Schlagwort: Kriminalroman

Lese-Eindrücke September 2026

Im September hatte ich (für mich) ungewöhnlich viele Termine, und dazu gab es mit Pokopia ein Spiel, das mich in meiner Freizeit ziemlich gut beschäftigt hat. Nicht so sehr, dass ich gar nicht gelesen hätte, aber genug, dass hier nicht so viele Lese-Eindrücke zusammenkommen sollten. Ansonsten kann ich stolz behaupten, dass ich hiermit alle Lese-Eindrücke und Rückblicke aufgeholt habe – jetzt muss ich nur die Zeit finden, um mal wieder Einzelrezensionen zu ein paar Büchern zu schreiben. 🙂

T. Kingfisher: The Clockwork Boys/The Wonder Engine (Clocktaur War 1+2)

Nachdem ich mitbekommen hatte, dass eine der Figuren aus der „Clocktaur War“-Duologie einer der Protagonisten in „Daggerbound“ sein würde, habe ich die beiden Romane erneut gelesen und mich auch dieses Mal sehr gut damit unterhalten gefühlt. In den Clocktaur-War-Büchern dreht sich die Handlung um Slate (eine Fälscherin), Brennen (ein Meuchelmörder) und Caliban (ein Paladin, der vor einiger Zeit von einem Dämon besessen wurde und währenddessen einige Nonnen ermordet hat). Diese drei haben den Auftrag, den Gelehrten Edmund auf seiner Reise nach Anuket City zu begleiten, um herauszufinden, wie die monströsen Maschinen-Soldaten, die die Stadt ausschickt, gestoppt werden können. Wie immer bei T. Kingfisher besticht die Handlung mit einer Mischung aus absurden, berührenden und unappetitlichen Elemente, die überraschend amüsant zu lesen ist. Und da es fünf Jahre her ist, dass ich die Bücher gelesen habe, hatte ich so einige Details vergessen (bzw. vergessen, dass diese Elemente aus diesen Romanen stammen). Ich habe mich sehr darüber gefreut, die Figuren wiederzusehen und mit ihnen die diversen Abenteuer zu erleben. Auch wenn ich nicht behaupten würde, dass es notwendig ist, diese Geschichte präsent zu haben, um „Daggerbound“ zu genießen, war es doch großartig, auf diese Weise die Entwicklung zu sehen, die Edmund in den Jahren zwischen den Romanen gemacht hat. Diesen Aspekt habe ich definitiv deutlich mehr zu schätzen gewusst, weil ich die Bücher so nah hintereinander gelesen habe.

T. Kingfisher: Daggerbound (Swordheart 2)

Wie gesagt, es ist nicht nötig die „Clocktaur War“-Bücher zu kennen, um „Daggerbound“ zu genießen (auch wenn ich mich gefreut habe, mit frischen Erinnerungen an den jüngeren Edmund in die Geschichte zu gehen). Aber ich würde auf jeden Fall empfehlen, vorher „Swordheart“ zu lesen, da hier die Grundlagen gelegt werden, um den Fluch, der auf dem Dervish liegt, zu verstehen. Im Vergleich zu „Swordheart“ hat „Daggerbound“ einen düstereren Unterton, da der Dervish im Gegensatz zu Sarkis nicht nur als Bodyguard und Krieger diente, sondern auch zum Opfer von Folter wurde. Trotzdem gelingt es T. Kingfisher auch hier wieder, so viele humorvolle Momente in die Geschichte einzubauen, dass ich den Roman als sehr wohltuend empfunden habe und – wie so oft bei ihren Büchern – beim Lesen ständig vor mich hinkicherte. Da ich den Großteil der Veröffentlichungen von T. Kingfisher nur als eBooks habe, denke ich so langsam darüber nach, sie mir noch einmal als Taschenbücher zu besorgen. Nachdem die großen Verlage die Autorin entdeckt haben, sind zumindest die Neuauflagen gut erhältlich (auch wenn ich die Cover zum Teil deutlich hässlicher finde).

Sangu Mandanna: Kiki Kallira Conquers a Curse (Kiki Kallira 2)

Der zweite Band der Kiki-Kallira-Bücher gefiel mir überraschenderweise noch besser als der erste Teil. Wieder findet sich Kiki in dem magischen Königreich wieder, das sie sich selbst ausgedacht hat. Doch dieses Mal muss sie feststellen, dass diese Welt sich von ihr löst und eine eigene Historie entwickelt hat. Leider bedeutet das auch, dass ein jahrhundertealter Fluch dafür sorgt, dass der Hauptstadt das Wasser ausgeht, während unheimliche Monster aus dem umliegenden Wald auftauchen. Wie gesagt, ich mochte diesen Band lieber als den ersten Teil, gerade weil Kiki dieses Mal nicht schon alles über ihre Welt wusste. Außerdem hat sie in den Monaten, die seit „Kiki Kallira Breaks a Kingdom“ vergangen sind, eine Therapie begonnen und so einige Hilfsmittel zur Hand, wenn es darum geht, mit ihren Ängsten und Impulsen fertigzuwerden. Ich weiß, dass ich damit in der Minderheit bin, aber ich bevorzuge definitiv Sangu Mandannas Jugendbücher. Ich genieße diese fantastische Mischung aus einer indisch inspirierter Welt mit Londoner Elementen wie Doppeldecker-Bussen, in der die Kiki-Geschichten spielen, und ich mag all die Figuren rund um Kiki wirklich sehr.

Katherine Woodfine: Peril in Paris/Spies in St. Petersburg (Taylor and Rose 1+2)

Nachdem ich im September endlich den letzten Band der „Sinclair’s Mysteries“ gelesen hatte (und er ebenso gut war wie die ersten drei Teile der Reihe), habe ich gleich mit dem Spin-Off weitergemacht. Dabei musste ich leider feststellen, dass ich die „Taylor and Rose“-Romane zwar nett und unterhaltsam finde, aber nicht so gut wie die „Sinclair’s Mysteries“ – was vor allem daran liegt, dass die beiden Protagonistinnen Sophie und Lil jetzt getrennt für den Secret Service unterwegs sind. Ich vermisse das Zusammenspiel der beiden Freundinnen und ihren (inzwischen) großen und vielfältigen Freundeskreis, und da hilft es auch nicht, wenn es hier und da eine Szene gibt, die in London spielt und in der eine Person aus diesem Freundeskreis etwas erlebt. Wobei ich es schon nett finde, mit Sophie und Lil nicht nur lauter neue Charaktere, sondern auch ganz andere Städte als London kennenzulernen. Ich bin also nicht böse, dass ich noch zwei Bände auf der Reihe auf dem SuB liegen habe, hoffe aber, dass die beiden Protagonistinnen in Zukunft wieder mehr gemeinsam erleben. Für das nächste Abenteuer geht es nach Venedig – ich bin gespannt!

Lese-Eindrücke August 2026

Ich wünschte, ich hätte im August mehr Zeit gehabt, um entspannt zu lesen. Aber erst war ich verreist, dann mit „wieder ankommen“ und mit einigen (Arzt-)Terminen beschäftigt, und schon war der Monat auch schon wieder rum … Trotzdem sind natürlich wieder ein paar Lese-Eindrücke zusammengekommen, die ich dieses Mal sogar (relativ) zeitnah festgehalten habe.

