Schlagwort: Historischer Roman

Megaera C. Lorenz: The Shabti

Über „The Shabti“ von Megaera C. Lorenz habe ich schon beim letzten Lese-Sonntag einiges geschrieben. Die Geschichte spielt 1934 in den USA und wird aus der Sicht von Dashiel Quicke erzählt. Dashiel war bis vor wenigen Jahren als „Medium“ unterwegs und verdient sich nun – mehr schlecht als recht – seinen Lebensunterhalt damit, dass er Vorträge über die Tricks und Methoden seiner ehemaligen Kolleg*innen hält. Während eines seiner Vorträge trifft er auf Hermann Goschalk, der als Professor für Ägyptologie nicht nur für das Unterrichten von Student*innen, sondern auch für das kleine Museum des College verantwortlich ist – und Hermann ist davon überzeugt, dass dieses Museum über ein Artefakt verfügt, das von einem Geist besessen ist.

„The Shabti“ ist ein ungewöhnlicher Roman, und es fällt mir sehr schwer, die Geschichte einem einzelnen Genre zuzuschreiben. Der Anfang, bei dem man mehr über Dashiel und seine Vergangenheit als „Medium“ (und die damit zusammenhängenden Betrugsmaschen) erfährt, fühlt sich sehr nach einem roman noir an. Dann kommen dazu die Elemente rund um den realen Spuk, die der Handlung einen Anstrich von altmodischen Horrorfilmen verleihen, und zuletzt ist da noch die Beziehung, die sich zwischen Dashiel und Hermann entwickelt. Diese Liebesgeschichte zwischen dem (ehemaligen) Schwindler und dem sehr respektablen und unauffälligen Professor ist überraschend süß zu verfolgen und der Grund, wieso Dashiel bei all den Herausforderungen, die er im Roman durchstehen muss, nicht wieder in alte Verhaltensweisen zurückfällt und davonläuft.

Die ersten zwei Drittel von „The Shabti“ habe ich sehr langsam und genussvoll gelesen, während ich mich gleichzeitig immer wieder fragte, wie weit Megaera C. Lorenz wohl den Horror- oder Krimianteil der Geschichte treiben würde. Gleichzeitig fand ich es spannend, von der Autorin, die unter anderem Ägyptologin ist, mehr über Hermanns Tätigkeit als Professor und Museumskurator – und natürlich über die Ausstellungstücke in seiner Obhut, zu denen das verfluchte Shabti gehört – zu erfahren. Überraschenderweise gab es auch so einige amüsante Momente in dieser Geschichte voller (für die Charaktere) gruseliger und aufreibender Ereignisse, und zu meinem eigenen Erstaunen musste ich an einem Punkt sehr laut auflachen, weil ich mich so über eine unerwartete Enthüllung amüsierte. Nach dieser Wendung in der Handlung konnte ich den Roman dann auch nicht mehr aus der Hand legen, bis ich ihn beendet hatte, weil ich wirklich wissen wollte, wie die Figuren damit umgehen würden.

Am Ende war die Lösung für Dashiels und Hermanns Probleme dann doch recht offensichtlich, aber es fühlte sich sehr stimmig an, wie die Autorin die verschiedenen Puzzleteile der Handlung zu einer schlüssigen Auflösung zusammenbrachte. Nach dem Lesen habe ich das Buch rundum befriedigt aus der Hand gelegt, was ich nicht so oft sagen kann. Mit „The Shabti“ hat Megaera C. Lorenz eine wirklich ungewöhnliche und sehr reizvolle Geschichte erzählt, in der verschiedene Genre-Elemente gelungen miteinander verwoben werden. Wer sich für Ägyptologie, roman noir, eine mlm-Liebesgeschichte oder (relativ harmlosen) Horror interessiert, findet hier auf jeden Fall einen interessanten und unterhaltsamen Roman. Ich bin mir sicher, dass ich das Buch nicht zum letzten Mal gelesen habe, und vor allem bin ich neugierig darauf, was die Autorin (hoffentlich) in Zukunft noch veröffentlicht wird.

Lucy Strange: The Secret of the Nightingale Wood

Nachdem ich vor 3 1/2 Jahren (wieso ist das schon wieder so lange her?!) „The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange gelesen hatte, wollte ich unbedingt noch mehr von der Autorin lesen – was dazu geführt hat, dass ich Anfang des Monats „The Secret of the Nightingale Wood“ vom SuB gefischt habe. Das Buch spielt kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Großbritannien und wird aus der Perspektive der elfjährigen Henry (Henrietta) erzählt. Von Anfang an steht fest, dass ein Vorfall rund um ihren älteren Brüder Robert Henrys Familie zutiefst erschüttert hat und dass ihr Vater deshalb mit der gesamte Familie von London in ein kleines Haus an der Küste gezogen ist. Doch der Umzug allein macht natürlich nicht alles wieder gut, und so verbringt Henry einen ziemlich einsamen Sommer, in dem sie keinen Kontakt mit ihrer kranken Mutter hat, ihr Vater beruflich im Ausland ist und sich Nanny Jane vor allem um Henrys Mutter und das Baby (mit dem Spitznamen „Piglet“) kümmert.

Es gibt viele Passagen in „The Secret of the Nightingale Wood“, die sich nach klassischen britischen Kinderbüchern anfühlen, wie zum Beispiel die Momente, in denen Henry das unvertraute Haus oder den angrenzenden Wald hinter dem Grundstück erkundet. Sie lernt so einige neue Menschen kennen, und während manche davon liebenswert skurril oder vertrauenserweckend sind, gibt es doch auch immer wieder Personen, die Henry Angst machen. Das sorgt für viele Momente, die wunderschön und heimelig zu lesen sind, ohne einen vergessen zu lassen, dass die grundsätzliche Stimmung in dieser Geschichte deutlich weniger entspannt ist. Denn neben all den altmodisch-gemütlichen Beschreibungen gibt es noch die Elemente, die auf diese Weise definitiv nicht in Kinderbuchklassikern angesprochen werden. So steht von Anfang an steht fest, dass Henrys Familie um ihren Bruder Robert trauert, auch wenn nicht genau gesagt wird, was mit ihm passiert ist.

