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Rose Donovan: The Mystery of Ruby’s Sugar (Ruby Dove Mystery 1)

Ich weiß nicht mehr, wie ich über „The Mystery of Ruby’s Sugar“ von Rose Donovan gestolpert bin, was bedeutet, dass ich auch nicht mehr weiß, welche Elemente des Klappentextes mich ursprünglich angesprochen hatten. Das kommt davon, dass ich gern Cozies hamstere, um welche auf Lager zu haben, wenn mir nach diesem Genre ist. 😉 Die Handlung wird aus der Sicht von Fina Aubrey-Havelock erzählt, die gemeinsam mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Ruby Dove die Weihnachtstage auf dem Herrensitz Pauncefort Hall verbringt. Doch im Gegensatz zu den restlichen Gästen sind Fina und Ruby nicht eingeladen worden, um eine nette Zeit im Kreis von Familie und Freunden zu verbringen, sondern um ihrer Arbeit als Designerin (Ruby) und Schneiderin (Fina) nachzugehen. Die beiden jungen Frauen finanzieren sich ihr Leben und ihr Studium in Oxford nämlich damit, dass sie reiche Frauen bezüglich ihrer Garderobe beraten und für sie Kleider entwerfen und nähen.

Außerdem ist Ruby auf der Suche nach Papieren, die beweisen sollen, dass die Familie Sykes-Duckworth, in deren Besitz sich Pauncefort Hall befindet, verantwortlich für ein Massaker auf der karibischen Insel St. Kitts war, bei dem ein Verwandter von Ruby ums Leben kam. Als dann Granville Sykes-Duckworth, der älteste Sohn des Hauses, ermordet wird, wollen Ruby und Fina die Tat aufklären, bevor die Polizei in dem eingeschneiten Herrensitz eintreffen kann, damit diese nicht aufgrund der Tatsache, dass das Mordmittel anscheinend Rubys selbstgebrauter Fleckenlöser war, die falschen Schlüsse zieht. Schnell sichern sich Ruby und Fina die Hilfe des Bediensteten Charles, der die beiden mit Informationen über die Familie und Angestellten versorgt.

Ich mochte an „The Mystery of Ruby’s Sugar“ sehr, dass die Geschichte für einen Cozy überraschend politisch ist. Die Handlung spielt Weihnachten 1934 und schon zu Beginn erfährt man, dass einer der Gäste eher links eingestellt ist, während der älteste Sohn des Hauses – ebenso wie einer seiner engsten Freunde – Anhänger des Faschisten Oswald Mosley ist. Und obwohl sich Ruby in der höheren Gesellschaft zu Hause zu fühlen scheint und als Designerin gefragt ist, gibt es natürlich Personen, die ein Problem mit ihrer Hautfarbe haben. Trotzdem ist Ruby nicht die einzige farbige Person bei dieser Gesellschaft, da auch noch zwei Schwestern aus Indien die Weihnachtstage in Pauncefort Hall verbringen.

Ein bisschen zu viel war für mich, dass sowohl Ruby als auch ihre Freundin Fina eine „Vergangenheit“ haben. Während Ruby sich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Bemühungen, das Zuckerimperium der Familie Sykes-Duckworth für das Massaker auf St. Kitts zur Verantwortung zu ziehen, in einer kritischen Position befindet, hat Fina das Problem, dass jeder sich bei ihrem Nachnamen an den Mord an ihrem Vater erinnert. Der Mord an sich wäre schon schlimm genug gewesen, doch die Tatsache, dass Finas Bruder für die Tat verurteilt wurde, facht natürlich die Sensationslust Außenstehender noch weiter an. Außerdem bin ich immer wieder über Szenen gestolpert, bei denen ich das Verhalten der verschiedenen Personen unstimmig fand und mich dann darüber grübeln ließen, ob die Autorin sich was dabei gedacht hat oder nur nachlässig war bei der Darstellung von Umgangsformen. Solche Momente haben regelmäßig dafür gesorgt, dass ich den Roman immer wieder aus der Hand legte, und da die Geschichte zwar unterhaltsam, aber nicht so spannend war, dass ich sie unbedingt zeitnah wieder aufnehmen und weiterlesen musste, hat sich das Lesen überraschend lang hingezogen.

