Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum (Hörbuch)

Das Hörbuch „Unterm Birnbaum“ von Theodor Fontane ist eine Leihgabe von Ariana und gehört zur „Klassiker Hörbibliothek“ von steinbach sprechende bücher. Von Theodor Fontane kannte ich bislang nur Gedichte („John Maynard“ hat mich beim Auswendiglernen für die Schule damals sehr beeindruckt *g*) und mehr als die Inhaltsangabe wusste ich nicht über „Unterm Birnbaum“, als ich mit dem Hören anfing. Die Handlung dreht sich um Abel Hradschek, der eines Tages in seinem Garten unterm Birnbaum die vermutlich zwanzig Jahre alte Leiche eines französischen Soldaten entdeckt, was ihn zu einem Plan inspiriert, der sein dringendes Schuldenproblem mit einem Schlag lösen soll.

Gemeinsam mit seiner Frau Ursula setzt er das Gerücht in die Welt, dass seine Frau eine größere Geldsumme geerbt hat. So verwundert es die ewig neugierigen und viel zu gut informierten Nachbarn nicht, dass der Kaufmann Hradschek bei einem Besuch des polnischen Reisenden Szulski in der Lage ist, bei diesem die aufgelaufenen Rechnungen zu bezahlen und eine größere Bestellung in Auftrag zu geben. Auch fällt erst einmal kein Verdacht auf Hradschek, als Szulskis Kutsche kurz nach seiner Abreise am Damm verunglückt und seine Leiche nicht gefunden werden kann. Daran ändern auch all die Erzählungen der Nachbarin Jeschke nichts, die Hradschek angeblich mitten in der Nacht bei stürmischem Wetter im Garten graben sah.

Dem Hörer ist natürlich von Anfang an klar, dass Hradschek und seine Frau den Polen umgebracht und sein Geld an sich gebracht haben, und so geht es in dieser Geschichte weniger darum herauszufinden, wer der Mörder ist, sondern ob die Täter mit ihrer Tat am Ende durchkommen. Dabei fängt Theodor Fontane die Reaktionen der Nachbarn ebenso glaubwürdig ein wie die extremen Gewissensbisse von Ursula (die ursprünglich katholisch erzogen wurde und nur für die Hochzeit mit Hradschek zum evangelischen Glauben übertrat). Im Gegensatz zu Ariana, die in ihrer Rezension meinte, dass sie für Hradschek Sympathie empfunden hätte, war es mir relativ egal, ob er mit seiner Tat davonkommen würde oder nicht. Aber ich mochte die Darstellung der Charaktere sehr gern, ebenso fand ich die Beschreibungen, die vom damaligen Leben (die Geschichte spielt so um das Jahr 1830) zeugen, sehr spannend.

Ich fand es faszinierend, welche Verbindung selbst diese relativ einfachen Dorfbewohner in andere Regionen und Städte hatten, welche Güter als Luxus angesehen wurden und welche Gewohnheiten zum Alltag der Menschen gehörten. Auch hat Theodor Fontane die verschiedenen Personen und ihre Motive mit sehr spitzer Feder beschrieben, so dass ich das Gefühl bekam, dass eigentlich keiner von ihnen ohne irgendwelche (bewussten oder unbewussten) Hintergedanken handelte. Dazu kommt noch, dass der Autor mit dieser Geschichte sehr schön zeigt, wie einfach es sein kann, seine Nachbarn zu manipulieren, wenn man ihre Schwächen nur allzu gut kennt. Diese zwischenmenschlichen und historischen Elemente haben mir beim Hören – ebenso wie der verwendete Dialekt – überraschend viel Spaß gemacht, was zum Teil auch an dem Sprecher Wilhelm Götze lag.

Wilhelm Götze hat nicht nur eine angenehme Stimme, sondern seine „altmodische“ Sprechweise (man merkt, dass der 1978 verstorbene Sprecher einer älteren Generation angehörte) passt auch sehr gut zu der Erzählweise von Theodor Fontane. Ich kann nicht beurteilen, ob er den Dialekt des Oderbruchs passend gelesen hat, aber für mich klang seine Aussprache nach stimmigem Plattdeutsch und das hat mir während des Hörens großes Vergnügen bereitet. Auch mochte ich es, dass ich – ohne dass der Sprecher dabei übertrieb – oft schon an der Tonlage von Wilhelm Götze hören konnte, welche Person gerade zu Wort kam, bevor der Name der Figur überhaupt in der Geschichte genannt wurde. So hat Wilhelm Götze definitiv dazu beigetragen, dass mir das Hören von „Unterm Birnbaum“ Spaß gemacht hat, und ich freu mich, dass ich noch zwei weitere ungehörte Hörbücher mit ihm als Sprecher unter den Leihgaben von Ariana habe.

Deborah Feldman: Unorthodox

„Unorthodox“ ist das Debüt der Autorin Deborah Feldman, die in diesem biografischen Roman von ihrer Kindheit und Jugend in einer extremen chassidischen
Gemeinde in Williamsburg (Brooklyn/New York) und ihrem Weg in ein weniger von Religon bestimmtes Leben erzählt. In der Einleitung erklärt Deborah Feldman, wie die Satmarer-Gemeinde gegründet wurde und dass diese streng orthodoxe jüdische Gemeinschaft der Meinung ist, dass der Holocaust eine Strafe Gottes gewesen sei, weil zu viele Juden sich nicht mehr gläubig genug verhalten hätten. Um nun eine weitere Strafe Gottes zu verhindern, unterwerfen sich die Satmarer
überaus strengen, eng gefassten Regeln. Diese Regeln sind auch in Deborah Feldmans Familie das alles bestimmende Element und die Einhaltung der durch den Rebbe aufgestellten Verhaltensvorgaben ist wichtiger als die einzelne Person. Dabei ist „Unorthodox“ keine detaillierte Biografie, sondern ein biografischer Roman, in dem das eine oder andere Element verändert oder zusammengefasst erzählt wurde, um die Identität Dritter zu schützen, was mich stellenweise beim Lesen dazu veranlasst hat, darüber nachzudenken, welche Passagen nun wirklich genau so passiert sein mögen und welche nicht.

