Schlagwort: Anthologie

Lese-Eindrücke Mai 2024

Im Mai habe ich vor allem Fortsetzungen gelesen, was nicht gerade zu vielen Rezensionen geführt hat. Aber ein paar Einzelbände gab es doch, zu denen ich hier noch was sagen kann. Außerdem dachte ich mir, ich könnte hier auch mal Anmerkungen dazu hinterlassen, ob die von mir gelesenen Fortsetzungen mit den ersten Bänden mithalten konnten.

K. J. Charles: Death in the Spires

K. J. Charles gehört zu den Autor*innen, von denen ich seit Jahren immer wieder günstige/kostenlose eBooks runterlade und dann doch erst einmal nicht lese. Umso amüsanter fand ich es, dass mein erster gelesener Roman dann nicht nur eine Neuveröffentlichung, sondern K. J. Charles‘ erster Ausflug ins Krimigenre war. „Death in the Spires“ spielt 1905 und wird aus der Perspektive von Jeremy (Jem) Kite erzählt, der vor zehn Jahren zu einer Gruppe von viel versprechenden Oxford-Student*innen gehörte. Als einer von ihnen ermordet wurde, bedeutete das für Jem das Ende seines Studiums. Die Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, und die Frage, ob Jem vielleicht der Mörder gewesen sein könnte, verhindertete in den vergangenen Jahren jede Hoffnung auf eine einigermaßen sichere berufliche Position. Als er erneut seinen Arbeitsplatz verliert, ist Jem wild entschlossen endlich herauszufinden, wer seinen Freund Toby damals ermordet hat.

Ich muss zugeben, dass ich normalerweise diese Art von Geschichten wirklich nicht mag. Ich habe einfach schon zu viele Krimis gelesen/gesehen, die an Universitäten spielen und in denen in einer Gruppe eng befreundeter Studenten ein Verbrechen passiert (und manchmal auch vertuscht wird). Trotzdem habe ich mich von „Death in the Spires“ gut unterhalten gefühlt, weil K. J. Charles so viele Aspekte in die Geschichte einfließen lässt, die bei anderen Autor*innen in der Regel keine Erwähnung finden. Ihre Figuren haben unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe, sind queer, behindert oder Schwarz und zwei von ihnen gehören zu den ersten Frauen, die in Oxford studieren durften. Das alles führt dazu, dass in dem relativ kurzem Buch (ca. 270 Seiten) sehr viele Elemente für Unterströmungen sorgen, die dem – anfangs etwas naiven Protagonisten – erst nach und nach auffallen. Auch wenn ich als Leserin Jem da regelmäßig voraus war, hat mich das weiterhin neugierig auf die noch kommenden Entwicklungen gemacht, und so war das Buch deutlich befriedigender zu lesen als „klassische“ Varianten dieses Krimithemas.

H.L. Macfarlane und Adie Hart (Hrsg.): Once Updon a Season 3 – Once Upon a Spring (Anthologie)

Eine Anthologie mit sechzehn sehr unterschiedlichen Geschichten rund um das Thema „Frühling“. Während ich normalerweise einen extra Anthologie-Beitrag anlege, um meine Eindrücke und Gedanken zu den einzelnen Geschichten festzuhalten, bin ich hier auf zu viele Texte gestoßen, die mich nicht überzeugen konnten. Ich mochte von Adie Hart „Far Far Away“, eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, in der eine Bibliothekarin das „Dornröschen“ rettet, indem sie ihm hilft, die verlorenen 100 Jahre an Wissen aufzuholen. Das war eine sehr süße Geschichte, die ich mir Freude bereitet hat. Oh, und die Hades-und-Persephone-Geschichte „She Vanishes“ von Josie Jaffrey war auch sehr nett zu lesen, aber sonst haben die meisten Beiträge leider wenig (gute) Eindrücke bei mir hinterlassen.

Caroline O’Donoghue: The Gifts that Bind Us (The Gifts 2)/Caroline O’Donoghue: Every Gift a Curse (The Gifts 3)

Im Prinzip kann ich hier noch einmal wiederholen, was ich zum ersten Band („All Our Hidden Gifts“) geschrieben hatte: Ich mochte den zweiten und dritten Teil der The-Gifts-Trilogie, auch wenn ich mir wieder relativ viel Zeit mit dem Lesen gelassen habe, weil ich es so unangenehm fand, mehr über die „konservative/religiöse“ Gruppe zu lesen, die in diesen Romanen die Gegenspieler der Protagonistin Maeve und ihrer Freunde sind. Genau genommen finde ich sogar, dass die Geschichte mit jedem Band besser wird, weil Maeve sich – auch wenn sie immer wieder Mist baut – definitiv weiterentwickelt und erwachsener wird. Außerdem führt Caroline O’Donoghue neue Charaktere ein, die den fantastischen Teil ihrer Welt erweitern und so zu überraschenden Lösungen für das eine oder andere Problem sorgen. Ich habe mich mit der Trilogie sehr gut unterhalten gefühlt und bin gespannt, wie sich die Bücher für mich bei einem Reread irgendwann anfühlen werden.

Sandra Wickham: Death Coach, Vampires (Death Coach 2)

Noch eine Fortsetzung, zu der ich eigentlich all das, was ich schon zum ersten Band („Death Coach“) geschrieben hatte, noch einmal wiederholen könnte. Aber da ich mich so darüber gefreut hatte, dass Sandra Wickham das Niveau ihres Debütromans mit dieser Fortsetzung halten kann, wollte ich das hier noch einmal extra betonen. In diesem zweiten Teil der Death-Coach-Reihe lernt die Protagonistin Amy mehr über all die fantastischen Elemente in der Welt, die sie bis vor kurzem ignoriert hatte. Genau genommen lernt sie deutlich mehr über Vampire und über die Geister, mit denen sie kommunizieren kann. Außerdem findet sie sich immer mehr in ihrer Rolle als Death Coach zurecht und sammelt weitere Personen um sich herum, die ihr dabei helfen. Ich muss zugeben, dass ich die Nebenfiguren dieses Mal interessanter fand als Amy selbst, aber das ist ja nicht schlimm. Alles in allem ist das eine ungewöhnliche Urban-Fantasy-Reihe, die ich so unterhaltsam finde, dass ich sie weiter im Auge behalten werde.

Lawrence Block (Hrsg.): In Sunlight or in Shadow – Stories Inspired by the Paintings of Edward Hopper (Anthologie)

Für diese Anthologie hatte Lawrence Block, der ein großer Fan von Edward Hoppers Gemälden ist, bekannte bzw. mit ihm befreundete Autor*innen gefragt, ob diese Kurzgeschichten schreiben würden, die auf Gemälden des Künstlers basieren.

1. Megan Abbott: Girlie Show

„Girlie Show“ von Edward Hopper zeigt eine nackte, rothaarige Frau auf einer leeren Bühne. Vor der Bühne sind die Köpfe von ein paar Männern zu sehen, deren Blicke auf die Frau gerichtet sind.

Ich muss zugeben, dass ich die davon inspirierte Kurzgeschichte von Megan Abbott nicht gern gelesen habe. Die Handlung dreht sich um Pauline, die seit fast fünfzehn Jahre verheiratet ist, und von Anfang an ist klar, dass ihr Mann ein Mistkerl ist. Mein Problem damit war, dass er so klischeehaft ein Mistkerl ist, dass ich das Gefühl hatte, dass all die Passagen, die seinen Charakter zeigen, überflüssig waren. Auf der anderen Seite konnte ich für Pauline ein gewisses Mitgefühl, aber kein Verständnis aufbringen. Das sorgte dafür, dass ich mich 18 Seiten lang fragte, wieso ich mich überhaupt mit diesen beiden Figuren beschäftigen und dafür durch so unschöne Szenen quälen sollte.

2. Jill D. Block: The Story of Caroline

Das Bild „Summer Evening“ von Edward Hopper zeigt einen Mann und eine Frau in sommerlicher Kleidung, die nachts auf einer Veranda stehen und miteinander zu reden scheinen. Die ganze Szene wird von einer Lampe über der Haustür hell erleuchtet.

Nachdem ich mit der ersten Geschichte in dieser Anthologie etwas Probleme hatte, war ich überrascht davon, wie gut mir „The Story of Caroline“ gefallen hat. Die Handlung wird aus der Sicht von zwei Frauen erzählt. Einmal ist da Grace, die darauf wartet, dass ihr schwerkranker Ehemann stirbt, und dann Hannah, die – kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag – beschlossen hat, dass sie einmal ihre leibliche Mutter treffen möchte. Ich mochte, dass das die Handlung irgendwie alltäglich und so wenig dramatisch war und dass die Protagonistinnen zwei Frauen waren, die recht pragmatisch mit den vor ihnen liegenden schwierigen Situationen umgegangen sind. Die Handlung bot wenig Überraschungen, aber ein paar nette, kleine, leise Momente.

3. Robert Olen Butler: Soir Bleu

Edward Hopper hat mit „Soir Bleu“ eine abendliche Szene in einem französischen (Hafen-)Café gemalt, die mehrere Personen zeigt. Im Zentrum des Bilds steht ein Pierrot, der – ganz in weiß gekleidet und mit vollständiger Maske – mit zwei weiteren Männern an einem Tisch sitzt, ohne dass das Gefühl entsteht, dass diese drei Personen irgendwie zusammengehören würden. Vor dem Tisch steht eine Frau, die einen der Männer anzuschauen scheint, aber auch sie wirkt, als ob sie dem Pierrot keine Beachtung schenken würde.

Zu Beginn der Kurzgeschichte fand ich es wirklich interessant, dass Robert Olen Butler die Figuren in „Soir Bleu“ so ganz anders interpretierte als ich. Sein Text erzählt von einem Künstler, seiner Muse und einem potenziellen Kunden für ein Bild – und auch wenn der Pierrot ein ungewöhnliches Element in die Handlung brachte, so endete die Geschichte für mich doch mit ziemlicher Frustration. Ich habe einfach keine Lust mehr, Geschichten von berühmten Autoren (Robert Olen Butler ist Pulitzer-Preisträger) zu lesen, die sich darum drehen, dass ein Mann eine Frau umbringt, weil er das Gefühl hat, dass sie sein Besitz sei.

4. Lee Child: The Truth About What Happend

Diese Kurzgeschichte wurde inspiriert von Hoppers Gemälde „Hotel Lobby“, das drei Personen in einer Hotel-Lobby zeigt: Eine blonde Frau in einem blauen Kleid, die auf der rechten Seite des Bilds vor der Rezeption sitzt und in einem Buch liest, und eine älter wirkende Frau mit Hut und Mantel, die in einem Sessel sitzt und mit einem älteren Herrn zu reden scheint, der neben ihr steht.

Ich muss zugeben, dass Lee Child mich damit überrascht hat, dass er aus diesem Gemälde eine Idee für eine FBI-/Manhattan-Project-Geschichte gezogen hat. Die Geschichte an sich ließ mich eher mit der Frage zurück, wieso mir gerade dieser Moment im Arbeitsalltag des Erzählers geschildert wurde (also abgesehen davon, dass es zum Hopper-Bild passte). Die Erzählstimme war aber immerhin sehr klassisch „noir“ (was ich normalerweise mag), aber auf die Bemerkung des Protagonisten zum Aussehen einer weiblichen Nebenfigur hätte ich verzichten können. Solche Anmerkungen kann ich noch einigermaßen akzeptieren, wenn es Text sind, die vor einigen Jahrzehnten geschrieben wurden, aber bei einem Text aus diesem Jahrzehnt erwarte ich weniger Sexismus (vor allem, wenn er nichts zur Handlung beiträgt).

5. Nicholas Christopher: Rooms by the Sea

„Rooms by the Sea“ zeigt im Zentrum des Gemäldes eine weiße Wand, die zu einem leeren Raum zu gehören scheint. Rechts ist eine große Fenstertür zu sehen, die direkt aufs Wasser zu führen scheint, links ist ein Durchgang in ein hinteres Zimmer zu sehen, durch den der Betrachter ein rotes Sofa, ein Gemälde und eine Holzkommode erahnen kann.

„Rooms by the Sea“ erzählte eine anfangs „normal“ wirkende Familiengeschichte, bei der dann nach und nach ein paar ungewöhnliche Elemente eingeflochten werden – wie ein Haus am Meer, in dem ohne greifbare Erklärung seit Jahren regelmäßig neue Räume auftauchen. Ich muss zugeben, dass ich nach einer ersten kleinen Verwirrtheit von den eher fantastischen Elementen in der Geschichte fasziniert war, weil sie meine Fantasie anregten. Aber gerade weil meine eigene Vorstellungskraft beim Lesen in so viele verschiedene Richtungen ging, war ich dann ziemlich enttäuscht von der Auflösung, die der Autor mir präsentierte. Ich glaube, dass ich diese Kurzgeschichte deutlich besser gefunden hätte, wenn Nicholas Christopher auf diese „Erklärung“ verzichtet und stattdessen ein offenes Ende gewählt hätte. Wobei ich auch zugeben muss, dass meine Irritation mit der Auflösung auch daran liegt, dass der Autor dafür auf einen Mythos zurückgriff, dessen ich inzwischen überdrüssig bin.

6. Michael Connelly: Nighthawks

„Nighthawks“ von 1942 ist vermutlich das berühmteste Bild von Edward Hopper und zeigt einen beleuchteten Diner bei Nacht, in dem durch die großen Fensterflächen drei Gäste und ein Angestellter beobachtet werden können.

Oh, dieser Text hat mir richtig gut gefallen! Michael Connelly lässt in „Nighthawks“ seinen Romanhelden Harry Bosch als Privatdetektiv eine junge Frau beschatten, die in ihrer Mittagspause im Museum Edward Hoppers bekanntestes Gemälde betrachtet. Ich mochte diesen kurzen Moment, in dem die Frau Bosch auf das Bild ansprach, ebenso wie seine Gedanken zu dem Fall – und zu dem, was er aus den Fehlern, die er dabei gemacht hat, gelernt hat. Das war für mich ein nettes Kennenlernen von Harry Boschs Charakter und vermutlich ein ebenso nettes Wiedersehen für jemanden, der die Figur schon aus den Romanen des Autors kennt.

7. Jeffery Deaver: The Incident of 10 November

„The Incident of 10 November“ basiert auf dem Gemälde „Hotel by a Railroad“, das ein älteres Paar in einem Raum zeigt. Während sie in einem Stuhl sitzt und liest, schaut er aus dem Fenster und raucht.

Diese Geschichte hat mich sehr an all die Romane erinnert, die ich als Jugendliche aus dem Regal meines Vaters gezogen habe und die sich rund um den Kalten Krieg und Spionage drehten. Jeffery Deaver lässt in „The Incident of 10 November“ einen russischen Geheimdienst-Mitarbeiter in einem Brief erklären, was am 10. November 1954 während seines Einsatzes in Berlin passiert ist. Dabei gibt es erst einmal eine ausführliche Einführung zu seiner Person und zur Ausgangssituation – und ich muss zugeben, dass ich mich bei diesem Teil gefragt habe, was davon von Hoppers Gemälde inspiriert wurde. Als der Part dann deutlich wurde, war auch das Ende der Geschichte sehr vorhersehbar – trotzdem mochte ich den Text, was auch daran liegt, dass er so viele Erinnerungen an früher gelesene Romane weckte.

8. Craig Ferguson: Taking Care of Business

Der Ausgangspunkt für diese Geschichte war das Gemälde „South Truro Church“, das eine eher schlichte kleine Kirche an einem diesig wirkenden Sommertag zeigt.

Craig Ferguson erzählt in „Taking Care of Business“ von zwei Männern (Jefferson und Billy), die – obwohl beide ihr Leben lang in demselben kleinen Ort an der Küste gelebt haben – in ihren 70ern Freunde wurden. Diese Geschichte war sehr kurz und hatte ein paar sehr absurde Momente, und das Ende war für meinen Geschmack eine Wendung zu viel. Aber ich mochte die Szenen, die von der Freundschaft der beiden alten Männern zeugten, und mir gefiel die Vorstellung davon, wie Jefferson und Billy gemeinsam am Strand sitzen und sich bekifft über alles Mögliche unterhalten.

9. Stephen King: The Music Room

„Room in New York“ zeigt den Blick durch ein Fenster in einen Raum mit eher konservativ wirkenden Gemälden. An der linken Wand des Raums sitzt ein Mann auf einem Stuhl und liest eine Zeitung, während auf der rechten Seite eine Frau in einem auffallend roten Kleid sitzt, die sich von dem Mann abgewandt hat, um mit einem Finger auf der Tastatur eines Klaviers zu spielen. Zwischen den beiden Personen ist an der Wand eine massive Tür zu sehen.

„The Music Room“ von Stephen King ist einer der kürzeren Texte in der Anthologie. Ich mochte, dass er aus einer relativ geruhsam wirkenden Szene eine Geschichte gemacht hat, die damit spielt, dass eine betrachtende Person nicht hören kann, was in dem Raum vor sich geht. Eine Geschichte um ein Ehepaar, das einen ungewöhnlichen Weg gefunden hat, um in einer Zeit großer Arbeitslosigkeit ein gutes Leben zu führen. Aber ich muss auch zugeben, dass diese kleine Episode nicht lange in mir nachklang und ich ein paar Tage später schon Mühe hatte, mich an die Handlung zu erinnern.

