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Anne Ursu: Breadcrumbs

Nach „The Troubled Girls of Dragomir Academy“ und „The Lost Girl“ von Anne Ursu habe ich mit „Breadcrumbs“ zu einem älteren Backlist-Titel der Autorin gegriffen . Die Handlung dreht sich um die Fünftklässlerin Hazel, die seit einem Schulwechsel das Gefühl hat, dass mit ihr irgendwas nicht in Ordnung ist. Wobei der Schulwechsel nur eine von mehreren Folgen des Umstands ist, dass Hazels Vater sie und ihre Mutter verlassen hat, um eine andere Frau zu heiraten. Zum Glück gibt es Jack, Hazels besten Freund, der im Nachbarhaus wohnt und mit dem sie den Großteil ihrer Freizeit verbringt. Wenn sie mit Jack zusammen ist, kann Hazel einfach sie selbst sein. Gemeinsam denken sich die beiden Superhelden aus, erleben Abenteuer und können die Sorgen, die zu Hause auf sie warten, vergessen. Doch dann verschwindet Jack, und Hazel ist sich sicher, dass es ihre Aufgabe als seine beste Freundin ist, ihn nach Hause zu bringen.

Der fantastische Teil der Handlung von „Breadcrumbs“ ist unübersehbar an das Märchen „Die Schneekönigin“ angelehnt, aber bevor dieser fantastische Teil überhaupt zum Tragen kommt, lernen wir in der ersten Hälfte des Romans erst einmal gründlich Hazel und ihr Umfeld kennen. Ich mochte die Protagonistin sehr und habe sie gern in ihrem Alltag begleitet, auch wenn mich ihr Leben (ebenso wie Jacks) häufig traurig gemacht hat. Hazel fühlt sich ständig fehl am Platz und weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie adoptiert wurde, daran, dass sie zu viel Fantasie hat, oder daran, dass alle anderen im Gegensatz zu ihr anscheinend genau wissen, welche Regeln in welcher Situation gerade gelten. Weshalb Jack und die Tatsache, dass er sie so akzeptiert, wie sie nun einmal ist, für Hazel umso wichtiger ist. Bei ihm muss sie sich keine Gedanken darüber machen, ob sie sich richtig verhält. So wie sie jederzeit für ihn da ist, ist er immer bereit, Zeit mit ihr zu verbringen und sich auf ihre Ideen einzulassen.

Mit Jacks Verschwinden wechselt der Schauplatz von Hazels häufig herausfordernden Alltagsrealität zu einem unheimlichen magischen Wald voller Gefahren für das Mädchen. Hazel weiß, dass ihre Suche nach Jack riskant ist, aber sie fürchtet, dass sie die einzige ist, die ihn nach Hause bringen kann. Doch ihre Reise ist gefährlicher und herausfordernder, als sie es sich hätte vorstellen können, vor allem, da in dem magische Wald andere Spielregeln gelten, als Hazel es anhand all der von ihr gelesenen Fantasybücher erwartet hätte. Ich mochte die vielen verschiedenen märchenhafte Elemente, die Anne Ursu im späteren Teil des Romans aufgegriffen hat, und fand es sehr spannend, wie vielen bedrückenden Lebensgeschichten Hazel auf ihrer Reise begegnet. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Autorin sehr gut die Balance hält zwischen märchenhafter Ummantelung von realen und eigentlich ziemlich verstörenden Themen (wie Depressionen, Missbrauch, alkoholkranke Eltern u. ä.) und überraschend klaren – und fast schon poetischen – Beschreibungen der Folgen, die diese Probleme für alle Beteiligten haben.

Das Ganze macht „Breadcrumbs“ zu keinem fluffig-märchenhaften Buch, aber zu einer wunderschönen und häufig ziemlich melancholischen Geschichte rund um die vielen verschiedenen Themen, die das Erwachsenwerden mit sich bringen. Dabei hätte ich die Handlung vermutlich deutlich weniger genossen, wenn Anne Ursu nicht immer wieder so wunderschöne, überraschende und treffende Sätze gefunden hätte, um Hazels Gedanken in Worte zu fassen. Ich habe es wirklich genossen, immer wieder an diesen Sätzen hängenzubleiben und sie dann in mir nachklingen zu lassen. Ebenso habe ich es gemocht, dass es in dem Buch so einige Illustrationen von Erin McGuire gibt, die auf der einen Seite die melancholische Stimmung der Geschichte wunderbar einfangen und auf der anderen Seite immer wieder zeigen, wie wichtig und wohltuend ihre Freundschaft für Hazel und Jack ist. Ich finde es spannend, wie unterschiedlich die bisher von mir gelesenen Romane von Anne Ursu waren, auch wenn alle eine ähnliche Atmosphäre hatten. Das macht mich auf jeden Fall neugierig auf die weiteren (Backlist-)Veröffentlichungen der Autorin – nur gut, dass ich schon ihren aktuellsten Titel („Not Quite a Ghost“) auf meinem SuB habe.