Deutlich wird auf jeden Fall in den Kapiteln über die Kindheit der Autorin, dass die lebhafte und neugierige Deborah ständig in der Furcht lebt, dass sie mal wieder ihren Großvater enttäuscht oder dass eine ihrer Tanten mit ihrem Verhalten unzufrieden ist. Trotzdem fällt es ihr schwer, „brav“ zu sein, und sie muss immer wieder Fragen stellen, die von ihren Verwandten und der Gemeinde als unangemessen eingestuft werden, oder ihre Neugier befriedigen, indem sie Bücher liest, die eigentlich verboten sind. Dabei versucht sie selbst bei den Büchern nicht zu rebellisch zu sein und greift eher zu einer englischen Talmud-Übersetzung als zu einem Roman. Doch die englische Sprache gilt als unrein und als Mädchen darf sich Deborah ohnehin nicht mit dem Talmud beschäftigen. Obwohl sie inmitten einer großen Familie aufwächst, hat man das Gefühl, dass nur ihre Großmutter und ihr (geistig behinderter) Vater – innerhalb ihrer wenigen Möglichkeiten – nett zu ihr sind. Allen anderen Familienmitgliedern ist zu gut bewusst, dass Deborahs Verhalten grundsätzlich nicht angemessen ist und dass sie deswegen ständig gerügt werden muss.

Es gibt so einige Szenen in diesem biografischem Roman, die ich wirklich erschreckend fand, obwohl Deborah Feldman immer wieder betont, dass die handelnden Personen nur das Beste wollten. Aber die Vorstellung, dass zum Beispiel ein kranker Mensch keine medizinische Behandlung bekommt, weil der Großvater der Meinung ist, dass der Kranke in einer nicht-chassidischen Einrichtung nicht angemessen untergebracht wäre, macht mich fassungslos. Auch die Tatsache, dass es möglich ist, dass eine Gruppe von Menschen so abgeschlossen in einer modernen Großstadt lebt, ohne dass ein Großteil dieser Personen Zugang zu Nachrichten, Radio, Fernsehen oder gar Zeitungen hat, ist für mich kaum vorstellbar. Noch schlimmer fand ich die Szenen, die von den Hochzeitsvorbereitungen und dem Eheleben der Autorin berichten – sollte nicht gerade eine Gemeinde, deren erklärtes Ziel es ist, dass ihre Mitglieder möglichst viele Kinder bekommen, dafür sorgen, dass die Beteiligten zumindest eine grobe Vorstellung davon haben, wie man überhaupt Kinder zeugt? Stattdessen erzählt Deborah Feldman von monatelangen physischen und psychischen Problemen nach ihrer Hochzeit, während ihr Mann und sie verzweifelt versuchten, die Ehe zu vollziehen.

Für mich ist solch eine Welt, in der strenge religiöse Regeln das Leben beherrschen, sehr fremd. Ich habe zwar früher einige Mitschülerinnen/Kommilitoninnen/Schülerinnen gehabt, die auch in relativ strengen (christlichen/muslimischen) Familien lebten, aber bei diesen gab es keine so umfassende Abschottung von der restlichen Welt. Diese Mädchen/Frauen gingen immerhin auf ein öffentliches Gymnasium, studierten an einer ganz normalen Hochschule oder besuchten zusammen mit Altersgenossinnen aus verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründen Weiterbildungsprogramme. So hat mich beim Lesen nicht nur das mir vollkommen fremde religöse Leben fasziniert und befremdet, sondern vor allem die Tatsache erschüttert, dass so eine extreme Abschottung inmitten einer lebendigen und multikulturellen Großstadt möglich ist.

Arthur Schnitzler: Fräulein Else (Hörbuch)

Das Hörbuch „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler ist eine Leihgabe von Ariana, deren Rezension mich vor einiger Zeit auf den Titel neugierig gemacht hat. Ich muss gestehen, dass ich über die Geschichte nicht viel wusste – abgesehen davon, dass sie in den 1920er Jahren geschrieben wurde – und deshalb recht unbefangen an das Hörbuch heranging. Man trifft die neunzehnjährige Protagonistin Else in Südtirol, wo sie mit einer Tante und ihrem Cousin Paul Urlaub macht. Schon früh wird deutlich, dass es eine Gefälligkeit der Tante ist, dass Else sich diese Reise gönnen kann, obwohl sie eine Tochter aus einem gebildeten und eigentlich nicht unvermögenden Haushalt zu sein scheint.

Die gesamte Handlung erlebt man aus Elses Sicht, genauer gesagt verfolgt man ihre Gedanken. Anfangs war mir Else eher unsympathisch, denn sie scheint oberflächlich, undankbar und sehr kritisch gegenüber ihren Mitmenschen zu sein. Später hingegen erfährt man mehr über ihre familiäre Situation, wodurch ihre Persönlichkeit zumindest für mich nachvollziehbarer wurde. Während dieses Urlaubs bekommt Else dann einen Brief ihrer Mutter, in dem diese berichtet, dass Elses Vater Gelder veruntreut hat und ins Gefängnis kommt, wenn er nicht innerhalb weniger Tage seine Schulden bezahlt. Die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen, so die Aussage der Mutter, besteht darin, dass Else den ebenfalls im Hotel anwesenden Kunsthändler Dorsday um Begleichung der Schulden bittet. Der Kunsthändler sei ein alter Freund des Vaters und hätte schon bei früheren Gelegenheiten ausgeholfen – außerdem würde er Else mögen, was ihn ihrer Bitte gegenüber gewogener machen sollte.

Nach diesem Brief weiß Else nicht so recht, was sie tun soll. Waren ihre Gedanken vorher vor allem oberflächlicher Natur, bei der nur selten die Sorgen der jungen Frau durchschimmerten, so spielt sie nun alle Möglichkeiten, die sie hat, im Kopf durch und findet keinen Ausweg. Der Kunsthändler Dorsday ist in ihren Augen ein widerlicher Mensch, die Vorstellung, überhaupt jemanden um Geld bitten zu müssen, um den Vater vor seinen eigenen Fehlern zu bewahren, ist ihr auch entsetzlich unangenehm, aber auf der anderen Seite fühlt sie sich ihrer Familie verpflichtet. Außerdem hätte es natürlich auch für sie schlimme Folgen, wenn ihr Vater im Gefängnis landen würde. Am Ende wählt sie einen recht extremen Weg für ihren Versuch, ihren Vater zu retten, und Arthur Schnitzler lässt offen, welche Folgen dies für Else hat.

