Schlagwort: Thriller

Hideo Yokoyama: 64

Den Roman „64“ von Hideo Yokoyama hatte ich schon einmal im vergangenen Sommer ausgeliehen und dann war es einfach zu heiß, um einen 770-Seiten-Wälzer aufmerksam zu lesen. Da mir der Anfang aber gut genug gefallen und mich neugierig auf die Geschichte gemacht hatte, habe ich das Buch noch einmal in der Bibliothek vormerken lassen und es mir jetzt im Januar vorgenommen. Am Ende stehe ich allerdings da und frage mich, ob sich das Lesen dieses Wälzers gelohnt hat, den es gab sehr viele Aspekte an dem Roman, die nicht meinen Geschmack getroffen haben. Dabei fing die Geschichte recht stimmungsvoll an, indem beschrieben wird, wie Yoshinobu Mikami und seine Frau Minako die Leiche eines jungen Mädchens betrachten, um herauszufinden, ob die Tote ihre Tochter Ayumi ist, die vor einigen Wochen von Zuhause weggelaufen ist. Diese Angst davor, dass Ayumi irgendwann tot aufgefunden werden würde, zieht sich für Mikami und seine Familie durch das gesamte Buch und beeinflusst viele Entscheidungen des ehemaligen Kriminalbeamten und aktuellen Direktors der Pressestelle des Präsidiums der Präfektur D.

Doch erst einmal wird Mikamis Aufmerksamkeit nach seiner Rückkehr zur Arbeit vor allem von der Tatsache gefangen gehalten, dass ein hoher Beamter aus Tokio bei einem in den nächsten Tagen anstehenden Besuch eine Pressekonferenz im Haus von Yoshio Amamiya abhalten will. Für das Präsidium stehen der Name Amamiya und der Fall „64“ (danach benannt, dass er im 64sten Jahr der Shōwa-Ära stattfand) für ihren größten Misserfolg, da es den Ermittlern weder damals noch in den folgenden Jahren gelang, den Entführer und Mörder von Yoshio Amamiyas kleiner Tochter Shoko zu fassen. Gerade mal sieben Tage hat Mikami, um den immer noch trauernden Vater davon zu überzeugen, diesen Besuch zuzulassen. Sein einziges Argument besteht darin, dass die Pressekonferenz auch nach all dieser Zeit vielleicht genügend Aufmerksamkeit weckt, um neue Hinweise auf den damaligen Täter zu bekommen.

Statt des versprochenen Thrillers, bei dem – wenn man den Angaben des Klappentextes glauben darf – der vor vierzehn Jahren passierte Entführungsfall mit dem Verschwinden von Mikamis Tochter in Verbindung steht, bekommt man so eine Geschichte, die sich um die politischen und persönlichen Intrigen innerhalb des Präsidums dreht. Von Anfang an steht fest, dass Mikami als ehemaliger Kriminalbeamter zwischen den Stühlen sitzt, da ihm von den Verwaltungsleuten (wozu auch die Pressestellenmitarbeiter gehören) vorgeworfen wird, dass er Partei für das KUA (Kriminaluntersuchungsamt) ergreift, während seine ehemaligen Kollegen sich sicher sind, dass er ihre sensiblen Arbeitsergebnisse an die Presse „verrät“.

Wenn man den Roman als Studie zum Thema Loyalität sieht, dann hat Hideo Yokoyama ein spannendes Werk geschaffen, bei dem der Leser im Laufe der Zeit mehr über die verschiedenen Beteiligten, ihren Charakter und ihre Motivation erfährt. Immer wieder sehen sich die verschiedenen Figuren vor die Frage gestellt, wem ihre Loyalität gilt, ob sie zu ihrem direkten Vorgesetzten, ihrer Abteilung oder den Polizeiapparat als Gesamtheit stehen sollen. Am Ende steht sogar die Frage im Raum, ob es einen funktionierenden Polizeiapparat überhaupt geben kann, solange es dieses Gegeneinander der verschiedenen Abteilungen gibt – vor allem, wenn dazu noch der Kampf mit der Presse kommt, deren Vertreter theoretisch als Bindeglied zwischen der Polizei und der Bevölkerung dienen könnten.

