„Grave Expectations“ von Alice Bell hatte ich im vergangenen November zum Geburtstag geschenkt bekommen und dann auch direkt Anfang Dezember gelesen. Der Roman beginnt an einem Wochenende, an dem die Protagonistin Claire Hendricks den unterhaltsamen Teil für den Geburtstag der Urgroßmutter ihrer ehemaligen Kommilitonin Figgy Wellington-Forge beisteuern soll. Genau genommen soll Claire, die seit Jahren als Medium arbeitet, am Abend von Nanas Geburtstag im großen Familien- und Freundeskreis eine Seance abhalten. Leider kommt es vor dem großen Tag zu einem Todesfall, weshalb die Feier abgesagt wird – allerdings erst, nachdem Claire in der Bibliothek einen Geist gesehen hat, der vor relativ kurzer Zeit gewaltsam ums Leben gekommen ist. Gemeinsam mit Figgys Bruder Sebastian „Basher“ Wellington-Forge (der ein Ex-Polizist ist), Alex (nicht-binäres jüngstes Mitglied der Wellington-Forge-Familie im Teenager-Alter) und Claires ältester Freundin Sophie (die leider vor einigen Jahren verstarb und deren Geist seitdem Claire begleitet) versucht das Medium, mehr über das Verbrechen herauszufinden.
„Grave Expectations“ bietet eine wirklich ungewöhnliche Mischung, was ich wirklich unterhaltsam zu lesen fand. Die Handlung spielt in unserer Zeit, aber trotzdem gelingt es Alice Bell, dass der Beginn der Geschichte, der im Herrenhaus der Wellington-Forges spielt, sich wie in einem Golden-Age-Mystery anfühlt (oder wie in einer frühen Inspector-Barnaby-Folge inklusive der eher überzogenen Humor-Elemente). So sorgen vor allem Claires Perspektive und ihre – von fast allen anderen Charakteren angezweifelte – Fähigkeit, Geister sehen zu können, dafür, dass sich dieser Roman von Anfang an von einem klassischen britischen Cozy Mystery unterscheidet. Claire fühlt sich verpflichtet herauszufinden, wer der Geist in der Bibliothek ist und wie diese Person ums Leben kam, während Alex und Basher sich aus Abenteuerlust (Alex) bzw. mit der Absicht, das Schlimmste für die Familie zu verhindern, (Basher) Claires Ermittlungen anschließen.
Neben dem stellenweise altmodischen Flair eines klassischen Kriminalromans, den absurd-amüsanten Momenten und den paranormalen Elementen gibt es immer wieder überraschend realistische Szenen, in denen Claire und die anderen bei ihren Ermittlungen daran scheitern, dass sie keine Befugnisse oder nicht genügend Ausgangsinformationen haben. Dazu kommen all die Hinweise auf Claires und Sophies gemeinsame Vergangenheit und darauf, wieso Sophie seit ihrem 17. Lebensjahr Claires ständige, geisterhafte Begleitung ist, welche ein bedrückendes Bild vom Schicksal der beiden Frauen zeichnen. All das hat dazu geführt, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre bei der Auflösung des Kriminalfalls den Protagonisten weit voraus, ohne dass die Geschichte für mich weniger fesselnd geworden wäre. Stattdessen habe ich gespannt all die kleinen (und größeren) zwischenmenschlichen Elemente mitverfolgt.
Obwohl Basher die ganze Zeit skeptisch gegenüber Claire ist, entwickelt sich doch so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihr, Alex und Basher – was eine Herausforderung ist, wenn eine Person davon ausgeht, dass die andere durchgehend lügt. Dann ist da noch die Beziehung zwischen Claire und Sophie, die vor Jahren beste Freundinnen waren und seitdem so gut wie jeden Tag gemeinsam verbracht haben – was nur umso deutlicher macht, dass nur eine von ihnen sich weiterentwickelt und altert, während die andere ein Teenager bleibt und keine Chance auf eine eigenständige Existenz hat. Außerdem gibt es immer wieder Szenen innerhalb der Wellington-Forge-Familie, die (auch wenn die Charaktere stellenweise etwas arg klischeehaft gestaltet wurden) zeigen, dass Familien eine komplizierte Angelegenheit sein können und dass einander sehr gut zu kennen nicht bedeutet, dass es keinerlei Geheimnisse gibt.
Die einzigen kleinen Kritikpunkte, die ich an „Grave Expectations“ habe, sind auf der einen Seite ein sehr hemmungsloser Umgang mit Alkohol bei eigentlich allen Figuren (was ich persönlich nur ungern lese), und auf der anderen Seite das stellenweise etwas gemächliche Tempo. Letzteres kam mir beim Lesen an ein paar Stellen – gerade in der zweiten Hälfte – etwas zu schleppend vor. Aber im Nachhinein konnte ich verstehen, wieso die Autorin da die Handlung nicht etwas mehr gerafft hatte, weil diese überflüssig wirkenden ruhigeren Passagen wichtig für die weitere Entwicklung der Geschichte waren. Alles in allem habe ich mich am Ende wirklich gut unterhalten gefühlt mit „Grave Expectations“ und hoffe sehr, dass Alice Bell mit der schon erschienenen Fortsetzung „Displeasure Island“ einen ebenso unterhaltsamen Roman geschrieben hat, in dem ich mehr über Claire, Sophie, Basher und Alex und ihre gemeinsamen Bemühungen, Kriminalfälle zu lösen, erfahren kann.