T. L. Stone: Potions, Pirates and Pie (Tales from the Tavern 4)

„Potions, Pirates and Pie“ ist der aktuellste Band der „Tales from the Tavern“-Reihe und die erste Geschichte, die nicht in dem kleinen Ort Wayside spielt. Stattdessen findet sich die Protagonistin Cali auf einem Piratenschiff wieder, um ein entführtes Beiboot (und eine Gruppe von Hellkin) wiederzufinden. Ich fand es sehr nett, dass zur Abwechslung die Handlung mal nicht in dem (überaus idyllischen) Dorf stattfand, sondern an Bord eines Schiffs mit all den dazugehörigen Herausforderungen inklusive Meerjungfrauen und Sirenen und natürlich langsam aufkeimenden Gefühlen zwischen Cali und der legendären Kapitänin One-Eye-Bonnie. Diese Reihe ist wirklich perfekt, wenn es Zeit ist für eine etwas absurde, amüsante und entspannende Lektüre, und ich genieße es sehr, dass mit jedem Band eine andere Figur im Mittelpunkt steht und ich so mehr über diese Gruppe von (ehemaligen) Abenteurern und ihrem immer größer werdenden Freundeskreis erfahre. Die Geschichten sind nicht gerade anspruchsvoll, aber wunderbar erholsam und wohltuend!

Celia Lake: Brave Truth (Liminal Mysteries 4)

„Brave Truth“ ist die aktuellste Veröffentlichung von Celia Lake, und auch dieses Buch habe ich wieder sehr genossen. Es war schön, mehr über das Leben von Claudio, den ich schon aus mehreren anderen Romanen (vor allem „Illusion of a Boar“) kannte, zu erfahren. Und ich habe mich gefreut, Matty kennenzulernen, der in dieser Geschichte nicht nur mit den Nachwirkungen seiner Arbeit rund um die Nürnberger Prozesse zu kämpfen hat, sondern auch damit, dass ihn seine Homosexualität außerhalb der magischen Gesellschaft von Albion ins Gefängnis bringen könnte. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie es Celia Lake gelingt, die Nachwirkungen von Kriegserlebnissen begreifbar zu machen. Ich musste mir aber auch mal wieder eingestehen, dass ich auf die Sexszenen in den Celia-Lake-Romanen verzichten könnte, obwohl ich sehe, welche Rolle sie (und die dabei passierende wichtige Kommunikation) für die Charaktere einnehmen. Da die Autorin sagt, dass 1950 der späteste Zeitpunkt ist, in dem ihre Albion-Geschichten spielen werden, hat sie die Gelegenheit genutzt und in „Brave Truth“ auch so einige Figuren eingebaut, die ich in anderen Veröffentlichungen schon mochte, was zu so einigen netten Wiedersehen geführt hat. Alles in allem habe ich auch diese Geschichte von Celia Lake wieder genossen und finde es faszinierend, mit jedem Titel eine neue Facette ihrer magischen Welt Albion kennenzulernen.

Karen M. McManus: Two Can Keep a Secret

Ich versuche weiterhin, ältere Titel von meinem SuB zu befreien, und da ich im August Lust auf Krimis/Thriller hatte, habe ich zu „Two Can Keep a Secret“ gegriffen. Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: der der siebzehnjährigen Ellery, die gerade erst in den Ort Echo Ridge gezogen ist, und der von Malcolm, dessen älterer Bruder vor fünf Jahren verdächtigt wurde, seine Freundin umgebracht zu haben. Außerdem verschwand vor 25 Jahren die siebzehnjährige Sarah in Echo Ridge, die Zwillingsschwester von Ellerys Mutter Sadie, und ihr – vermutlicher – Mord ist ebenfalls nie aufgeklärt worden. Ich hatte viel Spaß damit, Ellerys und Malcolms Gedanken zu den aktuellen Drohungen und die verschiedenen Theorien, die die beiden aufstellen, zu verfolgen. Außerdem fand ich es überraschend angenehm, dass Ellery sich durchaus der Tatsache bewusst ist, dass ihr Interesse an True-Crime-Dokumentationen extrem ist und nicht gerade einen guten Einfluss auf ihr Leben und ihre Interaktionen mit anderen Menschen hat. Alles in allem habe ich mich wirklich gut mit dem Roman unterhalten gefühlt und neugierig die diversen Wendungen verfolgt. Auch fand ich Ellery und ihre Familie, ebenso wie Malcolm und seine beste Freundin Mia, sehr sympathisch. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das keine Geschichte ist, die in mir nachklingen wird oder bei der ich in einigen Jahren das Bedüfnis haben werde, noch einmal zu dem Roman zu greifen. Das bedeutet, dass Karen M. McManus keine Person ist, deren Bücher ich unbedingt in meinem Bestand behalten muss, aber deren Titel bei einem Bibliotheksbesuch durchaus mit mir nach Hause wandern dürfen.

Marissa Doyle: Marquis of Secrets – The Ladies of Almack’s Omnibus No. 2

Der zweite „Ladies of Almack’s“-Sammelband beinhaltet die Geschichten „The Cursed Canvases“, „Turmoil on the Thames“ und „An Event at Epsom“, und auch hier ermittelt Annabel Chalfont (Countess of Fellbridge) wieder im Auftrag der Lady Patronesses of Almack’s ungewöhnliche und magische Rätsel. Ich muss zugeben, dass ich diese kleinen fantastischen Geschichten wirklich entspannend finde. Die Probleme reichen von einer Ausstellung der Royal Academy, bei der Bilder magisch manipuliert wurden, bis zu seltsamen Ereignissen rund um eine Parade in Eton, die das Ansehen der Königlichen Familie gefährden könnten. Nichts davon ist wirklich dramatisch, selbst wenn die Protagonistin kurzfristig den Eindruck hat, dass Gefahr besteht. Stattdessen zieht sich die – sehr, sehr langsam aufkeimende – Liebesgeschichte mit einem Verehrer Annabels durch die Handlung und es gibt so einige (mehr oder weniger) kuriose Informationen, über die die Autorin bei ihrer Recherche gestolpert ist und auf die sie in den jeweiligen Nachworten näher eingeht. Mein größter Kritikpunkt an diesem Sammelband ist, dass ich auch dieses Mal einige der Nebenfiguren nicht besonders überzeugend fand. Aber nachdem ich mich damit abgefunden habe, dass es weniger um Ermittlungen und mehr darum geht, wie Annabel die verschiedenen Herausforderungen handhabt, kann ich besser damit leben. Mit knapp hundert Seiten pro Episode reicht eine solche Geschichte auf jeden Fall für einen netten und entspannten Leseabend.

Rebecca Roanhorse: Race to the Sun

„Race to the Sun“ von Rebecca Roanhorse ist vor einigen Jahren als Teil der „Rick Riordan presents“-Titel veröffentlicht worden, und ich fand es reizvoll, eine Middle-Grade-Geschichte zu lesen, die sich rund um Diné-(Navajo)-Legenden dreht. Aber so richtig kam ich bei meinen Versuchen, den Roman zu lesen, nicht in die Handlung, bis ich mir im August ein Ultimatium für das Buch gesetzt habe. Dabei kann ich nicht mal behaupten, dass die Geschichte schlecht oder uninteressant geschrieben ist. Die Protagonistin Nizhoni muss gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder und ihrem besten Freund gegen Monster kämpfen – und natürlich einige Herausforderungen bestehen, bis sie überhaupt die nötige Entwicklung durchgemacht hat, um am Ende in einen heldenhaften Kampf gegen ihre Gegner zu ziehen. Es gab so einige Elemente, die ich in Veröffentlichungen von anderen Autor*innen schon genossen habe, außerdem fand ich es wirklich spannend, mehr über den kulturellen Hintergrund der Protagonistin und ihre Familie zu erfahren. Aber selbst die theoretisch berührenden Teile der Geschichte haben mich überraschend teilnahmslos gelassen, und so richtig warm bin ich mit Nizhonis Perspektive nicht geworden – was immer ein Problem für mich ist, wenn ein Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Ich bin froh, dass ich den Roman endlich gelesen habe, aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich etwas verpasst hätte, wenn ich das nicht getan hätte. Was bedeutet, dass „Race to the Sun“ in den Öffentlichen Bücherschank wandern und hoffentlich eine/n enthusiastischere/n Leser*in finden wird. Jetzt bin ich nur gespannt, wann ich den zweiten Roman („Trail of Lightning“), der von Rebecca Roanhorse noch auf meinem SuB ruht, in Angriffe nehmen werde und ob mir die für ältere Leser*innen geschriebene Geschichte besser gefällt als dieser Middle-Grade-Titel.

