Schlagwort: Horror

Lese-Eindrücke Juni/Juli 2025

Sommer bedeutet für mich, dass ich vor allem zu eBooks greife, auch wenn in diesem Jahr vor allem der Juli angenehmerweise kühl genug war, um immer wieder einen gedruckten Roman in die Hand nehmen zu können. Die meisten gelesenen eBooks stammten aus der Feder von Celia Lake (12 Romane! *uff*), und zu der Autorin habe ich eigentlich auf dem Blog schon genug geschrieben. Aber zwischendurch habe ich mich natürlich auch mit anderen Autor*innen beschäftigt, und für die Titel, zu denen ich bestimmt keine Rezension schreiben werde, gibt es hier wieder ein paar Lese-Eindrücke:

Tam May: The Case of the Washed-Up Corpse (Grave Sisters Mysteries Book 1)

„The Case of the Washed-Up Corpse“ hatte mich gereizt, weil es mir als 20er-Jahre-Mystery mit drei Schwestern als Protagonistinnen ans Herz gelegt wurde. Die Graves-Schwestern führen in einer kleinen Stadt im Norden von Kalifornien ein Bestattungsinstitut, das sie von ihrem Vater geerbt haben. In die Ermittlungen in einem Mordfall werden die beiden älteren Schwestern verwickelt, als der Staatsanwalt Oliver Clarke sie bittet, sich eine Leiche anzuschauen, die gerade aus dem Fluss gefischt wurde. All die kleinen Dinge, die den beiden auffallen, führen dazu, dass vor allem Eve (die älteste der Schwestern) im Laufe der nächsten Tage immer wieder von Oliver um Hilfe gebeten wird, wenn es um die Befragung von Zeugen geht. Es gab einige Elemente, die ich an der Geschichte mochte, aber leider auch nicht wenige, die mich beim Lesen eher gestört haben. Mir gefielen sowohl der Schauplatz als auch die Tatsache, dass die Handlung in den 1920er Jahren spielt. Ebenso mochte ich die Beziehung der drei Schwestern zueinander sehr, ebenso wie ihr Verhältnis zu ihrer Haushälterin, die die drei mitaufgezogen hat.

Ich weiß, dass es schwierig ist, bei Kriminalromanen die richtige Mischung aus Hinweisen und Verschleierung hinzubekommen, so dass die Leser*innen neugierig auf die Handlung bleiben und am Ende trotzdem nicht das Gefühl haben, dass die Auflösung aus dem Nichts kommt. Aber wenn ich mir beim ersten Auftreten des Mörders/der Mörderin sicher bin, dass diese Person verantwortlich für den Tod des Opfers ist, dann verliere ich die Geduld mit der Geschichte – vor allem, wenn ich mich dann auch noch über das Verhalten einer der Protagonistinnen ärgere. Die mittlere Schwester Helena ist sehr gebildet, hat Medizin studiert (auch wenn sie als Frau nicht praktizieren darf) und ist vor allem hinter den Kulissen des Bestattungsinstituts tätig, weil sie besser mit Toten als mit Lebenden zurechtkommt. Trotzdem hätte ich erwartet, dass sie nicht bei jeder Gelegenheit jede Person, die offiziell an den Ermittlungen beteiligt ist, provoziert und verärgert. Dieses Verhalten sollte vermutlich zeigen, wie intelligent und feministisch diese Figur ist. Aber es hat bei mir vor allem das Gefühl hervorgerufen, dass es Helena nicht darum geht, den Mörder zu finden, sondern sie nur zu zeigen will, wie viel klüger als alle anderen sie ist. Dazu kam dann noch, dass der Handlungsbogen (ebenso wie viele der Nebenfiguren) sehr schablonenhaft konstruiert wurde, so dass ich erschreckend froh war, als ich den Roman endlich beendet hatte.

Tansy Rayner Roberts: Crown Tourney – Ten tales of deadly damsels, cursed castles and edged weapons

Zu „Crown Tourney“ hatte ich am Lese-Sonntag im Juni schon etwas geschrieben. Der Band ist eine Sammlung von zehn märchenhaften Geschichten, die Tansy Rayner Roberts im Laufe ihrer Karriere geschrieben hat. Ich mochte eigentlich alle Geschichte in dem Band, gerade weil sie ziemlich unterschiedlich waren, und ich fand es spannend, die Anmerkungen der Autorin dazu zu lesen. Dort schreibt sie darüber, was sie inspiriert hat, wie sie heute über die älteren ihrer Geschichten denkt (und was sie so nicht mehr schreiben würde) und gibt zusätzlich einen Haufen Lese-Empfehlungen, für Personen, die märchenhafte Geschichten oder Neuinterpretationen von Märchen mögen. Perfekt für Leute, die mal schauen möchten, was die Autorin so schreibt und wie unterschiedlich ihre Veröffentlichungen sein können, auch wenn es bei ihr einige Elemente gibt, die immer wieder vorkommen.

C. L. Polk: Witchmark und Stormsong (Kingston Cycle 1+2)

Im Juni hatte ich mir als Teil meines „lies ältere Sachen vom SuB“-Vorhabens „Stormsong“ ins Auge gefasst, weshalb ich erst einmal erneut zu „Witchmark“ griff, um meine Erinnerung an die Geschichte aufzufrischen. Mir hat das Lesen von „Witchmark“ auch dieses Mal viel Spaß gemacht, und während ich nach dem ersten Lesen nicht bereit für den Wechsel zum zweiten Band war, war ich dieses Mal wirklich neugierig darauf, wie die Handlung mit Miles‘ Schwester Grace als Protagonistin weitergeht. Grundsätzlich mochte ich auch den zweiten Band dieser Reihe, aber ich muss zugeben, dass mich Romane, in denen gefühlt 99% aller Personen aus Eigeninteresse handeln, deutlich weniger erfreuen, als Bücher, in denen die Figuren weniger egozentrisch sind. Das trifft vor allem dann zu, wenn es sich bei den handelnden Personen zum Großteil um Politiker handelt. Das fühlt sich doch ein bisschen zu nah an der aktuellen Realität an, um erträglich zu sein. Außerdem gab es etwas, das die Protagonistin Grace auf der Suche nach einer Erklärung für ein bestimmtes Phänomen nicht als relevant erachtete, das für mich aber bei der allerersten Erwähnung bereits als entscheidendes Element auf der Hand lag – weshalb ich bis kurz vorm Ende des Romans ungeduldig darauf wartete, dass sie auch endlich darauf kommt. Danach brauchte ich wieder eine kleine Pause von der Reihe, aber ich bin wild entschlossen, im August endlich den dritten Band des Kingston-Cycles zu lesen.

Mira Grant: Final Girls (Hörbuch)

„Final Girls“ ist eine der vielen kurzen Veröffentlichungen von Mira Grant (Seanan McGuire), die bei Subterranean Press erschienen sind und die ich deshalb aus Kostengründen lieber als Hörbuch konsumiert habe. Diese Novella dreht sich um ein Virtual-Reality-Programm, mit dem die Wissenschaftlerin Dr. Jennifer Web in ihrem Institut psychische Verletzungen ihrer Klient*innen heilen will – und dem die Journalistin Esther Hoffman sehr skeptisch gegenübersteht. Während Esther selbst eine solche VR-Sitzung für einen kritischen Artikel über Dr. Webs Methoden testet, kommt es zu einem Vorfall, der dazu führt, dass die beiden Frauen eng zusammenarbeiten müssen, um zu überleben. Es gibt so einige Elemente in der Geschichte, die für jemanden, der schon mehrere Veröffentlichungen von Mira Grant gelesen hat, sehr vertraut waren. Das war für mich aber vollkommen in Ordnung, weil ich die Erzählweise der Autorin mag und es faszinierend finde, wie sie diese Elemente in die jeweilige Handlung einbettet. Es ist nicht Mira Grants beste Geschichte, aber ich habe mich gut unterhalten gefühlt und ich mochte das Ende sehr. Dazu kam, dass die Sprecherin Jennifer Pickens den verschiedenen Figuren genügend Individualität und Glaubwürdigkeit verliehen hat, dass ich selbst nach einer längeren Hörpause (verursacht durch ein paar Wochen Hitze zwischen zwei Puzzle-Runden) kein Problem hatte, die unterschiedlichen Charaktere einzuordnen.

