Kategorie: Rezension

Barbara Hambly: Jagd der Vampire (James Asher 1)

Nachdem ich „Jagd der Vampire“ von Barbara Hambly am letzten Lese-Sonntag angelesen hatte, war das Buch erst einmal auf dem „bald lesen“-Stapel gelandet. Da ich aber schon auf den ersten Seiten so viel Spaß mit der Atmosphäre der Geschichte hatte, habe ich den Titel dann doch relativ schnell wieder vom Stapel gezupft. Die Handlung beginnt im Jahr 1907, als der Professor James Asher abends nach Hause kommt und dort unnatürliche Stille vorfindet. Als er sich ins Gebäude schleicht, muss er feststellen, dass seine Dienstboten anscheinend besinnungslos am Küchentisch sitzen, während seine Frau Lydia reglos im Wohnraum liegt und von einem Vampir bewacht wird. Don Simon Xavier Christian Morado de la Cadena-Ysidro bringt James dazu, für ihn als Ermittler tätig zu werden, indem er ihm verspricht, Lydia in Ruhe zu lassen, solange James für ihn arbeitet.

Don Ysidro greift auf diese Erpressung zurück, da jemand in den letzten Wochen angefangen hat, in London Vampire zu töten. Die Körper dieser getöteten Vampire wurden dem Sonnenlicht ausgesetzt, was bedeutet, dass Don Ysidro jemanden benötigt, der tagsüber Nachforschungen anstellen kann. Seine Wahl fiel dabei auf James Asher, da der Vampir aufgrund kleiner Auffälligkeiten in James‘ Lebenslauf – zu Recht – davon überzeugt ist, dass dieser früher als Spion für die britische Krone tätig war. Nur widerwillig beginnt James mit seinen Ermittlungen in London, immer auf der Suche nach einem Weg, um seinerseits die Vampire zu töten und somit jegliche Bedrohung für Lydia und sich selbst aus dem Weg zu räumen.

Ich habe mich beim Lesen von „Jagd der Vampire“ (den englischen Titel „Those who hunt the Night“ finde ich deutlich hübscher) wirklich gut unterhalten gefühlt. Die Vampire in dieser Geschichte entsprechen schon ziemlich dem düsteren Klischee von der unheimlichen Kreatur, die des Nachts jagt. Auf der anderen Seite gibt es auch kleine Momente, in denen durchblitzt, dass zumindest einige Vampire sich einen Hauch von Menschlichkeit bewahrt haben. Außerdem beweist Barbara Hambly ein Händchen für wirklich atmosphärische Beschreibung des London der „Edwardian era“, wobei ich besonders die kleinen Einblicke in eher alltägliche Dinge mochte, die James‘ Leben und Arbeit stimmig wirken ließen. (Das Einzige, was ich wirklich unbefriedigend fand, war, dass er anscheinend seine Stelle als Professor von einem Tag auf den anderen im Stich lassen konnte, ohne dass es Probleme gab.)

Auch gefiel mir das Verhältnis zwischen James und seiner Frau Lydia sehr gut. Trotz des großen Altersunterschieds zwischen den beiden (James hat seine Frau schon gekannt, als sie noch die kleine Tochter eines Kollegen war) begegnen sie sich auf Augenhöhe, respektieren die Meinung und schätzen die Intelligenz des jeweils anderen. James erfüllt es mit Stolz, dass Lydia zu den wenigen Frauen ihrer Zeit gehört, die in Oxford Medizin studiert haben, und unterstützt, dass seine Frau ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin nachgeht. Lydia hingegen ist zwar durch und durch Wissenschaftlerin, aber auch eine Frau ihrer Zeit, die (wenn auch mit Hilfe einiger Dienstboten) ihrem Mann den Haushalt führt und allen anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt, weil das eben von ihr erwartet wird. Vor allem aber mochte ich, dass James seine Frau nicht im Dunklen lässt, ihr die Möglichkeit gibt, eigene Ermittlungen anzustellen, und sie so gemeinsam gegen die Bedrohung für und durch die Vampire angehen.

Die Suche nach demjenigen, der die Vampire tötet, verläuft hingegen wie bei jedem anderen solidem Krimi auch. James und Lydia recherchieren über Zeitungsartikeln, Grundbucheintragungen und ähnlichen Behördenspuren, und James und Don Ysidor befragen gemeinsam eventuelle Zeugen und Bekannte der Opfer. Dabei verbringen James und der Vampir nicht nur sehr viel Zeit miteinander, sie entwickeln auch nach und nach einen gewissen Respekt gegenüber dem anderen. Das bedeutet nicht, dass James kein Problem mit der Existenz der Vampire an sich hat oder damit, dass so ein Vampir im Laufe der Zeit Tausende von Menschen tötet, aber er akzeptiert ein wenig, dass das Vampirsein verschiedene Facetten aufweist. Trotzdem gibt es keinen Moment, in dem James sich in der Gegenwart von Vampiren sicher fühlen kann, was zu einigen spannenden Szenen in der Geschichte führt. Insgesamt war ich ehrlich gesagt angenehm überrascht, wie sehr ich nach all der Zeit diesen 1988 erstveröffentlichten Vampirroman, der sich deutlich mehr an „Dracula“ anlehnt, als an die damals populären Anne-Rice-Titel, beim Wiederlesen genossen habe.

Roshani Chokshi: Aru Shah and the End of Time (Pandava 1)

„Aru Shah and the End of Time“ von Roshani Chokshi hatte ich mir auf den Merkzettel gepackt, als vor ein paar Jahren die ersten Titel der „Rick Riordan presents“-Veröffentlichungen angekündigt wurden. Überraschenderweise habe ich es sogar geschafft, in all der Zeit keinerlei Meinungen zu dem Titel mitzubekommen, so dass ich wunderbar unvoreingenommen an die Geschichte herangehen konnte. Leider muss ich zugeben, dass ich von Anfang an ein Problem mit Aru Shah hatte, weil ich mit ihrem Verhalten nicht zurechtkam.