Mary Robinette Kowal: The Spare Man

Obwohl ich schon seit einigen Jahren „The Calculating Stars“ von der Autorin auf meinem SuB liegen hatte, war „The Spare Man“ der erste Roman, den ich von Mary Robinette Kowal gelesen habe. Nachdem ich die Inhaltsangabe so reizvoll fand und die Leseprobe mich so sehr an eine Space-Variante der „Der dünne Mann“-Verfilmungen erinnerte, musste ich einfach bei der ersten Gelegenheit danach greifen. Die Handlung von „The Spare Man“ wird aus der Sicht der Erfinderin und Erbin Tesla Crane erzählt, die gerade mit ihrem Ehemann Shal auf dem interplanetaren Spaceliner Lindgren ihre Hochzeitsreise zum Mars angetreten hat. Tesla und ihr Mann reisen unter Pseudonym und verkleidet, da beide – auf sehr unterschiedliche Weise – in den Medien Berühmtheit erlangt haben und nicht erkannt werden wollen. Doch dann geschieht an Bord des Raumschiffs ein Mord, und Shal wird, da er in der Nähe des Tatorts war, von der Bordsicherheit als Verdächtiger eingesperrt, während Tesla (anfangs) versucht, ohne ihre üblichen einflussreichen Verbindungen zu ermitteln.

Ich muss zugeben, dass ich es zwar unterhaltsam fand, dem Krimianteil der Geschichte zu folgen und den einzelnen Hinweisen nachzugehen, aber am Ende des Romans lieber nicht allzu gründlich darüber nachgedacht habe wie schlüssig das Ganze nun war. Auch hätte mich die Besessenheit von Tesla und Shal mit Alkohol (inklusive der Cocktail-Rezepte zu Beginn eines jeden Kapitels) wirklich gestört, wenn mir nicht bewusst gewesen wäre, dass das darauf basiert, dass „The Spare Man“ nun einmal eine „Der dünne Mann“-Hommage ist. Von diesen beiden – wirklich kleinen – Kritikpunkten abgesehen habe ich das Lesen dieses Romans sehr genossen. Ich mochte Tesla als Protagonistin sowie die Tatsache, dass sie chronische physische und psychische Probleme hat, die ihren Alltag sehr prägen und dazu führen, dass sie mit einem Assistenzhund reist. Insgesamt war der Ton – trotz des Mords, einer extra Leiche, deren Identität nicht herausfindbar war, und anderer ernsterer Themen – eigentlich durchgehen locker, und ein Großteil der Ermittlungen wird von Geplänkel zwischen Tesla und anderen Passagieren oder dem Personal des Raumschiffs geprägt.

Mary Robinette Kowal versucht in „The Spare Man“, mit sehr vielen verschiedenen Elementen zu jonglieren, was – wie ich bei einem Blick auf diverse Rezensionen gesehen habe – wohl dazu führt, dass so einige Leser*innen von der Geschichte enttäuscht waren. Ich persönlich habe mich gut unterhalten gefühlt, aber ich habe weder erwartet, dass ich einen herausfordernden und schlüssigen Kriminalroman in den Händen halten werden, noch dass die Dialoge wirklich an die Filme mit Myrna Loy und William Powell herankommen würden. Die Filme profitieren nun einmal sehr von der Zeit, in der sie spielen, von der Qualität der Schauspieler und der Tatsache, dass beim Film nun mal andere Mittel eigensetzt werden können als bei einem Roman. Stattdessen habe ich die vielen verschiedenen Ideen rund um das Reisen auf einem Luxus-Raumschiff genossen, mich an den vielseitigen Charakteren erfreut und mich immer wieder von amüsanten kleinen Wendungen in der Handlung überraschen lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Leser*innen mochte ich auch die Beziehung zwischen Tesla und Shal, denn ich finde einen Mann, der seine Frau unterstützt und ihre Selbstständigkeit respektiert, nicht langweilig, sondern ziemlich attraktiv. „The Spare Man“ ist zwar kein rasanter, spannender Kriminalroman, und da Tesla ab einem bestimmten Punkt die Ermittlungen mit ihrem Namen, ihren Beziehungen und ihrem Geld beeinflusst, darf auch keine korrekte Detektivarbeit erwartet werden. Aber der Roman erzählt eine ungewöhnliche und unterhaltsame Geschichte, die bei mir für so einige entspannte Lesestunden gesorgt und mir Lust auf eine erneute Runde mit den „Der dünne Mann“-Filmen gemacht hat.

Naomi Kuttner: The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening

Ich bin mir nicht mehr sicher, wie ich über „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ gestolpert bin. Aber als ich am Sonntag vor zwei Wochen auf der Suche nach einem „netten“ Roman meine gespeicherten Leseproben durchstöberte, hat mich der „New Zealand Paranormal Cozy Mystery“ so gut unterhalten, dass ich ihn direkt gekauft und innerhalb von 24 Stunden ausgelesen hatte. Das hätte ich definitiv nicht erwartet, da die Grundidee hinter diesem Roman auf eine Art und Weise absurd ist, die normalerweise nicht meinem Geschmack entsprechen würde. Aber Naomi Kuttners Erzählweise und die Perspektive von Dante (eine von drei Hauptfiguren) haben überraschenderweise für mich so gut funktioniert, dass ich „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ wirklich amüsant fand.

Die Handlung beginnt aus der Perspektive von Dante, der gerade seine Karriere als Auftragsmörder für eine Regierungsorganisation beendet hat. Um seinen Ruhestand so fern wie möglich von seinen ehemaligen Auftragsorten zu verbringen, beschließt er, sich in dem kleinen Ort Te Kohe in Neuseeland niederzulassen. Dante selbst möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und so wenig Kontakt wie möglich mit anderen Menschen haben. Aber er hat definitiv nicht mit der Freundlichkeit/Neugier seiner Kleinstadt-Nachbarn gerechnet – außerdem verfügt sein neues Haus über einen beeindruckenden Garten mit seltenen Pflanzen, was dazu führt, dass er den Gärtner der Vorbesitzerin „erbt“. Charlie ist ein wirklich netter junger Mann, dessen offensichtlicher Naivität und Begeisterungsfähigkeit Dante nichts entgegenzusetzen hat. Als es dann noch bei einer Veranstaltung im Hotel des Ortes zu einem Mord kommt, bei dem Dante und Charlie die Hauptverdächtigen sind, fangen die beiden – gemeinsam mit Eleanor, die ebenfalls auf dieser Veranstaltung war – zu ermitteln an.

Was den Krimianteil dieses Romans angeht, so lag eigentlich von Anfang an auf der Hand, wer der Täter ist, so dass die Herausforderung vor allem darin bestand, herauszufinden, wie die Tat vollbracht wurde und wie sie dem Täter nachgewiesen werden kann. Aber der Fall war auch nicht das, was mich bei diesem Roman so gut unterhalten hat, es waren die Charaktere mit all ihren Eigenheiten (und die Tatsache, dass es hier endlich mal einen „cozy mystery“ ohne Liebegeschichte für mich zu lesen gab). Charlie ist ein wirklich netter junger Mann, der bei seiner verwitweten Mutter wohnt, als Gärtner seinen Lebensunterhalt verdient und Geister sehen kann. Das hat ihn sein Leben lang – also gerade mal zwanzig Jahre – in Schwierigkeiten gebracht, da die Leute um ihn herum nicht glauben, dass er wirklich über diese Fähigkeit verfügt. Eleanor ist eine elegante Frau in den 60ern, die sich in den diversen Vereinen von Te Kohe engagiert, über überraschende Verbindungen verfügt und sehr viel Menschenkenntnis hat. Sowohl Charlie als auch Eleanor mochte ich sehr gern, aber so richig genossen habe ich Dantes Perspektive.

