Schlagwort: Biografie

Margaret Powell: Below Stairs – The Bestselling Memoirs of a 1920s Kitchen Maid

Nachdem ich „The Cook’s Tale“ von Nancy Jackman gelesen hatte, war ich neugierig auf die Biografie von Margaret Powell, deren Lebensweg oberflächlich betrachtet dem von Nancy Jackman sehr ähnlich war. Auch Margaret Powell hat ihre Laufbahn als Köchin damit begonnen, dass sie als Küchenmädchen in einem Herrenhaus gearbeitet hat. Doch während Nancy Jackman grundsätzlich zufrieden mit ihrer Arbeit als Köchin war, hätte Margaret Powell lieber einen vollkommen anderen Weg eingeschlagen. Geboren wurde Margaret Powell als zweites von sieben Kindern eines Handwerkers in Hove, und als ältestes Mädchen war sie schon früh für die Versorgung ihrer jüngeren Geschwister verantwortlich. Angesichts des unregelmäßigen Einkommens ihres Vaters und der Tatsache, dass ihre Eltern so viele Kinder zu versorgen hatten, sah sich Margaret als Dreizehnjährige gezwungen, sich eine Arbeit zu suchen.

Nach einigen kurzfristigen Jobs landete Margaret mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal als Küchenmädchen in einem Herrenhaus. Dabei hatte sie wenig Glück mit der Köchin, unter der sie arbeiten musste, denn diese gab sich keine Mühe, ihrem Küchenmädchen irgendwelche Rezepte beizubringen oder ihr gar irgendwelche Tipps zu geben für eine eventuelle Zukunft als Köchin. Insgesamt fand ich es sehr faszinierend zu verfolgen, wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen waren, auf die Margaret Powell im Laufe der Zeit so traf. Von Herrenhäusern mit einigem Personal bis zu nicht mehr ganz so wohlhabenden Arbeitgebern, die mit zwei älteren Hausangestellten und einer Köchin auskommen mussten, war alles dabei.

Dabei scheint Margaret Powell ihre Arbeitgeber (von einer Ausnahme abgesehen) durchgehend verachtet zu haben. Jeder Absatz in „Below Stairs“ scheint nur so von einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit durchdrungen zu sein, das Margaret Powell bezüglich des Umgangs mit ihrem eigenen sozialen Stand zu empfinden schien. Natürlich hat sie recht damit, dass die Tatsache, dass sie als Tochter eines Handwerkers geboren wurde, niemandem das Recht gibt, sie wie einen minderwertigen Menschen zu behandeln. Und ja, es wäre definitiv fairer gewesen, wenn ihr Leben nicht so sehr von der Armut ihrer Eltern beherrscht worden wäre und wenn sie statt als Küchenmädchen zu arbeiten ihre Wunschausbildung als Lehrerin hätte machen können. Aber insgesamt wird die Lektüre des Buchs durch das permanente Beklagen dieser Umstände nicht gerade angenehmer. Außerdem fiel mir immer wieder auf, dass sie – von den wenigen Kolleginnen, die sie als Freundinnen bezeichnete, abgesehen – selbst anderen Angestellten keinerlei Respekt entgegenbrachte, vor allem, wenn diese sich mit ihren Arbeits- und Lebensumständen abgefunden hatten und versuchten das Beste daraus zu machen.

So war für mich der spannendste Aspekt beim Lesen letztendlich der Kontrast zwischen den Persönlichkeiten von Nancy Jackman und Margaret Powell, die natürlich ihre Biografien deutlich geprägt haben. Während Nancy ein braves und schüchternes Mädchen vom Land war, das sich in den ersten Arbeitsjahren kaum zu trauen schien, überhaupt nach einem freien Tag zu fragen, scheint Margaret Powells eher städtisches Aufwachsen (und die Tatsache, dass sie das älteste Mädchen im Haus ihrer Eltern war) dafür gesorgt zu haben, dass sie – trotz aller Widrigkeiten – genügend Selbstbewusstsein hatte, um Risiken einzugehen und das Gefühl zu haben, dass sie Besseres verdient hätte, als ihr Leben damit zu verbringen, den Launen ihrer Herrschaften entsprechen zu müssen. So bietet „Below Stairs“ nicht nur einige Informationen über die Arbeitsbedingungen als Küchenmädchen bzw. Köchin zu dieser Zeit, sondern auch eine Menge Gedanken von Margaret Powell zum Leben ihrer Arbeitgeber – wobei sie besonders von deren sexuellen Eskapaden geradezu besessen zu sein schien. Ich muss gestehen, dass ich das lieber gelesen und deutlich amüsanter gefunden hätte, wenn ich Margaret Powell sympathischer gefunden hätte. So fragte ich mich relativ häufig, wie sehr ihr (überaus verständlicher) Wunsch nach einer Flucht aus diesem Leben ihre Perspektive getrübt hat.

Nancy Jackman (with Tom Quinn): The Cook’s Tale – Life below stairs as it really was

„The Cook’s Tale – Life below stairs as it really was“ ist die Biografie von Nancy Jackman, die aus Interviews entstanden ist, die die ehemalige Köchin mit dem Autor Tom Quinn in den vier Jahren vor ihrem Tod 1989 geführt hat. Nancy Jackman wurde 1907 in einem kleinen Dorf in Norfolk geboren. Ihr Vater war ein Landarbeiter, ihre Mutter ein ehemaliges Dienstmädchen und Nancy hatte das Glück, das einzige Kind ihrer Eltern zu sein, so dass sie relativ viel Aufmerksamkeit von ihnen bekam und trotz der Armut ihrer Eltern eine glückliche Kindheit hatte. Da ihrer Mutter bewusst war, dass die größte Chance ihrer Tochter darin lag, eine Anstellung als Haus- oder Küchenmädchen zu finden, hatte Nancy von ihr schon früh die grundlegenden Dinge beigebracht bekommen, die sie für so eine Stelle benötigen würde. Mit 14 Jahren trat Nancy ihre erste Anstellung als Küchenmädchen an, aber schon vorher hatte sie einen Job, in dem sie einen Tag in der Woche als Dienstmädchen für einen älteren Landwirt in der Nachbarschaft ihrer Eltern arbeitete.

In vielen kleinen und größeren Anekdoten erzählt Nancy Jackman in „The Cook’s Tale“ von ihrem Weg vom unerfahrenen Küchenmädchen zu einer Köchin, die für mehrere Angestellte verantwortlich war. Dabei bietet das Buch nicht nur einen interessanten Einblick in das Leben „below stairs“, sondern zeigt auch die unglaubliche Entwicklung, die es zwischen den 1920ern und 1950ern für das gesellschaftliche Leben (sowohl der Herrschaft als auch ihre Dienerschaft) gegeben hat. Am Ende des Buches bleibt mir vor allem der Gedanke daran, wie einsam das Leben als Hausangestellte gewesen sein muss, und wie unsicher sich diese Menschen Tag für Tag gefühlt haben müssen, da fast jeder Aspekt ihres Lebens in den Händen von Personen lag, die vollkommen willkürlich mit ihnen umgehen konnten. Eine der größten Ängste, die Nancy Jackman hatte, war es, im Alter im Arbeitshaus zu landen und gezwungen zu werden, Straßen zu pflastern, so wie die alten Frauen, die sie als Kind gesehen hatte.

„The problem is that when you become a cook you worry too much and get stressed that things won’t come out right and it makes you crotchety. If things don’t come out right then cook is the first to hear about it and one bad meal could lead to the sack, so you end up living on your nerves. (Seite 130)“

Freundschaften zwischen den Bediensteten waren verpönt und es gab keinerlei Anlaufstelle für die jungen Angestellten, um sich Rat oder gar Hilfe zu holen. Wenn nicht eine Vorgesetzte großzügig genug war, um dem unerfahrenen Küchenmädchen zur Seite zu stehen und ihr Wissen weiterzugeben, dann gab es keinerlei Chance, sich weiterzuentwickeln und eventuell eine bessere Position einzunehmen. Nancy selber hatte solches Glück und bekam von der Köchin, unter der sie als erstes gearbeitet hat, den Tipp, ein Notizbuch zu führen, in dem sie alle Küchenkniffe und alle Rezepte sammeln konnte. Im Laufe ihres Arbeitsleben hat ihr dieses Notizbuch mit all den darin gesammelten Rezepten so einige Türen geöffnet, aber das änderte nichts daran, dass ihr Leben hart und aufreibend war. In extremen Zeiten hieß es für Nancy Jackman, 16 Stunden am Stück zu arbeiten, nur um mitten in der Nacht geweckt zu werden, weil einer ihrer Arbeitgeber etwas zu essen oder trinken haben wollte, und am Ende der Woche konnte sie froh sein, wenn sie einen halben Tag frei bekam.

