Schlagwort: Biografie

Deborah Feldman: Unorthodox

„Unorthodox“ ist das Debüt der Autorin Deborah Feldman, die in diesem biografischen Roman von ihrer Kindheit und Jugend in einer extremen chassidischen
Gemeinde in Williamsburg (Brooklyn/New York) und ihrem Weg in ein weniger von Religon bestimmtes Leben erzählt. In der Einleitung erklärt Deborah Feldman, wie die Satmarer-Gemeinde gegründet wurde und dass diese streng orthodoxe jüdische Gemeinschaft der Meinung ist, dass der Holocaust eine Strafe Gottes gewesen sei, weil zu viele Juden sich nicht mehr gläubig genug verhalten hätten. Um nun eine weitere Strafe Gottes zu verhindern, unterwerfen sich die Satmarer
überaus strengen, eng gefassten Regeln. Diese Regeln sind auch in Deborah Feldmans Familie das alles bestimmende Element und die Einhaltung der durch den Rebbe aufgestellten Verhaltensvorgaben ist wichtiger als die einzelne Person. Dabei ist „Unorthodox“ keine detaillierte Biografie, sondern ein biografischer Roman, in dem das eine oder andere Element verändert oder zusammengefasst erzählt wurde, um die Identität Dritter zu schützen, was mich stellenweise beim Lesen dazu veranlasst hat, darüber nachzudenken, welche Passagen nun wirklich genau so passiert sein mögen und welche nicht.

Deutlich wird auf jeden Fall in den Kapiteln über die Kindheit der Autorin, dass die lebhafte und neugierige Deborah ständig in der Furcht lebt, dass sie mal wieder ihren Großvater enttäuscht oder dass eine ihrer Tanten mit ihrem Verhalten unzufrieden ist. Trotzdem fällt es ihr schwer, „brav“ zu sein, und sie muss immer wieder Fragen stellen, die von ihren Verwandten und der Gemeinde als unangemessen eingestuft werden, oder ihre Neugier befriedigen, indem sie Bücher liest, die eigentlich verboten sind. Dabei versucht sie selbst bei den Büchern nicht zu rebellisch zu sein und greift eher zu einer englischen Talmud-Übersetzung als zu einem Roman. Doch die englische Sprache gilt als unrein und als Mädchen darf sich Deborah ohnehin nicht mit dem Talmud beschäftigen. Obwohl sie inmitten einer großen Familie aufwächst, hat man das Gefühl, dass nur ihre Großmutter und ihr (geistig behinderter) Vater – innerhalb ihrer wenigen Möglichkeiten – nett zu ihr sind. Allen anderen Familienmitgliedern ist zu gut bewusst, dass Deborahs Verhalten grundsätzlich nicht angemessen ist und dass sie deswegen ständig gerügt werden muss.

Es gibt so einige Szenen in diesem biografischem Roman, die ich wirklich erschreckend fand, obwohl Deborah Feldman immer wieder betont, dass die handelnden Personen nur das Beste wollten. Aber die Vorstellung, dass zum Beispiel ein kranker Mensch keine medizinische Behandlung bekommt, weil der Großvater der Meinung ist, dass der Kranke in einer nicht-chassidischen Einrichtung nicht angemessen untergebracht wäre, macht mich fassungslos. Auch die Tatsache, dass es möglich ist, dass eine Gruppe von Menschen so abgeschlossen in einer modernen Großstadt lebt, ohne dass ein Großteil dieser Personen Zugang zu Nachrichten, Radio, Fernsehen oder gar Zeitungen hat, ist für mich kaum vorstellbar. Noch schlimmer fand ich die Szenen, die von den Hochzeitsvorbereitungen und dem Eheleben der Autorin berichten – sollte nicht gerade eine Gemeinde, deren erklärtes Ziel es ist, dass ihre Mitglieder möglichst viele Kinder bekommen, dafür sorgen, dass die Beteiligten zumindest eine grobe Vorstellung davon haben, wie man überhaupt Kinder zeugt? Stattdessen erzählt Deborah Feldman von monatelangen physischen und psychischen Problemen nach ihrer Hochzeit, während ihr Mann und sie verzweifelt versuchten, die Ehe zu vollziehen.

Für mich ist solch eine Welt, in der strenge religiöse Regeln das Leben beherrschen, sehr fremd. Ich habe zwar früher einige Mitschülerinnen/Kommilitoninnen/Schülerinnen gehabt, die auch in relativ strengen (christlichen/muslimischen) Familien lebten, aber bei diesen gab es keine so umfassende Abschottung von der restlichen Welt. Diese Mädchen/Frauen gingen immerhin auf ein öffentliches Gymnasium, studierten an einer ganz normalen Hochschule oder besuchten zusammen mit Altersgenossinnen aus verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründen Weiterbildungsprogramme. So hat mich beim Lesen nicht nur das mir vollkommen fremde religöse Leben fasziniert und befremdet, sondern vor allem die Tatsache erschüttert, dass so eine extreme Abschottung inmitten einer lebendigen und multikulturellen Großstadt möglich ist.

Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie

Durch Hermias Rezension bin ich vor ein paar Wochen auf „Das rote Schaf der Familie – Jessica Mitford und ihre Schwestern“ von Susanne Kippenberger gestoßen und konnte die Biografie dann auch recht schnell aus der Bibliothek ausleihen. „Das rote Schaf“ ist die Bezeichnung, die Jessica „Decca“ Mitford für sich selber passend gefunden hatte und auch gern für ihre erste Autobiografie als Titel verwendet hätte – und um sie dreht sich diese Biografie. Aber man kann nicht über Decca Mitford schreiben, ohne dabei auch über die restliche Familie Mitford zu reden. Ich finde es spannend, dass mir bis vor kurzem der Name Mitford so gar nichts sagte, (auch wenn ich jetzt im Nachhinein einige Anspielungen auf die Familie in britischen Veröffentlichungen wiedererkenne), obwohl die Familie in Großbritannien aus gutem Grund überaus bekannt ist.

