Das ändert aber nichts daran, dass ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe und es etwas bedauere, dass diese Geschichte der einzige Roman des Autors war, denn ich hätte gern noch mehr von Iori Fujimara gelesen.

Elizabeth Bear: Karen Memory (Karen Memory 1)

Erst bin ich lange Zeit um „Karen Memory“ von Elizabeth Bear rumgeschlichen, weil ich mir nicht sicher war, ob die Geschichte was für mich ist, dann lag der Roman noch einige Monate auf dem Sub, während ich auf die richtige Stimmung wartete. Als ich aber endlich mit „Karen Memory“ anfing, mochte ich den Anfang der Geschichte genauso gern wie beim Lesen von „Madam Damnable’s Sewing Circle“ im vergangenen Frühjahr und habe – weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte – mal eben die ersten 90 Seiten am Stück verschlungen. Die Ereignisse werden von Karen Memory erzählt, die als „Schneiderin“ im Hôtel Mon Cherie in Rapid City (das zum Teil an das historische Seattle erinnert) arbeitet. Das Etablissement wird von Madame Damnable geleitet, die den Mädchen für gerade mal 60 Prozent ihrer Einnahmen Kost, Logis und Schutz zur Verfügung stellt.

Karen hat sich bewusst für dieses Leben entschieden, nachdem ihr Vater bei einem Unfall umgekommen war und sie einen Weg finden musste, um zu überleben. Viele Alternativen bietet das Leben in dieser letzten Station vor den Goldgräber-Feldern in Alaska nicht, schon gar nicht zu einer Zeit, die dem Ende unseres 19. Jahrhunderts entspricht und in der ein Menschenleben nicht viel wert zu sein scheint. Aus Karens Perspektive gewinnt man den Eindruck, dass es in Rapid City nur wenige ehrliche Menschen gibt. Sie selbst hat großes Glück gehabt, dass sie bei Madame Damnable gelandet ist, andere Prostituierte arbeiten unter weitaus schlimmeren Bedingungen, und dass in einigen Häusern am Hafen versklavte (ausländische) Frauen angeboten werden, ist zumindest innerhalb des Gewerbes eine bekannte Tatsache.

Als eines Nachts Priya, die dank der Aktivistin Merry Lee aus einem dieser Häuser am Hafen fliehen konnte, vor der Tür des Hôtel Mon Cherie landet, stellen sich Karen und ihre Kolleginnen gegen die Verfolger der beiden Frauen und lösen damit einen Zermürbungskrieg gegen ihr Etablissement aus. Doch nicht nur von Priyas ehemaligem „Besitzer“ Peter Bantle droht Gefahr, sondern auch von einem Serienmörder, der seit einiger Zeit sein Unwesen in Rapid City treibt und es auf Prostituierte abgesehen hat. Vor allem fallen ihm Frauen zum Opfer, die allein in den Straßen arbeiten, doch da er ihre Leichen gezielt vor den Türen der Bordelle der Stadt platziert, fühlt sich niemand, der diesem Gewerbe nachgeht, noch sicher. Nach und nach findet Karen gemeinsam mit Marshal Bass Reeves und seinem indianischen Begleiter Tomoatooah mehr über die Identität des Mörders und die Machenschaften von Peter Bantle heraus.

Es gibt so vieles, was ich an diesem Roman wirklich mochte. Mir gefiel es, die Geschichte aus Karens Perspektive zu verfolgen, weil die junge Frau auf der einen Seite dank ihres Jobs schon erschreckend viel vom Leben gesehen hat, auf der anderen Seite aber ständig neue Erfahrungen macht und dabei viel über sich und über die Situation, in der andere Menschen sich befinden, lernt. Ich mochte das Western-Steampunk-Setting der Geschichte und fand es sehr passend, dass der Schauplatz der Handlung so sehr an Seattle rund um 1900 erinnert, als die Straßen der Stadt aufgeschüttet wurden, um zukünftige Überflutungen zu verhindern, und die Menschen zum Teil zehn Meter Differenz zwischen der Straße und dem Erdgeschoss ihres Hauses überwinden mussten. Ich mochte auch, dass sich die Handlung langsam und realistisch entwickelte. Egal, wie angesehen ein Bordelle sein mag, allen Beteiligten ist bewusst, dass sie keinen Einfluss und kein Ansehen in der Stadt haben und deshalb unter schwierigen Bedingungen vorsichtig agieren müssen.

