Schlagwort: Japan

Mizuki Tsujimura: Lonely Castle in the Mirror

Ich hätte nicht gedacht, dass ich fünfzehn Monate nach dem Lesen von „Lonely Castle in the Mirror“ von Mizuki Tsujimura noch eine Rezension zu dem Roman schreiben würde. Aber dann habe ich im September einen Bericht gesehen über die steigende Anzahl von Hikikomori unter Japans Schüler*innen und das damit verbundene Stigma, das nicht nur die betroffenen Personen, sondern auch ihre Familien betrifft – und musste wieder an dieses Buch denken. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Kokoro Anzai, die in ihrem ersten Jahr an der Yukishina Junior High School ist und seit Wochen nicht am Unterricht teilgenommen hat. Als eines Tages der Spiegel in ihrem Zimmer aufleuchtet, entdeckt Kokoro, dass sie durch den Spiegel in ein geheimnisvolles Schloss gehen kann. Nach und nach treffen weitere Personen, die alle ungefähr in Kokoros Alter sind, in diesem Schloss ein und werden von einem Mädchen mit einer Wolfsmaske (der Wolf Queen) über die dort herrschenden Regeln informiert.

Jede der – inklusive Kokoro – sieben Personen verfügt über ein eigenes Zimmer in dem magischen Schloss, in dem sie sich tagsüber aufhalten dürfen. Allerdings müssen sie das Schloss bis 17 Uhr verlassen, weil sie sonst von einem Wolf gefressen werden. Außerdem gibt es im Schloss Hinweise auf die Lösung eines Rätsels, und die sieben Jugendlichen haben ein Jahr Zeit, um das Rätsel zu lösen – und der Person, die dabei erfolgreich ist, gewährt die Wolf Queen die Erfüllung eines Wunsches. Im Laufe der Wochen lernen sich die sieben Jugendlichen besser kennen, wobei es immer wieder kleinere und größere Auseinandersetzungen zwischen ihnen gibt, die auch schon mal dazu führen, dass jemand längere Zeit das Schloss nicht betritt. Trotzdem freunden sie sich miteinander an, genießen die gemeinsamen Stunden im Schloss und finden heraus, dass sie (fast) alle ähnliche Probleme haben, die dazu führen, dass sie seit längerer Zeit keine Schule besucht haben.

Es gibt zwei größere Enthüllungen in der Geschichte, die ich beide relativ vorhersehbar fand, was aber mein Vergnügen beim Lesen nicht getrübt hat. Denn auch wenn ich nicht alle Charaktere in dem Roman wirklich sympathisch fand, so habe ich doch gern verfolgt, wie Kokoro die anderen Jugendlichen kennenlernte und mehr über sie herausfand. Außerdem gibt es außerhalb des Schlosses noch den Teil der Handlung, in dem Kokoro – sehr langsam und zögerlich – mit Hilfe ihrer Mutter und einer Lehrerin versucht, eine Lösung für ihre Probleme zu finden, was ich sehr berührend fand. Vor allem aber mochte ich die vielen kleinen Szenen, in denen Kokoro es genießt, wieder Freunde zu haben, genauso wie die Momente, in denen ihr bewusst wird, wie viele Vorurteile sie doch verinnerlicht hat und wie wichtig es ist, eine Person erst einmal kennenzulernen, bevor sie über sie urteilt. Dabei gibt es sehr viele Elemente, die – meinem Gefühl nach – eine Menge über die japanische Gesellschaft und den Alltag in Japan erzählen, was ich immer wieder faszinierend finde.

Für mich war „Lonely Castle in the Mirror“ eine Geschichte, die ich in Stückchen genossen und bei der ich immer wieder über kleine zwischenmenschliche Aspekte nachgedacht habe. Obwohl die großen „Überraschungsmomente“ der Handlung vorhersehbar waren, habe ich interessiert verfolgt, wie die verschiedenen Charaktere auf diese Enthüllungen reagierten. Mizuki Tsujimura spricht mit ihrem Roman viele verschiedene Aspekte an, die Schüler*innen dazu bringen können, nicht am Unterricht teilzunehmen, zeigt aber auch die vielen – teils recht hilflosen – Versuche ihrer Umgebung, zu verstehen, was in diesen Personen vorgeht und wie ihnen geholfen werden kann. Das führt zu ein paar wirklich berührenden Momenten, die ich gern gelesen habe.

Shion Miura: The Easy Life in Kamusari

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „The Easy Life in Kamusari“ von Shion Miura gelesen habe. Genau genommen habe ich das Buch im vergangenen Dezember während meines „Jahresausklangs“ gelesen und bei der Gelegenheit auch schon ein bisschen was dazu geschrieben. Was mir normalerweise reichen würde, um keine „richtige“ Rezension mehr zu schreiben, wenn das Lesen schon so viele Monate her ist. Aber immer wenn ich darüber nachdenke, dass ich den Roman einfach ins Regal stellen könnte, fallen mir all die kleinen Gedanken dazu ein, die ich doch noch gern losgeworden wäre. Und sei es nur, um mal hier zuzugeben, dass ich nonbinäre, weibliche und männliche Autor*innen mit zweierlei Maß messe und an letztere (aufgrund meiner Erfahrungen) grundsätzlich geringere Erwartungen stelle.

Die Handlung in „The Easy Life in Kamusari“ dreht sich um Yuki Hirano, der zu Beginn der Geschichte gerade die High School beendet hat und von seinen Eltern – ohne Absprache mit ihm – in ein Forstwirtschafts-Training-Programm eingeschrieben wurde. Yuki gibt in seinen Aufzeichnungen zu, dass er selbst keinerlei Ahnung hatte, was er beruflich machen sollte, aber ich war trotzdem etwas irritiert, dass er so passiv alles mit sich machen ließ. Er landet im tiefsten Hinterland von Japan, ohne Internet oder andere Kommunikationsmöglichkeiten, und ist in den ersten Monaten einfach nur jeden Abend fürchterlich erschöpft von der harten Arbeit. Nach und nach lernt er aber die Vorzüge von Kamusari schätzen, fühlt sich in den Wäldern der Umgebung wohl und findet in seinem Arbeitskollegen Yoki ein (zweifelhaftes) Vorbild. Außerdem lernt er die junge Grundschullehrerin Nao kennen und „verliebt“ sich in sie.