Lilith Saintcrow: Rose & Thunder

Eine Urban-Fantasy-Variante von „Die Schöne und das Biest“, die begeistert von einer Autorin empfohlen wurde, deren Bücher ich gern mag. Ich muss zugeben, dass ich von „Rose & Thunder“ nicht so angetan war, obwohl ich den Roman ausgelesen habe. Grob zusammengefasst dreht sich die Handlung um einen Mann, auf dem ein Fluch lastet und der einen Ley-Linien-Knotenpunkt bewachen muss, und um eine Hexe, die dahin reist, wohin der Wind sie ruft, um Probleme zu lösen (oder vor ihren eigenen Problemen wegzulaufen). Ich mochte die Grundidee, fand aber die Protagonistin und ihre Erzählstimme unerträglich. Dass ich die Geschichte beendet habe, lag vor allem daran, dass ich herausfinden wollte, wieso jemand das Buch so begeistert empfehlen würde. Ich glaube, dass die Grundidee und all die eher ruhigen Szenen zwischen den beiden Hauptpersonen in der Bibliothek einen großartigen „cozy Fantasy“-Roman hergegeben hätten. Aber den dann bitte mit einer Protagonistin, die sich nicht durchgehend verzweifelt selbst beweisen muss, was für eine hartgesottene, coole Person sie ist, während sie einem die ganze Zeit erzählt, dass sie ja in ihrem Leben schon so viele gefährliche Situationen mit Bravour gemeistert hat. Immerhin weiß ich jetzt wieder, wieso ich Lilith Saintcrow als „keine Autorin für mich“ im Hinterkopf hatte, obwohl ich bislang nicht viel (und vor allem Kurzgeschichten in Anthologien) von ihr gelesen habe.

Lese-Eindrücke Mai 2025

Anscheinend hatte ich in diesem Mai das Gefühl, ich müsste so viel wie möglich lesen, bevor das Wetter (noch) heißer wird – was dazu geführt hat, dass ich auch wieder ein paar Lese-Eindrücke sammeln konnte …

T. Kingfisher: The Seventh Bride

Ich habe mir vor einiger Zeit alle (märchenhaften) Backlist-Titel von T. Kingfisher (Ursula Vernon) als eBook zugelegt, damit ich darauf zurückgreifen kann, wenn ich Lust auf diese besondere Art von Geschichten habe. „The Seventh Bride“ ist eine Blaubart-Variante und wird aus der Perspektive der fünfzehnjährigen Rhea erzählt. Rhea ist eine Müllerstochter und ziemlich überrascht, als Lord Crevan um ihre Hand anhält. Noch schockierter ist sie, als sie beim Eintreffen auf seinem Anwesen feststellt, dass sie die siebte Braut von Lord Crevan ist – und nicht alle seine vorherigen Ehefrauen sind schon verstorben. Wie bei den vorher schon von mir gelesenen Märchenvarianten von T. Kingfisher habe ich hier wieder den Pragmatismus der Protagonistin, die überbordende (und häufig Horrorelemente aufgreifende) Fantasie der Autorin und ihren ungewöhnlichen Humor genossen. Ich mag es sehr, dass ich – bei aller Vertrautheit mit Märchen – bei T. Kingfisher nie vorhersagen kann, in welche Richtung sich eine Geschichte entwickelt und was für seltsame Dinge sie als Nächstes aufgreifen wird.

Seishi Yokomizo: Death on Gokumon Island

Nach „The Honjin Murders“ ist „Death on Gokumon Island“ der zweite Kriminalroman von Seishi Yokomizo rund um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Im Gegensatz zu dem Vorgängerroman spielt dieser hier nach dem Zweiten Weltkrieg, und so ist es auch ein Versprechen, dass Kosuke seinem verstorbenen Kameraden Chimata gegeben hatte, das ihn auf die Insel Gokumon bringt. Kurz nach Kosukes Eintreffen werden die drei jüngeren Schwestern von Chimata eine nach der anderen auf außergewöhnliche Weise ermordet, und natürlich versucht der Detektiv herauszufinden, wer der Mörder ist. Wie schon bei „The Honjin Murders“ sind die Figuren in der Geschichte nicht besonders detailiert ausgearbeitet, was mich aber wirklich nicht stört.

Es geht mir bei diesen Romanen vor allem darum, all die kleinen Hinweise in der Handlung zu sammeln und mitzuermitteln. Dabei finde ich es spannend, dass mir auch bei dieser Geschichte viele Elemente vor der Auflösung aufgefallen waren – und dass es trotzdem immer wieder Dinge gab, die mich überraschten. Das ist etwas, was ich bei dieser Art von Kriminalroman sehr mag. Weniger nett fand ich ein (zum Glück nur sehr kurzes) Gespräch zwischen einer Handvoll junger Männer (die keine nennenswerte Rolle in der Geschichte hatten), in der sie sich auf eine Art und Weise über Frauen und Sex unterhielten, die ich abstoßend fand. Da machte es sich leider bemerkbar, dass der Roman nicht nur Anfang der 1970er Jahre, sondern auch von einem männlichen Autor geschrieben wurde. Trotzdem wird mich dieser Punkt nicht davon abhalten, auch noch den nächsten Kosuke-Kindaichi-Roman zu lesen, denn ich mag die Herausforderung, die mir diese Geschichten beim Lesen bieten, ebenso wie den Einblick in ein vergangenens Japan.

Annie Bellet: The Gryphonpike Chronicles (Complete series)

Die kompletten „Gryphonpike Chronicles“ von Annie Bellet umfassen insgesamt 224 Seiten, so dass es sich hier eher um eine Reihe von aufeinanderfolgenden Kurzgeschichten handelt als um eine Romanserie. Die Geschichten werden aus der Perspektive von „Killer“ erzählt – einer Elfe, die von ihrem eigenen Volk verflucht wurde und deshalb mit niemandem (verbal oder per Gestik/Mimik) kommunizieren kann. Der Fluch wird erst aufgehoben, wenn sie 1001 gute Tat vollbracht hat, weshalb sie sich einer Gruppe von Abenteurern angeschlossen hat. Der Weltenbau und ähnliches gehen nicht sehr tief, aber ich habe mich mit dieser Sammlung von D&D-artigen Geschichten sehr gut unterhalten gefühlt und hätte gern auch noch mehr von Killer und den anderen Abenteurern gelesen.

Becky Chambers: Monk and Robot

Mit den „Monk and Robot“-Romanen von Becky Chambers ging es mir wie mit den Murderbot-Geschichten von Martha Wells: Solange gefühlt jeder begeistert darüber redete, hatte ich keine Lust, diese Titel zu lesen, obwohl ich mir sicher war, dass sie auch mir gefallen würde. Da jetzt aber „A Psalm for the Wild-Built“ und „A Prayer for the Crown-Shy“ in einem Taschenbuch zusammen veröffentlicht wurden, habe ich die Gelegenheit genutzt und das Buch dann auch direkt nach Erhalt gelesen. Wie erwartet habe ich die Geschichte rund um Sibling Dex und Roboter Mosscap sehr genossen. Es gab in der Handlung einige berührende Momente, Denkanstöße zu den verschiedensten Themen und nicht wenige amüsante Szenen. Jetzt werde ich wohl doch mal schauen müssen, ob mir auch die Wayfarers-Serie gefallen könnte …

Kalynn Bayron: You’re Not Supposed to Die Tonight

Ich fürchte, es macht sich gerade bei meinen Rezensionen bemerkbar, dass ich versuche, vor dem Jahresende all die Titel zu besprechen, zu denen ich eigentlich schon vor Monaten etwas schreiben wollte. „You’re Not Supposed to Die Tonight“ habe ich im Juli gelesen, und es ist wirklich das perfekte Buch für eine Sommernacht, in der einen die Hitze nicht schlafen lässt. Die Geschichte dreht sich um Charity Curtis, die seit Jahren während der Sommerferien im Camp Mirror Lake arbeitet. Camp Mirror Lake ist ein ganz besonderes „Ferienlager“, in dem sich die Gäste für eine Nacht fühlen dürfen, als wären sie Teil der Handlung eines Horrorfilms. Die Mitarbeiter von Camp Mirror Lake sind dabei sowohl für die special effects zuständig, mit denen die Gäste geschockt werden, als auch als „Schauspieler*innen“ unterwegs, die dafür sorgen, dass es eine Art Handlung gibt, die die Gäste durch eine Nacht voller Schrecken führt.

