Kristin Hahn/Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff – Jüdische Konfektionäre vom Hausvogteiplatz

Ende letzten Jahres habe ich einiges über die Ausstellung „Brennender Stoff“ mitbekommen, und da ich nicht nach Berlin fahren konnte, um sie mir anzuschauen, habe ich mir das Begleitbuch zur Ausstellung besorgt. Leider habe ich mich dann beim ersten Anlesen etwas über die Einleitung geärgert, so dass es einige Zeit dauerte, bis ich das Buch wieder in die Hand nahm, obwohl ich das Thema grundsätzlich wirklich interessant finde (und mir in diesem Jahr auch von Brundhilde Dähn den Titel „Hausvogteiplatz“ besorgt habe, auf den hier oft verwiesen wird). In „Brennender Stoff“ wird die Entwicklung des Hausvogteiplatzes (bzw. der dort vor dem Zweiten Weltkrieg angesiedelten jüdischen Bekleidungsfirmen) beschrieben.

In dem Kapitel „Mode schaffen – Mode zerstören“ wird zum Beispiel von Marian Vatter erläutert, wie es überhaupt dazu kam, dass sich dank des Emanzipationsedikts von 1812, das Juden in den vier Provinzen Brandenburg, Schlesien, Pommern und Ostpreußen Gewerbefreiheit gewährte, so viele jüdische Schneider in Berlin sammelten, und wie diese im Laufe der folgenden Jahrzehnte durch das Zwischenmeistersystem (bei dem Aufträge an kleine Firmen vergeben werden, die wiederum Heimarbeiterinnen beschäftigen) kostengünstig in größeren Mengen Mode produzieren konnten. Diese effizente Herstellungsweise sorgte – ebenso wie die „Anlehnung“ der Designs an Pariser Modelle – für eine Ausweitung des Berliner Modemarktes ins Ausland, so dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin hergestellte Kleidung in Amerika, England, Holland, Russland, Skandinavien und der Schweiz getragen wurde.

Mit „Heimnäherinnen“ geht Paula Hausmann näher auf die Rolle all der Frauen ein, die die (schlecht bezahlte) Grundlage für das Zwischenmeistersystem bildeten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Heimarbeiterinnen im Vergleich zu ihren Kolleginnen in den Konfektionswerkstätten deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen hatten. Sie wurden durch keinerlei Gesetz geschützt, wurden nach Stückzahl und nicht nach Arbeitszeit bezahlt, und wenn ihr Zwischenmeister keine Aufträge hatte, gab es auch kein Einkommen für sie. Außerdem mussten sie sich selbst eine teure Nähmaschine anschaffen, um überhaupt Aufträge als Heimnäherin zu bekommen, denn das Nähen mit der Hand war nach ca. 1850 im Vergleich zur Arbeit mit der Maschine weder schnell genug noch präzise genug.

Die folgenden beiden Kapitel („Vergessene Pioniere vom Hausvogteiplatz“ von Lisa Schellig und „Das Warenhaus N. Israel“ von Siggi Meyhöfer) konzentrieren sich auf die jüdischen Modehäuser Hermann Gerson, Valentin Manheimer und Nathan Israel und ihre Entwicklung von der Gründung Anfang des 18. Jahrhunderts an bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten bzw. den weiteren Verlauf der Geschäfte in den Händen nazitreuer neuer Besitzer/Geschäftsführer. Ein bisschen habe ich hier die Verweise auf das Zwischenmeistersystem und die Heimnäherinnen vermisst, während der Schwerpunkt der Autorinnen sehr auf den Erfolgen und Errungenschaften der Familienunternehmen lag (inklusive der für ihre Zeit sehr fortschrittlichen Versorgung der direkten Angestellten mit Versicherungen und Weiterbildungen).

„Berlin wird Modestadt – Förderung der Mode“ (von Melanie Mengay) dreht sich um die Gründung des „Verein Mode-Museum e. V. Berlin“ und weiterer Organisationen, die sich für eine Zusammenarbeit der verschiedenen Modeindustrien, den Austausch untereinander und Veranstaltungen rund um das Thema bemühten. „Mode und Medien – Eine Symbiose“ (erneut von Marian Vatter) hingegen geht auf das Zusammenspiel zwischen den Konfektionshäusern und dem Theater- bzw. Filmmilieu ein, das sich nicht nur darin äußerte, dass ganze Filme von einzelnen Konfektionären ausgestattet wurden, sondern auch darin, dass berühmte Schauspieler.innen für bestimmte Modehäuser warben. Ich muss gestehen, dass mir die Entdeckung, dass es das Theatergenre „Konfektionsposse“ gab, beim Lesen dieses Kapitels große Freude bereitet hat.

In „Mode und Emanzipation“ geht Sarah Gubitz auf den kurzen Aufschwung der Frauenrechte in den 1920er Jahren ein, als ein gestiegenes Angebot an Arbeitsplätzen für Frauen (gerade im städtischen Umfeld) dem weiblichen Teil der Bevölkerung größere Unabhängigkeit ermöglichte. Die in dieser Zeit erkämpften Rechte und Möglichkeiten für Frauen fielen aber wenig später der Politik der Nationalsozialisten zum Opfer – was sich auch bei einem Vergleich der Modeströmungen in diesen Jahrzehnten zeigt. Das Kapitel „Arisierung“ (von Sandra Zangerl) zeigt die Mechanismen auf, die dazu führten, dass innerhalb von gerade mal sechs Jahren die einfluss- und erfolgreichen jüdischen Konfektionäre vom Hausvogteiplatz vertrieben wurden. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die geänderte Gesetzgebung, sondern auch auf die Propaganda der Nationalsozialisten und die Rolle, die zum Beispiel das Archiv der IHK dabei spielte, ein. Abschließend wirft das Kapitel „Die Familie Wolff – Enteignung und Rückführung eines jüdischen Besitzes“ (von Vera Braun und Katharina Giertz) noch einen Blick auf den Versuch von Dina Gold, einer Nachfahrin der Familie Wolff, mehr über das Schicksal ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs herauszufinden, während der Text „Der Hausvogteiplatz nach dem Zweiten Weltkrieg“ (von Jonathan Irrgang) die Entwicklung des Hausvogteiplatzes in der DDR und nach der Wiedervereinigung schildert.

Ich finde das Thema (Berliner) Modegeschichte grundsätzlich interessant, muss aber zugeben, dass ich mit dieser Veröffentlichung nicht immer so ganz glücklich war. Dadurch, dass die Texte von unterschiedlichen Autor.innen verfasst wurden, gibt es deutliche Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Kapiteln. Diese zeigen sich nicht nur in der inhaltlichen Aufbereitung der unterschiedlichen Themen, sondern auch in der Sprache und Strukturierung der verschiedenen Beiträge. Besonders bedauerlich fand ich es, dass ich stellenweise über Aussagen gestolpert bin, die mehr von Vorurteilen als von einem aktuellen Wissensstand zum Thema historische Mode zeugten. Was mich aber vor allem geärgert hat, war eine Anmerkung der Herausgeberinnen im Vorwort, in dem darauf verwiesen wurde, dass die Texte „nur“ von Studierenden verfasst wurden (und man deshalb keine zu hohen Ansprüche an die Qualität stellen sollte), während ich mich frage, warum die beiden als Leiterinnen dieses Projekts dann nicht mit den Autor.innen daran gearbeitet haben, dass alle Texte vor ihrer Veröffentlichung inhaltlich und stilistisch ein angemessenes Niveau erreichen.

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