Schlagwort: Stephen King

Lawrence Block (Hrsg.): In Sunlight or in Shadow – Stories Inspired by the Paintings of Edward Hopper (Anthologie)

Für diese Anthologie hatte Lawrence Block, der ein großer Fan von Edward Hoppers Gemälden ist, bekannte bzw. mit ihm befreundete Autor*innen gefragt, ob diese Kurzgeschichten schreiben würden, die auf Gemälden des Künstlers basieren.

1. Megan Abbott: Girlie Show

„Girlie Show“ von Edward Hopper zeigt eine nackte, rothaarige Frau auf einer leeren Bühne. Vor der Bühne sind die Köpfe von ein paar Männern zu sehen, deren Blicke auf die Frau gerichtet sind.

Ich muss zugeben, dass ich die davon inspirierte Kurzgeschichte von Megan Abbott nicht gern gelesen habe. Die Handlung dreht sich um Pauline, die seit fast fünfzehn Jahre verheiratet ist, und von Anfang an ist klar, dass ihr Mann ein Mistkerl ist. Mein Problem damit war, dass er so klischeehaft ein Mistkerl ist, dass ich das Gefühl hatte, dass all die Passagen, die seinen Charakter zeigen, überflüssig waren. Auf der anderen Seite konnte ich für Pauline ein gewisses Mitgefühl, aber kein Verständnis aufbringen. Das sorgte dafür, dass ich mich 18 Seiten lang fragte, wieso ich mich überhaupt mit diesen beiden Figuren beschäftigen und dafür durch so unschöne Szenen quälen sollte.

2. Jill D. Block: The Story of Caroline

Das Bild „Summer Evening“ von Edward Hopper zeigt einen Mann und eine Frau in sommerlicher Kleidung, die nachts auf einer Veranda stehen und miteinander zu reden scheinen. Die ganze Szene wird von einer Lampe über der Haustür hell erleuchtet.

Nachdem ich mit der ersten Geschichte in dieser Anthologie etwas Probleme hatte, war ich überrascht davon, wie gut mir „The Story of Caroline“ gefallen hat. Die Handlung wird aus der Sicht von zwei Frauen erzählt. Einmal ist da Grace, die darauf wartet, dass ihr schwerkranker Ehemann stirbt, und dann Hannah, die – kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag – beschlossen hat, dass sie einmal ihre leibliche Mutter treffen möchte. Ich mochte, dass das die Handlung irgendwie alltäglich und so wenig dramatisch war und dass die Protagonistinnen zwei Frauen waren, die recht pragmatisch mit den vor ihnen liegenden schwierigen Situationen umgegangen sind. Die Handlung bot wenig Überraschungen, aber ein paar nette, kleine, leise Momente.

3. Robert Olen Butler: Soir Bleu

Edward Hopper hat mit „Soir Bleu“ eine abendliche Szene in einem französischen (Hafen-)Café gemalt, die mehrere Personen zeigt. Im Zentrum des Bilds steht ein Pierrot, der – ganz in weiß gekleidet und mit vollständiger Maske – mit zwei weiteren Männern an einem Tisch sitzt, ohne dass das Gefühl entsteht, dass diese drei Personen irgendwie zusammengehören würden. Vor dem Tisch steht eine Frau, die einen der Männer anzuschauen scheint, aber auch sie wirkt, als ob sie dem Pierrot keine Beachtung schenken würde.

Zu Beginn der Kurzgeschichte fand ich es wirklich interessant, dass Robert Olen Butler die Figuren in „Soir Bleu“ so ganz anders interpretierte als ich. Sein Text erzählt von einem Künstler, seiner Muse und einem potenziellen Kunden für ein Bild – und auch wenn der Pierrot ein ungewöhnliches Element in die Handlung brachte, so endete die Geschichte für mich doch mit ziemlicher Frustration. Ich habe einfach keine Lust mehr, Geschichten von berühmten Autoren (Robert Olen Butler ist Pulitzer-Preisträger) zu lesen, die sich darum drehen, dass ein Mann eine Frau umbringt, weil er das Gefühl hat, dass sie sein Besitz sei.

