Kategorie: Rezension

Jim Hines: Tamora Carter – Goblin Queen

„Tamora Carter – Goblin Queen“ von Jim Hines wird offiziell erst am 15. September veröffentlicht, aber da ich mich an dem Kickstarter beteiligt hatte, mit dem das Buch finanziert wurde, habe ich den Titel schon im August lesen können. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der zwölfjährigen Tamora Soo-jin Carter, deren bester Freund Andre Steward vor einiger Zeit verschwunden ist. Niemand weiß, was Andre zugestoßen ist, es scheint keinen Grund zu geben, wieso er von Zuhause hätte fortlaufen sollen, aber Anzeichen für eine Entführung gibt es eigentlich auch nicht. Tamora leidet sehr darunter, dass sie nicht weiß, was aus Andre geworden ist, und nur ihr Roller-Derby-Training lenkt sie etwas von ihren Sorgen ab – bis sie eines Abends hinter der Sporthalle über ein paar Goblins stolpert. Doch nicht nur Goblins, sondern auch noch weitere fantastische Kreaturen tauchen in den folgenden Tagen in der kleinen Stadt Dearborn in Michigan auf. Je mehr Tamora über diese ungewöhnlichen Wesen lernt, desto mehr wächst in ihr der Verdacht, dass diese Kreaturen etwas mit dem Verschwinden von Andre und zwei weiteren Schülern zu tun haben könnten. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Mac und Karina Lord, deren Bruder Kevin zur selben Zeit verschwunden ist wie Andre und die dritte entführte Jugendliche, Elizabeth O’Neil, macht sich Tamora daran, ihren Freund zu suchen.

Es gibt so viele Elemente, die ich an „Tamora Carter – Goblin Queen“ einfach großartig fand. So hat Jim C. Hines für dieses Jugendbuch nicht die Perspektive des Teenagers, der in eine fantastische Welt gerät und dort Abenteuer erlebt, gewählt, sondern die einer Person, die zurückbleibt und sich fragt, was mit ihrem besten Freund passiert ist. Tamora, ihre Familienmitglieder und all die anderen Charaktere, die in dem Roman vorkommen, sind von dem Autor wunderbar realistisch und liebenswert dargestellt worden. Tamora ist tapfer und hilfsbereit, aber definitiv nicht fehlerfrei, ihr vierzehnjähriger Bruder Mac ist ein großteils non-verbaler Autist, und wenn man davon absieht, dass er schnell von all den fantastischen Ereignissen rund um seine Schwester gestresst wird und am liebsten über ein Tablet kommuniziert, hindert ihn dies nicht daran, eine große Rolle bei der Rettung von Andre und den anderen zu spielen. (Jim C. Hines hat dazu angemerkt, dass sein eigener Sohn, der autistisch ist, das Manuskript mehrfach gelesen hat, bevor es veröffentlicht wurde.) Mir gefiel auch das Verhältnis zwischen Tamora und ihrem Vater, denn auch wenn sie beide es manchmal ein wenig damit übertreiben, wenn sie den anderen beschützen wollen, so vertrauen sie sich doch gegenseitig. Dies führt dazu, dass Tamoras Vater im Laufe der Handlung nicht zu einem Hindernis wird, das mit allen Mitteln umgangen werden muss (wie man es sonst so oft bei Kinder- und Jugendbüchenr erlebt), sondern zu einem Verbündeten im Kampf gegen die übernatürlichen Widersacher.

Außerdem schreckt der Autor nicht davor zurück, seine Charaktere in Gefahr zu bringen und sie wirklich schwierige Entscheidungen treffen zu lassen, wobei die heftigeren Szenen aber immer – passend für eine Geschichte für Kinder und Jugendliche – durch humorvolle Elemente und Dialoge aufgelockert werden. Ich mochte es auch sehr, wie Jim C. Hines all die fantastischen Geschöpfe mit den Herausforderungen umgehen ließ, die das moderne Amerika für sie bereithält, und wie sie ihr Kampfverhalten an all die unvertrauten Gegner angepasst haben, mit denen sie sich im Laufe der Geschichte auseinandersetzen müssen. Die eine oder andere Entwicklung in der Handlung ist zwar etwas vorhersehbar (selbst wenn man nicht wissen sollte, dass man es hier mit einer Variante von „Portal Fantasy“ zu tun hat), aber das hat mich nicht gestört, weil ich die ganze Zeit so gespannt war, wie Tamora mit all diesen Entdeckungen und für sie überraschenden Elementen umgehen wird. Eine weitere Sache, über die ich mich sehr beim Lesen gefreut habe, ist die Tatsache, dass Tamora Roller Derby spielt und der Autor so immer wieder stimmige Szenen eingebaut hat, in denen das Mädchen Taktiken und Fertigkeiten, die es für diesen Sport gelernt hat, beim Kampf gegen all die übernatürlichen Wesen einbringt. (Für diejenige, die sich wundern, dass auf dem Cover ein Hockeyschläger zu sehen ist: Auch der kommt in der Geschichte vor, auch wenn er natürlich beim Roller Derby keine Rolle spielt. 😉 )

Mir hat das Lesen von „Tamora Carter – Goblin Queen“ rundum Spaß gemacht, ich habe mit den Charakteren gebangt, ich habe ein wenig um diejenigen, die Opfer des Krieges wurden, getrauert und ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich beim Lesen vor mich hinkicherte. Schon bei den Prinzessinnen-Büchern hatte Jim C. Hines gezeigt, dass er ein Händchen für eine ungewöhnliche Neuinterpretation von Märchenthemen hat, und hier hat mir seine erfrischende Sicht auf klassische Märchen- und Fantasyelemente ganz besonders gut gefallen. Und während ich normalerweise sehr glücklich damit bin, wenn ich ausnahmsweise mal einen Einzelband erwische, so habe ich mir hier nach dem Lesen gewünscht, dass der Autor irgendwann noch einmal zu Tamora und ihren Freunden zurückkehren wird. Ich wüsste gern, was aus all den fantastischen Wesen, die es nach Michigan verschlagen hat, langfristig geworden ist, ich möchte mehr von der Bibliothekarin Miss Pookie lesen, ich will wissen, wie es Andre und den anderen beiden ergeht, nachdem sie den Weg zurück nach Hause gefunden haben, und natürlich bin ich den Entführern gegenüber misstrauisch und glaube nicht, dass sie sich endgültig geschlagen gegeben haben. Es ist selten der Fall, dass ich eine Geschichte so wenig loslassen mag und – trotz eines wirklich befriedigenden Endes – noch so viele Fragen habe, die ich gern vom Autor beantwortet hätte.

