Kategorie: Rezension

S. A. Patrick: A Darkness of Dragons (Songs of Magic 1)

„A Darkness of Dragons“ von S. A. Patrick hatte ich relativ spontan Ende letzten Jahres auf meinen Wunschzettel gesetzt, weil ich die Mischung aus „Drachen“ und „Rattenfänger von Hameln“, die der Klappentext versprach, sehr reizvoll fand. Große Erwartungen hatte ich an das Buch nicht, weshalb ich beim Lesen umso erfreuter war, weil ich die Geschichte rundum genossen und nur ungern eine Pause eingelegt habe. Die Handlung beginnt in einem kleinen, verschneiten Dorf in den Bergen, in dem die Bewohner aufgrund einer Rattenplage überaus verzweifelt sind, da die Tiere die Vorräte bedrohen, die die Menschen zum Überleben der Wintermonate benötigen. Als dann ein junger (und halb erfrorener) „Piper“ das Dorf erreicht, scheinen die Vorräte gerettet. Doch der dreizehnjährige Patch ist kein ausgebildeter Piper, sondern nur ein ehemaliger Piper-Lehrling auf der Flucht, und natürlich geht bei seinem Rettungsversuch einiges schief. Wenig später landet Patch für seine aktuellen und früheren Vergehen in dem Gefängnis, in dem auch der berühmte und gefürchtete Rattenfänger von Hameln seit zehn Jahren festgehalten wird, doch natürlich bleibt er da nicht für immer – schließlich ist das gerade mal der Anfang der Geschichte.

Es gibt sehr viele Elemente, die ich an „A Darkness of Dragons“ mochte, wie zum Beispiel die Welt, die sich der Autor dafür ausgedacht hat. Diese ist zwar nicht besonders komplex oder durchdacht, aber mir gefiel die Mischung aus vertrauten „märchenhaft-mitteralterlichen“ Aspekten und der Rolle, die die Piper in dieser Gesellschaft spielen. Sie unterstehen keinem König und können theoretisch von jedem angeheuert werden, um mit ihrer Magie das Leben der Menschen zu verbessern (zum Beispiel bei der Bekämpfung einer Plage oder beim Heilen von Krankheiten) oder zu zerstören (zum Beispiel in Kriegszeiten, wenn die Piper Soldaten mit ihrer Magie stärker und ausdauernder machen oder gar direkt feindliche Truppen mit ihrer Magie töten). Auf der anderen Seite gibt es innerhalb der Piper einen Orden, der unentgeldlich für Recht und Ordnung sorgt, der Gesetze durchsetzt und den Missbrauch von (Piper-)Magie verhindert. Dieser Orden war es auch, der vor gut zehn Jahren dafür gesorgt hatte, dass der Rattenfänger von Hameln für seine Verbrechen an den Menschen und Drachen inhaftiert wurde und nie wieder Magie ausüben konnte. Im Laufe der Geschichte muss Patch erkennen, dass die Gefahr durch den Rattenfänger von Hameln noch lange nicht vorbei ist und dass dieser Verbrecher – nachdem er damals über hundert Kinder und mehr als hundert junge Drachen getötet hatte – die vergangenen Jahre genutzt hat, um weitere Pläne zu schmieden.

So düster viele Elemente – gerade rund um den Rattenfänger – sind, so humorvoll wird die Geschichte vom Autor erzählt. Dabei hatte ich nie das Gefühl, S. A. Patrick würde die geschilderten Schrecken auf die leichte Schulter nehmen, aber es gelingt ihm, von Krieg, Tod, Seuchen und Verrat zu erzählen, ohne dass der Leser den Eindruck bekommt, es gäbe keinerlei Hoffnung mehr – was „A Darkness of Dragons“ trotz dieser Themen zu einer wunderbaren Lektüre für jüngere Leser macht. Gerade die Freundschaft zwischen Patch und den beiden Gefährten, die er auf seinen Reisen findet, ist sehr schön geschildert. Weder Wren (ein Mädchen, das von einem Zauberer in eine Ratte verwandelt wurde,) noch Barver (einem Dracogriff) sind immer die einfachsten Reisegefährten, aber trotz aller Probleme halten die drei zusammen und unterstützen sich gegenseitig, so gut sie können. Keine dieser Figuren ist besonders komplex oder ungewöhnlich, aber es sind liebenswerte Charaktere, deren Erlebnisse ich gern verfolgt habe. So sorgen die Figuren und die Erzählweise dafür, dass „A Darkness of Dragons“ trotz aller dramatischen Ereignisse zu einem wirklichen Wohlfühlbuch für mich wurden.

Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass die Handlung recht geradlinig verläuft und Patch und seine Gefährten den Großteil des Buches über ganz klassisch von einem Ort zum nächsten reisen und dort eine wichtige Begegnung oder ein kleines Abenteuer erleben, was für mich vollkommen in Ordnung war, aber eben nicht gerade eine raffinierte Art ist, eine Geschichte zu erzählen. Mein persönlicher Kritikpunkt ist hingegen, dass die Handlung mit diesem einen Roman noch nicht abgeschlossen ist. Patch, Wren und Barver haben nicht nur ganz persönliche Probleme, sondern müssen auch verhindern, dass der Rattenfänger von Hameln seine aktuellen Pläne verwirklicht, und „A Darkness of Dragons“ erzählt eigentlich nur den Anfang der gemeinsamen Abenteuer der drei. Am Ende des Buches haben Patch und seine Freunde gerade mal eine gute Vorstellung davon bekommen, was wirklich vor sich geht, und ein erstes Scharmützel gegen die Anhänger des Rattenfängers überstanden. Die Geschichte endet damit, dass die drei überlegen, welche Schritte sie als nächstes in Angriff nehmen müssen und es gibt weder vom Verlag noch vom Autor eine genauere Information dazu, wann der nächste Band erscheint und wie viele Teile die Reihe insgesamt bekommen soll. Gerade weil ich das Buch so genossen habe und so viel Spaß mit den Figuren und ihren Abenteuern hatte, würde ich schon gern wissen, wie und wann es mit Patch und seinen Freunden weitergeht und welche düsteren Pläne der Rattenfänger als nächstes verwirklichen will.