Aru ist eine chronische Lügnerin, die nicht nur ihren Mitschülern (die anscheinend alle aus deutlich reicherem Hause kommen) ständig Unwahrheiten erzählt, sondern die grundsätzlich auf alle Herausforderungen des Lebens mit einer Lüge zu reagieren scheint. So sind es auch Arus Lügen, die sie dazu bringen, eine verfluchte Lampe in dem Museum anzuzünden, in dem ihre Mutter arbeitet. Es tut ihr danach zwar leid, dass sie mit dem Anzünden der Lampe das Ende der Welt heraufbeschworen hat, aber auch dieses schlechte Gewissen führt nicht zu einem Überdenken ihres Handelns, sondern eher zu weiteren Lügen.

Auch mit der Darstellung von Mini, Arus „Seelenschwester“ (beide Mädchen sind als Pandavas in gewisser Weise Töchter indischer Gottheiten), hatte ich meine Probleme. Dabei fand ich Mini an sich gar nicht unsympathisch, aber sie wird von Roshani Chokshi dargestellt wie der typische kränkliche, ängstliche Nerd, und ich hasse solch eine Charakterisierung inzwischen wirklich. Mini hat Allergien, sie versucht auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein (was natürlich dazu führt, dass sie diverse absurde Dinge mit sich führt), sie hat vor ihrem eigenen Schatten Angst und verfügt über seltsame Wissensbrocken, für die sie dann von Aru gehänselt wird.

Ich finde es überaus bedauerlich, dass keines der beiden Mädchen anfangs irgendwelche Merkmale aufweist, die sie interessant oder liebenswert machen. Stattdessen musste ich mich an all den – wirklich tollen! – Details über indische Mythologie festhalten, um Interesse für die ersten Kapitel des Buches aufbringen zu können. Erst nach der Hälfte der Geschichte entwickelt Aru sich endlich etwas weiter und denkt nicht mehr ständig an sich selbst, sondern ist auch in der Lage, etwas ehrlicher mit den Personen in ihrer Umgebung umzugehen. Aber bis zu diesem Punkt habe ich den Roman regelmäßig aus der Hand gelegt, weil ich einfach keine Lust auf die Protagonistin hatte.

Nach Arus Weiterentwicklung hingegen mochte ich die Geschichte sehr. Roshani Chokshi führt den Leser durch eine fantastische Welt voller Dämonen, (Halb-)Göttern und anderen großartigen indischen Sagengestalten. Immer wieder kommt es zu wundervollen und überraschenden kleinen Momenten, während sich Aru und Mini den verschiedenen Herausforderungen stellen müssen, um das Ende der Welt zu verhindern. Ich mochte Roshani Chokshis Umgang mit indischer Mythologie, wobei mir nicht nur die göttlichen Reittiere ans Herz gewachsen sind, sondern auch der (fast) vergessene Palast der Pandavas und viele andere Personen. Am Ende finde ich es wirklich bedauerlich, dass ich – dank Arus sperrigem Charakter – so lange nicht in die Geschichte hineingefunden habe. Wenn mir der gesamte Roman so viel Spaß gemacht hätte wie die zweite Hälfte, hätte ich keine Hemmungen, mir sofort die Fortsetzung zu bestellen. So hingegen werde ich erst einmal abwarten.

Rose Donovan: The Mystery of Ruby’s Sugar (Ruby Dove Mystery 1)

Ich weiß nicht mehr, wie ich über „The Mystery of Ruby’s Sugar“ von Rose Donovan gestolpert bin, was bedeutet, dass ich auch nicht mehr weiß, welche Elemente des Klappentextes mich ursprünglich angesprochen hatten. Das kommt davon, dass ich gern Cozies hamstere, um welche auf Lager zu haben, wenn mir nach diesem Genre ist. 😉 Die Handlung wird aus der Sicht von Fina Aubrey-Havelock erzählt, die gemeinsam mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Ruby Dove die Weihnachtstage auf dem Herrensitz Pauncefort Hall verbringt. Doch im Gegensatz zu den restlichen Gästen sind Fina und Ruby nicht eingeladen worden, um eine nette Zeit im Kreis von Familie und Freunden zu verbringen, sondern um ihrer Arbeit als Designerin (Ruby) und Schneiderin (Fina) nachzugehen. Die beiden jungen Frauen finanzieren sich ihr Leben und ihr Studium in Oxford nämlich damit, dass sie reiche Frauen bezüglich ihrer Garderobe beraten und für sie Kleider entwerfen und nähen.

Außerdem ist Ruby auf der Suche nach Papieren, die beweisen sollen, dass die Familie Sykes-Duckworth, in deren Besitz sich Pauncefort Hall befindet, verantwortlich für ein Massaker auf der karibischen Insel St. Kitts war, bei dem ein Verwandter von Ruby ums Leben kam. Als dann Granville Sykes-Duckworth, der älteste Sohn des Hauses, ermordet wird, wollen Ruby und Fina die Tat aufklären, bevor die Polizei in dem eingeschneiten Herrensitz eintreffen kann, damit diese nicht aufgrund der Tatsache, dass das Mordmittel anscheinend Rubys selbstgebrauter Fleckenlöser war, die falschen Schlüsse zieht. Schnell sichern sich Ruby und Fina die Hilfe des Bediensteten Charles, der die beiden mit Informationen über die Familie und Angestellten versorgt.

Ich mochte an „The Mystery of Ruby’s Sugar“ sehr, dass die Geschichte für einen Cozy überraschend politisch ist. Die Handlung spielt Weihnachten 1934 und schon zu Beginn erfährt man, dass einer der Gäste eher links eingestellt ist, während der älteste Sohn des Hauses – ebenso wie einer seiner engsten Freunde – Anhänger des Faschisten Oswald Mosley ist. Und obwohl sich Ruby in der höheren Gesellschaft zu Hause zu fühlen scheint und als Designerin gefragt ist, gibt es natürlich Personen, die ein Problem mit ihrer Hautfarbe haben. Trotzdem ist Ruby nicht die einzige farbige Person bei dieser Gesellschaft, da auch noch zwei Schwestern aus Indien die Weihnachtstage in Pauncefort Hall verbringen.

