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Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

Über „Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata bin ich gleich auf mehreren Blogs gestolpert, unter anderem bei Natira, die den Roman im Rahmen eines Lesesonntags gelesen hatte. In der vergangenen Woche kam mir das Buch dann in der Bibliothek unter die Nase, und da es so kurz ist (gerade mal 145 Seiten), war es auch schnell gelesen. Die Handlung wird aus der Sicht von Keiko Furukura erzählt, die – obwohl sie schon Mitte Dreißig ist – als Aushilfe in einem Konbini arbeitet und sich deshalb immer wieder vor Freunden und Verwandten rechtfertigen muss. Dabei ist diese Arbeit für Keiko perfekt, da ihr die vorgegebenen Regeln und die immer wiederkehrenden Tätigkeiten die Sicherheit geben, die ihr sonst im Umgang mit Menschen fehlt.

Schon früh haben Keiko und ihre Familie festgestellt, dass sie nicht „normal“ ist. Was in diesem Fall bedeutet, dass Keiko jegliche Empathie fehlt und es ihr nicht möglich ist, die vielen ungeschriebenen Gesetze, die es beim menschliche Zusammenleben gibt, zu erkennen oder nachzuvollziehen. Im Klappentext (und auch im Buch) wird es häufig so formuliert, als seien Keiko Gefühle fremd, aber das habe ich beim Lesen der Geschichte nicht so empfunden – ihre Gefühlswelt ist eben nur anders als die ihrer Umgebung. Ihr ist durchaus bewusst, dass sie „anders“ ist und nicht den Erwartungen ihrer Familie entspricht, was in einer Gesellschaft, in denen die Anpassung des Individuums an die Norm sehr hoch geschätzt wird, nicht einfach ist. Umso schöner war es zu lesen, dass Keiko weiß, dass ihre Familie sie liebt und alles tut, um ihr zu helfen. Auch wenn ihre Familie sie genauso wenig versteht, wie Keiko das „normale“ Verhalten der Personen um sie herum nachvollziehen kann.

Da Keiko alles versucht, um die Erwartungen ihrer Umgebung zu erfüllen, kommt es im Laufe der Geschichte von „Die Ladenhüterin“ zu einigen Entwicklungen, die dazu führen, dass Keiko sich in ihrem Leben nicht mehr wohlfühlt. Obwohl sie alles tut, um ein in den Augen ihrer Mitmenschen „normales“ Leben zu führen, wird durch jede ihrer Entscheidungen zugunsten einer solchen „Normalität“ nur noch deutlicher, dass diese Art von Leben überhaupt nicht Keikos Art entspricht. Was umso unangenehmer zu verfolgen war, weil sie ja eine Nische für sich gefunden hatte, in der sie sich wohl und sicher fühlte. Dabei gelingt es Sayaka Murata wunderbar, Keikos Perspektive in den verschiedenen Momenten ihres Lebens darzustellen: Von der Liebe, die sie für ihren Konbini zu fühlen scheint, über die Scham, die sie jedes Mal empfindet, wenn sie es mal wieder nicht geschafft hat, „normal“ zu wirken, bis zu ihrer anfänglichen Erleichterung, als sie einen Weg gefunden zu haben glaubt, um sich auf neue Art und Weise den Anschein von Normalität zu verleihen.

Dass man Keikos Motive jederzeit nachvollziehen kann, sorgt dafür, dass sie einem sehr ans Herz wächst. Obwohl ihre Handlungen auf andere Personen schnell „unmenschlich“ oder „seltsam“ wirken, sind die Überlegungen, die sie zu ihren Aktionen bewegen, für den Leser eigentlich immer nachvollziehbar. Auch wenn ich froh bin, dass sie nicht jedem Gedanken Folge leistet, so mochte ich ihre praktische Art ebenso wie ihre Sicht auf das Leben als Konbini-Aushilfe. Obwohl ihre Umgebung (ebenso wie der neue Angestellte zu Beginn der Geschichte) sehr verächtlich auf diesen Art von Tätigkeit blickt, zeigt Sayaka Murata dem Leser deutlich, dass selbst hinter dieser vermeintlich simplen Arbeit sehr viel stecken kann. Nach achtzehn Jahren in dem Job weiß Keiko genau, welche Elemente das Kaufverhalten ihrer Kunden beeinflussen, welche Waren auf welche Weise präsentiert werden müssen und wie man Dinge verkauft, die von der Zentrale für Sonderaktionen vorgegeben wurden. Über Keikos Gedanken und die Gespräche mit den Kunden gelingt es der Autorin aufzuzeigen, wie komplex die Vorgänge hinter den Kulissen eines Konbinis sein können und welch eine Rolle so ein Geschäft für ein Viertel spielen kann.

Am Ende von „Die Ladenhüterin“ war ich fasziniert davon, wie viel Sayaka Murata in gerade mal 140 Seiten gepackt hat. Ich mochte ihre Art, die japanische Gesellschaft zu kritisieren, ich fand es spannend, mehr über die Arbeit in einem Konbini zu lernen (solch einen Morgenappell vor der Arbeit fände ich in Deutschland zum Beispiel sehr befremdlich) und Keikos Sicht auf die verschiedenen Dinge hat mich ebenso oft zum Schmunzeln gebracht wie nachdenklich gemacht. Ich weiß nicht, ob die Geschichte länger bei mir in Erinnerung bleiben wird. Aber während ich „Die Ladenhüterin“ gelesen habe, habe ich mich gut unterhalten gefühlt, den einen oder anderen Gedankenanstoß mitgenommen und wieder ein kleines Bisschen mehr über eine der vielen Facetten der japanischen Gesellschaft gelernt.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen

„Der Sonnenschirm des Terroristen“ von Iori Fujiwara ist einer dieser Romane, bei denen ich nicht mehr weiß, wo genau er mir untergekommen ist. Irgendwann hatte ich ihn spontan in der Bibliothek vorgemerkt, und da es so lange dauerte, bis mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt werden konnte, hatte ich ihn schon wieder vergessen, als die Bereitstellungs-Mail bei mir ankam. Dabei ist „Der Sonnenschirm des Terroristen“ ein solider und unterhaltsamer Krimi, bei dem ich froh bin, ihn gelesen zu haben. Geschrieben hat Iori Fujiwara das Buch schon 1995 (angeblich, um von dem Gewinn durch die Veröffentlichung des Manuskripts seine Spielschulden bezahlen zu können), was man der Geschichte stellenweise auch anmerkt, wenn es um die Lebensumstände des Protagonisten Keisuke Shimamura, die Beschreibungen des Lebens in Japan und die alltäglichen (politischen) Vorgänge geht.

