Kategorie: Rezension

Diana Wynne Jones: Earwig and the Witch

Auch wenn es für euch vermutlich langsam langweilig wird, so habe ich gerade ein großes Bedürfnis nach Diana-Wynne-Jones-Bücher und vergleichbaren Geschichten. „Earwig and the Witch“ ist von der Autorin eindeutig für sehr junge Leser geschrieben worden und dementsprechend geradlinig verläuft die Handlung auch. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Earwig, die sich – im Gegensatz zu den anderen Kindern in St Morwald’s Home for Children – nicht danach sehnt, adoptiert zu werden. Earwig lebt, seitdem sie ein Baby war, in dem Kinderheim, und da dort alle ihre Wünsche erfüllt werden, ist sie dort auch sehr glücklich. Eine Erklärung dafür, dass Earwigs Leben im Kinderheim für sie so befriedigend ist, könnte in der Nachricht zu finden sein, die bei ihr lag, als sie vor der Tür des Heims ausgesetzt wurde:

„Got the other twelve Witches all chasing me. I’ll be back for her when I shook them off. May take years. Her name is Earwig.“

Trotz ihrer besonderen Fähigkeiten kann Earwig nicht verhindern, dass sie eines Tages von einem sehr dubiosem Paar aus dem Kinderheim abgeholt wird. Da ihre üblichen Überredungskünste bei ihrer neuen Pflegemutter Bella Yaga nichts bewirken, muss Earwig einen Weg finden, um sich mit ihren neuen Lebensumständen abzufinden.

Die Geschichte rund um Earwig ist wirklich sehr kurz, so dass ich keine halbe Stunde zum Lesen dieses Buchs gebraucht habe. Aber diese kleine Pause mit „Earwig and the Witch“ habe ich sehr genossen, weil die Protagonistin mit viel Glück, etwas Hilfe von unerwarteter Seite und einer großen Portion Unerschrockenheit das Beste aus ihrer Situation macht. Für mich persönlich wäre es natürlich schöner gewesen, wenn die Geschichte und die Figuren etwas mehr Tiefe gehabt hätten, auf der anderen Seite mag ich es auch, wenn kleine Bemerkungen in solchen Büchern meine Fantasie anheizen.

Beim Lesen habe ich mir deshalb fast mehr Gedanken um die kleine Notiz gemacht, die ich oben zitiert habe, als um Earwigs Schicksal – vor allem, da von Anfang an klar war, dass ein so gewitzes Mädchen am Ende doch wieder auf die Füße fallen wird. Ich bin definitiv nicht die richtige Zielgruppe für eine Geschichte, die eindeutig zum Vorlesen für jüngere Kinder geschrieben wurde, aber ich habe mich trotzdem – wie eigentlich bei allen Diana-Wynne-Jones-Büchern – gut unterhalten gefühlt und es hat mir Spaß gemacht, mir vorzustellen, was es eigentlich mit den dreizehn Hexen auf sich hat und ob Bella Yaga vielleicht sogar dazugehört.

Sophie Anderson: The House with Chicken Legs

Nur selten ist es mir wichtig, welches Cover ich bei einem Buch in den Händen halte, aber bei „The House with Chicken Legs“ von Sophie Anderson wollte ich unbedingt die türkise Hardcover-Ausgabe, weil ich die Holzhütte mit den Hühnerbeinen, den Zaun mit den Totenköpfen und die Protagonistin auf der Veranda so ansprechend fand. Der Roman erzählt die Geschichte der dreizehnjährigen Marinka, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem Haus mit Hühnerbeinen lebt. Ich habe mich schon auf den ersten Seiten in das Haus verliebt, das früher mit Marinka Fangen oder Verstecken gespielt hat, das alles tat, damit es seinen Bewohnerinnen gut geht, und dessen Füße nach einem langen Weg auch mal eine Abkühlung benötigten oder das in schlimmen Momenten Trost und Aufmunterung gebrauchen konnte.

Auch Marinkas Baba fand ich wunderbar, weil sie so liebevoll und fürsorglich war, obwohl das Mädchen es ihr oft nicht leicht gemacht hat. Mit Marinka hingegen hatte ich im Laufe der Handlung so einige Probleme und das nicht nur, weil ich definitiv kein Teenager mehr bin, sondern auch, weil Marinka regelmäßig Entscheidungen getroffen hat, von denen sie selbst wusste, dass sie falsch waren. Von Anfang an wird klar, dass Marinka mit dem einsamen Leben bei ihrer Großmutter nicht zufrieden ist. Sie will rausgehen, sie will andere Kinder kennenlernen, die Schule besuchen und nicht jede Nacht die Toten durch das magische Tor zu den Sternen geleiten. Das alles sind nachvollziehbare Bedürfnisse, doch statt mit ihrer Großmutter, die immer für sie da war, zu reden, beginnt sie sich in Lügen zu verstricken, gegen Regeln zu verstoßen, die nicht nur für das Überleben der Baba Yagas wichtig sind, und macht es mit jeder Entscheidung nur noch schlimmer.

Zum Glück entwickelt sich Marinka im Laufe der Geschichte weiter, und bis es endlich dazu kam, habe ich einfach diese wunderbare Variante einer Baba-Yaga-Geschichte genossen. Sophie Andersons Baba Yagas sind liebevolle Personen, die Nacht für Nacht die Seelen der Toten in ihr Haus einladen und ihr gelebtes Leben mit ihnen feiern, um sie am Ende der Nacht zu einem Tor zu geleiten, das die Seelen zu den Sternen bringt. So sind die Baba Yagas ein wichtiger Teil des Kreislaufs von Leben und Tod, wobei ihre Nähe zu den Geistern, die Magie ihres Hauses und all die Geheimnisse, die sie durch ihre Aufgabe hüten, dafür sorgen, das sie die Lebenden nicht zu nah an sich heranlassen dürfen. Und während Marinka sehr darunter leidet, dass ihre Großmutter die einzige Person ist, zu der sie eine Beziehung haben kann, scheint ihre Baba zufrieden damit zu sein, den Toten einen letzten schönen Moment zu bereiten, bevor ihre Reise weitergeht.