Dabei verkörpert Charity in diesem Jahr zum ersten mal das final girl, was nicht nur bedeutet, dass sie jede Nacht die Hauptrolle in der jeweiligen Horrorgeschichte spielt, sondern auch für das richtige Timing all der verschiedenen Schreckmomente für die Gäste verantwortlich ist. Doch in der Nacht, in der die Romanhandlung beginnt, beschleicht Charity der Verdacht, dass jemand anders im Hintergrund die Fäden zieht und nicht jede Blutlache künstlich erzeugt wurde. Gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern versucht Charity, mehr über die unheimlichen Gerüchte rund um den Mirror Lake herausfinden, und natürlich tun sie alles, um irgendwie ihre Zeit im Camp zu überleben. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn eine Person nach der anderen verschwindet, während ein geheimnisvoller Angreifer es auf sie und ihre Freunde abgesehen hat.

Kalynn Bayron hat mit „You’re Not Supposed to Die Tonight“ eine Horrorgeschichte für Jugendliche geschrieben – was den Roman perfekt für Personen wie mich macht, die normalerweise keinen (Slasher-)Horror konsumieren. Es gibt sehr viele Anspielungen auf Horrorfilme, die auch für mich gut verständlich (und oft genug sogar zuordbar) waren und die ich unterhaltsam fand. Überhaupt habe ich es sehr genossen, in der ersten Hälfte des Buchs von Charitys Begeisterung für dieses Camp zu lesen und von all den (praktischen und künstlerischen) Aspekten, die in die Gestaltung einer solchen Horrornacht für die Gäste einfließen. Ich mag solche „hinter den Kulissen einer Veranstaltung“-Momente in Romanen, und hier sorgte das zusätzlich dafür, dass anfangs nicht genau greifbar war, was nur „Show-Horror“ und was eine aktuelle Bedrohung für die Charaktere war. Außerdem bot dies der Autorin genügend Platz, um die Beziehungen zwischen den verschiedenen Figuren und ihre unterschiedlichen Eigenschaften vorzustellen.

In der zweiten Hälfte ging es für Charity und die anderen dann nur noch darum, zu überleben und mehr über ihre/n Gegner herauszufinden, was die Handlung in eine ganz neue Richtung lenkte. Es gibt einige drastische Szenen, aber nichts davon war so heftig, dass es mir beim Lesen zu viel wurde. Ich war vor allem neugierig darauf, ob (und wenn ja, wie) die jeweiligen Charaktere aus Situationen herauskommen würden, in denen ihr Leben auf dem Spiel stand. Dabei muss ich zugeben, dass ich die eine oder andere Wendung recht vorhersehbar fand, da Kalynn Bayron einige (mehr oder weniger dezente) Hinweise in die vorhergehenden Kapiteln eingebaut hatte. Was mich hingegen überrascht hat, war die Wendung am Ende der Geschichte, und ich bin mir bis heute nicht sicher, was genau ich davon halten soll. Ich denke, es wäre mir lieber gewesen, wenn die Autorin auf diese eine letzte Entwicklung verzichtet hätte. Das wäre dann meinem Gefühl nach auch passender für das Genre gewesen. Auf der anderen Seite ist dieses Ende stimmig, wenn ich all die (weniger realistischen) Elementen in der zweiten Hälfte des Romans in Betracht ziehe, so dass es vielleicht doch der richtige Abschluss für diese Geschichte war.

Insgesamt finde ich es schwierig, eine klare Empfehlung für „You’re Not Supposed to Die Tonight“ auszusprechen. Es gab sehr viele Elemente, die ich bei diesem Roman genossen habe, obwohl ich normalerweise keine Horror-Leserin bin. Ich lese den Schreibstil von Kalynn Baron sehr gern, ich mag, wie sie LGBTQIA+- und Schwarze Charaktere in ihre Geschichten einbaut, und dieser Horrorroman bot mir ein paar überraschend unterhaltsame Lesestunden. Aber wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte damit leben können, dass sich die erste und die zweite Hälfte der Geschichte ziemlich unterschiedlich anfühlen. Mir persönlich lagen die realistischeren und alltäglicheren Details rund um die Arbeit in einem solchen „Themen-Champ“ mehr als die sich eher „übernatürlich“ anfühlenden Passagen rund um die Motive, die hinter den Angriffen auf die Camp-Mirror-Lake-Mitarbeiter standen. Wer aber mit diesen sehr unterschiedlichen Schwerpunkten leben kann oder wer eine Schwäche für Slasher-Filme und dementsprechende Anspielungen hat, wird meiner Meinung nach mit „You’re Not Supposed to Die Tonight“ viel Spaß habe.

T. Kingfisher: The Hollow Places

Auch wenn mein Blog „Alles außer Lyrik“ heißt, so antworte ich doch normalerweise auf die Frage, was ich lesen würde, mit „Alles außer Horror“. Aber ab und an mache ich eine Ausnahme und greife doch zu einer Horrorgeschichte – entweder weil diese ein Klassiker ist und ich das Gefühl habe, ich sollte sie mal gelesen haben, oder weil diese von einer Person geschrieben wurde, bei der ich darauf vertraue, dass die Geschichte insgesamt so gut ist, dass ich es als passenden Ausgleich für die damit einhergehenden Albträume empfinde. Und da ich von T. Kingfishers (bzw. Ursula Vernons) „The Hollow Places“ in den letzten Monaten sehr viel Gutes gehört habe und die gelesenen Bücher der Autorin bislang eigentlich alle mochte, habe ich einen Versuch mit dem Titel gewagt. Ich kann schon mal vorwegnehmen, dass ich all den lobenden Stimmen recht geben kann: Die Geschichte ist sehr gut, sehr unheimlich und überraschend amüsant!

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Kara, die frisch geschieden ist und deshalb übergangsweise zu ihrem Onkel Earl zieht. Onkel Earl ist nicht nur ein wirklich liebenswerter Mensch, der sich schon früher liebevoll um seine Nichte gekümmert hat, sondern er benötigt auch jemanden, der sein „Glory to God Museum of Natural Wonders, Curiosities, and Taxidermy“ führt, während er sich einer Knieoperation unterziehen muss. Kara ist ganz zufrieden damit, tagsüber für das Museum verantwortlich zu sein und später am Abend als freiberufliche Grafikerin zu arbeiten, während sie überlegt, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Doch dann hinterlässt einer der Besucher des Museums ein Loch in einer der Wände, und als Kara zusammen mit Simon, dem Barista des benachbarten Coffeeshops, den Schaden beseitigen will, entdecken sie einen Weg in eine andere Welt. Eine unheimliche Welt, die von Wesen bevölkert wird, die anscheinend Gedanken hören können, und je verängstigter die Person ist, die diese Gedanken denkt, desto stärker werden diese Wesen …

Inspiriert wurde die Autorin zu „The Hollow Places“ von „The Willows“ von Algernon Blackwood und da ich die Geschichte nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, wie weit die Inspiration ging und ob sie eine ähnliche Atmosphäre getroffen hat. Mir hat die relativ ruhige Erzählweise in „The Hollow Places“ gefallen – und dass diese dazu geführt hat, dass ich mich ständig sorgte, was wohl als Nächstes passieren würde. Ich persönlich finde ja, dass es zu einer guten Horrorgeschichte gehört, dass meine Fantasie davon so sehr angeheizt wird, dass sie mir mehr gruselige Momente beschert als der Text, den ich gerade lese, und das war hier definitiv der Fall. Ich mochte auch das Verhältnis zwischen Kara und dem Barista Simon, das von einer entspannten Freundschaft geprägt wurde. Zu Beginn kennen sich die beiden noch gar nicht so gut, aber sie funktionieren gut zusammen in Gefahrensituationen, und die Dialoge zwischen diesen beiden Figuren haben regelmäßig dafür gesorgt, dass ich vor mich hinkichern musste, obwohl ich gleichzeitig um das Leben der beiden gefürchtet habe. Es war schön zu lesen, dass die beiden Figuren sich so akzeptierten, wie sie waren, und Halt darin fanden, dass sie nicht alleine all die bizzaren und beängstigenden Situationen erleben mussten.

