Schlagwort: Sachbuch

Astrid Lindgren und Louise Hartung: Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft

Im vergangenen Jahr habe ich „Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft“ zum Geburtstag bekommen. In diesem Buch wurde ein großer Teil der noch erhaltenen Briefe zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung (wenn auch zum Teil gekürzt) veröffentlicht, wobei die Briefe, die im Original zum Großteil auf Schwedisch (von Astrid Lindgren) und Deutsch (von Louise Hartung) geschrieben wurden, hier natürlich durchgehend übersetzt vorliegen. Kennengelernt haben sich Louise Hartung und Astrid Lindgren im Oktober 1953, als Louise Hartung im Rahmen ihrer Arbeit für das Berliner Jugendamt Astrid Lindgren für eine Rede einlud. Während der drei Tage, die Astrid Lindgren zu diesem Anlass in Berlin war, hat sie bei Louise Hartung gewohnt und die beiden Frauen haben – wenn man nach all den Verweisen in den Briefen auf diese Tage geht – eine intensive Zeit miteinander verbracht.

Ich fand die Briefe sehr faszinierend zu lesen – nicht nur, weil man durch sie sehr viel über Astrid Lindgren als Privatperson erfährt (deutlich mehr, als zum Beispiel durch ihre Tagebucheinträge), sondern auch, weil ich Louise Hartung als eine sehr spannende Person empfand, von der ich vor dem Lesen ihrer Briefe kaum etwas wusste. Es war sehr fesselnd, den Austausch diese beiden Frauen zu verfolgen, wobei die Themenvielfalt von ihrem Privatleben und ihren Gefühlen (Louise Hartung hat für Astrid Lindgren mehr als Freundschaft empfunden) über ihre Arbeit und Reisen bis zu den verschiedenen kulturellen Bereichen reichte. Immer wieder gibt es Verweise auf die damals aktuelle politische Lage, auf Bücher, die sich die beiden Frauen gegenseitig besorgt oder empfohlen haben, und auf die kleinen Alltäglichkeiten, die das Leben der Schreiberinnen ausmachten. Sehr lustig fand ich zum Beispiel mitzuverfolgen, wie die beiden eine Zeitlang fleißig Wein von Deutschland nach Schweden schmuggelten und welche Hindernisse das vor allem für Louise Hartung so mit sich brachte.

Interessant fand ich auch zu sehen, wie unterschiedlich die beiden Frauen waren. In Astrid Lindgrens Briefen kann man immer wieder von Melancholie lesen, von einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung angesichts der politischen Lage der Welt, von dem Bedürfnis, all den Anforderungen, die an ihre Person gestellt werden, gerecht zu werden und von ihrer Flucht in ihr Sommerhäuschen, wo sie Ruhe findet. Louise Hartung hingegen scheint sehr viel kämpferischer auf viele Widerstände reagiert zu haben als die Freundin, sehr viel fordernder gewesen zu sein, egal, ob es um ihr Privatleben oder ihren Beruf ging, und gerade deshalb hat sie wohl auch sehr viel in Bewegung setzen können. Auf der anderen Seite hat auch Louise Hartung eindeutig Zeiten gekannt, in denen sie verzweifelt war – weniger an der Welt, als an Astrid Lindgren, deren zurückhaltendes Verhalten sie wohl immer wieder als Abweisung ihrer Person interpretierte.

Für beide Frauen scheint diese Freundschaft zu Beginn nicht leicht gewesen zu. Während Astrid Lindgren mit den extremen Seiten der Freundin (die sich mal in einer Flut von Geschenken, mal in dem Vorwurf, ihre Gefühle für Louise wären nicht innig genug, äußerten) fertig werden musste, hatte Louise Hartung damit zu leben, dass ihre Liebe nicht auf die gleiche intensive Weise erwidert wurde und dass Astrid Lindgren ihre Freundschaft zwar sehr schätzte, aber nicht bereit war, die anderen Menschen in ihrem Leben zugunsten Louises zu vernachlässigen. Trotzdem haben beide Frauen ihre Freundschaft so sehr geschätzt, dass sie elf Jahre lang erstaunlich häufig und offenherzig Briefe ausgetauscht haben, und gerade in den letzten Jahren scheinen sie auch die Eigenheiten der anderen so weit akzeptiert zu haben, dass sie einander nur noch Unterstützung und Zuneigung entgegenbrachten. Und obwohl beide nicht gerade zurückhaltend in ihren Aussagen über andere Menschen waren, fand ich es auch spannend zu verfolgen, wie spitz einige Bemerkungen waren und wie viel schlagfertiger die Briefe wurden, je vertrauter sich die beiden Frauen waren.

Ich gebe zu, dass es sich auch ein wenig voyeuristisch anfühlt, die Briefe der beiden Frauen zu lesen. Auch wenn einige Schriftstücke von Louise Hartung nicht veröffentlicht wurden, um sie nach ihrem Tod nicht zu sehr bloßzustellen, so erfährt man doch so viel über das Leben, die Gedanken und Wünsche dieser vielseitigen und faszinierenden Frau. Es ist schon spannend, dass ich zu dem Buch griff, weil ich mehr über Astrid Lindgren – die ich aufgrund ihrer Bücher und der wenigen Reden und Artikel, die ich von ihr kenne, als kluge Frau empfinde – erfahren wollte und am Ende vor allem von der mir bis dahin fast unbekannten Louise Hartung so gefesselt war. Egal also, ob man sich für Astrid Lindgren an sich interessiert, Texte über eine ungewöhnliche Freundschaft verfolgen möchte oder grundsätzlich ein Interesse für die vielen Facetten des Lebens zweier Künstlerinnen hat, ich kann diese Briefe wirklich empfehlen. „Ich habe auch gelebt“ ist eine berührende, faszinierend, anregende und sehr fesselnde Lektüre, die mein ganz persönliches kleines Leben definitiv bereichert hat.

Noch etwas zur Aufbereitung der Briefe in der deutschen Ausgabe von Ullstein: Wie schon erwähnt, sind die Briefe ins Deutsche übersetzt, hier und da gibt es Verweise auf den originalen Wortlaut oder darauf, dass ein bestimmter Begriff aus einer zusammen erlebten privaten Situation (wie zum Beispiel einem gemeinsamen Urlaub) entstanden ist. Dazu kommt noch ein Vorwort von Jens Andersen und Jette Glargaard, die die Briefe ausgewählt und herausgegeben haben. Dieses Vorwort gewährt einem schon mal einen groben Überblick über das Leben der beiden Frauen und begründet, warum manche Passagen oder Schriftstücke ausgelassen wurden. Für mich war dies vor allem hilfreich, um Louise Hartungs Arbeit im „Amt“ einzuschätzen, weil ich nicht gerade viel Ahnung von dem Amtsaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rolle des Berliner „Jugendamtes“ in Deutschland hatte.

Zwischen den Briefen findet man immer wieder Fotos von den beiden Frauen, Faksimiles von den Briefen oder Abbildungen von Dingen, die eine Rolle im Austausch zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung spielten, und in einem Nachwort von Antje Rávic Strubel wird noch einmal auf die Beziehung der beiden Frauen eingegangen. Während ich die Fotos sehr schön fand, kam mir das Nachwort ehrlich gesagt etwas überflüssig vor, da ich ja gerade erst diesen intensiven Briefwechsel gelesen und mir ein eigenes Bild gemacht hatte. Richtig geärgert habe ich mich allerdings über die „editorische Notiz“, in der unter anderem darauf verwiesen wird, dass die Fußnoten „für die bessere Lesbarkeit“ ans Ende des Buches gesetzt wurden. Was bitte ist an Endnoten besser lesbar? Keine dieser Anmerkungen war besonders lang (in der Regel gerade mal eine bis zwei schmale Zeilen), und ich hasse es, wenn ich mit zwei Lesezeichen arbeiten muss, um während des Lesens zu den Endnoten blättern zu können. Noch ärgerlicher wird es, wenn ich dann feststelle, dass die Fußnote nur auf eine frühere Anmerkung verweist, die ich noch gut in Erinnerung hatte, und ich deshalb ganz umsonst das Buch aus der Hand legen und blättern musste, während mich ein kurzer Blick zum Seitenende deutlich weniger gestört hätte.

