Schlagwort: T. Kingfisher

Lese-Eindrücke Mai 2025

Anscheinend hatte ich in diesem Mai das Gefühl, ich müsste so viel wie möglich lesen, bevor das Wetter (noch) heißer wird – was dazu geführt hat, dass ich auch wieder ein paar Lese-Eindrücke sammeln konnte …

T. Kingfisher: The Seventh Bride

Ich habe mir vor einiger Zeit alle (märchenhaften) Backlist-Titel von T. Kingfisher (Ursula Vernon) als eBook zugelegt, damit ich darauf zurückgreifen kann, wenn ich Lust auf diese besondere Art von Geschichten habe. „The Seventh Bride“ ist eine Blaubart-Variante und wird aus der Perspektive der fünfzehnjährigen Rhea erzählt. Rhea ist eine Müllerstochter und ziemlich überrascht, als Lord Crevan um ihre Hand anhält. Noch schockierter ist sie, als sie beim Eintreffen auf seinem Anwesen feststellt, dass sie die siebte Braut von Lord Crevan ist – und nicht alle seine vorherigen Ehefrauen sind schon verstorben. Wie bei den vorher schon von mir gelesenen Märchenvarianten von T. Kingfisher habe ich hier wieder den Pragmatismus der Protagonistin, die überbordende (und häufig Horrorelemente aufgreifende) Fantasie der Autorin und ihren ungewöhnlichen Humor genossen. Ich mag es sehr, dass ich – bei aller Vertrautheit mit Märchen – bei T. Kingfisher nie vorhersagen kann, in welche Richtung sich eine Geschichte entwickelt und was für seltsame Dinge sie als Nächstes aufgreifen wird.

Seishi Yokomizo: Death on Gokumon Island

Nach „The Honjin Murders“ ist „Death on Gokumon Island“ der zweite Kriminalroman von Seishi Yokomizo rund um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Im Gegensatz zu dem Vorgängerroman spielt dieser hier nach dem Zweiten Weltkrieg, und so ist es auch ein Versprechen, dass Kosuke seinem verstorbenen Kameraden Chimata gegeben hatte, das ihn auf die Insel Gokumon bringt. Kurz nach Kosukes Eintreffen werden die drei jüngeren Schwestern von Chimata eine nach der anderen auf außergewöhnliche Weise ermordet, und natürlich versucht der Detektiv herauszufinden, wer der Mörder ist. Wie schon bei „The Honjin Murders“ sind die Figuren in der Geschichte nicht besonders detailiert ausgearbeitet, was mich aber wirklich nicht stört.

Es geht mir bei diesen Romanen vor allem darum, all die kleinen Hinweise in der Handlung zu sammeln und mitzuermitteln. Dabei finde ich es spannend, dass mir auch bei dieser Geschichte viele Elemente vor der Auflösung aufgefallen waren – und dass es trotzdem immer wieder Dinge gab, die mich überraschten. Das ist etwas, was ich bei dieser Art von Kriminalroman sehr mag. Weniger nett fand ich ein (zum Glück nur sehr kurzes) Gespräch zwischen einer Handvoll junger Männer (die keine nennenswerte Rolle in der Geschichte hatten), in der sie sich auf eine Art und Weise über Frauen und Sex unterhielten, die ich abstoßend fand. Da machte es sich leider bemerkbar, dass der Roman nicht nur Anfang der 1970er Jahre, sondern auch von einem männlichen Autor geschrieben wurde. Trotzdem wird mich dieser Punkt nicht davon abhalten, auch noch den nächsten Kosuke-Kindaichi-Roman zu lesen, denn ich mag die Herausforderung, die mir diese Geschichten beim Lesen bieten, ebenso wie den Einblick in ein vergangenens Japan.

Annie Bellet: The Gryphonpike Chronicles (Complete series)

Die kompletten „Gryphonpike Chronicles“ von Annie Bellet umfassen insgesamt 224 Seiten, so dass es sich hier eher um eine Reihe von aufeinanderfolgenden Kurzgeschichten handelt als um eine Romanserie. Die Geschichten werden aus der Perspektive von „Killer“ erzählt – einer Elfe, die von ihrem eigenen Volk verflucht wurde und deshalb mit niemandem (verbal oder per Gestik/Mimik) kommunizieren kann. Der Fluch wird erst aufgehoben, wenn sie 1001 gute Tat vollbracht hat, weshalb sie sich einer Gruppe von Abenteurern angeschlossen hat. Der Weltenbau und ähnliches gehen nicht sehr tief, aber ich habe mich mit dieser Sammlung von D&D-artigen Geschichten sehr gut unterhalten gefühlt und hätte gern auch noch mehr von Killer und den anderen Abenteurern gelesen.

Becky Chambers: Monk and Robot

Mit den „Monk and Robot“-Romanen von Becky Chambers ging es mir wie mit den Murderbot-Geschichten von Martha Wells: Solange gefühlt jeder begeistert darüber redete, hatte ich keine Lust, diese Titel zu lesen, obwohl ich mir sicher war, dass sie auch mir gefallen würde. Da jetzt aber „A Psalm for the Wild-Built“ und „A Prayer for the Crown-Shy“ in einem Taschenbuch zusammen veröffentlicht wurden, habe ich die Gelegenheit genutzt und das Buch dann auch direkt nach Erhalt gelesen. Wie erwartet habe ich die Geschichte rund um Sibling Dex und Roboter Mosscap sehr genossen. Es gab in der Handlung einige berührende Momente, Denkanstöße zu den verschiedensten Themen und nicht wenige amüsante Szenen. Jetzt werde ich wohl doch mal schauen müssen, ob mir auch die Wayfarers-Serie gefallen könnte …