Decca wurde 1917 geboren und erlebte so nicht nur den Spanischen Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg, die Kommunistenhatz und die Rassenunruhen in den USA, ebenso wie den Protest gegen den Vietnamkrieg und vieles andere, das das vergangene Jahrhundert politisch geprägt hat, sondern sie hatte auch zu all diesen politischen Ereignissen eine ausgeprägte Meinung. Als Sprössling einer – nicht gerade reichen (der Vater hatte kein Händchen für Geschäfte) – britischen Adelsfamilie wuchs Decca inmitten einer großen und turbulenten Familie und unter nicht ganz gewöhnlichen Umständen auf. So verweigerten die Eltern ihren sechs Töchter den Schulbesuch (während der einzige Sohn selbstverständlich ein Internat besuchte) und schotteten sie insgesamt von der Außenwelt ab (wenn man von den Besuchen der weitläufigen Verwandtschaft absieht) bis es Zeit wurde für die Präsentation als Debütantin in der Londoner Gesellschaft.

Vielleicht ist es angesichts dieser Kindheit nicht verwunderlich, dass sich die sechs Mädchen (großteils) recht extrem entwickelten. Während sich die älteste Mitford-Schwester Nancy einen Namen als Autorin machte (und ihr Leben lang verzweifelt versuchte Beziehungen mit Männern zu führen, die sie nicht liebten,) und die zweite Schwester Pam als Kind davon träumte ein Pferd zu sein, wurde die dritte Schwester Diana zur Geliebten (und späteren Ehefrau) des Gründers der ersten nationalistischen Partei Großbritanniens und zur großen Verehrerin Hitlers. Letzteres führte dann wohl auch dazu, dass die vierte Schwester Unity sich zu einem der größten „It-Girls“ der Nazis entwickelte und alles tat, um ihre Freundschaft zu Hitler und seinen Bundesgenossen zu fördern. Im Gegensatz zu diesen beiden Schwestern setzte sich Decca schon früh für kommunistische Ideen ein, was letztendlich dazu führte, dass sie – noch nicht einmal volljährig – mit ihrem Cousin und späteren Ehemann Esmond davon lief, um über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Um die jüngste Schwester dieser Familie nicht unter den Tisch fallen zu lassen, sei hier auch noch erwähnt, dass Debo (Deborah) einen Herzog heiratete und maßgeblich daran beteiligt war einen der größten und bekanntesten Herrensitze Englands zu erhalten.

Ich fand diese Mischung aus privaten Details über Decca, aber auch den ganzen großen Rest ihrer Familie (weil man eine Mitford-Schwester eben nicht ohne die anderen porträtieren kann), und politischen Engagement und Ereignissen sehr spannend zu lesen. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass Susanne Kippenberger etwas beschönigen würde. Decca Mitford muss eine faszinierende, aber auch sehr schwierige Person gewesen sein. Eine Frau, der ihr politisches Engagement extrem wichtig war, während sie in vielen anderen Bereichen des Lebens eine unbekümmerte Haltung an den Tag legte, und ein Mensch, der nicht so leicht verzeihen konnte. So hat sie zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs den Kontakt zu ihrer Schwester Diana und ihrem Vater abgebrochen und nie wieder richtig aufgenommen, weil diese mit den Nazis sympathisierten, hatte aber trotzdem – solange diese lebte – ein überraschend gutes Verhältnis zu Unity, der sie ihre Heldenverehrung für die deutschen Kriegstreiber anscheinend problemlos verzeihen konnte.

Ihr politisches Engagement und ihre (oft überspitzten) Veröffentlichungen sorgen dafür, dass man anhand von Deccas Leben ein überraschend umfassendes Bild der Zeit von 1935 bis in die 90er bekommt. Spannend fand ich auch die Zusammenarbeit zwischen Decca und ihrem zweiten Mann Bob Treuhaft, der ein jüdischer Anwalt und – ebenso wie Decca – während der McCarthy-Ära Mitglied der kommunistischen Partei war und später die Bürgerrechtsbewegung mit seiner Arbeit unterstützte. Hermia schrieb in ihrer Rezension, dass man bei einem Roman ein solches Leben als unrealistisch abgetan hätte und sie hat da natürlich recht. Aber bei einer Biografie ist es nur faszinierend, wie viel diese Frau erlebt hat und wie viele Menschen sie gekannt hat, deren Namen aus den Geschichtsbüchern nicht mehr wegzudenken sind. Dabei gelingt es Susanne Kippenberger in der Regel ganz gut mit all den Informationen und Personen zu jonglieren, ohne den Leser zu überfordern (nur Anfangs hatte ich etwas Probleme dank der vielen Spitznamen, die die Mitford-Schwestern auch füreinander hatten), und ein realistisch wirkendes Bild von den verschiedenen Menschen zu zeichnen, ohne sie zu sehr zu verteufeln oder zu erhöhen.