Es gibt eine Menge Elemente, die ich an der Geschichte wirklich mochte, vor allem die vielen Szenen rund um japanische Forstwirtschaft, die ich interessant und informativ fand. Außerdem erinnerten mich sehr viele Momente zwischen Yuki und seinen (durchgehend männlichen) Arbeitskollegen an die Pausenszenen in dem Film „The Woodsman and the Rain“, wo sich die Forstarbeiter über ihren Tag und ihr Privatleben austauschen und deutlich wird, dass diese Personen sich seit Jahren in- und auswendig kennen und ihre ganz eigenen persönlichen Rituale haben. Dazu kam in „The Easy Life in Kamusari“ ein Hauch von Aberglaube/Magie rund um den Wald in Kamusari, was ich unterhaltsam fand und was zu so einigen absurd-amüsanten Szenen führte, so dass ich das Lesen des Romans eigentlich genossen habe.

Was mich dazu bringt, dass ich bis zum Ende der Geschichte glaubte, dass Shion Miura ein männlicher Autor sei, da Shion nun mal die japanische Form von Sean ist. Das führte dazu, dass ich das eine oder anderen Element in dem Roman hingenommen habe, obwohl es mich beim Lesen störte. Es gibt ein paar Szenen mit männlich-pubertärem Humor, auf die ich persönlich hätte verzichten können, und die wenige weiblichen Nebenfiguren fühlten sich wie Abziehbilder an, was meine Vermutung, dass es sich um einen männlichen Autor handelte, bestärkte. Nachdem ich aber – dank der Autoreninfo – herausgefunden habe, dass Shion Miura eine Autorin ist, ärgert mich diese Darstellung der weiblichen Figuren wirklich sehr. Selbst wenn die Autorin damit versucht haben sollte, aus der Perspektive eines heranwachsenden Mannes zu schreiben, sehe ich keinen Grund dafür, wieso die Frauen in der Geschichte so klischeehaft und zweidimensional dargestellt werden.

Noch unangenehmer fand ich das „Verliebtsein“ von Yuki, da er seine Angebetete gerade mal einige Sekunden an einem Fenster stehend gesehen hatte, als er beschloss, dass er in die hübsche junge Frau verliebt sei – und ihr dann in den folgenden Monaten regelmäßig seine Anwesenheit aufdrängte, ohne auf ihre Wünsche und Gefühle einen Gedanken zu verschwenden. Diese Aspekte, die – wie ich zugeben muss – nur einen kleinen Teil der Handlung ausmachen, verderben mir ein bisschen die Erinnerung an diesen eigentlich netten Roman. Dabei ist mir bewusst, dass ich in dieser Beziehung mit zweierlei Maß messe und solche Elemente bei einem männlichen Autoren hingenommen hätte – auch wenn ich mich dadurch darin bestätigt gesehen hätte, dass ich nur noch selten von Männern geschriebene aktuelle Geschichten lese. Bei einer Autorin, bei der ich hingegen davon ausgehen muss, dass sie in ihrem Leben selbst einige Erfahrungen mit Misogynie gemacht hat, finde ich es umso ärgerlicher, dass sie die Gelegenheit nicht nutzt, um in ihren eigenen Romanen realistischere, vielschichtigere Frauenfiguren zu schreiben. Was dann auch der Grund ist, wieso ich keine Lust auf die Fortsetzung „Kamusari Tales Told at Night“ habe.

Lese-Eindrücke Mai 2025

Anscheinend hatte ich in diesem Mai das Gefühl, ich müsste so viel wie möglich lesen, bevor das Wetter (noch) heißer wird – was dazu geführt hat, dass ich auch wieder ein paar Lese-Eindrücke sammeln konnte …

T. Kingfisher: The Seventh Bride

Ich habe mir vor einiger Zeit alle (märchenhaften) Backlist-Titel von T. Kingfisher (Ursula Vernon) als eBook zugelegt, damit ich darauf zurückgreifen kann, wenn ich Lust auf diese besondere Art von Geschichten habe. „The Seventh Bride“ ist eine Blaubart-Variante und wird aus der Perspektive der fünfzehnjährigen Rhea erzählt. Rhea ist eine Müllerstochter und ziemlich überrascht, als Lord Crevan um ihre Hand anhält. Noch schockierter ist sie, als sie beim Eintreffen auf seinem Anwesen feststellt, dass sie die siebte Braut von Lord Crevan ist – und nicht alle seine vorherigen Ehefrauen sind schon verstorben. Wie bei den vorher schon von mir gelesenen Märchenvarianten von T. Kingfisher habe ich hier wieder den Pragmatismus der Protagonistin, die überbordende (und häufig Horrorelemente aufgreifende) Fantasie der Autorin und ihren ungewöhnlichen Humor genossen. Ich mag es sehr, dass ich – bei aller Vertrautheit mit Märchen – bei T. Kingfisher nie vorhersagen kann, in welche Richtung sich eine Geschichte entwickelt und was für seltsame Dinge sie als Nächstes aufgreifen wird.

Seishi Yokomizo: Death on Gokumon Island

Nach „The Honjin Murders“ ist „Death on Gokumon Island“ der zweite Kriminalroman von Seishi Yokomizo rund um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Im Gegensatz zu dem Vorgängerroman spielt dieser hier nach dem Zweiten Weltkrieg, und so ist es auch ein Versprechen, dass Kosuke seinem verstorbenen Kameraden Chimata gegeben hatte, das ihn auf die Insel Gokumon bringt. Kurz nach Kosukes Eintreffen werden die drei jüngeren Schwestern von Chimata eine nach der anderen auf außergewöhnliche Weise ermordet, und natürlich versucht der Detektiv herauszufinden, wer der Mörder ist. Wie schon bei „The Honjin Murders“ sind die Figuren in der Geschichte nicht besonders detailiert ausgearbeitet, was mich aber wirklich nicht stört.