Natürlich ist die Kritik an einer Gesellschaft, in der Geld oder das Ansehen des Vaters mehr bedeuten als die Unversehrtheit einer jungen Frau, unübersehbar in der Geschichte. Vor allem haben sich meine Gedanken um die Eltern der Protagonistin gedreht – ehrlich gesagt sogar mehr als um die Frage, was wohl am Ende aus ihr wird -, weil es da so viele kleine Bemerkungen in Elses Gedanken gibt, die von zwei unfassbar egozentrischen Personen zeugen, die sich (wenn man Elses Aussagen glauben darf) kaum um ihre Tochter gekümmert haben. Wenn man dann den Charakter ihrer Eltern in Betracht zieht, ist es wiederum kein Wunder, dass aus Else eine Frau wurde, die an dem zerbricht, was ihre Eltern und ihre Umgebung von ihr fordern. Insgesamt finde ich es auf jeden Fall spannend, was alles in dieser – relativ kurzen – Erzählung steckt und wie viele Gedanken ich mir beim Hören über das Ganze gemacht habe.

Gelesen wurde die Geschichte von Senta Berger, die die Else hervorragend verkörpert hat. Obwohl die Schauspielerin deutlich älter als 19 Jahre war, als sie das Hörbuch eingelesen hat, habe ich ihr die sprunghaften Gedanken und extremen Stimmungsschwankungen von Fräulein Else abgenommen. Vor allem aber war es beeindruckend, wie schnell Senta Berger innerhalb eines Satzes von einem Extrem ins andere fallen konnte. Else wechselt innerhalb von Sekundenbruchteilen von Verzweiflung, Hilflosigkeit bis zum Übermut und ich bin mir sicher, dass es nicht leicht war, das überzeugend vorzutragen, aber die Sprecherin hat es geschafft. Zum Hören war das stellenweise etwas anstrengend, aber eben auch zum Text und zur Handlung passend.

Mackenzie Lee: Cavaliersreise – Die Bekenntnisse eines Gentlemans

Über „Cavaliersreise – Die Bekenntnisse eines Gentlemans“ von Mackenzie Lee bin ich bei Anja gestolpert, die betonte, dass der Roman eine gelungene Mischung aus gewichtigeren Themen (Bisexualität/Gleichberechtigung/Rassismus) und Abenteuerroman bietet, und mich damit neugierig gemacht hat. Ich muss gestehen, dass ich anfangs meine Probleme mit dem achtzehnjährigen Erzähler Henry hatte, denn auf den ersten Blick wirkt er wie ein undankbarer, verwöhnter Säufer, der nur an sein nächstes Vergnügen denkt. Einzig das Wissen um seine heimliche Liebe zu seinem Jugendfreund Percy und die Tatsache, dass man auf den ersten Seiten schon mitbekommt, wie gestört das Verhältnis zwischen Henry und seinem Vater ist, hat mich neugierig auf diesen Charakter gemacht.

Nachdem Henry aus Eton geflogen ist, soll er gemeinsam mit Percy auf eine Grand Tour durch Europa gehen. Auf dieser Reise – die gleichzeitig dazu dient, Percys Schwester Felicity in eine Bildungsstätte für junge Damen zu bringen – soll Henry beweisen, dass er sich benehmen und nützliche Kontakte für seinen Vater knüpfen kann. Doch weder das anständige Benehmen noch das Knüpfen von angemessenen Bekanntschaften oder gar ein enthaltsames Leben liegen Henry, und so gelingt es ihm, innerhalb kürzester Zeit von einer Katastrophe zur nächsten zu wanken, bis er halbnackt aus Versailles fliehen muss. Doch dieser Auftritt am Hof des französischen Königs ist erst der Auftakt einer langen Reihe von ungewöhnlichen Vorfällen, die Henry auf seiner Reise durch Europa erlebt.

Mackenzie Lee hat eine Geschichte voller absurder und amüsanter Szenen geschaffen, die aber überraschenderweise alle in die Zeit passen, in der die Handlung spielt. Sowohl die Cavaliersreise als auch Wegelagerer, Interesse für Alchemie oder Kaperfahrer sind Dinge, die einem jungen Adeligen im 18. Jahrhundert auf seiner Reise durch Europa hätten begegnen können. Doch natürlich sind das alles nur Stationen auf Henrys Weg zum Erwachsenwerden. Je mehr man über den jungen Mann erfährt, desto mehr wächst er einem ans Herz, auch wenn man ihn regelmäßig schütteln will, weil er mal wieder die dümmste Entscheidung fällt, die in einer Situation möglich wäre. Umso angenehmer ist es, dass seine Reisegefährten deutlich vernünftiger und reifer sind als Henry.

Während Felicity anfangs ein wenig farblos wirkt und erst nach und nach zeigt, dass sie eine energische und intelligente Frau mit vielseitigen Interessen ist, beweist Percy von Beginn an, dass er mehr Hirn hat als Henry. Dabei gelingt es der Autorin regelmäßig, aufzuzeigen, dass Percys Position als Mischlingskind eines englischen Gentlemans schwierig ist, wenn er zum Beispiel mal wieder aufgrund seiner Hautfarbe als Diener angesehen wird oder anderem rassistischem Benehmen begegnen muss. Allerdings waren das auch die Passagen im Buch, die mir am wenigsten gefallen haben. So gut und richtig es ist, dass solche Themen in Romanen angeschnitten werden, so wurde das  Ganze für meinen Geschmack in „Cavaliersreise“ doch etwas zu plakativ gehandhabt.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass mit dem Titel eine Zielgruppe „ab 16 Jahren“ angestrebt wurde, oder ob Mackenzie Lee diese Erzählweise angesichts ihres etwas begriffsstutzigen Protagonisten passend fand, aber mir als Leser war das manchmal zu viel. Mir hätte es gereicht, wenn die Autorin es bei den Szenen belassen hätte, in denen man sieht, wie es den Beteiligten ergeht. Stattdessen werden diese Themen immer wieder in lang und breit in Dialogen mit Henry aufgegriffen , die nur selten zu wirklichen Gesprächen zwischen den verschiedenen Figuren führten und vor allem beweisen, wie egozentrisch Henry durchs Leben geht. Das empfand ich beim Lesen eher als Ablenkung vom Thema, weil es dazu führte, dass ich mich vor allem über Henrys Ignoranz aufregte, während ich mich ansonsten gut unterhalten gefühlt habe.

