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Seanan McGuire: The Girl in the Green Silk Gown (Ghost Roads 2)

Als im Mai 2014 „Sparrow Hill Road“ von Seanan McGuire veröffentlicht wurde, sah es nicht so aus, als ob es jemals weitere Geschichten zu Rose Marshall zu lesen gäbe, was ich sehr schade fand, denn ich mochte den Hitchhiker Ghost und seine Welt sehr gern. In diesem Jahr ist dann mit „The Girl in the Green Silk Gown“ doch noch eine Fortsetzung erschienen, und im Gegensatz zu „Sparrow Hill Road“ wird hier die Handlung nicht in einzelnen und nur locker zusammenhängenden Episoden erzählt. Während man im ersten Teil Rose und ihre Art des Zwielichts kennengelernt und mehr über die wenigen Fixpunkte in ihrem Leben nach dem Tod herausgefunden hat, dreht sich die Geschichte in „The Girl in the Green Silk Gown“ um eine Auseinandersetzung mit dem Mann, der vor über sechzig Jahren für Rose‘ Tod verantwortlich war.

Bobby Cross (auch Diamond Bobby genannt) hatte Rose an dem Abend in einen tödlichen Unfall verwickelt, an dem sie auf dem Weg zu ihrem Abschlussball war. Statt ihre Seele zu fangen, wie er es eigentlich geplant hatte, konnte Rose ihm entkommen. Seitdem wird sie von ihm gejagt. Doch je länger Rose im Zwielicht unterwegs ist, je mehr Straßen sie als Hitchhiker Ghost bereist und je mehr sie über Bobby Cross und sein Geschäft mit den Crossroads lernt, desto entschlossener ist sie, ihm das Handwerk zu legen. Als Verbündete bei diesem Vorhaben stehen ihr die Routewitches zur Seite – allen voran Apple, die Königin der Routewitches von Nordamerika. Aber selbst so mächtige Verbündete können nicht verhindern, dass Rose zu Beginn von „The Girl in the Green Silk Gown“ in eine Falle tappt, die Bobby Cross ihr gestellt hat.

So dreht sich eigentlich die gesamte Handlung des Romans um das, was Bobby Cross Rose angetan hat, und um ihre Anstrengungen, die Folgen von Bobbys Falle wieder rückgängig zu machen. Dabei hat Rose zwar mächtige Freunde und Verbündete an ihrer Seite, aber Bobby hatte viel Zeit, seine Pläne zu schmieden, sämtliche Schritte von Rose vorherzusehen und ihr dementsprechende Hindernisse in den Weg zu legen. All diese Widernisse haben mir manchmal das Gefühl gegeben, dass gar nicht so viel in diesem Roman passiert, aber das war nicht schlimm, denn wie so oft sind es vor allem die ungewöhnlichen Details, die Beziehungen der Charaktere zueinander und der grandiose Umgang mit vertrauten Legenden und Mythen, die den Unterhaltungswert bei Seanan McGuires Büchern für mich ausmachen. Auch sorgt die Veränderung der Erzählform nicht nur dafür, dass die Autorin in „The Girl in the Green Silk Gown“ mehr Raum hat für die kleinen Alltäglichkeiten in Rose‘ Leben als Hitchhiker, die in „Sparrow Hill Road“ nicht zur Sprache kamen, sondern auch dafür, dass man den Roman wirklich zügig durchlesen kann.

Am Ende ist Rose‘ Auseinandersetzung mit Bobby Cross nicht endgültig besiegelt, was mich hoffen lässt, dass noch mehr Geschichten rund um den Hitchhiker Ghost von Seanan McGuire veröffentlicht werden. Mit jeder Veröffentlichung wird die Welt, in der Rose lebt, größer und detaillierter, und ich mag dieses unerbittliche und doch so viel schöne Momente und faszinierende Charaktere mit sich bringende Zwielicht. Ich mag die Melancholie, die Rose‘ Leben nach dem Tod durchzieht, ebenso wie die unglaublich traurigen Szenen, wenn sie einen Menschen nicht von seinem Weg abbringen und ihn am Ende nur noch ein Stückchen begleiten kann. Und weil eine Geschichte mit Melancholie und Traurigkeit nicht allein funktionieren kann, gibt es noch all die amüsanten Momente rund um Rose und ihr Umfeld und die vielen großen und kleinen überraschenden Wendungen in der Handlung, mit denen Seanan McGuire einen jedes Mal wieder erwischt.

Noch eine kleine Anmerkung zur veränderten Erzählform: Egal, ob Rose‘ Geschichte in einer Sammlung von einzelnen Episoden oder in einer durchgehenden Handlung erzählt wird, ich mag beide Varianten. Ich muss aber zugeben, dass mein Herz ein kleines bisschen mehr an den Kurzgeschichten aus „Sparrow Hill Road“ hängt. Denn dort mochte ich ganz besonders die Abwechslung, die vielen unvertrauten Figuren und das Gefühl, das Buch eine Weile aus der Hand legen zu können und ein Detail oder eine Idee noch etwas zu genießen, ohne mich die ganze Zeit zu fragen, wie es wohl weitergeht.

Diana Pharao Francis: Putting the Fun in Funeral (Everyday Disasters 1)

Von Diana Pharao Francis kenne ich bislang die „Hornblade Witches“-Serie und zwei von vier Büchern der „Crosspoint Chronicles“ – beide Reihen fand ich sehr unterhaltsam mit gut geschriebenen Actionszenen, einem großartigen Weltenbau und stimmige und sympathische Charakteren. Als ich also über Twitter mitbekam, dass die Autorin Anfang September den Auftaktband einer neue Reihe (bislang ausschließlich als englisches eBook erhältlich) veröffentlicht hatte, habe ich relativ kurzentschlossen zugeschlagen und den Roman dann überraschend zügig durchgelesen. Doch obwohl ich „Putting the Fun in Funeral“ so intensiv gelesen habe, gibt es eine Menge Dinge an dieser Geschichte, die mir eigentlich nicht zugesagt haben und die ich angesichts der früheren Veröffentlichungen der Autorin recht enttäuschend fand.

Die Protagonistin von „Putting the Fun in Funeral“ ist die 26jährige Beck Wyatt. Beck ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die ihren Lebensunterhalt mit dem Kauf und Verkauf von Waren bestreitet, die sie bei Haushaltsauflösungen ergattert hat. Ihre wichtigsten Bezugspersonen sind ihre Freundinnen Lorraine, Jennifer und Stacey, die mit ihr seit vielen Jahren durch dick und dünn gehen, während das Verhältnis zwischen Beck und ihrer Mutter so schlecht war, dass Beck sehr versucht ist, eine große Party zu schmeißen, als sie erfährt, dass ihre Mutter ermordet wurde. Schon bevor man Details über Becks Kindheit erfährt, wird für den Leser sehr deutlich, dass ihre Mutter eine ausgeprägte sadistische Ader besaß, die sie ihrer Tochter gegenüber hemmungslos ausgelebt hat. Einzig ihre drei Freundinnen – die nur ein wenig von dem erahnen, was Beck daheim durchmachte – sind der Grund, warum die Protagonistin trotz ihre Kindheit zu einer relativ normalen Frau werden konnte. „Relativ normal“, weil Beck zwar grundsätzlich ein hilfsbereiter Mensch, eine aufmerksame Freundin und eine gute und verantwortungsvolle Chefin ist, aber auf der anderen Seite auch sehr aggressiv werden kann, wenn sie das Gefühl hat, dass ihr jemand Vorschriften machen will.