10. Joe R. Lansdale: The Projectionist

„New York Movie“ von Edward Hopper zeigt auf der linken Seite des Bildes den Zuschauerraum eines recht leeren (Film-)Theaters, auf dessen Leinwand ein Film zu erahnen ist. Auf der rechten Seite steht eine blonde Platzanweiserin in einem Gang neben dem Zuschauerraum, angeleuchtet von einer Wandlampe und allem Anschein nach tief in Gedanken versunken.

Ich muss zugeben, dass mich die Anthologie mit dieser Geschichte für einige Tage verloren hatte, weil „The Projectionist“ zwar nett geschrieben war, aber so schrecklich abgedroschene Elemente aufgriff. Das hat dafür gesorgt, dass ich mitten im Text das Buch weglegte und erst einmal gar keine Kurzgeschichten gelesen habe. Der Erzähler arbeitet als Filmvorführer in einem Kino, das von einem älteren Ehepaar geführt wird, und schwärmt für die hübsche Kollegin, die als Platzanweiserin arbeitet. Als eines Tages ein paar Typen auftauchen und Schutzgeld erpressen wollen, hat der Protagonist das Gefühl, er müsse die Kollegin (und seinen Arbeitsplatz) vor den Gangstern beschützen. Das Einzige, was ich bei dieser Geschichte anzumerken habe, ist, dass ich es faszinierend finde, wie genervt ich auf bestimmte abgedroschene Handlungselemente reagiere.

11. Gail Levin: The Preacher Collects

„The Preacher Collects“ erwähnt das Gemälde „City Roofs“, das die Dächer eines Viertels in New York in den 1930er Jahren zeigt. Am rechten Rand des Bilds ist ein hohes Apartmentgebäude zu sehen und die gesamte Szenerie ist in warmes Sonnenlicht gehüllt, das allem einen gold-braunen Ton verleiht.

Auch wenn „City Roofs“ in der Geschichte erwähnt wird, so basiert die Handlung eher auf Vorfällen rund um Edward Hoppers Erbe. Genau genommen wird „The Preacher Collects“ aus der Perspektive von Arthayer Sanborn erzählt, der ein Nachbar von Edward Hoppers älteren Schwester Marion war. Mit dieser Geschichte bietet Gail Levins, die für einige Jahre als Kuratorin für die Edward-Hopper-Sammlung des Whitney Museums gearbeitet hat, eine Erklärung dafür, wie es sein konnte, dass sich nach dem Tod des Künstlers so viele Frühwerke von Edward Hopper im Besitz von Arthayer Sanborn befanden. Das war nicht uninteressant, hatte aber relativ wenig mit dem Gemälde „City Roofs“ zu tun.

12. Warren Moore: Office at Night

Das gleichnamige Gemälde von Edward Hopper zeigt ein kleines Büro, in dem ein Mann an einem Schreibtisch sitzt und in einem Dokument liest. Links von dem Mann steht eine Frau in einem engen blauen Kleid an einem Aktenschrank. Ihre linke Hand steckt in einer geöffneten Schublade, während sie gleichzeitig ihren Oberkörper so gedreht hat, dass sie den Mann am Schreibtisch anschauen kann.

Die Geschichte von Warren Moore dreht sich um eine junge Frau namens Margaret, die sich – entgegen dem Willen ihrer Eltern – aufmacht, um in New York City einen Job zu suchen. Ich fand es nett mitzuverfolgen, wie Margaret in der Stadt ankommt, eine Unterkunft findet und einen Job ergattert, aber am Ende stand ich ein bisschen da und habe mich gefragt, ob das nun alles gewesen ist. „Office at Night“ war gut genug, um mich während des Lesens zu unterhalten, aber leider auch so banal, dass ich am nächsten Tag zurückblättern musste, um mich daran zu erinnern, was ich da gestern gelesen hatte.

13. Joyce Carol Oates: The Woman in the Window

Das Bild „Eleven a.m.“ zeigt eine nackte Frau in einem blauen Sessel an einem Fenster sitzend. Die Frau scheint aus dem Fenster zu schauen, während gleichzeitig ihre langen dunklen Haare ihr Gesicht vor dem Betrachter des Gemäldes verbergen.

Puhh … die ganze Handlung dreht sich um die (negativen) Gefühle, die eine Sekretärin und ihr Geliebter füreinander empfinden, während sie beide überlegen, dass sie die andere Person doch wirklich gern umbringen würden. Unangenehme Charaktere, unangenehme Geschichte, unschön zu lesen – nicht mein Ding.

14. Kris Nelscott: Still Life 1931

Das Gemälde „Hotel Room“ zeigt eine müde wirkende Frau in Unterwäsche auf einem Bett sitzend. Sie hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und neben dem Bett stehen zwei unausgepackte Gepäckstücke, dahinter ist ein Sessel zu sehen, auf dessen Sitzfläche ein gemustertes Kleid liegt.

„Kris Nelscott“ ist das Krimi-Pseudonym von Kristine Kathryn Rusch und ihre Geschichte dreht sich um Lurleen, die sich nach dem Tod ihres Mannes auf den Weg nach New York gemacht hat. Ich fand es sehr spannend, nach und nach mehr über Lurleen und ihr Leben zu erfahren, während die Autorin es gleichzeitig schafft, einen Einblick in das Leben in den USA in den 1930er Jahren zu zeichnen. Lurleen ist keine besonders mutige Person oder gar strahlende Heldin. Aber gerade weil sie so viele Schwächen hat, fand ich es schön zu verfolgen, wie sie versucht, einen Weg zu finden, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Das war eine wirklich gute Geschichte!

15. Jonathan Santlofer: Night Windows

Das titelgebende Gemälde von Edward Hopper zeigt drei hell erleuchtete Fenster in der Nacht, die Einblick in einen Raum gewähren. In diesem Raum lässt sich – halb verdeckt von der Wand zwischen zwei Fenstern – eine Frau erahnen, die nur dürftig bekleidet und leicht vorgebeugt mit dem Rücken zum Betrachter steht. Womit sie gerade beschäftigt ist, lässt sich nicht sehen.

Diese Geschichte wird vor allem aus der Sicht eines Mannes erzählt, der in der Vergangenheit schon häufiger Frauen missbraucht und getötet hat. Auch wenn – zumindest für mich – von Anfang an offensichtlich ist, dass sich dieses Mal für ihn das Blatt wenden wird, habe ich wirklich keine Lust mehr auf dieses Thema. Nichts an dieser Geschichte hat mir als Leserin irgendwas Neues gebracht, weder die Art der Erzählung noch das Thema noch die „überraschende“ Wendung am Ende. Ich finde es frustrierend, dass mir diese Art von Geschichten seit so vielen Jahrzehnten immer wieder erzählt werden, ohne dass sich daran etwas ändert.

16. Justin Scott: A Woman in the Sun

In dem Gemälde mit dem Titel „A Woman in the Sun“ steht eine nackte Frau, die durch ein nicht sichtbares Fenster von der Sonne angestrahlt wird, in einem Zimmer. Hinter ihr ist ein zerwühltes Bett zu sehen, unter dem sich zwei hochhackige Schuhe befinden. Die Frau hält eine brennende Zigarrete in der Hand und scheint in Gedanken versunken zu sein.

Ich habe das Gefühl, dass die Beschreibung des Gemäldes mehr Text aus mir rauskitzelt als diese Kurzgeschichte. Justin Scott erzählt von einer Frau, die eine Nacht mit einem Mann verbracht hat, den sie am Abend vorher in einer Bar kennengelernt hat. Er sagte ihr, dass er sich am nächsten Tag umbringen würde und vorher noch einmal Sex haben möchte. Dabei gelingt es dem Autor nicht, mir auch nur annähernd deutlich zu machen, welche Motivation die beiden Figuren antreibt. Außerdem wurde die weibliche Person auf eine Art und Weise geschrieben, die meiner Meinung nach so nur von einem Mann kommen konnte …

17. Lawrence Block: Autumn at the Automat

Das Gemälde „Automat“ zeigt eine Frau an einem Tisch in einem automat (eine Art Selbstbedienungsrestaurant). In der Hand hält die Frau eine Kaffeetasse, vor ihr auf dem Tisch steht ein leerer Teller und hinter ihr spiegeln sich eine Reihe von Deckenlampen in einem Fenster. Die Frau ist in einen grünen Mantel mit Fellbesatz gekleidet und trägt einen gelben Hut und nur einen Handschuh. Sie wirkt nachdenklich, während ihr Blick auf ihre Tasse gerichtet ist.

Die Geschichte hat mir überraschend viel Spaß gemacht. Lawrence Block erzählt die Handlung aus der Perspektive einer nicht mehr so jungen Frau, die bewusst den Eindruck von „verarmter Frau aus gutem Hause“ erweckt, und die ihr Essen in dem automat als Gelegenheit nutzt, um ihre Zimmermiete zu „verdienen“. Dabei denkt sie beim Essen an die Person, die ihr vor Jahren beigebracht hat, so einen Coup durchzuführen, und beobachtet die anderen Gäste in dem Restaurant. Das war unterhaltsam und ein schöner Abschluss für die Anthologie.

***

Auch nach dem Lesen der Anthologie finde ich die Grundidee hinter dieser Sammlung von Geschichten immer noch spannend. Ich mag Edward Hoppers Gemälde sehr, gerade weil sie solch melancholisch und intim wirkenden Momentaufnahmen sind. Es war faszinierend, beim Lesen der einzelnen Beiträge mehr Details zu den Gemälden zu recherchieren und dabei Informationen zu finden, auf die ich ohne die Anthologie nicht gestoßen wäre. Auf der anderen Seite gab es in diesem Band so einige Geschichten, die mir den Gedanken aufkommen ließen, dass ich wirklich keine Lust mehr habe, immer wieder dieselbe Art von Handlung von derselben Sorte Autor (hier habe ich bewusst nicht gegendert) erzählt zu bekommen.

Am Ende glaube ich nicht, dass ich diese Anthologie noch einmal aus dem Regal ziehen und lesen werde, während ich gleichzeitig Lust habe, mich intensiver mit Edward Hoppers Bildern zu beschäftigen. Ich denke, ich werde „In Sunlight or in Shadow“ aus meinem Bestand aussortieren und stattdessen einen Bildband auf meinen Wunschzettel setzen. Als nächstes greife ich dann lieber wieder zu einer Anthologie mit Kurzgeschichten von marginalisierten Autor*innen, weil da die Wahrscheinlichkeit, über ungewöhnlichere – und für mich interessantere – Geschichten zu stolpern, einfach größer ist.

Lese-Eindrücke Januar 2024

Winter Tales from Cozy Vales (A Cozy Fantasty Collection 1)

Cozy Vales ist eine „shared world“, in der die Autor*innen L. A. Scott, Rebecca Buchanan, Selina J. Eckert, Deanna Stuart, Angela Stuart, Cassandra Stirling, K. M. Jackways, G. Glatworthy, Nathaniel Webb und Bonnie Axton schreiben. „Winter Tales from Cozy Vales“ ist eine (kostenlose) Sammlung von Geschichten, die diese Welt und ihre Bewohner vorstellen, und war für mich die perfekte Entspannung zum Jahresanfang. Nicht alle der neun Geschichten haben mir gleichermaßen gut gefallen, aber in allen davon habe ich Elemente gefunden, die mich erfreut haben, und bei überraschend vielen Texten gehe ich davon aus, dass ich weitere Cozy-Vales-Veröffentlichungen der Autor*innen lesen werde.

Alle Beiträge in dieser Collection drehen sich rund um die „Lantern Night“, die in dieser fantastischen Welt begangen wird (wobei die verschiedenen Regionen auch unterschiedliche Traditionen rund um diesen Feiertag haben), und ich mochte die winterliche Atmosphäre ebenso wie die vielen kleinen und großen magischen Elemente und Personen. Einige dieser Geschichten haben bei mir ein ähnliches Gefühl hervorgerufen wie „Legends & Lattes“, wobei es in dieser Welt grundsätzlich mehr Alltagsmagie und weniger Abenteuer zu geben scheint. Für mich die perfekte Lektüre, um abends entspannt ein bisschen zu lesen und mir dann beim Einschlafen auszumalen, wie es mit den Charakteren wohl weitergehen könnte. 😉

Lauren Gilley: Heart of Winter (Drake Chronicles 1)

„The Heart of Winter“ von Lauren Gilley ist schon vor längerer Zeit auf meinem eReader gelandet, und erst beim Erstellen meiner „Winter-Leseliste“ habe ich wieder an den Titel gedacht. Inzwischen habe ich nicht nur diesen ersten Band der „Drake Chronicles“, sondern auch den zweiten und dritten Teil gelesen, weil ich mich davon so gut unterhalten fühle. Am Anfang dreht sich die Handlung vor allem um Oliver Meacham (Bastardsohn eines Adeligen) und seine Cousine Tessa Drake, die von ihm in den Norden begleitet wird, wo sie den „barbarischen“ König Erik heiraten soll. Diese Heirat soll dafür sorgen, dass das Herzogtum Drakewell militärische Unterstützung gegen die einfallenden Sels erhält. Doch Erik ist nicht an einer Heirat interessiert und bietet Tessa stattdessen die Hand eines seiner Neffen (und Erben) an, während sich gleichzeitig eine Liebesgeschichte zwischen dem König und Oliver entwickelt.

Es gibt in diesen Romanen so einige Elemente, bei denen ich nicht genauer über den Weltenbau nachdenken darf – vor allem, wenn es um die Tiere in den verschiedenen Regionen, die Logistik beim Reisen oder gar um das Thema Nahrungsmittelanbau, -import oder -export geht. Außerdem hätte es für mich die Menge an Sex- und Schmachtszenen (m/m und f/m) nicht unbedingt benötigt, aber ich kann damit leben, weil es dabei auch immer wieder – zum Teil wirklich wichtige – Dialoge gab. Vor allem aber habe ich diese Bücher mit so großem Vergnügen gelesen, weil ich die Figuren und die Art und Weise, wie sie mit ihren Familienmitgliedern und Freunden umgehen, mochte. Für Oliver führt die Reise in den Norden nicht nur dazu, dass er Gefühle für König Erik entwickelt, sondern auch dazu, dass er zum ersten Mal mehr als nur „der Bastard“ ist.

Er und Tessa finden eine überraschend herzliche neue Familie, und auch wenn es aufgrund von unterschiedlichen Temperamenten oder kulturellen Missverständnisse mal knirscht, so reden diese Figuren doch miteinander und versuchen gemeinsam ihre Probleme zu lösen. Das ist so wohltuend zu lesen, dass die (ab dem Ende des ersten Bands) auftauchenden dramatischen Elemente wie Krieg, Nekromanten, Clan-Politik und natürlich politische Schachzüge und Verrat den wohltuenden Teil für mich nicht überschatten. So haben die ersten drei Teile der „Drake Chronicles“ bei mir für überraschend entspannte Lesestunden gesorgt und ich musste beim abendlichen Lesen aufpassen, dass ich meine Schlafenszeit nicht zu sehr in die Nacht verschob. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch noch die letzten beiden Teile der Reihe lesen werde.

Catie Murphy: Death by Irish Whiskey (The Dublin Driver 5)

„Death by Irish Whiskey“ ist der fünfte Band der „Dublin Driver Mysteries“ und ich mag die Reihe so sehr, dass ich den Krimi direkt nach Erscheinen (am 23. Januar) gelesen habe. Protagonistin der Bücher ist Megan Malone, eine Amerikanerin, die seit fünf Jahren in Dublin lebt und dort als Limousinen-Chauffeurin arbeitet. Im Rahmen ihrer Arbeit lernt sie nicht nur die ungewöhnlichsten Personen kennen, sondern stolpert auch immer wieder über Leichen. Dieses Mal ist sie allerdings privat unterwegs, als bei einem Wettbewerb, bei dem der vielversprechendste „Newcomer Whiskey“ des Jahres gekürt werden soll, einer der Teilnehmer ermordet wird. Obwohl Megan ihrer Freundin Jelena versprochen hatte, dass sie in Zukunft die Finger von den Mordermittlungen lässt, kann sie auch dieses Mal nicht einfach zuschauen, wie die Polizei ermittelt – schließlich gehört auch ihr Onkel Rabbie zu den Teilnehmern des Wettbewerbs und könnte deshalb in Gefahr schweben.

Nachdem ich den vierten Teil der Reihe etwas enttäuschend fand, weil es mich so genervt hat, dass Megans Liebste Jelena so extrem darauf reagierte, dass Megan immer wieder über Leichen stolperte, hat mich „Death by Irish Whiskey“ wieder rundum gut unterhalten. Jelena kommt zu dem Schluss, dass das Schicksal bestimmt hat, dass Megan Morde aufklärt, und Megan plaudert mit den diversen Personen und findet einen Hinweis nach dem anderen. Dabei finde ich es immer wieder spannend, wie Catie Murphy Megans Verhältnis zur Polizei darstellt: Auf der einen Seite besteht Megan auf ihre Rechte und lässt den Polizisten keinen (versuchten) Regelverstoß durchgehen. Auf der anderen Seite berichtet sie jede relevante Information, damit die Ermittler ihrer Arbeit in vollem Umfang nachgehen können. Vor allem aber mag ich Megan und ihren Freundeskreis und all die kleinen Beobachtungen der geborenen Amerikanerin rund um das Leben in Irland. Außerdem finde ich die vielen verschiedenen Charaktere, die sie im Laufe der Mordfälle kennenlernt, interessant und amüsiere mich immer wieder sehr über die Dialoge. Ich hoffe sehr, dass C. E. Murphy noch so einige Dublin-Driver-Krimis schreiben wird.