Der ehemalige Assassine ist so sehr von seinem früheren Beruf geprägt, dass sein erster Impuls in jeder Situation ist, darüber nachzudenken, wie er sein Gegenüber töten kann. Aber er ist auch stolzes Mitglied der AA (Anonyme Assassinen) und hat seit über 100 Tagen niemanden mehr ermordet – was bedeutet, dass er mit Hilfe seines Therapeuten neue Wege finden muss, um mit Herausforderungen umzugehen, und sich dabei häufig etwas hilflos anstellt. Ich muss zugeben, dass alle drei Figuren sehr unglaubwürdig sind, und bei Dante ist der absurde Anteil besonders extrem, aber ich habe es trotzdem gerade deshalb genossen mitzuverfolgen, wie hilflos er in normalen sozialen Situationen ist und wie schwer es ihm fällt, nicht einfach zur Waffe zu greifen, um seine Probleme zu lösen. „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ ist durch und durch absurd und dabei wirklich sehr unterhaltsam zu lesen. Ich mochte die Protagonisten und ihre unterschiedlichen Erzählstimmen sehr und habe beim Lesen meinem armen Mann immer wieder ganze Passagen vorgetragen, weil ich sie so amüsant fand. Es gab vor dem großen Finale einen kleinen Teil, in dem sich die Handlung für mich etwas hinzog, was auch daran lag, dass Dante da relativ wenig zu Wort kam. Aber alles in allem habe ich die Geschichte wirklich genossen und freue mich jetzt schon auf die im Dezember erscheinende Fortsetzung „The Retired Assassin’s Guide to Orchid Hunting“.

Lese-Eindrücke Juni/Juli 2025

Sommer bedeutet für mich, dass ich vor allem zu eBooks greife, auch wenn in diesem Jahr vor allem der Juli angenehmerweise kühl genug war, um immer wieder einen gedruckten Roman in die Hand nehmen zu können. Die meisten gelesenen eBooks stammten aus der Feder von Celia Lake (12 Romane! *uff*), und zu der Autorin habe ich eigentlich auf dem Blog schon genug geschrieben. Aber zwischendurch habe ich mich natürlich auch mit anderen Autor*innen beschäftigt, und für die Titel, zu denen ich bestimmt keine Rezension schreiben werde, gibt es hier wieder ein paar Lese-Eindrücke:

Tam May: The Case of the Washed-Up Corpse (Grave Sisters Mysteries Book 1)

„The Case of the Washed-Up Corpse“ hatte mich gereizt, weil es mir als 20er-Jahre-Mystery mit drei Schwestern als Protagonistinnen ans Herz gelegt wurde. Die Graves-Schwestern führen in einer kleinen Stadt im Norden von Kalifornien ein Bestattungsinstitut, das sie von ihrem Vater geerbt haben. In die Ermittlungen in einem Mordfall werden die beiden älteren Schwestern verwickelt, als der Staatsanwalt Oliver Clarke sie bittet, sich eine Leiche anzuschauen, die gerade aus dem Fluss gefischt wurde. All die kleinen Dinge, die den beiden auffallen, führen dazu, dass vor allem Eve (die älteste der Schwestern) im Laufe der nächsten Tage immer wieder von Oliver um Hilfe gebeten wird, wenn es um die Befragung von Zeugen geht. Es gab einige Elemente, die ich an der Geschichte mochte, aber leider auch nicht wenige, die mich beim Lesen eher gestört haben. Mir gefielen sowohl der Schauplatz als auch die Tatsache, dass die Handlung in den 1920er Jahren spielt. Ebenso mochte ich die Beziehung der drei Schwestern zueinander sehr, ebenso wie ihr Verhältnis zu ihrer Haushälterin, die die drei mitaufgezogen hat.

Ich weiß, dass es schwierig ist, bei Kriminalromanen die richtige Mischung aus Hinweisen und Verschleierung hinzubekommen, so dass die Leser*innen neugierig auf die Handlung bleiben und am Ende trotzdem nicht das Gefühl haben, dass die Auflösung aus dem Nichts kommt. Aber wenn ich mir beim ersten Auftreten des Mörders/der Mörderin sicher bin, dass diese Person verantwortlich für den Tod des Opfers ist, dann verliere ich die Geduld mit der Geschichte – vor allem, wenn ich mich dann auch noch über das Verhalten einer der Protagonistinnen ärgere. Die mittlere Schwester Helena ist sehr gebildet, hat Medizin studiert (auch wenn sie als Frau nicht praktizieren darf) und ist vor allem hinter den Kulissen des Bestattungsinstituts tätig, weil sie besser mit Toten als mit Lebenden zurechtkommt. Trotzdem hätte ich erwartet, dass sie nicht bei jeder Gelegenheit jede Person, die offiziell an den Ermittlungen beteiligt ist, provoziert und verärgert. Dieses Verhalten sollte vermutlich zeigen, wie intelligent und feministisch diese Figur ist. Aber es hat bei mir vor allem das Gefühl hervorgerufen, dass es Helena nicht darum geht, den Mörder zu finden, sondern sie nur zu zeigen will, wie viel klüger als alle anderen sie ist. Dazu kam dann noch, dass der Handlungsbogen (ebenso wie viele der Nebenfiguren) sehr schablonenhaft konstruiert wurde, so dass ich erschreckend froh war, als ich den Roman endlich beendet hatte.

Tansy Rayner Roberts: Crown Tourney – Ten tales of deadly damsels, cursed castles and edged weapons

Zu „Crown Tourney“ hatte ich am Lese-Sonntag im Juni schon etwas geschrieben. Der Band ist eine Sammlung von zehn märchenhaften Geschichten, die Tansy Rayner Roberts im Laufe ihrer Karriere geschrieben hat. Ich mochte eigentlich alle Geschichte in dem Band, gerade weil sie ziemlich unterschiedlich waren, und ich fand es spannend, die Anmerkungen der Autorin dazu zu lesen. Dort schreibt sie darüber, was sie inspiriert hat, wie sie heute über die älteren ihrer Geschichten denkt (und was sie so nicht mehr schreiben würde) und gibt zusätzlich einen Haufen Lese-Empfehlungen, für Personen, die märchenhafte Geschichten oder Neuinterpretationen von Märchen mögen. Perfekt für Leute, die mal schauen möchten, was die Autorin so schreibt und wie unterschiedlich ihre Veröffentlichungen sein können, auch wenn es bei ihr einige Elemente gibt, die immer wieder vorkommen.

C. L. Polk: Witchmark und Stormsong (Kingston Cycle 1+2)

Im Juni hatte ich mir als Teil meines „lies ältere Sachen vom SuB“-Vorhabens „Stormsong“ ins Auge gefasst, weshalb ich erst einmal erneut zu „Witchmark“ griff, um meine Erinnerung an die Geschichte aufzufrischen. Mir hat das Lesen von „Witchmark“ auch dieses Mal viel Spaß gemacht, und während ich nach dem ersten Lesen nicht bereit für den Wechsel zum zweiten Band war, war ich dieses Mal wirklich neugierig darauf, wie die Handlung mit Miles‘ Schwester Grace als Protagonistin weitergeht. Grundsätzlich mochte ich auch den zweiten Band dieser Reihe, aber ich muss zugeben, dass mich Romane, in denen gefühlt 99% aller Personen aus Eigeninteresse handeln, deutlich weniger erfreuen, als Bücher, in denen die Figuren weniger egozentrisch sind. Das trifft vor allem dann zu, wenn es sich bei den handelnden Personen zum Großteil um Politiker handelt. Das fühlt sich doch ein bisschen zu nah an der aktuellen Realität an, um erträglich zu sein. Außerdem gab es etwas, das die Protagonistin Grace auf der Suche nach einer Erklärung für ein bestimmtes Phänomen nicht als relevant erachtete, das für mich aber bei der allerersten Erwähnung bereits als entscheidendes Element auf der Hand lag – weshalb ich bis kurz vorm Ende des Romans ungeduldig darauf wartete, dass sie auch endlich darauf kommt. Danach brauchte ich wieder eine kleine Pause von der Reihe, aber ich bin wild entschlossen, im August endlich den dritten Band des Kingston-Cycles zu lesen.