Es wird deutlich, dass jede Baba Yaga ihren eigenen Weg finden muss, wie sie mit ihrer Aufgabe und dem damit verbundenen einsamen Leben zurechtkommt, und ich muss zugeben, dass ich darüber gern noch mehr erfahren hätte. So hingegen habe ich vor allem Marinka dabei beobachtet, wie sie – mit vielen Umwegen und Problemen – herausfindet, wie sie das Leben in ihrem Haus mit Hühnerbeinen und all die Dinge, die sie gern tun würde, miteinander verbinden kann. Und auch wenn ich es nicht immer einfach fand, Marinka dabei zu begleiten, und regelmäßig das Bedürfnis hatte, sie zu schütteln, so mochte ich das Ende von „The House with Chicken Legs“ ebenso sehr wie all die Details zu den Baba Yagas und ihren Häusern, die Sophie Anderson sich für ihren Roman ausgedacht hat. Aber ich bin ja eh schnell für Geschichten zu begeistern, in denen solch großartige Häuser vorkommen, vor allem, wenn die Autorin drumherum auch noch eine so wunderbar ungewöhnliche Handlung rund Themen wie Verlust, Trauer, Familie, Freundschaft und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt gewoben hat.

Aliette de Bodard: In the Vanishers‘ Palace

Von Aliette de Bodard hatte ich vor „In the Vanishers‘ Palace“ nur Kurzgeschichten gelesen; da ich diese aber sehr mochte, wollte ich von der Autorin gern auch mal einen Roman lesen. „In the Vanishers‘ Palace“ spielt in einer postapokalyptischen vietnamesischen Welt, die von den „Vanishers“ ausgebeutet und zerstört wurde, bevor diese die Welt wieder verließen und es den Menschen überließen, mit all den Folgen fertig zu werden. Für die Menschen bedeutet dies ein Leben voller Hunger, Armut und Angst vor den diversen Krankheiten, die durch die Vanishers verursacht wurden. Einzige Hoffnung gegen all dies bietet die traditionelle Magie, doch das magische Wissen der Menschen ist kaum noch vorhanden, und nur wenige sind überhaupt in der Lage, Magie zu wirken. Strenge Hirachien haben sich in den verbliebenen Ortschaften ausgebildet, und wer für die Gemeinschaft nicht mehr von Nutzen ist oder an einer ansteckenden Krankheit leidet, wird aus den Dörfern vertrieben oder zeremionell getötet.

Erzählt wird die Handlung in „In the Vanishers‘ Palace“ vor allem aus der Sicht von Yên, die als Lehrerin in einem kleinen Dorf lebt und (so gut es geht) ihre Mutter unterstützt, die wiederum die Heilerin des Ortes ist. Als die Tochter einer der einflussreichsten Personen an einer tödlichen Krankheit leidet, sieht sich Yêns Mutter zu drastischen Maßnahmen gezwungen und ruft einen Drachen herbei – wohl wissend, dass ein Drache seine Magie niemals wirkt, ohne einen gerechten Preis dafür zu verlangen. Aus dieser Ausgangssituation erschafft Aliette de Bodard eine fantastische Geschichte, die die vertrauten Elemente aus „Beauty and the Beast“ als Basis hat und durch vietnamesische Sagen, zwei starke Protagonistinnen sowie eine ungewöhnliche und wunderschöne Liebesgeschichte bereichert wird.

Es gelingt der Autorin, so viele Dinge in ihre Geschichte zu packen, dass ich gar nicht so recht weiß, wo ich anfangen soll und was ich überhaupt erwähnen kann, ohne zu viel über die Handlung zu verraten. Vor allem haben mich Aliette de Bodards Figuren beeindruckt, denn sie sind – unabhängig davon, wie viel Macht oder Wissen sie haben – glaubwürdig gestaltet mit Stärken und Schwächen, die im Leser nachklingen. Selbst Vu Côn, die als Drache über mehr Magie, Lebenserfahrung und Wissen verfügt als alle anderen Charaktere in diesem Roman, muss sich im Laufe der Geschichte ihren Schwächen und Fehlentscheidungen stellen und sich weiterentwickeln, und wie es dazu kommt, ist wirklich berührend zu verfolgen. Am Schluss des Romans steht vor allem die Erkenntnis, dass es eigentlich egal ist, ob jemand ein Mensch, ein Drache oder gar ein Vanisher ist, denn nicht die Herkunft und die Fähigkeiten, sondern die Entscheidungen, die eine Person trifft, machen einen aus. So ist es nur stimmig, dass „In the Vanishers‘ Palace“ kein rosiges Happy End aufweist, sondern ein Ende, das viele Wege für die Zukunft der beteiligten Figuren ermöglicht und ihnen zeigt, dass es in ihren Hände liegt, daraus das Beste zu machen.