Die Ermordung ihrer Mutter führt nicht nur dazu, dass Beck von der Polizei als Verdächtige behandelt wird (schließlich macht sie keinen Hehl daraus, wie froh sie über diesen Todesfall ist), sondern auch zu einigen merkwürdigen Vorfällen in ihrem Leben. Vor allem die Beinahe-Entführung durch Damon, ein Fluch und weitere gefährliche Ereignisse machen Beck klar, dass mehr hinter der Ermordung ihrer Mutter steckt, als sie ursprünglich gedacht hatte. Bislang ging Beck davon aus, dass sie die Einzige war, die wusste, dass ihre Mutter (ebenso wie Beck selbst) über Magie verfügte und diese auch regelmäßig einsetze, doch nun muss sie nicht nur feststellen, dass es noch mehr Menschen gibt, die Magie benutzen können, sondern auch, dass damit eine Gesellschaft voller machthungriger Personen, Intrigen und zweifelhafter Familienbande verbunden ist.

Den Weltenbau – auch wenn er nicht gerade innovativ gestaltet war – mochte ich sehr gern, ebenso wie die vielen kleinen Elemente rund um Becks Leben, wie etwa ihre Freundschaft zu Lorraine, Jennifer und Stacey, ihr Verhältnis zu ihren Angestellten und ihre Bereitschaft, sich für einen ihr vollkommen unbekannten Hund einzusetzen. Zum Teil mochte ich sogar die langsam wachsende Beziehung zwischen Beck und Damon, aber leider nur zu einem Teil. Mir gefiel es, dass er ihre Unabhängigkeit, ihren Mut und ihre Starrköpfigkeit ebenso anziehend fand wie ihr Äußeres, aber ich verstehe nicht, warum er von der Autorin zu Beginn als machohafter Entführer angelegt wurde, der Beck gegen ihren Willen küsst – was dann zu dieser unglaublichen körperlichen Anziehung zwischen den beiden führt.

Überhaupt muss man mir als Leserin schon einen sehr guten Grund für solch eine extreme körperliche Anziehung bieten, damit ich das einfach hinnehmen kann, und hier war das nicht der Fall. Die beiden sehen sich und denken von diesem Augenblick an nur noch an Sex (wobei ich hier mal spoilere und verrate, dass es keine einzige richtige Sexzene in diesem Roman gibt, denn mehr als Küssen passiert eigentlich nicht). Und weil er nur noch an Sex denken kann, will er sein kleines Frauchen natürlich auch ständig beschützen, obwohl er doch eigentlich ihre Unabhängigkeit so sehr bewundert – irgendwie passt das für mich nicht. Wenn es neben all den „er ist so heiß“- und „sie streiten sich, weil sie sich nicht beschützen lassen will und er das nicht versteht“-Szenen nicht auch noch genügend Momente gegeben hätte, in denen sich die beiden langsam kennenlernen und mehr als nur die körperliche Anziehung miteinander teilen, hätte ich das Buch abgebrochen.

Auch hatte ich häufig ein Problem mit der Ausdrucksweise von Beck (und ihren Freundinnen) und den Themen, die sie beschäftigten. Obwohl Beck nach einem unangenehmen Erlebnis auf dem Autorücksitz einen Mitschülers angeblich vollkommen dem Sex abgeschworen hat, scheinen sie und ihre Freundinnen – solange kein Notfall vorliegt – über nichts anderes als Männer und Sex zu reden. Ihre drei Freundinnen sind selbst in dieser Hinsicht sehr aktiv und allesamt der Meinung, dass auch Beck unbedingt Sex braucht, während Beck selbst jedem gutaussehenden Mann hinterhersabbert, der ihr begegnet, und überlegt, ob er ein potenzieller Bettgefährte wäre oder nicht. Ich frage mich, ob die Rezensentinnen, die all die positiven Meinungen zu „Putting the Fun in Funeral“ veröffentlich haben, diese Szenen auch so lustig fänden, wenn ein Autor so über eine Gruppe von Männern geschrieben hätte, die jeder vorbeikommenden attraktiven Frau hinterherhecheln. Mich persönlich hat es unglaublich geärgert, dass eine Geschichte, die für mich eigentlich sehr viele ansprechende und unterhaltsame Elemente beinhaltete, durch diese Passagen so getrübt wurde. Am Ende weiß ich nicht, ob ich mir die Fortsetzung auch besorgen werden, obwohl ich eigentlich gern mehr über die Magie, die fantastischen Kreaturen (Gargoyles!) und sogar Becks Schicksal erfahren würde.

Elizabeth Bear: Karen Memory (Karen Memory 1)

Erst bin ich lange Zeit um „Karen Memory“ von Elizabeth Bear rumgeschlichen, weil ich mir nicht sicher war, ob die Geschichte was für mich ist, dann lag der Roman noch einige Monate auf dem Sub, während ich auf die richtige Stimmung wartete. Als ich aber endlich mit „Karen Memory“ anfing, mochte ich den Anfang der Geschichte genauso gern wie beim Lesen von „Madam Damnable’s Sewing Circle“ im vergangenen Frühjahr und habe – weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte – mal eben die ersten 90 Seiten am Stück verschlungen. Die Ereignisse werden von Karen Memory erzählt, die als „Schneiderin“ im Hôtel Mon Cherie in Rapid City (das zum Teil an das historische Seattle erinnert) arbeitet. Das Etablissement wird von Madame Damnable geleitet, die den Mädchen für gerade mal 60 Prozent ihrer Einnahmen Kost, Logis und Schutz zur Verfügung stellt.

Karen hat sich bewusst für dieses Leben entschieden, nachdem ihr Vater bei einem Unfall umgekommen war und sie einen Weg finden musste, um zu überleben. Viele Alternativen bietet das Leben in dieser letzten Station vor den Goldgräber-Feldern in Alaska nicht, schon gar nicht zu einer Zeit, die dem Ende unseres 19. Jahrhunderts entspricht und in der ein Menschenleben nicht viel wert zu sein scheint. Aus Karens Perspektive gewinnt man den Eindruck, dass es in Rapid City nur wenige ehrliche Menschen gibt. Sie selbst hat großes Glück gehabt, dass sie bei Madame Damnable gelandet ist, andere Prostituierte arbeiten unter weitaus schlimmeren Bedingungen, und dass in einigen Häusern am Hafen versklavte (ausländische) Frauen angeboten werden, ist zumindest innerhalb des Gewerbes eine bekannte Tatsache.

Als eines Nachts Priya, die dank der Aktivistin Merry Lee aus einem dieser Häuser am Hafen fliehen konnte, vor der Tür des Hôtel Mon Cherie landet, stellen sich Karen und ihre Kolleginnen gegen die Verfolger der beiden Frauen und lösen damit einen Zermürbungskrieg gegen ihr Etablissement aus. Doch nicht nur von Priyas ehemaligem „Besitzer“ Peter Bantle droht Gefahr, sondern auch von einem Serienmörder, der seit einiger Zeit sein Unwesen in Rapid City treibt und es auf Prostituierte abgesehen hat. Vor allem fallen ihm Frauen zum Opfer, die allein in den Straßen arbeiten, doch da er ihre Leichen gezielt vor den Türen der Bordelle der Stadt platziert, fühlt sich niemand, der diesem Gewerbe nachgeht, noch sicher. Nach und nach findet Karen gemeinsam mit Marshal Bass Reeves und seinem indianischen Begleiter Tomoatooah mehr über die Identität des Mörders und die Machenschaften von Peter Bantle heraus.

