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Elizabeth Hawes: Zur Hölle mit der Mode

Vor über achtzig Jahren erschien mit „Fashion is Spinach“ ein Titel, in dem die Designerin Elizabeth Hawes auf die Zeit zurückblickt, die sie in Paris und den USA mit dem Studium und dem Entwerfen von Mode verbracht hat. Mit „Zur Hölle mit der Mode“ ist im August 2019 die von Constanze Derham übersetzte deutsche Version des Buches herausgekommen (und die durfte dann erst einmal ein Jahr auf meinem SuB liegen, bevor ich sie endlich las 😉 ). Ich habe ja schon mehrfach auf diesem Blog erzählt, dass ich an aktueller Mode so gar nicht interessiert bin, dass ich es aber immer wieder spannend finde, mich mit Mode-Geschichte zu beschäftigen. Gerade in den Jahrzehnten vor den beiden Weltkriegen ist so viel im Bereich Mode passiert, was ich wirklich faszinierend finde, und in „Zur Hölle mit der Mode“ bekommt man einiges mit, was in den 1920er-Jahren hinter den Kulissen der Pariser Designhäuser passierte und in den 30er-Jahren rund um die Mode in den USA.

Mit Anfang zwanzig ging Elizabeth Hawes direkt nach ihrem Collegeabschluss nach Paris, in der Hoffnung, einen Weg zu finden, um als Modedesignerin arbeiten zu können. Ihr war natürlich klar, dass niemand eine unbekannte Amerikanerin engagieren würde, so dass sie jeden Job annahm, der es ihr erlaubte, die Pariser Modewelt zu studieren. Vom Juli 1925 bis August 1928 lebte sie in Frankreichs Hauptstadt und arbeitete unter anderem als Mode-Journalistin, als Mode-Zeichnerin (was bedeutete, dass sie bei den Modeschauen die Entwürfe der großen Designer „kopierte“) und letztendlich auch als Designerin, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass es sie langfristig nicht reizte, „französische Mode“ für die High Society zu entwerfen. Stattdessen versuchte Elizabeth Hawes in den folgenden neun Jahren in New York als Designerin mit einer eigenen Kollektion und hochwertigen Maßanfertigungen Fuß zu fassen. Doch um diesen Traum zu finanzieren, musste sie immer wieder Abstecher in die Welt der Massenproduktion und Kaufhäuser machen, was bedeutete, dass sie auch diese Seite der Modeherstellung überraschend gut kennenlernte.

All diese Erfahrungen, die Elizabeth Hawes in dieser Zeit gesammelt hat, führen dazu, dass „Zur Hölle mit der Mode“ zu einer faszinierenden und unterhaltsamen Abrechnung mit der Welt der Mode und den unterschiedlichsten Produzenten und Anbietern wird. Die Autorin schreibt über den Unterschied von Stil und Mode, über die Arbeitsbedingungen, über die Erwartungen der Käuferinnen und die Geschäftsgebaren der verschiedenen Betriebe, die an der Herstellung von Kleidung beteiligt sind. Dabei hat Elizabeth Hawes viele amüsante Anekdoten zu erzählen, aber auch so einige Daten und Fakten zu präsentieren, die einem beim Lesen zu denken geben. Sie rechnet auf, welche Materialien zum Beispiel für ein hochwertiges Kleid benötigt werden, welche Arbeitszeit in die Herstellung fließt, welche zusätzlichen Elemente verwendet werden und zeigt so auf, wie der Preis für ein qualitatives Kleidungsstück entsteht.

Immer wieder geht Elizabeth Hawes darauf ein, welche Tricks Produzenten anwenden, um Material zu spare, und wie sie auf minderwertige Stoffe zurückgreifen, um ihre Kleidungsstücke möglichst billig herstellen zu können – und welche Folgen das für die Käuferinnen dieser Produkte hat. Sie scheut auch nicht davon zurück zu beschreiben, unter welche Bedingungen die Näher.innen arbeiten und welchen Lohn sie für ihre hochwertige Arbeit bekommen. Dabei ist es erschreckend, wie vertraut diese Beschreibungen klingen, auch wenn heutzutage die Näher.innen nicht mehr im Umland von Paris, sondern in Bangladesch oder ähnlichen Ländern leben. Für mich war „Zur Hölle mit der Mode“ wirklich eine spannende Lektüre, denn selbst Elemente, die ich schon kannte, bekamen durch die persönliche Perspektive der Autorin noch einmal eine andere Note.

Auch muss ich zugeben, dass ich es sehr angenehm fand, mal beim Lesen ein Buch in der Hand zu halten, das sich so wertig anfühlt. Normalerweise lese ich ja doch vor allem (Mass-)Paperbacks und im Vergleich dazu fühlen sich Buchleinen, ein gerundeter Rücken und qualitativeres Papier doch gleich ganz anders an. Überhaupt ist diese Ausgabe wirklich liebevoll hergestellt und bietet nicht nur Grafiken aus Modeveröffentlichungen, die zwischen 1882 und 1922 erschienen sind, sondern auch einen Überblick, der die von Elizabeth Hawes erwähnten Namen und Geschäfte einordnet, und ein Nachwort der Übersetzerin Constanze Derham. Ebenfalls muss ich betonen, dass man beim Lesen wirklich merkt, dass sich Constanze Derham sehr gut mit Mode (und den verwendeten Materialien) auskennt und dementsprechend auch das dazugehörige Vokabular beherrscht.

Umso bedauerlicher fand ich es, dass wohl einige Kapitel in der zweiten Hälfte des Buches beim Korrekturlesen im Bereich Kommasetzung ein bisschen zu kurz gekommen sind. Bei ein paar wenigen Kommafehlern hätte ich nichts gesagt, aber hier gab es ein paar Kapitel, die für mich deswegen nicht flüssig zu lesen waren – und ich bin jemand, dem das nur auffällt, wenn wirklich grundlegende Kommaregeln missachtet werden. Von diesem kleinen Makel abgesehen hat mir „Zur Hölle mit der Mode“ rundum wirklich sehr gut gefallen und mir Lust gemacht, mich wieder mehr mit dem Thema Mode(geschichte) zu beschäftigen. Nur gut, dass ich noch „Berlin Hausvogteiplatz – Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode“ von Brunhilde Dähn und „Creating the Illusion“ auf dem Sachbuch-SuB liegen habe.

Tom Reiss: The Black Count …

… Napoleon’s Rival, and the Real Count of Monte Cristo – General Alexandre Dumas

„The Black Count“ von Tom Reiss gehört zu den Büchern, bei denen ich mal wieder nicht weiß, wie ich darauf gestoßen bin. Aber ich bin sehr, sehr froh, dass ich darauf aufmerksam wurde, denn diese Biografie las sich überaus spannend (auch wenn ich wegen der relativ kleinen Schrift, der Masse an Informationen und diversen Unterbrechungen recht lange dafür gebraucht habe). General Thomas-Alexandre „Alex“ Dumas war der Vater des berühmten Schriftstellers Alexandre Dumas, und er muss eine überaus beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Alex‘ Vater war der französische Adelige Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie, während seine Mutter Marie Cessette (Dumas) nicht nur eine schwarze Frau war, sondern als Sklavin auf der Insel Saint-Domingue lebte, wo Alexandre de la Pailleterie auf der Plantage seines Bruders Charles Zuflucht gesucht hatte. Als Sohn einer versklavten Frau gehörte auch Alex zum Besitz seines Vaters, und obwohl er anscheinend eine relativ privilegierte Kindheit auf Saint-Domingue gehabt hat, wurde er (ebenso wie seine Geschwister, von denen es keinerlei weitere Aufzeichnungen gibt) von seinem Vater verkauft, als dieser für seine Rückkehr nach Frankreich Geld benötigte.