Meine beiden größten Kritikpunkt an der Autorin sind vielleicht die, dass Susanne Kippenberger 1. Agatha Christies Miss Marple anscheinend nur in der Filmversion von Margaret Rutherford kennt und sich in der zweiten Hälfte des Buches regelmäßig darauf bezieht, ohne dabei deutlich zu machen, dass sie sich eben auf diese Filmfigur und nicht auf die Romanfigur stützt (was allerdings in all den Beispielen, die sie verwendet schrecklich deutlich wird). Und dass ich 2. selten so viel Namedropping erlebt habe, ohne dass die Namen der erwähnten Personen wirklich genannt wurden, wenn sie nicht gerade häufiger in dieser Biografie vorkamen oder eine wichtige (politische) Rolle im Weltgeschehen spielten. Oft heißt es nur „die Cousine von“, „der Schwager von“ oder „die Frau von“ (zum Beispiel als es um Dianas Bekanntschaft zu der „Frau von James-Bond-Erfinder Ian Fleming“ ging), aber eigene Namen haben diese Personen – wenn ich nach diesem Buch gehen kann – wohl nicht gehabt. 😉

Simon Winchester: Der Atlantik – Biografie eines Ozeans

„Der Atlantik“ von Simon Winchester ist noch eine Sachbuch-Entdeckung, die ich Hermia zu verdanken habe. Nach ihrer begeisterten Rezension hatte ich das Buch gleich in der Bibliothek vorgemerkt und dann auch überraschend schnell in den Händen halten können. Dass sich das Lesen dann doch einen Monat hingezogen hat, lag eindeutig an mir und nicht an dem Buch, denn das ist wirklich gut und interessant geschrieben. Simon Winchester erzählt in dem Vorwort, wie er als 18-Jähriger das erste Mal mit einem Schiff den Atlantik überquerte und als wie faszinierend er diese Tage auf dem Meer empfand. Später wurde es für ihn normal, den Ozean regelmäßig mit einem Flugzeug zu überbrücken, um beruflich von einem Ort zum anderen zu kommen – und doch hat für ihn diese große Wasserfläche nie ganz an Faszination verloren, bis er schließlich diese Biografie über den Atlantik schrieb.

Ich fand es vor allem spannend, welche Wissensgebiete hier in diesem Buch versammelt werden. In sieben Kapiteln erzählt der Autor von der Entstehung des Ozeans durch die Verschiebung der Kontinentalplatten, von der langsamen Besiedelung der Küstenlandstriche durch die Menschen und den ersten Vorstößen aufs Meer, ebenso wie von der Kunst, die durch den Atlantik geprägt wurde, von den Handelsentwicklungen, Eroberungen und Kriegen, die rund um diesen Ozean stattfanden, von dem sich verändernden Verhältnis der Menschen zum Meer und so vielem mehr.

Ich glaube, es gab keinen Aspekt, den ich in irgendeiner Form langweilig fand, und bei vielen Passagen gab es für mich kleinere und größere Aha-Erlebnisse, weil ich wieder eine Wissenslücke schließen oder ein Thema aus einer anderen Perspektive betrachten konnte. Was mich zu einer Nebenbemerkungen zu den Fußnoten bringt: Angesichts einer solchen Fülle an Informationen fand ich die Fußnoten in diesem Buch wirklich übersichtlich gehalten und ich hatte nie das Gefühl, dass dieser ergänzenden Anmerkungen überflüssig gewesen wären. Dafür gab es hin und wieder kleinere Wiederholungen innerhalb des Textes, weil einige Details nun einmal in verschiedenen Themengebieten eine Rolle spielten, was aber nicht schlimm war, sondern eher der Wissensvertiefung diente.

Bei einem so umfassenden Buch ist es auch nicht verwunderlich, dass all die verschiedenen Themen eigentlich nur angerissen werden können oder es in ein paar Bereichen vor allem zu Aufzählungen kommt, aber das hat Simon Winchester in meinen Augen so gut hinbekommen, dass man nicht das Gefühl hat, es würde zu viel auf einmal in einen Satz gepackt oder einem Gebiet würde zu wenig Beachtung geschenkt. Ich habe eher Lust, mich zu dem einen oder anderen Thema intensiver zu informieren, nachdem ich jetzt so einen faszinierenden Überblick über so viele Ereignisse rund um und auf dem Atlantik bekommen habe.

Allerdings gab es auch eine Menge Dinge, die ich beim Lesen wirklich schwer erträglich fand. Nichts davon war neu für mich, aber es so gehäuft zu lesen (die letzten fünf Kapitel habe ich in zwei Tagen gelesen, weil ich das Buch vor dem Abgabetermin der Bibliothek noch schaffen wollte) war schon etwas belastend. Simon Winchester beschreibt sehr anschaulich – aber ohne dabei seinen sachlichen Ton zu verlieren – wie es auf den Sklavenschiffen aussah, die von Afrika nach Westen segelten, welche Folgen die Überfischung für das Meer und seine Anrainer hat und mit welchem Leichtsinn (oder welcher Skrupellosigkeit) der Atlantik als Mülldeponie genutzt wurde (und wird!). Bei all den deprimierenden Fakten war ich froh über die kleinen persönlichen Anekdoten, die von diversen Erlebnissen des Autors bei seinen vielen Reisen rund um und auf dem Atlantik erzählten und das Ganze etwas auflockerten. Insgesamt hat mir „Der Atlantik“ sehr gut gefallen und ich werde die Augen nach weiteren Büchern von Simon Winchester (über das Meer) aufhalten.

Clara Kramer (und Stephen Glantz): Eine Handbreit Hoffnung – Die Geschichte meiner wunderbaren Rettung

„Eine Handbreit Hoffnung“ ist die Geschichte der jüdischen Clara Kramer, die sich als Jugendliche in Polen vor den Nazis verstecken musste. Geschrieben wurde das Buch von Stephen Glantz, basierend auf dem Tagebuch, das Clara damals führte, und auf ihren Erinnerungen, ergänzt durch Materialien (Briefe, Tagebücher u.ä.) und Erzählungen anderer Überlebender, die Kontakt zu Clara und ihrer Familie hatten. Ich habe schon einige Erfahrungsberichte aus dieser Zeit gelesen, ebenso Romane, die sich entweder auf wahre Ereignisse stützten oder eine fiktive Geschichte erzählten, um all die schrecklichen Fakten zu vermitteln. Viele dieser Bücher spielten in Deutschland oder den Niederlanden, einige auch in den jüdischen Ghettos in Polen, und obwohl es schon einige Zeit her ist, dass ich sie gelesen habe, so haben sie doch in der Regel einen anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Auch „Eine Handbreit Hoffnung“ werde ich wohl so schnell nicht vergessen – nicht nur, weil die lange Zeit des Versteckens so eindringlich geschildert wird, sondern auch, weil ich die ganzen zusätzlichen Komplikationen für die jüdische Familie durch die Ukrainer und Russen sowie die schon vor dem Einmarsch der Deutschen schwierige politische Situation spannend fand (auch wenn es sich angesichts der Erlebnisse von Clara Kramer und ihrer Familie komisch anfühlt, das Ganze als „spannend“ zu bezeichnen).