Ranga Yogeshwar: Nächste Ausfahrt Zukunft

Ich muss gestehen, dass ein Titel wie „Nächste Ausfahrt Zukunft – Geschichten aus einer Welt im Wandel“ von Ranga Yogeshwar mich normalerweise nicht spontan gereizt hätte, weil mich die Themenwahl (obwohl sie weitgefächert ist) frustriert, wütend macht und ängstigt. Da aber Anette so angetan von dem Buch war, hat sie mit ihrer Rezension meine Neugier geweckt, was dazu geführt hat, dass ich es mir in der Bibliothek besorgt habe, um es zumindest mal anzulesen. Ich muss zugeben, dass Ranga Yogeshwar wirklich gut schreibt und man seine Begeisterung für seine Arbeit als Wissenschaftsjournalist und seine Faszination über (und auch seine Bedenken rund um) die verschiedenen Entwicklungen und die Theorien, die daraus abgeleitet werden können, deutlich spüren kann.

In elf verschiedenen Kapiteln spricht er über verschiedene Aspekte des Fortschritts, über die Hoffnungen, die in der Vergangenheit damit verbunden waren, über zerstörte Träume und über die Möglichkeiten, die sich neu auftun. In eigentlich jedem Unterkapitel kann man von persönlichen Erlebnissen des Autors lesen wie von den Dreharbeiten in Tschernobyl und Fukushima, dem vorbeifahrenden Ochsenwagen in Indien, der vollbeladen war mit den neuesten Computern, oder anderen Szenen, die Ranga Yogeshwars Zusammenfassungen zu den verschiedenen Themen untermalen. Auch betont der Autor in der Regel die Vor- und Nachteile einer neuen Entdeckung. So ermöglicht die genaue Erfassung von Augenbewegungen zum Beispiel auf der einen Seite die Steuerung von Geräten für Menschen, die aufgrund von körperlichen Einschränkungen dafür nicht ihre Hände verwenden können. Aber auf der anderen Seite wird genau die gleiche Technik verwendet, um Informationen über den Nutzer zu sammeln, um Werbung auf das Blickverhalten von Menschen zuzuschneiden, um die Stimmung, den Grad der Müdigkeit oder Ähnliches auszulesen – lauter Informationen, die missbraucht werden können, um den Menschen zu durchleuchten und zu manipulieren.

Allerdings gab es auch immer wieder Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass die Argumentation nicht stimmig war. So erwähnt Ranga Yogeshwar zum Beispiel beim Thema „Online-Partnersuche“, dass ganz viele zwischenmenschliche Aspekte bei der Partnerwahl wegfallen würden, wenn man sich auf ein Bild und einen Computer-Algorhythmus verlassen würde. Er schließt aber aus der Tatsache, dass sich solche Partneragenturen wachsener Beliebtheit erfreuen, dass das daran läge, dass die Partner-Suchenden auf diesen Plattformen wirklich einen Menschen für eine Beziehung finden würden. Meine Theorie lautet aber eher, dass so viele Menschen inzwischen verzweifelt auf der Suche nach einem Partner sind, dass sie auch solche Plattformen ausprobieren, obwohl darüber eben nicht die breite Palette des zwischenmenschlichen Austauschs (z.B. Stimme, Gestik, Mimik, Geruch) abgedeckt werden kann, die normalerweise notwendig ist, um einem Menschen für eine Partnerschaft in Betracht zu ziehen. In meinen Augen hängt der Erfolg also nicht am erfolgreichen Algorhythmus, sondern an der Einsamkeit der Nutzer. Es ist ein bisschen wie Lottospielen: Obwohl eigentlich jeder die Statistiken kennt, möchte doch niemand die Hoffnung aufgeben, dass so ein Lottoschein vielleicht für großen Reichtum sorgen könnte.

Vielleicht liegt es daran, dass es mir nach den vergangenen Jahren schwer fällt, optimistisch zu sein, aber wenn Ranga Yogeshwar erzählt, wie weit sich die Welt doch zum Beispiel seit Martin Luther Kings Rede im Jahr 1963 entwickelt hat und als Beispiel die Präsidentschaft von Barack Obama aufführt, dann muss ich automatisch daran denken, welche Folgen Donald Trumps Wahl zum Präsidenten gerade mit sich bringt und was für ein schrecklicher Rückschritt diese Präsidentschaft für all die Rechte von PoC oder LGBTQIA-Personen oder einfach nur arme oder kranke Menschen (natürlich inklusive aller Überschneidungen, die es da gibt) mit sich bringt. Ich glaube, dass es Ranga Yogeshwar in dieser Beziehung schwer fällt, die Sicht eines Wissenschaftlers – für den es nun mal logisch ist, auf Weiterentwicklungen und gewonnene Erkenntnisse auch angemessen zu reagieren – aufzugeben. Ein Großteil der Menschheit handelt aber nun mal nicht wissenschaftlich, sondern emotional, was dazu führt, dass bei einem zu großen Voranschreiten des Fortschritts Panik ausbricht. Und in Panik neigt der Mensch nun mal dazu, nach unten zu treten, um seine Position zu sichern und in vertraute Verhaltensweise zurückzuverfallen, selbst wenn diese ihm schaden.

Am Ende zählt Ranga Yogeshwar auf, was sich alles in den vergangenen Jahrzehnten verbessert hat, angefangen bei der Lebenserwartung, über die Zahl der Demokratien auf der Welt, die Zahl der Mord- und Totschlagzahlen in Deutschland, die Alphabetisierung bis zur Zahl der Menschen auf der Welt, die unter die extreme Armutsgrenze fallen. Und ja, die reinen Zahlen sehen gut aus, aber für mich sehen diese Zahlen vor allem nach „es ist seit so vielen Jahren möglich, eine größere Veränderung herbeizuführen, aber viel zu wenige arbeiten an dieser Veränderung, weil am Ende kein schneller Profit damit zu erreichen ist“ aus. Ranga Yogeshwar schließt hingegen aus diesen Zahlen, dass der Mensch an sich bereit ist, zu teilen, und dass die Suche nach Liebe und Zuwendung am Ende bestimmender für die Zukunft sein wird als das Streben nach Macht und Geld – ganz ehrlich, ich wünschte, ich könnte Ranga Yogeshwars optimistische Sicht auf die Zukunft teilen, aber anhand seiner Beispiele kann ich nicht nachvollziehen, wieso er mit so viel Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft blickt. Dabei fände ich es wunderbar, wenn ich miterleben könnte, wie all die Chancen, die der Autor in  den erwähnten Entwicklungen findet, auch genutzt würden, statt weiterhin befürchten zu müssen, dass die Menschheit als Masse doch immer nur den einfachsten und/oder profitabelsten Weg gehen wird.

Sachbücher 2017

Da ich es im vergangenen Jahr so angenehm fand, dass ich dank der „Sachbücher, die ich auch ohne Challenge in diesem Jahr gelesen habe“-Liste eine Übersicht über meine Sachbücher des Jahres hatte, habe ich auch in diesem Jahr wieder eine Liste geführt. Sehr lang ist sie nicht geworden, da ich zwar viele Sachbücher angefangen, aber noch nicht beendet habe.

1. Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt – Die Erfindung der Mordkommission

2. Xinran: Wolkentöchter

3. Jared Diamond: Guns, Germs and Steel – A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years

4. Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären
Gut geschrieben und lesenswert, aber sehr viel Neues habe ich in den Texten nicht gefunden. Dafür bin ich neugierig auf andere Veröffentlichungen der Autorin geworden – zu schade, dass es von ihr nicht mehr im Bibliotheksbestand gibt.

5. Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

6. Regina Stürickow: Mörderische Metropole Berlin – Authentische Fälle

7. Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten

8. Paul Hawkins: Bad Santas and Other Creepy Christmas Charakters
Interessante Details rund um den Weihnachtsmann (und andere adventliche Figuren), aber ich muss gestehen, dass mich dieses Sachbuch nicht übers Lesen hinaus beschäftigt hat. Auch fehlte mir ein bisschen der Drang zum Weiterlesen, wenn ich es aus der Hand gelegt hatte, was ich etwas schade finde.

