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Lucy Strange: The Secret of the Nightingale Wood

Nachdem ich vor 3 1/2 Jahren (wieso ist das schon wieder so lange her?!) „The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange gelesen hatte, wollte ich unbedingt noch mehr von der Autorin lesen – was dazu geführt hat, dass ich Anfang des Monats „The Secret of the Nightingale Wood“ vom SuB gefischt habe. Das Buch spielt kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Großbritannien und wird aus der Perspektive der elfjährigen Henry (Henrietta) erzählt. Von Anfang an steht fest, dass ein Vorfall rund um ihren älteren Brüder Robert Henrys Familie zutiefst erschüttert hat und dass ihr Vater deshalb mit der gesamte Familie von London in ein kleines Haus an der Küste gezogen ist. Doch der Umzug allein macht natürlich nicht alles wieder gut, und so verbringt Henry einen ziemlich einsamen Sommer, in dem sie keinen Kontakt mit ihrer kranken Mutter hat, ihr Vater beruflich im Ausland ist und sich Nanny Jane vor allem um Henrys Mutter und das Baby (mit dem Spitznamen „Piglet“) kümmert.

Es gibt viele Passagen in „The Secret of the Nightingale Wood“, die sich nach klassischen britischen Kinderbüchern anfühlen, wie zum Beispiel die Momente, in denen Henry das unvertraute Haus oder den angrenzenden Wald hinter dem Grundstück erkundet. Sie lernt so einige neue Menschen kennen, und während manche davon liebenswert skurril oder vertrauenserweckend sind, gibt es doch auch immer wieder Personen, die Henry Angst machen. Das sorgt für viele Momente, die wunderschön und heimelig zu lesen sind, ohne einen vergessen zu lassen, dass die grundsätzliche Stimmung in dieser Geschichte deutlich weniger entspannt ist. Denn neben all den altmodisch-gemütlichen Beschreibungen gibt es noch die Elemente, die auf diese Weise definitiv nicht in Kinderbuchklassikern angesprochen werden. So steht von Anfang an steht fest, dass Henrys Familie um ihren Bruder Robert trauert, auch wenn nicht genau gesagt wird, was mit ihm passiert ist.

Diese Trauer hat Henrys Mutter krank gemacht, auch wenn das Mädchen nicht genau versteht, was mit ihrer Mutter passiert. Was ihr hingegen nur zu bewusst ist, ist, dass der Arzt, der ihre Mutter behandelt, keine Person ist, der das Wohl ihrer Patient*innen am Herz liegt. Stattdessen scheint dieser Arzt davon fasziniert zu sein, dass er endlich eine Möglichkeit hat, „weibliche Hysterie“ zu erforschen. Was ich – als erwachsene Person, die genau weiß, was diese Art von „Forschung“ zu dieser Zeit beinhaltete – beim Lesen mindestens ebenso beängstigend fand wie Henry. Dazu gibt es noch einige Nebenstränge, die sich zum Beispiel um eine rätselhafte Frau im (titelgebenden) Wald drehen oder um ehemalige Soldaten, die im Krieg Verletzungen davon getragen haben. Zu viel will ich hier nicht verraten, denn ich fand es wirklich reizvoll, all diese Dinge aus Henrys Sicht zu erleben.

Henry ist eine wundervolle Protagonistin, die mit viel Fantasie und Mut versucht, ihre zerbrechende Familie zusammenzuhalten und ihre Mutter zu beschützen. Sie hat nicht immer die klügsten Ideen, aber gerade das führt regelmäßig zu unterhaltsamen Szenen, die einen Ausgleich zu den eher düsteren Passagen bilden. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich es herzzerreißend fand, diesen Roman zu lesen, und immer wieder Pausen benötigte, weil ich mit all diesen Charakteren so mitgelitten habe. Für mich als erwachsene Leserin waren einige Elemente in der Geschichte wirklich schwer zu ertragen, was definitiv daran lag, dass ich eben über mehr Wissen verfügte als Henry (oder die 10- bis 12jährige Zielgruppe des Romans). Trotzdem kann ich im Nachhinein sagen, dass ich das Lesen von „The Secret of the Nightingale Wood“ genossen habe und dass so einige Szenen immer noch in mir nachklingen – weshalb ich mir inzwischen den Roman „Sisters of the Lost Marsh“ von Lucy Strange bestellt habe (dessen Inhaltsbeschreibung nach einem wunderbar gruseligem Herbstlesebuch klingt).