Diese Trauer hat Henrys Mutter krank gemacht, auch wenn das Mädchen nicht genau versteht, was mit ihrer Mutter passiert. Was ihr hingegen nur zu bewusst ist, ist, dass der Arzt, der ihre Mutter behandelt, keine Person ist, der das Wohl ihrer Patient*innen am Herz liegt. Stattdessen scheint dieser Arzt davon fasziniert zu sein, dass er endlich eine Möglichkeit hat, „weibliche Hysterie“ zu erforschen. Was ich – als erwachsene Person, die genau weiß, was diese Art von „Forschung“ zu dieser Zeit beinhaltete – beim Lesen mindestens ebenso beängstigend fand wie Henry. Dazu gibt es noch einige Nebenstränge, die sich zum Beispiel um eine rätselhafte Frau im (titelgebenden) Wald drehen oder um ehemalige Soldaten, die im Krieg Verletzungen davon getragen haben. Zu viel will ich hier nicht verraten, denn ich fand es wirklich reizvoll, all diese Dinge aus Henrys Sicht zu erleben.

Henry ist eine wundervolle Protagonistin, die mit viel Fantasie und Mut versucht, ihre zerbrechende Familie zusammenzuhalten und ihre Mutter zu beschützen. Sie hat nicht immer die klügsten Ideen, aber gerade das führt regelmäßig zu unterhaltsamen Szenen, die einen Ausgleich zu den eher düsteren Passagen bilden. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich es herzzerreißend fand, diesen Roman zu lesen, und immer wieder Pausen benötigte, weil ich mit all diesen Charakteren so mitgelitten habe. Für mich als erwachsene Leserin waren einige Elemente in der Geschichte wirklich schwer zu ertragen, was definitiv daran lag, dass ich eben über mehr Wissen verfügte als Henry (oder die 10- bis 12jährige Zielgruppe des Romans). Trotzdem kann ich im Nachhinein sagen, dass ich das Lesen von „The Secret of the Nightingale Wood“ genossen habe und dass so einige Szenen immer noch in mir nachklingen – weshalb ich mir inzwischen den Roman „Sisters of the Lost Marsh“ von Lucy Strange bestellt habe (dessen Inhaltsbeschreibung nach einem wunderbar gruseligem Herbstlesebuch klingt).

Lese-Eindrücke Mai 2024

Im Mai habe ich vor allem Fortsetzungen gelesen, was nicht gerade zu vielen Rezensionen geführt hat. Aber ein paar Einzelbände gab es doch, zu denen ich hier noch was sagen kann. Außerdem dachte ich mir, ich könnte hier auch mal Anmerkungen dazu hinterlassen, ob die von mir gelesenen Fortsetzungen mit den ersten Bänden mithalten konnten.

K. J. Charles: Death in the Spires

K. J. Charles gehört zu den Autor*innen, von denen ich seit Jahren immer wieder günstige/kostenlose eBooks runterlade und dann doch erst einmal nicht lese. Umso amüsanter fand ich es, dass mein erster gelesener Roman dann nicht nur eine Neuveröffentlichung, sondern K. J. Charles‘ erster Ausflug ins Krimigenre war. „Death in the Spires“ spielt 1905 und wird aus der Perspektive von Jeremy (Jem) Kite erzählt, der vor zehn Jahren zu einer Gruppe von viel versprechenden Oxford-Student*innen gehörte. Als einer von ihnen ermordet wurde, bedeutete das für Jem das Ende seines Studiums. Die Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, und die Frage, ob Jem vielleicht der Mörder gewesen sein könnte, verhindertete in den vergangenen Jahren jede Hoffnung auf eine einigermaßen sichere berufliche Position. Als er erneut seinen Arbeitsplatz verliert, ist Jem wild entschlossen endlich herauszufinden, wer seinen Freund Toby damals ermordet hat.

Ich muss zugeben, dass ich normalerweise diese Art von Geschichten wirklich nicht mag. Ich habe einfach schon zu viele Krimis gelesen/gesehen, die an Universitäten spielen und in denen in einer Gruppe eng befreundeter Studenten ein Verbrechen passiert (und manchmal auch vertuscht wird). Trotzdem habe ich mich von „Death in the Spires“ gut unterhalten gefühlt, weil K. J. Charles so viele Aspekte in die Geschichte einfließen lässt, die bei anderen Autor*innen in der Regel keine Erwähnung finden. Ihre Figuren haben unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe, sind queer, behindert oder Schwarz und zwei von ihnen gehören zu den ersten Frauen, die in Oxford studieren durften. Das alles führt dazu, dass in dem relativ kurzem Buch (ca. 270 Seiten) sehr viele Elemente für Unterströmungen sorgen, die dem – anfangs etwas naiven Protagonisten – erst nach und nach auffallen. Auch wenn ich als Leserin Jem da regelmäßig voraus war, hat mich das weiterhin neugierig auf die noch kommenden Entwicklungen gemacht, und so war das Buch deutlich befriedigender zu lesen als „klassische“ Varianten dieses Krimithemas.

H.L. Macfarlane und Adie Hart (Hrsg.): Once Updon a Season 3 – Once Upon a Spring (Anthologie)

Eine Anthologie mit sechzehn sehr unterschiedlichen Geschichten rund um das Thema „Frühling“. Während ich normalerweise einen extra Anthologie-Beitrag anlege, um meine Eindrücke und Gedanken zu den einzelnen Geschichten festzuhalten, bin ich hier auf zu viele Texte gestoßen, die mich nicht überzeugen konnten. Ich mochte von Adie Hart „Far Far Away“, eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, in der eine Bibliothekarin das „Dornröschen“ rettet, indem sie ihm hilft, die verlorenen 100 Jahre an Wissen aufzuholen. Das war eine sehr süße Geschichte, die ich mir Freude bereitet hat. Oh, und die Hades-und-Persephone-Geschichte „She Vanishes“ von Josie Jaffrey war auch sehr nett zu lesen, aber sonst haben die meisten Beiträge leider wenig (gute) Eindrücke bei mir hinterlassen.