Mira Grant: Final Girls (Hörbuch)

„Final Girls“ ist eine der vielen kurzen Veröffentlichungen von Mira Grant (Seanan McGuire), die bei Subterranean Press erschienen sind und die ich deshalb aus Kostengründen lieber als Hörbuch konsumiert habe. Diese Novella dreht sich um ein Virtual-Reality-Programm, mit dem die Wissenschaftlerin Dr. Jennifer Web in ihrem Institut psychische Verletzungen ihrer Klient*innen heilen will – und dem die Journalistin Esther Hoffman sehr skeptisch gegenübersteht. Während Esther selbst eine solche VR-Sitzung für einen kritischen Artikel über Dr. Webs Methoden testet, kommt es zu einem Vorfall, der dazu führt, dass die beiden Frauen eng zusammenarbeiten müssen, um zu überleben. Es gibt so einige Elemente in der Geschichte, die für jemanden, der schon mehrere Veröffentlichungen von Mira Grant gelesen hat, sehr vertraut waren. Das war für mich aber vollkommen in Ordnung, weil ich die Erzählweise der Autorin mag und es faszinierend finde, wie sie diese Elemente in die jeweilige Handlung einbettet. Es ist nicht Mira Grants beste Geschichte, aber ich habe mich gut unterhalten gefühlt und ich mochte das Ende sehr. Dazu kam, dass die Sprecherin Jennifer Pickens den verschiedenen Figuren genügend Individualität und Glaubwürdigkeit verliehen hat, dass ich selbst nach einer längeren Hörpause (verursacht durch ein paar Wochen Hitze zwischen zwei Puzzle-Runden) kein Problem hatte, die unterschiedlichen Charaktere einzuordnen.

Lilith Saintcrow: Rose & Thunder

Eine Urban-Fantasy-Variante von „Die Schöne und das Biest“, die begeistert von einer Autorin empfohlen wurde, deren Bücher ich gern mag. Ich muss zugeben, dass ich von „Rose & Thunder“ nicht so angetan war, obwohl ich den Roman ausgelesen habe. Grob zusammengefasst dreht sich die Handlung um einen Mann, auf dem ein Fluch lastet und der einen Ley-Linien-Knotenpunkt bewachen muss, und um eine Hexe, die dahin reist, wohin der Wind sie ruft, um Probleme zu lösen (oder vor ihren eigenen Problemen wegzulaufen). Ich mochte die Grundidee, fand aber die Protagonistin und ihre Erzählstimme unerträglich. Dass ich die Geschichte beendet habe, lag vor allem daran, dass ich herausfinden wollte, wieso jemand das Buch so begeistert empfehlen würde. Ich glaube, dass die Grundidee und all die eher ruhigen Szenen zwischen den beiden Hauptpersonen in der Bibliothek einen großartigen „cozy Fantasy“-Roman hergegeben hätten. Aber den dann bitte mit einer Protagonistin, die sich nicht durchgehend verzweifelt selbst beweisen muss, was für eine hartgesottene, coole Person sie ist, während sie einem die ganze Zeit erzählt, dass sie ja in ihrem Leben schon so viele gefährliche Situationen mit Bravour gemeistert hat. Immerhin weiß ich jetzt wieder, wieso ich Lilith Saintcrow als „keine Autorin für mich“ im Hinterkopf hatte, obwohl ich bislang nicht viel (und vor allem Kurzgeschichten in Anthologien) von ihr gelesen habe.

Lese-Eindrücke Mai 2025

Anscheinend hatte ich in diesem Mai das Gefühl, ich müsste so viel wie möglich lesen, bevor das Wetter (noch) heißer wird – was dazu geführt hat, dass ich auch wieder ein paar Lese-Eindrücke sammeln konnte …

T. Kingfisher: The Seventh Bride

Ich habe mir vor einiger Zeit alle (märchenhaften) Backlist-Titel von T. Kingfisher (Ursula Vernon) als eBook zugelegt, damit ich darauf zurückgreifen kann, wenn ich Lust auf diese besondere Art von Geschichten habe. „The Seventh Bride“ ist eine Blaubart-Variante und wird aus der Perspektive der fünfzehnjährigen Rhea erzählt. Rhea ist eine Müllerstochter und ziemlich überrascht, als Lord Crevan um ihre Hand anhält. Noch schockierter ist sie, als sie beim Eintreffen auf seinem Anwesen feststellt, dass sie die siebte Braut von Lord Crevan ist – und nicht alle seine vorherigen Ehefrauen sind schon verstorben. Wie bei den vorher schon von mir gelesenen Märchenvarianten von T. Kingfisher habe ich hier wieder den Pragmatismus der Protagonistin, die überbordende (und häufig Horrorelemente aufgreifende) Fantasie der Autorin und ihren ungewöhnlichen Humor genossen. Ich mag es sehr, dass ich – bei aller Vertrautheit mit Märchen – bei T. Kingfisher nie vorhersagen kann, in welche Richtung sich eine Geschichte entwickelt und was für seltsame Dinge sie als Nächstes aufgreifen wird.

Seishi Yokomizo: Death on Gokumon Island

Nach „The Honjin Murders“ ist „Death on Gokumon Island“ der zweite Kriminalroman von Seishi Yokomizo rund um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Im Gegensatz zu dem Vorgängerroman spielt dieser hier nach dem Zweiten Weltkrieg, und so ist es auch ein Versprechen, dass Kosuke seinem verstorbenen Kameraden Chimata gegeben hatte, das ihn auf die Insel Gokumon bringt. Kurz nach Kosukes Eintreffen werden die drei jüngeren Schwestern von Chimata eine nach der anderen auf außergewöhnliche Weise ermordet, und natürlich versucht der Detektiv herauszufinden, wer der Mörder ist. Wie schon bei „The Honjin Murders“ sind die Figuren in der Geschichte nicht besonders detailiert ausgearbeitet, was mich aber wirklich nicht stört.

Es geht mir bei diesen Romanen vor allem darum, all die kleinen Hinweise in der Handlung zu sammeln und mitzuermitteln. Dabei finde ich es spannend, dass mir auch bei dieser Geschichte viele Elemente vor der Auflösung aufgefallen waren – und dass es trotzdem immer wieder Dinge gab, die mich überraschten. Das ist etwas, was ich bei dieser Art von Kriminalroman sehr mag. Weniger nett fand ich ein (zum Glück nur sehr kurzes) Gespräch zwischen einer Handvoll junger Männer (die keine nennenswerte Rolle in der Geschichte hatten), in der sie sich auf eine Art und Weise über Frauen und Sex unterhielten, die ich abstoßend fand. Da machte es sich leider bemerkbar, dass der Roman nicht nur Anfang der 1970er Jahre, sondern auch von einem männlichen Autor geschrieben wurde. Trotzdem wird mich dieser Punkt nicht davon abhalten, auch noch den nächsten Kosuke-Kindaichi-Roman zu lesen, denn ich mag die Herausforderung, die mir diese Geschichten beim Lesen bieten, ebenso wie den Einblick in ein vergangenens Japan.

Annie Bellet: The Gryphonpike Chronicles (Complete series)

Die kompletten „Gryphonpike Chronicles“ von Annie Bellet umfassen insgesamt 224 Seiten, so dass es sich hier eher um eine Reihe von aufeinanderfolgenden Kurzgeschichten handelt als um eine Romanserie. Die Geschichten werden aus der Perspektive von „Killer“ erzählt – einer Elfe, die von ihrem eigenen Volk verflucht wurde und deshalb mit niemandem (verbal oder per Gestik/Mimik) kommunizieren kann. Der Fluch wird erst aufgehoben, wenn sie 1001 gute Tat vollbracht hat, weshalb sie sich einer Gruppe von Abenteurern angeschlossen hat. Der Weltenbau und ähnliches gehen nicht sehr tief, aber ich habe mich mit dieser Sammlung von D&D-artigen Geschichten sehr gut unterhalten gefühlt und hätte gern auch noch mehr von Killer und den anderen Abenteurern gelesen.