T. Kingfisher: A Sorceress Comes to Call

„A Sorceress Comes to Call“ von T. Kingfisher (Ursula Vernon) habe ich im August gelesen und ertappe mich bis heute immer wieder dabei, dass ich an die Geschichte zurückdenke. Der Roman ist grob an das Märchen „Die Gänsemagd“ angelehnt, doch statt von einer Prinzessin zu erzählen, die auf dem Weg zu ihrer Hochzeit von ihrer Zofe betrogen wird, dreht sich die Geschichte um die 14jährige Cordelia. Cordelia lebt zusammen mit ihrer Mutter, der Zauberin Evangeline, und schon von der ersten Seite an wird deutlich, dass Cordelia in keinem normalen oder gar gesunden Umfeld aufwächst. Seit vielen Jahren gehört zum Beispiel „obedient“ sein zu ihrem Leben – was in diesem Fall bedeutet, dass Evangeline die Kontrolle über Cordelias Körper übernimmt, während das Mädchen nur hilflos zuschauen kann. Nur während ihrer Ausritte mit Evangelines Pferd Falada fühlt sich Cordelia, als wäre sie der steten Beobachtung ihrer Mutter entkommen, und so sind diese Stunden – ebenso wie die dabei stattfindenden seltenen Treffen mit ihrer ehemaligen Schulfreudin Ellen – die einzigen Höhepunkte in ihrem Leben. Nach einem Vorfall in Cordelias Heimatort beschließt Evangeline, dass es Zeit wird, sich einen vermögenden Ehemann zu suchen, und so lädt sie sich (gemeinsam mit Cordelia) in das Haus des älteren Squire Samuel Chatham und seiner Schwester Hester ein.

Erzählt wird die Geschichte sowohl aus Cordelias als auch aus Hesters Sicht, und während Cordelias Perspektive fast schon schmerzhaft zu verfolgen ist, habe ich mich bei Hesters Kapiteln großartig amüsiert. Hester ist eine selbstbewusste ältere Frau mit so einigen Wehwechen und einem scharfen Verstand. Von Anfang an steht für sie fest, dass Evangeline (die von ihr in Gedanken nur als „Doom“ bezeichnet wird) eine Bedrohung für ihren Bruder Samuel darstellt. Dabei geht es ihr nicht darum, ihre Position im Haushalt ihres Bruders zu sichern, sondern sein Vermögen (und sein Leben) vor einer offensichtlich gierigen und gefährlichen Person zu beschützen. Außerdem sieht Hester ziemlich schnell all die kleinen Anzeichen, die davon zeugen, dass Cordelia von ihrer Mutter misshandelt wird. Beides führt dazu, dass sich – wie es sich für einen T.-Kingfisher-Roman gehört – eine ungewöhnliche Gruppe voller sehr individueller Persönlichkeiten rund um Hester (und Cordelia) sammelt, die alles in ihrer Macht stehende tun, um gegen Evangeline und ihre Zauberkräfte anzugehen.

Ich liebe all die vielen verschiedenen älteren und sehr pragmatischen Frauen in T. Kingfishers Romanen, und mit Hester und ihrer besten Freundin Imogene hat die Autorin ein ganz besonders wunderbares Duo davon geschaffen. All die gemeinsamen Teestunden mit diesen beiden Frauen, in denen sie Informationen sammeln, Strategien planen und ihren Verbündeten Anweisungen geben, stehen im starken Kontrast zu den eher gruseligen und zum Teil ziemlich dramatischen Szenen rund um Evangelines Magie. Ich muss zugeben, dass diese Teestunden der Teil des Romans ist, der den stärksten Eindruck bei mir persönlich hinterlassen hat, weil ich den Austausch zwischen all den verschiedenen Figuren so mochte – obwohl es auch schön zu lesen war, wie Cordelia mit der Hilfe von Hester und dem Dienstmädchen Alice immer mehr das Verhalten ihrer Mutter hinterfragt und im Laufe der Zeit anfängt, eigenständig zu denken und zu handeln. Aber Geschichten, in denen misshandelte junge Frauen lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sind halt deutlich weniger ungewöhnlich, als Geschichten rund um ältere, selbstbewusste Frauen, die ihre Freundschaften, ihren Pragmatismus und ihre Lebenserfahrung nutzen, um die Personen in ihrem Umfeld zu beschützen.

„A Sorceress Comes to Call“ ist in vielen Bereichen düsterer als die anderen Märchen-Neuerzählungen, die ich bislang von T. Kingfisher gelesen habe. Aber trotz der unheimlichen Elemente bietet dieser Roman wieder eine großartige Mischung aus realistischen und sehr sympathischen Charakteren, skurrilen Situationen und ungewöhnlichen fantastischen Elementen. Außerdem gibt es in dieser Geschichte wieder so viele Sätze und Aussagen, die auch noch Wochen nach dem Lesen in mir nachklingen und die mich nachdenklich gemacht haben. Ich mag es sehr, dass die Autorin es immer wieder schafft, dass ich mich beim Lesen wunderbar amüsiere, während sie mir gleichzeitig so viele Denkanstöße zu den verschiedensten unerwarteten Themen präsentiert. Unter diesen Umständen bin ich auch immer wieder gern bereit, mich auf die eher düsteren Geschichten (oder gar Horror-Veröffentlichungen) von T. Kingfisher einzulassen.

Lese-Eindrücke Juli 2024

Meine Lektüre im Juli war eine Mischung aus „ich nutze die kühleren Tage für die Scavenger Hunt TBR Book Challenge und SuB-Abbau“ und „ich müsste mich wirklich mal mit den älteren ungelesenen Titeln auf meinem eReader beschäftigen“. Das hat allerdings auch dazu geführt, dass der Großteil der gelesenen Romane nur „nett“ war und nicht herausragend. Aber ein paar Worte will ich zu den Titeln, die ich nicht noch mit einer einzelnen Rezension bedenken möchte, doch verlieren.

Megan Bannen: The Undermining of Twyla and Frank (Hart and Mercy 2)

„The Undermining of Twyla and Frank“ ist Anfang Juli 2024 veröffentlicht worden und eine Geschichte, die unabhängig von „The Undertaking of Hart and Mercy“ lesbar ist, aber in derselben Stadt (und nach den Ereignissen rund um Hart und Mercy) spielt. Genau genommen sind Twyla und Frank Kollegen von Hart, und nach den Vorkommnissen im ersten Band müssen sie damit zurechtkommen, dass sich ihre Rolle als Tanrian Marshals deutlich verändert hat. Ich mochte, dass es sich dieses Mal um eine „old friends to lovers“-Geschichte handelte, auch wenn ich beide Figuren ab und an gern geschüttelt hätte, weil sie so sehr darauf beharrten, dass sie doch nur Freunde sind.

