Schlagwort: Anthologie

Ellen Oh und Elsie Chapman (Hrsg.): A Thousand Beginnings and Endings (Anthologie)

„A Thousand Beginnings and Endings“ ist eine Anthologie, die fünfzehn Neuerzählungen von asiatischen Märchen und Legenden beinhaltet, geschrieben von fünfzehn Autorinnen und Autoren unterschiedlicher asiatischer Herkunft. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen Ellen Oh und Elsie Chapman, dass sie als Kinder Bücher über griechische Mythologie sehr geliebt haben, aber ihnen im Laufe der Zeit auffiel, dass es nichts Vergleichbares für den asiatischen Raum gibt. Wenn asiatische Legenden in Büchern zu finden waren, dann weil sie von nicht-asiatischen Autoren wiedererzählt wurden – und diesen Nacherzählungen fehlte in ihren Augen ein ganz besonderes Element. Jedem einzelnen Beitrag folgt ein Nachwort, in dem die Legende, auf der die Geschichte basiert, vorgestellt wird, und es wird berichtet, welcher Aspekt daraus für die Handlung aufgegriffen wurde.

Roshani Chokshi: Forbitten Fruit
Mit „Forbitten Fruit“ erzählt Roshani Chokshi ihre eigene Version der Geschichte rund um Maria Makiling, die der Schutzgeist des filipinischen Mount Makiling sein soll. Roshani Chokshis Variante der Legenden ist eine bittersüße Liebesgeschichte, in der ein Berg sein Herz an einen Menschen verliert. Ich mochte die Geschichte sehr, – gerade weil ich mir wünschte, dass sie am Ende anders ausgehen würde – allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin sehr weit vom Original entfernt hätte. Die Handlung ist eigentlich sehr vorhersehbar und der Ton sehr märchenhaft. Letzteres gefällt mir eigentlich, aber es gibt dem Kern der Geschichte keine neuen Impulse.

Alyssa Wong: Olivia’s Table
Die Kurzgeschichte „Olivia’s Table“ von Alyssa Wong hat mir sehr gut gefallen (ich muss mal schauen, was die Autorin noch so geschrieben hat). In der Geschichte wird das chinesische Yu Lan (Hungry Ghost Festival – keine Ahnung, wie das auf Deutsch genannt wird) aufgegriffen, wobei Olivia eine chinesische Amerikanerin ist, die nach dem Tod ihrer Mutter deren Rolle als „Exorzistin“ übernimmt und in einer alten Minenstadt für die Geister ein Festmahl ausrichtet. Während das örtliche Hotel Olivia eher für ein Touristen-Spektakel engagiert hat, geht es ihr darum, die Vorfahren zu ehren und sie auch nach dem Tod noch mit gutem Essen glücklich zu machen. Und wenn das dazu führt, dass sie Ruhe und Frieden finden, dann ist es gut so. Ich mochte die Geschichte sehr, weil es nicht nur schön diese chinesische Tradition beschreibt, sondern auch Olivias eigenen Weg, um mit dem Tod ihrer Mutter fertig zu werden, und ihre Suche nach einen Platz im Leben.

Lori M. Lee: Steel Skin
Lori M. Lee greift in „Steel Skin“ eine Geschichte der Hmong (und zwar „The Woman and the Tiger“) auf und erzählt eine SF-Handlung, in der die fünfzehnjährige Protagonistin Yer vor einem Jahr bei einem Aufstand der Androiden ihre Mutter verloren hat. Ihr Vater ist seitdem nicht mehr derselbe, er ist verschlossen, antriebslos und abweisend, obwohl Yer ihn nun mehr den je benötigt. Richtig unheimlich wird es, als er nach einer Reise zurückkommt und sich noch weniger als zuvor um Yer kümmert, bis in ihr der Verdacht aufkommt, dass die Person, mit der sie zusammenlebt, nicht mehr ihr Vater ist … Ich mochte die Geschichte sehr, sie ist voller Wut und Trauer, Freundschaft und Vertrauen und präsentiert ein wirklich überraschendes und cooles Ende.

Sona Charaipotra: Still Star-Crossed
In „Still Star-Crossed“ hat sich Sona Charaipotra von der Geschichte von „Mirza und Sahiba“ inspirieren lassen und sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn diese beiden legendären Figuren heutzutage aufeinanderträfen. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob mir die Geschichte gefällt. Auf der einen Seite mag ich die Protagonistin Taara, auf der anderen Seite finde ich Nick, der sich sicher ist, dass er Taara (wiederer)kennt, etwas zu übergriffig, zu selbstsicher, zu stalkend. Dann wieder finde ich die Wendung am Ende hübsch, bei der Taaras Mutter Amrita von ihrer ersten Liebe erzählt und davon, was damals passiert ist …

Aliette de Bodard: The Counting of Vermillion Beads
In „The Counting of Vermillion Beads“ greift Aliette de Bodard das Grundthema des vietnamesischen Märchens „Tấm Cám“ (in dem es um die Beziehung zweier Schwestern zueinander geht) auf. Doch statt eine Geschichte voller Eifersucht, Mord und Wiedergeburt zu erzählen, bekommt der Leser hier mit Tam und Cam zwei Schwestern präsentiert, die einander nicht besonders ähnlich sind, aber aneinander hängen, aneinander denken und sich gegenseitig stützen – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so zu sein scheint. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich etwas brauchte, um in die Handlung hineinzufinden (aber so geht es mir eigentlich immer bei Texten von Aliette de Bodard).

E.C. Myers: The Land of the Morning Calm
Oh, ich mochte diese Geschichte wirklich! Der Autor erzählt die Handlung aus der Sicht von Sun Moon, deren Mutter vor fünf Jahren starb und deren Großvater fest davon überzeugt ist, er hätte in den letzten Wochen regelmäßig den Geist seiner verstorbenen Tochter gesehen. Mir gefiel diese Mischung aus Geistergeschichte, Online-Rollenspiel (das in einem historischen Korea spielt, in dem sich die Charaktere in Tiere verwandeln können,) und Trauerbewältigung wirklich gut, auch wenn ein paar Wendungen nicht gerade überraschend kamen.

Aisha Saeed: The Smile
Mit „The Smile“ greift Aisha Saeed die Legende von Anarkali auf, der Geliebten eines Prinzen, deren Lächeln dem König verriet, dass sein Sohn ein Verhältnis mit ihr hat. Hier aber wird die Handlung von Naseem erzählt, die offiziell die Konkubine des Prinzen Kareem ist und der erst im Laufe der Zeit bewusst wird, was es bedeutet, dass sie dem Prinzen gehört. Ich mochte nicht nur Naseems Blick auf ihre Position als Konkubine, sondern auch die Nebencharaktere in der Geschichte sehr.

Preeti Chhibber: Girls Who Twirl and Other Dangers
Preeti Chhibber hat das Hinduistische Fest Navrātri in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt und drei Freundinnen, die – wie die Göttin Durgā – für das Gute kämpfen. Nur dass Nirali, Jessica und Jaya bei der Wahl ihres Gegners kein solch gutes Händchen haben wie die Göttin. Ich fand die Geschichte nicht nur sehr unterhaltsam, ich habe es auch genossen von der Freundschaft der drei Mädchen zu lesen und von dem Fest, bei dem eine große indischstämmige Gemeinschaft mit Tanz und Essen zusammen feiert.

Renée Ahdieh: Nothing into All
„Nothing into All“ basiert auf dem koreanischen Märchen „The Goblin Treasure“, das Renée Ahdieh als Kind regelmäßig vorgelesen bekam. So ist es kein Wunder, dass die Geschichte selbst auch sehr märchenhaft von den Geschwistern Charan und Chun erzählt, die sich seit Jahren regelmäßig auf die Suche nach Goblins machen. Dabei dreht sich die Handlung mehr um das Verhältnis zwischen Charan und Chun und darum, wie die Eltern ihre Tochter und ihren Sohn behandeln, als um die Magie der Goblins, was diesem klassischen Märchen von einer Schatzsuche etwas mehr Tiefe verleiht.

Rahul Kanakia: Spear Carrier
Zu „Spear Carrier“ wurde der Autor durch das indische Epos Mahabharata inspiriert, in dem es einen Part gibt, in dem Tausende in einen Kampf ziehen, der zu einem Krieg um die Herrschaft gehört. Von diesen Tausenden überleben nur zwölf die Schlacht, doch statt aus der Sicht der Überlebenden wird diese Kurzgeschichte aus Sicht eines dieser Soldaten erzählt, der von Anfang an weiß, dass er den Kampf nicht überleben wird. Ich muss zugeben, dass ich anfangs mit „Spear Carrier“ nicht so recht warm geworden bin, auch weil ich den Protagonisten nicht gerade sympathisch fand. Erst mit dem angehängten Hinweis des Autors auf das Mahabharata und der Entwicklung, die die Handlung ganz am Ende nimmt, finde ich den Kern der Kurzgeschichte interessant genug, um noch etwas länger darüber nachzudenken.

Melissa de la Cruz: Code of Honor
Für ihre Geschichte greift Melissa de la Cruz die Legenden der philippinischen Aswangs (Vampir-ähnliche Hexen) auf, wobei ihre Protagonistin Aida schon seit langer Zeit nach einem eigenen Ehrenkodex lebt und nun in New York auf der Suche nach Personen ist, mit denen sie sich anfreunden kann. Wirklich einfach ist es nicht, Freundschaften zu schließen, wenn man sich von Blut ernährt und außerordentliche Aggressionsprobleme hat, aber Aida bemüht sich, einen Platz in der Schule zu finden, die sie zu diesem Zweck besucht. Ich fand die Geschichte ganz nett, auch wenn die „überraschende Wende“ am Ende etwas arg vorhersehbar war (selbst dann, wenn man die Blue-Blood-Serie der Autorin nicht kennt, sondern erst nach dem Lesen der Kurzgeschichte beim Recherchieren über die Autorin davon erfährt).

Elsie Chapman: Bullet, Butterfly
„Bullet, Butterfly“ ist eine Neuerzählung der Geschichte „The Butterfly Lovers“, einer chinesischen Romeo-und-Julia-Variante, bei der die beiden Liebenden nicht zueinanderkommen, weil familiäre Verpflichtungen gravierender sind als ihre Gefühle füreinander. Elsie Chapman lässt ihre Geschichte in einer Welt spielen, die von Krieg und Hunger gezeichnet ist und in der das Leben von Teenagern von ihrer Pflicht gegenüber ihrer Familie geprägt ist. Weder der Protagonist Liang noch seine Freundin Zhu haben Einfluss auf ihr Leben, und doch suchen sie nach einem Weg, um beieinander bleiben zu können. Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte wirklich gut erzählt und berührend zu lesen fand, aber das (klassische) Ende frustrierte mich.

Shveta Thakrar: Daughter of the Sun
Auch diese Geschichte wurde von dem indische Epos Mahabharata inspiriert, aber statt wie in „Spear Carrier“ von Krieg und Opfern zu handeln, dreht sie sich um zwei Liebende. Dabei war es Shveta Thakrar wichtig aufzugreifen, dass es die Protagonistin ist, die ihren Liebsten rettet und einen Weg finden, damit sie zusammenbleiben können. Ich fand die Geschichte sehr hübsch zu lesen, auch wenn die Mischung aus altmodischen und modernen Elementen in meinen Augen nicht immer ganz rund war.

Cindy Pon: The Crimson Cloak
Mit „The Crimson Cloak“ gibt Cindy Pon einer Figur eine Stimme, die ihrer Meinung nach in keiner der chinesischen Märchenvarianten, die es über „The Cowherd and the Weaver Girl“ gibt, ausreichend zu Wort kommt. In „The Crimson Cloak“ ist es die siebte Tochter der Himmelskönigin, die eines Tages an einem See einen Mann sieht und ihn näher kennenlernen will, während es in den verschiedenen Märchen er ist, der ihr beim Baden ihren Mantel raubt, damit sie ihn heiraten muss. Ich mochte es sehr, dass die Autorin nicht nur eine Figur zu Wort kommen lässt, die (nach Aussage von Cindy Pon) im Märchen weniger zu sagen hat als der magische Ochse des Protagonisten, sondern auch, dass diese Geschichte so glücklich verläuft, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer Unsterblichen und einem Menschen nun einmal sein kann.

Julie Kagawa: Eyes like Candlelight
Julie Kagawa erzählt die Geschichte von Takeo, der als Kind einen Fuchs rettete und sich als Mann in eine Kitsune verliebt, und der alles dafür tun würde, um sein Dorf vor der Willkür des Daimyo zu retten. „Eyes like Candlelight“ ist eine bittersüße Geschichte und bildet einen melancholischen Ausklang für die Anthologie, gerade weil die Figuren so liebenswert sind.

 

Insgesamt war ich beim Lesen von „A Thousand Beginnings and Endings“ wirklich fasziniert davon, wie viele verschiedene Ansätze hier gefunden wurden, um klassische asiatische Sagen(elemente) neu oder auch nur erneut zu erzählen. Auch wenn ich häufig die moderneren Varianten bevorzugte, gab es doch so einige märchenhafte Nacherzählungen, die ich sehr genossen habe und die mich sehr berührten.