Einige Rezensionen kritisieren, dass die Protagonistin erst sehr, sehr spät in der Geschichte merkt, welche Verbindung es zwischen dem Museum und der unheimlichen Welt, die sie dadurch erreichen kann, gibt. Mich persönlich hat es nicht gestört, dass sie dieses Element immer wieder übersah, weil die Autorin für mich glaubhaft aufgezeigt hat, dass Kara auf der einen Seite so sehr an die vielen skurrilen Objekte des Museums gewöhnt ist, dass sie sie nicht mehr als merkwürdig wahrnimmt, und auf der anderen Seite so viel um die Ohren hat, dass man so viel Aufmerksamkeit von ihr in stressigen Situationen nicht erwarten kann. Auch mit der ruhigen Erzählweise und der Tatsache, dass Kara und Simon immer wieder versuchen, ihre Situation und die Begebenheiten dieser anderen Welt(en) zu analysieren, hat T. Kingfisher meinen Geschmack getroffen. Für mich muss Horror weder actiongetrieben noch unappetitlich sein – ich finde eine langsam und atmosphärisch erzählte Geschichte definitiv beeindruckender, und „The Hollow Places“ fällt eindeutig in diese Kategorie.

Rachel Caine: Working Stiff (Revivalist 1)

Bislang habe ich mich eigentlich mit allen Romanen, die ich von Rachel Caine gelesen habe, gut unterhalten gefühlt, aber „Working Stiff“ konnte mich nicht so recht überzeugen. Die Handlung dreht sich um Bryn Davis, die nach einigen Jahren in der US-Armee ihren ersten zivilen Job in einem Bestattungsinstitut antritt. Nach all der Zeit, in der sie mit Kriegsopfern zu tun hatte, weiß sie, dass sie mit Leichen ebensowenig wie mit Trauer ein Problem hat. Außerdem geht sie davon aus, dass die Beschäftigung in einem Bestattungsinstitut ihr einen ruhigen und langfristigen Arbeitsplatz sichern wird. Doch bedauerlicherweise betreibt ihr neuer Arbeitgeber Mr. Fairview ein kleines illegales Nebengeschäft, das dafür sorgt, dass Bryn gleich an ihrem ersten Arbeitstag getötet wird.

Grundsätzlich habe ich ja kein Problem mit toten Protagonistinnen, davon gibt es ja so einige in den diversen Urban-Fantasy-Romanen, aber hier ist nicht Magie die Ursache für Bryns weitere Existenz, sondern eine Chemikalie mit dem Namen „Returné“, die ihren Körper weiterhin „normal“ funktionieren lässt, solange sie einmal am Tag damit versorgt wird. Doch um weiterhin Zugang zu Returné zu haben, muss Bryn für die herstellende Pharmafirma herausfinden, wer Mr. Fairview illegal mit der Chemikalie versorgt und welche seiner Kunden der Bestattungsunternehmer damit behandelt hat. Dieser Auftrag ist natürlich nicht so einfach zu erfüllen, und so muss sich Bryn nicht nur mit dem Alltag des Bestattungsgeschäfts herumschlagen, sondern auch mit skrupellosen Wissenschaftlern, paranoiden Ex-FBI-Angestellten und einer neugierigen kleinen Schwester.

Ich muss zugeben, dass „Working Stiff“ in meinen Augen gleich mehrere Probleme mit sich bringt. So fand ich die Handlung über weite Strecken nicht besonders spannend, weil es recht lange dauerte, bis die Grundsituation aufgebaut und alle wichtigen Charaktere vorgestellt waren. Aber eine eher langsam voranschreitende Geschichte stört mich normalerwiese nicht, wenn ich die Figuren sympathisch finde und genügend unterhaltsame Szenen geboten bekomme, um dabei zu bleiben. Ich mochte, dass Rachel Caine die Protagonistin (zumindest zu Beginn) mit glaubwürdigen Stärken und Schwächen versehen hat, und das hat mich über den eher zähen Einstieg hinweggetröstet. So ist Bryn zwar eine Kriegsveteranin, aber sie ist nicht immer und jederzeit kampfbereit, sondern eben ein ganz normaler Mensch, der auch mal von einem Angriff aus heiterem Himmel überrascht wird. Ebenso ist sie in unvertrauten Situationen – wie sie zum Beispiel ihr erster Arbeitstag in größeren Mengen bietet – unsicher, während sie auf der anderen Seite kein Problem damit hat, aggressiven oder übergriffigen Personen ihre Grenzen aufzuzeigen, weil das eben etwas ist, womit sie Erfahrung hat.

Trotzdem bin ich mit Bryn bis zum Schluss nicht so recht warm geworden, und ich fürchte, dass das an der Ausweglosigkeit ihrer Situation lag. Bryn stirbt relativ früh in der Geschichte, und auch wenn Returné sie wie einen lebendigen Menschen funktionieren lässt, so steht von Anfang an fest, dass es keine Heilung oder Besserung für sie gibt. Sie wird für ihre restliche Existenz darauf angewiesen sein, dass ihr einmal am Tag Returné verabreicht wird, und wenn diese Chemikalien für ein paar Tage ausbleibt, wird sie bei vollen Bewusstsein verrotten. Außerdem gibt es eine Nebenwirkung von Returné, die dafür sorgt, dass Bryn jederzeit ihren eigenen Willen verlieren kann, wenn ihr nicht einmal wöchentlich ein Gegenmittel verabreicht wird. Mit dieser Grundvoraussetzung war es für mich als Leserin erschreckend egal, dass Bryn theoretisch ein gutes Leben führen könnte – also wenn es die diversen Personen und Institutionen, die sie manipulieren und kontrollieren wollen, nicht gäbe. Dazu kommt noch, dass ihr untoter Zustand dafür sorgt, dass Bryn so gut wie unzerstörbar ist. Sie kann zwar Schmerzen spüren und das Bewusstsein verlieren, aber genügend Zeit und eine ausreichende Versorgung mit Returné führen dazu, dass ihr Körper selbst noch so schwere Verletzungen wieder reparieren kann.

Ich brauche, wenn ich solche Bücher lese, einen kleinen Funken Hoffnung, dass es für die Protagonistin am Ende noch irgendwie „besser“ werden könnte und dass es ihr gelingt, die „Bösewichte“ in der Geschichte (zumindest temporär) zu besiegen. Außerdem möchte ich zu den Charakteren eine Verbindung aufbauen, die dafür sorgt, dass ich mir Gedanken um ihr Wohlergehen mache und mich frage, wie sie wohl aus den diversen Schwierigkeiten wieder herauskommen. Bei „Working Stiff“ habe ich diese Hoffnung und dieses Mitbangen leider vermissen müssen, und das sorgte dafür, dass ich mich nicht weiter mit Bryns Schicksal auseinandersetzen mochte. Mir fehlte ein Ausgleich für all die unschönen Szenen, die die Brutalität und Skrupellosigkeit der diversen Nebenfiguren mit sich brachten, und je weiter ich las, desto weniger neugierig war ich auf das Schicksal von Bryn und ihren Freunden. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich das Buch wohl nur beendet, weil ich hoffte, dass Rachel Caine am Ende doch noch etwas aus dieser Geschichte machen würde.

Melinda Salisbury: Hold Back the Tide

Eine kleine Warnung vorweg: Wer zu einem Jugendbuch greift, weil er ein garantiertes Happy End für alle Charaktere lesen möchte, der sollte von „Hold Back the Tide“ vielleicht die Finger lassen. Allen anderen Lesern hingegen würde ich diese wirklich sehr gut geschriebene Horror-Geschichte von der Autorin Melinda Salisbury sehr ans Herz legen. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht von Alva, die gemeinsam mit ihrem Vater in einem kleinen Ort in den schottischen Bergen lebt. Von Anfang an wird man von Alva darüber informiert, dass ihr Vater vor sieben Jahren ihre Mutter umgebracht hat, als das Mädchen mitten in der Nacht von lauten Stimmen und dem Geräusch von Schüssen und klirrendem Glas aufwachte. Aber da nie eine Leiche gefunden wurde, geht ihr Vater weiterhin unbehelligt seiner Aufgabe als Hüter des örtlichen Lochs nach, während die Dorfbewohner die kleine Familie so weit wie möglich schneiden.

