Ellen Oh und Elsie Chapman (Hrsg.): A Thousand Beginnings and Endings (Anthologie)

„A Thousand Beginnings and Endings“ ist eine Anthologie, die fünfzehn Neuerzählungen von asiatischen Märchen und Legenden beinhaltet, geschrieben von fünfzehn Autorinnen und Autoren unterschiedlicher asiatischer Herkunft. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen Ellen Oh und Elsie Chapman, dass sie als Kinder Bücher über griechische Mythologie sehr geliebt haben, aber ihnen im Laufe der Zeit auffiel, dass es nichts Vergleichbares für den asiatischen Raum gibt. Wenn asiatische Legenden in Büchern zu finden waren, dann weil sie von nicht-asiatischen Autoren wiedererzählt wurden – und diesen Nacherzählungen fehlte in ihren Augen ein ganz besonderes Element. Jedem einzelnen Beitrag folgt ein Nachwort, in dem die Legende, auf der die Geschichte basiert, vorgestellt wird, und es wird berichtet, welcher Aspekt daraus für die Handlung aufgegriffen wurde.

Roshani Chokshi: Forbitten Fruit
Mit „Forbitten Fruit“ erzählt Roshani Chokshi ihre eigene Version der Geschichte rund um Maria Makiling, die der Schutzgeist des filipinischen Mount Makiling sein soll. Roshani Chokshis Variante der Legenden ist eine bittersüße Liebesgeschichte, in der ein Berg sein Herz an einen Menschen verliert. Ich mochte die Geschichte sehr, – gerade weil ich mir wünschte, dass sie am Ende anders ausgehen würde – allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin sehr weit vom Original entfernt hätte. Die Handlung ist eigentlich sehr vorhersehbar und der Ton sehr märchenhaft. Letzteres gefällt mir eigentlich, aber es gibt dem Kern der Geschichte keine neuen Impulse.

Alyssa Wong: Olivia’s Table
Die Kurzgeschichte „Olivia’s Table“ von Alyssa Wong hat mir sehr gut gefallen (ich muss mal schauen, was die Autorin noch so geschrieben hat). In der Geschichte wird das chinesische Yu Lan (Hungry Ghost Festival – keine Ahnung, wie das auf Deutsch genannt wird) aufgegriffen, wobei Olivia eine chinesische Amerikanerin ist, die nach dem Tod ihrer Mutter deren Rolle als „Exorzistin“ übernimmt und in einer alten Minenstadt für die Geister ein Festmahl ausrichtet. Während das örtliche Hotel Olivia eher für ein Touristen-Spektakel engagiert hat, geht es ihr darum, die Vorfahren zu ehren und sie auch nach dem Tod noch mit gutem Essen glücklich zu machen. Und wenn das dazu führt, dass sie Ruhe und Frieden finden, dann ist es gut so. Ich mochte die Geschichte sehr, weil es nicht nur schön diese chinesische Tradition beschreibt, sondern auch Olivias eigenen Weg, um mit dem Tod ihrer Mutter fertig zu werden, und ihre Suche nach einen Platz im Leben.

Lori M. Lee: Steel Skin
Lori M. Lee greift in „Steel Skin“ eine Geschichte der Hmong (und zwar „The Woman and the Tiger“) auf und erzählt eine SF-Handlung, in der die fünfzehnjährige Protagonistin Yer vor einem Jahr bei einem Aufstand der Androiden ihre Mutter verloren hat. Ihr Vater ist seitdem nicht mehr derselbe, er ist verschlossen, antriebslos und abweisend, obwohl Yer ihn nun mehr den je benötigt. Richtig unheimlich wird es, als er nach einer Reise zurückkommt und sich noch weniger als zuvor um Yer kümmert, bis in ihr der Verdacht aufkommt, dass die Person, mit der sie zusammenlebt, nicht mehr ihr Vater ist … Ich mochte die Geschichte sehr, sie ist voller Wut und Trauer, Freundschaft und Vertrauen und präsentiert ein wirklich überraschendes und cooles Ende.