Joshua Palmatier/Patricia Bray (Hrsg.): Temporally Out of Order (Anthologie)

In der von Joshua Palmatier und Patricia Bray herausgegebenen Anthologie drehen sich alle Geschichten um das Thema „Temporally Out of Order“. Die Idee kam Joshua Palmatier, nachdem er an einem Flughafen eine Telefonzelle mit diesem schönen Tippfehler beschriftet gesehen hatte und sich überlegte, was wäre, wenn dieses Telefon wirklich „temporally“ und nicht „temporary“ out of order wäre.

Seanan McGuire: Reading Lists
Seanan McGuires Geschichte „Reading Lists“ dreht sich um die (anfangs) siebenundvierzigjährige Megan Halprin, die zum ersten Mal in ihrem Leben im Besitz eines Bibliotheksausweises ist. Auf der Suche nach einem Buch kommt sie in einen Raum, an dessen Tür ein Schild mit „Temporally Out of Order“ steht. Die dort arbeitende Bibliothekarin stellt sich bei jedem von Megans Besuchen als überaus hilfreich heraus, obwohl Megan jedes Mal ein Buch ausleihen will, das schon vor Jahren auf ihren Ausweis verbucht wurde und lange überfällig ist. Ich mochte es sehr, wie man im Laufe dieser Kurzgeschichte erfährt, wie sehr die verschiedenen Bibliotheksbücher Megans Leben verändern und in welche (zeitliche) Richtung diese Veränderungen verlaufen. 😉

Elektra Hammond: Salamander Bites
Die Geschichte von Elektra Hammond führt den Leser in die Küche eines kleinen Restaurants, das erst vor einem Jahr eröffnet wurde. Die Geschichte beginnt an einem Abend, als Steve, der Chef des „With Wine“, sich Gedanken darüber macht, dass er wohl nie genug Geld mit dem Restaurant machen wird, um weitere Köche anzustellen. Er ist so sehr in seine Gedanken vertieft, dass er beim Kochen gravierende Fehler macht – trotzdem kommen perfekte Gerichte aus seinem „Salamander“ (ein Ofen mit starker Oberhitze). So hervorragende Speisen, dass Steve den Vergleich mit seinem berühmten ehemaligen Chef nicht zu scheuen braucht, auch wenn er keine Ahnung hat, wieso sein Essen auf einmal so gelobt wird. „Salamander Bites“ ist eine bitterböse Geschichte, die mir beim Lesen gut gefiel. Allerdings muss ich zugeben, dass sie keinen besonders langanhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

David B. Coe: Black and White
Protagonistin von „Black and White“ ist Jessie, die nach dem Tod ihres Großvaters sein Büro aufräumt. Dabei fällt ihr auf, dass in seinem Foto-Archiv einige Bilder fehlen. Beim Versuch, diese Fotos mit Hilfe der alten Kamera ihres Großvaters zu rekonstruieren, stolpert Jessie über ein unschönes Stück Familiengeschichte. Ich habe den Anfang von „Black and White“ geliebt, weil Jessies Erinnerungen an ihren Großvater und an die Zeit, als er ihr beibrachte, wie man fotografiert, so wunderbar beschrieben wurden. Und gerade weil dieser Anfang so schön ist, trifft es einen umso mehr, als man gemeinsam mit Jessie eine Seite an ihren Großeltern entdeckt, die die junge Frau lieber nicht enthüllt hätte. So bleibt am Ende der Geschichte die Frage im Raum stehen, wie man damit umgehen soll, dass die eigene Familie nicht immer auf der richtigen Seite gestanden hat und dass man sie trotzdem liebt. Das war gut geschrieben und ich mochte, dass der Autor eine Kamera als „temporally out of order“-Element genutzt hat.

Chuck Rothman: Dinosaur Stew
Diese Geschichte beginnt mit einer Mutter, die zu ihrer großen Überraschung von ihren Söhnen für ihr Essen gelobt wird und wenig später einen Dinosaurier-Zahn darin findet. Doch natürlich bleibt es nicht bei einem Zahn, und die weiteren Handlungsentwicklungen bringen die eine oder andere Überraschung mit sich. Mir hat die Geschichte großen Spaß gemacht, gerade weil ich mir nach dem Anfang mit dem Essen nicht so viel davon erwarte hatte. Am Ende hatte ich mich aber wunderbar amüsiert – nicht nur über die Slapstick-Szene, die zwei unbeholfene Männer und ein Kind in Dinosaurier-Verkleidung beinhaltete, sondern auch über den Sinneswandel der Protagonistin.

Faith Hunter: Not All Is As It Seems
Ich weiß, dass ich von Faith Hunter schon mehrere Geschichten gelesen habe, aber ich kann mir immer nicht merken, zu welchem „Universum“ die gelesenen Kurzgeschichten gehören. Diese hier ist „A Story from the World of Jane Yellowrock“, die Erzählerin Molly ist Jane Yellowrocks beste Freundin, und sie muss zu Beginn der Handlung herausfinden, was sie mit den beiden Vampiren anstellt, die vor ihrer Türschwelle stehen. Am Ende führen die beiden unerwarteten Besucher zu einer Geschichte voller berührender Momente, Überraschungen, einer ungewöhnlichen Teekanne und einem Wiedersehen zwischen sehr alten Freunden. Mir gefiel es sehr, dass dieses Mal die Autorin bei dem „Zeitreise“-Element einen ganz anderen Ansatz hatte als idie vorangegangenen Kurzgeschichten, und ich habe gerade große Lust, mehr über Molly (bzw. ihre Freundin Jane) zu lesen.

Edmund R. Schubert: Batting Out of Order
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich nicht weiß, was ich von der Geschichte halten soll. Protagonist ist der fünfzehnjährige Jerome, der in einer Zukunft lebt, in der Baseballkarten Hologramme erzeugen. Eines dieser Hologramme zeigt Jerome eine Zukunft, in der er nach seiner ersten Saison als Profispieler so schwer verletzt wird, dass seine Karriere endet. Theoretisch könnte sich der Junge nun dafür entscheiden, nie wieder Baseball zu spielen, doch aufgrund seiner familiären Umstände zieht er trotzdem eine Karriere als Profi in Betracht. Obwohl mich das Ende der Geschichte berührte, macht es mich doch wütend, dass ein Leben mit Behinderung sowohl von dem Protagonisten als auch von seiner Familie als wertlos empfunden wird. Außerdem hat es mich sehr aufgebracht, dass Jeromes Selbstaufopferung so heroisiert wird, obwohl es so viele andere Wege gäbe, um seiner Familie zu helfen. Doch natürlich wird keiner dieser Wege in dieser Geschichte in Betracht gezogen, es gibt nicht mal eine Andeutung, dass Jerome überhaupt mehr als einen Weg haben könnte, obwohl die Ausgangssituation der Handlung in meinen Augen nicht mal ein Problem ist. Je länger ich darüber nachdenke, desto frustrierter bin ich mit „Batting Out of Order“.

Steve Ruskin: Grand Tour
Eine wirklich hübsche Geschichte über einen Maler, dessen verstorbene Frau ihn darum gebeten hatte, dass er nach ihrem Tod 1. ein Medium aufsucht und 2. die gemeinsam geplante Grand Tour nach Italien unternehmen würde. Auch wenn man das Verhältnis der beiden zueinander nur in seinen Erinnungen mitbekam, so fand ich es schön, von ihrer Zuneigung zu lesen. Ebenso schön fand ich die „Unterstützung“, die die Verstorbene ihrem Mann mit auf den Weg gegeben hat und in welcher Form sie sich manifestierte. Außerdem musste ich sehr über „Foxx’s Techniques of Michelangelo“ schmunzeln – das wäre ein Bildband, den ich auch gern einmal studieren würde.

Sofie Bird: „A“ is for Alacrity, Astronauts, and Grief
Eine Geschichte über eine Schwester im Koma, einen liebevollen Vater, eine toxische Mutter und einen Neffen, den die Protagonistin beschützen will. Ich mochte die Idee mit der Schreibmaschine, die kryptische Nachrichten zu schreiben scheint, wenn man auf ihr tippt, und die kleinen Andeutungen über die Zukunft der Familie. Auf der anderen Seite denke ich nicht, dass mir diese Geschichte lange in Erinnerung bleiben wird, obwohl sie bei mir den einen oder anderen Nerv getroffen hat.

Laura Resnick: The Spiel of the Glocken
Der Protagonist erlebt einen aufregenden Morgen, inklusive Büffelherde, Mammut, dem Aufmarsch einer Armee und der Annäherung an eine Barista, die er schon seit Wochen näher kennenlernen will. Eigentlich eine nette Geschichte, aber für mich waren die darin eingestreuten deutschen Brocken etwas irritierend, weil das für mich keine Atmosphäre schafft, sondern eher das Gefühl gibt, dass da jemande seine Vokabeln noch einmal hätte nachschlagen müssen. Ebenso verwirrte mich ein vom Münchner Marienplatz inspiriertes Glockenspiel, das den Rattenfänger von Hameln zeigt, ein Gänseliesel-Brunnen und das jährliche Oktoberfest – ich bin vermutlich einfach zu norddeutsch, um damit leben zu können, dass all das in einen Topf geworfen wird. 😉

Amy Griswold: The Passing Bell
Die Geschichte mochte ich wirklich gern! Dieses Mal sind es Kirchenglocken, die den Tod eines Menschen melden, bevor dieser wirklich gestorben ist – was natürlich dazu führt, dass die Bewohner des Ortes ihre eigenen Mittel finden, um dafür zu sorgen, dass diese Todesankündigung auch die passende Person trifft. In diesem Fall ist die „passende Person“ ein durchreisender Seefahrer, der am Ende eine angemessene Lösung für die verfluchten Glocken findet. Ich mochte die Erzählstimme, die Grundidee und das Ende – für mich eine rundum stimmige Geschichte, bei der ich trotz der unheimlichen Elemente mehr als einmal beim Lesen geschmunzelt habe.

Laura Anne Gilman: Destination Ahead
In Laura Ann Gilmans Geschichte „Destination Ahead“ ist das Gerät, das „temporally out of order“ ist, das GPS von Shan und Jack. So finden sich die beiden gemeinsam mit ihrer achtjährigen Tochter am Ende ihrer Fahrt zwar beim Haus der Schwiegermutter, auch wenn sie nicht am vereinbarten Tag dort ankommen. Ich mochte die Geschichte, obwohl ich die Reaktion der Hausherrin auf ihre Besucher aus der Zukunft nicht ganz stimmig fand, aber ein paartherapierendes GPS ist eine wirklich nette Idee für so eine Anthologie.

Susan Jett: Where There’s Smoke
Ich muss gestehen, dass ich bei dieser Anthologie zum ersten Mal ernsthaft überlege, was die Herausgeber dazu bewogen hat, die Geschichten in genau dieser Anordnung zu veröffentlichen. In dieser Geschichte ist es ein paartherapierender Rauchmelder, dessen Zeitgefühl nicht ganz korrekt zu sein scheint und der damit das Leben (und die Beziehung) von Jack und Neil rettet. Nett und unterhaltsam, aber mir vom Grundthema her etwas zu nah an der vorhergehenden Geschichte, um sie wirklich genießen zu können.

Gini Koch: Alien Time Warp
Diese Geschichte spielt in der Welt der „Alien/Katherine (Kitty) Katt“-Serie der Autorin, was dazu geführt hat, dass ich zu Beginn – weil ich die Romane nicht kenne – Probleme hatte, die Erzählstimme und die Ereignisse zuzuordnen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto selbstständiger fühlte sich das Ganze an, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass man diese Geschichte nur dann so richtig schätzen kann, wenn man mit den dementsprechenden Hintergründe der Serie vertraut ist. Ich finde es ja immer faszinierend, dass manche Autoren es hervorragend hinbekommen, dass mich ihre Kurzgeschichten neugierig auf die Serien machen, in deren Welten sie spielen, und andere scheitern nicht nur daran, meine Neugier zu wecken, sondern scheinen ihre Kurzgeschichten auch nicht so schreiben zu können, dass sie ohne HIntergrundwissen funktionieren …

Chris Barili: Cell Service
In dieser Geschichte ist der Autor auf die ungewöhnliche Idee gekommen, gleich fünf veraltete Handys als „paartherapierende“ Geräte zu nehmen. Ich bin wirklich verwundert, wie viele Autoren in dieser Anthologie dieses Thema aufgreifen (und dass den Herausgebern gleich drei Geschichten mit diesem Aspekt nicht zu viel waren). Immerhin ist es sehr nett zu lesen, wie der Protagonist anhand der alten Geräte die wichtigsten Momente seiner zehnjährigen Ehe noch einmal erlebt und lernt, was er in der Vergangenheit hätte anders machen müssen, um seine Beziehung zu erhalten.

Stephen Leigh: Temporally Full
„Temporally Full“ wird aus der Sicht von Tom erzählt, der zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten wieder in Cinncinati ist, um nach dem Tod seines Vaters dessen Haushalt aufzulösen. Tom hatte sich vor zwanzig Jahren von seinem Vater entfremdet und trotz all der bitteren Erinnerungen an seine Jugend bereut er es nun, dass er in all der Zeit nicht versucht hat, die Unstimmigkeiten mit seinem Vater zu klären. Ich mochte, dass dieses Mal ein Parkhaus „temporally out of order“ war, gerade angesichts der Tatsache, dass eine Corvette der letzte Anlass war, der das eh schon fragile Verhältnis zwischen Tom und seinem Vater zerstörte. Die Geschichte war überraschend berührend und ich habe sie wirklich gemocht.