Christopher Skaife: The Ravenmaster – My Life with the Ravens at the Tower of London

Ich folge dem Ravenmaster schon seit einigen Jahren auf Twitter und finde es immer wieder spannend, wenn er von seinen Raben erzählt oder Fotos der schönen Tiere zeigt, weshalb ich natürlich auch neugierig auf sein Buch über sein Leben mit den Raben des Londoner Towers war. „The Ravenmaster“ lässt sich gut lesen, denn Christopher Skaife versteht es, unterhaltsam und interessant zu schreiben, auch wenn man stellenweise schon merkt, dass er als Yeoman Warder seit vielen Jahren tagtäglich mit Touristen zu tun hat und deshalb viele Fakten und Aussagen schon sehr, sehr oft wiederholt hat. Aber das macht das Buch nicht schlecht, es sorgt nur dafür, dass hier und da etwas Routine oder gar Verdruss durchblitzt, wenn es um (lästige) Fragen rund um den Tower geht, die häufig gestellt werden – etwas, das wohl jeder kennt, der schon mal einen Job mit viel Kunden-/Touristenkontakt hatte.

Das Buch beginnt mit dem alltäglichen Morgenprogramm des Ravenmasters und endet mit dem nächtlichen Einsperren der Vögel, wobei Christopher Skaife mit den einzelnen Tagespunkten seiner Arbeit Details über seine Raben, seine Arbeit als Ravenmaster, seine Kindheit oder seine Zeit in der britischen Armee verknüpft. Aber nicht nur solche persönlichen Elemente verflicht der Autor mit seinem Bericht über die Routine als Ravenmaster, sondern auch historische Begebenheiten rund um den Tower und seine Bewohner, die Rolle von Raben in der Literatur und allgemeine Informationen rund um Raben(vögel). Ich mochte diese bunte Mischung aus Biografie, Tätigkeitsbeschreibung und Liebeserklärung an die Raben des Towers, ich habe mich beim Lesen gut amüsiert, habe einiges über Raben gelernt und eine noch viel bessere Vorstellung vom Charakter der beeindruckenden Vögel bekommen als schon über den Twitteraccount des Ravenmasters.

Auch hat es mir gefallen, dass Christopher Skaife nicht verschweigt, dass ihm seine Raben zwar am Herzen liegen und er eine Menge für die intelligenten Vögel tut, dass es aber auch selbst für einen so geduldigen Menschen wie ihn nicht immer einfach ist, Ruhe zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. „Seine“ Raben sind keine Haustiere, sondern sehr intelligente Vögel, die immer wieder ihre Grenzen austesten müssen, sensibel auf Ungeduld oder Unruhe reagieren und eventuelles Fehlverhalten nicht so schnell verzeihen. So fand ich die Passagen, die sich direkt um die Tower-Raben drehten, eigentlich am spannendsten, weil ich mir vorher relativ wenig Gedanken darüber gemacht hatte, wie Vögel überhaupt im Tower gehalten werden, wie sich bei Raben zum Beispiel die Rangordung gestaltet und welche Folgen es hat, wenn so viele Raben (im Tower leben immer mindestens sechs von ihnen) so artgerecht wie möglich auf relativ engem Raum zusammenleben.

Das Buch hat mir große Lust gemacht, einmal den Tower und seine (gefiederten) Bewohner zu besuchen und ebenso hätte ich Lust, an einer Führung durch einen der Yeoman Warder teilzunehmen (und mich zu fragen, an welchen Stellen reale historische Begebenheiten erzählt werden und an welchen die Fantasie des Führenden eventuelle reale Ereignisse überlagert). Ich mochte den großteils humorvollen Ton, den Christopher Skaife in seinem Buch anschlägt, ebenso wie seinen liebevoll-spöttischen Blick auf seine Arbeit mit den Touristen und die Geschichten, die tagtäglich rund um den Tower erzählt werden. Auch ist mir aufgefallen, dass ich in den Tagen, nachdem ich „The Ravenmaster“ gelesen hatte, mit deutlich aufmerksamerem Blick die Vögel beobachet hatte, die ich regelmäßig auf und über den anliegenden Häuserdächern zu sehen bekomme. Am Ende war ich doch ein bisschen überrascht, wie sehr mir die Raben des Towers durch die Beschreibungen Christopher Skaifes beim Lesen ans Herz gewachsen sind und wie gern ich diese Vögel mal aus (relativer) Nähe sehen würde.

Sam Maggs: Girl Squads – 20 Female Friendships that Changed History

Von „Girl Squads“ hatte ich schon beim Lese-Sonntag im Januar geschrieben und da ich inzwischen das Buch beendet habe, kann ich nun auch noch etwas mehr darüber erzählen. Sam Maggs hat in dem Band zwanzig Einträge über „Frauengruppen“ gesammelt, die aus historischer Sicht etwas Bemerkenswertes erreicht oder getan haben. Dabei bestehen einige dieser „Gruppen“ zum Teil gerade mal aus zwei Frauen, während sich andere Texte – wie der über die südkoreanischen „Haenyeo“ – um die Arbeit von mehreren Tausend Frauen drehen. Grob eingeteilt wurden die einzelnen Einträge nach den Kategorien „Athlete Squads“, „Political and Activist Squads“, „Warrior Squads“, „Scientist Squads“ und „Artist Squads“, so dass man schon von Anfang an eine Vorstellung davon bekommt, in wieviel unterschiedlichen Bereichen die erwähnten Frauen aktiv waren (oder noch sind).

Mich persönlich hatte die Vorstellung besonders gereizt, dass in diesem Buch nicht einzelne Persönlichkeiten vorgestellt werden, sondern Frauen, die gemeinsam etwas erreicht haben. Dabei musste ich während des Lesens feststellen, dass nur wenige der erwähnten Frauen ihren Weg (und somit das, wofür sie kämpften) gezielt gewählt hatten, während viele aufgrund äußerer Umstände überhaupt erst in ihre Rolle gedrängt wurden. Insgesamt muss ich gestehen, dass ich mit „Girl Squads“ nicht ganz das bekommen hatte, was ich erwartet hatte – unter anderem, weil Personen(gruppen) auftauchten, die ich persönlich nicht als „History Changer“ gesehen hätte, auch wenn ihre Existenz ein interessantes Beispiel für „untypisches“ weibliches Verhalten oder Leben darstellt. Aber trotzdem fand ich jeden einzelnen Eintrag sehr spannend und faszinierend, gerade weil er mir einen Blick auf mir unbekannte Personen(gruppen) oder eine neue Perspektive auf ein Thema gönnte.