Erst ein Jahr später betrat Alexandre Dumas als Vierzehnjähriger französischen Boden, um in den folgenden Jahren (nachdem sein Vater ihn zurückgekauft und offiziell die Vaterschaft anerkannt hatte) nicht nur die entsprechende Ausbildung zu genießen, sondern auch das Leben eines Sohns aus adeligem Hauses zu führen. Nach dem Tod seines überschuldeten Vaters war Alex gezwungen, sich (erneut) seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, und ging zum Militär, wo er zu Beginn der Französischen Revolution eine unglaubliche Karriere hinlegte. Erst Napoleon Aufstieg (sowohl innerhalb des Militärs als auch später als selbsternannter Konsul) beendete Alex Dumas‘ erfolgreiches Leben als General. Stattdessen durchlebte er eine Kriegsgefangenschaft, die ihn seine Gesundheit kostete und durch die seinen Sohn zu der Handlung vom „Grafen von Monte Christo“ inspiriert wurde, und verstarb wenige Jahre später verarmt in einem Frankreich, das unter Napoleons Führung seinen schwarzen Bürgern all die zu Beginn der Revolution erstrittenden Rechte wieder nahm.

Ich muss gestehen, dass ich am Anfang des Buches etwas überrascht davon war, dass man erst einmal so viel über das Leben von Alexandre de la Pailleterie erfährt und dass es so lange dauert, bis man zu Alex Dumas kommt. Aber ohne all die Höhen und Tiefen, die das Leben seines Vaters genommen hat, wäre Alex Dumas wohl niemals General der französischen Revolutionsarmee geworden. Außerdem baute dieser Teil rund um Pailleterie die Grundlagen auf für die weiteren Entwicklungen – sowohl die persönlichen von Alex Dumas, als auch die politischen rund um Frankreich und all die anderen europäischen Länder, mit denen Frankreich im Krieg lag. Auch haben mich zu Beginn die immer wieder von Tom Reiss gezogenen Vergleiche zwischen den europäischen Kolonialmächten und den Frühphase der USA etwas irritiert, obwohl ich diese grundsätzlich bei einem US-Autor verständlich finde. Im Laufe des Buches wird aber deutlich, wie sehr die Entwicklungen in den USA die Urväter der Französischen Revolution inspiriert hatten.

Beim Lesen fand ich nicht nur das Leben von General Alex Dumas überaus spannend, sondern auch die Quellen, die Tom Reiss für sein Buch herangezogen hat. Denn der Autor hatte nicht nur Unmengen an Materialien in den diversen Archiven gefunden und Zugriff auf noch erhaltene private Briefe der Familie Dumas gehabt, sondern auch einige seiner Darstellungen auf Alexandre Dumas‘ Beschreibungen seines Vaters basieren lassen – wobei er immer in Fußnoten anmerkt, ob er weitere Belege für die geschilderten Szenen gefunden hat oder nicht und aus welcher Quelle Alexandre Dumas selbst wohl diese Anektdote erzählt bekommen hatte, da sein Vater starb, als der Schriftsteller gerade mal vier Jahre alt war. Ich muss gestehen, dass ich immer das Gefühl hatte, dass die Französische Revolution in meiner Schulzeit unangemessen viel Raum eingenommen hatte, aber beim Lesen von „The Black Count“ habe ich so viele Zusammenhänge gelernt und so viele Dinge erfahren, die ich vorher nicht wusste, dass ich diese Biografie nicht nur als spannend, sondern auch als ungemein lehrreich empfunden habe.

Das Leben von Alex Dumas war so sehr mit der Französischen Revolution verwoben, dass es unmöglich ist, seine Biografie zu schreiben, ohne auf die verschiedenen Entwicklungen der Revolution einzugehen, die Einfluss auf das Leben schwarzer Menschen in Frankreich und den französischen Kolonien hatte. Neu war für mich zum Beispiel, dass eine der treibenden Kräfte in der Anfangszeit der Revolution eine Gruppierung war, die für die Abschaffung der Sklaverei war. So fand ich es großartig, davon zu lesen, wie sehr sich das Leben von Schwarzen, People of Color und sogar Juden in den ersten Jahren der Französischen Revolution verbesserte, und umso bedrückender war es dann, zu erfahren, wie sehr Napoleons Rassismus all diese Fortschritte wieder rückgängig gemacht hat. „The Black Count“ hat mir also nicht nur einen faszinierenden Mann nähergebracht, von dem ich vor diesem Buch noch nichts gehört hatte, sondern auch sehr viele neue Einblicke rund um die Französische Revolution präsentiert.

Nachdem Tom Reiss in diesem Buch immer wieder auf die Werke von Alexandre Dumas verwiesen hat – wobei vor allem „Der Graf von Monte Christo“ regelmäßig erwähnt wurde -, habe ich das Gefühl, ich sollte im kommenden Jahr mal einen Reread von Dumas‘ Büchern einlegen. Das letzte Mal, als ich zu Alexandre Dumas‘ Büchern gegriffen habe, war, als ich ein Teenager war, und das ist doch schon eine ganze Weile her, so dass ich mich an keinerlei Details mehr erinnere. Außerdem habe ich von Tom Reiss noch den Titel „The Orientalist: In Search of a Man caught between East and West“ auf meine Merkliste gesetzt, weil der auch überaus interessant klingt und ich nach „The Black Count“ sagen kann, dass der Autor in der Lage ist, mir historische Persönlichkeiten so nahezubringen, dass ich nicht nur die Person, sondern auch all die politischen Umstände, in die sie verwickelt ist, spannend finde.

Karen Abbott: The Ghosts of Eden Park …

… The Bootleg King, the Women Who Pursued Him, and the Murder That Shocked Jazz-Age America

Karen Abbott erzählt mit „The Ghosts of Eden Park“ die Geschichte des Schwarzbrenners George Remus, der als Sohn deutscher Einwanderer während der Prohibition Millionen verdiente, bis es der Staatsanwältin Mable Walker Willebrandt gelang, ihm das Handwerk zu legen. Die damit verbundenen Veränderungen in George Remus‘ Leben führten im Jahr 1927 zu einem Mord im Eden Park in Cincinnati und zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse in der Geschichte der USA. Für ihr Buch über George Remus konnte Karen Abbott auf unglaublich viele Originaldokumente wie Prozessprotokolle, Ermittlungsakten, Tagebücher, Zeitungsartikel u. ä. zurückgreifen und so viele Aussagen und Gespräche wortwörtlich zitieren, was die Lektüre dieses Sachbuchs zu einem wirklich spannenden Erlebnis macht. (Auch wenn ich zu Beginn die ganzen Namen und Informationen ziemlich überwältigend fand, die einem hier präsentiert wurden.)

Die Autorin teilt „The Ghosts of Eden Park“ in drei Abschnitten, die die wichtigsten Punkte in George Remus‘ Leben erzählen. So beschreibt der erste Abschnitt George Remus‘ Werdegang vom Apothekerlehrling über seine Tätigkeit als Anwalt bis zu seiner sehr erfolgreichen Karriere als Schwarzbrenner, die dafür sorgte, dass er vor Gericht und im Gefängnis landete. Und da es nicht möglich ist, die Geschichte von George Remus zu erzählen, ohne auf sein Privatleben einzugehen, erfährt der Leser auch viel über die Personen, die in seinem Leben wichtig waren – allen voran seine zweite Frau Imogene. Der mittlere Teil des Buches dreht sich um die Folgen, die Imogenes Bemühungen um eine Scheidung auf George Remus‘ Leben hatten, um Georges Reaktion darauf, dass Imogene ein Verhältnis mit Franklin Dodge (einem ehemaligen Ermittler der Staatsanwaltschaft) hatte, und um den Mord, der am Ende dieses „Dreiecksverhältnisses“ stand. Der letzte und kürzeste Abschnitt konzentriert sich auf den folgenden Mordprozess, der in den USA zu einem vorher so noch nicht gekannten Schauspiel wurde.