Der Roman beginnt mit einem ganz normalen Vormittag für Keisuke Shimamura und endet mit einer Bombe in einem öffentlichen Park, der mehrere Menschen zum Opfer fallen. Solch ein Ereignis wäre für jede Person traumatisierend, aber Shimamura muss nun befürchten, dass die Polizei (dank einer im Park liegengelassenen Whiskeyflasche) anhand seiner Fingerabdrücke feststellt, dass er eigentlich Shunsuke Kikuchi ist, der viele Jahre als Terrorist gesucht wurde. Während der ’69er Studentenproteste gehörte er zu einer Gruppe von Studenten, die an den Unruhen rund um die Tokyoter Universität beteiligt waren, und im Jahr 1971 wurde er in einen Vorfall verwickelt, bei dem ein Polizist durch eine Autobombe getötet wurde – seit diesem Jahr versteckt sich Shimamura vor den Behörden.

So ist es nicht verwunderlich, dass Shimamura beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln, wer für die Bombe im Park verantwortlich ist. Damit würde er nicht nur seine eigene Unschuld beweisen können, bevor die Polizei ihn in die Finger bekommen kann, sondern vielleicht auch den Grund herausfinden, warum einige Yakuza auf einmal Interesse an seiner Person haben. Da Iori Fujiwara seinen Protagonisten in den Tagen nach dem Bombenattentat durch die verschiedensten Stadtteile Tokyos schickt und mit den unterschiedlichsten Personen Kontakt haben lässt, ergibt sich für den Leser ein spannendes und interessantes Bild von Tokyo zu Beginn der 90er Jahre. Auch ist Shimamura ein faszinierender und trotz seines Alkoholismus ein sympathischer Protagonist, dessen Ermittlungen man gerne folgt. Seine bewegte Vergangenheit, sein unstetes Leben und die verschiedenen Personen, denen Shimamura im Laufe seiner Ermittlungen so begegnet, sorgen für ein atmosphärisches und facettenreiches Bild der japanischen Gesellschaft.

Insgesamt bekommt „Der Sonnenschirm des Terroristen“ so eine gewisse „noir“-Note, die mir wirklich gut gefallen hat und dafür sorgte, dass ich den Roman in einem Zug ausgelesen habe. Ich mochte Shimamura wirklich gern, auch weil er – trotz der Tatsache, dass er mitverantwortlich für den Tod eines Polizisten ist – eine nette Person ist und sich Gedanken um seine Mitmenschen macht. Ich muss allerdings auch zugeben, dass die Auflösung der Geschichte nicht nur sehr offensichtlich war, sondern auch einige Verknüpfungen zu viel beinhaltete. Wenn gefühlt jede vorhandene Person in irgendeiner Beziehung zur Tat, zu den Opfern und den Ermittlern steht, dann wird die Handlung halt doch etwas unglaubwürdig. Das ändert aber nichts daran, dass ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe und es etwas bedauere, dass diese Geschichte der einzige Roman des Autors war, denn ich hätte gern noch mehr von Iori Fujimara gelesen.

Sujata Massey: Die Tote im Badehaus (Rei Shimura 1)

„Die Tote im Badehaus“ von Sujata Massey gehört zu den Romanen, die einem wirklich immer unterkommen, wenn man nach Krimis sucht, die in Japan spielen. Die Autorin selbst ist eine deutsch-indische Engländerin, die einen Größteil ihrer Kindheit in Amerika verbracht hat und nach ihrem Studium zwei Jahre in Japan lebte, um dort die Sprache zu lernen – so ist es vermutlich nicht verwunderlich, dass ihre Hauptfigur Rei Shimura, die Handlung aus der Perspektive einer japanischstämmige Amerikanerin erzählt, die zwar ein Verständnis für die japanische Kultur mitbringt, aber doch für Japaner immer eine Ausländerin sein wird.

Rei arbeitet als Englischlehrerin für einen japanischen Konzern, und als sie einen Ort sucht, an dem sie über Neujahr Urlaub machen kann, wird ihr von ihrem Vorgesetzten eine kleine Pension empfohlen. Dort trifft die junge Frau auf eine bunte Mischung von Gästen, vom wohlhabenden japanischen Salaryman mit seiner Frau und seinem schottischen Geschäftsfreund über ein junges japanisches Ehepaar bis zu einer älteren amerikanischen Touristin, die kein Wort japanisch spricht. Schon am ersten Abend wird klar, dass die Gruppe nicht gerade gut miteinander harmoniert, doch dass Rei am nächsten Tag beim Morgenspaziergang über eine Leiche stolpert, hätte sie natürlich trotzdem niemals gedacht. In den folgenden Stunden wird Rei als unfreiwillige Übersetzerin für die Polizei in die ersten Vernehmungen verwickelt, und als sich dann herausstellt, dass die örtliche Polizei in dem Schotten Hugh den Hauptverdächtigen sieht, schnüffelt Rei recht hemmungslos im Leben aller Beteiligten rum, um mehr über die anderen Gäste der Pension und ihre möglichen Motive für einen Mord herauszufinden.

Ich hatte von enthusiastisch lobenden bis „Das war nett zu lesen“-Äußerungen eigentlich alles Mögliche zu „Die Tote im Badehaus“ mitbekommen und kann mich diesen positiven Aussagen leider nicht anschließen. Ein Punkt dabei ist, dass viele Rezensenten, die von diesem Roman angetan waren, betonen, dass es so spannend sei, mehr über den japanischen Alltag und das Leben als Ausländerin in Japan mitzubekommen, aber ich hatte nicht das Gefühl, ich würde besonders viel Neues erfahren. Vor zwanzig Jahren, als das Buch erschien, wäre das bestimmt anders gewesen, aber inzwischen habe ich zu viele Romane gelesen, die in Japan spielen (und von Japanern geschrieben wurden), und zu viele Blogs von Ausländerinnen, die in Japan leben. Auch fand ich den Kriminalfall nicht besonders spannend, da schon früh für mich feststand, dass all die Spuren, die die Autorin in Richtung organisiertes Verbrechen und Industriespionage legte, nur von einer bestimmten Person und einem relevanten Punkt im Leben der ermordeten Frau ablenken sollten.