Außerdem fand ich es spannend, mehr über die Welt, die Megan Bannen für ihre Romane geschaffen hat, zu erfahren – vor allem über den Bereich, in dem vor langer Zeit die Götter eingesperrt waren und in dem es noch so einiges zu entdecken gibt. Auf das Buch hatte ich mich gefreut und es dann auch direkt nach Erscheinen genossen. Den Weltenbau finde ich wirklich faszinierend und die Liebesgeschichte hat mich (trotz der immer mal wieder vorkommenden Begriffsstutzigkeit der Charaktere) gut unterhalten. Den dritten Band („The Undercutting of Rosie and Adam“), der im Juli 2025 erscheinen soll, habe ich dann auch schon mal vorbestellt!

T. Kingfisher: Summer in Orcus

„Summer in Orcus“ lag schon längere Zeit auf meinem eReader, und bei dem Titel dachte ich, dass es ein guter Sommerroman sein könnte. Doch dann habe ich den Roman angefangen und festgestellt, dass Summer der Name der Protagonistin ist. 😉 Genau genommen ist Summer eine Elfjährige, die ihr ganzes Leben lang von ihrer überängstlichen Mutter in Watte eingepackt wurde und an deren Haus eines Tages Baba Yaga in ihrer Hütte vorbeikommt. Ein Handel mit Baba Yaga soll Summer die Erfüllung ihres Herzenswunsches bringen und führt dazu, dass sich das Mädchen in der fantastischen Welt Orcus wiederfindet. Orcus ist voller wunderbarer Kreaturen und magischer Dinge, aber die Bewohner werden von der Königin und ihrem unheimlichen Houndbreaker terrorisiert. In den meisten anderen Jugendfantasy-Romanen wäre Summer nun die langerwartete Heldin, die gegen die Königin und ihren Houndbreaker kämpfen muss, aber Summer ist definitiv keine klassische Heldin.

Ich liebe es, wie T. Kingfisher (Ursula Vernon) in diesem Roman mit den diversen Portal-Fantasy-Elementen spielt und sich dabei weigert, ausgetretene Wege zu beschreiten. Stattdessen entpuppt sich Summer als eine wunderbare Mischung aus kindlicher Neugier/Unerfahrenheit/Gerechtigkeitssinn und einem Pragmatismus, der aus dem Aufwachsen mit einer Mutter entstanden ist, deren Verhalten dafür sorgt, dass Summer regelmäßig in die Rolle der „Erwachsenen“ in ihrer Familie schlüpfen musste. Der Ton in „Summer in Orcus“ richtet sich eher an jüngere Leser*innen als die meisten anderen Bücher der Autorin, aber die Geschichte strotzt trotzdem von unheimlichen und bedrückenden Elementen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie T. Kingfisher es schafft, all diese fürchterlichen Dinge in wunderbar absurde, fantastische Ideen und humorvolle Szenen einzubetten, so dass ich ihre Romane gleichzeitig rundum genießen und trotzdem (oder gerade deshalb) eine Menge ernsthafter Gedankenanstöße mitnehmen kann.

Juliet E. McKenna: The Green Man’s Heir (Green Man 1)/The Green Man’s Foe (Green Man 2)

Die Green-Man-Romane von Juliet E. McKenna werden mir seit Jahren immer wieder in die Timeline gespült – gern auch mit dem Hinweis auf günstige eBook-Ausgaben. Was dazu geführt hat, dass ich 2020 Band 2 und 2023 Band 1 angeschafft habe, um sie jetzt im Juli dann endlich auch zu lesen. Der Protagonist der Urban-Fantasy-Reihe ist Daniel Mackmain, der Sohn eines Menschen und einer Dryade, der vom „Green Man“ zu seinem persönlichen Problemlöser ernannt wurde. Ich mochte Daniel wirklich gern, gerade weil er sich nicht so sehr von anderen Menschen unterscheidet – abgesehen davon, dass seine Verletzungen schneller heilen und er in der Lage ist, übernatürliche Wesen zu sehen. Seine Verbindung zum Green Man hingegen ist für ihn häufig eine Herausforderung, denn sie sorgt dafür, dass er eigentlich nicht sesshaft werden kann.

In „The Green Man’s Heir“ muss Daniel in der ersten Hälfte den Mord an einer jungen Frau lösen, und in der zweiten Hälfte gibt es einen neuen Fall – was mich ehrlich gesagt anfangs etwas irritiert, aber nicht so sehr gestört hat, dass ich nicht hätte weiterlesen wollen. In „The Green Man’s Foe“ hingegen muss sich Daniel um unheimliche Ereignisse rund um ein altes Herrenhaus kümmern. Insgesamt fand ich es wirklich nett, dass ich mit den zwei Romanen drei so unterschiedliche „Fälle“ zu lesen bekam. Juliet E. McKenna bietet eine unterhaltsame und spannende Mischung aus fantastischen Elementen (mit dem Schwerpunkt britische Mythologie) und realistischen (Alltags-)Problemen in unserer heutigen modernen Welt – und das aus der Perspektive eines Mannes, der eine Möglichkeit finden muss, diese beiden gegensätzlichen Seiten seines Lebens auf die Reihe zu bringen. Spätestens nach dem Lesen von „The Green Man’s Foe“ bin ich gespannt darauf, wie es mit Daniel weitergeht und welchen Wesen er sonst noch so begegnen wird.

