Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Dhonielle Clayton, Nic Stone, Tiffany D. Jackson, Ashley Woodfolk, Angie Thomas und Nicola Yoon: Blackout

Auf „Blackout“ bin ich aufmerksam geworden, als mir ein Beitrag der „This Morning“-Sendung des US-Senders CBS in meine Twitter-Timeline gespült wurde. Dort haben sich die sechs Autorinnen darüber unterhalten, wie sich die gemeinsame Arbeit an dem Buch für sie angefühlt hat. Mir hat es so gut gefallen, wie respektvoll und sich gegenseitig schätzend die sechs Frauen in diesem Gespräch miteinander umgegangen sind und wie sie über ihre jeweiligen Geschichten gesprochen haben, dass ich mir „Blackout“ spontan bestellt habe. Initiiert wurde diese Zusammenarbeit der sechs Autorinnen von Dhonielle Clayton, deren fünfzehnjährige Nichte sie gefragt hatte, wieso Schwarze Mädchen nie eine große Liebesgeschichte haben dürfen und immer nur als „Sidekick“ in Romanen vorkommen. Dazu kam dann noch das Bedürfnis, ein Gegengewicht zu den ganzen Bildern von Polizeigewalt gegen Schwarze Personen und zu all den schrecklichen Nachrichten über die Pandemie im vergangenen Jahr zu setzen – und so kam es zu dem Entschluss, gemeinsam mit fünf anderen Autorinnen ein hoffnungsvolles und wohltuendes (Jugend-)Buch mit Geschichten über Liebe und Freundschaft zu schreiben, in dem Schwarze Protagonist.innen im Zentrum der Handlung stehen.

„Blackout“ besteht aus sechs einzelnen Geschichten, wobei „The Long Walk“ von Tiffany D. Jackson in kleinere Segmenten aufgebrochen wurde, die zwischen den Geschichten der anderen Autorinnen platziert wurden und so einen roten Faden durch das gesamte Buch bilden. Alle Geschichten spielen während eines großen Stromausfalls in New York, und die verschiedenen Protagonisten und Nebenfiguren stehen alle untereinander in irgendeiner Art von Beziehung. So ist Tammi (Protagonistin von „The Long Walk“) zum Beispiel die Tochter des Busfahrers, der in „No Sleep Till Brooklyn“ (Angie Thomas) eine Rolle spielt, und die Schwester von Tremaine, der wiederum in „Mask Off“ (Nic Stone) für den Erzähler JJ sehr wichtig ist. Mit gerade mal 256 Seiten ist „Blackout“ kein besonders umfangreiches Buch, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass eine der Geschichten zu kurz wäre. Jede von ihnen bietet eine wunderbare kleine Auszeit mit sympathischen Figuren, amüsanten Momenten und sehr süßen Liebesgeschichten. Dabei bedeutet die Tatsache, dass diese sechs Autorinnen in diesem Roman „Liebesgeschichten“ erzählen, nicht unbedingt, dass die Handlungen vorhersehbar wären.

All diese Geschichten haben – obwohl sie wirklich gut zueinander passen und sich wunderbar ergänzen – einen sehr individuellen Ton, so dass nicht vorhersagbar ist, ob einen als nächstes eine leise Liebesgeschichte, eine eher dramatischere Handlung oder vor allem sehr amüsante Szenen erwarten. Ebensowenig lassen sich die Figuren in Schubladen pressen und das nicht nur, weil einige von ihnen nicht heterosexuell sind, sondern auch, weil im Fall von „Blackout“ eine Liebegeschichte auch mal bedeuten kann, dass am Ende kein glückliches Paar aus der Handlung hervorgeht, sondern vielleicht „nur“ eine Person, die gelernt hat, sich selbst ein bisschen mehr zu lieben oder etwas ehrlicher mit sich zu sein. Ich mochte diesen Überraschungsfaktor beim Lesen sehr und habe mich darüber ebenso gefreut wie über die vielen kleinen Verknüpfungen zwischen den Geschichten, die dafür sorgten, dass ich die ganze Zeit die Augen offen gehalten habe nach Hinweisen darauf, wie welche Person mit welcher Figur bekannt oder verwandt sein könnte. Außerdem ist „Blackout“ unübersehbar eine Liebeserklärung an das Leben in New York mit all seinen Facetten, von der großen Bibliothek, den Touristenbussen, den alten Ziegelsteinhäusern, dem Kulturangebot, dem Gemeinschaftsgefühl innerhalb eines Viertels bis zu U-Bahn – und ich muss zugeben, dass ich mich in letzterer während eines Stromausfalls nicht aufhalten möchte. 😉

Mir hat das Lesen von „Blackout“ gutgetan, und ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt. Ich muss aber auch zugeben, dass die Kürze der Geschichten dafür sorgt, dass man eben nur einen sehr kleinen Einblick in das Leben der Figuren bekommt, weshalb sie keinen so lang anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Aber ich hatte viel Spaß mit den Charakteren und habe mir fest vorgenommen, dass ich „Blackout“ im nächsten Sommer wieder aus dem Regal ziehe, um mich von all den verschiedenen Figuren erneut in ein hochsommerliches New York entführen zu lassen, in dem ein umfassender Stromausfall so viele Leben positiv verändert. Oh, und wer Lust auf das Buch bekommen haben sollte, aber nicht auf Englisch lesen mag: Zeitgleich mit der englischen Ausgabe ist bei cbj „Blackout – Liebe leuchtet auch im Dunkeln“ als gebundenes Buch erschienen. Diese Variante ist zwar etwas teurer und das Cover ist nicht ganz so hübsch wie bei der englischsprachigen Ausgabe, aber mal nicht lange auf eine deutsche Übersetzung warten zu müssen, ist doch wirklich großartig.

Diana Biller: The Widow of Rose House

In „The Widow of Rose House“ von Diana Biller vermischt die Autorin eine im Jahr 1875 spielende Liebesgeschichte mit Geister-Elementen, wobei die Beziehung der beiden Hauptfiguren definitiv deutlich mehr Raum einnimmt als die Geistergeschichte. Protagonistin in „The Widow of Rose House“ ist die verwitwete Alva, die nach einigen Jahren in Paris zurück nach New York kommt, um dort ein Buch über Innendekoration zu schreiben. Aufhänger der geplanten Veröffentlichung ist das verfallene Anwesen Liefdehuis, das Alva gekauft hat und dessen Renovierung sie dokumentieren will. Doch die einzige Handwerkertruppe, die überhaupt bereit war, das Haus zu betreten, kündigt schon bald wegen all der unheimlichen Vorfälle auf der Baustelle. Nach all den rufschädigenden Nachrichten, die über sie aus Europa nach New York gekommen sind, ist diese Buchveröffentlichung für Alva die einzige Hoffnung auf eine Zukunft, in der sie auf eigenen Beinen stehen kann, und so sucht sie verzweifelt jemanden, der den angeblich im Liefdehuis spukenden Geist vertreiben kann.

