Schlagwort: Sachbuch

Sachbücher 2025

Nachdem mein erster Buchkauf im Januar 2025 ein Sachbuch war, hatte ich gehofft, ich würde in diesem Jahr regelmäßig Sachbücher lesen. Grundsätzlich bin ich auch nicht unzufrieden mit der Menge an gelesenen Sachbüchern, ich wünschte nur, ich hätte nicht immer so schrecklich lange für jedes Buch gebraucht. Aber da ich in diesem Jahr ständig mehrere Titel parallel gelesen habe, sind die Sachbücher oft länger liegen geblieben, als sie es verdient gehabt hätten.

Januar – April 2025

Charlie Jane Anders: Never Say You Can’t Survive – How to Get Through Hard Times by Making Up Stories (Hörbuch)

„Never Say You Cant’s Survive“ ist eigentlich ein Schreibratgeber, in dem die Autorin nicht nur Ratschläge rund ums Schreiben vermittelt, sondern auch darauf eingeht, wie hilfreich das Spinnen von Geschichten in aufreibenden Zeiten sein kann. Ich muss zugeben, dass ich von Charlie Jane Anders noch nie etwas gelesen habe und deshalb auch nicht immer etwas mit den diversen Verweisen auf ihre veröffentlichten Geschichten anfangen konnte. Aber ich fand es ermutigend und wohltuend, ihren Worten zu folgen, und ich habe mir beim Zuhören meine eigenen Gedanken zum Aufbau von (gerade gelesenen) Geschichten gemacht. Außerdem war es angenehm, Charlie Jane Anders, die das Hörbuch selbst eingesprochen hat, zuzuhören. Der einzige Grund, wieso ich das Hörbuch nicht deutlich zügiger beendet habe, lag daran, dass ich zwischen Ende Januar und Anfang April relativ wenig Zeit fürs aufmerksame Hören hatte.

Januar – Mai 2025

Hannah Ritchie: Not the End of the World (abgebrochen)

„Not the End of The World“ war mein erster Sachbuchkauf im Januar 2025. Der Titel war mir als ermutigende Veröffentlichung rund um das Thema „Klimawandel“ empfohlen worden, und ich mochte die Leseprobe, die ich vor dem Bestellen angeschaut hatte. Erst einmal möchte ich betonen, dass Hannah Ritchie in ihrem Buch wirklich viele Informationen gesammelt hat, die Mut machen und darauf hinweisen, dass eine Klimakatastrophe definitiv noch abwendbar ist. Unter anderem zeigt die Autorin all die Erfolge auf, die es in den vergangenen Jahrzehnten schon gab und die beweisen, dass ein Wandel möglich ist. Dummerweise stolperte ich beim Lesen über so viele Kritikpunkte, dass ich das Buch nach nicht einmal der Hälfte für einige Wochen unterbrechen musste, weil ich so frustriert war – was genau das Gegenteil von dem war, was ich mir von dem Titel erhofft hatte! – und im Mai habe ich mir dann eingestanden, dass ich das Buch wirklich nicht weiterlesen möchte.

Ich habe einfach Schwierigkeiten, eine Autorin ernst zu nehmen, die Atomkraft als die große Lösung gegen den Klimawandel sieht, ohne dabei auch nur einmal darauf einzugehen, dass es keine sichere Entsorgung für Atommüll gibt. Außerdem finde ich es nicht ermutigend, wenn all die hoffnungsmachenden Absätze zu den verschiedenen Themengebieten im Prinzip darauf hinauslaufen, dass eine Wende möglich ist, solange der Großteil der Regierungen dementsprechende Gesetze und Regelungen erlässt. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen ist das etwas, wodurch ich mich beim Lesen nur umso hilfloser fühlte (und all das war mir schon bewusst, bevor ich zu diesem Sachbuch gegriffen habe). Dazu kamen dann noch ein Haufen Diagramme und Graphen, die in meinen Augen wirklich schlecht gemacht waren und bei denen ich zwar in den Anhängen Verweise auf die jeweilige Studie, aus der die Daten stammten, finden konnte, aber bei denen ich gern Hinweise zu der Datensammlung gesehen hätte. Ein Beispiel dafür war ein Diagramm, bei dem die Luftverschmutzung in London von 1700 bis 2016 aufgezeigt wurde, und ich hätte gern gewusst, woher die historischen Daten kommen (und wieso da ein komischer Graph über der London-Linie in der Luft hängt, der vermutlich die Luftverschmutzung in Delhi in irgendeinem Zeitraum in den 2000ern anzeigen sollte?). Alles in allem stellte sich dieses Sachbuch, von dem ich mir eine hoffnungsvolle Lektüre versprochen hatte, beim Lesen für mich als ziemlich ärgerlich heraus.

Februar – April 2025

Xinran: Gerettete Worte – Reise zu Chinas verlorener Generation (Rezension)

Oktober 2025

Paulina Bren: The Barbizon – The New York Hotel That Set Women Free

Nach den ersten Seiten, in denen es darum ging, wer und wieso das „Barbizon“ gebaut hat, drehte sich das Buch vor allem um die Frauen, die (eine Zeitlang) in dem Hotel gelebt haben. Das führte zu einem spannenden Überblick über das Leben (in der Regel) intellektueller und/oder wohlhabender Frauen in den USA in der Zeit zwischen 1930 und 1960. So erzählt dieses Sachbuch vor allem einen Haufen faszinierender Anekdoten rund um die Zeitschrift Mademoiselle und ihre Gast-Editorinnen, die Models der Ford Modeling Agency und die Schülerinnen der Katharine Gibbs Secretarial School – was nicht nur viel über die (wenigen) Möglichkeiten von Frauen, selbstständig zu leben, verriet, sondern sich auch wirklich gut lesen ließ.

November – Dezember 2025

Zeinab Badawi: An African History of Africa – From the Dawn of Humanity to Independence

Alle paar Jahre wieder suche ich nach Sachbüchern über afrikanische Geschichte, weil mir durchaus bewusst ist, dass das eine Region ist, über die ich viel zu wenig weiß. Allerdings habe ich bislang nur sehr wenige Bücher gefunden, die ich wirklich informativ und gut lesbar fand. „An African History of Africa“ von Zeinab Badawi hingegen war (soweit das bei einer solchen Informationsdichte möglich ist) wirklich gut lesbar. Auch fand ich den Aufbau des Buchs für mich stimmig und – aufgrund der Tatsache, dass ich mehr über Nordafrika weiß als über die restlichen Regionen – leicht zugänglich. Die Autorin beginnt mit der Geschichte von Nordafrika und arbeitet sich dann über den Osten, die Mitte, den Süden bis in den Westen des Kontinents vor, was für mich die Entwicklung der verschiedenen Regionen nachvollziehbar machte. Spannend fand ich z. B. auch die Verweise auf gegensätzliche Darstellungen von Ereignissen zwischen den mündlichen (regionalen) und schriftlichen (häufig von europäischen Händlern/“Entdeckern“) Überlieferungen oder die Beschreibungen von archäologischen Funden, die durch Zitaten aus Dokumenten von Zeitzeugen (auch hier in der Regel europäische Händler/“Entdecker“/Kolonialherren) ergänzt wurden. Mehr als einen Überblick kann solch ein Buch nicht bieten, aber das macht es deutlich besser als andere Titel, die ich bislang über Afrika angeschaut habe. Am Ende hatte ich nicht nur das Gefühl, ich hätte viel gelernt, sondern auch ausnahmsweise nicht einen Haufen unzusammenhängender Wissensfragmente zu einer Region bekommen, sondern eine Landkarte voller Querverweise und Zusammenhänge, die ein gutes Fundament bilden, um mich mehr (und detaillierter) mit Afrikas Geschichte auseinanderzusetzen.