Jessie Mihalik: Books and Broadswords

„Books and Broadswords“ von Jessie Mihalik wurde im Juni von Stephanie Burgis in ihrem monatlichen „Dragons‘ Book Club“ (auf Patreon) empfohlen. Auf gerade mal 149 Seiten finden sich in dieser Veröffentlichung zwei fantastische, cozy Liebesgeschichten, die ich wirklich entspannend und amüsant fand. In der ersten Geschichte verlieben sich eine Drachin und ein ungewöhnlicher Ritter ineinander, in der zweiten dreht sich die Handlung um einen Drachen und eine Herdhexe, die wild entschlossen ist, sein vernachlässigtes Schloss in Ordnung zu bringen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn Jessie Mihalik die Handlung/Welt/Protagonist*innen mehr ausgebaut und sich dafür etwas mehr Zeit genommen hätte. Aber ich mochte, dass die Drachen in dieser Welt ihren Hort nach bestimmten persönlichen Kriterien wählen, ich konnte mit dem InstaLove-Element leben und fand das Ganze so nett, dass ich noch mehr davon lesen würde. Oh, und für diejenigen, die lieber keine Sexszenen lesen: Jessie Mihalik hat in den Geschichten selber darauf verzichtet, während diejenigen, die explizite Sexszenen in ihren Liebesgeschichten bevorzugen, für jede Geschichte einen dementsprechenden Epilog lesen können.

Natalie C. Parker: Seafire

Ich habe keine Ahnung mehr, wo ich über „Seafire“ gestolpert bin, aber der Roman lag fünf Jahre auf meinem SuB – und in der Zeit hatte ich vollkommen vergessen, dass es sich dabei um ein Jugendbuch handelt. Es gab viele Elemente, die ich an der Geschichte mochte: Ein Piratenschiff voller junger Frauen, die versuchen, in einer Welt zu überleben, die von einem mächtigen Warlord und seiner Marine beherrscht wird, die Freundschaft zwischen der Protagonistin und ihrer besten Freundin sowie das Zusammenspiel der verschiedenen Personen auf dem Schiff. Dazu sind da noch die verschiedenen (mehr oder weniger freiwilligen) Verbündeten, die die Piratinnen im Laufe der Geschichte finden.

Womit ich allerdings regelmäßig ein Problem hatte, war das unprofessionelle Verhalten der Protagonistin. Ich konnte es der Autorin einfach nicht abnehmen, dass ihre Hauptfigur in wenigen Jahren eine großartige Crew zusammengestellt hat, dass diese Piratin eine Herausforderung für Marineschiffe darstellte und dass sie eine unglaubliche Strategin sein soll. Was vor allem daran lag, dass sie sich den Großteil der Zeit total kindisch verhielt, ein „Geheimnis“ hütete, das von Anfang an auf der Hand lag, und auf den ersten Typen flog, der sich wie ein einigermaßen anständiger Mensch verhielt (und deshalb ihre gesamte Crew wie Dreck behandelte). Ich bin zu alt für diese Art von Protagonistin …

T. Kingfisher: Thornhedge

Da ich die märchenhaften Geschichten von T. Kingfisher (Ursula Vernon) so sehr mag, musste ich mir natürlich auch ihre neueste Veröffentlichung in diesem Bereich besorgen. „Thornhedge“ ist mit gerade mal 123 Seiten ein wirklich schmales Büchlein, aber die Geschichte ist so bezaubernd (und ich mag das dunkle Cover mit dem Turm so gern), dass ich froh bin, dass ich mir die Hardcover-Ausgabe gegönnt habe. „Thornhedge“ basiert auf „Dornröschen“, doch T. Kingfisher erzählt nicht die Geschichte einer verwunschenen Prinzessin, sondern konzentriert sich in ihrer Erzählung auf das Schicksal von Toadling.

Toadling ist eine Figur, die in einem klassischen Grimmschen Märchen die böse Fee wäre. Nur dass Toadling ganz und gar nicht böse ist, sondern eine liebenswerte Person, die zufälligerweise von Monstern aufgezogen wurde. Toadling wäre vollkommen zufrieden damit gewesen, den Rest ihres Lebens bei genau diesen Monstern zu bleiben, doch dann wurde sie von der hare goddess auserwählt, um Unrecht wiedergutzumachen. Doch trotz der Ausbildung, die Toadling für ihren Auftrag erhält, läuft etwas schief, und so sieht sie sich gezwungen, eine verfluchte Prinzessin zu bewachen, damit diese nicht aufgeweckt wird. Viel mehr möchte ich eigentlich gar nicht über den Inhalt verraten, weil es schöner ist, all die Hintergründe beim Lesen selbst zu entdecken. Aber natürlich kommt an einem Punkt der Handlung ein Ritter ins Spiel, der die verfluchte Prinzessin retten will, und den Toadling dann von seiner Mission abhalten muss.

Was ich wirklich auffällig fand, als die ersten Rezensionen zu „Thornhedge“ veröffentlicht wurden, war, dass wirklich alle betonten, was für eine süße Geschichte das sei. Und dann las ich das Nachwort der Autorin, in dem sie darüber schrieb, dass sie denkt, dass sie mit diesem Titel ein sweet book geschrieben hat, aber ihr von allen Seiten gesagt wurde, dass es nicht sweet ist, wenn in einer Geschichte kinderfressende Monster oder die Wiederbelebung von Toten vorkommen würde. Aber ich fürchte, dass T. Kingfisher recht hat: „Thornhedge“ ist trotz all dieser schrecklichen Dinge und trotz der traurigen Sachen, die Toadling widerfahren, eine wirklich süße Geschichte, und das liegt auf der einen Seite an der großartigen Protagonistin und auf der anderen Seite an den (wenigen) Personen, zu denen sie entgegen jeder Wahrscheinlichkeit Beziehungen aufbaut.

Toadling ist keine strahlende Heldin. Sie ist häufig unsicher, aber sie ist aufmerksam und hilfsbereit und versucht immer, alles richtig zu machen – was oft genug dazu führt, dass etwas erst recht schiefläuft. Außerdem ist Toadling über einen erschreckend langen Zeitraum in der Geschichte sehr einsam, was es umso schöner (und überraschend amüsant) macht, als sie dann jemanden findet, mit dem sie reden und dem sie von ihrem Leben erzählen kann. Es ist wirklich schwer zu beschreiben, was „Thornhedge“ für mich so wunderbar gemacht hat, wenn ich so wenig über den Inhalt verraten kann, aber ich kann sagen, dass dieses schmale Büchlein eine wunderbare Protagonistin, herzerwärmende Szenen und (wie so oft bei T. Kingfishers Geschichten) eine ungewöhnliche und recht düstere Sicht auf klassische Märchenelemente mit sich bringt.