Natürlich haben sich die Arbeitsbedingungen für Bedienstete im Laufe der Jahrzehnte geändert. Es wird in „The Cook’s Tale“ deutlich, was für ein Einschnitt der Zweite Weltkrieg in dieser Beziehung war. Die „Herrschaften“ wurden ärmer und konnten sich weniger Personal leisten, während den Bevölkerungsschichten, die traditionell für diese Herrschaften gearbeitet haben, neue Berufe offenstanden – Berufe, die mehr Sicherheit, mehr Einkommen und deutlich weniger Arbeitsstunden mit sich brachten. All das hat auch für Nancy Jackson dazu geführt, dass ihr Leben zum Ende ihrer Arbeitszeit einfacher wurde und dass sie wählerischer sein konnte bei der Wahl ihrer Arbeitsstellen, aber bei mir bleibt nach dem Lesen von „The Cook’s Tale“ trotzdem vor allem diese Angst vor einem Leben in Armut hängen, die die ersten Jahrzehnte ihres Lebens beherrscht habt. Eine Angst, die – obwohl Nancy Jackman immer wieder betont, dass ihre Eltern sie geliebt haben – ihre Mutter dazu brachte, ihre minderjährige Tochter in den Dienst eines Landwirtes zu stellen, von dem sie nur hoffte, dass er sie am Ende heiraten müsste.

Ein paar Leseeindrücke

Da ich in diesem Monat bislang vor allem zu sehr kurzen Büchern, Comics und Manga und „netten“ Romanen gegriffen habe, komme ich zahlenmäßig in den ersten zwei Februarwochen sogar auf eine ganz befriedigende Anzahl an gelesenen Titeln. (Ich darf nur nicht so genau hinschauen, wenn es um die Seitenzahlen geht. *g*) Allerdings bieten diese Titel nur selten genügend Stoff für eine richtige Rezension, obwohl ich es schade fände, wenn sie keine Erwähnung auf dem Blog bekommen würden. Also gibt es hier nach sehr langer Zeit mal wieder eine Sammlung von Leseeindrücken:

W. R. Gingell: Gothel and the Maiden Prince
Im vergangenen Jahr habe ich von R. W. Gingell schon die „Shards of a Broken Sword“-Trilogie gelesen und war fasziniert davon, wie die Autorin mit klassischen Fantasy-/Märchenthemen umgeht. Ich mochte ihre Figuren und die ungewöhnlichen Wendungen, die ihre Geschichten nahmen, weshalb einige andere Bücher von der Autorin auf dem Merkzettel gelandet sind. „Gothel and the Maiden Prince“ ist eine Rapunzel-Variante, bei der Prinz Lucien (von seinem Vater und seinen Brüdern nur verächtlich Maiden Prince genannt, weil er ihnen nicht „männlich“ genug ist) sich aufmacht, um eine Prinzessin aus dem magischen Turm einer bösen Zauberin zu befreien. Doch da Lucien jemand ist, der Fragen stellt und zuhört, findet er schnell heraus, dass die Zauberin gar nicht so böse ist, und dass die Prinzessin wild entschlossen ist in der Obhut ihrer Entführerin zu bleiben. Die gerade mal 131 Seiten lange Geschichte dreht sich vor allem darum, wie sich Prinz Lucien und die Zauberin Gothel besser kennenlernen, wobei es so einige amüsante Szenen zwischen den beiden, aber auch mit den Bewohnern eines angrenzenden Dorfes gibt. Abgesehen von einigen (sehr vagen) Erwähnungen rund um Kindesmissbrauch (der in der Vergangenheit liegt und dessen Opfer inzwischen in Sicherheit ist) ist „Gothel and the Maiden Prince“ einfach nur eine wunderbar wohltuende Geschichte, die mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Lydia M. Hawke: A Gathering of Crones (Crone Wars 2)
„A Gathering of Crones“ ist die Fortsetzung von „Becoming Crone“ das mir im vergangenen Sommer viel Freude bereitet hatte. Während die Protagonistin Claire im ersten Band damit fertig werden muss, dass sie eine Hexe ist, muss sie nun damit umgehen lernen, dass ihre Magie nicht wie erwartet funktioniert und dass ihre Position sie in das Zentrum eines Krieges rückt. Außerdem lernt Claire ihre Kolleginnen kennen und hier mochte ich es sehr, dass all diese Frauen schon älter sind, mitten im Leben stehen und gelernt haben mit Rückschlägen und sich nicht erfüllenden Erwartungen umzugehen. Dieser Band ist weniger ruhig als der erste Teil, da das Leben für Claire inzwischen deutlich gefährlicher ist, aber ich mochte es all die Details zur Magie zu lesen und zu sehen wie die Protagonistin so langsam in ihre Rolle hineinfindet. Auch wenn ihr letzteres nicht gerade einfach gemacht wird, weil ihre Position sehr ungewöhnlich ist und die Personen um sie herum nicht so recht wissen, wie sie mit ihr umgehen sollen. Und weil ich diesen Band so gern gelesen habe und sehr neugierig auf die weiteren Entwicklungen bin, habe ich prompt gleich den dritten Teil vorbestellt, auch wenn er erst im Herbst erscheinen wird.

Farrah Rochon: The Boyfriend Project
Über „The Boyfriend Project“ von Farrah Rochon bin ich gestolpert, weil die Autorin und ihre Romane mit Talia Hibbert verglichen wurden. „The Boyfriend Project“ dreht sich um Samiah, die dank einer Frau, die ihr aktuelles Date auf Twitter live kommentiert, herausfindet, dass ihr Freund Craig sich auch noch mit anderen Frauen trifft. Genau genommen trifft sich Craig auch noch mit Taylor und London (die mit ihren Tweets das Ganze angestoßen hatte). Was mir an der Geschichte gut gefiel, ist, dass Craig danach eigentlich kein Thema mehr ist, wenn man davon absieht, dass die Konfrontationsszene mit ihm im Restaurant auf Youtube viral ging und so Samiah, Taylor und London zu einer kurzzeitigen und ungewollten Berühmtheit verhilft. Stattdessen freunden sich die drei Frauen an und beschließen sich gegenseitig dabei zu helfen, sich in den kommenden Monaten um sich selbst zu kümmern, die Suche nach einem Freund sein zu lassen und dafür Dinge zu tun, die sie bislang immer aufgeschoben haben. Was natürlich bedeutet, dass Samiah kurz darauf einen neuen Arbeitskollegen kennenlernt, der einfach perfekt zu sein scheint … Alles in allem fand ich „The Boyfriend Project“ wirklich nett, ich mochte die Figuren, ich mochte die Grundidee und es gab tolle Szenen zwischen Samiah und ihrem Arbeitskollegen Daniel, in denen sich die beiden besser kennenlernten und langsam aufeinander zugingen. Trotzdem muss ich sagen, dass Farrah Rochon für mich nicht an Talia Hibbert herankommt, denn ich fühlte mich zwar ganz gut unterhalten von ihrem Roman, aber ich war nicht emotional involviert. Ich war nicht wirklich gespannt darauf, wie die Handlung weitergeht, ich habe nicht um die Beziehung von Samiah und Daniel gebangt und ich bin nicht wirklich neugierig darauf, wie es mit Taylor und London in den nächsten Bänden weitergehen wird.