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Ich hoffe ja, dass ich in diesem Jahr wieder ein paar mehr Sachbücher lesen werde. Drei sehr verlockende habe ich in den letzten Wochen geschenkt bekommen, ein weiteres ist gerade in der Bibliothek vorgemerkt … Mal schauen, was das 2018 mit den Sachbüchern so wird.

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten

Über „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski bin ich durch einen Tweet von Margarete Stokowski gestolpert, die mit der Autorin befreundet ist. Und da ich – neben all den leichten Unterhaltungsromanen – ja ganz gern Bücher lese, die mir von einer für mich vollkommen fremden Realität erzählt, war ich neugierig auf die Geschichte, die hinter den Strebermigranten steckt. Für Emilia Smechowski beginnt die Geschichte im Jahr 1988, als ihre Eltern eines Tages ohne Vorwarnung mit ihr und ihrer kleinen Schwester in Polen losfuhren, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Dank eines „deutschen“ Großvaters bekam die Familie schnell deutsche Pässe, Sprachkurse und für die Eltern die Chance auf einen Arbeitsplatz, der ihrer Ausbildung entsprach.

Nur wenige Jahre dauerte es, bis die Familie über den Wohlstand verfügte, von dem sie in den 80er Jahren in Polen nur träumen konnte, aber dieser makellose Integration hat ihre Spuren hinterlassen. Denn um dieses Ziel zu erreichen, haben Emilia Smechowskis Eltern ihre polnische Identität, ihre Sprache und ihre Traditionen (abgesehen von denen rund ums Weihnachtsfest) abgelegt, um – wie die Autorin es ausdrückt – deutscher aus deutsch zu werden. Für die Kinder bedeutete dies, dass auch sie dazu gedrängt wurden kein Wort mehr in ihrer Muttersprache von sich zu geben, keinen Kontakt zu anderen Polen zu suchen und immer ihr Bestes zu geben – wobei ihr Bestes anscheinend immer noch nicht gut genug für das neue deutsche Leben war. Die Autorin hat zwar recht früh gegen den Leistungsdruck und die Strenge in ihrem Elternhaus rebelliert, kann sich aber bis heute nicht ganz freimachen von der Scham, die mit ihrer polnischen Herkunft einhergeht, von der Hemmung, Polnisch zu sprechen, oder von dem Leistungsanspruch, der ihr von klein auf eingeimpft wurde. Auch wird im Buch immer wieder deutlich, wie schwierig es für sie ist, eine Identität zu finden, in der sie sowohl ihrer polnischen als auch ihrer deutschen Heimat gerecht wird.

Neben diesen ganz persönlichen Erlebnissen und Empfindungen geht Emilia Smechowski auf die politischen Veränderungen der vergangenen 25 Jahre ein – besonders auf den unterschiedlichen Umgang mit Migranten und die Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre. Denn bei aller Zerrissenheit, die die Autorin verspürt, wird doch auch deutlich, dass diese „perfekte“ Integration ihrer Familie nur gelingen konnte, weil den „Aussiedlerfamilien“ damals ganz andere Chancen geboten wurden, als sie viele andere Migranten bekamen und bekommen. Qualitative Sprachkurse, der problemlose Erhalt des deutschen Passes, die Anerkennung ihres polnischen Medizinstudiums und die Möglichkeit, zügig eine Sozialwohnung zu beziehen, statt längere Zeit in einer Massenunterkunft verbringen zu müssen, haben dafür gesorgt, dass die Eltern schnell wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen und sich – dank zweier Arztgehälter – eine wohlhabende Existenz aufbauen konnten.

So spannend ich all die Hintergründe um die (deutsch-)polnische Geschichte fand und so sehr mich Emilia Smechowskis Erfahrungen berührt haben, so waren es doch vor allem die kleinen Sätze, die in mir nachklangen. Die Sätze, in denen die Autorin erzählte, wie ernst sie auf all den Schulfotos dreinschaut, wie wichtig es war, dass sie zu den Besten ihrer Klasse gehörte, und wie wenig sie über ihre polnische Herkunft redete. Jedes Mal, wenn wieder so eine Aussage in dem Buch kam, musste ich an die eine oder andere Person denken, die ich früher kannte, und mich fragen, ob hinter dieser Mitschülerin, hinter jener Kursteilnehmerin oder hinter diesem Kollegen eine ähnliche Geschichte steckte. Erst durch „Wir Strebermigranten“ habe ich gelernt, dass (eingedeutschte) polnische Nachnamen für mich (in NRW aufgewachsen) deshalb so selbstverständlich sind, weil zum Ende des 19. Jahrhunderts sehr viele polnische Bergarbeiter von den Zechen im Ruhrgebiet engagiert wurden, um den hohen Bedarf an Arbeitskräften zu decken.

Ich habe mich beim Lesen dieses Buches wieder an die drei Mitschüler (zwei Cousinen und ihr Cousin) in meiner Grundschule erinnert, die ich wirklich mochte und die im Vergleich zum Rest der Klasse immer etwas zu ordentlich gekleidet und immer etwas zu brav und fleißig waren. Und auch wenn ich nach all den Jahren nicht sicher sein kann, dass diese Menschen, die ich mal gekannt habe, eine ähnliche Geschichte erlebt haben wie Emilia Smechowski, so bin ich froh, dass ich etwas über die polnischen Einwanderer dieser Generation, über polnische Geschichte und über die Schwierigkeiten einer Einwanderin, die die Identität ihres Geburtslandes abstreifen musste, gelernt habe.

Regina Stürickow: Mörderische Metropole Berlin – Authentische Fälle

Von Regina Stürickow hatte ich Anfang des Jahres schon „Kommissar Gennat ermittelt – Die Erfindung der Mordkommission“ gelesen und war damit nur teilweise zufrieden, was vor allem an der Präsentation der Informationen und der fehlenden Abstimmung zwischen dem Text, der schon in einer älteren Auflage veröffentlicht worden war, und dem Bildmaterial meiner Ausgabe lag. „Mörderische Metropole Berlin“ hat nun nicht einen einzelnen Polizisten als Aufhänger, sondern liest sich zu Beginn wie eine Stadtführung durch das kriminelle Berlin der 1920er Jahre, während später einzelne Fälle dargestellt werden, die damals passiert sind. Dieser Stadtführungsaspekt hatte dafür gesorgt, dass ich nach dem ersten Anlesen im Sommer erst einmal das Buch zur Seite gelegt hatte, weil ich darauf wenig Lust hatte. In diesem Monat hat es hingegen mit mir und „Mörderische Metropole Berlin“ hervorragend gepasst, und das nicht nur, weil die kurzen Texte sich in einen gut gefüllten Alltag einschieben ließen.

Mit diesem Titel präsentiert die Autorin Kriminalfälle, die sich in Berlin zwischen 1914 und 1933 ereignet haben. Dabei erfährt man als Leser nicht nur, was überhaupt passiert ist und wie die Polizei am Ende auf den Täter kam, sondern Regina Stürickow bietet auch sehr viele Details rund um das alltägliche Leben dieser Zeit und die dunklen Seiten der Gesellschaft. Deutlich wird dabei auch immer wieder, wie sehr schon damals die Menschen von Verbrechen fasziniert waren, und so verkauften sich nicht nur die Zeitungsausgaben besonders gut, in denen reißerische Geschichten über – mehr oder weniger – reale Verbrechen veröffentlicht wurden, sondern es gab auch gedruckte Reiseführer und Führungen (bei denen häufig Kriminalbeamte die Stadtführer spielten) durch das kriminelle Berlin oder von Kriminalkommissaren veröffentlichte Milieuschilderungen. Interessant finde ich, dass die Führungen bei den Betreibern der „Unterweltkneipen“ angeblich nicht so beliebt waren, schließlich vertrieben all die Touristen ihr eigentliches Klientel, auf der anderen Seite führten diese Touren auch nicht in die wirklich schlimmen Ecken der Stadt, schließlich konnten die Stadtführer nicht riskieren, dass ihre Kunden zu Schaden kamen.

