Edward Willett (Hrsg.): Shapers of Worlds (Anthologie)

Da ich für die Anthologien, die ich lese, gern einen Beitrag habe, in dem ich meine gesammelten Eindrücke zu den Kurzgeschichten aufschreibe, gibt es natürlich auch zu „Shapers of Worlds“ einen Post. In dieser Anthologie hat der Autor Edward Willett Kurzgeschichten von Autoren gesammelt, die 2018 in seinem Podcast über die Hintergründe des Schreibens mit ihm geredet haben. Dabei reichen die Beiträge von klassisch anmutender Science Fiction über Fantasy bis jinzu eher genreübergreifenden Geschichten, und ich persönlich fand es sehr spannend, so gar nicht zu wissen, was mich bei einem Text erwarten würde. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich beim Lesen dieser Anthologie – obwohl ich vorher relativ wenige Autoren kannte – nur eine Autorin (Shelley Adina) gefunden habe, die mich neugierig auf weitere Geschichten aus ihrer Feder gemacht hat.

1. Edward Willett: Vision Quest
Die erste Geschichte überhaupt, die ich von dem Autor gelesen habe, und sie hat mir sowohl inhaltlich als auch vom Erzählton gut gefallen. Erzählt wird die Handlung aus zwei Perspektiven: Auf der einen Seite aus der Sicht von Jamie, die vor einiger Zeit ihre Mutter verloren hat und sich eines Tages auf unerklärliche Weise von einem Stein inmitten der Prärie angezogen fühlt. Auf der anderen Seite von einem uralten Wesen, das seit vielen Jahrhunderten junge Menschen zu sich lockt. Bringt die Geschichte anfangs einen fast schon unheimlichen Unterton und eine beinah Lovecraftsche Atmosphäre mit sich, so entwickelt sie sich am Ende zu etwas sehr Schönem, das meine Fantasie angeregt und mir gutgetan hat. Doch, das hat mir wirklich gefallen. 🙂

2. Tanya Huff: Call to Arms
Tanya Huff war einer der Namen, die mich dazu gebracht haben, diesen Kickstarter überhaupt zu unterstützen. Die Geschichte spielt in der gleichen Welt wie „The Silvered“, neun Jahre nach den Ereignissen, die im Roman erzählt werden, und dreht sich auf der einen Seite darum, objektiv mit einer Macht wie dem Empire umzugehen, und auf der anderen Seite darum, dass eine funktionierende und menschliche Gesellschaft nicht auf Machtgier aufgebaut werden kann. Viel zum Nachdenken, viel zum Lachen – für mich eine typische Tanya-Huff-Geschichte. Sehr gut! Ich bin mir nicht sicher, ob die Kurzgeschichte so gut funktionieren würde, wenn man den Roman nicht kennt, gehe aber davon aus – für mich persönlich war es die perfekte Ergänzung zu „The Silvered“.

3. John Scalzi: The Tale of the Wicked
Ich finde es immer wieder lustig, dass ich von dem Autoren John Scalzi vor allem seinen Blog und seinen Twitteraccount kenne – und eine Handvoll Kurzgeschichten. Und jedes Mal, wenn ich wieder eine seiner Kurzgeschichten lese, denke ich, dass ich mir endlich einen seiner Romane vornehmen sollte. So auch nach dem Lesen von „The Tale of the Wicked“, in dem die Besatzungen zweier feindlicher Raumschiffe längere Zeit „Katze und Maus“ miteinander gespielt haben und nun feststellen müssen, dass ihre Raumschiffe die Regeln geändert haben. Die Grundidee ist – ebenso wie der Verweis auf „Asimov’s Laws of Robotics“ – nicht neu, aber gut geschrieben, mit amüsant zu lesenden kleinen Details und Wendungen und einem Ende, das deutlich hoffnungsvoller ist, als man es bei einer Geschichte, die mitten in einem Kampf beginnt, erwarten konnte.

4. John C. Wright: The Farships Fall to Nowhere
Diese Geschichte erzählt eine kurze Begegnung zwischen den namenlosen Erzähler und einem alten Mann, die auf dem Planeten Nowhere gemeinsam ein Glas leeren. Anfangs war ich etwas verwirrt, aber das war überaus passend, denn so erging es auch dem Erzähler. Je länger er sich allerdings mit dem alten Mann unterhält, desto mehr erfährt er über das Leben auf diesem Planeten und über das Schicksal der Raumschiffe, die dort nach langen, langen Reisen anlegen. Eine überraschende und gute Geschichte, die mir nicht nur aufgrund der Erzählstimme gefallen hat, sondern auch, weil sie eine Sicht auf Siedlungsraumschiffe wirft, die ich so noch nie gesehen habe. (Wobei ich zugeben muss, dass ich seit meiner Teenagerzeit nur noch sehr sporadisch SF lese. 😉 )

5. L. E. Modesitt, Jr.: Evanescence
Ich weiß nicht, was ich von dieser Geschichte halte. Sie dreht sich um … eine Begegnung im All, um Musik, um Kommunikation, um den Beginn einer Welt? Die Hälfte der Zeit hatte ich das Gefühl, nicht so recht greifen zu können, was der Autor mir sagen will, was irgendwie unbefriedigend war. Auf der anderen Seite fand ich das Ende nett und stimmig, so dass ich nicht unzufrieden aus der Geschichte gegangen bin.