Ein bisschen zu viel war für mich, dass sowohl Ruby als auch ihre Freundin Fina eine „Vergangenheit“ haben. Während Ruby sich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Bemühungen, das Zuckerimperium der Familie Sykes-Duckworth für das Massaker auf St. Kitts zur Verantwortung zu ziehen, in einer kritischen Position befindet, hat Fina das Problem, dass jeder sich bei ihrem Nachnamen an den Mord an ihrem Vater erinnert. Der Mord an sich wäre schon schlimm genug gewesen, doch die Tatsache, dass Finas Bruder für die Tat verurteilt wurde, facht natürlich die Sensationslust Außenstehender noch weiter an. Außerdem bin ich immer wieder über Szenen gestolpert, bei denen ich das Verhalten der verschiedenen Personen unstimmig fand und mich dann darüber grübeln ließen, ob die Autorin sich was dabei gedacht hat oder nur nachlässig war bei der Darstellung von Umgangsformen. Solche Momente haben regelmäßig dafür gesorgt, dass ich den Roman immer wieder aus der Hand legte, und da die Geschichte zwar unterhaltsam, aber nicht so spannend war, dass ich sie unbedingt zeitnah wieder aufnehmen und weiterlesen musste, hat sich das Lesen überraschend lang hingezogen.

Auch das Ende hat mich frustriert, weil der Mörder und sein Motiv zwar enthüllt werden, aber die Lösung, die nach der Entdeckung des Täters von Ruby vorgeschlagen wird, von der unwahrscheinlichen Voraussetzung ausgeht, dass eine Gruppe von Menschen es schafft, der Polizei eine erfundene Geschichte zu erzählen, ohne dass sich einer der Beteiligten verplappert. Insgesamt bin ich am Schluss recht enttäuscht von „The Mystery of Ruby’s Sugar“ gewesen, denn obwohl die Autorin so eine gute Grundidee hatte, ich die Selbstverständlichkeit mochte, mit der nicht-heteronormative Beziehungen dargestellt wurden, und ich die Tatsache begrüßte, dass mehrere farbige Frauen in der Geschichte vorkamen, konnten mich weder die Erzählweise noch die Auflösung des Romans überzeugen.

Elaine Viets: Shop Till You Drop (A Dead-End Job Mystery 1)

Elaine Viets‘ Roman „Shop Till You Drop“ beinhaltet unglaublich viele Elemente, die ich eigentlich in Kriminalromanen (selbst wenn es „nur“ Cozies sind) nicht mag, und trotzdem habe ich mich beim Lesen großartig amüsiert. Die Protagonistin Helen Hawthorne arbeitet zu Beginn des Romans gerade mal seit drei Wochen bei „Juliana’s“, einem extrem exklusivem Geschäft für Luxus-Mode. Für Helen ist die Boutique eine vollkommen neue Welt, auch wenn sie sich vor ihrer Scheidung selbst bei den teuren Mode-Marke eingekleidet hat. Sie ist fasziniert davon, dass die Geschäftsführerin Christine den Kundinnen einzeln über einen Summer Zugang gewähren muss (und von den Kriterien, die einer Frau das Betreten des Geschäfts verwehren), und lernt bei der Arbeit eine Seite an den Kundinnen kennen, die diese fast durchgehend liebenswert erscheinen lassen, obwohl Helen früher immer Vorurteile gegenüber dieser Art von Frauen hatte.

Denn die Kundinnen von „Juliana’s“ sind in der Regel junge, magere Frauen, deren Schönheit schon lange nicht mehr auf ihren natürlichen Vorraussetzungen basiert, sondern auf der Kunst (zweifelhafter) Schönheitsspezialisten. So gibt Christine nicht nur Rat beim Kauf der passenden Kleidung, um die perfekt modellierte Figur in Szene zu setzen, sondern auch Empfehlungen für nicht lizensierte brasilianische Ärztinnen, die in den USA nicht zugelassene Behandlungen durchführen, oder vermittelt Haushaltsangestellte und weitere Dienste. Was anfangs wie ein erstaunlich freundschaftliches Verhältnis zu all den reichen Kundinnen wirkt, kommt Helen im Laufe der Zeit immer dubioser vor, und als dann Drogen in „Juliana’s“ auftauchen und in einer Gated Community, trotz der theoretisch vorhandenen Bewachung, eine Frau erschossen wird, ist sie fest davon überzeugt, dass ihre Vorgesetzte in mehr als eine illegale Tätigkeit verwickelt ist.

Normalerweise wäre ich beim Lesen schnell total genervt gewesen von dieser Welt, in der so gut wie alle Frauen Schönheits-OPs hinter sich gebracht haben, in der das Leben davon geprägt ist, sich einen reichen Mann zu angeln und bei Laune zu halten und die Augen davor zu verschließen, dass der Sugar Daddy seine Millionen mit illegalen Geschäften gemacht hat. Doch bei „Shop Till You Drop“ lernt man diese Welt durch Helens Augen kennen, und sie findet nicht nur viele Elemente, die im Leben ihrer Kundinnen vollkommen normal sind, ebenso absurd wie ich selbst, sondern sie entwickelt auch eine ernsthafte Zuneigung zu den diversen Stammkundinnen. Durch ihre Perspektive verspürt man eine Mischung aus Mitleid, dass diese Frauen ihren Wert auf ihr Äußeres reduzieren und ihnen die Zeit mit jedem weiteren Lebensjahr davonläuft, und Bewunderung für all die Intelligenz, Willenskraft und den Mut, der sich hinter dem barbiepuppenhaften Äußeren häufig verbirgt.