Melinda Salisbury: Hold Back the Tide

Eine kleine Warnung vorweg: Wer zu einem Jugendbuch greift, weil er ein garantiertes Happy End für alle Charaktere lesen möchte, der sollte von „Hold Back the Tide“ vielleicht die Finger lassen. Allen anderen Lesern hingegen würde ich diese wirklich sehr gut geschriebene Horror-Geschichte von der Autorin Melinda Salisbury sehr ans Herz legen. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht von Alva, die gemeinsam mit ihrem Vater in einem kleinen Ort in den schottischen Bergen lebt. Von Anfang an wird man von Alva darüber informiert, dass ihr Vater vor sieben Jahren ihre Mutter umgebracht hat, als das Mädchen mitten in der Nacht von lauten Stimmen und dem Geräusch von Schüssen und klirrendem Glas aufwachte. Aber da nie eine Leiche gefunden wurde, geht ihr Vater weiterhin unbehelligt seiner Aufgabe als Hüter des örtlichen Lochs nach, während die Dorfbewohner die kleine Familie so weit wie möglich schneiden.

Ebenso steht von Anfang an fest, dass Alva in den vergangenen Jahren alles getan hat, um eine Flucht aus ihren Heimatort vorzubereiten, und nun endlich hat sie Geld und die notwendige Ausrüstung für eine längere Reise beisammen und einen Arbeitsplatz in einer weiter entfernt liegenden Stadt in Aussicht. Alles, was sie noch organisieren muss, ist eine Reisemöglichkeit, die sie schnell genug aus dem Dorf entfernt, damit ihr Vater sie nicht wieder zurückholen kann. Doch bevor Alva ihre Flucht antreten kann, passieren unerwartete und unheimliche Dinge im Ort, und in der jungen Frau keimt der Verdacht auf, dass das radikale Sinken des Pegels des Lochs eine der Ursachen für all die Veränderungen sein könnte. Mehr möchte ich gar nicht zum Inhalt dieser Geschichte sagen, denn ich finde, man sollte sich möglichst unvoreingenommen auf Alva, ihre Erzählweise und ihre Erlebnisse einlassen, um die Handlung rundum genießen zu können.

Einige Entwicklungen kann man in „Hold Back the Tide“ zwar schon recht früh vorhersehen, aber das stört überhaupt nicht, weil die Figuren und die Atmosphäre in dieser Geschichte einen wirklich gefangen nehmen. Dieses abgeschiedene Dorf inmitten der schottischen Berge ist die perfekte Kulisse für einen solchen Horrorroman, und die Monster, die im Laufe der Handlung auftauchen, werden durch ihre Verbindung zum Loch zu einer ganz eigenen und ungewöhnlichen Variante eines bekannten Monstertypus. Ich mochte auch die verschiedenen Charaktere, die man im Laufe der Handlung kennenlernt, sehr gern. Die Protagonistin Alva ist zwar stellenweise fast ein bisschen zu fähig und zu gut (ebenso wie einer der anderen jugendlichen Dorfbewohner), aber sie hat trotzdem genügend Schwächen und Fehler, um eine überzeugende Erzählerin zu sein.

Obwohl das eBook nur 218 Seiten lang ist, hatte ich das Gefühl, dass sich Melinda Salisbury einige Zeit lässt, um ihre Geschichte aufzubauen, und erst nach und nach die verschiedenen Entdeckungen und unheimlichen Vorfälle einbringt. Für mich hat das vor allem dafür gesorgt, dass ich – wann immer ich das Buch aus der Hand legen musste – mit meinen Gedanken immer wieder zu Alva und den Ereignissen in ihrem Heimatort geschweift bin. Ich mag es sehr, wenn mich eine Geschichte nicht so recht loslässt und ich immer wieder dahin zurückkehre. Außerdem fand ich (als jemand, der selten zu Horrorgeschichten greift,) die Darstellung der Kreaturen aus dem Loch ausgewogen genug, dass ich um Alva und all die anderen Charaktere zwar gebangt, aber dieses Unbehagen nicht mit in meinen Alltag genommen habe. Wer also mit dem Wissen leben kann, dass die Geschichte nicht für alle Beteiligten gut ausgeht, und Lust auf einen ruhig erzählten und atmosphärischen Horrorroman hat, der (vermutlich) Ende des 19. Jahrhunderts in der Abgeschiedenheit schottischer Berge spielt und gut geschriebene, stimmige Charaktere aufzuweisen hat, der sollte definitiv einen Versuch mit „Hold Back the Tide“ wagen.

RaShelle Workman: Undercover Reaper (Eerie Valley Supernaturals 1)

„Undercover Reaper“ von RaShelle Workman ist noch ein Titel, über den ich gestolpert bin, als ich eine Liste mit (kostenlosen und 99-Cent-)Urban-Fantasy-Angeboten durchgeschaut hatte. Und ich muss zugeben, dass ich das erste Drittel dieses Romans wirklich nett und unterhaltsam fand, obwohl sich die Autorin nicht besonders viel Mühe gegeben hat, um einen einigermaßen glaubwürdigen Hintergrund für ihre Urban-Fantasy-Geschichte zu schaffen. Die Handlung dreht sich um die Polizistin Faith Ghraves, die seit einigen Monaten in der kleinen Stadt Eerie Valley (in der Nähe von Los Angeles) arbeitet. Aktuell ermittelt sie in einem Serienmörder-Fall, für den sie undercover als Stripperin arbeiten soll, und hilft nebenbei ihrem Partner Steve, den Fall eines verschwundenen Kindes zu lösen. Faith hat von ihren verstorbenen Eltern genügend Geld geerbt, um sich ein Haus in der Stadt zu kaufen, kommt in der Regel ganz gut mit ihren Kollegen aus und hat vor einiger Zeit entdeckt, dass sie übernatürliche Fähigkeiten besitzt. Genau genommen bezeichnet sich Faith als „Reaper“ und beschreibt ihre Aufgabe damit, dass sie die Seelen von Toten auf ihren Weg bringt. Allerdings entdeckt Faith im Laufe der Geschichte schnell weitere Fähigkeiten, so dass sie vergangene Erlebnisse von Personen sehen kann, wenn sie diese berührt, oder von Personen in Not träumt, denen sie dann anscheinend helfen soll.