Dazu kam, dass ich die Protagonistin nicht besonders sympathisch fand, was es mir eh immer schwer macht, mich auf einen auch sonst nicht so spannenden Roman einzulassen. Ich konnte weder die „Beziehung“ zwischen Rei und Hugh (dem schottischen Anwalt) nachvollziehen, noch ihr Verhältnis zu ihrem (schwulen) Mitbewohner Richard. Dieser ist angeblich Reis bester Freund, aber von der Tatsache abgesehen, dass er sich die Wohnung mit ihr teilt und ihre Gäste beschäftigen darf, während sie ermittelt, scheint er absolut keine Rolle in ihrem Leben zu spielen. Ich habe mich beim Lesen regelmäßig über Reis Verhalten und Gedanken aufgeregt, und der einzige Grund, warum ich „Die Tote im Badehaus“ nicht abgebrochen habe, war, dass ich nach all den positiven Rezensionen dachte, dass da noch irgendwas kommen müsste. In Nachhinein kann ich immerhin sagen, dass ich die Autorin ausprobiert und beschlossen habe, dass ich keinen weiteren Roman von ihr lesen muss.

Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne

„Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino ist in diesem Jahr in Deutschland erschienen, wobei das Original schon 1999 in Japan veröffentlicht wurde. Die Handlung in diesem Kriminalroman zieht sich über fast zwanzig Jahre hin und beginnt im Jahr 1973, als der Pfandleiher Yosuke Kirihara ermordet wird. Anfangs verfolgt der Leser die Ermittlungen in diesem Mord aus der Sicht des Kommissars Sasagaki, aber im Laufe des Romans erlebt man die Handlung aus vielen verschiedenen Perspektiven. Diese Perspektivwechsel waren für mich anfangs gewöhnungsbedürftig, vor allem, da ich mich immer fragte, ob ich der Person schon mal im Laufe der Geschichte begegnet bin und mich nur nicht erinnern kann oder ob das jetzt ein neu eingeführter Charakter war. (In der Regel war Letzteres der Fall und ich hätte einfach weiterlesen können, weil man die neue Figur in den meisten Kapiteln schnell in der Gesamthandlung unterbringen konnte.)

Schon früh steht fest, dass der Mord an Yosuke Kirihara nicht so einfach zu klären ist. Es gibt einige Verdächtige, aber entweder lässt sich kein ausreichendes Motiv ermitteln oder die Alibis der Verdächtigen können nicht erschüttert werden. Außerdem ist sich Kommissar Sasagaki sicher, dass ihm irgendein wichtiger Aspekt im Leben des Yosuke Kirihara entgangen ist bzw. nicht von seinen Familienmitgliedern und Bekannten erwähnt wurde, der ihn auf die richtige Fährte hätte bringen können. All diese Ungereimtheiten sorgen dafür, dass der Fall Kommissar Sasagaki auch in den kommenden Jahren nicht loslässt. Und auch den Leser, der – nicht nur dank des unglücklich formulierten deutschen Klappentextes – schon früh einen Verdacht bezüglich des bzw. der Täter hat, beschäftigt die Durchführung dieses ersten Verbrechens bis zum Ende des Romans. Wie so oft bei Keigo Higashino befasst man sich als Leser weniger mit der Frage, wer eine Tat begangen hat, sondern damit, wie genau der Mord verübt wurde und wie die Spuren verwischt wurden, die zur Überführung des Verbrechers hätten führen können. Dabei geht der Autor in diesem Roman sogar noch ein Stück weiter als in den anderen bisher von ihm übersetzten Titeln und lässt den Leser den weiteren Weg der betreffenden Personen verfolgen.

So spielt Keigo Higashino über den Großteil des Buches sehr schön mit dem, was man als Leser über diese Personen weiß, und dem, was die Charaktere, aus deren Perspektive man den entsprechenden Abschnitt liest, über sie denken. So wird die Spannung in „Unter der Mitternachtssonne“ weniger durch die Frage erzeugt, wie die Verdächtigen am Ende vielleicht doch noch überführt werden, sondern wie viele Leben sie auf ihrem weiteren Weg noch zerstören und zu welchen Mitteln sie greifen, um ihre Pläne zu verwirklichen. Gerade wenn man diese Passagen aus der Sicht einer Person liest, die in einem der Verdächtigen einen Freund sieht, bangt man schnell um das weitere Schicksal dieses – häufig recht jungen und naiven – Charakters. Dabei sorgt der zurückhaltende Erzählstil des Autors dafür, dass man selbst beim Lesen der wirklich dramatischen Ereignisse weniger emotional betroffen ist, als dass man fasziniert ist von den Wendungen, die die Geschichte nimmt, und den skrupelosen Methoden, die immer wieder angewandt werden.

Trotz dieser relativ großen Distanz zu den Charakteren gefällt es mir immer wieder, wie Keigo Higashino Menschen darstellt. Seine Figuren sind selten schwarz-weiß gezeichnet, sondern Personen mit Stärken und Schwächen, mit Ängsten, die ihr Handeln bestimmen, und mit Wünschen und Träumen, die man als Leser nachvollziehen kann. Doch bei „Unter der Mitternachtssonne“ beweist der Autor nicht nur ein gutes Händchen für die Charaktere, sondern auch für all die Elemente, die so typisch für ihre jeweilige Zeit sind. Im Laufe der Kapitel erlebt man als Leser (noch einmal) die technische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung von 1973 bis 1992 mit, während sich zum Beispiel eine Gruppe von Schülern über einen Kinofilm unterhält, ein Spieleentwickler sich Gedanken über das Copyright macht oder ein Liebhaber seine Frau nicht verlässt, weil er das während des Wirtschaftsbooms gekaufte Apartment nicht ohne das Geld ihres Vaters abbezahlen kann. Dieses gekonnte Einfangen des jeweiligen Zeitgeists hat für mich bei „Unter der Mitternachtssonne“ einen fast ebenso großen Anteil am Lesevergnügen gehabt wie die sich über beinahe zwanzig Jahre hinziehenden und überraschend detailliert erzählten Folgen des Mordes an dem Pfandleiher. Ich weiß nicht, ob Keigo Higashino weitere Romane von diesem Umfang und dieser Komplexität geschrieben hat, aber wenn dies der Fall sein sollte, dann hoffe ich sehr, dass davon noch mehr ins Deutsche übersetzt werden.