Lucy Strange: The Ghost of Gosswater

„The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange dreht sich um die zwölfjährige Lady Agatha Asquith of Gosswater, die am Morgen nach dem Tod ihres Vaters erfährt, dass dieser gar nicht mit ihr verwandt war und dass sie auf Veranlassung von Cousin Clarence – dem Erben des verstorbenen Earls – den Herrensitz verlassen und in Zukunft bei ihrem leiblichen Vater leben soll. Für Agatha bricht eine Welt zusammen, sie kann kaum glauben, dass der Gänsezüchter Thomas Walters wirklich ihr Vater sein soll und dass das Ganze keine Intrige von Clarence ist. Dazu kommt noch, dass niemand ihr erklärt, wieso sie die ersten Jahre ihres Lebens als Tochter des Earls auf dem Herrensitz verbracht hat, oder wer ihre Mutter war und wieso sie nicht von dieser aufgezogen wurde.

Ich muss gestehen, dass Agatha genau betrachtet einige nicht gerade sympathische Wesenszüge besitzt. Sie ist nicht nur ständig wütend, sondern auch rachsüchtig, materialistisch und häufig ignorant, aber auf der anderen Seite ist sie so einsam, so hilflos und trotzdem so entschlossen, auch in der schlimmsten Situation weiter Haltung zu zeigen, dass ich sie schnell ins Herz geschlossen habe. Vor allem aber will sie unbedingt die Wahrheit über ihre Herkunft herausfinden, auch weil dieses Wissen anscheinend mit dem Verschwinden des legendären weißen Opals von Gosswater Hall und mit dem Geist, der ihr in der Silvesternacht erschienen ist, zusammenhängt. Neben dem bösen und gierigen Cousin Clarence und einem unheimlichen Friedhofswärter gibt es in der Handlung natürlich noch einige nette Figuren, die Agatha in den Wochen nach dem Tod des Earls kennenlernt und die ihr dabei helfen, mehr über ihre Herkunft herauszufinden.

Mir hat diese Geschichte gut gefallen, ich habe mit Agatha mitgelitten und mir gewünscht, es würde endlich mal einer der Erwachsenen den Mund aufmachen und über die Vergangenheit reden, und ich habe mich gefreut, als sie mit Bryn Black einen gleichaltrigen Freund findet, der mit ihr kleine Abenteuer unternimmt. Außerdem kann man mich mit einer Mischung aus düsteren und unheimlichen Momenten und gemütlichen und häuslichen Szenen immer kriegen – ich mag das einfach. Ich muss allerdings zugeben, dass das Geheimnis rund um Agathas Herkunft nicht gerade undurchschaubar war, aber dafür stand die ganze Zeit die Frage im Raum, wie Agatha langfristig mit Cousin Clarence fertig werden würde. Dazu gab es so viele atmosphärische Beschreibungen und nette Momente rund um ihr neues Leben in dem kleinen Cottage, dass ich mich mit diesem Buch insgesamt wirklich gut unterhalten gefühlt habe.

Der Geisteranteil in „The Ghost of Gosswater“ ist allerdings deutlich weniger unheimlich als die ganzen Auseinandersetzungen mit Cousin Clarence oder einige der Konfrontationen mit dem Friedhofswärter Sexton Black. Wenn ihr also eine wirklich gruselige Geistergeschichte für Jugendliche sucht, dann solltet ihr eher zu „The Haunting of Aveline Jones“ greifen. Dieser Roman bietet dafür einen eher freundlichen Geist, ein einsames Mädchen im Lake Destrict im Jahr 1899, einen widerlichen Bösewicht, atmosphärische Landschaftsbeschreibungen und viele Szenen rund um die Suche nach der eigenen Identität und das Finden von Freunden und Familie. Für mich war das eine stimmige Mischung, und ich habe mir nach dem Lesen noch die beiden anderen bislang veröffentlichten Titel der Autorin („The Secret of Nightingale Wood“ und „Our Castle by the Sea“) auf die Merkliste gesetzt.