Etwas schade fand ich allerdings den Abschnitt über die japanische Frauen-Volleyball-Mannschaft, die 1964 die Olympischen Spiele gewann, da dort meinem Gefühl nach mehr über den männlichen Trainer der Mannschaft (und seine radikalen Trainingsmethoden) als über die Frauen selbst geschrieben wurde. Das widerspricht ja dann doch etwas dem Ziel, ein Sachbuch über die Frauen zu schreiben, deren Leistungen in der Vergangenheit regelmäßig übersehen wurden. Auch geht Sam Maggs recht locker darüber hinweg, dass zum Beispiel die Dahomey-Amazonen sich unter anderem aus Sklavinnen, Kriegsgefangenen, „verschenkten“ Töchtern und ähnlichen Frauen zusammensetzten. Natürlich kann man in den wenigen Seiten, die pro Eintrag in diesem Buch zur Verfügung stehen, nicht besonders detailliert auf solche Umstände eingehen, aber sie kommentarlos zu übergehen, ohne zumindest kurz auf Hintergründe oder allgemein übliche Lebensumstände von Frauen zu dieser Zeit und in diesem Land einzugehen, scheint mir auch nicht der richtige Weg zu sein.

Ansonsten mochte ich es, wie breit gefächtert die verschiedenen Einträge waren. Sam Maggs reist mit „Girl Squads“ quer durch die Zeit und erwähnt Frauen aus den verschiedenen Ecken der Welt – gerade über die Texte, die sich um Personen aus dem asiatischen oder afrikanischen Raum drehten, habe ich mich sehr gefreut, da ich immer noch viel zu selten in „westlichen“ Veröffentlichungen darüber stolpere. So habe ich eine Menge neuer Informationen, Personen und Gruppen kennengelernt und immer wieder juckte es mich in den Fingern, online mehr über Hintergründe, die Zeit oder weitere Lebensumstände der Personen zu recherchieren. Ich mag Bücher, die mich neugierig machen, ohne mich beim Lesen zu frustrieren, weil ich das Gefühl habe, ich werde mit ein paar Stichpunkten abgespeist. Insgesamt hat das Lesen von „Girl Squads“ überraschend lange gedauert, weil ich jedem einzelnen Text die angemessene Aufmerksamkeit widmen wollte – ein Nebeneffekt war dabei, dass es mir mit ein paar Tagen Abstand etwas leichter fiel, über die eine oder andere flapsige Nebenbemerkung der Autorin hinwegzusehen, die ich zugunsten einer stellenweise etwas kritischere Auseinandersetzung mit einem Thema lieber gestrichen gesehen hätte.

Ovidia Yu: The Frangipani Tree Mystery

„The Frangipani Tree Mystery“ von Ovidia Yu habe ich bei Natira entdeckt, die den Cozy Mystery im vergangenen Oktober beim Herbstlesen gelesen hatte. Nach ihren Anmerkungen zum Buch musste ich den Roman einfach habe und bekam ihn zum Glück zu Weihnachten geschenkt. Schon auf den ersten Seiten habe ich die Erzählerin Chen Su Lin ins Herz geschlossen, deren Sicht auf die Welt mich häufig zum Schmunzeln gebracht hat. Su Lin gilt aufgrund eines Hinkens, das von einer Polioerkrankung übriggeblieben ist, als Unglücksbringerin. Trotzdem sucht sie zu Beginn von „The Fragipani Mystery“ einen Weg, um im Jahr 1936 in Singapur einen Job zu finden, bei dem sie die Fähigkeiten einsetzen kann, die sie an der Missionsschule gelernt hat.

Ich fand den Einstieg in die Geschichte einfach nur wunderbar, bei dem Su Lins Onkel und ihre Lehrerin über ihre Zukunft streiten, während Su Lin dazwischensteht und übersetzen soll und sich sehr gut überlegt, welche Passagen sie wie interpretiert, bevor sie sie in die jeweils andere Sprache überträgt. Diese Zurückhaltung und dieses „diplomatische“ Verhalten prägen Su Lins Erzählstimme, doch zum Glück bekommt man als Leser auch all die Gedanken mit, die sie niemals öffentlich äußern würde. Insgesamt ist Su Lin einfach ein netter Mensch, ohne dabei rückgratlos zu sein. Sie will nicht einfach von ihrer Familie verheiratet werden, auch wenn ihr bewusst ist, dass ihr Onkel Chen nur das Beste für sie im Sinn hat, und sie will nicht den Rest ihres Lebens als Helferin für ihre Großmutter verbringen. Stattdessen versucht sie ihre Beziehungen zu den Lehrerinnen der Missionsschule zu nutzen, um eine richtige Anstellung zu finden. So rutscht sie mehr zufällig in die Rolle der Aufpasserin für die geistig behinderte Tochter des britischen Gouverneurs und ist so in der besten Position, um die Augen nach Hinweisen aufzuhalten, die verraten könnten, wer die schottische Gouvernante der jungen Frau ermordet hat.

Der Krimianteil in „The Frangipani Tree Mystery“ hatte viel von einem klassischen britischen Cozy. Es gibt nur einen Handvoll Menschen, die in den Fall verwickelt sind, und der größte Teil davon gehört der britischen „Oberschicht“ in Singapur an. Was den Roman deutlich von den britischen Cozys unterscheidet, sind sowohl die Perspektive von Su Lin – die als chinesisches Dienstmädchen definitiv nicht in derselben Position ist, wie es eine weiße Ermittlerin (von Stand) wäre, als auch der Schauplatz Singapur. Natürlich gibt es so einige britische Cozys, die nicht auf der britischen Insel spielen, aber normalerweise bekommt man als Leser dieser Romane nicht die Sicht einer einheimischen Erzählerin präsentiert. Durch Su Lins Hintergrundinformationen zum Leben in Singapur gewinnt die Geschichte auf sehr vielen Ebenen, weil sie sich immer wieder Gedanken über das Verhalten der Menschen macht, denen sie begegnet, und wie die verschiedenen Personen mit all den Dingen umgehen, die in der Regel nur jemand verstehen kann, der im selben Kulturkreis und mit derselben Sprache aufgewachsen ist.

So bekommt man als Leser nicht nur sehr viel über das Leben in Singapur zu dieser Zeit mit, sondern kann all die Unterströmungen im Haushalt des Gouverneurs viel besser verstehen. Es geht nicht nur darum, dass die Dienstboten grundsätzlich gegenüber Fragen ihrer Herrschaft oder der Polizei misstrauisch sind, sondern auch darum, dass in solch einem Haushalt aufgrund der unterschiedlichen Herkunft und Aufgabenverteilung auch auf Dienstbotenebene Hierachien herrschen, die Su Lin nicht nur wahrnimmt, sondern auch versteht. Von den Briten, die Su Lin im Laufe des Romans kennenlernt, scheint einzig Chief Inspector Le Froy sich dieser vielen verschiedenen Facetten Singapurs, die sich durch die unterschiedliche Herkunft der Bewohner ergeben, bewusst zu sein. Der Polizist hat sich nicht nur – im Gegensatz zum Großteil seiner Landsleute – bemüht, verschiedene Sprachen zu lernen, um mit den Einheimischen auf Augenhöhe kommunizieren zu können, sondern er scheint auch ein überraschend gutes Verständnis für die verschiedenen Kulturen zu haben, die das Leben in Singapur prägen. Das alles macht Chief Inspector LeFroy zu einer sehr interessanten Figur, was dazu führte, dass ich die Begegnungen zwischen ihm und Su Lin sehr genossen habe, weil beide auf ihre Weise ungewöhnlich sind.

