Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Sarah Brooks: The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands

Ich war mir eigentlich sicher, dass ich zu diesem Titel schon etwas auf dem Blog geschrieben hatte. Aber da ich weder eine Rezension noch einen Kommentar noch eine Anmerkung bei einem Lese-Sonntag gefunden habe, habe ich mir das wohl eingebildet. Was kein Wunder wäre, denn ich habe während und nach dem Lesen von „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ sehr viel Zeit damit verbracht, Sätze in meinem Kopf zu formulieren, um meine Meinung zu diesem Roman auszudrücken. Außerdem durfte sich mein armer Ehemann sehr viele Ausführungen zu dem Buch und seinen verschiedenen Elementen anhören, während ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren. Bevor ich mehr zu diesem Titel schreibe, kann ich schon mal sagen, dass mir Sarah Brooks‘ Erzählweise eigentlich sehr gut gefallen hatte, ihre Geschichte aber letztendlich nicht meinen Geschmack getroffen hat, obwohl es anfangs so aussah, als ob es der richtige Roman für mich sein könnte.

Schauplatz von „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ ist der Great Trans-Siberian Express, ein Zug, der Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen Peking und Moskau durch die gefährlichen Wastelands verkehrt. Die Wastelands sind in dieser Variante unserer Welt ein gefährliches Gebiet voller Magie, das jede Person, die es betritt, so sehr verändert, dass sie nicht mehr in der normalen modernen Welt existieren kann. Deshalb gelten für die Reise mit dem Great Trans-Siberian Express besondere Regeln. Regeln, zu denen sich jeder Passagier vor der Abreise vertraglich verpflichtet – und dessen Brechen die Trans-Siberia Company von jeglicher Verantwortung für die (normalerweise tödlichen) Folgen befreit. Die Handlung wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei besonders die von Weiwei (einem Waisenmädchen, das an Bord des Zugs geboren worden war und sein ganzes bisheriges Leben dort verbracht hat) und die von Marya (die nach dem Tod ihres Vaters unter falschen Namen den Zug betritt) hervorstechen. Außerdem steht schon vor der Abreise fest, dass bei der letzten Fahrt des Great Trans-Siberian Express etwas Ungewöhnliches passiert ist, etwas, an dass sich Weiwei nicht mehr richtig erinnert und von dem Marya glaubt, dass es zum Tod ihres Vaters geführt hat.

So fühlte sich der Anfang des Romans ein bisschen wie „Murder on the Orient Express“ von Agatha Christie an, wo nach und nach die verschiedenen Figuren eingeführt werden, während die Handlung auf einen Zug begrenzt ist. Doch in „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ bestimmen neben der Frage, was während der letzten Reise des Great Trans-Siberian Express passiert sein könnte (und welche Verbrechen mit der Vertuschung der Geschehnisse verbunden sind), noch die Wastelands die Handlung. Sarah Brooks spielt mit den Gegensätzen zwischen der überbordenden, fantastischen Landschaft vor dem Zugfenster und dem von Technik beherrschten Leben im Zug und lässt dabei lange Zeit offen, ob die Magie der Wastelands wirklich real ist. Dazu kommt noch der Blick hinter die Kulissen der Reise, der durch Weiweis Kenntnisse der Hierachien innerhalb des Zugpersonals und der diversen technischen Elemente und Notwendigkeiten gewährt wird. Ich muss gestehen, dass ich die Zeichnung von der Aufteilung der Waggons zu Beginn des Romans nicht wirklich stimmig fand und mich die Ausmaße des beschriebenen Zugs immer wieder beim Lesen aus dem Tritt brachten, weil er für mich als Fahrzeug nicht funktioniert. Wenn ich mir vorstellen soll, dass der Zug 22 Waggons hat und mehrere Tage ohne Wasser- oder Kohlezuladung unterwegs sein soll, aber nur einen Waggon für Treibstoff dabei hat, dann reißt mich diese Unstimmigkeit schnell aus der Handlung …

Wenn es mir aber gelang, das Treibstoff- und Platz-Problem zu ignorieren, habe ich mich den Großteil des Romans wirklich gut unterhalten gefühlt. Es gab einige sympathische (oder zumindest interessante) Figuren in der Geschichte, deren Perspektive ich gern gefolgt bin, und die Frage, was bei der letzten Reise des Great Trans-Siberian Express passiert ist und wieso Maryas Vater von der Trans-Siberia Company zum Sündenbock erklärt wurde, hat mich so einige Zeit beschäftigt. Auch mochte ich Sarah Brooks‘ etwas ausschweifenden und bildhaften Erzählstil, obwohl ich damit bei anderen Autor*innen schon mal schnell die Geduld verlieren kann. Allerdings beschlich mich im Laufe der Zeit das Gefühl, dass ich genau wusste, worauf die Handlung hinauslaufen sollte, und dass die Auflösung rund um die Ereignisse während der letzten Zugfahrt durch die Wastelands so viel simpler sein würde, als mir lieb sein konnte. Das hat mir in der zweiten Hälfte des Romans leider das Vergnügen an der Geschichte etwas verdorben – und als meine Befürchtungen am Ende des Buchs wahr geworden waren und mich dazu noch das weitere Schicksal des Great Trans-Siberian Express wirklich enttäuschte, habe ich mich unglaublich geärgert. Für mich fühlte es sich an, als ob jemand mir eine ungewöhnliche und reizvolle Idee in wunderschöner Sprache erzählt hätte, nur um dann mit großen schwarzen Blockbuchstaben eine banale Botschaft über das Ganze zu pinseln. Es wäre für mich einfacher gewesen, wenn mir der Anfang von „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ nicht so gut gefallen hätte, dann hätte mich das Ende der Geschichte nicht so sehr enttäuscht. So hingegen habe ich das Buch sehr frustriert beendet und bereue es ein bisschen, dass ich drei Tage lang meine Lesezeit damit verbracht habe.

Shelly Jay Shore: Rules for Ghosting

„Rules for Ghosting“ war eins der ersten eBooks, die ich mir in diesem Jahr gekauft habe, und dann habe ich das Lesen immer wieder vor mir her geschoben – und kann gar nicht mal sagen, woran das lag. Vielleicht daran, dass ich wusste, dass es in dem Roman zu einem nicht unerheblichen Teil um Trauer geht, während ich gerade vor allem fluffige Geschichten bevorzuge, die nicht besonders viel Aufmerksamkeit von mir fordern. Aber nachdem Susanne im Juni den Roman gelesen und gemocht hatte, habe ich ihn etwas höher auf die Leseliste gesetzt und im August dann auch wirklich während einer Bahnfahrt angefangen zu lesen. Das war nicht die beste Idee, die ich je hatte. Denn die erste Hälfte des Romans hat regelmäßig dafür gesorgt, dass ich aufpassen musste, dass ich nicht das gesamte Ruheabteil mit meinem ständigen Auflachen störte. Bei der zweiten Hälfte war ich dann allerdings froh, dass ich die zu Hause auf dem Sofa las, weil mir Tränen übers Gesicht strömten. Die Geschichte hat bei mir wirklich für ein emotionales Auf und Ab gesorgt, was ich allerdings auch sehr genossen habe.