Da Karen Abbott – bis sie zu dem Mord selbst kommt – in „The Ghosts of Eden Park“ nicht erwähnt, wer ermordet wird, habe ich diese Information auch aus meiner Rezension rausgehalten, obwohl online natürlich problemlos herauszufinden ist, wer das Opfer war. Aber für mich war das Lesen dieses Sachbuchs gerade deshalb so spannend, weil ich vorher nichts über George Remus und den Mord wusste. Die Geschichte dieses Mannes ist stellenweise so unfassbar, dass ich sie in einem Roman als unglaubwürdig und „zu viel“ abgetan hätte, aber da das Leben von George Remus nun einmal so verlief, fand ich es wirklich faszinierend, seinen Werdegang zu verfolgen. Auch von Mable Walker Willebrandt hatte ich vor diesem Sachbuch nichts gehört, und ich hätte gern noch mehr über diese Frau erfahren, die trotz einiger Umwege in ihrer Ausbildung und ihrer angeborenen Schwerhörigkeit sehr jung zur Staatsanwältin ernannt wurde und dadurch so viel (politischen) Einfluss hatte.

Außerdem gefiel es mir, beim Lesen immer wieder über kleine Informationen zu stolpern, die mir vorher noch nie untergekommen waren. So gab es in den 1920er Jahren keine Richtlinien oder Vorgaben für das Engagieren von Ermittlern der Staatsanwaltschaft, was dazu führte, dass zum Beispiel jemand wie „Steward McMullin“ Prohibitionsagent werden konnte: „A prospective Prohibitions agent could even have a record of his own, as in the case of the pseudonymous „Steward McMullin“, the first agent to kill a bootlegger in the line of duty. When McMullin – who hat been convicted of murder, falsifying checks, and armed robbery – received his agent badge, he was still doing time in New York’s Dannemora State Prison.“ (Seite 35/36) Oder ich bin an Details hängengeblieben, die ich einfach absurd fand, auch wenn sie mir schon länger bekannt waren, wie zum Beispiel die Tatsache, dass eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA einflussreiche Positionen einnehmen konnte (wie die Position einer Staatsanwältin), aber nicht wählen durfte (da das bundesweite Wahlrecht für Frauen erst 1920 eingeführt wurde).

Insgesamt fand ich „The Ghosts of Eden Park“ wirklich spannend zu lesen, und das nicht nur, weil George Remus, Mable Walker Willebrandt und all die anderen erwähnten Personen interessant waren, sondern auch, weil es Karen Abbott gelungen ist, eine Geschichte von illegalen Geschäften, Liebschaften, Mord und Prozessen so zu erzählen, dass mich nicht nur das Wohlergehen der verschiedenen Parteien interessierte, sondern ich für mich auch viele Elemente der amerikanischen Geschichte neu verknüpfen konnte. Ich habe auf überraschend unterhaltsame Weise viel beim Lesen dieses Buches gelernt – und das ist genau das, was ich von einem Sachbuch erwarte.

Kristin Hahn/Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff – Jüdische Konfektionäre vom Hausvogteiplatz

Ende letzten Jahres habe ich einiges über die Ausstellung „Brennender Stoff“ mitbekommen, und da ich nicht nach Berlin fahren konnte, um sie mir anzuschauen, habe ich mir das Begleitbuch zur Ausstellung besorgt. Leider habe ich mich dann beim ersten Anlesen etwas über die Einleitung geärgert, so dass es einige Zeit dauerte, bis ich das Buch wieder in die Hand nahm, obwohl ich das Thema grundsätzlich wirklich interessant finde (und mir in diesem Jahr auch von Brundhilde Dähn den Titel „Hausvogteiplatz“ besorgt habe, auf den hier oft verwiesen wird). In „Brennender Stoff“ wird die Entwicklung des Hausvogteiplatzes (bzw. der dort vor dem Zweiten Weltkrieg angesiedelten jüdischen Bekleidungsfirmen) beschrieben.

In dem Kapitel „Mode schaffen – Mode zerstören“ wird zum Beispiel von Marian Vatter erläutert, wie es überhaupt dazu kam, dass sich dank des Emanzipationsedikts von 1812, das Juden in den vier Provinzen Brandenburg, Schlesien, Pommern und Ostpreußen Gewerbefreiheit gewährte, so viele jüdische Schneider in Berlin sammelten, und wie diese im Laufe der folgenden Jahrzehnte durch das Zwischenmeistersystem (bei dem Aufträge an kleine Firmen vergeben werden, die wiederum Heimarbeiterinnen beschäftigen) kostengünstig in größeren Mengen Mode produzieren konnten. Diese effizente Herstellungsweise sorgte – ebenso wie die „Anlehnung“ der Designs an Pariser Modelle – für eine Ausweitung des Berliner Modemarktes ins Ausland, so dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin hergestellte Kleidung in Amerika, England, Holland, Russland, Skandinavien und der Schweiz getragen wurde.

Mit „Heimnäherinnen“ geht Paula Hausmann näher auf die Rolle all der Frauen ein, die die (schlecht bezahlte) Grundlage für das Zwischenmeistersystem bildeten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Heimarbeiterinnen im Vergleich zu ihren Kolleginnen in den Konfektionswerkstätten deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen hatten. Sie wurden durch keinerlei Gesetz geschützt, wurden nach Stückzahl und nicht nach Arbeitszeit bezahlt, und wenn ihr Zwischenmeister keine Aufträge hatte, gab es auch kein Einkommen für sie. Außerdem mussten sie sich selbst eine teure Nähmaschine anschaffen, um überhaupt Aufträge als Heimnäherin zu bekommen, denn das Nähen mit der Hand war nach ca. 1850 im Vergleich zur Arbeit mit der Maschine weder schnell genug noch präzise genug.

Die folgenden beiden Kapitel („Vergessene Pioniere vom Hausvogteiplatz“ von Lisa Schellig und „Das Warenhaus N. Israel“ von Siggi Meyhöfer) konzentrieren sich auf die jüdischen Modehäuser Hermann Gerson, Valentin Manheimer und Nathan Israel und ihre Entwicklung von der Gründung Anfang des 18. Jahrhunderts an bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten bzw. den weiteren Verlauf der Geschäfte in den Händen nazitreuer neuer Besitzer/Geschäftsführer. Ein bisschen habe ich hier die Verweise auf das Zwischenmeistersystem und die Heimnäherinnen vermisst, während der Schwerpunkt der Autorinnen sehr auf den Erfolgen und Errungenschaften der Familienunternehmen lag (inklusive der für ihre Zeit sehr fortschrittlichen Versorgung der direkten Angestellten mit Versicherungen und Weiterbildungen).