Anhand von Clara Kramers Erzählungen kann man gut nachvollziehen, wie schleichend die Veränderungen für die 5000 polnischen Juden in der Stadt Zólkiew kamen. Erst die Berichte von der Machtergreifung Hitlers und der Unglaube, dass so ein Mensch auch noch Unterstützung findet, dann die ersten Flüchtlinge, die im Osten Zuflucht suchten und von der Zerstörung ihrer Synagogen, von Plünderungen und Misshandlungen berichteten – und das alles, während sie einmal die Woche am schön gedeckten Esstisch vom besten Porzellan bewirtet wurden – und ein Jahr später der Nichtangriffspakt zwischen Russland und Deutschland, der Polen schutzlos zurückließ.

Als die Nazis im September 1939 in Zólkiew einmarschierten, war Clara gerade mal zwölf Jahre alt. Aus Angst vor den Deutschen wagten sich die jüdischen Kinder nicht auf die Straße, bekamen aber später erzählt, dass sich die Deutschen wie ein Haufen Touristen verhalten hätten. Trotzdem war es eine Erleichterung für die Juden, als kurz darauf die Russen das Gebiet übernahmen. Die Russen waren zwar keine Freunde der Juden und hatten schon so einige Polen in Straflager nach Sibirien geschickt, aber alle sind sich sicher, dass das Leben unter den Kommunisten der Behandlung durch die Nazis vorzuziehen sei.

Doch nach und nach verschlechtert sich das Leben – nicht nur der Juden – in der Stadt. Erste Familien werden deportiert und Russen ziehen übergangslos in die Häuser der verschwundenen Familien ein und übernehmen die zurückgelassenen Besitztümer. Auch in Claras Familie gibt es erste Verhaftungen – erst Jahre später wird ihnen bewusst, dass die Deportation nach Kasachstan für viele von ihnen ein Glücksfall war, da diese Familienmitglieder so den Nazis entgingen. Andere Familienmitglieder – so wie Claras Großvater – werden von ukrainischen Nationalisten ermordet, als sich im Frühling 1941 die Russen zurückziehen und das Gebiet den Deutschen überlassen.

Wenige Monate später wird den Juden bewusst, dass all das Geld, das sie Monat für Monat dem Kommandanten der SS von Lemberg überreichen, ihr Leben nicht sichern kann. Während die einen versuchen, einen Fluchtweg aus der Stadt zu finden, graben die Familie Schwarz (Claras Familie), Melman und Patrontasch ein Versteck unter dem Fußboden des Hauses der Melmans. Eine geschickt ausgeschnittene Luke im Parkettboden des Schlafzimmers bildet den Eingang, und anfangs ist die Lücke unter dem Haus so klein, dass nur die Kinder graben können. Im Laufe einiger Wochen schaffen die drei Familien es so, die Hälfte des Hauses zu „unterkellern“, wobei es keine Verbindung zum kleinen „offiziellen“ Keller unter der Küche des Hauses gibt und das Versteck so niedrig ist, dass man nicht darin stehen kann.

Doch erst das Angebot des volksdeutschen Ehepaars Beck (Julia Beck hat früher als Haushälterin für Claras Familie gearbeitet, ihr Mann hingegen ist als Antisemit bekannt), das Haus der Melmans zu übernehmen und so das Versteck der drei jüdischen Familien zu schützen und ihre Versorgung mit Lebensmitteln zu sichern, ermöglicht es ihnen ab Dezember 1942, dieses Kellerloch zu nutzen.

Bis zum Juli 1944 müssen die drei Familien in ihrem Kellerversteck überleben, lange Monate ohne Frischluft, ohne ausreichendes Essen, ohne nennenswerte Bewegung, auch wenn sie anfangs immer mal wieder hinauf zu den Becks steigen können. Doch je länger der Krieg andauert, desto schwieriger wird nicht nur die Versorgung der Versteckten mit Lebensmitteln, sondern desto gefährlicher wird auch ihre Lage. Diverse Personen – darüber natürlich auch Nazis – werden bei den Becks einquartiert, Gerüchte machen die Runde, dass sich bei den Becks Flüchtlinge verstecken, so dass es immer wieder zu Hausdurchsuchungen kommt – und Beck selbst ist auch ein Risiko. Beck ist ein Spieler und Säufer, er betrügt seine Frau, er kann den Mund nicht halten und bringt sich durch Geschäfte mit Nazis, Ukrainern und Russen in Gefahr – und somit auch immer die Juden, die auf ihn angewiesen sind.

Auch im Versteck gibt es immer wieder Veränderungen. So bricht in der Straße ein Feuer aus und eine Person flüchtet vor lauter Angst aus dem Haus, während die anderen versuchen, unbemerkt von der Außenwelt Wasser zum Löschen heranzuschaffen. Weitere Juden (in der Regel Familienmitglieder der schon Versteckten) tauchen vor Becks Tür auf und brauchen Hilfe oder eine Zuflucht. So ändert sich im Laufe der Zeit die Zusammensetzung der Flüchtlingsgruppe und es gibt immer mehr Reibung zwischen den unterschiedlichen Personen, was noch dadurch erschwert wird, dass sie tagelang keinen Laut von sich geben dürfen, während über ihnen die deutschen Besatzer ein- und ausgehen.