Bali Rai: The Royal Rebel – The Life of Suffragette Princess Sophia Duleep Singh
„The Royal Rebel“ ist ein biografischer Roman für Kinder über das Leben von Prinzessin Sophia Duleep Singh. Sophia Alexandra Duleep Singh war die jüngste Tochter des letzten Sikh-Maharadschas von Punjab und wuchs in Großbritannien auf, wo sie vor allem für ihr Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen bekannt wurde. „The Royal Rebel“ erzählt in einfachen und kindgerechten Sätzen die Lebensgeschichte der Prinzessin. Angefangen bei ihrer Kindheit in dem luxuriösen Anwesen Elveden, über die Zeit, in der die Schulden ihres Vaters die Familie außer Landes trieb, über ihre Suche nach ihren Wurzeln in Indien bis zu dem Tag, an dem Großbritannien Frauen das Wahlrecht gewährt. Dabei lässt Bali Rai zwar sehr viele Details über das Leben von Sophia Duleep Singh aus, bietet aber meinem Gefühl nach für junge Leser.innen einen guten und altersgemäßen Einblick in das Leben der Prinzessin, die Folgen, die die britische Herrschaft für Indien hatte, und in die Herausforderungen, die die Frauen, die für ihre Rechte kämpften, zu bewältigen hatten. Ich mochte, wie viele kritische Themen in dem Buch angeschnitten werden, obwohl es für jüngere Kinder geschrieben wurde und nicht sehr umfangreicht ist.

K. O’Neill: The Tea Dragon Society 2 – The Tea Dragon Festival (Comic)
Im Prinzip könnte ich zu „The Tea Dragon Festival“ einfach meine Rezension zum ersten Tea-Dragon-Comic kopieren, denn dieser Band ist genauso bezaubernd, wohltuend und hübsch gezeichnet wie der erste. Die Handlung spielt deutlich vor „The Tea Dragon Society“ und dreht sich um Eriks Nichte Rinn, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem kleinen Dorf in den Bergen lebt und hofft, dass sie eines Tages eine Ausbildung als Köchin beginnen kann. Die Tea Dragons spielen in dieser Geschichte keine so große Rolle, dafür gibt es eine andere Drachen-Variante und einen Einblick in das Leben von Erik und Hesekiel, als diese noch als Kopfgeldjäger aktiv waren. Hach, ich mag die Tea-Dragon-Geschichten und da es noch eine Weile dauern wird, bis auch der dritte Comic als Taschenbuch erscheint, muss ich mich wohl damit begnügen, dass ich in den nächsten Tagen den ersten Band mal wieder aus dem Regal ziehe.

Elizabeth Hawes: Zur Hölle mit der Mode

Vor über achtzig Jahren erschien mit „Fashion is Spinach“ ein Titel, in dem die Designerin Elizabeth Hawes auf die Zeit zurückblickt, die sie in Paris und den USA mit dem Studium und dem Entwerfen von Mode verbracht hat. Mit „Zur Hölle mit der Mode“ ist im August 2019 die von Constanze Derham übersetzte deutsche Version des Buches herausgekommen (und die durfte dann erst einmal ein Jahr auf meinem SuB liegen, bevor ich sie endlich las 😉 ). Ich habe ja schon mehrfach auf diesem Blog erzählt, dass ich an aktueller Mode so gar nicht interessiert bin, dass ich es aber immer wieder spannend finde, mich mit Mode-Geschichte zu beschäftigen. Gerade in den Jahrzehnten vor den beiden Weltkriegen ist so viel im Bereich Mode passiert, was ich wirklich faszinierend finde, und in „Zur Hölle mit der Mode“ bekommt man einiges mit, was in den 1920er-Jahren hinter den Kulissen der Pariser Designhäuser passierte und in den 30er-Jahren rund um die Mode in den USA.

Mit Anfang zwanzig ging Elizabeth Hawes direkt nach ihrem Collegeabschluss nach Paris, in der Hoffnung, einen Weg zu finden, um als Modedesignerin arbeiten zu können. Ihr war natürlich klar, dass niemand eine unbekannte Amerikanerin engagieren würde, so dass sie jeden Job annahm, der es ihr erlaubte, die Pariser Modewelt zu studieren. Vom Juli 1925 bis August 1928 lebte sie in Frankreichs Hauptstadt und arbeitete unter anderem als Mode-Journalistin, als Mode-Zeichnerin (was bedeutete, dass sie bei den Modeschauen die Entwürfe der großen Designer „kopierte“) und letztendlich auch als Designerin, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass es sie langfristig nicht reizte, „französische Mode“ für die High Society zu entwerfen. Stattdessen versuchte Elizabeth Hawes in den folgenden neun Jahren in New York als Designerin mit einer eigenen Kollektion und hochwertigen Maßanfertigungen Fuß zu fassen. Doch um diesen Traum zu finanzieren, musste sie immer wieder Abstecher in die Welt der Massenproduktion und Kaufhäuser machen, was bedeutete, dass sie auch diese Seite der Modeherstellung überraschend gut kennenlernte.

All diese Erfahrungen, die Elizabeth Hawes in dieser Zeit gesammelt hat, führen dazu, dass „Zur Hölle mit der Mode“ zu einer faszinierenden und unterhaltsamen Abrechnung mit der Welt der Mode und den unterschiedlichsten Produzenten und Anbietern wird. Die Autorin schreibt über den Unterschied von Stil und Mode, über die Arbeitsbedingungen, über die Erwartungen der Käuferinnen und die Geschäftsgebaren der verschiedenen Betriebe, die an der Herstellung von Kleidung beteiligt sind. Dabei hat Elizabeth Hawes viele amüsante Anekdoten zu erzählen, aber auch so einige Daten und Fakten zu präsentieren, die einem beim Lesen zu denken geben. Sie rechnet auf, welche Materialien zum Beispiel für ein hochwertiges Kleid benötigt werden, welche Arbeitszeit in die Herstellung fließt, welche zusätzlichen Elemente verwendet werden und zeigt so auf, wie der Preis für ein qualitatives Kleidungsstück entsteht.

Immer wieder geht Elizabeth Hawes darauf ein, welche Tricks Produzenten anwenden, um Material zu spare, und wie sie auf minderwertige Stoffe zurückgreifen, um ihre Kleidungsstücke möglichst billig herstellen zu können – und welche Folgen das für die Käuferinnen dieser Produkte hat. Sie scheut auch nicht davon zurück zu beschreiben, unter welche Bedingungen die Näher.innen arbeiten und welchen Lohn sie für ihre hochwertige Arbeit bekommen. Dabei ist es erschreckend, wie vertraut diese Beschreibungen klingen, auch wenn heutzutage die Näher.innen nicht mehr im Umland von Paris, sondern in Bangladesch oder ähnlichen Ländern leben. Für mich war „Zur Hölle mit der Mode“ wirklich eine spannende Lektüre, denn selbst Elemente, die ich schon kannte, bekamen durch die persönliche Perspektive der Autorin noch einmal eine andere Note.

Auch muss ich zugeben, dass ich es sehr angenehm fand, mal beim Lesen ein Buch in der Hand zu halten, das sich so wertig anfühlt. Normalerweise lese ich ja doch vor allem (Mass-)Paperbacks und im Vergleich dazu fühlen sich Buchleinen, ein gerundeter Rücken und qualitativeres Papier doch gleich ganz anders an. Überhaupt ist diese Ausgabe wirklich liebevoll hergestellt und bietet nicht nur Grafiken aus Modeveröffentlichungen, die zwischen 1882 und 1922 erschienen sind, sondern auch einen Überblick, der die von Elizabeth Hawes erwähnten Namen und Geschäfte einordnet, und ein Nachwort der Übersetzerin Constanze Derham. Ebenfalls muss ich betonen, dass man beim Lesen wirklich merkt, dass sich Constanze Derham sehr gut mit Mode (und den verwendeten Materialien) auskennt und dementsprechend auch das dazugehörige Vokabular beherrscht.