Außerdem gibt es einen wunderschönen halbnackten Mann, der regelmäßig vor ihrer Haustür auftaucht und ihr Hinweise zur Ermordung ihrer Eltern gibt oder sie auffordert, ihre Fähigkeiten „richtig“ anzuwenden. Und weil es ja zu einfach wäre, wenn er ihr sagen würde, was Sache ist, muss sie Stück für Stück seine (in der Regel unausgesprochenen) Erwartungen erfüllen, um weitere Informationen zu bekommen. Auch scheint Faith nicht die einzige Person in der Stadt zu sein, die übernatürliche Fähigkeiten hat, aber da natürlich niemand über so etwas redet, kann man das als Leser nur anhand der diversen Anspielungen (und Mordfallauflösungen) erahnen. Das alles hätte ich zwar nicht wirklich gut, aber zumindest sehr unterhaltsam gefunden, wenn nicht nach dem ersten Drittel ständig irritierende „technische“ Fehler aufgetaucht wären. Immer häufiger gab es Sätze, in denen statt „ich“ „sie“ verwendet wurde, wobei der Wechsel auch mitten im Satz vorkommen konnte, was immerhin den Vorteil hatte, dass ich mich dann nicht fragen musste, ob die Autorin da beim Perspektivwechsel nur vergessen hatte, etwas zu ändern, oder ob ich mich da auf eine Art gespaltene Persönlichkeit einlassen sollte.

Während die gesamte Handlung (theoretisch) aus der Sicht von Faith erzählt wird, gibt es ab der Hälfte des Romans auf einmal ein Kapitel, das aus der Perspektive von ihrem Partner Steve geschrieben wurden, und ein weiteres am Ende des Romans (das aus dem Blauen heraus auf einmal lauter Hintergründe erklärt) aus der Sicht von FBI-Agent Lucas Mackey. Dieser Wechsel ist nicht nur vollkommen überraschend, sondern bringt bei Steves Kapitel auch keinerlei Mehrwert für den Leser. Es ist verwirrend, weil auf einmal Dinge, die in der ersten Hälfte des Buchs ganz klar gesagt wurden, aus Steves Perspektive um gegensätzliche oder zumindest widersprüchliche Elemente ergänzt werden. Bei Lucas‘ Kapitel hingegen habe ich mich gefragt, wieso die Autorin diese Details nicht schon früher mal eingeflochten oder zumindest angedeutet hat. Auch Faith selbst wirkt in dieser zweiten Hälfte als Charakter deutlich unrunder und unstimmiger (also zusätzlich zu den Sachen, die schon zu Beginn der Geschichte nicht so unglaublich gut ausgearbeitet waren). Das letzte Viertel von „Undercover Reaper“ habe ich dann eigentlich nur noch gelesen, weil ich wissen wollte, wie schlimm das Ganze noch werden könnte (und ich kann versichern, dass es definitiv nicht besser wurde)!

Weil ich mich dann so geärgert habe, dass so etwas veröffentlicht wird, habe ich angefangen, ein bisschen zu recherchieren, und herausgefunden, dass RaShelle Workman vor fünf Jahren einen Roman mit dem Titel „Undercover Empath – Kindred Demon“ veröffentlicht hatte, dessen Protagonistin zwar erst neunzehn Jahre alt ist, Rose Hansen heißt und in Blush Valley lebt, dessen Inhaltsangabe aber ansonsten deckungsgleich mit „Undercover Reaper“ ist. So ermittelt Rose nicht nur als Polizistin in einem Serienmord, wofür sie als Stripperin auftreten muss, sowie in einem Fall mit einem verschwundenen Kind (wobei ihr Partner dieses Mal Jack heißt), sondern auch ihr erscheint ein halbnackter Typ, der ihr Informationen zum Mord an ihren Eltern gibt und sie auffordert, ihre (Empathie-)Fähigkeiten zu nutzen. Selbst wenn „Undercover Empath“ noch zu kaufen gewesen wäre, hätte ich mir die Geschichte nicht angetan, aber ich bin mir sicher, dass RaShelle Workman nur ein älteres Buch umgeschrieben hat, um mit „Undercover Reaper“ eine Neuveröffentlichung vorzuweisen zu haben. Dagegen spricht ja grundsätzlich nichts, wenn es denn auch dementsprechend von der Autorin kommuniziert wird, vor allem, da die überarbeitete Fassung – soweit ich das nach dem mir vorliegenden Roman beurteilen kann – wirklich deutlich besser hätte werden können, wenn die Überarbeitung sich nicht nur auf das erste Drittel des Buchs beschränkt hätte. So hingegen finde ich es geradezu eine Unverschämtheit gegenüber dem Leser, dass sie den Text in diesem Zustand veröffentlicht hat.

Zoe Chant: Timber Wolf (Virtue Shifters 1)

„Timber Wolf“ von Zoe Chant (das ist ein Gruppen-Pseudonym – in diesem Fall ist die Autorin C.E. Murphy) ist der erste Band einer neuen Reihe, die sich um mehrere Gestaltwandler in der kleinen Stadt Virtue dreht. Ich muss zugeben, dass ich momentan anscheinend eine Schwäche für Bücher habe, in denen nicht viel passiert (wie schon in „A Magical Inheritance“). Denn wenn man die Handlung in „Timber Wolf“ zusammenfassen will, reicht es zu sagen, dass sich die Geschichte um Mab Brannigan dreht, die gemeinsam mit ihrem vierjährigen Sohn in ein geerbtes Farmhaus gezogen ist, um dann festzustellen, dass das Gebäude dringend restauriert werden muss, um bewohnbar zu sein. Bevor sie jedoch die dringendsten Dinge in Angriff nehmen kann, verschwindet der engagierte Handwerker mit ihren wenigen Ersparnissen. Zum Glück kehrt zu diesem Zeitpunkt der Gestaltwandler Jake Rowly nach Virtue zurück, wo er aufgewachsen ist. Jake ist nicht nur Tischler, sondern auch auf der Suche nach einer Unterkunft, so dass er und Mab sich darauf einigen, dass er ihre Scheune bewohnen kann, während er ihr hilft, das Haus wieder in Ordnung zu bringen.