Es geht mir bei diesen Romanen vor allem darum, all die kleinen Hinweise in der Handlung zu sammeln und mitzuermitteln. Dabei finde ich es spannend, dass mir auch bei dieser Geschichte viele Elemente vor der Auflösung aufgefallen waren – und dass es trotzdem immer wieder Dinge gab, die mich überraschten. Das ist etwas, was ich bei dieser Art von Kriminalroman sehr mag. Weniger nett fand ich ein (zum Glück nur sehr kurzes) Gespräch zwischen einer Handvoll junger Männer (die keine nennenswerte Rolle in der Geschichte hatten), in der sie sich auf eine Art und Weise über Frauen und Sex unterhielten, die ich abstoßend fand. Da machte es sich leider bemerkbar, dass der Roman nicht nur Anfang der 1970er Jahre, sondern auch von einem männlichen Autor geschrieben wurde. Trotzdem wird mich dieser Punkt nicht davon abhalten, auch noch den nächsten Kosuke-Kindaichi-Roman zu lesen, denn ich mag die Herausforderung, die mir diese Geschichten beim Lesen bieten, ebenso wie den Einblick in ein vergangenens Japan.

Annie Bellet: The Gryphonpike Chronicles (Complete series)

Die kompletten „Gryphonpike Chronicles“ von Annie Bellet umfassen insgesamt 224 Seiten, so dass es sich hier eher um eine Reihe von aufeinanderfolgenden Kurzgeschichten handelt als um eine Romanserie. Die Geschichten werden aus der Perspektive von „Killer“ erzählt – einer Elfe, die von ihrem eigenen Volk verflucht wurde und deshalb mit niemandem (verbal oder per Gestik/Mimik) kommunizieren kann. Der Fluch wird erst aufgehoben, wenn sie 1001 gute Tat vollbracht hat, weshalb sie sich einer Gruppe von Abenteurern angeschlossen hat. Der Weltenbau und ähnliches gehen nicht sehr tief, aber ich habe mich mit dieser Sammlung von D&D-artigen Geschichten sehr gut unterhalten gefühlt und hätte gern auch noch mehr von Killer und den anderen Abenteurern gelesen.

Becky Chambers: Monk and Robot

Mit den „Monk and Robot“-Romanen von Becky Chambers ging es mir wie mit den Murderbot-Geschichten von Martha Wells: Solange gefühlt jeder begeistert darüber redete, hatte ich keine Lust, diese Titel zu lesen, obwohl ich mir sicher war, dass sie auch mir gefallen würde. Da jetzt aber „A Psalm for the Wild-Built“ und „A Prayer for the Crown-Shy“ in einem Taschenbuch zusammen veröffentlicht wurden, habe ich die Gelegenheit genutzt und das Buch dann auch direkt nach Erhalt gelesen. Wie erwartet habe ich die Geschichte rund um Sibling Dex und Roboter Mosscap sehr genossen. Es gab in der Handlung einige berührende Momente, Denkanstöße zu den verschiedensten Themen und nicht wenige amüsante Szenen. Jetzt werde ich wohl doch mal schauen müssen, ob mir auch die Wayfarers-Serie gefallen könnte …

Lese-Eindrücke Februar und März 2025

Da ich im Februar nicht genug gelesen hatte, dass sich ein eigener Beitrag mit Lese-Eindrücken gelohnt hätte, gibt es dieses Mal die Anmerkungen für zwei Monate.

K.B. Wagers: Behind the Throne/After the Crown/Beyond the Empire (The Indranan War 1-3)

Diese Space Opera hatte mich im Februar überraschend gefesselt. Die Handlung dreht sich um die 38jährige Prinzessin Hail(imi), die vor zwanzig Jahren von ihrem Heimatplanten Indranan geflüchtet ist und sich (unter dem Pseudonym Cressen Stone) als Gunrunner ihren Lebensunterhalt verdient hat. Zu Beginn der Trilogie wird sie von Geheimdienstmitarbeitern ihrer Mutter aufgespürt und gegen ihren Willen nach Hause geschleppt, weil in den vergangenen Monaten der Großteil der kaiserlichen Familie ausgelöscht wurde. Die Romane sind eine Mischung aus viel Planung/Ermittlung und Action, was mich recht gut unterhalten hat. Aber wirklich gepackt haben mich die Figuren, ihre komplizierten Beziehungen zueinander und die Trauer, die sich durch die gesamte Geschichte zieht.

Hail trauert um die Familienmitglieder, die sie verloren hat, darum, dass sie nie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hatte, und um den Mann, mit dem sie fast zwanzig Jahre zusammengelebt hat und der kurz vor ihrer Rückkehr auf ihren Heimatplaneten getötet wurde – was dazu führt, dass es (yeah!) keine Liebesgeschichte in dieser Trilogie gibt. Die engste Beziehung, die die Protagonistin in dieser Trilogie hat, knüpft sie mit dem Mann, der unter anderen Umständen ihr Schwager gewesen wäre, und mit dessen Ehemann. Dazu kommt, dass Hails Heimat sehr indisch inspiriert ist, was ich sehr reizvoll fand, auch wenn ich nicht beurteilen kann, wie angemessen die Umsetzung der Autorin da ist. Es gibt am Ende des dritten Bandes ein paar Elemente, die von der Protagonistin „übersehen“ werden, obwohl sie offensichtlich sind, was daran liegt, dass die Autorin damit schon Hinweise für die nächste Trilogie legt. Darauf hätte ich verzichten können, aber es war auch nicht so schlimm, dass es mir den Spaß an den drei Büchern verdorben hätte.