Caroline O’Donoghue: The Gifts that Bind Us (The Gifts 2)/Caroline O’Donoghue: Every Gift a Curse (The Gifts 3)

Im Prinzip kann ich hier noch einmal wiederholen, was ich zum ersten Band („All Our Hidden Gifts“) geschrieben hatte: Ich mochte den zweiten und dritten Teil der The-Gifts-Trilogie, auch wenn ich mir wieder relativ viel Zeit mit dem Lesen gelassen habe, weil ich es so unangenehm fand, mehr über die „konservative/religiöse“ Gruppe zu lesen, die in diesen Romanen die Gegenspieler der Protagonistin Maeve und ihrer Freunde sind. Genau genommen finde ich sogar, dass die Geschichte mit jedem Band besser wird, weil Maeve sich – auch wenn sie immer wieder Mist baut – definitiv weiterentwickelt und erwachsener wird. Außerdem führt Caroline O’Donoghue neue Charaktere ein, die den fantastischen Teil ihrer Welt erweitern und so zu überraschenden Lösungen für das eine oder andere Problem sorgen. Ich habe mich mit der Trilogie sehr gut unterhalten gefühlt und bin gespannt, wie sich die Bücher für mich bei einem Reread irgendwann anfühlen werden.

Sandra Wickham: Death Coach, Vampires (Death Coach 2)

Noch eine Fortsetzung, zu der ich eigentlich all das, was ich schon zum ersten Band („Death Coach“) geschrieben hatte, noch einmal wiederholen könnte. Aber da ich mich so darüber gefreut hatte, dass Sandra Wickham das Niveau ihres Debütromans mit dieser Fortsetzung halten kann, wollte ich das hier noch einmal extra betonen. In diesem zweiten Teil der Death-Coach-Reihe lernt die Protagonistin Amy mehr über all die fantastischen Elemente in der Welt, die sie bis vor kurzem ignoriert hatte. Genau genommen lernt sie deutlich mehr über Vampire und über die Geister, mit denen sie kommunizieren kann. Außerdem findet sie sich immer mehr in ihrer Rolle als Death Coach zurecht und sammelt weitere Personen um sich herum, die ihr dabei helfen. Ich muss zugeben, dass ich die Nebenfiguren dieses Mal interessanter fand als Amy selbst, aber das ist ja nicht schlimm. Alles in allem ist das eine ungewöhnliche Urban-Fantasy-Reihe, die ich so unterhaltsam finde, dass ich sie weiter im Auge behalten werde.

Kate Griffin: Kitty Peck and the Music Hall Murders

Von Kate Griffin hatte ich vor einigen Jahren ein wirklich ungewöhnliches (Urban-)Fantasybuch („The Madness of Angels“) gelesen, das mich wirklich fasziniert hatte. (Auch wenn ich die Fortsetzungen immer noch ungelesen im Regal stehen habe, weil ich das Gefühl habe, ich müsste mir mal ganz in Ruhe Zeit für die Reihe nehmen.) Als ich also vor einiger Zeit mitbekam, dass die Autorin auch einen historischen Krimi geschrieben hat, dachte ich, das sei eine gute Gelegenheit, mehr von Kate Griffin zu lesen, ohne mich „langfristig“ auf etwas einlassen zu müssen. „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ spielt im Jahr 1880 in Limehouse (London), und die Handlung wird aus Sicht der siebzehnjährigen Kitty erzählt, die seit ein paar Jahren hinter den Kulissen einer Music Hall arbeitet.

Diese Music Hall gehört Lady Ginger, einer Drogenbaronin, in deren Händen das Schicksal der meisten Personen in Limehouse liegt und die es als persönlichen Angriff auf ihr Geschäft wertet, als nach und nach Music-Hall-Mädchen verschwinden. Obwohl keine Leichen gefunden werden, steht schnell fest, dass keines der Mädchen freiwillig verschwunden ist, und „natürlich“ kann eine Person wie Lady Ginger nicht die Polizei auf den unbekannten Täter ansetzen. Also wird Kitty damit beauftragt herauszufinden, was mit ihren Kolleginnen passiert ist. Dieser Auftrag sorgt dafür, dass sie – statt weiter hinter den Kulissen von „The Gaudy“ zu arbeiten – ganz neue Fähigkeiten lernt und als neue Sensation auf der Bühne ins Scheinwerferlicht rückt. Allerdings bedeutet das auch, dass ihr Leben keinen Penny mehr wert sein wird, wenn sie Lady Ginger nicht so bald wie möglich den Verantwortlichen für das Verschwinden der Mädchen präsentieren kann.

Es gibt zwei Punkte in der Geschichte, die mir Probleme bereiten. Einmal die Tatsache, dass sexueller Missbrauch ständig ein Thema und eine Bedrohung für Kitty ist, ohne dass diese Szenen mehr zur Handlung beitragen als zu zeigen, wie sehr das Wohlergehen der (noch jungfräulichen) Protagonistin von den Launen der diversen Männer abhängig ist – was spätestens nach der ersten solchen Szene deutlich genug ist, um nicht ständig wieder aufgegriffen werden zu müssen. Den zweiten Punkt finde ich aber noch gravierender, und das ist der Widerspruch, der sich für mich daraus ergibt, dass Kitty auf der einen Seite von anderen Personen immer als intelligent und einfallsreich beschrieben wird, aber auf der anderen Seite so gar keine Initiative entwickelt, wenn es um die Ermittlungen rund um die verschwundenen Mädchen geht.

Es gibt so viele Gründe, wieso es für Kitty wichtig ist, dass sie so schnell wie möglich herausfindet, was mit ihren Kolleginnen passiert sein könnte. Aber sie ist trotzdem wochenlang vollkommen zufrieden damit, als passive Beobachterin zu agieren – und die einzige Begründung, die den Leser*innen dafür geboten wird, ist, dass sie doch gar nicht weiß, wie Ermittlungen geführt werden. Von einer Person, die sonst nicht auf den Mund gefallen ist, die zumindest einige der Opfer sehr gut kannte und deren eigenes Wohlergehen von ihrem Erfolg abhängt, finde ich das etwas … schwach. Es gäbe so viele Dinge, über die sie zumindest hätte nachdenken können, und es gäbe so viele Personen, mit denen sie hätte reden können, aber statt aktiv Erkundigungen anzustellen, lässt sie sich von ihrem Chef und Lady Ginger wochenlang aufwändig für die Bühne trainieren, nur um dann als Köder zu enden.