Was den Kriminalfall selbst angeht, so fand ich viele Elementen relativ offensichtlich. Auf der anderen Seite konnte ich sehr gut damit leben, dass Su Lin nicht ebenso schnell zu den gleichen Schlüssen kam wie ich, weil sie die beteiligten Personen mit einem ganz anderen Blick sah als ein erfahrener Krimileser. 😉 Ich habe die Atmosphäre in „The Fangipani Tree Mystery“ sehr genossen und all die kleinen Einblick in ein Singapur der 1930er Jahre, die ich nur durch die Augen einer einheimischen Erzählerin gewinnen konnte. Ich habe es geliebt, wenn Ovidia Yus Schreibweise mal wieder dafür gesorgt hat, dass ich beim Lesen von Su Lins Gedanken vor mich hinkicherte oder meinem Mann einfach eine Passage vorlesen musste, weil ich die Beschreibung einer Person oder Situation so wunderbar fand. Da es noch zwei weitere Romane mit Su Lin als Protagonistin gibt (und einige andere Kriminalromane aus der Feder der Autorin), freue ich mich jetzt schon darauf, demnächst noch einmal nach Singapur zurückzukehren, um eine weitere Ermittlung von Su Lin und Chief Inspector Le Froy zu verfolgen.

Seanan McGuire: In an Absent Dream (Wayward Children)

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass ich das Buch dank einer Vormerkung relativ zeitnah zum Veröffentlichungstermin Anfang Januar bekommen würde, aber am Ende hat es bis zur zweiten Februar-Woche gedauert, bis ich den neusten Band der Wayward-Children-Bücher von Seanan McGuire in den Händen hielt. „In an Absent Dream“ erzählt die Geschichte von Katherine Lundy, bevor sie ihren Platz in „Eleanor West’s School for Wayward Children“ fand. Für diejenigen, die „Every Heart a Doorway“ gelesen haben, ist Lundy eine alte Bekannte, aber man benötigt definitiv kein Vorwissen, um „In an Absent Dream“ genießen zu können.

Zu Beginn erzählt Seanan McGuire von Katherines Elternhaus und den Problemen, die sie mit den anderen Kindern bekam, weil ihr Vater der Leiter der örtlichen Grundschule war. Statt sich nach Freunden zu sehnen, die mit der Position ihres strengen Vaters leben konnten, hat Katherine sich in Bücher vergraben und davon geträumt, dass sie eines Tages als Bibliothekarin ihren Lebensunterhalt verdient. So langweilig und ruhig ihre Grundschulzeit anfangs verlief, so radikal änderte sich ihr Leben, als sie mit acht Jahren in den Sommerferien über eine Tür zum Goblin Market stolpert. Der Goblin Market ist eine Welt, in der die Bewohner vom Handel miteinander leben und in der das Leben einigen wenigen festen Regeln folgt. Jeder Besucher lernt noch vor Betreten dieser Welt diese Regeln, da der Weg zum Goblin Market damit geschmückt ist. Diese Regeln lauten:

  1. Ask for nothing
  2. Names have power
  3. Always give fair value
  4. Take what is offered and be grateful
  5. Remember the curfew

Und natürlich gibt es da noch die wichtigste Regel von allen, auch wenn sie nicht offziell als solche benannt wurde: Be sure!

Für Lundy bedeuten diese Regeln Sicherheit. Sie lernt schnell, was auf dem Goblin Market von ihr erwartet wird, wie sie für ihre täglichen Bedürfnisse aufkommen kann, und sie findet – im Gegensatz zu der Welt, in die sie geboren wurde – mit Moon schnell eine gute Freundin. Doch der Goblin Market erwartet, dass die Personen, die sich ihm anschließen, sich ihres Entschlusses wirklich sicher sind und bietet so den Kindern, die sich in ihn „verirren“, die Möglichkeit, ihn bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag zu besuchen. Nach jeder Rückkehr zu ihrer leiblichen Familie ist sich Lundy sicherer, dass der Goblin Market die Welt ist, in der sie für den Rest ihres Lebens sein möchte. Doch bevor sie sich endgültig dafür entscheiden kann, muss sie sich sicher sein, dass sie in ihrer alten Welt keine Schulden und Verpflichtungen zurücklässt.

Seanan McGuire spannt die Handlung in „In an Absent Dream“ über zehn Jahre, was für gerade mal gut zweihundert Seiten sehr viel Zeit ist. So bekommt man als Leser auch nur die Momente erzählt, die wichtig für Lundys Charakterentwicklung und für ihre Entscheidungsfindung sind. Stellenweise fand ich es schade, dass man so wenig von den Abenteuern erfuhr, die Lundy im Goblin Market erlebte. Ich hätte diese Welt gern noch besser kennengelernt inklusive all der Gefahren, die dort existieren, und den Personen, mit denen sich die Protagonistin dort anfreundet. Aber die Geschichte dreht sich nun einmal nicht um all die verschiedenen Abenteuer, sondern um Lundys Entwicklung, um die Entscheidungen und Wendungen, die dazu geführt haben, dass sie am Ende in der Schule für Wayward Children landete.

Diese Entscheidungen zu verfolgen, führen – wie so oft in den Wayward-Children-Titeln – zu bittersüßen Lesemomenten. Ich habe die Passagen über die Eigenheiten und Händler des Goblin Markets gemocht und fand es wunderbar zu verfolgen, wie Lundys Verständnis dieser Welt von Besuch zu Besuch wuchs. Auf der anderen Seite war von Anfang an klar, dass am Ende irgendetwas passieren wird, das dafür sorgt, dass Lundy in der Schule für „Wayward Children“ landet und dass ihre Liebe zum Goblin Market und ihre Freundschaft zu Moon sie nicht davor bewahren würden, einen entscheidenden Fehler zu machen. Spannend fand ich es auch, dass in dieser Geschichte Lundy nicht die erste Person aus ihrer Familie ist, die den Weg in den Goblin Market findet, so dass ihr Wechsel zwischen den Welten in gewisser Weise reibungsloser verläuft, als dies bei einer anderen Vorgeschichte der Fall gewesen wäre.