R.C. Joshua: Demon World Boba Shop

Über „Demon World Boba Shop“ hatte ich im Februar schon beim Lese-Sonntag geschrieben. Der Roman ist eine isekai-Geschichte, was bedeutet, dass sich der Protagonist Arthur nach seinem Tod in einer fantastischen Welt wiederfindet, in der er seine Fähigkeiten wie in einem klassischen RPG aufleveln kann. Doch anders als bei den meisten isekai-Titeln verdingt Arthur sich nicht als Abenteurer, sondern eröffnet in dieser (durch und durch netten) Welt einen Shop für Bubble Tea. Das ist unglaublich erholsam zu lesen und für so einige amüsante Szenen rund um das Level-System und Arthurs sich entwickelnde Fähigkeiten sorgte. Außerdem gibt es immer wieder Dinge, bei denen Arthur sich beweisen oder jemandem helfen muss, so dass es regelmäßig Momente gibt, in denen er das Gefühl hat, dass etwas Wichtiges auf dem Spiel steht. Das sorgt dafür, dass die Handlung bei aller Nettigkeit nicht langweilig wird. (Teil 2 war übrigens im März ebenso nett zu lesen, während ich mich am Ende des dritten Bands ziemlich unzufrieden fühlte, weil so viel Potenzial ungenutzt blieb und sich so viele Herausforderungen als nichtig herausstellten. Ich weiß noch nicht, ob ich die Reihe danach noch fortsetzen mag.)

Martha Wells: All Systems Red (The Murderbot Diaries 1)

„All Systems Red“ habe ich 2019 geschenkt bekommen, und seitdem lag es auf dem SuB, obwohl ich davon ausging, dass mir die Geschichte gut gefallen würde. Aber es wurde damals so viel über die Murderbot Diaries geredet, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte nicht unbefangen ans Lesen gehen. Sechs Jahre später hingegen habe ich das Buch sehr genossen! Ich mochte Murderbots Erzählstimme, ich habe mich sehr über seine Sicht auf die Welt amüsiert, und ich bin gespannt, wie es mit ihm weitergeht – weshalb ich mir nach dem Lesen direkt „Artificial Condition“ bestellt habe. Ich bin mir sicher, dass der Band nach dem Eintreffen keine sechs Jahre auf dem SuB liegen wird …

Stephanie Burgis: Wooing the Witch Queen (Queens of Villainy 1)

„Wooing the Witch Queen“ ist der neuste Roman von Stephanie Burgis, und ich muss zugeben, dass ich erstaunlich wenig dazu zu sagen habe. Ich habe die Geschichte beim Lesen genossen und regelmäßig schmunzeln müssen. Ich mochte die Charaktere, ich mochte die zaghafte Liebesgeschichte zwischen der „wicked witch queen“ und dem Erzherzog, der aufgrund einer Verwechslung von ihr als Bibliothekar engagiert wurde, und ich freue mich auf die noch erscheinenden beiden Bände der Trilogie. Aber ich muss auch zugeben, dass das diese Art von „netter“ Geschichte war, bei der nicht viel haften bleibt. Obwohl sowohl die Königin als auch der Erzherzog viel Schlimmes in ihrer Vergangenheit erlebt haben, war ich emotional recht wenig engagiert beim Lesen. „Wooing the Witch Queen“ ist ein wirklich netter „cozy fantasy“-Roman, aber fast schon zu cozy – dieser Geschichte hätte ein Hauch von Drama ganz gut getan.

Michiko Aoyama: What your are looking for is in the library

Michiko Aoyama erzählt in „What your are looking for is in the library“ fünf Episoden, in denen das Leben von fünf verschiedenen Personen durch eine überraschende Buchempfehlung der Bibliothekarin Sayuri Komachi eine notwendige Wendung nimmt. Ich mag diese Art von ruhigen Geschichten, die mir einen Einblick in ein (fiktives) Leben geben und am Ende mit dem Gefühl zurücklassen, dass die Person, um die es geht, in eine für sie gute Richtung weitergehen wird. Diese Mischung aus Realismus, einem Hauch Ungewöhnlichem und einem kleinen Blick in eine andere Kultur empfinde ich als wirklich wohltuend.

Yukito Ayatsuji: The Decagon House Murders

„The Decagon House Murders“ von Yukito Ayatsuji wurde im Original 1987 veröffentlich und hat – zumindest laut Klappentext – zu einem erneuten Aufleben des klassischen Detektivromans in Japan geführt. Die Geschichte spielt im Jahr 1986, wobei ein Teil der Handlung auf der Insel Tsunojima (die während dieser Zeit keinen Kontakt zum Festland hat) passiert und der anderer Teil der Handlung parallel dazu an verschiedenen Orten in und rund um Osaka stattfindet. Es steht von Anfang an fest, dass es zwei dramatische Ereignisse rund um die Familie Nakamura gab, der die Insel bis vor Kurzem gehörte. Außerdem wird schon auf den ersten Seiten deutlich, dass es ein Mörder auf sieben Student*innen abgesehen hat, die eine Woche auf der Insel verbringen.

Alle sieben Student*innen sind Angehörige des Krimiclubs ihrer Universität, und sie reden sich – wie es in ihrem Club üblich ist – mit Spitznamen an, die auf den Namen berühmter Krimiautoren basieren. „Leroux“, „Carr“, „Agatha“, „Ellery“, „Van“, „Orczy“ und „Poe“ wohnen auf Tsunojima in einem Haus, das von dem berühmten und sehr eigenwilligen Architekten Nakamura Seiji entworfen wurde und dessen Grundriss aus einem gleichseitigen Zehneck besteht. Dieser Architekt lebte zurückgezogen auf der Insel – bis er, seine Frau und ihre Dienstboten vor einigen Monaten dort grausam ermordet wurden. Diese erschütternde Tat hat in den Medien zu vielen Spekulationen rund um die Identität des Täters geführt, und auch die sieben Student*innen sind fest entschlossen, während ihres Aufenthalts nach Hinweisen zu suchen. Doch dann wird wenige Stunden nach ihrem Eintreffen auf Tsunojima das erste der Clubmitglieder umgebracht.