Die Handlung wird aus der Sicht von Ezra Friedman erzählt, einem jüdischen trans Mann, der nach dem Tod seines Großvaters entdeckt, dass er Geister sehen kann, was für einer überraschend herausfordernde Kindheit sorgt, denn das Leben seiner Familie dreht sich zu einem Großteil um das Bestattungsinstitut, das Ezras Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hatte. So ist es kein Wunder, dass Ezra als Erwachsener so wenig wie möglich mit dem Familiengeschäft zu tun haben will und seinen Lebensunterhalt lieber als Yoga-Lehrer und Doula (eine nicht-medizinische Geburtsbegleitung – in Ezras Fall für queere Personen) verdient. Doch als er seinen Job also Yoga-Lehrer verliert und kurz darauf seine Mutter verkündet, dass sie ihren Mann verlässt, um mit ihrer heimlichen Geliebten zusammenzuziehen, übernimmt Ezra vorübergehend die Aufgaben seiner Mutter als Buchhalter im Bestattungsinstitut. Was nicht nur dazu führt, dass er sich mit den Geistern im Institut und seinem komplizierten Verhältnis zu seiner Familie auseinandersetzen muss, sondern auch immer wieder Jonathan über den Weg läuft, der dort ehrenamtlich tätig ist. Dabei weiß Ezra nicht so recht, wie er mit den Gefühlen, die er für Jonathan entwickelt, umgehen soll, da dieser vor gerade mal zwei Jahren seinen Ehemann bei einem Autounfall verloren hat und immer noch sichtbar trauert.

Während Ezra sich mit seiner Fähigkeit, Geister zu sehen, seiner Familie und seiner frischen Verliebtheit auseinandersetzen muss, steht ihm sein wirklich wunderbarer (queerer) Freundeskreis zur Seite. Dieser Freundeskreis – zu denen auch Ezras Ex-Freund Ollie gehört – bietet mit einer perfekten Mischung aus Unterstützung, offenen Ohren und regelmäßigen Anstupsern, damit Ezra endlich aktiv wird, einen wunderbaren und amüsanten Ausgleich zu Ezras Gefühlschaos. Ich kann nicht beurteilen, wie angemessen Ezra und die anderen queeren Charaktere in dieser Geschichte dargestellt werden, aber für mich fühlte es sich an, als ob Shelly Jay Shore mit sehr viel Feingefühl diese Figuren und die Herausforderungen ihres Lebens beschrieben hat. So gibt es zum Beispiel Momente, in denen Ezra sich damit auseinandersetzen muss, dass sein Körper nicht seinem Selbstbild entspricht, oder in denen er mit einer Person intimer wird und dabei mit seinem Gegenüber klären muss, was für ihn als trans Mann beim Sex okay ist und was nicht. Dabei macht Shelly Jay Shore immer wieder deutlich, dass dieses ständige Abwägen, welche Informationen er wem geben muss, um angemessen behandelt zu werden, sehr belastend für ihn ist – eine Belastung, die zu den ganzen weiteren Problemen rund um Beruf und Familie dazukommt und so Ezras Alltag noch ein bisschen komplizierter macht, als es nötig wäre.

Das klingt jetzt, als wäre „Rules For Ghosting“ voller großer und wichtiger Szenen rund um Ezras Queerness, statt eine flüssig lesbare und überraschend amüsante Geschichte rund um einen Mann, der sich mit seiner anstrengenden, aber doch irgendwie liebenswerten Familie auseinandersetzen muss, während er gleichzeitig mit seinen aufkeimenden Gefühlen für Jonathan jongliert. Ach, und um die Tatsache, dass er Geister sehen kann … Aber das ist wirklich nicht der Fall, da es Shelly Jay Shore gelingt, all diese Elemente ganz selbstverständlich in Ezras Alltag einzuflechten, so dass sie mir häufig erst nach dem Lesen wirklich aufgefallen sind (wenn nicht gerade Ezras Perspektive dafür sorgte, dass mir ein Aspekt bewusst vor die Nase geführt wurde). Stattdessen habe ich beim Lesen regelmäßig an Filme wie „Familienfest und andere Schwierigkeiten“ oder „The Family Stone“ denken müssen, weil eben Ezras Familie so sehr im Mittelpunkt der Handlung steht. Diese Mischung aus Verzweiflung und Zuneigung gegenüber seinen Lieben ist wirklich nachvollziehbar geschrieben und sorgte dafür, dass ich ständig zwischen Lachen und schwerem Schlucken wechseln musste. Ich habe die Figuren in dieser Geschichte – selbst die, die auf den ersten Blick über einen eher herausfordernden Charakter verfügten – wirklich ins Herz geschlossen und meine Zeit mit diesem Roman sehr genossen.

Shelly Jay Shore gelingt es, überraschend viele Themen in eine wirklich amüsante und flüssig zu lesende, aber definitiv nicht oberflächliche Geschichte zu packen. Und während ich anfangs das Gefühl hatte, dass Ezras Fähigkeit, Geister zu sehen, ein ungewöhnliches, aber eher überflüssiges Element ist, war ich am Ende überrascht davon, wie wichtig diese Geister und Ezras späte Auseinandersetzung mit seiner Fähigkeit für die Handlung waren. „Rules for Ghosting“ ist ein überraschend vielseitiger Roman voller Höhen und Tiefen für den Protagonisten Ezra und gelungenen, fließenden Übergänge zwischen diesen emotionalen Extremen. Nach dem Lesen dieses Romans bin ich sehr neugierig auf die nächste Veröffentlichung von Shelly Jay Shore, obwohl ich den Klappentext von „Love Me Like a Rock Song“ ursprünglich eher verwirrend als ansprechend fand. Außerdem überlege ich, ob ich mir noch die Taschenbuchausgabe von „Rules for Ghosting“ zulege, weil ich den Roman gern nicht nur auf dem eReader, sondern auch greifbar (und verleihbar!) im Regal stehen hätte.

Lese-Eindrücke Februar 2026

Im Februar habe ich nicht sehr viel gelesen, wozu ich etwas zu erzählen hätte. Aber ein paar Lese-Eindrücke gibt es dann doch, die ich hier festhalten will.