Zen Cho: Sorcerer to the Crown

Bevor ich „Sorcerer to the Crown“ von Zen Cho überhaupt angefangen hatte, hatte ich schon von einigen Leuten gehört, dass sie von der Geschichte wirklich begeistert gewesen seien. Ich hingegen muss zugeben, dass ich den Roman zwar sehr gern gelesen habe und auch weitere Bücher von Zen Cho lesen möchte, aber die überschwengliche Begeisterung für die Geschichte nicht teilen kann. Zen Cho erzählt ihre Handlung aus zwei Perspektiven: Zacharias ist der erste schwarze Zauberer Großbritanniens und Erbe seines Adoptivvaters Sir Stephen Wythe, während Prunella ihr bisheriges Leben an einer Schule verbracht hat, an der junge Damen der Gesellschaft lernen sollen, ihre Zauberkräfte zu unterdrücken. Beide Protagonisten haben einen schweren Stand in einer Gesellschaft, in der Herkunft mehr zählt als Talent und in der weder farbige Personen noch (magiebegabte) Frauen besonders wohlgelitten sind.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Welt mochte, die Zen Cho für ihren Roman geschaffen hat (zumindest nicht den Teil, der von alten weißen Männern dominiert wurde 😉 ), aber mir gefiel die Art und Weise, wie die Autorin diese Welt dargestellt hat. Zacharias und Prunella leben in einem alternativen historischen Großbritannien, in dem die britischen Ressourcen im Krieg gegen Frankreich aufgerieben wurden und in dem die Regierung verzweifelt neue Wege sucht, um siegreich aus all den Kämpfen hervorzugehen. Auch die Zauberer, die sich aus rechtlichen Gründen aus dem Kriegstreiben herausgehalten haben, müssen einen eklatanten Mangel an Magie verzeichnen und deshalb um ihre Position in der Gesellschaft bangen. So muss Zacharias, der nach dem Tod seines Mentors Sir Stephen Wythe die Postion des Zauberers der Krone übernommen hat, nicht nur dieses Problem lösen, sondern auch mit dem Rassismus innerhalb der Zaubergesellschaft fertigwerden. In dieser Situation ist es nicht gerade hilfreich, dass er über eine besonders magiebegabte junge Dame stolpert und es als seine Pflicht ansieht, sie auszubilden, obwohl Frauen in dieser Welt die hohe Kunst der Zauberei eigentlich nicht erlaubt ist.

Prunella hingegen ist aus mehreren Gründen nicht gerade entzückt von der Aussicht auf ein Magiestudium. Doch da sie nicht länger in Mrs. Daubeneys Schule bleiben kann und Zacharias Prunella nach London mitnehmen will, wo sie größere Chancen hätte, einen potenziellen Ehemann zu treffen, lässt sie sich auf dieses unerwartete Ausbildungsverhältnis ein. Ich muss gestehen, dass ich Prunella als Charakter oft schwierig fand. Ich kann verstehen, dass es ihr schwerfällt, ihren Mitmenschen zu vertrauen, und dass sie relativ „egozentrisch“ handelt, weil es nun einmal schwierig für eine mittellose Frau ohne Familie oder Vermögen ist, zu überleben. Ich fand es aber auch frustrierend mitzuverfolgen, dass sie nicht ein einziges Mal ihre Pläne hinterfragte, dass sie ständig impulsiv irgendwelchen Mist baute und nie die Folgen ihres Tuns auf ihr Umfeld in Betracht zu ziehen schien. Gerade angesichts der Zeit, die sie als Mischung aus „Tochter des Hauses“, Ersatzlehrkraft und Dienstmädchen an der Schule von Mrs. Daubeney verbracht hat, hätte ich mehr Vernunft und Reife bei ihr erwartet und ein besseres Gespür für die Konsequenzen, die ihr Handeln mit sich bringt.

Zacharias hingegen ist mir schnell sympathisch gewesen mit seiner Mischung aus Pflichtbewusstsein, Dankbarkeit und verstecktem Groll. Er gibt sein Bestes, auch wenn die Bedingungen nicht einfach sind, und er ist eindeutig jemand, der die Freunde, die ihm im Laufe der Geschichte zur Seite stehen, verdient hat. Ich mochte seine Gespräche mit seinem verstorbenen Mentor Sir Stephen Wythe und die Lösung, die er am Ende für all die Probleme fand, die ihn, Prunella und die Zauberer von Großbritannien auf Trab hielten. Aber so gern ich „Sorcerer to the Crown“ gelesen habe, so gern ich die Welt kennengelernt und mich an vielen Details und Figuren erfreut habe, so hat mich der Roman emotional doch nicht gepackt. Ich kann nicht sagen, warum das der Fall ist, denn theoretisch verfügt die Geschichte über all die Elemente, die ich an fantastischen, historischen Büchern mag.

„Sorcerer to the Crown“ spielt zu einer Zeit, die ich mag, hat zwei Protagonisten, die sich im Laufe der Handlung gut ergänzen, verfügt über wunderbare fantastische Elemente und theoretisch gibt es auch einige humorvolle Szenen. Aber diese Szenen haben mich (ebenso wie die melancholischeren Momente) nicht wirklich gepackt. Ich habe die betreffenden Passagen gelesen, für nett befunden und bin weitergegangen, während ich bei anderen Autorinnen überrascht aufgelacht, gekichert oder mir eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt hätte. Viele Entwicklungen, die Zen Cho in ihre Handlung eingebaut hatte, fand ich relativ vorhersehbar, was nicht bedeutet, dass ich sie nicht gern verfolgt hätte, aber so habe ich beim Lesen die Spannung und Überraschung vermisst, die eine gute und solide Geschichte für mich zu einem mitreißenden Roman macht. Wie schon eingangs erwähnt, habe ich mich trotzdem gut genug unterhalten gefühlt, dass ich auch weitere Bücher der Autorin lesen mag („The True Queen“ sitzt schon auf dem Wunschzettel), aber ich hoffe trotzdem, dass Zen Cho mich mit dem nächsten Roman beim Lesen auch emotional anspricht.