Once Upon a Forbidden Desire: Fairy Tales and Other Stories (Anthologie)

Als ich vor 1 1/2 Jahren die „Once Upon A Curse“-Anthologie gelesen hatte, hatte ich mir vorgenommen, dass ich nach weiteren „Once Upon“-Titeln die Augen aufhalten würde, was der Grund ist, wieso ich mir „Once Upon a Forbidden Desire“, das Mitte September erschienen ist, vorbestellt hatte. Erst nach dem Lesen habe ich festgestellt, dass dieser Titel nicht zu der „Once Upon“-Anthologie-Serie gehört, aber da sich die Geschichten ähnlich anfühlen und auch hier zum Teil unterhaltsame/überraschende/amüsante Märchen-Varianten zu finden waren, ist mir das eigentlich egal. 😉 Ich halte hier wieder kurze Eindrücke zu den jeweiligen Kurzgeschichten fest, damit ich etwas habe, worauf ich in Zukunft zurückgreifen kann, wenn ich mich frage, ob ich von einer Person schon mal was gelesen habe und wie es mir gefiel.

1. A.J. Lancaster: How to Marry a Winged King (Cinderella)
Von A.J. Lancaster hatte ich schon „Lord of Stariel“ gelesen und so sehr gemocht, dass ich auf jeden Fall auch noch die anderen Teile der Stariel-Reihe lesen möchte. In „How to Marry a Winged King“ ist das Aschenputtel dieses Mal ein Wechselbalg, das bei Feen aufgewachsen ist. Cinder wird von ihrer Stiefmutter und ihren Stiefschwestern nicht schlecht behandelt, aber ihr „Adoptivvater“ lässte sie tagtäglich spüren, dass sie als Mensch nicht so viel wert ist wie der Rest der Familie. Ich fand es schön, von dem Verhältnis der Protagonistin zu den anderen weiblichen Familienmitgliedern zu lesen, und noch netter war es zu verfolgen, wie sie den Feenkönig kennenlernte und er um sie warb. Aber ich habe ja grundsätzlich eine Schwäche für Figuren, deren „romantische Liebesgeschichte“ gerade deshalb funktioniert, weil die Beteiligten vorher gründlich darüber nachgedacht haben, was sie vom anderen erwarten, und weil sie darüber dann auch miteinander reden.

2. H.R. Moore: The Prince and the Fairy Godmother (Snow White)
Diese Geschichte hat mir nicht so gut gefallen, was ich wirklich schade finde, weil ich die Idee von einer „Fairy Godmother“, die ihre Ausbildung beendet hat und nun ihr erstes Patenkind zugewiesen bekommt, wirklich nett fand. Dummerweise bekam hier aber die Protagonistin ihren heimlichen Geliebten als „Patensohn“ zugewiesen und musste nun mit ihm irgendwie eine Lösung für diverse Probleme finden. Allerdings gingen all diese Probleme zwischen den Sexszenen etwas unter, außerdem sorgte das auch dafür, dass ich überhaupt kein Gefühl für die Welt bekam, in der die Geschichte spielte – alles in allem kommt es mir so vor, als ob ich die anderen Veröffentlichungen der Autorin kennen müsste, um die Geschehnisse und die Figuren einordnen zu können. Allerdings machen mir weder Erzählweise noch die wenig reizvollen „sexy“ Szenen noch die verschiedenen Details rund um die fantastische Welt Lust darauf, mehr darüber zu lesen.

3. Lisette Marshall: Heartfall (Rapunzel)
Es gab so einige Elemente, die ich in „Heartfall“ mochte, wie zum Beispiel den amüsanten Austausch zwischen Rapunzel und Egill, der gekommen war, um sie aus ihrem Turm zu retten. Sehr nett fand ich auch die Hintergrundgeschichte, die erklärt, wieso Rapunzel im Turm gelandet war und wieso so viele Personen bereit waren, sie zu retten (oder zu entführen), obwohl sie damit Gothel und die anderen Priesterinnen Orins gegen sich aufbringen würden. Oh, und sogar die Sexszene (nachdem ich das in der vorhergehenden Kurzgeschichte kritisiert hatte) war nett zu lesen. Alles in allem vielleicht keine Geschichte, die lange bei mir hängenbleibt, aber sie hat mich neugierig auf Lisette Marshalls Fantasywelt(en) und ihre Romane gemacht.

4. Vela Roth: Blood Dance (The Twelve Dancing Princesses)
Puh, diese Geschichte las sich wie eine der frühen „sexy Vampirgeschichten“ und das fand ich nicht so ansprechend. Dabei war ich anfangs schon neugierig auf die zwölf Prinzessinnen, die nicht alle dieselben Eltern hatten, aber von demselben Möchtegern-König als Handelsware in seinen politischen Spielchen eingesetzt wurden. Diese Welt voller Kriege und Machtkämpfe hätte interessant sein können, aber da sich die Kurzgeschichte vor allem auf die Begierde, die die älteste Prinzessin und ihr Vampir-Liebster füreinander empfinden, konzentriert hat, war ich am Ende ziemlich enttäuscht von dem Ganzen.

5. Erin Vere: Breathing Techniques for Water Nymphs (Odine)
Von Erin Vere hatte ich vor einiger Zeit „Pyromancy for Beginners“ gelesen und gemocht, und so fand ich es auch nicht überraschend, dass ich mit „Breathing Techniques for Water Nymphs“ ebenfalls meinen Spaß hatte. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Cyd(nides) erzählt, die als Teichnymphe in einem städtischen Park lebt. Ihr Leben wird regelmäßig davon unterbrochen, dass Dichter in ihren Teich fallen, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So geht sie natürlich davon aus, dass auch der Dichter Alfred eine Muse sucht, als er beinah in ihrem Teich ertrinkt. Doch Alfred hat schon eine göttliche Muse und diese kommt auf die Idee, dass Cyd und Alfred gemeinsam an einem Projekt arbeiten sollten. Ich fand es sehr niedlich zu verfolgen, wie die beiden Figuren sich gegenseitig von ihren Interessensgebieten erzählten und sich immer besser kennenlernten. Das Ende war sehr süß und ich muss zugeben, dass ich gern noch mehr Geschichten mit Personen lesen würde, die von Alfreds göttlicher Muse … inspiriert werden. *g*

6. Colleen Cowley: Into the Bargain (Rumpelstiltskin)
Die Geschichte hat mir wirklich gut gefallen! Die Protagonistin Penelope Novak ist verzweifelt, da sie nur noch zwei Wochen hat, bis ihr Onkel ihr Elternhaus verkauft und sie mit ihm in seine Heimatstadt reisen und als Kindermädchen für seine vier Kinder bei ihm leben muss. Also beschließt sie, dass sie den örtlichen Zauberer dazu bringen muss, sie zu heiraten – dummerweise begegnet sie aber nur seinem Assistenten, mit dem sie dann einen Pakt schließt. Ich mochte es sehr zu verfolgen, wie sich Pen und der namenlose Assistent näher kennenlernten und wie sie am Ende eine Lösung für ihrer beider Probleme fanden. Das war sehr süß und amüsant und ich bin sehr versucht, mir die anderen Bücher der Autorin zu besorgen, die in dieser fantastischen Welt spielen.

7. Zoey Ellis: Call of the Dark Piper (The Pied Piper of Hamelin)
Boah, vielleicht sollte ich die Kurzgeschichten, die als „scorching“ mit vier Kerzen gelabelt wurden, überspringen, denn diese Art von Sexszenen bereitet mir wirklich keine Freude. Dabei fand ich die Grundidee gar nicht schlecht, eine Rattenfänger-von-Hameln-Variante aus der Sicht einer Frau zu erzählen, die von ihrem verstorbenen Mann das Bürgermeisteramt geerbt hat und nun gegen den ausdrücklichen Wunsch des Stadtrats den Rattenfänger engagiert. Aber ich hasse Geschichten, in denen Beziehungen mit erzwungenem Sex anfangen, und finde es extrem frustrierend, wenn dann das Happy End auf einer später nachgereichten „du warst von Geburt an zu meiner Gefährtin bestimmt“-Erklärung basiert. Nicht unterhaltsam, nicht ansprechend!

8. Mimi B. Rose: A Dragon and a Hard Place (Sleeping Beauty)
Eine Protagonistin mit dem Namen Lady Aurora McQuestern und ein Minenbesitzer namens Royce Lindwarm?! Ernsthaft? Das mit der Namensfindung für ihre Figuren sollte Mimi B. Rose vielleicht noch einmal überdenken … Immerhin mochte ich auf Anhieb Aurora und ihre Schwestern sowie die paar Einblicke, die ich in die fantastische Welt, in der die Geschichte spielt, bekam, aber ich muss auch zugeben, dass Auroras Motivation und Handeln für mich nicht immer so ganz nachvollziehbar waren, selbst wenn ich den Magie-Anteil mit einbeziehe. Außerdem wünschte ich mir, Mimi B. Rose hätte auch nur halb so viele Zeilen in den Aufbau der Beziehung zwischen Aurora und Royce investiert wie in das Geplänkel der Schwestern. Alles in allem eine Geschichte mit einer netten Grundidee und netten Charakteren, aber die Handlung wäre definitiv ausbaufähig.

9. Elsie Winters: The Merman’s Kiss (The Little Mermaid)
Das war eine überraschend süße Geschichte über eine junge Elfe, die während ihres Aufenthalts im Sommerhaus der Familie einen jungen Mermann (einen Mer-Jungen? 😉 ) kennenlernt. Im Laufe mehrerer Jahre intensiviert sich die Freundschaft der beiden, bis sich Sadira – angesichts einer von ihren Eltern arrangierten Ehe – eingestehen muss, dass sie Lorn liebt und sich kein Leben ohne ihn vorstellen kann. Ich fand es wirklich schön zu verfolgen, wie sich die beiden besser kennenlernten, und es gefiel mir, dass Elsie Winters ein Ende für ihre Geschichte gefunden hat, das andeutet, dass es für eine Elfe und einen Mermann ein glückliches Leben geben kann, wenn beide bereit sind, Kompromisse einzugehen. Lustigerweise schleiche ich schon länger um einen Roman der Autorin herum, den ich mir nun nach dem Lesen dieser Kurzgeschichte wohl besorgen muss. 😉

10. Trish Heinrich: Seducing the King (Cinderella)
Uff … diese Geschichte hatte sehr, sehr viele Elemente, die ich nicht mochte, dabei kann ich nicht mal sagen, dass sie schlecht geschrieben war. Aber eine Werwolf-„The Bachelor“-Variante, in der die Protagonistin auf ihren (eigentlich nicht zur Wahl stehenden) „vorherbestimmten Gefährten“  trifft, was dafür sorgt, dass sie und ihre Wölfin nicht weiterleben können, ohne mit ihm ins Bett zu hüpfen … nee, nicht meine Art von Geschichte! Da lässt es mich auch vollkommen kalt, dass die Protagonistin eine „tragische Hintergrundgeschichte“ hat und der Protagonist so weit ganz nett wirkt.

11. S. L. Prater: Three Kings (Baba Yaga)
Ich mochte die – wenn auch sehr vorhersehbare – Auflösung der Geschichte, aber insgesamt war ich mit der Ausgangssituation (die Waldhexen-Protagonistin Rae verzehrt sich nach einem unsterblichen Ritter, darf aber nicht mit ihm schlafen, weil ihn das weiter in den Wahnsinn treiben würde) nicht glücklich. Immerhin war es nett zu lesen, wie Baba Yaga die Hexe Rae für jeden kleinen Hinweis Haushaltsdinge verrichten ließ, aber insgesamt sind mir weniger „sexy“ Geschichten mit überraschenderen Entwicklungen definitiv lieber.

12. Kathryn Ann Kingsley: The Big Bad Wolf (Little Red Riding Hood)
Ich habe definitiv eine Schwäche für fluffige Werwolf-Geschichten, bei denen Werwölfe Personen sind, die in größeren, etwas chaotischen Familienverbänden leben, gern Körperkontakt haben und über ein ausgeprägtes Gefühl für ihre Gemeinschaft verfügen – und das hier war keine solche Geschichte! Dafür wieder mal eine „ich weiß, dass du meine Gefährtin bist, also lass uns harten, aggressiven Sex haben, damit ich dich schwängern kann“-Grundidee, und auch wenn es irgendwie ganz nett erzählt wurde, weil nach den ersten nervigen Szenen doch noch so was wie ein Gespräch zwischen den beiden Figuren stattfand, fand ich es vor allem langweilig und wenig kreativ – und das bringt mich zu der Frage, wieso ich eigentlich das Gefühl habe, ich müsste Kurzgeschichten nicht abbrechen, nur weil sie kurz sind …

13. Jaycee Jarvis: Wish Upon a Frog (The Frog Prince)
Oh, das war eine nette Geschichte! Eine verzauberte Froschdame, die einem Prinzen einen Gefallen tut und dafür drei Tage und drei Nächte mit ihm verbringt. Dass sie sich in der Nacht wieder in eine Frau verwandelt, ist ein Nebeneffekt, den beide sehr zu schätzen wissen, der aber nicht dabei hilft, den auf ihr liegenden Fluch zu brechen. Mir gefiel es sehr, dass Prinz Nathaniel und Liesa sehr viel Zeit mit Reden und anderen gemeinsamen Tätigkeiten verbringen und sich so in den wenigen Tagen gut kennenlernen. Die Nebenfiguren hätten weniger klischeehaft sein können, aber bei einer Kurzgeschichte kann ich damit leben.

14. November Dawn: By the Skin of a Bear (Bearskin – French Version)
Tja … das war weder gut noch schlecht, was im Endeffekt dann schon wieder fast frustrierend ist. Es gab Aspekte an der Grundidee (Hexe begleitet ihrer beste Freundin, eine Werwölfin, zu dem Typen, dem sie versprochen ist, und stellt fest, dass sie gern an die Stelle ihrer Freundin treten würde), die gut hätten sein können. Aber insgesamt stimmten für mich weder das Timing noch die Gewichtung der verschiedenen Elemente der Handlung. Sehr viel „tell“ und wenig „show“ bei den Sachen, die ich gern gelesen hätte, und so richtig sympathisch fand ich auch keine der Figuren, wobei die beiden Protagonisten am Ende Charakterzüge zeigten, die für mehr Sympathie hätten sorgen können, wenn sie schon früher aufgetaucht wären. Ich bleibe bei „frustrierend“.

15. Dani Morrison: The Troll’s Daugther (The Troll’s Daughter)
Puh … ich muss nicht jede Geschichte beenden. Ich muss nicht jede Geschichte beenden. Ich muss nicht … oder auch: Nicht mein Fall! Ganz ehrlich, ich habe das Gefühl, dass im Originalmärchen deutlich mehr Charakterentwicklung zu finden ist als in dieser Version – dafür bietet diese Variante von Dani Morrison eine Runde „Karnickelsex“ (wie diese Art von Sexszenen inzwischen in unserem Haushalt genannt werden, weil ich ja einen Begriff dafür benötige, wenn ich mich bei meinem Mann über das gerade Gelesene beschweren will 😉 ).

16. Maria Vale: Idyllwild (Cernunnos, Lord of the Wild Things)
Eine interessante Grundidee rund um Frauen, die als Demonkeeper die Dämonen anderer Personen übernehmen können, und um Idara, die eines Tages einen ungewöhnlichen Dämon übernimmt, der ihr überraschend vertraut vorkommt. Ich mochte diesen Hintergrund mit den Demonkeepers und ich mochte Idaras Erzählstimme, weniger überzeugend fand ich den/die Bösewicht/e in der Geschichte. Alles in allem also ein etwas gemischtes Leseerlebnis, aber „Idyllwild“ beinhaltet einige Ideen, aus denen noch etwas entstehen könnte, wenn die Autorin damit noch etwas spielen mag …

17. Kristin Gleeson: Dream Girl (Snow White)
Das war mal eine nette Schneewittchen-Variante! Die Protagonistin Aisling ist eine irische Musikerin und Tänzerin, die mit der Band ihres Vaters rumreist, als sie vom Model-Agenten ihrer Stiefmutter Jade entdeckt wird. Ich mochte die Grundidee, ich mochte all die (wenn auch etwas sehr klischeebehafteten) irischen Elemente und ich mochte Aislings Erzählstimme, allerdings fand ich die Lösung für den letzten Angriff der Stiefmutter ein bisschen … einfallslos. Trotzdem insgesamt eine nette Geschichte, die ich gern gelesen habe.