Ilona Andrews: Beast Business (Hidden Legacy 6.5)

Soweit ich weiß, gibt es keine offizielle Zählung für diese Romane, und in den meisten Lese-Apps gilt der Band als Teil 7 der „Hidden Legacy“-Reihe, aber für mich ist „Beast Business“ kein „vollwertiger“ Teil der Serie. Der Titel beinhaltet die beiden (Kurz-)Geschichten „Beast Business“ und „Arabella Saves the Day“ sowie ein paar Extras, die schon auf der Homepage von Ilona Andrews veröffentlicht worden waren. „Beast Business“ wird aus der Perspektive von Augustine Montgomery erzählt, der in den vorherigen sechs Bände eine Nebenrolle einnahm und von dem man hier nun zum ersten Mal persönlichere Details erfährt, was mich sehr gut unterhalten hat und dazu führte, dass ich die ersten sechs Hidden-Legacy-Bände noch einmal gelesen habe. Fast noch netter fand ich aber die Kurzgeschichte rund um Arabella Baylor, die sich überraschenderweise mit einer jungen Frau anfreundet, deren Familie mit den Baylors bislang nicht gerade auf gutem Fuß stand. Gerade weil Arabella von ihren älteren Schwestern – aus deren Perspektive die anderen sechs Bücher geschrieben waren – häufig als impulsiv und unberechenbar abgetan wird, fand ich es spannend, mal ihre Gedankengänge zu verfolgen, wenn sie einem Job nachgeht. Diese gerade mal 30 Seiten haben mir große Lust gemacht, endlich mal einen Roman aus der Perspektive der jüngsten Baylor-Schwester zu lesen – ich hoffe sehr, dass Ilona Andrews daran schon schreibt, auch wenn bislang nichts dazu angekündigt wurde. Dieses Ehepaar arbeitet einfach an zu vielen Reihen gleichzeitig … *seufz*

Katherine Addison: The Orb of Cairado (Hörbuch)

Ich mochte sowohl „The Goblin Emperor“ als auch die „Cemetery of Amalo“-Trilogie von Katherine Addison sehr – weshalb ich natürlich auch gern die Novella „The Orb of Cairado“, die in derselben Welt spielt, gelesen hätte. Dummerweise ist die Geschichte bei Subterranean Press erschienen, was nicht nur hohe Preise für wenig Seiten bedeutet, sondern auch häufig dazu führt, dass eine gedruckte Version in Deutschland nur schwer erhältlich ist. Also habe ich zum Hörbuch gegriffen, in dem Bewusstsein, dass ich die Sprecherin Zehra Jane Naqvi schon von anderen Veröffentlichungen kannte und mochte. Die Geschichte rund um einen Gelehrten, der Jahre, nachdem er wegen eines Diebstahlverdachts aus der Universität ausgeschlossen wurde, die Chance erhält, seinen Namen reinzuwaschen, hat mir sehr gut gefallen. Ich mochte die Hauptfigur Ulcetha, ich mochte das Geheimnis rund um den titelgebenden Orb of Cairado und ich habe es sehr genossen, mal wieder etwas Zeit in dieser fantastischen Welt zu verbringen. „The Orb of Cairado“ ähnelt in vielen Dingen den Romanen rund um Thara Celehar, nur dass Ulcetha natürlich eine ganz andere Herangehensweise an ein Rätsel/einen Mordfall hat als ein „Witness for the Dead“. Allerdings muss ich zugeben, dass ich hier und da etwas Probleme hatte, die Figuren zuzuordnen, was an den Namen (und Anrede-Regeln), die Katherine Addison für diese Welt verwendet, liegt. Mir fällt es deutlich leichter, die Namen (inklusive ihrer verschiedenen Versionen) wiederzuerkennen, wenn ich sie gedruckt vor mir sehe und nicht höre – vor allem, wenn ich drei Tage brauche, um das relativ kurze Hörbuch zu beenden.

Jee-Hye Kim: Yu-jins Bücherküche der großen Träume

Meine Mutter hatte in den letzten Wochen darüber geklagt, dass sie Probleme beim Lesen hat und sich nicht auf ihre Romane konzentrieren kann. Als ich dann in der Buchhandlung im Viertel über „Yu-jins Bücherküche der großen Träume“ von Jee-Hye Kim stolperte, dachte ich, dass das vielleicht das richtige für sie sein könnte. Um sicherzugehen, dass die Geschichte keine fantastischen Elemente oder ähnliche Dinge, die sie nicht mag, beinhaltet, habe ich den Roman vor dem Abschicken gelesen. Die Handlung wird in mehreren – locker zusammenhängenden – Episoden erzählt, die im Laufe eines Jahres rund um eine neu gegründete (fiktive) Buchhandlung im ländlichen Südkorea stattfinden. Jede dieser Episoden stellt eine (oder mehrere) Figur(en) vor, die gerade an einem schwierigen Punkt in ihrem Leben stehen und entweder ein Auszeit oder einen Richtungswechsel benötigen. Ganz ehrlich, diese entspannten Alltagsgeschichten ähneln sich doch alle sehr – aber ich lese sie trotzdem gern, gerade weil sie einem das Gefühl geben, dass manchmal nur ein Innehalten oder ein kleiner Anstoß von Außen reicht, um ein Leben zum Besseren zu wenden. Und zwischen all den wohltuenden kleinen Momenten gibt es immer wieder spannende Details zum Leben im heutigen Südkorea. Das war ein nettes und entspannendes Buch – und ich hoffe, dass meine Mutter das genauso sehen wird.

Shion Miura: The Easy Life in Kamusari

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „The Easy Life in Kamusari“ von Shion Miura gelesen habe. Genau genommen habe ich das Buch im vergangenen Dezember während meines „Jahresausklangs“ gelesen und bei der Gelegenheit auch schon ein bisschen was dazu geschrieben. Was mir normalerweise reichen würde, um keine „richtige“ Rezension mehr zu schreiben, wenn das Lesen schon so viele Monate her ist. Aber immer wenn ich darüber nachdenke, dass ich den Roman einfach ins Regal stellen könnte, fallen mir all die kleinen Gedanken dazu ein, die ich doch noch gern losgeworden wäre. Und sei es nur, um mal hier zuzugeben, dass ich nonbinäre, weibliche und männliche Autor*innen mit zweierlei Maß messe und an letztere (aufgrund meiner Erfahrungen) grundsätzlich geringere Erwartungen stelle.

Die Handlung in „The Easy Life in Kamusari“ dreht sich um Yuki Hirano, der zu Beginn der Geschichte gerade die High School beendet hat und von seinen Eltern – ohne Absprache mit ihm – in ein Forstwirtschafts-Training-Programm eingeschrieben wurde. Yuki gibt in seinen Aufzeichnungen zu, dass er selbst keinerlei Ahnung hatte, was er beruflich machen sollte, aber ich war trotzdem etwas irritiert, dass er so passiv alles mit sich machen ließ. Er landet im tiefsten Hinterland von Japan, ohne Internet oder andere Kommunikationsmöglichkeiten, und ist in den ersten Monaten einfach nur jeden Abend fürchterlich erschöpft von der harten Arbeit. Nach und nach lernt er aber die Vorzüge von Kamusari schätzen, fühlt sich in den Wäldern der Umgebung wohl und findet in seinem Arbeitskollegen Yoki ein (zweifelhaftes) Vorbild. Außerdem lernt er die junge Grundschullehrerin Nao kennen und „verliebt“ sich in sie.