Yukito Ayatsuji macht keinen Hehl daraus, dass sein Roman von „And Then There Where None“ von Agatha Christie inspiriert wurde, aber ich fand es reizvoll, dass es zusätzlich zu den Ereignissen auf der Insel noch den Handlungsstrang auf dem Festland gab. Dort bekommen zwei weitere Mitglieder des Krimiclubs (Kawaminami Taka’aki und Morisu Kyōichi) Briefe, die sie des Mordes an ihrer vor einem Jahr verstorbenen Kommilitonin Chiori beschuldigen. Diese Briefe sorgen dafür, dass Kawaminami Taka’aki gemeinsam mit Shimada Kiyoshi, einem Freund von Chioris Onkel, versucht, mehr über den Tod der jungen Frau herauszufinden. Ich gebe zu, dass diese beiden Handlungsstränge dazu führen, dass die Geschichte aus sehr vielen Perspektiven erzählt wird, aber es gelingt dem Autoren durchgehend, deutlich zu machen, wer gerade zu Wort kommt. So fand ich es wirklich spannend, all die verschiedenen Gedanken zu verfolgen und mehr über die einzelnen Figuren, ihr Verhältnis zueinander und die Ereignisse aus der Vergangenheit herauszufinden.

Außerdem hat es mir viel Spaß gemacht, die vielen verschiedenen Hinweise zu sammeln und meine eigenen Schlüsse zu ziehen, und ich fand es überraschend raffiniert, wie Yukito Ayatsuji durch den Einsatz der Spitznamen dafür gesorgt hat, dass es ziemlich herausfordernd wurde, die verschiedenen Informationen den jeweiligen Krimiclub-Personen zuzuordnen. Es gibt nur einen winzig kleinen Punkt, der mich am Ende der Geschichte irritiert hat, weil es da um einen Aspekt geht, der nicht erwähnt wurde. Ich kann nicht mehr dazu sagen, ohne die Auflösung zu spoilern, aber es geht um etwas, was meiner Meinung nach eine Erwähnung hätte bekommen müssen – gerade weil Yukito Ayatsuji ansonsten so viel Detailliebe in diesen Kriminalroman gesteckt hat. Lustigerweise hätte mich das normalerweise nicht gestört, wenn es nicht genau dieses eine Element gewesen wäre, das dafür sorgte, dass ich beim Lesen den Täter/die Täterin dann doch ausgeschlossen hatte. Trotz dieses einen kleinen Kritikpunkts habe ich „The Decagon House Murders“ sehr genossen und bin wild entschlossen, in Zukunft mehr Romane von Yukito Ayatsuji zu lesen.

Seishi Yokomizo: The Honjin Murders

„The Honjin Murders“ ist ein Kriminalroman des japanischen Autors Seishi Yokomizo, der im Original im Jahr 1973 veröffentlicht wurde. Erzählt wird die Handlung von einem (namenlosen) Schrifsteller, der viele Jahre später die rätselhaften Ereignisse, die im November 1937 stattfanden, für die Leser festhält. Diese Erzählweise sorgt für eine relativ sachliche, chronologische Darstellung der verschiedenen Vorkommnisse vor dem Mord, der anschließenden Ermittlungen und der Auflösung des Falls durch den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. So bekommen die verschiedenen Charaktere zwar nicht gerade viel Tiefe, aber es ermöglicht ein faszinierendes Mitermitteln beim Lesen. Seishi Yokomizo erwähnt in dem Roman immer wieder klassische US-amerikanische und britische Kriminalroman-Autor*innen, die vom Anfang bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts den Markt beherrschten und die für ihre unterschiedlichen „locked-room“-Mysteries berühmt waren. Deren Romane werden von seinem Erzähler zum Vergleich für den vorliegenden Fall herangezogen.

Schauplatz des Verbrechens ist das Anwesen der wohlhabenden Familie Ichiyanagi, deren ältester Sohn Kenzo am 25. November 1937 die deutlich jüngere Katsuko heiratet. In der Hochzeitsnacht werden die Familienmitglieder des Brautpaars (ebenso wie die Bediensteten) durch schreckliche Schreie und den Klang einer Koto aus dem Schlaf gerissen. Wenig später werden Kenzo und Katsuko tot aufgefunden – ihre Körper weisen Wunden auf, die von einem Katana verursacht wurden. Der Mord selbst fand in einem von innen fest verschlossenem Nebengebäude des ziemlich großen Anwesens der Ichiyanagi statt.

Zu Beginn der Geschichte scheint es fast zu viele verschiedene Details rund um den Verlauf der Tat zu geben. Aber nachdem ich mich einfach darauf eingelassen hatte und gemeinsam mit den Polizisten (und etwas später mit Kosuke Kindaichi) die verschiedenen Informationen betrachten konnte, gab es so einige interessante Hinweise. Insgesamt hat das dafür gesorgt, dass ich als Leserin ständig das – sehr befriedigende – Gefühl hatte, ich wäre bei der Auflösung immer einen kleinen Schritt weiter als die Polizei. Es macht sich schon deutlich bemerkbar, dass „The Honjin Murders“ kein aktueller Kriminalroman ist, und ich vermute, dass jemand, der keine Freude an dieser Art von (inzwischen) altmodischen Krimis hat, auch mit diesem Titel nichts anfangen kann.

Ich persönlich brauche jedoch keine detailiert ausgearbeiteten Charaktere, wenn ich so wie hier beim Lesen ein kniffliges Rätsel vorgelegt bekomme, obwohl ich zugeben muss, dass einige Elemente – eben weil sie immer wieder in dieser Art von „locked-room“-Geschichten vorkommen – für mich wenig überraschend waren. Aber ich fand es faszinierend herauszufinden, wo ihr Platz in dieser Handlung war. Was für mich diesen Roman von vergleichbaren Titeln seiner Zeit definitiv unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Geschichte in Japan spielt und von einem japanischen Autor geschrieben wurde. Seishi Yokomizo hat die Zeit selbst erlebt, die er in seinen Romanen beschreibt, und es gab für mich beim Lesen immer wieder kleine Details rund um das Leben in Japan in den 1930er Jahren zu entdecken. Mich unterhielt diese Mischung aus solider „locked-room“-Mystery-Handlung und kleinen Einblicken in das Leben in Japan wirklich sehr, und ich bin froh, dass schon fünf weitere Kosuke-Kindaichi-Romane ins Englische übersetzt wurden. Wer hingegen lieber die deutsche Übersetzung lesen würde, findet immerhin schon drei veröffentlichte Titel, und ein vierter Band ist für das Frühjahr 2025 angekündigt.