Umso bedauerlicher fand ich es, dass wohl einige Kapitel in der zweiten Hälfte des Buches beim Korrekturlesen im Bereich Kommasetzung ein bisschen zu kurz gekommen sind. Bei ein paar wenigen Kommafehlern hätte ich nichts gesagt, aber hier gab es ein paar Kapitel, die für mich deswegen nicht flüssig zu lesen waren – und ich bin jemand, dem das nur auffällt, wenn wirklich grundlegende Kommaregeln missachtet werden. Von diesem kleinen Makel abgesehen hat mir „Zur Hölle mit der Mode“ rundum wirklich sehr gut gefallen und mir Lust gemacht, mich wieder mehr mit dem Thema Mode(geschichte) zu beschäftigen. Nur gut, dass ich noch „Berlin Hausvogteiplatz – Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode“ von Brunhilde Dähn und „Creating the Illusion“ auf dem Sachbuch-SuB liegen habe.

Tom Reiss: The Black Count …

… Napoleon’s Rival, and the Real Count of Monte Cristo – General Alexandre Dumas

„The Black Count“ von Tom Reiss gehört zu den Büchern, bei denen ich mal wieder nicht weiß, wie ich darauf gestoßen bin. Aber ich bin sehr, sehr froh, dass ich darauf aufmerksam wurde, denn diese Biografie las sich überaus spannend (auch wenn ich wegen der relativ kleinen Schrift, der Masse an Informationen und diversen Unterbrechungen recht lange dafür gebraucht habe). General Thomas-Alexandre „Alex“ Dumas war der Vater des berühmten Schriftstellers Alexandre Dumas, und er muss eine überaus beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Alex‘ Vater war der französische Adelige Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie, während seine Mutter Marie Cessette (Dumas) nicht nur eine schwarze Frau war, sondern als Sklavin auf der Insel Saint-Domingue lebte, wo Alexandre de la Pailleterie auf der Plantage seines Bruders Charles Zuflucht gesucht hatte. Als Sohn einer versklavten Frau gehörte auch Alex zum Besitz seines Vaters, und obwohl er anscheinend eine relativ privilegierte Kindheit auf Saint-Domingue gehabt hat, wurde er (ebenso wie seine Geschwister, von denen es keinerlei weitere Aufzeichnungen gibt) von seinem Vater verkauft, als dieser für seine Rückkehr nach Frankreich Geld benötigte.

Erst ein Jahr später betrat Alexandre Dumas als Vierzehnjähriger französischen Boden, um in den folgenden Jahren (nachdem sein Vater ihn zurückgekauft und offiziell die Vaterschaft anerkannt hatte) nicht nur die entsprechende Ausbildung zu genießen, sondern auch das Leben eines Sohns aus adeligem Hauses zu führen. Nach dem Tod seines überschuldeten Vaters war Alex gezwungen, sich (erneut) seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, und ging zum Militär, wo er zu Beginn der Französischen Revolution eine unglaubliche Karriere hinlegte. Erst Napoleon Aufstieg (sowohl innerhalb des Militärs als auch später als selbsternannter Konsul) beendete Alex Dumas‘ erfolgreiches Leben als General. Stattdessen durchlebte er eine Kriegsgefangenschaft, die ihn seine Gesundheit kostete und durch die seinen Sohn zu der Handlung vom „Grafen von Monte Christo“ inspiriert wurde, und verstarb wenige Jahre später verarmt in einem Frankreich, das unter Napoleons Führung seinen schwarzen Bürgern all die zu Beginn der Revolution erstrittenden Rechte wieder nahm.

Ich muss gestehen, dass ich am Anfang des Buches etwas überrascht davon war, dass man erst einmal so viel über das Leben von Alexandre de la Pailleterie erfährt und dass es so lange dauert, bis man zu Alex Dumas kommt. Aber ohne all die Höhen und Tiefen, die das Leben seines Vaters genommen hat, wäre Alex Dumas wohl niemals General der französischen Revolutionsarmee geworden. Außerdem baute dieser Teil rund um Pailleterie die Grundlagen auf für die weiteren Entwicklungen – sowohl die persönlichen von Alex Dumas, als auch die politischen rund um Frankreich und all die anderen europäischen Länder, mit denen Frankreich im Krieg lag. Auch haben mich zu Beginn die immer wieder von Tom Reiss gezogenen Vergleiche zwischen den europäischen Kolonialmächten und den Frühphase der USA etwas irritiert, obwohl ich diese grundsätzlich bei einem US-Autor verständlich finde. Im Laufe des Buches wird aber deutlich, wie sehr die Entwicklungen in den USA die Urväter der Französischen Revolution inspiriert hatten.

Beim Lesen fand ich nicht nur das Leben von General Alex Dumas überaus spannend, sondern auch die Quellen, die Tom Reiss für sein Buch herangezogen hat. Denn der Autor hatte nicht nur Unmengen an Materialien in den diversen Archiven gefunden und Zugriff auf noch erhaltene private Briefe der Familie Dumas gehabt, sondern auch einige seiner Darstellungen auf Alexandre Dumas‘ Beschreibungen seines Vaters basieren lassen – wobei er immer in Fußnoten anmerkt, ob er weitere Belege für die geschilderten Szenen gefunden hat oder nicht und aus welcher Quelle Alexandre Dumas selbst wohl diese Anektdote erzählt bekommen hatte, da sein Vater starb, als der Schriftsteller gerade mal vier Jahre alt war. Ich muss gestehen, dass ich immer das Gefühl hatte, dass die Französische Revolution in meiner Schulzeit unangemessen viel Raum eingenommen hatte, aber beim Lesen von „The Black Count“ habe ich so viele Zusammenhänge gelernt und so viele Dinge erfahren, die ich vorher nicht wusste, dass ich diese Biografie nicht nur als spannend, sondern auch als ungemein lehrreich empfunden habe.

Das Leben von Alex Dumas war so sehr mit der Französischen Revolution verwoben, dass es unmöglich ist, seine Biografie zu schreiben, ohne auf die verschiedenen Entwicklungen der Revolution einzugehen, die Einfluss auf das Leben schwarzer Menschen in Frankreich und den französischen Kolonien hatte. Neu war für mich zum Beispiel, dass eine der treibenden Kräfte in der Anfangszeit der Revolution eine Gruppierung war, die für die Abschaffung der Sklaverei war. So fand ich es großartig, davon zu lesen, wie sehr sich das Leben von Schwarzen, People of Color und sogar Juden in den ersten Jahren der Französischen Revolution verbesserte, und umso bedrückender war es dann, zu erfahren, wie sehr Napoleons Rassismus all diese Fortschritte wieder rückgängig gemacht hat. „The Black Count“ hat mir also nicht nur einen faszinierenden Mann nähergebracht, von dem ich vor diesem Buch noch nichts gehört hatte, sondern auch sehr viele neue Einblicke rund um die Französische Revolution präsentiert.

Nachdem Tom Reiss in diesem Buch immer wieder auf die Werke von Alexandre Dumas verwiesen hat – wobei vor allem „Der Graf von Monte Christo“ regelmäßig erwähnt wurde -, habe ich das Gefühl, ich sollte im kommenden Jahr mal einen Reread von Dumas‘ Büchern einlegen. Das letzte Mal, als ich zu Alexandre Dumas‘ Büchern gegriffen habe, war, als ich ein Teenager war, und das ist doch schon eine ganze Weile her, so dass ich mich an keinerlei Details mehr erinnere. Außerdem habe ich von Tom Reiss noch den Titel „The Orientalist: In Search of a Man caught between East and West“ auf meine Merkliste gesetzt, weil der auch überaus interessant klingt und ich nach „The Black Count“ sagen kann, dass der Autor in der Lage ist, mir historische Persönlichkeiten so nahezubringen, dass ich nicht nur die Person, sondern auch all die politischen Umstände, in die sie verwickelt ist, spannend finde.

Tuula Karjalainen: Tove Jansson – Work and Love

Auf die Biografie „Tove Jansson – Work and Love“ von Tuula Karjalainen bin ich aufmerksam geworden, als jemand auf Twitter ein Foto mit der deutsche Ausgabe („Tove Jansson – Die Biografie“) zeigte. Da die deutsche Veröffentlichung mehr als das doppelte der englischen kostet, habe ich mir dann aber lieber die englische Variante zugelegt – übersetzt sind ja eh beide Titel aus dem finnischen Original. Ich muss dabei noch anfügen, dass ich zwar aus diversen Artikeln und Fernsehberichten über Tove Jansson sowie biografisch angehauchten Romanen von der Autorin ein bisschen über ihr Leben, ihre Beziehung zu Tuulikki Pietilä, ihre Familie und die Arbeit, die vor allem ihr jüngerer Bruder Lars zu den Mumins beigetragen hat, wusste, aber das waren bis zum Lesen dieser Biografie wirklich nur Bruchstücke.