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Über „Weil wir längst woanders sind“ bin ich bei Natira gestolpert, die mir den Roman dann auch geliehen hat. Dieses Buch ist der Debütroman der Autorin Rasha Khayat, deren Geschichte von den Geschwistern Layla und Basil handelt, die als Grundschüler mit ihren Eltern von Jeddah (Saudi-Arabien) nach Deutschland umzogen. Geboren wurden die beiden in Jeddah, als Kinder einer deutschen Krankenschwester und eines saudi-arabischen Arztes, und so war für sie die Reise nach Deutschland anfangs nicht mehr als der übliche Sommerurlaub bei den deutschen Großeltern. Erst als sie nach den Ferien in Deutschland eingeschult wurden, beschlich die beiden der Verdacht, dass sie nun für längere Zeit in Deutschland leben würden. Wie lange die Eltern in Deutschland bleiben wollten, wird in dem Roman nicht gesagt, aber nachdem der Vater verstirbt, zieht die Mutter eine Rückkehr nach Jeddah nicht in Betracht.

Weder für Basil noch für Layla war die Umstellung auf das Leben in Deutschland damals einfach, aber immerhin konnten sie füreinander da sein. Trotzdem begreift Basil erst viele Jahre später, wie belastend das Ganze für die damals siebenjährige Layla war, als diese sich als erwachsene Frau ohne Abschied nach Jeddah aufmacht, um das Land ihres Vaters und ihrer Kindheit neu kennenzulernen. Wenige Monate später fliegt Basil nach Saudi-Arabien, um mit der dort lebenden Familie Laylas Hochzeit mit einem Mann zu feiern, den sie zwar nicht liebt, von dem sie sich aber ein Leben verspricht, in dem sie zufrieden sein kann. Für Basil ist diese Hochzeit Anlass, um über seine Eltern, seine Kindheit, seine Schwester und seine eigenen Erfahrungen in Deutschland und in Saudi-Arabien nachzudenken. So begleitet man als Leser Basil zwar nur wenige Tage, erfährt aber viel darüber, wie das Leben zwischen zwei so unterschiedlichen Ländern sein kann und wie schwierig es ist, wenn einen die Umgebung in Schubladen steckt, gegen die man nicht ankommt.

Ich habe mich mit Natira kurz über das Buch unterhalten, als diese bei uns zu Besuch war, und sie meinte, dass sie Laylas Entscheidung nicht nachvollziehen könne und dass dies den Roman für sie zu einem unbefriedigten Leseerlebnis gemacht habe. Ich hingegen kann – wie am Ende auch Basil – mit Laylas Hochzeit leben. Die junge Frau geht eine Ehe mit einem Mann ein, der sie ebenso wenig liebt wie sie ihn. Aber dafür hat sie das Gefühl, dass da jemand ist, der sie so akzeptiert, wie sie ist. Sie fühlt sich in Jeddah nicht in irgendeine Schublade gesteckt, hat nicht das Gefühl, sie müsse sich dafür verteidigen, dass ihr Vater aus einem arabischen Land stammte, oder irgendwelche Vorurteile aufklären. Ich glaube, dass es sehr erleichternd sein kann, wenn man zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben das Gefühl hat, man könne sich auf Augenhöhe mit jemandem unterhalten, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie man selbst.

Dabei verschweigt die Autorin nicht, dass es in Jeddah sehr unterschiedliche Lebensweisen gibt. Während der Teil der Familie, der Basil und Layla nahe steht und der auch die Hochzeit organisiert, recht entspannt mit vielen Themen (wie Religion, Verschleierung, Alkohol, Zusammenleben von Männern und Frauen innerhalb einer Familie) umgeht, gibt es natürlich auch Verwandte, die sehr viel konservativer leben. Ebenso gibt es eine Szene, in der Rasha Khayat zeigt, dass es immer häufiger Vorfälle mit „Religionswächtern“ gibt. Ich persönlich fände es auch schwierig, unter solchen Umständen in einem Land zu leben, aber für Layla ist Jeddah eine Zuflucht voller liebevoller Familienmitglieder und ihr zukünftiger Mann jemand, der weiß, wie es sich anfühlt, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen.

Rasha Khayat lässt in „Weil wir längst woanders sind“ vieles ungesagt, so richtig kommt es auch nicht zu einer Aussprache zwischen Layla und Basil. Und weil Basil nicht richtig mit seiner Schwester sprechen kann, muss er sich darauf beschränken, über all die Menschen in seiner Umgebung nachzudenken. Das führt zu so einigen – für ihn – neuen Erkenntnissen und Fragen, die dem Leser auch immer wieder vor Augen führen, dass es weder bei Layla noch bei sonst jemandem um ein Land oder eine Kultur, sondern um ein Individuum geht. Verpackt wird das Ganze in eine reduzierte Erzählweise, die einem viel Raum für eigene Gedanken bietet.

Emma Hooper: Etta und Otto und Russell und James

„Etta und Otto und Russell und James“ von Emma Hooper ist eine Zufallsentdeckung in der Bibliothek gewesen. Eigentlich hatte ich den Roman nur in die Hand genommen, um herauszufinden, ob er ein Jugendbuch ist oder nicht, da ich das Cover in der Beziehung etwas verwirrend fand – und dann bin ich nach dem ersten kurzem Anlesen hängen geblieben. Die Geschichte wird von der Autorin in einer ungewöhnlichen Form erzählt, so springt sie nicht nur von Perspektive zu Perspektive, sondern auch in der Zeit. Dabei verwendet sie eine stellenweise sehr schlichte und dann wieder überraschend poetische Sprache und lässt viele Elemente der Handlung ohne weitere Erklärung im Raum stehen, damit der Leser sich selbst ein Bild von den Ereignissen und den Figuren machen kann.