Von den Mordfällen, die Regina Stürickow in „Mörderische Metropole Berlin“ aufführt, kannte ich einige schon aus „Kommissar Gennat ermittelt“. Es gab aber noch genügend neue Kriminalfälle, um das Buch zu einer interessanten Lektüre zu machen. Spannend fand ich zum Beispiel die Details rund um den Mord an dem ehemaligen osmanischen Großwesir Talât Pascha, bei dem der Täter freigesprochen wurde, obwohl es mehrere Zeugen für die Tat gab und der Mörder geständig war. Faszinierend waren dabei nicht nur die Gründe für den Freispruch, sondern auch die Informationen, die später noch zu den Hintergründen der Tat herauskamen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist für mich bei diesen Berichten die Intensität, mit der in einigen Fällen ermittelt wurde, und die Hilflosigkeit der Polizei in anderen Fällen. Es gab zu dieser Zeit noch kein festgelegtes Prozedere, wenn es um (Mord-)Ermittlungen ging, und die Spurensicherung steckte noch immer in den Kinderschuhen – es fehlte dabei meist nicht am Wissen, sondern an den Möglichkeiten (oder am Personal), dieses auch umzusetzen. Dazu kam, dass die wirtschaftliche Situation in Deutschland zu einer radikalen Erhöhung der Kriminalitätsrate führte und natürlich nicht genügend Beamte da waren, um all diesen Verbrechen die nötige Aufmerksamkeit zu widmen.

An längsten haben mich die Fälle beschäftigt, bei denen es am Ende der Beschreibung hieß, dass sie nicht aufgeklärt wurden. Manchmal war das so, weil es einfach nicht genügend Hinweise auf den Täter gab, dann wieder gab es zwar einen begründeten Verdacht, aber keine Beweise, mit denen man den Mörder hätte überführen können. Interessant finde ich auch die Fälle, bei denen Jahre später eine Aussage der Akte zugefügt wurde, in der jemand die Identität des Mörders verriet, bei denen aber keine Verhaftung mehr erfolgen konnte, weil die Person schon verstorben war, oder der Zeuge nicht genügend Informationen zur genauen Identifizierung des Täters beisteuern konnte. Angesichts der Beschreibungen, die es zur Aktenverwaltung in diesem Buch (und auch dem anderen Titel der Autorin) gibt, scheint es mir fast schon ein Wunder zu sein, dass diese Information dann noch ihren Weg in die dementsprechende Akte fand. Auch mag ich mir kaum vorstellen, wie schwierig die Zusammenarbeit mit Ermittlungsstellen in anderen Teilen Deutschlands oder im Ausland war, und finde es dann umso bewundernswerter, wenn in einem Fall nach jahrelanger Arbeit doch noch Informationen aus dem Ausland zu weiteren Spuren bei einer Ermittlung führten.

Ich gebe zu, dass „Mörderische Metropole Berlin“ jetzt nicht so viele neue Informationen für mich enthielt, aber all diese kleinen Details zu entdecken, die mir ein genaueres Bild vom Alltag (und der Polizeiarbeit) dieser Zeit vermitteln, hat mir wieder sehr viel Spaß gemacht.

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

Über „Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami bin ich bei Sayuri gestolpert, die das Buch während eines Lesesonntags erwähnt hatte. Ich muss gestehen, dass ich Murakami als Person eigentlich interessanter finde als sein Werk – zumindest finde ich diejenigen Sachbücher, in denen er über seine persönlichen Erfahrungen schreibt, deutlich fesselnder als die Anfänge seiner Romane (denn beendet habe ich bislang noch keins seiner fiktiven Werke). „Von Beruf Schriftsteller“ beinhaltet eine Sammlung von Essays, die Haruki Murakami im Laufe von mehreren Jahren geschrieben hat. In diesen Texten schreibt der Autor von seinem ganz persönlichen Leben als Schriftsteller, von seiner Herangehensweise, wenn er an einem Roman arbeitet, und von der Entwicklung, die seine Schreibweise im Laufe der Zeit durchgemacht hat, aber auch von einigen anderen Dingen, die sein Leben beeinflusst haben.

Stellenweise fand ich die Aussagen, die Haruki Murakami in diesem Buch macht, recht allgemein gefasst und sogar belanglos, aber da ich gleichzeitig auch das Gefühl hatte, dass das genau seine Meinung widerspiegelte, konnte ich gut mit diesen Passagen leben. Richtig interessant fand ich hingegen die Absätze, die mehr über Murakamis Leben und seine Person verrieten. So erzählt er recht locker von seiner Zeit als Jazz-Kneipenbesitzer, von dem Moment, in dem in ihm der Wunsch geweckt wurde, einen Roman zu schreiben, und von der Naivität, mit der er an dieses Projekt heranging. Ich mochte die Vorstellung, wie der 29jährige Murakami an seinem Küchentisch sitzt und geduldig Seite für Seite füllt, ohne eigentlich eine konkrete Geschichte erzählen zu wollen. Ebenso spannend fand ich die Absätze, in denen er über die diversen Themen – von seinem relativ langweiligen Alltag, über sein Bedürfnis, jeden Tag Sport zu treiben, bis zum japanischen Schulsystem – schrieb.

Auch bin ich immer wieder über Passagen gestolpert, bei denen ich mich fragte, wie weit in diesem Fall Murakamis Ansicht davon geprägt wurde, dass er Japaner ist, oder davon, dass er ein Mann ist, oder vielleicht auch davon, dass er sich von Jugend an intensiv mit englischsprachiger Literatur beschäftigt hat. Natürlich ist mir bewusst, dass all diese Faktoren (und noch viel mehr) ihn als Menschen und Schriftsteller geformt haben, aber bei manchen Punkte hatte ich eben das Gefühl, dass da eine sehr persönliche Erfahrung ihn in seiner Meinung beeinflusst hat. Immer wieder bin ich zum Beispiel über Absätze gestolpert, bei denen ich mir nicht ganz sicher war, ob er da eine allgemeine Aussage trifft oder ob er sich speziell auf Japan bezieht. So ging es mir zum Beispiel mit dem Kapitel, in dem er über den Akutagawa- und andere Literaturpreise redet. In Japan scheint es ein großes Thema (gewesen?) zu sein, dass Murakami den Akutagawa-Preis nie gewonnen hat, und – wenn man nach dem im Buch zitierten Artikel gehen kann – man scheint ihm zu unterstellen, dass dies der Grund sei, warum der Autor sich vom Literaturbetrieb fernhalten würde.

Diesen Preis und die seine Person betreffenden Vermutungen nimmt Murakami als Aufhänger, um über seine Abneigung bezüglich Literaturpreisen zu schreiben (und dazu passend andere Schriftsteller zu zitieren), was mich wiederum dazu brachte, mir Gedanken über die japanische Literaturwelt und Preise allgemein anzustellen. So ging es mir eigentlich mit allen allgemeineren Aussagen Murakamis in diesem Buch, während ich die kleinen Informationen über ihn und sein Leben gerade deshalb interessant fand, weil er so wunderbar alltäglich über sein Schreiben und seinen ungewöhnlichen Werdegang erzählte. Am Ende habe ich das Gefühl, ich habe etwas über den Menschen und den Autoren Haruki Murakami gelernt (und außerdem habe ich mal wieder einen seiner Romane in der Bibliothek vorgemerkt, um einen erneuten Versuch mit seinem fiktiven Werk zu wagen).