Ebenso steht von Anfang an fest, dass Alva in den vergangenen Jahren alles getan hat, um eine Flucht aus ihren Heimatort vorzubereiten, und nun endlich hat sie Geld und die notwendige Ausrüstung für eine längere Reise beisammen und einen Arbeitsplatz in einer weiter entfernt liegenden Stadt in Aussicht. Alles, was sie noch organisieren muss, ist eine Reisemöglichkeit, die sie schnell genug aus dem Dorf entfernt, damit ihr Vater sie nicht wieder zurückholen kann. Doch bevor Alva ihre Flucht antreten kann, passieren unerwartete und unheimliche Dinge im Ort, und in der jungen Frau keimt der Verdacht auf, dass das radikale Sinken des Pegels des Lochs eine der Ursachen für all die Veränderungen sein könnte. Mehr möchte ich gar nicht zum Inhalt dieser Geschichte sagen, denn ich finde, man sollte sich möglichst unvoreingenommen auf Alva, ihre Erzählweise und ihre Erlebnisse einlassen, um die Handlung rundum genießen zu können.

Einige Entwicklungen kann man in „Hold Back the Tide“ zwar schon recht früh vorhersehen, aber das stört überhaupt nicht, weil die Figuren und die Atmosphäre in dieser Geschichte einen wirklich gefangen nehmen. Dieses abgeschiedene Dorf inmitten der schottischen Berge ist die perfekte Kulisse für einen solchen Horrorroman, und die Monster, die im Laufe der Handlung auftauchen, werden durch ihre Verbindung zum Loch zu einer ganz eigenen und ungewöhnlichen Variante eines bekannten Monstertypus. Ich mochte auch die verschiedenen Charaktere, die man im Laufe der Handlung kennenlernt, sehr gern. Die Protagonistin Alva ist zwar stellenweise fast ein bisschen zu fähig und zu gut (ebenso wie einer der anderen jugendlichen Dorfbewohner), aber sie hat trotzdem genügend Schwächen und Fehler, um eine überzeugende Erzählerin zu sein.

Obwohl das eBook nur 218 Seiten lang ist, hatte ich das Gefühl, dass sich Melinda Salisbury einige Zeit lässt, um ihre Geschichte aufzubauen, und erst nach und nach die verschiedenen Entdeckungen und unheimlichen Vorfälle einbringt. Für mich hat das vor allem dafür gesorgt, dass ich – wann immer ich das Buch aus der Hand legen musste – mit meinen Gedanken immer wieder zu Alva und den Ereignissen in ihrem Heimatort geschweift bin. Ich mag es sehr, wenn mich eine Geschichte nicht so recht loslässt und ich immer wieder dahin zurückkehre. Außerdem fand ich (als jemand, der selten zu Horrorgeschichten greift,) die Darstellung der Kreaturen aus dem Loch ausgewogen genug, dass ich um Alva und all die anderen Charaktere zwar gebangt, aber dieses Unbehagen nicht mit in meinen Alltag genommen habe. Wer also mit dem Wissen leben kann, dass die Geschichte nicht für alle Beteiligten gut ausgeht, und Lust auf einen ruhig erzählten und atmosphärischen Horrorroman hat, der (vermutlich) Ende des 19. Jahrhunderts in der Abgeschiedenheit schottischer Berge spielt und gut geschriebene, stimmige Charaktere aufzuweisen hat, der sollte definitiv einen Versuch mit „Hold Back the Tide“ wagen.

Barbara Hambly: Gefährten des Todes (James Asher 2)

Nachdem ich „Jagd der Vampire“ gelesen hatte, bot es sich an, gleich mit dem zweiten James-Asher-Band von Barbara Hambly weiterzumachen – schließlich mochte ich sowohl die Erzählweise als auch die Handlung sehr und war schon mal in der Welt drin. „Gefährten des Todes“ spielt ein Jahr nach „Jagd der Vampire“ und beginnt damit, dass James Asher am Londoner Bahnhof einen ihm bekannten österreichischen Spion im Gespräch mit dem Vampir Lord Ernchester beobachtet. Mit Ignace Karolyi verbindet James eine gemeinsame Geschichte, da der Österreicher ihn bei einem seiner früheren Einsätze wochenlang gejagt hatte, um die Informationen zurückzubekommen, die James für seine Regierung an sich gebracht hatte. Obwohl James nicht mehr als Spion für Großbritannien arbeitet, erschüttert ihn die Vorstellung, dass sich die österreichische Regierung – gerade angesichts der Unruhen in Europa im Jahr 1908 – mit einem (oder gar mehreren) Vampiren verbünden könnte. Kurzentschlossen folgt er dem Österreicher und dem Vampir quer durch Europa, um mehr über die Beziehung zwischen Karolyi und Ernchester herauszufinden.

Ich mochte an „Gefährten des Todes“ nicht nur diese Mischung aus Spionage-Roman und Vampirgeschichte, sondern auch die Tatsache, dass ein Großteil der Handlung aus der Sicht von Lydia Asher erzählt wird. Lydia bekommt von James ein Telegramm, das ihr grob den Grund für seine unerwartete Abwesenheit erklärt, und ist in der Lage, aus den wenigen Wissensbrocken, die ihr zur Verfügung stehen, den Schluss zu ziehen, dass James in Österreich in eine Falle laufen wird. Da sie keine Ahnung hat, wie sie allein ihren Mann gegen Spione und Vampire schützen kann, tritt sie an Don Simon heran und bittet ihn um Hilfe. Doch so ganz unproblematisch ist es für die junge Frau nicht, mit einem Vampir zu reisen – nicht nur, weil er nur bei Nacht reisen kann, sondern auch, weil Don Simon sehr strikte (und in Lydias Augen vollkommen überholte) Anstandsregeln einhält, während er mit einer Dame unterwegs ist. Dazu kommen für Lydia die Angst um ihren Mann James und natürlich das Wissen, dass jede Person, mit der sie redet, jemand sein könnte, der nicht nur für ihren Mann, sondern auch für sie Gefahr bedeutet.

Die Handlung in „Gefährten des Todes“ beginnt in London und zieht sich dann über Paris und Wien bis Konstantinopel, wobei die Autorin selbst die Städte, in denen sich die Protagonisten nicht so lange aufhalten, wunderbar atmosphärisch beschrieben hat. Dabei konzentriert sich Barbara Hambly nicht auf die glamourösen Seiten der Metropolen, sondern vor allem auf das Leben in den Seitengassen, auf die Stimmung, die durch die angespannte politische Situation herrscht, und auf das Machtgefälle zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Eine kleine Fahrt von dem gemieteten Haus, in dem Lydia mit ihrer Reisegruppe untergekommen ist, zur britischen Botschaft reicht der Autorin dabei schon aus, um dem Leser ein eindringliches Bild von der Stadt und ihren Bewohnern zukommen zu lassen. Dazu kommen dann noch die Charaktere, die rund um die britischen Botschaften der verschiedenen Städte eine Rolle spielen, und bei denen deutlich wird, dass es nicht immer so einfach ist, die gegnerischen Seiten beim „Großen Spiel“ zu definieren.

Dadurch, dass viele Passagen in „Gefährten des Todes“ aus Lydias Sicht erzählt werden, lernt man nicht nur diese Figur, sondern auch Don Simon besser kennen. Der Vampir wirkt in dieser Geschichte zwar nicht menschlicher (keiner der Vampire in Barbara Hamblys Roman wirkt menschlich, auch wenn Lord und Lady Ernchester sich ihre gegenseitige Zuneigung bewahrt haben), aber durch die mit Lydia verbrachte Zeit bekommt man eine Vorstellung von seinen Vorlieben und Abneigungen und von den vielfältigen Herausforderungen, die die Existenz als Vampir mit sich bringt. Neben der tieferen und spannenden Ausarbeitung der schon vertrauten Charaktere mochte ich sehr den Spionage-Anteil der Geschichte, der nicht nur mit großartigen Schauplätzen und wunderbar skrupellosen Antagonisten aufwartet, sondern auch mit genau der richtigen Mischung aus unerwarteten Verbündeten und noch überraschenderen Feinden. „Gefährten des Todes“ hat mir wirklich Spaß gemacht (und ich kann zusätzlich noch anmerken, dass man der Handlung auch problemlos folgen kann, wenn man über zwei Wochen hinweg nur hier und da ein paar Minuten an dem Roman liest 😉 ).