Es gibt so vieles, was ich an diesem Roman wirklich mochte. Mir gefiel es, die Geschichte aus Karens Perspektive zu verfolgen, weil die junge Frau auf der einen Seite dank ihres Jobs schon erschreckend viel vom Leben gesehen hat, auf der anderen Seite aber ständig neue Erfahrungen macht und dabei viel über sich und über die Situation, in der andere Menschen sich befinden, lernt. Ich mochte das Western-Steampunk-Setting der Geschichte und fand es sehr passend, dass der Schauplatz der Handlung so sehr an Seattle rund um 1900 erinnert, als die Straßen der Stadt aufgeschüttet wurden, um zukünftige Überflutungen zu verhindern, und die Menschen zum Teil zehn Meter Differenz zwischen der Straße und dem Erdgeschoss ihres Hauses überwinden mussten. Ich mochte auch, dass sich die Handlung langsam und realistisch entwickelte. Egal, wie angesehen ein Bordelle sein mag, allen Beteiligten ist bewusst, dass sie keinen Einfluss und kein Ansehen in der Stadt haben und deshalb unter schwierigen Bedingungen vorsichtig agieren müssen.

Erst, als es zu einem dramatischen Vorfall kommt und weder Madame Damnable noch ihre „Mädchen“ viel zu verlieren haben, kann Karen einen Teil ihrer Kolleginnen davon überzeugen, dass es eine Chance gibt, Peter Bantles Pläne zu stören und den Serienmörder zu stoppen. Hier spielt dann auch der Steampunk-Anteil des Romans eine entscheidende Rolle, weil Karen und ihre Mitstreiter einen Weg finden müssen, um gegen eine Übermacht von Männern anzukommen. Ich habe es wirklich genossen, Karens Perspektive durch all die Ereignisse zu folgen, ich habe die verschiedenen Personen, die zum Hôtel Mon Cherie gehören, ebenso ins Herz geschlossen wie Marshal Bass Reeves und Tomoatooah, und ich würde wirklich gern wissen, wie das Leben nach all diesen dramatischen Vorfällen für Karen und ihre Freunde weitergeht – nur gut, dass die Fortsetzung „Stone Mad“ schon erschienen ist.

Jennifer Mathieu: Moxie – Moxie Girls Fight Back

Über „Moxie – Moxie Girls Fight Back“ von Jennifer Mathieu war ich irgendwann im vergangenen Jahr gestolpert und fand den Klappentext (und das Cover der HC-Ausgabe) sehr ansprechend, aber da ich nur selten in der Stimmung für „High School“-Geschichten – selbst wenn sie ungewöhnlich sein sollen – bin, hat es eine Weile gedauert, bis ich den Roman aus dem SuB befreit hatte. Die Protaginistin in diesem Roman ist die 16jährige Vivian (Viv) Carter, die auf eine angeblich ganz normale texanische Kleinstadt-High-School geht. Für sie ist es Alltag, dass das Football-Team von allen Seiten gesponsert wird, während die Schulbücher veraltet sind, in den naturwissenschaftlichen Fächern wichtige Materialien fehlen und andere („mädchenhaftere“) Sportarten selbst sehen müssen, wie sie an neue Trikots oder Ausstattung kommen. Ebenso selbstverständlich ist es für sie, dass die Jungs vom Football-Team sich alles erlauben dürfen (inklusive dem Tragen von sexistischen Sprüchen auf ihren T-Shirts und „bump’n’grabs“-Aktionen). Die Mädchen müssen sich regelmäßigen und ziemlich willkürlichen Kleiderkontrollen unterziehen lassen, damit dafür Sorge getragen wird, dass sie nicht zu viel Haut zeigen oder gar zu enge Kleidung tragen und so die Jungen vom Unterricht „ablenken“ oder gar in Versuchung führen.

Für Vivian ist dies alles Alltag, und so ist es kein Wunder, dass sie in der Schule alles dafür tut, um nicht aufzufallen. Sie gehört zu einer Gruppe von „netten“ Mädchen, die sie seit ihrer Kindergarten- oder Grundschulzeit kennt und sie nimmt alle Termine (inklusive der verhassten Freitagabend-Spiele des High-School-Football-Teams) wahr, die in ihrer Kleinstadt zum Alltag gehören. Aber sie hegt auch eine heimliche Schwäche für die Punkbands, die ihre Mutter Lisa während ihrer Riot-Grrrl-Zeit gehört hat. Als sie sich eines Abends besonders über den sexistischen Alltag an ihrer Schule aufregt, nimmt sie die „Erinnerungsbox“ ihrer Mutter als Inspirationsquelle, um ein Zine (eigentlich ist es kaum mehr als ein Flyer) mit dem Titel „Moxie“ zu fabrizieren, das gegen die ungerechte Behandlung der Schülerinnen und das Benehmen der Mitglieder des Foodball-Teams wettert. Langsam nimmt von diesem Moment an eine Entwicklung ihren Lauf, die dazu führt, dass Vivian gemeinsam mit Gleichgesinnten gegen den Sexismus an ihrer Schule angeht.

Dabei finde ich es stimmig, dass Vivian erst einmal Impulse von außen benötigt, um nach und nach ihre eigene Stimme zu finden. Obwohl sie von klein auf mit der Vergangenheit ihrer Mutter aufgewachsen ist, hat sie sich selbst nie mit dem Thema Feminismus beschäftigt. Erst als Viv die verstörte Reaktion ihrer neuen Mitschülerin Lucy auf die an der Schule üblichen Regeln wahrnimmt, gelingt es ihr zum ersten Mal – wenn auch anonym -, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Und als es erste positive Reaktionen von ein paar Schülerinnen auf „Moxie“ gibt, weiß Vivian anfangs nichts damit anzufangen. Sie hat nur dieses vage Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann, sie entwickelt sich aber nicht von einem Moment auf den anderen zur selbstbewussten Revolutionärin. Doch je mehr sie über die Umstände an ihrer Schule nachdenkt, desto wütender wird sie, und je mehr sie über diese Dinge redet, desto mehr stellt sie fest, dass sie nicht die einzige Schülerin ist, die voller Wut und Unsicherheit und Frustration ist und das Bedürfnis hat, etwas zu verändern.