Es gibt eine Menge Elemente, die ich an der Geschichte wirklich mochte, vor allem die vielen Szenen rund um japanische Forstwirtschaft, die ich interessant und informativ fand. Außerdem erinnerten mich sehr viele Momente zwischen Yuki und seinen (durchgehend männlichen) Arbeitskollegen an die Pausenszenen in dem Film „The Woodsman and the Rain“, wo sich die Forstarbeiter über ihren Tag und ihr Privatleben austauschen und deutlich wird, dass diese Personen sich seit Jahren in- und auswendig kennen und ihre ganz eigenen persönlichen Rituale haben. Dazu kam in „The Easy Life in Kamusari“ ein Hauch von Aberglaube/Magie rund um den Wald in Kamusari, was ich unterhaltsam fand und was zu so einigen absurd-amüsanten Szenen führte, so dass ich das Lesen des Romans eigentlich genossen habe.

Was mich dazu bringt, dass ich bis zum Ende der Geschichte glaubte, dass Shion Miura ein männlicher Autor sei, da Shion nun mal die japanische Form von Sean ist. Das führte dazu, dass ich das eine oder anderen Element in dem Roman hingenommen habe, obwohl es mich beim Lesen störte. Es gibt ein paar Szenen mit männlich-pubertärem Humor, auf die ich persönlich hätte verzichten können, und die wenige weiblichen Nebenfiguren fühlten sich wie Abziehbilder an, was meine Vermutung, dass es sich um einen männlichen Autor handelte, bestärkte. Nachdem ich aber – dank der Autoreninfo – herausgefunden habe, dass Shion Miura eine Autorin ist, ärgert mich diese Darstellung der weiblichen Figuren wirklich sehr. Selbst wenn die Autorin damit versucht haben sollte, aus der Perspektive eines heranwachsenden Mannes zu schreiben, sehe ich keinen Grund dafür, wieso die Frauen in der Geschichte so klischeehaft und zweidimensional dargestellt werden.

Noch unangenehmer fand ich das „Verliebtsein“ von Yuki, da er seine Angebetete gerade mal einige Sekunden an einem Fenster stehend gesehen hatte, als er beschloss, dass er in die hübsche junge Frau verliebt sei – und ihr dann in den folgenden Monaten regelmäßig seine Anwesenheit aufdrängte, ohne auf ihre Wünsche und Gefühle einen Gedanken zu verschwenden. Diese Aspekte, die – wie ich zugeben muss – nur einen kleinen Teil der Handlung ausmachen, verderben mir ein bisschen die Erinnerung an diesen eigentlich netten Roman. Dabei ist mir bewusst, dass ich in dieser Beziehung mit zweierlei Maß messe und solche Elemente bei einem männlichen Autoren hingenommen hätte – auch wenn ich mich dadurch darin bestätigt gesehen hätte, dass ich nur noch selten von Männern geschriebene aktuelle Geschichten lese. Bei einer Autorin, bei der ich hingegen davon ausgehen muss, dass sie in ihrem Leben selbst einige Erfahrungen mit Misogynie gemacht hat, finde ich es umso ärgerlicher, dass sie die Gelegenheit nicht nutzt, um in ihren eigenen Romanen realistischere, vielschichtigere Frauenfiguren zu schreiben. Was dann auch der Grund ist, wieso ich keine Lust auf die Fortsetzung „Kamusari Tales Told at Night“ habe.

Lese-Eindrücke Februar und März 2025

Da ich im Februar nicht genug gelesen hatte, dass sich ein eigener Beitrag mit Lese-Eindrücken gelohnt hätte, gibt es dieses Mal die Anmerkungen für zwei Monate.

K.B. Wagers: Behind the Throne/After the Crown/Beyond the Empire (The Indranan War 1-3)

Diese Space Opera hatte mich im Februar überraschend gefesselt. Die Handlung dreht sich um die 38jährige Prinzessin Hail(imi), die vor zwanzig Jahren von ihrem Heimatplanten Indranan geflüchtet ist und sich (unter dem Pseudonym Cressen Stone) als Gunrunner ihren Lebensunterhalt verdient hat. Zu Beginn der Trilogie wird sie von Geheimdienstmitarbeitern ihrer Mutter aufgespürt und gegen ihren Willen nach Hause geschleppt, weil in den vergangenen Monaten der Großteil der kaiserlichen Familie ausgelöscht wurde. Die Romane sind eine Mischung aus viel Planung/Ermittlung und Action, was mich recht gut unterhalten hat. Aber wirklich gepackt haben mich die Figuren, ihre komplizierten Beziehungen zueinander und die Trauer, die sich durch die gesamte Geschichte zieht.

Hail trauert um die Familienmitglieder, die sie verloren hat, darum, dass sie nie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hatte, und um den Mann, mit dem sie fast zwanzig Jahre zusammengelebt hat und der kurz vor ihrer Rückkehr auf ihren Heimatplaneten getötet wurde – was dazu führt, dass es (yeah!) keine Liebesgeschichte in dieser Trilogie gibt. Die engste Beziehung, die die Protagonistin in dieser Trilogie hat, knüpft sie mit dem Mann, der unter anderen Umständen ihr Schwager gewesen wäre, und mit dessen Ehemann. Dazu kommt, dass Hails Heimat sehr indisch inspiriert ist, was ich sehr reizvoll fand, auch wenn ich nicht beurteilen kann, wie angemessen die Umsetzung der Autorin da ist. Es gibt am Ende des dritten Bandes ein paar Elemente, die von der Protagonistin „übersehen“ werden, obwohl sie offensichtlich sind, was daran liegt, dass die Autorin damit schon Hinweise für die nächste Trilogie legt. Darauf hätte ich verzichten können, aber es war auch nicht so schlimm, dass es mir den Spaß an den drei Büchern verdorben hätte.