Juliet E. McKenna: Notes and Queries
Eine nette und kurze Geschichte über eine musizierende Studentin, ungewöhnliche Banknoten und einen Bankautomaten, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Mehr als nett kann ich dazu eigentlich nicht sagen, aber ich habe die Geschichte gern gelesen und am Ende gehofft, dass sich alles so entwickelt, wie die Protagonistin Ellie es sich erträumt.

Jeremy Sim: Temporally Out of Odor – A Fragrant Fable
„Temporally Out of Odor“ ist eine wirklich ungewöhnliche Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird. Auf der einen Seite erlebt man aus der Sicht von Philip die Probleme mit einem Kunden, der nach einem Autounfall eine Nasenprothese benötigt, auf der anderen Seite lernt man Walter kennen, der nach einem Unfall ohne seine verstorbene Frau Ana weiterleben muss. Beide Charaktere habe ich nicht auf Anhieb als liebenswert empfunden, aber ich mochte sie am Ende sehr – ebenso wie die Idee, dass dieses Mal eine Nase(nprothese) das Objekt ist, das in einer anderen Zeitebene zu sein scheint. Das war nicht nur schön zu lesen, sondern auch eine angenehm überraschende Handlung zum Abschluss der Anthologie.

Kelly Barnhill: Dreadful Young Ladies and Other Stories (Anthologie)

Die Anthologie „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ habe ich mir ziemlich „blind“ gekauft, nachdem ich den Roman „The Girl Who Drank the Moon“ so wundervoll fand. Lustigerweise stellte ich dann beim Aufschlagen des Buchs fest, dass ich die erste Geschichte schon online gelesen und sehr genossen hatte (und die letzte Geschichte hatte ich schon in einer anderen Ausgabe als Einzelband gekauft). „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ beinhaltet die Geschichten „Mrs. Sorensen and the Sasquatch“, „Open the Door and the Light Pours Through“, „The Dead Boy’s Last Poem“, „Dreadful Young Ladies“, „The Taxidermist’s Other Wife“, „Elegy to Gabrielle – Patron Saint of Healers, Whores and Righteous Thives“, „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“, „The Insect and the Astronomer: A Love Story“ und „The Unlicensed Magician“, wobei die einzelnen Geschichten -. von der letzten abgesehen, die 113 Seiten lang ist – einen Umfang von zwanzig bis dreißig Seiten haben.

Die Geschichten sind thematisch alle sehr unterschiedlich, obwohl sie alle märchenhaft-fantastische Elemente beinhalten. Und jede von ihnen beweist, wie gut Kelly Barnhill mit Worten umgehen und was für eindringliche Atmosphären sie mit ihren Sätzen erschaffen kann. Von der Handlung scheinen die Geschichten nicht sehr viel gemeinsam zu haben und doch habe ich in jeder einzelnen eine Variante von Liebe gefunden, die ich mal bezaubernd, mal erschreckend und dann wieder faszinierend fand. Obwohl weder „The Girl Who Drank the Moon“, noch „The Witch’s Boy“ frei von grausamen und schrecklichen Elementen waren, fand ich diese Anthologie häufig deutlich düsterer als die beiden von mir gelesenen Romane der Autorin. Ich muss zugeben, dass mir persönlich die Geschichten mehr lagen, die zwar trotz all der skurrilen Elemente und Entwicklungen eine „einfacher“ zu erfassende Handlung boten – nachgeklungen haben aber alle Geschichten und Charaktere in mir, und sie haben dafür gesorgt, dass mir auch ein paar Tage nach dem Lesen immer wieder Szenen oder Figuren in den Sinn kamen.

„The Unlicensed Magician“ war die Geschichte, die mich am ehesten noch an die bislang gelesenen Romane erinnerte – wahrscheinlich, weil die Länge einer Novelle einfach eine andere Erzählweise möglich macht als eine klassische Kurzgeschichte, aber ich fand es faszinierend, wie sehr sich der Umfang bei Kelly Barnhill auf die Schreibweise auswirken kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Kurzgeschichten mehr Raum zum Experimentieren ermöglichen und deshalb dort mehr Unterschiede bei der Erzählweise zu finden sind. Ich mochte zum Beispiel sehr, wie man bei „Open the Door and the Light Pours Through“ anfangs von den Dingen liest, die sich ein Ehepaar gegenseitig in Briefen anvertraut – und von denen, die sie für sich behalten und vor dem Partner/der Partnerin geheimhalten, bis sich immer mehr unheimliche Begebenheiten in die Geschichte schleichen.

Doch vor allem fasziniert es mich bei Kelly Barnhill immer wieder, wie sie vertraut wirkende Sachen vermischt, wie sie märchenhafte Elemente in einen anderen Rahmen setzt oder eben reale Dinge auf fantastische Weise weiterspinnt. Am Ende war ich dann manchmal schon fast etwas erschrocken darüber, wie unterhaltsam ich zum Beispiel „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“ fand, obwohl die Autorin weder mit Ronia Drake noch mit den Personen in ihrem Umfeld zimperlich umging. Ich fand es spannend, mich auf die verschiedenen Geschichten, Welten und Figuren einzulassen, und ich habe die Sprache und Atmosphäre jedes Mal wieder genossen. Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen, aber das ist bei Anthologien ja eigentlich grundsätzlich der Fall. Ich fand die, die mir nicht so zusagten, aber immerhin faszinierend, und es war auch da interessant zu sehen, wie Kelly Barnhill die Geschichte aufbaute und welche überraschenden Elemente sie dieses Mal wieder verwendete. Solange ihr nicht erwartet, dass „Dreadful Young Ladies and Other Stories“  mit Varianten von „The Girl Who Drank the Moon“ aufwartet, sondern euch gern auf sehr unterschiedliche, manchmal amüsante, häufig düstere Geschichten voller skurriler Elemente einlassen mögt, solltet ihr einen Blick in die Anthologie werfen.

Joseph Nassise (Hrsg.): Urban Enemies (Anthologie)

Richtige Anthologie-Rezensionen gibt es bei mir ja eigentlich nicht, dafür einen Post, in dem ich meine Eindrücke zu den Kurzgeschichten einer Veröffentlichung sammle. „Urban Enemies“ hat als Grundthema die Bösewichte der verschiedenen Romane/Romanreihen der jeweiligen Autoren. Dabei gibt es zu Beginnn einer jeden Geschichte eine kurze Einführung, in der man darüber informiert wird, welche Rolle der Protagonist in seiner Welt spielt.

Jim Butcher: Even Hand
Protagonist „Gentleman John Marcone“ gehört von Anfang an zu der Welt von Harry Dresden, und obwohl die beiden eigentlich Feinde sind, haben sie sich im Laufe der Zeit oft genug zwangsweise verbünden müssen, um einen noch größeren gemeinsamen Gegner zu besiegen. In „Even Hand“ wird John Marcone von Justine (die Teil des Hofes der Weißen Vampire ist) um einen Gefallen gebeten, den er – um seine wenigen selbstgesteckten Regeln nicht zu brechen – nicht abschlagen kann. Die Geschichte an sich fand ich unterhaltsam und ich frage mich, ob in einem der nächsten Harry-Dresden-Bände (wenn denn jemals ein weiterer Band erscheint) noch einmal ein Verweis darauf erscheint. Grundsätzlich finde ich es aber sehr bedauerlich, dass Jim Butchers Kurzgeschichten in der Regel nur dann verständlich und nicht spoilernd sind, wenn man bei den Harry-Dresden-Romanen auf dem akutellen Stand ist. Wer also noch nicht den aktuell letzten Band der Reihe gelesen hat, sollte die Finger von dieser Kurzgeschichte lassen, wenn er sich nicht einige Überraschungen verderben möchte.

Kelley Armstrong: Hounded
In „Hounded“ greift Kelley Armstrong mit dem namenlosen Protagonisten eine Figur aus ihrer Cainsville-Serie auf. Der Erzähler ist ein ehemaliges Mitglied der walisischen Form der „Wilden Jagd“, und er befindet sich auf der Suche nach einem neuen Hund. Um den von ihm ausgewählten Hund in seinen Besitz zu bringen, greift der Huntsman zu schrecklichen Mitteln, während man als Leser Stück für Stück mitverfolgen kann, wie er seinem Ziel immer näher kommt. Ich mochte den Erzählton von Kelley Armstrong in dieser Geschichte und ich muss zugeben, dass mich die wenigen Details zu der fantastischen Welt, in der „Hounded“ spielt, neugierig gemacht haben. (Allerdings schrecken mich oft die Andeutungen rund um die Beziehungen in ihren Büchern ab, weshalb ich bislang noch keinen Roman von ihr gelesen habe …)

Jeff Somers: Nigsua Na Tesgu
Jeff Somers‘ wunderbar böse Kurzgeschichte erzählt in groben Zügen die Lebensgeschichte einer ustari, einer Magierin, deren Macht von Blutopfern gespeist wird, von dem Moment an, an dem sie das erste Mal sah, wie Magie gewirkt wurde, bis zu dem Tag, an dem sie alles opfern musste, um im Kampf gegen zwei andere ustari zu überleben. Ich fand diese Kurzgeschichte gut geschrieben, unterhaltsam und sehr böse, muss aber auch zugeben, dass ich keine weiteren Geschichten aus der Welt des „Ustari Circle“ lesen muss.

Craig Schaefer: Sixty-Six Seconds
In „Sixty-Six Seconds“ bringt Craig Schaefer (wenn ich nach der Einleitung gehen kann *g*) Elemente aus gleich zwei seiner Serien („Harmony Black“ und „Daniel Faust“) ein. Da ich bislang keinen Roman des Autors kenne, habe ich beim Lese das Gefühl gehabt, ich könnte viele kleine Dinge nicht richtig einschätzen. Aber die Grundidee (ein Dämon besetzt eine menschliche Leiche, um flüchtige Dämonen zurück in die Hölle zu bringen) fand ich nicht schlecht, der Erzählton gefiel mir auch und die skrupellose neue Assistentin, die der Protagonist Fontaine in diese Geschichte bekam, hat auch Potenzial für einige wunderbar böse Szenen. (Beim nächsten Mal würde ich die Anfangsszene allerdings lieber nicht beim Frühstück lesen …)

Lilith Saintcrow: Kiss
Irgendwie ist es schon spannend, wie viele Autoren ich vor allem aus Anthologien kenne (und häufig auch mag) und bei wie wenigen ich am Ende zu den Romanen greife – wobei ich zugeben muss, dass Lilith Saintcrows Erzählstimme grundsätzlich nicht so mein Ding ist und ich normalerweise nicht mal sagen kann, woran das genau liegt. Hier allerdings konnte ich genau den Finger auf das legen, was mich so sehr störte, dass ich zum Schluss kaum noch Erinnerungen an die Handlung hatte: Die nicht korrekte Verwendung von deutschen Wörtern hat mich beim Lesen von „Kiss“ wirklich kirre gemacht! Die Autorin verwendet für ihre Geschichte (die in Dresden im Februar 1945 spielt) immer wieder deutsche Wörter, die es entweder so nicht gibt (oder jemals gab, soweit ich das beurteilen kann), die nicht in der korrekten grammatischen Form verwendet wurden (und ja, ich weiß, dass das für Leute mit anderen Muttersprachen sehr schwer ist) oder die gar keine deutschen, sondern englische Wörter waren, die (angeblich) deutsche Wurzeln haben. Hätte sie da nur einen Fehler gemacht (und den meinetwegen auch wiederholt), dann hätte ich das niedlich gefunden, aber da sich dieses Problem durch die gesamte Geschichte zog und bei fast jedem „deutschen“ Wort auftauchte, hat es mich beim Lesen zu sehr abgelenkt, um mich wirklich auf die Handlung konzentrieren zu können. Ist es denn wirklich so schwierig, jemanden zu finden, der den Gebrauch von Fremdwörtern in einer Geschichte überprüft?!

Kevin Hearne: The Naughiest Cherub
Diese Kurzgeschichte spielt in der Welt des Eisernen Druiden und wird aus der Sicht von Loki erzählt – ich gebe zu, diese Information bringt mir wenig, da ich den Eisernen Druiden bislang nur aus Kurzgeschichten kenne. Auf jeden Fall besucht in dieser Geschichte Loki Lucifer in der Hölle, und ich muss zugeben, dass mir weder der Erzählton noch die Handlung gefielen. Vermutlich hätte ich beides besser würdigen können, wenn ich die Romane kenne würde, aber so fand ich das Ganze in erster Linie langweilig. Auch wenn es für meinen Geldbeutel gut ist, wenn mich eine Kurzgeschichte nicht neugierig auf weitere Texte eines Autors macht, ist es doch in meinen Augen nicht im Sinne einer Anthologie, wenn man mit einer Geschichte ohne Vorwissen nichts anfangen kann.