4. Lee Child: The Truth About What Happend

Diese Kurzgeschichte wurde inspiriert von Hoppers Gemälde „Hotel Lobby“, das drei Personen in einer Hotel-Lobby zeigt: Eine blonde Frau in einem blauen Kleid, die auf der rechten Seite des Bilds vor der Rezeption sitzt und in einem Buch liest, und eine älter wirkende Frau mit Hut und Mantel, die in einem Sessel sitzt und mit einem älteren Herrn zu reden scheint, der neben ihr steht.

Ich muss zugeben, dass Lee Child mich damit überrascht hat, dass er aus diesem Gemälde eine Idee für eine FBI-/Manhattan-Project-Geschichte gezogen hat. Die Geschichte an sich ließ mich eher mit der Frage zurück, wieso mir gerade dieser Moment im Arbeitsalltag des Erzählers geschildert wurde (also abgesehen davon, dass es zum Hopper-Bild passte). Die Erzählstimme war aber immerhin sehr klassisch „noir“ (was ich normalerweise mag), aber auf die Bemerkung des Protagonisten zum Aussehen einer weiblichen Nebenfigur hätte ich verzichten können. Solche Anmerkungen kann ich noch einigermaßen akzeptieren, wenn es Text sind, die vor einigen Jahrzehnten geschrieben wurden, aber bei einem Text aus diesem Jahrzehnt erwarte ich weniger Sexismus (vor allem, wenn er nichts zur Handlung beiträgt).

5. Nicholas Christopher: Rooms by the Sea

„Rooms by the Sea“ zeigt im Zentrum des Gemäldes eine weiße Wand, die zu einem leeren Raum zu gehören scheint. Rechts ist eine große Fenstertür zu sehen, die direkt aufs Wasser zu führen scheint, links ist ein Durchgang in ein hinteres Zimmer zu sehen, durch den der Betrachter ein rotes Sofa, ein Gemälde und eine Holzkommode erahnen kann.

„Rooms by the Sea“ erzählte eine anfangs „normal“ wirkende Familiengeschichte, bei der dann nach und nach ein paar ungewöhnliche Elemente eingeflochten werden – wie ein Haus am Meer, in dem ohne greifbare Erklärung seit Jahren regelmäßig neue Räume auftauchen. Ich muss zugeben, dass ich nach einer ersten kleinen Verwirrtheit von den eher fantastischen Elementen in der Geschichte fasziniert war, weil sie meine Fantasie anregten. Aber gerade weil meine eigene Vorstellungskraft beim Lesen in so viele verschiedene Richtungen ging, war ich dann ziemlich enttäuscht von der Auflösung, die der Autor mir präsentierte. Ich glaube, dass ich diese Kurzgeschichte deutlich besser gefunden hätte, wenn Nicholas Christopher auf diese „Erklärung“ verzichtet und stattdessen ein offenes Ende gewählt hätte. Wobei ich auch zugeben muss, dass meine Irritation mit der Auflösung auch daran liegt, dass der Autor dafür auf einen Mythos zurückgriff, dessen ich inzwischen überdrüssig bin.

6. Michael Connelly: Nighthawks

„Nighthawks“ von 1942 ist vermutlich das berühmteste Bild von Edward Hopper und zeigt einen beleuchteten Diner bei Nacht, in dem durch die großen Fensterflächen drei Gäste und ein Angestellter beobachtet werden können.

Oh, dieser Text hat mir richtig gut gefallen! Michael Connelly lässt in „Nighthawks“ seinen Romanhelden Harry Bosch als Privatdetektiv eine junge Frau beschatten, die in ihrer Mittagspause im Museum Edward Hoppers bekanntestes Gemälde betrachtet. Ich mochte diesen kurzen Moment, in dem die Frau Bosch auf das Bild ansprach, ebenso wie seine Gedanken zu dem Fall – und zu dem, was er aus den Fehlern, die er dabei gemacht hat, gelernt hat. Das war für mich ein nettes Kennenlernen von Harry Boschs Charakter und vermutlich ein ebenso nettes Wiedersehen für jemanden, der die Figur schon aus den Romanen des Autors kennt.