Jared Diamond: Guns, Germs and Steel – A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years

Ich muss gestehen, dass ich jedes Mal, wenn ich in den vergangenen Woche zu diesem Buch gegriffen habe, dachte, dass „Jared Diamond“ klingt wie der Name des Protagonisten eines zweitklassigen Kitschromans. *g* Stattdessen ist Jared Diamond ein Evolutionsbiologe, Physiologe und Biogeograf, der für seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt wurde. Lustigerweise hatte ich durch Neyasha schon mehrfach von dem Autor gehört, ihn aber immer wieder verdrängt, bis ich in der Bibliothek vor dem Buch stand. Die Tatsache, dass Neyasha schon seit Jahren die deutsche Ausgabe von „Guns, Germs and Steel“ weiterlesen will, war zwar nicht sehr ermutigend, aber ich dachte, ich könne ja mal reinschauen und gucken, wie ich damit vorankomme. Das Thema ist immerhin interessant, auch wenn das englische Schriftbild (wieso werden englische Sachbücher immer in so einer unangenehmen Schrift gedruckt?) mich eher abgeschreckt hat. Eine kurze Rechnung ergab, dass ich den Titel problemlos in einem Monat schaffen würde, wenn ich mir 16 Seiten pro Tag vornehmen würde. Das erschien mir durchaus machbar – und das war es auch.

Bevor ich (endlich) auf den Inhalt von „Guns, Germs and Steel – A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years“ eingehe, möchte ich noch erwähnen, dass das Buch schon im Jahr 1997 von dem Autor geschrieben wurde. Das macht die darin enthaltenden Informationen nicht falsch, aber ich bin mir sicher, dass es ein paar Aspekte darin gibt, zu denen es aktuellere Daten gibt, und die deshalb vielleicht von Jared Diamond heutzutage anders bewertet würden. Wer also ein aktuelleres Buch von dem Autor lesen möchte, sollte eher auf „Collapse – How Societies Choose to Fail or Succeed“ aus dem Jahr 2005 zurückgreifen – ich muss gestehen, dass ich den Titel auch noch im Hinterkopf habe, um zu schauen, wie weit die darin aufgeführten Informationen die in „Guns, Germs and Steel“ erwähnten Theorien ergänzen oder vielleicht sogar widerlegen.

Jared Diamond greift in den verschiedenen Kapiteln unterschiedliche Themen auf, wobei er bei der Entwicklung des Menschen (zum Homo Sapiens) beginnt und dann die verschiedenen Völkerwanderungen, Klima- und Vegetationsbedingungen beschreibt, bis er am Ende einen Vergleich zwischen den verschiedenen Kontinenten, ihren Startbedingungen und den verschiedenen Einflüssen zieht. Dabei beginnt er jedes Kapitel mit einer oder mehreren Fragen zu dem Thema, um sich dann von verschiedenen Seiten der Beantwortung dieser Fragen zu nähern, bevor er am Ende noch einmal kurz zusammenfasst, welche Erkenntnisse es zu dem Gebiet gibt und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Er verschweigt auch nicht, wenn zu bestimmten Themen noch keine ausreichenden Daten vorliegen, erklärt aber an diesen Stellen auch, wie und warum die Wissenschaft eine bestimmte These als die wahrscheinlichste ansieht und wieso er diese für dieses Buch heranzieht. Natürlich sind die Informationen in „Guns, Germs and Steel“ sehr gedrängt und beschränken sich häufig auf den groben Zusammenhang und weite Regionen, aber durch die Zusammenfassungen zum Schluss des Kapitels hat man beim Lesen das Gefühl, dass all das gehäufte Wissen an den richtigen Platz fällt und ein schlüssiges Gesamtbild ergibt, das auch langfristig haften bleibt. (Wie langfristig, werde ich dann im Laufe der kommenden Monate sehen. *g*)

Ich fand es auf jeden Fall sehr spannend, welche Aspekte der Autor ansprach und welche Verbindungen er schafft. Es gab so einige Dinge, die nicht neu für mich waren, die ich aber nie in einem großen Zusammenhang gesehen habe und die so einen ganz neuen Eindruck auf mich machten. Gerade diese weltweite Sicht auf das große Ganze hat mich sehr fasziniert und ich fand es großartig, mich mal nicht beim Lesen eines Sachbuches fragen zu müssen, wie es wohl in einem anderen Teil der Welt aussah oder welche Auswirkungen diese eine Erfindung oder Entdeckung wohl auf andere Gebiete gehabt haben mochte. Gerade der afrikanische und südamerikanische Raum (und das ist ein verflixt großes Stück der Welt) werden in den klassischen Sachbüchern (die auf Deutsch erscheinen) häufig ausgespart, weil sie sich auf ein bestimmtes Themengebiet in Europa, Großbritannien oder Nordamerika konzentrieren und die weltweite Sicht den Rahmen sprengen würde. Ich finde es aber inzwischen ziemlich frustrierend, dass es so schwierig ist, mehr über andere Teile der Welt zu erfahren, wenn man nicht gerade Romane liest oder auf Sachbücher zurückgreift, die in Sprachen geschrieben wurden, die ich leider nicht beherrsche.

Obwohl nicht jedes Kapitel gleich spannend war, war ich überrascht, wie gut ich bei den meisten davon trotz der Faktenfülle am Ball blieb. Auch sprachlich konnte ich gut mithalten, weil Jared Diamond jedes verwendete Fachwort so gut erklärt, dass ich nichts (abgesehen von zwei Begriffen für Hirse *g*) nachschlagen musste. Allerdings ertappte ich mich zwischendurch etwas dabei, dass ich mit den Augen rollte, wenn ich den Begriff „New Guinea“ las. Ich weiß, dass Jared Diamond sehr viele Jahre dort geforscht hat und mir ist auch bewusst, dass diese – lange Zeit isolierte – Inselgruppe ein wunderbares Beispiel für viele Entwicklungsschritte der Menschheit darstellt, aber manchmal fragte ich mich, ob der Autor nicht auch ein anderes Gebiet als Beispiel hätte heranziehen können. Denn obwohl sich Jared Diamond bemüht, wirklich weltweit auf die verschiedenen Entwicklungen einzugehen, so gab es doch zu einigen großen Gebiete relativ allgemeine Informationen und ich kann nur spekulieren, ob das daran lag, weil es in diesen großen Gebieten keine individuell erwähnenswerten Vorkommnisse gab oder weil es keine greifbaren archäologischen Erkenntnisse dazu gibt.

Letzteres halte ich für eher unwahrscheinlich, aber wenn der gesamte eurasische Raum bei den meisten Themen als eine Einheit behandelt wird, dann frage ich mich schon, ob es nicht doch mehr erwähnenswerte Aspekte gegeben hätte – gerade im asiatischen Raum, der ja doch auch einige vielfältige Bedingungen und Lebensweisen hervorgebracht hat. Aber vermutlich wäre das zu sehr ins Detail gegangen, denn der Autor konnte seine Theorien ja auch so überzeugend vorlegen. Erst beim Epilog gibt es Passagen, in denen sich Jared Diamond (scheinbar) widerspricht, wobei er selbst sagt, dass diese (scheinbaren) Ungereimtheiten dadurch entstehen, dass man bei einer solch weitreichenden und groben Zusammenfassung auf bestimmte Aspekte nicht im Detail eingehen kann, obwohl diese neben den geologischen, biologischen und ähnlichen Bedingungen natürlich auch Einfluss auf die Entwicklung der verschiedenen Völker gehabt hatten. Ich kann mit diesem „Widerspruch“ leben, da der Autor ihn selber erwähnt und erklärt, und so schmälert das nicht meinen positiven Gesamteindruck von „Guns, Germs and Steel“.

Xinran: Wolkentöchter

„Wolkentöchter“ von Xinran liegt schon sehr, sehr lange auf dem SuB, weil das ein Buch ist, für das ich die richtige Stimmung benötige. Genauer gesagt lag dieses Buch immer wieder auf dem SuB, da es aus einzelnen Geschichten besteht, die davon erzählen, wie in China mit den ungewollten Mädchen umgegangen wurde und wie es den Müttern erging, die ihre Töchter nicht behalten durften. So habe ich das Buch in sehr kleinen Häppchen gelesen und immer wieder aus der Hand gelegt, wenn mir das Thema zu viel wurde. obwohl die Geschichten in einem sachlichen Ton geschrieben wurde, der einen gewissen Abstand zum Beschriebenen erzeugt. Trotzdem empfand ich das Lesen als sehr belastend, weil ich mir bei jeder Geschichte, bei jedem Erlebnis, von dem Xinran erzählte, vorstellte, wie viele Frauen und Säuglinge von den gleichen Bedingungen betroffen waren und wie viel Leid und Tod die Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung (und das seit Jahrhunderten bestehende traditionelle Denken und Wirtschaften im ländlichen China) verursacht hat.