Caitlin Kittredge: The Resurrectionist
Auch hier hatte ich keine Ahnung von der Welt, auf der diese Kurzgeschichte basiert, aber obwohl Höllenhunde und Dämonen eigentlich nicht mein Thema sind, mochte ich nicht nur die Handlung, sondern bin ich auch verflixt neugierig auf die „Hellhound Chronicles“ der Autorin geworden. Ich mochte den noir-Erzählton, ich mochte den Protagonisten, der zwar in der Romanreihe ein Gegner der Protagonistin Ava ist, hier einem aber – auch dank seines desillusionierten Blicks auf die Welt – schnell ans Herz wächst. und ich mochte die überraschende und schreckliche Auflösung am Ende der Geschichte. Obwohl ich mir schon vor zwei Jahren vorgenommen hatte, mehr von Caitlin Kittredge zu lesen, hatte ich die Autorin wieder aus den Augen verloren. Umso spannender fand ich es, dass ich Ava, die mir 2016 in einer anderen Anthologie schon mal begegnet war, bei ihrem wirklich winzigen Auftritt in dieser Geschichte auf Anhieb wiedererkannte. Zwei Kurzgeschichten mit kleinen Auftritten, zweimal ein positiver Eindruck – jetzt muss ich wohl wirklich den ersten Band der Reihe auf die Anschaffungsliste setzen. 😉

Joseph Nassise: Down Where the Darkness Dwells
Joseph Nassise bleibt bei mir immer eher als Herausgeber von Anthologien hängen als als Autor, denn obwohl ich weiß, dass ich von ihm schon andere Kurzgeschichten gelesen habe, kann ich nicht mal sagen, welche Figuren oder Welten ich schon von ihm kenne – oder ob es überhaupt mehrere davon gibt. Trotzdem habe ich „Down Where the Darkness Dwells“ gern gelesen. In der Geschichte begleitet man Simon Logan in eine alte Höhle, in der ein Maya-„Schatz“ zu finden sein soll. Da seine Begleiter nicht sehr vertrauenswürdig sind, muss Simon einige unvorhergesehene Herausforderungen bewältigen, die ihn am Ende zum nächtigsten Nekromanten der USA machen werden. Ein Hauch von Indiana Jones, ein Handel, den man sich selbst kurz vor seinem Tod gut überlegen sollte, und ein Ende, bei dem man sich fast darüber freuen kann, wenn ein Bösewicht die Oberhand bekommt – doch, das war nett zu lesen.

Carrie Vaughn: Bellum Romanum
Die Radiomoderatorin Kitty kenne ich schon aus der Geschichte, die Carrie Vaughn zusammen mit Diana Rowland in „Urban Allies“ veröffentlicht hat. Da ich darüber aber nicht viele Hintergründe zu ihrer Urban-Fantasy-Welt bekam, war mir Kittys Gegenspieler, der Vampir Roman, bislang kein Begriff. In „Bellum Romanum“ erfährt der Leser, wieso Roman (bzw. der römische Centurio Gaius Albinus) sich die Vernichtung der Welt zum Ziel gesetzt hat und welche Schritte er schon ganz am Anfang seines untoten Lebens unternahm, um dieses Ziel zu erreichen. Kein sympathischer Protagonist, aber trotzdem ein interessanter Einblick in sein Denken, der mich noch ein bisschen neugieriger auf die Kitty-Norville-Romane gemacht.

Jonathan Maberry: Altar Boy
Auch von Jonanath Maberry habe ich schon einige Geschichten gelesen, aber obwohl sie mir in der Regel zugesagt haben, ist er kein Autor, von dem ich mir Romane besorgen würde. Das liegt in erster Linie daran, dass ich nur militärische Urban Fantasy von ihm kenne und Militärgeschichten lese ich eigentlich nur, wenn ich keine Auswahl habe oder das Thema sehr ungewöhnlich aufgegriffen wird. In „Altar Boy“ erlebt man eine Geschichte rund um „Troys“ – einem Mann, der früher aus den besten Motiven heraus zu einem der Bösen wurde und nun alles versucht, um Buße zu tun, was nicht so einfach ist, wenn einen die Vergangenheit einholt. Die Geschichte hatte was. Obwohl Troys nicht der sympathischste Charakter ist, hatte ich am Ende aufgrund der Entscheidungen, die er treffen musste, Mitleid mit ihm, und das ist mehr, als ich zu Beginn der Geschichte erwartet hatte.

Faith Hunter: Make It Snappy
Gleichförmige Vampirgeschichten gab es in den letzten Jahren ja genug und gerade die Variante, in der es einen supermächtigen Herrscher über ein Gebiet gibt, der Menschen als Blutsklaven hält und dessen Existenz durch uralte Rivalitäten geprägt zu sein scheint, geht mir ziemlich auf die Nerven. Umso überraschender ist es, dass ich diese Kurzgeschichte rund um Leo Pellissier, den „Vampire Master of the City of New Orleans“, trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit in der Handlung mochte. Mir gefiel der Erzählton von Faith Hunter ebenso wie das Verhältnis zwischen Leo und einigen seiner Verbündeten – und gerade weil ich das unter den Voraussetzungen nicht erwartet hatte, habe ich deshalb die Geschichte umso mehr genossen.

Jon F. Merz: Chase the Fire
Von diesem Autor hatte ich vorher noch nichts gelesen und nach dieser Geschichte habe ich auch nicht das Bedürfnis, mehr zu lesen. In der Geschichte gibt es eine nicht-untote Vampirvariante, die sich anscheinend im Geheimen und parallel zur Menschheit entwickelt hat, und die Handlung dreht sich anscheinend um zwei Widersacher des Protagonisten der dazugehörigen Romanreihe, von denen einer versucht, dem anderen ein Artefakt zu stehlen, das ihm große Macht bringen wird. Ohne ausreichende Hintergründe zur Welt und zu den Figuren fühlte ich mich etwas aufgeschmissen als Leser, was dazu führte, dass mir das Schicksal des Erzählers ebenso gleichgültig war wie die Pläne seines potenziellen Opfers. Das Ganze hat mich nicht mal neugierig auf die Romane des Autors gemacht …

Diana Pharaoh Francis: Unexpected Choices
Auch wenn ich mich wiederhole: Ich mag Diana Pharaoh Francis‘ Art, eine Geschichte zu erzählen (obwohl ich immer wieder kritisierenswerte Aspekte in ihren Werken finde). „Unexpected Choices“ gehört zu der „Hornblade Witches“-Reihe, was es mir leicht gemacht hat, in die Handlung zu finden, da ich die Romane (vor einigen Jahren) gelesen habe. In dieser Kurzgeschichte gehen zwei der Nebenfiguren – genauer gesagt eine anscheinend skrupellose Hexe und ein hochmütiger Engel – ein ungewöhnliches Bündnis ein, um ein rätselhaftes Ding zu stehlen. Ich glaube, dass man die Geschichte auch ohne das Hintergrundwissen um die Romane genießen kann, kann das aber natürlich nicht wirklich beurteilen. Mir persönlich hat es gefallen, mehr über diese beiden Figuren zu erfahren und zu sehen, wie sie miteinander umgehen, und ich habe mich sehr über die Gespräche zwischen den beiden amüsiert.

Steven Savile: Reel Life
In gewisser Weise hat ein Autor, der einen „Enemy“ zur Hauptfigur seiner Geschichte macht, alles richtig gemacht, wenn ich den Protagonisten auf den ersten Blick nicht leiden kann. Dummerweise hat es mir diese Tatsache schwer gemacht, mich überhaupt auf die Handlung (und die Welt) einzulassen. Seth ist eine Person, der gewinnen wichtiger ist als alles andere, und so ist es nicht verwunderlich, dass er die Frau, die er „liebt“, in erster Linie besitzen wollte, weil sein Bruder sie begehrte. Als er sie endlich in seiner Gewalt hatte, war Gewalt alles, womit er auf ihre Abneigung gegen sich reagieren konnte. Wie schon bei „Urban Allies“ hatte ich auch hier das Gefühl, dass mir das Wissen aus den Romanen fehlt, um die Figuren und ihr Handeln wirklich einordnen zu können. So hat mir „Reel Life“ ein paar interessante Ideen geboten, aber insgesamt fühlte ich mich beim Lesen etwas verloren (und abgestoßen vom Protagonisten).

Domino Finn: The Difference Between Deceit and Delusion
Das war meine erste Geschichte von Domino Finn und ich muss zugeben, dass ich die Erzählweise ebenso mochte wie den Einsatz verschiedener westafrikanischer Elemente – wobei ich nicht beurteilen kann, wie stimmig diese Dinge aufgegriffen und für diese Urban-Fantasy-Geschichte verwendet wurden. Die Handlung dreht sich um einen nicht-menschlichen „Bodyguard“, seine beiden afrikanischstämmigen Mitarbeiter und eine Gefahr für das Geschäft seines Auftraggebers. Die Geschichte ist nicht schön, sehr blutig und brutal, aber gerade aufgrund der Abgebrühtheit des Protagonisten auch irgendwie sehr cool gewesen.

Seanan McGuire: Balance
Obwohl ich die „Cuckoos“ – „telepathic ambush predators“, die vom Wesen her gern mit Wespen in Menschengestalt verglichen werden –  schon aus der InCryptid-Reihe der Autorin kenne, bin ich mir sicher, dass man „Balance“ auch sehr gut ohne das Vorwissen genießen kann. Die Protagonistin dieser Geschichte erzählt einem ganz genau, wo ihre Rasse herkommt, wie sie überleben und welche Vorlieben sie ganz persönlich hat. Aber man erfährt auch, welche Gefahren es für die „Cuckoos“ mit sich bringt, wenn jemand ihre wahre Natur entdeckt. Sehr böse geschrieben und sehr gut! 🙂

Sam Witt: Everywhere
Sam Witt gehört zu den Autoren, die ich bislang nur von „Urban Allies“ kenne, aber da mochte ich seine Redneck-Urban-Fantasy-Welt und seine Figur, den Night Marshall, sehr gern. In „Everywhere“ bekommt man die Geschichte aus der Perspektive des Long Man geschildert, der vor langer Zeit ausgesand wurde, um die Menschheit vor großem Bösen zu beschützen, sich aber im Laufe dieses ewig währenden Krieges selbst in etwas Böses verwandelte. Die Grundidee ist definitiv nicht neu, aber ich mag Sam Witts Erzählweise und die Hoffnungslosigkeit, die in dieser Geschichte mitschwang.

***

Wenn ich überlege, wie gut mir die Geschichten in „Urban Allies“ gefallen hatten, bin ich am Ende etwas überrascht davon, wie gemischt mein Eindruck von „Urban Enemies“ ist. Es gab einige Autoren, deren Geschichten ich wirklich genießen konnte, aber oft hatte ich auch das Gefühl, ich wüsste zu wenig über die Hintergründe der jeweiligen Fantasywelt oder über die Figuren, um etwas mit der Handlung anfangen zu können. Es wäre vermutlich für mich interessanter gewesen, wenn auch bei „Urban Enemies“ jeweils zwei Autoren an einer Geschichte geschrieben hätten. Trotzdem war es mal wieder spannend, eine Anthologie mit so unterschiedlichen Autoren und Geschichten zu lesen! 🙂

Joan Aiken: The Serial Garden – The Complete Armitage Family Stories

„The Serial Garden“ von Joan Aiken beinhaltet die vollständige Sammlung ihrer Geschichten rund um die Familie Armitage. Laut dem Vorwort ihrer Tochter Lizza entstanden die ersten Ideen zu den Abenteuern der Armitages, als Joan Aiken als Mädchen auf langen Spaziergängen ihren kleinen Bruder unterhalten wollte. Als Teenager hat sie dann die erste Geschichte („Yes, but Today is Tuesday“) an die BBC verkaufen können und sechzig Jahre später – nachdem sie schon viele weitere Episoden aus dem Leben der Familie Armitage erzählt hatte – hat Joan Aiken den Prolog und die letzten Geschichten rund um die Armitages geschrieben, um die Abenteuer der Familie abzurunden und die gesammelten Kurzgeschichten in einem Band mit dem Titel „The Serial Garden“ veröffentlichen zu können. Bevor ich diese Sammlung las, kannte ich nur eine der vielen Kurzgeschichten, und mir war nicht bewusst, dass sie zu einer ganzen Reihe von Anekdoten über diese Familie gehörte.

Ich muss zugeben, dass ich absolut hingerissen von diesen amüsanten und skurrilen Geschichten rund um die Familie Armitage bin und all die fantastischen und ungewöhnlichen Elemente liebe, die Joan Aiken da eingebaut hat. Das Ganze beginnt während der Flitterwochen von Mr. und Mrs. Armitage, als Mrs. Armitage darüber nachdenkt, wie das Leben wohl aussehen müsste, damit es wirklich zu einem „living happily ever after“ kommt. Als sie dann noch am Strand einen Wunschstein findet, wünscht sie sich ein Haus (mit mindestens einem Geist), zwei Kinder (inklusive Feen-Patentante) und ein Leben voller magischer Elemente – nur an Montagen, aber nicht an jedem Montag und nicht nur am Montag, weil es sonst zu vorhersehbar und damit wieder langweilig würde. Ich muss gestehen, dass der Prolog, in dem diese Ereignisse geschildert werden, schon deutlich macht, dass Mr. Armitage mit einem ganz normalen, unmagischen Leben mindestens ebenso zufrieden (vermutlich sogar zufriedener) gewesen wäre, aber irgendwie gehört es ja auch zu solchen Geschichten dazu, dass einer nicht so ganz glücklich über all die unvorhersehbaren und fantastischen Elemente im Leben ist.