R.C. Joshua: Demon World Boba Shop

Über „Demon World Boba Shop“ hatte ich im Februar schon beim Lese-Sonntag geschrieben. Der Roman ist eine isekai-Geschichte, was bedeutet, dass sich der Protagonist Arthur nach seinem Tod in einer fantastischen Welt wiederfindet, in der er seine Fähigkeiten wie in einem klassischen RPG aufleveln kann. Doch anders als bei den meisten isekai-Titeln verdingt Arthur sich nicht als Abenteurer, sondern eröffnet in dieser (durch und durch netten) Welt einen Shop für Bubble Tea. Das ist unglaublich erholsam zu lesen und für so einige amüsante Szenen rund um das Level-System und Arthurs sich entwickelnde Fähigkeiten sorgte. Außerdem gibt es immer wieder Dinge, bei denen Arthur sich beweisen oder jemandem helfen muss, so dass es regelmäßig Momente gibt, in denen er das Gefühl hat, dass etwas Wichtiges auf dem Spiel steht. Das sorgt dafür, dass die Handlung bei aller Nettigkeit nicht langweilig wird. (Teil 2 war übrigens im März ebenso nett zu lesen, während ich mich am Ende des dritten Bands ziemlich unzufrieden fühlte, weil so viel Potenzial ungenutzt blieb und sich so viele Herausforderungen als nichtig herausstellten. Ich weiß noch nicht, ob ich die Reihe danach noch fortsetzen mag.)

Martha Wells: All Systems Red (The Murderbot Diaries 1)

„All Systems Red“ habe ich 2019 geschenkt bekommen, und seitdem lag es auf dem SuB, obwohl ich davon ausging, dass mir die Geschichte gut gefallen würde. Aber es wurde damals so viel über die Murderbot Diaries geredet, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte nicht unbefangen ans Lesen gehen. Sechs Jahre später hingegen habe ich das Buch sehr genossen! Ich mochte Murderbots Erzählstimme, ich habe mich sehr über seine Sicht auf die Welt amüsiert, und ich bin gespannt, wie es mit ihm weitergeht – weshalb ich mir nach dem Lesen direkt „Artificial Condition“ bestellt habe. Ich bin mir sicher, dass der Band nach dem Eintreffen keine sechs Jahre auf dem SuB liegen wird …

Stephanie Burgis: Wooing the Witch Queen (Queens of Villainy 1)

„Wooing the Witch Queen“ ist der neuste Roman von Stephanie Burgis, und ich muss zugeben, dass ich erstaunlich wenig dazu zu sagen habe. Ich habe die Geschichte beim Lesen genossen und regelmäßig schmunzeln müssen. Ich mochte die Charaktere, ich mochte die zaghafte Liebesgeschichte zwischen der „wicked witch queen“ und dem Erzherzog, der aufgrund einer Verwechslung von ihr als Bibliothekar engagiert wurde, und ich freue mich auf die noch erscheinenden beiden Bände der Trilogie. Aber ich muss auch zugeben, dass das diese Art von „netter“ Geschichte war, bei der nicht viel haften bleibt. Obwohl sowohl die Königin als auch der Erzherzog viel Schlimmes in ihrer Vergangenheit erlebt haben, war ich emotional recht wenig engagiert beim Lesen. „Wooing the Witch Queen“ ist ein wirklich netter „cozy fantasy“-Roman, aber fast schon zu cozy – dieser Geschichte hätte ein Hauch von Drama ganz gut getan.

Michiko Aoyama: What your are looking for is in the library

Michiko Aoyama erzählt in „What your are looking for is in the library“ fünf Episoden, in denen das Leben von fünf verschiedenen Personen durch eine überraschende Buchempfehlung der Bibliothekarin Sayuri Komachi eine notwendige Wendung nimmt. Ich mag diese Art von ruhigen Geschichten, die mir einen Einblick in ein (fiktives) Leben geben und am Ende mit dem Gefühl zurücklassen, dass die Person, um die es geht, in eine für sie gute Richtung weitergehen wird. Diese Mischung aus Realismus, einem Hauch Ungewöhnlichem und einem kleinen Blick in eine andere Kultur empfinde ich als wirklich wohltuend.

Hwang Bo-Reum: Welcome to the Hyunam-Dong Bookshop

„Welcome to the Hyunam-Dong Bookshop“ von Hwang Bo-Reum habe ich im Juli wirklich genossen. Schauplatz des Romans ist eine neu eröffnete Buchhandlung in einem eher altmodischem Viertel von Seoul. Besitzerin dieser Buchhandlung ist Yeongju, und der Hyunam-Dong Bookshop ist für sie die Erfüllung eines Traums, ohne dass sie sich vorher Gedanken über die alltäglichen praktischen Dinge gemacht hat, die eigentlich dazugehören. Solch eine Grundvoraussetzung für eine Geschichte würde mich normalerweise ziemlich frustrieren, aber hier ist es überraschenderweise für mich kein Problem gewesen. Denn von Anfang an steht fest, dass Yeongju aus einer persönlichen Ausnahmesituation heraus die Buchhandlung gegründet hat und dass sie – zumindest zu Beginn – damit hätte leben können, wenn ihr Laden keine langfristige Zukunft hätte.

Genauere Details über Yeongjus Vergangenheit gibt der Roman erst im Laufe der Zeit preis (auch wenn der Klappentext schon einiges andeutet). Währenddessen lernen wir die verschiedenen Personen kennen, die regelmäßig in der Buchhandlung auftauchen. Viele kleine untereinander verflochtene Episoden erzählen von dem jungen Mann, den Yeongju als Barista für das Buchhandlungs-Café anheuert, von der Kundin, die sich regelmäßig Gedanken um ihren antriebslosen Sohn macht, von den verschiedenen Leser*innen, die auf der Suche nach dem richtigen Buch für sich sind, und von kleinen und größeren Ereignissen, die im Laufe der Zeit rund um die Buchhandlung passieren. Dabei zieht sich durchgehend eine entspannte und wohltuende Atmosphäre durch die Geschichte, die verschiedenen Figuren reden sehr viel miteinander, und immer mal wieder gibt es kleine Momente, in denen spürbar wird, dass sich einer der Charaktere erst einmal gedanklich mit dem auseinandersetzen muss, was eine andere Person im Gespräch gesagt hat.

Wer „Welcome to the Hyunam-Dong Bookshop“ in die Hand nimmt, sollte nicht davon ausgehen, dass es im Laufe des Romans zu großen, einschneidenden Veränderungen im Leben von Yeongju und den anderen Figuren kommt. Stattdessen gibt es viele kleine Momente, die lose miteinander verknüpft sind und in denen man die verschiedenen Charaktere und ihr Leben besser kennenlernt. Sie alle beschäftigen ganz persönliche Probleme, und häufig würde die Lösung dieser Probleme bedeuten, dass die jeweilige Figur die Erwartungen, die sie selbst in sich setzt, die ihre Familie ihr gegenüber hat oder die durch die Gesellschaft vorgegeben werden, enttäuscht. So sind es in der Regel nur sehr kleine Schritte, die von den Charakteren in den verschiedenen Kapiteln gemacht werden, aber gerade diese langsame Entwicklung und dieses Fehlen von „Lösungszwang“ fand ich sehr entspannend und erholsam zu lesen. Dabei hat es natürlich auch nicht geschadet, dass all diese Ereignisse vor der Kulisse einer sehr idealistisch dargestellten Buchhandlung geschehen und dass immer wieder die Liebe zum Lesen oder ein bestimmtes Buch in der Geschichte ein Gespräch oder ein Umdenken bei einer Figur auslösten. Viel mehr gibt es über die Handlung eigentlich nicht zu sagen – der Roman war nett und erholsam, und ich freue mich darauf, ihn irgendwann noch einmal zu lesen.