All das ist grundsätzlich nicht uninteressant zu lesen, trifft aber bei mir eines der Themen, mit denen ich mich bei Unterhaltungsliteratur wirklich ungern beschäftige. Ich hasse Geschichten, die sich vor allem darum drehen, dass Menschen, deren Zusammenarbeit wichtig ist, aus unterschiedlichen Gründen gegeneinander arbeiten, intrigieren und ihre Macht missbrauchen. Es fängt schon damit an, dass Mikami von Anfang an das Gefühl hat, er dürfe nicht zu weit gehen, weil dann vielleicht die nationale (und eher inoffizielle) Suche nach seiner Tochter eingestellt werden könnte. Bei „64“ dreht sich dummerweise fast das ganze Buch um genau diese Thematik und erst kurz vor Schluss erkennt man all die kleinen Hinweise, die in all die Szenen rund um die Intrigen eingebettet sind und die zum Showdown führen, auch wirklich als Fingerzeige.

Normalerweise mag ich dieses Sammeln von kleinen Momenten und Beschreibungen, die einen auf die richtige Fährte führen, aber bei diesem Roman haben mich all diese Machtkämpfe so ermüdet, dass die Geschichte auf den letzten hundert Seiten nur noch hinter mich bringen wollte. Dazu kam noch, dass der dann doch noch vorhandene Krimianteil sich als recht offensichtlich herausstellte, so dass ich nicht mal daraus am Ende Befriedigung ziehen konnte. Grundsätzlich verstehe ich, dass Hideo Yokoyama ein erfolgreicher Autor ist und „64“ ein Bestseller wurde, denn der Autor schreibt wirklich gut und hat ein Händchen für Szenen, die vom ersten oberflächlichen Eindruck ausgehend nach und nach den Kern eines Charakters aufdecken. Aber ich hatte mich auf einen Thriller gefreut und nicht auf eine Studie zum Thema Loyalität und interne Politik in japanischen Polizeiapparaten, und da mich nur ungern mit Letzterem beschäftige, war „64“ nicht die richtige Lektüre für mich.

Rachel Caine: Stillhouse Lake (Stillhouse Lake 1)

Im Dezember gab es das eBook „Stillhouse Lake“ von Rachel Caine für gerade mal 99 Cent, und weil ich die (ersten Bände der) Morganville-Reihe der Autorin so mag, dachte ich, ich könnte auch mal einen Thriller von ihr ausprobieren. Auf Deutsch ist das Taschenbuch übrigens vor ein paar Tagen mit dem Titel „Die Angst schläft nie“ (ich hasse deutsche Thriller-Titel wirklich) erschienen, falls jemand nach meiner Rezension Lust auf die Geschichte, aber keine Lust auf Lesen eines englischen Buches hat. 😉 Die Handlung beginnt damit, dass Gina Royal, die ihre beiden Kinder von der Schule abgeholt hat, ihr Haus von der Polizei umstellt vorfindet. Vor den Augen der Kinder wird sie verhaftet, ohne überhaupt zu wissen, was los ist. Erst später findet Gina heraus, dass man – dank eines unvorsichtigen Autofahrers, der das Gebäude gerammt hatte, – in der Holzwerkstatt ihres Mannes die Leiche einer jungen Frau gefunden hat und dass diese nicht das erste Opfer von Melvin Royal war.

Jahre später versucht Gina unter ihrem neuen Namen „Gwen Proctor“, mit ihrem Sohn Connor und ihrer Tochter Lanny ein neues Leben in einem verfallenen Haus am Stillhouse Lake in Tennessee zu beginnen. Hinter ihr liegen 1 1/2 Jahre Untersuchungshaft, da sie verdächtigt wurde, Anteil an den Taten ihres Mannes gehabt zu haben, und weitere Jahre, in denen sie mit den Kindern von einem Ort zum nächsten und von einer Identität zur anderen wechselte, um denjenigen zu entkommen, die auch nach ihrer Freisprechung Jagd auf sie machten. Gwen fürchtet vor allem um das Leben ihrer Kinder, da online von ihren Peinigern immer wieder dazu aufgerufen wird, diese zu missbrauchen oder zu töten, um ihrer Mutter zu zeigen, wie es sei, wenn man ein Familienmitglied auf grausame Weise verliert. Doch nachdem sie so oft umgezogen sind und so oft den Namen gewechselt haben, wird es endlich Zeit, etwas sesshafter zu werden und den Kindern wieder etwas Stabilität zu bieten.