Ich mochte es sehr, wie in „Moxie“ aus ein paar voller Frustration und Wut geschriebenen Kopien einer einzigen Person langsam eine Bewegung entsteht, wie immer mehr Schülerinnen sich – über die früher herrschenden ungeschriebenen Grenzen hinweg – zusammenfinden, um zu protestieren, um einander zu unterstützen und um endlich einmal gehört zu werden. Weniger schön, aber dafür vermutlich umso realistischer fand ich, dass einer der wenigen Jungen auf der Schule, die grundsätzlich auf der Seite der „Moxie“-Girls stehen, immer wieder mit dem Argument kommt, dass nicht alle Jungs wie die Football-Spieler sind. Ich glaube, dieser Teil wäre für mich einfacher zu lesen gewesen, wenn es mehr sympathische männliche Nebenfiguren gegeben hätte, deren Meinung man mitbekommt. So hat Jennifer Mathieu einen einzigen sympathischen Schüler geschaffen, den man als Leser überhaupt per Namen kennt, nur um ihm dann all die fadenscheinigen und schädlichen Argumente unterzuschieben, die von eigentlich „aufmerksamen“ Männern verwendet werden, die trotz aller Beweise und Gespräche nicht glauben können, dass das Leben für Frauen in einer männerdominierten Welt so herausfordernd ist.

Im Gegenzug dazu fand ich die Beschreibungen der Protagonistin und ihrer Freundinnen und Mitschülerinnen durchgehend gelungen, und ich habe die Vielfalt dieser Mädchen genossen. Viv entwickelt sich spürbar weiter innerhalb dieses Romans, ohne dabei ein vollkommen anderer Mensch zu werden, und genauso ist es mit ihrer Beziehung zu ihren Freundinnen. Ich fand es stimmig, wie Jennifer Mathieu die vielen verschiedenen Meinungen der Schülerinnen darstellt, von „ja, das ist schlimm, aber es war schon immer so“ bis „ich hatte da eine Idee und habe was auf die Beine gestellt“. Sie verschweigt nicht, dass für einige Frauen das Wort „Feminismus“ so mit Vorurteilen behaftet ist, dass sie damit nichts zu tun haben wollen, sie zeigt auf, dass es Mut kostet, sichtbar zu sein, aber auch, dass es viel einfacher ist, etwas zu bewirken, wenn man zusammenhält und sich dem Gegenwind gemeinsam entgegenstellt. Dabei verpackt die Autorin all diese gewichtigen und erschreckend aktuellen Themen in einen unterhaltsamen und fluffig zu lesenden High-School-Roman inklusive einer süßen Liebesgeschichte – und vor allem sehr schönen Szenen rund um Freundschaft und Erwachsenwerden.

Cherie Priest: I Am Princess X

„I Am Princess X“ von Cherie Priest (mit Illustrationen von Kali Ciesemier) gehört zu den Büchern, um die ich lange herumschlich, um dann festzustellen, dass ich sie doch kaufen muss. Erst saß der Titel sehr, sehr lange auf der Wunschliste, und nun lag er bestimmt sechs Wochen auf dem SuB. Vor allem lag dies daran, dass ich die Inhaltsangabe wirklich spannend fand und Angst hatte, dass der Roman meinen Erwartungen nicht gerecht werden würde. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, mir Gedanken um die Auflösung der Geschichte zu machen (und das, bevor ich überhaupt Details der Handlung kannte *g*). „I Am Princess X“ dreht sich um May und Libby, die in der fünften Klasse Freundinnen werden, als sie gemeinsam Zeit vertrödeln müssen, weil sie nicht am Sportunterricht teilnehmen können.

Schon bei ihrer ersten Begegnung denken sie sich zusammen eine Heldin namens Princess X aus, die in einem Geisterhaus wohnt und ein Katana schwingt. In den folgenden Jahren sind May und Libby unzertrennlich und ihre gemeinsam geschaffenen Geschichten (mit Libby als Zeichnerin und May als Autorin) rund um Princess X nehmen einen ganzen Wandschrank in Libbys Schlafzimmer ein. Doch dann sterben Libby und ihre Mutter bei einem tragischen Unglück und ihr Vater verlässt von einem Tag auf den anderen Seattle. Wenig später muss May entdecken, dass ihr nach Libbys Tod nicht mal Princess X geblieben ist, da Libbys Vater alle Erinnerungen an seine Familie hat entsorgen lassen. Drei Jahre später stolpert May auf einmal überall in Seattle über Bilder von Princess X und auch in dem dazugehörigen Online-Comic gibt es Verweise auf Libbys Sturz von der Brücke und Andeutungen, dass Libby vielleicht noch am Leben sein könnte.

So ganz sicher war ich mir anfangs nicht, ob „I Am Princess X“ ein Jugendbuch über eine intensive Freundschaft ist oder gar ein Kriminalroman – am Ende kann ich sagen, dass beides der Fall ist. May verfolgt die in dem Comic versteckten Hinweise mit einer Starrköpfigkeit, die schon fast an Besessenheit grenzt – schließlich hat sie all die Jahre davon geträumt, dass Libby noch am Leben sein möge. Außerdem steht für sie fest, dass all diese Hinweise ganz eindeutig an sie gerichtet sind, weil sie sich auf Dinge beziehen, die die beiden Mädchen in der Vergangenheit gemeinsam erlebt haben. Gemeinsam mit dem Hacker „Trick“ (Patrick), den May kennenlernt, als sich ihr Laptop aufhängt, findet sie nicht nur mehr über die Hintergründe des Online-Comics heraus, sondern auch Details zu den Hinweisen, die der Öffentlichkeit sonst nicht zur Verfügung stehen.

Etwas schwierig fand ich dabei, dass May, obwohl sie eigentlich ein relativ normales und vertrauenswürdiges Mädchen ist (wenn man nach dem Verhalten ihres Vaters geht), sehr schnell bereit ist, Gesetze zu brechen, um an Informationen zu kommen. Es gibt Stellen in der Geschichte, wo ich erwartet hätte, dass sie erst einmal legale Möglichkeiten suchen würde, um an Daten zu kommen, statt gleich über Einbruchswerkzeug und Sicherheitsvorkehrungen in öffentlichen Gebäuden nachzudenken.Trotzdem fühlt sich die Handlung überraschend realistisch an, weil es May und Trick – trotz all der Hilfe, die sie durch „Princess X“ und ihren Verbündeten bekommen – Arbeit und eine Menge Fußwege kostet, um hinter die Geheimnisse des Comics zu kommen. Außerdem ist Trick zwar als Hacker gut genug, um (il)legal Informationen zu beschaffen, aber nicht so gut, dass er dies spurenlos auf die Reihe kriegt. So ziehen die beiden schnell Aufmerksamkeit auf sich, die ihr Leben in Gefahr bringt.

Mir hat „I Am Princess X“ sehr viel Spaß gemacht, obwohl mir einige Elemente schon fast zu schnell gelöst wurden, aber diese Schnelligkeit sorgte auch für durchgehend anhaltende Spannung. Ich mochte die innige Freundschaft zwischen May und Libby, mir gefielen die Geschichten, die sie sich zusammen ausgedacht haben ebenso wie die kleinen Anekdoten am Anfang rund um ihre gemeinsame Zeit. Besonders schön ist es, dass Seiten des Web-Comics im Roman zu sehen sind, auf denen man als Leser gemeinsam mit May nach Hinweisen Ausschau halten kann. Ebenso hat es mir gefallen, dass die Protagonisten relativ normale Charaktere mit Stärken und Schwächen sind, wobei sie – auch wenn sie die eine oder andere falsche Entscheidung treffen – so sympathisch sind, dass ich gern meine Zeit mit ihnen verbracht habe. Selbst die Hintergründe rund um den Unfall, den Libby hatte, erscheinen beim Lesen erstaunlich stimmig – auch wenn ich in Nachhinein den einen oder anderen Aspekt in Frage gestellt habe. Insgesamt hat mir „I Am Princess X“ einen spannenden Nachmittag beschert (und nun überlege ich, ob ich die Augen nach den Titeln der Autorin für Erwachsene aufhalte).