Hisashi Kashiwai: The Kamogawa Food Detectives

Ich finde es einfach wunderbar, dass der seit ein paar Jahren laufende Trend nach „Cozy Alltagsgeschichten“ dafür sorgt, dass so viele (häufig schon etwas ältere) japanische Geschichten ins Englische (oder gar ins Deutsche) übersetzt werden. „The Kamogawa Food Detectives“ wurde im Original 2013 veröffentlicht und beinhaltet sechs Episoden, in denen Personen auf der Suche nach einem ganz bestimmten Gericht sind, weshalb sie die „Food Detectives“ Nagare und Koishi Kamogawa beauftragen. Nagare Kamogawa ist ein ehemaliger Polizist, der nach seiner Pensionierung seine Leidenschaft fürs Kochen zum Beruf gemacht und ein Restaurant eröffnet hat. Währenddessen ist seine Tochter Koishi auf der einen Seite für die Bedienung der Restaurantgäste zuständig und auf der anderen Seite ist sie diejenige, die die Kunden interviewt, die ihren Vater in seiner Funktion als „Food Detektive“ engagieren wollen.

Jeder dieser sechs Kunden hat unterschiedliche Beweggründe, um Nagare Kamogawa zu beauftragen, aber egal, ob es um das Wiederauflebenlassen einer Kindheitserinnerung oder die Suche nach einem ganz bestimmten Rezept geht, so drehen sich die Geschichten doch eigentlich immer nur um den Genuss von Essen und die Erinnerungen, die wir mit bestimmten Gerichten verbinden. Ich muss zugeben, dass mich japanisches Essen so gar nicht reizt (und das nicht nur, weil das vegetarische Angebot in dieser Küche nicht so üppig ist), aber ich liebe es, wenn es in japanischen Romanen/Filmen/Serien ums Essen geht, weil da häufig eine ganz besondere Detailverliebtheit und Wertschätzung durchschimmert. So ist es auch in „The Kamogawa Food Detectives“, was all die Passagen rund um das Essen von Gerichten für mich wirklich angenehm zu lesen macht.

Dazu kommen dann noch die Erklärungen von Nagare, wie es ihm genau gelungen ist, das gesuchte Gericht nachzukochen und welche Faktoren noch eine Rolle gespielt haben, um für den Kunden das gewünschte Erlebnis heraufzubeschwören. Diese Passagen fand ich in der Regel besonders spannend, weil da nicht nur – im Nachhinein dann häufig auf der Hand liegende – Überlegungen zu den Zutaten geteilt wurden, sondern auch Nagares Schlussfolgerungen zu den jeweiligen Kunden. Denn natürlich gibt es bei jeder einzelnen Geschichte Elemente, die von den verschiedenen Kunden nicht erzählt werden, die aber relevant für Nagares Arbeit als „Food Detective“ sind und die er – wie es sich für einen anständigen Romandetektiv gehört – aufgrund winziger Hinweise während der Interviews dann trotzdem in Betracht zieht. So ist „The Kamogawa Food Detectives“ zwar keine klassische Detektivgeschichte, aber es finden sich trotzdem immer wieder dazu passende Elemente in den verschiedenen Kapiteln, was für mich zu wunderbar unterhaltsamen Geschichten rund um die verschiedensten Charaktere und ihre Erinnerungen an ganz besondere Gerichte geführt hat. Ich habe diesen Band so sehr genossen, dass ich mir definitiv auch die im April 2025 erscheinende Fortsetzung besorgen werde.

Lese-Eindrücke August 2024

Im August gab es deutlich weniger kühle Tage als im Juli, weshalb ich mich vor allem an eBooks gehalten habe. Dummerweise hat dabei mein „ich lese ungelesene Bücher vom eReader“-Vorhaben dazu geführt, dass ich eine Autorin für mich neu entdeckt habe und deshalb unbedingt ein paar neue Bücher kaufen musste, aber dazu schreibe ich in einem anderen Beitrag noch mehr … 😉

Zoe Chant: Lion on Loan (Shamrock Safari Shifters 1)

In der Regel finde ich die Gestaltwandler-Liebesgeschichten von Zoe Chant (zumindest, wenn sich hinter dem Pseudonym C.E. Murphy verbirgt) nett und lustig, weshalb ich natürlich auch ihre neue Reihe ausprobiert habe. Diese Reihe dreht sich um einen Zoo in Irland, in dem Gestaltwandler in ihrer tierischen Gestalt Urlaub machen und so dafür sorgen, dass es immer wieder besondere Tiere gibt, die Besucher anlocken. Aber so nett und amüsant diese (kurze) Geschichte rund um eine Zooangestellte und einen Löwen-Gestaltwandler war: Ich wünschte, die Autorin würde nicht immer auf InstaLove setzen und ihre Handlung mal auf mehr als zwei Tage verteilen. Ich trauere ein bisschen dem allerersten Roman, den sie in diesem Genre geschrieben hat, hinterher, in dem sich die beiden Protagonisten über Monate hinweg kennenlernten, bevor sie eine gemeinsame Zukunft ins Auge fassten. Aber der hatte ja auch mehr als 150 Seiten … Keine Ahnung, ob ich einen weiteren Band über die Shamrock-Safari-Shifters lesen werde.

G Clatworthy: Bedsocks and Broomsticks (Omensford 1)

Ich muss gestehen, dass „Bedsocks and Broomsticks“ nicht gerade einen anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Die Geschichte dreht sich um Fi – eine Hexe, deren ungewöhnliche Magie sich rund um Elektrizität dreht und die als IT-Spezialistin arbeitet. Nachdem Fi zum xten Mal ihren Arbeitslaptop zerstört hat, wird ihr gekündigt, was dazu führt, dass ihre Mutter sie für die Organisation eines lokalen Festivals einspannt. Als bei diesem Festival dann eine ältere Hexe ermordet wird und Fi eine Verbindung mit dem Wyrm-Familiar der Verstorbenen eingeht, fühlt sie sich dazu berufen, das Verbrechen aufzuklären. Alles in allem war das ganz nett für vollkommen übermüdete Lesephasen, in denen ich einfach nur ein bisschen Unterhaltung haben wollte. Aber es war nicht interessant genug, um weitere Bände der Autorin in Betracht zu ziehen. Immerhin möchte ich positiv anmerken, dass das mal ein aktueller (fantastischer) Cozy Mystery war, der ganz ohne künstlich aufgepfropfte Liebesgeschichte auskam!