Barbara Hambly: Jagd der Vampire (James Asher 1)

Nachdem ich „Jagd der Vampire“ von Barbara Hambly am letzten Lese-Sonntag angelesen hatte, war das Buch erst einmal auf dem „bald lesen“-Stapel gelandet. Da ich aber schon auf den ersten Seiten so viel Spaß mit der Atmosphäre der Geschichte hatte, habe ich den Titel dann doch relativ schnell wieder vom Stapel gezupft. Die Handlung beginnt im Jahr 1907, als der Professor James Asher abends nach Hause kommt und dort unnatürliche Stille vorfindet. Als er sich ins Gebäude schleicht, muss er feststellen, dass seine Dienstboten anscheinend besinnungslos am Küchentisch sitzen, während seine Frau Lydia reglos im Wohnraum liegt und von einem Vampir bewacht wird. Don Simon Xavier Christian Morado de la Cadena-Ysidro bringt James dazu, für ihn als Ermittler tätig zu werden, indem er ihm verspricht, Lydia in Ruhe zu lassen, solange James für ihn arbeitet.

Don Ysidro greift auf diese Erpressung zurück, da jemand in den letzten Wochen angefangen hat, in London Vampire zu töten. Die Körper dieser getöteten Vampire wurden dem Sonnenlicht ausgesetzt, was bedeutet, dass Don Ysidro jemanden benötigt, der tagsüber Nachforschungen anstellen kann. Seine Wahl fiel dabei auf James Asher, da der Vampir aufgrund kleiner Auffälligkeiten in James‘ Lebenslauf – zu Recht – davon überzeugt ist, dass dieser früher als Spion für die britische Krone tätig war. Nur widerwillig beginnt James mit seinen Ermittlungen in London, immer auf der Suche nach einem Weg, um seinerseits die Vampire zu töten und somit jegliche Bedrohung für Lydia und sich selbst aus dem Weg zu räumen.

Ich habe mich beim Lesen von „Jagd der Vampire“ (den englischen Titel „Those who hunt the Night“ finde ich deutlich hübscher) wirklich gut unterhalten gefühlt. Die Vampire in dieser Geschichte entsprechen schon ziemlich dem düsteren Klischee von der unheimlichen Kreatur, die des Nachts jagt. Auf der anderen Seite gibt es auch kleine Momente, in denen durchblitzt, dass zumindest einige Vampire sich einen Hauch von Menschlichkeit bewahrt haben. Außerdem beweist Barbara Hambly ein Händchen für wirklich atmosphärische Beschreibung des London der „Edwardian era“, wobei ich besonders die kleinen Einblicke in eher alltägliche Dinge mochte, die James‘ Leben und Arbeit stimmig wirken ließen. (Das Einzige, was ich wirklich unbefriedigend fand, war, dass er anscheinend seine Stelle als Professor von einem Tag auf den anderen im Stich lassen konnte, ohne dass es Probleme gab.)

Auch gefiel mir das Verhältnis zwischen James und seiner Frau Lydia sehr gut. Trotz des großen Altersunterschieds zwischen den beiden (James hat seine Frau schon gekannt, als sie noch die kleine Tochter eines Kollegen war) begegnen sie sich auf Augenhöhe, respektieren die Meinung und schätzen die Intelligenz des jeweils anderen. James erfüllt es mit Stolz, dass Lydia zu den wenigen Frauen ihrer Zeit gehört, die in Oxford Medizin studiert haben, und unterstützt, dass seine Frau ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin nachgeht. Lydia hingegen ist zwar durch und durch Wissenschaftlerin, aber auch eine Frau ihrer Zeit, die (wenn auch mit Hilfe einiger Dienstboten) ihrem Mann den Haushalt führt und allen anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt, weil das eben von ihr erwartet wird. Vor allem aber mochte ich, dass James seine Frau nicht im Dunklen lässt, ihr die Möglichkeit gibt, eigene Ermittlungen anzustellen, und sie so gemeinsam gegen die Bedrohung für und durch die Vampire angehen.

Die Suche nach demjenigen, der die Vampire tötet, verläuft hingegen wie bei jedem anderen solidem Krimi auch. James und Lydia recherchieren über Zeitungsartikeln, Grundbucheintragungen und ähnlichen Behördenspuren, und James und Don Ysidor befragen gemeinsam eventuelle Zeugen und Bekannte der Opfer. Dabei verbringen James und der Vampir nicht nur sehr viel Zeit miteinander, sie entwickeln auch nach und nach einen gewissen Respekt gegenüber dem anderen. Das bedeutet nicht, dass James kein Problem mit der Existenz der Vampire an sich hat oder damit, dass so ein Vampir im Laufe der Zeit Tausende von Menschen tötet, aber er akzeptiert ein wenig, dass das Vampirsein verschiedene Facetten aufweist. Trotzdem gibt es keinen Moment, in dem James sich in der Gegenwart von Vampiren sicher fühlen kann, was zu einigen spannenden Szenen in der Geschichte führt. Insgesamt war ich ehrlich gesagt angenehm überrascht, wie sehr ich nach all der Zeit diesen 1988 erstveröffentlichten Vampirroman, der sich deutlich mehr an „Dracula“ anlehnt, als an die damals populären Anne-Rice-Titel, beim Wiederlesen genossen habe.

Mira Grant: Into the Drowning Deep

Mira Grants (Seanan McGuires) Romane gehören zu den wenigen Horrorgeschichten, bei denen ich mich auf das Lesen wirklich freue, obwohl Horror eigentlich so gar nicht mein Genre ist. Aber bei dieser Autorin gibt es immer eine spannende Mischung aus Wissenschaft und Horror, aus ruhigen Passage, die die Welt und die Figuren einführen, und diesen Momenten, die dir als Leser das Herz brechen. Bei „Into the Drowning Deep“ nimmt sich Mira Grant erst einmal Zeit, um die Vorgeschichte zu erzählen (die Geschichte der Atargatis wurde 2015 von Subterranean Press mit dem Titel „Rolling in the Deep“ veröffentlicht) und die Charaktere einzuführen.

Wer bei einem „Horrorroman“ auf die erste Leiche hinfiebert, muss sich bei „Into the Drowning Deep“ fast 150 Seiten lang gedulden. Stattdessen bekommt der Leser eine Welt der nahen Zukunft vorgestellt, in der die anhaltende Umweltverschmutzung zu gravierenden Veränderungen im Lebensstil der Menschen geführt hat und in der die Unterhaltungsfirma Imagine unter anderem mit Dokumentationen, in denen diversen mythischen Wesen nachgespürt wird, ein Vermögen gemacht hat. Dass bei diesen Filmen immer nur herauskommt, dass es mythische Wesen wie Einhörner und ähnliches nicht gibt, scheint einen besonderen Reiz dieser Dokus auszumachen – zumindest bis zu dem Tag, an dem die Crew des Schiffs Atargatis mitsamt dem darauf befindlichen Filmteam und diversen Wissenschaftlern spurlos verschwindet, nachdem sie sich auf die Suche nach Meerjungfrauen gemacht hatten. Einzig einige Filmaufnahmen, die automatisch in eine Cloud hochgeladen wurden, gaben einen Hinweis darauf, was mit all den Personen geschehen sein könnte – und darauf, dass die Legenden rund um Meerjungfrauen nicht ganz so absurd und vor allem deutlich schrecklicher sein könnten, als je ein Mensch vermutet hätte.

Sieben Jahre später stattet Imagine ein riesiges Forschungsschiff aus, um sich noch einmal auf die Spur der Meerjungfrauen zu machen. Die Firma hat den Image-Verlust durch die gescheiterte Atargatis-Mission nicht verwunden, und auch die finanziellen Einbußen machen sich bemerkbar. Eine neue Forschungsreise, mit der nicht nur die Existenz – und somit die Unschuld Imagines an dem Schicksal der Besatzung der Atargatis – bewiesen werden kann, würde nicht nur den Ruf des Konzerns wiederherstellen, sondern auch so einige Möglichkeiten bieten, um die Verluste der letzten Jahre und die Kosten der Reise wieder auszugleichen. Für den Leser beginnt die Handlung kurz vor dem Auslaufen der Melusine damit, dass er die verschiedenen Beteiligten und ihre Motivation für ihre Teilnahme an einer so riskanten Forschungsreise kennenlernt.