Diana Wynne Jones: The Game

Bei „The Game“ von Diana Wynne Jones bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich das Buch vorher schon mal gelesen hatte oder nicht. Es weckt auf jeden Fall starke Erinnerungen an andere britische Kinderbuchklassiker (die ich als Kind gelesen habe) in mir, und gerade gegen Ende gab es ein paar Szenen, die mir sehr vertraut vorkamen. Wenn ich es jemals gelesen habe, dann war es auf jeden Fall eine deutsche Ausgabe und ist schon sehr, sehr lange her. In „The Game“ erzählt Diana Wynne Jones die Geschichte der jungen Hayley, die bei ihren Großeltern aufwächst, bis sie – aus ihr unbekannten Gründen – bei ihrer Großmutter in Ungnade fällt und innerhalb weniger Stunden zur Verwandtschaft nach Irland geschickt wird. Von Anfang an wird deutlich, dass Hayley bei ihren Großeltern nicht gerade ein glückliches Leben hatte, da ihre Großmutter sehr strikte Vorstellungen davon hatte, wie Hayley sich zu benehmen hat und mit wem sie Kontakt haben darf. Das führte dazu, dass Hayley nicht nur daheim von der Großmutter unterrichtet wurde, sondern auch dazu, dass ihr einziger sozialer Umgang in den Großeltern, den ständig wechselnden Dienstmädchen und den seltenen Besuchen ihres Onkels Jolyon bestand.

Umso überwältigter ist Hayley, als sie entdeckt, dass sie in Irland Unmengen an Verwandtschaft hat, die sie vorher noch nicht kannte. Ihre diversen Tanten nehmen sie herzlich in Empfang, und auch all die Cousins und Cousinen sind zum Großteil sehr nett zu ihr und bringen ihr unter anderem die Regeln ihres ganz privaten, besonderen Spiels bei. Dieses Spiel führt Hayley in die Mythosphäre, von der ihr Großvater ihr schon erzählt hat und deren verschiedene Stränge durch all die vielen unterschiedlichen Geschichten und Legenden auf der Welt entstehen. Hayley und die anderen sind sich dabei durchaus bewusst, dass die Mythosphäre für sie verboten ist, aber die Abenteuer, die es dort zu erleben gibt, sind zu verlockend, um diesem Verbot zu folgen. Die Mythosphäre bietet dabei wunderschöne, aber auch sehr grausame Elemente, und vermutlich ist es gerade der Kitzel, der durch das Bewusstsein entsteht, wie gefährlich diese Ausflüge sind, der das Spiel so verlockend für Hayley und ihre Verwandtschaft macht. Erst im Laufe der Zeit erfährt Hayley, dass ihre Großeltern ihr in der Vergangenheit nicht nur den Zugang zur Mythosphäre, sondern auch noch viele andere Geheimnisse vorenthalten haben.

Ich mochte Hayley, ihre Familie und die diversen anderen Charaktere ebenso sehr, wie die Szenen, die in der Mythosphäre spielen. Als Leser muss man bei „The Game“ erst einmal einige Dinge hinnehmen und auch am Ende der Geschichte damit leben, dass Diana Wynne Jones nicht für jeden Vorfall und jede Figur eine Erklärung bietet. Ich habe einige Rezensionen gesehen, die dies als Kritikpunkt hervorgehoben haben und den Mangel an „Weltenbau“ beklagten, aber für mich ist das einfach ein stimmiges Mittel für diese Art von Geschichten. Zum einen bietet die Handlung so Raum für die Fantasie des Lesers, und zum anderen müssen viele Dinge nicht erklärt werden, wenn man sich mit klassischen (griechischen) Sagen auskennt. Dabei kann man „The Game“ meiner Meinung nach auch genießen, wenn man nicht all die Verweise und Anspielungen auf die griechische Götter- und Sagenwelt zuordnen kann. Außerdem gibt es zumindest in meiner Ausgabe des Buches (ISBN 9780007267132) Anhänge, die mehr über die verschiedenen Sagengestalten, über Planeten, Sternzeichen und ähnliches erzählen, um das notwendige Hintergrundwissen nachschlagen zu können, wenn man das möchte.

Grundsätzlich mag ich diese Anspielungen auf die klassische Sagenwelt und den recht respektlosen Umgang mit den diversen Göttern und ihren Geschichten. Ich glaube nicht, dass ich etwas Vergleichbares jemals in deutschen Kinderbüchern gefunden habe, während ich wirklich viele britische Kinderbücher kenne, bei denen ganz selbstverständlich und ohne jede weitere Erklärung Götter, Jahreszeiten, Planeten usw. in die Handlung eingeflochten wurde, um der Geschichte so einen fantastischen Touch zu verleihen. Wer also ebenfalls solche Elemente mag und keine detaillierten Erklärungen rund um die beschriebene fantastische Welt benötigt, der wird mit „The Game“ vermutlich viel Spaß haben. Ich persönlich mochte Hayley und den Großteil ihrer Familie ebenso wie das russische Kindermädchen, die Straßenmusiker und all die amüsanten und seltsamen Begebenheiten, die sie mit ihnen erlebte.

Elena Favilli und Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls – 100 außergewöhnliche Frauen

Um „Good Night Stories for Rebel Girls“ von Elena Favilli und Francesca Cavallo bin ich lange Zeit herumgeschlichen, weil ich befürchtete, dass ich nicht in die allgemeinen Lobpreisungen einstimmen können würde. Das Buch stellt 100 außergewöhnliche Frauen vor, wobei jeder einzelnen Person eine Doppelseite gewidmet ist. Diese Doppelseiten bestehen aus einer Dreiviertelseite mit Text (inklusive eines „Zitats“ oder einer hervorgehobenen Passage aus dem Text) und einer Illustration, die die betreffende Frau zeigen soll. Dabei wurden sehr viele unterschiedliche Künstlerinnen für diese Darstellungen engagiert, so dass der Betrachter in den Genuß sehr vieler unterschiedlicher – von abstrakten bis fotorealistischen – Stilrichtungen kommt. Nicht jedes dieser Porträts hat mir gefallen, aber ich mochte die Vielfalt, die man so als Leserin geboten bekam.