Auch fand ich es faszinierend, dass man durch die zweite Perspektive auf den Goblin Market (so kurz die auch angerissen wird) eine kleine Vorstellung davon bekommt, wieso jemand dieser scheinbar so gerechten Welt den Rücken kehren würde, während Lundy den Markt nur als einen Ort wahrnimmt, in dem Fairness das oberste Gebot ist und stattdessen darunter leidet, dass es in unserer Welt alles andere als fair zugeht. Ich finde es traurig, dass ich diese negative Sicht auf den Goblin Market ein klein wenig nachvollziehen kann, bewundere es aber auch wieder, dass Seanan McGuire mit gerade mal ein paar Zeilen solch eine Reaktion bei mir auslösen kann. So oder so klingen die Geschichten und Figuren aus den Wayward-Children-Romanen immer noch eine Weile in mir nach und ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Januar und die Veröffentlichung von „Come Tumbling Down“.

Kelly Barnhill: Dreadful Young Ladies and Other Stories (Anthologie)

Die Anthologie „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ habe ich mir ziemlich „blind“ gekauft, nachdem ich den Roman „The Girl Who Drank the Moon“ so wundervoll fand. Lustigerweise stellte ich dann beim Aufschlagen des Buchs fest, dass ich die erste Geschichte schon online gelesen und sehr genossen hatte (und die letzte Geschichte hatte ich schon in einer anderen Ausgabe als Einzelband gekauft). „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ beinhaltet die Geschichten „Mrs. Sorensen and the Sasquatch“, „Open the Door and the Light Pours Through“, „The Dead Boy’s Last Poem“, „Dreadful Young Ladies“, „The Taxidermist’s Other Wife“, „Elegy to Gabrielle – Patron Saint of Healers, Whores and Righteous Thives“, „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“, „The Insect and the Astronomer: A Love Story“ und „The Unlicensed Magician“, wobei die einzelnen Geschichten -. von der letzten abgesehen, die 113 Seiten lang ist – einen Umfang von zwanzig bis dreißig Seiten haben.

Die Geschichten sind thematisch alle sehr unterschiedlich, obwohl sie alle märchenhaft-fantastische Elemente beinhalten. Und jede von ihnen beweist, wie gut Kelly Barnhill mit Worten umgehen und was für eindringliche Atmosphären sie mit ihren Sätzen erschaffen kann. Von der Handlung scheinen die Geschichten nicht sehr viel gemeinsam zu haben und doch habe ich in jeder einzelnen eine Variante von Liebe gefunden, die ich mal bezaubernd, mal erschreckend und dann wieder faszinierend fand. Obwohl weder „The Girl Who Drank the Moon“, noch „The Witch’s Boy“ frei von grausamen und schrecklichen Elementen waren, fand ich diese Anthologie häufig deutlich düsterer als die beiden von mir gelesenen Romane der Autorin. Ich muss zugeben, dass mir persönlich die Geschichten mehr lagen, die zwar trotz all der skurrilen Elemente und Entwicklungen eine „einfacher“ zu erfassende Handlung boten – nachgeklungen haben aber alle Geschichten und Charaktere in mir, und sie haben dafür gesorgt, dass mir auch ein paar Tage nach dem Lesen immer wieder Szenen oder Figuren in den Sinn kamen.

„The Unlicensed Magician“ war die Geschichte, die mich am ehesten noch an die bislang gelesenen Romane erinnerte – wahrscheinlich, weil die Länge einer Novelle einfach eine andere Erzählweise möglich macht als eine klassische Kurzgeschichte, aber ich fand es faszinierend, wie sehr sich der Umfang bei Kelly Barnhill auf die Schreibweise auswirken kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Kurzgeschichten mehr Raum zum Experimentieren ermöglichen und deshalb dort mehr Unterschiede bei der Erzählweise zu finden sind. Ich mochte zum Beispiel sehr, wie man bei „Open the Door and the Light Pours Through“ anfangs von den Dingen liest, die sich ein Ehepaar gegenseitig in Briefen anvertraut – und von denen, die sie für sich behalten und vor dem Partner/der Partnerin geheimhalten, bis sich immer mehr unheimliche Begebenheiten in die Geschichte schleichen.

Doch vor allem fasziniert es mich bei Kelly Barnhill immer wieder, wie sie vertraut wirkende Sachen vermischt, wie sie märchenhafte Elemente in einen anderen Rahmen setzt oder eben reale Dinge auf fantastische Weise weiterspinnt. Am Ende war ich dann manchmal schon fast etwas erschrocken darüber, wie unterhaltsam ich zum Beispiel „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“ fand, obwohl die Autorin weder mit Ronia Drake noch mit den Personen in ihrem Umfeld zimperlich umging. Ich fand es spannend, mich auf die verschiedenen Geschichten, Welten und Figuren einzulassen, und ich habe die Sprache und Atmosphäre jedes Mal wieder genossen. Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen, aber das ist bei Anthologien ja eigentlich grundsätzlich der Fall. Ich fand die, die mir nicht so zusagten, aber immerhin faszinierend, und es war auch da interessant zu sehen, wie Kelly Barnhill die Geschichte aufbaute und welche überraschenden Elemente sie dieses Mal wieder verwendete. Solange ihr nicht erwartet, dass „Dreadful Young Ladies and Other Stories“  mit Varianten von „The Girl Who Drank the Moon“ aufwartet, sondern euch gern auf sehr unterschiedliche, manchmal amüsante, häufig düstere Geschichten voller skurriler Elemente einlassen mögt, solltet ihr einen Blick in die Anthologie werfen.

Cindy Pon: Serpentine

„Serpentine“ von Cindy Pon liegt schon ein paar Jahre auf meinem SuB, nachdem ich den Roman damals nach einem kurzen Anlesen erst einmal zur Seite gelegt hatte, weil ich nicht in der richtigen Stimmung dafür war. Da ich in den letzten Tagen große Lust auf ein asiatisches Setting hatte (vermutlich ist mein Mann mit seiner „Rebellen vom Liang Shan Po“-BluRay Schuld daran), habe ich endlich „Serpentine“ aus dem Regal gezupft und fast in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der sechzehnjährigen Skybright, die, solange sie denken kann, als Kammerzofe für die gleichaltrige Zhen Ni arbeitet. Genau genommen sind Zhen Ni und Skybright zusammen aufgewachsen, nachdem eine Dienerin kurz vor Zhen Nis Geburt ein neugeborenes ausgesetztes Mädchen fand. Doch so sehr Zhen Ni immer betont, dass sie in ihrer Dienerin eine Schwester sieht, so sehr ist Skybright doch bewusst, dass ihre Stellung deutlich niedriger ist und dass sie ihr Leben lang abhängig von Zhen Ni sein wird.