Hisashi Kashiwai: The Kamogawa Food Detectives

Ich finde es einfach wunderbar, dass der seit ein paar Jahren laufende Trend nach „Cozy Alltagsgeschichten“ dafür sorgt, dass so viele (häufig schon etwas ältere) japanische Geschichten ins Englische (oder gar ins Deutsche) übersetzt werden. „The Kamogawa Food Detectives“ wurde im Original 2013 veröffentlicht und beinhaltet sechs Episoden, in denen Personen auf der Suche nach einem ganz bestimmten Gericht sind, weshalb sie die „Food Detectives“ Nagare und Koishi Kamogawa beauftragen. Nagare Kamogawa ist ein ehemaliger Polizist, der nach seiner Pensionierung seine Leidenschaft fürs Kochen zum Beruf gemacht und ein Restaurant eröffnet hat. Währenddessen ist seine Tochter Koishi auf der einen Seite für die Bedienung der Restaurantgäste zuständig und auf der anderen Seite ist sie diejenige, die die Kunden interviewt, die ihren Vater in seiner Funktion als „Food Detektive“ engagieren wollen.

Jeder dieser sechs Kunden hat unterschiedliche Beweggründe, um Nagare Kamogawa zu beauftragen, aber egal, ob es um das Wiederauflebenlassen einer Kindheitserinnerung oder die Suche nach einem ganz bestimmten Rezept geht, so drehen sich die Geschichten doch eigentlich immer nur um den Genuss von Essen und die Erinnerungen, die wir mit bestimmten Gerichten verbinden. Ich muss zugeben, dass mich japanisches Essen so gar nicht reizt (und das nicht nur, weil das vegetarische Angebot in dieser Küche nicht so üppig ist), aber ich liebe es, wenn es in japanischen Romanen/Filmen/Serien ums Essen geht, weil da häufig eine ganz besondere Detailverliebtheit und Wertschätzung durchschimmert. So ist es auch in „The Kamogawa Food Detectives“, was all die Passagen rund um das Essen von Gerichten für mich wirklich angenehm zu lesen macht.

Dazu kommen dann noch die Erklärungen von Nagare, wie es ihm genau gelungen ist, das gesuchte Gericht nachzukochen und welche Faktoren noch eine Rolle gespielt haben, um für den Kunden das gewünschte Erlebnis heraufzubeschwören. Diese Passagen fand ich in der Regel besonders spannend, weil da nicht nur – im Nachhinein dann häufig auf der Hand liegende – Überlegungen zu den Zutaten geteilt wurden, sondern auch Nagares Schlussfolgerungen zu den jeweiligen Kunden. Denn natürlich gibt es bei jeder einzelnen Geschichte Elemente, die von den verschiedenen Kunden nicht erzählt werden, die aber relevant für Nagares Arbeit als „Food Detective“ sind und die er – wie es sich für einen anständigen Romandetektiv gehört – aufgrund winziger Hinweise während der Interviews dann trotzdem in Betracht zieht. So ist „The Kamogawa Food Detectives“ zwar keine klassische Detektivgeschichte, aber es finden sich trotzdem immer wieder dazu passende Elemente in den verschiedenen Kapiteln, was für mich zu wunderbar unterhaltsamen Geschichten rund um die verschiedensten Charaktere und ihre Erinnerungen an ganz besondere Gerichte geführt hat. Ich habe diesen Band so sehr genossen, dass ich mir definitiv auch die im April 2025 erscheinende Fortsetzung besorgen werde.

Natsu Miyashita: The Forest of Wool and Steel

„The Forest of Wool and Steel“ von Natsu Miyashita ist eine Geschichte voller kleiner, feiner Beobachtungen, die von den ersten Jahres des Protagonisten Tomura als Klavierstimmer erzählt. Obwohl Tomura sich vorher nie mit Musik beschäftigt hatte, ist er fasziniert, als er als Schüler den professionellen Klavierstimmer Itadori dabei beobachtet, wie dieser den Flügel der Schule stimmt. Gut zwei Jahre später fängt Tomura bei derselben Firma an, bei der auch Herr Itadori beschäftigt ist, um nach seiner zweijährigen Grundausbildung zum Klavierstimmer von den älteren Kollegen die Feinheiten seines Handwerks zu lernen.

Natsu Miyashita erzählt viele kleine Episoden, die sich um die verschiedenen Kunden, um die unterschiedlichen Kollegen von Tomura und um ihren Umgang mit den diversen Pianos (und den Bedürfnissen ihrer Spieler) drehen. Dabei lässt die Autorin den Protagonisten immer wieder auf seinen vertrauten Wald in den Bergen Hokkaidos, in dem er seine Kindheit verbracht hat, zurückgreifen, wenn er (musikalische) Erlebnisse beschreiben und (be-)greifbarer machen will. Immer wieder gibt es in diesen kleinen Episoden Momente, in denen deutlich wird, dass Musik etwas mit den Zuhörern macht, selbst wenn ihnen das Wissen fehlt, die Musik/er einzuordnen. Immer wieder beschreibt die Autorin Szenen, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen Dinge wahrnehmen, aber auch, wie verschiedene Herangehensweisen zum selben (befriedigenden) Erlebnis führen können.