Das ist im Prinzip die gesamte Handlung. Jake wohnt in der Scheune und renoviert das Haus, Mab arbeitet in ihrem Job, kümmert sich um ihren Sohn Noah und hilft in ihrer „freien“ Zeit Jake mit den Handwerksarbeiten. Das Ganze erstreckt sich über mehr als fünf Monate, und in diesen fünf Monaten lernen sich die beiden sehr gut kennen und lieben. Natürlich gibt es noch ein kleines bisschen Ärger mit einem örtlichen Makler, der Mabs Grundstück kaufen will, und auch ihr Ex-Freund, der der Vater von Noah ist, taucht kurz noch einmal auf, aber das ist eigentlich gar nicht relevant. Die Autorin konzentriert sich auf die sehr langsam ablaufende Liebesgeschichte zwischen Mab und Jake, die sich zwar auf den ersten Blick anziehend finden, aber beide gute Gründe haben, es erst einmal bei einer Freundschaft zu belassen. Das führt zu einigen sehr niedlichen und amüsanten Szenen und zu sehr vielen Momenten, in denen Jake zeigen kann, dass er kein Problem damit hat, wenn eine Frau für sich selbst einsteht, Entscheidungen trifft und eben keine Hilfe von einem großen, männlichen Typen haben will, nur weil der zur Verfügung steht.

Abgesehen von ein paar winzigen Szenen, in denen Jake in Wolfsform agiert, und diversen (unterhaltsamen) Dialogen zwischen Jake und seinem Wolf spielt es eigentlich auch keine Rolle, dass Jake ein Gestaltwandler ist. Ich fand es wunderbar erholsam, dass die Tatsache, dass Jake sich in einen Wolf verwandeln kann, überhaupt kein Drama hervorruft und so gut wie kein Thema in der Geschichte ist. Diese Fähigkeit ist angeboren und hindert ihn in keiner Weise daran, ein ganz normales Leben zu führen, seinem Handwerk nachzugehen, Liebeskummer zu haben oder einen gemütlichen Abend mit Kochen zu verbringen. Auch Mab fand ich als Figur sehr sympathisch. Sie zeigt zwar regelmäßig Unsicherheiten (dank einer früheren toxischen Beziehung, die ihr einiges an Selbstbewusstsein genommen hat), aber sie steht trotzdem auf eigenen Beinen, kümmert sich allein um all ihre Probleme und scheut auch vor Auseinandersetzungen nicht zurück. Dabei passiert es schon mal, dass sie eine falsche Entscheidung trifft, aber auch das ist kein Drama in diesem Roman, sondern eben etwas, das halt passiert und mit dem man dann umgehen muss.

Wenn ich einen Kritikpunkt an „Timber Wolf“ suchen müsste, dann ist es die Tatsache, dass die beiden Protagonisten ein bisschen sehr oft in Gedanken an den (nicht nur körperlichen!) Vorzügen des anderen hängen. Da die Handlung aber nun über mehrere Monate geht und es sehr lange dauert, bis die beiden sich näherkommen, gibt es eben auch viel Raum für solche Passagen. Aber grundsätzlich hat mich das nicht gestört, weil ich diese dramafreie Geschichte, den respektvollen Umgang zwischen Mab und Jake und all die hübschen kleinen Szenen mit den verschiedenen (Neben-)Charakteren so nett, unterhaltsam und erholsam fand. Erholsam ist, glaube ich, wirklich das passendste Wort für diesen Roman. Ich freue mich jetzt schon darüber, dass davon eine ganze Reihe angekündigt wurde, die in Virtue spielen wird, weil ich mir sicher bin, dass ich auch in Zukunft immer wieder Bedarf an erholsamen und wohltuenden Lesestunden haben werde. Und wenn ich dann mehr über die bislang kennengelernten Nebencharaktere in dieser Geschichte erfahren werde, ist das umso schöner.

Y. S. Lee: A Spy in the House (The Agency 1)

Über die Autorin Y. S. Lee bin ich in der „The Underwater Ballroom Society“-Anthologie gestolpert, und da mir ihre Kurzgeschichte „Twelve Sisters“ so gut gefiel, habe ich nach anderen Veröffentlichungen von ihr Ausschau gehalten. „A Spy in the House“ ist der Debütroman der Autorin, und mir hat die Geschichte rund um die siebzehnjährige Mary, die mit zwölf Jahren zum Tod durch den Galgen verurteilt wurde und stattdessen eine neue Identität und eine Ausbildung als Spionin bekam, sehr gut gefallen. Marys erster Auftrag führt sie in den Haushalt des Händlers Thorold, der unter dem Verdacht steht, aus Indien und China geschmuggelte Waren unterschlagen und seine Schiffe fälschlich als verloren gemeldet zu haben. Mary weiß nicht, wer den Auftrag erteilt hat, und als Anfängerin im Geschäft soll sie nur die Vorgänge in der Familie beobachten und alle verdächtigen Informationen an ihre Vorgesetzte weiterleiten. Doch natürlich möchte Mary beweisen, dass sie gut genug für diesen Job ist, und so beginnt sie, ihre Nase aktiver in die Angelegenheiten der Thorolds zu stecken, und entdeckt so einige schmutzige Geheimnisse.