Xinran: Gerettete Worte – Reise zu Chinas verlorener Generation

Ich finde es wirklich schwierig, eine Rezension zu „Gerettete Worte – Reise zu Chinas verlorener Generation“ von Xinran zu verfassen, weil ich so viele verschiedene Gedanken zu dem Buch habe. Auf der anderen Seite hilft es mir oft, wenn ich versuche, diese Gedanken in (einigermaßen lesbare) Sätze zu fassen. In „Gerettete Worte“ veröffentlicht die Journalistin Xinran Interviews, die sie (vor allem) im Jahr 2006 mit Personen geführt hat, die im Durchschnitt 70 Jahre alt (die älteste Person war 97 Jahre alt) und so Zeitzeugen vom Aufstieg Mao Zedongs waren und die Entwicklung Chinas bis zum Anfang der 2000er mitverfolgen konnten. Mit diesen Interviews wollte Xinran einen Teil der chinesischen Geschichte festhalten, der aufgrund der Parteipolitik in China kaum – und wenn, dann sehr unzuverlässig – dokumentiert wurde.

Was mir als erstes beim Lesen auffiel, war, wie präsent Xinran in „Gerettete Worte“ ist und wie sehr ihre eigene Sicht auf die verschiedenen Dinge in ihren Interviewfragen durchscheint. Ich hatte in meiner Rezension zu ihrem Buch „Wolkentöchter“ (vor acht Jahren Oo) geschrieben, dass es mir vorkam, als ob die Autorin „anfangs unwissend und naiv an viele Themen herangegangen sei“, und auch dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass Xinran nicht wirklich in der Lage war, mit einem offenen und objektiven Blick in die Interviews zu gehen. Spannend fand ich, dass sie oft darüber klagte, dass „der Westen“ über so wenig Wissen über China verfügen würde (und das, nachdem sich das Land jahrzehntelang gegen den Westen abgeschottet und nur sehr kontrolliert Informationen verbreitet hat). Außerdem schien Xinran immer wieder zu schwanken zwischen der Parteipropaganda, die sie in ihren vierzig Jahren in China unweigerlich in sich aufgenommen hat, und dem Bedürfnis, von ihren Interviewpartner*innen offene und ehrliche Kritik an (vergangener) Parteipolitik zu hören.

Es war schon spannend zu sehen, wie sehr Xinran selbst von ihrem Aufwachsen in China unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei geprägt wurde und welche Aspekte sie dank der darauffolgenden zehn Jahren, die sie (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Gerettete Worte) in Großbritannien gelebt hat, kritisch ansprach. Xinrans Mischung aus Stolz auf den rasanten Fortschritt, den China zum Ende des Jahrhunderts gemacht hat, und den Zweifeln daran, ob die chinesische Regierung richtig handelt, wenn sie alles „Alte“ ausmerzt, fand ich sehr faszinierend. Xinran spricht im Laufe des Buchs selbst an, dass sie sich immer wieder dabei ertappt, dass sie bei Kritik an China sofort das Bedürfnis hat, auf all die Errungenschaften des Landes hinzuweisen, und beim Lesen fiel es mir sehr ins Auge, wie sie bei ihren Ansichten zwischen „es gibt so viele verschiedene Volksgruppen“ in China und „alle Chinesen (einer bestimmten Generation) sind genau so“ wechselte. Mir persönlich war es nicht möglich, diese subjektive Färbung aus den Texten herauszufiltern, und so hat mich Xinran als Interviewerin ebenso sehr beschäftigt wie ihre Interviewpartner*innen.

Was die Interviews selbst angeht, so ist es Xinran gelungen, wirklich eine große Brandbreite an Gesprächspartner*innen für „Gerettete Worte“ zu finden. Dabei wird natürlich auch hier wieder deutlich, wie sehr diese verlorene Generation von der Politik des vergangenen Jahrhunderts geprägt wurde. Es gibt sehr viele Passagen, die sich um die Aufopferungsbereitschaft der Interviewpartner*innen für die Partei drehen oder um die großartigen Entwicklungen, die ihre Arbeit ermöglicht hat, und nur sehr selten liest man einen Hauch von Kritik an den damaligen Plänen der Partei und die damit verbundene Willkür, der diese Personen häufig zum Opfer fielen. Dabei strotzen diese Interviews von Beschreibungen eines unfassbar harten Lebens, von Hunger und Tod, von Misshandlungen und Verfolgung, und oft genug habe ich eine Passage gelesen und mich am Ende gefragt, wie diese Person das überhaupt überlebt hat.

Es macht für mich definitiv einen Unterschied, ob ich mich anhand eines sachlichen Artikels über den „Langen Marsch“ informiere oder ob ich ein Interview mit einer Person lese, die dabei war und deren Füße den Rest ihres Lebens davon zeugten. In „Gerettete Worte“ kommt nicht nur ein Überlebener des „Langen Marschs“ zu Wort, sondern auch eine Generalin, die für Bildung zuständig war, ein Ehepaar, das an der Urbarmachung einer Wüste mitwirkte, und eine Akrobatin, die zu einer Zeit ins Ausland reiste, als China sich noch vom Rest der Welt abkapselte. Ich fand es spannend zu sehen, wie ein ehemaliger Bandit seine damalige Lebensweise beschönigte, während ein ehemaliger Polizist überraschend viel Zynismus in seinem Interview durchscheinen ließ. Obwohl „Gerettete Worte“ vor fast zwanzig Jahren veröffentlicht wurde, habe ich viele Informationen in dem Buch gefunden, die bei mir Wissenslücken geschlossen und mir neue Hintergründe zu schon bekannten Informationen verschafft haben. Außerdem war es wirklich berührend, all diese verschiedenen Personen kennenzulernen und mehr über ihre Lebensumstände zu erfahren.

Sachbücher 2024

2024 war kein gutes Sachbuch-Jahr für mich. Was vor allem daran lag, dass ich so dickköpfig war und ein bestimmtes Buch durchlesen wollte – und dann lieber gar keine Sachbücher gelesen habe, um nicht zu diesem einen Titel greifen zu müssen. Die Bücher, die ich dann tatsächlich gelesen habe, haben mir in der Regel aber sehr gut gefallen und mein Leben ein Stückchen bereichert.

Beate Sirota Gordon: The Only Woman in the Room – A Memoir of Japan, Human Rights, and the Arts

Sehr spannend zu lesende Erinnerungen von Beate Sirota Gordon, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu dem amerikanischen Team gehörte, das innerhalb einer Woche einen Entwurf für die neue japanische Verfassung aufgestellt hat. So viele faszinierende Details über das Leben ihrer (jüdischen) Musiker-Eltern in Europa, ihre Kindheit in Japan und ihren weiteren Werdegang nach ihrer Heirat, zusammengefasst in einem überraschend schmalen Buch. Besonders beeindruckt haben mich die Passagen, in denen Beate Sirota Gordon darüber schrieb, warum sie welche Elemente z. B. zum Thema Frauenrecht oder Schulbildung in die japanische Verfassung eingefügt hat. Da gab es nicht nur viele Hinweise auf andere Verfassungen (u. a. die der Weimarer Republik), sondern auch auf persönliche Erlebnisse in ihrer Kindheit in Japan. Aber auch ihre spätere Arbeit rund um den kulturellen Austausch zwischen verschiedenen asiatischen Ländern und den USA fand ich faszinierend zu lesen. Ergänzt werden all diese Erinnerungen durch sehr, sehr viele Schwarzweiß-Fotos, die zwar häufig von nicht gerade guter Qualität sind, aber so viele interessante Personen zeigen.

Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History – 101 Things that Never Happened

Genau genommen habe ich von Januar bis April 2024 (fast) täglich einen Eintrag in diesem Buch gelesen und so regelmäßig eine kleine Portion „Geschichtswissen“ genossen. Ich folge Jo Hedwig Teeuwisse („The Fake History Hunter“) schon seit einigen Jahren online, weil ich es immer wieder spannend finde, wenn von ihr Posts überprüft/wiederlegt werden, die „interessante“ oder „aufsehenerregende“ Behauptungen über alle möglichen Dinge aus der Vergangenheit aufstellen. Viele dieser Posts basieren auf Gerüchten (die z. B. von der Autorin auf Briefwechsel oder ähnliches zurückgeführt werden konnten) oder Veröffentlichungen aus der viktorianischen Zeit, in denen die „historisch interessierten“ Verfasser sich eher ihrer Fantasie statt handfester Recherche bedienten und so dafür sorgten, dass ihre Vorstellung von der Vergangenheit zum „Allgemeinwissen“ wurde.

Dabei fand ich es besonders faszinierend, anhand der kleinen Nebenbemerkungen in den Texten und der Anhänge ein bisschen mehr über die Recherchearbeit von Jo Hedwig Teeuwisse mitzubekommen, die oft genug damit startet, dass erst einmal überhaupt ein konkreter Rahmen oder eine Definition als Ausgangspunkt geschaffen werden muss. Wenn zum Beispiel behauptet wird, dass der Kuss zwischen Uhura und Kirk der „erste interracial Kuss der Fernsehgeschichte“ sei (was nicht stimmt, egal, welche Definition angewendet wird), muss erst einmal bestimmt werden, ob es sich dabei um den ersten Kuss auf die Wange, Kuss auf den Mund oder Zungenkuss handelt, um einen Kuss, der bewusst ausgeführt wurde, der zufällig passierte, der gegen den Willen einer oder beider beteiligten Personen erfolgte, oder um einen Kuss, der mit romantischer oder komischer Intention gefilmt wurde. Erst wenn diese Definition gesetzt wurde, ist es überhaupt möglich, die Recherche dementsprechend zu gestalten und Antworten auf die Frage zu finden, welcher Kuss nun der erste seiner jeweiligen Art war. Das war – wie gesagt – spannend zu lesen und sorgt auf jeden Fall dafür, dass ich „faszinierenden Fakten“, über die ich online stolpere, noch ein bisschen skeptischer gegenüberstehe.

Clare Hunter: Threads of Life – A History of the World Through the Eye of a Needle

Clare Hunter erzäht in sechzehn Kapiteln von verschiedenen Momenten oder Bewegungen in der Geschichte der Welt, in denen Handarbeitskunst – vor allem mit dem Schwerpunkt Sticken – eine häufig übersehene, aber wichtige Rolle einnahm. Wie bei Molly Peacocks Buch (siehe Dezember) gibt es auch hier enge Bezüge zwischen dem Leben der Autorin und den Dingen, die sie erzählt, aber während ich mit Molly Peacock so gar nicht zurechtkam, fand ich Clare Hunters sehr persönliche Einleitungen zu den verschiedenen Kapiteln interessant zu lesen. Es ist für mich schwierig, mehr über dieses Buch zu erzählen, denn Clare Hunter stellt jedes Kapitel unter einen Oberbegriff und manchmal bedeutet das, dass sie sich auf ein Thema konzentriert, aber deutlich häufiger gibt es mehrere Beispiele, die über mehrere Zeiten und Länder verteilt stattfanden. Auf jeden Fall gibt jedes dieser Kapitel Einblick in Bereiche der Weltgeschichte – seien es Kriegsgefangene in den verschiedensten Kriegen, Sufragetten-Proteste oder so etwas „Begrenztes“ wie Community-Projekte -, die mir so noch nicht untergekommen waren und die ich faszinierend und berührend fand. Handarbeit als politisches Element wird häufig übersehen, gerade weil es eine vermeintlich „weibliche und häusliche“ Tätigkeit ist, dabei lässt sich (aus den wenigen noch vorhandenen Stücken) so viel über die Situation der Personen lernen, die diese Arbeiten ausgeführt haben.

Djamila Knopf: Luminescence – Shedding light on the creative process with Djamila Knopf

Ein Artbook mit Bildern der deutschen Künstlerin Djamila Knopf, das neben sehr vielen (japanisch inspirierten) Werken auch einige Texte enthält. Diese Texte drehen sich um den Denkprozess, der von der Idee zum fertigen Bild führt, aber auch um konkrete Aspekte, die Einfluss auf die Wirkung eines Bildes haben. Ich fand die Texte faszinierend zu lesen und habe es genossen, mir Zeit beim Betrachten der Bilder lassen zu können – so ein Artbook ist doch etwas anderes, als wenn man beim Social-Media-Scrollen über ein ansprechendes Bild stolpert. 😉

Molly Peacock: The Paper Garden – An Artist Begins Her Life’s Work at 72 (abgebrochen)

Auch dieses Buch habe ich über mehrere Monate (genau genommen fast das ganze Jahr) gelesen, was aber nicht daran lang, dass ich es in kleine Portionen aufgeteilt habe, sondern daran, dass ich immer lieber zu anderen Titeln gegriffen habe. Irgendwie hatte ich beim Klappentext den Teil mit „As she tracks the extraordinary life of Delany – friend of George Frideric Handel and Jonathan Swift – internationally acclaimed poet Molly Peacock weaves in delicate parallels in her own life …“ überlesen, und so faszinierend ich Mary Delany und ihre Kunstwerke fand, so wenig interessierte mich Molly Peacock und ihre Art, Mary Delanys Geschichte zu erzählen. Im Dezember habe ich mir dann endlich eingestanden, dass Molly Peacock mich mit ihrer Schreibweise vom Lesen abhält und dieses Buch ein Fehlgriff für mich war. Das Buch wird aussortiert – vielleicht stolpere ich irgendwann mal über eine anderen Biografie über Mary Delany, und dann kann ich schauen, ob ich mehr über diese interessante Person herausfinde.

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Kein Sachbuch, aber trotzdem eine Erwähnung wert:

Nikita Gill: These are the Words – Fearless Verse to Find Your Voice

Im Februar bin ich über ein Gedicht aus „These are the Words – Fearless Verse to Find Your Voice“ von Nikita Gill gestolpert, und das hat dazu geführt, dass ich mir das Buch angeschafft habe. Die Gedichtsammlung ist für Teenager gedacht, die erste Erfahrungen mit einer Welt machen, die nicht gerade freundlich mit Personen umgeht, die ihren Weg noch finden müssen. Aufgeteilt sind die Gedichte in vier Jahreszeiten, und so habe ich sie auch gelesen (auch wenn das bedeutete, dass ich zu Frühlingsbeginn erst einmal einige Seiten überblätterte, um die restlichen „Winter-Texte“ aufs Jahresende zu schieben).

Die Gedichte sind in der Regel sehr einfach und klar geschrieben, nicht immer besonders poetisch, aber gerade deshalb gaben sie häufig genau die Ratschläge, die ich persönlich als Teenagerin nötig gehabt hätte. Es fühlt sich beim Lesen an, als ob eine ältere Freundin oder große Schwester Denkanstöße oder Ermutigung geben würde, was ich sehr nett fand. Ich muss aber auch zugeben, dass ich ein bisschen darüber stolperte, dass die Gedichte auf der einen Seite so feministisch sind und den lesenden Personen helfen sollen, eine eigene Stimme zu finden, und auf der anderen Seite sind sie (wenn Personalpronomen verwendet werden) durchgehend binär. Das ist meiner Meinung nach ein Widerspruch.

Sachbücher 2022 und 2023

Da ich im Jahr 2022 so wenig Sachbücher gelesen hatte, lohnte es sich nicht eine Liste davon zu veröffentlichen. Aber so ganz wollte ich auf diese „Statistik“ dann doch nicht verzichten, weshalb es also eine gemeinsame Liste für 2022 und 2023 gibt.