Die Autorin Xinran ist in China geboren und hat in den 80er und 90er Jahren in Nanjing als Radiomoderatorin gearbeitet. Während dieser Tätigkeit hat sie versucht, den Frauen eine Stimme zu geben, die keine Mütter sein durften, weil sie nur eine Tochter zur Welt gebracht haben, oder den Mädchen, die aufgrund ihres Geschlechts eine Schande für die Familie waren. Dieses Unterfangen war aufgrund der Parteipolitik nicht ganz einfach und so bekommt man auch in „Wolkentöchter“ immer wieder Momente mit, in denen Xinran nicht weiter nachfragen durfte, weil sie damit entweder gegen politische Vorgaben oder gegen die „Gebräuche“ der verschiedenen chinesischen Regionen verstoßen hätte. Seit 1997 lebt Xinran mit ihrer Familie in Großbritannien und schreibt über das Leben chinesischer Frauen während und nach der Kulturrevolution. Wobei ich den Eindruck habe, dass sie sich in „Wolkentöchter“ vor allem auf die beiden Jahrzehnte vor der Jahrtausendwende beschränkt, in denen sie als Reporterin in China unterwegs war. Aktuellere Entwicklungen werden erst in den letzten Kapiteln erwähnt bzw. in den Anhängen, in denen es zum Beispiel um die Gesetzeslage rund um Familienplanung und Adoption im Jahr 2002 geht.

Jedes Kapitel enthält ein Erlebnis, das Xinran entweder selbst hatte oder das ihr von der betroffenen Person erzählt wurde. Dabei wird deutlich, dass die Autorin selbst anfangs sehr unwissend und naiv an viele Themen herangegangen ist, weil sie als Städterin nun einmal ganz andere Lebenserfahrungen gemacht hatte als eine Frau, die in großer Armut auf dem Land lebte. So schien es in der Stadt nicht so schlimm gewesen zu sein, wenn man eine Tochter auf die Welt brachte, während dieses Schicksal für eine Frau auf dem Land nicht nur bewies, dass sie wertlos war, sondern auch bedeutete, dass die Familie hungern musste. Oder man musste eben eine andere Lösung finden, um mit dem ungewollten weiblichen Säugling umzugehen, wie Xinran bei einer Reise zu ihrem großen Entsetzen feststellen musste. Es ist schon schlimm, wenn man während des Lesens von „Wolkentöchtern“ über jeden Bericht froh ist, in dem die Eltern sich des ungewollten Mädchens nicht „entledigen“, sondern den Säugling aussetzen oder anonym zur Adoption freigeben. Dabei ist natürlich ungewiss, welches Schicksal auf die ausgesetzten Mädchen wartet und ob sie überhaupt jemanden finden würden, der sich ihrer annehmen und sie vor dem Tod bewahren würde. Aber so gab es für die Kinder wenigstens noch die Hoffnung auf ein Leben.

Dabei kann man die Eltern in einem gewissen Grad sogar verstehen, wenn sie alles taten, damit ihr „einziges“ Kind ein Sohn wird. Denn nur für einen Sohn bekamen sie Land und Getreiderationen zugeteilt, während ein Mädchen keine zusätzliche Versorgung von Regierungsseite bedeutete – und trotzdem Bedarf an Nahrung und Kleidung hatte. Doch natürlich war es für die Eltern – und hier konzentriert sich Xinran vor allem auf die Mütter – nicht leicht, ihre Kinder zu verstoßen oder gar zu töten. Egal, wie sehr das Regime versucht hat, die Menschen in China zu emotionslosen funktionierenden Wesen zu machen, so sind viele von ihnen doch auch Eltern, die Gefühle für ihre Kinder haben und denen einen Kindstötung nicht leicht fällt, selbst wenn die Dorfgemeinschaft und die Familie Druck ausüben und man weiß, dass man ein Mädchen nicht ernähren kann, ohne den Rest der Familie damit zum Hungern zu verurteilen.

So ist es beim Lesen auch immer wieder die Vorstellung von so einem unmenschlichen Regime, die mich fast mehr erschüttert als die einzelnen Schicksale. Wobei ich betonen muss, dass die Unmenschlichkeit sich nicht auf die vergangenen Jahrzehnte beschränkt, sondern – gerade gegenüber der ländlichen Bevölkerung – schon seit Jahrtausenden üblich ist. Eine Regierung, die so strikte Regeln erlässt, dass Menschen gezwungen werden, ihre Neugeborenen zu töten oder auszusetzen, die diejenigen, die versuchen ihre Kinder zu behalten, dazu zwingt, jahrelang auf der Flucht zu sein, immer in Angst zu leben und am Ende vielleicht doch dafür inhaftiert zu werden, dass man einfach nur ein Kind bekommen hat, ist für mich kaum begreiflich. Wobei ich mich frage, warum ich es einfacher zu verstehen finde, dass eine Regierung ihre Bürger in Angst und Schrecken versetzt, finanziell ausbluten lässt und für die eigenen Interessen in den Krieg führt – wie es ja weltweit tagtäglich passiert -, während mich die traditionelle Landvergabe und die Ein-Kind-Politik (und die damit einhergehenden Folgen für die Menschen) so sehr erschüttern. Aber vielleicht liegt das daran, dass ich hier an einem konkreten Beispiel die Folgen eines solchen Systems so greifbar vor Augen habe, während ein allgemein gehaltener Bericht z. B. über Landenteignungen zugunsten von Olympischen Spielen zwar auch erschreckend ist, aber mir nicht im Detail erzählt, welche Folgen das für die früheren Landbesitzer haben wird.

Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt – Die Erfindung der Mordinspektion

Über Regina Stürickow und ihre Veröffentlichungen rund um Berliner Kriminalfälle und Kommissar Gennat bin ich im vergangenen August das erste Mal gestolpert, als mein Mann und ich ein „Mörderisches Wochenende“ verbrachten. Als Folge dieses Wochenendes und der intensiven Beschäftigung mit dem Film „M“ von Fritz Lang landeten zwei neue Titel auf meiner Wunschliste, die beide inzwischen auch bei mir eingezogen sind. Einer davon ist „Kommissar Gennat ermittelt – Die Erfindung der Mordinspektion“, und weil ich so neugierig darauf war, habe ich in den letzten Tagen bei jeder Gelegenheit darin gelesen. Wichtig ist es mir noch, anzumerken, dass „Kommissar Gennat ermittelt“ die überarbeitete Neuauflage des 1998 erschienenen Titels „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ ist, wobei für diese aktuelle Veröffentlichung die Texte überarbeitet und neues Bildmaterial und weitere Kriminalfälle eingefügt wurden.

Kommissar Gennat war mir zwar schon länger ein Begriff, aber da ich ihn vor allem aus Romanen kannte, die die reale Person in fiktive Geschichten einbetteten, fand ich es spannend, mehr über diesen ungewöhnlichen Kriminalbeamten zu erfahren. Die Zeit, in der Ernst Gennat bei der Polizei arbeitete, war von vielen Umbrüchen geprägt. So ist er 1904 mit 24 Jahren in den Dienst der Polizei getreten und blieb bis zu seinem Tod im August 1939 bei der Kriminalpolizei. Während er also den Ersten Weltkrieg und das Ende der Kaiserzeit, die Weimarer Republik und die ersten Jahre des Nationalsozialismus erlebte, erwarb sich Ernst Gennat – in der Regel sogar relativ unabhängig von der aktuellen Politik – einen Ruf als unvergleichlicher Kriminalist und nutzte diesen, um zur Gründung der ersten Kriminalpolizeilichen Abteilung in Deutschland beizutragen (und diese im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln).