Ich mochte die verschiedenen Figuren sehr, gerade weil sie Ecken und Kanten haben, weil sie zum Teil verbissen an der Vergangenheit festhalten oder ihr ganzes Leben auf ihre wissenschaftliche Forschung ausgerichtet haben. Auch fand ich den – nicht gerade geringen – Anteil an wissenschaftlichen Elementen in dem Roman sehr interessant. Aufgrund des Schwerpunktes der Reise und der Tatsache, dass der Großteil der Beteiligten nun einmal Forscher sind, gibt es sehr viele Passagen mit leicht verständlichen und faszinierenden Beschreibungen vom Umgang mit wissenschaftlichen Entdeckungen und dem Interpretieren von Daten für den jeweiligen Forschungsschwerpunkt des Charakters.

Dieser wissenschaftliche Schwerpunkt hat es mir persönlich auch leichter gemacht, mit dem Horror in der Geschichte umzugehen, denn das ist ja – wie schon erwähnt – eigentlich nicht so mein Genre. Hier hingegen fand ich es spannend zu verfolgen, wie sich die Menschen auf der Melusine auf die Suche nach Meerjungfrauen machten, während man als Leser genau weiß, dass es diese Kreaturen gibt und dass ein Zusammentreffen zwischen dem Schiff und den Wasserwesen unausweichlich ist und definitiv kein gutes Ende nehmen kann. Und während ich den Anfang von „Into the Drowning Deep“ eher gemütlich gelesen und häufig aus der Hand gelegt habe, um die verschiedenen Perspektiven nachklingen zu lassen, konnte ich im letzten Drittel der Geschichte nicht mehr aufhören zu lesen, weil ich unbedingt wissen wollte, ob einer der Beteiligten (und wenn ja, wer) das Ganze überleben würde und was dieses Zusammentreffen mit den Meerjungfrauen für die Zukunft der Menschen bedeuten würde.

„Into the Drowning Deep“ ist ein wirklich cooles Buch, mit interessanten Charakteren, überraschend vielen humorvollen Szenen, unglaublich unheimlichen und dabei erschreckend realistischen Monstern, faszinierenden wissenschaftlichen Elemente und sehr vielen spannenden Entwicklungen. Die eine oder andere Träne habe ich auch vergossen, denn selbstverständlich kommt es in einem solchen Roman zu Todesfällen und wenn das dann eine Person betrifft, die ich in den wenigen Szenen, die sie bis zu diesem Zeitpunkt hatte, sehr ins Herz geschlossen habe, dann berührt mich diese Wendung in der Handlung natürlich. Insgesamt bin ich wirklich begeistert von „Into the Drowning Deep“ und möchte den Roman jedem in die Hand drücken, der sich auch nur ein bisschen für einen der von mir genannten Aspekte interessiert.

Die Geschichte der Atargatis soll demnächst verfilmt werden und wenn der Film wirklich gedreht wird (bei all den Ankündigungen, aus denen am Ende keine Filme wurden, bin ich dann doch etwas skeptisch) und in die Kinos kommt, werde ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben Geld in die Hand nehmen, um gezielt in einen Horrorfilm gehen …

Christopher Golden (Hrsg.): Dark Cities (Anthologie)

Da ich in den letzten Jahren festgestellt habe, dass ich es mag, wenn ich auf dem Blog einen Beitrag habe, in dem ich kurze Bemerkungen zu den verschiedenen Kurzgeschichten einer Anthologie gesammelt habe, gibt es auch einen zu „Dark Cities“. In dieser Anthologie sind so einige Autoren versammelt, die ich mag, aber es gibt natürlich auch wieder welche, die ich noch gar nicht kenne oder bei denen ich das Gefühl habe, ich kann sie immer noch nicht so recht einschätzen. Aber genau das ist ja auch das Spannende an Kurzgeschichtensammlungen. 😉

Scott Smith: The Dogs

Die Handlung wird aus der Sicht von Rose erzählt, die regelmäßg in New York Männer trifft und die Nacht mit ihnen verbringt. Sie mag es, wenn diese Männer sie in Restaurants ausführen, die sie sich selbst nie leisten könnte, und es ist ihr egal, dass diese Begegnungen immer nur für eine Nacht sind. Eine Nacht verbringt Rose mit einem Typen, dessen Hund sie (indem er in ihrem Kopf mit ihr redet) davor warnt, dass der Mann sie ermorden will – womit der Hund nicht ganz unrecht hat, aber natürlich steht so einiges mehr hinter den Mordabsichten des Herrn. Die Grundidee der Geschichte mochte ich eigentlich, auch wenn die Handlung an sich spätestens ab dem Punkt vorhersehbar wurde, an dem Rose mit dem Hund ins Gespräch kommt.

Aber die Erzählweise hat mich recht unberührt gelassen (was ich bei einer Horrorgeschichte wirklich bedenklich finde) und es gab eine Szene in der Geschichte, die ich absolut wiederwärtig fand und die so – meiner Meinung nach – nur von einem Mann geschrieben werden konnte. Diese eine Szene trägt nichts zur Handlung bei, was nicht auf anderem Wege hätte erreicht werden können, und „erzwungener Sex als Mittel, um eine Frau gefügig zu machen“ gehört zu den Dingen, die ich nicht lesen will. Was dazu führt, dass ich am Ende der Geschichte ziemlich sauer war, dass dieser Aspekt überhaupt in „The Dogs“ vorkam und dass gerade diese Geschichte aus Auftakt der Anthologie gewählt wurde. (Mein Mann hat dazu angemerkt, dass Ekel als Horrorelement nicht unüblich ist und der Autor ja mit meiner Reaktion auf die Szene sein Ziel erreicht hätte – ich will so etwas trotzdem nicht lesen!)

Tim Lebbon: In Stone

Nachdem ich so unzufrieden mit der Auftaktgeschichte war, hat es einige Wochen gedauert, bis ich „Dark Cities“ wieder in die Hand nahm. Aber mit „In Stone“ wartete eine ganz andere Art von Geschichte auf mich, und das fand ich sehr angenehm. Die Handlung wird von einem Mann erzählt, dessen bester Freund Nigel vor einiger Zeit gestorben ist. Seit Nigels Tod kann der Erzähler nicht mehr schlafen und streift deshalb nachts allein durch London. Bei diesen nächtlichen Spaziergängen begegnet ihm eines Tages eine merkwürdige Frau, deren Verhalten ihn in den folgenden Tagen intensiv beschäftigt. Richtig gruselig ist die Geschichte nicht, aber sie spielt auf interessante Weise mit der Idee der menschenfeindlichen Stadt – bei mir hat das zu einigen absurden Gedankenspielen geführt und sowas mag ich ja.

Helen Marshall: The Way She is with Strangers

Eine Geschichte über eine Stadt voller Menschen, die ihren Weg verloren haben, und über eine Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Menschen den Weg zu weisen. Ich bin mir auch eine ganze Weile nach dem Lesen noch nicht sicher, was ich von dem Ganzen halte, aber ich mochte die melancholische Atmosphäre der Geschichte und die Art und Weise, in der sie erzählt wurde.

M. R. Carey: We’ll always have Paris

„We’ll always have Paris“ wird erzählt von Inspector Philemon, der – kurz nach dem erfolgreich geschlagenen Krieg gegen Zombies – gegen einen Serienmörder ermittelt. Die Opfer wurden an verschiedenen Orten der Stadt gefunden, und jedes einzelne starb an einer ungewöhnlichen Kopfverletzung, doch es scheint – von der Todesart abgesehen – keine Verbindung zwischen den Toten zu geben, so dass der Inspector auch nach dem vierzehnten Opfer noch keine Spur zum Täter hat. Was eine normale Kriminalgeschichte sein könnte, bekommt hier durch den Schauplatz und den vor einiger Zeit geführten Krieg gegen Zombies in einen besonders düsteren Touch, den ich wirklich mochte. Auch gefiel mir die Wendung am Ende, die zwar nicht total überraschend kam, aber zu einer stimmigen Entwicklung bei Insector Philemon führte.

Cherie Priest: Good Night, Prison Kings

Eine überraschend coole Geistergeschichte rund um „seven pretty kittens and two prison kings“ oder auch um eine verstorbene Frau, ihr Leben und ihre Familie. Doch, die Geschichte gefiel mir.


Scott Sigler: Dear Diary

Irgendwie erinnert mich „Dear Diary“ an „In Stone“ (die zweite Geschichte in der Anthologie). Aber während „In Stone“ atmosphärisch war und meine Fantasie befeuert hat, fand ich „Dear Diary“ deutlich weniger reizvoll, was an der Vorhersehbarkeit der Handlung und dem Charakter des Protagonisten lag. Insgesamt war die Geschichte vor allem deprimierend und wenig gruselig.