Erst, als es zu einem dramatischen Vorfall kommt und weder Madame Damnable noch ihre „Mädchen“ viel zu verlieren haben, kann Karen einen Teil ihrer Kolleginnen davon überzeugen, dass es eine Chance gibt, Peter Bantles Pläne zu stören und den Serienmörder zu stoppen. Hier spielt dann auch der Steampunk-Anteil des Romans eine entscheidende Rolle, weil Karen und ihre Mitstreiter einen Weg finden müssen, um gegen eine Übermacht von Männern anzukommen. Ich habe es wirklich genossen, Karens Perspektive durch all die Ereignisse zu folgen, ich habe die verschiedenen Personen, die zum Hôtel Mon Cherie gehören, ebenso ins Herz geschlossen wie Marshal Bass Reeves und Tomoatooah, und ich würde wirklich gern wissen, wie das Leben nach all diesen dramatischen Vorfällen für Karen und ihre Freunde weitergeht – nur gut, dass die Fortsetzung „Stone Mad“ schon erschienen ist.

Tansy Rayner Roberts: Let Sleeping Princes Lie (A Castle Charming 3)

Je länger eine Castle-Charming-Geschichte, desto ernsthafter scheint sie zu sein – so ist es kein Wunder, dass „Let Sleeping Princes Lie“ von Tansy Rayner Roberts mit 134 Seiten der bislang dramatischte Band der Castle-Charming-Geschichten ist. Nach der herbstlichen Ballsaison („Glass Slipper Scandal“) und der winterlichen „Sportsaison“ („Dance, Prince, Dance“) ist nun der Frühling im Königreich Charming herangebrochen und damit auch die Spinnrad-Phase. Jedes Jahr um diese Zeit werden alle Spinnräder eingesammelt und verbrannt und trotzdem tauchen rund ums Schloss lauter Spinnräder auf und bedrohen die Prinzen und die Prinzessin. Für den Reporter Kai, der erst seit wenigen Monaten im Königreich lebt, ist das Ganze anfangs nur eine interessante Story – doch dann versucht er, Prinz Chase vor einem plötzlich auftauchenden Spinnrad zu retten und fällt selbst dem Fluch zum Opfer. Während Kais Freund Dennis, seine Kollegen von der Palastwache und Chase, Cyrus und Camilla Charming verzweifelt einen Weg suchen, um Kai aus seinem Zauberschlaf zu retten, findet sich Kai in einem verzauberten Schloss voller tödlicher Monster wieder.

Gemeinsam mit der wehrhaften L und dem Xix-Prinzen Zuo-lin muss der Reporter ununterbrochen kämpfen, um nicht von diesen unheimlichen Wesen getötet zu werden. Ich mochte die Idee sehr, dass die Personen, die dem Fluch der Spinnräder zum Opfer fallen, nicht einfach nur schlafen, sondern in einem albtraumhaften Schloss Tag für Tag um ihr Leben kämpfen müssen. Dies sorgt – ebenso wie die Enthüllungen rund um den Fluch, der für Kais Entführung und das Schicksal von Königin Ella verantwortlich ist – für eine düstere und bedrückende Atmosphäre, ohne dass Tansy Rayner Roberts vollkommen auf die kleinen amüsanten Szenen verzichtet, die von Anfang an den Ton der Castle-Charming-Geschichten ausgemacht haben. Dazu kommen noch die überraschenden Erkenntnisse rund um den Ursprung des Fluchs und um die Identität von Kais Pflegemutter und einige neue und unvorhersehbare Entwiklungen rund um die Palastwächterin Ziggy, die für eine spannende Weiterführung der Handlung sorgen.

Ich mochte es sehr, wie stimmig die Autorin die Handlung weiterentwickelt hat. Obwohl schon von Anfang in den Geschichten mitschwingt, dass die gesamte Königsfamilie (und somit auch das Königshaus) unter dem Fluch leidet, wird erst in „Let Sleeping Princes Lie“ deutlich, wie viele Geheimnisse und unausgesprochene Vorwürfe damit verbunden sind und wie sehr das Ganze die Königsfamilie beeinflusst hat. Am Ende dieser Geschichte müssen sie nicht nur mit der Vernachlässigung durch den König und die Abwesenheit ihrer Mutter fertigwerden, sondern auch mit all den Dingen, die ihr Vater ihnen bislang vorenthalten hat und die fast alles, was sie bislang über ihrer Familiengeschichte zu wissen glaubten, auf den Kopf stellten. So scheint das Brechen des Fluchs für die Zukunft mehr Probleme aufzuwerfen, als das Leben mit dem Fluch eh schon mit sich brachte. Ich bin wirklich neugierig, wie es im Königreich Charming weitergeht und ob es am Ende doch noch so etwas wie ein Happy End für die Königsfamilie (und die Mitglieder der Palastwache) geben wird – dummerweise wird der vierte Teil der Serie erst im kommenden Jahr veröffentlicht, und so muss ich mich noch eine ganze Weile gedulden.