Abgesehen von den ersten Seiten, in denen Clara Kramer ihre sehr große Familie und auch die Familien der Nachbarschaft vorstellt, lässt sich „Eine Handbreit Hoffnung“ sehr gut lesen. Die Flut der Namen – bei denen sich einige wiederholen oder gar mehrfach vorkommen, weil man die Kinder nach den Vorfahren benannt hat – ist wirklich anstrengend, und auch im Laufe der Geschichte musste ich hin und wieder innehalten und mich erinnern, welche Person da nun gemeint war und in welchem Verhältnis sie zu Clara stand. Davon abgesehen empfand ich „Eine Handbreit Hoffnung“ überraschend ausgewogen. Auf der einen Seite basiert das Buch zwar auf den Tagebüchern, die Clara während ihrer Zeit im Kellerversteck geschrieben hat, was zu einer eindringlichen und berührenden Schilderung führt, auf der anderen Seite liegen gut sechzig Jahre zwischen den Ereignissen und dem Verfassen des Buches (und das eigentliche Schreiben wurde von Stephen Glatz erledigt), was zu einem gewissen Abstand führt, der es ermöglicht, mehrere Seiten zu beleuchten und manche Geschehnisse in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Dieser „Abstand“ führt aber nicht dazu, dass einem die Ereignisse beim Lesen egal sind. Ich fand es interessant, mal die „Vorgeschichte“ mitzuerleben, zu lesen, wie es für die jüdische Familie unter der russischen Herrschaft war und welche Rolle die ukrainischen Nationalisten spielten. Und – gerade weil ich wusste, was in den kommenden Jahren noch folgen wird – ich fand es schrecklich, die immer größer werdende Gefahr für die Familie zu verfolgen, die Überlegungen, ob man flieht oder bleibt, und schließlich diese langen anderthalb Jahre im Kellerversteck. Die Enge, die Hitze, der Hunger, die Fassungslosigkeit angesichts der Geschehnisse, aber auch die ungläubige Dankbarkeit über die Hilfe aus unerwarteter Richtung – das alles lässt einen beim Lesen definitiv nicht ungerührt.

Laura Thompson: Agatha Christie

Wenn ich die Romane einer Autorin oder eines Autors sehr mag und auch noch die Zeit besonders interessant finde, in der sie oder er gelebt hat, dann greife ich auch gern zu (Auto-)Biografien, um mehr über die Arbeit, den Werdegang und das Leben zu dieser Zeit zu erfahren. Dass ich Agatha Christies Romane sehr gern lese (und höre), dürfte ja inzwischen jedem Blogleser bekannt sein, und so ist es auch kein Wunder, dass ich schon mehrere Bücher über sie (und über ihre Figuren und Romane) gelesen habe. Am besten haben mir bislang ihre Autobiografien („Meine gute alte Zeit“ und „Erinnerung an glückliche Tage“) gefallen sowie Charlotte Trümplers Buch „Agatha Christie und der Orient“ – Letzteres vor allem durch die Konzentration auf Agatha Christies Anteil an den Ausgrabungen ihres zweiten Mannes Max Mallowan und durch Berichte einer Freundin von Agatha Christie.

Die Biografien, die ich sonst so gelesen habe, hatten alle den großen Nachteil, dass sie sich vor allem aus Zitaten aus Agatha Christies Autobiografien zusammensetzen und mir so nicht das Gefühl gaben, dass ich etwas Neues darin entdecken könnte. Bei „Agatha Christie – Das faszinierende Leben der großen Kriminalschriftstellerin“ (was für ein Untertitel!) von Laura Thompson hingegen habe ich eine Menge Details gefunden, die die Verfasserin aus Briefen von und an Agatha Christie gezogen hat, aus Gesprächen mit Familienangehörigen und Freunden oder aus den Romanen, die diese unter dem Pseudonym Mary Westmaecott geschrieben hat. Diese – von den anderen Biografieverfassern in der Regel ignorierten – „Liebesgeschichten“ tragen wohl so einige biografische Züge oder beinhalten Figuren, die Agatha Christies Beschreibungen von sich selbst und ihrer Familie recht nah kommen, so dass Laura Thompson aufgrund dieser Romane der Schriftstellerin immer wieder Gefühle „unterstellt“, die Agatha Christie in ihrer recht distanzierten Art so nie geäußert hätte.

Obwohl manche dieser „Unterstellungen“ mir etwas zu weit gingen, klangen die Schlüsse, die Laura Thompson aus den Werken von Agatha Christie zu deren eigenem (Gefühls-)Leben gezogen hat, insgesamt recht stimmig und bringen die eine oder andere neue Facette der Autorin zum Vorschein. Die Verweise auf die Kriminal- und Mary-Westmaecott-Romane sorgen dafür, dass diese Biografie eine Menge Zitate enthält, aber diese werden so angenehm flüssig in den von Laura Thompson verfassten Text eingebaut, dass das Buch gut lesbar ist – was man ja leider nicht von jedem Buch, in dem viel zitiert wird, sagen kann. Neben dieser weniger distanzierten (und hin und wieder etwas verklärten) Sicht auf Agatha Christie haben mir doch vor allem die kleinen Informationen gefallen, die in anderen Biografien oft wegfallen, eben weil Agatha Christie auf diese Details ihres Lebens keinen Wert gelegt hat (oder nicht wollte, dass die Öffentlichkeit sich zu sehr mit diesen Aspekten beschäftigt).