Becky Chambers: Monk and Robot

Mit den „Monk and Robot“-Romanen von Becky Chambers ging es mir wie mit den Murderbot-Geschichten von Martha Wells: Solange gefühlt jeder begeistert darüber redete, hatte ich keine Lust, diese Titel zu lesen, obwohl ich mir sicher war, dass sie auch mir gefallen würde. Da jetzt aber „A Psalm for the Wild-Built“ und „A Prayer for the Crown-Shy“ in einem Taschenbuch zusammen veröffentlicht wurden, habe ich die Gelegenheit genutzt und das Buch dann auch direkt nach Erhalt gelesen. Wie erwartet habe ich die Geschichte rund um Sibling Dex und Roboter Mosscap sehr genossen. Es gab in der Handlung einige berührende Momente, Denkanstöße zu den verschiedensten Themen und nicht wenige amüsante Szenen. Jetzt werde ich wohl doch mal schauen müssen, ob mir auch die Wayfarers-Serie gefallen könnte …

Antonia Hodgson: The Raven Scholar (The Eternal Path 1)

„The Raven Scholar“ ist der erste Fantasyroman von Antonia Hodgson, die bislang vor allem historische Kriminalromane geschrieben hat. Ich muss zugeben, dass ich keinen der früheren Titel der Autorin kenne, aber nach dem Lesen von „The Raven Scholar“ bin ich versucht, auch die anderen Bücher auszuprobieren. „The Raven Scholar“ spielt in dem fantastischen Land Orrun, in dem alle 24 Jahre ein Wettbewerb ausgerichtet wird, um einen neuen Kaiser zu finden. Sieben Kandidat*innen für diesen Wettbewerb werden von ihren jeweiligen Klöstern ausgewählt. Jedes Kloster ist einem der Wächtertiere von Orrun unterstellt, wobei der Drache traditionell eine ganz eigene Rolle bei diesem Wettbewerb einnimmt, die ihn von den anderen Kandidat*innen abgrenzt. Die Handlung setzt zu Beginn des Wettbewerbs ein, dessen Sieger zum Nachfolger des aktuell regierenden Kaisers Bersun gekrönt werden soll. Noch bevor die erste Herausforderung starten kann, wird jedoch eine/r der Kandidat*innen ermordet, weshalb High Scholar Neema Kraa von Kaiser Bersun mit der Mordermittlung beauftragt wird.

Neema ist eine Einzelgängerin, die mehr Feinde als Verbündete am Hof hat. Sie hat vor Jahren eine zweifelhafte Entscheidung getroffen, die sie bis heute verfolgt, und sie fühlt sich absolut nicht geeignet als Ermittlerin. Ich muss zugeben, dass Neema als Protagonistin auf den ersten Blick ziemlich klischeehaft wirkt: Das aus armen Verhältnissen stammende Genie, das allein seinen Weg geht, angetrieben von dem Bedürfnis nach Wissen und Gerechtigkeit für die von der Gesellschaft Vernachlässigten. Überhaupt scheinen all die Kandidat*innen für den Wettbewerb auf den ersten Blick klassischen Fantasy-Stereotypen zu entsprechen. Da gibt es den listigen/verspielten Fuchs, den gelehrten Raben, den mächtigen Tiger, den hart arbeitenden und gutmütigen Ochsen, den starken Bären, den kreativen Affen, den treuen Hund und den tödlichen Drachen. Ebenso vorhersehbar wie die Auswahl an Charakteren wirkt der Krimianteil der Geschichte, bei dem ich das Gefühl hatte, dass ich relativ schnell entscheidende Elemente erahnt hatte. Doch sowohl bei den Figuren als auch bei der Handlung gelingt es Antonia Hodgson, so viele überraschende Wendungen und Ebenen einzubauen, dass all diese Stereotype und Vorhersehbarkeiten sich schnell als Täuschung der Autorin herausstellen.

Ich hatte ungemein viel Spaß damit, die verschiedenen Figuren besser kennenzulernen und mehr über Orrun und die verschiedenen Häuser herauszufinden. Ich fand es spannend, wie sich meine Gefühle für die verschiedenen Charaktere im Laufe der Zeit veränderten und es immer wieder neue Facetten bei den unterschiedlichen Persönlichkeiten zu entdecken gab. Und obwohl ich normalerweise mit all den Intrigen am Hof (und in diesem Fall auch innerhalb der Klöster) wenig Freude habe, fand ich es hier wirklich faszinierend, die verschiedenen Verbindungen aufzudecken und mitzubekommen welche Folge sie für den Wettbewerb, für Neema und ihre Ermittlungen sowie für das Volk allgemein mit sich bringen. Auch der Wettbewerb war von Antonia Hodgson vielseitiger gestaltet, als ich es anfangs erwartet hatte, so dass es immer wieder spannend war, mehr über die verschiedenen Herausforderungen zu erfahren und zu sehen, wie die Kandidat*innen damit umgehen.

Es gibt so unfassbar viele Details und kleine Szenen, die ich hier gern erwähnen würde, weil ich sie so fesselnd, amüsant oder ungewöhnlich fand. Aber ich traue mich nicht mal, etwas über den Prolog zu schreiben, weil all diese Dinge so gründlich miteinander verwoben sind, dass es meiner Meinung nach zu viel über die Handlung von „The Raven Scholar“ verraten würde. Im Nachhinein habe ich ein paar negative Rezensionen zu dem Buch gelesen, die sich darüber beschwerten, dass die Erzählperspektive, Neema als Protagonistin und/oder das (zu langsame) Erzähltempo ihnen nicht gefallen hätten. Ich persönlich fand die Erzählperspektive anfangs auch etwas unrund, wobei mich das nicht gestört hat (und ich kann versichern, dass es dafür einen sehr guten Grund gibt). Neema ist eine (vermutlich neurodivergente) Figur mit einigen Grauschattierungen, und um zu prüfen, ob man das beim Lesen als störend empfindet, gibt es Leseproben. Was das Tempo angeht, so gibt es anfangs sehr viele kleine Szenen, in denen die Welt und die Figuren vorgestellt werden, und ich habe mich beim Lesen dieser Passagen sehr gut unterhalten gefühlt. Richtig genossen habe ich es dann, als sich am Ende herausstellte, dass all diese Szenen kleine Puzzlestücke waren, die einen notwendigen Platz im Gesamtbild einnahmen. Ich hatte wirklich enorm viel Spaß mit „The Raven Scholar“ und hoffe sehr, dass bald der Veröffentlichungstermin des zweiten Teils der Trilogie bekanntgegeben wird.

Lese-Eindrücke April 2025

Ich habe im April gar nicht so wenig gelesen, aber relativ wenige Sachen, zu denen ich hier einen Lese-Eindruck festhalten kann.

Angie Thomas: The Manifestor Prophecy (Nic Blake and the Remarkables 1)

„The Manifestor Prophecy“ von Angie Thomas lag schon eine ganze Weile auf meinem SuB – vor allem, da ich in den letzten Jahren einige fantastische Romane von Schwarzen Autor*innen gelesen habe, deren Inhaltsangabe ähnlich klang und ich lieber etwas Abstand beim Lesen solch vergleichbarer Büchern habe. Aber da ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, mehr ältere Bücher vom SuB zu lesen, habe ich dieser Geschichte endlich eine Chance gegeben. Die Handlung dreht sich um die zwölfjährige Nic (Nichole), die zu den Remarkables (Personen mit magischen Fähigkeiten) gehört, die aber in einem „Unremarkable“-Umfeld aufwächst – was bedeutet, dass sie und ihr Vater ihre Magie verstecken müssen. Rund um ihren zwölften Geburtstag passieren dann einige unheimliche Dinge, die u. a. dazu führen, dass Nics Vater verhaftet wird, während sie mit zwei anderen Teenagern auf die Suche nach einem magischen Artefakt gehen muss.