Von politischer Seite aus scheint Ernst Gennat bis 1933 recht freie Hand gehabt zu haben, auch wenn er – dank seines mangelnden Ehrgeizes – nie in eine so hohe Position kam, dass er seiner Arbeit auf diese Art und Weise ohne wohlwollende Vorgesetzte hätte nachgehen können. Nach 1933 wurde es für die Mordermittlung deutlich schwieriger, weil die Kriminalpolizei nun auf der einen Seite zum politischer Handlanger wurde (und das häufig zur Freude derjenigen Ermittler, deren Gesinnung ebenso rechts war wie die neue Regierung) und es auf der anderen Seite keine Fahndungsaufrufe oder ähnliche Möglichkeiten für die Ermittlungsarbeit mehr gab, damit die Bevölkerung in dem Glauben gehalten werden konnte, dass es unter dem rechten Regime zu keinen großen Verbrechen mehr kommen würde.

Insgesamt ist mir im Laufe des Buches aufgefallen, wie wenig eigentlich über den Menschen Ernst Gennat bekannt ist. Es gibt Informationen über seine Eltern und seinen Bruder, über sein abgebrochenes Jurastudium und über seine extreme Vorliebe für Kuchen, die auch schon mal dazu führte, dass auf der Fahrt zu einem Tatort eben noch an einer Konditorei angehalten wurde. Aber von diesen wenigen Details abgesehen sind wohl wirklich nur Informationen über seine Arbeit als Kriminalist erhalten geblieben. Eine Errungenschaften bei seiner Arbeit war, dass es ihm extrem wichtig war, dass ein Tatort so erhalten blieb, wie er vorgefunden wurde, bis alle Fakten festgehalten werden konnten. Etwas, das heute selbstverständlich ist, während das damals vollkommen unüblich war. Auch die Einführung des sogenannten „Mordautos“ – ein Fahrzeug mit allen notwendigen Gerätschaften für die ersten Arbeiten am Tatort sowie mobilem Arbeitsplatz für eine Sekretärin – wird ihm zugeschrieben. Dabei hat wohl nicht nur seine akribische Arbeitsweise, sondern auch die Tatsache, dass sich Gennat gut mit all den Kriminellen verstand, mit denen er zu tun hatte, zu seinen Ermittlungserfolgen geführt. Er gab den Tätern das Gefühl, er würde sie verstehen und nachvollziehen können, wie es zur Tat gekommen war. Und anscheinend hat er auch oft genug in seinen Berichten an die Staatsanwaltschaft erwähnt, welche mildernden Umstände zum Tragen kommen könnten, um zum Beispiel bei einem Mörder die Todesstrafe zu verhindern und ihn stattdessen nur zu lebenslanger Haft zu verurteilen.

Spannend fand ich in diesem Buch auch Details, die eher wenig mit der Person Ernst Gennat zu tun hatte, wie die Aussage, dass die Fotos, die damals an Tatorten gemacht wurden, großartiges Material für Historiker bieten, weil sie das Leben und Wohnen quer durch alle Bevölkerungsschichten genau abbildeten. Wenn man da mal genauer drüber nachdenkt, dann ist das wohl das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass man nicht durch Ausgrabungen, Gemälde und Haushaltsbücher Informationen über das Leben der Menschen bekommt (und das vor allem über Personen, die über ein gewisses Einkommen verfügten), sondern über detailliertes Festhalten des aktuellen Zustands einer Wohnung und der darin lebenden Menschen in Zusammenhang mit einem Kriminalfall.

Leider habe ich auch einige Kritikpunkte bei diesem Buch gefunden, die mich – obwohl ich die Lektüre sehr interessant und spannend fand – sehr gestört haben. Erst einmal mag ich es nicht, wenn man alte Fotos für eine Veröffentlichung so bearbeitet, dass einzelne Elemente rot aus den schwarzweißen Bildern herausstechen. Das ist unnötig reißerisch und lenkt von anderen Details ab, die ich persönlich in der Regel viel interessanter fand. Aber ob einen dieses Bildelement stört, ist ja Geschmackssache. Viel unangenehmer fand ich, dass Text und Foto häufig nicht zusammenpassten. So beschreibt die Autorin in einem Absatz ein Ereignis, bei dem alle zu dem Zeitpunkt aktiven Kriminalkommissare anwesend waren (inklusive Charakter, Arbeitsweise und zum Teil zukünftigem Werdegang der Personen), aber das folgende Foto wurde bei einer ganz anderen Gelegenheit aufgenommen und zeigt nur einen der erwähnten Männer. Ich vermute, dass solche Fehler durch die Überarbeitung der alten Auflage (und das eventuelle Auslaufen von Bildrechten) passiert sind, aber es ärgert mich sehr, wenn ich im Text zum Beispiel explizit auf einen Mann mit Goldrandbrille hingewiesen werde und er im ganzen Kapitel auf keinem einzigen Foto auftaucht.

Ebenso gab es stellenweise Probleme mit der Anordnung von Bild und Texte, weil dort lieber auf eine nicht so statische Präsentation gesetzt wurde statt auf die Lesbarkeit der historischen Dokumente und Zeitungsausschnitte. Kleine Textzeilen und Bilddetails, die im Falz liegen, sind nun einmal nicht erfassbar, wenn man nicht das ganze Buch dafür auseinandernehmen möchte, Und ich verstehe so eine Anordnung bei einem Sachbuch auch nicht, wenn man das Bild genauso gut auf eine Seite und den Text gegenüberliegend hätte platzieren können, so dass alles für den Leser problemlos zu erkennen gewesen wäre. Auch sonst wurden die Fotos meinem Gefühl nach oft unpassend platziert, wenn man zum Beispiel über einen bestimmten Kriminalfall liest und auf der gleichen Seite ein Bild zu sehen ist, das sich auf einen anderen Fall bezieht. Selbst wenn diese beiden Fälle oft genug zusammenhingen oder zeitgleich von Gennat in diesen Fällen ermittelt wurde, so konnte ich beim Lesen dieses Foto erst einmal nicht zuordnen und musste dann, wenn ich auf den nächsten Seite dann endlich den Bezug herstellen konnte, wieder zurückblättern, um das Gelesene mit dem Bild in Verbindung bringen zu können.

Außerdem meint Regina Stürickow im Vorwort, dass sie hier und da Details frei ergänzt habe, und auch das hätte es für mich nicht gebraucht. Natürlich liest es sich flüssiger, wenn einem ein Kriminalfall als Geschichte inklusive Nebenbemerkungen zum Charakter des Opfers oder des Täters erzählt wird, aber das sorgt bei mir auch immer dafür, dass ich mich frage, welche Details nun aus den Polizeiakten stammen und welche die Autorin hinzugefügt hat. Ich möchte mich bei einem Sachbuch nicht fragen, welcher Teil nun „wahr“ ist und welcher Teil „ergänzt“ wurde. Ebenso stören mich Elemente wie ein fiktives Interview mit Ernst Gennat. Auch wenn es viele Artikel gibt, die die Meinung des Polizisten zu den diversen Themen und Fällen wiedergaben und ich davon ausgehen kann, dass die ihm zugeschriebenen Antworten auf die Fragen stimmig sind, so brauche ich kein Interview als „Zusammenfassung“ seiner Ansichten und Aussagen, wenn ein solches Interview so nie stattgefunden hat.

Das klingt jetzt alles sehr nörgelig und ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen wirklich häufig geärgert habe. Aber trotz dieser Kritikpunkte hat sich „Kommissar Gennat ermittelt“ für mich wirklich gelohnt, weil ich so viele Details über das Leben (in Berlin) zwischen 1904 und 1939 erfahren habe. Auf die Veränderungen in der Polizeiarbeit geht Regina Stürickow eher allgemein ein, ich vermute mal zugunsten der Autorin, dass da gar nicht so viele Informationen über schrittweise Weiterentwicklungen erhalten geblieben sind. Stattdessen bekommt man als Leser Dinge erzählt wie die Tatsache, dass Ernst Gennat bei dem Versuch, eine umfassende Verbrecherdatei aufzubauen, auch schon mal die abgeschlossenen Fälle anderer Dienststellen anforderte und dann „vergaß“, sie zurückzugeben. Solche Elemente finde ich interessant, weil sie einem eine Vorstellung von dem Charakter eines Menschen vermitteln.