Der Roman beginnt damit, dass sich die 83jährige Etta auf den Weg zum Meer macht. Ihrem Ehemann Otto hinterlässt sie einen Brief, in dem sie ihn von ihrer Absicht unterrichtet, einen Stapel mit Rezeptkarten, damit er sich in ihrer Abwesenheit etwas kochen kann, und den Laster, während sie die über 3000 Kilometer bis zum Meer zu Fuß gehen will. Kurz überlegt Otto, ob er ihr hinterherfahren soll, beschließt dann aber, dass er Etta ihren Wille lassen wird. Vor vielen Jahren war er es, der wegfuhr und sie allein zurückließ, nun ist er an der Reihe, auf sie zu warten. Ihr Nachbar Russell hingegen kann nicht verstehen, dass Otto Etta einfach ziehen lässt. Deshalb verlässt er zum ersten Mal, seitdem er sie als junger Mann übernommen hat, seine Farm, um sich auf die Suche nach Etta zu machen.

Emma Hooper erzählt die Geschichte vor allem aus Ettas und Ottos Perspektive, wobei Russell in ihrer beider Leben immer eine große Rolle spielte. So erfährt man als Leser in kleinen und größeren Bruchstücken, wie die Kindheit der drei Personen war, wie sie aufwuchsen, wie der zweite Weltkrieg ihr Leben beeinflusste, wie Liebe und Freundschaft ihr Leben prägten und wie sich ihr Verhältnis im Laufe der Zeit immer wieder verändert hat und doch eine feste Konstante in ihrem Leben darstellte. Sehr schön gelingt es der Autorin dabei, zu zeigen, wie Etta inzwischen von Demenz beeinflusst wird. Sie erlebt auf ihrer Wanderung gute und schlechte Tage, Momente, in denen sie anderen Ratschläge geben kann und in denen sie mühelos für sich selbst sorgt, und dann wieder Phasen, in denen sie nicht mehr weiß, wer sie ist und in denen die Erlebnisse, von denen Otto ihr erzählt hat, ihre eigenen Erinnerungen überlagern. Außerdem gibt es da den Kojoten James, dem sie während ihrer Wanderung begegnet und mit dem sie im Laufe der Tage intensive Gespräche führt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist es dabei schon, dass der Kojote Etta antwortet – interpretieren kann der Leser dabei diese Dialoge, wie er will, da die Autorin keine Erklärung für James anbietet.

Die Kindheitserinnerungen von Otto und Russell sind geprägt von den Härten der Natur in Saskatchewan, wo eine Trockenperiode dazu führte, dass die Landwirtschaft brachlag und viele ihre Farmen in den 1930er Jahren aufgeben mussten. So ist Ottos Familie arm und kinderreich, und er und seine Geschwister wechseln sich mit dem Schulbesuch ab, damit immer genügend Kinder zuhause sind, um die anfallende Arbeit zu verrichten. Doch trotz aller Herausforderungen scheint es eine glückliche Kindheit gewesen zu sein, in der man sich umeinander kümmerte, trotz all der Verpflichtungen Zeit zum Spielen hatte und trotz des Nahrungsmittelknappheit ein unerwarteter weitere Esser Platz am Tisch fand. Ich muss gestehen, dass ich diese Kindheitserinnerungen wirklich faszinierend fand und sich mir kleine Informationen aus Nebensätze tief eingeprägt haben. So war es zum Beispiel nötig, dass man den Kühen regelmäßig Augentropfen verabreichte, weil sonst der umherwehende Sand zu Entzündungen geführt hätte. Ein Teil von mir findet die Vorstellung, dass man Nutztiere in einem so unwirtlichen Gebiet hält, wirklich irritierend, während ein anderer Teil die Hartnäckigkeit, mit der die Farmer durchhielten und gegen die widrigen Umstände ankämpften, bewundert.

Diese Akzeptanz des Unausweichlichen, die ich bei den Farmern und ihren Tieren fand, durchzieht eigentlich die ganze Geschichte. Es ist – auch wenn nicht darüber geredet wird – selbstverständlich, dass Russell und Otto Etta lieben, es ist ganz natürlich, dass Etta alt und dement ist und vor allem ist das kein Grund, sie an ihrem Vorhaben zu hindern. Auch wenn es für Otto schwer ist, dass er sie ziehen lassen muss, und obwohl er sich die ganze Zeit Sorgen und Gedanken macht, so akzeptiert er, dass das etwas ist, was sie tun muss, solange sie noch dazu in der Lage ist. Ich fand die Liebe zwischen diesen drei Charakteren herzzerbrechend wunderbar. Es gibt ein paar Rezensionen, in denen behauptet wird, dass Otto Etta gar nicht lieben würde, aber für mich ist seine Liebe zu ihr in jeder Geste, in jeder Erinnerung sehr präsent. Ihm ist eben bewusst, dass seine Liebe ihm kein Recht gibt, sie aufzuhalten, und wenn das bedeutet, dass er kaum noch essen und schlafen kann, dann ist das sein Problem. Es ist sehr schwierig zu beschreiben, was diese Geschichte in mir ausgelöst hat. Ich fand sie auf jeden Fall wunderbar zu lesen, mochte die Charaktere in all ihren Facetten und kann auch gut mit dem „offenen“ Ende leben, das für jeden Leser eine eigene Interpretation der Ereignisse zulässt. Ich bin mit meiner Variante davon, wie Ettas Reise endete, vermutlich zufriedener, als ich es mit einem von Emma Hooper vorgegebenen Happy End gewesen wäre.