Der berühmte Erfinder Sam Moore hingegen fragt sich schon seit einigen Monaten, ob Geister real sind und wenn ja, wie man sie wohl nachweisen oder gar mit ihnen in Kontakt treten könnte. So scheint eine intensivere Auseinandersetzung mit den Geistergeschichten rund um das Liefdehuis nicht nur perfekt zu sein, um seine Neugier bezüglich übernatürlicher Erscheinungen zu befriedigen, sondern auch um Alva näher kennenzulernen, die ihn auf den ersten Blick fasziniert hat. Ich muss gestehen, dass mir Sams Faszination für Alva ein bisschen arg schnell ging, denn es hätte vollkommen gereicht, wenn sich diese erst einmal nur auf ihr Haus erstreckt hätte und er Alva erst im Laufe der Zeit schätzen lernt. Aber da in den folgenden Kapiteln ein langsameres Kennenlernen der beiden inklusive viele intensiverer Gespräche beschrieben wird, konnte ich dann doch gut mit Sams schnell aufflackernden Gefühlen leben. Auch war mir Sam ein bisschen zu freundlich, zu geduldig und zu verständnisvoll (neben seiner Genialität und seinem Hang zur Unordnung), wobei dieses „Zu gut“-Sein von Sam auch dazu geführt hat, dass ich ihn als Leserin schnell ins Herz geschlossen und für ihn und Alva gehofft habe, dass sie am Ende doch zusammenkommen können.

Alva selber hingegen ist glaubwürdiger gestaltet. Dabei meine ich weniger ihre Hintergrundgeschichte als die Art und Weise, wie sie mit all den Traumata umgeht, die ihre Vergangenheit ihr beschert haben. Sie wurde als Kind von ihren (reichen, aber gefühlsarmen) Eltern vernachlässigt und mit gerade mal siebzehn Jahren mit einem deutlich älteren Mann verheiratet, der es auf Alvas Geld abgesehen hatte. Alvas verstorbener Mann hatte sie während der gemeinsamen Jahre nicht nur misshandelt, sondern auch ihren Ruf unrettbar geschädigt, als sie sich endlich von ihm trennte. So ist Alva fest entschlossen, einen Weg zu finden, um doch noch ein erfülltes und angstfreies Leben zu führen. Die Renovierung von Liefdehuis scheint perfekt geeignet zu sein, um dieses Ziel zu erreichen. Ich habe Alvas Perspektive wirklich gern verfolgt, weil sie so entschlossen ist, sich von ihrer Vergangenheit nicht daran hindern zu lassen, eine Zukunft aufzubauen, in der sie von der Arbeit leben kann, für die sie Talent hat und die sie befriedigt. Es gibt so einige Situationen, in denen sie Angst hat oder in denen sie in Gefahr schwebt, aber (fast) die ganze Zeit ist sie wild entschlossen, sich nie wieder unterkriegen zu lassen, und sie ist dickköpfig genug, um Wege zu finden, mit diesen Situationen fertig zu werden.

Neben den Charakteren mochte ich es, wie Diana Biller die Atmosphäre der 1870er Jahre durch eine Mischung von Kleidungs- und Einrichtungsbeschreibungen, durch politische Diskussionen und Ereignisse und durch das Aufzeigen von alltäglichen Dingen in ihrem Buch zum Leben erweckte. Dabei scheut die Autorin nicht vor den düsteren Seiten dieser Zeit zurück, aber da es nun einmal in erster Linie eine Liebesgeschichte ist, liegen die schlimmeren Ereignisse entweder in der Vergangenheit oder werden so erzählt, dass man sich eigentlich die ganze Zeit sicher sein kann, dass schon alles gut ausgehen wird. Ich habe mich von dieser Geschichte sehr gut unterhalten gefühlt, gerade weil ich immer wieder über Elemente stolperte, die ich aus nichtfiktiven Veröffentlichungen kannte. Außerdem hatte ich viel Spaß an all den Gesprächen zwischen Alva und Sam oder den verbalen Kabbeleien innerhalb der Moore-Familie und musste beim Lesen regelmäßig kichern. All das führt dazu, dass ich mich sehr darüber freue, dass Diana Biller vor kurzem auf Twitter eine Andeutung gemacht hat, dass es wohl demnächst einen weiteren Roman von ihr gibt und sich dieser dann um Sams Bruder drehen wird.

Dean Atta: The Black Flamingo

Wenn man „The Black Flamingo“ von Dean Atta beginnt, fällt sofort die ungewöhnliche Erzählweise ins Auge, die der Autor für seine Geschichte gewählt hat. Denn Dean Atta ist in erster Linie ein Poet und so hat er auch sein Buch als eine „verse novel“ geschrieben, bei der die einzelnen (häufig kurzen) Gedichte von verschiedenen Momenten in dem Leben des Protagonisten Michael erzählen. Dabei begleitet der Leser Michael von seinem sechsten bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr und erfährt so viel darüber, welche Wege dieser auf der Suche nach seiner eigenen Identität einschlägt. Denn Michael ist nicht nur ein schwarzer Brite mit jamaikanisch-zypriotischer Abstammung, der sich weder jamaikanisch noch griechisch-zypriotisch genug fühlt, um wirklich zu einer dieser Zuwanderergruppen zu gehören, sondern Michael ist auch schwul und hat von klein auf mit den dementsprechenden Vorurteilen und Anfeindungen zu kämpfen.

I Want to Be a Pink Flamingo

Pink. Definitely pink.
I want my feathers to match
the hue you imagine.
I want to blend in.
Nothing but flamingoness.

David Attenborough would say,
„Here we see the most typical flamingo.“

Though I don’t want to be the most,
just typical. A wrapping-paper pattern.
I don’t want to stand apart.
Nothing different about my parts.
My beak just a beak, my head just a head.
My neck, body, wings. Simply fit for purpose.
Standing on one leg, just like the rest.
Pink. Definitely pink. (Seite 194)

Ich fand Michaels Geschichte sehr berührend zu lesen, gerade weil er im Laufe der Zeit immer wieder darüber nachdenkt, wie andere Menschen ihn eigentlich sehen und was diese Sicht der anderen mit ihm selber macht. Außerdem war es spannend, die vielen unterschiedlichen Gedichtformen zu lesen und zu sehen, wie jedes einzelne dieser Gedichte für sich stehen kann und doch gleichzeitig einen wichtigen Teil des Gesamtbilds darstellt. Dean Attas Spiel mit der englischen Sprache habe ich wirklich genossen, und seine Zeilen haben noch einige Zeit nach dem Lesen in mir nachgeklungen. So gelingt es dem Autoren, Michael nicht nur als Protagonisten, sondern auch als Künstler innerhalb der Geschichte wachsen zu lassen. Dabei muss Michael sich mit seinen eigenen Vorurteilen und Schwächen ebenso auseinandersetzen wie mit seinen Stärken und Wünschen. Das bringt auf diese Weise den Leser fast beiläufig dazu, ebenfalls über sein Verhalten und seinen Umgang mit sich selbst und anderen nachzudenken.