18. L. Penelope: Her Majesty’s Wolf (Red Riding Hood)
Lustigerweise lese ich gerade einen Roman von Leslye Penelope, der mir bislang sehr gut gefällt, da war es eine angenehme Überraschung, über diese Kurzgeschichte zu stolpern. Die Handlung erzählt von der Werwölfin Shani, die auf der Suche nach ihrer verschollenen Königin Lucrezia ist und dabei auf jemanden stößt, den sie für Lucrezias Diener hält. Es gab so einige Momente, in denen ich mich beim Lesen gut amüsiert habe, und ich habe gern verfolgt, wie sich Rowan und Shani in der kurzen Zeit, die sie zusammen reisten, besser kennengelernt haben. „Her Majesty’s Wolf“ hat mir überraschend viel Spaß gemacht!

19. Jennie Lynn Roberts: Back to the Woods (Hansel and Gretel)
Das war eine ganz nette Hänsel-und-Gretel-Variante, allerdings hatte ich den Großteil der Zeit das Gefühl, ich hätte die Geschichte schon einmal gelesen. Was eigentlich nicht sein kann, denn die Beiträge haben alle ein 2022er Copyright und ich finde die Autorin in keiner meiner Leselisten. Auf der anderen Seite kam mir die Anfangsszene (ein Reisender sucht in einer verruchten Kneipe nach einer Monster-Jägerin) so vertraut vor und ich wusste von Anfang an genau, was am Ende die „überraschende“ Auflösung sein würde, so dass ich mich nun frage, ob das eine ältere Geschichte ist, die einfach neu überarbeitet hier veröffentlicht wurde, oder ob sich Jennie Lynn Roberts von einer anderen Geschichte rund um „Hansel, den Schwertschmied“ und „Greta, die Monster-Jägerin“ inspirieren ließ …

20. C.M. Nascosta: The Sadder But Wiser Girl (Beauty and the Beast)
In dieser Geschichte gefiel es mir sehr, dass Marionette kein junges Mädchen ist, das das Biest aufsucht, weil es jemand anderen retten muss (bzw. einen Handel einhalten muss, den jemand anders eingegangen ist), sondern die Bibliothekarin beugt sich ganz bewusst den Regeln ihrer Welt, in der Frauen nichts anderes als Handelsware sind. Die Aussicht, die Ehefrau eines ihr unbekannten Mannes zu werden, ist zwar nicht gerade reizvoll, aber die finanzielle Sicherheit, die damit einhergeht, und die Tatsache, dass Lord Rosebriar für seine umfangreiche Bibliothek bekannt ist, scheinen ihr ein angemessener Ausgleich zu sein. Es war auch schön zu lesen, dass es ihrem potenziellen Ehemann wichtig ist, dass sie aus freien Stücken bei ihm bleibt und dass sie einen Monat Zeit hat, ihn ausreichend kennenzulernen, um diese Entscheidung zu treffen. Alles in allem war das eine überraschend hübsche Geschichte, wenn ich bedenke, dass sie in einer fürchterlichen Welt spielt und dass Marionette schon früh an kaum etwas anderes denken kann als an die Frage, wie wohl der Sex mit ihrem potenziellen Ehemann wäre. Außerdem habe ich all die kleinen Bibliothekarinnen-Gedanken der Protagonistin rund um Bücher und den Umgang damit genossen und mich darüber amüsiert.

***

Diese Anthologie beinhaltete eine sehr bunte Mischung an Geschichten. Grundsätzlich mochte ich, dass jeder Beitrag in gewisser Weise eine Märchenvariante war. Ich habe ein paar Geschichten wirklich sehr genossen (und neue Autor*innen für mich entdeckt) auch fand ich es angenehm, dass am Anfang jeder Geschichte ein kleiner Teaser mit der Ausgangssituation zu finden war. Weniger stimmig waren für mich die „Kerzen“ unter den Überschriften, die anzeigen sollten, ob eine Geschichte mehr oder weniger „steamy“ war. Es gab so einige Geschichten mit vielen Kerzen, die schöne Kennenlern- und relativ wenig Sexszenen hatten, und andere, die deutlich weniger Kerzen hatten, während ich mich beim Lesen fragte, wo zwischen all den Sexszenen (oder zumindest der ausgeprägten körperlichen Anziehung zwischen den Figuren) die Handlung zu finden sei. Da wüsste ich wirklich gern, nach welchen Kriterien (Wortwahl? Explizite Beschreibungen? Anteil an Sexszenen?) diese Kerzenvergabe stattfand und ob jemand anders als die Autor*innen Einfluss darauf hatten. Diese Unberechenbarkeit bezüglich des „Sexanteils“ bei den einzelnen Geschichten in der Anthologie ist definitiv mein größter Kritikpunkt, weil es so einige Beiträge gab, die mir nicht gefielen und die ich gar nicht erst (an)gelesen hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, was mich da erwartet … Auf der anderen Seite finde ich die Tatsache, dass ich bei einer Anthologie nie so recht weiß, was mich bei den einzelnen Geschichten wohl erwarten wird, ja grundsätzlich auch sehr reizvoll. Was dann auch der Grund ist, wieso auf meinem eReader noch so viele ungelesene Anthologien auf mich warten …

A. L. Heard/Nina Waters/A. Reilly (Hrsg.): Add Magic to Taste (Anthologie)

Wie immer, wenn ich eine Anthologie lese, gibt es einen Blogbeitrag, in dem ich meine Gedanken zu den einzelnen Geschichten festhalte. Wobei ich dieses Mal besonders betonen muss, dass ich diesen Beitrag vor allem für mich schreibe, denn die Anthologie habe ich über ein Kickstarter-Projekt erhalten und sie ist ansonsten – soweit ich das sagen kann – nicht bei den üblichen Anbietern, sondern nur als eBook direkt über die „Duck Prints Press“-Homepage zu beziehen. „Add Magic to Taste“ beinhaltet „A Spellbinding (and Scrumptious!) Collection of Heartwarming Queer Stories“ von Autor*innen, die ich vorher alle nicht kannte.

1. Shea Sullivan: Sea Salt and Caramel
Die Kurzgeschichte von Shea Sullivan wird aus der Perspektive des Gestaltwandlers Kyle erzählt, der vor einiger Zeit Mitglied einer Delegation war, die ein Abkommen mit den Bewohnern der Stadt schloss, in deren Nähe Kyles Familie unter der Meeresoberfläche lebt. Kyle wirkt anfangs ziemlich unzufrieden mit sich und seinem Leben, doch dann lernt er den Skateboarder Clovis kennen. Ich mochte das von Shea Sullivan beschriebene Zusammenleben zwischen Menschen und (Meeres-)Gestaltwandlern sehr, auch wenn es dazu nur kleine Einblicke gibt, und ich fand es sehr schön mitzuerleben, wie sich Kyle und Clovis kennenlernen, sich in einander verlieben und dafür sorgen, dass der andere einen neuen Blick auf sein vertrautes Leben wirft. Das war ein wirklich hübscher Start in die Anthologie.

2. Scarlett Gale: Unusual Blends
Eine sehr süße Geschichte, die aus der Perspektive der Teeladen-Besitzerin und Hexe Vivian erzählt wird, die sich von ihrer neuen Nachbarin Gwendolyn irritiert fühlt. Während Vivian sehr kontrolliert und organisiert ist, ungern redet und auf die Gesellschaft von anderen Menschen gut verzichten könnte, ist Gwendolyn chaotisch, laut und ungemein gesprächig – und sie sucht fast täglich Vivians Laden auf. Ich mochte die Erzählweise von I.A. Ashcroft, ich fand es niedlich, Vivians Perspektive zu verfolgen, gerade weil schon schnell deutlich wurde, dass sie etwas für Gwendolyn empfindet, und ich mochte es, wie die beiden Frauen am Ende (endlich) zum ersten Mal richtig miteinander geredet haben.

3. A. L. Heard: The Tasty Crumpet
Auch das hier war eine eigentlich sehr süße Geschichte über einen jungen Mann (Danny), dessen Urgroßmutter ihm (und jedem anderen Familienmitglied) Angst davor eingejagt hat, das magische Viertel der Stadt zu betreten. Und da Danny auf seine Urgroßmutter gehört hat, hat er keine Ahnung, dass die ungewöhnliche Kundschaft in dem Café „The Tasty Crumpet“, in dem er einen Job gefunden hat, aus Angehörigen der magischen Gemeinschaft besteht. Das war alles sehr nett zu lesen, ebenso wie sein vorsichtiges Flirten mit einem der Kunden. Aber es war halt nur deshalb so nett zu lesen, weil ich die ganze Zeit erwartet hatte, dass es lustig sein wird, wenn Danny endlich herausfindet, was es mit all den ungewöhnlichen Kunden auf sich hat. Doch statt einer amüsanten Auflösungsszene bekam ich einen Protagonisten geboten, der diese für ihn unerwartete Enthüllung recht gelassen hingenommen hat und … das war es irgendwie.

4. Florence Vale: Bånd
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Thomas erzählt, der ein Café mit „extra Service“ betreibt – genau genommen hat er eine zusätzliche Lizenz, um Zauber zu verkaufen. Dummerweise verflucht er aus Versehen einen Kunden und muss nun einen Weg finden, um diesen Fluch wieder aufzuheben, was bedeutet, dass er viel Zeit mit seinem Kunden verbringen muss … Ich mochte es, Thomas‘ Perspektive zu verfolgen, und ich mochte, dass sein Kunde Jay ein „Fährmann“ ist und dank des Fluchs nun seinem Job nicht mehr nachgehen konnte, aber vor allem war es süß zu verfolgen, wie die beiden sich besser kennengelernt haben. Alles in allem war das eine wirklich süße Liebesgeschichte, auch wenn ich gestehen muss, dass sich die bislang gelesenen Geschichten in dieser Anthologie überraschend ähnlich anfühlen, wenn ich bedenke, dass sie von den verschiedensten Autor*innen sind.

5. Jessica Black: A Family Thing
Noch eine Café-Geschichte, dieses Mal aus der Sicht von Connor erzählt, der von klein auf weiß, dass ein Fluch auf ihm liegt, der seit Generationen in seiner Familie vorkommt. Und Connor ist so wild entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich dieser Fluch nicht erfüllt, dass er in Panik gerät, als er feststellt, dass er mehr für einen seiner Café-Kunden empfindet. Es war für mich ziemlich überraschend, wie sehr dieses „Fluchelement“ für mich die Atmosphäre der Handlung aus den anderen Geschichten herausstechen ließ, weil es eben nicht so sehr darum geht, dass Connor sich seine Gefühle eingesteht, sondern dass er seine Angst bezüglich des Familienfluchs überwindet. Alles in allem eine sehr süße Geschichte – irgendwie scheine ich an diesem Wort zu hängen, wenn es um die Beiträge in dieser Anthologie geht. 😉

6. Theresa Alef: Anywhere, Everywhere, Forever
Uuuund noch eine süße Geschichte! *g* Dieses Mal wird die Handlung aus Sicht von Keegan erzählt, der ein recht chaotischer und unorganisierter Typ zu sein scheint – und der deshalb von seinem Ex-Freund wohl regelmäßig fertig gemacht wurde. Doch seit inzwischen sechs Jahren ist Keegan mit Tan zusammen und an dem Jahrestags ihres ersten Dates will er Tan einen Heiratsantrag machen. Allerdings geht alles schief, angefangen damit, dass Keegan den Ring zu Hause vergessen hat … Es war sehr niedlich zu verfolgen, wie Keegans Pläne alle zunichte gemacht wurden und wie er seinen Freund Tan mit seinem Verhalten total verwirrt und wie es am Ende dann doch noch zum langgeplanten Heiratsantrag kam. Ich fand es hübsch, mal eine Geschichte zu lesen, in der es nicht darum geht, dass zwei Personen zusammenkommen, sondern in der sie – trotz aller Ängste und Minderwertigkeitsgefühle – den nächsten Schritt in ihrer Beziehung gehen wollen.

7. Lacey Hays: The Magic Kin Know
Die erste Geschichte, bei der mir nicht spontan „süß“ als passende Bezeichnung einfällt. 😉 Ich mochte „The Magic Kin Know“, mir gefiel das Café („Bubbles and Brew“) der Protagonistin Isla und ich hätte gern noch mehr über das Verhältnis zwischen Fae und magischer Gemeinschaft erfahren. Die Handlung selber fand ich eher bittersüß, denn Isla hat elf Jahre lang ihre Liebste Aven nicht gesehen, weil die Fae ihren Bund damals nicht akzeptierten. Und auch wenn schon früh in der Geschichte klar ist, dass es eine zweite Chance für die beiden Frauen geben würde, so fand ich es bitter, dass sie erst elf Jahre ohne einander verbringen musste, bevor sie sich wiedersehen konnten …

8. Maggie Page: Herald of Love
Ich habe mich gefreut, mal eine Geschichte zu lesen, in der es darum ging, dass drei Personen in einer Beziehung zusammenfinden, allerdings war es mir beim Lesen relativ egal, ob die Protagonistin nun mutig genug ist, um auf die anderen beiden Personen zuzugehen oder nicht. Dafür mochte ich die Beschreibungen ihres Teegeschäfts und fand es lustig zu lesen, wie sie zu dritt einen kleinen Drachen durch den Laden gejagt haben. Insgesamt nett, aber wohl keine Geschichte, die bei mir hängenbleiben wird.

9. Nina Waters: Knishes and Noshes
Oh, ich mochte die Grundidee hinter dieser Geschichte wirklich, und auch, dass die beiden Protagonisten Benjamin und Eli trotz Kommunikationsproblemen versuchen, miteinander zu reden und einander besser kennenzulernen. Den „religiösen“ Teil der Handlung kann ich nicht ganz nachvollziehen, was definitiv an mir und nicht an der Geschichte liegt, aber ich fand es schön zu lesen, wie Benjamin und Eli auch hier immer wieder gemeinsam Lösungen für Probleme gefunden haben.

10. I. A. Ashcroft: Harmony
Ich fand es in „Harmony“ nett zu lesen, wie die beiden Protagonisten miteinander umgingen und es gab einige süße Details in der Handlung, die ich sehr genossen habe. Allerdings hat es mich anfangs etwas verwirrt, dass die Person, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, so panisch auf das Auftauchen der anderen Person reagiert, weil mir einfach das Hintergrundwissen fehlte, um das richtig einzuordnen. Einige dieser Details werden zwar im Laufe der Geschichte nachgereicht, aber alles in allem hätte ich gern mehr über die Figuren und ihre Welt gewusst, um all die vielen Andeutungen zur „magischen Gemeinschaft“ und die Probleme, die beide Protagonisten damit haben, besser einordnen zu können … aus diesem Grund fand ich die Kurzgeschichte leider etwas unbefriedigend.

11. Puck Malamud: Confluence
Ich mochte die Geschichte über zwei Personen, die vor langer, langer Zeit ein paar Tage miteinander verbracht und sich gegenseitig deutlich mehr beeinflusst haben, als ihnen damals bewusst wurde. Genau genommen ist es eine Geschichte über eine Russalka und einen Fuchs und darüber, wie sie sich nach all der Zeit in vollkommen fremder Umgebung und unter vollkommen unerwarteten Umständen wiedertreffen und einander neu kennenlernen. Das war hübsch zu lesen, weil beide sich so sehr verändert haben seit dem ersten Treffen und doch gleich eine gemeinsame Basis zu spüren ist.

12. Alex Ransom: Flowers Bloom Even Then
Diese Geschichte wird aus der Sicht von Max erzählt, der magische Potions verkauft, die mit den Emotionen ihrer Nutzer spielen können. Bei einem Verkaufstermin trifft er auf Devon, den er anziehender findet als erwartet – was ihn dazu bringt einzugestehen, dass die „romantischen“ Potions auf ihn keine Wirkung haben. Ich mochte es, dass zwar von Anfang an deutlich wird, dass die beiden das Potenzial für eine tolle Beziehung haben, dass Alex Ransom aber nur dieses allererste Kennenlernen beschreibt und alles andere offen lässt …

13. Beth Lumen: Breaking Bread
Es gab sehr viele Elementen in dieser Kurzgeschichte, die ich mochte, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sie an Islands Küste spielt, dass es in der Geschichte ums Brotbacken geht (und ein paar schön fantastische Details zum Brotbacken unter der Meeresoberfläche erwähnt werden) und natürlich, wie die beiden Protagonist*innen miteinander umgehen. Was ich nicht mochte, war das Verhältnis zwischen der erzählenden Person und ihrer Mutter und dass es am Ende einen „wenn ich gewusst hätte, dass mein Handeln Auswirkungen auf reale Personen hat, hätte ich anders gehandelt“-Moment gab. Mehr kann ich dazu nicht sagen, wenn ich nicht zu viel spoilern will, aber dieser Punkt hat mich überraschend wütend gemacht.

14. Lex T. Lindsay: Rain and Moonlight
Auch „Rain and Moonlight“ ist eine sehr süße Liebesgeschichte – dieses Mal zwischen den beiden Hexen Daisy und Helix. Beide kannten sich schon während des Studiums und Daisy, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, war schon damals hoffnungslos in Helix verliebt. Als sie sich nun zufällig wiedertreffen, stellt sich heraus, dass auch Helix Gefühle für Daisy hat. Wie gesagt, eine sehr süße Liebesgeschichte und ich mochte auch Daisy und Helix sehr, aber ich muss zugeben, dass ich vor allem die Welt mit ihrer Magie, all den Hexen und den mit ihnen verbundenen Göttinen mochte und gern noch mehr darüber gelesen hätte.