Auch all die vagen Andeutungen, die man zu Beginn der Geschichte über Helens Vergangenheit und die Ereignisse rund um ihre Scheidung bekommt, hätten mich bei einer anderen Autorin vermutlich schnell genervt, weil trotz all der „auf der Flucht vor dem Gericht“-Bemerkungen nie ernsthaft der Gedanke aufkommt, dass Helen eine Verbrecherin sein könnte, auch wenn ihr aktueller Lebensstil eher zweifelhaft ist. Doch statt mich darüber aufzuregen, habe ich mich dank Elaine Viets‘ Erzählweise wunderbar amüsiert, als Helen endlich enthüllt, wieso sie auf der Flucht vor dem Gericht ist und weshalb sie sich mit unterbezahlter Schwarzarbeit über Wasser hält. Ebenso fand ich es lustig, Helens erste Dating-Versuche nach der Scheidung zu verfolgen, weil dadurch so viele absurde Szenen entstanden, die vollkommen unvorhersehbar waren.

Der Kriminanteil von „Shop Till You Drop“ entwickelt sich nur sehr langsam, aber auch das hat mich nicht gestört, weil man alle Beteiligten gut kennenlernt und Helen von Kapitel zu Kapitel immer mehr Ungereimtheiten und Geheimnisse rund um das „Juliana’s“ und seine Kundinnen entdeckt. Helen ist keine besonders professionelle Ermittlerin, aber sie arbeitet (vor allem gegen Ende) mit der Polizei zusammen und bekommt im Laufe der Geschichte auch überraschende Unterstützung von ihren Nachbarn aus der Wohnanlage, in der sie wohnt. Bei diesem Buch brauchte es für mich keine rasanten Entwicklungen, um stets neugierig auf die weiteren Ereignisse zu bleiben. Ich habe mich wunderbar beim Lesen amüsiert und die Charaktere (vor allem Helens großartige Vermieterin) ins Herz geschlossen. Da die Autorin am Schluss Helens Leben regelrecht aufräumt, muss ich nicht unbedingt sofort zum nächsten Teil der Trilogie greifen, aber wenn ich das nächste Mal Lust auf einen Wohlfühl-Roman mit Krimianteil habe, werde ich wohl herausfinden, welche absurden Situationen Helen bei ihrem nächsten Job in einer Buchhandlung erleben wird.

Ashley Weaver: Murder at the Brightwell (Amory Ames 1)

Über „Murder at the Brightwell“ von Ashley Weaver bin ich über Twitter gestolpert und da das Buch als „Wohlfühlroman“ und amüsanter Krimi bezeichnet wurde, habe ich mir spontan das eBook runtergeladen und gelesen. Die Handlung spielt im Jahr 1932 und die Geschichte wird aus der Perspektive von Amory Ames erzählt, einer noch relativ jungen Dame der Gesellschaft, die seit fünf Jahren mit Milo Ames verheiratet ist. Dass es mit ihrer Ehe nicht zum Besten steht, erfährt man schon auf den ersten Seiten. Milo ist ein Lebemann, der die vergangenen Monate ohne seine Frau an der Riviera verbracht und sich dort – wenn man den Gesellschaftsseiten der Zeitungen glauben darf – gut amüsiert hat. Trotz dieser Entfremdung zwischen Milo und Amory wird deutlich, dass es doch immer noch zwischen den beiden funkt, auch wenn sie anscheinend nicht wissen, wie sie ihre Ehe retten sollen.

So ganz sicher ist sich Amory auch nicht, ob sie ihre Ehe noch retten will, und so hat sie keine Hemmungen, gemeinsam mit ihrem ehemaligen Verlobten Gil Trent in ein Hotel an der See zu fahren, als dieser sie darum bittet. Dabei hat Gil nichts Romantisches im Sinn, sondern das Wohl seiner kleinen Schwester Emmeline, die sich gerade erst mit Rupert Howe verlobt hat. Gil ist sich sicher, dass Rupert Emmeline nicht liebt und definitiv nicht der richtige Mann für seine kleine Schwester sein wird. So hofft er, dass Amory, die früher einen gewissen Einfluss auf Emmeline hatte, seine Schwester davon überzeugen kann, dass Rupert nicht gut genug für sie ist. Doch bevor Amory überhaupt die Gelegenheit hat, den in dem Hotel am See versammelten Freundeskreis von Gil, Emmeline und Rupert besser kennenzulernen, wird Rupert ermordet und Gil als vermeintlicher Mörder verhaftet. Nun geht es für Amory nicht mehr darum, Emmeline vor dem gleichen Fehler zu bewahren, den sie selbst vor Jahren begangen hat, sondern zu beweisen, dass Gil nicht der Täter ist.

Ein Punkt, den ich an „Murder at the Brightwell“ sehr mochte, ist, dass Amory und der ermittelnde Inspector Jones sehr respektvoll miteinander umgehen. Man hat bei beiden das Gefühl, dass sie anerkennen, dass ihr Gegenüber intelligent ist und dass es ihnen beiden darum geht, dass der Mörder überführt wird. Das ändert natürlich nichts daran, dass Inspector Jones fest davon überzeugt zu sein scheint, dass Gil der Mörder ist, während Amory ebenso fest davon überzeugt ist, dass ihr ehemaliger Verlobter einer solchen Tat nicht fähig wäre. So kommt es, dass Amory gemeinsam mit Milo, der überraschend im Hotel auftaucht, anfängt zu ermitteln. Ich mochte das Zusammenspiel zwischen Amory und Milo sehr, gerade weil die beiden sich die ganze Zeit nicht sicher waren, was der andere empfindet, während es gleichzeitig für den Leser offensichtlich ist, dass die beiden noch Gefühle füreinander haben, sich aber nicht trauen, diese dem anderen einzugestehen, weil sie Ablehnung fürchten.