Mir hat es sehr gut gefallen, dass Marys Charakter eine glaubwürdige Mischung aus Stärken und Schwächen aufweist, die dafür sorgen, dass sie immer wieder zwischen Überschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und Zweifeln an diesen schwankt. So findet sie zwar einige Dinge über die Familie Thorold heraus, indem sie ihre „nur beobachten“-Anweisung missachtet, stört damit aber auch die Ermittlungen ihrer (ihr unbekannten) erfahreneren Kollegin. Aber nicht nur Marys Darstellung hat mir gefallen, sondern auch die verschiedenen Nebencharaktere, die selten ins Stereotypische abgleiten und dafür im Laufe der Handlung Facetten zeigen, die sie stimmig und realistisch wirken lassen. So bekommt man die Geschichte nicht nur aus der Sicht von Mary erzählt, sondern auch aus der Perspektive von James Easton, der aus ganz eigenen Gründen versucht, mehr über die Geschäfte von Mr. Thorold herauszufinden.

Ebenso beeindruckend wie die Charaktere waren die atmosphärischen Beschreibungen von Y. S. Lee rund um das alltägliche Leben im Jahr 1858 in London, inklusive des Einflusses der Themse (und ihrer Verschmutzung) auf das Klima und die aktuellen Großbaustellen der Stadt. Die Autorin streift in „A Spy in the House“ die unterschiedlichsten Themen vom Leben in einem finanziell gut gestellten bürgerlichen Haushalt über die Lebensumstände einer Familie in ärmeren Verhältnissen und das Leben von ausländischen Seemännern in London bis zur Höhe von Bestrafungen für (kleinere) Verbrechen. Marys „verbrecherische“ Karriere, ihre überraschende Aufnahme in die Agency und ihre Herkunft bieten dabei für Y. S. Lee viele Ansatzpunkte, um all diese Aspekte natürlich in die Handlung einfließen zu lassen. Außerdem hat mich die Autorin immer wieder mit humorvollen Szenen überrascht, die ich an diesen Stellen der Handlung so nicht erwartet hätte, die mich aber wunderbar unterhalten haben.

Auch der Krimianteil in „A Spy in the House“ ist solide konstruiert und mit genügend Nebensträngen versehen, so dass man schön mitraten (und sich stellenweise in die Irre führen lassen) kann. Die Identität des „großen Bösewichts“ fand ich zwar am Ende nicht so überraschend, aber die Aufdeckung – inklusive des klassischen Geständnisses gegenüber dem nächsten Opfer – war gut genug geschrieben, dass ich damit definitiv nicht unglücklich war. Insgesamt bin ich mehr als zufrieden mit dem Roman und freu mich sehr, dass die Reihe rund um Mary und „The Agency“ vier Bände umfasst, so dass ich mich auf drei weitere Bücher freuen kann, die mir hoffentlich ebenso unterhaltsame Lesestunden bereiten wie der Auftaktband.

Tracey Baptiste: Rise of the Jumbies (The Jumbies 2)

„Rise of the Jumbies“ von Tracey Baptiste ist die Fortsetzung von „The Jumbies“ und auch hier verwendet die Autorin wieder Legenden, die sie in ihrer Kindheit in Trinidad gehört hat, sowie Elemente afrikanischer Legenden. Die Geschichte spielt einige Wochen nach Corinnes Kampf gegen die Jumbie Severine. Für Corinne hat sich seitdem so einiges geändert. Denn jetzt, da ihre Nachbarn wissen, dass Corinnes Mutter eine Jumbie war, wird das Mädchen von vielen mit Misstrauen betrachtet und für die Angriffe der Jumbies verantwortlich gemacht.

Auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden Dru, Malik und Bouki wurde durch diese Enthüllung etwas getrübt, denn obwohl sie ihr weiterhin zur Seite stehen, gibt es doch immer wieder Momente, in denen sie Corinnes Absichten zu hinterfragen oder sogar etwas Angst vor ihr zu haben scheinen. Trotzdem könnte das Mädchen sein Leben normal weiterführen, wenn nicht von einem Tag auf den anderen Kinder auf der Insel verschwinden würden. Die Suche nach dem Verantwortlichen für die Entführung der Kinder führt Corinne, Dru, Malik und Bouki in die Tiefen des Meeres, wo sie Mama D’Leau um Hilfe bitten. Doch Mama D’Leau ist nicht nur eine der mächtigsten Jumbies, sie gewährt ihre Hilfe auch nicht, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen.

So gut mir „The Jumbies“ schon gefallen hatte, so fand ich „Rise of the Jumbies“ noch besser als das erste Buch rund um Corinnes Abenteuer mit den übernatürlichen Wesen. Nachdem Tracey Baptiste im Auftaktband der Reihe die Grundlagen gelegt hat, kann sie in „Rise of the Jumbies“ nicht nur tiefer in karibische und afrikanische Legenden eintauchen, sondern auch mehr Details rund um die Jumbies erzählen. Für Corinne bedeutet die Suche nach den verschwundenen Kindern und die damit verbundenen Abenteuer und Gefahren vor allem eine Suche nach ihrer eigenen Identität. Sie muss für sich herausfinden, was es bedeutet, dass sie zur Hälfte ein Mensch und zur Hälfte eine Jumbie ist, und sie muss einen Weg finden, damit ihre Nachbarn sie so akzeptieren, wie sie ist. Außerdem lernt sie – ebenso wie ihre Freunde – mehr über den Weg, den ihre Vorfahren auf die Insel genommen haben, und was mit denjenigen passierte, die nicht heil auf der Insel ankamen. Dabei flicht Tracey Baptiste kindgerecht, aber nicht beschönigend Details über den Handel mit schwarzen Menschen ein, die von Afrika aus unter schlimmsten Bedingungen in die verschiedenen Kolonien verschifft wurden.

Es gab so einige Szenen in „Rise of the Jumbies“, die mich wirklich berührt haben, und ich mochte es sehr, wie die Autorin immer wieder in ihrer Geschichte auf die Frage zurückkommt, ob „Vergessen“ oder „Erinnern und Auseinandersetzen“ der bessere Weg ist, um mit der Vergangenheit und der eigenen Identität umzugehen. Außerdem muss Corinne angesichts ihrer Herkunft und ihrer Verwandtschaft zu Severine natürlich auch darüber nachdenken, was es bedeutet, eine Familie zu sein und wie weit die Loyalität gegenüber Familienmitgliedern gehen muss, vor allem, wenn diese dir nicht so nahestehen wie andere Menschen, mit denen du nicht verwandt bist.