Natürlich wird es nicht so einfach für Gwen, Fuß am Stillhouse Lake zu fassen. Alle drei sind von den vergangenen Jahren traumatisiert, und Gwen ist nicht mehr in der Lage, einem anderem Menschen zu vertrauen, nachdem ihr Ehemann sich als Serienkiller entpuppt hat. Immer wieder schärft sie den Kindern ein, dass sie all die eingeübten Vorsichtsmaßnahmen nicht außer Acht lassen dürfen, immer wieder führt sie „Notfallübungen“ durch und jeden Tag schwebt über Lanny und Connor die Furcht, dass sie wieder von einer Stunde auf die andere ihr neues Zuhause inklusive der wenigen liebgewonnenen Gegenstände, die eine Flucht erschweren würden, verlassen müssen. Als dann auch noch im See die Leiche einer jungen Frau gefunden wird und Gwen und ihre Kinder als Zeugen die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich ziehen, steht Gwen wieder vor der Entscheidung, ob sie fliehen oder die Ermittlungen durchstehen will, auch wenn das bedeuten könnte, dass ihre wahre Identität aufgedeckt wird.

Dass Rachel Caine gut schreiben kann, wusste ich schon vor diesem Buch. Ich war aber trotzdem überrascht davon, wie sehr mich „Stillhouse Lake“ fesseln konnte. Die Handlung an sich ist gar nicht so ungewöhnlich, ich stolpere in (amerikanischen) Thrillern häufiger über Protagonistinnen, die in irgendeiner Weise Opfer waren und nun eines Verbrechens verdächtigt werden und/oder befürchten müssen, dass ihre Vergangenheit sie einholt, weil sie (wieder) ins Visier der Polizei geraten sind. Was „Stillhouse Lake“ für mich zu einer besonderen Geschichte gemacht hat, war auf der einen Seite Gwens Charakter. Man erlebt im Prolog, wie ihre Welt von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Sie hat keine Ahnung, was ihr Mann getan hat, und während sie überhaupt zu begreifen versucht, was los ist, wird sie als Mittäterin verhaftet. Ohne dass Rachel Caine lang und breit beschreibt, wie diese Jahre für Gwen verlaufen sind, wird deutlich, welch ein einschneidender Einschnitt dies für ihr Leben bedeutete und welch gravierende Entwicklung sie danach in kürzester Zeit durchmachen musste, um die folgenden Monate zu überstehen und ihren Kindern so viel Sicherheit wie möglich (was nicht gerade viel war) gewährleisten zu können.

Gwen ist misstrauisch, abweisend, bewegt sich auf illegalen Pfaden, denkt ständig über Fluchtrouten und Verteidigungsmöglichkeiten im Falle eines Angriffs nach und versucht trotzdem irgendwie, eine liebevolle und nicht überbehütende Mutter zu sein – letzteres zugegeben nicht sehr erfolgreich. Eine große Rolle in Gwens Leben nach „dem Ereignis“ spielt das Internet, denn dort sammeln sich all die Personen, die glauben, dass Gwen an den Taten ihres Ex-Mannes beteiligt war, die Rache für die Opfer wollen (egal, ob Gwen nun mitschuldig war oder nicht) und diejenigen, die Gwen und die Kinder bedrohen und verfolgen, weil es ihnen einen Kick gibt. Die Szenen, in denen sich die Protagonistin Tag für Tag einloggt, um zu schauen, ob einer dieser Verfolger einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort gefunden hat, ob vielleicht ein Foto aufgetaucht ist, mit dem man sie oder eines der Kinder identifizieren könnte, oder um einfach nur die aktuellsten Drohungen zu archivieren und (anonym) an die zuständigen Polizeistellen weiterzuleiten, fand ich unglaublich bedrückend.