„Berlin wird Modestadt – Förderung der Mode“ (von Melanie Mengay) dreht sich um die Gründung des „Verein Mode-Museum e. V. Berlin“ und weiterer Organisationen, die sich für eine Zusammenarbeit der verschiedenen Modeindustrien, den Austausch untereinander und Veranstaltungen rund um das Thema bemühten. „Mode und Medien – Eine Symbiose“ (erneut von Marian Vatter) hingegen geht auf das Zusammenspiel zwischen den Konfektionshäusern und dem Theater- bzw. Filmmilieu ein, das sich nicht nur darin äußerte, dass ganze Filme von einzelnen Konfektionären ausgestattet wurden, sondern auch darin, dass berühmte Schauspieler.innen für bestimmte Modehäuser warben. Ich muss gestehen, dass mir die Entdeckung, dass es das Theatergenre „Konfektionsposse“ gab, beim Lesen dieses Kapitels große Freude bereitet hat.

In „Mode und Emanzipation“ geht Sarah Gubitz auf den kurzen Aufschwung der Frauenrechte in den 1920er Jahren ein, als ein gestiegenes Angebot an Arbeitsplätzen für Frauen (gerade im städtischen Umfeld) dem weiblichen Teil der Bevölkerung größere Unabhängigkeit ermöglichte. Die in dieser Zeit erkämpften Rechte und Möglichkeiten für Frauen fielen aber wenig später der Politik der Nationalsozialisten zum Opfer – was sich auch bei einem Vergleich der Modeströmungen in diesen Jahrzehnten zeigt. Das Kapitel „Arisierung“ (von Sandra Zangerl) zeigt die Mechanismen auf, die dazu führten, dass innerhalb von gerade mal sechs Jahren die einfluss- und erfolgreichen jüdischen Konfektionäre vom Hausvogteiplatz vertrieben wurden. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die geänderte Gesetzgebung, sondern auch auf die Propaganda der Nationalsozialisten und die Rolle, die zum Beispiel das Archiv der IHK dabei spielte, ein. Abschließend wirft das Kapitel „Die Familie Wolff – Enteignung und Rückführung eines jüdischen Besitzes“ (von Vera Braun und Katharina Giertz) noch einen Blick auf den Versuch von Dina Gold, einer Nachfahrin der Familie Wolff, mehr über das Schicksal ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs herauszufinden, während der Text „Der Hausvogteiplatz nach dem Zweiten Weltkrieg“ (von Jonathan Irrgang) die Entwicklung des Hausvogteiplatzes in der DDR und nach der Wiedervereinigung schildert.

Ich finde das Thema (Berliner) Modegeschichte grundsätzlich interessant, muss aber zugeben, dass ich mit dieser Veröffentlichung nicht immer so ganz glücklich war. Dadurch, dass die Texte von unterschiedlichen Autor.innen verfasst wurden, gibt es deutliche Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Kapiteln. Diese zeigen sich nicht nur in der inhaltlichen Aufbereitung der unterschiedlichen Themen, sondern auch in der Sprache und Strukturierung der verschiedenen Beiträge. Besonders bedauerlich fand ich es, dass ich stellenweise über Aussagen gestolpert bin, die mehr von Vorurteilen als von einem aktuellen Wissensstand zum Thema historische Mode zeugten. Was mich aber vor allem geärgert hat, war eine Anmerkung der Herausgeberinnen im Vorwort, in dem darauf verwiesen wurde, dass die Texte „nur“ von Studierenden verfasst wurden (und man deshalb keine zu hohen Ansprüche an die Qualität stellen sollte), während ich mich frage, warum die beiden als Leiterinnen dieses Projekts dann nicht mit den Autor.innen daran gearbeitet haben, dass alle Texte vor ihrer Veröffentlichung inhaltlich und stilistisch ein angemessenes Niveau erreichen.

Sam Maggs: Girl Squads – 20 Female Friendships that Changed History

Von „Girl Squads“ hatte ich schon beim Lese-Sonntag im Januar geschrieben und da ich inzwischen das Buch beendet habe, kann ich nun auch noch etwas mehr darüber erzählen. Sam Maggs hat in dem Band zwanzig Einträge über „Frauengruppen“ gesammelt, die aus historischer Sicht etwas Bemerkenswertes erreicht oder getan haben. Dabei bestehen einige dieser „Gruppen“ zum Teil gerade mal aus zwei Frauen, während sich andere Texte – wie der über die südkoreanischen „Haenyeo“ – um die Arbeit von mehreren Tausend Frauen drehen. Grob eingeteilt wurden die einzelnen Einträge nach den Kategorien „Athlete Squads“, „Political and Activist Squads“, „Warrior Squads“, „Scientist Squads“ und „Artist Squads“, so dass man schon von Anfang an eine Vorstellung davon bekommt, in wieviel unterschiedlichen Bereichen die erwähnten Frauen aktiv waren (oder noch sind).

Mich persönlich hatte die Vorstellung besonders gereizt, dass in diesem Buch nicht einzelne Persönlichkeiten vorgestellt werden, sondern Frauen, die gemeinsam etwas erreicht haben. Dabei musste ich während des Lesens feststellen, dass nur wenige der erwähnten Frauen ihren Weg (und somit das, wofür sie kämpften) gezielt gewählt hatten, während viele aufgrund äußerer Umstände überhaupt erst in ihre Rolle gedrängt wurden. Insgesamt muss ich gestehen, dass ich mit „Girl Squads“ nicht ganz das bekommen hatte, was ich erwartet hatte – unter anderem, weil Personen(gruppen) auftauchten, die ich persönlich nicht als „History Changer“ gesehen hätte, auch wenn ihre Existenz ein interessantes Beispiel für „untypisches“ weibliches Verhalten oder Leben darstellt. Aber trotzdem fand ich jeden einzelnen Eintrag sehr spannend und faszinierend, gerade weil er mir einen Blick auf mir unbekannte Personen(gruppen) oder eine neue Perspektive auf ein Thema gönnte.

Etwas schade fand ich allerdings den Abschnitt über die japanische Frauen-Volleyball-Mannschaft, die 1964 die Olympischen Spiele gewann, da dort meinem Gefühl nach mehr über den männlichen Trainer der Mannschaft (und seine radikalen Trainingsmethoden) als über die Frauen selbst geschrieben wurde. Das widerspricht ja dann doch etwas dem Ziel, ein Sachbuch über die Frauen zu schreiben, deren Leistungen in der Vergangenheit regelmäßig übersehen wurden. Auch geht Sam Maggs recht locker darüber hinweg, dass zum Beispiel die Dahomey-Amazonen sich unter anderem aus Sklavinnen, Kriegsgefangenen, „verschenkten“ Töchtern und ähnlichen Frauen zusammensetzten. Natürlich kann man in den wenigen Seiten, die pro Eintrag in diesem Buch zur Verfügung stehen, nicht besonders detailliert auf solche Umstände eingehen, aber sie kommentarlos zu übergehen, ohne zumindest kurz auf Hintergründe oder allgemein übliche Lebensumstände von Frauen zu dieser Zeit und in diesem Land einzugehen, scheint mir auch nicht der richtige Weg zu sein.