Da Tove Jansson sich als Künstlerin auf sehr vielen Gebieten betätigt hat, hat die Autorin Tuula Karjalainen ihre Biografie thematisch geordnet. So beginnt „Tove Jansson – Work and Love“ mit dem Kennenlernen ihrer Eltern Signe Hammarsten-Jansson (Ham) und Viktor Jansson (Faffan), ihrer beider Arbeit als Künstler (sie war Illustratorin, er Bildhauer) und ihrem Verhältnis zueinander. Die Passagen über Tove Janssons Kindheit werden vor allem davon geprägt, wie sehr die Kunst ihrer Eltern Einfluss auf die Entwicklung des jungen Mädchens hatte und wie der tägliche Umgang mit den verschiedenen künstlerischen Aspekten bei Tove für ein gutes Fundament für ein Kunststudium gesorgt hat. In den folgenden Kapiteln geht es dann um Tove Janssons Beziehungen zu Künstlerkollegen, die zum Teil zu lebenslangen Freundschaften (und mehr) führten, um ihre Arbeit als Malerin, als Grafikerin und Illustratorin, als Kinderbuch-, Roman- und Theaterautorin, als Cartoonistin und all die anderen Dinge, die diese faszinierende Frau in ihrem Leben getan hat.

Ich fand es ungemein spannend, den Lebensweg von Tove Jansson zu verfolgen und mehr über ihre Freundschaften und den Einfluss, den die Männer und Frauen in ihrem Leben auf ihr Werk hatten, zu erfahren, aber auch über die Dinge, die sie immer wieder entmutigt haben und dafür sorgten, dass sie an sich und ihren Fähigkeiten zweifelten. Es war spannend zu sehen, wie viele Elemente aus ihren Romanen mit ihrer Biografie in Verbindung gebracht werden können, und ich fand es toll, wenn in dem Buch mal wieder ein Zitat aus einem Brief oder einem anderen Text von Tove Jansson vorkam, so dass ich ein Gefühl für ihre Persönlichkeit bekam. Außerdem gibt es in dieser Veröffentlichung unglaublich viele Bilder von Gemälden und Zeichnungen, die sie angefertigt hat oder die sie zeigen, so dass man einen wirklich guten Eindruck von der Bandbreite ihres Werks bekommt . Dazu gibt es noch Fotos von Tove (und den Menschen um sie herum), so dass man sie auch einmal aus der Perspektive von Menschen, die sie persönlich kannten, betrachten konnte.

Trotz all dieser wirklich interessanten und faszinierenden Elemente war das Lesen dieser Biografie leider kein ungetrübtes Erlebnis. So schön es war, so viele Bilder präsentiert zu bekommen, so gab es im Text leider keinerlei Hinweise darauf, wo man die darin erwähnten Darstellungen finden konnte. So habe ich mich dabei ertappt, wie ich verzweifelt die beschriebenen Elemente eines Zeitungscovers auf dem direkt neben dem Text abgebildeten Bild gesucht habe, weil mir nicht bewusst war, dass das erwähnte Cover erst einige Seiten später im Buch auftauchen würde. Ständig musste ich schauen, ob ich irgendwo später noch die beschriebenen Zeichnungen und Gemälde finde. Dabei wäre es so einfach gewesen, eben einen kleinen Vermerk in den Text (oder als Fußnote) zu setzen mit einem Hinweis darauf, wo die Abbildung zu finden ist (oder eben auch darauf, dass man dafür eben keine Bildrechte bekommen hat und man sich deshalb mit der Beschreibung begnügen muss).

Außerdem hat die thematische Aufteilung, die Tuula Karjalainen für die Biografie vorgenommen hat, dafür gesorgt, dass ich regelmäßig entweder sehr verwirrt war oder Informationen mehrfach präsentiert bekommen habe. Diese Trennung der verschiedenen künstlerischen Bereiche in Tove Janssons Leben funktionierte für mich überhaupt nicht, da Tuula Karjalainen doch immer wieder Verweise auf andere Tätigkeiten oder auf Personen, die darauf Einfluss hatten, einbauen musste. So liest man in einem relativ frühen Kapitel, dass Tove Jansson sich später in ihrem Leben auf die Malerei konzentrieren konnte, weil sie finanziell abgesichert war und ein eigenes Atelier besaß, nur um einige Zeit später in dem Kapitel über ihre Tätigkeit als Cartoonistin zu erfahren, dass sie den Vertrag nur unterschrieben hatte, weil sie aufgrund ihrer Schulden und ihres einbrechenden Einkommens so verzweifelt war. Natürlich kann man sich im Laufe der Zeit zusammenpuzzeln, dass die Cartoonisten-Karriere vor der Phase war, in der sie sich mit abstrakter(er) Kunst beschäftigt hat. Aber ich will mir so etwas nicht zusammenreimen müssen, wenn ich das genauso gut in chronologischer Reihenfolge lesen und somit viel besser erfassen könnte.

Auch innerhalb eines Kapitels gab es oft Wiederholungen und Widersprüche, die mich irritiert haben. Gerade rund um Toves Beziehungen zu den Männern in ihrem Leben fand ich es sehr schwierig, den Überblick zu behalten, da die Abschnitte (zumindest meinem Gefühl nach) willkürlich zwischen „Tove ist frisch verliebt“, „Tove hat nach dem Ende der Beziehung die Freundschaft mit dieser Person aufrecht erhalten können“, „Tove hängt an dieser Beziehung aus diesen und jenen Gründen“ und „Tove beendet die Beziehung“ sprangen. So dachte ich immer wieder, dass eine Beziehung nun beendet sei, nur um als nächstes eine Passage zu lesen, in der sie mit ihrem Partner einen schönen Moment erlebte oder ihrer besten Freundin in einem Brief den aktuellen Stand ihrer Beziehung schilderte. Das ist nun nicht so dramatisch, macht das Lesen dieser Biografie aber überraschend anstrengend und frustrierend, weil ich immer wieder zurückgeblättert habe, um Daten und Details zu überprüfen.

Vor allem aber sind das Probleme gewesen, die Tuula Karjalainen leicht hätte vermeiden können, wenn sie das vorhandene Material über Tove Janssons Leben chronologisch präsentiert hätte. Das hätte dann auch den Vorteil gehabt, dass die Verbindungen zwischen den verschiedenen künstlerischen Gebieten, auf denen Tove Jansson tätig war, deutlich geworden wären, ohne dass die Autorin einem wieder und wieder bestimmte Elemente beschreibt und Zusammenhänge erklären muss. Ich hätte es wirklich so viel stimmiger gefunden, wenn die Kapitel bestimmte Jahre umfasst und eben all die vielen kleinen und großen paralleln Entwicklungen von Tova Jansson aufgezeigt hätten. So kann ich am Ende „Tove Jansson – Work and Love“ von Tuula Karjalainen – obwohl ich grundsätzlich das Lesen dieser Biografie interessant fand – nicht weiterempfehlen und werde für mich nach weiteren Biografien von Tove Jansson schauen, die hoffentlich etwas besser geschrieben sind.

Hallie Rubenhold: The Five – The Untold Lives of the Women Killed by Jack the Ripper

Auf das Erscheinen der Taschenbuch-Ausgabe von „The Five“ von Hallie Rubenhold habe ich schon gewartet, als die Hardcover-Version noch gar nicht veröffentlicht war, weil ich den Ansatz, den die Historikerin für ihr Buch gewählt hat, einfach großartig finde. „The Five“ dreht sich um die „kanonischen“ fünf Opfer von Jack the Ripper und darum, dass die Faszination darüber, dass man die Identität des Mörders nie aufgedeckt hat, seit über 130 Jahren vollkommen die Tatsache überdeckt, dass da fünf Frauen getötet wurdet, die mehr waren als eine Seitenbemerkung in einem spektakulären Fall. Die Namen von Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary-Jane Kelly kennt wohl jeder, der jemals etwas über den Ripper gelesen hat, doch in all der Berichterstattung über die Mordfälle sind diese Namen nicht mehr als Teil einer Liste von Opfern.

