Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

Über „Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata bin ich gleich auf mehreren Blogs gestolpert, unter anderem bei Natira, die den Roman im Rahmen eines Lesesonntags gelesen hatte. In der vergangenen Woche kam mir das Buch dann in der Bibliothek unter die Nase, und da es so kurz ist (gerade mal 145 Seiten), war es auch schnell gelesen. Die Handlung wird aus der Sicht von Keiko Furukura erzählt, die – obwohl sie schon Mitte Dreißig ist – als Aushilfe in einem Konbini arbeitet und sich deshalb immer wieder vor Freunden und Verwandten rechtfertigen muss. Dabei ist diese Arbeit für Keiko perfekt, da ihr die vorgegebenen Regeln und die immer wiederkehrenden Tätigkeiten die Sicherheit geben, die ihr sonst im Umgang mit Menschen fehlt.

Schon früh haben Keiko und ihre Familie festgestellt, dass sie nicht „normal“ ist. Was in diesem Fall bedeutet, dass Keiko jegliche Empathie fehlt und es ihr nicht möglich ist, die vielen ungeschriebenen Gesetze, die es beim menschliche Zusammenleben gibt, zu erkennen oder nachzuvollziehen. Im Klappentext (und auch im Buch) wird es häufig so formuliert, als seien Keiko Gefühle fremd, aber das habe ich beim Lesen der Geschichte nicht so empfunden – ihre Gefühlswelt ist eben nur anders als die ihrer Umgebung. Ihr ist durchaus bewusst, dass sie „anders“ ist und nicht den Erwartungen ihrer Familie entspricht, was in einer Gesellschaft, in denen die Anpassung des Individuums an die Norm sehr hoch geschätzt wird, nicht einfach ist. Umso schöner war es zu lesen, dass Keiko weiß, dass ihre Familie sie liebt und alles tut, um ihr zu helfen. Auch wenn ihre Familie sie genauso wenig versteht, wie Keiko das „normale“ Verhalten der Personen um sie herum nachvollziehen kann.

Da Keiko alles versucht, um die Erwartungen ihrer Umgebung zu erfüllen, kommt es im Laufe der Geschichte von „Die Ladenhüterin“ zu einigen Entwicklungen, die dazu führen, dass Keiko sich in ihrem Leben nicht mehr wohlfühlt. Obwohl sie alles tut, um ein in den Augen ihrer Mitmenschen „normales“ Leben zu führen, wird durch jede ihrer Entscheidungen zugunsten einer solchen „Normalität“ nur noch deutlicher, dass diese Art von Leben überhaupt nicht Keikos Art entspricht. Was umso unangenehmer zu verfolgen war, weil sie ja eine Nische für sich gefunden hatte, in der sie sich wohl und sicher fühlte. Dabei gelingt es Sayaka Murata wunderbar, Keikos Perspektive in den verschiedenen Momenten ihres Lebens darzustellen: Von der Liebe, die sie für ihren Konbini zu fühlen scheint, über die Scham, die sie jedes Mal empfindet, wenn sie es mal wieder nicht geschafft hat, „normal“ zu wirken, bis zu ihrer anfänglichen Erleichterung, als sie einen Weg gefunden zu haben glaubt, um sich auf neue Art und Weise den Anschein von Normalität zu verleihen.

Dass man Keikos Motive jederzeit nachvollziehen kann, sorgt dafür, dass sie einem sehr ans Herz wächst. Obwohl ihre Handlungen auf andere Personen schnell „unmenschlich“ oder „seltsam“ wirken, sind die Überlegungen, die sie zu ihren Aktionen bewegen, für den Leser eigentlich immer nachvollziehbar. Auch wenn ich froh bin, dass sie nicht jedem Gedanken Folge leistet, so mochte ich ihre praktische Art ebenso wie ihre Sicht auf das Leben als Konbini-Aushilfe. Obwohl ihre Umgebung (ebenso wie der neue Angestellte zu Beginn der Geschichte) sehr verächtlich auf diesen Art von Tätigkeit blickt, zeigt Sayaka Murata dem Leser deutlich, dass selbst hinter dieser vermeintlich simplen Arbeit sehr viel stecken kann. Nach achtzehn Jahren in dem Job weiß Keiko genau, welche Elemente das Kaufverhalten ihrer Kunden beeinflussen, welche Waren auf welche Weise präsentiert werden müssen und wie man Dinge verkauft, die von der Zentrale für Sonderaktionen vorgegeben wurden. Über Keikos Gedanken und die Gespräche mit den Kunden gelingt es der Autorin aufzuzeigen, wie komplex die Vorgänge hinter den Kulissen eines Konbinis sein können und welch eine Rolle so ein Geschäft für ein Viertel spielen kann.

Am Ende von „Die Ladenhüterin“ war ich fasziniert davon, wie viel Sayaka Murata in gerade mal 140 Seiten gepackt hat. Ich mochte ihre Art, die japanische Gesellschaft zu kritisieren, ich fand es spannend, mehr über die Arbeit in einem Konbini zu lernen (solch einen Morgenappell vor der Arbeit fände ich in Deutschland zum Beispiel sehr befremdlich) und Keikos Sicht auf die verschiedenen Dinge hat mich ebenso oft zum Schmunzeln gebracht wie nachdenklich gemacht. Ich weiß nicht, ob die Geschichte länger bei mir in Erinnerung bleiben wird. Aber während ich „Die Ladenhüterin“ gelesen habe, habe ich mich gut unterhalten gefühlt, den einen oder anderen Gedankenanstoß mitgenommen und wieder ein kleines Bisschen mehr über eine der vielen Facetten der japanischen Gesellschaft gelernt.

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