15. Em Rowntree: Tomb Many Cooks
Eine wunderbare Geschichte über den Gott Hades, der eine Bäckerei betreibt. Allerdings hat er ein großes Problem, denn seine Backwaren sind zwar köstlich, aber trotzdem kommen seine Kunden nicht wieder, weil der Verzehr seines Gebäcks beim Essen zu Lebenskrisen führt. Zum Glück bekommt er Hilfe von Seph, einer Person, die so begeistert von Hades‘ Backkunst ist, dass sie ihm helfen will. Auch diese Kurzgeschichte erzählt eine süße Liebesgeschichte und ich mochte die Grundidee mit der Wirkung von Hades‘ Backwaren auf seine menschlichen Kunden so sehr, doch vor allem stach für mich bei „Tomb Many Cooks“ die Sprache von Em Rowntree hervor, die stellenweise geradezu poetisch ist, ohne dabei auch nur im geringsten gekünstelt zu wirken. Davon würde ich gern mehr lesen, leider habe ich online keine weiteren Geschichten von Em Rowntree gefunden – aber ich werde weiter die Augen danach aufhalten!

16. Tris Lawrence: Dreaming of Pines
Die Geschichte spielt in einem magischen Café, dessen Kunden durch individuelle Türen kommen und gehen, und wird aus der Perspektive von Mel erzählt, die seit langer Zeit dieses Café zusammen mit dem Gestaltwandler Josh betreibt. Als eines Tages Britt das Café besucht (und wenig später wieder verlässt), kann Mel sie nicht so recht vergessen – ebenso wenig wie das Eiersalat-Sandwich-Rezept, das sie für diese Kundin gemacht hat. Ich mochte die Vorstellung von einem solchen magischen Cafés, ich mochte die Idee, dass die Gerichte und Getränke, die Mel für ihre Kunden zubereitet, ganz besondere Bedeutung für diese haben und viele Erinnerungen mit sich bringen. Alles in allem war das eine wirklich süße Geschichte.

17. Willa Blythe: Something in the Water
Diese Geschichte wird aus der Sicht von Merrily erzählt, die eine Hexe ist und im Café ihrer Tante arbeitet. Von Anfang an ist klar, dass Merrily Angst vor größerer Magie hat, weshalb sie auch erst einmal sehr ablehnend ist, als Thea ins Café kommt und Hilfe gegen die HOA (Homeowner’s Association) in ihrer Nachbarschaft benötigt. Erst im Laufe der Handlung wird deutlich, wieso Merrily sich so davor fürchtet, ihre Magie einzusetzen – und gemeinsam mit Thea findet sie einen Weg, um sich mit ihren Fähigkeiten wieder wohl zu fühlen (und natürlich Thea zu helfen). Insgesamt war das wirklich eine hübsche Geschichte, aber ich fand die Verbindung zwischen Thea und Merrilys ersten großen magischen Projekt etwas arg … offensichtlich. Diese extra Verknüpfung hätte es in meinen Augen gar nicht benötigt.

18. Kristi Mae: The Ballad of Yggdrasil
Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Geschichte nicht ganz warm geworden bin. Die Grundidee finde ich etwas seltsam: Eine Gesellschaft, in der Yggdrasil als eine Macht dargestellt wird, die Seelengefährten zusammenführt, wobei das Finden eines Seelengefährten in der Regel zur Ehe führt und dazu, dass die Seelengefährten dann gemeinsam Magie wirken können. Dazu eine aromantische Protagonistin, die sich nach dieser „Normalität“ sehnt (eben weil sie Magie wirken können will), bis sie ihre Seelengefährtin trifft, die nicht an diesen Kram glaubt und ihr andere Wege eröffnet … oder so ähnlich. Wer weiß, vielleicht ist mein Problem mit der Geschichte das Gleiche, das aromantische Personen mit Liebesgeschichten haben. Aber ich denke eher, dass die Geschichte mich nicht so recht gepackt hat, weil ich den Weltenbau verwirrend und unstimmig fand.

19. Jo Mathieson: In Like Flynn
Sehr nette Geschichte über zwei Personen, die das selbe seltene Buch kaufen wollen, und dann beschließen, gemeinsam mit dem Buch zu studieren – und sich dabei verlieben. Was ich besonders niedlich fand, war Flynn – der Drache, der in dem Buch lebte und meine große Schwäche für Latte und Zimtschnecken teilt. 😉 Der Rest der Handlung fühlte sich nach all den „zwei Personen treffen sich in einem Coffeeshop und lernen sich nach und nach besser kennen“-Geschichte relativ vertraut an, war aber trotzdem sehr wohltuend zu lesen.

20. T. S. Knight: A Leap Worth Taking
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Shiloh, die der festen Überzeugung ist, dass sie wiedergeboren wurde. In der Hoffnung, dass sie dort Verständnis – und vielleicht ein paar Erklärungen für all die Visionen von einem anderen Leben – findet, geht sie zu einem Treffen der „Reincarnation Support Group“. Ich mochte zwei Dinge an dieser Kurzgeschichte: 1. dass die „Reincarnation Support Group“ einen ganz anderen Hintergrund hatte, als erwartbar gewesen wäre, und trotzdem sehr unterstützend war, und 2. dass Shiloh zwar davon überzeugt ist, dass sie die Ehefrau ihres früheren Selbst finden muss, dass dies aber weniger zu einem „lass uns zu unserer früheren Beziehung zurückkehren“ als ein „lass uns schauen, ob wir eine gemeinsame Zukunft haben könnten“ wird.

 

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„Add Magic to Taste“ ist eine wirklich hübsche Anthologie voller süßer, queerer und magischer Liebesgeschichten, die ich wirklich gern gelesen habe. Wobei ich zugeben muss, dass die Masse an „Coffee Shop“-Schauplätzen mich zwischendrin etwas überwältigt hat, so dass ich nicht – wie ich es sonst mache – täglich eine Kurzgeschichte gelesen habe bis ich mit dem Band durch war. Stattdessen brauchte ich immer wieder Pausen, um danach die verschiedenen Geschichten wieder bewusst würdigen zu können. Auf der anderen Seite habe ich immer wieder überraschende Elemente in all den Cafés, Bäckereien und anderen Schauplätzen dieser Geschichten gefunden, dass das Lesen definitiv nicht langweilig wurde. Wer also eine fantastische und queere Anthologie sucht um sich ab und an mit einer queeren Liebesgeschichten zu entspannen, wird mit diesem Titel perfekt bedient. Oh, und es schadet definitiv nicht, wenn beim Lesen ein Heißgetränk und leckeres Gebäck in Reichweite steht … 😉

Abi Elphinstone (Hrsg.): Winter Magic (Anthologie)

Wie immer, wenn ich eine Anthologie lese, gibt es hier einen Sammelbeitrag, in dem ich ein paar Sätze zu den jeweiligen Geschichten festhalte. Als ich nach Weihnachten zum ersten Mal zu „Winter Magic“ griff, fiel mir erst auf, dass ich doch relativ selten Anthologien lese, die mit Geschichten von (verschiedenen) Kinder- und Jugendbuchautoren gefüllt sind. Der Großteil meiner Anthologien ist ja doch eher Urban Fantasy für erwachsene Leser … *g* Einige der in diesem Band gesammelten Kurzgeschichten wurden schon an anderer Stelle veröffentlicht, aber für mich waren sie alle neu, obwohl ich viele der Autor.innen schon von anderen Werken kannte.

 

Emma Carroll: A Night at the Frost Fair
„A Night at the Frost Fair“ ist eine süße Geschichte über ein Mädchen, das nach dem Besuch ihrer Großmutter in einem Altersheim eine kleine und überraschende Zeitreise unternimmt. Vor allem dreht sich die Handlung um das Thema Familie, aber auch um einen offenen und verständnisvollen Umgang mit anderen Menschen, darum, dass Menschen gewisse Freiheiten benötigen und dass die besten Absichten kein Ersatz sind für Respekt und die Bereitschaft zuzuhören und zu verstehen. Eigentlich mochte ich die Geschichte, aber ich musste mich beim Lesen auch daran erinnern, dass sie für Kinder geschrieben wurde und ich deshalb der Autorin nicht vorwerfen sollte, dass sie bestimmte Aspekte nicht anspricht und dass sich am Ende ganz einfach alles zum Guten wendet. Die zynische, erwachsene Seite in mir war aber ein bisschen grummelig, weil sie bestimmte Elemente unrealistisch fand (und damit meine ich nicht den fantastischen Anteil der Handlung) und denkt, dass das besser hätte gelöst werden müssen.

Amy Alward (Amy McCulloch): The Magic of Midwinter
Eine sehr süße Geschichte über Freundschaft, Wichtelmagie, Alchemie und der Suche nach dem perfekten Geschenk für eine Person, die schon alles zu haben scheint. Und da „The Magic of Midwinter“ Teil der Potion-Diaries-Serie ist und ich die Charaktere sehr mochte und die Handlung wirklich niedlich fand, habe ich „The Potion Diaries“ mal auf meine Merkliste gesetzt, obwohl mich der Klappentext normalerweise nicht reizen würde. Aber ich mochte in „The Magic of Midwinter“ die Protagonistin Sam und ihren Tonfall sehr gern und bin durch diese Kurzgeschichte neugierig auf die Mischung aus Magie, Fabelwesen und „modernen Elementen“ geworden, die in der Potion-Diaries-Trilogie zu finden ist.

Michelle Harrison: The Voice in the Snow
Diese Kurzgeschichte spielt in der Welt von Michelle Harrisons Roman „The Other Alice“ (eine der wenigen Titel der Autorin, die ich nicht kenne,) und ich habe es sehr genossen, wie viele Märchenmomente in der Handlung aufgegriffen werden, ohne dass es dabei auch nur ansatzweise zu einer Art Nacherzählung kommt. Ich mochte die Protagonistin Gypsy (auch wenn ich die Namenswahl ziemlich unglücklich finde) und mir gefiel, wie sie darauf reagierte, dass ihre Stimme gestohlen wurde. Doch vor allem hat mich eine Nebenfigur neugierig gemacht, die nur eine sehr kleine Rolle hatte und von der ich mich frage, ob sie in „The Other Alice“ vielleicht noch einmal vorkommt. Nur gut, dass das Buch eh schon auf meinem Merkzettel sitzt und irgendwann wohl von mir gelesen werden wird. 😉

Geraldine McCaughrean: The Cold-Hearted
Ich muss gestehen, dass ich nicht so recht weiß, was ich von dieser Geschichte halten soll. Die Handlung wird aus der Sicht von Fergal erzählt, der – wenige Minuten, nachdem er gemeinsam mit dem Hund den Wagen verlassen hat – zusehen muss, wie seine Familie im Auto von einer Lawine begraben wird. Im Laufe der Geschichte entdeckt er ein ganzes Dorf voller Menschen, die seit Jahrhunderten unterirdisch leben, und versucht dann alles, um diese dazu zu bewegen, ihm zu helfen. Insgesamt war das nicht schlecht erzählt, aber irgendwie haben mich weder die Grundidee noch die Figuren gepackt …

Katherine Woodfine: Casse-Noisette
Eine sehr süße (fiktive) Geschichte rund um die Uraufführung des Balletts „Der Nussknacker“, die aus der Sicht der zwölfjährigen Tänzerin Stanislava Belinskaya geschrieben wurde, die damals die Clara tanzte. Die Handlung ist etwas kitschiger, als ich es von der Autorin gewohnt bin, aber ich mochte die Grundidee und die Protagonistin sehr und fand die Geschichte überraschend berührend.

Berlie Doherty: Someone Like the Snow Queen
Ich bin etwas zwiegespalte, wenn es um diese Geschichte geht. Auf der einen Seite mochte ich den etwas moderneren Touch, den der „Schneeköniginnen-Anteil“ der Handlung am Anfang hatte, auf der anderen Seite gefiel mir die Ausgangssituation (Teenager-Mädchen ist für die Aufsicht über ihren fünfjährigen Bruder zuständig und vernachlässigt ihre Pflichten) nicht. Ich glaube, ich hätte „Someone Like the Snow Queen“ lieber gemocht, wenn ich nicht zu Beginn so frustriert wegen der Protagonistin gewesen wäre, dass es mir schwerfiel, Mitleid für ihre Situation zu empfinden. So habe ich den Großteil meiner Lesezeit damit verbracht, mir zu überlegen, welche Elemente die Autorin meiner Meinung nach besser hätte machen können.

Lauren St. John: The Room With the Mountain View
Oh, mit dieser Geschichte habe ich wirklich viel Spaß gehabt, obwohl sie so was wie ein „Hallmark-Movie für 11jährige, der sich anfangs als Krimi verkleidet“ war. Ich mochte die Protagonistin Lexie auf Anhieb, weil sie so glücklich über ihren Beinbruch während ihrer Skiferien war (schließlich konnte sie so auf einige Stunden ungestörte Lesezeit hoffen), ich habe gern verfolgt, wie sie überraschend eine neue Freundin fand, und wie die beiden Mädchen – ganz wie in „Das Fenster zum Hof“ – über einen vermeintlichen Mord stolperten. Dabei greift Lauren St. John zwar so einige Klischees (wie das emotional vernachlässigte „arme“ reiche Mädchen) auf, aber die Art und Weise, in der die Handlung erzählt wurde, hat dafür gesorgt, dass ich mich wunderbar dabei amüsiert habe.

Michelle Magorian: Snow
Keine Kurzgeschichte, sondern ein süßes Gedicht über Schnee.

Jamila Garvin: Into the Mountain
Eine Variante des Rattenfängers von Hameln, die ich sehr nett fand, die aber nicht lange in meiner Erinnerung haften blieb.

Piers Torday: The Wishing Book
Eine seltsame kleine Geschichte rund um ein Mädchen, das mit seiner Stief-Großmutter nicht zurechtkommt. Ich mochte den Anfang und Ende von „The Wishing Book“, aber den Mittelteil fand ich ziemlich absurd und die Auflösung zu simpel. Ich weiß nicht, ob ich nach dieser Kurzgeschichte mehr von dem Autoren lesen würde, wenn ich nicht schon einen Roman von Piers Torday gelesen hätte, der mir gut gefallen hat.

Abi Elphinstone: The Snow Dragon
„The Snow Dragon“ erzählt von einem ganz besonderen magischen Weihnachtsabend für ein Waisenkind, von der Hoffnung, eine Familie zu finden, von alltäglicher und besonderer Magie und davon, wie kostbar Fantasie ist. Auf der einen Seite war die Geschichte wirklich süß zu lesen, auf der anderen Seite war mir die böse Waisenhausleiterin zu klischeebefrachtet und übertrieben dargestellt und das Happy End ein bisschen zu vorhersehbar. Aber ich mochte den Drachen und den tanzenden Dackel!

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Insgesamt bot mir „Winter Magic“ eine bunte Mischung aus sehr unterschiedlichen Winter- und Weihnachtsgeschichten. Ich habe zwar nur eine neue Autorin durch diese Anthologie für mich entdeckt (mein SuB wird sich darüber freuen), aber das ist ja für mich auch nicht unbedingt das Ziel, wenn ich Anthologien lese. Ich habe dafür wieder einmal feststellen müssen, dass ich mich in stressigen Zeiten viel leichter auf eine Kurzgeschichte einlassen kann als auf ein paar Seiten eines Romans, und dass ich es mag, dass ich so gar nicht weiß, was die nächste Geschichte mir bringen wird. Abgesehen von einem groben Grundthema gibt es eine Menge Überraschungen in so einer Kurzgeschichtensammlung, und das genieße ich sehr!

Once Upon A Curse (Anthologie)

Da ich gerade die Woodcutter-Geschichten von Alethea Kontis als Hörbücher genießen, habe ich mal aus den vielen ungelesenen Anthologien, die auf meinem eReader schlummern, eine ausgegraben, in der die Autorin auch vertreten ist. Um eine Erinnerungsstütze an die gelesenen Kurzgeschichten zu haben, schreibe ich meine Eindrücke in diesem Sammelbeitrag auf. Ihr kennt das ja schon, wenn ich Anthologien lese. 😉

1. Devon Monk: Yarrow, Sturdy and Bright
Devon Monk gehört zu den (Urban-)Fantasy-Autorinnen, über die ich regelmäßig stolpere aber von denen ich bislang nichts gelesen habe. Nach dieser wirklich hübschen Variante des Rattenfängers von Hameln denke ich, dass ich doch mal schauen sollte, wie mir die Romane der Autorin gefallen. So kurz und märchenhaft die Geschichte war, so sehr mochte ich doch die Protagonistin Yarrow und die kleinen Details rund um ihre Familie und ihren Liebsten. Jetzt bin ich neugierig, wie es ist, wenn Devon Monk längere Geschichten erzählt.

2. Anthea Sharp: Fae Horse
Auch die zweite Geschichte hat mir gut gefallen. Anthea Sharp spinnt eine Handlung rund um eine Kräuterfrau, die als Hexe gejagt wird und alles, was ihr wichtig ist, aufgibt, um ihren Liebsten zu retten. Ich mochte die Mischung aus keltischen Feenlegenden und Hexengeschichte, auch wenn das Ende nicht gerade … hoffnungsvoll war.