Ein Köder, dessen Leben (oder Erfolg beim Mörderfang) nicht wichtig genug zu sein scheint, um von irgendjemandem beschützt zu werden. Was mich zu der Frage bringt, welchen Sinn so ein Köder haben soll, wenn eventuell gewonnenes Wissen nicht mehr weitergeleitet werden kann, weil die einzige Person, die darüber verfügt, leider ermordet wurde. Ich muss gestehen, dass ich spätestens nach dem ersten Drittel dieses Romans ziemlich frustriert war, weil ich so viele Punkte schrecklich unrund fand. Der Krimianteil ist von der Autorin wirklich schlecht und unlogisch konstruiert worden, und wenn eine bestimmte Person Kitty zeitnah eine Sache aus der Vergangenheit erzählt hätte, hätte sich der gesamte Fall innerhalb der ersten 100 Seiten erledigt. All diese unstimmigen Elemente rund um Kittys Ausbildung als Bühnen-Künstlerin, die Details rund um das verübte Verbrechen und dazu noch Lady Gingers Verhalten haben mich beim Lesen so unglaublich frustriert.

Ich will gar nicht erst von der Grundidee anfangen, dass eine Verbrecherkönigin eine Siebzehnjährige als Ermittlerin einsetzt, statt einige Polizisten in der Hand zu haben, die für sie die Drecksarbeit machen, auch wenn ich zugeben muss, dass es am Ende der Geschichte fast so etwas wie eine Begründung für Lady Gingers Handeln gibt. Aber da die genauso wenig glaubhaft war wie viele andere Aspekte in diesem Buch, tröstet mich das auch nicht über diese schwache Ausgangsidee hinweg. Dabei hätte ich das Buch mit all seinen Details rund um das Leben in Limehouse wirklich gern genossen. Ich mag normalerweise Romane, die das Leben in einer Gegend zeigt, die so sehr von der Seefahrt und den dazugehörigen Schattenseiten geprägt ist wie das historische Limehouse. Ich freue mich, wenn solche Beschreibungen sich eher realistisch als romantisch anfühlen, und ich genieße es, wenn solche Geschichten dann auch die dementsprechende Vielfalt bei den Charakteren aufweisen. Aber obwohl Kate Griffin wirklich viele atmosphärische Szenen rund um das historische Limehouse in „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ eingebaut hat, konnten mich diese nicht über die restlichen Unstimmigkeiten in der Handlung hinwegsehen lassen.

Jacqueline Benson: The Fire in the Glass (The London Charismatics 1)

„The Fire in the Glass“ ist eins von zwei Büchern von Jacqueline Benson, die bei einer Werbeaktion für verschiedene Fantasy-Untergenres auf meinem eReader gelandet sind. Ich habe mich eigentlich gut von der Geschichte unterhalten gefühlt, aber so recht weiß ich noch nicht, ob ich die Reihe weiter verfolgen will. Die Protagonistin Lilith (Lily) Albright lebt im Jahr 1914 in London und verfügt über die Gabe, Katastrophen vorhersehen zu können. Allerdings hat sie in ihrem gesamten bisherigen Leben nichts mit dieser Gabe anfangen können, und die Tatsache, dass sie die Ermordung ihrer Mutter vorhersehen, aber nicht verhindern konnte, plagt sie bis heute. Außerdem hat Lily ein Problem damit, dass sie die illegitime Tochter eines einflussreichen Lords ist und sie zwar die Erziehung einer höheren Tochter genossen hat, aber niemals als potenzielle Ehefrau für einen Mann von Rang angesehen werden kann.

Zu Beginn der Geschichte sieht Lily voraus, dass ihre Nachbarin Estelle ermordet wird, während vor den Fenstern Schnee fällt. Da gerade Februar ist, kann sie sich nicht sicher sein, ob der Mord in den nächsten Tagen oder erst in einigen Monaten stattfinden wird, außerdem geht sie sowieso davon aus, dass sie die Tat nicht verhindern kann. Estelle hingegen, die als Medium ihr Geld verdient, merkt, dass Lily etwas vor ihr verheimlichtm und bringt sie zu einer Gesellschaft von „Charismatics“ (Personen mit ungewöhnlichen/übernatürlichen Begabungen). Obwohl Lily sich weiterhin sicher ist, dass sie nichts an Estelles Ermorung ändern kann, ist sie fasziniert von den Informationen, die sie dort über ihre Begabung und die der anderen erhält. Außerdem erfährt sie, dass in den letzten Wochen so einige Personen, die ihren Lebensunterhalt mit (angeblichen oder wirklich vorhandenen) übernatürlichen Fähigkeiten verdienten, umgebracht wurden.

Um mehr über den Mörder herauszufinden, müsste Lily die anderen Charismatics um Hilfe bitten – vor allem die besondere Begabung von Lord Strangford könnte ihr entscheidende Hinweise bieten – doch Lily fällt es schwer, sich anderen Personen anzuvertrauen und nicht alles allein in Angriff zu nehmen. Und damit wären wir dann schon bei den zwei Problemen, die ich mit der Geschichte hatte: 1. Lily ist sich sicher, dass die Tatsache, dass sie (bekannterweise) die Tochter eines Lords und seiner Schauspielerinnen-Geliebten ist, dafür sorgt, dass niemand sie jemals als potenzielle Partnerin sehen kann, und 2. ist Lily besessen davon, sich auf niemanden zu verlassen, weil sie in ihrem Leben ja schon soooo oft enttäuscht wurde. Ich bin mir sicher, dass der Roman locker 100 (von 500) Seiten kürzer hätte sein können, wenn diese Handlungselemente nicht immer wieder wiederholt worden wären, ohne dass ich irgendein wichtiges Element in der Geschichte verpasst hätte.

Wenn ich also diesen Teil von Lilys Persönlichkeit in Betracht ziehe, dann kann ich definitiv sagen, dass ich die Serie nicht weiterlesen möchte. Auf der anderen Seite mochte ich, wie Jacqueline Benson das Leben in London darstellte und sich dabei quer durch alle Schichten bewegte. Es gibt eine ziemlich coole Szene, in der Lily und ein paar andere Personen illegal ein Grab öffnen, es gibt Beschreibungen von Krankenhäusern, die ziemlich erschütternd sind, und dann als großer Gegensatz eine Ausstellungseröffnung in einer Galerie, bei der sich die crème de la crème tummelt. Außerdem fand ich die diversen unterschiedlichen Begabungen der „Charismatics“ sehr spannend und würde gern mehr über diese Charaktere lesen. Es ist von Anfang an offensichtlich, wer hinter den Morden steckt (und welches Motiv die Person dafür hat). Aber ich finde es anerkennenswert, dass es Jacqueline Benson trotzdem gelang, Lilys Bemühungen, Beweise gegen den Täter zu finden, so fesselnd zu schreiben, dass ich trotz meiner beiden großen Kritikpunkte immer weiter gelesen habe. Das Ende gab mir dann sogar die Hoffnung, dass Lily ihre Lektion gelernt hat und bereit ist, in Zukunft mit anderen zusammenzuarbeiten (und sich sogar auf eine Beziehung einzulassen) – ich weiß nur nicht, ob ich dieser Hoffnung genug vertraue, um mir den zweiten Band zu besorgen …