T. Kingfisher: Nettle & Bone

Bei T. Kingfisher (Ursula Vernon) kann ich inzwischen sagen, dass ich alle ihre Bücher rundum genieße – sogar die Horror-Romane, die ich bislang gelesen habe, haben mir gefallen. „Nettle & Bone“ habe ich also direkt am Erscheinungstag gelesen und dann gleich zwei Monate danach noch einmal, als ich ein paar Erinnerungen für die Rezension auffrischen wollte und mich dann dabei ertappte, dass ich das Buch nicht wieder aus der Hand legen mochte. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Marra erzählt, die die dritte und jüngste Prinzessin ihres Königreichs ist. Marra ist nicht wie ihre älteren Schwestern – und bevor ihr jetzt denkt, dass ihr das „not like other girls“-Element ziemlich über habt, muss ich betonen, dass es hier wirklich wichtig ist, dass Marra als Kind so naiv gegenüber all den politischen Schachzügen ist, die dafür sorgen, dass ihre beiden älteren Schwestern nacheinander mit dem Prinzen des Nördlichen Königreichs verheiratet werden. Erst als erwachsene Frau findet Marra mehr über die Ehen ihrer Schwestern heraus und beschließt, dass sie einen Weg finden muss, um den Prinzen zu töten.

Ich liebe es, dass Ursula Vernon so oft Charaktere, die über 30 Jahre alt sind, als Protagonisten ihrer Geschichten wählt. Figuren, die vielleicht desillusioniert sind und sich alles andere als heldenhaft fühlen, die aber das Gefühl haben, sie könnten nicht ignorieren, dass es da einen Job gibt, der unbedingt erledigt werden muss. Marra selber fragt sich die ganze Zeit, ob sich all die Helden in den Geschichten, die sie als Kind gehört hat, auch so verloren fühlten, und ob sie auch so viel Zeit mit Warten, mit dem Sammeln von Informationen und ähnlichen langwierigen Dingen verbracht haben. So gibt es in „Nettle & Bone“ nicht nur all die magischen und märchenhaften Momente, in denen eine Dust Wife (eine Art Friedhofshexe) Marra drei unmögliche Aufgaben stellt, sie den Goblin Market besucht oder einer unsterblichen Fee gegenübersteht. Zusätzlich gibt es auch noch Passagen, in denen sie das für sie richtige Verhalten in einer öffentlichen Kutsche herausfindet, in denen sie mit einem halben Ei zum Frühstück (und das kommt auch noch von einem dämonenbesessenen Huhn!) ihre Reise durchstehen muss oder als Assistentin einer heilkundigen Nonne die schmutzigen Details rund um eine Geburt kennenlernt.

Diese Mischung aus magischen und realistischen Elementen sorgt für eine Handlung voller überraschender Wendungen und für Kapitel, in denen ich immer wieder über Sätze gestolpert bin, die mich haben schlucken lassen, weil sie die menschliche Natur so gut auf den Punkt bringen. Es gibt es nur wenige Autor*innen, die mich beim Lesen regelmäßig innehalten lassen, weil ihre Sätze nicht nur schön zu lesen und humorvoll formuliert sind, sondern oft auch einen bitteren und erschreckend wahren Kern haben – Ursula Vernon gehört definitiv zu diesen Autor*innen. Dabei verzichtet sie in der Regel vollkommen auf großes Drama und unterhält mich stattdessen mit vielen absurden kleinen Szenen und lauter amüsanten Elementen, die vor allem aus dem Pragmatismus der Figuren entstehen. Ich mag all diese realistischen Charaktere, die sich trotz all ihrer Wehwechen und trotz des Gefühls, dass sie vollkommen ungeeignet für den Job sind, mit einer Ansammlung seltsamer Reisegefährten aufmachen, um die Welt ein kleines Stück zu verbessern – selbst wenn sie dafür Dinge tun müssen, die ihnen vollkommen zuwider sind.

T. Kingfisher: The Hollow Places

Auch wenn mein Blog „Alles außer Lyrik“ heißt, so antworte ich doch normalerweise auf die Frage, was ich lesen würde, mit „Alles außer Horror“. Aber ab und an mache ich eine Ausnahme und greife doch zu einer Horrorgeschichte – entweder weil diese ein Klassiker ist und ich das Gefühl habe, ich sollte sie mal gelesen haben, oder weil diese von einer Person geschrieben wurde, bei der ich darauf vertraue, dass die Geschichte insgesamt so gut ist, dass ich es als passenden Ausgleich für die damit einhergehenden Albträume empfinde. Und da ich von T. Kingfishers (bzw. Ursula Vernons) „The Hollow Places“ in den letzten Monaten sehr viel Gutes gehört habe und die gelesenen Bücher der Autorin bislang eigentlich alle mochte, habe ich einen Versuch mit dem Titel gewagt. Ich kann schon mal vorwegnehmen, dass ich all den lobenden Stimmen recht geben kann: Die Geschichte ist sehr gut, sehr unheimlich und überraschend amüsant!

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Kara, die frisch geschieden ist und deshalb übergangsweise zu ihrem Onkel Earl zieht. Onkel Earl ist nicht nur ein wirklich liebenswerter Mensch, der sich schon früher liebevoll um seine Nichte gekümmert hat, sondern er benötigt auch jemanden, der sein „Glory to God Museum of Natural Wonders, Curiosities, and Taxidermy“ führt, während er sich einer Knieoperation unterziehen muss. Kara ist ganz zufrieden damit, tagsüber für das Museum verantwortlich zu sein und später am Abend als freiberufliche Grafikerin zu arbeiten, während sie überlegt, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Doch dann hinterlässt einer der Besucher des Museums ein Loch in einer der Wände, und als Kara zusammen mit Simon, dem Barista des benachbarten Coffeeshops, den Schaden beseitigen will, entdecken sie einen Weg in eine andere Welt. Eine unheimliche Welt, die von Wesen bevölkert wird, die anscheinend Gedanken hören können, und je verängstigter die Person ist, die diese Gedanken denkt, desto stärker werden diese Wesen …