Ansonsten mochte ich es, wie breit gefächtert die verschiedenen Einträge waren. Sam Maggs reist mit „Girl Squads“ quer durch die Zeit und erwähnt Frauen aus den verschiedenen Ecken der Welt – gerade über die Texte, die sich um Personen aus dem asiatischen oder afrikanischen Raum drehten, habe ich mich sehr gefreut, da ich immer noch viel zu selten in „westlichen“ Veröffentlichungen darüber stolpere. So habe ich eine Menge neuer Informationen, Personen und Gruppen kennengelernt und immer wieder juckte es mich in den Fingern, online mehr über Hintergründe, die Zeit oder weitere Lebensumstände der Personen zu recherchieren. Ich mag Bücher, die mich neugierig machen, ohne mich beim Lesen zu frustrieren, weil ich das Gefühl habe, ich werde mit ein paar Stichpunkten abgespeist. Insgesamt hat das Lesen von „Girl Squads“ überraschend lange gedauert, weil ich jedem einzelnen Text die angemessene Aufmerksamkeit widmen wollte – ein Nebeneffekt war dabei, dass es mir mit ein paar Tagen Abstand etwas leichter fiel, über die eine oder andere flapsige Nebenbemerkung der Autorin hinwegzusehen, die ich zugunsten einer stellenweise etwas kritischere Auseinandersetzung mit einem Thema lieber gestrichen gesehen hätte.

Jared Diamond: Guns, Germs and Steel – A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years

Ich muss gestehen, dass ich jedes Mal, wenn ich in den vergangenen Woche zu diesem Buch gegriffen habe, dachte, dass „Jared Diamond“ klingt wie der Name des Protagonisten eines zweitklassigen Kitschromans. *g* Stattdessen ist Jared Diamond ein Evolutionsbiologe, Physiologe und Biogeograf, der für seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt wurde. Lustigerweise hatte ich durch Neyasha schon mehrfach von dem Autor gehört, ihn aber immer wieder verdrängt, bis ich in der Bibliothek vor dem Buch stand. Die Tatsache, dass Neyasha schon seit Jahren die deutsche Ausgabe von „Guns, Germs and Steel“ weiterlesen will, war zwar nicht sehr ermutigend, aber ich dachte, ich könne ja mal reinschauen und gucken, wie ich damit vorankomme. Das Thema ist immerhin interessant, auch wenn das englische Schriftbild (wieso werden englische Sachbücher immer in so einer unangenehmen Schrift gedruckt?) mich eher abgeschreckt hat. Eine kurze Rechnung ergab, dass ich den Titel problemlos in einem Monat schaffen würde, wenn ich mir 16 Seiten pro Tag vornehmen würde. Das erschien mir durchaus machbar – und das war es auch.

Bevor ich (endlich) auf den Inhalt von „Guns, Germs and Steel – A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years“ eingehe, möchte ich noch erwähnen, dass das Buch schon im Jahr 1997 von dem Autor geschrieben wurde. Das macht die darin enthaltenden Informationen nicht falsch, aber ich bin mir sicher, dass es ein paar Aspekte darin gibt, zu denen es aktuellere Daten gibt, und die deshalb vielleicht von Jared Diamond heutzutage anders bewertet würden. Wer also ein aktuelleres Buch von dem Autor lesen möchte, sollte eher auf „Collapse – How Societies Choose to Fail or Succeed“ aus dem Jahr 2005 zurückgreifen – ich muss gestehen, dass ich den Titel auch noch im Hinterkopf habe, um zu schauen, wie weit die darin aufgeführten Informationen die in „Guns, Germs and Steel“ erwähnten Theorien ergänzen oder vielleicht sogar widerlegen.

Jared Diamond greift in den verschiedenen Kapiteln unterschiedliche Themen auf, wobei er bei der Entwicklung des Menschen (zum Homo Sapiens) beginnt und dann die verschiedenen Völkerwanderungen, Klima- und Vegetationsbedingungen beschreibt, bis er am Ende einen Vergleich zwischen den verschiedenen Kontinenten, ihren Startbedingungen und den verschiedenen Einflüssen zieht. Dabei beginnt er jedes Kapitel mit einer oder mehreren Fragen zu dem Thema, um sich dann von verschiedenen Seiten der Beantwortung dieser Fragen zu nähern, bevor er am Ende noch einmal kurz zusammenfasst, welche Erkenntnisse es zu dem Gebiet gibt und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Er verschweigt auch nicht, wenn zu bestimmten Themen noch keine ausreichenden Daten vorliegen, erklärt aber an diesen Stellen auch, wie und warum die Wissenschaft eine bestimmte These als die wahrscheinlichste ansieht und wieso er diese für dieses Buch heranzieht. Natürlich sind die Informationen in „Guns, Germs and Steel“ sehr gedrängt und beschränken sich häufig auf den groben Zusammenhang und weite Regionen, aber durch die Zusammenfassungen zum Schluss des Kapitels hat man beim Lesen das Gefühl, dass all das gehäufte Wissen an den richtigen Platz fällt und ein schlüssiges Gesamtbild ergibt, das auch langfristig haften bleibt. (Wie langfristig, werde ich dann im Laufe der kommenden Monate sehen. *g*)

Ich fand es auf jeden Fall sehr spannend, welche Aspekte der Autor ansprach und welche Verbindungen er schafft. Es gab so einige Dinge, die nicht neu für mich waren, die ich aber nie in einem großen Zusammenhang gesehen habe und die so einen ganz neuen Eindruck auf mich machten. Gerade diese weltweite Sicht auf das große Ganze hat mich sehr fasziniert und ich fand es großartig, mich mal nicht beim Lesen eines Sachbuches fragen zu müssen, wie es wohl in einem anderen Teil der Welt aussah oder welche Auswirkungen diese eine Erfindung oder Entdeckung wohl auf andere Gebiete gehabt haben mochte. Gerade der afrikanische und südamerikanische Raum (und das ist ein verflixt großes Stück der Welt) werden in den klassischen Sachbüchern (die auf Deutsch erscheinen) häufig ausgespart, weil sie sich auf ein bestimmtes Themengebiet in Europa, Großbritannien oder Nordamerika konzentrieren und die weltweite Sicht den Rahmen sprengen würde. Ich finde es aber inzwischen ziemlich frustrierend, dass es so schwierig ist, mehr über andere Teile der Welt zu erfahren, wenn man nicht gerade Romane liest oder auf Sachbücher zurückgreift, die in Sprachen geschrieben wurden, die ich leider nicht beherrsche.

Obwohl nicht jedes Kapitel gleich spannend war, war ich überrascht, wie gut ich bei den meisten davon trotz der Faktenfülle am Ball blieb. Auch sprachlich konnte ich gut mithalten, weil Jared Diamond jedes verwendete Fachwort so gut erklärt, dass ich nichts (abgesehen von zwei Begriffen für Hirse *g*) nachschlagen musste. Allerdings ertappte ich mich zwischendurch etwas dabei, dass ich mit den Augen rollte, wenn ich den Begriff „New Guinea“ las. Ich weiß, dass Jared Diamond sehr viele Jahre dort geforscht hat und mir ist auch bewusst, dass diese – lange Zeit isolierte – Inselgruppe ein wunderbares Beispiel für viele Entwicklungsschritte der Menschheit darstellt, aber manchmal fragte ich mich, ob der Autor nicht auch ein anderes Gebiet als Beispiel hätte heranziehen können. Denn obwohl sich Jared Diamond bemüht, wirklich weltweit auf die verschiedenen Entwicklungen einzugehen, so gab es doch zu einigen großen Gebiete relativ allgemeine Informationen und ich kann nur spekulieren, ob das daran lag, weil es in diesen großen Gebieten keine individuell erwähnenswerten Vorkommnisse gab oder weil es keine greifbaren archäologischen Erkenntnisse dazu gibt.