Januar 2022
Erika Fatland: Hoch oben – Eine Reise durch den Himalaya

Februar 2022
Jerrelle Guy: Black Girl Baking
Ein vegetarisches Kochbuch, das von der Südstaatenküchen inspiriert wurde, mit der die Autorin aufgewachsen ist, und in dem es zu jedem Rezept eine kleine Anekdote gibt. Ich fand es angenehm, dass Jerrelle Guy häufig auch Variationsmöglichkeiten – zum Beispiel für eine vegane Version – erwähnt hat. Viele Gerichte in diesem Kochbuch fallen unter „Wohlfühlessen“ und sie haben meinem Mann und mir gut geschmeckt. Trotzdem ist mir aufgefallen, dass es eigentlich keines der ausprobierten Rezepte fest in unseren Alltag geschafft hat. Obwohl die Essen einfach zuzubereiten und lecker waren, blieben sie nicht genug bei mir hängen, um mir bei der Erstellung des wöchentlichen Essensplan in den Sinn zu kommen.

April 2022
Nancy Jackman (with Tom Quinn): The Cook’s Tale – Life below Stairs as it really was

Juni 2022
Margaret Powell: Below Stairs

September/Oktober 2022
Anne Lister (and Helena Whitbread): The Secret Diaries of Miss Anne Lister 1 – 1816-1824
Dieses Tagebuch war für mich eine überraschend spannende Lektüre, obwohl Anne Lister den Großteil der Zeit über ihre Familie, ihren Freundeskreis und die Frauen, mit denen sie eine Beziehung hatte (oder hätte haben wollen) gejammert hat. Aber Anne war auch eine sehr interessante Person, mit ihrer Suche nach dem für sie passenden Platz im Leben und einer Gefährtin, die zur ihr passen würde. Außerdem gab es so viele Informationen zu den alltäglichen Dingen wie die Kosten für die großen und kleinen Anschaffungen, Reisen und den Umgang mit Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis. Es gibt noch einen weiteren Band mit ihren Tagebüchern, den ich auch noch unbedingt lesen will.

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Januar 2023
Ronen Steinke: Der Muslim und die Jüdin – Die Geschichte einer Rettung in Berlin
Das Buch hatte ich mir gekauft, nachdem ich online einen Artikel von Ronen Steinke über die Rolle, die muslimische Jazz-Club-Besitzer während des Zweiten Weltkriegs beim Verstecken von Juden in Berlin gespielt haben, gelesen hatte. So gab es in diesem Buch vor allem viele – für mich vollkommen neue – Informationen über das Verhältnis zwischen den jüdischen und muslimischen Gemeinden im Berlin der 1920er Jahre, die ich sehr interessant fand.

Februar 2023
Lily Koppel: The Astronauts Wives Club
Ein Sachbuch über die Ehefrauen der ersten amerikanischen Astronauten und welchen Einfluss die Karriere ihrer Männer auf ihr Leben hatte. Während Lily Koppel sich sehr darauf konzentrierte, wie wenig diese Frauen auf den plötzlichen Ruhm und das Leben mit Journalisten und Paparazzi vorbereitet waren, fand ich vor allem die kleinen Anmerkungen und Anekdoten  spannend, die zeigten wie schwierig (und frustrierend) es war als Frau mit eigenen Bedürfnissen und Interessen die Rolle der perfekten 50er-Jahre-Ehefrau zu erfüllen. Dazu gab es so einige Details rund um die Mercury-, Gemini- und Apollo-Missionen, die ich faszinierend fand. Das war unterhaltsam und spannend, auch wenn ich ziemlich konzentriert dabei bleiben musste, um all die verschiedenen Personen auseinanderhalten zu können.

März 2023
Gail MacColl and Carol McD. Wallace: To Marry an English Lord – Tales of Wealth and Marriage, Sex and Snobbery in the Gilded Age
An „To Marry an English Lord“ reizte mich vor allem der Teil, der sich mit der amerikanischen „höheren Gesellschaft“ beschäftigte, da ich darüber relativ wenig wusste. Gail MacColl und Carol McD. Wallace stellen die Gepflogenheiten der einflussreichen (New-Yorker-)Familien vor und zeigen auf, wie es dazu kam, dass während des „Gilded Age“ so viele amerikanische Erbinnen in britische Adelshäuser einheirateten. Während ich die Unmengen an Informationen zu den verschiedenen Personen, Traditionen und Ereignissen wirklich spannend fand, konnte mich die Art und Weise wie sie präsentiert wurden, nicht ganz so sehr begeistern. Natürlich ist es optisch ansprechender, wenn es immer wieder dekorative Einschübe, Fotos oder Randbemerkungen im Text gibt. Aber regelmäßig sorgten diese Unterbrechungen dafür, dass ich von all den zusätzlichen Informationen so abgelenkt war, dass ich den Faden verlor und zum zweiten (dritten/vierten) Mal den Text anfangen musste, um die Menge an Personen und Namen zuorden und die Ereignisse, um die es in dem Kapitel eigentlich ging, auch wirklich aufnehmen zu können.

April 2023
Ronald Schweppe und Aljoscha Long: Affen im Kopf – Mentale Gelassenheitsstrategien für einen ruhigen Geist
Eine spontane Lektüre, nachdem Birthe während des Lese-Sonntags im April so angetan von dem Titel war. Direkt nach dem Lesen bin ich mir nicht so sicher, was ich von dem Buch halte. Es gab einige Punkte, bei denen ich den Autoren nicht zustimmen konnte, und ein paar Dinge, bei denen ich das Gefühl hatte, ich sollte sie mal versuchen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es zwei Sachen gab, die auch etwas gebracht haben, solange ich sie noch präsent hatte, die aber dann in einer aufreibenden Phase schnell wieder in Vergessenheit geraten waren. Da müsste ich vielleicht noch einen Weg finden, um das auch in Ausnahmesituationen in meinen Alltag zu integrieren.

August 2023
Leo Marks: Between Silk and Cyanide – A Code Maker’s War 1941-45
Wenn ich ganz genau bin, dann habe ich das Buch zwischen Oktober 2022 und August 2023 gelesen, denn die kleine Schrift, die Unmengen an Namen (es gibt Personen in diesem Buch, die mit ihrem Namen, ihrem Spitznamen, ihrem Codenamen und eventuellen weiteren Codenamen bezeichnet werden,) und die Details rund ums (De)Codieren und über den Einsatz von Spionen und Saboteuren und den Kriegsverlauf aus britischer Sicht, sorgten dafür, dass ich in „Between Silk and Cyanide“ nur bei gutem Licht und mit ausreichender Konzentration lesen konnte. Aber das Buch war überraschend unterhaltsam und beinhaltete viele faszinierende Details rund um die Arbeit „hinter den Kulissen der Spionagetätigkeiten“ der Briten im Zweiten Weltkrieg. Vor allem die zweite Hälfte fand ich wirklich spannend zu lesen, weil Leo Marks da in einer Position war, in der er sehr viel über die britischen Spione erfuhr, was zu einigen bedrückenden Momenten beim Lesen führte. Stellenweise war es aber auch ziemlich frustrierend von den Rivalitäten zwischen den verschiedenen Bereichen zu lesen und nachzuverfolgen zu welchen Risiken dies für die Spione hinter den feindlichen Linien mit sich brachte (als ob ihre Aufgabe an sich nicht schon schlimm genug gewesen wäre).

Sarah Kurchak: Work It Out – A Mood-Boosting Exercise Guide for People Who Just Want to Lie Down
Der Untertitel fasst schon sehr gut zusammen, worum es in diesem Ratgeber geht. Sarah Kurchak schreibt mit sehr viel Verständnis darüber, dass es nicht immer leicht ist (regelmäßig) Sport zu machen und darüber welche Methoden die Leser*innen ausprobieren können, um den für sich richtigen Weg dafür zu finden. Viele der Informationen sind nicht gerade neu, aber der Ton ist sehr ermutigend und die Autorin bietet einige Anstöße für Personen mit psychischen oder physischen Problemen, die normalerweise in Sportratgebern nicht angesprochen werden, was mir gut gefallen hat. Außerdem gibt Sarah Kurchak (allgemeine!) Hinweise, welche Sportarten für bestimmte Einschränkungen besser angepasst werden können oder was unter bestimmten Umständen besser gemieden werden sollte. Ich mochte vor allem das Gefühl beim Lesen, dass der Autorin durchaus bewusst ist, dass Sport eine Tätigkeit ist, die nicht jeder Person Freude bereitet. Und den Eindruck, dass es Sarah Kurchak nicht darum geht den Leser*innen Sport als Wundermittel zu verkaufen, sondern als etwas, das einen positiven Effekt auf den Körper und die Psyche haben kann, wenn bestimmte Aspekte beachtet werden.