Auch finde ich es spannend, wenn die Autorin statistische Zahlen zum Beispiel zur Einfuhr von Milch und Eiern nach Berlin in den Text einfügt, um die wirtschaftliche Entwicklung in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aufzuzeigen und zu erklären, warum es zu einer solchen Steigerung der Kriminalitätsrate kam. Und so sehr ich den Umgang mit dem Bildmaterial kritisiert habe, so faszinierend fand ich doch in der Regel die Fotos. Es ist eben ein Unterschied, ob man nur liest, dass eine sechsköpfige Familie plus „Untermieter“ in einer 1-Zimmer-Wohnung lebt, oder ob man ein Foto von diesem Zimmer betrachten kann und eine konkretere Vorstellung davon bekommt, unter welchen Umständen die Menschen in dieser Wohnung gehaust haben. So interessant ich dieses Buch fand, so werde ich mit dem Lesern von „Mörderische Metropole Berlin“ von der selben Autorin noch ein bisschen warten, da ich davon ausgehe, dass es die eine oder andere Überschneidung mit „Kommissar Gennat ermittelt“ geben wird.

Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie

Durch Hermias Rezension bin ich vor ein paar Wochen auf „Das rote Schaf der Familie – Jessica Mitford und ihre Schwestern“ von Susanne Kippenberger gestoßen und konnte die Biografie dann auch recht schnell aus der Bibliothek ausleihen. „Das rote Schaf“ ist die Bezeichnung, die Jessica „Decca“ Mitford für sich selber passend gefunden hatte und auch gern für ihre erste Autobiografie als Titel verwendet hätte – und um sie dreht sich diese Biografie. Aber man kann nicht über Decca Mitford schreiben, ohne dabei auch über die restliche Familie Mitford zu reden. Ich finde es spannend, dass mir bis vor kurzem der Name Mitford so gar nichts sagte, (auch wenn ich jetzt im Nachhinein einige Anspielungen auf die Familie in britischen Veröffentlichungen wiedererkenne), obwohl die Familie in Großbritannien aus gutem Grund überaus bekannt ist.

Decca wurde 1917 geboren und erlebte so nicht nur den Spanischen Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg, die Kommunistenhatz und die Rassenunruhen in den USA, ebenso wie den Protest gegen den Vietnamkrieg und vieles andere, das das vergangene Jahrhundert politisch geprägt hat, sondern sie hatte auch zu all diesen politischen Ereignissen eine ausgeprägte Meinung. Als Sprössling einer – nicht gerade reichen (der Vater hatte kein Händchen für Geschäfte) – britischen Adelsfamilie wuchs Decca inmitten einer großen und turbulenten Familie und unter nicht ganz gewöhnlichen Umständen auf. So verweigerten die Eltern ihren sechs Töchter den Schulbesuch (während der einzige Sohn selbstverständlich ein Internat besuchte) und schotteten sie insgesamt von der Außenwelt ab (wenn man von den Besuchen der weitläufigen Verwandtschaft absieht) bis es Zeit wurde für die Präsentation als Debütantin in der Londoner Gesellschaft.

Vielleicht ist es angesichts dieser Kindheit nicht verwunderlich, dass sich die sechs Mädchen (großteils) recht extrem entwickelten. Während sich die älteste Mitford-Schwester Nancy einen Namen als Autorin machte (und ihr Leben lang verzweifelt versuchte Beziehungen mit Männern zu führen, die sie nicht liebten,) und die zweite Schwester Pam als Kind davon träumte ein Pferd zu sein, wurde die dritte Schwester Diana zur Geliebten (und späteren Ehefrau) des Gründers der ersten nationalistischen Partei Großbritanniens und zur großen Verehrerin Hitlers. Letzteres führte dann wohl auch dazu, dass die vierte Schwester Unity sich zu einem der größten „It-Girls“ der Nazis entwickelte und alles tat, um ihre Freundschaft zu Hitler und seinen Bundesgenossen zu fördern. Im Gegensatz zu diesen beiden Schwestern setzte sich Decca schon früh für kommunistische Ideen ein, was letztendlich dazu führte, dass sie – noch nicht einmal volljährig – mit ihrem Cousin und späteren Ehemann Esmond davon lief, um über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Um die jüngste Schwester dieser Familie nicht unter den Tisch fallen zu lassen, sei hier auch noch erwähnt, dass Debo (Deborah) einen Herzog heiratete und maßgeblich daran beteiligt war einen der größten und bekanntesten Herrensitze Englands zu erhalten.

Ich fand diese Mischung aus privaten Details über Decca, aber auch den ganzen großen Rest ihrer Familie (weil man eine Mitford-Schwester eben nicht ohne die anderen porträtieren kann), und politischen Engagement und Ereignissen sehr spannend zu lesen. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass Susanne Kippenberger etwas beschönigen würde. Decca Mitford muss eine faszinierende, aber auch sehr schwierige Person gewesen sein. Eine Frau, der ihr politisches Engagement extrem wichtig war, während sie in vielen anderen Bereichen des Lebens eine unbekümmerte Haltung an den Tag legte, und ein Mensch, der nicht so leicht verzeihen konnte. So hat sie zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs den Kontakt zu ihrer Schwester Diana und ihrem Vater abgebrochen und nie wieder richtig aufgenommen, weil diese mit den Nazis sympathisierten, hatte aber trotzdem – solange diese lebte – ein überraschend gutes Verhältnis zu Unity, der sie ihre Heldenverehrung für die deutschen Kriegstreiber anscheinend problemlos verzeihen konnte.

Ihr politisches Engagement und ihre (oft überspitzten) Veröffentlichungen sorgen dafür, dass man anhand von Deccas Leben ein überraschend umfassendes Bild der Zeit von 1935 bis in die 90er bekommt. Spannend fand ich auch die Zusammenarbeit zwischen Decca und ihrem zweiten Mann Bob Treuhaft, der ein jüdischer Anwalt und – ebenso wie Decca – während der McCarthy-Ära Mitglied der kommunistischen Partei war und später die Bürgerrechtsbewegung mit seiner Arbeit unterstützte. Hermia schrieb in ihrer Rezension, dass man bei einem Roman ein solches Leben als unrealistisch abgetan hätte und sie hat da natürlich recht. Aber bei einer Biografie ist es nur faszinierend, wie viel diese Frau erlebt hat und wie viele Menschen sie gekannt hat, deren Namen aus den Geschichtsbüchern nicht mehr wegzudenken sind. Dabei gelingt es Susanne Kippenberger in der Regel ganz gut mit all den Informationen und Personen zu jonglieren, ohne den Leser zu überfordern (nur Anfangs hatte ich etwas Probleme dank der vielen Spitznamen, die die Mitford-Schwestern auch füreinander hatten), und ein realistisch wirkendes Bild von den verschiedenen Menschen zu zeichnen, ohne sie zu sehr zu verteufeln oder zu erhöhen.

Meine beiden größten Kritikpunkt an der Autorin sind vielleicht die, dass Susanne Kippenberger 1. Agatha Christies Miss Marple anscheinend nur in der Filmversion von Margaret Rutherford kennt und sich in der zweiten Hälfte des Buches regelmäßig darauf bezieht, ohne dabei deutlich zu machen, dass sie sich eben auf diese Filmfigur und nicht auf die Romanfigur stützt (was allerdings in all den Beispielen, die sie verwendet schrecklich deutlich wird). Und dass ich 2. selten so viel Namedropping erlebt habe, ohne dass die Namen der erwähnten Personen wirklich genannt wurden, wenn sie nicht gerade häufiger in dieser Biografie vorkamen oder eine wichtige (politische) Rolle im Weltgeschehen spielten. Oft heißt es nur „die Cousine von“, „der Schwager von“ oder „die Frau von“ (zum Beispiel als es um Dianas Bekanntschaft zu der „Frau von James-Bond-Erfinder Ian Fleming“ ging), aber eigene Namen haben diese Personen – wenn ich nach diesem Buch gehen kann – wohl nicht gehabt. 😉