Wie schon im vergangenen Jahr versuche ich auch 2026, häufiger und bewusster zu den älteren Titeln im SuB zu greifen. „The Conductors“ von Nicole Glover wartete seit 2021 darauf, von mir gelesen zu werden, und ich bin froh, dass ich das im Februar endlich auf die Reihe bekommen habe (auch wenn das direkt zur Bestellung der Fortsetzung führte *g*). Nicole Glovers Debütroman wird aus der Sicht von Henrietta „Hetty“ Rhodes erzählt und spielt im Jahr 1871 in einem alternativen (fantastischen) Philadelphia. Nachdem Hetty 1858 als Fünfzehnjährige von der Plantage fliehen konnte, auf der sie als Sklavin lebte, hat sie Jahre damit zugebracht, als Teil der Underground Railroad anderen zur Flucht zu verhelfen.
Doch die Zeiten haben sich geändert, und die Conductors der Underground Railroad werden seit einem Erlass, der den Besitz von Sklaven verbietet, nicht mehr benötigt. Weshalb Hetty und ihr Ehemann Benjy inzwischen ihre Fähigkeit einsetzen, um die Probleme der Schwarzen Bewohner von Philadelphia zu lösen, für die sich die Polizei nicht zuständig fühlt. So ist es nicht ungewöhnlich, dass eines Nachts ein Mann an ihre Tür klopft, um ihnen den Fund eines Mordopfers zu melden. Doch der Leichnam weist nicht nur ein magisches Fluchzeichen auf, sondern der Verstorbene gehörte auch zu Hettys und Benjys Freundeskreis, was die Ermittlungen für die beiden überraschend kompliziert macht, weil es nicht gerade einfach ist, die Menschen, mit denen einen seit vielen Jahren komplizierte Beziehungen verbinden, des Mordes zu verdächtigen. Je mehr Hetty über die Geheimnisse des getöteten Charlie herausfindet, desto muss sie sich fragen, wie gut sie ihre Freunde wirklich kennt.
Es gibt ein paar Elemente an „The Conductors“, bei denen es sich meiner Meinung nach bemerkbar macht, dass dieser Roman das Debüt von Nicole Glover ist. So braucht die Handlung ziemlich lange, bis sie so weit anzieht, dass ich das Gefühl hatte, die Mordermittlung würde eine nennenswerte Rolle in der Geschichte spielen. Außerdem fand ich die Mischung aus aktuellen Ereignissen und Rückblenden etwas unausgewogen und musste gerade am Anfang immer mal wieder zurückblättern, um herauszufinden, welche der vielen Figuren in Hettys Freundeskreis in der gerade gelesenen Rückblende eine Rolle spielte. Nachdem ich mich aber auf das langsamere Tempo und das Gefühl eingelassen hatte, überhaupt keine Ahnung zu haben, was hier gerade los ist, habe ich „The Conductors“ wirklich genossen. Auch wenn es seine Zeit dauert, bis man beim Lesen eine greifbare Vorstellung von den vielen Charakteren bekommt, so mochte ich doch die vielen verschiedenen Figuren mit all ihren Ecken und Kanten. Vor allem Hetty ist nicht gerade eine Protagonistin, die man schnell ins Herz schließt, aber gerade weil sie so einen herausfordernden Charakter hat, macht es Spaß, die Geschichte aus ihrer Perspektive zu verfolgen.
Wirklich spannend fand ich die Magie, die sich Nicole Glover für ihre „Murder & Magic“-Reihe ausgedacht hat. Auf der einen Seite gibt es Zauberei, die von Weißen mit Zauberstäben ausgeführt wird und für Schwarze Personen verboten ist, und auf der anderen Seite gibt es „celestial magic“, deren Basis aus Legenden, Überlieferungen und Sternzeichen besteht, die seit Generationen weitergegeben werden und in denen sich viele verschiedene Regionen widerspiegeln. Auf diese Art von Magie musste ich mich erst einmal einlassen, weil sie so ungewöhnlich war und so wenig Regeln unterworfen zu sein schien. Aber ich fand die Tatsache, dass diese „celestial magic“ so sehr in den Alltag aller Personen eingebunden war, sehr faszinierend. So nutzen Hetty und Benjy ihre Magie nicht nur, um ihr Badewasser zu wärmen und ihr Zimmer zu erleuchten, sondern auch, um schützende Symbole in ihre Kleidung einzuweben. Ein weiterer Aspekt an dieser Geschichte, den ich sehr interessant fand, war, dass Nicole Glover darauf einging, wie das Leben für die verschiedenen ehemaligen Sklaven Jahre nach ihrer Flucht ausschaute.
Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich ein Buch las, das sich nicht mit dem Leben in Sklaverei oder der Underground Railroad beschäftigte, sondern mit den Folgen, die diese Erlebnisse für die betroffenen Personen haben. Die Geschichte beschreibt, wie es war, wenn man vor langer Zeit verkaufte Familienmitglieder suchte, wie schwierig es war, Informationen zu finden, und welche Wege dafür offenstanden. Welche Auswirkungen es haben kann, wenn jemand zum ersten Mal in seinem Leben die Hoffnung auf Besitz und materielle Sicherheit hat. Wie schwierig es ist, sich ein neues Leben aufzubauen, wenn jemand sich nicht sicher sein kann, dass all die belastenden Dinge aus der Vergangenheit wirklich zu Ende sind. Nicole Glover hat wirklich sehr viele dieser Elemente in diesen einen Roman gepackt, aber auch wenn die Krimihandlung und das Tempo darunter gelitten haben, so habe ich diese Mischung auf fantastischen und realen Elementen, aus sympathischen und herausfordernden Charakteren und aus aktuellen und vergangenen Ereignissen wirklich genossen. Ich bin gespannt, wie die Autorin Hettys und Benjys Geschichte weiterführen wird (und würde im Moment sagen, dass ich in Zukunft auch noch zu den beiden weiteren Fortsetzungen, die in den 1920ern und 1960er Jahren spielen, greifen werde).