Sona Charaipotra: Still Star-Crossed
In „Still Star-Crossed“ hat sich Sona Charaipotra von der Geschichte von „Mirza und Sahiba“ inspirieren lassen und sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn diese beiden legendären Figuren heutzutage aufeinanderträfen. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob mir die Geschichte gefällt. Auf der einen Seite mag ich die Protagonistin Taara, auf der anderen Seite finde ich Nick, der sich sicher ist, dass er Taara (wiederer)kennt, etwas zu übergriffig, zu selbstsicher, zu stalkend. Dann wieder finde ich die Wendung am Ende hübsch, bei der Taaras Mutter Amrita von ihrer ersten Liebe erzählt und davon, was damals passiert ist …

Aliette de Bodard: The Counting of Vermillion Beads
In „The Counting of Vermillion Beads“ greift Aliette de Bodard das Grundthema des vietnamesischen Märchens „Tấm Cám“ (in dem es um die Beziehung zweier Schwestern zueinander geht) auf. Doch statt eine Geschichte voller Eifersucht, Mord und Wiedergeburt zu erzählen, bekommt der Leser hier mit Tam und Cam zwei Schwestern präsentiert, die einander nicht besonders ähnlich sind, aber aneinander hängen, aneinander denken und sich gegenseitig stützen – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so zu sein scheint. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich etwas brauchte, um in die Handlung hineinzufinden (aber so geht es mir eigentlich immer bei Texten von Aliette de Bodard).

E.C. Myers: The Land of the Morning Calm
Oh, ich mochte diese Geschichte wirklich! Der Autor erzählt die Handlung aus der Sicht von Sun Moon, deren Mutter vor fünf Jahren starb und deren Großvater fest davon überzeugt ist, er hätte in den letzten Wochen regelmäßig den Geist seiner verstorbenen Tochter gesehen. Mir gefiel diese Mischung aus Geistergeschichte, Online-Rollenspiel (das in einem historischen Korea spielt, in dem sich die Charaktere in Tiere verwandeln können,) und Trauerbewältigung wirklich gut, auch wenn ein paar Wendungen nicht gerade überraschend kamen.

Aisha Saeed: The Smile
Mit „The Smile“ greift Aisha Saeed die Legende von Anarkali auf, der Geliebten eines Prinzen, deren Lächeln dem König verriet, dass sein Sohn ein Verhältnis mit ihr hat. Hier aber wird die Handlung von Naseem erzählt, die offiziell die Konkubine des Prinzen Kareem ist und der erst im Laufe der Zeit bewusst wird, was es bedeutet, dass sie dem Prinzen gehört. Ich mochte nicht nur Naseems Blick auf ihre Position als Konkubine, sondern auch die Nebencharaktere in der Geschichte sehr.

Preeti Chhibber: Girls Who Twirl and Other Dangers
Preeti Chhibber hat das Hinduistische Fest Navrātri in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt und drei Freundinnen, die – wie die Göttin Durgā – für das Gute kämpfen. Nur dass Nirali, Jessica und Jaya bei der Wahl ihres Gegners kein solch gutes Händchen haben wie die Göttin. Ich fand die Geschichte nicht nur sehr unterhaltsam, ich habe es auch genossen von der Freundschaft der drei Mädchen zu lesen und von dem Fest, bei dem eine große indischstämmige Gemeinschaft mit Tanz und Essen zusammen feiert.

Renée Ahdieh: Nothing into All
„Nothing into All“ basiert auf dem koreanischen Märchen „The Goblin Treasure“, das Renée Ahdieh als Kind regelmäßig vorgelesen bekam. So ist es kein Wunder, dass die Geschichte selbst auch sehr märchenhaft von den Geschwistern Charan und Chun erzählt, die sich seit Jahren regelmäßig auf die Suche nach Goblins machen. Dabei dreht sich die Handlung mehr um das Verhältnis zwischen Charan und Chun und darum, wie die Eltern ihre Tochter und ihren Sohn behandeln, als um die Magie der Goblins, was diesem klassischen Märchen von einer Schatzsuche etwas mehr Tiefe verleiht.

Rahul Kanakia: Spear Carrier
Zu „Spear Carrier“ wurde der Autor durch das indische Epos Mahabharata inspiriert, in dem es einen Part gibt, in dem Tausende in einen Kampf ziehen, der zu einem Krieg um die Herrschaft gehört. Von diesen Tausenden überleben nur zwölf die Schlacht, doch statt aus der Sicht der Überlebenden wird diese Kurzgeschichte aus Sicht eines dieser Soldaten erzählt, der von Anfang an weiß, dass er den Kampf nicht überleben wird. Ich muss zugeben, dass ich anfangs mit „Spear Carrier“ nicht so recht warm geworden bin, auch weil ich den Protagonisten nicht gerade sympathisch fand. Erst mit dem angehängten Hinweis des Autors auf das Mahabharata und der Entwicklung, die die Handlung ganz am Ende nimmt, finde ich den Kern der Kurzgeschichte interessant genug, um noch etwas länger darüber nachzudenken.