In den folgenden Episoden gibt es Personen, die immer wieder auftauchen, wie bestimmte Nachbarn oder Angestellte, aber auch ein Haufen Charaktere, die nur für ein bestimmtes Ereignisse eingeführt werden. Da es Joan Aiken gelingt, jede vorkommende Figur mit ein paar Worten oder Dialogzeilen so klar zu charakterisieren, dass man sich sofort ein Bild von ihr machen kann, ist es überhaupt kein Problem, dass das Personal in den Geschichten so häufig wechselt. Angesichts all der Vorfälle, die im Umkreis der Familie Armitage passieren, ist es eher ein Wunder, dass es überhaupt Personen gibt, die all das über Jahre hinweg mitmachen und kein Problem damit haben, dass sie regelmäßig in Tiere verwandelt werden oder Zeuge aufsehenerregender magischer Vorfälle werden. Wobei die kleinen und fast alltäglichen Elemente in Joan Aikens Geschichten eigentlich überwiegen und das Lesen gerade deshalb so viel Spaß macht, weil die Autorin es schafft, dass man es als ganz selbstverständlich empfindet, dass die Nachbarin eine „Old Fairy Lady“ ist oder dass ein Einhorn im Garten grast.

Ich habe all die vielen kleinen und größeren Abenteuer, die sich in der Regel um die Kinder Mark und Harriet Armitage drehen, sehr genossen. Ich weiß nicht, ob ich selbst so gelassen damit umgehen würde, wenn auf einmal Einhörner meinen Garten überfluten, Furien in meinem Kohlenkeller überwintern wollen oder das Gebäck der Nachbarin dafür sorgt, dass das Schiff kentert, in dem ich mich gerade befinde, aber gerade die Tatsache, dass die Armitages so pragmatisch mit all diesen Vorfällen umgehen, sorgt immer wieder für wunderbare, amüsante und überraschende Wendungen in der Geschichte. Am Ende des Buchs war ich nicht nur sehr glücklich mit all den gelesenen Geschichten (obwohl nicht alle gleich großartig geschrieben sind, machen sie doch alle viel Spaß beim Lesen), sondern wünschte mir sogar, es gäbe ein bisschen mehr Alltagsmagie in meinem Leben. Vielleicht nicht gerade eine temperamentvolle Hexe alte Feendame als Nachbarin oder duellierende Druiden im Garten … aber ein höflicher Geist im Dachgeschoss klingt gut oder ein Einhorn zum Reiten – solche Elemente stelle ich mir schon sehr nett vor.

Christopher Golden (Hrsg.): Dark Cities (Anthologie)

Da ich in den letzten Jahren festgestellt habe, dass ich es mag, wenn ich auf dem Blog einen Beitrag habe, in dem ich kurze Bemerkungen zu den verschiedenen Kurzgeschichten einer Anthologie gesammelt habe, gibt es auch einen zu „Dark Cities“. In dieser Anthologie sind so einige Autoren versammelt, die ich mag, aber es gibt natürlich auch wieder welche, die ich noch gar nicht kenne oder bei denen ich das Gefühl habe, ich kann sie immer noch nicht so recht einschätzen. Aber genau das ist ja auch das Spannende an Kurzgeschichtensammlungen. 😉

Scott Smith: The Dogs

Die Handlung wird aus der Sicht von Rose erzählt, die regelmäßg in New York Männer trifft und die Nacht mit ihnen verbringt. Sie mag es, wenn diese Männer sie in Restaurants ausführen, die sie sich selbst nie leisten könnte, und es ist ihr egal, dass diese Begegnungen immer nur für eine Nacht sind. Eine Nacht verbringt Rose mit einem Typen, dessen Hund sie (indem er in ihrem Kopf mit ihr redet) davor warnt, dass der Mann sie ermorden will – womit der Hund nicht ganz unrecht hat, aber natürlich steht so einiges mehr hinter den Mordabsichten des Herrn. Die Grundidee der Geschichte mochte ich eigentlich, auch wenn die Handlung an sich spätestens ab dem Punkt vorhersehbar wurde, an dem Rose mit dem Hund ins Gespräch kommt.

Aber die Erzählweise hat mich recht unberührt gelassen (was ich bei einer Horrorgeschichte wirklich bedenklich finde) und es gab eine Szene in der Geschichte, die ich absolut wiederwärtig fand und die so – meiner Meinung nach – nur von einem Mann geschrieben werden konnte. Diese eine Szene trägt nichts zur Handlung bei, was nicht auf anderem Wege hätte erreicht werden können, und „erzwungener Sex als Mittel, um eine Frau gefügig zu machen“ gehört zu den Dingen, die ich nicht lesen will. Was dazu führt, dass ich am Ende der Geschichte ziemlich sauer war, dass dieser Aspekt überhaupt in „The Dogs“ vorkam und dass gerade diese Geschichte aus Auftakt der Anthologie gewählt wurde. (Mein Mann hat dazu angemerkt, dass Ekel als Horrorelement nicht unüblich ist und der Autor ja mit meiner Reaktion auf die Szene sein Ziel erreicht hätte – ich will so etwas trotzdem nicht lesen!)

Tim Lebbon: In Stone

Nachdem ich so unzufrieden mit der Auftaktgeschichte war, hat es einige Wochen gedauert, bis ich „Dark Cities“ wieder in die Hand nahm. Aber mit „In Stone“ wartete eine ganz andere Art von Geschichte auf mich, und das fand ich sehr angenehm. Die Handlung wird von einem Mann erzählt, dessen bester Freund Nigel vor einiger Zeit gestorben ist. Seit Nigels Tod kann der Erzähler nicht mehr schlafen und streift deshalb nachts allein durch London. Bei diesen nächtlichen Spaziergängen begegnet ihm eines Tages eine merkwürdige Frau, deren Verhalten ihn in den folgenden Tagen intensiv beschäftigt. Richtig gruselig ist die Geschichte nicht, aber sie spielt auf interessante Weise mit der Idee der menschenfeindlichen Stadt – bei mir hat das zu einigen absurden Gedankenspielen geführt und sowas mag ich ja.

Helen Marshall: The Way She is with Strangers

Eine Geschichte über eine Stadt voller Menschen, die ihren Weg verloren haben, und über eine Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Menschen den Weg zu weisen. Ich bin mir auch eine ganze Weile nach dem Lesen noch nicht sicher, was ich von dem Ganzen halte, aber ich mochte die melancholische Atmosphäre der Geschichte und die Art und Weise, in der sie erzählt wurde.

M. R. Carey: We’ll always have Paris

„We’ll always have Paris“ wird erzählt von Inspector Philemon, der – kurz nach dem erfolgreich geschlagenen Krieg gegen Zombies – gegen einen Serienmörder ermittelt. Die Opfer wurden an verschiedenen Orten der Stadt gefunden, und jedes einzelne starb an einer ungewöhnlichen Kopfverletzung, doch es scheint – von der Todesart abgesehen – keine Verbindung zwischen den Toten zu geben, so dass der Inspector auch nach dem vierzehnten Opfer noch keine Spur zum Täter hat. Was eine normale Kriminalgeschichte sein könnte, bekommt hier durch den Schauplatz und den vor einiger Zeit geführten Krieg gegen Zombies in einen besonders düsteren Touch, den ich wirklich mochte. Auch gefiel mir die Wendung am Ende, die zwar nicht total überraschend kam, aber zu einer stimmigen Entwicklung bei Insector Philemon führte.

Cherie Priest: Good Night, Prison Kings

Eine überraschend coole Geistergeschichte rund um „seven pretty kittens and two prison kings“ oder auch um eine verstorbene Frau, ihr Leben und ihre Familie. Doch, die Geschichte gefiel mir.


Scott Sigler: Dear Diary

Irgendwie erinnert mich „Dear Diary“ an „In Stone“ (die zweite Geschichte in der Anthologie). Aber während „In Stone“ atmosphärisch war und meine Fantasie befeuert hat, fand ich „Dear Diary“ deutlich weniger reizvoll, was an der Vorhersehbarkeit der Handlung und dem Charakter des Protagonisten lag. Insgesamt war die Geschichte vor allem deprimierend und wenig gruselig.

Amber Benson: What I’ve always done

Gut erzählte, coole Geschichte über einen „Fixer“ und warum Monster sich nicht verlieben sollten. (Ich weiß nicht, ob Amber Benson im Laufe der Zeit einfach besser wurde als Autorin, oder ob mir ihre Kurzgeschichten einfach nur mehr liegen als ihre Romane, aber je kürzer die bislang gelesenen Geschichten, desto mehr habe ich sie genossen.)

Jonathan Maberry: Grit

Da ich von Jonathan Maberry nur Kurzgeschichten aus verschiedenen Anthologien kenne, fällt es mir immer schwer, seine Figuren einzuordnen. Diese Kurzgeschichte gehört zu den Monk-Addison-Geschichten, von denen ich bislang keine andere gelesen habe, und es gelingt dem Autor, eine schöne noir-Note in die Erzählung zu bringen. Die Hauptfigur ist ein Privatdetektiv, der zwar hauptsächlich Kautionsflüchtlinge jagt, dessen „Nebenjob“ sich aber mit deutlich düstereren Aspekten des Lebens beschäftigt. Ich mochte die Idee mit den Tätowierungen (auch wenn ich die eine oder andere Frage zum Thema Hygiene hätte 😉 ) und den Geistern, aber obwohl ich seine Figuren und Ideen mag, fällt mir immer wieder auf, dass Johnathan Maberry doch eher für eine männliche Zielgruppe schreibt.

Kasey Lansdale und Joe R. Lansdale: Dark Hill Run

Die Grundidee mochte ich eigentlich. Der Protagonist Johnny möchte sich das Rauchen abgewöhnen (unter anderem deshalb, weil er Läufer ist,) und geht deshalb zu einem Hypnotiseur. Doch obwohl durch die Hypnose die Nikotinsucht verschwindet, findet dadurch auch etwas vor langer Zeit Verdrängtes wieder einen Weg in Johnnys Leben. Die Vorgeschichte war nett erzählt und die Bedrohung, die in Laufe der Handlung auftaucht, war auch ganz gut beschrieben. Aber die Lösung für Johnnys Problem lag so sehr auf der Hand, dass ich beim „spannenden Showdown“ nur darauf wartete, dass der entscheidende Punkt endlich kommt – was definitiv zu Lasten der Spannung ging.

Simon R. Green: Happy Forever

Eine wunderbar bitter-böse Geschichte um einen professionellen Dieb und die Dinge im Leben, die man nicht stehlen sollte. Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, um nicht zu spoilern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mit dem Einstieg in die Geschichte leichte Probleme hatte …

Paul Tremblay: The Society of the Monsterhood

Die Handlung spielt in einer rauen Gegend und wird ausgelöst durch vier Kinder, die dank eines Stipendiums jeden Morgen abgeholt werden, um in einer Privatschule unterrichtet zu werden. Diese „Bevorzugung“ der Kinder löst eine Entwicklung aus, die einen darüber nachdenken lässt, wer in so einer Nachbarschaft das größte Monster ist und wie solche Monster entstehen. Sehr gute Geschichte mit überraschender Wendung und einem nachdenklich machenden Ende.

Nathan Ballingrud: The Maw

Atmosphärische und verstörende Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird und bei der ich mir auch einige Tage nach dem Lesen nicht sicher bin, was ich davon halte (und wie der Autor begründen will, dass der Hund dem „Ruf“ gefolgt ist).

Tananarive Due: Field Trip

Eine eigentlich ganz normale Szene in der U-Bahn mit wunderbar unheimlichen Untertönen und ebenso beängstigenden Gedanken der Erzählerin. Sehr cool.

Christopher Golden: The Revelers

Eine Kurzgeschichte über Freundschaft und wie sie sich verändern kann. Ich muss gestehen, dass ich ein Problem mit den Figuren hatte, weil diese Feierabend-/Wochenend-Party-Besäufnis-Drogen-Welt auf mich noch nie einen Reiz ausgeübt hat. Ich mochte aber die Bilder, die die Geschichte heraufbeschworen hat und die mich an viele (alte) Filme erinnerten, die ich gern mag. Das Ende der Geschichte hingegen war eher deprimierend und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Ramsey Campbell: Stillness

Diese Geschichte hat mir wieder mal gezeigt, dass ein Autor dafür sorgen muss, dass mich seine Figuren interessieren, damit die Handlung mich packen kann. Dummerweise war mir der Protagonist Donald ziemlich egal, weil ich ihn vor allem langweilig fand. Er arbeitet in einem Charity-Laden, verbringt seine Abende mit Essen und Musikhören und gehört einem Buchclub an, der sich einmal im Monat trifft. Erst als er sich eines Tages über eine „lebendige Statue“ vor dem Laden aufregt, ändert sich sein Leben und er fühlt sich regelrecht von dieser gruseligen „Statue“ verfolgt. So unheimlich ich die Grundidee finde, so wenig hat mich Donalds Schicksal interessiert, und so hat mich die Geschichte auch nicht packen können.