Auch das Ende hat mich frustriert, weil der Mörder und sein Motiv zwar enthüllt werden, aber die Lösung, die nach der Entdeckung des Täters von Ruby vorgeschlagen wird, von der unwahrscheinlichen Voraussetzung ausgeht, dass eine Gruppe von Menschen es schafft, der Polizei eine erfundene Geschichte zu erzählen, ohne dass sich einer der Beteiligten verplappert. Insgesamt bin ich am Schluss recht enttäuscht von „The Mystery of Ruby’s Sugar“ gewesen, denn obwohl die Autorin so eine gute Grundidee hatte, ich die Selbstverständlichkeit mochte, mit der nicht-heteronormative Beziehungen dargestellt wurden, und ich die Tatsache begrüßte, dass mehrere farbige Frauen in der Geschichte vorkamen, konnten mich weder die Erzählweise noch die Auflösung des Romans überzeugen.

Ashley Weaver: Murder at the Brightwell (Amory Ames 1)

Über „Murder at the Brightwell“ von Ashley Weaver bin ich über Twitter gestolpert und da das Buch als „Wohlfühlroman“ und amüsanter Krimi bezeichnet wurde, habe ich mir spontan das eBook runtergeladen und gelesen. Die Handlung spielt im Jahr 1932 und die Geschichte wird aus der Perspektive von Amory Ames erzählt, einer noch relativ jungen Dame der Gesellschaft, die seit fünf Jahren mit Milo Ames verheiratet ist. Dass es mit ihrer Ehe nicht zum Besten steht, erfährt man schon auf den ersten Seiten. Milo ist ein Lebemann, der die vergangenen Monate ohne seine Frau an der Riviera verbracht und sich dort – wenn man den Gesellschaftsseiten der Zeitungen glauben darf – gut amüsiert hat. Trotz dieser Entfremdung zwischen Milo und Amory wird deutlich, dass es doch immer noch zwischen den beiden funkt, auch wenn sie anscheinend nicht wissen, wie sie ihre Ehe retten sollen.

So ganz sicher ist sich Amory auch nicht, ob sie ihre Ehe noch retten will, und so hat sie keine Hemmungen, gemeinsam mit ihrem ehemaligen Verlobten Gil Trent in ein Hotel an der See zu fahren, als dieser sie darum bittet. Dabei hat Gil nichts Romantisches im Sinn, sondern das Wohl seiner kleinen Schwester Emmeline, die sich gerade erst mit Rupert Howe verlobt hat. Gil ist sich sicher, dass Rupert Emmeline nicht liebt und definitiv nicht der richtige Mann für seine kleine Schwester sein wird. So hofft er, dass Amory, die früher einen gewissen Einfluss auf Emmeline hatte, seine Schwester davon überzeugen kann, dass Rupert nicht gut genug für sie ist. Doch bevor Amory überhaupt die Gelegenheit hat, den in dem Hotel am See versammelten Freundeskreis von Gil, Emmeline und Rupert besser kennenzulernen, wird Rupert ermordet und Gil als vermeintlicher Mörder verhaftet. Nun geht es für Amory nicht mehr darum, Emmeline vor dem gleichen Fehler zu bewahren, den sie selbst vor Jahren begangen hat, sondern zu beweisen, dass Gil nicht der Täter ist.