Lucy Strange: The Ghost of Gosswater

„The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange dreht sich um die zwölfjährige Lady Agatha Asquith of Gosswater, die am Morgen nach dem Tod ihres Vaters erfährt, dass dieser gar nicht mit ihr verwandt war und dass sie auf Veranlassung von Cousin Clarence – dem Erben des verstorbenen Earls – den Herrensitz verlassen und in Zukunft bei ihrem leiblichen Vater leben soll. Für Agatha bricht eine Welt zusammen, sie kann kaum glauben, dass der Gänsezüchter Thomas Walters wirklich ihr Vater sein soll und dass das Ganze keine Intrige von Clarence ist. Dazu kommt noch, dass niemand ihr erklärt, wieso sie die ersten Jahre ihres Lebens als Tochter des Earls auf dem Herrensitz verbracht hat, oder wer ihre Mutter war und wieso sie nicht von dieser aufgezogen wurde.

Ich muss gestehen, dass Agatha genau betrachtet einige nicht gerade sympathische Wesenszüge besitzt. Sie ist nicht nur ständig wütend, sondern auch rachsüchtig, materialistisch und häufig ignorant, aber auf der anderen Seite ist sie so einsam, so hilflos und trotzdem so entschlossen, auch in der schlimmsten Situation weiter Haltung zu zeigen, dass ich sie schnell ins Herz geschlossen habe. Vor allem aber will sie unbedingt die Wahrheit über ihre Herkunft herausfinden, auch weil dieses Wissen anscheinend mit dem Verschwinden des legendären weißen Opals von Gosswater Hall und mit dem Geist, der ihr in der Silvesternacht erschienen ist, zusammenhängt. Neben dem bösen und gierigen Cousin Clarence und einem unheimlichen Friedhofswärter gibt es in der Handlung natürlich noch einige nette Figuren, die Agatha in den Wochen nach dem Tod des Earls kennenlernt und die ihr dabei helfen, mehr über ihre Herkunft herauszufinden.

Mir hat diese Geschichte gut gefallen, ich habe mit Agatha mitgelitten und mir gewünscht, es würde endlich mal einer der Erwachsenen den Mund aufmachen und über die Vergangenheit reden, und ich habe mich gefreut, als sie mit Bryn Black einen gleichaltrigen Freund findet, der mit ihr kleine Abenteuer unternimmt. Außerdem kann man mich mit einer Mischung aus düsteren und unheimlichen Momenten und gemütlichen und häuslichen Szenen immer kriegen – ich mag das einfach. Ich muss allerdings zugeben, dass das Geheimnis rund um Agathas Herkunft nicht gerade undurchschaubar war, aber dafür stand die ganze Zeit die Frage im Raum, wie Agatha langfristig mit Cousin Clarence fertig werden würde. Dazu gab es so viele atmosphärische Beschreibungen und nette Momente rund um ihr neues Leben in dem kleinen Cottage, dass ich mich mit diesem Buch insgesamt wirklich gut unterhalten gefühlt habe.

Der Geisteranteil in „The Ghost of Gosswater“ ist allerdings deutlich weniger unheimlich als die ganzen Auseinandersetzungen mit Cousin Clarence oder einige der Konfrontationen mit dem Friedhofswärter Sexton Black. Wenn ihr also eine wirklich gruselige Geistergeschichte für Jugendliche sucht, dann solltet ihr eher zu „The Haunting of Aveline Jones“ greifen. Dieser Roman bietet dafür einen eher freundlichen Geist, ein einsames Mädchen im Lake Destrict im Jahr 1899, einen widerlichen Bösewicht, atmosphärische Landschaftsbeschreibungen und viele Szenen rund um die Suche nach der eigenen Identität und das Finden von Freunden und Familie. Für mich war das eine stimmige Mischung, und ich habe mir nach dem Lesen noch die beiden anderen bislang veröffentlichten Titel der Autorin („The Secret of Nightingale Wood“ und „Our Castle by the Sea“) auf die Merkliste gesetzt.

Y. S. Lee: A Spy in the House (The Agency 1)

Über die Autorin Y. S. Lee bin ich in der „The Underwater Ballroom Society“-Anthologie gestolpert, und da mir ihre Kurzgeschichte „Twelve Sisters“ so gut gefiel, habe ich nach anderen Veröffentlichungen von ihr Ausschau gehalten. „A Spy in the House“ ist der Debütroman der Autorin, und mir hat die Geschichte rund um die siebzehnjährige Mary, die mit zwölf Jahren zum Tod durch den Galgen verurteilt wurde und stattdessen eine neue Identität und eine Ausbildung als Spionin bekam, sehr gut gefallen. Marys erster Auftrag führt sie in den Haushalt des Händlers Thorold, der unter dem Verdacht steht, aus Indien und China geschmuggelte Waren unterschlagen und seine Schiffe fälschlich als verloren gemeldet zu haben. Mary weiß nicht, wer den Auftrag erteilt hat, und als Anfängerin im Geschäft soll sie nur die Vorgänge in der Familie beobachten und alle verdächtigen Informationen an ihre Vorgesetzte weiterleiten. Doch natürlich möchte Mary beweisen, dass sie gut genug für diesen Job ist, und so beginnt sie, ihre Nase aktiver in die Angelegenheiten der Thorolds zu stecken, und entdeckt so einige schmutzige Geheimnisse.