Letzteres halte ich für eher unwahrscheinlich, aber wenn der gesamte eurasische Raum bei den meisten Themen als eine Einheit behandelt wird, dann frage ich mich schon, ob es nicht doch mehr erwähnenswerte Aspekte gegeben hätte – gerade im asiatischen Raum, der ja doch auch einige vielfältige Bedingungen und Lebensweisen hervorgebracht hat. Aber vermutlich wäre das zu sehr ins Detail gegangen, denn der Autor konnte seine Theorien ja auch so überzeugend vorlegen. Erst beim Epilog gibt es Passagen, in denen sich Jared Diamond (scheinbar) widerspricht, wobei er selbst sagt, dass diese (scheinbaren) Ungereimtheiten dadurch entstehen, dass man bei einer solch weitreichenden und groben Zusammenfassung auf bestimmte Aspekte nicht im Detail eingehen kann, obwohl diese neben den geologischen, biologischen und ähnlichen Bedingungen natürlich auch Einfluss auf die Entwicklung der verschiedenen Völker gehabt hatten. Ich kann mit diesem „Widerspruch“ leben, da der Autor ihn selber erwähnt und erklärt, und so schmälert das nicht meinen positiven Gesamteindruck von „Guns, Germs and Steel“.

Wolfgang Behringer: Tambora und das Jahr ohne Sommer

„Tambora und das Jahr ohne Sommer – Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte“ von Wolfgang Behringer ist eine Empfehlung von Hermia gewesen und ich konnte den Titel glücklicherweise relativ schnell in der Bibliothek ausleihen. Insgesamt fand ich das Buch sehr spannend, wenn auch stellenweise etwas sehr mit Namen und Daten überfrachtet – das sind dann immer die Passagen, an denen mein müder Kopf bei meiner Nachmittagslesepause wegdriftet und ich mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit einschlafe. Was dann dazu führt, dass ich viel länger für so ein Sachbuch benötige, als mir lieb ist …

Wolfgang Behringer versucht in „Tambora und das Jahr ohne Sommer“, all die Ereignisse in den Jahren nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen. Er zeigt auf, wie sehr dieser Vulkanausbruch das Klima und somit auch Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt beeinflusst hat. Es gibt – wie man der Einleitung entnehmen kann – viele Daten zu den Jahren 1816 bis 1820, die von den Wetterveränderungen, den Missernten, den Hungersnöten und den Unruhen berichten, und auch viele Wissenschaftler, die sich bestimmter Einzelaspekte dieser Zeit angenommen habe, aber keinen Versuch, eine weltumspannende Sicht auf die Folgen dieses gewaltigen Vulkanausbruchs zu werfen. Wobei mir beim Lesen auch immer wieder aufgefallen ist, dass der Schwerpunkt dann doch wieder auf den Berichten aus Süddeutschland und zum Teil der Schweiz, Frankreich und Großbritannien liegt – eben weil aus diesen Regionen detaillierte Schilderungen aus der Zeit vorliegen oder weil es für bestimmte Länder (zum Beispiel im asiatischen Raum) noch keine genauen wissenschaftlichen Studien zu den Jahren kurz nach 1816 gibt.

Aber auch wenn es im Vergleich zum süddeutschen Raum verhältnismäßig wenige Aussagen zu den weltweiten Entwicklungen gibt, so reichen schon die wenigen Anmerkungen, damit der Leser eine Vorstellung von den umfassenden Einflüssen bekommt, die dieser Vulkanausbruch hatte. Neben den erwartbaren Veränderungen wie Klimaveränderungen, Missernten, Hungernöten, Krankheiten und Auswanderung fand ich es besonders faszinierend, wie die Politik und die Wissenschaft mit all den Herausforderungen umgingen. Nachdem sich die europäische Landschaft gerade erst durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses gravierend verändert hatte, stellten die Hungerjahre für die frisch zusammengeschlossenen Nationen ganz besondere Herausforderungen da.

Während sich in diesen Jahren der Not manche Menschen von ihrer schlechtesten Seite zeigten (Rassismus, Hexenverfolgung, Wucherei, Machtmissbrauch, Sekten), gab es auch viele Gruppen, die sich zusammenfanden, um Suppenküchen und Arbeitsangebote auf die Beine zu stellen oder die Landwirtschaft zu fördern, damit diese in Zukunft bessere Ernten einfahren konnte. Besonders spannend fand ich z. B. Informationen zur Entstehung der ersten Sparkassen und Versicherungen, die in den Jahren nach dem Vulkanausbruch gegründet wurden, um den ärmeren Bevölkerungsgruppen eine Möglichkeit zu bieten, für Notzeiten vorzusorgen. Ich muss gestehen, dass ich mir nie Gedanken darüber gemacht habe, wieso es irgendwann Angebote für „normale“ Bürger gab statt ausschließlich Banken für Adelige, reiche Kaufleute und Industrielle.

Auch die wissenschaftliche und industrielle Entwicklung in den Folgejahren fand ich spannend. Gerade die auf den Vulkanausbruch folgende Entstehung der Meteorologie und dass dieses Ereignis überhaupt erst der Grund war für detailliertere Wetterbeobachtungen, finde ich faszinierend.  Da hätte ich mir fast noch mehr Details gewünscht, auch wenn Wolfgang Behringer dem Leser einen informativen und umfassenden Überblick gewährt. Aber es sind halt in der Regel die skurrilen Kleinigkeiten, die bei mir nach dem Lesen so eines Buches langfristig hängenbleiben und bedauerlicherweise weniger die Gesamtzusammenhänge. Insgesamt habe ich trotzdem das Gefühl, ich habe viel gelernt und konnte wieder vielen kleinen Wissensteilchen, die vorher in meinem Kopf rumschwirrten, einen Platz in einem Gesamtbild zuweisen. Dieses Gefühl lässt mich immer wieder dankbar für gut geschriebene und informative Sachbücher zurück, die mir helfen, mein doch eher selektives Wissen in einen Zusammenhang zu bringen.

Ebba D. Drolshagen: Der freundliche Feind – Wehrmachtssoldaten im besetzten Europa

Ich hatte schon bei dem „Vorauswahl-Beitrag“ für die Sachbuch-Challenge geschrieben, dass ich eigentlich etwas übersättigt bin, wenn es um das Thema „2. Weltkrieg“ geht. Aber wenn ich dann über einen Titel stolpere, der mir den Eindruck vermittelt, dass dort eine Seite des Kriegs vorgestellt wird, die ich noch nicht so gut kenne, werde ich doch wieder neugierig. So habe ich über „Eine Handbreit Hoffnung“ nicht nur das Schicksal einer jüdischen Familie in Polen verfolgt, sondern auch wieder mehr über das Verhältnis Polen-Russland-Ukraine gelernt. „Der freundliche Feind“ von Ebba D. Drolshagen hingegen beschäftigt sich mit Wehrmachtsoldaten, die als Besatzer jahrelang – relativ friedlich – außerhalb von Deutschland gelebt haben, und dem Verhältnis zwischen diesen Soldaten und der einheimischen Bevölkerung.

Vor allem konzentriert sich die Autorin dabei auf die Soldaten, die in Norwegen und Frankreich stationiert waren, und erklärt erst einmal die unterschiedlichen Ausgangssituationen in den beiden Ländern. Während Frankreich den Vormarsch der Deutschen genau verfolgen konnte und mit dem Einmarsch der Soldaten rechnen musste, wurden die Norweger über Nacht von der Inbesitznahme überrascht. So hatten auf der einen Seite die Franzosen viel Zeit, um sich die Gräueltaten auszumalen, die die Deutschen nach der Invasion an ihnen ausüben würden, während die Norweger gar nicht fassen konnten, dass sie – trotz erklärter Neutralität – nun unter deutscher Besatzung  standen.