Ebenso groß ist auch die Bandbreite bei der Auswahl der vorgestellten Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gebieten, Ländern und Zeiten stammten. So finden sich in „Good Night Stories for Rebel Girls“ Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen, Kriegerinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen oder Sportlerinnen aus allen Teilen der Erde, ebenso wie historische oder gar legendäre Figuren, wobei es über letztere so gut wie keine Fakten zu erzählen gibt, sondern nur der Mythos beschrieben wird, der sich um diese Person rankt. Insgesamt überwiegt verständlicherweise die Zahl der Frauen, die in den letzten 150 Jahren lebten. Bei manchen Einträgen habe ich mich gefragt, ob die dargestellte Frau wirklich eine „Vorbildfunktion“ einnehmen kann, aber das hängt vermutlich davon ab, wie man ein Vorbild definiert, und wenn es nur darum geht, dass die jeweilige Person etwas Ungewöhnliches oder Wichtiges erreicht hat oder als eine der ersten Frauen eine bestimmte Position eingenommen hat, dann kann man wohl alle vorgestellten Personen dieser Kategorie zuordnen.

Mein größtes Problem mit dem Buch war die Frage, für welche Zielgruppe es eigentlich gedacht ist. Für erwachsene Leserinnen fand ich die Einträge oft zu unbefriedigend – gerade bei den Frauen, über die ich schon einiges wusste, war ich oft frustriert, weil aus meiner Sicht wichtige Elemente ausgelassen wurden. Welche Dinge wurden also bei Texten zu den Frauen ausgelassen, die ich vor dem Lesen des Buches noch nicht kannte? Außerdem fand ich die Texte unausgewogen, denn auf der einen Seite haben sich die Autorinnen um eine einfache Sprache bemüht, auf der anderen Seite Vokabular verwendet, das man einer jungen Leserin erst einmal ausführlich erklären müsste. Ich verstehe, dass es gerade bei den verschiedenen wissenschaftlichen Fachgebieten eine Herausforderung ist, eine vereinfachte Beschreibung dafür zu finden, aber bei anderen Passagen hatten die Autorinnen anscheinend keine Hemmungen, etwas wegzulassen oder um den betreffenden Punkt drumherum zu schreiben, um eine Information leicht verständlich darzustellen.

Trotz all meiner Kritikpunkte fand ich „Good Night Stories for Rebel Girls“ unterhaltsam zu lesen und wie immer, wenn ich über solch eine Ansammlung von Kurzporträts stolpere, hatte ich ständig das Bedürfnis, nach weiteren Details zu den verschiedensten Frauen zu suchen. Es empfiehlt sich also, neben dem Buch auch gleich einen Onlinezugang bei der Hand zu haben, damit die Liste der nachzuschlagenden Frauen nicht während des Lesens zu lang wird. Nur schade, dass es keine Literaturempfehlungen am Ende des Buches gab, auch wenn das für meinen Geldbeutel vermutlich ganz gut ist. Wer Inspirationen für weitere Recherchen über außergewöhnliche Frauen sucht, ist mit diesem Buch ebenso gut bedient, wie jemand, der eine abwechslungsreiche und interessante Lektüre für eine kurze Pause „zwischendurch“ sucht.

Katie O’Neill: Princess Princess Ever After (Comic)

„Princess Princess Ever After“ von Katie O’Neill ist ein zuckersüßer Comic über zwei Prinzessinnen, die sich gegenseitig „retten“, und mein größter Kritikpunkt an der Geschichte ist, dass sie mit gut fünfzig Seiten einfach viel zu kurz ist. 😉 Entstanden ist „Princess Princess Ever After“ aus einem Online-Comic und ich vermute, dass das der Grund ist, warum die einzelnen Episoden, die die beiden Prinzessinnen erleben, relativ kurz sind. Diese Kürze ändert aber nichts daran, dass Katie O’Neill eine süße und amüsante Geschichte über zwei junge Frauen erzählt, die auf ihre ganz eigene Weise einen Weg in der Welt finden müssen und sich gegenseitig dabei unterstützen.

Zu Beginn des Comics lebte Sadie – wie es sich für eine Prinzessin in Nöten gehört – eingesperrt in einen Turm, wo sie von einem (ziemlich süßen) Drachen bewacht wird. Die blonde Prinzessin scheint anfangs nicht allzu entzückt davon zu sein, dass schon wieder jemand gekommen ist, um sie zu retten. Doch dem Enthusiasmus von Prinzessin Amira und ihrem Plätzchen-liebenden Einhorn kann auch Sadie nicht widerstehen, und so machen sich die beiden jungen Frauen wenig später gemeinsam auf den Weg, um Amiras Mission fortzuführen und Personen zu finden, die Hilfe benötigen könnten. Auf ihrer Reise stolpern die beiden über einen Oger, der ein Dorf zerstört, einen Prinzen in Schwierigkeiten und eine böse Zaubererin und werden in der Regel auf ganz eigene Art mit all diesen Herausforderungen fertig.