Beide Mädchen gehen davon aus, dass sie wissen, was die Zukunft für sie bereithalten wird. Zhen Ni wird – wenn sie denn endlich ihre Periode bekommt – an einen reichen und einflussreichen Mann verheiratet, während Skybright Zhen Ni nach der Hochzeit in den neuen Haushalt folgen und weiterhin ihren Pflichten als Zofe und getreue Freundin nachgehen wird. Keine von beiden kann sich vorstellen, dass ihre Beziehung einmal weniger eng sein könnte als in all den Jahren des Heranwachsens, und doch gibt es in dem Sommer, in dem der Roman spielt, Ereignisse, die dafür sorgen, dass die Mädchen Geheimnisse voreinander haben. Vor allem Skybright ist sich sicher, dass sie die Tatsache, dass sie sich auf einmal in der Nacht zur Hälfte in eine Schlange verwandelt, niemals jemandem preisgeben darf, wenn sie nicht von den Menschen, die ihr nahestehen, als Dämon gejagt werden will. Und auch ihre Gefühle für den im benachbarten Kloster aufgewachsenen siebzehnjährigen Kai Sen verbirgt Skybright lieber vor ihrer Herrin.

Mir haben an „Serpentine“ wirklich sehr viele Aspekte gefallen, angefangen von der Darstellung dieses fantastischen historischen Chinas über die fantastischen (und stellenweise sehr beängstigenden) Wesen und die Charaktere, die sich beim Lesen realistisch und stimmig anfühlten, bis hin zu den Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren. Ich mochte Skybright als Erzählerin sehr, gerade weil sie so pragmatisch mit ihrer Situation umgeht. Ihr ist bewusst, dass es recht wenig zählt, wenn ihre Herrin sie als Schwester bezeichnet, da doch ihr ganzes Leben auf dem Wohlwollen von Zhen Nis Familie aufgebaut wurde und sich jederzeit ihre Situation ändern könnte, wenn Zhen Nis Eltern das so entscheiden sollten. Trotz dieser ungleichen Ausgangssituation hegt Skybright für Zhen Ni ehrliche freundschaftlich-schwesterliche Gefühle (und reagiert eifersüchtig, als ein anderes Mädchen im Leben ihrer Herrin eine wichtige Position einnimmt). Auch mit ihrer nächtlichen Verwandlung versucht das Mädchen pragmatisch umzugehen und testet nach der ersten Panik systematisch die Möglichkeiten, die ihre neue Gestalt ihr bietet, während sie gleichzeitig versucht, in den Legenden mehr über „Schlangenwesen“ herauszufinden.

Natürlich ist Sykbrights Verwandlung nicht das einzige fantastische Element in der Geschichte, sie ist nur für den Leser ein erstes Anzeichen dafür, dass das Tor zur Unterwelt sich geöffnet hat und Geister und Dämonen die Welt der Menschen betreten haben. Im Laufe der Geschichte wird Skybright durch ihre neuen Fähigkeiten, ihre Freundschaft zu Kai Sen und ihr Bedürfnis, den jungen Mann vor den Ungeheuern zu beschützen, die er als Teil der Klostergemeinschaft bekämpfen muss, in einen uralten Kampf zwischen Menschen und Dämonen hineingezogen. Viele dieser Elemente wurden von Cindy Pon nur relativ kurz angerissen, denn es geht in der Geschichte weniger um diese Auseinandersetzung mit den Dämonen als um Skybrights Suche nach ihrer eigenen Identität und um ihre Beziehungen zu Zhen Ni und Kai Sen. Da am Ende von „Serpentine“ noch einige Fragen offen sind und ich Skybrights Welt nur ungern verlassen habe, werde ich auf jeden Fall auch noch zu „Sacrifice“, dem zweiten Serpentine-Band, greifen.

Victoria Jamieson: Roller Girl (Comic)

Wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich bei Twitter über „Roller Girl“ von Victoria Jamieson gestolpert, und da ich inzwischen mit großem Vergnügen die Bouts der hiesigen Roller-Derby-Mannschaft verfolge und bislang viel Spaß mit Comics zu dem Thema hatte, musste ich den Titel natürlich auch haben. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der zwölfjährigen Astrid Vasquez, die zusammen mit ihrer besten Freundin Nicole von ihrer Mutter zu einem Roller-Derby-Spiel mitgenommen wurde. Mrs. Vasquez macht solche „kulturellen Bildungsausflüge“ regelmäßig mit den beiden Mädchen, doch während Astrid und Nicole die Gedichtvorträge, Museums- und Opernbesuche nicht ganz so zu würdigen wussten, ist Astrid bei ihrem ersten Roller-Derby-Spiel (Bout) gleich Feuer und Flamme.

Astrid ist sogar so begeistert von dem Sport, dass sie sich kurz darauf zu einem Roller-Derby-Sommer-Camp anmeldet – und dabei davon ausgeht, dass ihre beste Freundin Nicole ebenfalls mit dabeisein wird. Doch Nicole hat schon andere Pläne für den Sommer und diese beinhalten nicht Roller Derby, sondern ein Ballett-Camp, an dem auch Astrids Erzfeindin Rachel teilnehmen wird. So muss sich Astrid nicht nur ganz allein dem Abenteuer „Roller-Derby-Camp“ stellen, sondern auch feststellen, dass sich ihre langjährige Freundschaft zu Nicole auf einmal total verändert hat. Und weil sie sich nicht traut, ihrer Mutter von all den Dingen zu erzählen, baut sich über den Sommer eine Lüge nach der anderen auf, was Astrid immer wieder in Schwierigkeiten bringt.

Es gab viele Elemente, die ich an Astrid beim Lesen mochte. Das Mädchen ist begeisterungsfähig und beweist während des herausfordernden Roller-Derby-Camps Durchhaltevermögen. Auf der anderne Seite ist sie ihren Freundinnen gegenüber häufig ziemlich unsensibel und egoistisch, ohne zu merken, dass nicht jeder Mensch ihre Prioritäten teilt oder dass jemand anderer vielleicht auch mal Unterstützung und ein offenes Ohr benötigt. Umso schöner war es, im Laufe des Comics zu verfolgen, wie sehr Astrid sich im Laufe des Sommers entwickelte und mit welcher Hingabe sie sich dem Roller Derby zuwandte. Auch mochte ich die vielen lustigen Momente, die sich unter anderem aus Astrids kleinen Lügen ergaben. Dabei rechne ich es Victoria Jamieson hoch an, dass ich diese Szenen wirklich amüsant fand, statt Fremdscham zu empfinden, was bei mir sonst sehr schnell der Fall ist. So wurde Astrid gerade durch ihre Fehler und ihre Hilflosigkeit gegenüber dem veränderten Verhalten ihrer Freundin Nicole für mich zu einem realistischen und liebenswerten Charakter, deren Sommer im Roller-Derby-Camp ich gern verfolgt habe.