Only one name comes to mind. It’s like
I’ve said it before: „I am The Black Flamingo
and my pronouns are he and him,“ I declare.
I’m sure of this for the first time ever.

They look at each other, then at me,

Then Mzz B asks, „So are you a king,
a queen or …?“

„Neither,“ I say. „I’m just a man and I want
to wear a dress and make-up on stage,
I want to know how it feels to publicly
express a side of me I’ve only felt privately
when playing with my Barbie as a boy.
It was only at home that I’d play with that toy;
I knew my Mum loved me more than
anyone else and with her I could be myself.
I didn’t think boys could do ballet, certainly
not a black boy and definitely not me.
I was already suspicious that people were
nice to me despite me being different.
I never wanted to take my difference too far.“
[…] (Seite 206)

Faszinierend war es auch zu sehen, wie viele unterschiedliche Themen Dean Atta in diesem Buch anspricht und dass sich dies beim Lesen anfühlt, als ob er nur eine helfende Hand reichen will, damit der Leser seinen Horizont etwas erweitert kann. Dabei kann man wohl davon ausgehen, dass Dean Atta sehr viele Elemente seiner eigenen Biografie in Michaels Geschichte verarbeitet hat, denn auch der Autor ist schwarz und schwul und Drag-Künstler. Ich muss gestehen, dass es mir überraschend schwerfällt, über dieses Buch zu schreiben, weil es so viel beinhaltet, dass ich gar nicht auf alle Aspekte eingehen kann. Ich kann nur sagen, dass „The Black Flamingo“ mich sehr berührt hat, und deshalb wünsche ich diesem Titel viele Leser, die gemeinsam mit Michael ein kleines bisschen wachsen und ihre Flügel ausbreiten dürfen.

Laura Andersen: Das geheime Turmzimmer

Über „Das geheime Turmzimmer“ von Laura Andersen bin ich bei Neyasha gestolpert, die den Roman als „Eine sehr schöne Mischung aus Schauerroman, Krimi, Liebesgeschichte und Familiensaga – und deutlich düsterer als man bei dem lieblichen Cover vermuten würde bezeichnet und mich so neugierig auf die Geschichte gemacht hat. Erzählt wird die Geschichte zum größten Teil aus der Perspektive von Carragh Ryan, einer Bibliothekarin, die die Privatbibliothek der Familie Gallagher katalogisieren soll, bevor die Familie ihr Anwesen Deeprath Castle inklusive der darin befindlichen Bibliothek dem National Trust überschreiben wird. Aber man wirft auch immer wieder durch die Augen von Lord Aidan Gallagher, seiner (inzwischen verstorbenen) Mutter Lily und Inspector Sibéal McKenna sowie vLon ady Jenny Gallagher und Evan Chase, der im Jahr 1880 Jenny geheiratet hatte, einen Blick auf die aktuellen und vergangenen Ereignisse rund um Deeprath.

Ich mochte, dass die Handlung in „Das geheime Turmzimmer“ auf drei Zeitebenen spielt. Auf der einen Seite bekommt man Stück für Stück erzählt, wie sich Jenny und Evan kennengelernt haben und wie damals die Situation in Deeprath war, andererseits lernt man durch Carragh die aktuellen Gallagher-Familienmitglieder kennen und erfährt, wie sehr die Familie durch den gewaltsamen Tod von Lily und ihrem Mann Cillian, der vor zwanzig Jahren passierte, zerrüttet wurde. Und zuletzt gibt es noch Passagen, in denen Lily im Jahr 1992 von ihrer Suche nach einem Familiengeheimnis erzählt. Diese verschiedenen Ebenen und Perspektiven sorgen für eine spannende und sehr unterhaltsame Geschichte, auch weil die vielen Figuren einem schnell ans Herz wachsen und man ihnen (selbst wenn man schon weiß, dass ihr Leben nicht glücklich endete) nur das Beste wünscht. Mir gefielen auch die vielen Schilderungen der Region rund um Deeprath Castle und die Beschreibungen des Gebäudes, das eine wunderbare Kulisse für eine solche Geschichte voller Geheimnisse, Dramen, Geister und Stromausfälle bildet.

Zwei Kritikpunkte habe ich allerdings an der Geschichte, wobei ich den einen der Autorin problemlos verzeihen kann, während mir der andere eine Wendung zu viel brachte. Das Zuviel bezieht sich dabei auf eine Beziehung, die Carragh zu einem der Familienmitglieder hat (und damit meine ich nicht Aidan). Die Handlung hätte sehr gut ohne diese Extra-Entwicklung funktioniert, die keinen Mehrwert für die Geschichte gebracht hat, sondern mir vor allem das Gefühl gab, Laura Andersen hätte damit die Auflösung all der Geheimnisse künstlich verzögert. Was mich zum zweiten Punkt bringt: Das Motiv und die Identität der Person, die für den Tod von Lily und ihrem Mann Cillian verantwortlich war. Beides lässt sich relativ früh erahnen, was ich grundsätzlich nicht schlimm finde, denn in vielen Krimis geht es ja mehr um die Frage, wie der Täter gestellt wird, als um die Frage, wer der Täter überhaupt ist. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass Laura Andersen am Ende die eine oder andere Wendung weniger eingebaut hätte, weil all diese Extraszenen für mich zu Lasten der Spannung gingen. Trotzdem habe ich mich insgesamt mit „Das geheime Turmzimmer“ gut unterhalten gefühlt und hatte Spaß dabei, die vielen verschiedenen Charaktere besser kennenzulernen und mir Gedanken über die Familie Gallagher und ihre Geheimnisse zu machen.

Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Ich muss gestehen, dass „Mister Weniger“ von Andrew Sean Greer kein Buch ist, das ich von mir aus spontan in der Bibliothek ausgeliehen hätte. Aber Helma hatte so eine liebevolle Rezension zu dem Titel geschrieben, dass ich doch Lust bekam, die Geschichte zu lesen und deshalb den Roman in der Bibliothek vormerkte. Arthur Weniger ist ein liebenswerter, etwas chaotischer und häufig überraschend hilflos wirkender Autor, dessen Flucht vor der Hochzeit seines Geliebten Reise ich gern verfolgt habe. Neun Jahre lang hatten Arthur und Freddy eine lockere Beziehung, und erst als Freddy verkündet, dass er einen anderen Mann heiraten wird und Arthur deshalb nicht wiedersehen kann, wird Arthur bewusst, was für ein großer Verlust das für ihn sein wird. Um nicht auf der Hochzeit auftauchen und gute Miene zu dieser neuen Entwicklung machen zu müssen, nimmt Arthur lauter Reiseangebote an, die er normalerweise ablehnen würde.

So reist Arthur Weniger quer durch die Welt und moderiert eine Veranstaltung in New York, die zu Ehren anderer Autoren abgehalten wird, wird zu einer anderen Veranstaltung in Mexiko eingeladen, um über einen berühmten Autor zu reden, mit dem er viele Jahre zusammenlebte, und besucht eine Preisverleihung in Italien, von der er noch nie zuvor gehört hatte. Außerdem übernimmt Arthur eine Dozentenstelle in Berlin, macht Urlaub in Marokko, versucht in Indien einen Roman zu schreiben und bespricht ein traditionelles Menü in Kyoto. So vielfältig wie seine Reiseziele und Tätigkeiten sind auch die großen und kleinen Probleme, mit denen sich Arthur auf seiner Reise konfrontiert sieht, was zu einigen wunderbar amüsanten Szenen führt. Gleichzeitig bekommt man Stück für Stück Arthurs Erinnerungen rund um sein Liebesleben und seine Entwicklung als Autor präsentiert und lernt zu verstehen, was den Charme dieses unbeholfenen Mannes ausmacht und wieso er trotz all seiner Ängste bislang immer irgendwie seinen Weg durchs Leben gefunden hat.

Helma hatte auf jeden Fall recht, als sie den Roman als „Wohlfühlbuch“ bezeichnete, und ich fand das Lesen wirklich angenehm. Zwischendurch hatte ich sogar überlegt, warum ich nicht häufiger solche Bücher lese, kam dann aber zu der Erkenntnis, dass diese Variante – so unterhaltsam sie auch geschrieben sein mag – in der Regel von mittelalten weißen Männern erzählt, und das ist ein Thema, das ich nicht so häufig im Zentrum meiner Romane haben mag. Es ist schade, dass es keine vergleichbaren Geschichten aus weiblicher Sicht gibt – oder kennt einer von euch einen ähnlichen Roman von einer Autorin? Oder ist diese melancholisch-ironisch-intellektuelle Perspektive einzig Männern vorenthalten, während Frauen sich auf fluffig-amüsante Romane beschränken (müssen?), in denen die Protagonistin von einem Tag auf den anderen ihre erfolgreiche, aber ungeliebte Karriere oder ihr Leben als unerfülltes Hausmütterchen hinwirft und ihr belächeltes Hobby erfolgreich zum Beruf macht oder ein Café eröffnet?

Aber nun gut, ich möchte nicht an „Mister Weniger“ auslassen, dass in bestimmten Bereichen nur bestimmte Autoren veröffentlicht werden, denn Andrew Sean Greer kann ja nichts dafür, dass mir beim Lesen seines Romans und angesichts des auffälligen Mangels an weiblichen Figuren so viele Gedanken über den Buchmarkt durch den Kopf gingen. Genauso wenig kann man dem Autor vorwerfen, dass der deutsche Verlag beschlossen hat, den Namen des Protagonisten von „Less“ in Weniger zu ändern oder dass vermutlich einiges an Wortwitz durch die Übersetzung verloren ging. Zumindest fällt es mir anhand des deutschen Textes schwer zu verstehen, warum gerade diese Geschichte mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Das alles ändert aber nichts daran, dass ich Arthur gern auf seiner Reise durch die Welt begleitet und seine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart interessiert verfolgt habe.

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

Über „Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata bin ich gleich auf mehreren Blogs gestolpert, unter anderem bei Natira, die den Roman im Rahmen eines Lesesonntags gelesen hatte. In der vergangenen Woche kam mir das Buch dann in der Bibliothek unter die Nase, und da es so kurz ist (gerade mal 145 Seiten), war es auch schnell gelesen. Die Handlung wird aus der Sicht von Keiko Furukura erzählt, die – obwohl sie schon Mitte Dreißig ist – als Aushilfe in einem Konbini arbeitet und sich deshalb immer wieder vor Freunden und Verwandten rechtfertigen muss. Dabei ist diese Arbeit für Keiko perfekt, da ihr die vorgegebenen Regeln und die immer wiederkehrenden Tätigkeiten die Sicherheit geben, die ihr sonst im Umgang mit Menschen fehlt.

Schon früh haben Keiko und ihre Familie festgestellt, dass sie nicht „normal“ ist. Was in diesem Fall bedeutet, dass Keiko jegliche Empathie fehlt und es ihr nicht möglich ist, die vielen ungeschriebenen Gesetze, die es beim menschliche Zusammenleben gibt, zu erkennen oder nachzuvollziehen. Im Klappentext (und auch im Buch) wird es häufig so formuliert, als seien Keiko Gefühle fremd, aber das habe ich beim Lesen der Geschichte nicht so empfunden – ihre Gefühlswelt ist eben nur anders als die ihrer Umgebung. Ihr ist durchaus bewusst, dass sie „anders“ ist und nicht den Erwartungen ihrer Familie entspricht, was in einer Gesellschaft, in denen die Anpassung des Individuums an die Norm sehr hoch geschätzt wird, nicht einfach ist. Umso schöner war es zu lesen, dass Keiko weiß, dass ihre Familie sie liebt und alles tut, um ihr zu helfen. Auch wenn ihre Familie sie genauso wenig versteht, wie Keiko das „normale“ Verhalten der Personen um sie herum nachvollziehen kann.

Da Keiko alles versucht, um die Erwartungen ihrer Umgebung zu erfüllen, kommt es im Laufe der Geschichte von „Die Ladenhüterin“ zu einigen Entwicklungen, die dazu führen, dass Keiko sich in ihrem Leben nicht mehr wohlfühlt. Obwohl sie alles tut, um ein in den Augen ihrer Mitmenschen „normales“ Leben zu führen, wird durch jede ihrer Entscheidungen zugunsten einer solchen „Normalität“ nur noch deutlicher, dass diese Art von Leben überhaupt nicht Keikos Art entspricht. Was umso unangenehmer zu verfolgen war, weil sie ja eine Nische für sich gefunden hatte, in der sie sich wohl und sicher fühlte. Dabei gelingt es Sayaka Murata wunderbar, Keikos Perspektive in den verschiedenen Momenten ihres Lebens darzustellen: Von der Liebe, die sie für ihren Konbini zu fühlen scheint, über die Scham, die sie jedes Mal empfindet, wenn sie es mal wieder nicht geschafft hat, „normal“ zu wirken, bis zu ihrer anfänglichen Erleichterung, als sie einen Weg gefunden zu haben glaubt, um sich auf neue Art und Weise den Anschein von Normalität zu verleihen.