Mir hat es sehr gut gefallen, dass Marys Charakter eine glaubwürdige Mischung aus Stärken und Schwächen aufweist, die dafür sorgen, dass sie immer wieder zwischen Überschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und Zweifeln an diesen schwankt. So findet sie zwar einige Dinge über die Familie Thorold heraus, indem sie ihre „nur beobachten“-Anweisung missachtet, stört damit aber auch die Ermittlungen ihrer (ihr unbekannten) erfahreneren Kollegin. Aber nicht nur Marys Darstellung hat mir gefallen, sondern auch die verschiedenen Nebencharaktere, die selten ins Stereotypische abgleiten und dafür im Laufe der Handlung Facetten zeigen, die sie stimmig und realistisch wirken lassen. So bekommt man die Geschichte nicht nur aus der Sicht von Mary erzählt, sondern auch aus der Perspektive von James Easton, der aus ganz eigenen Gründen versucht, mehr über die Geschäfte von Mr. Thorold herauszufinden.

Ebenso beeindruckend wie die Charaktere waren die atmosphärischen Beschreibungen von Y. S. Lee rund um das alltägliche Leben im Jahr 1858 in London, inklusive des Einflusses der Themse (und ihrer Verschmutzung) auf das Klima und die aktuellen Großbaustellen der Stadt. Die Autorin streift in „A Spy in the House“ die unterschiedlichsten Themen vom Leben in einem finanziell gut gestellten bürgerlichen Haushalt über die Lebensumstände einer Familie in ärmeren Verhältnissen und das Leben von ausländischen Seemännern in London bis zur Höhe von Bestrafungen für (kleinere) Verbrechen. Marys „verbrecherische“ Karriere, ihre überraschende Aufnahme in die Agency und ihre Herkunft bieten dabei für Y. S. Lee viele Ansatzpunkte, um all diese Aspekte natürlich in die Handlung einfließen zu lassen. Außerdem hat mich die Autorin immer wieder mit humorvollen Szenen überrascht, die ich an diesen Stellen der Handlung so nicht erwartet hätte, die mich aber wunderbar unterhalten haben.

Auch der Krimianteil in „A Spy in the House“ ist solide konstruiert und mit genügend Nebensträngen versehen, so dass man schön mitraten (und sich stellenweise in die Irre führen lassen) kann. Die Identität des „großen Bösewichts“ fand ich zwar am Ende nicht so überraschend, aber die Aufdeckung – inklusive des klassischen Geständnisses gegenüber dem nächsten Opfer – war gut genug geschrieben, dass ich damit definitiv nicht unglücklich war. Insgesamt bin ich mehr als zufrieden mit dem Roman und freu mich sehr, dass die Reihe rund um Mary und „The Agency“ vier Bände umfasst, so dass ich mich auf drei weitere Bücher freuen kann, die mir hoffentlich ebenso unterhaltsame Lesestunden bereiten wie der Auftaktband.

Krista D. Ball: A Magical Inheritance (Ladies Occult Society 1)

Ich muss sagen, ich habe in letzter Zeit wirklich ein gutes Händchen bei der Auswahl meiner Lektüre bewiesen, so auch bei dieser „Mannerpunk“-Geschichte. Krista D. Balls „A Magical Inheritance“ spielt in einem alternativen „Regency England“, in dem Magie bzw. das Okkulte zwar nicht in allen Kreisen gut angesehen, aber doch relativ normal ist. Die Protagonistin Elizabeth Knight ist die älteste Tochter ihrer Familie und zum großen Ärger ihres Vaters mit 28 Jahren noch immer unverheiratet, während er selbst vor einem Jahr zum dritten Mal geheiratet hat. Zu Beginn des Romans erhält Elizabeth die Nachricht, dass ihr Onkel gestorben ist und ihr nicht nur einen großzügigen Geldbetrag, sondern auch 300 Bücher, die Teil seiner okkulten Bibliothek waren, hinterlassen hat. Nur mit großer Mühe erhält sie die Erlaubnis ihres Vaters nach London zu reisen, um ihrer Tante Cass in ihrer Trauer beizustehen und sich um ihr Erbe zu kümmern. Doch als sie bei ihrer Tante ankommt, findet sie mehr als ihre 300 geerbten Bücher vor und muss zusätzlich auch noch feststellen, dass eines der Bücher mit ihr spricht. Genauer gesagt gelingt es Elizabeth unabsichtlich den in dem Buch festgehaltenen Geist einer Mrs. Egerton soweit freizusetzen, dass diese ihr bei ihren Studien des Okkulten beistehen kann.

So seltsam – und vermutlich langweilig – es sich anhört, wenn ich sage, dass sich der Großteil der Handlung darum dreht, dass Elizabeth gemeinsam mit ihrer Tante (und später weiterer Unterstützung durch Freunden) die Sammlung okkulter Bücher ihres verstorbenen Onkels sortiert, katalogisiert und zum Teil verkauft, so unterhaltsam fand ich „A Magical Inheritance“. Elizabeth Situation innerhalb ihrer Familie ist recht unschön (die beste Verbündete scheint Stiefmutter Nr. 2 zu sein, die fünf Jahre jünger als Elizabeth ist,) und gerade deshalb habe ich es genossen sowohl von den langjährigen, also auch von den neuen Freundschaften in ihrem Leben zu lesen. Dazu kommt, dass Elizabeths Leben durch die Erbschaft recht aufgewühlt wird und sie einen Weg finden muss, um ihr Geld vor den gierigen Fingern ihres Vaters zu sichern, ohne ihre Familie gegen sich aufzubringen, da diese ihr trotz aller Vorfälle in der Vergangenheit doch am Herzen liegt.

Neben sehr schön charakterisierten Figuren und amüsanten Dialogen findet man in „A Magical Inheritance“ so einige sehr atmosphärische Beschreibungen der Regency-Zeit. Krista D. Ball hat ihren Abschluss in englischer Geschichte gemacht und das merkt man dem Roman auch an. Elizabeth kommt im Laufe der Handlung mit den verschiedensten Seiten der Lebens in London in Berührung und ich habe selten so stimmige Darstellungen von den Wohn- und Lebenssituationen der verschiedensten Charaktere gelesen. Egal, ob die Protagonistin eine ehemalige Dienstbotin ihres Onkels in einem der Elendsviertel oder einen Händler besucht oder ob sich eine Szene um das Leben im Haus ihrer (sehr wohlhabenden) Tante Cass dreht, es fühlt sich aufgrund der vielen Details realistisch an. Dazu kommt, dass sich Elizabeth und ihre Freundinnen so einige Gedanken um ihre Position als Frau in einer Gesellschaft machen, in der Besitz fast ausschließlich in den Händen von Männern liegt und Bildung (oder gar die Ausübung von Magie) für eine Frau schwer zu erlangen ist. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, das diese Frauen mit ihrem Benehmen und Überlegungen unstimmig für die dargestellte Zeit wären, sondern dass die Probleme, die ihnen ihre eingeschränkten Rechte bereiteten, so groß waren, dass sie gar nicht anders konnten als über diese großen Ungerechtigkeiten in ihrem Leben nachzudenken.