Der Kriminalfall selbst ist sehr klassisch aufgebaut. Es gibt eine überschaubare Gruppe, die mit dem Opfer bekannt war, und auf den ersten Blick gibt es keinen offensichtlichen Grund dafür, dass jemand Rupert ermorden wollen würde. Gemeinsam mit Amory, die als Außenseiterin dazukommt, lernt man als Leser die verschiedenen Personen und ihre Beziehungen zueinander kennen, was wirklich nett zu lesen ist – wobei ich hier anmerken muss, dass ich die Nebencharaktere nicht so prägnant fand, dass ich auf Anhieb die verschiedenen Personen problemlos zuordnen konnte. Trotzdem habe ich mich gut unterhalten gefühlt und eifrig mitgeraten, wer denn welchen Grund gehabt haben könnte, um zum Mörder zu werden. Ab dem zweiten Mord wurden die Hintergründe zwar dann offensichtlicher, aber insgesamt hat Ashley Weaver einen soliden Kriminalfall konstruiert.

Mir hat „Murder at the Blightwell“ gut gefallen, denn auch wenn die Probleme von Amory und Milo mit einem anständigen Gespräch hätten geklärt werden können, konnte ich die Beziehung der beiden angesichts der Persönlichkeiten der beiden Figuren und der Zeit, in der die Geschichte spielt, so akzeptieren. Ein bisschen haben mich die beiden an Nick und Nora Charles („Der dünne Mann“) erinnert, nur dass Amory nicht über das gleiche Selbstbewusstsein wie Nora verfügt und somit Probleme mit der Lebensweise ihres Mannes hat, statt mit ihm mitzuhalten und ihn regelmäßig herauszufordern. Ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn sich Amory im Laufe der folgenden Bände noch weiter entwickeln und langfristig selbstbewusster mit Milos Verhalten umgehen würde. Alles in allem habe ich mich mit diesem Cozy gut amüsiert und habe schon mal den zweiten Teil der Reihe auf den Merkzettel gesetzt.

Sayantani Dasgupta: The Serpent’s Secret (Kiranmala and the Kingdom Beyond 1)

„The Serpent’s Secret“ von Sayantani Dasgupta ist der erste Band der dreiteiligen Reihe „Kiranmala and the Kingdom Beyond“. Die Geschichte beginnt an Kiran(mala)s zwölftem Geburtstag, als sie von der Schule nach Hause kommt und ihre Eltern verschwunden sind. Auf einer nicht beendeten Geburtstagskarte informiert ihre Mutter sie darüber, dass dies der Tag sei, an dem sie von einem Fluch eingeholt worden wären, dass Kiran eine Prinzessin sei (so wie ihre Eltern es ihr seit Jahren erzählen) und dass sie den Prinzen trauen soll. Kurz darauf klopfen wirklich zwei junge Prinzen an Kirans Tür und retten sie vor einem Rakkhosh. Gemeinsam reisen die drei ins Kingdom Beyond, einem magischen Königreich, in dem die Prinzen Neel und Lal zuhause sind und in dem auch Kiran und ihre Eltern geboren wurden.

Im Laufe ihrer Reise erfährt Kiran nicht nur mehr über das magische Königreich, aus dem sie stammt, sondern auch über ihre leiblichen Eltern und die beiden Menschen, die sie aufgezogen haben. Dabei erlebt sie eine sehr abenteuerliche Reise, voller Monster, Flüche, Rätsel und Reime, und all diese Elemente basieren auf indischen Mythen. Ich habe es sehr genossen, diesen Teil der Geschichte zu lesen, denn das Königreich ist voller Seltsamkeiten und Überraschungen, voller märchenhafter Elemente und Gefahren, die Kiran und die Prinzen bestehen müssen. Auf der anderen Seite gab es zwei Dinge, die ich an „The Serpent’s Secret“ sehr schade fand: Obwohl Kiran anfangs sagt, dass sie kein Mädchen sei, das den Jungs hinterherschaut, lässt sie sich ständig von Neels Gegenwart ablenken. Ihre Gefühle ihm gegenüber schwanken die ganze Zeit zwischen Bewunderung und Ablehnung, und das finde ich wirklich anstrengend zu lesen.

Außerdem nimmt sich niemand die Zeit, Kiran mal genau über die aktuelle Situation aufzuklären und über die Dinge, die sie beachten oder vor denen sie sich in Acht nehmen muss. Unter den Umständen ist es kein Wunder, dass sie ständig Fehler macht, die ihr dann natürlich vorgeworfen werden. So schwankt sie durchgehend zwischen „ich muss etwas tun, um die Menschen zu retten, die mir am Herzen liegen“ und „ich bin darauf angewiesen, dass ein Prinz mich und die meinen rettet, weil ich keine Ahnung von dieser Welt habe“. Ganz ehrlich, ein intelligentes Mädchen, das sich seit Jahren mit Bogenschießen beschäftigt hat, hätte eine deutlich bessere Rolle in dieser Geschichte verdient, wenn denn nur einmal einer der Einheimischen richtig mit ihm geredet hätte. Dabei ist es vermutlich nicht so unwahrscheinlich, dass zwei pubertierende Jungen nicht in der Lage sind, richtig zu kommunizieren (vor allem, wenn ihr Gegenüber nicht nur weiblich, sondern auch noch in einer verschmähten Welt aufgewachsen ist), aber die Geschichte hätte halt von einem etwas weniger klischeehaften Verhalten der Figuren deutlich profitieren können. Am Ende muss ich leider sagen, dass mir „The Serpent’s Secret“ lange nicht so gut gefallen hat, wie ich anhand all der fantastischen indischen Elemente erwartet hätte, so dass ich nicht nur die Reihe nicht weiterlesen, sondern auch den Roman aus meinem Bestand aussortieren werde.