Dass man Keikos Motive jederzeit nachvollziehen kann, sorgt dafür, dass sie einem sehr ans Herz wächst. Obwohl ihre Handlungen auf andere Personen schnell „unmenschlich“ oder „seltsam“ wirken, sind die Überlegungen, die sie zu ihren Aktionen bewegen, für den Leser eigentlich immer nachvollziehbar. Auch wenn ich froh bin, dass sie nicht jedem Gedanken Folge leistet, so mochte ich ihre praktische Art ebenso wie ihre Sicht auf das Leben als Konbini-Aushilfe. Obwohl ihre Umgebung (ebenso wie der neue Angestellte zu Beginn der Geschichte) sehr verächtlich auf diesen Art von Tätigkeit blickt, zeigt Sayaka Murata dem Leser deutlich, dass selbst hinter dieser vermeintlich simplen Arbeit sehr viel stecken kann. Nach achtzehn Jahren in dem Job weiß Keiko genau, welche Elemente das Kaufverhalten ihrer Kunden beeinflussen, welche Waren auf welche Weise präsentiert werden müssen und wie man Dinge verkauft, die von der Zentrale für Sonderaktionen vorgegeben wurden. Über Keikos Gedanken und die Gespräche mit den Kunden gelingt es der Autorin aufzuzeigen, wie komplex die Vorgänge hinter den Kulissen eines Konbinis sein können und welch eine Rolle so ein Geschäft für ein Viertel spielen kann.

Am Ende von „Die Ladenhüterin“ war ich fasziniert davon, wie viel Sayaka Murata in gerade mal 140 Seiten gepackt hat. Ich mochte ihre Art, die japanische Gesellschaft zu kritisieren, ich fand es spannend, mehr über die Arbeit in einem Konbini zu lernen (solch einen Morgenappell vor der Arbeit fände ich in Deutschland zum Beispiel sehr befremdlich) und Keikos Sicht auf die verschiedenen Dinge hat mich ebenso oft zum Schmunzeln gebracht wie nachdenklich gemacht. Ich weiß nicht, ob die Geschichte länger bei mir in Erinnerung bleiben wird. Aber während ich „Die Ladenhüterin“ gelesen habe, habe ich mich gut unterhalten gefühlt, den einen oder anderen Gedankenanstoß mitgenommen und wieder ein kleines Bisschen mehr über eine der vielen Facetten der japanischen Gesellschaft gelernt.

Gail Honeyman: Ich, Eleanor Oliphant

„Ich, Eleanor Oliphant“ von Gail Honeyman gehört zu den Büchern, die ich im vergangenen Jahr so oft in meiner Timeline gesehen habe, dass ich sie schon nicht mehr sehen konnte. Auch die Inhaltsangabe hat mich nicht gereizt, ebensowenig wie all die begeisterten Rezensionen. Aber ich muss zugeben, dass ich trotz all der gelesenen Rezensionen die ganze Zeit der Meinung war, dass es sich bei dem Titel um ein Jugendbuch handelt, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses Thema eine gute Geschichte für Jugendliche bereithalten würde. Ich war mir also gut ein Jahr lang ganz sicher, dass ich das Buch nicht lesen würde, bis ich mich vor einer Woche dabei ertappte, dass ich den Ausleih-Button in der Onleihe anklickte. Ich habe keine Ahnung, was mich dazu gebracht hat, aber nachdem ich den Roman schon auf dem Reader hatte, konnte ich ihn ja auch gleich mal lesen.

Gail Honeyman hat mit Eleanor Oliphant eine Protagonistin geschaffen, die ein sehr einsames Leben führt. Sie arbeitet von Montag bis Freitag als Buchhalterin und hat bei der Arbeit kaum Kontakt zu den Kollegen, weil Eleanor mit deren Interessen und deren Verhalten wenig anfangen kann. Wenn Freitagabend dann der Wochenendeinkauf erledigt ist, vergräbt sich Eleanor mit einem ausreichenden Vorrat an Alkohol in ihrer Wohnung und versucht, irgendwie das einsame Wochenende zu überstehen. Obwohl Eleanor sich einzureden versucht, dass ihr Leben gar nicht so übel ist, wird von der ersten Seite an deutlich, dass sie unglücklich ist und dass sie keine Ahnung hat, wie sie ihre Situation ändern soll. Erst eine Schwärmerei für einen Musiker und die Bekanntschaft mit dem neuen Arbeitskollegen Raymond rütteln die einsame Frau so weit auf, dass sie sich vorsichtig an die eine oder andere Veränderung wagt.

Ich fand es etwas schade, dass die Autorin Eleanors Veränderungen damit anfangen ließ, dass sie zum Friseur geht und neue Kleidung kauft. Aber auf der anderen Seite sind das natürlich auch die Dinge, die sich am leichtesten ändern lassen und die von der Außenwelt am ehesten wahrgenommen werden, also konnte ich damit leben. Obwohl Eleanor sehr intelligent ist, ist sie doch auch sehr naiv, und das bringt sie immer wieder in Situationen, mit denen sie nicht so recht umgehen kann. Schon früh wird in dem Roman gesagt, dass Eleanor einen Großteil ihrer Kindheit in Pflegefamilien und Heimen verbracht hat, aber wie wenig sie in dieser Zeit über den Umgang mit anderen Menschen gelernt hat, wird erst im Laufe der Geschichte deutlich. So fand ich es nicht überraschend, dass Eleanor keine Ahnung hat, wie man sich verhält, wenn man zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wird, wie man Small Talk betreibt oder überhaupt mit anderen Menschen auf privater Ebene Kontakt hat.