Ein Punkt, den ich an „Murder at the Brightwell“ sehr mochte, ist, dass Amory und der ermittelnde Inspector Jones sehr respektvoll miteinander umgehen. Man hat bei beiden das Gefühl, dass sie anerkennen, dass ihr Gegenüber intelligent ist und dass es ihnen beiden darum geht, dass der Mörder überführt wird. Das ändert natürlich nichts daran, dass Inspector Jones fest davon überzeugt zu sein scheint, dass Gil der Mörder ist, während Amory ebenso fest davon überzeugt ist, dass ihr ehemaliger Verlobter einer solchen Tat nicht fähig wäre. So kommt es, dass Amory gemeinsam mit Milo, der überraschend im Hotel auftaucht, anfängt zu ermitteln. Ich mochte das Zusammenspiel zwischen Amory und Milo sehr, gerade weil die beiden sich die ganze Zeit nicht sicher waren, was der andere empfindet, während es gleichzeitig für den Leser offensichtlich ist, dass die beiden noch Gefühle füreinander haben, sich aber nicht trauen, diese dem anderen einzugestehen, weil sie Ablehnung fürchten.

Der Kriminalfall selbst ist sehr klassisch aufgebaut. Es gibt eine überschaubare Gruppe, die mit dem Opfer bekannt war, und auf den ersten Blick gibt es keinen offensichtlichen Grund dafür, dass jemand Rupert ermorden wollen würde. Gemeinsam mit Amory, die als Außenseiterin dazukommt, lernt man als Leser die verschiedenen Personen und ihre Beziehungen zueinander kennen, was wirklich nett zu lesen ist – wobei ich hier anmerken muss, dass ich die Nebencharaktere nicht so prägnant fand, dass ich auf Anhieb die verschiedenen Personen problemlos zuordnen konnte. Trotzdem habe ich mich gut unterhalten gefühlt und eifrig mitgeraten, wer denn welchen Grund gehabt haben könnte, um zum Mörder zu werden. Ab dem zweiten Mord wurden die Hintergründe zwar dann offensichtlicher, aber insgesamt hat Ashley Weaver einen soliden Kriminalfall konstruiert.

Mir hat „Murder at the Blightwell“ gut gefallen, denn auch wenn die Probleme von Amory und Milo mit einem anständigen Gespräch hätten geklärt werden können, konnte ich die Beziehung der beiden angesichts der Persönlichkeiten der beiden Figuren und der Zeit, in der die Geschichte spielt, so akzeptieren. Ein bisschen haben mich die beiden an Nick und Nora Charles („Der dünne Mann“) erinnert, nur dass Amory nicht über das gleiche Selbstbewusstsein wie Nora verfügt und somit Probleme mit der Lebensweise ihres Mannes hat, statt mit ihm mitzuhalten und ihn regelmäßig herauszufordern. Ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn sich Amory im Laufe der folgenden Bände noch weiter entwickeln und langfristig selbstbewusster mit Milos Verhalten umgehen würde. Alles in allem habe ich mich mit diesem Cozy gut amüsiert und habe schon mal den zweiten Teil der Reihe auf den Merkzettel gesetzt.

Marianne Macdonald: Das Manuskript (Dido Hoare 1)

Da ich immer wieder gern für mich neue Krimiautorinnen ausprobiere, habe ich mir vor Kurzem „Das Manuskript“ von Marianne Macdonald geschnappt, als Irina das Buch (und die Fortsetzung) loswerden wollte. Die Geschichte dreht sich um die Antiquarin Dido Hoare, die vor einigen Jahren mit ihrem damaligen Mann Davey einen Laden in London eröffnete, um wertige gebrauchte Bücher, Drucke und ähnliches zu verkaufen. Inzwischen ist Dido geschieden und versucht allein, das Geschäft am Laufen zu halten, was nicht gerade einfach ist, da sie auch regelmäßig übers Land fahren muss, um bei Haushaltsauflösungen und ähnlichen Anlässen neue Ware für ihren Laden zu ergattern.