Ich fand es lustig zu verfolgen, wie Amira, die wild entschlossen ist zu beweisen, dass eine Prinzessin ebenso gut (wenn nicht besser) wie ein Prinz heroische Taten vollbringen kann, auf traditionelle Weise an ein Problem heranging. Sadie hingegen ist nicht nur sehr freundlich, sondern denkt auch außerhalb der gewohnten Bahnen und zeigt Amira so immer wieder, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, um auf eine Herausforderung zu reagieren. Auf der anderen Seite hat Sadie keine besonders hohe Meinung von sich selbst, während Amira keinerlei Fehler an Sadie finden kann (wenn man von ihrer fehlenden Musikalität absieht). Auch Prinz Vladric findet durch die Bekanntschaft mit den beiden Prinzessinnen den Mut, sein Leben so zu führen, wie er es möchte, statt den Erwartungen der Gesellschaft (und seines Vaters) nachzugeben.

Im Laufe des Comics erfährt man auch ein wenig über die Gründe, die dazu geführt haben, dass Sadie so wenig Selbstvertrauen hat und dass Amira so wild entschlossen ist, ihren Weg in der Welt zu finden, ohne dass ein Prinz sie beschützt. Da ich diese beiden Charaktere so toll finde, ist es umso bedauerlicher, dass Prinz Vladric die ganze Zeit von Amira nur „Butthead“ genannt wird. Amira ist eindeutig der bessere „Prinz“ von den beiden, aber das ist für mich keine ausreichende Entschuldigung, um jemanden zu verspotten, der den gesellschaftlichen Erwartungen genauso wenig entspricht wie sie selber. Von diesem Punkt abgesehen beweist Katie O’Neill bei den verschiedensten Themen ein wunderbares Fingerspitzengefühl, zum Beispiel wenn es um die Beziehung zwischen Sadie und Amira geht, um die Erwartungen der Gesellschaft an Prinzessinnen und Prinzen oder um die systematische Untergrabung von Sadies Selbstbewusstsein durch ein Familienmitglied.

Auch die Zeichnungen (inklusive Kolorierung) haben mir gut gefallen. Katie O’Neills Stil ist einfach, aber ausdrucksstark, und die Atmosphäre der verschiedenen Szenen wird durch die – mal heitere, mal düstere – Farbgebung sehr schön betont. Ich mochte auch den Humor in der Geschichte und die unerwarteten Wendungen, die die Handlung immer wieder nahm. Am Ende finde ich es einerseits schade, dass es so lange gedauert hat, bis ich den Comic endlich gelesen habe, und freue mich anderseits darüber, dass die Künstlerin schon ein paar weitere Veröffentlichungen auf den Markt gebracht hat, die natürlich prompt auf den Wunschzettel gewandert sind. Ich denke, als nächstes werde ich mir „The Tea Dragon Society“ gönnen – und sei es nur, weil ich den Titel so nett finde.

Camilla Läckberg: Die Eishexe

„Die Eishexe“ von Camilla Läckberg war eine spontane Ausleihe in der Bibliothek, und erst nachdem ich den Kriminalroman schon angefangen hatte, habe ich festgestellt, dass es schon der zehnte Teil rund um die Schriftstellerin Erika Falck und ihren Mann Hauptkommissar Patrik Hedström ist. Ich glaube, dass das dann auch der Hauptgrund dafür war, dass ich mich die ganzen 750 Seiten lang fragte, ob ich das Buch lieber abbrechen sollte oder nicht. Denn einerseits fühlte ich mich vollkommen erschlagen davon, dass ich allein auf den ersten zwölf Seiten schon über sechzehn Personen „kennengelernt“ habe und zum Großteil nicht zuordnen konnte (vermutlich weil mir das Vorwissen aus den ersten neun Bänden fehlte), andererseits schreibt Camilla Läckberg gut genug, dass ich schon wissen wollte, was hinter den beiden Kriminalfällen, die im Roman vorkamen, steckte.

Der aktuelle Fall dreht sich um das Verschwinden der vierjährigen Linnea Berg, die einen Tag, nachdem eine große Suchaktion nach dem Kind startete, ermordet im Wald gefunden wurde. Die Tat an sich ist schon schrecklich genug, doch die Tatsache, dass dieser Mord an ein Ereignis erinnert, das dreißig Jahre zuvor stattfand, macht den Fall besonders brisant. Damals hatten zwei dreizehnjährige Mädchen gestanden, dass sie die vierjährige Stella ermordet hatten. Besonders auffällig ist dabei, dass Stella vor dreißig Jahren auf dem gleichen Hof zuhause war wie Linnea heute, und dass die beiden Kinder an derselben Stelle ermordet aufgefunden wurden. Für den Leser bedeuten diese Parallelen, dass man die beiden Fälle bruchstückweise verfolgt. Der aktuelle Fall entwickelt sich langsam, während man die verschiedenen Beteiligten kennenlernt und die Ermittlungen Stück für Stück vorangehen. Der frühere Fall wird in kleinen Einschüben zwischen den aktuellen Ereignissen erzählt, so dass man auch da relativ gemächlich mehr über den Mord erfährt.

Diese zwei Fälle wären meiner Meinung nach schon genug Stoff für einen Kriminalroman, aber Camilla Läckberg hat noch eine weitere Geschichte in die Handlung eingeflochten, und so verfolgt man noch das Schicksal von Elin, die im Jahr 1671 zur Witwe wird und deshalb als Magd für ihre eher herzlose Schwester Britta auf dem Pfarrhof arbeiten muss. Dieser Handlungsstrang scheint erst einmal nichts mit den anderen beiden Ereignissen zu tun zu haben, auch wenn Elin ebenfalls eine junge Tochter hat. Mir persönlich wurde das Ganze etwas arg viel, vor allem, da die vielen Perspektivwechsel (nicht die Zeitwechsel!) ohne große Kennzeichnung vonstatten gingen, so dass ich mich vor allem am Anfang regelmäßig wunderte, wieso die Person, von der ich gerade las, jetzt in einem ganz anderen Umfeld und bei einem ganz anderen Thema war. Allerdings muss ich der Autorin zugutehalten, dass ihre Charakterisierungen recht prägnant sind, so dass ich trotz der Menge an Figuren in dem Roman immer relativ schnell wieder eine Vorstellung davon hatte, welcher Charakter nun in welchem Verhältnis zu den anderen stand und was die letzten Informationen waren, die ich zu dieser Person bekommen hatte.