6. Julie E. Czerneda: Peel
Uhhhh, diese Geschichte war gruselig und deprimierend, aber auch faszinierend … Wobei ich das Gefühl habe, ich düarf hier nichts über den Inhalt sagen, weil das zu viel verrät. Es gab zu Beginn auf jeden Fall ein paar Szenen, die mich intensiv an „The Stepford Wives“ erinnerten. Gut erzählt, aber keine Geschichte, zu der ich gern noch einmal zurückkehren würde, auf der anderen Seite aber wohl auch eine Geschichte, die noch längere Zeit in mir nachhallen wird.

7. Shelley Adina: The Knack of Flying
Diese Geschichte habe ich wirklich sehr gemocht, und da ich bislang nichts von der Autorin gelesen hatte, waren ihre Steampunkwelt und ihre Figuren eine angenehme Überraschung für mich! Nachdem ich nun die Pilotin Lady Phil(omena Noakes), den ungewöhnlichen Lewis Protheroe und ihre Freunde kennengelernt habe, habe ich gleich mal die ersten vier Magnificent-Devices-Steampunk-Bände der Autorin auf meine Merkliste gesetzt.

8. Derek Künsken: Ghost Colours
Der Autor erzählt mit „Ghost Colours“ eine Geschichte über ein Paar – Vanessa und Brian – und den Geist Pablo, der Brian seit ein paar Jahren heimsucht. Ich mochte es sehr, dass man in dieser Geschichte Geister erben kann, und ich fand Pablos Fachgebiet sehr interessant, doch vor allem fand ich es fasziniered, wie weit die Menschen in dieser Welt gehen, um einen Geist loszuwerden. Umso schöner war es, Brians Gedanken zu verfolgen und seine Gedanken und Gefühle gegenüber Pablo kennenzulernen. Das war nett, aber ehrlich gesagt auch nicht mehr.

9. Thoraiya Dyer: One Million Lira
Das war eine brutale Geschichte mit einem viel zu wahren Kern. Eine Geschichte über zwei Scharfschützinnen, die auf verschiedenen Seiten stehen und über ihre Motivation, diesen Beruf auszuüben, und über eine Welt, in der Überleben zu einer Herausforderung wird, nachdenken. Ich weiß nicht, ob ich hier von „gefallen“ sprechen kann, aber das war auf jeden Fall eine eindringliche Geschichte.

10. Gareth L. Powell: Pod Dreams of Tuckertown
Das war definitiv keine schöne Geschichte! Erzählt wird die Handlung aus der Sicht des achtzehnjährigen Pod, der von der Zeit träumt, als er gemeinsam mit seinen Freunden Eric und Kai noch Tuckertown unsicher machte. Eine Zeit, bevor Außerirdische die Gesellschaft übernahmen und die Regeln änderten. Im Laufe der Geschichte fällt Pod eine Entscheidung und ich weiß nicht, ob ich seinen Zustand davor oder danach schlimmer finde. Alles in allem war „Pod Dreams of Tuckertown“ ziemlich deprimierend.

11. Seanan McGuire: In Silent Streams, Where Once the Summer Shone
Diese Geschichte ist eine sehr bedrückende, aber auch überraschend verständnisvolle Auseinandersetzung mit den vergangenen Monaten und dem häufig erschreckend ignoranten Umgang der Menschheit als Ganzes mit der Corona-Pandemie. Sehr eindringlich erzählt Seanan McGuire davon, dass eine Apokalypse in der Regeln nicht wie im Film mit großem Lärm einhergeht, sondern leise und schleichend mit dem Sterben der Insekten, dem Verschwinden der Wälder und einem Virus, das sich über die gesamte Welt ausbreitet.

12. Fonda Lee: Welcome to the Legion of Six
Ein alternder Superheld, der während der Bewerbungsgespräche für Neuzugänge für „The Legion of Six“ über all die Veränderungen nachdenkt, die die vergangenen Jahrzehnte mit sich gebracht haben. Ich mag einfach solche „hinter den Kulissen von Superhelden-Organisationen“-Geschichten, außerdem fand ich den Erzähler sympathisch und mochte es, dass man trotz der Kürze einen erstaunlich guten Eindruck von all den Kandidaten für die Anwerbung bekam. Doch das Beste an der Geschichte war das Ende, das dafür gesorgt hat, dass ich jetzt noch lächeln muss, wenn ich daran denke!