Amanda Cross: Eine feine Gesellschaft (Kate Fransler 3)

Auch „Eine feine Gesellschaft“ von Amanda Cross (eigentlich Carolyn Heilbrun) gehört zu den Krimis, die ich gelesen habe, weil ich herausfinden wollte, ob mir diese Reihe noch gefällt. Da es keine Reihenangaben auf meinen dtv-Ausgaben gibt, habe ich einfach einen Band aus dem Regal gefischt, dessen Klappentext mich ansprach. Schließlich habe ich die Bücher früher mehrfach gelesen, so dass ich auch dann mit den Figuren und ihrer aktuellen Situation zurechtkomme, wenn ich nicht mit dem ersten Band anfange. Die Kriminalromane von Amanda Cross drehen sich alle um die Literaturprofessorin Kate Fransler, die gemeinsam mit ihrem Bekannten (bzw. späteren Ehemann) Reed Amhearst Fälle löst. All diese Fälle spielen im akademischen Milieu, und auf die Lösungen kommt Kate, während sie sich mit den verschiedenen Beteiligten unterhält (wobei in die Gespräche immer wieder literarische Anspielungen und Zitate eingeflochten werden).

Die Handlung von „Eine feine Gesellschaft“ spielt während der Studenten-Demonstrationen im Jahr 1968 (der Roman wurde 1970 erstveröffentlicht) und die Forderungen und Handlungen der Studenten haben die Universität, an der Kate Fransler lehrt, zutiefst erschüttert. Während die Verwaltung und der Lehrkörper noch versuchen, mit all den Veränderungen umzugehen, gibt es gleichzeitig eine Gruppierung unter den Professoren, die im Rahmen der Neuordnung auch das „University College“ abschaffen wollen. Dabei waren es gerade die Studenten des University College (wo ältere und in der Regel berufstätige Studenten Kurse belegen), die sich von den Unruhen ferngehalten und weiter ihre Lehrveranstaltungen besucht haben. Noch bevor dieser Konflikt geklärt werden kann, wird Professor Cudlipp – der Organisator dieser Abspaltungsbestrebungen – auf Kates Verlobungsparty ermordet.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für „akademische“ Krimis habe, und die Zeit, in der die Autorin ihre Geschichte spielen lässt, sehr spannend finde. Auf der anderen Seite sind die Gespräche zwischen Kate und all den anderen Akademikern dank der vielen Anspielungen, Zitate und Abschweifungen häufig nicht gerade flüssig zu lesen. Vor allem ist Kate Fransler eine Anhängerin des Schriftstellers W. H. Auden, was zu einem sehr häufigen Zitieren und Verweisen auf seine Werke führt und stellenweise so gehäuft vorkommt, dass ich den Namen Auden irgendwann kaum noch sehen konnte. Da Carolyn Heilbrun selbst Professorin für englische Literaturwissenschaft war, habe ich mich zwischendurch gefragt, ob sie und ihre Kollegen sich Ende der 60er Jahre wirklich so unterhalten haben oder ob die Autorin die „unterhaltsame“ Überspitzung dieses intellektuellen Austauschs doch etwas übertrieben hat.

Auch gibt es stellenweise Bemerkungen, die ich heutzutage bei einem Autor deutlich kritisieren würde, weil ich sie als sexistisch oder abwertend empfinde, während sie hier amüsant sein sollen. Aber da ich hier das Gefühl habe, dass ich bei diesen Punkten auch die Zeit, in der der Roman geschrieben wurde, und den Stand der damaligen feministischen Debatte oder bei der Auseinandersetzungen mit anderen Kulturen in Betracht ziehen muss, kann ich diese Aussagen nicht so verdammen, wie ich es sonst tun würde. Vor allem, da im restlichen Text deutlich wird, dass Amanda Cross bei diesen Passagen eigentlich den traditionellen Universitätsbetrieb mit all seinem elitären Gehabe an den Pranger stellen und darauf aufmerksam machen will, dass auch solche Institutionen – bei aller Sentimentalität über den Reiz eines solchen geschützten Elfenbeinturms – dringend moderner, offener und gleichberechtiger werden müssen.

Trotz all dieser Kritik an den Dialogen, der Masse an Zitaten und einigen Ausdrücken muss ich zugeben, dass ich mich beim Lesen gut unterhalten gefühlt habe. Ich mochte die verschiedenen Figuren – gerade weil so viele von ihnen so sehr von ihrem Spezialgebiet besessen sind, dass sie es in fast jedes Gespräch einfließen lassen. Mir gefiel die Selbstironie, mit der viele der Professoren über sich und ihr Fach redeten. Außerdem mochte ich das Verhältnis zwischen den verschiedene Personen inklusive der Offenheit, mit der auch schon mal zugegeben wurde, dass man sein Gegenüber nicht leiden kann. Dazu kommen noch unterhaltsame Elemente wie die subversiven Fahrstühle und ein ungewöhnlicher Fall, bei dem der Leser schon früh die verschiedenen Beteiligten und ihre Standpunkte kennenlernt. Dabei bleibt das Motiv lange Zeit ebenso undurchsichtig wie der Zeitpunkt, an dem die „Mordwaffe“ in den Besitz des Toten gekommen sein könnte, und man darf von diesem Roman am Ende keine klassische Auflösung des Falls erwarten. Nach diesem erneuten Lesen läuft mein Fazit darauf hinaus, dass Amanda Cross zwar nicht gerade zu meine Lieblings-Krimiautorinnen gehört, aber ihre Romane bleiben trotzdem noch eine Weile in meinem Regal, weil sie in meiner „Sammlung“ zu den einzigen ihrer Art gehören und ein interessantes Zeugnis ihrer Zeit darstellen.

G. A. McKevett: Nicht ohne meine Schokolade (Savannah Reid 1)

Als ich vor ein paar Tagen mein Krimiregal nach lange nicht gelesenen Romanen durchsuchte, bin ich über „Nicht ohne meine Schokolade“ von G. A. McKevett gestolpert und musste mir eingestehen, dass ich mich so gut wie gar nicht mehr an den Inhalt des Buches erinnern konnte. Was ganz eventuell daran liegt, dass ich diesen Band vermutlich zuletzt vor fünfzehn Jahren in der Hand hatte und diese Sorte 90er-Jahre-Krimis sich doch etwas ähnelt. Weil ich eh Lust auf einen Krimi hatte, schien mir der Zeitpunkt perfekt, um den Roman zu lesen und so endgültig zu entscheiden, ob er (mitsamt dem Folgeband) im Regal stehen bleiben darf.