Nach einer solchen Fahrt wird sie eines Nachts von einem anderem Wagen verfolgt und bedrängt. Wenig später erhält ihr Vater Barnabas einen Drohbrief, der andeutet, dass dieser Vorfall mit dem Auto nur ein Anfang war. Als dann noch das Antiquariat von Unbekannten auf den Kopf gestellt wird, ohne dass dabei etwas Nennenswertes gestohlen wird, weiß Dido gar nicht mehr, was sie von all den Vorfällen halten soll. Für Barnabas hingegen steht fest, dass hinter diesen Ereignissen Didos Ex-Mann Davey stecken muss, denn der hat schon immer gern für Unruhe gesorgt.

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, was ich von dieser Geschichte halten soll. Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, dass die Protagonistin, ihr Vater und der ermittelnde Polizist den diversen Vorfällen nur hinterherrennen, was zwar etwas unbefriedigend ist, aber sich immerhin realistisch anfühlte, weil keiner von ihnen eine Ahnung hat, wieso all die Dinge passieren. Auf der anderen Seite finde ich den Fall an sich – mitsamt der „verbrecherischen“ Hintergründe – nicht besonders glaubwürdig und fast etwas zu groß für einen Roman, der sich um eine relativ unbedeutende Antiquarin dreht.

Auch mit Dido selbst hatte ich das eine oder andere Problem. Angeblich ist sie längst über ihren Ex-Mann hinweg und hasst ihn, weil er sie betrogen und immer wieder hintergangen hat, auf der anderen Seite braucht es nach gerade mal zwei Jahren Trennung (in denen sich die beiden nicht gesehen haben) nur zwei Essenseinladungen, damit sie wieder mit ihm im Bett landet. Und das, obwohl sie ebenfalls vermutet, dass Davey irgendetwas im Schilde führt und dass das für sie nichts Gutes bedeuten kann. Dabei gelingt es Marianne Macdonald nicht, Davey so charmant darzustellen, dass ich es glaubwürdig finde, dass sich ein Mensch nach dem anderen von ihm über den Tisch ziehen lässt. Noch ärgerlicher wird es, als Dido wenig später nach gerade mal einem Tag Bekanntschaft dem ermittelnden Polizisten näher kommt (wobei man das als Leser erst im Nachhinein erfährt). Aber darüber sollte ich mich nach all den anderen „Kriminalromanen“, in denen die „Beziehung“ zwischen Protagonistin und Ermittler nach genau dem gleichen zügigen Schema abläuft, vermutlich gar nicht mehr ärgern.

Ein weitere Punkt, der mich an Dido gestört hat, war ihre Arbeitsmoral. Irgendwie hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sie es immer nur zufällig geschafft hat, ab und an ihren Laden zu öffnen. Selbst wenn sie morgens „aus Pflichtgefühl“ ihr Geschäft geöffnet hat, dann überkam sie doch regelmäßig die Unlust, Müdigkeit oder einfach nur das Bedürfnis, irgendwo hinzugehen, und schon war das Antiquariat wieder geschlossen. Da ist es mir dann auch egal, ob ständig erwähnt wird oder nicht, dass Dido unglaublich pleite ist, ich kann mir beim besten Wille nicht vorstellen, dass irgendjemand mit diesem Verhalten irgendein Geschäft fünf Jahre über Wasser halten und auch noch davon leben kann. Selbst wenn die Stammkunden an die unregelmäßigen Öffnungszeiten gewöhnt sein sollten und trotzdem immer wieder vorbeikommen, obwohl sie ständig vor verschlossener Tür stehen, dürfte das wohl nicht für ausreichenden Gewinn für ein Geschäft reichen.