Mir gefällt es sehr, wie Tracey Baptiste all diese Themen anschneidet, ohne dem Leser dabei einen einfachen Weg zu bieten oder gar zu behaupten, dass es nur eine Lösung für all diese Fragen gibt. Stattdessen gestattet die Autorin dem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen, mit Corinne und ihren Freunden mitzuleiden und zu hoffen, dass sie sich alle so weiterentwickeln, dass sie am Ende eine Antwort für ihre Fragen und Problemen finden werden. Und trotz all dieser nachdenklich machenden und berührenden Szenen gibt es immer wieder amüsante Dialoge oder Momente, die einen zum Schmunzeln bringen und dafür sorgen, dass die Atmosphäre in „Rise of the Jumbies“ nicht zu trüb wird und die Geschichte einen gut unterhält.

Krista D. Ball: A Magical Inheritance (Ladies Occult Society 1)

Ich muss sagen, ich habe in letzter Zeit wirklich ein gutes Händchen bei der Auswahl meiner Lektüre bewiesen, so auch bei dieser „Mannerpunk“-Geschichte. Krista D. Balls „A Magical Inheritance“ spielt in einem alternativen „Regency England“, in dem Magie bzw. das Okkulte zwar nicht in allen Kreisen gut angesehen, aber doch relativ normal ist. Die Protagonistin Elizabeth Knight ist die älteste Tochter ihrer Familie und zum großen Ärger ihres Vaters mit 28 Jahren noch immer unverheiratet, während er selbst vor einem Jahr zum dritten Mal geheiratet hat. Zu Beginn des Romans erhält Elizabeth die Nachricht, dass ihr Onkel gestorben ist und ihr nicht nur einen großzügigen Geldbetrag, sondern auch 300 Bücher, die Teil seiner okkulten Bibliothek waren, hinterlassen hat. Nur mit großer Mühe erhält sie die Erlaubnis ihres Vaters nach London zu reisen, um ihrer Tante Cass in ihrer Trauer beizustehen und sich um ihr Erbe zu kümmern. Doch als sie bei ihrer Tante ankommt, findet sie mehr als ihre 300 geerbten Bücher vor und muss zusätzlich auch noch feststellen, dass eines der Bücher mit ihr spricht. Genauer gesagt gelingt es Elizabeth unabsichtlich den in dem Buch festgehaltenen Geist einer Mrs. Egerton soweit freizusetzen, dass diese ihr bei ihren Studien des Okkulten beistehen kann.

So seltsam – und vermutlich langweilig – es sich anhört, wenn ich sage, dass sich der Großteil der Handlung darum dreht, dass Elizabeth gemeinsam mit ihrer Tante (und später weiterer Unterstützung durch Freunden) die Sammlung okkulter Bücher ihres verstorbenen Onkels sortiert, katalogisiert und zum Teil verkauft, so unterhaltsam fand ich „A Magical Inheritance“. Elizabeth Situation innerhalb ihrer Familie ist recht unschön (die beste Verbündete scheint Stiefmutter Nr. 2 zu sein, die fünf Jahre jünger als Elizabeth ist,) und gerade deshalb habe ich es genossen sowohl von den langjährigen, also auch von den neuen Freundschaften in ihrem Leben zu lesen. Dazu kommt, dass Elizabeths Leben durch die Erbschaft recht aufgewühlt wird und sie einen Weg finden muss, um ihr Geld vor den gierigen Fingern ihres Vaters zu sichern, ohne ihre Familie gegen sich aufzubringen, da diese ihr trotz aller Vorfälle in der Vergangenheit doch am Herzen liegt.

Neben sehr schön charakterisierten Figuren und amüsanten Dialogen findet man in „A Magical Inheritance“ so einige sehr atmosphärische Beschreibungen der Regency-Zeit. Krista D. Ball hat ihren Abschluss in englischer Geschichte gemacht und das merkt man dem Roman auch an. Elizabeth kommt im Laufe der Handlung mit den verschiedensten Seiten der Lebens in London in Berührung und ich habe selten so stimmige Darstellungen von den Wohn- und Lebenssituationen der verschiedensten Charaktere gelesen. Egal, ob die Protagonistin eine ehemalige Dienstbotin ihres Onkels in einem der Elendsviertel oder einen Händler besucht oder ob sich eine Szene um das Leben im Haus ihrer (sehr wohlhabenden) Tante Cass dreht, es fühlt sich aufgrund der vielen Details realistisch an. Dazu kommt, dass sich Elizabeth und ihre Freundinnen so einige Gedanken um ihre Position als Frau in einer Gesellschaft machen, in der Besitz fast ausschließlich in den Händen von Männern liegt und Bildung (oder gar die Ausübung von Magie) für eine Frau schwer zu erlangen ist. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, das diese Frauen mit ihrem Benehmen und Überlegungen unstimmig für die dargestellte Zeit wären, sondern dass die Probleme, die ihnen ihre eingeschränkten Rechte bereiteten, so groß waren, dass sie gar nicht anders konnten als über diese großen Ungerechtigkeiten in ihrem Leben nachzudenken.

So scheut Krista D. Ball in ihrem Roman nicht vor unerfreulichen Themen und erschreckend realistischen Darstellungen der Situation in den Elendsvierteln zurück und schafft es trotzdem eine heitere Geschichte zu schreiben, die ich wirklich gern gelesen habe. Außerdem fand ich es angenehm, dass die Freundschaft zwischen Elizabeth und mehreren anderen Frauen der zentrale „Beziehungspunkt“ in dem Buch war und keine „klassische“ Liebesgeschichte. Es wird zwar erwähnt, dass es mal einen Mann in ihrem Leben gab, aber insgesamt ist eine Beziehung oder gar eine Heirat für die Protagonistin zu diesem Zeitpunkt kein Thema. Dies wiederum ist natürlich der Hauptgrund, wieso sie so auf die egoistischen und skrupellosen Männer in ihrer Familie angewiesen ist, was immer wieder in der Geschichte angesprochen wird, aber grundsätzlich fand ich es so erfrischend in einem solchen Roman keinen „Helden“ vorzufinden, der Elizabeth vor ihrer lieblosen Familie „rettet“.