September 2023
Amy Butler Greenfield: The Woman All Spies Fear – Code breaker Elizebeth Smith Friedman and her hidden life
Eine Biografie über Elizebeth Smith Friedman, die für die USA Codes entschlüsselte und deren Arbeit großen Einfluss auf den Bereich der militärischen und polizeilichen Arbeit in den USA hatte. Spannend fand ich dabei, dass sie eben auch bei Ermittlungen z.B. gegen die Mafia eingesetzt wurde, um die geheimen Nachrichten der Verbrecher zu entziffern. Dabei hat sich Amy Butler Greenfield auf die Tagebücher und Briefe von Elizebeth Smith Friedman (und ihrem Mann William) konzentriert, was ich grundsätzlich interessant finde, und auf die 2008 von der US-Regierung freigegebenen Dokumente „History of Coast Guard Unit #387, 1940-1945“. Aber ich kam nicht immer gut damit zurecht, wie die Autorin die verschiedenen Details den Leser*innen präsentierte und ich habe häufig gedacht, dass ich lieber einen direkten Einblick in die Tagebücher (und in den Bericht über die Arbeit der Küstenwache *g*) hätte. Insgesamt fand ich Elizebeth Smith Friedman und ihr Leben sehr faszinierend und habe durch die Biografie so einiges Neues zum sehr frühen (De-)Coding in den USA gelernt (und eine andere Perspektive zu so einige Ereignissen, von denen Leo Marks in „Between Silk and Cyanide“ erzählte, bekommen).

Ashley „Dotty“ Charles: Outraged – Why Everyone is Shouting and No One is Talking
Ein schmales, aber sehr interessantes Buch, in dem die Autorin der Frage nachgeht, wieso manche Ereignisse online so ein Eigenleben entwickeln, wann Empörung (online) angemessen und wichtig ist, wann sie eher hinderlich ist oder gar das Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt war. Ich muss zugeben, dass der Skandal, der bei Ashley Charles die Überlegungen zum Sinn und Nutzen von Online-Aufregung auslöste, an mir ziemlich vorbeigegangen ist, fand es aber sehr spannend und erhellend ihre Überlegungen und Erkenntnisse zu diesem und anderen Themen/Personen zu lesen. Insgesamt gab es sehr viele Anstöße um mein eigenes Online-Verhalten mal unter die Lupe zu nehmen und noch kritischer mit den diversen Themen umzugehen, die mir online so vor die Nase kommen.

Oktober 2023
Lily Koppel: The Red Leather Diary – Reclaiming a Life Through the Pages of a Lost Journal
Ich muss gestehen, dass ich die Tatsache, dass die Journalistin Lily Koppel ein altes Tagebuch in die Finger bekommen hat und dann Kontakt mit der – inzwischen über 90jährigen – Frau aufnehmen konnte, die dieses Tagebuch in den 1930er Jahren geführt hatte, faszinierend finde. Nicht weniger faszinierend war das Lesen dieses Buches, das die Tagebucheinträgen von Florence und die Informationen, die Lily Koppel durch die Interviews erfahren hat, zu flüssig lesbaren Texten kombiniert. In den verschiedenen Kapiteln gibt es so viele Informationen über das Leben und die Gedanken der jungen Florence, ebenso wie viele kleine und größere Details dazu, wie es war als selbstbewusste und künstlerisch interessierte junge Frau im New York der 1930er Jahren aufzuwachsen.

November 2023
Simone Ferriero: The Art of Simz
Ein Artbook mit den Zeichnungen von Simz (Simone Ferriero) und sehr, sehr vielen Texten zum Werdegang und zur Arbeitsweise des Künstlers. Ich mag Simz‘ Hexen mit ihren (Geister)Katzen sehr und fand es spannend mal mehr zu der Person hinter den Zeichnungen zu erfahren und zu sehen wie Simone Ferriero an seine Bilder herangeht.

Margaret Powell: Below Stairs – The Bestselling Memoirs of a 1920s Kitchen Maid

Nachdem ich „The Cook’s Tale“ von Nancy Jackman gelesen hatte, war ich neugierig auf die Biografie von Margaret Powell, deren Lebensweg oberflächlich betrachtet dem von Nancy Jackman sehr ähnlich war. Auch Margaret Powell hat ihre Laufbahn als Köchin damit begonnen, dass sie als Küchenmädchen in einem Herrenhaus gearbeitet hat. Doch während Nancy Jackman grundsätzlich zufrieden mit ihrer Arbeit als Köchin war, hätte Margaret Powell lieber einen vollkommen anderen Weg eingeschlagen. Geboren wurde Margaret Powell als zweites von sieben Kindern eines Handwerkers in Hove, und als ältestes Mädchen war sie schon früh für die Versorgung ihrer jüngeren Geschwister verantwortlich. Angesichts des unregelmäßigen Einkommens ihres Vaters und der Tatsache, dass ihre Eltern so viele Kinder zu versorgen hatten, sah sich Margaret als Dreizehnjährige gezwungen, sich eine Arbeit zu suchen.

Nach einigen kurzfristigen Jobs landete Margaret mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal als Küchenmädchen in einem Herrenhaus. Dabei hatte sie wenig Glück mit der Köchin, unter der sie arbeiten musste, denn diese gab sich keine Mühe, ihrem Küchenmädchen irgendwelche Rezepte beizubringen oder ihr gar irgendwelche Tipps zu geben für eine eventuelle Zukunft als Köchin. Insgesamt fand ich es sehr faszinierend zu verfolgen, wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen waren, auf die Margaret Powell im Laufe der Zeit so traf. Von Herrenhäusern mit einigem Personal bis zu nicht mehr ganz so wohlhabenden Arbeitgebern, die mit zwei älteren Hausangestellten und einer Köchin auskommen mussten, war alles dabei.

Dabei scheint Margaret Powell ihre Arbeitgeber (von einer Ausnahme abgesehen) durchgehend verachtet zu haben. Jeder Absatz in „Below Stairs“ scheint nur so von einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit durchdrungen zu sein, das Margaret Powell bezüglich des Umgangs mit ihrem eigenen sozialen Stand zu empfinden schien. Natürlich hat sie recht damit, dass die Tatsache, dass sie als Tochter eines Handwerkers geboren wurde, niemandem das Recht gibt, sie wie einen minderwertigen Menschen zu behandeln. Und ja, es wäre definitiv fairer gewesen, wenn ihr Leben nicht so sehr von der Armut ihrer Eltern beherrscht worden wäre und wenn sie statt als Küchenmädchen zu arbeiten ihre Wunschausbildung als Lehrerin hätte machen können. Aber insgesamt wird die Lektüre des Buchs durch das permanente Beklagen dieser Umstände nicht gerade angenehmer. Außerdem fiel mir immer wieder auf, dass sie – von den wenigen Kolleginnen, die sie als Freundinnen bezeichnete, abgesehen – selbst anderen Angestellten keinerlei Respekt entgegenbrachte, vor allem, wenn diese sich mit ihren Arbeits- und Lebensumständen abgefunden hatten und versuchten das Beste daraus zu machen.