Sujata Massey: Die Tote im Badehaus (Rei Shimura 1)

„Die Tote im Badehaus“ von Sujata Massey gehört zu den Romanen, die einem wirklich immer unterkommen, wenn man nach Krimis sucht, die in Japan spielen. Die Autorin selbst ist eine deutsch-indische Engländerin, die einen Größteil ihrer Kindheit in Amerika verbracht hat und nach ihrem Studium zwei Jahre in Japan lebte, um dort die Sprache zu lernen – so ist es vermutlich nicht verwunderlich, dass ihre Hauptfigur Rei Shimura, die Handlung aus der Perspektive einer japanischstämmige Amerikanerin erzählt, die zwar ein Verständnis für die japanische Kultur mitbringt, aber doch für Japaner immer eine Ausländerin sein wird.

Rei arbeitet als Englischlehrerin für einen japanischen Konzern, und als sie einen Ort sucht, an dem sie über Neujahr Urlaub machen kann, wird ihr von ihrem Vorgesetzten eine kleine Pension empfohlen. Dort trifft die junge Frau auf eine bunte Mischung von Gästen, vom wohlhabenden japanischen Salaryman mit seiner Frau und seinem schottischen Geschäftsfreund über ein junges japanisches Ehepaar bis zu einer älteren amerikanischen Touristin, die kein Wort japanisch spricht. Schon am ersten Abend wird klar, dass die Gruppe nicht gerade gut miteinander harmoniert, doch dass Rei am nächsten Tag beim Morgenspaziergang über eine Leiche stolpert, hätte sie natürlich trotzdem niemals gedacht. In den folgenden Stunden wird Rei als unfreiwillige Übersetzerin für die Polizei in die ersten Vernehmungen verwickelt, und als sich dann herausstellt, dass die örtliche Polizei in dem Schotten Hugh den Hauptverdächtigen sieht, schnüffelt Rei recht hemmungslos im Leben aller Beteiligten rum, um mehr über die anderen Gäste der Pension und ihre möglichen Motive für einen Mord herauszufinden.

Ich hatte von enthusiastisch lobenden bis „Das war nett zu lesen“-Äußerungen eigentlich alles Mögliche zu „Die Tote im Badehaus“ mitbekommen und kann mich diesen positiven Aussagen leider nicht anschließen. Ein Punkt dabei ist, dass viele Rezensenten, die von diesem Roman angetan waren, betonen, dass es so spannend sei, mehr über den japanischen Alltag und das Leben als Ausländerin in Japan mitzubekommen, aber ich hatte nicht das Gefühl, ich würde besonders viel Neues erfahren. Vor zwanzig Jahren, als das Buch erschien, wäre das bestimmt anders gewesen, aber inzwischen habe ich zu viele Romane gelesen, die in Japan spielen (und von Japanern geschrieben wurden), und zu viele Blogs von Ausländerinnen, die in Japan leben. Auch fand ich den Kriminalfall nicht besonders spannend, da schon früh für mich feststand, dass all die Spuren, die die Autorin in Richtung organisiertes Verbrechen und Industriespionage legte, nur von einer bestimmten Person und einem relevanten Punkt im Leben der ermordeten Frau ablenken sollten.

Dazu kam, dass ich die Protagonistin nicht besonders sympathisch fand, was es mir eh immer schwer macht, mich auf einen auch sonst nicht so spannenden Roman einzulassen. Ich konnte weder die „Beziehung“ zwischen Rei und Hugh (dem schottischen Anwalt) nachvollziehen, noch ihr Verhältnis zu ihrem (schwulen) Mitbewohner Richard. Dieser ist angeblich Reis bester Freund, aber von der Tatsache abgesehen, dass er sich die Wohnung mit ihr teilt und ihre Gäste beschäftigen darf, während sie ermittelt, scheint er absolut keine Rolle in ihrem Leben zu spielen. Ich habe mich beim Lesen regelmäßig über Reis Verhalten und Gedanken aufgeregt, und der einzige Grund, warum ich „Die Tote im Badehaus“ nicht abgebrochen habe, war, dass ich nach all den positiven Rezensionen dachte, dass da noch irgendwas kommen müsste. In Nachhinein kann ich immerhin sagen, dass ich die Autorin ausprobiert und beschlossen habe, dass ich keinen weiteren Roman von ihr lesen muss.