7. Jeffery Deaver: The Incident of 10 November

„The Incident of 10 November“ basiert auf dem Gemälde „Hotel by a Railroad“, das ein älteres Paar in einem Raum zeigt. Während sie in einem Stuhl sitzt und liest, schaut er aus dem Fenster und raucht.

Diese Geschichte hat mich sehr an all die Romane erinnert, die ich als Jugendliche aus dem Regal meines Vaters gezogen habe und die sich rund um den Kalten Krieg und Spionage drehten. Jeffery Deaver lässt in „The Incident of 10 November“ einen russischen Geheimdienst-Mitarbeiter in einem Brief erklären, was am 10. November 1954 während seines Einsatzes in Berlin passiert ist. Dabei gibt es erst einmal eine ausführliche Einführung zu seiner Person und zur Ausgangssituation – und ich muss zugeben, dass ich mich bei diesem Teil gefragt habe, was davon von Hoppers Gemälde inspiriert wurde. Als der Part dann deutlich wurde, war auch das Ende der Geschichte sehr vorhersehbar – trotzdem mochte ich den Text, was auch daran liegt, dass er so viele Erinnerungen an früher gelesene Romane weckte.

8. Craig Ferguson: Taking Care of Business

Der Ausgangspunkt für diese Geschichte war das Gemälde „South Truro Church“, das eine eher schlichte kleine Kirche an einem diesig wirkenden Sommertag zeigt.

Craig Ferguson erzählt in „Taking Care of Business“ von zwei Männern (Jefferson und Billy), die – obwohl beide ihr Leben lang in demselben kleinen Ort an der Küste gelebt haben – in ihren 70ern Freunde wurden. Diese Geschichte war sehr kurz und hatte ein paar sehr absurde Momente, und das Ende war für meinen Geschmack eine Wendung zu viel. Aber ich mochte die Szenen, die von der Freundschaft der beiden alten Männern zeugten, und mir gefiel die Vorstellung davon, wie Jefferson und Billy gemeinsam am Strand sitzen und sich bekifft über alles Mögliche unterhalten.

9. Stephen King: The Music Room

„Room in New York“ zeigt den Blick durch ein Fenster in einen Raum mit eher konservativ wirkenden Gemälden. An der linken Wand des Raums sitzt ein Mann auf einem Stuhl und liest eine Zeitung, während auf der rechten Seite eine Frau in einem auffallend roten Kleid sitzt, die sich von dem Mann abgewandt hat, um mit einem Finger auf der Tastatur eines Klaviers zu spielen. Zwischen den beiden Personen ist an der Wand eine massive Tür zu sehen.

„The Music Room“ von Stephen King ist einer der kürzeren Texte in der Anthologie. Ich mochte, dass er aus einer relativ geruhsam wirkenden Szene eine Geschichte gemacht hat, die damit spielt, dass eine betrachtende Person nicht hören kann, was in dem Raum vor sich geht. Eine Geschichte um ein Ehepaar, das einen ungewöhnlichen Weg gefunden hat, um in einer Zeit großer Arbeitslosigkeit ein gutes Leben zu führen. Aber ich muss auch zugeben, dass diese kleine Episode nicht lange in mir nachklang und ich ein paar Tage später schon Mühe hatte, mich an die Handlung zu erinnern.

10. Joe R. Lansdale: The Projectionist

„New York Movie“ von Edward Hopper zeigt auf der linken Seite des Bildes den Zuschauerraum eines recht leeren (Film-)Theaters, auf dessen Leinwand ein Film zu erahnen ist. Auf der rechten Seite steht eine blonde Platzanweiserin in einem Gang neben dem Zuschauerraum, angeleuchtet von einer Wandlampe und allem Anschein nach tief in Gedanken versunken.