Lila Bowen: Wake of Vultures (The Shadow 1)

„Wake of Vultures“ von Lila Bowen (Delilah S. Dawson) ist der erste Teil der Shadows-Serie und spielt in einem Western-Setting. Die sechzehnjährige Protagonistin Nettie Lonesome ist ein Halbblut, und da sie bei einem Paar Alkoholiker aufgewachsen ist, die sie wie eine Sklavin behandeln, weiß sie nicht viel über ihre Herkunft. Der einzige Mensch, der sie in all den Jahren freundlich behandelt hat, ist Monty, einer der Cowboys der Nachbarfarm. Monty hat kein Problem damit, dass Nettie lieber kein Mädchen wäre, und so behandelt er sie wie einen Jungen, nennt sie Nat und bringt ihr alles über das Zähmen von Mustangs bei, das er weiß.

Eines Nachts trifft Nettie auf der Farm einen fremden Mann, der sie bedroht, und um sich selbst zu schützen, ersticht sie ihn mit einem Stück Holz. Doch statt einer Leiche bleiben von dem Fremden nur seine Habseligkeiten, vier Zähne und ein Haufen schwarzer Sand zurück. Für Nettie ist das der entscheidende Anstoß, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie schneidet sich die Zöpfe ab und heuert als Ranch-Hand an. Doch obwohl sie jetzt das selbstbestimmte Leben führt, von dem sie immer geträumt hat, muss sie nun fürchten, dass sie als entlaufene Sklavin gesucht wird. Und dann ist da auch noch die Aztecan-Frau, die verletzt in der Prärie gefunden wird und von Pia Mupitsi erzählt, einem legendären Ungeheuer, das ihr Kind geholt hat. Auf einmal scheint Netties ganze Welt voller Monster zu sein, die es zu bekämpfen gilt. Doch so, wie nicht jeder Mensch automatisch gut ist, ist auch nicht jedes Monster automatisch böse.

Nettie ist kein einfacher Charakter, sie ist dickköpfig, häufig undankbar und kommt mit Pferden deutlich besser zurecht als mit Menschen. Ihr Leben lang hat man ihr gesagt, was sie nicht ist. Sie ist nicht weiß, sie ist kein Mann und sie ist nichts wert. Umso schöner war es, Nettie zu begleiten, während sie herausfindet, was sie ist und was sie vom Leben erwartet. Je länger sie auf eigenen Beinen steht, je mehr sie über die Welt und die Menschen und Monster, die sie bevölkern, erfährt, desto mehr findet sie über ihre Fähigkeiten und Stärken heraus. Die Autorin selbst bezeichnet Nettie als Trans-Charakter, wobei ich es dann unstimmig finde, dass Nettie sich bin zum Ende des Buches selbst als „sie“ bezeichnet. Auf der anderen Seite wäre es für eine Figur, die in einem 1870er Western-Setting lebt, vermutlich schwierig, eine Bezeichnung für sich zu finden, die „ich fühle mich weder als Junge noch als Mädchen“-beinhaltet, vor allem, da Nettie unter Weißen aufwuchs und nicht in einem der Stämme der Native Americans, die mehr als zwei Geschlechtsbezeichnungen in ihrer Sprache haben.

Mir gefiel an „Wake of Vultures“ nicht nur die Protagonistin und wie sie sich im Laufe der Geschichte ihren ganz eigenen Raum erobert, sondern auch die unbarmherzige Welt, in der Wasser knapp und ein Leben nicht viel wert ist. In dieses Setting passen Harpyien, Werwölfe und Zwerge ebenso gut wie die diversen anderen Monster, die Nettie im Laufe des Romans kennenlernt. Delilah S. Dawson mischt für ihre fantastische Western-Welt die verschiedensten Mythen und lässt die unterschiedlichsten Gestalten eine Nische in diesem trockenem und heißen Landstrich finden, obwohl man sich beim Lesen ständig fragt, wie überhaupt irgendein Lebewesen dort überleben kann. „Wake of Vultures“ erzählt keine schöne Geschichte, es gibt viele ekelhafte Elemente durch die Lebensbedingungen ebenso wie durch die Kämpfe, die Nettie bestreiten muss, aber der Roman bietet auch eine wunderbar selbstbewusste Protagonistin, ungewöhnliche Freundschaften und immer humorvolle Szenen, die eine kleine Erholung von all den düsteren Dingen in dieser Welt bieten.

Sarah Prineas: The Lost Books – The Scroll of the Kings

Seitdem mir die „The Magic Thief“-Reihe von Sarah Prineas vor einigen Jahren so gut gefallen hat, halte ich immer die Augen nach neuen Veröffentlichungen der Autorin offen. Leider gibt es relativ wenige (und vor allem keine aktuellen) Informationen auf ihrer Homepage, so dass es immer ein Glücksspiel ist, ob und wann ich bei meiner Suche über neue Titel stolpere. Bei „The Lost Books – The Scroll of the Kings“ wüsste ich zum Beispiel gern, ob das der Auftakt einer neuen Reihe ist oder ein für sich stehendes Buch. Ich kann zumindest sagen, dass es auch als Einzelband wunderbar funktioniert, auch wenn ich gern noch mehr über den Protagonisten Alex(andren) und die verlorenen Bücher lesen würde.

Zu Beginn des Buches arbeitet Alex als Assistent für Master Farnsworth, den Bibliothekar der Dowager Duchess Purslane. Doch als Master Farnsworth stirbt (und Alex ist sich sicher, dass ein ganz bestimmtes Buch für den Tod des Bibliothekars verantwortlich ist), muss sich der Junge eine neue Stellung suchen. Er ist nicht nur (angehender) Bibliothekar mit Leib und Seele, sondern auch wild entschlossen, dem Geheimnis der gefährlichen Bücher auf die Spur zu kommen. So gibt er sich der Königin gegenüber als sein verstorbener Meister aus und übernimmt – probeweise – die Bibliothek des Schlosses. Auch hier befinden sich so einige gefährliche Bücher, und Alex muss nicht nur herausfinden, was diese Titel zur tödlichen Lektüre macht, sondern auch darum kämpfen, seinen Posten als Schlossbibliothekar zu behalten. Aber er ist nicht der Einzige, der mit Herausforderungen konfrontiert wird, die ein bisschen zu groß für ihn zu sein scheinen. Auch Queen Kenneret – die sich sicher ist, dass ihr neuer Bibliothekar nicht der ist, der er vorgibt zu sein – stehen in „The Lost Books – The Scroll of Kings“ einige Kämpfe bevor, die über die Zukunft des Landes entscheiden können.