Banana Yoshimoto: Moshi Moshi

Nach dem Lesen von „Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto habe ich mich gefragt, ob es eigentlich auch Bücher der Autorin gibt, die sich nicht mit dem Thema Trauer beschäftigen. Ich muss gestehen, dass ich bislang nur welche erwischt habe, in denen es um dieses Thema ging. So muss Yoshie (Yotchan), die Protagonistin in „Moshi Moshi“ mit dem Tod ihres Vater fertig werden, der – laut Angaben der Polizei – gemeinsam mit seiner Geliebten in einem Wald Selbstmord begangen hat. Weder Yoshie noch ihre Mutter wussten, dass der Vater überhaupt eine Geliebte hatte – auch wenn sie im Scherz darüber sprachen, dass er eine haben müsste, da er in letzter Zeit häufig nach seinen Konzerten über Nacht fernblieb – und beide sind der Meinung, dass Selbstmord auch nicht zu einem Menschen wie ihm passen würde. So müssen beide Frauen nicht nur mit dem Verlust des Verstorbenen fertig werden, sondern auch damit, dass es Seiten an diesem Mann gab, die sie nicht kannten.

Während Yotchans Mutter bei ihr Schutz sucht und sich in ihrer Trauer treiben lässt, flüchtet die junge Frau in ihre Arbeit. Sie ist in einem kleinen Restaurant in Shimokitazawa angestellt, das sich auf wohltuendes Essen (wie Yotchan es beschreiben würde) spezialisiert hat. Für Yotchan und ihre Mutter war das Restaurant während der ersten Trauerphase, als beide kaum etwas zu sich nehmen konnten, ihre Rettung, nun möchte Yoshie dafür sorgen, dass auch andere Kunden dort ein solch erholsames Essen genießen können. Sie beobachtet ihre Kunden beim Essen und versucht ihre Bedürfnisse zu erahnen, bevor diese sie aussprechen können. Und während ihrer Pausen oder nach Feierabend streift sie durch Shimokitazawa und genießt den – für Tokyo unglaublich entspannten – Rhythmus des Viertels. Sowohl für sie als auch für ihre Mutter fühlt sich der Wechsel von ihrer alten Wohnung in Meguro nach Shimokitazawa wie Urlaub an. Sie leben, als ob es keine Verpflichtungen gäbe (natürlich abgesehen von Yoshies Arbeit) und versuchen jeden Tag so zu genießen wie er kommt.

Doch natürlich reicht das nicht aus, um mit dem Tod des Vaters fertig zu werden und so gibt es immer wieder Momente, in denen Yotchan sich mit damit auseinandersetzen muss. Manchmal geschieht dies, weil Freunde oder Bekannte ihres Vaters auf sie zukommen, manchmal sucht sie selber aktiv nach Informationen. Doch immer geht es nur in kleinen Schritten vorwärts, weil es für die junge Frau zu belastend ist, dass ihr Vater auf diese Weise aus ihrem Leben gegangen ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie immer wieder von ihm (und seiner Geliebten) träumt, während sie auf der anderen Seite in ihrem Alltag häufig Probleme hat eine Entscheidung zu treffen, die über ihre Arbeitsplatz hinausgeht.

Auch wenn sich das jetzt vielleicht deprimierend anhört, so ist „Moshi Moshi“ doch ein sehr ermutigendes Buch, das dem Leser immer wieder sagt, dass alles seine Zeit braucht, dass man nicht hetzen muss und dass man seinen eigenen Rhythmus finden muss – egal, ob es um die Verarbeitung von Trauer, das Essen oder das Leben im allgemeinen geht. Außerdem ist die Geschichte eine wunderbare Liebeserklärung an das Künstler- und Szeneviertel Shimokitazawa mit seiner gewachsenen Struktur, seinem entspannten Lebensgefühl und all den liebenswerten und individuellen Bewohnern. Ich mochte es sehr, wie die Autorin die Eigenheiten dieses Viertels beschrieb, wie sie die Mutter abends von ihrem Tag und all den Menschen, denen sie begegnet ist, erzählen lässt und wie Yotchan über die Passanten redet, die sie auf der Straße beobachtet.

Und natürlich ist „Moshi Moshi“ auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden, denn mit dem Tod des Vaters wird Yoshie bewusst, dass sie sich nicht ewig auf ihre Eltern stützen kann, dass jetzt schon eine wichtige Konstante aus ihrem Leben verschwunden ist und dass eines Tages auch der Moment kommen wird, in dem ihre Mutter nicht mehr für sie da sein kann. Umso wichtiger ist es, dass Yotchan lernt, ihren eigenen Weg zu gehen, herauszufinden, was ihr Leben lebenswert macht, und sich nicht immer wieder mit dem zu begnügen, was gerade gut ist, sondern sich auch mal konkrete Ziele zu setzen und herauszufinden, wie sie diese Ziele erreichen kann. Dabei erzählt Banana Yoshimoto von all diesen Veränderungen in Yoshies Leben in gewohnt unaufgeregter Weise.

Doch so sehr die Handlung vor sich hinzuplätschern scheint, so sehr packen mich auch immer wieder die Gedanken und Gefühle der Protagonisten dieser Autorin. Bei einem Yoshimoto-Roman bleibt die Geschichte eine Weile bei mir und lässt mich über die Figuren, die Ereignisse und auch mein eigenes Leben nachdenken, während es mich auf der anderen Seite immer wieder zum Buch treibt, um nur noch ein paar Seiten zu lesen, um nur eben herauszufinden, welche Auswirkungen dieser eine neue Denkansatz, diese eine Begegnung oder diese ganz bestimmte Erkenntnis auf die Figuren haben mag. Spannend finde ich es auch, dass ich mich langfristig immer kaum an die Handlung erinnern kann (und grundsätzlich recherchieren muss, wie die gelesenen Bücher überhaupt hießen und um welche Charaktere sie sich überhaupt drehten), aber dafür Bilder im Kopf habe, die ich mit den jeweiligen Titeln verbinde – selbst wenn sie so gar nicht im Roman vorkamen.