Anne Ursu: The Lost Girl

Nachdem ich „The Troubled Girls of Dragomir Academy“ gelesen hatte, habe ich nach weiteren Büchern von Anne Ursu gesucht und mir dann spontan „The Lost Girl“ bestellt. Die Geschichte dreht sich um die beiden elfjährigen Zwillingsschwestern Lark und Iris Mcguire, die bislang immer alles gemeinsam gemacht haben. Doch in diesem Schuljahr sollen sie zum ersten Mal in getrennte Klassen gehen, weil ihre Eltern und Lehrer*innen meinen, dass es ihnen guttun würde, wenn sie unabhängiger voneinander würden. Die beiden Schwestern sind sehr unglücklich mit dieser Situation. Die verträumte und kreative Lark muss prompt mit dem Schul-Bully in eine Klasse gehen, während Iris zwar in einer netten Klassengemeinschaft landet, aber darunter leidet, dass sie Lark nicht mehr während des Schultags beschützen kann.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus Iris‘ Perspektive, während es immer wieder von einer weiteren – nicht benannten – Person ergänzende Anmerkungen zur Handlung gibt. Diese unbekannte Person ist anfangs auch der einzige Hinweis darauf, dass hinter einigen der kleinen ungewöhnlichen Vorfälle, die immer wieder rund um Iris und Lark passieren, Magie stecken könnte. Ich mochte es sehr, dass sich der Großteil der Geschichte darum drehte, wie Iris und Lark damit fertig werden, dass sie nun nicht mehr den ganzen Tag zusammen sind, obwohl es dieses fantastische Element in der Handlung gibt. Die Tatsache, dass die beiden Schwestern bis zu diesem Zeitpunkt alle Erfahrungen gemeinsam gemacht haben und das dazu geführt hat, dass sie genau wissen, wie die jeweils andere auf eine Person oder Situation reagieren würde, ist eigentlich wunderschön zu lesen. Und dass dieses selbstverständliche gegenseitige Verstehen nun in Gefahr ist, sorgt dafür, dass nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ich als Leserin sehr um diese Verbundenheit trauerten.

Vor allem Iris ist geradezu panisch, weil sie Lark nun nicht mehr vor einer Welt beschützen kann, die nicht gerade verständnisvoll mit Personen umgeht, die einen etwas anderen und fantasievolleren Blick auf ihre Umgebung werfen. Dabei wird schnell deutlich, dass Iris‘ Rolle als Larks Beschützerin sie so gar nicht darauf vorbereitet hat, allein durchs Leben zu gehen. So sucht Iris bald in dem seltsamen kleinen Antiquitätenladen gegenüber der Stadtbibliothek eine Antwort auf die Frage, wer sie ist, wenn sie nicht Larks große Schwester sein kann. Ich fand es sehr berührend, wie Anne Ursu das Verhältnis der Zwillinge zueinander beschrieb, und dann mitzuerleben, wie verloren die beiden waren, als sie gezwungen wurden, ohne ihre Schwester durch den Tag zu gehen, hat mich überraschend traurig gemacht. Und obwohl ich mir sicher war, dass die Autorin einen Weg finden wird, um Iris und Lark am Ende wieder zusammenfinden zu lassen, habe ich um die Beziehung der beiden Schwestern gebangt. Beide sind im Laufe der Geschichte so unglücklich und bemühen sich doch so sehr, einigermaßen mit der ganze Situation fertig zu werden.

Neben den beiden Schwestern hat Anne Ursu noch so einige Nebenfiguren in ihren Roman eingebaut, die ich schnell ins Herz geschlossen habe. Sowohl die Mitschüler*innen von Iris als auch die Mädchen, die sie in einem Nachmittagskurs in der Bibliothek kennenlernt, sind einfach großartig. Obwohl Iris es ihnen allen nicht einfach macht, ist es schön zu sehen, wie all diese Personen bereit sind, für Iris da zu sein, wenn sie sie braucht. Selbst bei den Eltern und Lehrer*innen wird deutlich, dass sie alle für die beiden Mädchen nur das Beste wollen – auch wenn dieses Beste für Lark und Iris erst einmal ziemlich fürchterlich ist. Das alles führt zu einer überraschend wohltuenden, wenn auch etwas melancholischen Geschichte, die mit einem Hauch Magie abgerundet wird. Es gibt in dem Roman so viele berührende und traurige Momente, aber immer wieder etwas zu Schmunzeln und natürlich das Rätsel rund um den Antiquitätenladen und all die kleinen und größeren magischen Dinge, mit denen Iris und Lark in Kontakt kommen. Am Ende kann ich sagen, dass ich „The Lost Girl“ sogar noch mehr genossen habe als „The Troubled Girls of Dragomir Academy“, und ich bin gespannt auf die weiteren Titel von Anne Ursus Backlist.