Kealan Patrick Burke: Sanctuary

Erzählt wird die Geschichte von einem zehnjährigen Jungen, dessen größtes Hobby das Zeichnen und Schreiben ist. Die Handlung spielt an einem Sonntag, an dem der Junge seinen Vater (der nach der Kirche immer in der Kneipe versackt) zum Essen holen soll, und die Umgebung, die der Junge beschreibt, ist wirklich gruselig. Ein verlassener Stadtteil voller Schimmel und Moos, abgestorbener Bäume und Menschen ohne Hoffnung, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und doch verloren sind … Am Ende kann man sich nicht ganz sicher sein, welcher Teil der fantastischen und gruseligen Geschichte „real“ ist und welcher nicht, oder welcher Teil in welcher Zeitebene spielt, aber gerade das macht den Reiz von „Sanctuary“ aus.

Sherrilyn Kenyon: Matter of Life and Death

Überraschend lustige Geschichte, wenn man bedenkt, dass „Dark Cities“ eine Horror- bzw. Dark-Fantasy-Anthologie ist. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Lektorin Elliott, die zu Beginn von „Matter of Life and Death“ froh darüber ist, dass ihre Star-Autorin verstorben ist, auch wenn sie nicht weiß, welche Auswirkungen das finanziell auf den Verlag haben wird. Aber die Aussicht, nie wieder etwas mit dieser anstrengenden und gehässigen Frau zu tun haben zu müssen, hellt Elliotts Laune sehr auf – bis auf einmal Nachrichten von der verstorbenen Autorin eintreffen. Ein bisschen hatte ich am Ende das Gefühl, dass da eine Autorin ihre unterdrückten Gefühle gegenüber Lektoren sehr genussvoll in allen Facetten ausgelebt hat. 😀

Seanan McGuire: Graffiti of the Lost and Dying Playces

Sehr atmosphärischer und bedrückender Text über Gentrifizierung und das Sterben einer Stadt – aus der Sicht einer Protagonistin, die ihr Viertel früher so sehr geliebt hat und nun ausharren will, bis die letzten Spuren des früheren Lebens erloschen sind …


Nick Cutter: The Crack

Uhhh … Die Geschichte fand ich heftig, allein deshalb schon, weil das Thema Gewalt gegen Kinder für sich genommen schlimm genug ist und es gar nicht mal den Horroraspekt in der Handlung benötigte, damit einem das Ganze unter die Haut geht.

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Mit Anthologien verlasse ich eher mal meine Komfortzone und in der Regel finde ich darin – unabhängig vom Thema – spannende und faszinierende Geschichten. Auch „Dark Cities“ hatte einige wunderbar atmosphärische Texte zu bieten und Autoren, deren Erzählweise, Charaktere und Ideen mich auf unterschiedliche Weise gut unterhalten haben. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich am Ende von „Dark Cities“ vor allem mal wieder zu dem Schluss gekommen bin, dass Horror und Dark Fantasy eher weniger meine Genres sind. Denn je besser solch eine Geschichte ist, desto länger hält das unangenehme Gefühl beim Lesen an, desto länger drehen sich meine Gedanken um Elemente der Handlung – und das sind in der Regel keine Dinge, die ich in meinen Alltag mitnehmen möchte.

Stephanie Burgis/Tiffany Trent (Hrsg.): The Underwater Ballroom Society (Anthologie)

„The Underwater Ballroom Society“ ist eine von Stephanie Burgis und Tiffany Trent herausgegebene Anthologie, die aus einem Austausch der beiden Autorinnen über den „Underwater Ballroom at Witley Park“ auf Twitter entstand. Ich habe Mitte März überraschenderweise das eBook gewonnen, da ich den Newsletter zu der Anthologie abonniert hatte – offiziell wird der Titel erst am 30. April veröffentlicht – und da ich bei solchen Sammlungen gern beim Lesen meine Gedanken zu den einzelnen Geschichten aufschreibe, gibt es wieder einen Blogpost zu dem Titel.

1. „The Queen of Life“ von Ysabeau S. Wilce

Bei „The Queen of Life“ fand ich sowohl die Welt, in der die Geschichte spielt, als auch die Erzählweise sehr eigen und musste mich erst einmal darauf einlassen. Nachdem ich aber beim Aufstieg der Band „Love’s Secret Domain“ angekommen war und verfolgen musste, wie der Bassist Robert Mynwar von dem Elfenkönig Oberon entführt wurde, hatte mich die Handlung gepackt. Ich mochte das wunderbar atmosphärische Treffen zwischen der Musikerin Sylvanna de Godervya und dem geheimnisvollen Jungen an einer Kreuzung ebenso wie die Rolle, die der dicke Corgi in den folgenden Passagen übernahm, und fand die Szene im Ballsaal der Feen sehr berührend. Doch das Beste war die Entwicklung der Protagonistin und die Art und Weise, wie die Geschichte endete. Das hat mir so viel Freude bereitet, dass ich direkt im Anschluss „Flora Segundas magische Missgeschicke“ von der Autorin in der Bibliothek auf die Merkliste gesetzt habe, um zu schauen, ob es da ebenso viele ungewöhnliche und atmosphärische Elemente zu finden gibt.

2. „Twelve Sisters“ von Y. S. Lee

„Twelve Sisters“ spielt zwölf Jahre, nachdem die zwölf Prinzessinnen ihre zertanzten Schuhe an den Nagel hängen und zusehen mussten, wie die Älteste von ihnen den Soldaten heiratete, der ihr Geheimnis aufdeckte. Schon im ersten Absatz wird deutlich, dass dieser Soldat seiner Frau in den vergangenen Jahren kein guter Ehemann war, dass er sie misshandelte und gegen ihren Willen dafür gesorgt hat, dass sie nun zum zwölften Mal schwanger ist. Doch nicht nur Prinzessin Anya leidet unter dem Soldaten, sondern das gesamte Königreich – und es wird noch schlimmer werden, wenn der todkranke König erst verstorben ist und der Soldat das Reich erbt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der jüngsten Prinzessin (Ling), die sich in den vergangenen Jahren nicht nur um ihren Vater und die älteste Schwester gekümmert hat, sondern auch um die verzauberte Welt, in der die Schwestern Nacht für Nacht tanzten. Ich fand Lings Perspektive (und ihre Prioritäten im Leben) wunderbar, ich mochte die märchenhafte und doch erschreckend realistische Atmosphäre dieser Geschichte sehr und ebenso gefiel mir die Lösung, die Y. S. Lee für die Prinzessinnen gefunden hat. Dummerweise hat das dazu geführt, dass ich mir prompt den Debütroman der Autorin („The Agency: A Spy in the House“) auf den Wunschzettel gepackt habe.

3. „Penhallow Amid Passing Things“ von Iona Datt Sharma

Das war eine wunderschöne Geschichte über eine Schmugglerin (Penhallow), den gleichnamigen Ort, für den sie verantwortlich ist, und die Gesetzeshüterin (Trevelyan), die an der Küste Dienst tut – und darüber, dass die beiden Frauen so viel verbinden könnte, wenn sie nicht auf gegensätzlichen Seiten des Gesetzes stünden. „Penhallow Amid Passing Things“ spielt in einem England, in dem die Magie nur noch Legende ist, auch wenn einige von den älteren Leuten immer noch hoffen, dass die Magie eines Tages wieder zurückkommt. Diese Sehnsucht nach Magie und das Gefühl, Unrecht verhindern zu müssen, ist es dann auch, die Penhallow und Trevelyan über ihren Schatten springen lässt und das ist wunderschön (und amüsant) zu verfolgen. Nur gut, dass die Autorin noch keinen Roman geschrieben hat, sonst hätte ich einen weiteren Zugang auf der Wunschliste zu verzeichnen …

4. „Mermaids, Singing“ von Tiffany Trent

Eine wunderschön erzählte Geschichte, die im viktorianischen London spielt und aus zwei Perspektiven erzählt wird. „Mermaids, Singing“ ist voller atmosphärischer Elemente wie dem Chinesischen Viertel und magischer Dinge wie Gestaltwandlern, Einhörnern, Harpyien, Meerjungfrauen und dem dazu passenden unheimlichen Zirkus. Die Bösewichte erinnern mich an Mommy Fortuna zu ihren mächtigsten Zeiten (inklusive passendem Partner), während die Protagonisten (wenn man davon absieht, dass der männliche Part ein Gestaltwandler ist) angenehm normal sind und vor allem aufgrund ihrer guten Zusammenarbeit und der wohlverdienten Unterstützung von höherer Stelle am Ende Erfolg haben. (Und da „The Unnaturalist“ von Tiffany Trent in derselben Welt zu spielen scheint und mir die Charaktere ebenso wie die Erzählweise in dieser Kurzgeschichte so gut gefallen hatten, ist gleich ein weiteres Buch auf die Wunschliste gewandert.)

5. „A Brand New Thing“ von Jenny Moss

So unterschiedlich die Geschichten sind, so sehr mag ich sie doch bislang alle – auch „A Brand New Thing“ von Jenny Moss rund um Eve, die so ganz anders ist als der Rest der Familie (von der ominösen Tante Dorothy mal abgesehen). Eve hat so ihre Eigenarten, deshalb fällt es ihr schwer, eine Arbeit zu unterbrechen, weil sie sie erst beenden muss, bevor sie sie zur Seite legen kann, sie tippt dreimal auf eine Türklinke, bevor sie sie benutzt, und sie versteht den Sinn hinter all den Konventionen der höheren britischen Gesellschaft so gar nicht. Während ihre Familie kurz vor der Hochzeit ihrer Schwester Edith besonders darauf bedacht ist, dass Eve sich nicht immer so schrecklich seltsam verhält, entdeckt zur selben Zeit Eve eine magisch wirkenden Ballsaal unter dem Teich auf dem Anwesen ihres Vaters. Ich habe die Perspektive von Eve so sehr gemochte, ebenso wie ihre Entwicklung im Laufe der Geschichte und die Tatsache, dass der Ballsaal nicht die Lösung für Eves Probleme beinhaltet. Ich würde wirklich gern mehr über Eve und ihr weiteres Schicksal lesen …

6. „Four Revelations from the Rusalka Ball“ von Cassandra Khaw

Vier Enthüllungen über Dinge, die man bei einem Rusalka Ball sehen oder erleben kann. Keine Geschichte, aber kleine, skurrile und magische Dinge, die die Fantasie des Lesers anheizen.

7. „Spellswept“ von Stephanie Burgis

Die Kurzgeschichte Spellswept erzählt davon, wie Amy und Jonathan, die ich schon aus dem Titel „Snowspelled“ kenne, zusammenkamen. In der Welt, die Stephanie Burgis hier entworfen hat, liegt die politische Macht in den Händen der Frauen, während die Männer (als emotionaleres Geschlecht) Magie lernen und mit dieser ihre Frauen bei ihrer Arbeit unterstützen. Für eine junge Frau wie Amy, die ihr Leben lang darauf hingearbeitet hat, eine politische Karriere zu verfolgen, kommt es also überhaupt nicht in Frage, einen Mann wie Jonathan, der über keinerlei magische Ausbildung verfügt, zu heiraten. Während Amy also eigentlich plant, auf dem Frühlingsball ihre Verlobung mit Lord Llewellyn bekanntzugeben, lernt sie im Laufe des Abends, dass es manchmal nötig ist, nicht den traditionellen Weg einzuschlagen, um ein Ziel zu erreichen. So eine süße Liebesgeschichte, voller amüsanter Momente und unglaublich rührender Szenen. Ich mag die Figuren und ich mag die Welt, die Stephanie Burgis da geschaffen hat. (Und im Gegensatz zu „Snowspelled“, das mir viel zu kurz war, fand ich hier die Länge der Geschichte für die Handlung auch passend.)

8. „The River Always Wins“ von Laura Anne Gilman

Ich mochte an dieser Geschichte sehr, dass der „Ballsaal“ dieses Mal ein Punk-Club kurz vor dem Abriss war. Ein Punk-Club voller übernatürlicher Gestalten aus den unterschiedlichsten Mythologien, die zum letzten Mal den Ort besuchen, an dem sie in ihrer Jugend all ihre Aggressionen rauslassen konnten. Dummerweise bringt dieses letzte Mal auch so einige Erinnerungen an frühere Zeiten zurück, die nicht ganz so erinnerungswert sind. Sehr interessante Variante einer Sirene, sehr atmosphärisch erzählte Geschichte und eine tolle Freundschaft zwischen zwei ungewöhnlichen Frauen. (Keine neue Autorin für die Wunschliste, da Laura Anne Gilman da schon länger draufsteht … 😉 )

9. „The Amethyst Deceiver“ von Shveta Thakrar

Eine Geschichte über eine ungewöhnliche symbiotische Gemeinschaft und über die Industrialisierung und ihre Folgen für die Natur. Und auch eine Geschichte über das Leben als Kind eines englischen Vaters und einer indischen Mutter in einem Land, in dem die höhere Gesellschaft diese Mutter und ihre Kinder wohl niemals als ebenbürtig ansehen wird, unabhängig davon, wer ihr Vater ist und wie sie sich benehmen. Sehr schöne fantastische Elemente – ich fand es toll, dass Pilze hier für mehr als nur den klassischen Feenkreis stehen -, starke Erzählstimme, deren Beweggründe und Gefühle mich schnell gepackt haben, und eine wunderbare Wendung am Ende. Ich mag die ungewöhnliche Idee hinter der Geschichte und würde gern mehr über die verschiedenen Pilze lernen.