Ich fand es spannend, mir beim Lesen Gedanken darüber zu machen, was wohl vor sechzig Jahren passiert ist, dass alle Bibliotheken geschlossen und bestimmte Bücher weggesperrt wurden. Ebenso spannend fand ich es, gemeinsam mit Alex mehr über diese gefährlichen Bücher herauszufinden und über die Dinge, die diese Bücher zu so einer Gefahr werden lassen. Doch vor allem habe ich es genossen, durch Alex‘ Augen die Schlossbibliothek zu entdecken, mir Gedanken über den Zustand der Bücher zu machen und mich mit ihm zu ärgern, wenn er entdeckt, dass jemand sein mühsam erstelltes Katalogsystem durcheinandergebracht hat. Ich mochte den Beschützerinstinkt, den Alex gegenüber den Büchern hatte, und ich mochte seine kurz angebundene und zielstrebige Art, die zu einigen amüsanten Dialogen führte, weil kaum ein anderer Mensch mit seiner „Unhöflichkeit“ umgehen konnte. Ebenso gefielen mir die Passagen, die aus Kennerets Sicht geschrieben waren, weil die junge Königin nach gerade mal vier Monaten im Amt immer noch auf der Suche nach dem richtigen Weg für sich ist. Kenneret arbeitet hart und ist sich der Tatsache bewusst, dass sie als Königin für die schweren Entscheidungen im Land verantwortlich ist, aber um diese zu fällen, muss sie erst einmal herausfinden, wer ein vertrauenswürdiger Berater ist und wer ihr die notwendigen Informationen für ihre Beschlüsse besorgen kann.

Ich habe wirklich eine Schwäche für die eigensinnigen und intensiven Charaktere, die Sarah Prineas für ihre Bücher schafft, und genieße ihre Romane sehr. Ihre Geschichten leben für mich von diesen ganz besonderen Figuren, den ungewöhnlichen Ideen hinter ihren Romanen und von all den kleinen Szenen, in denen man die Charaktere besser kennenlernt und sie ein Stückchen bei ihrem Alltag begleitet. Letzteres macht es schwierig, die Handlung so zusammenzufassen, dass man nicht zu viel verrät, denn auf den ersten Blick scheint nicht so viel in ihren Geschichten los zu sein. Aber ich brauche nicht viele Szenenwechseln oder eine sich über einen langen Zeitraum entwickelnde Handlung, wenn mich diese kleinen Szenen amüsieren und mich mit vielen ungewöhnlichen Details versorgen, die meine Fantasie anregen und in mir den Wunsch wecken, ich könnte ein bisschen Zeit in dieser Welt verbringen, und die mir zeigen, dass sich die Charaktere stetig weiterentwickeln. So ist es wohl nicht überraschend, dass ich gern noch mehr Geschichten über Alex, Kenneret und die vielen verschiedenen Bücher in ihrer (oder anderen) Bibliothek(en) lesen würde, auch wenn die Handlung in „The Lost Books – The Scroll of the Kings“ ein befriedigendes Ende bietet.

James Nicol: The Apprentice Witch

Ich mag Geschichten mit Hexen, ich mag Geschichten, die mir etwas zum Schmunzeln geben, und ich mag Geschichten, die mich beim Lesen an andere Geschichten denken lassen, die mir früher schon gefallen haben. „The Apprentice Witch“ von James Nicols erfüllt all diese Punkte, und beim Lesen musste ich an „Kikis kleiner Lieferservice“, „The Worst Witch“, „Little Witch Academia“ und viele andere Geschichten denken, die ich gerne mag. Trotz all der Szenen, die mich an andere Dinge erinnert haben, ist „The Apprentice Witch“ ein ganz eigener wunderbarer Roman, den ich sehr genossen habe. Die Handlung dreht sich um Arianwyn Gribble, die zu Beginn des Buches kurz vor ihrer Abschlussprüfung zur Hexe ist. Dabei müssen die Hexen in dieser „modernen“ Welt (es gibt Züge, Autos, Telefone und diverse technische Elemente rund um die Magie – es fühlt sich insgesamt nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an) sich einer Messung durch den „evaluation gauge“ unterziehen. Als die fünfzehnjährige Arianwyn an der Reihe ist, gibt es Probleme mit dem Gerät, und so wird ihr der Aufstieg zu einer Hexe mit abgeschlossener Ausbildung verweigert.

Trotzdem bekommt sie einen ersten Posten als „Apprentice Witch“ in dem kleinen Städtchen Lull am Rande des Landes Hylund, direkt neben dem Großen Wald, der – Legenden zufolge – voller magischer Kreaturen sein soll. Da das Städchen sehr klein ist und es in den vergangenen Jahrzehnten ganz ohne eigene Hexe ausgekommen ist, geht man davon aus, dass Arianwyn dort nicht über Probleme stolpern wird, die sie nicht bewältigen kann. Doch natürlich trifft die junge Hexe noch vor ihrer Ankunft in Lull auf eine Herausforderung, mit der sie kaum fertig wird. Das ist natürlich nur der Anfang einer ganzen Reihe von Vorfällen, die sie immer wieder an die Grenzen ihres Wissens und Könnens bringen und dafür sorgen, dass der Bürgermeister Mayor Belcher die neue Hexe in der Stadt von Anfang an misstrauisch im Auge behält.