Hallie Rubenhold hingegen hat sich in ihrem Buch auf das Leben dieser fünf Frauen konzentriert, wobei die Autorin damit beginnt, dass sie die Lebensumstände der Menschen in London im Jahr 1887 näher beleuchtet. Um die Tatsache, dass in diesem Jahr das goldene Thronjubiläum von Königin Viktoria gefeiert wurde, kommt man eigentlich kaum herum, wenn man sich mit dieser Zeit beschäftigt. Doch Hallie Rubenhold verweist nicht nur auf die überbordenden Feierlichkeiten, sondern auch darauf, dass in diesem wunderschönen Sommer die große Trockenheit für Missernten sorgte, die – zusätzlich zur schon herrschenden Rezession – viele Menschen vom Land in die Stadt trieben. Doch in den Städten herrschte nicht nur große Arbeitslosgkeit, sondern auch akuter Wohnungsmangel, so dass viele Personen sich gezwungen sahen, unter freien Himmel zu übernachten. Auf dem Trafalgar Square hatte sich ein regelrechtes Lager von obdachlosen Personen gebildet, die in all diesen Menschenmengen irgendwie überleben mussten. Im November 1887 führten die Bemühungen der Obrigkeit, gegen diese Ansammlung „potenzieller Umstürzler“ vorzugehen, zum „Bloody Sunday“, doch damit endeten die Unruhen rund um den Trafalgar Square noch lange nicht.

Auch Mary Ann „Polly“ Nichols war unter denen, die auf dem Trafalgar Square Unterschlupf gefunden hatten. Anhand von Volkszählungsdaten, Zeitungsberichten und Zeugenaussagen von Angehörigen und Bekannten rekonstruiert Hallie Rubenhold das Leben einer Person, die für eine Frau ihrer Zeit und Schicht in den ersten Jahrzehnten ihres Lebens eine relativ sichere Existenz führte. Erst als Polly die finanzielle Absicherung durch ihre Familie verlor, musste sie sich mit schlechtbezahlten Jobs und Betteln über Wasser halten – was dazu führte, dass sie sich regelmäßig keine Unterkunft für die Nacht leisten konnte und auf der Straße übernachtete. Annie Chapman hingegen war die Tochter eines Dienstmädchens und eines Soldaten und profitierte als solche von der Schulausbildung, die die Armee für die Kinder ihrer Soldaten zur Verfügung stellte. Überhaupt hatte Annie lange Zeit immer die besten Vorraussetzungen für ihr Leben, und doch verbrachte sie die Jahre vor ihrem Tod in einem Viertel, das für die Armut seiner Bewohner und seine Gefährlichkeit berühmt war.

Elizabeth Strides Lebensweg hingegen begann auf eine kleinen Bauernhof in Schweden, und obwohl Hallie Rubenhold viele Stationen von Elizabeths Leben nachverfolgen konnte, gibt es relativ wenig Details über sie und über die Personen, die dafür gesorgt haben, dass ihr Leben immer wieder einen unliebsamen Verlauf nahm. Über Catherine „Kate“ Eddowes‘ Leben ist hingegen wieder erstaunlich viel bekannt, von ihrer Kindheit in London (inklusive des Besuchs einer recht angesehenen Schule), den Jahren, die sie nach dem Tod ihres Vaters in der Obhut von Verwandten verbrachte, über die folgenden Jahren, in denen sie gemeinsam mit dem Mann, den sie als ihren Ehemann ansah, durchs Land zog und Balladen u.ä. Schriften vortrug und verkaufte, bis zu ihren letzten Lebensjahren, in denen ihr Verhalten zu einer fast vollständigen Trennung von ihrer Familie gesorgt hatte. Über Mary-Jane Kellys Leben hingegen gibt es so gut wie keine Informationen, und so basiert der Großteil der Dinge, die man heute noch über ihr Leben weiß, auf den Aussagen des Mannes, mit denen sie in den Monaten vor ihrem Tod zusammenlebte. Doch egal, wie viel oder wenig (belegbare) Daten Hallie Rubenhold über diese fünf Frauen zusammentragen konnte, in jedem einzelnen Kapitel wird deutlich, dass jede von ihnen ein Individuum mit ganz persönlichen Vorlieben und Abneigungen war, eine Person, über die es mehr zu erzählen gibt als nur die Umstände ihres Todes.

Ergänzt werden all diese Rechercheergebnisse durch Berichte von Zeitzeugen wie zum Beispiel dem Abgeordneten und Sozialreformer Charles Booth oder Mary Higgs, die sich als obdachlose Frau verkleidete, um aus erster Hand die Lebensumstände der Personen zu erleben, denen sie mit den Wohlfahrtsorganisationen, denen sie angehörte, helfen wollte. Diese Beobachtungen und Erlebnisse zeichnen nicht nur ein klares und häufig erschütterndes Bild vom Leben der ärmsten Bevölkerungsschicht im London dieser Zeit, sondern untermauern auch Hallie Rubenholds Theorie, dass weniger der reale Lebenswandel dieser Frauen, sondern die Vorurteile einer viktorianischen Gesellschaft (inklusive der ermittelnden Polizisten) und das Bedürfnis der Presse nach reißerischen Schlagzeilen dafür sorgten, dass alle Opfer von Jack the Ripper von Anfang an als Prostituierte angesehen wurden. Eine Frau, die ohne Ehemann oder zumindest den Schutz ihrer Familie (über)leben musste, konnte in den Augen dieser Zeit keine ehrbare Frau sein – und so hat sich der Mythos von den „Prostituiertenmorden“ des Jack the Ripper bis in die heutige Zeit gehalten.

Am Ende nehme ich aus „The Five“ nicht nur viele Details über das Leben von Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary-Jane Kelly mit, sondern auch sehr viele Informationen über das Leben in der viktorianischen Zeit. Ich finde es (immer wieder erneut) erschütternd, wie schnell eine Frau nach dem Tod ihres Vaters oder Ehemannes in die Armut abrutschen konnte und wie unmöglich es für Frauen war, sich selbst und eventuelle Kinder zu ernähren. Doch vor allem ist es das Bewusstsein dafür, dass wir uns trotz aller Bemühungen um Gleichberechtigung, fairer Bezahlung und sozialer Absicherung immer noch nicht besonders weit von den Umständen und dem Denken der viktorianischen Zeit entfernt haben, das mich beim Lesen immer wieder innehalten ließ. So hat Hallie Rubenhold meiner Meinung nach nicht nur diesen fünf Opfern von Jack the Ripper mit ihrem Buch ihre Würde zurückgegeben, sondern auch jeder Person gute Argumente geliefert, die sich für die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der verschiedenen Geschlechter einsetzt.

Susannah Stapleton: The Adventures of Maud West, Lady Detective

„The Adventures of Maud West, Lady Detective – Secrets and Lies in the Golden Age of Crime“ hatte ich schon im Juli 2019 angefangen, aber obwohl die ersten Kapitel ungemein faszinierend waren, hat mich dann das Sommerwetter wieder dazu gezwungen, meine (gedruckten) Bücher zur Seite zu legen. Als ich mir im Oktober dann vornahm, meine angefangenen Sachbücher bis zum Jahresende zu beenden, hatte ich mir dieses Buch als krönenden Abschluss für mein Sachbuchlesen 2019 aufgehoben. Denn auf der einen Seite habe ich mich sehr darauf gefreut, das Buch weiterzulesen, und auf der anderen Seite begann das Ganze für die Historikerin Susannah Stapleton während eines Weihnachtsurlaubs, was doch irgendwie ganz passend war. Damals kam für sie die Frage auf, ob es zu Zeiten von Agatha Christie oder Dorothy Sayers eigentlich reale Privatdetektivinnen gegeben hatte, und wenn ja, wieso man heutzutage nichts mehr über diese Frauen weiß. Bei einer flüchtigen Online-Recherche stieß sie dann auf den Namen von Maud West, und auch wenn diese (entgegen diverser Zeitungsartikel zu ihrer Zeit) nicht die einzige Privatdetektivin in Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, so scheint sie doch eine der faszinierendsten Frauen in diesem Gewerbe gewesen zu sein.