Etwas unhandlich fand ich die vielen Fußnoten, da diese nicht am Seitenende aufgeführt wurden, sondern in einem separaten Anhang am Ende des Buches. Das sorgte entweder dafür, dass ich sie ignorierte, weil ich keine Lust auf das ständig Blättern hatte, oder dass ich im Text kaum voran kam, weil ich Fußnoten nachschlagen musste. Dabei besteht ein großer Teil der Fußnoten aus Quellenangaben, aber einige erklären auch weitere Zusammenhänge oder erläutern, welche Informationen Laura Thompson dazu gebracht haben, eine Situation auf diese Weise darzustellen.

In einigen Rezensionen wird Laura Thompson vorgeworfen, dass sie Max Mallowan, Agatha Christies zweiten Ehemann, nicht sehr positiv darstellt. Und ja, es gibt ein paar Sätze in dieser Biografie, die implizieren, dass Max Mallowan die Schriftstellerin wegen ihres Geldes geheiratet hat. Meinem Gefühl nach ist dies aber vor allem so dargestellt worden, weil diese Ehe eben keine himmelhochjauchzende Romanze war wie die von Agatha und Archie Christie und es für einen Außenstehenden schwer sein kann, eine eher kameradschaftliche Beziehung, die zwischen zwei (anscheinend in jeder Hinsicht) so unterschiedlichen Menschen besteht, angemessen zu beurteilen.

Auch unterstellt Laura Thompson immer wieder in den Passagen, in denen es um Max Mallowan und die Ausgrabungen in Ägypten geht, dass Agatha Christie selbst vielleicht gar nicht so sehr an den Ausgrabungen interessiert war, sondern nur so viel Zeit mit ihrem Mann dort verbrachte, um eine gute Ehefrau zu sein. Das finde ich dann doch etwas unglaubwürdig angesichts der Tatsache, dass sich Agatha Christie nicht nur schon vor ihrer Ehe mit Archäologie beschäftigt, sondern auch aktiv an der Erhaltung der gefundenen Objekte beteiligt hat.

Was ich dann wieder wirklich interessant fand, war der Teil über Agatha Christies Probleme mit der Steuer. Obwohl sie immer versuchte, sich korrekt zu verhalten, gab es fast 30 Jahre lang Schwierigkeiten, weil erst ihre US-Einnahmen zurückgehalten, dann die Steuergesetze in Großbritannien geändert wurden. So detailliert hatte ich das noch nirgends aufgeführt gesehen und ich kann mir vorstellen, dass es für sie nicht einfach war, mit dieser Situation zu leben.

Insgesamt fand ich die Biografie wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen. Hier und da muss man als Leser vielleicht etwas kritisch an das Gelesene herangehen, da Laura Thompson nicht gerade objektiv über Agatha Christie schreibt und auch ständig betont, was für ein Genie die Schriftstellerin war, aber es gab so einige neue Informationen für mich und ich bin inzwischen sehr neugierig auf die Mary-Westmaecott-Romane geworden. Oh, ein Manko an dieser deutschen Ausgabe besteht für mich darin, dass die zitierten Passagen alle (natürlich) aus den Scherz-Veröffentlichungen der Romane übernommen wurden, da auch die Biografie bei Scherz erschienen ist, und ich bin mir sicher, dass so für den deutschen Leser einige Verweise verloren gegangen sind. Schließlich sind die Scherz-Überarbeitungen von Agatha Christies Werken aufgrund der diversen Kürzungen nicht gerade die beste Quelle …

Sabine Rennefanz: Eisenkinder – Die stille Wut der Wendegeneration

Auf „Eisenkinder“ bin ich über JED aufmerksam geworden, die mir das Gefühl gegeben hatte, dass dieses Buch einen ganz guten Eindruck in die Gedankenwelt derjenigen bietet, die in der DDR aufgewachsen sind und die beim Fall der Mauer noch am Anfang ihres beruflichen Lebens standen. Als jemand, der in einem kleinen Ort in NRW aufgewachsen ist, habe ich zwar damals die Berichterstattung im Fernsehen verfolgt, aber nicht sehr viel von der „Wiedervereinung“ mitbekommen. Ich habe mich über die Dinge aufgeregt, die man über die Treuhand erfahren hat, und in den ersten Jahren mit meinem Vater seine Verwandschaft in Leipzig besucht und wenig später während des Studiums Freundinnen gefunden, die aus Ostdeutschland kamen, aber Ost- oder Westherkunft war zwischen uns damals kein Thema. Es gab zu viele aktuellere Dinge, die uns damals beschäftigten – oder zumindest ging es mir so.

Nach dem Lesen von „Eisenkindern“ finde ich vieles befremdlich. Obwohl ich einige Sachen nachvollziehbar finde und in dem Alter zum Teil selbst das gleiche Gefühl von Hilflosigkeit und Verlorenheit verspürt habe, fallen mir vor allem die Unterschiede im Umgang mit diesen Gefühlen auf. Dabei sind es wieder einmal die – für die Autorin – Alltäglichkeiten, die mich irritiert haben, wie etwa die Selbstverständlichkeit, mit der Sabine Rennefanz als Schülerin die politisch erwünschten, aber unwahren Antworten bei einem wichtigen Gespräch mit einer Schuldirektorin gab. Diese … hm … Diplomatie hätte ich in dem Alter vermutlich nicht aufgebracht – vielleicht auch, weil es einfach in meinem Umfeld so nicht notwendig gewesen ist. So eine – recht nebensächlich geschilderte – Szene fand ich im Nachhinein deutlich beeindruckender als die lang und breit beschriebenen Entwicklungsphasen der Autorin.