Tomuras Gedanken drehen sich sehr viel um Arbeitsmoral, um das Bedürfnis, die (oft unausgesprochenen) Ansprüche seiner Kunden zu befriedigen. Aber er philosophiert auch immer wieder über Musik, über die unterschiedlichen Arten, ein Klavier zu nutzen, und über all die unsichtbaren Personen, die mit dafür verantwortlich sind, dass ein Konzert die Zuhörenden bewegt. Einige Passagen in diesem Buch beschäftigen sich intensiv mit den technischen Details rund ums Klavierstimmen, aber nie so, dass meine Aufmerksamkeit bei diesen Beschreibungen abgeschweift wäre. „The Forest of Wool and Steel“ ist kein Buch, das ich in einem Zug lesen würde, sondern eine Geschichte, die ich immer wieder in die Hand genommen habe, wenn ich ein paar ruhige Minuten in einem – für mich – sehr japanischen wirkenden Umfeld verbringen wollte.

Ich habe Tomuras Entwicklung in dieser Geschichte wirklich gern verfolgt. Mir gefiel es sehr, dass ich mit ihm zusammen nach und nach die verschiedenen Kolleg*innen und Kund*innen besser kennenlernen konnte. Außerdem fand ich es faszinierend, Tomuras intensive Beschäftigung mit dem Klavierstimmen zu verfolgen. Das ist etwas, worüber ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe, und ich fand es spannend, die vielen verschiedenen Variablen, die dabei in Betracht gezogen werden müssen, zu entdecken. Alles in allem fand ich „The Forest of Wool and Steel“ überraschend wohltuend und entspannend zu lesen und bin mir sicher, dass ich im Laufe der nächsten Jahre immer mal wieder zu dem Roman greifen werde.

Harmony Becker: Himawari House (Comic)

Nachdem „Himawari House“ von Harmony Becker fast ein Jahr auf dem Stapel mit ungelesenen Comics lag, wurde es Anfang November endlich Zeit, den Titel zu lesen. Die Handlung von „Himawari House“ dreht sich um drei junge Frauen aus verschiedenen Ländern, die zusammen in einem Gemeinschaftshaus in Tokio leben. Nao – aus deren Sicht die Geschichte beginnt – wurde in Japan geboren, ist aber in den USA aufgewachsen und nimmt sich nach Abschluss der High School ein Jahr Zeit, um (erneut) Japanisch zu lernen und mehr über ihr Geburtsland herauszufinden. Naos Mitbewohnerin Hyejung stammt aus Korea, während Tina aus Singapur nach Japan gekommen ist. Neben diesen drei Frauen leben noch die beiden Brüder Shinichi und Masakun im Himawari House, und gemeinsam erleben diese fünf Figuren mehr oder weniger alltägliche Dinge, die davon erzählen, wie es ist, (als Ausländer*in) in Japan zu leben.

Fast alle Episoden, die Nao und die anderen erleben, drehen sich um Sprache und Kommunikation. Darum, wie schwierig es ist, eine fremde Sprache zu lernen, darum, wie sehr Sprache beeinflusst, wer wir sind und wie wir uns verhalten, wie Sprache beeinflusst, wie wir von unserer Umgebung wahrgenommen werden und wie wir unsere Umgebung wahrnehmen. Dabei ist es Harmony Becker – wie sie auch im Nachwort erwähnt – sehr wichtig gewesen, Akzente nicht als „Witz“ darzustellen, sondern aufzuzeigen wie beeindruckend es ist, wenn eine Person mehrere Sprache beherrscht, selbst wenn dies nicht fehlerfrei sein sollte. Ich muss zugeben, dass ich es manchmal etwas schwierig fand, einen Satz mit Akzent zu verstehen und mir dann das Geschriebene erst einmal gesprochen vorstellen musste. Aber insgesamt war es spannend zu sehen, wie in „Himawari House“ die verschiedenen Sprachen dargestellt werden und wie leicht anhand der Schriftzeichen zu sehen ist, ob eine Figur sich in Japanisch, Koreanisch, Chinesisch/Singlish oder Englisch unterhält. (Bei den Sätzen in einer der asiatischen Sprache steht der englische Text dann wie ein „Untertitel“ direkt unter den dementsprechenden Schriftzeichen.)

Aber auch wenn das Thema „Sprache“ immer sehr präsent in den verschiedenen Kapiteln ist, so habe ich den Comic doch vor allem wegen der wunderbaren Charaktere und ihrer unterschiedlichen Erlebnisse in Japan genossen. Jede der drei weiblichen Figur hat ihre ganz eigenen Gründe, wieso sie nun in Tokio lebt. Was dazu führt, dass nach und nach die Hintergrundgeschichten der drei Frauen erzählt werden und man miterleben kann, wie sie sich im Laufe eines Jahres weiterentwickeln. Ich fand es vor allem schön zu lesen, wie sich Nao, Hyejung und Tina miteinander anfreunden und gegenseitig unterstützen, obwohl sie so unterschiedlich sind. Die fünf Bewohner des Himawari House erleben so viele verschiedene Dinge, sie müssen sich mit ihrer Vergangenheit, ihren ganz persönlichen Eigenheiten und eben auch mit den Herausforderungen, die das Leben in einem fremden Land mit sich bringt, auseinandersetzen. Das führt zu so vielen kleinen amüsanten oder berührenden Szenen, dass ich die 380 Seiten überraschend schnell gelesen habe, weil ich nicht aufhören konnte, „nur mal eben zu schauen, wie es im nächsten Kapitel weitergeht“.

Harmony Becker wurde bekannt dafür, dass sie „They Called Us Enemy“, George Takais Erinnerungen an seine Kindheit in den US-Internierungslagern während des Zweiten Weltkriegs, gezeichnet hat. Für „Himawari House“ verwendet sie ein sehr klares und realtiv realistisches Charakterdesign, das – je nach Schwerpunkt einer Szene – auch mal mit etwas vereinfachteren oder überzogeneren Elementen variiert wird. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Figuren selbst auf einen flüchtigen Blick wiedererkennbar sind, sondern auch dafür, dass selbst kleine Gefühlsregungen an Gestik und Mimik erkennbar sind. Detailliert ausgearbeitete Hintergründe gibt es nur selten, aber wenn sie zu sehen sind, bringen sie sehr viel Atmosphäre mit sich, weil sie „typisch“ japanische Elemente und Architektur zeigen. Mir persönlich hat Harmony Beckers Zeichenstil im diesem Comic – ebenso wie die Handlung – sehr gut gefallen, und ich bin neugierig, was die Zeichnerin in Zukunft noch so veröffentlichen wird.