Tetsuya Honda: Blutroter Tod (Reiko Himekawa 1)

„Blutroter Tod“ von Tesuya Honda habe ich in der Bibliothek bei den Krimiempfehlungen gefunden und – da ich den Autor nicht kannte und grundsätzlich neugierig auf japanische Krimis bin – zusammen mit dem zweiten Band rund um die Hauptkommissarin Reiko Himekawa zum Ausprobieren mitgenommen. In „Blutroter Tod“ wird die Geschichte in erster Linie aus der Perspektive der 29jährigen Reiko erzählt – ab und an gibt es aber auch Passagen, die mehr über die Hindergründe der Morde enthüllen oder die aus der Sicht eines Kollegen von Reiko geschrieben wurden. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem Reiko zum Fundort einer Leiche gerufen wird. Der unbekannte Tote wurde in eine Plastikplane gewickelt an einem Fischteich in Tokio gefunden und seine Verletzungen deuten darauf hin, dass er vor seinem Tod gefoltert wurde. Noch bevor Reiko und ihr Team einen Grund finden können, warum der Ermordete einer solchen Gewalttat zum Opfer fiel, wird eine weitere Leiche gefunden, die anscheinend einen Monat zuvor in dem Fischteich versenkt worden war.

Die Geschichte in „Blutroter Tod“ wird relativ ruhig und ausführlich erzählt, wobei ein großer Schwerpunkt bei der Arbeit der Polizei liegt. Ich muss gestehen, dass ich diesen Teil sehr spannend fand, weil die Details rund um die Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen, die Hirachien innerhalb der Polizei und ihre Arbeitsweise an sich sehr interessant war. Aber so hat man halt auch das Gefühl, man wäre bei jeder einzelnen Befragung, bei jeder Teambesprechung und bei jedem Geplänkel zwischen den Kollegen dabei gewesen, während die Ermittlungen in dieser Zeit nur langsam vorangehen. Der Fall selbst war für mich in Ordung, es gab Elemente, die dem Leser bekannt waren, von denen die Polizei aber nichts wusste, so dass bestimmte Wendungen vorhersehbar waren. Andere Details rund um die Morde hat man als Leser hingegen fast zeitgleich mit den Ermittlern herausgefunden, so dass es noch die eine oder andere nicht so vorhersehbare Wendung in der Handlung gab, die mich gut unterhalten hat.

Auch die meisten Charaktere fand ich interessant und zum großen Teil sogar sympathisch. Reiko hat ihre ganz eigene Vergangenheit, die vor gut zehn Jahren dafür gesorgt hat, dass sie sich für die Arbeit bei der Polizei entschieden hat. Ihre Kollegen kommen in der Regel gut mit ihr aus und gerade im engen Kollegenkreis herrscht eine gute Arbeitsatmosphäre. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Umgang zwischen japanischen Arbeitskollegen in japanischen Romanen (oder anderen Medien) dargestellt wird. Diese Mischung aus Distanz und (aufgezwungener) Nähe – inklusive dem gemeinsamen Besäufnis nach Feierabend – ist eben etwas ganz anderes, als ich es in meinem normalem Arbeitsumfeld erlebt habe.

Schwierig fand ich hingegen zwei Punkte bzw. Charaktere, und ich muss zugeben, dass die mich mehrmals darüber nachdenken ließen, ob ich den Roman nicht lieber abbrechen sollte. Zum einen gibt es einen externen Kollegen, der eng mit Reiko zusammenarbeiten soll und der „verliebt“ in die Hauptkommissarin ist. Seine Verliebtheit äußert sich darin, dass er ihr ständig unpassende Komplimente macht und versucht, sie zum Essengehen oder mehr zu überreden. Reikos Reaktion darauf besteht in der Regel darin, ihn zu ignorieren, ihn auszuschimpfen (was überhaupt nicht bei ihm ankommt) oder ihm eine Ohrfeige zu verpassen – was ebenfalls keinerlei Auswirkungen auf sein Verhalten hat. Auch ihre anderen Kollegen sind genervt von dem Verhalten des „Externen“, aber ihre Reaktion beschränkt sich zum Großteil darauf, belustigt zu sein oder die Augen zu verdrehen, und der einzige Typ, der wirklich aktiv wird, greift auf körperliche Gewalt zurück – was wieder dazu führt, dass Reiko oder die anderen Kollegen ihn zurückhalten müssen.

Noch schlimmer war es mit den zweiten Charakter, der mich so gestört hat. Dieser Polizist gehört zu denjenigen, deren Perspektive man in einigen Abschnitten miterlebt, und die Art und Weise, wie er über andere Menschen denkt, hat mich regelrecht abgestoßen. Ebenso fand ich die Mittel, die er einsetzte, um an seine Informationen zu kommen oder anderen Kollegen Steine in den Weg zu legen, überaus unangenehm zu verfolgen. Sein Verhalten wird damit begründet, dass er einige Jahre für den Geheimdienst gearbeitet hatte und ihn diese Tätigkeit sehr veränderte, aber das macht es für mich als Leser nicht einfacher zu ertragen. Ich wünschte mir wirklich, dass Tetsuya Honda auf diese beiden Figuren verzichtet hätte, dann hätte mir die Geschichte mehr Vergnügen (soweit man das bei einer Handlung rund um gefolterte und ermordete Menschen sagen kann) bereitet.

Außerdem haben diese ganzen Szenen rund um Reiko und den „verliebten“ Kollegen dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, wie wohl in Japan mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz umgegangen wird. Bei „Stahlblaue Nacht“, dem zweiten Reiko-Himekawa-Krimi, kommt das Thema übrigens auch wieder vor. Zum einen, weil der externe Kollege wieder mit dabei ist (und wieder hatte ich nicht das Gefühl, dass er irgendeinen Gewinn für die Geschichte mit sich bringt, aber wer weiß, vielleicht spricht er den japanischen Humor an), und zum anderen, weil die weiblichen Angestellten einer Firma, die im Rahmen der Ermittlungen mehrfach aufgesucht wird, regelmäßig von einem Kollegen begrabscht und bedrängt wurden. Hier wird aber auch betont, dass der Chef und die anderen Kollegen deshalb ein Auge auf die Frauen haben und rettend einspringen, bevor etwas wirklich Schlimmes passieren konnte. Reiko hingegen muss sich auch im zweiten Band weiterhin selbst verbal und handgreiflich gegen den aufdringlichen Kollegen wehren.

Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel

Ich habe keine Ahnung mehr, wo ich über „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa gestolpert bin, aber die Inhaltsangabe klang nett und die Autorin wollte ich auch schon länger ausprobieren, also habe ich den Roman in der Onleihe vorgemerkt. In der letzten Woche konnte ich die Geschichte dann lesen und habe mir immer wieder ein Kapitel vorgenommen. „Der Herr der kleinen Vögel“ war für mich definitiv kein Roman, den ich in einem Zug runterlesen konnte. Ich musste mir für all die kleinen Begebenheiten rund um die beiden namenlosen Brüder Zeit nehmen und die verschiedenen Szenen nachklingen lassen.

