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Mark Oshiro: The Insider

„The Insider“ ist mein erstes Buch von Mark Oshiro, und es hat mir wirklich sehr gut gefallen. Bevor ich mehr zu der Geschichte sage, möchte ich erwähnen, dass ich in dieser Rezension „they/them“ als Pronomen verwenden werde, weil das die Pronomen sind, die Mark Oshiro auf der eigenen Webseite für sich angibt, und weil es im Deutschen keine festen Pronomen für nichtbinäre Personen gibt. „The Insider“ wird aus der Perspektive von Héctor Muñoz erzählt, der aufgrund eines Jobwechsels seiner Mutter von San Francisco in den kleinen Ort Orangevale umziehen muss. Das Schlimmste daran ist für Héctor, dass er seine Schule – die sich auf Kunst und Schauspiel spezialisiert hat – und seine besten Freunde verlassen muss, aber er ist wild entschlossen, das Beste aus diesem Umzug zu machen. Doch trotz all seiner Bemühungen, einen Platz in seiner neuen Schule zu finden, eckt er immer wieder an, wird zur Zielscheibe der Schulbullys und muss zum ersten Mal in seinem Leben erfahren, dass ihn die Tatsache, dass er offen schwul ist, zu einem Außenseiter macht.

Es war wirklich schmerzhaft zu verfolgen, wie Héctor sich mit jedem weiteren Tag an dieser Schule immer kleiner macht, immer mehr versucht, sich anzupassen und den Erwartungen seiner Umgebung zu entsprechen, obwohl er dem Leser vor Schulbeginn als eine wunderbar schillernde und selbstbewusste Persönlichkeit vorgestellt wurde. Dabei ist nicht alles schlimm an seiner neuen Schule in Orangevale, so gibt es zum Beispiel eine wirklich sympathische Kunstlehrerin und eine Gruppe von Mitschüler*innen, die ebenso wie er Außenseiter sind. Aber selbst seine Versuche, unter den anderen „Misfits“ neue Freunde zu finden, scheitern daran, dass diese Angst vor den Schulbullys haben, die in Héctor ihre aktuellste Zielscheibe sehen. Einzig ein magischer Raum, der eines Tages in der Schule auftaucht und anscheinend nur von Héctor betreten werden kann, bietet dem Jungen eine Zuflucht während des Schulalltags.

Dieser Raum hält für Héctor all die Dinge bereit, die dieser gerade am dringensten benötigt, sei es eine Couch, auf der er Schlaf nachholen, oder ein Kühlschrank mit seinem Lieblingsgetränk, wenn er wieder einmal nicht zum Essen in die Cafeteria der Schule gehen kann. Nach einiger Zeit trifft Héctor sogar zwei Personen in diesem Raum, die zwar nicht auf die selbe Schule wie er gehen, mit denen er sich aber anfreunden kann – und sei es nur, weil Juliana und Sal mit ähnlichen Herausforderungen an ihren eigenen Schulen zu kämpfen haben. Die Freundschaft, die sich zwischen Héctor, Juliana und Sal entwickelt, bildet einen dringend notwendigen Gegensatz zu all den aufreibenden Erlebnissen, die Héctor durchstehen muss, und natürlich stehen sich die drei im Laufe der folgenden Wochen bei und schaffen es so sich das Leben gegenseitig etwas zu erleichtern.

Ich muss zugeben, dass ich mich als erwachsene Leserin anfangs gefragt hatte, wieso Héctor nicht offener gegenüber seinen liebevollen und aufmerksamen Eltern ist. Aber er hat immer wieder – in seinen Augen – gute Gründe, wieso er seinen Eltern nichts von den Schikanen in der Schule erzählt, so dass ich sein Verhalten am Ende relativ stimmig und nachvollziehbar fand. Außerdem hat Mark Oshiro natürlich recht damit, wenn they mit Héctors Geschichte zeigt, dass ein liebevolles Elternhause eben nicht vor einem queerfeindlichen und rassistischen Umfeld schützt. Ein weiterer Punkt, den ich bis zum Schluss der Geschichte schwer nachvollziehbar fand, war das Verhalten einer Person, die zur Schule gehört und die in Héctor immer und immer wieder den Übeltäter statt das Opfer sah – unabhängig davon, in was für einer Situation Héctor vorgefunden wurde. Aber auch hier gelang es Mark Oshiro für mich stimmig darzustellen, was das Problem mit dieser Person war und wieso sie sich so verhielt. Das führte dazu, dass ich am Ende das Gefühl hatte, ich hätte nicht nur eine nachvollziehbare Erklärung für etwas gefunden, das mich den gesamten Roman über beschäftigt hat, sondern auch etwas Wichtiges über zwischenmenschliche Interaktion gelernt.

Ich kann nicht behaupten, dass es ein wohltuendes Erlebnis war, „The Insider“ zu lesen, aber es ist ein eindringliches Buch mit einem wirklich wunderbaren Protagonisten. Mark Oshiro erzählt die Geschichte mit einer Mischung aus amüsanten Momente rund um Héctors Freunde, liebevollen Szenen mit seiner Familie und unerträglichen/zermürbenden Schikanen durch die Schulbullys. Was dazu führte, dass ich beim Lesen Tränen in den Augen hatte, während ich im nächsten Moment amüsiert vor mich hingackerte. Ich wusste lange nicht, wie ich meine Gedanken zu diesem Roman in Worte fassen sollte, aber da mich Protagonist Héctor und seine Erlebnisse auch nicht so recht losgelassen haben, wollte ich das Buch auch nicht ins Regal stellen, ohne eine Rezension dazu zu schreiben.