Auf der anderen Seite sind es oft nicht die Ost-West-Unterschiede, die mich irritieren, sondern Charaktereigenschaften, die Sabine Rennefanz in dieser Biografie offenlegt. Das wiederum hat es mir sehr schwer gemacht, mich auf die Passagen zu konzentrieren, die mehr über den Wechsel von der DDR in einen – mit der Situation überforderten – deutschen Gesamtstaat erzählten. Trotzdem fand ich es ganz faszinierend, von der Verunsicherung der Autorin zu lesen. Mir war zwar bewusst, dass ein solch „kontrolliertes“ Leben wie in der DDR auch einiges an Sicherheit bietet – so betont Sabine Rennefanz immer wieder, dass ihr Leben allein schon durch die Aufnahme an einer Elite-Schule auf Jahre gesichert und festgelegt gewesen wäre. Dass daraus aber auch folgte, dass eine so chaotische und ungewisse Phase wie die Jahre der Wende Ängste und Überforderung hervorrufen kann, habe ich mir vorher nicht bewusst gemacht.

Dies wiederum hat wohl bei ihr (und anscheinend einer Menge anderer Jugendlicher) zu der Zeit dazu geführt, dass sie auf extreme Gruppierungen reingefallen ist. Bei Sabine Rennefanz war es die Religion, bei anderen – wie sie immer wieder einfließen lässt – rechtsradikale Gruppen. Aber ich fürchte, dass hier dann meine „West-Arroganz“ durchkommt, denn ich kann noch verstehen, dass man anfangs neugierig ist oder aus Protest mit radikalem Gedankengut kokettiert (und da ist es mir egal, ob religiös oder politisch oder sonst etwas) wird – ähnliches habe ich als Jugendliche genauso in meinem „Westumfeld“ erlebt. Aber mir fehlt das Verständnis für … hm … ein längeres Aufrechterhalten eines solchen Lebens. Letztendlich gibt es eben Erfahrungen, die ich nie werde nachvollziehen können, nicht nur weil sich eine Ost- und eine Westjugend doch in einigen gravierenden Dingen voneinander unterschieden haben.

Vielleicht liegt es an der persönlichen Perspektive der Autorin, vielleicht hätte mich das Buch mit weniger Fragen zurückgelassen, wenn „Eisenkinder“ ein neutrales Sachbuch und weniger ein biografischer Rückblick gewesen wäre oder wenn Sabine Rennefanz auch die Erfahrungen anderer Personen gesammelt und mit ihren eigenen verglichen hätte. Bei vielen Punkten frage ich mich, ob das ein „Ostjugendlicher“ genauso empfunden hat, der vielleicht in einem kritischeren Elternhaus oder in einer größeren Stadt aufgewachsen ist. Oder ob die Autorin vielleicht doch den Einfluss ihrer Eltern unterschätzt, denn am Ende erzählt sie von ihrem kleinen Bruder, der eine Zeitlang mit der rechten Szenen liebäugelte, weil die ihm damals so cool vorkam, und der von der Mutter anscheinend problemlos davon abgebracht werden konnte.

Ich hätte gern mehr darüber erfahren, gerade weil Sabine Rennefanz in ihrem Buch immer wieder auf die Zwickauer Terrorzelle zurückkommt. Auch fehlte mir bei vielen Passagen eine „objektivere“ Sichtweise auf das Geschehen: Die von Sabine Rennefanz geschilderten Vorkommnisse sind lange genug her, um auch mal kritischer mit den eigenen Gedanken und Gefühlen umgehen zu können. Immer scheint sie von sich auf andere zu schließen, andere Erlebnisse und Reaktionen auf die Wende als ihre eigenen scheint es nicht gegeben zu haben. Ebenso fehlt mir zumindest ein Absatz zum Thema Stasi/Bespitzelung oder ähnliches. Für Sabine Rennefanz scheint das nie ein Thema gewesen zu sein, aber selbst sie als „unbelastete“ Jugendliche oder später als eher „verstörte“ Studentin nach dem Mauerfall muss sich doch irgendwann einmal Gedanken darüber gemacht haben. In ihrem Buch gibt es keine Auseinandersetzung mit den negativen Seiten der DDR.

Doch auch wenn ich nach dem Lesen von „Eisenkindern“ unbefriedigt zurückbleibe, so hat das Buch doch dafür gesorgt, dass ich mich mit einer Freundin über diese Zeit (und das Buch) ausgetauscht habe, was ich sehr interessant fand.

Wer jetzt gerne einmal eine „Ostmeinung“ zu dem Buch lesen würde, der findet HIER JEDs Meinung zu dem Titel.

Agatha Christie: Meine gute alte Zeit

„Meine gute alte Zeit“ ist Agatha Christies Autobiografie, die sie 1950 mit sechzig Jahren begann und die erst nach ihrem Tod (sie starb 1976) veröffentlicht wurden. Dieser über 500 Seiten dicke Band bietet einem einen Einblick in die Zeit, in der sie aufgewachsen ist, ihre Familienverhältnisse und ihre Persönlichkeit. Wobei von Anfang an auffällt mit wieviel Zurückhaltung die Autorin auf viele Momente in ihrem Leben eingeht.

Ein großer Schwerpunkt dieses Buches liegt auf ihrer Kindheit und Jugend und man erfährt fast schon ein bisschen zuviel darüber, dass sie ein schüchternes Kind war, dass ihre Mutter sehr eigenwillige Ansichten über Agathas Erziehung hatte und wie sehr sie sich als kleines Mädchen mit sich und ihrer eigenen Fantasie beschäftigen musste. Letzteres war ihrer Meinung nach der Grundstein für ihre Karriere als Schriftstellerin. Ich glaube, Agatha Christie hat es genossen mit sechzig Jahren auf ihre Kindheit zurückzublicken – und diese auch ein wenig zu verklären.