3. Christine Pope: The Queen of Frost and Darkness
Christine Pope erzählt eine hübsche Variante der „Schneekönigin“, die in Russland angesiedelt und insgesamt sehr nett ist. Aber auch nicht mehr als nett, so dass ich mich am Ende der Geschichte ein bisschen unbefriedigt fühlte.

4. Yasmine Galenorn: Bones
Eine wirklich gut geschriebene Geschichte über eine jugendliche Prinzessin, die ins Land des Todes gerät und dort verbleiben muss, weil der König des Landes sich in sie verliebt hat. Wie schon „Fae Horse“ geht die Handlung auch hier nicht „gut“ aus, aber ich muss zugeben, dass ich die Geschichte von Anthea Sharp lieber mochte, weil sie am Ende keinen so bitteren Unterton hatte wie diese hier.

5. C. Gockel: Magic After Midnight
C. Gockel hat hier eine ungewöhnliche Cinderella-Variante geschrieben, die aus Sicht der – alles andere als bösen – Stiefmutter erzählt wurde. Diese humorvolle, realistische und (auf die für mich perfekte Weise) romantische Geschichte war so gut, dass ich direkt im Anschluss den ersten Teil der Roman-Reihe kaufen wollte, in deren Welt diese Geschichte spielt. Zum Glück habe ich vorher noch meine (gerade erst aktualisierte *g*) eBook-Liste studiert und festgestellt, dass ich auf dem eReader schon eine Sammelausgabe der ersten drei Bände habe. Ich denke, ich weiß dann schon mal, welches eBook ich demnächst lesen werde – also sobald ich die angefangenen Titel, mit denen ich gerade beschäftigt bin, beendet habe … 😉

6. Donna Augustine: Dance with the Devil
„Dance with the Devil“ ist eine klassische „Pakt mit dem Teufel“-Geschichte, in der eine Ballerina ihre Seele für eine Karriere als Primaballerina verkauft. Das Ende dieser Kurzgeschichte ist aber überraschend und cool und hat mich noch eine Weile darüber nachdenken lassen, was wohl aus der Protagonistin geworden ist.

7. Annie Bellet: No Gift of the Words
Eine Geschichte über eine junge Frau, die eine Hexe beklaut und dafür verflucht wird. Die Handlung ist nicht besonders überraschend geschrieben, aber ich mochte die Geschichte (und als ich schaute, was die Autorin noch so geschrieben hatte, durfte ich mal wieder feststellen, dass ich auch von ihr schon einen Roman auf dem eReader gehortet hatte *g*).

8. Audrey Faye: The Grim Brother
Eine „Hänsel und Gretel“-Variante, die ich deutlich realistischer und unheimlicher fand als das Märchen der Brüder Grimm. Allerdings wäre es mir lieb gewesen, wenn Audrey Faye nicht am Ende noch extra einmal die Namen des Erzählers und seiner Schwester erwähnt hätte – so kam es mir vor, als wolle die Autorin sichergehen, dass auch wirklich jeder Leser versteht, auf welches Märchen sie sich da bezieht.

9. Danielle Monsch: Beast Inside Beauty
Ich muss zugeben, dass ich mir nicht sicher bin, was ich von dieser „Die Schöne und das Biest“-Variante halte, bei der die „Schöne“ Polizistin in einer korrupten Stadt war. Ich mochte die Erzählweise, ich mochte die Protagonistin, aber ich bin mir nicht sicher, was ich von einigen Details und dem Ende der Geschichte halte. Aber grundsätzlich ist es ja nicht schlecht, wenn man eine Kurzgeschichte noch etwas nachklingen lassen muss.

10. Jenna Elizabeth Johnson: Faescorned
Auch bei „Faescorned“ bin ich mir nicht ganz sicher, was ich von der Geschichte halte. Dieses Mal liegt es in erster Linie daran, dass diese Kurzgeschichte zu einer Romanreihe der Autorin gehört und ich das Gefühl habe, dass sie für sich allein stehend nicht so gut funktioniert. Auf der anderen Seite denke ich, dass es vermutlich ziemlich cool ist, wenn man die Otherworld-Reihe der Autorin kennt und dann eine Geschichte aus Sicht der Antagonistin liest, die dafür sorgt, dass man Mitleid mit ihr verspürt.

11. Tara Maya: Drawn to the Brink (A Painted World Story)
Das war eine richtig, richtig gute Geschichte – wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich ebenso begeistert wäre, wenn die Handlung in einem anderen Rahmen gespielt hätte. Aber mir gefiel diese Welt, in der Dinge herbeigezeichnet werden können, wenn eine Person über das richtige Talent verfügt, auf Anhieb ganz besonders gut. Ebenso mochte ich die Protagonistin und wie sich ihr Verhältnis zu ihrer „Beute“ im Laufe der Geschichte änderte. Leider habe ich keinen Roman von Tara Maya gefunden, der in dieser Welt spielt, was aber vielleicht auch ganz gut ist, sonst hätte ich mir vermutlich spontan ein neues Buch zugelegt.

12. Alexia Purdy: The Variance Court
Eine ganz nette Geschichte über einen Ring, der Wünsche erfüllt, und was für ein Fluch dies doch sein kann. Beim zweiten Abschnitt der Geschichte war ich etwas überrascht über den Perspektivwechsel, aber er hat mich auch neugierig auf die weitere Entwicklung der Handlung gemacht. Dummerweise verlor ich diese Neugier ganz schnell wieder, als die beiden erzählenden Personen aufeinandertrafen, da ab diesem Zeitpunkt vollkommen klar war, worauf die Autorin hinauswollte. Nett, aber nicht gut genug, um mich neugierig auf weitere Sachen von Alexia Purdy zu machen.

13. Phaedra Weldon: The Morrigan
Oh, ich mochte die Geschichte rund um einen Studenten, der nach einem Zusammentreffen mit einer Troll-Schlägertruppe herausfindet, dass er ein Leprechaun ist (und die Morrigan ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hat *uups*)! Was bedeutet, dass ich jetzt nicht nur weiß, dass die Autorin mehrere (Urban- und Dark-)Fantasy-Serien geschrieben hat, sondern dass ich neuerdings auch den ersten Band einer fantastischen Cozy-Reihe von ihr auf dem eReader habe. *hüstel*

14. Julia Crane: Alice
Dies hier ist keine richtige Kurzgeschichte, sondern eher eine Leseprobe für einen Roman der Autorin, der eine Alice-im-Wunderland-Variante mit einer wahnsinnigen Alice erzählt, die von der Roten Königin adoptiert wurde. *seufz*

15. Sabrina Locke: Still Red
„Still Red“ ist eine Rotkäppchen-Geschichte, die auf jeden Fall sehr eigen ist. Nicht schlecht, aber auch nicht so, dass ich spontan sagen würde, dass es mir gefallen hätte. Eigen und mit sehr düsteren Untertönen – und ich vermute, dass die greise Red und ihre Erlebnisse noch eine Weile in mir nachklingen werden.

16. Jennifer Blackstream: The Final Straw
Jennifer Blackstream erzählt hier eine ungewöhnliche Rumpelstilzchen-Variante, die mir gut gefallen hat. In ihrer Geschichte will die Müllerstochter keinen König heiraten, der ihr Leben bedroht, wenn sie seine unmöglichen Aufgaben nicht erfüllt, sondern sie möchte lieber mit dem übernatürlichen Wesen fliehen, das ihr Nacht für Nacht bei der Erfüllung ihrer Aufgaben hilft. Dummerweise ist dieses Wesen von einem Dämon besessen, so dass die beiden erst einen Weg finden müssen, um diesen loszuwerden. Insgesamt war das Ganze wirklich nett zu lesen, und ich mochte die Idee, ein klassisches Märchen in einer Werwolf-Vampir-Dämon-Fantasywelt zu erzählen.

17. Alethea Kontis: The Unicorn Hunter
Eine wirklich ungewöhnliche Schneewittchen-Variante mit einer naiven Prinzessin, die auf Befehl ihrer Mutter im Wald getötet werden soll, und einem Dämon, der ganz eigene Pläne mit dem jungen Mädchen hat. Ich mochte die Entwicklung, die die beiden Figuren im Laufe der Geschichte durchliefen, ich mochte das Motiv des Dämonen und ich mochte die Erzählweise der Autorin. Was mich nicht überrascht, denn wegen ihrer Erzählweise und ihrer ungewöhnlichen Sicht auf Märchenmotive mag ich ja auch die Woodcutter-Hörbücher so gern, die ich momentan höre.

***

Grundsätzlich hat mir die Anthologie mit all den unterschiedlichen Geschichten gut gefallen, aber es hätte diesem Buch gutgetan, wenn es eine Herausgeberin gegeben hätte. Außerdem gab es bei der eBook-Version des Buches eine Sache, die mich wirklich gestört hat: Nach den verschiedenen Geschichten gab es in der Regel einen kurzen Absatz zur Autorin, zu ihren weiteren Werken und wo man den Newsletter der Person abonnieren kann, aber es gab für diesen informativen Anhang keine durchgehende Formatierung. So war dieser Teil bei einigen Autorinnen – gerade wenn zwischen der Erzählung und dem Infoteil kein Seitenwechsel lag – von der Formatierung her überhaupt nicht von der eigentlichen Geschichte unterscheidbar. Was dazu führte, dass ich häufig das Lesen mit einem Gefühl der Irritation beendet habe, weil ich – statt die Geschichte ausklingen zu lassen und ihre Atmosphäre noch einen Moment genießen zu können – direkt mit der Autoren-Info weitergelesen habe und erst mitten im Satz merkte, dass das nicht zur Handlung gehörte. Bei anderen Geschichten hingegen konnte man anhand eines trennenden Schnörkels oder einer Überschrift deutlich sehen, dass hier der Infoteil beginnt – was mich zu der Frage bringt, wieso das nicht durchgehend so gehalten wurde.

Edward Willett (Hrsg.): Shapers of Worlds (Anthologie)

Da ich für die Anthologien, die ich lese, gern einen Beitrag habe, in dem ich meine gesammelten Eindrücke zu den Kurzgeschichten aufschreibe, gibt es natürlich auch zu „Shapers of Worlds“ einen Post. In dieser Anthologie hat der Autor Edward Willett Kurzgeschichten von Autoren gesammelt, die 2018 in seinem Podcast über die Hintergründe des Schreibens mit ihm geredet haben. Dabei reichen die Beiträge von klassisch anmutender Science Fiction über Fantasy bis jinzu eher genreübergreifenden Geschichten, und ich persönlich fand es sehr spannend, so gar nicht zu wissen, was mich bei einem Text erwarten würde. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich beim Lesen dieser Anthologie – obwohl ich vorher relativ wenige Autoren kannte – nur eine Autorin (Shelley Adina) gefunden habe, die mich neugierig auf weitere Geschichten aus ihrer Feder gemacht hat.

1. Edward Willett: Vision Quest
Die erste Geschichte überhaupt, die ich von dem Autor gelesen habe, und sie hat mir sowohl inhaltlich als auch vom Erzählton gut gefallen. Erzählt wird die Handlung aus zwei Perspektiven: Auf der einen Seite aus der Sicht von Jamie, die vor einiger Zeit ihre Mutter verloren hat und sich eines Tages auf unerklärliche Weise von einem Stein inmitten der Prärie angezogen fühlt. Auf der anderen Seite von einem uralten Wesen, das seit vielen Jahrhunderten junge Menschen zu sich lockt. Bringt die Geschichte anfangs einen fast schon unheimlichen Unterton und eine beinah Lovecraftsche Atmosphäre mit sich, so entwickelt sie sich am Ende zu etwas sehr Schönem, das meine Fantasie angeregt und mir gutgetan hat. Doch, das hat mir wirklich gefallen. 🙂

2. Tanya Huff: Call to Arms
Tanya Huff war einer der Namen, die mich dazu gebracht haben, diesen Kickstarter überhaupt zu unterstützen. Die Geschichte spielt in der gleichen Welt wie „The Silvered“, neun Jahre nach den Ereignissen, die im Roman erzählt werden, und dreht sich auf der einen Seite darum, objektiv mit einer Macht wie dem Empire umzugehen, und auf der anderen Seite darum, dass eine funktionierende und menschliche Gesellschaft nicht auf Machtgier aufgebaut werden kann. Viel zum Nachdenken, viel zum Lachen – für mich eine typische Tanya-Huff-Geschichte. Sehr gut! Ich bin mir nicht sicher, ob die Kurzgeschichte so gut funktionieren würde, wenn man den Roman nicht kennt, gehe aber davon aus – für mich persönlich war es die perfekte Ergänzung zu „The Silvered“.

3. John Scalzi: The Tale of the Wicked
Ich finde es immer wieder lustig, dass ich von dem Autoren John Scalzi vor allem seinen Blog und seinen Twitteraccount kenne – und eine Handvoll Kurzgeschichten. Und jedes Mal, wenn ich wieder eine seiner Kurzgeschichten lese, denke ich, dass ich mir endlich einen seiner Romane vornehmen sollte. So auch nach dem Lesen von „The Tale of the Wicked“, in dem die Besatzungen zweier feindlicher Raumschiffe längere Zeit „Katze und Maus“ miteinander gespielt haben und nun feststellen müssen, dass ihre Raumschiffe die Regeln geändert haben. Die Grundidee ist – ebenso wie der Verweis auf „Asimov’s Laws of Robotics“ – nicht neu, aber gut geschrieben, mit amüsant zu lesenden kleinen Details und Wendungen und einem Ende, das deutlich hoffnungsvoller ist, als man es bei einer Geschichte, die mitten in einem Kampf beginnt, erwarten konnte.

4. John C. Wright: The Farships Fall to Nowhere
Diese Geschichte erzählt eine kurze Begegnung zwischen den namenlosen Erzähler und einem alten Mann, die auf dem Planeten Nowhere gemeinsam ein Glas leeren. Anfangs war ich etwas verwirrt, aber das war überaus passend, denn so erging es auch dem Erzähler. Je länger er sich allerdings mit dem alten Mann unterhält, desto mehr erfährt er über das Leben auf diesem Planeten und über das Schicksal der Raumschiffe, die dort nach langen, langen Reisen anlegen. Eine überraschende und gute Geschichte, die mir nicht nur aufgrund der Erzählstimme gefallen hat, sondern auch, weil sie eine Sicht auf Siedlungsraumschiffe wirft, die ich so noch nie gesehen habe. (Wobei ich zugeben muss, dass ich seit meiner Teenagerzeit nur noch sehr sporadisch SF lese. 😉 )

5. L. E. Modesitt, Jr.: Evanescence
Ich weiß nicht, was ich von dieser Geschichte halte. Sie dreht sich um … eine Begegnung im All, um Musik, um Kommunikation, um den Beginn einer Welt? Die Hälfte der Zeit hatte ich das Gefühl, nicht so recht greifen zu können, was der Autor mir sagen will, was irgendwie unbefriedigend war. Auf der anderen Seite fand ich das Ende nett und stimmig, so dass ich nicht unzufrieden aus der Geschichte gegangen bin.

6. Julie E. Czerneda: Peel
Uhhhh, diese Geschichte war gruselig und deprimierend, aber auch faszinierend … Wobei ich das Gefühl habe, ich düarf hier nichts über den Inhalt sagen, weil das zu viel verrät. Es gab zu Beginn auf jeden Fall ein paar Szenen, die mich intensiv an „The Stepford Wives“ erinnerten. Gut erzählt, aber keine Geschichte, zu der ich gern noch einmal zurückkehren würde, auf der anderen Seite aber wohl auch eine Geschichte, die noch längere Zeit in mir nachhallen wird.

7. Shelley Adina: The Knack of Flying
Diese Geschichte habe ich wirklich sehr gemocht, und da ich bislang nichts von der Autorin gelesen hatte, waren ihre Steampunkwelt und ihre Figuren eine angenehme Überraschung für mich! Nachdem ich nun die Pilotin Lady Phil(omena Noakes), den ungewöhnlichen Lewis Protheroe und ihre Freunde kennengelernt habe, habe ich gleich mal die ersten vier Magnificent-Devices-Steampunk-Bände der Autorin auf meine Merkliste gesetzt.

8. Derek Künsken: Ghost Colours
Der Autor erzählt mit „Ghost Colours“ eine Geschichte über ein Paar – Vanessa und Brian – und den Geist Pablo, der Brian seit ein paar Jahren heimsucht. Ich mochte es sehr, dass man in dieser Geschichte Geister erben kann, und ich fand Pablos Fachgebiet sehr interessant, doch vor allem fand ich es fasziniered, wie weit die Menschen in dieser Welt gehen, um einen Geist loszuwerden. Umso schöner war es, Brians Gedanken zu verfolgen und seine Gedanken und Gefühle gegenüber Pablo kennenzulernen. Das war nett, aber ehrlich gesagt auch nicht mehr.

9. Thoraiya Dyer: One Million Lira
Das war eine brutale Geschichte mit einem viel zu wahren Kern. Eine Geschichte über zwei Scharfschützinnen, die auf verschiedenen Seiten stehen und über ihre Motivation, diesen Beruf auszuüben, und über eine Welt, in der Überleben zu einer Herausforderung wird, nachdenken. Ich weiß nicht, ob ich hier von „gefallen“ sprechen kann, aber das war auf jeden Fall eine eindringliche Geschichte.