Nancy Mitford: Liebe unter kaltem Himmel

Nachdem ich die Jessica-Mitford-Biografie gelesen hatte, habe ich mal geschaut, welche Bücher von den Mitford-Schwestern wohl in unserer Bibliothek zu finden sind und mir dann „Liebe unter kaltem Himmel“ von Nancy Mitford ausgeliehen. Der Roman soll deutliche biografische Bezüge haben und ich bin mir sicher, dass ich einige Sachen (wie den Kleiderschrank der jüngeren Cousinen, bestimmte Ansichten und Verhaltensweisen von dem Onkel und der Tante der Protagonistin usw.) dem realen Leben von Nancy Mitford und ihrer Familie zuordnen konnte. Doch auch ohne diese Bezüge ist „Liebe unter kaltem Himmel“ eine eigentlich recht unterhaltsame Geschichte, die sich rund um die Familie Montdore dreht. Erzählt wird die Handlung dabei von der ruhigen und relativ „normalen“ Fanny, die – aufgrund der Tatsache, dass ihre geschiedenen Eltern die Erziehung ihrer Tochter der Verwandtschaft überlassen haben, – von Kindesbeinen an sehr viel Zeit mit Lord und Lady Montdore und deren Tochter Polly (Leopoldina) verbringt.

Dabei kam mir Fannys Erzählton – obwohl sie spätestens nach ihrem Debüt in London in die Gespräche der Erwachsenen mit einbezogen wird – häufig sehr naiv vor. Obwohl sie sich so viel mit dem Leben ihrer Verwandten beschäftigt, wird sie immer wieder von all den Entwicklungen und Neuigkeiten überrascht. Aber diese Naivität ist ebenso wie ihre Gutmütigkeit auch der Grund, warum man ihr so gerne zuhören, wenn sie von all den Menschen und ihrem Leben erzählt. Dabei interessiert sie vor allem das Schicksal ihrer Cousine Polly, die von klein auf verhätschelt und verwöhnt wird und in deren Zukunft ihre Eltern sehr große Hoffnungen setzen. So große Hoffnungen, dass natürlich alles dafür getan wird, dass Polly, als sie ins passende Alter kommt, angemessene und einflussreiche junge Männer kennenlernt. Schließlich gibt es nichts wichtigeres für ein junges und adeliges Mädchen als einen Mann mit guter Herkunft und guten Aussichten zu heiraten und dann dafür zu sorgen, dass er beruflich so erfolgreich wird, wie es ihrer Position angemessen ist. Doch schnell fällt ihrer ehrgeizigen Mutter auf, dass Polly so gar kein Interesse für all die vielversprechenden jungen Männer aufbringen kann, was für einige Unruhe im Haus der Montdore. sorgt.

Ich fand es wirklich nett dem plaudernden Ton von Fanny zu folgen, während sie von den verschiedenen Eigenheiten ihrer Familienmitglieder berichtet oder erzählt, wie ihr Verhältnis zu den Montdores ist und wie es dazu kam, dass sie in bestimmte Ereignisse eingeweiht wurde. Sehr viel passiert dabei nicht, aber es gibt so viele treffende und skurrile Momente, dass ich mich gut unterhalten fühlte. Was mir allerdings an der Geschichte nicht gefiel, ist der Umgang mit einer bestimmten Person. Dieser Mann ist dafür bekannt, dass er gern mit kleinen Mädchen spielt und für Fanny waren diese Spiele immer unangenehm. Aber als höfliches kleines Mädchen, das gelernt hat, dass es erwachsene Menschen respektvoll behandeln muss, hat Fanny natürlich mitgespielt, wenn sie dazu aufgefordert wurde. Aber Fanny scheint die einzige zu sein, der dieser Mann unangenehm ist. Ihre Cousinen scherzen über die Spiele dieses „Onkels“, es gibt Anspielungen, dass ein Mädchen (das von ihren älteren Schwestern im unklaren darüber gelassen wird, was zwischen Mann und Frau nach der Hochzeit passiert) nur diesen Mann fragen müsste und dann gäbe es nicht nur eine Erklärung, sondern auch Anschauungsunterricht.

Noch schlimmer finde ich aber Fannys ältere Verwandtschaft, wo nicht nur ganz lässig darüber geredet wird, dass dieser Typ seine Spielchen mit der eigenen Tochter getrieben hat, sondern auch, dass eine (später in der Handlung vorkommende) Beziehung für ihn die gerechte Strafe dafür sei, dass er die Hände nicht von kleinen Mädchen lassen konnte. Dass das Verhalten dieses Mannes einfach als „normales“ exzentrisches Verhalten gewertet wird und dass niemand das Gefühl hat, man müsse die Kinder vor ihm beschützen oder ihn vielleicht sogar aus der Gesellschaft ausschließen, finde ich sehr schwierig. Natürlich ist mir bewusst, dass dieser Roman zu einer Zeit geschrieben wurde, in der man Kinder selten vor Erwachsenen in Schutz nahm, und anscheinend reicht es da auch, dass dieser Herr eine gewisse Grenze dann doch nicht überschreitet. Ich habe mich zwischendurch schon gefragt, ob das vielleicht bewusst so unkritisch von Nancy Mitford dargestellt wurde, um zu betonen, was da vor den Augen der gesamten Verwandtschaft passiert, aber dafür ist mir der Ton in dem Roman (und in gewisser Weise auch das Ende) zu heiter. So war für mich „Liebe unter kalten Himmel“ leider kein ungetrübtes Vergnügen, obwohl ich viele Szenen und Figuren wirklich unterhaltsam fand.

Juliane Käppler: Die sieben Tode des Max Leif

„Die sieben Tode des Max Leif – Ein Hypochonder-Roman“ von Juliane Käppler ist einer dieser Romane, bei denen ich das Gefühl hatte, ich hätte ihn auf so gut wie jedem Buchblog gesehen – was mir normalerweise überhaupt keine Lust auf eine Geschichte macht. Neugierig hat mich dann die Rezension von Anja gemacht, die sie im Februar geschrieben hat, so dass der Titel doch auf meiner „irgendwann aus der Bibliothek ausleihen“-Liste landete. Am Ende kann ich Anja in so gut wie allen Punkten zustimmen und muss zugeben, dass mir die Geschichte überraschend gut gefallen hat.

Max Leif ist kein Charakter, der es dem Leser einfach macht. Als man ihn kennenlernt sitzt er gerade in einem Flugzeug und alles, was man von ihm weiß, ist, dass er während seines Sansibar-Urlaubs zu viel getrunken hat, mit zu vielen Frauen im Bett war und nicht wieder nach Hause will. Ach ja, und dass sein Freund Paul gerade erst gestorben ist. Die Trauer, die Max verspürt, ist erst einmal das Einzige, das ihn sympathisch wirken lässt. Dass er so sehr um seinen Freund trauert, der ihn seit Schulzeiten begleitet hat, beweist, dass mehr hinter Max stecken muss, als man anfangs sieht.