Ich muss zugeben, dass mich die Anthologie mit dieser Geschichte für einige Tage verloren hatte, weil „The Projectionist“ zwar nett geschrieben war, aber so schrecklich abgedroschene Elemente aufgriff. Das hat dafür gesorgt, dass ich mitten im Text das Buch weglegte und erst einmal gar keine Kurzgeschichten gelesen habe. Der Erzähler arbeitet als Filmvorführer in einem Kino, das von einem älteren Ehepaar geführt wird, und schwärmt für die hübsche Kollegin, die als Platzanweiserin arbeitet. Als eines Tages ein paar Typen auftauchen und Schutzgeld erpressen wollen, hat der Protagonist das Gefühl, er müsse die Kollegin (und seinen Arbeitsplatz) vor den Gangstern beschützen. Das Einzige, was ich bei dieser Geschichte anzumerken habe, ist, dass ich es faszinierend finde, wie genervt ich auf bestimmte abgedroschene Handlungselemente reagiere.

11. Gail Levin: The Preacher Collects

„The Preacher Collects“ erwähnt das Gemälde „City Roofs“, das die Dächer eines Viertels in New York in den 1930er Jahren zeigt. Am rechten Rand des Bilds ist ein hohes Apartmentgebäude zu sehen und die gesamte Szenerie ist in warmes Sonnenlicht gehüllt, das allem einen gold-braunen Ton verleiht.

Auch wenn „City Roofs“ in der Geschichte erwähnt wird, so basiert die Handlung eher auf Vorfällen rund um Edward Hoppers Erbe. Genau genommen wird „The Preacher Collects“ aus der Perspektive von Arthayer Sanborn erzählt, der ein Nachbar von Edward Hoppers älteren Schwester Marion war. Mit dieser Geschichte bietet Gail Levins, die für einige Jahre als Kuratorin für die Edward-Hopper-Sammlung des Whitney Museums gearbeitet hat, eine Erklärung dafür, wie es sein konnte, dass sich nach dem Tod des Künstlers so viele Frühwerke von Edward Hopper im Besitz von Arthayer Sanborn befanden. Das war nicht uninteressant, hatte aber relativ wenig mit dem Gemälde „City Roofs“ zu tun.

12. Warren Moore: Office at Night

Das gleichnamige Gemälde von Edward Hopper zeigt ein kleines Büro, in dem ein Mann an einem Schreibtisch sitzt und in einem Dokument liest. Links von dem Mann steht eine Frau in einem engen blauen Kleid an einem Aktenschrank. Ihre linke Hand steckt in einer geöffneten Schublade, während sie gleichzeitig ihren Oberkörper so gedreht hat, dass sie den Mann am Schreibtisch anschauen kann.

Die Geschichte von Warren Moore dreht sich um eine junge Frau namens Margaret, die sich – entgegen dem Willen ihrer Eltern – aufmacht, um in New York City einen Job zu suchen. Ich fand es nett mitzuverfolgen, wie Margaret in der Stadt ankommt, eine Unterkunft findet und einen Job ergattert, aber am Ende stand ich ein bisschen da und habe mich gefragt, ob das nun alles gewesen ist. „Office at Night“ war gut genug, um mich während des Lesens zu unterhalten, aber leider auch so banal, dass ich am nächsten Tag zurückblättern musste, um mich daran zu erinnern, was ich da gestern gelesen hatte.

13. Joyce Carol Oates: The Woman in the Window

Das Bild „Eleven a.m.“ zeigt eine nackte Frau in einem blauen Sessel an einem Fenster sitzend. Die Frau scheint aus dem Fenster zu schauen, während gleichzeitig ihre langen dunklen Haare ihr Gesicht vor dem Betrachter des Gemäldes verbergen.

Puhh … die ganze Handlung dreht sich um die (negativen) Gefühle, die eine Sekretärin und ihr Geliebter füreinander empfinden, während sie beide überlegen, dass sie die andere Person doch wirklich gern umbringen würden. Unangenehme Charaktere, unangenehme Geschichte, unschön zu lesen – nicht mein Ding.