Andere Bereiche ihres Lebens, wie zum Beispiel ihr aufsehnerregendes Verschwinden im Jahr 1926 (kurz nach dem Tod der Mutter und nachdem ihr Mann sie um die Scheidung gebeten hatte), klammert sie hingegen vollständig aus ihrer Erzählung aus. Ich finde das zwar verständlich, aber auch schade, dass sie die Gelegenheit nicht genutzt hat, um ihre Seite dieser Ereignisse darzustellen. Sehr spannend fand ich die Zeit nach ihrer Scheidung, als sie auf Reisen ging und die Welt für sich entdeckte.

Agatha Christie war schon früher viel gereist, aber als alleinstehende Dame war das Ganze doch ein deutlich aufregenderes Unternehmen – vor allem, da sie keine Lust hatte sich von den englischen Siedlern betüddeln zu lassen. Ich fand es faszinierend wie neugierig und abenteuerlustig die Autorin auf die fremde Umgebung zuging, aber auch spannend, dass bei aller Offenheit und Toleranz immer wieder kleine Vorurteile oder ein Hauch von Überheblichkeit in ihren Schilderungen durchschimmerten. Dabei bin ich mir sicher, dass sie (vor allem für eine Frau ihrer Zeit) unglaublich vorurteilsfrei und fortschrittlich war, aber die viktorianisch geprägten Ansichten ihrer Mutter und Großmutter haben wohl ebenso Spuren hinterlassen wie das vorherrschende britische Kolonialdenken. 😉

Ihre Romane spielen in „Meine gute alte Zeit“ eine eher geringe Rolle, Agatha Christie erwähnt nur nebenbei, dass sie zu einer bestimmten Zeit an diesem oder jenen Roman gearbeitet hat, dass sie durch einen Bekannten zu einer Geschichte inspiriert wurde oder wie sehr ihr der Verdienst eines Romans geholfen hat, wenn sie aus irgendeinem Grund Geld benötigte. Ich muss zugeben, dass ich von sehr viele Eigenarten Agatha Christies mit einem Schmunzeln gelesen habe, weil mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf schoss „Das kenne ich von mir!“ – leider haben diese Ähnlichkeiten nicht dazu geführt, dass ich eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde. 😀

Auch wenn sich der Anfang etwas hinzieht, so fand ich „Meine gute alte Zeit“ hochinteressant – nicht nur als Autobiografie, sondern auch als Abbild eines Lebens vor den beiden Weltkriegen, einer Zeit, in der ein Gentleman oder eine Dame genau wussten, was sich gehört und was nicht, als man als junge Frau zwar mit einem Mann alleine Golfspielen, aber nicht in einem Hotel Tee trinken durfte, als es noch keine Flugzeuge gab und ein Mädchen eine Saison in London (wenn das Geld reichte, ansonsten ging es eben ins Ausland) erlebte, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden … Mir hat das Lesen viel Spaß gemacht, ich habe ein paar neue Dinge über eine meiner Lieblingsautorinnen erfahren und wieder einiges über die Zeit zwischen 1890 und 1960 gelernt.

Emily Wu: Feder im Sturm

„Feder im Sturm – Meine Kindheit in China“ (oder wie es im englischen noch etwas gelungener untertitelt wird: „A Childhood lost in Chaos“) ist ein biografischer Roman von Yimao (Emily) Wu, die während Maos Kulturrevolution aufgewachsen ist. Ich lese sehr gern so persönliche Berichte über geschichtliche Ereignisse, denn das lässt sie für mich greifbarer und erlebbarer werden. Und da die Kulturrevolution vor meiner Geburt stattfand, hatte (und habe) ich in diesem Bereich doch eine erschreckende Wissenslücke. Natürlich bin ich grob darüber informiert, was Mao damit bezweckte und welche Folgen diese für China hatte, aber die genaueren Zusammenhänge und Daten für eine detaillierter zeitliche Zuordnung haben mir lange Zeit gefehlt.

Durch Yimaos Augen erlebt der Leser von „Feder im Sturm“ die vorhergehenden Hungerwinter in China mit und wie ihr Vater Jahre in einem Straflager verbrachte, weil er in Amerika studiert hatte. Als er endlich wieder als Professor an einer Universität arbeiten darf, ist er schnell beliebt bei seinen Studenten, denen er die englische Literatur näher bringt. Doch kurz darauf verwandeln sich diese netten Studenten in einen unberechenbaren Mob, der verwüstend und mordend durch die Straßen zieht. Genauso wie für die junge Yimao gibt es für den Leser so viele Geschehnisse, die mit dem Verstand nicht nachvollziehbar sind. Die Gewalt, die von diesen gebildeten Menschen ausgeht, die Ächtung von Kultur, Literatur und den Traditionen, sind ohne das Wissen um die vorhergehende Propaganda kaum zu verstehen.

Die Familie Wu wird später auf’s Land verbannt, wo sie weiterhin der Willkür andere Menschen ausgesetzt ist. Für Yimao bedeuten diese politischen Wendungen der Verlust der Kindheit – und dabei hatte es ein Mädchen in dieser Zeit in China eh schon nicht einfach. Ich weiß gar nicht, was mich mehr entsetzt hat: Die politischen Vorgänge oder die privaten Umstände für die Frauen. Was die Politik angeht und die Morde und Misshandlungen, die im Namen des Regimes verübt wurden, so möchte man doch immer glauben, dass soetwas nie wieder irgendwo auf der Welt möglich sein kann (was leider durch die Geschichtsschreibung widerlegt wird). Aber dass selbst in einem so intellektuellen und aufgeklärten Haushalt wie der Familie Wu so ein großer Unterschied zwischen den Söhnen und der Tochter gemacht wird, ist für mich fast genauso unbegreiflich.

„Feder im Sturm“ ist auf jeden Fall ein faszinierender, informativer und mitreißender Roman über eine Kindheit in China während der Kulturrevolution – und es wird bestimmt nicht das letzte Buch gewesen sein, dass ich zu diesem Thema lesen werde.