Irgendwie werde ich mit diesem Buch immer unzufriedener, je länger ich über die Geschichte und die Figuren nachdenke. Dabei war das Lesen an sich schon nett. Ich konnte den Roman zwar locker aus der Hand legen und hatte nicht gerade das große Bedürfnis weiterzulesen, aber wenn ich die Nase reinsteckte, dann war es irgendwie unterhaltsam und all die Kritikpunkte haben mich nicht so sehr aufgeregt, dass ich ständig versucht war, das Buch aus der Hand zu pfeffern (oder gar meinem armen Mann die ganze Zeit zu erzählen, wie doof das alles doch ist *g*). Da ich den zweiten Band auch noch habe, werde ich den vermutlich auch noch lesen. Aber wenn in der Fortsetzung die Handlungen der Figuren für mich nicht stimmiger dargestellt werden, dann wandern die beiden Bände wohl in den Bücherschrank. Vielleicht findet sie dort jemand, dem sie mehr Vergnügen bereiten.

Diana Wynne Jones: The Ogre Downstairs

„The Ogre Downstairs“ von Diana Wynne Jones gehört zu den Büchern dieser Autorin, die ich bislang noch nicht kannte. Umso mehr habe ich das Lesen dieser Geschichte genossen. Die Handlung dreht sich um Casper, Johnny und Gwinny, deren Mutter (zu Beginn des Romans) seit einem Monat mit einem neuen Mann verheiratet ist. Für ihre Kinder ist der neue Stiefvater nur The Ogre und sie hassen die Veränderungen, die auf seinen Einzug folgten. Nicht nur, dass er seine beiden Söhne Douglas und Malcolm – die bis zu diesem Zeitpunkt in einem Internat untergebracht waren – mit ins Haus brachte, sondern The Ogre mag auch eindeutig keine Kinder. Er verbietet ihnen, rumzulaufen, Lärm zu machen, Musik zu hören und andere Dinge, die normalerweise zu ihrem Alltag gehören, und wenn sie doch mal gegen seine Regeln verstoßen, dann brüllt und droht er.

Da ist es kein Wunder, dass Johnny und Malcolm ziemlich verwundert sind, als The Ogre ihnen eines Tages Chemiebaukästen schenkt – ich muss vermutlich nicht erwähnen, dass die anderen Kinder sich hingegen gekränkt fühlen, weil sie keine Geschenke bekommen haben. So richtig angetan ist Johnny von dem Geschenk nicht, obwohl man damit wunderbar stinkende Sachen zusammenmixen kann. Doch dann entdecken Johnny, Caspar und Gwinny, dass eine der Zutaten sie fliegen lässt und auch in den anderen Pulvern steckt überraschendes Potenzial für abenteuerliche (und gefährliche) Erlebnisse. Ich gebe zu, dass man meinem Gefühl nach der Geschichte anmerkt, dass sie 1974 erstveröffentlicht wurde. Dabei beziehe ich mich weniger auf das Umfeld, in dem die Kinder leben, als auf die episodenhafte Erzählweise, die ich als sehr typisch für ältere (fantastische) Kinderbücher empfinde. Wobei sich bei der Grundvoraussetzung mit den verschiedenen Mittelchen, die die Kinder ausprobieren, natürlich auch solch eine Erzählweise anbietet, da schließlich jedes ein für sich stehendes Abenteuer birgt.

„The Ogre Downstairs“ bietet nicht nur viele fantastische Ideen rund um den Chemiebaukasten und die Abenteuer, die die Kinder damit erleben, sondern auch eine wunderbare Geschichte über Freundschaft und Familie. Ich mochte es nicht nur, dass ich die Sichtweise der verschiedenen Kinder im Laufe der Geschichte kennenlernte, sondern mir gefielen auch die vielen Szenen, in denen sie sich – wenn auch manchmal eher wiederwillig – gegenseitig halfen. Durch den gemeinsamen „Feind“ und die Notwendigkeit, die Ergebnisse ihrer Experimente geheimhalten zu müssen, ergeben sich tolle Momente, in denen sich unerwartete Verbündete finden, wenn eines der Kinder in Schwierigkeiten steckt. So lernen Caspar, Johnny und Gwinny ihre beiden neuen Brüder Douglas und Malcolm nach und nach besser kennen. Aber da Diana Wynne Jones ein Händchen für realistische Charaktere hat, reicht dies natürlich nicht, um ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Kindern zu garantieren, so dass ich einen Teil meiner Zeit nach dem Lesen damit verbracht habe, mir zu überlegen, welches Chaos-Potenzial Johnny und die anderen wohl noch so für die Zukunft mit sich bringen würden.