Die Geschichte spielt in Südkalifornien und wird aus der Perspektive von Savannah Reid – einer echten Südstaatenlady – erzählt. Savannah ist eine Polizistin mit langjähriger Erfahrung und einem Arbeitspartner namens Dirk, dessen Macken und Stärken sich gut mit ihren ergänzen. Umso überraschter ist Savannah, als ihr Vorgesetzter sie alleine auf einen Fall ansetzt, bei dem es sich um den Mord an dem Modedesigner Jonathan Winston handelt. Schon früh findet Savannah raus, dass die von ihr sehr bewunderte Ehefrau des Opfers, Stadträtin Beverly Winston, ein gutes Motiv gehabt hätte, um ihren Mann zu töten. Die Stellung der Verdächtigen führt dazu, dass der Polizeichef Norman Hillquist die Ermittlungen nicht ganz so professionell wie gewohnt leitet und stattdessen lieber übereilt Jonathan Winstons Hausmeister zum Verdächtigen Nr. 1 erklären möchte.

Aber natürlich ist die untreue Ehefrau nicht die einzige Person, die ein Motiv gehabt hätte, um Jonathan Winston umzubringen. Schnell entdeckt Savannah weitere Verdächtige, die nicht gut auf den Verstorbenen zu sprechen waren, und eine Frau, die hoffte, vor ihr läge eine gemeinsame Zukunft mit Jonathan. Ich mag es sehr, wie G. A. McKevett die Handlung in einer Mischung aus beruflichen und privaten Elementen rund um Savannah erzählt und wie die Autorin Verdächtige schafft, mit denen man auf der einen Seite Mitleid hat, obwohl man sich auf der anderen Seite genügend Gründe vorstellen könnte, warum sie den Mann umgebracht haben. Ein bisschen hat mich das Ganze an eine „Columbo“-Folge erinnert, wo häufig die sympathischsten Figuren (und die, mit denen Columbo sich überraschend gut versteht) zu den Hauptverdächtigen gehören und wo die Handlung eher ruhig und personenbezogen erzählt wird – nur dass man hier nicht von Anfang an weiß, wer der Täter ist.

Der Fall an sich ist solide konstruiert, auch wenn Savannah ohne Hilfe und Tipps wohl nicht so schnell auf die Lösung gekommen wäre. Aber man hat als Leser denselben Wissenstand wie die Ermittlerin, und G.A. McKevett hält meiner Meinung nach gut die Balance zwischen einigermaßen realistisch wirkender Ermittlungsarbeit und unterhaltsamen Szenen, die dafür sorgen, dass das Ganze nicht trocken wird. Ich mochte die Figuren sehr gern, weil ich sie als überraschend realistisch für so einen unterhaltsamen Kriminalroman empfinde und weil nicht alle Personen in dem Buch schön, sportlich, schlank und perfekt sind. Savannah ist eine Frau mit Rundungen, die sich regelmäßig Kuchen und Ähnliches gönnt, ohne dass sich die Autorin genötigt sah zu erwähnen, dass das ungesund ist oder dass die Figur aber sonst so diszipliniert ist – etwas, was mich ja regelmäßig bei aktuelleren Krimis die Wände hochtreibt.

Außerdem empfindet Savannah etwas für ihren Partner Dirk, doch das ist nicht die große Romanze, keine Liebe auf den ersten Blick, und er ist kein muskelbepackter Adonis. Sie kennen sich durch die jahrelange Zusammenarbeit sehr gut und mögen sich trotz ihrer jeweiligen Macken – was sie so vertraut miteinander umgehen lässt, als wären sie schon längst ein Paar. Aber die Tatsache, dass eine Romanze zwischen zwei Kollegen sehr schwierig wäre und ihnen beiden die Arbeit wichtiger ist als eine eventuelle Beziehung, sorgt dafür, dass diese Zuneigung eigentlich nur hier und da mitschwingt und in der Geschichte – im Gegensatz zu meiner Rezension – keinen großen Raum einnimmt. Es ist erschreckend, wie angenehm ich das nach all den „Liebesromanen mit Mini-Krimianteil“, die als Cozies vermarktet werden, finde. Da habe ich dann auch kein Problem, dass sich Savannah im letzten Drittel des Romans von einem Mann hinreißen lässt, weil er gut erzogen und sehr attraktiv ist.

Einzig die Tatsache, dass es an Savannahs Arbeitsplatz so erschreckend „politisch“ zugeht, hat mich gestört. Ihr direkter Vorgesetzter will seinen Aufstieg innerhalb der Polizei beschleunigen, der Polizeichef scheint in den Fall verwickelt zu sein und gemeinsam legen sie Savannah nicht nur Steine in den Weg. Es kommt so weit, dass ihr Beweismittel aus der Hand genommen werden, ihr wird mit Konsequenzen gedroht, wenn sie „ganz normal“ ihren Job macht, statt nach der Pfeife dieser Männer zu tanzen, und so etwas lese ich einfach nicht gern. Polizisten in Romanen müssen nicht alle nett und anständig sein, aber ich hätte in der Geschichte zu gern jemanden gesehen, der einen höheren Rang als Savannah bekleidet und ihr bei ihren Ermittlungen zur Seite steht, weil da ein Mord begangen wurde und es eben wichtig ist, den Täter zu finden. Aber insgesamt ist „Nicht ohne meine Schokolade“ ein wirklich netter Cozy, und auch wenn ich mir keine weiteren Teile davon besorgen muss, werde ich diesem Roman (und die Fortsetzung „Mit Schirm, Charme und Schokolade“) weiterhin einen Platz in meinem Regal einräumen.

George Baxt: Mordfall für Tallulah Bankhead

Von George Baxt habe ich mehrere Kriminalromane in meinem Regal, die unterhaltsame (und natürlich fiktive) Geschichten rund um berühmte Persönlichkeiten erzählen. Ich weiß nicht, ob George Baxt wirklich alle diese Personen gekannt hat, aber die Tätigkeit des Autors als Agent für Schauspieler und später als Drehbuchverfasser haben ihn auf jeden Fall in denselben Kreisen verkehren lassen wie die von ihm als Protagonisten verwendeten Personen. Außerdem konnte George Baxt laut seinem Nachwort für diese Romane nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen, sondern auch auf andere Quellen zurückgreifen – unter anderem die nichtveröffentlichte Biografie von Jean Muir.

Alles in allem spürt man meiner Meinung nach beim Lesen von „Mordfall für Tallulah Bankhead“, dass er die Personen, den Ton in ihren Kreisen und natürlich die Zeit der McCarthy-Ära direkt miterlebt hat. Wobei George Baxt sich in diesem Krimi auch ein kleines Denkmal gesetzt hat, indem er sich als Agent diverser vorkommender Figuren selbst in die Geschichte eingebaut hat. Oh, und vom Veröffentlichungsdatum her ist „Mordfall für Dorothy Parker“ der erste Band (und in dem später spielenden „Mordfall für Tallulah Bankhead“ wird auch der Täter aus dem ersten Roman verraten), weshalb es sich anbietet, mit „Dorothy Parker“ zu starten, wenn man die Krimis ausprobieren will. Ich habe nur zu „Tallulah Bankhead“ gegriffen, weil mir der Band als erstes in die Finger fiel, als ich meinen Krimibestand durchsah, und weil ich die Geschichte in ebenso guter Erinnerung hatte wie „Dorothy Parker“.