Yoko Ogawa erzählt von zwei Brüdern, von denen der ältere eines Tages aufhört, auf Japanisch zu kommunizieren, um viele Monate später wieder anzufangen zu sprechen, allerdings nur noch in seiner eigenen Sprache. Eine Sprache, die nur sein kleiner Bruder versteht, die komplex ist und über eine eigene Grammatik, Personalpronomen und all die anderen Dinge verfügt, die eine Sprache ausmachen, in der man auch komplizierte Sachverhalte erklären kann. Doch selbst der jüngere Bruder lernt nie, diese Sprache fließend zu sprechen, sondern kann sie in erster Linie nur verstehen und bei Bedarf übersetzen. Die Eltern der beiden Brüder finden sich lange Zeit nicht damit ab, dass der ältere nicht mehr in ihrer Sprache mit ihnen kommuniziert, und stellen ihn einem Facharzt nach dem anderen vor. Doch keiner dieser Ärzte kann eine „reparierbare“ Ursache für das Verhalten des Jungen finden.

Nach dem Tod der Eltern kümmert sich der jüngere um den älteren Bruder. Zusammen leben die beiden ein ruhiges und bescheidenes Leben, das ebenso von den Bedürfnissen (und Einschränkungen) des Älteren geprägt ist wie von seiner Liebe zu den Vögeln. So liegt im Haushalt der beiden Brüder immer ein Vogelbestimmungsbuch bereit und wird ebenso täglich benutzt wie Salz- und Pfefferstreuer oder der Putzlappen, mit dem der Tisch abgewischt wird. Dreiundzwanzig Jahre lang teilen die beiden sich nach dem Tod der Eltern den Haushalt, bis der altere der beiden Brüder stirbt. Für den jüngeren Bruder wird das Leben nach dem Tod des Bruders noch ein bisschen ruhiger, etwas einsamer, aber auch freier als vorher. Nun muss er sich nicht mehr jeden Moment seines Tages an den Rhythmus seines Bruders anpassen, sondern kann in seiner Mittagspause in die Bibliothek gehen oder mit dem Blick auf den Rosengarten bei der Arbeit sein Essen im Grünen zu sich nehmen. Hin und wieder lernt er neue Menschen kennen, die ihn ein kleines Stückchen begleiten und sein Leben in größerem Ausmaß bereichern, als sie selbst vermuten würden.

Ich mochte diese ruhige Erzählung rund um die beiden Brüder sehr. Es passiert nichts Großartiges in der Geschichte, es gibt keine nennenswerte Entwicklung, keine Dramen und keine jubelnden Höhepunkte, nur eine wunderbare Hommage an ein unauffälliges, bescheidenes Leben, geschrieben in einer berührend schlichten Sprache, die schöne, klare Bilder im Leser hervorruft. Natürlich bleibt ein so zurückhaltender Charakter wie der jüngere Bruder – von den Kindern der Nachbarschaft liebevoll „Der Herr der kleinen Vögel“ gerufen – nicht von den Vorurteilen und Verdächtungen seiner Umgebung verschont. Aber auch wenn es ihm unangenehm ist, dass jemand etwas Negatives über ihn denken könnte, so scheinen selbst diese Phasen sein Leben nicht groß zu beeinträchtigen.

Das beherrschende Thema dieses Romans ist die Liebe zu den Vögeln, die der ältere an den jüngeren Bruder vererbt. Ich mochte diese Momente sehr, in denen einfach nur beschrieben wurde, wie die beiden geduldig lauschen, bis einer der Vögel in ihrem Garten anfing zu singen, wie sie den Gesang genossen und sich Gedanken über die verschiedenen Zwitschertöne machten. Diesen Genuss an der Anwesenheit und dem Gesang von Vögeln bewahrt sich der jüngere Bruder bis zu seinem eigenen Tod und findet in diesen vermeintlich kleinen Momenten Freude, Trost und ein Mittel gegen die Einsamkeit. Mit „Der Herr der kleinen Vögel“ erzählt Yoko Ogawa eine wunderbar ruhige, leicht melancholische Geschichte, die dafür gesorgt hat, dass auch ich beim Lesen ruhiger wurde und mehr „bei mir“ war.

Banana Yoshimoto: Tsugumi

Banana Yoshimoto gehört für mich zu den Autorinnen, auf die ich ab und an Lust habe, die mir aber nicht so sehr am Herzen liegen, dass ich ihre Bücher besitzen muss. In diesem Monat war es wieder soweit, dass ich mich weiter durch ihr Werk lesen wollte, und so habe ich mir „Tsugumi“ in der Onleihe vorgemerkt. Gewusst habe ich über die Geschichte vorher nichts, ich hatte nur im Hinterkopf, dass ich einen ihrer früheren Romane lesen wollte und da „Kitchen“ nicht zur Verfügung stand, wurde es eben „Tsugumi“. Ich bin übrigens immer wieder überrascht, wie viele Titel von japanischen Autoren gar nicht erst übersetzt werden, selbst wenn diese Schriftsteller relativ erfolgreich sind. Da würde ich wirklich gern einmal genau wissen, nach welchen Kriterien das läuft (auch wenn ich mir schon verschiedene Gründe dafür vorstellen kann).

Die Handlung in „Tsugumi“ wird in der Rückschau aus der Sicht von Maria erzählt, die die Cousine der titelgebenden Tsugumi ist. Ihr gesamtes bisheriges Leben hat Maria mit ihrer Mutter in der Pension verbracht, die der Familie der Schwester ihrer Mutter gehört, und darauf gewartet, dass ihr Vater sich endlich von seiner Frau scheiden lassen und ihre Mutter heiraten kann. Obwohl die Situation für ihrer Eltern bestimmt nicht einfach war, war sich Maria immer der Tatsache bewusst, dass ihre Eltern sie und einander liebten. So hätte sich Marias Familienleben ungemein harmonisch angefühlt, wenn nicht Tsugumi gewesen wäre. Tsugumi ist Marias jüngere Cousine und von klein auf steht fest, dass das Mädchen nicht sehr lange zu leben hat. So muss die gesamte Familie damit fertig werden, dass Tsugumi jederzeit sterben kann und aufgrund ihrer schwachen Gesundheit ständig krank ist.