Inspiriert wurde die Autorin zu „The Hollow Places“ von „The Willows“ von Algernon Blackwood und da ich die Geschichte nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, wie weit die Inspiration ging und ob sie eine ähnliche Atmosphäre getroffen hat. Mir hat die relativ ruhige Erzählweise in „The Hollow Places“ gefallen – und dass diese dazu geführt hat, dass ich mich ständig sorgte, was wohl als Nächstes passieren würde. Ich persönlich finde ja, dass es zu einer guten Horrorgeschichte gehört, dass meine Fantasie davon so sehr angeheizt wird, dass sie mir mehr gruselige Momente beschert als der Text, den ich gerade lese, und das war hier definitiv der Fall. Ich mochte auch das Verhältnis zwischen Kara und dem Barista Simon, das von einer entspannten Freundschaft geprägt wurde. Zu Beginn kennen sich die beiden noch gar nicht so gut, aber sie funktionieren gut zusammen in Gefahrensituationen, und die Dialoge zwischen diesen beiden Figuren haben regelmäßig dafür gesorgt, dass ich vor mich hinkichern musste, obwohl ich gleichzeitig um das Leben der beiden gefürchtet habe. Es war schön zu lesen, dass die beiden Figuren sich so akzeptierten, wie sie waren, und Halt darin fanden, dass sie nicht alleine all die bizzaren und beängstigenden Situationen erleben mussten.

Einige Rezensionen kritisieren, dass die Protagonistin erst sehr, sehr spät in der Geschichte merkt, welche Verbindung es zwischen dem Museum und der unheimlichen Welt, die sie dadurch erreichen kann, gibt. Mich persönlich hat es nicht gestört, dass sie dieses Element immer wieder übersah, weil die Autorin für mich glaubhaft aufgezeigt hat, dass Kara auf der einen Seite so sehr an die vielen skurrilen Objekte des Museums gewöhnt ist, dass sie sie nicht mehr als merkwürdig wahrnimmt, und auf der anderen Seite so viel um die Ohren hat, dass man so viel Aufmerksamkeit von ihr in stressigen Situationen nicht erwarten kann. Auch mit der ruhigen Erzählweise und der Tatsache, dass Kara und Simon immer wieder versuchen, ihre Situation und die Begebenheiten dieser anderen Welt(en) zu analysieren, hat T. Kingfisher meinen Geschmack getroffen. Für mich muss Horror weder actiongetrieben noch unappetitlich sein – ich finde eine langsam und atmosphärisch erzählte Geschichte definitiv beeindruckender, und „The Hollow Places“ fällt eindeutig in diese Kategorie.

Ursula Vernon: The House of Diamond (Black Dogs 1)

Obwohl ich ja in den vergangenen Jahren deutlich mehr Urban Fantasy als Fantasy gelesen habe, scheint Ursula Vernon mit ihrer Erzählweise genau den richtigen Ton zu finden, um mich wieder zu Fantasygeschichten zu bringen. „The House of Diamond“ beginnt mit der Auslöschung von Lyras Familie durch eine Gruppe von Räubern, die von Lyras Halbruder Jasen angeführt wurden. Verletzt gelingt es der Siebzehnjährigen zu fliehen, doch die Überlebenschancen für eine behütete junge Frau aus einem reichen Kaufmannshaushalt sind nicht sehr groß, bis sie im Wald von dem Hunde-Krieger Sadrao gefunden wird. Für ihn ist es selbstverständlich, dass er sich so lange um Lyra kümmert, bis sie genug gelernt hat, um allein in der Welt bestehen zu können. So steht auch schnell fest, dass Lyra ihn begleitet, als Sadrao für zwei Freundinnen den jungen Halb-Elfen Trent zum House of Diamond bringen soll.

Erst einmal muss ich anmerken, dass die Autorin die beiden „Black Dogs“-Romane laut einer Anmerkung im Buch schon als Teenager geschrieben hat, was dazu führt, dass sie die Handlung und die Figuren deutlich „traditioneller“ aufgebaut hat, als sie es meiner Meinung nach heute tun würde. Zumindest haben die beiden neueren Romane, die ich von ihr gelesen habe, mich auch wegen der ungewöhnlichen Sicht auf klassische Fantasythemen begeistert, während „The House of Diamon“ wenig überraschende Elementen aufweist, wenn es um die eigentliche Handlung geht. Nachdem Lyra von Sadrao aufgesammelt wird, geht es in erster Linie darum, dass der Hunde-Krieger die junge Frau ausbildet, und auch seine beiden Freundinnen – die Elfen Jacyl und Sinai – bringen ihr in der kurzen Zeit, die sie zusammen reisen, so viel wie möglich bei. So dreht sich die Handlung gefühlt darum, dass die kleine Truppe (in wechselnder Besetzung) mit ein paar Zwischenstopps von A nach B reist und am Ende eine Person aus einer Zelle befreien muss.

Auch wenn das vielleicht etwas langweilig klingt, habe ich mich beim Lesen gut amüsiert. Ursula Vernon hat ein Händchen für lustige Dialoge und sympathische Charaktere, außerdem haben mich all die kleinen Informationen, mit denen Lyra versorgt wird, und die diversen Kampf- und Trainingsszenen gut unterhalten. Mir gefielen auch die vielen kleinen Elemente, die die Autorin über die Welt eingebaut hatte – die unbedeutend wirkenden Dinge, die nicht so großen Einfluss auf die Handlung oder das Verhalten der Charaktere hatten, die aber eine Facette der Welt zeigen, die einen überrascht oder berührt. Dazu kommen noch all die fantastischen Tier-Personen wie die Hunde-Krieger, die auf der einen Seite ganz selbstverständlich eine Rolle in dieser Welt spielen und auf der anderen Seite damit zu kämpfen haben, dass es einen immer größer werdenden Rassismus gegen alle Nicht-Menschen (und Elfen) gibt. Man könnte vielleicht kritisieren, dass die Protagonistin Lyra ein bisschen zu gut oder zu geschickt in all den Dingen ist, die sie innerhalb von gerade mal zwei Monaten unter Sadraos Anleitung lernt, aber da es genügend Szenen gibt, in denen Lyra sich dann doch wieder dumm anstellt oder gegen all ihre Instinkte ankämpfen muss, um das neu gelernte Wissen überhaupt anwenden zu können, konnte ich gut damit leben.