Anne Ursu: The Troubled Girls of Dragomir Academy

Es ist schon eine Weile her, dass ich „The Troubled Girls of Dragomir Academy“ gelesen habe, aber ich habe den Roman noch immer in guter Erinnerung und will ihn nicht einfach ins Regal stellen, ohne hier ein paar Worte über die Geschichte zu verlieren. „The Troubled Girls of Dragomir Academy“ war für mich die erste Veröffentlichung von Anne Ursu, die ich gelesen habe, aber ich habe mir gleich im Anschluss die Backlist der Autorin auf meinen Merkzettel gesetzt. Die Handlung wird aus der Perspektive der zwölfjährigen Marya Lupu erzählt, die – im Gegensatz zu ihrem älteren Bruder Luka – in ihrem ganzen Leben noch nie etwas richtig machen konnte. Sowohl ihre Eltern als auch alle anderen Bewohner des kleinen Ortes Torak sind sich sicher, dass Luka zu Großem berufen ist. Luka wird ganz gewiss auserwählt, um eine Ausbildung zum Zauberer zu machen und somit zu einem der mächtigsten Männer in Illyria zu werden. Marya hingegen scheint nur darin gut zu sein, sich (und anderen Personen) in Schwierigkeiten zu bringen.

So ist es wenig überraschend, dass Marya an Lukas großem Tag für einen Vorfall verantwortlich gemacht wird, der dafür sorgt, dass ihr Bruder nicht als angehender Zauberer auserwählt wird. Stattdessen landet Marya in einem Internat für „troubled girls“, wo sie gemeinsam mit anderen Mädchen lernen soll, zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft zu werden. Doch je mehr Marya lernt und je häufiger sie über Regeln stolpert, deren Sinn sie nicht versteht, desto mehr stellt sie all die Dinge in Frage, auf denen die Gesellschaft in Illyira aufgebaut wurde. Es ist für Marya einfach unerklärlich, dass die Magie, die von Frauen ausgeübt wird, so böse und zerstörerisch sein soll, während die Magie der Zauberer das einzige ist, was Illyria vor einer großen Katastrophe bewahrt. Und dann gibt es da noch all die kleinen Rätsel und Geheimnisse rund um die Gründung der Dragomir Academy, die Marya gemeinsam mit ihrer Zimmerkameradin ergründen will.

Ich mochte es sehr, dass Anne Ursu sich viel Zeit nimmt, um Marya und ihr Umfeld vorzustellen. Es war nicht gerade einfach zu lesen wie Marya in ihrem Elternhaus behandelt wird, auch wenn sie in der Meisterweberin Madame Bandu immerhin eine Verbündete hat, die ihr so gut wie möglich zur Seite steht. Aber auf diese Weise wird von Anfang an deutlich, dass Maryas Elternhaus die Gesellschaft Illyrias wiederspiegelt, in der Frauen keinerlei Rechte haben und ihr Können und Wissen nur im Verborgenen weiterreichen können. Ebenso offensichtlich ist, dass Marya nicht das einzige Familienmitglied ist, das unter ihren Eltern leidet, was für eine stimmige Basis für die weitere Entwicklung von Marya (und Luka) sorgt. Auch viele Passagen, die in dem Internat spielen, fand ich – gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen (nicht nur) in den USA – fast schon unangenehm zu lesen. Den Schülerinnen wird immer und immer wieder eingetrichtert, dass sie als Frauen so viel weniger wert sind als die Männer in ihrer Gesellschaft, und Marya ist nur zu bewusst, wie fremdbestimmt ihr gesamtes Leben verläuft und wie gering ihr Einfluss darauf ist.

Dabei habe ich die Erzählweise von Anne Ursu trotz des nicht gerade einfachen Themas sehr genossen und mich an vielen kleinen Details in der Geschichte erfreuen können. Häufig fühlte ich mich an Kelly Barnhill erinnert, deren Bücher sich für mich auch durch diese bittersüße Mischung aus Gesellschaftskritik, einer pointierten Sprache und sehr coolen (fantastischen) Elementen auszeichnen. All das hat bei „The Troubled Girls of Dragomir Academy“ dazu geführt, dass es mich nicht einmal gestört hat, dass das große Geheimnis, das Marya mit viel Mühe und Gefahren auflöst, für mich als Leserin schon nach der Hälfte der Geschichte auf der Hand lag. Am Ende ging es in diesem Roman schließlich weniger darum, den Ursprung der Dragomir Academy und die Hintergründe rund um die weibliche Magie herauszufinden, als darum, Marya zu begleiten, während sie all die Dinge hinterfragt, die ihr beigebracht wurden, und mitzuerleben, wie sie mit Hilfe der Personen, die ihr wichtig sind, einen Weg in eine selbstbestimmte Zukunft findet.