Das Lesen von „The Adventures of Maud West, Lady Detective“ hat mir ungemein viel Spaß gemacht, weil man nicht nur den häufig beschwerlichen Weg nachvollziehen kann, den Susannah Stapleton bei ihren Recherchen gehen musste, sondern die Autorin mit Maud West auch über eine wirklich interessante Persönlichkeit gestolpert ist. Obwohl ihr Name heutzutage vollkommen unbekannt ist, gab es so einiges an Material für die Historikerin zu finden, als sie erst einmal mit der Suche anfing. Doch schnell musste sie feststellen, dass all die vielen Artikel, die sie aus den 1920er und 1930er Jahren in Zeitungsarchiven auf der ganzen Welt gespeichert fand, entweder von Maud West selbst geschrieben worden waren oder auf Interviews mit ihr basierten. Dabei hat sich die Privatdetektivin bei den vielen Erlebnissen, die ihr angeblich bei ihrer Arbeit passiert sind, anscheinend von Autoren wie Edgar Wallace oder ähnlichen „Groschenromanschreibern“ beeinflussen lassen. Denn Susannah Stapleton hat bei ihrer weiteren Recherche nicht nur feststellen müssen, dass es keine Belege für all diese abenteuerlichen Geschichten gab, sondern auch, dass sich Maud West im Laufe der Jahre regelmäßig selbst widersprach.

Doch diese Widersprüche lassen einen als Leser nur noch neugieriger auf die geheimnisvolle Privatdetektivin werden, was es umso spanneder macht zu verfolgen, wie sich die Autorin der Person Maud West angenähert hat und wie sie am Ende nicht nur überraschend viele Daten zusammengetragen hat, sondern einem auch ein glaubwürdiges und faszinierendes Bild einer ungewöhnlichen und beruflich erfolgreichen Frau vermittelt. Einige Elemente in diesem Sachbuch basieren auf reinen Vermutungen von Susannah Stapleton, aber das finde ich nicht schlimm, da man dank des Aufbaus des Buchs genau nachvollziehen kann, welche Recherchen und Gedanken hinter solchen Passagen stecken und welchen Teil davon die Autorin belegen kann und welchen nicht. So muss ich auch Tage später immer noch über die fiktive Schlagzeile „Maud West – The Woman Who Failed To Catch Crippen“ schmunzeln – auch wenn nur die Tatsache, dass Dr. Crippen, die Music Hall Ladiess Guild (der Dr. Crippens ermordete Frau angehörte) und Maud West im selben Gebäude ihre Büros hatten, sowie eine Bemerkung eines Mitglieds der Ladies Guild darauf verweist, dass sie erst „a private detective“ engagiert hatten, bevor sie zur Polizei gingen, überhaupt eine Verbindung zwischen dem Crippen-Fall und Maud West knüpfen.

Da sich die Suche nach Fakten über Maud West so schwierig gestaltete, driftet Susannah Stapleton in „The Adventures of Maud West, Lady Detective“ immer wieder in Bereiche ab, die nur am Rande mit der Privatdetektivin zu tun haben. Doch diese Abschweifungen empfand ich als ebenso faszinierend wie die Passagen, die sich direkt um Maud West drehten, weil es so viele Informationen über (zum Teil wirklich absurde) Kriminalfälle gab oder Details zum alltäglichen Leben in London Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich muss gestehen, dass ich mich so gut beim Lesen amüsiert habe, dass ich meinen Mann ganze Seiten vorgelesen habe. Allerdings scheint er mir das bei diesem Buch auch erstaunlich wenig übel genommen zu haben, obwohl ich ihn damit bei seinen eigenen Beschäftigungen gestört habe. 😉 Als einzigen Kritikpunkt könnte ich nach dem Lesen von „The Adventures of Maud West, Lady Detective“ vielleicht noch anmerken, dass Susannah Stapleton bei einigen Entdeckungen rund um Maud Wests Privatleben mehr in die ungeklärten Elemente hineininterpretierte, als ich es getan hätte. Aber dieser Punkt hat mich beim Lesen definitiv nicht gestört, sondern eher dafür gesorgt, dass ich mich über all die Fragen amüsiert habe, die der Autorin nach so einem neuen Informationsfund eingefallen waren, und darüber, dass diese häufig zu neuen faszinierenden Fakten rund um Maud West geführt haben.

Deborah Feldman: Unorthodox

„Unorthodox“ ist das Debüt der Autorin Deborah Feldman, die in diesem biografischen Roman von ihrer Kindheit und Jugend in einer extremen chassidischen
Gemeinde in Williamsburg (Brooklyn/New York) und ihrem Weg in ein weniger von Religon bestimmtes Leben erzählt. In der Einleitung erklärt Deborah Feldman, wie die Satmarer-Gemeinde gegründet wurde und dass diese streng orthodoxe jüdische Gemeinschaft der Meinung ist, dass der Holocaust eine Strafe Gottes gewesen sei, weil zu viele Juden sich nicht mehr gläubig genug verhalten hätten. Um nun eine weitere Strafe Gottes zu verhindern, unterwerfen sich die Satmarer
überaus strengen, eng gefassten Regeln. Diese Regeln sind auch in Deborah Feldmans Familie das alles bestimmende Element und die Einhaltung der durch den Rebbe aufgestellten Verhaltensvorgaben ist wichtiger als die einzelne Person. Dabei ist „Unorthodox“ keine detaillierte Biografie, sondern ein biografischer Roman, in dem das eine oder andere Element verändert oder zusammengefasst erzählt wurde, um die Identität Dritter zu schützen, was mich stellenweise beim Lesen dazu veranlasst hat, darüber nachzudenken, welche Passagen nun wirklich genau so passiert sein mögen und welche nicht.

Deutlich wird auf jeden Fall in den Kapiteln über die Kindheit der Autorin, dass die lebhafte und neugierige Deborah ständig in der Furcht lebt, dass sie mal wieder ihren Großvater enttäuscht oder dass eine ihrer Tanten mit ihrem Verhalten unzufrieden ist. Trotzdem fällt es ihr schwer, „brav“ zu sein, und sie muss immer wieder Fragen stellen, die von ihren Verwandten und der Gemeinde als unangemessen eingestuft werden, oder ihre Neugier befriedigen, indem sie Bücher liest, die eigentlich verboten sind. Dabei versucht sie selbst bei den Büchern nicht zu rebellisch zu sein und greift eher zu einer englischen Talmud-Übersetzung als zu einem Roman. Doch die englische Sprache gilt als unrein und als Mädchen darf sich Deborah ohnehin nicht mit dem Talmud beschäftigen. Obwohl sie inmitten einer großen Familie aufwächst, hat man das Gefühl, dass nur ihre Großmutter und ihr (geistig behinderter) Vater – innerhalb ihrer wenigen Möglichkeiten – nett zu ihr sind. Allen anderen Familienmitgliedern ist zu gut bewusst, dass Deborahs Verhalten grundsätzlich nicht angemessen ist und dass sie deswegen ständig gerügt werden muss.

Es gibt so einige Szenen in diesem biografischem Roman, die ich wirklich erschreckend fand, obwohl Deborah Feldman immer wieder betont, dass die handelnden Personen nur das Beste wollten. Aber die Vorstellung, dass zum Beispiel ein kranker Mensch keine medizinische Behandlung bekommt, weil der Großvater der Meinung ist, dass der Kranke in einer nicht-chassidischen Einrichtung nicht angemessen untergebracht wäre, macht mich fassungslos. Auch die Tatsache, dass es möglich ist, dass eine Gruppe von Menschen so abgeschlossen in einer modernen Großstadt lebt, ohne dass ein Großteil dieser Personen Zugang zu Nachrichten, Radio, Fernsehen oder gar Zeitungen hat, ist für mich kaum vorstellbar. Noch schlimmer fand ich die Szenen, die von den Hochzeitsvorbereitungen und dem Eheleben der Autorin berichten – sollte nicht gerade eine Gemeinde, deren erklärtes Ziel es ist, dass ihre Mitglieder möglichst viele Kinder bekommen, dafür sorgen, dass die Beteiligten zumindest eine grobe Vorstellung davon haben, wie man überhaupt Kinder zeugt? Stattdessen erzählt Deborah Feldman von monatelangen physischen und psychischen Problemen nach ihrer Hochzeit, während ihr Mann und sie verzweifelt versuchten, die Ehe zu vollziehen.