Ich hätte allerdings darauf verzichten können, dass sich die einzigen beiden jungen Personen in der Reisegruppe ineinander verlieben. Aber da die beiden wirklich viele gemeinsame Interessen haben und das Ganze ein relativ undramatischer Nebenstrang der Geschichte ist, hat mich diese Liebesgeschichte nicht so sehr gestört, dass sie mir den Roman hätte verderben können. Insgesamt kann ich sagen, dass „The House of Diamodn“ zwar nicht gerade die fesselndste Lektüre war, die ich in den letzten Wochen in der Hand hatte, aber ich habe mich beim Lesen wunderbar amüsiert und viele Details rund um die Welt, die Ursula Vernon für diesen Roman geschaffen hat, genossen. Das Ganze führt dazu, dass ich mich schon jetzt auf den zweiten (und abschließenden) Band mit dem Titel „The Mountain of Iron“ freue, wo es für die kleine Reisegruppe in die Tiefe des Walds der Elfen geht, wo sie sich dann dem großen, bösen Zauberer gegenüberstellen, der Trents Leben von Klein auf zur Hölle gemacht hat. Mal schauen, was die Autorin in dieser Geschichte neben der eher gewöhnlich klingenden Handlung für amüsante Details zu bieten haben wird.

T. Kingfisher: A Wizard’s Guide To Defensive Baking

Mit „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kommt hier die Rezension einer Geschichte, die ich schon im August gelesen habe und unbedingt noch auf dem Blog vorstellen wollte. Ursula Vernon sagte vor einigen Wochen auf Twitter, dass sie das Pseudonym „T. Kingfisher“ für alle Geschichten verwendet, die sich nicht in Schubladen stecken lassen. So ist ihr „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ schon ein älteres Manuskript, das sie viele Jahre lang nicht bei einem Verlag unterbringen konnte, weil es den Verantwortlichen zu düster für eine Veröffentlichung für Kinder war. Ich persönlich fand den Roman gar nicht so düster, auch wenn die Stadt, in der die Protagonistin lebt, nicht gerade freundlich mit ihren Bewohnern umgeht und die Handlung mit einigen Morden (unter anderem an Kindern) beginnt.

Die Geschichte wird aus der Sicht der vierzehnjährigen Mona erzählt, die seit ein paar Jahren in der Bäckerei ihrer Tante Tabitha arbeitet, wo Monas Magie dafür sorgt, dass die Brote knusprig werden und die Lebkuchenmänner tanzen können. Als Mona eines Morgens in die Bäckerei kommt, um die Öfen anzuheizen und die ersten Brotteige anzusetzen, findet sie im Verkaufsraum die Leiche eines jungen Mädchens. So schlimm sie dies findet (zumal sie auch noch verdächtigt wird, die Mörderin zu sein), so hat Mona doch nicht das Gefühl, dass dies wirklich etwas mit ihr zu tun hat. Auch als sie erfährt, dass in den letzten Wochen mehrere Personen, die über Magie verfügten, verschwunden oder getötet worden sind, glaubt sie noch nicht, dass dies sie persönlich betreffen oder sie gar in Gefahr bringen würde. Schließlich können magiebegabte Personen in dieser Stadt unbehelligt zwischen all den anderen Menschen leben. Und ohne den überaus geachteten Lord Ethan, der als Feuermagier der Armee der Stadt vorsteht, wären die Barbaren schon längst über das kleine Herzogtum hergefallen.

Aber natürlich hilft es nichts, wenn man sich selbst einredet, dass einen all dies nicht berührt, während gleichzeitig schreckliche Dinge geschehen, und so muss auch Mona sich eines Tages eingestehen, dass sie nicht weiter passiv zuschauen kann und handeln muss. Ich mochte es sehr, dass Mona so eine unwillige Heldin ist, und fand es realistisch, dass sie so lange darauf vertraut, dass schon alles gut geht und dass die Regierung alles regeln wird. Erst als sie flüchen muss, um ihr Leben und ihre Freiheit zu retten, wird ihr bewusst, dass sie selbst aktiv werden muss, um sich und die anderen Magiebegabten der Stadt zu retten. Dabei ist sie auf die Hilfe von Spindle, dem zehnjährigen Bruder der in der Bäckerei getöteten Tibbie, angewiesen, um ohne den Schutz ihrer Familie überleben zu können – und Ideen zu entwickeln, die ihr bei der Suche nach dem Mörder helfen. Mit ein Grund, wieso Mona sich die ganze Zeit nicht als „Heldin“ sehen konnte, ist, dass ihre Magie sich nur auf Brot (und anderes Gebäck) auswirkt und sie sich nicht vorstellen kann, dass man mit Brotmagie etwas Großes bewirken oder gar kämpfen könnte. Doch im Laufe der Geschichte lernt Mona, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ihre Magie im Kampf einzusetzen – und dass es nicht so sehr auf die Stärke der Magie ankommt, sondern darauf, dass man sie kreativ verwendet.

So gibt es gerade in der zweiten Hälfte des Romans so einige amüsante Szenen, in denen Mona ihre Magie auf eine Art und Weise einsetzt, die sie sich früher nie hätte vorstellen können, und in denen sie gemeinsam mit Spindle einige unerwartete Abenteuer erlebt. Ich fand es großartig, welche Ideen die Autorin rund um den Einsatz der Brotmagie hatte. Aber nicht nur diesen Teil der Geschichte mochte ich sehr, sondern auch all die kleinen und großen Szenen rund um die verschiedenen Charaktere. Während der „Spring Green Man“, der der Mörder ist, ebenso wie der Inquisitor Oberon wunderbar hassenswerte Gegenspieler für Mona sind, gibt es auch so viele liebenswerte und warmherzige Charaktere, die dem Mädchen zur Seite stehen. Ich fand Tante Tabitha und Onkel Albert ungemein sympathisch, weil sie alles dafür geben, damit ihre Nichte sicher unter ihrer Obhut leben kann, oder die verrückte „Knackering Molly“, die eine ganz eigene Sicht auf die Welt hat, aber doch alles in ihrer Macht stehende versucht, um Mona und die anderen zu beschützen. Besonders erwähnen muss man auch Bob, der Monas Sauerteigstarter ist und … einen ganz eigenen Charakter hat. Bob ist einfach einzigartig, und was ihn so großartig macht, muss man einfach selbst lesen. *g*