„Mordfall für Tallulah Bankhead“ beginnt mit dem Selbstmord der Tänzerin Nance Liston – einer von vielen Todesfällen unter Künstlern während der McCarthy-Ära, mit denen die verbleibenden Kollegen neben all ihren eigenen Sorgen rund um ihre Zukunft fertig werden müssen. Als weitere in New York lebende Künstler, die auf der „Schwarzen Liste“ stehen, sich das Leben nehmen, scheint es einem unbekannten Mörder zu reichen. Er rächt sich für das Unglück, das die Denunzianten mit ihren Aussagen vor den Ausschüssen des HUAC (House Committee on Un-American Activities) angerichtet haben, indem er ihnen nach dem Leben trachtet. Tallulah Bankhead wird dabei in die Ermittlungen verwickelt, weil sie auf der einen Seite versucht, so viele geächtete Künstler wie möglich in ihrer Radiosendung unterzubringen, um den Freunden und Kollegen zumindest ein kleines Auskommen zuschießen zu können, und auf der anderen Seite die Bekanntschaft von Detective Jacob Singer macht, der mit der Suche nach dem Mörder beauftragt ist. So ist Jacob Singer für die methodische Polizeiarbeit in der Geschichte wie Recherchen, Verhöre und Kriminaltechnik zuständig, während Tallulah scheinbar ziellos von einem Bekannten zum nächsten flattert, um möglichst viel über die Verstorbenen und mögliche Verdächtige in Erfahrung zu bringen.

Ein Grund, warum ich diese Romane so gern lese, sind die wundervollen Dialoge und Charaktere, die direkt aus einem der alten (Schwarzweiß-)Filme stammen könnten, die ich so sehr mag. Dazu kommen noch all die vielen Nebenfiguren, die trotz ihrer kurzen Auftritte einen bleibenen Eindruck hinterlassen und bei denen ich mir nie sicher bin, ob der Autor da reale Personen aus dem Film- oder Theatermileu aufgreift oder nicht. Das bringt mich dann immer wieder dazu, sehr viel Zeit mit Recherchen über schon längst verstorbene Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren, ihr Leben, ihre Filme/Stücke und Ähnliches zu verbringen. Ich mag es, wenn ein Roman mich dazu animiert, dass ich mich neben dem Lesen der Geschichte mit den Figuren und der Zeit beschäftige, in denen die Handlung spielt. Und nicht zuletzt spricht für diese Kriminalromane, dass George Baxt jedes Mal wieder unterhaltsame und solide Fälle konstruiert, die in ihre Zeit und zu den verwendeten Charakteren zu passen scheinen.

Wenn jemand von euch nun auch Lust auf diese Krimis hat, so gibt es viele der damals auf Deutsch veröffentlichten Titel noch sehr günstig gebraucht zu kaufen. Da mir (wie ich inzwischen feststellen konnte) auch noch ein paar der Original-Bände fehlen, werde ich mich in den nächsten Wochen auch auf die Jagd danach machen. Ich freue mich jetzt schon darauf, dass ich in Zukunft noch ein paar Geschichten von George Baxt vor mir habe, die ich noch nicht kenne. Oh, und wer vielleicht an der Zeit und dem Erzählstil, aber weniger an Geschichten mit „berühmten Personen“ interessiert ist, der könnte mal nach den Krimis rund um den Privatdetektiv Pharoah Love Ausschau halten. Angeblich war Pharoah Love der erste schwule (schwarze) Protagonist eines Kriminalromans, als George Baxt 1966 „A Queer Kind of Death“ – „Pharoah Love und die Badewanne des Todes“ – veröffentlichte. Ich muss allerdings gestehen, dass mich Pharoah Love in den 90ern nicht so sehr packte, dass ich mir nach dem Auftaktband die weiteren Teile angeschafft hätte.

Lydia Adamson: Eine Katze kommt selten allein (Alice Nestleton 1)

„Eine Katze kommt selten allein“ von Lydia Adamson ist der erste Band der Alice-Nestleton-Reihe, von der ich gerade mal sieben (von im englischsprachigen Original zweiundzwanzig) Bänden im Regal stehen habe. Meine Ausgabe dieses Romans ist 1995 bei Aufbau Verlag erschienen, eine (eBook-)Neuauflage der Bücher gab es im vergangenen Jahr. Lustigerweise finde ich das Cover meiner Ausgabe nirgendwo online, sondern nur eins, das nicht zu den weiteren Fortsetzungen passt, die damals erschienen sind – da wüsste ich schon gern mehr über die verschiedenen Veröffentlichungen. Auf jeden Fall hatte ich die Romane immer in guter Erinnerung behalten und wollte jetzt beim Regaleinräumen sicherstellen, dass ich die Krimis wirklich weiterhin behalten möchte.

Schon beim ersten Lesen fand ich es etwas seltsam, dass die Protagonistin Alice Nestleton ständig mit ihren Katzen von einem Ort zum nächsten wandert, um dort als Haus- und/oder Catsitterin zu wohnen. Wobei das immerhin erklärt, wie sie es sich als nicht gerade erfolgreiche Schauspielerin mit einer Schwäche für Avantgarde-Theater eine Wohnung in New York leisten kann. Ihre Katzen scheinen diesen ständigen Ortswechsel erstaunlich gut mitzumachen, obwohl der eine Kater superängstlich sein soll – alle meine Katzen (abgesehen von Baltimore in seinen jüngeren Jahren) hätten so viel Unruhe nicht besonders gut aufgenommen. Aber nun gut, irgendwie muss die Autorin ihre Figur ja von einer „Ermittlungssituation“ in den Romanen zur nächsten bringen. In „Eine Katze kommt selten allein“ soll Alice einen jedes Jahr wiederkehrenden Catsitterjob übernehmen und auf dem Hof des älteren Ehepaars Jo und Harry Starobin ihre acht Himalaya-Katzen für zwei Wochen versorgen. Doch als Alice am Bahnhof ankommt, gibt es von Harry keine Spur – stattdessen findet sie ihn wenig später ermordet in dem Cottage, in dem sie auf dem Hof wohnen sollte.

Während die Polizei davon ausgeht, dass die Mörder es eigentlich auf Wertsachen abgesehen haben mussten, da das gesamte Haus verwüstet wurde, beteuert Jo, dass weder sie noch ihr Mann jemals Wertsachen besessen hätten. Um dahinterzukommen, warum Harry so grausam ermordet wurde, bittet sie Alice, mit ihr zusammen Harrys Unterlagen durchzusehen. Alice hingegen findet das Verhalten des Stallmädchens verdächtig, ebenso wie fast alle anderen Personen, denen sie in den kommenden Wochen begegnet. Dabei schwankt das Verhalten der Protagonistin von spontaner Abneigung über ebenso spontanen Hass bis zu dem recht sachlichen Eingeständnis, dass sie mit einem der Beteiligten gern ins Bett gehen würde (vor allem, weil der letzte Sex schon so lange her ist). Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie ich früher die Eigenarten von Alice einfach so hinnehmen konnte. Eine gewisse Exzentrik und Konzentration auf ihr Aussehen und ihre Wirkung auf andere kann ich bei einer Schauspielerin hinnehmen, aber ihre Stimmungswechsel hat Lydia Adamson für mich nicht nachvollziehbar dargestellt und ihre schnellen Urteile über andere Menschen fand ich auch eher anstrengend zu lesen.