Gerade weil sich solche Online-Lynch-Mobs in der Realität selbst zu den belanglosesten Themen finden, fiel es mir beim Lesen erstaunlich schwer, mit diesem Aspekt von Gwens Leben umzugehen. So ist es lange Zeit auch eher diese ständig schwelende Bedrohung für Gwen und ihre Kinder, die für Spannung sorgte, als die aktuellen Ereignisse rund um den See. Natürlich bedrückt der Mord an einer jungen Frau die Protagonistin und es ist nicht schön, von der Polizei als Verdächtige behandelt zu werden, aber all die unschönen „Nebeneffekte“, die dies für Gwen und die Kinder mit sich bringt, sind viel schlimmer zu verfolgen. Am Ende gab es dann auch noch einen dramatischeren Showdown, und als ich an der Stelle angelangt war, war ich regelrecht erleichtert, weil aus einer nicht greifbaren Bedrohung ein realer Angreifer geworden war, gegen den Gwen direkt vorgehen konnte.

Falls es bislang noch nicht deutlich geworden ist: „Stillhouse Lake“ ist eine sehr spannende Geschichte, die mich beim Lesen wirklich gefesselt hat. Neben all den bedrückenden Elementen gibt es übrigens auch sehr schöne Szenen, in denen Gwen so etwas wie freundschaftlichen Austausch mit ihren Nachbarn oder Bekannten hat. Da aber auch diese Szenen immer von der Frage durchdrungen sind, ob man dem Gegenüber vertrauen kann oder was die anderen wohl von Gwen denken würden, wenn sie ihre wahre Identität wüssten, vertiefen diese nur die beklemmende Atmosphäre, die den Roman durchdringt. Nach aller Begeisterung muss ich aber auch noch einen kleinen Kritikpunkt an der Handlung einbringen, da eine Person in Gwens Umfeld in meinen Augen als potenzieller Verdächtiger ziemlich auffällig war. So schlimm war das aber nicht, da Rachel Caine genügend weitere „verdächtige“ Figuren in die Geschichte eingebaut hat, so dass man sich nie so ganz sicher sein konnte, ob einer oder mehrere Bekannte nicht ebenfalls mehr über sie und über die Morde am Stillhouse Lake wissen. So gibt es gerade nur einen einzigen Grund, warum ich mir nicht schon die Fortsetzung gekauft habe, und der ist, dass ich meinen Bücheretat für den Monat schon sehr großzügig ausgereizt habe.

Amanda Stevens: Totenlichter (Graveyard Queen 2)

Nachdem ich Ende Mai „Totenlichter“ von Amanda Stevens in meinem Buchpaket hatte, habe ich das Buch am Wochenende gelesen. Der Vorgänger „Totenhauch“ hatte mir gut gefallen und so war ich gespannt wie es mit Amelia Gray so weitergeht. Die Handlung in diesem Roman spielt dieses Mal nicht in Charleston, sondern in den Blue Ridge Mountains, genauer gesagt in dem kleinen Ort Asher Falls, wo Amelia den Thorngate Friedhof restaurieren soll.

Der Friedhof war früher der Familienfriedhof der Familie Asher, doch nachdem Pell Asher in den 80er Jahren ein großes Stück Land verkauft hat, damit dort ein Stausee angelegt werden konnte, wurde der Friedhof auch den restlichen Bürgern von Asher Falls zugänglich gemacht, da durch den Stausee der alte Friedhof (ebenso wie ein Teil der Wohnhäuser, die Zugangstraße zum Ort und andere wichtige Elemente) überflutet wurde. Ein Großteil der Bürger hat seit Entstehung des Stausees die Stadt verlassen und so findet sich Amelia an einem Ort wieder, der trostlos und oft genug unheimlich wirkt. Auch der Familie Asher hat das Geschäft mit dem Stausee anscheinend kein Glück gebracht, sie wirken ebenso heruntergekommen wie der gesamte Ort, allerdings übt Thane Asher auf Amelia eine unerklärliche Anziehung aus.

Ich muss gestehen, dass mich dieser Roman etwas zwiespältig zurück lässt. Auf der einen Seite hat es Amanda Stevens wieder geschafft einige sehr atmosphärische und unheimliche Szenen zu schreiben. Der verlassene Ort, die Familie Asher mit ihrem skrupellosen Familienoberhaupt Pell, der See mit seinen Geistern, der Friedhof mit den alten und vernachlässigten Familiengräbern und die überwältigende Natur rund um die Stadt Asher Falls bieten eine tolle Kulisse und tolle Figuren für so eine Geschichte. In der Stadt gibt es so einige Sonderlinge, aber auch die drei charismatischen Frauen Luna, Bryn und Catrice, die als einzige in der Gegend erfolgreich und zufrieden zu sein scheinen. Das alles fand ich wirklich schön zu lesen, an manchen Stellen vielleicht etwas klischeehaft, aber insgesamt sehr atmosphärisch.