Ich mochte vor allem die kleinen Szenen, die beschreiben, wie Arianwyn in Lull ankommt, das Spellorium (ihren Zauberladen) in Besitz nimmt und sich mit Salle, der Nichte der Wirtsleute in Lull, anfreundet. Aber auch die kleinen Auseinandersetzung mit magischen Wesen (die sich zum Beispiel in menschlichen Häusern eingenistet haben und dort Unfug anrichten) habe ich gern verfolgt – vor allem, da Arianwyn regelmäßig denkt, sie hätte eine Situation im Griff, und dann passiert irgendeine Kleinigkeit, die zu absolutem Chaos führt. Das bietet nicht nur viele amüsante Momente für den Leser, sondern Arianwyn die Möglichkeit, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Denn so einfach ist es für Arianwyn nicht, zum ersten Mal auf eigenen Füßen zu stehen und die Verantwortung für die magische Versorgung einer ganzen Stadt zu übernehmen (auch wenn sie sich jederzeit an ihre Vorgesetzte Miss Delafield wenden kann).

Bei all der Magie und den größeren und kleineren Herausforderungen für Arianwyn ist „The Apprentice Witch“ doch vor allem eine wunderbar liebevoll erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden einer jungen Hexe, die sich mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen muss, die Freunde findet und Verantwortung übernimmt. Ich mochte Arianwyn sehr, ebenso wie ihre Freundin Salle und Miss Delafield. Ich habe mich wunderbar über die ganzen Vorfälle rund um Arianwyns Job amüsiert und mit ihr mitgefiebert, wenn es darum ging, ihren Nachbarn bei ihren kleinen und größeren Problemen zu helfen. Und auch wenn ich die eine oder andere Frage zum Weltenbau habe, so gefiel mir Hylund mit seiner Mischung aus Magie und Technik. „The Apprentice Witch“ ist für mich ganz eindeutig ein Wohlfühlbuch und am Ende wollte ich das Städtchen Lull, Arianwyn und all ihre Nachbarn gar nicht mehr verlassen (und habe mir direkt nach dem Zuklappen des Buches gleich den zweiten Band bestellt).

Ursula Vernon: Castle Hangnail

Ursula Vernon sitzt schon so lange auf meiner Merkliste, dass es erschreckend ist, dass ich erst jetzt eines ihrer Bücher gelesen habe. Dafür habe ich die Geschichte rund um „Castle Hangnail“, die dazugehörigen Schergen und die Wicked Witch Molly sehr genossen. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem der Wächter des Schlosses einer potenziellen neuen Schlossherrin das Tor öffnet. Castle Hangnail ist schon lange auf der Suche nach einer neuen Herrin, denn kein böses Schloss kann ohne angemessene Herrschaft existieren, und auch wenn Hangnail in weniger düsterer Umgebung gebaut wurde, als der Wächter es angemessen fände, so ist es doch ein gutes böses Schloss und verdient eine dementsprechende Herrschaft. In den vergangenen Jahrhunderten hat der Wächter schon bösen Zauberinnen, Vampirlords, verrückten Wissenschaftlern und allen möglichen anderen Bösewichten gedient und gemeinsam mit seinen Kollegen jede damit zusammenhängende Herausforderung hervorragend gemeistert.

Doch seine potenzielle neue Herrin scheint ihn etwas zu überfordern, denn Molly nicht nur sehr jung, sie wirkt auch nicht besonders „wicked“ (irgendwie finde ich kein angemessenes deutsches Wort, dass den Unterschied zwischen „wicked“ und „evil“ so hervorhebt wie die englischen Wörter). Das einzige, was in den Augen des Wächters für sie spricht, sind ihre Stiefel – ansonsten ist es vor allem die Verzweiflung, die ihn dazu bringt, Molly Zugang zum Schloss zu gewähren. Für den Leser wird schnell deutlich, dass die Zweifel des Wächters nicht unangebracht sind. Molly ist nicht diejenige, die ursprünglich die Einladung als Schlossherrin erhalten hat, und eigentlich scheint sie auch viel zu nett zu sein, um die Herausforderungen zu bestehen, die mit der Bewerbung auf die Herrschaft über das Schloss einhergehen. Aber Molly ist hingerissen vom Castle Hangnail und gibt ihr Bestes, um ihre Aufgabe als Schlossherrin zu erfüllen.

Ich fand es großartig zu lesen, wie Molly die verschiedenen Diener im Schloss kennenlernt und wie sie sich alle Mühe gibt, um die Herausforderungen zu erfüllen. Sie findet das heruntergekommene Schloss perfekt, sie schließt die verschiedenen Diener in ihr Herz und sie gibt sich Mühe, mit den Nachbarn im Dorf gut auszukommen. Es gibt keine großen dramatischen Szenen in diesem Buch, stattdessen sehr viele Wohlfühlmomente, in denen Molly die verschiedenen Facetten eines Lebens als Schlossherrin erkundet und dabei immer gerade „wicked“ genug ist, damit ihre Bewerbung weiterhin in Betracht gezogen werden kann.

All das führt zu so vielen amüsanten und niedlichen Momenten, zu liebevoller Unterstützung durch ihre Schergen und zu genau den heimeligen Szenen, die ich wirklich in Kinderbüchern mag. Trotzdem wird es nicht langweilig, weil Molly eben die verschiedenen Herausforderungen zu bewältigen hat und am Ende um ihr Schloss (und die Loyalität des misstrauischen Wächters) kämpfen muss. Ich habe „Castle Hangnail“ von der ersten bis zur letzten Seite genossen, ich mochte die Zeichnungen, mit denen die Autorin die Geschichte illustriert hat, und ich fände es großartig, wenn das Buch noch diverse Fortsetzungen bekäme, weil ich Molly und all die anderen Charaktere beim Lesen wirklich ins Herz geschlossen habe. Außerdem hat es Ursula Vernon geschafft, in dieser süßen Geschichte so viele wichtige Themen unterzubringen, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben, dass ich mir wünschte, ich hätte „Castle Hangnail“ schon als Kind lesen können, denn ich denke, die Geschichte hätte mir – die ich viel zu brav und still war – gutgetan.