13. Christopher Ruocchio: Good Intentions
Ich finde es wirklich spannend, wie unterschiedlich die Geschichten in dieser Anthologie sind. Christopher Ruocchio lässt den Leser mit „Good Intentions“ in eine fremde Welt reisen, in der eine Wissenschaftlerin die örtlichen Gepflogenheiten (zu denen unter anderem Sklaverei gehört) kaum ertragen kann. Doch als sie versucht, etwas zum Besseren zu wenden, scheint alles nur noch schlimmer zu werden. Ich muss zugeben, dass ich die Erzählstimme zwar mochte, aber von einer Wissenschaftlerin ein weniger irrationales Vorgehen und eine intensivere Betrachtung der Fakten erwartet hätte. Die Protagonistin scheint so festgefahren in ihrer Meinung zu sein, dass sie nur eine Perspektive sieht, und das finde ich nicht angemessen. Auf der anderen Seite ist es schon stimmig, dass sie hartnäckig eine Lösung für ein Problem sucht … So recht kann ich mich am Ende nicht entscheiden, ob ich die Geschichte mochte oder nicht.

14. David Brin: „Shhhh …“
David Brins Geschichte erzählt von einer Menschheit, die durch den Kontakt mit Außerirdischen verändert wurde, von einem wahnsinnigen Präsidenten und einer großen Frage, die den Erzähler beschäftigt. Ich mochte „Shhhh …“ sehr, gerade weil der Autor so viele Elemente in der Handlung offen und einem so viel Spielraum für eigene Gedanken lässt. Und mir gefällt die Vorstellung, dass der Erzähler am Ende recht behält und alles richtig beobachtet hat. 😉

15. D.J. Butler: The Greatest of These Is Hope
Das war eine wirklich hübsche Geschichte über einen sterbenden Planeten und dass Hoffnung manchmal aus unerwarteten Ecken kommt. Ich mochte die Erzählstimme der elfjährigen Izzy ebenso wie die anderen Charaktere, die der Autor in die Handlung eingebaut hat. Ein Teil von mir ist zynisch und fürchtet, dass nach dem hoffnungsvollen Ende für die Figuren noch etwas schief laufen könnte, ein anderer Teil möchte glauben, dass Izzys kleiner Bruder Bear und sein neuer Freund ein Zeichen für eine hoffnungsvollere Zukunft sind. Aber gerade die Tatsache, dass so viele Möglichkeiten in dem Ende von „The Greatest of These Is Hope“ mitschwingen, macht es für mich zu einer guten Geschichte.

16. Dr. Charles E. Gannon: A Thing of Beauty
Diese Geschichte von Dr. Charles E. Gannon finde ich schwierig, weil mir auf der einen Seite die Erzählweise und die Figuren gefallen, ich auf der anderen Seite aber ein riesiges Problem mit der Lösung habe, die die Protagonistin am Ende wählt. Der Autor lässt seine Handlung auf einem Mond spielen, der – ebenso wie der Rest des bekannten Universums – von Konzernen beherrscht wird. Und diese Konzerne bzw. die Entscheidungsträger in diesen Konzernen geben nicht viel auf ein Menschenleben, was zu Beginn der Geschichte dazu führt, dass die Protagonistin Elnesse zwei Führungskräfte dabei belauscht, wie sie einen Plan entwerfen, um die „nichtproduktiven“ und somit „zu teuren“ Waisenkinder unter ihrer Obhut loszuwerden. Ich wünschte mir, der Autor, der ausführlich die Kunst der Protagonistin beschreibt, hätte einen kreativeren Weg gefunden, um am Ende der Geschichte die Kinder zu retten. So hingegen bin ich am Ende ziemlich enttäuscht von „A Thing of Beauty“ …

17. David Weber: Home Is Where the Heart Is
Das war eine sehr, sehr nette Geschichte – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Teufel seine Finger bei diesem Text im Spiel hatte 😉 – mit einer überraschenden Wendung am Ende, die ich so nicht erwartet hätte. (Ich war eher davon ausgegangen, dass der Protagonist sich als das Gegenteil dessen herausstellt, was er wirklich war.) Wenn ich sehr ernsthaft nach einem Kritikpunkt suche, dann könnte ich höchstens sagen, dass ich bei der Länge der Geschichte gern noch ein kleines bisschen mehr über den Werdegang des Protagonisten erfahren hätte, aber so wie es war, war es auch gut.

18. Joe Haldeman: Tricentennial
„Tricentennial“ ist eine gut geschriebene Geschichte über eine Gruppe von Wissenschaftlern, die eine Nachricht ins All schicken will, um die benachbarten Aliens wissen zu lassen, dass es sie gibt. Ein bisschen frustierend fand ich die „überraschende“ Wendung am Ende, die ich nicht so überraschend fand und bei der ich das Gefühl hatte, ich hätte sie schon mehrfach so gelesen. Was bei mir mal wieder zu dem Schluss geführt hat, dass ich grundsätzlich lieber (Urban) Fantasy, Science Horror oder Steampunk lese als „klassische“ Science Fiction, weil ich da das Gefühl habe, dass auch schon erzählte Ideen mir mit mehr Variablen präsentiert werden als bei dieser Art von SF-Geschichten.

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