Kazuaki Takano: 13 Stufen

„13 Stufen“ von Kazuaki Takano war eine Leihgabe von Natira, und bevor ich mit dem Buch anfing, wusste ich so gar nichts über die Geschichte und den Autor. Die dreizehn Stufen im Titel beziehen sich darauf, dass man im Japanischen die dreizehn Stufen als Synonym für den Gang zum Galgen verwendet. Mit diesem Wissen im Hinterkopf verwundert es also nicht, dass sich die Geschichte in diesem Kriminalroman vor allem mit den verschiedenen Aspekten der Todesstrafe in Japan beschäftigt, auch wenn die Handlung sich vordergründig um die Ermittlung ein einem vor zehn Jahren geschehenen Mordfall dreht. Protagonisten in dem Roman sind der (ehemalige) Gefängnisaufseher Shōji Nangō und der auf Bewährung entlassene Jun’ichi Mikami. Gemeinsam versuchen die beiden Männer herauszufinden, wer vor zehn Jahren den Bewährungshelfer Kohei Utsugi und dessen Ehefrau Yasuko ermordet hat, um den für diese Tat verurteilten Ryō Kihara vor dem Tod durch den Strang zu bewahren.

Das brisante an dem Todesurteil für Ryō Kihara besteht darin, dass sich der junge Mann aufgrund eines am selben Abend wie die Tat passierten Motorradunfalls an absolut nichts erinnern kann. Ryō Kihara war zu dem Zeitpunkt des Mordes auf Bewährung und musste regelmäßig seinen Bewährungshelfer Kohei Utsugi besuchen, außerdem hatte er, als er nach seinem Unfall gefunden wurde, Blutspuren der Opfer an seiner Kleidung und einen Gegenstand des Ermordeten in seinem Besitz. Trotzdem gibt es anscheinend jemanden, der an der Schuld des Verurteilten zweifelt und deshalb einen Anwalt bezahlt, um erneute Nachforschungen anzustellen. Im Laufe mehrerer Wochen finden Shōji Nangō und Jun’ichi Mikami wirklich Hinweise, dass vielleicht eine weitere Person am Tatort gewesen sein könnte, doch die Zeit läuft den beiden Männern davon.

Ich fand es recht spannend, wie Kazuaki Takano parallel die (ziemlich hoffnungslos scheinenden) Ermittlungen in den alten Fall und den Weg beschreibt, den der Vollstreckungsbefehl des Todesurteils durch die verschiedenen Behörden nimmt. Dabei hat sich der Autor bei den Passagen rund um den Vollstreckungsbefehl nicht nur auf den rechtlichen Vorgang konzentriert, sondern auch die verschiedenen Gedanken und Motive der beteiligten Personen dargestellt.

Auch die Wahl seiner Charaktere – ein Gefängnisaufseher und ein wegen Totschlags verurteilter junger Mann – sorgen für eine Vertiefung des Themas. Denn während Nangō in seinem Berufsleben nicht nur als Zeuge, sondern auch als aktives Element bei der Vollstreckung der Todesstrafe beteiligt war, muss Jun’ichi damit leben, dass er jemanden getötet hat und dass diese Tat nicht nur sein Leben, sondern auch das vieler andere Personen deutlich beeinflusst hat. Diese unterschiedlichen Perspektiven und die verschiedenen Betroffenen, denen die beiden Männer im Laufe ihrer Ermittlungen begegnen, bieten Kazuaki Takano die Möglichkeit, viele Aspekte rund um die Todesstrafe und die Tötung eines Menschen zu beleuchten. Faszinierend fand ich zum Beispiel, wie wichtig im japanischen Rechtsystem es ist, dass ein Mensch eine Tat bereut. Teil der Bewährungsbedingungen ist es etwa, dass sich Jun’ichi den Hinterbliebenden seines Opfers stellt und sie um Verzeihung bittet, während Ryō Kihara vermutlich zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden wäre, wenn er sich an die Tat hätte erinnern und sie so hätte bereuen können. Die Tatsache, dass er keinerlei Erinnerungen an den Mord hat, ist eigentlich der Hauptgrund dafür, dass die Todesstrafe verhängt wurde.

All diese Details rund ums japanische Rechtssystem fand ich wirklich faszinierend, ebenso wie die Passagen, in denen sich Nangō und Jun’ichi über verschiedene Dinge ausgetauscht haben, die nicht nur dem jeweils anderen eine neue Perspektive auf etwas scheinbar Vertrautes gewährt haben, sondern dem Leser auch einen Einblick in die japanische Gesellschaft gewähren. Jemand, der sich für all dies nicht interessiert, dürfte „13 Stufen“ relativ langatmig finden, obwohl die Handlung nicht langweilig ist und gerade am Ende einige Wendungen nimmt, die viel Bewegung in die Geschichte bringen. Zwar gibt es einige vorhersehbare Aspekte in diesem Krimi, wie die Hintergründe zu dem Vorfall von vor zehn Jahren, der Jun’ichis Leben geprägt hat, oder zu der Frage, wer der geheimnisvolle Auftraggeber ist, der in letzter Minute noch die Unschuld von Ryō Kihara beweisen will, aber alles in allem fand ich diese Mischung aus Informationen und verzwickter Handlung wirklich spannend zu lesen. Oh, und nachdem ich gesehen habe, dass „13 Stufen“ der Debütroman von Kazuaki Tanako war, habe ich geschaut, ob er noch ähnliche Krimis hat, aber das scheint leider sein einziger Roman in diese Richtung gewesen zu sein.