So war für mich der spannendste Aspekt beim Lesen letztendlich der Kontrast zwischen den Persönlichkeiten von Nancy Jackman und Margaret Powell, die natürlich ihre Biografien deutlich geprägt haben. Während Nancy ein braves und schüchternes Mädchen vom Land war, das sich in den ersten Arbeitsjahren kaum zu trauen schien, überhaupt nach einem freien Tag zu fragen, scheint Margaret Powells eher städtisches Aufwachsen (und die Tatsache, dass sie das älteste Mädchen im Haus ihrer Eltern war) dafür gesorgt zu haben, dass sie – trotz aller Widrigkeiten – genügend Selbstbewusstsein hatte, um Risiken einzugehen und das Gefühl zu haben, dass sie Besseres verdient hätte, als ihr Leben damit zu verbringen, den Launen ihrer Herrschaften entsprechen zu müssen. So bietet „Below Stairs“ nicht nur einige Informationen über die Arbeitsbedingungen als Küchenmädchen bzw. Köchin zu dieser Zeit, sondern auch eine Menge Gedanken von Margaret Powell zum Leben ihrer Arbeitgeber – wobei sie besonders von deren sexuellen Eskapaden geradezu besessen zu sein schien. Ich muss gestehen, dass ich das lieber gelesen und deutlich amüsanter gefunden hätte, wenn ich Margaret Powell sympathischer gefunden hätte. So fragte ich mich relativ häufig, wie sehr ihr (überaus verständlicher) Wunsch nach einer Flucht aus diesem Leben ihre Perspektive getrübt hat.

Nancy Jackman (with Tom Quinn): The Cook’s Tale – Life below stairs as it really was

„The Cook’s Tale – Life below stairs as it really was“ ist die Biografie von Nancy Jackman, die aus Interviews entstanden ist, die die ehemalige Köchin mit dem Autor Tom Quinn in den vier Jahren vor ihrem Tod 1989 geführt hat. Nancy Jackman wurde 1907 in einem kleinen Dorf in Norfolk geboren. Ihr Vater war ein Landarbeiter, ihre Mutter ein ehemaliges Dienstmädchen und Nancy hatte das Glück, das einzige Kind ihrer Eltern zu sein, so dass sie relativ viel Aufmerksamkeit von ihnen bekam und trotz der Armut ihrer Eltern eine glückliche Kindheit hatte. Da ihrer Mutter bewusst war, dass die größte Chance ihrer Tochter darin lag, eine Anstellung als Haus- oder Küchenmädchen zu finden, hatte Nancy von ihr schon früh die grundlegenden Dinge beigebracht bekommen, die sie für so eine Stelle benötigen würde. Mit 14 Jahren trat Nancy ihre erste Anstellung als Küchenmädchen an, aber schon vorher hatte sie einen Job, in dem sie einen Tag in der Woche als Dienstmädchen für einen älteren Landwirt in der Nachbarschaft ihrer Eltern arbeitete.

In vielen kleinen und größeren Anekdoten erzählt Nancy Jackman in „The Cook’s Tale“ von ihrem Weg vom unerfahrenen Küchenmädchen zu einer Köchin, die für mehrere Angestellte verantwortlich war. Dabei bietet das Buch nicht nur einen interessanten Einblick in das Leben „below stairs“, sondern zeigt auch die unglaubliche Entwicklung, die es zwischen den 1920ern und 1950ern für das gesellschaftliche Leben (sowohl der Herrschaft als auch ihre Dienerschaft) gegeben hat. Am Ende des Buches bleibt mir vor allem der Gedanke daran, wie einsam das Leben als Hausangestellte gewesen sein muss, und wie unsicher sich diese Menschen Tag für Tag gefühlt haben müssen, da fast jeder Aspekt ihres Lebens in den Händen von Personen lag, die vollkommen willkürlich mit ihnen umgehen konnten. Eine der größten Ängste, die Nancy Jackman hatte, war es, im Alter im Arbeitshaus zu landen und gezwungen zu werden, Straßen zu pflastern, so wie die alten Frauen, die sie als Kind gesehen hatte.

„The problem is that when you become a cook you worry too much and get stressed that things won’t come out right and it makes you crotchety. If things don’t come out right then cook is the first to hear about it and one bad meal could lead to the sack, so you end up living on your nerves. (Seite 130)“

Freundschaften zwischen den Bediensteten waren verpönt und es gab keinerlei Anlaufstelle für die jungen Angestellten, um sich Rat oder gar Hilfe zu holen. Wenn nicht eine Vorgesetzte großzügig genug war, um dem unerfahrenen Küchenmädchen zur Seite zu stehen und ihr Wissen weiterzugeben, dann gab es keinerlei Chance, sich weiterzuentwickeln und eventuell eine bessere Position einzunehmen. Nancy selber hatte solches Glück und bekam von der Köchin, unter der sie als erstes gearbeitet hat, den Tipp, ein Notizbuch zu führen, in dem sie alle Küchenkniffe und alle Rezepte sammeln konnte. Im Laufe ihres Arbeitsleben hat ihr dieses Notizbuch mit all den darin gesammelten Rezepten so einige Türen geöffnet, aber das änderte nichts daran, dass ihr Leben hart und aufreibend war. In extremen Zeiten hieß es für Nancy Jackman, 16 Stunden am Stück zu arbeiten, nur um mitten in der Nacht geweckt zu werden, weil einer ihrer Arbeitgeber etwas zu essen oder trinken haben wollte, und am Ende der Woche konnte sie froh sein, wenn sie einen halben Tag frei bekam.

Natürlich haben sich die Arbeitsbedingungen für Bedienstete im Laufe der Jahrzehnte geändert. Es wird in „The Cook’s Tale“ deutlich, was für ein Einschnitt der Zweite Weltkrieg in dieser Beziehung war. Die „Herrschaften“ wurden ärmer und konnten sich weniger Personal leisten, während den Bevölkerungsschichten, die traditionell für diese Herrschaften gearbeitet haben, neue Berufe offenstanden – Berufe, die mehr Sicherheit, mehr Einkommen und deutlich weniger Arbeitsstunden mit sich brachten. All das hat auch für Nancy Jackson dazu geführt, dass ihr Leben zum Ende ihrer Arbeitszeit einfacher wurde und dass sie wählerischer sein konnte bei der Wahl ihrer Arbeitsstellen, aber bei mir bleibt nach dem Lesen von „The Cook’s Tale“ trotzdem vor allem diese Angst vor einem Leben in Armut hängen, die die ersten Jahrzehnte ihres Lebens beherrscht habt. Eine Angst, die – obwohl Nancy Jackman immer wieder betont, dass ihre Eltern sie geliebt haben – ihre Mutter dazu brachte, ihre minderjährige Tochter in den Dienst eines Landwirtes zu stellen, von dem sie nur hoffte, dass er sie am Ende heiraten müsste.

Erika Fatland: Hoch oben – Eine Reise durch den Himalaya

Mein erstes Sachbuch des Jahres war „Hoch oben – Eine Reise durch den Himalaya“ von Erika Fatland. Was ich an der Autorin wirklich mag, ist, dass sie nicht nur unterhaltsam und gut verständlich schreibt und dabei unglaublich viele Informationen in ihre Texte packt, sondern sie reist auch in Gebiete, deren Geschichte ich in der Regel nicht sehr gut kenne. Wobei ich zugeben muss, dass ich zum Beispiel über Indien und Pakistan – dank diverser britischer und indischer Romane, die ich vor einigen Jahren gelesen habe – deutlich mehr wusste als über die -stan-Länder aus „Sowjetistan“ oder die meisten Grenzländer Russlands. So konnte ich beim Lesen viele kleine Wissensinseln (neu) miteinander verknüpfen und habe eine Menge neuer Informationen erfahren und einen relativ aktuellen Eindruck von der Situation in den Orten, die die Autorin bereist hat, bekommen. Daneben gibt es so viele kleine Szenen mit Einheimischen oder anderen Reisenden, die (oft genug) ohne zu werten erzählt werden, was es einem ermöglicht, sich seine eigenen Gedanken zu den wiedergegebenen Dialogen und Meinungen zu machen.