Melissa de la Cruz: Code of Honor
Für ihre Geschichte greift Melissa de la Cruz die Legenden der philippinischen Aswangs (Vampir-ähnliche Hexen) auf, wobei ihre Protagonistin Aida schon seit langer Zeit nach einem eigenen Ehrenkodex lebt und nun in New York auf der Suche nach Personen ist, mit denen sie sich anfreunden kann. Wirklich einfach ist es nicht, Freundschaften zu schließen, wenn man sich von Blut ernährt und außerordentliche Aggressionsprobleme hat, aber Aida bemüht sich, einen Platz in der Schule zu finden, die sie zu diesem Zweck besucht. Ich fand die Geschichte ganz nett, auch wenn die „überraschende Wende“ am Ende etwas arg vorhersehbar war (selbst dann, wenn man die Blue-Blood-Serie der Autorin nicht kennt, sondern erst nach dem Lesen der Kurzgeschichte beim Recherchieren über die Autorin davon erfährt).

Elsie Chapman: Bullet, Butterfly
„Bullet, Butterfly“ ist eine Neuerzählung der Geschichte „The Butterfly Lovers“, einer chinesischen Romeo-und-Julia-Variante, bei der die beiden Liebenden nicht zueinanderkommen, weil familiäre Verpflichtungen gravierender sind als ihre Gefühle füreinander. Elsie Chapman lässt ihre Geschichte in einer Welt spielen, die von Krieg und Hunger gezeichnet ist und in der das Leben von Teenagern von ihrer Pflicht gegenüber ihrer Familie geprägt ist. Weder der Protagonist Liang noch seine Freundin Zhu haben Einfluss auf ihr Leben, und doch suchen sie nach einem Weg, um beieinander bleiben zu können. Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte wirklich gut erzählt und berührend zu lesen fand, aber das (klassische) Ende frustrierte mich.

Shveta Thakrar: Daughter of the Sun
Auch diese Geschichte wurde von dem indische Epos Mahabharata inspiriert, aber statt wie in „Spear Carrier“ von Krieg und Opfern zu handeln, dreht sie sich um zwei Liebende. Dabei war es Shveta Thakrar wichtig aufzugreifen, dass es die Protagonistin ist, die ihren Liebsten rettet und einen Weg finden, damit sie zusammenbleiben können. Ich fand die Geschichte sehr hübsch zu lesen, auch wenn die Mischung aus altmodischen und modernen Elementen in meinen Augen nicht immer ganz rund war.

Cindy Pon: The Crimson Cloak
Mit „The Crimson Cloak“ gibt Cindy Pon einer Figur eine Stimme, die ihrer Meinung nach in keiner der chinesischen Märchenvarianten, die es über „The Cowherd and the Weaver Girl“ gibt, ausreichend zu Wort kommt. In „The Crimson Cloak“ ist es die siebte Tochter der Himmelskönigin, die eines Tages an einem See einen Mann sieht und ihn näher kennenlernen will, während es in den verschiedenen Märchen er ist, der ihr beim Baden ihren Mantel raubt, damit sie ihn heiraten muss. Ich mochte es sehr, dass die Autorin nicht nur eine Figur zu Wort kommen lässt, die (nach Aussage von Cindy Pon) im Märchen weniger zu sagen hat als der magische Ochse des Protagonisten, sondern auch, dass diese Geschichte so glücklich verläuft, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer Unsterblichen und einem Menschen nun einmal sein kann.

Julie Kagawa: Eyes like Candlelight
Julie Kagawa erzählt die Geschichte von Takeo, der als Kind einen Fuchs rettete und sich als Mann in eine Kitsune verliebt, und der alles dafür tun würde, um sein Dorf vor der Willkür des Daimyo zu retten. „Eyes like Candlelight“ ist eine bittersüße Geschichte und bildet einen melancholischen Ausklang für die Anthologie, gerade weil die Figuren so liebenswert sind.

 

Insgesamt war ich beim Lesen von „A Thousand Beginnings and Endings“ wirklich fasziniert davon, wie viele verschiedene Ansätze hier gefunden wurden, um klassische asiatische Sagen(elemente) neu oder auch nur erneut zu erzählen. Auch wenn ich häufig die moderneren Varianten bevorzugte, gab es doch so einige märchenhafte Nacherzählungen, die ich sehr genossen habe und die mich sehr berührten.

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