Tsugumi selbst erscheint auf den ersten Blick einfach nur wie ein herzloses und rundum verwöhntes Wesen. Ihre liebste Beschäftigung besteht darin, anderen Leuten boshafte Streiche zu spielen und sie mit ihren Bemerkungen zu verletzen. Erst als sie bei einem ihrer Streiche zu weit geht und Maria sich ihr gegenüber ausnahmsweise einmal nicht zurückhält, kann so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Cousinen entstehen. Doch auch nachdem die beiden Mädchen sich etwas näher gekommen sind, gibt es nur selten Momente, in denen Tsugumi sich Maria gegenüber öffnet und auch einmal ihre verletzliche Seite zeigt. So wird nach und nach deutlich, was für einen freiheitsliebenden und wilden Charakter Tsugumi besitzt und wie sehr sie durch ihren schwächlichen Körper in ihren Plänen und Träumen ausgebremst wird. Ihre einzige Möglichkeit, „stark“ zu erscheinen, besteht anscheindend darin, die Menschen in ihrer Umgebung mit ihrer boshaften Zunge und ihrem unberechenbaren Verhalten aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Ich muss zugeben, dass mich „Tsugumi“ nicht so sehr berührt hat wie andere Veröffentlichungen von Banana Yoshimoto. Es war eine schöne Geschichte, um zwischendurch immer mal wieder ein Kapitel zu lesen, und ich mochte sehr viele Aspekte der Handlung, aber die Figuren sind mir doch überraschend fremd geblieben. Ich fand diese beständige Zuneigung in Marias Familie, die trotz widriger Umstände und der Tatsache, dass ihr Vater nur an den Wochenenden zu seiner Geliebten und seiner Tochter reisen kann, unerschütterlich zu sein scheint, sehr schön. Ein bisschen erinnerte mich diese Gewissheit von Maria, dass sie von ihren Eltern geliebt wird, an Yotchan aus „Moshi Moshi“ (bevor diese sich mit den Geheimnissen ihres überraschend verstorbenen Vaters auseinandersetzen musste). So gibt es vor allem zwischen Maria und ihrem Vater, aber auch zwischen ihr und den anderen Familienmitgliedern immer wieder sehr schöne Szenen, die deutlich machen, wie sehr sie zueinander gehören und wie viele verbindende Elemente es zwischen ihnen gibt.

Dann gab es da noch all diese Passagen rund um die kleine Stadt am Meer, in der die Pension liegt, wo ein Großteil der Geschichte spielt. Ohne diesen Hintergrund hätten viele Szenen in diesem Roman gar nicht funktioniert, so aber gibt es all diese Momente am Meer, die von der Luft, dem Sand zwischen den Zehen und dem Geräusch der Brandung leben. Für mich war stellenweise die Atmosphäre, die durch die Landschaftsbeschreibungen entstand, so viel eindringlicher als die Dialoge  oder die Handlung selbst. Ich mochte diese Mischung aus Beständigkeit und ständiger Veränderung, aus trubeligem Touristentreiben im Sommer und der Ruhe im Winter oder in der Nacht, die den Hintergrund für die Handlung bildete. Und da Maria unter anderem für ihr Studium die Hafenstadt verlässt, fand ich es auch stimmig, dass sie all diese Elemente bewusster wahrnahm, als man es erwarten könnte, wenn all dies weiterhin Normalität für sie geblieben wäre.

So sind es am Ende die Orts- und Landschaftsbeschreibungen, die in mir nachklingen und Sehnsucht nach dem Meer in mir wecken. Diesen Teil der Geschichte habe ich wirklich genossen und ich bin mir sicher, dass das Meer bei diesem Roman das Element ist, das mir in Erinnerung bleiben wird. Dazu kam dann noch Banana Yoshimotos unaufgeregte Erzählweise, die die Melancholie dieses letzten Sommers in der Hafenstadt, des Abschieds vom vertrauten Leben und vielleicht sogar von Tsugumi weiter unterstrichen hat. Ich mochte Marias Sicht auf die verschiedenen Personen und Ereignisse und dieses Gefühl, dass sie alles umso intensiver wahrnimmt, weil sie diesen Sommer am Meer nicht enden lassen will.

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

Über „Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami bin ich bei Sayuri gestolpert, die das Buch während eines Lesesonntags erwähnt hatte. Ich muss gestehen, dass ich Murakami als Person eigentlich interessanter finde als sein Werk – zumindest finde ich diejenigen Sachbücher, in denen er über seine persönlichen Erfahrungen schreibt, deutlich fesselnder als die Anfänge seiner Romane (denn beendet habe ich bislang noch keins seiner fiktiven Werke). „Von Beruf Schriftsteller“ beinhaltet eine Sammlung von Essays, die Haruki Murakami im Laufe von mehreren Jahren geschrieben hat. In diesen Texten schreibt der Autor von seinem ganz persönlichen Leben als Schriftsteller, von seiner Herangehensweise, wenn er an einem Roman arbeitet, und von der Entwicklung, die seine Schreibweise im Laufe der Zeit durchgemacht hat, aber auch von einigen anderen Dingen, die sein Leben beeinflusst haben.

Stellenweise fand ich die Aussagen, die Haruki Murakami in diesem Buch macht, recht allgemein gefasst und sogar belanglos, aber da ich gleichzeitig auch das Gefühl hatte, dass das genau seine Meinung widerspiegelte, konnte ich gut mit diesen Passagen leben. Richtig interessant fand ich hingegen die Absätze, die mehr über Murakamis Leben und seine Person verrieten. So erzählt er recht locker von seiner Zeit als Jazz-Kneipenbesitzer, von dem Moment, in dem in ihm der Wunsch geweckt wurde, einen Roman zu schreiben, und von der Naivität, mit der er an dieses Projekt heranging. Ich mochte die Vorstellung, wie der 29jährige Murakami an seinem Küchentisch sitzt und geduldig Seite für Seite füllt, ohne eigentlich eine konkrete Geschichte erzählen zu wollen. Ebenso spannend fand ich die Absätze, in denen er über die diversen Themen – von seinem relativ langweiligen Alltag, über sein Bedürfnis, jeden Tag Sport zu treiben, bis zum japanischen Schulsystem – schrieb.