In „Hoch oben“ bereist Erika Fatland den Himalaya – so gut das eben bei einem Gebirge geht, bei dem weder Anfang noch Ende genau definiert sind, und das sich durch einige Länder zieht, bei denen die Einreise für Ausländer ein schwieriges Unterfangen ist. So beginnt die Autorin ihre Reise auch in Pakistan statt in Indien, da die indischen Behörden den Visumprozess so hingezogen hatten, dass daran die gesamte mehrmonatige erste Etappe hätte scheitern können. Insgesamt besuchte Erika Fatland von Juli bis Dezember 2018 (von China ausgehend) Pakistan, verschiedene Gebiete in Indien (inklusive Jammu und Kashmir) und Bhutan, und von April bis Juli 2019 bereiste sie Nepal und China (genauer gesagt Tibet und Yunnan). Ich muss gestehen, dass ich besonders den Anfang und das Ende ihrer Reise sehr bedrückend fand, denn gerade in den Grenzgebieten Chinas wird sehr anschaulich, wie sehr die chinesische Regierung mit all ihren Regeln, Gesetzen und Kontrollsystemen die Menschen unterdrückt.

Dabei finde ich – als relativ unbeteiligte Leserin – die Veränderungen, die die Autorin beobachtet, häufig besonders faszinierend. So weiß ich natürlich von der Situation der Uiguren in China, aber es ist einfach ein Unterschied, davon zu hören, dass die Uiguren verfolgt werden (und zu beobachten, dass die Zahl uigurischer Restaurants in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist), oder zu lesen, dass Erika Fatland 2015 in Xinjiang sah, dass Frauen mit Kopftüchern, Männer mit langen Bärten und der Ruf des Muezzins zum Alltagsbild gehörten, während gerade mal drei Jahre später in Kaschgar (trotz einer berühmten Moschee und einem immer noch sehr großem uigurischen Bevölkerungsanteil) keine einzige Person zu sehen war, die sichtbar dem islamischen Glauben angehörte. Oder wenn die Auswirkungen des Klimawandels bei einem Gespräch deutlich werden, da ihr ein Bergführer erzählt, dass dort, wo jetzt ein kleiner See zu sehen ist, während seiner Kindheit ein Eisgletscher war und dass er vor drei Jahren noch die Touristen auf diesen Gletscher führen konnte. Ich habe bislang nie darüber nachgedacht, wie unfassbar viel Wasser die Gletscher im Karakorum, Himalaya und Hindukusch beinhalteten und wie schnell sie in den letzten Jahren geschmolzen sind. Denn auch wenn mir natürlich klar ist, welche Veränderungen durch den Klimawandel mit den Gletschern vor sich gehen, ist diese katastrophale Entwicklung doch viel besser zu begreifen, wenn mir dabei vor Augen geführt wird, wie viele Millionen Menschen und welche Großstädte von diesem Gletscherwasser abhängig sind.

So erschreckend solche Beobachtungen und Informationen sind, so spannend finde ich es, sie zu lesen, und einzig die Dichte an Daten und Erlebnissen sorgte dafür, dass ich nicht versucht war, das gesamte Buch meinem Mann vorzulesen, obwohl ich ihm sonst gern erzähle, was ich gerade wieder Neues gelernt habe. Da gibt es all die kleinen Länder und Königreiche, die inzwischen zu einem großen Land gehören und doch weiterhin versuchen, eine eigene Identität aufrechtzuerhalten. So sehr ich sonst gespannt all die Informationen über das Leben der gewöhnlichen Menschen verfolge, so glaube ich doch, dass ich von „Hoch oben“ vor allem die Personen in Erinnerung behalten werde, die eine besondere Stellung einnehmen oder einnahmen. Erika Fatland ist meinem Gefühl nach erstaunlich vielen (ehemaligen) Prinzen, Prinzessinnen und Königen begegnet und bei den meisten bekam ich den Eindruck, dass sie ganz froh waren, dass sie diese Last nicht zu heutigen Zeiten tragen müssen, während andere – obwohl es keine offizielle Verpflichtung dazu gab – alles versuchen, um das Leben ihrer Nachbarn zu verbessern. Ich fand es spannend, von den Frauen zu lesen, die in Kindheitstagen als Göttinnen verehrt wurden, nur um dann als Teenager vollkommen unvorbereitet zurück in ein „normales“ Leben gehen zu müssen, und natürlich von all den Mönchen, Schamanen und ähnlichen religiösen Personen und von ihrem Einfluss auf das Leben der Menschen in ihrer Gegend.

Wie immer nach dem Lesen eines der Bücher von Erika Fatland bin ich auch Tag später immer noch erfüllt von all den aufgenommenden Informationen und Eindrücken und würde hier am liebsten ganz viel erzählen. Es gibt so viel Amüsantes, so viel Spannendes und Bedrückendes in „Hoch oben“ zu entdecken, und der Autorin gelingt es, all das Erlebte und Gesehene so zu erzählen, dass es sich – trotz all der ergänzenden Informationen zu Politik und Geschichte einer Region – wirklich flüssig lesen lässt. Wenn ihr also gern einmal mehr Informationen zu den Ländern, durch die sich der Himalaya zieht, haben möchtet, wenn ihr wissen wollte, wie es im Basiscamp des Mount Everest ausschaut, oder wenn ihr einen Blick auf das Leben in Bhutan werfen und euch trotz diverser erschütternder Elemente gut unterhalten fühlen möchtet, kann ich euch „Hoch oben“ nur sehr empfehlen. Erika Fatland hat mich mit „Hoch oben“ genauso überzeugen können wie mit ihren vorhergehenden beiden Bücher – und ich bin sehr gespannt, wohin es sie als Nächstes verschlagen wird.

Sachbücher 2021

Ich finde es lustig, dass ich diese Beiträge, in denen ich meine gelesenen Sachbücher des Jahres aufliste, immer in der ersten Januar-Woche anlege. Ich mag, dass ich inzwischen so fest davon überzeugt bin, dass ich in den folgenden Monaten Sachbücher lesen werde, dass ich diesen Post erstelle, bevor ich noch das erste Sachbuch des Jahres gelesen habe. Und da ich 2021 zum ersten Mal eine eigene (wenn auch ein Jahr später immer noch unvollständige) Liste für die ungelesenen Sachbücher erstellt habe, kann ich sogar sagen, dass ich mit (mindestens) 15 Titeln ins Jahr gestartet bin, die ich alle gern lesen wollte. Leider hat sich dieses Jahr dann doch deutlich weniger als ein „Sachbuch-Jahr“ herausgestellt, als mir lieb gewesen wäre, aber vielleicht läuft es ja 2022 besser mit dem Sachbuchlesen für mich.

Januar
Olivette Otele: African Europeans – An Untold History

Februar
Kathrin Passig (Hrsg.): Das kleine Sabotage-Handbuch von 1944 – Die besten Tricks des amerikanischen Geheimdienstes im Kampf gegen Hitler

März

April
Elizabeth Hawes: Zur Hölle mit der Mode

Mai
Erin Lewis-Fitzgerald: Geschickt geflickt – Lieblingskleidung ausbessern statt wegwerfen

Das war es dann auch schon mit den Sachbüchern für dieses Jahr, denn in der zweiten Jahreshälfte fehlten mir Zeit und Konzentration fürs Sachbuchlesen. Ich hatte zwar im August noch zu „Mad & Bad – Real Heroines of the Regency“ von Bea Koch gegriffen und war auch relativ weit gekommen, aber mir fehlen da immer noch die letzten Kapitel … Angesichts der wirklich interessant klingenden neuen Sachbücher, die in den letzten Wochen auf meinem SuB gelandet sind, muss ich für 2022 wirklich einen Weg finden, um mir bewusst etwas Zeit fürs Sachbuchlesen freizuschaufeln.