T. Kingfisher: Swordheart

Als Information vorweg kann ich zu „Swordheart“ von T. Kingfisher (Ursula Vernon) sagen, dass die Geschichte in derselben Welt spielt wie die beiden „Clockwork Boys“-Romane der Autorin. Da ich diese Romane nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie sich „Swordheart“ von diesen unterscheidet. In einer Anmerkung zum Buch sagt Ursula Vernon allerdings, dass „Swordheart“ nicht nur deutlich weniger düster sei, sondern auch in einem anderen Teil des Landes spielen würde. Ich kann außerdem sagen, dass ich nicht das Gefühl hatte, ich würde irgendetwas verpassen, weil ich die „Clockwork Boys“-Geschichten nicht kenne. Was nun „Swordheart“ angeht, so dreht sich die Geschichte um die verwitwete Halla, die von dem gerade verstorbenen Großonkel ihres Mannes ein kleines Vermögen geerbt hat und nun mit der Reaktion der restlichen Verwandtschaft fertig werden muss. Zu Beginn des Romans hat Halla schon drei Tage eingesperrt in ihrem Zimmer verbracht, weil ihre angeheiratete Tanta Malwa Halla zwingen will, Malwas Sohn zu heiraten, damit Haus und Vermögen in der Familie bleiben. Nach diesen drei Tagen ist Halla so weit, dass sie lieber Selbstmord begehen will als in diese Heirat einzuwilligen.

Doch als sie das seit Jahren dekorativ an der Wand hängende Schwert zieht, um es gegen sich selbst zu richten, erscheint der Krieger Sarkis, der vor mehreren hundert Jahren an die Klinge gebunden wurde. Er ist nicht nur unsterblich, sondern auch verpflichtet, der Person zu dienen, in deren Besitz das Schwert ist, und so verhindert er Hallas Selbstmord und versucht auch, ihre Probleme mit der Verwandtschaft zu lösen. Am Ende eines ereignisreichen Abends müssen die beiden aus dem Haus flüchten und die lange Reise zum Tempel der Ratte auf sich nehmen, in der Hoffnung, dass sie dort von den Priestern (die für die Rechtsprechung in diesem fantastischen Land verantwortlich sind) die notwendige Unterstützung für ihren Fall finden werden. In den folgenden Tagen wandern Halla und Sarkis sehr viel hin und her und lernen sich dabei immer besser kennen. Dass ihre Reise dabei nicht ohne Probleme und Umwege verläuft, muss ich vermutlich nicht noch betonen, und dass sie dabei ungewöhnliche Feinde und Freunde gewinnen, vermutlich auch nicht. Am Ende muss ich zugeben, dass der Roman – trotz einer Länge von über 400 Seiten – gar nicht soooo viel Handlung hat, aber ich habe mich durchgehend wunderbar unterhalten gefühlt.

Ursula Vernon trifft mit ihrer Geschichte und ihren Dialogen genau meinen Humor, und ich habe (obwohl ich wirklich viele amüsante Romane in letzter Zeit gelesen habe) schon lange nicht mehr so viel gelacht und überrascht aufgequietscht beim Lesen. Ich bin mir aber auch durchaus bewusst, dass Halla und ihre unendlichen Fragen wohl nicht jeden Leser so gut unterhalten werden wie mich. Ebenso denke ich, dass wohl nicht jeder die „wissenschaftlichen Forschungen“ rund um Sarkis‘ Verbindung mit dem Schwert oder die Nebenbemerkungen des Ochsen-Führers ebenso lustig finden wird wie ich. Ich mochte aber nicht nur den Humor in „Swordheart“, sondern auch die bittere (und wenig heldenhafte) Hintergrundgeschichte rund um Sarkis, alle vorkommenden Rattenpriester.innen und einfach grundsätzlich das Charakterdesign und den Weltenbau.

Ich vermute mal, dass man in den „Clockwork Boys“-Romanen mehr Details zu der Welt mitbekommt, aber die Passagen, in denen die Religionen erklärt werden oder sehr spezielle geografische Besonderheiten der Region, haben mir gut gefallen. Ebenso gefiel es mir, dass sich Halla und Sarkis Zeit lassen, um einander kennenzulernen und mehr über den anderen zu erfahren, auch wenn die Tatsache, dass sie sich die Hälfte der Zeit auf der Flucht befinden, dieses Kennenlernen nicht einfacher machen. Falls es jetzt noch nicht deutlich geworden ist: Ich habe mich wunderbar beim Lesen amüsiert und den Roman nicht aus der Hand legen können, bis ich ihn mitten in der Nacht ausgelesen hatte. Die Autorin hat im Nachwort angekündigt, dass sie zwei Fortsetzungen plant, die sich um die anderen beiden verzauberten Schwertkrieger drehen werden, die man in „Swordheart“ durch die Erinnerungen von Sarkis kennenlernt, und ich werde den nächsten Teil definitiv vorbestellen, sobald das möglich ist.

Gabrielle Kent: Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle (Alfie Bloom 1)

„Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ von Gabrielle Kent war vor ein paar Wochen ein Zufallsfund (ich muss endlich anfangen, all die Tweets mit eBook-Sonderangeboten zu ignorieren!), und ich habe das Buch in den letzten Tagen sehr genossen. Die Geschichte wird aus der Sicht des elfjährigen Alfie erzählt, der so gar keine Lust auf den Beginn der Sommerferien hat, weil Ferien normalerweise bedeuten, dass er den ganzen Tag allein zu Hause ist, während sein Vater arbeitet. Doch dann erbt Alfie überraschenderweise die alte Burg in dem Ort Hexbridge, was ihm nicht nur die Gelegenheit bietet, mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen, sondern auch täglichen Kontakt zu seinem Cousin Robin und seiner Cousine Maddie ermöglicht. Doch so schön das Leben in Hexbridge ist, so gibt es doch so einige (gefährliche!) Geheimnisse rund um die Vergangenheit der Burg, ihren Vorbesitzer und die Personen, die es auf Alfies Talisman abgesehen haben.