So scheut Krista D. Ball in ihrem Roman nicht vor unerfreulichen Themen und erschreckend realistischen Darstellungen der Situation in den Elendsvierteln zurück und schafft es trotzdem eine heitere Geschichte zu schreiben, die ich wirklich gern gelesen habe. Außerdem fand ich es angenehm, dass die Freundschaft zwischen Elizabeth und mehreren anderen Frauen der zentrale „Beziehungspunkt“ in dem Buch war und keine „klassische“ Liebesgeschichte. Es wird zwar erwähnt, dass es mal einen Mann in ihrem Leben gab, aber insgesamt ist eine Beziehung oder gar eine Heirat für die Protagonistin zu diesem Zeitpunkt kein Thema. Dies wiederum ist natürlich der Hauptgrund, wieso sie so auf die egoistischen und skrupellosen Männer in ihrer Familie angewiesen ist, was immer wieder in der Geschichte angesprochen wird, aber grundsätzlich fand ich es so erfrischend in einem solchen Roman keinen „Helden“ vorzufinden, der Elizabeth vor ihrer lieblosen Familie „rettet“.

Darcie Wilde: A Purely Private Matter (Rosalind Thorne Mystery 2)

Zu meiner großen Überraschung ist es schon über ein Jahr her, dass ich „A Useful Woman“ von Darcie Wilde gelesen habe. Ich war mir sicher, dass ich das erst vor wenigen Wochen gelesen hatte, auch weil ich noch sehr lebhafte Erinnerungen an den Roman habe. Doch so gut mir der Auftaktband der Rosalind-Thorne-Mysterys gefallen hat, nach dem Lesen von „A Purely Private Matter“ kann ich sagen, dass der zweite Teil der Reihe definitiv noch besser ist. Dieses Mal wird Rosalind von ihrer Freundin Alice Littlefield gebeten, sich um die Probleme ihrer Bekannten Margaretta Seymore zu kümmern. Mrs. Seymore ist eine schöne und charismatische Frau, die für ihre romantischen Gedichte bekannt geworden ist. Doch ihre Stellung in der Gesellschaft (und die Zukunft ihres ungeborenen Kindes) wird dadurch gefährdet, dass ihr Mann (Captain William Seymore) den berühmten Schauspieler Fletcher Cavendish auf Schadensersatz verklagen will, da dieser – laut der Vorwürfe des Captains – ein Verhältnis mit Margaretta haben soll. Bevor Rosalind noch viel mehr über die Hintergründe dieser unschönen Geschichte erfahren kann, wird Mr. Cavendish in der Garderobe seines Theaters ermordet.

Das Grundthema ist auch in diesem Roman wieder die unsichere Stellung von Frauen der Gesellschaft in der Georgianischen Zeit, denn nicht nur Margaretta Seymores Position, sondern auch Rosalinds Stellung – die für ihre Arbeit immens wichtig ist – wird immer wieder durch die Ereignisse rund um den Mord gefährdet. So muss Rosalind bei ihren Ermittlungen rund um den Tod von Fletcher Cavendish immer wieder gut abwägen, wie weit sie gehen kann und ob sie es riskieren darf, eine höherstehende Person – wie zum Beispiel Margarettas Schwager Lord Bertram – zu verärgern. Darcie Wilde zeichnet in „A Purely Private Matter“ das Bild einer Familie, die durch interne Machtspiele und Eifersüchteleien zerrüttet ist und in der jeder seine eigenen Intrigen zu spinnen scheint. Dazu kommt, dass Rosalind sich von Anfang an der Tatsache bewusst ist, dass ihre Klientin ihr nicht die ganze Wahrheit (oder vielleicht sogar direkte Lügen) erzählt hat. Mir hat es sehr viel Spaß bereitet, all die verschiedenen Familienmitglieder der Seymores kennenzulernen und herauszufinden, wer vielleicht ein Motiv hätte, Margaretta zu kompromittieren oder ihren Mann gegen sie aufzuhetzen.

So gut mir „A Useful Woman“ schon gefallen hat, so muss ich zugeben, dass in diesem ersten Band um Rosalind die Handlung recht gemächlich erzählt wurde, weil auch erst einmal die Vorgeschichte der Protagonistin eingeflochten werden musste. In „A Purely Private Matter“ wird die Handlung dem Lesern deutlich dichter präsentiert, und auch den Kriminalfall fand ich besser konstruiert. Immer wieder gibt es neue Figuren, die weitere Informationen zu dem Fall beitragen, und nie kann sich Rosalind darauf verlassen, dass Margarette ihr (oder den offiziellen Ermittlern) dieses Mal die Wahrheit sagen wird. Dafür bekommt sie aus der einen oder anderen unerwarteten Quelle Hilfe bei ihren Nachforschungen (und ich hoffe sehr, dass diese Nebenfiguren auch in dem nächsten Roman wieder einen Auftritt haben werden, da sie einfach wunderbar waren)! Das alles sorgt für eine zügig zu lesende und wirklich unterhaltsame Geschichte mit der einen oder anderen überraschenden Wendung. Mir gefällt es, wie Darcie Wilde ihre Charaktere gestaltet und mir so das Gefühl gibt, dass das realistische Personen mit Stärken und Schwächen sind, und wie vielfältig sie die Gesellschaft in London im Jahr 1818 darstellt. In ihren Bücher kommen ebenso selbstverständlich Personen vor, die im Rang aufgestiegen sind, wie Figuren, die von einem Tag auf dem anderen tief gefallen sind, und auch wenn nicht jeder von ihnen sympathisch dargestellt wird, so bekommt man doch ein Gefühl für ihr Leben und für ihre Motive.