Ich mochte Nic und die anderen Charaktere, die sich Angie Thomas für ihre Geschichte ausgedacht hat, sehr gern. Mir gefiel die magische Parallelwelt ebenso wie die diversen Anspielungen auf afrikanische Legenden sowie auf – leider häufig bedrückende – frühere und aktuelle Schwarze Historie. Außerdem gab es immer wieder wunderbar amüsante Momente als Ausgleich dafür, dass Nic und die anderen sich häufig in bedrohlichen Situationen wiedergefunden haben. Aber ich muss auch zugeben, dass mir viele Elemente in dem Roman sehr vertraut vorkamen, weil er sich jetzt nicht so sehr von anderen fantastischen Middle-Grade-Romanen (Schwarzer Autor*innen) unterschied. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und ich habe Lust, auch noch die Fortsetzung zu lesen, aber ich hoffe ein bisschen, dass Angie Thomas als Fantasyautorin in Zukunft noch einen etwas individuelleren Stil entwickeln wird.

Catie Murphy: Death of a Irish Druid (Dublin Driver Mysteries 6)

„Death of an Irish Druid“ ist der sechste (und bedauerlicherweise vorerst letzte) Band der Dublin-Drivers-Mysteries und er hat mir besonders gut gefallen. Diese cozy-mystery-Reihe dreht sich um die in Irland lebende Amerikanerin Megan Malone, die mit einem mit ihr befreundeten amerikanischen Ehepaar unterwegs ist, als sie über die Leiche eines selbsternannten Druiden stolpert. Obwohl auf den ersten Blick alles nach einem Unfall aussieht, gibt es so viele Ungereimtheiten rund um diesen Todesfall, dass Meg ihrer Neugierde nachgibt und mehr über den Verstorbenen und sein Leben herausfinden will. Ich fand es angenehm, dass dieses Mal die Vorraussetzungen für Megans Ermittlungen ganz anders waren als in den vorhergehenden Bänden. So ist ihr Freund, der für die Garda arbeitet, gerade im Ausland, dafür wird sie rundum von dem Ehepaar unterstützt, das gerade zu Besuch in Irland ist – was zu einigen amüsanten Szenen führt, wenn zum Beispiel amerikanische und irische Gepflogenheiten aufeinanderstoßen.

Das führt dazu, dass sich dieser Band anders anfühlt als die vorhergehenden, ohne dass ich auf all die Dinge, die ich sonst schon so in den Geschichten gemocht habe (all die kleine persönliche Geheimnisse, die von Megan aufgedeckt werden/das Verhältnis der Protagonistin zu ihren Freunden/Megans Fürsorge für diejenigen, die unter dem plötzlichen Verlust einer wichtigen Person leiden), verzichten musste. Dazu habe ich überraschende Details zu den unterschiedlichsten Themen wie britische Adelstitel in Irland, Irisches Erbrecht und Renaturierungsvarianten gelernt und mich dabei großartig unterhalten. Ich hoffe sehr, dass Catie/C.E. Murphy noch eine Möglichkeit findet, die weiteren vier Romane, die sie für diese Reihe schon geplant hatte, auch ohne den ursprünglichen Verlag zu veröffentlichen. Ich wüsste wirklich gern, wie es mit Megan nach diesem Band weitergeht und über welche Leichen sie in Zukunft noch stolpern wird.

Ariana Jade/Arizona Tape: The Coffee House Witch and the Grumpy Cat (The Cobblestone Coven 1)

„The Coffee House Witch and the Grumpy Cat“ hatte ich vorbestellt, als der Titel noch „The Coffee House Witch“ hieß, der Veröffentlichungstermin noch einige Wochen früher angesetzt war und das eBook noch ohne Seitenzahl gelistet wurde. Was bedeutete, dass ich keine Ahnung hatte, ob ich meine 99 Cent für eine nett klingende Kurzgeschichte oder für einen fantastischen Liebesroman ausgeben würde. Am Ende hatte die Geschichte einen Umfang von knapp über 100 Seiten und fühlte sich an, als ob ich den Anfang eines cozy Fantasy-Romans gelesen hätte. Die Handlung dreht sich um Hexe Cassiopeia, die nach zehn Jahren in „der Stadt“ zurück zu ihrer Großmutter zieht und ihr in ihrem Café hilft. Cassi weiß nicht so recht, wie es in Zukunft mit ihr weitergehen soll: Ihre Verlobung ist in die Brüche gegangen, ihren Job hat sie deshalb auch verloren (da ihre Chefs die Eltern ihrer Ex-Verlobten waren) und ihre Magie ist zur Zeit etwas wackelig.

Die Handlung war (soweit vorhanden) nett, ich mochte die Figuren rund um die Protagonistin (ehrlich gesagt mehr als Cassi selbst), ich habe grundsätzlich eine Schwäche für Geschichten, die in unserer Welt plus einem Hauch von Magie spielen, und auch wenn die diversen tierischen Familiare etwas gewollt niedlich-eigenwillig waren, war das okay zu lesen. Es störte mich auch nicht, dass von Anfang an offensichtlich war, dass Cassi im Laufe der Zeit Gefühle für ihre beste Freundin aus Kindheitstagen entwickeln wird. Was mich hingegen störte, war, dass ich mit diesem Band keine vollständige Geschichte bekommen habe. Es fühlte sich an, als ob ich eine längere Leseprobe gelesen hätte statt einer eigenständigen Novella. Und diese „Leseprobe“ war zwar ganz nett, aber jetzt nicht so überzeugend, dass es mir wert wäre, einige Wochen auf die nächste Portion der Geschichte zu warten und dafür dann drei Euro auszugeben, ohne vorhersagen zu können, ob dieser Teil sich beim Lesen dann befriedigender anfühlen wird …

Yukito Ayatsuji: The Decagon House Murders

„The Decagon House Murders“ von Yukito Ayatsuji wurde im Original 1987 veröffentlich und hat – zumindest laut Klappentext – zu einem erneuten Aufleben des klassischen Detektivromans in Japan geführt. Die Geschichte spielt im Jahr 1986, wobei ein Teil der Handlung auf der Insel Tsunojima (die während dieser Zeit keinen Kontakt zum Festland hat) passiert und der anderer Teil der Handlung parallel dazu an verschiedenen Orten in und rund um Osaka stattfindet. Es steht von Anfang an fest, dass es zwei dramatische Ereignisse rund um die Familie Nakamura gab, der die Insel bis vor Kurzem gehörte. Außerdem wird schon auf den ersten Seiten deutlich, dass es ein Mörder auf sieben Student*innen abgesehen hat, die eine Woche auf der Insel verbringen.

Alle sieben Student*innen sind Angehörige des Krimiclubs ihrer Universität, und sie reden sich – wie es in ihrem Club üblich ist – mit Spitznamen an, die auf den Namen berühmter Krimiautoren basieren. „Leroux“, „Carr“, „Agatha“, „Ellery“, „Van“, „Orczy“ und „Poe“ wohnen auf Tsunojima in einem Haus, das von dem berühmten und sehr eigenwilligen Architekten Nakamura Seiji entworfen wurde und dessen Grundriss aus einem gleichseitigen Zehneck besteht. Dieser Architekt lebte zurückgezogen auf der Insel – bis er, seine Frau und ihre Dienstboten vor einigen Monaten dort grausam ermordet wurden. Diese erschütternde Tat hat in den Medien zu vielen Spekulationen rund um die Identität des Täters geführt, und auch die sieben Student*innen sind fest entschlossen, während ihres Aufenthalts nach Hinweisen zu suchen. Doch dann wird wenige Stunden nach ihrem Eintreffen auf Tsunojima das erste der Clubmitglieder umgebracht.