Allerdings habe ich mich stellenweise beim Lesen auch gefragt, wie ich The Ogre wohl als Kind wahrgenommen hätte. Als erwachsene Leserin sehe ich einen nicht gerade einfach zu nehmenden Mann, der sich aber (zumindest zeitweise) Mühe mit den fünf Kindern gibt und dessen unangenehmere Reaktionen vermutlich vor allem der Überforderung und der Unerfahrenheit im Umgang mit Kindern geschuldet ist. Als Kind hätte ich vermutlich – genauso wie die Protagonisten – nur die beängstigenden Seiten an dem Stiefvater wahrgenommen. Ebenso hätte ich vermutlich die Erschöpfung der Mutter weniger auf die allgemeinen Schwierigkeiten geschoben, die durch den Versuch entstehen, dass die Eltern aus zwei sehr unterschiedlichen Familien eine gemeinsame machen wollen, als auf das Verhalten des neuen Ehemannes. Ich bin mir aber sicher, dass es egal ist, ob man beim Lesen ein gewisses Verständnis für alle Beteiligten aufbringen kann oder nur für die Kinder, aus deren Sicht die Handlung erzählt wird, denn „The Ogre Downstairs“ ist eine wunderschöne und amüsante Geschichte voller fantastischer Elemente, die mich während des Lesens ständig zum Schmunzeln gebracht hat.

Annie Haynes: Inspector Furnival Mysteries

Im Februar habe ich für 49 Cent ein Bundle mit sieben „Golden Age Mysteries“ von Annie Haynes gekauft, in dem unter anderem die Inspector-Furnival-Krimis der Autorin zu finden waren. Annie Haynes gehört zu den Autorinnen, von denen ich vor diesem eBook-Kauf noch nie gehört hatte, obwohl sie bei demselben Verlag verlegt wurde, der auch die ersten Agatha-Christie-Romane veröffentlichte. Da ich immer neugierig auf Autorinnen bin, die in den 1920er Jahren Kriminalromane schrieben, habe ich mich gefreut, dass ich wieder eine mir unbekannte Krimiautorin entdecken konnte. Die „Inspector Furnival Mysteries“ bestehen aus den drei Titeln „The Abbey Court Murder“ (1923), „The House in Charlton Crescent“ (1926) und „The Crow’s Inn Tragedy“ (1927), und wenn ich nach den Veröffentlichungsdaten gehe, dann war „The Abbey Court Murder“ der zweite Roman, den Annie Haynes je geschrieben hat, während „The House in Charlton Crescent“ der sechste und „The Crow’s Inn Tragedy“ das siebte oder achte Buch der Autorin war. Ich betone diese Veröffentlichungsabstände so sehr, weil ich selten eine solche Entwicklung innerhalb einer Reihe gesehen habe wie bei den „Inspector Furnival Mysteries“.

„The Abbey Court Murder“ dreht sich um den Mord an einem Unbekannten – zumindest gelingt es der Polizei lange Zeit nicht, die Identität des Toten herauszufinden. Dem Leser hingegen ist bekannt, dass Lady Judith Carew den Ermordeten nicht nur vor ihrer Hochzeit kannte, sondern auch an dem Abend seines Todes mit ihm verabredet war und sich, als der tödliche Schuss fiel, in dem Apartment befand, in dem der Mord stattfand. Da Inspector Furnival in dieser Geschichte relativ spät in Erscheinung tritt und sich der Großteil der Handlung um die Folgen des Mordes für Lady Judith Carew und ihren Mann dreht, fühlt sich die Geschichte weniger nach Kriminalroman als nach Liebesdrama an. Auch fand ich, dass von Anfang an der Täter und nur wenig später auch das Motiv recht offensichtlich waren, so dass mich beim Lesen weniger die Frage beschäftigte, wer nun den Mord begangen hat, als die Frage danach, wann und wie der Mörder überführt werden würde. Obwohl der Roman bei mir keinen so besonders großen Eindruck hinterlassen hat, habe ich mich aber gut genug unterhalten gefühlt, um auch noch die anderen beiden Inspector-Furnival-Geschichten zu lesen.