Auf der anderen Seite fehlten mir Charleston und viele Charaktere, die man im ersten Roman kennengelernt hat. In „Totenlichter“ ist Amelia ganz auf sich allein gestellt und viele Dinge, die sie über die Stadt, die Ashers und die vor vielen Jahren bei einem rätselhaften Unfall umgekommene Freya erfährt, lassen sie an ihre Familie und ihre Kindheit denken. Auch ist ihr bewusst, dass sie – durch den Bruch der Regeln, die ihr Vater ihr von klein auf eingetrichtert hat – eine Grenze überschritten hatte und nun besonders auf der Hut vor den Geistern sein muss. So dreht sich ein Großteil der Handlung weniger um eine Ermittlung oder um den alten Friedhof und eventuell zu beachtende Dinge bei der Renovierung, sondern um Amelias Gefühls- und Privatleben.

Viele Dinge, die Amelia über ihre Familie und ihre Vergangenheit rausfindet, waren nicht besonders überraschend. Ebenso war der Krimianteil der Geschichte meiner Meinung nach recht vorhersehbar und dafür weniger spannend als bei „Totenhauch“. Auch Amelias Aufgabe bei der Friedhofsrestauration fällt in diesem Roman fast unter den Tisch, wirklich neue Aspekte erfährt man kaum, dabei fand ich diesen Part im Vorgänger sehr reizvoll. Und so nett ich Amelias neuen Hund Angus finde, der ihr zu Beginn ihres Aufenthalts in Asher Falls zuläuft, so habe ich das Gefühl, dass viele Szenen durch ihn zu einfach für die Protagonistin geworden sind.

Am Ende bleibt von „Totenlichter“ für mich nur eine nicht ganz so befriedigende Handlung und dafür eine tolle und atmosphärische Kulisse zurück. Wenn Bastei Lübbe noch einen weiteren Band der Autorin veröffentlichen sollte, werde ich den bestimmt auch noch ausprobieren, um zu gucken, ob Amanda Stevens nach der Klärung von Amelias persönlichen Rätseln wieder mehr auf den Kriminalgeschichtenanteil und Amelias ungewöhnlicher Tätigkeit als Restauratorin für historische Friedhöfe setzt.

Amanda Stevens: Totenhauch (Graveyard Queen 1)

Irgendwie habe ich gerade eine „geisterhafte“ Phase beim meiner Romanwahl. 😉 So habe ich vor ein paar Tagen auch „Totenhauch“ von Amanda Stevens gelesen. Hauptfigur dieser Geschichte ist die Friedhofsrestauratorin Amelia Gray. Die junge Frau kann seit ihrem neunten Lebensjahr Geister sehen und hat deshalb ein sehr reglementiertes Leben geführt. Ihr Vater – der ebenfalls diese zweifelhafte Fähigkeit besitzt – hat ihr beigebracht, dass Geister sich wie Parasiten an Menschen heften und von der Lebensenergie ihrer Wirte zehren. Deshalb darf sie einem Geist nie zeigen, dass sie ihn sehen kann, sollte sich so oft wie möglich in der Nähe von geweihtem Boden aufhalten und Personen meiden, die von Geistern heimgesucht werden.

Da ihr Vater als Friedhofsgärtner arbeitet und Amelia sich auf dort auf geweihtem Boden sicher fühlt, werden die Friedhöfe für das Mädchen zur Zuflucht. Da scheint es eine logische Entwicklung zu sein, dass Amelia sich als Erwachsene darauf spezialisiert historische und vergessene Friedhöfe zu restaurieren. Nebenbei betreibt sie einen Blog, auf dem sie Fotos von besonders schönen Grabstätten und Gedenksteinen präsentiert, über ihren Beruf redet und Kontakt zu anderen Liebhabern alter Friedhöfe pflegt.