10. „A Spy in the Deep“ von Patrick Samphire

„A Spy in the Deep“ ist eine Geschichte, die in der „Regency Mars“-Welt des Autors spielt und sich um Harriet George dreht, die mitten in der Ausbildung zur Spionin für die Britisch-Marsianische-Regierung steckt. Um zu beweisen, was sie in den vergangenen Monaten alles gelernt hat, soll Harriet eigenständig (wenn auch unter Aufsicht) eine einfache Mission bewältigen – bei der natürlich alles schiefläuft, was schieflaufen kann. Ich fand die Geschichte sehr unterhaltsam, ich mochte die Charaktere (also die, die auch sympathisch sein sollten) und ich habe es genossen, Harriet bei der Durchführung ihrer Mission zu verfolgen. Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich aber erstaunlich große Probleme mit der Vorstellung von einer Britisch-Marsianischen-Gesellschaft, in der es auf der einen Seite im Jahr 1816 Krieg mit Napoleon gibt und auf der anderen Seite der Mars durchgehend besiedelt ist (inklusive einheimischer „Marsianer“, die vor vielen Jahrtausenden von der Erde dorthin ausgewandert waren). Das ist definitiv mein ganz persönliches Problem und liegt nicht an der Erzählweise von Patrick Samphire – die ist so unterhaltsam, dass ich nun um die erste Geschichte rund um Harriet George herumschleiche, weil ich wissen will, was es mit dem „Gläsernen Phantom“ auf sich hat.

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Insgesamt war ich wirklich sehr glücklich mit „The Underwater Ballroom Society“. Es gibt nur selten Anthologien, bei denen ich durchgehend so zufrieden mit den Geschichten bin, mich so gut unterhalten fühle und so viele neue Autoren auf meine Merkliste setze. Die verschiedenen Kurzgeschichten sind wunderbar vielfältig, es gibt ein angenehm diverses Figurenspektrum, sehr viele ungewöhnliche fantastische Grundideen und immer wieder überraschende Wendungen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht!

John Joseph Adams (Hrsg.): Dead Man’s Hand – An Anthology of the Weird West

Die Anthologie „Dead Man’s Hand“ hatte ich mir im Oktober 2015 besorgt, nachdem ich die Kurzgeschichten in der „Westward Weird“-Anthologie so spannend fand und herausfand, dass es auch in der zweiten Anthologie eine Geschichte rund um Jonathan Healy und Frances Brown (deren erste Begegnung in „The Flower of Arizona“ („Westward Weird“) beschrieben wurde) gibt. Aber als ich dann mit dieser Anthologie anfing, fand ich die Geschichten im Vergleich zu denen in „Westward Weird“ nicht so ansprechend und habe das Weiterlesen erst einmal sein gelassen. Im Umzugsstress wurde es dann wieder Zeit für Kurzgeschichten und so habe ich mich an diesen Band erinnert und noch einmal angefangen. Um meine Erinnerungen an die diversen Autoren und ihre Geschichten festzuhalten, gibt es diesen Beitrag – denn was bringt es, Autoren mit Kurzgeschichten auszuprobieren, wenn ich mich später nicht mehr genau erinnern kann, ob mir ihre Erzählweise gefällt.

1. „The Red-Headed Dead – A Reverend Jebediah Mercer Tale“ von Joe R. Lansdale
Die Geschichte, die mir den Einstieg in die Anthologie so schwer machte. Der Protagonist ist ein Reverend, der im Auftrag Gottes unterwegs ist – und zwar nicht, um zu missionieren, sondern um Böses (in diesem Fall einen Vampir) zu bekämpfen. Ich fand Reverend Mercer eher unsympathisch und sein Kampf mit dem Vampir hat mich auch beim zweiten Lesen kalt gelassen. Komischerweise fand ich sein Pferd am interessantesten – und das stirbt auf der zweiten Seite …

2. „The Old Slow Man and His Gold Gun From Space“ von Ben H. Winters
Sehr gemächlicher Anfang rund um zwei nicht gerade intelligente Goldgräber, die nicht viel Glück mit ihrem Claim haben, bis ein Außerirdischer ihnen ein unglaubliches Angebot macht. Trotz des netten Twists am Ende muss ich gestehen, dass ich einen Tag, nachdem ich die Geschichte gelesen hatte, schon Probleme hatte, mich daran zu erinnern.

3. „Hellfire on the High Frontier“ von David Farland
Eine interessante Welt, die auf viele historische Ereignisse und Figuren verweist, aber zusätzlich über Magie, „Clockworks“ (künstlich geschaffene Soldaten mit eigenem Willen) und Engel verfügt. Den Protagonisten fand ich sympathisch, die Geschichte selber – vor allem das Ende – deprimierend. Irgendwie sagt mir die Auswahl bei dieser Anthologie bislang nicht so zu, ich vermisse den Humor, den es bei „Westward Weird“ zwischendurch gab. Immerhin weiß ich, dass noch ein paar Autoren kommen werden, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe.

4. „The Hell-Bound Stagecouch“ von Mike Resnick
Mike Resnicks Humor liegt mir häufig (wenn er nicht gerade zu bemüht wirkt) und so fand ich die Geschichte rund um vier – sehr höfliche und angenehme – Reisende in einer Kutsche auf dem Weg zur Hölle auch sehr nett und unterhaltsam. Nur mit dem Schluss bin ich nicht ganz so zufrieden, dem fehlt es einfach an Raffinesse.

5. „Stingers and Strangers“ von Seanan McGuire
Insgesamt gibt es vierzehn Kurzgeschichten rund um Jonathan Healy und Frances Brown – und diese ist die vierte davon. Da ich an die erste Geschichte nicht rankam, weil die Anthologie in einem Karton schlummerte, habe ich mir nur die zweite und dritte Geschichte, die auf meinem eReader gespeichert sind, noch einmal durchgelesen, bevor ich mit dieser weitermachte. Je mehr Seanan McGuire über diese beiden Figuren schreibt, desto mehr Spaß machen sie mir. Und hier gibt es nicht nur schöne Dialoge zwischen Jonathan und Fran, sondern auch die Entdeckung einer – bislang für Jonathan und seine Familie – unbekannten Spezies, die noch ein wichtige Rolle ihrem Leben spielen wird. Sehr cool!

6. „Bookkeeper, Narrator, Gunslinger“ von Charles Yu
In dieser Geschichte dreht es sich alles um einen Buchhalter, der – ohne selbst zu wissen, wie es geschieht – zu einem berühmten Revolverhelden wird. Die Geschichte selbst fand ich ganz reizvoll, aber am Ende war ich etwas ratlos. Eigentlich fühlte sich das Ganze an, als wäre es die Vorgeschichte zu einem Roman oder sogar einer Serie, die nur funktioniert, wenn man mit dem Roman schon vertraut ist. Aber ich habe online keine Hinweise auf eine dementsprechende Veröffentlichung gefunden.

7. „Holy Jingle“ von Alan Dean Foster
Von Alan Dean Foster habe ich schon viele Romane gelesen, die ich sehr mochte, auch wenn es kein Autor ist, den ich noch gezielt verfolge. (Er hat einfach so viel geschrieben, dass ich es damals – auch aufgrund der deutschen Veröffentlichungspolitik – schwierig fand, einen Überblick über seine Romane zu bekommen.) Bei „Holy Jingle“ hatte ich wie bei der vorherigen Geschichte das Gefühl, dass sie zu einem Roman oder gar einer Romanreihe gehört, aber trotzdem kann die Handlung gut für sich stehen. Den Protagonisten fand ich interessant, die Erzählweise hat mir auch gefallen, allerdings hätte ich gern eine andere Problemlösung gesehen – auch weil die vom Autor verwendete nun mal ein bisschen zu sehr auf der Hand lang, wenn es um eine Geschichte rund um einen Mann geht, der von einer Prostituierten besessen ist.

8. „The Man with no Heart“ von Beth Revis
Sehr coole Geschichte rund um einen Spieler, eine mechanische Spinne und die Suche nach Antworten. Hat mir wirklich gut gefallen.

9. „Wrecking Party“ von Alastair Reynolds
Etwas merkwürdige, aber nicht uninteressante Geschichte, die sich für mich (vermutlich, weil ich aus zeitlichen Gründen drei Tage zum Lesen brauchte) etwas hingezogen hat. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht eines Sheriff, der nach vielen Jahren einen alten Kriegskameraden wiedersieht – und sich nicht sicher ist, ob dieser verrückt ist oder „nur“ einen ganz besonderen Blick auf kommende Ereignisse erhaschen konnte. Den Protagonisten fand ich sympathisch, die Grundidee interessant, allerdings fehlte mir ein bisschen der Kick am Ende der Geschichte.

10. „Hell from the East“ von Hugh Howey
Protagonist in dieser Geschichte ist ein Mann, der nach all den Schlachten, die er ausgefochten hat, keine andere Beschäftigung kennt als den Dienst in der Armee. Doch eines Tages gibt es einen Vorfall in dem Fort, in dem er stationiert ist, und als er mehr darüber herausfinden will, sorgen die Ereignisse für ein Ende seiner Militärkarriere. Das Ganze hat schon eine etwas lovecraftsche Anmutung und war nett zu lesen.


11. „Second Hand“ von Rajan Khanna
Interessante Geschichte rund um einen Kartenspieler und seinen Lehrling. Wobei sich schnell herausstellt, dass beide keine einfachen Kartenspieler sind und eine ganz spezielle Mission verfolgen … Nett geschrieben, mit einem Ende, das nichts Gutes für die Zukunft der beiden Protagonisten hoffen lässt, was die Handlung schön böse ausklingen lässt.

12. „Alvin and the Apple Tree“ von Orson Scott Card
Eine Kurzgeschichte, die Teil der „Alvin“-Serie des Autors ist. Da ich die nicht kenne, war ich etwas überrascht über den Ton und die biblischen Bezüge, habe mich aber gut unterhalten gefühlt. Allerdings frage ich mich, ob ich in den 80ern die deutlichen christlichen Anspielungen in seinen Romanen übersehen hatte oder ob das zu Beginn seiner Karriere nicht so extrem war. Er gehört auf jeden Fall zu den vielen SF-Autoren, die ich in meiner Jugend angetestet und positiv in Erinnerung behalten hatte, um dann nie wieder einen Roman von ihnen zu lesen. *g*

13. „Madam Damnable’s Sewing Circle“ von Elizabeth Bear
Die Geschichte ist weniger eine Kurzgeschichte als der Prolog zu Elizabeth Bears Roman „Karen Memory“. Um den Roman schleiche ich schon eine Weile drumherum und nun fand ich dummerweise die Erzählerin sympathisch und die Welt interessant, so dass der Roman nun doch endlich auf dem Wunschzettel gelandet ist. Aber eine Jack-the-Ripper-Story, die in einem unterirdischen Teil eines Goldgräber-Steampunk-Seattle spielt und eine sympathische Protagonistin präsentiert, beinhaltet einfach zu viele Elemente, um nicht für mich interessant zu sein. 😉


14. „Strong Medicine“ von Tad Williams
Interessante Idee rund um einen Ort, in dem alle 39 Jahre etwas Ungewöhnliches passiert, bei der ich mich aber frage, ob man nicht noch etwas mehr daraus hätte machen können. Auf der anderen Seite mochte ich eigentlich gerade die Punkte, die nicht so gut ausgearbeitet waren, weil sie mir Stoff für eigene Ideen beim Lesen gaben. Doch vor allem frage ich mich, was der Protagonist in den kommenden Jahren noch erleben wird – und Neugier auf das weitere Schicksal einer Figur ist nie schlecht.


15. „Red Dreams“ von Jonathan Maberry
Eine sehr coole Geschichte über die Gedanken nach einer Schlacht, den Weg eines Soldaten und die Frage, was am Ende nach all den Toden auf dem Schlachtfeld noch bleibt. (Ich würde gern noch ein bisschen mehr zu der Geschichte schreiben, aber dann müsste ich den Knackpunkt verraten und das wäre ein viel zu großer Spoiler.)

16. „Bamboozled“ von Kelley Armstrong
Diese Geschichte spielt – laut Wikipedia – in der Welt der „Otherworld“-Romane der Autorin, ohne dass es eine konkrete Verbindung zu anderen Figuren oder Ereignissen gibt. Ich muss gestehen, dass ich die Verbindung erst nach dem Lesen gezogen habe und das war gut so, weil ich sonst eine Wendung in der Handlung vermutlich vorhergesehen hätte, die mir so sehr gut gefallen hat. Ich mag die Schreibweise der Autorin und ich mag ihre Figuren – die Geschichte hat Spaß gemacht. 🙂

17. „Sundown“ von Tobias S. Buckell
Eine coole Kurzgeschichte über einen schwarzen Marshall, der einen Mörder jagt. Über den Protagonisten würde ich gern noch mehr lesen, den fand ich sehr interessant (befürchte aber, dass Tobias S. Buckell keine weiteren Geschichten mit ihm geschrieben hat), die Idee hinter der Handlung ist angenehm abgehoben und greift ein Thema von Jules Verne auf, was auch nett ist.