Beim zweiten Band, „The House in Charlton Crescent“ hat Annie Haynes dann schon ein deutlich besseres Händchen beim Entwickeln einer Krimihandlung entwickelt. Die Geschichte beginnt damit, dass die alte Lady Anne Daventry einen privaten Ermittler damit beauftragt, ihr Leben zu beschützen. Sie fürchtet, dass eine ihr nahestehende Person sie umbringen will, möchte aber nicht die Polizei einschalten. Doch obwohl der Ermittler Bruce Cardyn alles in seiner Macht Stehende tut, um die alte Frau zu beschützen, wird sie unter aufsehenerregenden Umständen ermordet – und nur fünf Personen (inklusive Bruce Cardyn) kommen für die Tat in Frage. Auch bei dieser Geschichte gibt es den einen oder anderen auf der Hand liegenden Punkt, aber es gibt genügend offene Fragen, damit man sich beim Lesen seine Gedanken um die Geschehnisse machen kann. Außerdem kommen in „The House in Charlton Crescent“ deutlich mehr Personen vor, die in den Kriminalfall verwickelt sind, so dass Annie Haynes immer wieder schöne Szenen mit den verschiedenen Charakteren einflechten kann, die ihre Persönlichkeit oder ihr soziales Umfeld zeigen.

Auch wenn der Sprung zwischen dem zweiten Band und „The Crow’s Inn Tragedy“ nicht so groß ist wie nach dem ersten Buch, so fand ich den dritten Teil noch ein bisschen raffinierter geschrieben, auch wenn ich grundsätzlich die Einbindung einer mysteriösen Diebesbande, so wie sie hier geschildert wird, eher bei etwas trashigeren Titeln erwarte. Hier dreht sich die Geschichte rund um einen ermordeten Anwalt, der sich zum Zeitpunkt seines Todes in einem verschlossenen Raum befand, sehr kostbaren Diamantschmuck in seiner Obhut hatte und – wenn man die Aussage des Arztes und einiger Zeugen vergleicht – eine Stunde nach seinem Tod noch lebendig gesehen wurde. Ein bisschen schade war es, dass einige Figuren nur eine Nebenrolle spielten, obwohl ich gehofft hatte, dass man auch Szenen aus ihrer Perspektive erleben würde. Aber trotzdem hat es mir großen Spaß gemacht, mir Gedanken um die Hintergründe der verschiedenen Ereignisse zu machen, mitzurätseln und mich zu fragen, wie am Ende der Mörder wohl überführt werden wird.

Insgesamt fand ich die „Inspector Furnival Mysteries“ wirklich unterhaltsam und es war spannend zu sehen, wie die Autorin von Band zu Band immer besser wurde. Ich würde nicht sagen, dass sie – sowohl bei der Schreibweise, als auch bei der Entwicklung des Kriminalfalls – an einige meiner Lieblingsautorinnen (Agatha Christie, Georgette Heyer, Mary Roberts Rinehard u.a.) aus der Zeit heranreicht, vor allem, da es immer wieder Elemente bei diesen drei Kriminalromanen gab, die ich eher bei einer Geschichte von Edgar Wallace erwartet hätte. Aber wenn man etwas Abwechslung zu den vertrauten Autorinnen sucht und Lust auf das besondere Flair der britischen 1920er Kriminalromane hat, dann bieten sich die Inspector-Furnival-Geschichten durchaus an, um ein paar entspannte Lesestunden zu verbringen.