Yukito Ayatsuji macht keinen Hehl daraus, dass sein Roman von „And Then There Where None“ von Agatha Christie inspiriert wurde, aber ich fand es reizvoll, dass es zusätzlich zu den Ereignissen auf der Insel noch den Handlungsstrang auf dem Festland gab. Dort bekommen zwei weitere Mitglieder des Krimiclubs (Kawaminami Taka’aki und Morisu Kyōichi) Briefe, die sie des Mordes an ihrer vor einem Jahr verstorbenen Kommilitonin Chiori beschuldigen. Diese Briefe sorgen dafür, dass Kawaminami Taka’aki gemeinsam mit Shimada Kiyoshi, einem Freund von Chioris Onkel, versucht, mehr über den Tod der jungen Frau herauszufinden. Ich gebe zu, dass diese beiden Handlungsstränge dazu führen, dass die Geschichte aus sehr vielen Perspektiven erzählt wird, aber es gelingt dem Autoren durchgehend, deutlich zu machen, wer gerade zu Wort kommt. So fand ich es wirklich spannend, all die verschiedenen Gedanken zu verfolgen und mehr über die einzelnen Figuren, ihr Verhältnis zueinander und die Ereignisse aus der Vergangenheit herauszufinden.

Außerdem hat es mir viel Spaß gemacht, die vielen verschiedenen Hinweise zu sammeln und meine eigenen Schlüsse zu ziehen, und ich fand es überraschend raffiniert, wie Yukito Ayatsuji durch den Einsatz der Spitznamen dafür gesorgt hat, dass es ziemlich herausfordernd wurde, die verschiedenen Informationen den jeweiligen Krimiclub-Personen zuzuordnen. Es gibt nur einen winzig kleinen Punkt, der mich am Ende der Geschichte irritiert hat, weil es da um einen Aspekt geht, der nicht erwähnt wurde. Ich kann nicht mehr dazu sagen, ohne die Auflösung zu spoilern, aber es geht um etwas, was meiner Meinung nach eine Erwähnung hätte bekommen müssen – gerade weil Yukito Ayatsuji ansonsten so viel Detailliebe in diesen Kriminalroman gesteckt hat. Lustigerweise hätte mich das normalerweise nicht gestört, wenn es nicht genau dieses eine Element gewesen wäre, das dafür sorgte, dass ich beim Lesen den Täter/die Täterin dann doch ausgeschlossen hatte. Trotz dieses einen kleinen Kritikpunkts habe ich „The Decagon House Murders“ sehr genossen und bin wild entschlossen, in Zukunft mehr Romane von Yukito Ayatsuji zu lesen.

Alice Bell: Grave Expectations

„Grave Expectations“ von Alice Bell hatte ich im vergangenen November zum Geburtstag geschenkt bekommen und dann auch direkt Anfang Dezember gelesen. Der Roman beginnt an einem Wochenende, an dem die Protagonistin Claire Hendricks den unterhaltsamen Teil für den Geburtstag der Urgroßmutter ihrer ehemaligen Kommilitonin Figgy Wellington-Forge beisteuern soll. Genau genommen soll Claire, die seit Jahren als Medium arbeitet, am Abend von Nanas Geburtstag im großen Familien- und Freundeskreis eine Seance abhalten. Leider kommt es vor dem großen Tag zu einem Todesfall, weshalb die Feier abgesagt wird – allerdings erst, nachdem Claire in der Bibliothek einen Geist gesehen hat, der vor relativ kurzer Zeit gewaltsam ums Leben gekommen ist. Gemeinsam mit Figgys Bruder Sebastian „Basher“ Wellington-Forge (der ein Ex-Polizist ist), Alex (nicht-binäres jüngstes Mitglied der Wellington-Forge-Familie im Teenager-Alter) und Claires ältester Freundin Sophie (die leider vor einigen Jahren verstarb und deren Geist seitdem Claire begleitet) versucht das Medium, mehr über das Verbrechen herauszufinden.

„Grave Expectations“ bietet eine wirklich ungewöhnliche Mischung, was ich wirklich unterhaltsam zu lesen fand. Die Handlung spielt in unserer Zeit, aber trotzdem gelingt es Alice Bell, dass der Beginn der Geschichte, der im Herrenhaus der Wellington-Forges spielt, sich wie in einem Golden-Age-Mystery anfühlt (oder wie in einer frühen Inspector-Barnaby-Folge inklusive der eher überzogenen Humor-Elemente). So sorgen vor allem Claires Perspektive und ihre – von fast allen anderen Charakteren angezweifelte – Fähigkeit, Geister sehen zu können, dafür, dass sich dieser Roman von Anfang an von einem klassischen britischen Cozy Mystery unterscheidet. Claire fühlt sich verpflichtet herauszufinden, wer der Geist in der Bibliothek ist und wie diese Person ums Leben kam, während Alex und Basher sich aus Abenteuerlust (Alex) bzw. mit der Absicht, das Schlimmste für die Familie zu verhindern, (Basher) Claires Ermittlungen anschließen.

Neben dem stellenweise altmodischen Flair eines klassischen Kriminalromans, den absurd-amüsanten Momenten und den paranormalen Elementen gibt es immer wieder überraschend realistische Szenen, in denen Claire und die anderen bei ihren Ermittlungen daran scheitern, dass sie keine Befugnisse oder nicht genügend Ausgangsinformationen haben. Dazu kommen all die Hinweise auf Claires und Sophies gemeinsame Vergangenheit und darauf, wieso Sophie seit ihrem 17. Lebensjahr Claires ständige, geisterhafte Begleitung ist, welche ein bedrückendes Bild vom Schicksal der beiden Frauen zeichnen. All das hat dazu geführt, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre bei der Auflösung des Kriminalfalls den Protagonisten weit voraus, ohne dass die Geschichte für mich weniger fesselnd geworden wäre. Stattdessen habe ich gespannt all die kleinen (und größeren) zwischenmenschlichen Elemente mitverfolgt.

Obwohl Basher die ganze Zeit skeptisch gegenüber Claire ist, entwickelt sich doch so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihr, Alex und Basher – was eine Herausforderung ist, wenn eine Person davon ausgeht, dass die andere durchgehend lügt. Dann ist da noch die Beziehung zwischen Claire und Sophie, die vor Jahren beste Freundinnen waren und seitdem so gut wie jeden Tag gemeinsam verbracht haben – was nur umso deutlicher macht, dass nur eine von ihnen sich weiterentwickelt und altert, während die andere ein Teenager bleibt und keine Chance auf eine eigenständige Existenz hat. Außerdem gibt es immer wieder Szenen innerhalb der Wellington-Forge-Familie, die (auch wenn die Charaktere stellenweise etwas arg klischeehaft gestaltet wurden) zeigen, dass Familien eine komplizierte Angelegenheit sein können und dass einander sehr gut zu kennen nicht bedeutet, dass es keinerlei Geheimnisse gibt.

Die einzigen kleinen Kritikpunkte, die ich an „Grave Expectations“ habe, sind auf der einen Seite ein sehr hemmungsloser Umgang mit Alkohol bei eigentlich allen Figuren (was ich persönlich nur ungern lese), und auf der anderen Seite das stellenweise etwas gemächliche Tempo. Letzteres kam mir beim Lesen an ein paar Stellen – gerade in der zweiten Hälfte – etwas zu schleppend vor. Aber im Nachhinein konnte ich verstehen, wieso die Autorin da die Handlung nicht etwas mehr gerafft hatte, weil diese überflüssig wirkenden ruhigeren Passagen wichtig für die weitere Entwicklung der Geschichte waren. Alles in allem habe ich mich am Ende wirklich gut unterhalten gefühlt mit „Grave Expectations“ und hoffe sehr, dass Alice Bell mit der schon erschienenen Fortsetzung „Displeasure Island“ einen ebenso unterhaltsamen Roman geschrieben hat, in dem ich mehr über Claire, Sophie, Basher und Alex und ihre gemeinsamen Bemühungen, Kriminalfälle zu lösen, erfahren kann.