Für den Leser ist sehr früh offensichtlich, was in Eleanors Kindheit passiert ist, ebenso wie man sich schon nach den ersten Kapiteln denken kann, wie ihre bislang einzige Beziehung verlaufen ist. So entsteht die Spannung beim Lesen weniger durch die Frage nach Eleanors Kindheit, sondern eher durch die Frage wie es der Protagonistin, die bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr all diese Erlebnisse verdängt hat, gelingen wird, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und etwas gegen ihre Einsamkeit zu unternehmen. Dabei erlebt man die Geschichte aus Eleanors Perspektive inklusive all ihrer Fehlinterpretationen des Verhaltens anderer Menschen, ihrer diversen Schutzmechanismen und ihrer verächtlichen Gedanken gegenüber ihren Mitmenschen. Das wäre unangenehm zu lesen, wenn es nicht immer wieder diese Momente gäbe, in denen Eleanor zeigt, dass sie auch eine andere Seite hat, dass sie ihre abwertenden (und durch die Erziehung ihrer Mutter verursachten) Gedanken selbst unschön findet und doch eigentlich gern anders auf ihre Umgebung zugehen würde.

Eine große Hilfe findet Eleanor in ihrem neuen Arbeitskollegen Raymond, der ein netter und gutmütiger Mensch ist und dessen selbstverständliche Hilfsbereitschaft dazu führt, dass er sich mit Eleanor anfreundet. Er gibt Eleanor immer wieder (wenn auch häufig unbewusst) kleine Anstöße, um sich in unvertraute Situationen zu begeben, mit anderen Menschen zu treffen oder sich um jemanden zu kümmern, obwohl sie keine Ahnung hat, wie sie das überhaupt tun soll. Es dauert eine ganze Weile, bis Raymond versteht, wie hilflos Eleanor in privaten Situationen ist, die für die meisten anderen Menschen zum Alltag gehören, und das finde ich ebenso stimmig wie Eleanors intensive Konzentration auf jeden neuen Menschen und jedes neue Thema, das sie beschäftigt. Raymond muss sich keine Gedanken um viele Dinge machen, weil sie für ihn zum normalen Leben dazugehören, während Eleanor, die so lange in ihrer Einsamkeit gefangen war, voller Aufregung und Unsicherheit die schönen Seiten ausschmückt und auskostet und alles tut, um so perfekt wie möglich auf eine bevorstehende unvertraute Situation vorbereitet zu sein.

Diese Elemente sind es, die ich an dieser Geschichte wirklich gemocht habe. Ich fand es stimmig, dass Raymond sich so wenig Gedanken gemacht hat, ich konnte Eleanors Unsicherheiten nachvollziehen und habe mich darüber amüsiert, wie sie versucht, zielstrebig und effektiv Wege zu finden, um mit neuen Situationen umzugehen. Ebenso fand ich es richtig, dass sich nicht von einem Tag auf den anderen etwas an Eleanors Arbeitsplatz ändert. Natürlich bemerken ihre Kollegen, dass Eleanor sich verändert, aber es entstehen nicht auf einmal Freundschaften, die nach der jahrelangen Distanz unnatürlich gewesen wären. Auch Eleanor ist am Ende des Buches nicht ein vollkommen neuer Mensch, aber sie ist ein bisschen weniger einsam, sie lernt, mit ihrer Vergangenheit umzugehen, und als Leser fand ich es schön zu sehen, wie weit sie sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat.

Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel

Ich habe keine Ahnung mehr, wo ich über „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa gestolpert bin, aber die Inhaltsangabe klang nett und die Autorin wollte ich auch schon länger ausprobieren, also habe ich den Roman in der Onleihe vorgemerkt. In der letzten Woche konnte ich die Geschichte dann lesen und habe mir immer wieder ein Kapitel vorgenommen. „Der Herr der kleinen Vögel“ war für mich definitiv kein Roman, den ich in einem Zug runterlesen konnte. Ich musste mir für all die kleinen Begebenheiten rund um die beiden namenlosen Brüder Zeit nehmen und die verschiedenen Szenen nachklingen lassen.

Yoko Ogawa erzählt von zwei Brüdern, von denen der ältere eines Tages aufhört, auf Japanisch zu kommunizieren, um viele Monate später wieder anzufangen zu sprechen, allerdings nur noch in seiner eigenen Sprache. Eine Sprache, die nur sein kleiner Bruder versteht, die komplex ist und über eine eigene Grammatik, Personalpronomen und all die anderen Dinge verfügt, die eine Sprache ausmachen, in der man auch komplizierte Sachverhalte erklären kann. Doch selbst der jüngere Bruder lernt nie, diese Sprache fließend zu sprechen, sondern kann sie in erster Linie nur verstehen und bei Bedarf übersetzen. Die Eltern der beiden Brüder finden sich lange Zeit nicht damit ab, dass der ältere nicht mehr in ihrer Sprache mit ihnen kommuniziert, und stellen ihn einem Facharzt nach dem anderen vor. Doch keiner dieser Ärzte kann eine „reparierbare“ Ursache für das Verhalten des Jungen finden.

Nach dem Tod der Eltern kümmert sich der jüngere um den älteren Bruder. Zusammen leben die beiden ein ruhiges und bescheidenes Leben, das ebenso von den Bedürfnissen (und Einschränkungen) des Älteren geprägt ist wie von seiner Liebe zu den Vögeln. So liegt im Haushalt der beiden Brüder immer ein Vogelbestimmungsbuch bereit und wird ebenso täglich benutzt wie Salz- und Pfefferstreuer oder der Putzlappen, mit dem der Tisch abgewischt wird. Dreiundzwanzig Jahre lang teilen die beiden sich nach dem Tod der Eltern den Haushalt, bis der altere der beiden Brüder stirbt. Für den jüngeren Bruder wird das Leben nach dem Tod des Bruders noch ein bisschen ruhiger, etwas einsamer, aber auch freier als vorher. Nun muss er sich nicht mehr jeden Moment seines Tages an den Rhythmus seines Bruders anpassen, sondern kann in seiner Mittagspause in die Bibliothek gehen oder mit dem Blick auf den Rosengarten bei der Arbeit sein Essen im Grünen zu sich nehmen. Hin und wieder lernt er neue Menschen kennen, die ihn ein kleines Stückchen begleiten und sein Leben in größerem Ausmaß bereichern, als sie selbst vermuten würden.

Ich mochte diese ruhige Erzählung rund um die beiden Brüder sehr. Es passiert nichts Großartiges in der Geschichte, es gibt keine nennenswerte Entwicklung, keine Dramen und keine jubelnden Höhepunkte, nur eine wunderbare Hommage an ein unauffälliges, bescheidenes Leben, geschrieben in einer berührend schlichten Sprache, die schöne, klare Bilder im Leser hervorruft. Natürlich bleibt ein so zurückhaltender Charakter wie der jüngere Bruder – von den Kindern der Nachbarschaft liebevoll „Der Herr der kleinen Vögel“ gerufen – nicht von den Vorurteilen und Verdächtungen seiner Umgebung verschont. Aber auch wenn es ihm unangenehm ist, dass jemand etwas Negatives über ihn denken könnte, so scheinen selbst diese Phasen sein Leben nicht groß zu beeinträchtigen.