Was mir noch angenehm aufgefallen ist: Rosalind fällt hier und da aus der Rolle. Sie ist von Anfang an wütend, weil sie das Gefühl hat, sie wurde von Margaretta benutzt. Und während sie im ersten Band froh war, dass ihr die gesellschaftlichen Regeln Halt und Sicherheit bieten, so ist sie inzwischen so weit, dass sie es stellenweise fast genießt, wenn sie aus diesen Regeln ausbrechen kann. Ich finde es spanned, wie sie sich als Figur entwickelt, und hoffe, dass die Autorin das auch im kommenden Band so weiterführen wird. Worauf ich persönlich hätte verzichten können, ist die – zum Glück nicht so dominierende – „Dreiecksgeschichte“ zwischen Rosalind, ihrer ersten großen Liebe, dem Duke of Casselmain, und dem Bow Street Runner Adam Harkness. Für beide Männer empfindet Rosalind etwas (und diese für sie), aber mit keinem von beiden kann sie sich eine Zukunft vorstellen. Mir wäre es lieber, wenn sich einfach alle Beteiligten auf eine respektvolle Freundschaft einigen würden. Aber da das nicht wahrscheinlich ist, werde ich weiterhin damit leben müssen, dass es hier und da kleine Szenen gibt, in denen all die (un)ausgesprochenen Gefühle zu unbehaglichen Situationen führen. Da dieses „romantische Element“ in der Geschichte aber keine so große Rolle spielt und ich alles andere an diesem Roman wirklich sehr mochte, freue ich mich jetzt schon darauf, dass ich in ein paar Monaten die Taschenbuchausgabe des dritten Teils der Reihe, „And Dangerous to Know“, in den Händen halten kann.

Katherine Woodfine: The Clockwork Sparrow (The Sinclair’s Mysteries 1)

Ich habe keine Ahnung, warum ich so lange um „The Clockwork Sparrow“ von Katherine Woodfinde rumgeschlichen bin (vielleicht, weil es der Auftakt einer vierteiligen Reihe ist?), aber nachdem ich den Roman angefangen hatte, konnte ich ihn nicht mehr aus der Hand legen. Lustigerweise habe ich parallel dazu das Sachbuch „Maud West, Lady Detective“ gelesen und fand in beiden Büchern Elemente, die mich an den anderen Titel erinnerten. Das führt dazu, dass ich mir schon beim Lesen sicher war, dass die Handlung in „The Clockwork Sparrow“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, auch wenn im ganzen Buch keine Jahresangabe zu finden war – erst am Ende fand ich dann die Bestätigung in einem Anhang der Autorin, in der sie auf die Eröffnung von Selfridges im Jahr 1909 verweist.

Protagonistin der Geschichte ist die vierzehnjährige Sophie Taylor(-Cavendish), eine Tochter aus gutem Hause, die nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters einen Weg finden musste, um auf eigenen Füßen zu stehen. So ist es für Sophie ein großer Glückfall, dass sie eine Anstellung als Verkäuferin in der Hutabteilung des bald neu eröffnenden Sinclair’s Department Store in London gefunden hat. Das Leben als Verkäuferin ist zwar ungewohnt und anstrengend, aber die Arbeit macht Sophie Spaß und die Vorfreude auf die Eröffnung des Kaufhauses sorgt für eine aufgeregte Spannung unter den Angestellten. Umso erschütternder ist es, als kurz nach der Eröffnung Schaustücke gestohlen werden, die in einem der Räume ausgestellt worden waren. Zu den gestohlenen Objekten gehört auch der einzigartige „Clockwork Sparrow“, ein mit Juwelen geschmückter mechanischer Vogel, der bei jedem Aufziehen eine andere Tonfolge von sich gibt.

Gemeinsam mit ihren neuen Freunden – Lilian Rose (die als Mannequin bei Sinclair’s arbeitet und gerade ihre erste Bühnenrolle ergattern konnte), Bobby Parker (der eine Ausbildung als „Porter“ bei Sinclair’s begonnen hat) und Joe (dessen Vergangenheit als Gangmitglied ihn jederzeit einholen könnte) – versucht Sophie mehr über den Diebstahl herauszufinden. Mehr möchte ich hier gar nicht über die Handlung verraten, weil es immer wieder Momente gibt, in denen Sophie in Gefahr gerät (und diese geht nicht immer von den Kriminellen aus, die den Diebstahl verübt haben,) und bei denen es gerade die nicht so spektakulären Wendungen sind, die einen als Leser mit der Geschichte mitfiebern lassen. Ich fand es wunderbar, wie Katherine Woodfine von der ersten Seite an Sophies Leben beschreibt und wie man anhand all der vielen kleinen Nebenbemerkungen ein gutes Bild davon bekommt, wie schwierig es ist, unter den Umständen zu überleben, in denen sie sich nach dem Tod ihres Vaters befindet. Umso wichtiger ist für Sophie der Arbeitsplatz bei Sinclair’s und der Rückhalt, den sie im Laufe der Geschichte durch ihre Freunde bekommt.

Ich mochte in „The Clockwork Sparrow“ diese Mischung aus Realismus und Elementen, die man eher in einem Groschenroman von Edgar Wallace erwartet hätte, und fand, dass ein übermächtig wirkender Gangsterboss ebenso wie die später in der Geschichte auftauchenden Spionage-Elemente gerade deshalb so gut in die Handlung passten, weil sie auf Sophie ebenso absurd wirken wie auf den Leser. Außerdem hat es mir gefallen, dass die Autorin es geschafft hat, dass ich regelmäßig um Sophie und ihre Freunde gebangt habe, weil ich mir nicht sicher sein konnte, dass alle heil aus der ganzen Angelegenheit herauskommen. Stattdessen habe ich nach den ersten Kapiteln jederzeit befürchten müssen, dass diesen vier Personen Dinge zustoßen, die vielleicht nicht ihr Leben, aber doch ihre Existenz bedrohen könnten.

Ich habe dieses Mitfiebern beim Lesen sehr genossen, vor allem, da es zwischendurch immer wieder die schönen Momente rund um die Freundschaften, die sich da aufbauten, und den Zauber, den so ein luxuriöses Kaufhaus ausstrahlen konnte, zum Erholen und Genießen gab. Insgesamt haben mich die Charaktere, die Erzählweise, die Handlung und die Atmosphäre in „The Clockwork Sparrow“ so sehr überzeugt, dass ich mir noch vor Beenden des Romans die drei Fortsetzungen der Reihe bei meinem Buchhändler bestellt habe, weil ich einfach nicht wollte, dass ich Sophie und ihr Leben als Verkäuferin in Sinclair’s Hutabteilung so schnell hinter mir lassen musste.