10. Gareth L. Powell: Pod Dreams of Tuckertown
Das war definitiv keine schöne Geschichte! Erzählt wird die Handlung aus der Sicht des achtzehnjährigen Pod, der von der Zeit träumt, als er gemeinsam mit seinen Freunden Eric und Kai noch Tuckertown unsicher machte. Eine Zeit, bevor Außerirdische die Gesellschaft übernahmen und die Regeln änderten. Im Laufe der Geschichte fällt Pod eine Entscheidung und ich weiß nicht, ob ich seinen Zustand davor oder danach schlimmer finde. Alles in allem war „Pod Dreams of Tuckertown“ ziemlich deprimierend.

11. Seanan McGuire: In Silent Streams, Where Once the Summer Shone
Diese Geschichte ist eine sehr bedrückende, aber auch überraschend verständnisvolle Auseinandersetzung mit den vergangenen Monaten und dem häufig erschreckend ignoranten Umgang der Menschheit als Ganzes mit der Corona-Pandemie. Sehr eindringlich erzählt Seanan McGuire davon, dass eine Apokalypse in der Regeln nicht wie im Film mit großem Lärm einhergeht, sondern leise und schleichend mit dem Sterben der Insekten, dem Verschwinden der Wälder und einem Virus, das sich über die gesamte Welt ausbreitet.

12. Fonda Lee: Welcome to the Legion of Six
Ein alternder Superheld, der während der Bewerbungsgespräche für Neuzugänge für „The Legion of Six“ über all die Veränderungen nachdenkt, die die vergangenen Jahrzehnte mit sich gebracht haben. Ich mag einfach solche „hinter den Kulissen von Superhelden-Organisationen“-Geschichten, außerdem fand ich den Erzähler sympathisch und mochte es, dass man trotz der Kürze einen erstaunlich guten Eindruck von all den Kandidaten für die Anwerbung bekam. Doch das Beste an der Geschichte war das Ende, das dafür gesorgt hat, dass ich jetzt noch lächeln muss, wenn ich daran denke!

13. Christopher Ruocchio: Good Intentions
Ich finde es wirklich spannend, wie unterschiedlich die Geschichten in dieser Anthologie sind. Christopher Ruocchio lässt den Leser mit „Good Intentions“ in eine fremde Welt reisen, in der eine Wissenschaftlerin die örtlichen Gepflogenheiten (zu denen unter anderem Sklaverei gehört) kaum ertragen kann. Doch als sie versucht, etwas zum Besseren zu wenden, scheint alles nur noch schlimmer zu werden. Ich muss zugeben, dass ich die Erzählstimme zwar mochte, aber von einer Wissenschaftlerin ein weniger irrationales Vorgehen und eine intensivere Betrachtung der Fakten erwartet hätte. Die Protagonistin scheint so festgefahren in ihrer Meinung zu sein, dass sie nur eine Perspektive sieht, und das finde ich nicht angemessen. Auf der anderen Seite ist es schon stimmig, dass sie hartnäckig eine Lösung für ein Problem sucht … So recht kann ich mich am Ende nicht entscheiden, ob ich die Geschichte mochte oder nicht.

14. David Brin: „Shhhh …“
David Brins Geschichte erzählt von einer Menschheit, die durch den Kontakt mit Außerirdischen verändert wurde, von einem wahnsinnigen Präsidenten und einer großen Frage, die den Erzähler beschäftigt. Ich mochte „Shhhh …“ sehr, gerade weil der Autor so viele Elemente in der Handlung offen und einem so viel Spielraum für eigene Gedanken lässt. Und mir gefällt die Vorstellung, dass der Erzähler am Ende recht behält und alles richtig beobachtet hat. 😉

15. D.J. Butler: The Greatest of These Is Hope
Das war eine wirklich hübsche Geschichte über einen sterbenden Planeten und dass Hoffnung manchmal aus unerwarteten Ecken kommt. Ich mochte die Erzählstimme der elfjährigen Izzy ebenso wie die anderen Charaktere, die der Autor in die Handlung eingebaut hat. Ein Teil von mir ist zynisch und fürchtet, dass nach dem hoffnungsvollen Ende für die Figuren noch etwas schief laufen könnte, ein anderer Teil möchte glauben, dass Izzys kleiner Bruder Bear und sein neuer Freund ein Zeichen für eine hoffnungsvollere Zukunft sind. Aber gerade die Tatsache, dass so viele Möglichkeiten in dem Ende von „The Greatest of These Is Hope“ mitschwingen, macht es für mich zu einer guten Geschichte.

16. Dr. Charles E. Gannon: A Thing of Beauty
Diese Geschichte von Dr. Charles E. Gannon finde ich schwierig, weil mir auf der einen Seite die Erzählweise und die Figuren gefallen, ich auf der anderen Seite aber ein riesiges Problem mit der Lösung habe, die die Protagonistin am Ende wählt. Der Autor lässt seine Handlung auf einem Mond spielen, der – ebenso wie der Rest des bekannten Universums – von Konzernen beherrscht wird. Und diese Konzerne bzw. die Entscheidungsträger in diesen Konzernen geben nicht viel auf ein Menschenleben, was zu Beginn der Geschichte dazu führt, dass die Protagonistin Elnesse zwei Führungskräfte dabei belauscht, wie sie einen Plan entwerfen, um die „nichtproduktiven“ und somit „zu teuren“ Waisenkinder unter ihrer Obhut loszuwerden. Ich wünschte mir, der Autor, der ausführlich die Kunst der Protagonistin beschreibt, hätte einen kreativeren Weg gefunden, um am Ende der Geschichte die Kinder zu retten. So hingegen bin ich am Ende ziemlich enttäuscht von „A Thing of Beauty“ …

17. David Weber: Home Is Where the Heart Is
Das war eine sehr, sehr nette Geschichte – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Teufel seine Finger bei diesem Text im Spiel hatte 😉 – mit einer überraschenden Wendung am Ende, die ich so nicht erwartet hätte. (Ich war eher davon ausgegangen, dass der Protagonist sich als das Gegenteil dessen herausstellt, was er wirklich war.) Wenn ich sehr ernsthaft nach einem Kritikpunkt suche, dann könnte ich höchstens sagen, dass ich bei der Länge der Geschichte gern noch ein kleines bisschen mehr über den Werdegang des Protagonisten erfahren hätte, aber so wie es war, war es auch gut.

18. Joe Haldeman: Tricentennial
„Tricentennial“ ist eine gut geschriebene Geschichte über eine Gruppe von Wissenschaftlern, die eine Nachricht ins All schicken will, um die benachbarten Aliens wissen zu lassen, dass es sie gibt. Ein bisschen frustierend fand ich die „überraschende“ Wendung am Ende, die ich nicht so überraschend fand und bei der ich das Gefühl hatte, ich hätte sie schon mehrfach so gelesen. Was bei mir mal wieder zu dem Schluss geführt hat, dass ich grundsätzlich lieber (Urban) Fantasy, Science Horror oder Steampunk lese als „klassische“ Science Fiction, weil ich da das Gefühl habe, dass auch schon erzählte Ideen mir mit mehr Variablen präsentiert werden als bei dieser Art von SF-Geschichten.

Christopher Golden und Rachel Autumn Deering (Hrsg.): Hex Life – Wicked New Tales of Witchery (Anthologie)

Ich schwanke bei Anthologien immer, ob ich lieber welche lesen, in denen vertraute und bewährte Autor.innen versammelt sind, oder welche, in denen ich neue entdecken kann. „Hex Life“ lockte mich mit einer guten Mischung aus vertrauten und für mich neuen Autor.innen und einem Thema, das mich reizte. Und damit ich mich auch noch in einigen Jahren daran erinnern kann, was ich von dem Ganzen gehalten habe, gibt es hier wieder einen Sammelbeitrag zu den verschiedenen Kurzgeschichten.

1. Kat Howard: An Invitation to a Burning
Ich mochte die Grundidee sehr, dass jeder Ort Hexen benötigt – selbst wenn sie dort nicht gut behandelt werden -, damit all die kleine Alltagsmagie (wie das Aufgehen von Hefeteig) funktioniert. Und ich mochte die Entwicklung der Protagonistin Sage von einer bedrohten Frau zu einer Person mit eigener Macht sehr. Das war ein schöner Einstieg in die Anthologie und wenn diese Geschichte bezeichnend für den Ton in dieser Sammlung ist, wird es sehr spannend, all die anderen Autor.innen und ihre Ideen zum Thema zu entdecken.

2. Angela Slatter: Widow’s Walk
Ich muss gestehen, dass mich Angela Slatter schon mit dem Anfang ihrer Geschichte gut unterhalten hat, wo die Autorin beschreibt, wie vier sehr unterschiedliche Witwen, die natürlich im Ort als Hexen verschrien sind, gemeinsam in einem großen Haus leben. Noch mehr gefiel mir die Beschreibung davon, wie diese vier Witwen sich um andere Frauen kümmern (auch wenn die eine oder andere Lösung vielleicht etwas radikal ist) – das war wirklich hübsch zu lesen und bot so einige Momente zum Schmunzeln.

3. Kelley Armstrong: Black Magic Momma (An Otherworld Story)
Diese Geschichte hat mich nicht ganz so begeistert wie die beiden anderen, aber ich glaube, das lag daran, dass die Handlung einfach „klassische Urban Fantasy“ war. Und obwohl ich das normalerweise mag, habe ich die ungewöhnlicheren Erzählweisen von Kat Howard und Angela Slatter doch mehr gemocht. Für sich genommen ist „Black Magic Momma“ ein unterhaltsamer Einblick in das Leben der alleinerziehenden Eve und in die Gefahren, denen sich eine Hexe ausgesetzt sieht, die mit schwarzmagischen Elementen handelt.

4. Sarah Langan: The Night Nurse
Das war eine wirklich merkwürdige Geschichte. Die Handlung wird erzählt aus der Perspektive von Esme, die zu Beginn mit ihrem dritten Kind schwanger ist. Sie lernt in einem Museumsshop eine Frau namens Wendy kennen, die ihr anbietet, ihr in den kommenden Wochen als Night Nurse zur Seite zu stehen. Doch Wendy ist eine Hexe, und so gut sich all die Dinge anfühlen, die Esme auf Wendys Rat hin tut, so seltsam und unheimlich ist die Atmosphäre in der Geschichte – bis Esme am Ende Wendys Preis für ihre Arbeit zahlen soll. Sagte ich schon, dass ich die Geschichte merkwürdig fand? Das ist gerade wirklich das einzige Wort, das mir dazu einfällt …

5. Mary SanGiovanni: The Memories of Trees
Nachdem ich die vorhergehende Geschichte so seltsam fand, gefiel mir „The Memories of Trees“ wieder deutlich besser. Die Handlung spielt in einer dystopischen Welt, in der die Menschen – nach einem Zusammenbruch der technischen Gesellschaft – einen neuen Gott anbeten. Und weil die Menschheit nicht so recht lernfähig ist, wird dieser neue Glaube natürlich auch genutzt, um Menschen zu vernichten, die anders sind, die andere Vorstellungen vom Leben haben oder die gar Geschichten aus der Zeit vor dem Zusammenbruch der Gesellschaft erzählen. Doch als die Ältesten Martha und ihre Pflegetochter Ellena der Hexerei beschuldigen und hinrichten wollen, wecken sie damit uralte Kräfte. Ich bin immer wieder überrascht davon, wie sehr ich selbst heftig geschriebene „Rachemomente“ in Büchern genießen kann, wenn mir die Autor.innen das Gefühl geben, dass diese Heftigkeit gerechtfertigt ist oder durch die Natur der ausführenden Person begründet werden. Hier war es so, dass ich das Ende definitiv angemessen fand.

6. Rachel Caine: Home (A Morganville Vampires Story)
Es ist lange her, dass ich die ersten Morganville-Vampirgeschichten gelesen habe, und ich muss zugeben, dass meine Erinnerungen daran nur noch sehr vage sind. Trotzdem habe ich diese Kurzgeschichte sehr genossen, weil es Rachel Caine gelingt, nicht nur die Figuren (selbst ohne Hintergrundwissen) interessant und glaubwürdig zu gestalten, sondern auch ihre Befürchtungen so darzustellen, dass man ihre Reaktionen und Handlungen nachvollziehen und ihre Ängste teilen kann. In der Geschichte, die aus der Sicht von Shane erzählt wird, eröffnet eine Hexe einen Coffeeshop in Morganville, was aus gleich mehreren Gründen die Vampire in Panik versetzt. Trotz all der düsteren und traurigen Untertöne gab es eine Menge amüsanter Momente – ich finde es immer wieder schön, wenn eine Autorin ein Händchen dafür hat, diese gegensätzlichen Emotionen beim Lesen in mir hervorzurufen. Ich denke, ich sollte die Morganville-Romane jetzt doch mal ernsthafter auf die „irgendwann kaufen und lesen“-Liste setzen. 😉

7. Jennifer McMahon: The Deer Wife
Eine nette Geschichte über Jules, die sich in die Hexe des Waldes verliebt. Dass diese Hexe nicht nur rätselhaft, liebevoll und voller Wissen, wenn es um Magie und den Wald geht, ist, sondern auch ihre dunklen Seiten hat, ignoriert Jules lieber. Ich mochte die schönen Aspekte der Beziehung zwischen Jules und der Hexe, hatte aber ein bisschen Probleme damit, dass die Protagonistin so eine Vermeidungshaltung an den Tag legt, wenn es um die düsteren Folgen ihrer Beziehung geht. Alles in allem war die Geschichte nett, aber sie hat nicht gerade viele Spuren bei mir hinterlassen, die auch nach dem Lesen noch nachklangen.

8. Kristin Dearborn: The Dancer
Diese Geschichte wird aus Sicht von Paul Baker erzählt, der von der Familie Weaver gerufen wurde, weil es seit einiger Zeit rund um ihre siebzehnjährige Tochter Ani Poltergeist-Aktivitäten gibt. Für Baker steht schnell fest, dass die Umgebung für Ani nicht die richtige ist, doch da ihre Eltern nicht gerade verständnisvolle Menschen sind, kommt es einige Zeit später zu einer Eskalation. Ich mochte an der Geschichte, wie Kristin Dearborn mit der Frage spielt, wer dort „gut“ und wer „böse“ ist, und ich mochte Paul Bakers Perspektive. So habe ich mich gut unterhalten gefühlt, auch wenn die Handlung insgesamt etwas vorhersehbar war.

9. Hillary Monahan: Bless Your Heart
Hillary Monahan hat mit „Bless Your Heart“ eine schön böse Geschichte geschrieben, in der man als Leser mitverfolgt, wie die Protagonistin Audrey nach viel zu vielen Jahren, in denen ihr Sohn Tucker gemobbt wurde, dafür sorgt, dass ihm in Zukunft nie wieder etwas passiert. Es gibt gerade zum Ende der Geschichte ein paar unappetitliche Elemente, aber das passt zu Audreys Sumpfhexen-Magie, und ich mochte, wie sich die Handlung von einer – wenn auch sehr wütenden – häuslichen Backszene zu diesem eher ekelerregenden Rachemoment entwickelte.

10. Ania Ahlborn: The Debt
„The Debt“ ist eine wirklich böse, feine Geschichte mit einem klassischen Märchenanfang, bei dem ein Vater nach dem Tod seiner Frau seine Tochter im Wald aussetzt. Doch hier wird Karolin nicht einfach nur ihrem Schicksal überlassen und stolpert zufällig über ein Hexenhäuschen, sondern das Mädchen ist dazu da, eine alte Schuld abzutragen. Auch wenn die Handlung etwas vorhersehbar ist, fand ich die Geschichte sehr schön rabenschwarz und gut geschrieben.

11. Sherrilyn und Madoug Kenyon: Toil and Trouble (A Dark-Hunter Hellchaser Story)
Ich muss gestehen, ich weiß nicht so recht, was ich von dieser Kurzgeschichte halten soll. Ich mochte den Anfang, wo es um drei Hexen ging, die ihr Leben lang anderen Personen die Zukunft vorhergesagt haben, und wo in jedem Satz die Frustration zu spüren war, dass diese Personen immer die gleichen Fragen stellten und nie auf die Ratschläge der Hexen hörten. Der Rest der Geschichte drehte sich um ihre Auszubildende, die die Hexen hasst und kein Verständnis für ihre Lebens- und Denkweise hat. Vielleicht hätte ich mehr mit der Geschichte anfangen können, wenn ich mehr über die Autoren oder ihre anderen Veröffentlichungen wüsste – ich muss aber gestehen, dass mich dieser kleine Ausflug in ihre fantastische Welt nicht davon überzeugt hat, dass ich davon mehr lesen wollen würde.

12. Tananarive Due: Last Stop on Route Nine
Eine Geschichte mit sehr viel Südstaaten-Feeling über Charlotte und ihren Neffen Kai, die nach der Beerdigung von Charlottes Großmutter vom Weg abkommen. Das Ganze war etwas seltsam, aber auch schön unheimlich und definitiv ein Argument dafür, seinen Instinkten zu vertrauen und die Gefühle einer Person nicht abzutun, nur weil sie jung und verstört ist.