Das beherrschende Thema dieses Romans ist die Liebe zu den Vögeln, die der ältere an den jüngeren Bruder vererbt. Ich mochte diese Momente sehr, in denen einfach nur beschrieben wurde, wie die beiden geduldig lauschen, bis einer der Vögel in ihrem Garten anfing zu singen, wie sie den Gesang genossen und sich Gedanken über die verschiedenen Zwitschertöne machten. Diesen Genuss an der Anwesenheit und dem Gesang von Vögeln bewahrt sich der jüngere Bruder bis zu seinem eigenen Tod und findet in diesen vermeintlich kleinen Momenten Freude, Trost und ein Mittel gegen die Einsamkeit. Mit „Der Herr der kleinen Vögel“ erzählt Yoko Ogawa eine wunderbar ruhige, leicht melancholische Geschichte, die dafür gesorgt hat, dass auch ich beim Lesen ruhiger wurde und mehr „bei mir“ war.

Banana Yoshimoto: Tsugumi

Banana Yoshimoto gehört für mich zu den Autorinnen, auf die ich ab und an Lust habe, die mir aber nicht so sehr am Herzen liegen, dass ich ihre Bücher besitzen muss. In diesem Monat war es wieder soweit, dass ich mich weiter durch ihr Werk lesen wollte, und so habe ich mir „Tsugumi“ in der Onleihe vorgemerkt. Gewusst habe ich über die Geschichte vorher nichts, ich hatte nur im Hinterkopf, dass ich einen ihrer früheren Romane lesen wollte und da „Kitchen“ nicht zur Verfügung stand, wurde es eben „Tsugumi“. Ich bin übrigens immer wieder überrascht, wie viele Titel von japanischen Autoren gar nicht erst übersetzt werden, selbst wenn diese Schriftsteller relativ erfolgreich sind. Da würde ich wirklich gern einmal genau wissen, nach welchen Kriterien das läuft (auch wenn ich mir schon verschiedene Gründe dafür vorstellen kann).

Die Handlung in „Tsugumi“ wird in der Rückschau aus der Sicht von Maria erzählt, die die Cousine der titelgebenden Tsugumi ist. Ihr gesamtes bisheriges Leben hat Maria mit ihrer Mutter in der Pension verbracht, die der Familie der Schwester ihrer Mutter gehört, und darauf gewartet, dass ihr Vater sich endlich von seiner Frau scheiden lassen und ihre Mutter heiraten kann. Obwohl die Situation für ihrer Eltern bestimmt nicht einfach war, war sich Maria immer der Tatsache bewusst, dass ihre Eltern sie und einander liebten. So hätte sich Marias Familienleben ungemein harmonisch angefühlt, wenn nicht Tsugumi gewesen wäre. Tsugumi ist Marias jüngere Cousine und von klein auf steht fest, dass das Mädchen nicht sehr lange zu leben hat. So muss die gesamte Familie damit fertig werden, dass Tsugumi jederzeit sterben kann und aufgrund ihrer schwachen Gesundheit ständig krank ist.

Tsugumi selbst erscheint auf den ersten Blick einfach nur wie ein herzloses und rundum verwöhntes Wesen. Ihre liebste Beschäftigung besteht darin, anderen Leuten boshafte Streiche zu spielen und sie mit ihren Bemerkungen zu verletzen. Erst als sie bei einem ihrer Streiche zu weit geht und Maria sich ihr gegenüber ausnahmsweise einmal nicht zurückhält, kann so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Cousinen entstehen. Doch auch nachdem die beiden Mädchen sich etwas näher gekommen sind, gibt es nur selten Momente, in denen Tsugumi sich Maria gegenüber öffnet und auch einmal ihre verletzliche Seite zeigt. So wird nach und nach deutlich, was für einen freiheitsliebenden und wilden Charakter Tsugumi besitzt und wie sehr sie durch ihren schwächlichen Körper in ihren Plänen und Träumen ausgebremst wird. Ihre einzige Möglichkeit, „stark“ zu erscheinen, besteht anscheindend darin, die Menschen in ihrer Umgebung mit ihrer boshaften Zunge und ihrem unberechenbaren Verhalten aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Ich muss zugeben, dass mich „Tsugumi“ nicht so sehr berührt hat wie andere Veröffentlichungen von Banana Yoshimoto. Es war eine schöne Geschichte, um zwischendurch immer mal wieder ein Kapitel zu lesen, und ich mochte sehr viele Aspekte der Handlung, aber die Figuren sind mir doch überraschend fremd geblieben. Ich fand diese beständige Zuneigung in Marias Familie, die trotz widriger Umstände und der Tatsache, dass ihr Vater nur an den Wochenenden zu seiner Geliebten und seiner Tochter reisen kann, unerschütterlich zu sein scheint, sehr schön. Ein bisschen erinnerte mich diese Gewissheit von Maria, dass sie von ihren Eltern geliebt wird, an Yotchan aus „Moshi Moshi“ (bevor diese sich mit den Geheimnissen ihres überraschend verstorbenen Vaters auseinandersetzen musste). So gibt es vor allem zwischen Maria und ihrem Vater, aber auch zwischen ihr und den anderen Familienmitgliedern immer wieder sehr schöne Szenen, die deutlich machen, wie sehr sie zueinander gehören und wie viele verbindende Elemente es zwischen ihnen gibt.

Dann gab es da noch all diese Passagen rund um die kleine Stadt am Meer, in der die Pension liegt, wo ein Großteil der Geschichte spielt. Ohne diesen Hintergrund hätten viele Szenen in diesem Roman gar nicht funktioniert, so aber gibt es all diese Momente am Meer, die von der Luft, dem Sand zwischen den Zehen und dem Geräusch der Brandung leben. Für mich war stellenweise die Atmosphäre, die durch die Landschaftsbeschreibungen entstand, so viel eindringlicher als die Dialoge  oder die Handlung selbst. Ich mochte diese Mischung aus Beständigkeit und ständiger Veränderung, aus trubeligem Touristentreiben im Sommer und der Ruhe im Winter oder in der Nacht, die den Hintergrund für die Handlung bildete. Und da Maria unter anderem für ihr Studium die Hafenstadt verlässt, fand ich es auch stimmig, dass sie all diese Elemente bewusster wahrnahm, als man es erwarten könnte, wenn all dies weiterhin Normalität für sie geblieben wäre.