Wenn ich etwas an „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kritisieren müsste, dann könnte ich höchstens anführen, dass das erste Drittel der Geschichte sich ein bisschen hinzieht und der Weltenbau nicht besonders detailliert ist. Aber da ich auch das erste Drittel mit all den kleinen Szenen, die einem mehr über Mona, ihre Nachbarn und die Stadt, in der sie leben, erzählen, genossen habe, kann ich mich da eigentlich nicht beschweren. Und auch den Weltenbau fand ich eigentlich ausreichend, denn obwohl „die Barbaren“ als großer Feind von außen ein bisschen billig wirken, so reichen sie als beängstigende Gegner für diese Geschichte vollkommen aus. Außerdem würde jemand wie Mona, aus deren Sicht die Handlung ja nun erzählt wird, auch nicht mehr über die Barbaren wissen, als uns die Autorin in diesem Roman erzählt. Alles in allem habe ich „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ also wirklich genossen, über die eine oder andere Aussage ein bisschen sinnieren müssen und über eine Menge Szenen – gerade gegen Ende der Geschichte – schallend gelacht.

T. Kingfisher: Swordheart

Als Information vorweg kann ich zu „Swordheart“ von T. Kingfisher (Ursula Vernon) sagen, dass die Geschichte in derselben Welt spielt wie die beiden „Clockwork Boys“-Romane der Autorin. Da ich diese Romane nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie sich „Swordheart“ von diesen unterscheidet. In einer Anmerkung zum Buch sagt Ursula Vernon allerdings, dass „Swordheart“ nicht nur deutlich weniger düster sei, sondern auch in einem anderen Teil des Landes spielen würde. Ich kann außerdem sagen, dass ich nicht das Gefühl hatte, ich würde irgendetwas verpassen, weil ich die „Clockwork Boys“-Geschichten nicht kenne. Was nun „Swordheart“ angeht, so dreht sich die Geschichte um die verwitwete Halla, die von dem gerade verstorbenen Großonkel ihres Mannes ein kleines Vermögen geerbt hat und nun mit der Reaktion der restlichen Verwandtschaft fertig werden muss. Zu Beginn des Romans hat Halla schon drei Tage eingesperrt in ihrem Zimmer verbracht, weil ihre angeheiratete Tanta Malwa Halla zwingen will, Malwas Sohn zu heiraten, damit Haus und Vermögen in der Familie bleiben. Nach diesen drei Tagen ist Halla so weit, dass sie lieber Selbstmord begehen will als in diese Heirat einzuwilligen.

Doch als sie das seit Jahren dekorativ an der Wand hängende Schwert zieht, um es gegen sich selbst zu richten, erscheint der Krieger Sarkis, der vor mehreren hundert Jahren an die Klinge gebunden wurde. Er ist nicht nur unsterblich, sondern auch verpflichtet, der Person zu dienen, in deren Besitz das Schwert ist. So verhindert er erst einmal Hallas Selbstmord und versucht dann, ihre Probleme mit der Verwandtschaft zu lösen. Am Ende eines ereignisreichen Abends müssen die beiden aus dem Haus flüchten und die lange Reise zum Tempel der Ratte auf sich nehmen, in der Hoffnung, dass sie dort von den Priestern (die für die Rechtsprechung in diesem fantastischen Land verantwortlich sind) die notwendige Unterstützung für ihren Fall finden werden. In den folgenden Tagen wandern Halla und Sarkis sehr viel hin und her und lernen sich dabei immer besser kennen. Dass ihre Reise dabei nicht ohne Probleme und Umwege verläuft, muss ich vermutlich nicht noch betonen, und dass sie dabei ungewöhnliche Feinde und Freunde gewinnen, vermutlich auch nicht. Am Ende muss ich zugeben, dass der Roman – trotz einer Länge von über 400 Seiten – gar nicht soooo viel Handlung hat, aber ich habe mich durchgehend wunderbar unterhalten gefühlt.

Ursula Vernon trifft mit ihrer Geschichte und ihren Dialogen genau meinen Humor, und ich habe (obwohl ich wirklich viele amüsante Romane in letzter Zeit gelesen habe) schon lange nicht mehr so viel gelacht und überrascht aufgequietscht beim Lesen. Ich bin mir aber auch durchaus bewusst, dass Halla und ihre unendlichen Fragen wohl nicht jeden Leser so gut unterhalten werden wie mich. Ebenso denke ich, dass wohl nicht jeder die „wissenschaftlichen Forschungen“ rund um Sarkis‘ Verbindung mit dem Schwert oder die Nebenbemerkungen des Ochsen-Führers ebenso lustig finden wird wie ich. Ich mochte aber nicht nur den Humor in „Swordheart“, sondern auch die bittere (und wenig heldenhafte) Hintergrundgeschichte rund um Sarkis, alle vorkommenden Rattenpriester.innen und einfach grundsätzlich das Charakterdesign und den Weltenbau.

Ich vermute mal, dass man in den „Clockwork Boys“-Romanen mehr Details zu der Welt mitbekommt, aber die Passagen, in denen die Religionen erklärt werden oder sehr spezielle geografische Besonderheiten der Region, haben mir gut gefallen. Ebenso gefiel es mir, dass sich Halla und Sarkis Zeit lassen, um einander kennenzulernen und mehr über den anderen zu erfahren, auch wenn die Tatsache, dass sie sich die Hälfte der Zeit auf der Flucht befinden, dieses Kennenlernen nicht einfacher machen. Falls es jetzt noch nicht deutlich geworden ist: Ich habe mich wunderbar beim Lesen amüsiert und den Roman nicht aus der Hand legen können, bis ich ihn mitten in der Nacht ausgelesen hatte. Die Autorin hat im Nachwort angekündigt, dass sie zwei Fortsetzungen plant, die sich um die anderen beiden verzauberten Schwertkrieger drehen werden, die man in „Swordheart“ durch die Erinnerungen von Sarkis kennenlernt, und ich werde den nächsten Teil definitiv vorbestellen, sobald das möglich ist.