14. Kris Nelscott: Still Life 1931

Das Gemälde „Hotel Room“ zeigt eine müde wirkende Frau in Unterwäsche auf einem Bett sitzend. Sie hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und neben dem Bett stehen zwei unausgepackte Gepäckstücke, dahinter ist ein Sessel zu sehen, auf dessen Sitzfläche ein gemustertes Kleid liegt.

„Kris Nelscott“ ist das Krimi-Pseudonym von Kristine Kathryn Rusch und ihre Geschichte dreht sich um Lurleen, die sich nach dem Tod ihres Mannes auf den Weg nach New York gemacht hat. Ich fand es sehr spannend, nach und nach mehr über Lurleen und ihr Leben zu erfahren, während die Autorin es gleichzeitig schafft, einen Einblick in das Leben in den USA in den 1930er Jahren zu zeichnen. Lurleen ist keine besonders mutige Person oder gar strahlende Heldin. Aber gerade weil sie so viele Schwächen hat, fand ich es schön zu verfolgen, wie sie versucht, einen Weg zu finden, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Das war eine wirklich gute Geschichte!

15. Jonathan Santlofer: Night Windows

Das titelgebende Gemälde von Edward Hopper zeigt drei hell erleuchtete Fenster in der Nacht, die Einblick in einen Raum gewähren. In diesem Raum lässt sich – halb verdeckt von der Wand zwischen zwei Fenstern – eine Frau erahnen, die nur dürftig bekleidet und leicht vorgebeugt mit dem Rücken zum Betrachter steht. Womit sie gerade beschäftigt ist, lässt sich nicht sehen.

Diese Geschichte wird vor allem aus der Sicht eines Mannes erzählt, der in der Vergangenheit schon häufiger Frauen missbraucht und getötet hat. Auch wenn – zumindest für mich – von Anfang an offensichtlich ist, dass sich dieses Mal für ihn das Blatt wenden wird, habe ich wirklich keine Lust mehr auf dieses Thema. Nichts an dieser Geschichte hat mir als Leserin irgendwas Neues gebracht, weder die Art der Erzählung noch das Thema noch die „überraschende“ Wendung am Ende. Ich finde es frustrierend, dass mir diese Art von Geschichten seit so vielen Jahrzehnten immer wieder erzählt werden, ohne dass sich daran etwas ändert.

16. Justin Scott: A Woman in the Sun

In dem Gemälde mit dem Titel „A Woman in the Sun“ steht eine nackte Frau, die durch ein nicht sichtbares Fenster von der Sonne angestrahlt wird, in einem Zimmer. Hinter ihr ist ein zerwühltes Bett zu sehen, unter dem sich zwei hochhackige Schuhe befinden. Die Frau hält eine brennende Zigarrete in der Hand und scheint in Gedanken versunken zu sein.

Ich habe das Gefühl, dass die Beschreibung des Gemäldes mehr Text aus mir rauskitzelt als diese Kurzgeschichte. Justin Scott erzählt von einer Frau, die eine Nacht mit einem Mann verbracht hat, den sie am Abend vorher in einer Bar kennengelernt hat. Er sagte ihr, dass er sich am nächsten Tag umbringen würde und vorher noch einmal Sex haben möchte. Dabei gelingt es dem Autor nicht, mir auch nur annähernd deutlich zu machen, welche Motivation die beiden Figuren antreibt. Außerdem wurde die weibliche Person auf eine Art und Weise geschrieben, die meiner Meinung nach so nur von einem Mann kommen konnte …

17. Lawrence Block: Autumn at the Automat

Das Gemälde „Automat“ zeigt eine Frau an einem Tisch in einem automat (eine Art Selbstbedienungsrestaurant). In der Hand hält die Frau eine Kaffeetasse, vor ihr auf dem Tisch steht ein leerer Teller und hinter ihr spiegeln sich eine Reihe von Deckenlampen in einem Fenster. Die Frau ist in einen grünen Mantel mit Fellbesatz gekleidet und trägt einen gelben Hut und nur einen Handschuh. Sie wirkt nachdenklich, während ihr Blick auf ihre Tasse gerichtet ist.