So sind es am Ende die Orts- und Landschaftsbeschreibungen, die in mir nachklingen und Sehnsucht nach dem Meer in mir wecken. Diesen Teil der Geschichte habe ich wirklich genossen und ich bin mir sicher, dass das Meer bei diesem Roman das Element ist, das mir in Erinnerung bleiben wird. Dazu kam dann noch Banana Yoshimotos unaufgeregte Erzählweise, die die Melancholie dieses letzten Sommers in der Hafenstadt, des Abschieds vom vertrauten Leben und vielleicht sogar von Tsugumi weiter unterstrichen hat. Ich mochte Marias Sicht auf die verschiedenen Personen und Ereignisse und dieses Gefühl, dass sie alles umso intensiver wahrnimmt, weil sie diesen Sommer am Meer nicht enden lassen will.

Claire Legrand: Some Kind of Happiness

Ich hatte während des Lese-Sonntags im August schon so viel über „Some Kind of Happiness“ von Claire Legrand geschrieben, dass ich eigentlich nichts Neues zu erzählen habe. Aber ich fände es schade, wenn es zu diesem Buch keine Rezension auf meinem Blog gäbe, also fasse ich hier noch einmal zusammen, was ich während des Lesens schon zu der Geschichte geschrieben hatte. Die Handlung wird aus der Sicht der elfjährigen Finley (Fin) Hart erzählt, die den Sommer bei ihren Großeltern verbringen soll, während ihre Eltern „einige Dinge zu klären“ haben. Fin ist sich durchaus bewusst, dass ihre Eltern eine Scheidung in Betracht ziehen und das macht ihr ebenso viel Angst wie die vor ihr liegenden Wochen, die sie mit einer Familie verbringen soll, die sie überhaupt nicht kennt.

Finley hatte bislang nicht nur ihre Großeltern nicht kennengelernt, sondern auch noch nie ihre vier Tanten, deren Ehemänner und Kinder getroffen. So fühlt sie sich nicht nur vollkommen allein unter fremden Menschen, sondern scheitert auch immer wieder an den unausgesprochenen Regeln, die im Haus der Großeltern herrschen. Besonders vor ihrer Großmutter fürchtet sich Finley, während sie sich glücklicherweise relativ schnell mit ihrer Cousine Gretchen anfreundet, die ihr vom Alter her am nächsten ist. Gretchen ist die erste, der Finley vom Everwood erzählt, dem magischen Wald, in dem all die Geschichten spielen, die das Mädchen sich in den vergangenen Jahren ausgedacht hat. Inspiriert von dem realen Wald hinter dem Haus der Großeltern und angefeuert von all den Problemen, Ängsten und Geheimnissen, mit denen sich Finley in diesem Sommer herumschlagen muss, entstehen parallel zu den realen Ereignissen viele neue Geschichten rund um den Everwood, die viel über Finleys Gefühlsleben aussagen.

Denn schon früh wird deutlich, dass Finley nicht nur mit den Schwierigkeiten in ihrer Familie zu kämpfen hat, sondern dass das Mädchen ganz eigene Probleme hat, über die es mit niemandem sprechen kann. Während man als Leser von Fins „blue days“ liest, davon, wie unmöglich es an manchen Tagen ist, überhaupt aufzustehen, wie sie innerlich um Hilfe ruft und doch niemanden um Hilfe bitten kann und wie sie sich selber immer wieder sagt, dass sie überhaupt keinen Grund für diese alles verschlingende Traurigkeit hat – schon gar nicht, wenn es anderen Menschen viel schlechter geht als ihr selbst -, versucht sie, sich gegenüber ihrer Familie nichts anmerken zu lassen. Verschärft wird die Situation für Finley dadurch, dass auch der Rest der Familie lieber Probleme verschweigt, statt über sie zu reden und sie zu klären.

So gibt es niemanden, der dem Mädchen erklärt, warum ihr Vater so viele Jahre keinen Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern hatte. Niemand geht darauf ein, dass Finleys Tante schon am frühen Morgen Orangensaft trinkt, der definitiv mehr als unschuldigen Fruchtsaft enthält, und niemand wundert sich über die stundenlangen Autofahrten, die der Großvater unternimmt, wenn er allein sein will. Genauso wenig wird über all die Regeln geredet, die die Großmutter aufgestellt hat, oder darüber, warum es den Kindern verboten ist, mit der Nachbarsfamilie zu spielen. Neben all diesen Problemen, die in der Handlung eher durchschimmern, als direkt angesprochen zu werden, gibt es noch all die wunderschönen sommerlichen Ferienmomente, in denen Finley mit ihren Cousinen und ihrem Cousin spielt, in denen die Kinder Abenteuer im Everwood erleben und in denen sie neue Freundschaften schließen.

Claire Legrand erzählt in einer sehr ruhigen und wenig aufregenden Weise von all den Erlebnissen und Gedanken, die Finley hat. Obwohl sich die Autorin manchmal sehr bildhaft ausdrückt, ist ihre Sprache eher zurückhaltend und klar. Es gab viele Sätze, die ich als ungemein stimmig empfand, wenn es um Finleys Depressionen und ihre Sicht darauf ging, gerade weil Claire Legrand sie so zurückhaltend formuliert hat. Ich mochte auch Finleys Perspektive sehr gern, mit dieser Mischung aus Angst, Unsicherheit, Spaß und Kreativität. Fin ist eine gute Beobachterin, aber aufgrund ihres Alters und ihrer Unvertrautheit mit diesem Teil der Familie kann sie mit vielen ihrer Beobachtungen gar nichts anfangen und das verunsichert sie in diesem Sommer, in dem sie sich sowieso schon so hilflos vorkommt, nur noch mehr.

Mich hat die Geschichte sehr berührt. Die zurückhaltende Erzählweise hat mir den notwendigen Raum gegeben, um mir als Leserin meine Gedanken über Finley und ihre Depression zu machen. Im Gegensatz zu anderen (Jugend-)Büchern rund um dieses Thema hat Claire Legrand bei „Some Kind of Happiness“ das richtige Maß gefunden, um Finleys Seelenleben zu beschreiben. Die Depression ist zwar durchgehend präsent, aber sie dominiert Finleys Handeln nicht 24 Stunden am Tag. Finley ist nicht nur depressiv, sondern sie ist zusätzlich ein Kind, das sich gern Geschichten ausdenkt, das gern mit anderen Kindern spielt und das sich Gedanken um seine Eltern und all die Geheimnisse in der Familie macht. Zusätzlich fand ich die Lösung, die die Autorin am Ende für Finley und ihre Familie findet, sehr realistisch und stimmig – und das ist in Romanen fast noch seltener als eine überzeugende Darstellung einer Depression. Falls es bis jetzt also noch nicht deutlich geworden ist: Ich fand „Some Kind of Happiness“ wunderbar und berührend zu lesen.