Emily J. Edwards: Viviana Valentine Gets Her Man (A Girl Friday Mystery 1)

Die Viviana-Valentine-Romane sind ein typischer Fall von „mehrere Leute in meiner englischsprachigen Timeline sind davon begeistert, weshalb ich jeden Titel, der günstig (also unter 3 Euro) zu haben war, gekauft habe“. Ich würde mir die Bücher nicht für den aktuellen eBook-Preis (13 bis 16 Euro!) kaufen, aber nach dem Lesen von „Viviana Valentine Gets Her Man“ werde ich die Reihe im Auge behalten. Ich mochte die Protagonistin Viviana, die als Sekretärin für einen Privatdetektiv im New York der 1950er Jahre arbeitete. Als ihr Chef spurlos verschwindet, während zeitgleich eine Leiche in seinem Büro gefunden wird, sieht sich Viviana gezwungen, selbst die Ermittlungen aufzunehmen, was zu einer – für mich angenehm lesbaren – Mischung aus Überforderung und Anwendung von von ihrem Chef erlernten Wissen führt.

Außerdem stehen Viviana ihre Mitbewohnerinnen zur Seite, so dass sie über ein überraschend großes Angebot an unterschiedlichen Ressourcen verfügt, was dafür sorgt, dass sie für die verschiedensten Situationen besser gewappnet ist, als sie es auf sich allein gestellt wäre. Mir gefielen auch all die atmosphärischen Szenen, die mich an diverse sw-Filme aus dieser Zeit erinnerten. Ich muss allerdings zugeben, dass ich den 50er-Jahre-Slang, den Viviana verwendet, anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftig fand, und bis die Geschichte nach der ersten Hälfte deutlich an Fahrt aufnahm, hatte ich auch kein Problem, das Buch für ein paar Tage aus der Hand zu legen. Aber nachdem Viviana nun ihren ersten Fall gelöst hat, bin ich gespannt, wie es mit ihr und der Detektivarbeit weitergeht, und freue mich darüber, dass ich noch zwei weitere Bände in meinem Besitz habe.

Mina V. Esguerra: First Time for Everything (Café Titas 1)

Eine 140-Seiten-Liebesgeschichte zwischen einer Frau um die Vierzig, die zum ersten Mal in ihrem Leben Sex haben will, und ihrem Jugendfreund, der sich bereit erklärt, ihr dafür zur Verfügung zu stehen. Ich fand es nett, mal von einer selbstbewussten erwachsenen Frau zu lesen, die zum ersten Mal mit einem Mann schläft und kein Problem mit ihrer Unerfahrenheit hat. Es ist erschreckend, wie froh es mich macht, wenn ich in Liebesromanen Figuren vorfinde, die vernünftig miteinander kommunizieren, so wie es hier der Fall war. Außerdem war es angenehm zu verfolgen, wie aufmerksam und respektvoll die beiden Charaktere miteinander umgehen, wie wichtig es ihnen ist, dass es ihrem Gegenüber gut geht, und wie sie auch außerhalb des Schlafzimmers gemeinsame Interessen fanden. Das war eine erfrischend andere und überraschend süße Liebesgeschichte, die ich wirklich nett fand.

Satoshi Yagisawa: Days at the Morisaki Bookshop

„Days at the Morisaki Bookshop“ hatte ich irgendwann im Frühling im Angebot als eBook gekauft, weil es regelmäßig in einem Atemzug mit anderen (asiatischen) cozy Romanen erwähnt wird. Leider muss ich zugeben, dass mir diese Geschichte rund um eine depressive junge Frau, der durch eine Auszeit in der Buchhandlung ihres Onkels ein Neustart im Leben gelingt, nicht so ansprechend fand. Theoretisch gibt es ein paar nette Elemente in dem Roman, die aber bei mir keinerlei Emotionen auslösten, da mir die Erzählweise von Satoshi Yagisawa einfach nicht lag. Das könnte vielleicht an der Übersetzung von Eric Ozawa gelegen haben, aber das bezweifle ich, da ich bei anderen aus dem Japanischen ins Englische übersetzen Titeln dieses Problem nicht habe. Außerdem fand ich die Handlung so schrecklich vorhersehbar, dass ich am Ende regelrecht froh war, als ich das (gerade mal 170 Seiten umfassende) Buch endlich beendet hatte.

Sarah Beth Durst: The Spellshop (Hörbuch)

„The Spellshop“ von Sarah Beth Durst habe ich als Hörbuch gehört (sehr schöne Unterhaltung, wenn ich abends im Dunkeln mit der Switch gespielt habe). Gelesen wird die Geschichte von Caitlin Davies, die ihre Arbeit wirklich gut gemacht hat. Ich habe ihr auf jeden Fall gern zu gehört. Die Handlung dreht sich um die Bibliothekarin Kiela, die gemeinsam mit ihrem Assistenten Caz (einer Grünlilie mit sehr viel Charakter, die durch einen magischen Unfall entstanden ist) fliehen muss, als Revolutionäre die Bibliothek in Brand setzen. Auf der kleinen Insel, auf der Kiela geboren wurde, suchen die beiden Zuflucht – voller Angst, dass jemand all die Zauberbücher, die sie in Sicherheit gebracht haben, entdecken könnte.

Die Geschichte ist wirklich niedlich und voller hübscher Elemente, und ich mochte grundsätzlich die Welt, die Sarah Beth Durst für ihren Roman entworfen hat. Ich hatte allerdings ein wirklich großes Problem damit, dass die Handlung in so kurzer Zeit spielt. Gefühlt gelingt es Kiela, das jahrelang ungenutze Cottage ihrer Familie innerhalb von zwei Tagen sauber und bewohnbar zu machen. Binnen einer Woche bringt sie nicht nur den vernachlässigten Garten in Ordnung, sondern eröffnet parallel auch noch einen Shop für Marmelade und freundet sich sich mit einer Handvoll Leute so gut an, dass diese bereit sind, für Kiela große Risiken einzugehen. Ein paar Ereignisse weniger und dafür etwas mehr gemütliches Ankommen auf der Insel hätte mir deutlich besser gefallen. (Und wieso hat Kiela an so gut wie keine Person aus ihrer Kindheit Erinnerungen, wenn ich von ihren Eltern absehe? Das ist absurd – gerade auf einer kleinen Insel, wo selbst ein Kind die meisten Personen kennen sollte …)

Natsu Miyashita: The Forest of Wool and Steel

„The Forest of Wool and Steel“ von Natsu Miyashita ist eine Geschichte voller kleiner, feiner Beobachtungen, die von den ersten Jahres des Protagonisten Tomura als Klavierstimmer erzählt. Obwohl Tomura sich vorher nie mit Musik beschäftigt hatte, ist er fasziniert, als er als Schüler den professionellen Klavierstimmer Itadori dabei beobachtet, wie dieser den Flügel der Schule stimmt. Gut zwei Jahre später fängt Tomura bei derselben Firma an, bei der auch Herr Itadori beschäftigt ist, um nach seiner zweijährigen Grundausbildung zum Klavierstimmer von den älteren Kollegen die Feinheiten seines Handwerks zu lernen.