Für mich ist solch eine Welt, in der strenge religiöse Regeln das Leben beherrschen, sehr fremd. Ich habe zwar früher einige Mitschülerinnen/Kommilitoninnen/Schülerinnen gehabt, die auch in relativ strengen (christlichen/muslimischen) Familien lebten, aber bei diesen gab es keine so umfassende Abschottung von der restlichen Welt. Diese Mädchen/Frauen gingen immerhin auf ein öffentliches Gymnasium, studierten an einer ganz normalen Hochschule oder besuchten zusammen mit Altersgenossinnen aus verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründen Weiterbildungsprogramme. So hat mich beim Lesen nicht nur das mir vollkommen fremde religöse Leben fasziniert und befremdet, sondern vor allem die Tatsache erschüttert, dass so eine extreme Abschottung inmitten einer lebendigen und multikulturellen Großstadt möglich ist.

Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie

Durch Hermias Rezension bin ich vor ein paar Wochen auf „Das rote Schaf der Familie – Jessica Mitford und ihre Schwestern“ von Susanne Kippenberger gestoßen und konnte die Biografie dann auch recht schnell aus der Bibliothek ausleihen. „Das rote Schaf“ ist die Bezeichnung, die Jessica „Decca“ Mitford für sich selber passend gefunden hatte und auch gern für ihre erste Autobiografie als Titel verwendet hätte – und um sie dreht sich diese Biografie. Aber man kann nicht über Decca Mitford schreiben, ohne dabei auch über die restliche Familie Mitford zu reden. Ich finde es spannend, dass mir bis vor kurzem der Name Mitford so gar nichts sagte, (auch wenn ich jetzt im Nachhinein einige Anspielungen auf die Familie in britischen Veröffentlichungen wiedererkenne), obwohl die Familie in Großbritannien aus gutem Grund überaus bekannt ist.

Decca wurde 1917 geboren und erlebte so nicht nur den Spanischen Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg, die Kommunistenhatz und die Rassenunruhen in den USA, ebenso wie den Protest gegen den Vietnamkrieg und vieles andere, das das vergangene Jahrhundert politisch geprägt hat, sondern sie hatte auch zu all diesen politischen Ereignissen eine ausgeprägte Meinung. Als Sprössling einer – nicht gerade reichen (der Vater hatte kein Händchen für Geschäfte) – britischen Adelsfamilie wuchs Decca inmitten einer großen und turbulenten Familie und unter nicht ganz gewöhnlichen Umständen auf. So verweigerten die Eltern ihren sechs Töchter den Schulbesuch (während der einzige Sohn selbstverständlich ein Internat besuchte) und schotteten sie insgesamt von der Außenwelt ab (wenn man von den Besuchen der weitläufigen Verwandtschaft absieht) bis es Zeit wurde für die Präsentation als Debütantin in der Londoner Gesellschaft.

Vielleicht ist es angesichts dieser Kindheit nicht verwunderlich, dass sich die sechs Mädchen (großteils) recht extrem entwickelten. Während sich die älteste Mitford-Schwester Nancy einen Namen als Autorin machte (und ihr Leben lang verzweifelt versuchte Beziehungen mit Männern zu führen, die sie nicht liebten,) und die zweite Schwester Pam als Kind davon träumte ein Pferd zu sein, wurde die dritte Schwester Diana zur Geliebten (und späteren Ehefrau) des Gründers der ersten nationalistischen Partei Großbritanniens und zur großen Verehrerin Hitlers. Letzteres führte dann wohl auch dazu, dass die vierte Schwester Unity sich zu einem der größten „It-Girls“ der Nazis entwickelte und alles tat, um ihre Freundschaft zu Hitler und seinen Bundesgenossen zu fördern. Im Gegensatz zu diesen beiden Schwestern setzte sich Decca schon früh für kommunistische Ideen ein, was letztendlich dazu führte, dass sie – noch nicht einmal volljährig – mit ihrem Cousin und späteren Ehemann Esmond davon lief, um über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Um die jüngste Schwester dieser Familie nicht unter den Tisch fallen zu lassen, sei hier auch noch erwähnt, dass Debo (Deborah) einen Herzog heiratete und maßgeblich daran beteiligt war einen der größten und bekanntesten Herrensitze Englands zu erhalten.

Ich fand diese Mischung aus privaten Details über Decca, aber auch den ganzen großen Rest ihrer Familie (weil man eine Mitford-Schwester eben nicht ohne die anderen porträtieren kann), und politischen Engagement und Ereignissen sehr spannend zu lesen. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass Susanne Kippenberger etwas beschönigen würde. Decca Mitford muss eine faszinierende, aber auch sehr schwierige Person gewesen sein. Eine Frau, der ihr politisches Engagement extrem wichtig war, während sie in vielen anderen Bereichen des Lebens eine unbekümmerte Haltung an den Tag legte, und ein Mensch, der nicht so leicht verzeihen konnte. So hat sie zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs den Kontakt zu ihrer Schwester Diana und ihrem Vater abgebrochen und nie wieder richtig aufgenommen, weil diese mit den Nazis sympathisierten, hatte aber trotzdem – solange diese lebte – ein überraschend gutes Verhältnis zu Unity, der sie ihre Heldenverehrung für die deutschen Kriegstreiber anscheinend problemlos verzeihen konnte.

Ihr politisches Engagement und ihre (oft überspitzten) Veröffentlichungen sorgen dafür, dass man anhand von Deccas Leben ein überraschend umfassendes Bild der Zeit von 1935 bis in die 90er bekommt. Spannend fand ich auch die Zusammenarbeit zwischen Decca und ihrem zweiten Mann Bob Treuhaft, der ein jüdischer Anwalt und – ebenso wie Decca – während der McCarthy-Ära Mitglied der kommunistischen Partei war und später die Bürgerrechtsbewegung mit seiner Arbeit unterstützte. Hermia schrieb in ihrer Rezension, dass man bei einem Roman ein solches Leben als unrealistisch abgetan hätte und sie hat da natürlich recht. Aber bei einer Biografie ist es nur faszinierend, wie viel diese Frau erlebt hat und wie viele Menschen sie gekannt hat, deren Namen aus den Geschichtsbüchern nicht mehr wegzudenken sind. Dabei gelingt es Susanne Kippenberger in der Regel ganz gut mit all den Informationen und Personen zu jonglieren, ohne den Leser zu überfordern (nur Anfangs hatte ich etwas Probleme dank der vielen Spitznamen, die die Mitford-Schwestern auch füreinander hatten), und ein realistisch wirkendes Bild von den verschiedenen Menschen zu zeichnen, ohne sie zu sehr zu verteufeln oder zu erhöhen.

Meine beiden größten Kritikpunkt an der Autorin sind vielleicht die, dass Susanne Kippenberger 1. Agatha Christies Miss Marple anscheinend nur in der Filmversion von Margaret Rutherford kennt und sich in der zweiten Hälfte des Buches regelmäßig darauf bezieht, ohne dabei deutlich zu machen, dass sie sich eben auf diese Filmfigur und nicht auf die Romanfigur stützt (was allerdings in all den Beispielen, die sie verwendet schrecklich deutlich wird). Und dass ich 2. selten so viel Namedropping erlebt habe, ohne dass die Namen der erwähnten Personen wirklich genannt wurden, wenn sie nicht gerade häufiger in dieser Biografie vorkamen oder eine wichtige (politische) Rolle im Weltgeschehen spielten. Oft heißt es nur „die Cousine von“, „der Schwager von“ oder „die Frau von“ (zum Beispiel als es um Dianas Bekanntschaft zu der „Frau von James-Bond-Erfinder Ian Fleming“ ging), aber eigene Namen haben diese Personen – wenn ich nach diesem Buch gehen kann – wohl nicht gehabt. 😉