Ebenso ist der Fallaufbau – inklusive der absurden Auflösung bezüglich des Täters – nicht gerade überzeugend. Dick Francis hätte aus der Idee vielleicht einen spannenden Kriminalroman gemacht, aber hier war ich am Ende eher frustriert. Es ist schade, dass ich mit einer Reihe, die ich doch in guter Erinnerung hatte, heute anscheinend überhaupt nichts mehr anfangen kann. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich inzwischen kritischer geworden bin, bestimmte Eigenarten bei Personen, aus deren Perspektive ich die Handlung erzählt bekomme, nicht mehr leiden kann oder einfach inzwischen so viele bessere Cozies gelesen habe, aber von „Eine Katze kommt selten allein“ war ich beim erneuten Lesen wirklich enttäuscht. Bleibt mir nur ein tröstlicher Gedanke, um über dieses Leseerlebnis hinwegzukommen: Ich habe nach dem Aussortieren dieser sieben Romane wieder ein bisschen mehr Platz im Regal für Bücher, die ich auch nach all den Jahren (mindestens) ebenso genießen kann wie beim ersten Lesen.

Zelda Popkin: Rendezvous nach Ladenschluss (Mary Carner 1)

Beim Einräumen meiner Bücherregale bin ich über die drei Kriminalromane von Zelda Popkin in meinem Bestand gestolpert und musste den ersten Band nach all der Zeit gleich wieder lesen. Leider gibt es noch so einige Titel der Autorin, die ich nicht habe, und so war ich sehr enttäuscht, als ich nach dem Lesen herausfand, dass man auch die englischen Originale nicht mehr (oder nur noch als sehr, sehr teure Gebrauchtausgaben) bekommen kann. Wenn ich der Autorenangabe in meiner alten dtv-Ausgabe trauen kann, muss Zelda Popkin eine faszinierende Frau gewesen sein, die schon als Fünfzehnjährige als Reporterin arbeitete und vor ihrem siebzehnten Geburtstag mehrere Titelstories über authentische Kriminalfälle in verschiedenen Zeitungen platzieren konnte. Die Angabe über ihre späteren Lebensjahre (Heirat, zwei Kinder und die gemeinsame Werbeagentur mit ihrem Mann) finde ich im Vergleich dazu erschreckend langweilig und normal, aber ich hätte trotzdem gern nicht nur mehr Krimis von ihr gelesen, sondern auch ihre biografischen Romane.

„Rendezvous nach Ladenschluss“ („Death Wears a White Gardenia“) wurde 1938 das erste Mal veröffentlicht und ist nicht nur der Debütroman von Zelda Popkin, sondern auch der erste Band (von fünf Bänden) rund um die Kaufhausdetektivin Mary Carner. Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Andrew MacAndrew, dem Leiter der Kundenkreditabteilung, bei der Fünfzig-Jahr-Feier des Kaufhauses, für das Mary Carner arbeitet. Nachdem seit Wochen auf dieses Jubiläum hingearbeitet worden war und nicht nur die Gattin des Gouverneurs, diverse andere Prominente und natürlich ein Haufen Presseleute anwesend sind, bemühen sich alle Beteiligten (abgesehen von der Polizei, der der Ruf des Kaufhauses relativ egal ist), den Mord möglichst schnell und dezent zu klären. Schon früh bekommt Mary Carner dabei heraus, dass der Ermordete eine Affäre mit einer Angestellten und neben seinem normalen Job noch ein paar dubiose Geschäfte laufen hatte.

Einer der Gründe, warum ich diese alten Geschichten so liebe, ist die Atmosphäre, die dem Leser da geboten wird. Gleich zu Beginn von „Rendezvous nach Ladenschluss“ bekommt man eine wunderbar detaillierte Beschreibung des Kaufhauses inklusive der luxuriösen Angebote anlässlich des Jubiläums und der Menge an Personal, die notwendig ist, um ein Geschäft in dem Stil zu betreiben. Die Tatsache, dass solch ein Kaufhaus für Zelda Popkin ein ganz normaler Anblick war, macht es für mich nur noch reizvoller. Denn so weiß ich, dass ich da keine verkitschte Vorstellung von der Vergangenheit präsentiert bekomme, sondern ein Stückchen Alltag, das es so heute nicht mehr gibt, inklusive der Heerscharen von Verkäuferinnen und Lagerarbeitern, einem Kaufhaus-Schreiner, einem Wachmann am Wareneingang und all den Leuten in den Büros, von denen man als Kunde gar nichts mitbekommt. Dabei verschweigt die Autorin nicht, dass die Zeit dieser großen Kaufhäuser fast vorbei ist, erzählt von der Großen Depression, den finanziellen Problemen des Inhabers und dem verzweifelten Versuch, über diese Jubiläumsveranstaltung die Verluste der vergangenen Monate wieder auszugleichen.

Bei über 1000 Angestellten gibt es in diesem Kaufhaus mehr als genügend Verdächtige für Mary Carner und ihren Vorgesetzten Chris Whittaker unter die Lupe zu nehmen, aber natürlich beschränkt sich die Autorin auf eine Handvoll Personen, die aus beruflichen oder privaten Gründen in regelmäßigem Kontakt mit Andrew MacAndrew standen. Obwohl ein Großteil der Handlung im Büro von Chris Whittaker und einigen weiteren Räumen im Kaufhaus stattfindet und kaum mehr passiert, als dass die Detektive, der ermittelnde Inspektor und der zuständige Staatsanwalt mit den verschiedenen Angestellten und Verdächtigen reden, fühlen sich die Ereignisse überraschend gedrängt und alles andere als gemächlich an. Zum einen liegt das daran, dass die Morduntersuchung gerade mal einem Tag beansprucht, zum anderen daran, dass die verschiedenen Ermittler unterschiedliche Spuren bevorzugen, weil sie den anderen Beteiligten möglichst schnell weitere Hinweise präsentieren wollen, die die Schuld ihres „bevorzugten“ Verdächtigen belegen sollen.

Ich muss gestehen, dass ein Teil von mir beim Lesen immer überlegt, mit welchen alten Schauspielern ich eine Verfilmung dieser Geschichte besetzen würde – vermutlich wird es niemanden überraschen, dass ich mir Lauren Bacall als Mary Carner und Humphrey Bogart als Chris Whittaker gut vorstellen könnte. Denn auf der einen Seite bringt der Roman die Atmosphäre einer Private-Eye-Novel dieser Zeit mit sich (das Abbild einer Gesellschaft auf dem absteigenden Ast voller korrupter Menschen), auf der anderen Seite ist hier der Privatdetektiv kein einzelner Kämpfer für die Gerechtigkeit, sondern Teil einer professionell agierenden Gruppe. Außerdem wird die Handlung deutlich amüsanter und schwungvoller erzählt, was zwar auch einen desillusionierten Blick auf die verschiedenen Charaktere ermöglicht, aber nicht diese alles durchdringende Melancholie einer Hammett- oder Chandler-Veröffentlichung. Nachdem ich diesen Krimi seit über zehn Jahren nicht mehr in der Hand hatte, bin ich sehr froh, dass ich die Geschichte auch heute noch so sehr genießen kann, dass ich die Charaktere immer noch sympathisch und unterhaltsam finde und dass ich beim Lesen weiterhin gespannt alle Hinweise und Erkenntnisse verfolgen mochte, um mit den Ermittlern den Täter zu überführen.