Auch hat Camilla Läckberg es geschafft, in mir so viel Anteilnahme für die verschiedenen Charaktere zu wecken, dass mich diese bei der Stange gehalten haben, obwohl ich die Erzählweise mit den drei Handlungssträngen nicht mochte und auch sonst noch einige Kritikpunkte an „Die Eishexe“ gefunden habe. Mit all den vielen Figuren und ineinander verflochtenen Vorfällen hätte ich zum Beispiel auf die Einbindung eines Flüchtlingsheims inklusive Brandanschlägen und rassistischen Vorurteilen in die Geschichte gut verzichten können. Diese Elemente sind zwar leider sehr realistisch, sind aber in dem an sich schon überfrachteten Roman meinem Gefühl nach fehl am Platz gewesen. Auf der einen Seite hat die Autorin diesem Teil der Ermittlungen nicht genügend Raum zusprechen können, auf der anderen Seite haben diese Handlungselemente die überladende Geschichte noch unübersichtlicher gemacht.

Wenn ich dann überlege, dass ich trotz all dieser vielen verschiedenen Figuren und Fälle relativ früh schon wusste, in welche Richtung sich die verschiedenen Ermittlungen und Vorfälle auflösen würden, dann habe ich am Ende – trotz der gut geschriebenen Figuren – ein bisschen das Gefühl, ich hätte meine Zeit mit diesem Roman verschwendet. Aber ich denke auch, dass ich das Buch vielleicht anders beurteilen würde, wenn ich die Hauptfiguren, ihre Kollegen und Familienmitglieder schon neun Romane lang begleitet hätte. Dann würden mich all die vielen kleinen Szenen, die ich zwar als schön geschrieben, aber eher belanglos empfunden habe, vielleicht befriedigter zurücklassen, weil damit ein Handlungsstrang fortgesetzt würde, der schon vor einigen Büchern seinen Anfang genommen hat. Momentan weiß ich nicht so recht, ob ich noch einmal einen Kriminalroman von Camilla Läckberg lesen würde – wenn dem der Fall sein sollte, würde ich auf jeden Fall darauf achte, dass ich den ersten Band in die Finger bekomme und nicht so spät in eine Reihe einsteige.

Kelly McCullough: Magic, Madness, and Mischief

Nachdem ich in diesem Jahr endlich die Reihe rund um die „zerborstene Klinge“ beendet hatte, wurde es Zeit, zu einer anderen Art von Buch von Kelly McCullough zu greifen. „Magic, Madness, and Mischief“ ist eines der wenigen Jugendbücher des Autors und – wenn man nach seinen Tweets zu dem Roman gehen kann – in vielen Elementen (rund um das Thema psychische Probleme) sein persönlichstes Buch. Die Handlung dreht sich um den (fast) dreizehnjährigen Kalvan, dessen Träume zu Beginn der Geschichte seit einiger Zeit von Feuer bestimmt werden. Doch er träumt nicht nur von Feuer, sondern wacht auch mit Ruß- und Aschespuren an seinen Füßen auf, ohne dass er weiß, woher diese Spuren stammen könnten. Da seine Mutter psychisch nicht ganz stabil ist, ist Kalvan sich eine Zeit lang nicht sicher, ob er nicht einfach nur dieselben Symptome zeigt wie sie, denn eine andere Erklärung für all die Erlebnisse – inklusive eines zufällig beschworenen Hasen aus Feuer – wäre zu fantastisch, um real sein zu können.

Doch als Kalvan sich damit abfindet, dass er über Feuermagie verfügt, muss er lernen, diese Magie in den Griff zu bekommen. Feuer kann ein nützliches Werkzeug sein, wenn man es kontrolliert einsetzt, aber eben auch ein verherrendes Element, wenn es unkontrolliert freigelassen wird. Die Herausforderungen beim Umgang mit Magie, die alltäglichen Probleme, die Kalvan mit seinem Stiefvater hat, die Sorgen, die sich der Junge um seine Mutter macht, und die Entdeckung, dass der hiesige Winterkönig versucht, die Region rund um die Stadt St. Paul für immer unter seine Regentschaft zu bringen, sorgen für eine spannende Geschichte. Zu meiner eigenen Überraschung hat „Magic, Madness, and Mischief“ bei mir an einigen Stellen sogar ein „Diana-Wynne-Jones-Gefühl“ hervorgerufen, weil das Buch einen vergleichbaren Mix aus Humor, Alltäglichkeiten und Magie mit sich bringt wie die Romane der Autorin. Wobei der Stil von Kelly McCullough natürlich deutlich moderner ist, aber das ändert nichts daran, dass für mich auch diese Geschichte eine eindeutige Wohlfühllektüre war.

Ich mochte Kalvan sehr, weil dieser auf der einen Seite seit Jahren versucht, auf seine Mutter aufzupassen, und Angst davor hat, dass er dieselben psychischen Probleme wie sie entwickeln könnte, und auf der anderen Seite ein ganz normaler Junge ist, der auch mal eine Schulstunde schwänzt, um mit seinem besten Freund abzuhängen. Seine Freundschaft zu Dave, seine Leidenschaft fürs Theaterspielen und seine langsam wachsende Beziehung zu Sparx, dem Feuerhasen, machen Kalvan – auch wegen der Momente, in denen er Mist baut, Angst zeigt oder einfach nur ein frustrierter Jugendlicher ist – zu einem stimmigen und glaubwürdigen Charakter.