Natsu Miyashita erzählt viele kleine Episoden, die sich um die verschiedenen Kunden, um die unterschiedlichen Kollegen von Tomura und um ihren Umgang mit den diversen Pianos (und den Bedürfnissen ihrer Spieler) drehen. Dabei lässt die Autorin den Protagonisten immer wieder auf seinen vertrauten Wald in den Bergen Hokkaidos, in dem er seine Kindheit verbracht hat, zurückgreifen, wenn er (musikalische) Erlebnisse beschreiben und (be-)greifbarer machen will. Immer wieder gibt es in diesen kleinen Episoden Momente, in denen deutlich wird, dass Musik etwas mit den Zuhörern macht, selbst wenn ihnen das Wissen fehlt, die Musik/er einzuordnen. Immer wieder beschreibt die Autorin Szenen, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen Dinge wahrnehmen, aber auch, wie verschiedene Herangehensweisen zum selben (befriedigenden) Erlebnis führen können.

Tomuras Gedanken drehen sich sehr viel um Arbeitsmoral, um das Bedürfnis, die (oft unausgesprochenen) Ansprüche seiner Kunden zu befriedigen. Aber er philosophiert auch immer wieder über Musik, über die unterschiedlichen Arten, ein Klavier zu nutzen, und über all die unsichtbaren Personen, die mit dafür verantwortlich sind, dass ein Konzert die Zuhörenden bewegt. Einige Passagen in diesem Buch beschäftigen sich intensiv mit den technischen Details rund ums Klavierstimmen, aber nie so, dass meine Aufmerksamkeit bei diesen Beschreibungen abgeschweift wäre. „The Forest of Wool and Steel“ ist kein Buch, das ich in einem Zug lesen würde, sondern eine Geschichte, die ich immer wieder in die Hand genommen habe, wenn ich ein paar ruhige Minuten in einem – für mich – sehr japanischen wirkenden Umfeld verbringen wollte.

Ich habe Tomuras Entwicklung in dieser Geschichte wirklich gern verfolgt. Mir gefiel es sehr, dass ich mit ihm zusammen nach und nach die verschiedenen Kolleg*innen und Kund*innen besser kennenlernen konnte. Außerdem fand ich es faszinierend, Tomuras intensive Beschäftigung mit dem Klavierstimmen zu verfolgen. Das ist etwas, worüber ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe, und ich fand es spannend, die vielen verschiedenen Variablen, die dabei in Betracht gezogen werden müssen, zu entdecken. Alles in allem fand ich „The Forest of Wool and Steel“ überraschend wohltuend und entspannend zu lesen und bin mir sicher, dass ich im Laufe der nächsten Jahre immer mal wieder zu dem Roman greifen werde.

Delilah S. Dawson: The Violence

Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, in welches Genre ich „The Violence“ von Delilah S. Dawson stecken soll. Die Geschichte spielt einige Zeit nach der Corona-Pandemie, als eine weitere – weitaus ungewöhnlichere – Seuche die Welt erschüttert. Diese Seuche wird „The Violence“ genannt und bringt Menschen dazu, dass sie innerhalb von Sekundenbruchteilen vollständig eskalieren und beliebige andere Personen angreifen. Schnell kommt es zu den ersten Todesfällen, die Seuche breitet sich rasant aus und die Behörden raten der Bevölkerung, zuhause zu bleiben und Menschenmassen zu meiden. Während die Welt (erneut) durch eine Seuche aus den Fugen gerät, bietet diese Katastrophe für Chelsea Martin eine überraschende Chance, ihrem manipulativen und gewalttätigen Ehemann zu entkommen. Dabei wird die Handlung aus den Perspektiven von drei Frauen erzählt, als da wären: Chelsea, eine Hausfrau in einer wohlhabenden Gegend in Tempa (Florida), ihre egozentrische Mutter Patricia und ihre siebzehnjährige Tochter Ella.

Während alle drei Frauen versuchen, einen Weg zu finden, in einer Welt zu überleben, die durch The Violence aus den Fugen geraten ist, und dabei zum Teil sehr ungewöhnliche Wege gehen, gibt es immer wieder neue Details zum Leben dieser drei Charaktere zu entdecken. Das sorgt dafür, dass man so etwas wie Verständnis für ihr früheres und aktuelles Handeln entwickelt, selbst wenn alle drei Figuren mit ihrem Verhalten andere Personen verletzt haben. Ich fand es ziemlich spannend zu sehen, welche Wendungen die Geschichte im Laufe der Zeit entwickelt, was für neue Bekanntschaften die drei Protagonistinnen machen und welchen Einfluss diese auf sie und ihr Leben haben. Chelseas Wandel von der rundum polierten Hausfrau zur Underground-Wrestlerin (was schon im Klappentext verraten wird) war dabei überraschenderweise nicht die ungewöhnlichste Entwicklung. Fast noch spannender fand ich, wie sich das Leben für Patricia und für Ella durch die Seuche veränderte und was für Auswirkungen das auf diese Charaktere hatte.

„The Violence“ ist – wie schon erwähnt – ziemlich spannend zu lesen und beinhaltet ein paar wirklich unschöne Szenen, die aber für mich persönlich (von einer Ausnahme abgesehen) nicht „zu viel“ wurden. Delilah S. Dawson gibt im Vorwort an, was für Themen einen in ihrem Roman erwartet und warum sie die Geschichte so geschrieben hat, was ich sehr hilfreich fand. Und jedes Mal, wenn ich befürchtete, dass die Autorin als Nächstes etwas erzählen würde, was ich unerträglich finden würde, gab es eine überraschende Wendung in der Geschichte. Das sorgte häufig dafür, dass aus einem schlimmen Moment eine unerwartete Chance für die jeweilige Figur entstand. Dazu gibt es so einige freundschaftlich-schöne oder amüsante Szenen, die genügend Ausgleich zu den schlimmeren Ereignissen boten, so dass ich die ganze Zeit über neugierig auf den weiteren Verlauf der Handlung war. Ich weiß nicht, wie gut mir die Geschichte bei einem erneuten Lesen gefallen würde, weil dann die überraschenden Wendungen nicht mehr unvorhersehbar wären. Aber ich habe das Buch schon im Mai gelesen und mache mir bis jetzt immer wieder erneut Gedanken über die Charaktere und bestimmte Passagen in der Handlung – und das ist meiner Meinung nach definitiv eine Empfehlung!