Von Anfang an macht Gabrielle Kent für den Leser deutlich, dass es in ihrer Welt eine Spur von Magie und sehr großen Gefahren gibt, und doch ist „Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ in erster Linie ein Wohlfühlbuch voller wunderbarer Freundschaften. Ich mochte es, wie die Autorin auf der einen Seite Alfie in einer völlig normalen modernen Umgebung leben lässt und auf der anderen Seite ganz selbstverständlich Magie in die Geschichte einflicht. Dabei entsteht eine Atmosphäre, die ich vor allem mit klassischen fantastischen Kinderbüchern aus Großbritannien verbinde. Alfie, Maggie und Robin verbringen einige Zeit mit der Erkundung der Burg und lernen mehr über ihre Geschichte, während gleichzeitig im Ort immer wieder Kühe, Schafe und sogar eine ältere Nachbarin verschwinden. Und nach den Sommerferien muss Alfie sich dann auch noch an eine neue Schule inklusive der beiden extrem unangenehmen Schulleiterinnen gewöhnen.

All diese gewöhnlichen und ungewöhnlichen Erlebnisse von Alfie sind nicht nur wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen, sondern bieten der Autorin auch wunderbare Gelegenheiten, die Freundschaft sowohl zwischen Alfie, Maddie und Robin als auch zwischen Alfie und seiner früheren Klassenkameradin Amy darzustellen. Auch mochte ich, dass zwar Alfies Vater relativ wenig Zeit für seinen Sohn hat, aber trotzdem deutlich spürbar wird, dass die beiden einander viel bedeuten und eigentlich auch ein gutes Team sind. Überhaupt hat Alfie recht viel Glück mit den Personen (und … äh … ehemaligen Personen *g*), die er so im Laufe der Geschichte kennenlernt, so dass es einfach schön ist, mit ihm Zeit zu verbringen. Ich kann nicht so recht beurteilen, ob die Hindergründe rund um die beiden Schuldirektorinnen (und die noch nicht enthüllten Details zu Alfies Lieblingslehrerin) für die kindliche Zielgruppe (ab zehn Jahre) genauso offensichtlich sind wie für mich, aber mich hat diese Offensichtlichkeit in keiner Weise gestört. Es hat mir einfach nur Spaß gemacht, von Alfies Erbschaft und all den damit verbundenen Abenteuern zu lesen, und ich bin froh, dass auch der zweite Band auf Englisch im Angebot war und deshalb schon auf meinem eReader auf mich wartet.

Oh, und für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen, gibt es die drei Alfie-Bloom-Romane auch auf Deutsch mit den Titeln „Das Geheimnis der Drachenburg“, „Jagd nach dem magischen Schlüssel“ und „Duell am Dämonenfelsen“.

Dorothy Gilman: The Clairvoyant Countess (Madame Karitska 1)

Wer meinen Blog schon länger liest, weiß, wie sehr ich die „Mrs. Pollifax“-Romane von Dorothy Gilman liebe. Doch andere Bücher der Autorin hatte ich bis vor ein paar Tagen nicht gelesen, weil diese lange Zeit nicht auf Deutsch (als ich noch nicht so viel auf Englisch las) bzw. gar nicht mehr zu bekommen waren. Vor zwei Wochen habe ich dann aber das eBook von „The Clairvoyant Countess“ in die Finger bekommen, und da ich immer noch das Bedürfnis nach erholsamer Lektüre habe und die kurzen Geschichten rund um Madame Karitska perfekt waren, um zwischendurch gelesen zu werden, blieb das Buch auch nicht lange ungelesen liegen.

Emily Pollifax und Madame Marina Karitska scheinen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben, denn während Mrs. Pollifax anscheinend ihr gesamtes Leben in einem ruhigen Vorort ohne große Aufregung verbracht hat, stammt Madame Karitska nicht nur von verarmten russischen Adeligen ab, die vor der Revolution flohen, sondern hat auch von absoluter Armut bis zu großem Luxus die verschiedensten Lebensumstände erlebt. Doch eins haben beide Figuren gemeinsam: Sie verfügen über eine sehr große Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen und das Beste aus einer Situation zu machen. Dazu kommt bei Madame Karitska noch, dass sie eine „übernatürliche“ Fähigkeit hat, die es ihr ermöglicht, mehr über einen Menschen zu erfahren, wenn sie einen Gegenstand in den Händen hält, den diese Person lange Zeit über genutzt hat.

So beginnen die Geschichten rund um diese ungewöhnliche Frau damit, dass sie intensiv von einem ganz bestimmten Gebäude träumt, in dem ein Schild mit der Aufschrift „Madame Karitska, Readings“ im Fenster zu sehen ist. Natürlich mietet sie zum nächstmöglichen Zeitpunkt das dazugehörige Apartment und beginnt eine Karriere als eine Art Hellseherin, die langfristig sogar die Polizei (genauer gesagt Lt. Pruden) bei aktuellen Fällen berät. So bekommt man als Leser mit „The Clairvoyant Countess“ lose zusammenhängende Kurzgeschichten mit eher gemütlichen Kriminalfällen präsentiert, bei denen manchmal nur ein Hinweis auf vorhergehende Ereignisse einen Zusammenhang herstellt, während bei anderen Geschichten frühere Vorkommnisse noch einmal aufgegriffen und weitererzählt werden.

Ich mochte, dass ich bei dem Krimianteil mitraten konnte und dass mir der Großteil der Personen beim Lesen so sympathisch war. Gerade Madame Karitskas Sicht auf andere Menschen und die Welt an sich fand ich sehr angenehm, während Lt. Pruden anfangs wunderbar skeptisch mit der Hellseherin und ihren Fähigkeiten umging, aber als gewissenhafter Polizist nun einmal jedem Hinweise nachgehen musste. Wie auch bei den „Mrs. Pollifax“-Romanen zieht sich ein feiner Humor durch „The Clairvoyant Countess“, den ich sehr genossen habe. Wobei ich auch anmerken muss, dass weder die Art und Weise, in der die Figuren angelegt sind, noch die Länge der jeweiligen Geschichten dazu geeignet sind, besonders intensive oder tiefgehende Handlungen zu erzählen. Dafür bekommt man authentische 70er-Jahre-Atmosphäre, keine Liebesgeschichte (was ich wirklich angenehm fand!) und eine fantastische Protagonistin geboten – alles zusammen ist einfach perfekt, wenn man einfach nur kleine Auszeiten nehmen und sich erholen möchte!