Auch für die deutschen Soldaten brachte diese Besatzungszeit ungewohnte Herausforderungen mit sich. Auf der einen Seite mussten sie jahrelang in einer engen und von oben erzwungenen Kameradschaft leben, die keine Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten nahm, auf der anderen Seite durften sie nur in Uniform aus den Kasernen gehen und bekamen so natürlich die Feindschaft der Einheimischen zu spüren. Dazu kam bei den Soldaten noch das Wissen, dass sie – im Vergleich zu ihren Familien, die in Deutschland von den Alliierten bombardiert wurden, und den Soldaten an den Fronten – in einer sehr friedlichen und sicheren Lage den Krieg erlebten.

Nach dem ersten Schock standen die Einheimischen vor der Frage, wie sie mit den (aufgrund von Befehlen und Propagandaeinflüssen) oft recht freundlich agierenden Soldaten umgehen sollten. Gerade diejenigen, die kaum Kampfhandlungen erlebt hatten, schienen sich zu benehmen, als ob sie im Urlaub wären. So schwankten die Besetzten zwischen der Ablehnung gegenüber den Invasoren und der Höflichkeit gegenüber einem freundlichen Fremden, der nach dem Weg fragt oder für sich und seine Freunde nur ein Eis kaufen möchte – wobei natürlich das Zeigen der Ablehnung überwog, was zum Teil wiederum seltsame Maßnahmen von Seiten der einheimischen Obrigkeit provozierte, die versuchen musste, mit den Besatzern auszukommen. Sehr schön finde ich es auch, wie die Autorin anhand von Zitaten aus Tagebucheinträgen, Briefen und Erinnerungen von Zeitzeugen darstellt, wie unterschiedlich Verhalten oft ausgelegt wurde. So leisteten z. B. Ladenbesitzer Widerstand, indem sie den Deutschen keine Waren verkauften, sondern nur – wie es die Höflichkeit gegenüber Fremden gebot – eine Tasse Kaffee anboten. Das führte wiederum dazu, dass sich einige deutsche Soldaten in solchen Situationen überraschend willkommen fühlten, boten ihnen die Norweger doch trotz ihres Mangels an Waren bei jedem Besuch eine Tasse Kaffee an.

Natürlich verschweigt die Autorin nicht, dass die Deutschen – bei aller befohlenen „Freundlichkeit“ – als Invasoren im Land waren, dass Druck auf die Bevölkerung ausgeübt wurde, dass besetzt und geplündert wurde und dass die Einheimischen in Angst vor den fremden Soldaten lebten. Aber je länger man zusammenlebte und je enger man zusammenarbeitete – wie es oft besonders in ländlichen Regionen der Fall war -, desto häufiger haben beide Seiten nicht mehr den „Feind“, sondern auch den Menschen gesehen. Außerdem gab es natürlich – neben denjenigen die mehr oder weniger aktiv Widerstand leisteten – auch diejenigen, die die Besatzungszeit durch die Deutschen nutzten, um gute Geschäfte zu machen, ihre Feinde und Konkurrenten zu denunzieren oder auf andere Weise von den veränderten Machtverhältnissen zu profitieren.

Ebba D. Drolshagen erzählt im letzten Kapitel auch, wie sie als Deutsch-Norwegerin überhaupt auf das Thema gekommen ist – und wie sehr es sie anfangs irritiert hat, als sie sich Erzählungen von Norwegern und Deutschen angehört hat, die von der Kriegszeit erzählten. Denn während die Norweger von der beängstigenden Atmosphäre, von dem Hunger, dem Mangel und dem Zwang berichteten, vermittelten die ehemaligen deutschen Soldaten das Gefühl, als ob sie Norwegen als zweite Heimat empfunden und dort viele einheimische Freunde gefunden hätten. Erst mit viel Geduld und der Einsichtnahme in einige Dokumente aus dieser Zeit kam sie der Realität etwas näher, die eben nicht schwarz-weiß war, sondern aus unendlich vielen Grauschattierungen bestand – und an die man scih im Laufe der Jahre auf beiden Seiten nur noch sehr selektiv erinnerte.

Ich fand es spannend, mal ein Sachbuch zu lesen, das sich nicht in erster Linie mit der Vernichtung der Juden, den Ereignissen an der Front, den großen Schlachten und den unzähligen Verbrechen der Nazis beschäftigte (wobei ich betonen möchte, dass diese Aspekte in dem Buch nicht verschwiegen werden). Über den normalen Alltag in den besetzten Gebieten habe ich mir vorher kaum Gedanken gemacht, wenn ich von dem einen oder anderen Roman absehe, der eine sehr persönliche – und oft auch dramatische – Sicht auf das Thema präsentiert hat. Auch mochte ich den Versuch der Autorin, so neutral wie möglich die Erinnerungen und Ereignisse wiederzugeben. Sie erwähnt zwar, dass erschreckend viele der damals sehr jungen Deutschen auch im hohen Alter noch eine von der Nazi-Propaganda geprägte Sprache (und Gesinnung) zeigten, wenn sie von ihrer Wehrmachtszeit sprachen, betont aber auch, wie sehr das kollektive Schweigen der Besiegten wohl die objektive Auseinandersetzung erschwert hat.

Auf beiden Seiten zeigt die Autorin eine gewissen Schizophrenie auf, wenn es um die Taten aller Kriegsparteien geht sowie um die Wahrnehmung des individuellen Empfindens und der persönlichen Haltung – vor allem in der Rückschau und mit dem Wissen um den Ausgang des Krieges und die Details um die jeweiligen Verbrechen. So endet ihr Buch auch nicht mit dem Kriegsende, sondern geht auch noch kurz darauf ein, wie in den jeweiligen Ländern in den Jahren nach dem Krieg mit den Landsleuten umgegangen wurde, die – aus dem einen oder anderen Grund – den Besatzern vielleicht näher standen (oder von denen dies nur behauptet wurde) und wie dort die Ereignisse dieser Besatzungsjahre in den Geschichtsbüchern festgehalten wurden. Schließlich konzentrieren sich diese Bücher nicht auf die individuellen Erfahrungen der verschiedenen Beteiligten, sondern auf die großen politischen Entscheidungen, die entscheidenden Schlachten und die völkerumfassenden Auswirkungen des Krieges.

Sehr schade finde ich, dass die Quellen und Anmerkungen in einem Anhang zusammengefasst wurden, statt als Fußnoten auf derselben Seite aufgeführt zu werden. So musste ich immer viel blättern, obwohl die gesuchte Information oft nur aus einer kurzen (aber interessanten) Quellenangabe bestand, die ich bei einer anderen Anordnung mit einem kurzem Seitenblick hätte erfassen können, ohne dafür im Lesefluss unterbrochen zu werden.

Reza Aslan: Zelot – Jesus von Nazaret und seine Zeit

Ich weiß nicht mehr, wo ich über „Zelot – Jesus von Nazaret und seine Zeit“ von Reza Aslan gestolpert bin, glaube aber, dass es auf einem Blog war. Auf jeden Fall habe ich die Aussage im Hinterkopf, dass in dem Buch die Zeit, in der Jesus lebte, sehr interessant dargestellt wurde – und das reizte mich genug, um den Titel in der Bibliothek vorzumerken. Reza Aslan leitet das Buch mit zwei Abschnitten ein, in denen er einmal erklärt, wie er überhaupt auf das Thema kam, und in denen er erläutert, welche Quellen er für seine Forschung herangezogen hat.