Die Geschichte hat mir überraschend viel Spaß gemacht. Lawrence Block erzählt die Handlung aus der Perspektive einer nicht mehr so jungen Frau, die bewusst den Eindruck von „verarmter Frau aus gutem Hause“ erweckt, und die ihr Essen in dem automat als Gelegenheit nutzt, um ihre Zimmermiete zu „verdienen“. Dabei denkt sie beim Essen an die Person, die ihr vor Jahren beigebracht hat, so einen Coup durchzuführen, und beobachtet die anderen Gäste in dem Restaurant. Das war unterhaltsam und ein schöner Abschluss für die Anthologie.

***

Auch nach dem Lesen der Anthologie finde ich die Grundidee hinter dieser Sammlung von Geschichten immer noch spannend. Ich mag Edward Hoppers Gemälde sehr, gerade weil sie solch melancholisch und intim wirkenden Momentaufnahmen sind. Es war faszinierend, beim Lesen der einzelnen Beiträge mehr Details zu den Gemälden zu recherchieren und dabei Informationen zu finden, auf die ich ohne die Anthologie nicht gestoßen wäre. Auf der anderen Seite gab es in diesem Band so einige Geschichten, die mir den Gedanken aufkommen ließen, dass ich wirklich keine Lust mehr habe, immer wieder dieselbe Art von Handlung von derselben Sorte Autor (hier habe ich bewusst nicht gegendert) erzählt zu bekommen.

Am Ende glaube ich nicht, dass ich diese Anthologie noch einmal aus dem Regal ziehen und lesen werde, während ich gleichzeitig Lust habe, mich intensiver mit Edward Hoppers Bildern zu beschäftigen. Ich denke, ich werde „In Sunlight or in Shadow“ aus meinem Bestand aussortieren und stattdessen einen Bildband auf meinen Wunschzettel setzen. Als nächstes greife ich dann lieber wieder zu einer Anthologie mit Kurzgeschichten von marginalisierten Autor*innen, weil da die Wahrscheinlichkeit, über ungewöhnlichere – und für mich interessantere – Geschichten zu stolpern, einfach größer ist.

Stephen King: Das Mädchen (Hörbuch)

Um Horror mache ich normalerweise einen Bogen – zumindest behaupte ich das immer, auch wenn diverse Horror-Manga und -Hörspiele in meinen Regalen zu finden sind, ebenso wie einige Romane, die man wohl theoretisch diesem Genre zuordnen kann. Hollys Challenge für das Jahr 2010 habe ich zum Anlass genommen, um mir ein paar Tipps geben zu lassen, welchen Autor ich doch mal ausprobieren sollte. Letztendlich bin ich bei Stephen King gelandet, um auch diese Bildungslücke zu schließen.

„Das Mädchen“ wurde mir als King-Anfänger-Geschichte empfohlen. Doch als Buch kam ich nicht so schnell an die gedruckte Fassung ran, aber dafür bot mir die örtliche Bibliothek eine ungekürzte Hörbuchfassung, die von Franziska Pigulla und Joachim Kerzel gelesen wird. Diese beiden Sprecher mag ich wirklich gerne, also war das eine mehr als akzeptable Alternative für mich.

Stephen King erzählt in „Das Mädchen“ die Geschichte von Trisha, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder eine Wanderung durch den Wald macht. Ihre Eltern haben sich vor einiger Zeit scheiden lassen und ihr Bruder kommt damit noch nicht so ganz zurecht. Vor allem belastet ihn der Umzug, der mit der Scheidung einherging, und der Umstand, dass er an seiner neuen Schule der absolute Außenseiter ist. Trisha übersteht das Ganze dank der Devise „Augen zu und durch“, sie versucht zwischen allen Beteiligten zu vermitteln und unterdrückt dabei nicht selten ihre eigenen Gefühle.