Als Amelia von der Emerson University engagiert wird, um den seit Jahrzehnten vernachlässigten Oak-Grove-Friedhof wieder in Ordnung zu bringen, wird kurz darauf die Leiche einer unbekannten jungen Frau auf eben diesem Friedhof gefunden. Die Polizei engagiert daraufhin (eher aus PR-Gründen) Amelia als Beraterin, was dazu führt, dass sie immer wieder mit Detective John Devlin zusammenarbeiten muss. Blöderweise sorgt diese Nähe zu dem Polizisten dafür, dass Amelia eine der wichtigsten Regeln ihres Lebens über Bord werfen muss – da der Detective von zwei Geistern heimgesucht wird. Oh, und natürlich fühlt sich die junge Frau von Anfang an zu dem Mann hingezogen. 😉

Ich fand Amelia als Protagonistin sehr interessant. Sie ist eine sehr beherrschte Person, was nicht nur zu einem sachlichen Erzählstil führt, obwohl die Geschichte in der ersten Person erzählt wird, sondern auch zu einer überraschenden Distanz zu der Hauptfigur. Das gibt dem Roman aber einen ganz besonderen Reiz, vor allem durch den Kontrast zu all den Geistererscheinungen, die teils spannend, teils gruselig und schön atmosphärisch geschrieben waren. Diese Spuk-Elemente haben mich wirklich gefesselt (und in der Nacht nach dem Lesen zu lebhaften Träumen geführt :D) – da gab es einige spannende Momente und interessanten Verknüpfungen zwischen bekannteren Geschichten über Geister und Dingen, bei denen ich nicht sicher sagen kann, was vielleicht aus einem mir nicht so bekannten Kulturkreis oder aus der Fantasie der Autorin stammt.

Der „Thrilleranteil“ ist daneben deutlich weniger relevant (obwohl der Verlag den Roman als Thriller bezeichnet), aber nicht uninteressant. Ich fand zwar die eine oder andere Entwicklung etwas vorhersehbar, aber grundsätzlich kann man mich mit mysteriösen Geheimorganisationen, eine Stadt voller Menschen, die ihre eigenen Prioritäten und Verpflichtungen haben, und einem gewissen „Südstaaten“-Filz immer gut unterhalten.Und die Frage, wie viele Opfer es letztendlich gibt und ob man vielleicht jemanden noch retten kann, führt auch zu einer gewissen Spannung beim Lesen.

Was für mich nicht hätte sein müssen, ist die Anziehung auf den ersten Blick zwischen John Devlin und Amelia. Aber da sich diese Sache nicht Hals über Kopf entwickelt und es in Johns Vergangenheit einige ungelöste Fragen gibt – und Amelia mit ihrer eigenen Gabe ringt, wenn sie in Johns Gesellschaft seinen Geistern ausgesetzt ist – konnte ich mit dieser „Beziehung“ gut leben. Ein zweiter Band ist vom Verlag schon angekündigt und ich denke, dass ich mir den auch gönnen werde, um eine weitere Nacht mit gruseligen Geistererscheinungen, tragischen Schicksalsschlägen aus der Vergangenheit und faszinierenden Details zu historischen Friedhöfen zu verbringen.

Karen Rose: Todesbräute (Vartanian 2)

Auf diese Buch kam ich – mal wieder – durch einen Blog. Blöderweise dauert es immer so lange bis mir die Bibliothek die vorgemerkten Bücher zur Verfügung stellen kann, dass ich bis dahin vergessen habe, auf wessen Anregung ich es überhaupt vormerkte. Wenn also einer meiner Leser in den letzten Wochen „Todesbräute“ rezensiert haben sollte: Du bist schuld daran, dass ich den Roman gelesen habe! 😉 Oh, und natürlich habe ich erst mitten im Buch festgestellt, dass es der Mittelteil einer „Todes“-Trilogie ist. Wer also die Geschichten gern der Reihe nach lesen möchte, der sollte sich zuerst „Todesschrei“, dann „Todesbräute“ und zuletzt „Todesspiele“ schnappen. Allerdings kann ich versichern, dass zumindest der zweite Teil sich ohne Probleme lesen lässt, wenn man den Vorgänger nicht kennt.