Auch bin ich immer wieder über Passagen gestolpert, bei denen ich mich fragte, wie weit in diesem Fall Murakamis Ansicht davon geprägt wurde, dass er Japaner ist, oder davon, dass er ein Mann ist, oder vielleicht auch davon, dass er sich von Jugend an intensiv mit englischsprachiger Literatur beschäftigt hat. Natürlich ist mir bewusst, dass all diese Faktoren (und noch viel mehr) ihn als Menschen und Schriftsteller geformt haben, aber bei manchen Punkte hatte ich eben das Gefühl, dass da eine sehr persönliche Erfahrung ihn in seiner Meinung beeinflusst hat. Immer wieder bin ich zum Beispiel über Absätze gestolpert, bei denen ich mir nicht ganz sicher war, ob er da eine allgemeine Aussage trifft oder ob er sich speziell auf Japan bezieht. So ging es mir zum Beispiel mit dem Kapitel, in dem er über den Akutagawa- und andere Literaturpreise redet. In Japan scheint es ein großes Thema (gewesen?) zu sein, dass Murakami den Akutagawa-Preis nie gewonnen hat, und – wenn man nach dem im Buch zitierten Artikel gehen kann – man scheint ihm zu unterstellen, dass dies der Grund sei, warum der Autor sich vom Literaturbetrieb fernhalten würde.

Diesen Preis und die seine Person betreffenden Vermutungen nimmt Murakami als Aufhänger, um über seine Abneigung bezüglich Literaturpreisen zu schreiben (und dazu passend andere Schriftsteller zu zitieren), was mich wiederum dazu brachte, mir Gedanken über die japanische Literaturwelt und Preise allgemein anzustellen. So ging es mir eigentlich mit allen allgemeineren Aussagen Murakamis in diesem Buch, während ich die kleinen Informationen über ihn und sein Leben gerade deshalb interessant fand, weil er so wunderbar alltäglich über sein Schreiben und seinen ungewöhnlichen Werdegang erzählte. Am Ende habe ich das Gefühl, ich habe etwas über den Menschen und den Autoren Haruki Murakami gelernt (und außerdem habe ich mal wieder einen seiner Romane in der Bibliothek vorgemerkt, um einen erneuten Versuch mit seinem fiktiven Werk zu wagen).

Kazuto Tatsuta: Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima (Manga)

Kazuto Tatsutas dreiteilige Mangareihe „Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima“ ist genau das, was der Untertitel sagt. Als (finanziell) nicht gerade erfolgreicher Mangaka war der Autor gerade auf Jobsuche, als die Katastrophe rund um das japanische Atomkraftwerk passierte. Um etwas zu bewirken und zumindest eine Zeitlang ein gesichertes Einkommen zu haben, hat er als Arbeiter rund um die Kraftwerksruine angeheuert. Es wurden gute Stundenlöhne versprochen (die Realität sah später dann etwas anders aus) und irgendjemand musste ja dafür sorgen, dass das Gelände wieder gesichert wird. Aber Kazuto Tatsuta hat sich auch gefragt, wie es denn nun wirklich in Fukushima ist, denn von der Politik, den Medien und den Bürgerbewegungen habe es unzählige gegensätzliche Aussagen zu den Schäden und den Folgen gegeben, die das Atomunglück verursacht hat.

Spannend finde ich bei dieser Veröffentlichung auch, dass Kazuto Tatsuta (der diesen Manga unter Pseudonym veröffentlicht hat) mit seinen Geschichten ein japanisches Gesetz umgehen konnte, das nach der Katastrophe von Fukushima geschaffen wurde, um die Pressefreiheit einzuschränken. Dieses Gesetz ermöglicht es der japanischen Regierung, bestimmte Informationen als „vertraulich“ einzustufen und Journalisten zu bestrafen, die darüber berichten. Doch ein Mangaka gilt als Künstler und nicht als Journalist, und so konnte Kazuto Tatsuta von seinen Erlebnissen berichten und die japanische Öffentlichkeit über die Vorgänge im Kraftwerk, den Alltag der Arbeiter und über die Erfahrungen und Ängste der Anwohner informieren.

Seinen ersten Einsatz (wegen der Strahlenbelastung sind nur kurze Beschäftigungszeiten möglich) hatte der Künstler im Frühsommer 2012 und der Manga beginnt damit, dass er einen typischen Arbeitstag eines Arbeiters in Fukushima zeigt. Das frühe Aufstehen, die vielen Strahlenkontrollen und die Schutzkleidung machen den Arbeitern gleichzeitig das Leben schwer und schützen sie. Doch dieser gefährliche Job ist eben auch Alltag für die vielen Männer, die das Gelände des Atomkraftwerks aufräumen, rückbauen und sichern. So ist es kein Wunder, dass an manchen Tagen eine juckende Nase viel schlimmer und präsenter ist, als der Gedanke an die Strahlung, der man dort während der Arbeitszeit ausgesetzt ist, und dass vor Ort die Gefahr größer ist, an einem Hitzschlag zu sterben als an der Strahlung.

Kazuto Tatsuta erzählt von den widerstreitenden Gefühlen derjenigen unter den Arbeitern, die aus der Region stammen. Auf der einen Seite haben sie im Tsunami oder durch die Sperrung der verstrahlten Gebiete alles verloren, auf der anderen Seite hatten sie und haben sie mit Tepco einen sicheren und gut zahlenden Arbeitgeber, ohne dessen Jobs diese ländliche Region nicht hätte überleben können. Besonders erschreckend fand ich, dass wohl immer wieder Leute ihre Dosimeter manipulierten, um länger arbeiten zu können, und ich hatte auch regelmäßig das Gefühl, dass der Erzähler und seine Kollegen – trotz aller Schutzkleidung und Kontrollen – etwas naiv an das Thema Strahlung herangingen. Aber gerade das ist ja auch das Interessante an so einem Erfahrungsbericht, denn so kann der Leser die Realität kennenlernen, unter der die Arbeiter in einem solch gefährlichen Gebiet arbeiten.

Interessant fand ich auch, dass der Mangaka immer wieder erwähnt, dass das alles nicht so schlimm sei, wie die Medien es darstellten. Allerdings stützt er seine Gedankengänge dabei auf Daten, die Tepco oder die Regierung in den Jahren nach dem Atomunglück veröffentlichten – und ich persönlich wäre da vermutlich viel kritischer angesichts der Tatsache, dass sich weder die japanische Regierung noch der Betreiber des Atomkraftwerks angesichts der Katastrophe von ihrer besten und vertrauenswürdigsten Seite gezeigt haben. Auf der anderen Seite war es auch angenehm, dass Kazuto Tatsuta versucht, keine Vorurteile zu haben. Er gibt sich Mühe, die verschiedenen Arbeitsbereiche so detailliert wie möglich darzustellen, und betont dabei den Alltag der Arbeiter und die Zusammenarbeit zwischen den Kollegen. Selbst bei seiner Darstellung der Sub-Unternehmer, unter denen es natürlich auch welche gibt, die sich auf Kosten der Angestellten bereichern wollen, versucht der Mangaka neutral zu bleiben und beide Seiten der Angelegenheit zu betrachten.