Sehr schön fand ich auch den Roller-Derby-Anteil in der Geschichte. Da hatte ich das Gefühl, dass dieser Teil sehr davon profitiert hat, dass die Autorin selbst auch spielt. So wurden die verschiedenen Regeln, die beim Roller Derby gelten, sehr schön in die Geschichte eingeflocheten, so dass jemand, der sich mit dem Thema nicht auskennt, nachvollziehen kann, was bei einem Bout so passiert, während Roller-Derby-vertraute Leser nicht das Gefühl bekommen, hier würde lehrbuchmäßig über Selbstverständlichkeiten doziert. Mir hat es auch gefallen, dass für Astrid dieser Sport nicht einfach zu lernen war und dass sie am Ende trotz aller Übungen immer noch keine besonders gute Spielerin war und sie trotzdem großen Spaß beim Roller Derby hat. Außerdem mochte ich das Zusammenspiel zwischen den Teilnehmerinnen des Camps sehr gern in dieser Geschichte. Es gibt Freundschaften und Rivalitäten, Neid und all die anderen Gefühle, die zwischen Menschen in einer Gruppe nun einmal so herrschen, aber am Ende ist es für Astrid und die anderen vor allem wichtig, dass sie als Team zusammenspielen, und dafür unterstützen sie sich trotz aller Unterschiede gegenseitig.

Nicht  nur die Handlung, sondern auch die Zeichnungen von Victoria Jamieson haben mir gut gefallen. Obwohl ich ihren Stil stellenweise etwas schlicht finde, mochte ich die Lebendigkeit der Darstellungen, wie abwechslungsreich die verschiedenen Charaktere gezeichnet waren und die in der Regel fröhliche Farbgebung, die die verschiedenen Szenen stimmig untermalt. Und während ich überzogene Mimik und Gestik häufig nicht so schön finde, fand ich diese Szenen in „Roller Girl“ angesichts Astrids teilweise extremer (pubertärer) Gefühlsausbrüche überraschend angemessen. Alles in allem hat mir dieser Comic so gut gefallen, dass ich mir gleich nach dem Lesen angeschaut habe, was Victoria Jamieson sonst noch so veröffentlich hat, und nun sitzt ihr Comic „All’s Faire in Middle School“ ganz oben auf der Merkliste.

Molly Knox Ostertag: The Witch Boy (Comic)

Den Comic „The Witch Boy“ von Molly Knox Ostertag hatte ich schon seit einiger Zeit auf dem Wunschzettel, bis mein Vater ihn mir im November zum Geburtstag schenkte. Wie immer, wenn ich so viele Neuzugänge auf einmal bekomme, hat es etwas gedauert, bis ich das Lesen des Comics auf die Reihe bekam – dafür habe ich die Geschichte dann umso mehr genossen. „The Witch Boy“ erzählt von dem dreizehnjährigen Aster, der in einer Familie aufwächst, in der jedes weibliche Wesen eine Hexe ist und jedes männliche Wesen ein Gestaltwandler. Doch Aster verspürt keinen Drang, sich zu verwandeln, und ist stattdessen von klein auf von der Magie der Hexen fasziniert. So meidet er die gröberen Spiele mit den anderen Jungen und verbringt seinen Tag lieber damit, hinter den Mädchen herzuspionieren, um so viel wie möglich von ihrem Zauber-Unterricht aufschnappen zu können.

Seine Familie tut alles, um Aster von der Hexenmagie fernzuhalten, damit aus dem Jungen nicht so ein schrecklicher Mensch wird wie aus seinem Großonkel, dessen Interesse an Hexerei ihn in ein Ungeheuer verwandelt hat. Verständnis für seine ungewöhnlichen Interessen findet Aster nur bei seiner neuen Freundin Charlie, die er kennenlernt, als er in seinem Kummer den geschützten Bereich der magischen Gemeinschaft verlässt und durch einen angrenzenden Vorort wandert. Da Charlie keinerlei Erfahrungen mit Magie hat, kann sie unvoreingenommen mit dem Thema umgehen, und da sie selbst – trotz ihrer großen Sportlichkeit – deutlich weniger Chancen im Sport bekommt als gleichaltrige Jungen, kann sie nur zu gut nachvollziehen, wie es Aster geht. So ist es Charlie, die ihn unterstützt, als Asters Cousins verschwinden und er mit Magie nach ihnen suchen will.

Mir hat bei „The Witch Boy“ gut gefallen, wie Molly Knox Ostertag auf der einen Seite in ihrer Geschichte zeigt, dass Asters Familienangehörige wenig Verständnis für sein Interesse an der Hexerei haben, sie auf der anderen Seite den Jungen aber wirklich lieben und ihm helfen wollen, ein Talent fürs Gestaltwandeln zu entwickeln. Gerade seine Eltern sind sehr liebevoll und unterstützen Aster nur deshalb nicht, weil sie Angst haben, dass ihm das Gleiche wiederfährt wie seinem Großonkel. Charlie hingegen akzeptiert ihn so, wie er ist, und nimmt es auch gelassen hin, dass er aus einer ungewöhnlichen Familie kommt (und dass es in seinem Leben Magie gibt). Erschreckenderweise habe ich das Gefühl, ich müsste hier betonen, dass zwischen Aster und Charlie „nur“ Freundschaft besteht – vielleicht weil ich in diversen englischsprachigen Kommentaren zu dem Comic Fragen nach Asters Sexualität oder zu einer romantischen Entwicklung zwischen den beiden gelesen habe. Dass beides so gar kein Thema in dieser Geschichte ist, finde ich besonders angenehm, denn so kann keine sogenannte Liebesgeschichte von dem eigentlichen Kern des Comics ablenken.

Auch die Zeichnungen haben mir bei „The Witch Boy“ gut gefallen. Die Figuren sind wunderbar individuell gestaltet und strotzen nur so vor lauter kleinen Details, die ihnen nur noch mehr Charakter verleihen. Besonders schön fand ich, dass Asters Familie aus sehr unterschiedlichen Menschen (Hautfarben, Körperformen, Neigungen) besteht und wie gut Molly Knox Ostertag es gelungen ist, dies alles in ihren Darstellungen zu transportieren. So wird bei Asters Cousins zum Beispiel in nur wenigen Panels anhand von Gestik und Mimik deutlich, wer von ihnen dazu neigt, Aster wegen seines Verhaltens zu hänseln, und wer zugunsten des gemeinsamen Ziels auf diplomatische Weise die Rolle des Anführers übernimmt. Dazu passt die Koloration, die anfangs sehr gefällig und leicht wirkt (ohne pastellig zu sein) und im Laufe der dramatischen Entwicklungen in der Handlung immer kräftiger und dominanter wird. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass es schon eine Fortsetzung zu „The Witch Boy“ gibt (und ein dritter Band schon angekündigt wurde).