18. „La Madre del Oro“ von Jeffrey Ford
Die Geschichte hatte für mich etwas Lovecraft-haftes – und sei es nur, weil der Protagonist im Nachhinein erzählt, was ihm passiert ist (und dabei davon ausgehen kann, dass ihm eh niemand glauben wird). Die Handlung beginnt mit der Jagd auf einen Mörder in einem kleinen amerikanischen Ort in der Nähe der mexikanischen Grenze und endet mit einer unheimlichen Bedrohung, die nicht so einfach zu vernichten ist.

19. „What I Assume You Shall Assume“ von Ken Liu
Sehr interessante Grundgeschichte rund um einen alten Mann, eine Chinesin und die Kraft der Worte. Ich mochte nicht nur die Handlung an sich, sondern auch die Verknüpfung zwischen dem Wilden Westen und China und die Perspektive der Protagonistin, die für diese Art von Geschichten immer noch ungewöhnlich ist.

20. „The Devil’s Jack“ von Laura Anne Gilman
Wenn ich das richtig sehe, dann gibt es keine Verbindung zwischen „The Devil’s Jack“ und anderen Werken von Laura Anne Gilman. Aber es hat sich angefühlt, als ob hinter Jack eine längere Hintergrundgeschichte stehen würde, was mir gut gefallen hat. Normalerweise bin ich nicht so schnell interessiert, wenn es um Protagonisten geht, die ein Spiel mit dem Teufel verloren haben, aber hier fand ich die Grundidee sehr reizvoll und die Art und Weise, wie Jack damit umgeht, sehr spannend.

21. „The Golden Age“ von Walter Jon Williams
In Walter Jon Williams hatte ich, als ich sah, welche Autoren in der Anthologie vertreten sind, sehr große Hoffnungen gesetzt, weil ich seine „Drake Magistral“-Romane so mochte (also die zwei von drei, die in den 90ern ins Deutsche übersetzt wurden). Zum Glück wurde ich nicht enttäuscht. Er hat für diese Anthologie eine Geschichte geschaffen, deren Protagonist eine wechselhafte Karriere hinter sich gebracht hat und in der es vor skurrilen Figuren und Details wimmelt. Ich fand die Mischung aus Goldrausch, „Superheld“ und „Superschurke“ – und wie sich die beiden Figuren gegenseitig im Laufe der Zeit beeinflussten – in „The Golden Age“ sehr unterhaltsam und hätte Lust, mehr Geschichten zu lesen, die in dieser Welt spielen. Vor allem würde es mich interessieren, was am Ende aus dem Commodore und dem Condor geworden ist … 🙂

22. „Neversleeps“ von Fred van Lente
Für „Neversleeps“ hat Fred van Lente eine Welt geschaffen, in der Magie statt Wissenschaft die entscheidende Rolle spielt und in der die Pinkertons („Neversleeps“ genannt) immer in Dreier-Gruppen agieren – wobei einer der Pinkertons kein Mensch ist. Der Protagonist ist ein ehemaliger Pinkerton und gehört inzwischen einer Rebellengruppe an, die alles dafür tut, um die Wissenschaft wieder auf einen Stand zu bringen, der dafür sorgt, dass sie sich gegen die Magie behaupten kann. Ich mochte die Welt und die Figuren und die vielen Details, die man durch die diversen Nebenbemerkungen und Beschreibungen mitbekam, aber das Ende war mir ein bisschen zu abrupt.


23. „Dead Man’s Hand“ von Christie Yant
„Dead Man’s Hand“ ist weniger eine Geschichte als eine Sammlung von Zeitungsartikeln rund um die Entstehung des Begriffs „Dead Man’s Hand“ für eine bestimmte Kartenkombination beim Pokern und die Verbindung zwischen diesem Blatt und dem Tod von James Butler „Wild Bill“ Hickok. Da ich erst im Nachhinein dazu recherchiert habe, fand ich diese „Kurzgeschichte“ eher irritierend.

Jim Butcher und Kerrie L Hughes (Hrsg.): Shadowed Souls (Anthologie)

Im November hatte ich mir „Shadowed Souls“ gegönnt, weil ich ja eh gern Urban-Fantasy-Geschichten lese und in dieser Anthologie (die von Jim Butcher und Kerrie L. Hughes herausgegeben wurde) sehr viele Autoren vertreten sind, die ich schon kenne und mag. Um meine Erinnerungen an die insgesamt 11 Geschichten festzuhalten, gibt es hier ein paar Stichworte dazu:

1. „Cold Case“ von Jim Butcher
Eine Geschichte, die in Jim Butchers Harry-Dresden-Welt spielt und nur gelesen werden sollte, wenn man die aktuellen Romane kennt, weil sonst zu viel gespoilert würde. Protagonistin der Geschichte ist Molly Carpenter, die in einem kleinen Ort in Alaska auf Ramirez trifft. Da ich beide Figuren kenne und mag, begann die Geschichte für mich mit einem Schmunzeln und endete mit vielen, vielen Tränen … Sehr gut, sehr bewegend, aber es macht mir auch ein bisschen Angst bezüglich der weiteren Entwicklunge in den Harry-Dresden-Romanen.

2. „Sleepover“ von Seanan McGuire
Diese Geschichte spielt in Seanan McGuires InCrypted-Welt und dreht sich um Elsie Harrington, die mir bislang noch nicht persönlich bekannt war, die aber vermutlich in dem nächsten Roman („Magic For Nothing“ – erscheint im März 2017) eine Rolle spielen wird. Elsie wird zu Beginn von „Sleepover“ entführt, weil jemand sie für einen Dämonen hält und ihre Dienste in Anspruch nehmen möchte. Die Geschichte verfügt – wie so oft bei Seanan McGuire – über amüsante, süße und sehr bittere Elemente und hat insgesamt ein deutliches Buffy-Feeling bei mir hinterlassen.

3. „If Wishes Were“ von Tanya Huff
Eine Vicky-Nelson-Geschichte, die nach den „Blood“-Romanen spielt und dementsprechend Spoiler für den Ausgang der Reihe enthält. Das Problem – rund um einen Djinn – ist sehr typisch für Vicky Nelson, ebenso die Auflösung des Problems, so dass bei mir vor allem Vickys Gedanken zum Thema Sterblichkeit und wie weit darf jemand gehen, um eine andere Person zu retten, hängen geblieben sind. Vor allem finde ich es spannend und realistisch, wie sehr Vicky immer wieder in Versuchung geführt wird von all der Macht, mit der sie in Kontakt kommt, während sie zusehen muss, wie Menschen, die ihr am Herzen liegen, leiden. Dabei wäre es so einfach etwas zu unternehmen, wenn man ignoriert, dass die meisten Machtquellen nun einmal bösen Ursprungs sind …

4. „Solus“ von Anton Strout
Die Geschichte gehört zu den Simon-Canderous-Romanen des Autors – und macht mich schon etwas neugierig auf die Reihe. Simon und sein Ausbilder Connor gehören zum „Department of Extraordinary Affairs Other Division – New York’s answer to the underfunded world of paranormal investigation“ (um mal die Homepage des Autors zu zitieren) und müssen in dieser Geschichte ein Schloss von Geistern befreien, damit es dann von einer Marklerin verkauft werden kann. Ich mochte die Form, die die Geistern annahmen, und die Gespräche zwischen Simon und Connor, die sich darum drehten, ob und wann man jemandem vertrauen kann, mit dem man zusammenarbeitet.

5. „Peacock in Hell“ von Kat Richardson
Über Kat Richardson war ich schon beim Herbstlesen gestolpert und hatte mir ihre Harper-Blaine-Bücher gemerkt. Diese Geschichte gehört nicht zu den Greywalker-Romanen, sondern dreht sich um eine Figur mit dem Spitznamen „Peacock“, die engagiert wurde, um jemanden aus der Hölle zu stehlen – und gerade auf den ersten Seiten fühlte ich mich mit der Geschichte sehr verloren, weil ich die Welt und die Figuren so gar nicht zu fassen bekam. Das Ende fand ich zwar schön böse, aber so richtig weiß ich immer noch nicht, was ich davon halten soll.

6. „Eye of Newt“ von Kevin J. Anderson
Die Geschichte gehört zu den „Dan Shamble, Zombie P.I.“-Romanen des Autors. Sie war ganz amüsant, aber auch arg vorhersehbar und hat mich deshalb nicht so ganz überzeugt. Ich weiß nicht warum, aber dieser Autor konnte mich schon nicht so richtig packen, als ich noch als Teenager alles verschlungen habe, dass meine Bibliothek im Fantasy- oder Science-Fiction-Bereich zu bieten hatte. Manchmal passt es einfach nicht …


7. „What Dwells Within“ von Lucy A. Snyder
Wieder eine Kurzgeschichte, die zu einer Serie gehört, dieses Mal zu den Jessie-Shimmer-Romanen, die mir ehrlich gesagt bislang nicht untergekommen waren. Aber da ich Jessie Shimmer und ihren Vertrauten Pat ganz sympathisch fand und die Welt interessant zu sein scheint, habe ich mir den ersten Band mal auf die Merkliste gepackt, obwohl diese Geschichte etwas sehr zäh anfängt, während man mit Jessie durch die Gegend fährt und sie über ihre Situation und das Gefühl, das bald etwas gravierendes passiert, nachdenkt. Ich bin mir zwar sicher, dass ich dank dieser Kurzgeschichte schon das Ende des ersten Romans (wenn nicht mehr) weiß, aber das Ganze klang trotzdem interessant.

8. „Hunter, Healer“ von Jim C. Hines
Soweit ich das beurteilen kann, gehört die Kurzgeschichte nicht zu einem der Romane des Autors (wenn nicht im zweiten oder dritten „Magic ex Libris“-Buch noch etwas kommt, das damit in Verbindung steht). Jim C. Hines hält sich nicht lange damit auf seine Protagonistin Julia vorzustellen, sondern wirft einen gleich in die Handlung rund um einen Serienmörder, der die übernatürlichen Wesen in Julias Stadt attackiert, hinein. Im Laufe der Handlung wird Julia, die seit sehr langer Zeit als Heilerin arbeitet, gezwungen in die Rolle der Jägerin zu schlüpfen – und wieso das so ist und welche Folgen das für sie hat, hat der Autor so beschrieben, dass mir beim Lesen die Tränen kullerten. Sehr lästig, wenn man die Buchstaben kaum noch erkennen kann, aber jetzt sofort wissen will, wie es weitergeht … 😉

9. „Baggage“ von Erik Scott de Bie
Die Figur Vivienne Cain/Lady Vengeance gehört anscheinend zu einer Kurzgeschichten-Reihe des Autors und „Baggage“ ist – wenn ich nach der Homepage gehen kann – die aktuellste Geschichte darin. Lady Vengeance war mal eine Superheldin/Superschurkin und ist nun eine Alkoholikerin, die versucht mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten zurechtzukommen. In dieser Geschichte fühlt sie sich von einem Dämonen verfolgt und wird dann, trotz all ihrer Vorsicht, doch von unerwarteter Seite angegriffen. Das war interessant und ich mochte einige Aspekte bei der Hauptfigur, aber so richtig konnten mich weder die Handlung noch die Protagonistin packen.

10. Sales. Force. von Kristine Kathryn Rusch
Ich kenne die Romane von Kristine Kathryn Rusch zu wenig, um zu beurteilen, ob die Protagonistin Kaylee und die verwendete Urban-Fantasy-Welt von der Autorin schon verwendet wurden (bei der Menge an Veröffentlichungen und Pseudonymen schiebe ich jedes Mal, wenn ich mich mit ihren Arbeiten beschäftigen will, die Recherche auf einen anderen Zeitpunkt). Auf jeden Fall beginnt die Geschichte dramatisch mit dem Tod des Verlobten der Protagonistin und wird dann immer fantastischer, während Kaylee ihre Trauer nutzt, um einen Auftrag für ihre Chefin durchzuführen. Vor allem hatte es mir hier die ungewöhnliche Protagonistin angetan …

11. Impossible Monsters von Rob Thurman
Die Geschichte gehört zu den Cal-Leandros-Romanen von Rob Thurman (noch so eine Reihe, die ich eigentlich weiter verfolgen wollte), kann aber auch ohne Vorwissen aus den Romanen gelesen werden, da die Autorin ihren Protagonisten und seine Situation gründlich einführt, birgt aber dafür Spoiler, wenn man den ersten Band der Reihe noch nicht kennen sollte. Inhaltlich geht es darum, dass Cal seit Jahren eine Liste von Monstern führt, die er regelmäßig überprüft, um zu schauen, ob es nötig wird, diese Monster zu beseitigen, damit sie nicht noch mehr Schaden anrichten. Sehr düster, sehr unschön und in sich sehr stimmig.