Doch bei dieser Wanderung ärgert sie sich darüber, dass ihre Mutter und ihr Bruder so mit Streiten beschäftigt sind, dass keiner von ihnen Trishs Wünsche und Bedürfnisse mitbekommt. So schlägt sie sich zum Pinkeln in die Büsche, ohne den beiden Bescheid zu sagen – und verirrt sich kurz darauf im Wald neben dem Appalachian Trial. Doch statt einfach stehen zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass sie schon gefunden wird, macht sich Trisha auf die Suche nach einem Weg und gerät immer tiefer in unwegsames Gelände.

Ich bin etwas zwiegespalten, wenn es um diese Geschichte geht. Die Grundidee gefällt mir und Stephen King hat sehr schön beschrieben, warum das Mädchen welche Entscheidungen trifft und wie sie dadurch immer tiefer in Schwierigkeiten gerät. Mir hat es gefallen, wie entschlossen und findig Trish mit ihrer Situation umgeht und ich fand es spannend zu verfolgen, wie es ihr allein in der Wildnis geht – und natürlich hat mich die Frage beschäftigt, ob sie überlebt.

Auf der anderen Seite hat der Autor nicht wenige Momente eingebaut, in denen Trish regelrecht philosophiert, in denen sie über Baseballweisheiten, die (nicht vorhandenen) religiösen Ansichten ihres Vaters und ihr Bedürfnis nach einem Gebet nachdenkt – und diese Teile fand ich unglaubwürdig. Hey, das Mädchen ist erst neun Jahre alt (na ja, schon fast zehn und groß für ihr Alter), da beschäftigt einen dieses Thema zwar, aber auf einer ganz anderen Ebene.

Außerdem wurden mir die Versuche künstlich Spannung aufzubauen, indem Trish von einem „ES“, einem „DING“, einem „Gott der Verirrten“ verfolgt wird, zu viel. Ich fand es deutlich aufregender, wie sie sich mit der Realität auseinandersetzen musste. Das Mädchen hat sich in einem Gebiet verirrt, in dem es so gut wie keine Menschen gibt, sie fällt Abhänge hinunter, wird von Wespen zerstochen, bekommt schreckliche gesundheitliche Probleme, weil sie sich von Farnen und Beeren ernährt, hat Angst im Dunklen (zurecht in einem Gebiet, in dem schließlich auch größere Raubtiere leben) und Hunger und Schlaflosigkeit führen zu Halluzinationen. Das sollte doch genug sein, um als Hörer/Leser Angst um die Kleine zu haben!

Ein anderer Punkt hat bei mir gleich zu Beginn zum Schmunzeln geführt und das war Joachim Kerzel. Er und Franziska Pigulla haben ihre Sache sehr gut gemacht – auch wenn ich gern wüsste, nach welchen Kritikpunkten entschieden wurde, wer welches Kapitel liest – , aber Joachim Kerzel ist mir vor allem als Sprecher der John-Sinclair-Hörspiele im Ohr. Und wenn ich dann als erstes diese Ortsangabe und diesen Satz „Juni 1998. Vor dem Spiel. Die Welt hatte Zähne. Und sie konnte damit zubeißen, wann immer sie wollte.“ von ihm vorgetragen bekomme, dann fühle ich mich (auch dank der musikalischen Untermalung, die ebenfalls Ähnlichkeiten aufweist) direkt in die Welt von Jason Dark versetzt. Und so gern ich die John-Sinclair-Hörspiele mag, so kann man von ihnen doch eher weniger behaupten, dass sie sprachliche Qualität besitzen. 😉

Nun gut, dieser Eindruck legte sich im Laufe der Zeit und auch an die regelmäßigen Wechsel zwischen der Männer- und der Frauenstimme habe ich mich schnell gewöhnt. Die beiden Sprecher haben zwar eindeutig andere Schwerpunkte in ihrem Vortrag gehabt, aber eigentlich gefiel mir das sogar. So konnte ich für mich mehr aus dem Text rausholen. Insgesamt muss ich wohl sagen, dass mich „Das Mädchen“ zwar gut unterhalten, aber nicht dazu animiert hat, mehr von King zu konsumieren. Grusel entsteht für mich – auch bei dieser Geschichte – mehr durch die Realität, als durch ein unheimliches „Es“.