Hauptfiguren in diesem Buch sind Alex(andra) Fallon und Daniel Vartanian. Alex wurde in Dutton in Georgia geboren und lebte dort bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr. Doch dann wurde ihre Zwillingsschwester Alicia missbraucht und ermordet und ihre Mutter brachte sich um, weil sie den Tod der Tochter anscheinend nicht verkraften konnte. Nach diesen Schicksalsschlägen wurde Alex von ihrer Tante Kathy adoptiert und zog deshalb nach Ohio. Jetzt – dreizehn Jahre später – wird Alex Stiefschwester Bailey vermisst. Diese war lange Zeit drogensüchtig gewesen, so dass der Kontakt zwischen ihr und Alex abbracht. Doch trotzdem fühlt sich Alex Bailey soweit verpflichtet, dass sie nun zurück nach Dutton reist, sich um Baileys Tochter Hope kümmert und alle Hebeln in Bewegung setzt, damit die Polizei nach ihrer vermissten Schwester sucht.

Auch Daniel Vartanian wurde in Dutton geboren und verließ in jungen Jahren die Stadt. Inzwischen ist er als Special Agent für Mordermittlungen zuständig – und hat gerade erst vor zwei Wochen seine Eltern begraben müssen, die von einem Serienmörder getötet wurden (und ja, wenn man diesen zweiten Teil liest, dann weiß man, dass es eine Verbindung zwischen Daniel und dem Mörder gab, aber ich will lieber nicht spoilern). Aufgrund der Familientragöde war Daniel für zwei Wochen im Urlaub gewesen, doch an seinem ersten Arbeitstag danach wird eine Frauenleiche gefunden. Die Art der Ermordung, der Fundort und andere Hinweise bilden eine Verbindung zu dem Mord an Alicia – und so könnte es sein, dass das Verschwinden von Bailey mit diesem Mord in Zusammenhang steht.

Ich muss zugeben, dass es mir sehr schwer fällt genau zu sagen, warum mir dieser Thriller so gut gefallen hat, denn wirklich herausragend oder nervenzerreiben war er nicht. Die Charaktere waren zum Großteil sympathisch und mehr oder weniger überzeugend gezeichnet worden, der Krimianteil war spannend, ohne dass ich nun beim Lesen wirklich mitgefiebert habe. Ich glaube, es hat mir gefallen, dass mir die Autorin das Gefühl vermittelte, sie wolle einfach eine gute Geschichte erzählen, ohne dass sie dabei auf überzogene (oder gar besonders ekelige) Gewaltdarstellungen benutzte. Man bekommt zwar im Laufe des Buches das Gefühl, dass in der kleinen Stadt Dutton so gut wie jeder Mensch korrupt, pervers oder feige ist, aber auch das passiert in einem – für mich – unterhaltsamen Maße. Doch vor allem mochte ich die Nebenfiguren wie einen alten Englischlehrer, der gerade mal zwei Auftritte hatte, und den ich gleich ins Herz geschlossen habe oder Mama Papa, die nicht mal wirklich in Erscheinung tritt, sondern von der man nur erzählt bekommt.

Da Karen Rose auch mehrere Perspektiven einbringt, die zeigen was verschieden Figuren (die alle etwas auf dem Kerbholz haben) während der ganzen Geschichte machen, bekommt man als Leser ziemlich viele Informationen über die Bösewichte. Aber es gibt nie genügend Hinweise, dass man sich je sicher sein kann, wer nun was aus welchen Motiven getan hat. Dabei hatte ich nicht das Gefühl (wie vor kurzem bei „Mein Mann der Mörder“), dass mich die Autorin künstlich dumm hält, sondern es wirkte soweit ganz stimmig. Natürlich erwähnt jemand, der nachts vor der Tür seiner Schwester Wache hält, weil seine Komplizen diese bedrohen, nicht seinen Namen (warum sollte er sich auch selbst benennen). Aber da der Leser die Stadt nicht so gut kennt wie die beteiligten Charaktere, führt das eben dazu, dass man im Dunklen tappt und sich seine Gedanken zu der Identität des Beobachters machen kann.

Eine Liebesgeschichte zwischen Alex und Daniel gibt es in dem Buch auch, die hätte für mich nicht sein müssen, bot aber der Autorin die eine oder andere Gelegenheit, um mehr über diese beiden Figuren zu erzählen und auf ihre – jeweils sehr schwierige – Kindheit einzugehen. Diese Passagen waren zum Teil schon grenzwertig kitschig, haben mich aber trotzdem nicht von einem genussvollen Lesen abgehalten. 😉 Ich habe mir nun die anderen beiden Titel auch noch in der Bibliothek vorgemerkt und freue mich auf entspannte Leseabende, wenn die Bücher bei mir eingetroffen sind.