Hideo Yokoyama: 64

Den Roman „64“ von Hideo Yokoyama hatte ich schon einmal im vergangenen Sommer ausgeliehen und dann war es einfach zu heiß, um einen 770-Seiten-Wälzer aufmerksam zu lesen. Da mir der Anfang aber gut genug gefallen und mich neugierig auf die Geschichte gemacht hatte, habe ich das Buch noch einmal in der Bibliothek vormerken lassen und es mir jetzt im Januar vorgenommen. Am Ende stehe ich allerdings da und frage mich, ob sich das Lesen dieses Wälzers gelohnt hat, den es gab sehr viele Aspekte an dem Roman, die nicht meinen Geschmack getroffen haben. Dabei fing die Geschichte recht stimmungsvoll an, indem beschrieben wird, wie Yoshinobu Mikami und seine Frau Minako die Leiche eines jungen Mädchens betrachten, um herauszufinden, ob die Tote ihre Tochter Ayumi ist, die vor einigen Wochen von Zuhause weggelaufen ist. Diese Angst davor, dass Ayumi irgendwann tot aufgefunden werden würde, zieht sich für Mikami und seine Familie durch das gesamte Buch und beeinflusst viele Entscheidungen des ehemaligen Kriminalbeamten und aktuellen Direktors der Pressestelle des Präsidiums der Präfektur D.

Doch erst einmal wird Mikamis Aufmerksamkeit nach seiner Rückkehr zur Arbeit vor allem von der Tatsache gefangen gehalten, dass ein hoher Beamter aus Tokio bei einem in den nächsten Tagen anstehenden Besuch eine Pressekonferenz im Haus von Yoshio Amamiya abhalten will. Für das Präsidium stehen der Name Amamiya und der Fall „64“ (danach benannt, dass er im 64sten Jahr der Shōwa-Ära stattfand) für ihren größten Misserfolg, da es den Ermittlern weder damals noch in den folgenden Jahren gelang, den Entführer und Mörder von Yoshio Amamiyas kleiner Tochter Shoko zu fassen. Gerade mal sieben Tage hat Mikami, um den immer noch trauernden Vater davon zu überzeugen, diesen Besuch zuzulassen. Sein einziges Argument besteht darin, dass die Pressekonferenz auch nach all dieser Zeit vielleicht genügend Aufmerksamkeit weckt, um neue Hinweise auf den damaligen Täter zu bekommen.

Statt des versprochenen Thrillers, bei dem – wenn man den Angaben des Klappentextes glauben darf – der vor vierzehn Jahren passierte Entführungsfall mit dem Verschwinden von Mikamis Tochter in Verbindung steht, bekommt man so eine Geschichte, die sich um die politischen und persönlichen Intrigen innerhalb des Präsidums dreht. Von Anfang an steht fest, dass Mikami als ehemaliger Kriminalbeamter zwischen den Stühlen sitzt, da ihm von den Verwaltungsleuten (wozu auch die Pressestellenmitarbeiter gehören) vorgeworfen wird, dass er Partei für das KUA (Kriminaluntersuchungsamt) ergreift, während seine ehemaligen Kollegen sich sicher sind, dass er ihre sensiblen Arbeitsergebnisse an die Presse „verrät“.

Wenn man den Roman als Studie zum Thema Loyalität sieht, dann hat Hideo Yokoyama ein spannendes Werk geschaffen, bei dem der Leser im Laufe der Zeit mehr über die verschiedenen Beteiligten, ihren Charakter und ihre Motivation erfährt. Immer wieder sehen sich die verschiedenen Figuren vor die Frage gestellt, wem ihre Loyalität gilt, ob sie zu ihrem direkten Vorgesetzten, ihrer Abteilung oder den Polizeiapparat als Gesamtheit stehen sollen. Am Ende steht sogar die Frage im Raum, ob es einen funktionierenden Polizeiapparat überhaupt geben kann, solange es dieses Gegeneinander der verschiedenen Abteilungen gibt – vor allem, wenn dazu noch der Kampf mit der Presse kommt, deren Vertreter theoretisch als Bindeglied zwischen der Polizei und der Bevölkerung dienen könnten.

All das ist grundsätzlich nicht uninteressant zu lesen, trifft aber bei mir eines der Themen, mit denen ich mich bei Unterhaltungsliteratur wirklich ungern beschäftige. Ich hasse Geschichten, die sich vor allem darum drehen, dass Menschen, deren Zusammenarbeit wichtig ist, aus unterschiedlichen Gründen gegeneinander arbeiten, intrigieren und ihre Macht missbrauchen. Es fängt schon damit an, dass Mikami von Anfang an das Gefühl hat, er dürfe nicht zu weit gehen, weil dann vielleicht die nationale (und eher inoffizielle) Suche nach seiner Tochter eingestellt werden könnte. Bei „64“ dreht sich dummerweise fast das ganze Buch um genau diese Thematik und erst kurz vor Schluss erkennt man all die kleinen Hinweise, die in all die Szenen rund um die Intrigen eingebettet sind und die zum Showdown führen, auch wirklich als Fingerzeige.

Normalerweise mag ich dieses Sammeln von kleinen Momenten und Beschreibungen, die einen auf die richtige Fährte führen, aber bei diesem Roman haben mich all diese Machtkämpfe so ermüdet, dass die Geschichte auf den letzten hundert Seiten nur noch hinter mich bringen wollte. Dazu kam noch, dass der dann doch noch vorhandene Krimianteil sich als recht offensichtlich herausstellte, so dass ich nicht mal daraus am Ende Befriedigung ziehen konnte. Grundsätzlich verstehe ich, dass Hideo Yokoyama ein erfolgreicher Autor ist und „64“ ein Bestseller wurde, denn der Autor schreibt wirklich gut und hat ein Händchen für Szenen, die vom ersten oberflächlichen Eindruck ausgehend nach und nach den Kern eines Charakters aufdecken. Aber ich hatte mich auf einen Thriller gefreut und nicht auf eine Studie zum Thema Loyalität und interne Politik in japanischen Polizeiapparaten, und da mich nur ungern mit Letzterem beschäftige, war „64“ nicht die richtige Lektüre für mich.