Die Geschichte umspannt mehrere Monate, was sich ebenfalls richtig anfühlt, weil Kalvan erst nach und nach über all die magischen Elemente in der Welt erfährt und Zeit benötigt, um mit seinem eigenen magischen Erbe umzugehen. Die Handlung über so einen langen Zeitraum zu erzählen, baut zwar kein Gefühl von Dringlichkeit auf, bietet Kelly McCullough aber einige Gelegenheiten für amüsante oder berührende Momente, die ich wirklich genossen habe, ebenso wie die bunte Mischung aus mythischen Figuren und eigenen Elementen, die die Magie in dieser Geschichte ausmacht. Am Ende bedauere ich nur eine Sache: Es dauert noch ein paar Monate, bis die Fortsetzung „Spirits, Spells, and Snarks“ als Taschenbuch erscheint. 😉

Diana Wynne Jones: The Time of the Ghost

Nachdem ich vor ein paar Tagen mit „Eight Days of Luke“ so viel Spaß hatte, dachte ich, dass es an der Zeit wäre, eine ganz andere Art von Roman von Diana Wynne Jones auszuprobieren. „The Time of the Ghost“ ist eine ziemlich unheimliche Geschichte, wenn man sie mit anderen Veröffentlichungen der Autorin vergleicht. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des Geists eines Mädchens, der sich eines Tages auf einer Straße wiederfindet und nicht weiß, wie er dort hingekommen ist. So nach und nach erinnert sich dieser Geist daran, dass er eine von vier Schwestern ist, dass er in einer Schule lebt, die von seinem Vater geleitet wird, und dass irgendwas vollkommen verkehrt gelaufen ist. Doch was genau passiert ist, weiß dieser Geist nicht und macht sich deshalb daran, mehr über die Familie, die Schwestern und seine Lebensumstände herauszufinden. (Findet ihr es auch so verwirrend, dass Geister grammatisch immer männlich sind, obwohl dieser Geist ein Mädchen ist?)

Diana Wynne Jones nimmt sich viel Zeit, um den Geist und die Schwestern Charlotte (Cart), Selina (Sally), Imogen und Fenella Melford und ihre Lebenssituation vorzustellen. Dabei wird schnell deutlich, dass die vier Schwestern von ihren Eltern in jeder Hinsicht vernachlässigt werden und auf sich allein gestellt sind, was zu viel Reibung zwischen den vier Mädchen führt. Laut eigener Aussage hatte die Autorin bei der Darstellung der Lebensumstände der Schwestern auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgegriffen, nur dass sie diese deutlich gemildert dargestellt hat, weil sie davon ausging, dass die von ihr beschriebene Familie den Lesern sonst zu unglaubwürdig vorkäme.

Auch ohne den Gedanken im Hinterkopf, dass die Situation der Melford-Schwestern auf Diana Wynne Jones‘ eigene Erlebnisse zurückgeht, sind diese Passagen nur schwer zu lesen. Auf der einen Seite ist es natürlich lustig zu sehen, was die Schwestern mit all ihrer Freiheit anstellen – hier und da gab es sogar Momente, die bei mir ein Pippi-Langstrumpf-Gefühl hervorriefen. Auf der anderen Seite lässt sich nicht übersehen, wie verzweifelt die vier Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu wecken, und wie ungesund dieses Leben (in physischer und psychischer Hinsicht) für die Schwestern ist. Dazu kommt noch die Existenz des Geistes, die eindeutig auf ein fürchterliches Ereignis hindeutet, auch wenn man als Leser in der ersten Hälfte der Geschichte absolut keine Vorstellung davon hat, was passiert sein könnte.

Gerade diese Ungewissheit lässt einen den Roman gespannt und voller Aufmerksamkeit lesen, weil man sich immer wieder fragt, welche der Figuren für den Zustand des Geistes verantwortlich sein könnte und welche der auf den ersten Blick relativ harmlos wirkenden Situationen zum Tod einer der vier Schwestern geführt haben könnte (oder führen wird). Denn auch wenn alle vier Schwestern zu Beginn der Geschichte vorkommen, so ist sich der Geist sicher, dass er eine von ihnen ist, und es gibt für den Leser keinen Grund, an dieser Gewissheit zu zweifeln. Trotz all der düsteren Elemente in „The Time of the Ghost“ gibt es natürlich auch so einige amüsante Szenen, wenn es um die Interaktion der vier Schwestern mit anderen Personen geht oder um ihre Bemühungen, mit dem Geist zu kommunizieren – ganz ohne Humor kommen Diana-Wynne-Jones-Romane einfach nicht aus..

Am Ende ist es der Zusammenhalt der vier Schwestern, der trotz aller Rivalität, Eifersucht und Einmischungen einer unheimlichen Macht dazu führt, dass man den Roman nach einem spannenden Ende (inklusive einem Blick in die Zukunft) mit einem hoffnungsvollen Gefühl aus den Händen legt. „The Time of the Ghost“ ist bislang wohl der Titel von Diana Wynne Jones, den ich am wenigsten als „Wohlfühlbuch“ bezeichnen würde, aber ich habe die unheimliche Atmosphäre der Geschichte sehr genossen, fand die Grundidee faszinierend und war so gespannt auf die Auflösung des Ganzen, dass ich den Roman nicht aus der Hand legen wollte.