Dies beides fand ich schon einmal sehr interessant. Der Amerikaner Reza Aslan entstammt einer nicht besonders gläubigen muslimischen Familie und entdeckte als Teenager in einem Jugendcamp das Christentum für sich. Wie es sich für frisch missionierte Gläubige gehört, versuchte er in den folgenden Jahren andere Menschen für das Christentum zu begeistern und ging sogar soweit, dass er anfing Religionswissenschaften zu studieren. Was wiederum dazu führte, dass er feststellen musste wie viele Widersprüche in der Bibel zu finden sind – was ihn an seinem Glauben zweifeln ließ und letztendlich dazu führte, dass er als sich weniger als Christ, als als Wissenschaftler und Historiker mit der Bibel beschäftigte (und sich wieder dem Islam zuwandte). Die aus dieser Beschäftigung gewonnenen Erkenntnisse verarbeitete er dann in diesem Sachbuch, wobei immer wieder auch Argumente aufgeführt werden, die von anderen Bibelforschern aufgestellt wurden und die gegen seine Ansichten und Theorien sprechen, nur um dann anhand von Zitaten und historisch belegten Ereignissen in Zweifel gezogen zu werden.

Bei der Angabe der Quellen betont Reza Aslan immer wieder, dass er sich bei der Bibel auf die ältesten Teile bzw. die Schriften, auf denen diese Passagen basieren, bezogen hat. Wobei auch klar wird, dass die ersten schriftlichen Zeugnisse erst ca. zwanzig Jahre nach Jesus Tod entstanden sind und von seinen Anhängern stammen, die seinen Widerstand wollten und dafür eine Galionsfigur benötigten, was zu einer nicht unerheblichen Verklärung führte. Weitere Quellen sind zum Beispiel Passagen aus Werken jüdischer Historiker, von denen die ältesten Schriftstücke ungefähr hundert Jahre nach den geschilderten Ereignissen entstanden sind. Interessant fand ich hier die Erwähnung, dass die Historiker sich damals weniger mit Jesus als Person beschäftigt haben, als mit den Ereignissen rund um seine Widerstandsbewegung.

Nach diesen einleitenden Seiten teilt sich „Zelot“ in drei Abschnitte. Der erste Teil beginnt um 63 v. Chr. als Judäa (und somit auch Jerusalem, das Zentrum des jüdischen Glaubens) – nach einer sehr langen Phase unter Führung von Priesterkönigen – römisches Protektorat wurde. Reza Aslan umreißt in diesen Kapiteln, welche religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftliche Auswirkungen die römische Besatzung auf die Juden hatte, welche Aufstände und Kämpfe es sowohl zwischen Römern und Juden, aber auch zwischen jüdischen Gläubigen und den jüdischen Priestern gab und wie dies die Welt formte, in der Jesus seine Kindheit verbracht hat. So faszinierend ich die verschiedenen Passagen darüber fand, wer wann wie viel Macht über das Gebiet hatte und welcher römische Statthalter welchen Einfluss auf das Leben der Einheimischen hatte, so war es doch etwas anstrengend bei all den Namen, Daten und Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Personen noch den Ereignissen zu folgen.

Spannend fand ich dann im zweiten Teil die Passagen über den vermutlichen Anfang von Jesus „Karriere“ als Wanderprediger, Wunderheiler und Aufständischen, über den Einfluss, denn Johannes der Täufer anscheinend auf ihn hatte, und darüber wie in historischen Schriften über ihn berichtet wird. All diese Aussagen laufen laut Resa Aslan letztendlich darauf hinaus, dass der historische Jesus ein Aufrührer war, der zu einer Revolution aufrief, die die Machtverhältnisse des Landes auf den Kopf stellen sollte.

Die Reichen, die Priester, die Römer sollten entmachtet werden und das Land und seine Güter sollten zurückkehren in die Hand der – unter römischer Herrschaft verarmten – Juden. Mit diesem Bedürfnis nach einem Aufstand war Jesus nicht allein, es gab eine Menge Widerstandsgruppen, die sich gegen die Besatzer und die Priester, die mit ihnen zusammenarbeiteten, auflehnten. So geht der Autor davon aus, dass Jesus kein besonders friedsuchender Mensch war, sondern dass diese biblische Darstellung auf einem Ideal der frühchristlichen (und von griechischen und römischen Denken beeinflussten) Kirche basierte. Auch betont Resa Azlan, dass Jesus Jude war und verschiedene seiner Aussagen – in diesem religiösen und zeitlichen Zusammenhang gesehen – die Juden über alle anderen Volks- und Religionsgruppen erheben würden, womit in diesen Anfangsjahren des „Christentums“ nicht viel von dem menschenfreundlichem Gedankengut vorhanden war, das heute doch als so elementar für diese Religon gesehen wird.

Der dritte Part beschäftigt sich hingegen mit der Zeit nach Jesus Tod und auch hier betont Reza Aslan immer wieder, dass die schriftlichen Überlieferungen von Jesus Taten nicht von seinen frühen Jüngern oder sonstigen Menschen seiner Zeit und Herkunft niedergeschrieben wurden, sondern häufig von gebildeten, griechischsprachigen Städtern, deren Sicht auf die Ereignisse davon beeinflusst wurde, dass sie mit ihren Schriften Jesus Messias-Status festigen wollten. Dazu kam anscheinend in den Jahrzehnten nach der Kreuzigung noch einer Feindschaft zwischen den Jesus-Anhängern, die von seinem Bruder Jakobus vertreten wurden, und denen, die von Paulus angeführt wurden. Wobei die Lehren des letzteren nicht mehr viel mit dem gemein hatten, was Jesus zu Lebzeiten selbst verkündet hat – widersprachen Paulus Aussagen doch in der Regel dem jüdischen Glauben.

Zum Schluss kommen noch ungefähr hundert Seiten mit Anmerkungen des Autors, in denen Reza Aslan auf Veröffentlichungen hinweist, die er herangezogen hat, um seine Theorien zu Jesus Leben aufzustellen. Wobei ich es interessant fand, dass er zu einigen Passagen zwar mehrere Werke herangezogen hat, diese aber oft alle von einem Autoren stammten. Mir ist bewusst, dass es grundsätzlich schwierig ist Konkretes über eine Zeit zu sagen, die schon so lange her ist, noch schwieriger ist es natürlich, wenn man Informationen zu einer bestimmten Person sammeln möchte, die einer niedrigen Gesellschaftsschicht angehörte.

Obwohl das alles beweist, dass es wirklich wenig greifbare oder gar belegbare Informationen zu dieser Zeit existieren, gibt wirklich ungemein viele Elemente, die ich an diesem Buch spannend finde. Stellenweise habe ich mich zwar auch gefragt, wie weit die persönliche Geschichte des Autors seine Interpretation der verschiedenen Quellen und Ereignisse beeinflusst haben könnte, aber vor allem habe ich „Zelot“ als eine faszinierende Möglichkeit wahrgenommen mich der Geschichte einer Region zu nähern, über die ich viel zu wenig weiß. Zusätzlich zu all den Namen und Daten, die zeigen welche Machtverhältnisse rund um das Jahr Null herrschten und welche Veränderungen welche Auswirkungen auf das Leben der einfachen Menschen hatten, fand ich auch den Umgang mit den (oft aus verschiedenen Gründen fragwürdigen) Quellen, die Überlegungen zum Thema Sprache und Übersetzung und die Gedanken rund um die Intentionen der verschiedenen Verfasser historischer Schriften sehr fesselnd. Stellenweise fühlte ich mich mit all den Zitaten aber auch etwas überfordert, denn das Buch erfordert schon Zeit und Konzentration und davon hatte ich in den letzten zwei Monaten nicht ganz so viel wie gewünscht, aber insgesamt war es ein sehr faszinierendes Leseerlebnis.