In den folgenden Wochen krempelt Max sein ganzes Leben um, wobei er immer wieder beim Arzt landet, weil er – für ihn unerklärliche und bedrohliche – Symptome aufweist. Ihm ist sogar sehr früh bewusst, dass er sich mit seinen Eigendiagnosen, die auf Internetrecherche basiert, nichts Gutes tut, aber er fürchtet sich so sehr vor einer gravierenden Krankheit, dass er trotzdem jedes Mal in Todesangst zum Arzt rennt. Für den Leser ist eigentlich von Anfang an klar, was Max eigentlich fehlt, auch wenn man nicht alle Hintergründe kennt. Aber Max muss natürlich selbst herausfinden, was mit ihm los ist und wie er dafür sorgen kann, dass sein Leben für ihn wieder lebenswert wird.

Ich mochte die Nebenfiguren wie zum Beispiel Maja, die mürrische Barista, die seinem Lieblingscafé arbeitet, oder seine Putzfrau Jekaterina, die sehr feste Vorstellungen davon hat, wie Max sich zu benehmen hat, und diese natürlich auch freimütig äußert. Ab und an hatte ich ernsthafte Probleme mit der Einstellung, die Max hat, vor allem dann, wenn es um sein Selbstbild als Mann oder sein Verhältnis zu Alkohol geht. Aber in der Regel wurde das wieder ausgeglichen durch die netten Momente mit ihm. Er gibt sich in vielen Bereichen wirklich Mühe, ist zwar nicht der aufmerksamste Mensch, aber ein guter Freund und ein großzügiger Arbeitgeber. So habe ich ihm während des Lesen wirklich gewünscht, dass er dazu lernt und dass er in der Lage ist sich soweit zu verändern, dass er wieder Fuß fassen kann. Außerdem mochte ich diese Mischung aus Melancholie und Schmunzelmomenten, war neugierig darauf, wie sich die Geschichte weiterentwickelt und war selbst in seinen schlimmsten Phasen nie so sehr von Max genervt, dass ich das Buch hätte abbrechen wollen.

Isabel Bogdan: Der Pfau

Von Isabel Bogdans Buch hatte ich über ihren Blog und über Twitter schon eine Menge mitbekommen, während die Autorin es geschrieben hat. So richtig neugierig hatte sie mich allerdings nicht machen können, es war eher so ein „hm, vielleicht“-Gefühl, und dabei blieb es auch trotz all der begeisterten Rezensionen, die ich kurz nach der Veröffentlichung zu dem Titel sah. Da ich aber im Moment ein sehr großes Bedürfnis nach dünnen und einfachen Romanen habe, habe ich letzte Woche in der Bibliothek zugegriffen, als mich das Buch vom Regal aus ansprang. Und ich muss zugeben, dass es für meine aktuelle Stimmung die richtige Geschichte war, weshalb ich die ca. 250 Seiten in meinen üblichen Arbeitspausen (Frühstück, Stillhalten-während-die-Katze-frisst, Teepause und Warten-bis-das-Essen-gar-ist) plus einem guten Stündchen vor dem Schlafengehen an einem Tag gelesen habe.

Die Handlung selbst ist ziemlich einfach: Eine Gruppe von fünf Bankern (Chefin und vier männliche Untergebene) reisen zusammen mit einer extra gemieteten Köchin und einer Seminarleiterin für ein Wochenende ins schottische Hinterland, um dort auf einem alten (und nur teilweise modernisierten) Herrensitz ein Team-Building-Seminar durchzuführen. Für Lord und Lady McIntosh ist das eine schöne Möglichkeit, etwas Extrageld einzunehmen, auch wenn die Vorbereitungen von Anfang an aufwändiger sind, als sie es normalerweise für Gäste betreiben müssten – unter anderem deshalb, weil die Banker in einem selten genutzten Flügel des Herrenhauses und nicht in einem der Gäste-Cottages wohnen werden. Eine weitere Herausforderung besteht in einem jungen Pfau, der alles Blaue angreift, egal, ob es sich dabei um Autos, Spielzeug oder Kleidungsstücke (und die Menschen darin) handelt.

So begleitet man als Leser die verschiedenen Figuren über ihr Wochenende, wobei man ständig die Perspektive wechselt, so dass man alle Beteiligten im Laufe dieser Tage begleitet und ihre Gedanken und Gefühle kennenlernt. Dabei sind einem die Personen eigentlich schon vom ersten Moment an vertraut, da Isabel Bogdan auf bewährte Typen gesetzt hat. Es gibt die zickige Chefin, die die Kontrolle nicht aus der Hand geben kann, die etwas überforderte, aber sehr bemühte Seminarleiterin, die geniale Köchen mit dem großen Herzen (und sehr umfangreichem Wissen über Lebensmittelzubereitung), das ein bisschen exzentrische Besitzerehepaar, den ruhigen und zuverlässigen Handwerker und so weiter. Weder beim ersten Kennenlernen der Figuren, noch bei ihren späteren Entwicklungen gibt es besonders viele Überraschungen in der Geschichte.

Überhaupt ist die Handlung recht vorhersehbar und es gibt – aufgrund der Tatsache, dass man viele Szenen aus mehreren Perspektiven erlebt – einige Wiederholungen. Trotzdem fand ich die Geschichte nett zu lesen. Dieses Vor-sich-hin-Plätschern war sehr entspannend und ich mochte es, dass es keine großen Dramen oder Höhepunkte gab. Den vielgepriesenen Humor fand ich jetzt nicht besonders britisch, aber es reichte aus, dass ich hier und da etwas zum Schmunzeln hatte. „Der Pfau“ ist kein Roman, der sich bei mir besonders eingeprägt hat, und ich fürchte, dass ich in ein paar Tagen schon Mühe haben werde, mich an Details zu erinnern. Aber die Geschichte hat für entspannte Pausen an einem anstrengenden Tag gereicht – und manchmal ist das alles, was ich von einem Buch erwarte.