Ab dem zweiten Band gibt es auch Szenen, die sich mit den Hintergründen der Mangaveröffentlichung oder regionalen Besonderheiten rund um die Orte, in denen Kazuto Tatsuta während seiner Arbeit im Atomkraftwerk gelebt hat, beschäftigen. So erzählt er auch von den Bewohnern eines Altenheims, die sich danach sehnen, wieder in ihrer Häuser im Sperrgebiet ziehen zu können, von der offenen Bühne, auf der er ab und an mit seiner Gitarre auftrat, oder den unterschiedlichen Badehäusern, die er aufsuchte. Ich weiß nicht, ob ich einen Bericht über einen vergleichbaren Arbeitsplatz in einem unverseuchtem Gebiet so interessant gefunden hätte, aber ich fand es faszinierend, all diese kleinen und größeren Details zu erfahren.

Zuletzt noch ein Wort zum Zeichenstil des Mangaka: Die Zeichnungen sind sehr detailliert und realistisch gehalten und die verschiedenen Kapitel enthalten auch immer wieder Grundrisse oder Lagepläne, die es dem Betrachter ermöglichen, sich eine bessere Vorstellung von den verschiedenen Abläufen zu machen. Es gelingt Kazuto Tatsuta auch, die verschiedenen Kollegen – trotz der Atemmasken, die ja doch einen Großteil des Gesichts verdecken – so individuell zu zeichnen, dass man sie gut auseinanderhalten kann. Und immer wieder gibt es Panels, die von der Liebe des Zeichners zur Natur rund um Fukushima und von der unglaublichen Zerstörungskraft des Tsunamis zeugen. Insgesamt ist „Reaktor 1F“ für einen Manga ziemlich textlastig, aber ich fand es definitiv nicht zu viel, weil es so interessant war. Außerdem mochte ich die kleinen Nebenbemerkungen, die zum Teil im Nachhinein von dem Mangaka eingefügt wurden, um auf spätere Entwicklungen hinzuweisen oder eine Szene mit einem vorherigen Ereignis zu verknüpfen.

Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel (Manga)

„Bis in den Himmel“ von Jiro Taniguchi ist mal wieder eine Leihgabe von Natira gewesen – irgendwann muss ich mir mal einen eigenen Bestand von Taniguchi-Manga zulegen, da ich selbst die abwegigeren Titel von ihm sehr mag. Auch dieser Manga erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die an dem Tag beginnt, an dem der 42jährige Kazuhiro Kubota und der 17jährige Takuya Onodera bei einem Unfall zusammenstoßen und lebensgefährlich verletzt werden. Beide liegen nach diesem Ereignis im selben Krankenhaus im Koma, und als Kazuhiro eines Tages aufwacht, findet er sich in Takuyas Körper wieder. Es ist für ihn absolut unbegreiflich, wie dies passieren konnte, und er weiß nicht so recht, wie damit umgehen soll, dass ihn nun jeder in seiner Umgebung für Takuya hält.

So beginnt für Kazuhiro für kurze Zeit ein neues Leben, in dem er auf der einen Seite versucht wiedergutzumachen, dass er seine Frau und seine Tochter zugunsten seiner Arbeit so lange vernachlässigt hat, und auf der anderen Seite mehr über Takuya und seine Familie herausfindet. Natürlich ist Takuyas Familie sehr irritiert, dass ihr Sohn keinerlei Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall hat und sich absolut atypisch verhält, aber Kazuhiro spürt auch eine gewisse Erleichterung bei Takuyas Eltern, dass ihr Sohn keine solch herausfordernde Haltung wie früher mehr an den Tag legt. Ich will nicht zu viel zur Handlung verraten, aber das Ganze läuft nicht darauf hinaus, dass Kazuhiro in Takuyas Körper die Chance für einen Neuanfang bekommt. Es geht vielmehr darum, dass er und andere Charaktere in diesem Manga herausfinden, was für sie wichtig ist und wie sie mit den Menschen umgehen wollen, die ihnen am Herzen liegen. Dabei verwendet Jiro Taniguchi den einen oder anderen Erzählkniff, der nicht weniger unrealistisch ist als die Grundidee – so „erkennt“ zum Beispiel Kazuhiros Hund sein altes Herrchen, als er in Takuyas Körper bei seiner Familie vorbeischaut -, um die Handlung voranzutreiben.

Mir hat die Geschichte aus zwei Gründen gefallen: Einmal fand ich es – trotz Jiro Taniguchis gewohnt ruhiger und ausführlicher Erzählweise – spannend herauszufinden, was Kazuhiro vor seinem Tod so sehr beschäftigt hat, dass er unbedingt noch bleiben wollte, und zum zweiten liebe ich all die Details zum Leben in Japan und all die liebevollen und genauen Beobachtungen zum menschlichen Verhalten, die sich immer wieder in den Werken des Mangaka finden lassen. Letzteres kommt auch zum Ausdruck, wenn es um die gegensätzlichen Charaktere von Kazuhiro und Takuya geht. Beide handeln auf ihre Weise egoistisch, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Motiven (und ich bin mir relativ sicher, dass Jiro Taniguchi das vermutlich nur bei einer seiner Figuren so gesehen hat), aber nur einer von ihnen bekommt die Gelegenheit etwas an seinem Verhalten zu ändern und für die Zukunft einen neuen Weg zu finden.

Natürlich schwingt bei so einer Geschichte auch immer ein wenig der erhobene Zeigefinger mit, der einen ermahnt, das Beste aus seinem Leben zu machen und gut zu den Menschen zu sein, die einen lieben, bevor es zu spät ist, aber damit kann ich bei einer so zurückhaltenden und schönen Erzählweise leben. Allerdings sorgt das auch dafür, dass „Bis in den Himmel“ trotz all der berührenden Szenen nicht mein Lieblingstitel von Jiro Taniguchi ist. Ich mochte die Charaktere und ich hatte bei Lesen immer wieder Tränen in den Augen, aber die Manga, die keine (oder zumindest eine dezenter verpackte) Botschaft beinhalten, mag ich am Ende doch lieber.