13. Rachel Autumn Deering: Where Relics Go to Dream and Die
Die Geschichte war überraschend eindringlich, nicht schön, nicht romantisch, aber gerade deshalb etwas, das vermutlich noch eine ganze Weile in mir nachklingt. Ich kann nicht mal sagen, ob ich das Ganze mochte, aber ich finde Rachel Autumn Deerings Erzählweise interessant, ich mochte, wie sie einer recht friedlichen Sterbeszene und einem erfüllten Traum so eine böse Wendung gab.

14. Amber Benson: This Skin
Eine zwar nicht ungewöhnliche, aber sehr gut geschriebene Geschichte über ein Mädchen, das früher mal an Hexerei interessiert war. Ich weiß gar nicht, wie ich darüber schreiben soll, ohne zu viel zu verraten. Aber es geht um einen Mord und eine Zehnjährige, die der Meinung ist, sie hätte einen würdigen Gegner in dem Polizisten gefunden, der ihre Zeugenaussage aufnimmt, nachdem sie den Fund von fünf Leichen gemeldet hat. Keine schöne Geschichte, aber ich mochte die Erzählweise von Amber Benson und die kleinen Wendungen in der Handlung.

15. Chesya Burke: Haint Me Too
Eine sehr gute Geschichte, die aus der Perspektive der elfjährigen Shea erzählt wird, deren Eltern für eine Plantage im Süden der USA arbeiten und die auch vierzig Jahre nach der Befreiung der Sklaven immer wieder gegen Weiße ankämpfen müssen, die alles dafür tun, um die „früheren Verhältnisse“ wiederherzustellen. Ich mag, wie Shea sich im Laufe der Handlung verändert, auch wenn ich mir wünschte, sie hätte nicht zu solchen Mitteln greifen müssen, um sich und ihre Familie in Sicherheit zu bringen.

16. Helen Marshall: The Nekrolog
Diese Geschichte wird aus zwei (eigentlich sogar drei) Perspektiven erzählt, und während die eine sich recht „normal“ anfühlt mit all den Gedanken über die Verwandtschaft der Erzählerin und über ihre Schul- und Studienzeit, so berichtet die zweite Perspektive von einem erschreckenden und verstörenden Leben in einem Regime, dem Menschenleben recht gleichgültig sind. Ich mag die Gegensätzlichkeit dieser beiden Erzählstränge und dass sie sich gerade deshalb so gut ergänzen – es ist schwer, mehr über die Geschichte zu sagen, aber ich glaube, dass ich sie noch eine ganze Weile mit mir herumtragen werde.

17. Alma Katsu: Gold Among the Black
„Gold Among the Black“ spielt in einer mittelalterlichen Welt und dreht sich um die dreizehnjährige Waise Greta, die nur ihren Hund Jesper hat. Es gibt ein paar Elemente, die ich an dieser Geschichte mag – ein bisschen erinnert sie mich an „Die gewöhnliche Prinzessin“ von M. M. Kaye, nur dass diese ein Wohlfühlbuch ist, während Alma Katsu sich auf die gefährlicheren und düsteren Seiten eines Lebens als Dienstmädchen in einem Schloss konzentriert. Am Ende fand ich Gretas Geschichte aber etwas unbefriedigend, weil ich mich über den Grund, aus dem sie ihre Entscheidung fällte, ärgerte und das Gefühl hatte, dass man aus der Grundidee so viel mehr hätte machen können.

18. Theodora Goss: How to Become a Witch-Queen
Was für ein wundervoller Abschluss für diese Anthologie! Theodora Goss erzählt in „How to Become a Witch-Queen“ von Schneewittchen, die nach dem Tod ihres Mannes einen Weg für ihr weiteres Leben finden muss. Sie hat keine Lust, länger ihr Leben nach den Wünschen anderer auszurichten, und so muss sie all ihren Einfallsreichtum und ihre Ressourcen aufwenden, um sich eine selbstbestimmte Existenz aufzubauen. Falls sich nun jemand fragen sollte, was das mit einer Anthologie rund um Hexen zu tun hat: „It’s much easier to be a queen when you’re also a witch!“ Nachdem ich dieses Geschichte gelesene habe, muss ich mir doch mal „The Strange Case of the Alchemist’s Daughter“ von der Autorin anschauen, obwohl ich den Klappentext – trotz diverser Lobpreisungen aus vertrauenswürdigen Quellen 😉 – bislang nicht besonders reizvoll fand.

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Abschließen kann ich sagen, dass diese Anthologie wirklich eine spannende und bunte Mischung zu bieten hatte, und ich mochte es sehr, dass ich nie vorhersagen konnte, in welche Richtung sich die nächste Geschichte bewegen und ob sie mir gefallen würde. Allerdings hatte (neben „How to Become a Witch-Queen“) nur eine Geschichte für mich so etwas wie einen „Wohlfühlfaktor, und weil ich so gern an „The Widow’s Walk“ zurückdenke, habe ich mir prompt den Verity-Fassbender-Reihen-Auftakt von Angela Slatter als eBook gegönnt und bin gespannt, ob ich die Autorin in Romanlänge auch lesen mag.

Marieke Nijkamp (Hrsg.): Unbroken (Anthologie)

„Unbroken“ ist eine Anthologie mit „13 stories starring disabled teens“ herausgegeben von Marieke Nijkamp. Wie immer, wenn ich eine Sammlung von Kurzgeschichten lesen, versuche ich hier einen spoilerfreien Beitrag mit meiner Meinung zu den einzelnen Texten zu verfassen, damit ich mich auch in ein paar Jahren noch an die Autor*innen und die Geschichten erinnere. 😉

1. Heidi Heilig: The Long Road
Die erste Geschichte wird aus der Sicht von Lihua erzählt, die gemeinsam mit ihren Eltern die Seidenstraße gen Westen bereist, da ihre Eltern dort eine Heilung für den Fluch zu finden hoffen, der auf ihrer Tochter liegt. Lihua selbst leidet vor allem unter all den Amuletten, die ihr wohlmeinende Menschen umgehängt haben, unter der Aufmerksamkeit, die diese auf sie ziehen, und unter der Tatsache, dass ihre Eltern ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen mussten, um diese Reise zu finanzieren. Ich mochte es sehr, wie Heidi Heilig es geschafft hat, im Laufe der Geschichte aufzuzeigen, dass Lihuas „Fluch“ zwar nichts ist, was heilbar ist, dass sie aber lernen kann, damit umzugehen, und dass die Behinderung, die mit ihren psychischen Problemen einhergeht, vor allem von außen kommt und dass sie nicht alles hinnehmen muss, was ihr erzählt wird. Ebenso gefiel mir die Vorstellung von einer sich gegenseitig unterstützenden Gemeinschaft von Menschen, die ihre vermeintlichen Schwächen voreinander nicht verstecken, sondern sich gegenseitig helfen, damit zu leben.

2. Kody Keplinger: Britt and the Bike God
Kody Keplingers Protagonistin Britt ist eine begeisterte Fahrradfahrerin, die aufgrund ihrer Augenprobleme darauf angewiesen ist, dass jemand mit ihr auf einem Tandem fährt. Ich mochte die Begeisterung, die Britt für das Fahrradfahren aufbringt, mir gefiel es, dass man als Leser miterlebt, wie Britt einen neuen Tandem-Captain „einarbeitete“, und ich habe die süße Liebesgeschichte zwischen ihr und einem anderen Mitglied des Fahrradclubs genossen. „Britt and the Bike God“ war eine wunderbare und amüsante Geschichte, die mir viel Freude bereitet hat.

3. Kayla Whaley: The Leap and the Fall
„The Leap and the Fall“ erzählt von den beiden Freundinnen Eloise und Gemma, die sich schon seit so vielen Jahren kennen. Doch Gemma hat sich in den Monaten, die seit ihrem sechzehnten Geburtstag vergangen sind, sehr verändert, während Eloise damit zu kämpfen hat, dass sie in Gemma inzwischen mehr als nur eine Freundin sieht. Mir gefiel, dass Kayla Whaley aus dieser Grundlage eine Geistergeschichte gemacht hat, in der Eloise am Ende sowohl um Gemmas als auch um ihr eigenes Leben kämpfen muss. Das bot mir eine hübsche Mischung aus unheimlich und süß und hat mich gut unterhalten.

4. Katherine Locke: Per Aspera Ad Astra
Eine Science-Fiction-Geschichte, in der die Protagonistin Lizzie mit ihrem inneren Krieg fertigwerden muss, um zu verhindern, dass ihre Stadt und ihre Familie bei einem feindlichen Angriff zerstört werden. Ich fand es beeindruckend, wie die Autorin Lizzies lähmende Angst, die seit Monaten ihr gesamtes Leben bestimmt, dargestellt hat und wie es trotzdem stimmig war, dass Lizzie sich aufmacht, um ihre Stadt zu retten. Ich mochte die unerwartete Unterstützung, die sie im Laufe der Geschichte bekam, und dass es ihr am Ende zwar nicht gutgeht, aber sie (zumindest für den Moment) gelernt hat, dass es reicht, wenn man ein kleines Problem nach dem anderen angeht, statt sich von der Masse der Probleme überwältigen zu lassen.

5. William Alexander: Found Objects
Das hier ist die erste Geschichte in der Anthologie, mit der ich einige Probleme hatte, weshalb ich hier leichte Spoiler verwenden muss, um deutlich zu machen, warum ich damit hadere. Die Handlung wird von einer namenlosen Person einer anderen namenlosen Person erzählt – wobei die adressierte Person nicht der Leser ist, denn beide Charaktere gehen auf dieselbe Highschool und sind Teil desselben Theaterclubs. Dass der Erzähler das Erlebte nicht dem Leser berichtet, hat mich beim Lesen irritiert, weil ich mich durch das verwendete „you“ direkt angesprochen gefühlt habe, ohne gemeint gewesen zu sein. Die erzählende Person verfügt über ererbte Magie, die in dieser Geschichte dafür sorgt, dass die Rolle, die sie am Abend gespielt hatte, zum Leben erweckt wurde. Um diese magische Kreatur zu bekämpfen, formt die Person aus den Schmerzen, die sie in ihrer Krücke gespeichert hat, ein Schwert. Das Ganze war für mich ehrlich gesagt etwas zu abstrakt, obwohl ich die Handlung an sich und theoretisch auch die Erzählweise mochte (wenn nur dieses irritierend „you“ nicht gewesen wäre).

6. Karuna Riazi: Plus One
In „Plus One“ begleitet der Leser die Schülerin Hafsah bei einer Haddsch, die sie gemeinsam mit ihrer Familie unternimmt. Dabei schwingt von Anfang an die Hoffnung mit, dass Hafsah auf dieser Reise das namenlose Etwas loswird, das von Klein auf an ihr hängt und dafür sorgt, dass sie sich fehl am Platz fühlt, dass sie mutlos und ungeschickt ist, dass sie nicht so funktioniert, wie sie es tun sollte. Ein Teil dieser Geschichte hat mich wütend gemacht, der Teil, in dem Hasfah versichert wird, dass dieses Etwas nur eine Teenager-Phase sei, dass sie nur brav genug, religiös genug sein müsse, um es loszuwerden. Hier und da hingegen gibt es kleine Hinweise darauf, dass sie in ihrer Schule zum Beispiel Unterstützung bekommt (auch wenn sie nicht in der Lage zu sein scheint, diese anzunehmen) und am Ende scheint das Mädchen durch die Pilgerfahrt immerhin den Mut gefunden zu haben, weiter gegen das sie begleitende Etwas anzukämpfen, nicht auf eine Art Wunderheilung zu hoffen, sondern darauf zu setzen, dass sie langfristig immer wieder die Oberhand über dieses Etwas bekommen kann.

7. Marieke Nijkamp: The Day the Dragon Came
„The Day the Dragon Came“ ist eine wunderschöne Geschichte, die in Gent spielt, die von einem Mädchen handelt, das die Stadt unbedingt verlassen will, von einem Zimmermann, der an dem größten Glockenturm der Stadt baut, und von einem Drachen, der darauf wartet, seine Position als Wächter der Stadt einzunehmen. So eine schöne Geschichte rund um die Blütezeit der Stadt, um Träume, um die Suche nach Zugehörigkeit und (etwas mehr als) Freundschaft.

8. Francisco X. Stork: Captain My Captain
„Captain, My Captain“ wird aus der Sicht von Alberto erzählt, der gemeinsam mit seiner Schwester Lupe und ihrem Baby Chato lebt und für Lupes Freund Wayne als Maler arbeitet. Seit ein paar Wochen hört Alberto die Stimme von Captain America in seinem Kopf, der ihm erzählt, dass er seine Familie verlassen und auf der Straße leben müsse, dass er frei und glücklich sein müsse – und so richtig sich das für Alberto anhört, so schwer fällt es ihm, Lupe zu verlassen. Ich muss gestehen, dass ich nach dem ersten Absatz ziemliche Angst um Alberto hatte und am Ende sehr froh bin, dass er (vermutlich) jemanden gefunden hat, der ihm zur Seite steht. Ich fand die Geschichte sehr berührend und sehr nachdenklich machend.

9. Dhonielle Clayton: Dear Nora James, You Know Nothing About Love
Ich muss zugeben, dass ich nicht so recht weiß, was ich am Ende von dieser Geschichte halten soll. Nora James‘ Leben wird von ihren Ängsten und ihren Magenproblemen bestimmt. Sie ist wütend auf ihren Vater, der ihre Mutter verlassen hat. Sie verbringt einen Großteil ihrer Freizeit damit, eine Beziehungs-Ratgeber-Kolumne zu schreiben, obwohl sie selbst noch nie in einer Beziehung oder gar verliebt war, und nun soll sie auch noch ihre beste Freundin zu einem Doppel-Date begleiten. Es gibt sehr viel glaubwürdige Elemente in dieser Geschichte, gerade rund um Noras Umgang mit ihrer Krankheit, und ich weiß, dass Kurzgeschichten nun mal ein offenes Ende haben, aber hier hatte ich am Schluss das Gefühl, mir fehlt eine Entwicklung, ein Zwischenhalt, ein kleine Ausblick auf Noras Zukunft – irgendetwas, das diese Geschichte für mich abrundet und dafür sorgt, dass ich Nora nicht nur als anstrengenden Teenager empfinde.

10. Fox Benwell: A Play in Many Parts
„A Play in Many Parts“ erzählt von E., von dem ersten Schritt mit einer Krücke in einen Bühnenraum, von dem Aufbau eines Stücks, von der Liebe zu Wörtern, von der Leidenschaft fürs Theater und von all dem, was es kostet, wenn man seine Seele für eine gelungene Aufführung gibt. Ich muss gestehen, dass ich durch die Erzählweise (teils Bühnenstück, teils die Gedanken von E.) etwas Probleme hatte in die Geschichte reinzukommen, am Ende haben mich aber die Intensität der erzählenden Person und die Vielschichtigkeit des Stücks gefangen genommen.

11. Kristine Wyllys: Ballad of Weary Daughters
Kristine Wyllys erzählt hier eine berührende Geschichte vom Funktionieren trotz psychischer Probleme, Extrastress und Medikamenten, die nicht richtig eingestellt sind, und von einer langjährigen Freundschaft, die der Protagonistin River als Anker in einer schweren Zeit dient. Ich mochte nicht nur die Sprache und die Charaktere, sondern auch, dass River trotz all ihrer Schwierigkeiten Verantwortung übernimmt und im Alltag gut genug funktioniert, obwohl es ihr so schwerfällt.

12. Keah Brown: Mother Nature’s Youngest Daughter
Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht von Millie, der jüngsten Tochter von Mutter Natur, die in der Schule gemobbt wird und so gern etwas dagegen unternehmen würde, aber nicht riskieren darf, dass jemand dahinterkommt, welche Fähigkeiten ihre Familie besitzt. Ich mochte diese Mischung aus Magie und Verantwortungsgefühl bei Millie, ebenso die Tatsache, dass sie sich am Ende doch an den Mädchen rächt, die ihr das Leben tagtäglich so schwer machen. Aber ich glaube, langfristig wird bei mir vor allem die Grundidee mit den magischen Kindern von Mutter Natur nachklingen, die fand ich hübsch und sie bietet so schön viel Urban-Fantasy-Potenzial. 😉

13. Corinne Duyvis: A Curse, A Kindness
Ich mochte diese Geschichte so sehr! Die Handlung wird erzählt aus der Sicht von Mia und Sienna, die vor einem Supermarkt ineinanderstolpern. Und weil Mia dabei nett zu Sienna ist, muss diese ihr drei Wünsche erfüllen. Corinne Duyvis bastelt aus der klassischen Dschinn-Grundidee eine süße (und nachdenklich machende) Liebesgeschichte, die ich rundum genossen habe. Ich mochte Mia in all ihrer Unsicherheit und ihrer Liebenswürdigkeit, und ich mochte Sienna mit all ihren Problemen und ihren Versuchen, sich vor weiteren negativen Erfahrungen zu schützen. Doch besonders hübsch fand ich die Lösung, die Mia am Ende für ihren dritten Wunsch fand, und welche Möglichkeiten sich daraus für die beiden Teenager ergaben.