Amber Benson: What I’ve always done

Gut erzählte, coole Geschichte über einen „Fixer“ und warum Monster sich nicht verlieben sollten. (Ich weiß nicht, ob Amber Benson im Laufe der Zeit einfach besser wurde als Autorin, oder ob mir ihre Kurzgeschichten einfach nur mehr liegen als ihre Romane, aber je kürzer die bislang gelesenen Geschichten, desto mehr habe ich sie genossen.)

Jonathan Maberry: Grit

Da ich von Jonathan Maberry nur Kurzgeschichten aus verschiedenen Anthologien kenne, fällt es mir immer schwer, seine Figuren einzuordnen. Diese Kurzgeschichte gehört zu den Monk-Addison-Geschichten, von denen ich bislang keine andere gelesen habe, und es gelingt dem Autor, eine schöne noir-Note in die Erzählung zu bringen. Die Hauptfigur ist ein Privatdetektiv, der zwar hauptsächlich Kautionsflüchtlinge jagt, dessen „Nebenjob“ sich aber mit deutlich düstereren Aspekten des Lebens beschäftigt. Ich mochte die Idee mit den Tätowierungen (auch wenn ich die eine oder andere Frage zum Thema Hygiene hätte 😉 ) und den Geistern, aber obwohl ich seine Figuren und Ideen mag, fällt mir immer wieder auf, dass Johnathan Maberry doch eher für eine männliche Zielgruppe schreibt.

Kasey Lansdale und Joe R. Lansdale: Dark Hill Run

Die Grundidee mochte ich eigentlich. Der Protagonist Johnny möchte sich das Rauchen abgewöhnen (unter anderem deshalb, weil er Läufer ist,) und geht deshalb zu einem Hypnotiseur. Doch obwohl durch die Hypnose die Nikotinsucht verschwindet, findet dadurch auch etwas vor langer Zeit Verdrängtes wieder einen Weg in Johnnys Leben. Die Vorgeschichte war nett erzählt und die Bedrohung, die in Laufe der Handlung auftaucht, war auch ganz gut beschrieben. Aber die Lösung für Johnnys Problem lag so sehr auf der Hand, dass ich beim „spannenden Showdown“ nur darauf wartete, dass der entscheidende Punkt endlich kommt – was definitiv zu Lasten der Spannung ging.

Simon R. Green: Happy Forever

Eine wunderbar bitter-böse Geschichte um einen professionellen Dieb und die Dinge im Leben, die man nicht stehlen sollte. Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, um nicht zu spoilern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mit dem Einstieg in die Geschichte leichte Probleme hatte …

Paul Tremblay: The Society of the Monsterhood

Die Handlung spielt in einer rauen Gegend und wird ausgelöst durch vier Kinder, die dank eines Stipendiums jeden Morgen abgeholt werden, um in einer Privatschule unterrichtet zu werden. Diese „Bevorzugung“ der Kinder löst eine Entwicklung aus, die einen darüber nachdenken lässt, wer in so einer Nachbarschaft das größte Monster ist und wie solche Monster entstehen. Sehr gute Geschichte mit überraschender Wendung und einem nachdenklich machenden Ende.

Nathan Ballingrud: The Maw

Atmosphärische und verstörende Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird und bei der ich mir auch einige Tage nach dem Lesen nicht sicher bin, was ich davon halte (und wie der Autor begründen will, dass der Hund dem „Ruf“ gefolgt ist).

Tananarive Due: Field Trip

Eine eigentlich ganz normale Szene in der U-Bahn mit wunderbar unheimlichen Untertönen und ebenso beängstigenden Gedanken der Erzählerin. Sehr cool.

Christopher Golden: The Revelers

Eine Kurzgeschichte über Freundschaft und wie sie sich verändern kann. Ich muss gestehen, dass ich ein Problem mit den Figuren hatte, weil diese Feierabend-/Wochenend-Party-Besäufnis-Drogen-Welt auf mich noch nie einen Reiz ausgeübt hat. Ich mochte aber die Bilder, die die Geschichte heraufbeschworen hat und die mich an viele (alte) Filme erinnerten, die ich gern mag. Das Ende der Geschichte hingegen war eher deprimierend und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Ramsey Campbell: Stillness

Diese Geschichte hat mir wieder mal gezeigt, dass ein Autor dafür sorgen muss, dass mich seine Figuren interessieren, damit die Handlung mich packen kann. Dummerweise war mir der Protagonist Donald ziemlich egal, weil ich ihn vor allem langweilig fand. Er arbeitet in einem Charity-Laden, verbringt seine Abende mit Essen und Musikhören und gehört einem Buchclub an, der sich einmal im Monat trifft. Erst als er sich eines Tages über eine „lebendige Statue“ vor dem Laden aufregt, ändert sich sein Leben und er fühlt sich regelrecht von dieser gruseligen „Statue“ verfolgt. So unheimlich ich die Grundidee finde, so wenig hat mich Donalds Schicksal interessiert, und so hat mich die Geschichte auch nicht packen können.

Kealan Patrick Burke: Sanctuary

Erzählt wird die Geschichte von einem zehnjährigen Jungen, dessen größtes Hobby das Zeichnen und Schreiben ist. Die Handlung spielt an einem Sonntag, an dem der Junge seinen Vater (der nach der Kirche immer in der Kneipe versackt) zum Essen holen soll, und die Umgebung, die der Junge beschreibt, ist wirklich gruselig. Ein verlassener Stadtteil voller Schimmel und Moos, abgestorbener Bäume und Menschen ohne Hoffnung, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und doch verloren sind … Am Ende kann man sich nicht ganz sicher sein, welcher Teil der fantastischen und gruseligen Geschichte „real“ ist und welcher nicht, oder welcher Teil in welcher Zeitebene spielt, aber gerade das macht den Reiz von „Sanctuary“ aus.

Sherrilyn Kenyon: Matter of Life and Death

Überraschend lustige Geschichte, wenn man bedenkt, dass „Dark Cities“ eine Horror- bzw. Dark-Fantasy-Anthologie ist. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Lektorin Elliott, die zu Beginn von „Matter of Life and Death“ froh darüber ist, dass ihre Star-Autorin verstorben ist, auch wenn sie nicht weiß, welche Auswirkungen das finanziell auf den Verlag haben wird. Aber die Aussicht, nie wieder etwas mit dieser anstrengenden und gehässigen Frau zu tun haben zu müssen, hellt Elliotts Laune sehr auf – bis auf einmal Nachrichten von der verstorbenen Autorin eintreffen. Ein bisschen hatte ich am Ende das Gefühl, dass da eine Autorin ihre unterdrückten Gefühle gegenüber Lektoren sehr genussvoll in allen Facetten ausgelebt hat. 😀

Seanan McGuire: Graffiti of the Lost and Dying Playces

Sehr atmosphärischer und bedrückender Text über Gentrifizierung und das Sterben einer Stadt – aus der Sicht einer Protagonistin, die ihr Viertel früher so sehr geliebt hat und nun ausharren will, bis die letzten Spuren des früheren Lebens erloschen sind …


Nick Cutter: The Crack

Uhhh … Die Geschichte fand ich heftig, allein deshalb schon, weil das Thema Gewalt gegen Kinder für sich genommen schlimm genug ist und es gar nicht mal den Horroraspekt in der Handlung benötigte, damit einem das Ganze unter die Haut geht.

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Mit Anthologien verlasse ich eher mal meine Komfortzone und in der Regel finde ich darin – unabhängig vom Thema – spannende und faszinierende Geschichten. Auch „Dark Cities“ hatte einige wunderbar atmosphärische Texte zu bieten und Autoren, deren Erzählweise, Charaktere und Ideen mich auf unterschiedliche Weise gut unterhalten haben. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich am Ende von „Dark Cities“ vor allem mal wieder zu dem Schluss gekommen bin, dass Horror und Dark Fantasy eher weniger meine Genres sind. Denn je besser solch eine Geschichte ist, desto länger hält das unangenehme Gefühl beim Lesen an, desto länger drehen sich meine Gedanken um Elemente der Handlung – und das sind in der Regel keine Dinge, die ich in meinen Alltag mitnehmen möchte.