Elizabeth Hawes: Zur Hölle mit der Mode

Vor über achtzig Jahren erschien mit „Fashion is Spinach“ ein Titel, in dem die Designerin Elizabeth Hawes auf die Zeit zurückblickt, die sie in Paris und den USA mit dem Studium und dem Entwerfen von Mode verbracht hat. Mit „Zur Hölle mit der Mode“ ist im August 2019 die von Constanze Derham übersetzte deutsche Version des Buches herausgekommen (und die durfte dann erst einmal ein Jahr auf meinem SuB liegen, bevor ich sie endlich las 😉 ). Ich habe ja schon mehrfach auf diesem Blog erzählt, dass ich an aktueller Mode so gar nicht interessiert bin, dass ich es aber immer wieder spannend finde, mich mit Mode-Geschichte zu beschäftigen. Gerade in den Jahrzehnten vor den beiden Weltkriegen ist so viel im Bereich Mode passiert, was ich wirklich faszinierend finde, und in „Zur Hölle mit der Mode“ bekommt man einiges mit, was in den 1920er-Jahren hinter den Kulissen der Pariser Designhäuser passierte und in den 30er-Jahren rund um die Mode in den USA.

Mit Anfang zwanzig ging Elizabeth Hawes direkt nach ihrem Collegeabschluss nach Paris, in der Hoffnung, einen Weg zu finden, um als Modedesignerin arbeiten zu können. Ihr war natürlich klar, dass niemand eine unbekannte Amerikanerin engagieren würde, so dass sie jeden Job annahm, der es ihr erlaubte, die Pariser Modewelt zu studieren. Vom Juli 1925 bis August 1928 lebte sie in Frankreichs Hauptstadt und arbeitete unter anderem als Mode-Journalistin, als Mode-Zeichnerin (was bedeutete, dass sie bei den Modeschauen die Entwürfe der großen Designer „kopierte“) und letztendlich auch als Designerin, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass es sie langfristig nicht reizte, „französische Mode“ für die High Society zu entwerfen. Stattdessen versuchte Elizabeth Hawes in den folgenden neun Jahren in New York als Designerin mit einer eigenen Kollektion und hochwertigen Maßanfertigungen Fuß zu fassen. Doch um diesen Traum zu finanzieren, musste sie immer wieder Abstecher in die Welt der Massenproduktion und Kaufhäuser machen, was bedeutete, dass sie auch diese Seite der Modeherstellung überraschend gut kennenlernte.

All diese Erfahrungen, die Elizabeth Hawes in dieser Zeit gesammelt hat, führen dazu, dass „Zur Hölle mit der Mode“ zu einer faszinierenden und unterhaltsamen Abrechnung mit der Welt der Mode und den unterschiedlichsten Produzenten und Anbietern wird. Die Autorin schreibt über den Unterschied von Stil und Mode, über die Arbeitsbedingungen, über die Erwartungen der Käuferinnen und die Geschäftsgebaren der verschiedenen Betriebe, die an der Herstellung von Kleidung beteiligt sind. Dabei hat Elizabeth Hawes viele amüsante Anekdoten zu erzählen, aber auch so einige Daten und Fakten zu präsentieren, die einem beim Lesen zu denken geben. Sie rechnet auf, welche Materialien zum Beispiel für ein hochwertiges Kleid benötigt werden, welche Arbeitszeit in die Herstellung fließt, welche zusätzlichen Elemente verwendet werden und zeigt so auf, wie der Preis für ein qualitatives Kleidungsstück entsteht.

Immer wieder geht Elizabeth Hawes darauf ein, welche Tricks Produzenten anwenden, um Material zu spare, und wie sie auf minderwertige Stoffe zurückgreifen, um ihre Kleidungsstücke möglichst billig herstellen zu können – und welche Folgen das für die Käuferinnen dieser Produkte hat. Sie scheut auch nicht davon zurück zu beschreiben, unter welche Bedingungen die Näher.innen arbeiten und welchen Lohn sie für ihre hochwertige Arbeit bekommen. Dabei ist es erschreckend, wie vertraut diese Beschreibungen klingen, auch wenn heutzutage die Näher.innen nicht mehr im Umland von Paris, sondern in Bangladesch oder ähnlichen Ländern leben. Für mich war „Zur Hölle mit der Mode“ wirklich eine spannende Lektüre, denn selbst Elemente, die ich schon kannte, bekamen durch die persönliche Perspektive der Autorin noch einmal eine andere Note.

Auch muss ich zugeben, dass ich es sehr angenehm fand, mal beim Lesen ein Buch in der Hand zu halten, das sich so wertig anfühlt. Normalerweise lese ich ja doch vor allem (Mass-)Paperbacks und im Vergleich dazu fühlen sich Buchleinen, ein gerundeter Rücken und qualitativeres Papier doch gleich ganz anders an. Überhaupt ist diese Ausgabe wirklich liebevoll hergestellt und bietet nicht nur Grafiken aus Modeveröffentlichungen, die zwischen 1882 und 1922 erschienen sind, sondern auch einen Überblick, der die von Elizabeth Hawes erwähnten Namen und Geschäfte einordnet, und ein Nachwort der Übersetzerin Constanze Derham. Ebenfalls muss ich betonen, dass man beim Lesen wirklich merkt, dass sich Constanze Derham sehr gut mit Mode (und den verwendeten Materialien) auskennt und dementsprechend auch das dazugehörige Vokabular beherrscht.

Umso bedauerlicher fand ich es, dass wohl einige Kapitel in der zweiten Hälfte des Buches beim Korrekturlesen im Bereich Kommasetzung ein bisschen zu kurz gekommen sind. Bei ein paar wenigen Kommafehlern hätte ich nichts gesagt, aber hier gab es ein paar Kapitel, die für mich deswegen nicht flüssig zu lesen waren – und ich bin jemand, dem das nur auffällt, wenn wirklich grundlegende Kommaregeln missachtet werden. Von diesem kleinen Makel abgesehen hat mir „Zur Hölle mit der Mode“ rundum wirklich sehr gut gefallen und mir Lust gemacht, mich wieder mehr mit dem Thema Mode(geschichte) zu beschäftigen. Nur gut, dass ich noch „Berlin Hausvogteiplatz – Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode“ von Brunhilde Dähn und „Creating the Illusion“ auf dem Sachbuch-SuB liegen habe.

Sachbücher 2020

Auch wenn ich durch die Sachbuch-Challenge in diesem Jahr eigentlich schon eine Übersichtsseite für meinen gelesenen Sachbücher habe, wollte ich doch wieder einen Beitrag mit einer Liste für das Jahresende haben. Erst einmal ist das der Ort, an dem ich normalerweise nach meinen gelesenen Sachbüchern eines Jahres suche, und dann werden auf der Challenge-Seite ja nur die Titel aufgelistet, die ich auch rezensiert habe und die somit für die Challenge zählen, während hier auch Bücher auftauchen werden, die ich aus dem einen oder anderen Grund nicht rezensiert oder abgebrochen habe.

Januar
1. Tupoka Ogette: exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen
2. Matthias Heine: Verbrannte Wörter – Wo wir noch reden wie die Nazis und wo nicht

Februar
3. Erika Fatland: Sowjetistan – Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan
4. Hallie Rubenhold: The Five – The Untold Lives of the Women Killed by Jack the Ripper

März
Odd Arne Westad: Der Kalte Krieg – Eine Weltgeschichte (abgebrochen!)

Nachdem ich ungefähr die Hälfte der 760 Seiten dieses Buches gelesen hatte, hatte ich die Nase voll davon, dass ich ständig Sätze mehrfach lesen und Fremdwörter nachschlagen musste. Auf der einen Seite hatte ich das Gefühl, ich würde mit Aneinanderreihungen (und Wiederholungen) erschlagen, auf der anderen Seite gab es immer wieder Nebensätze, die auf politische Situationen eines Landes anspielten, die ich nicht zuordnen konnte und bei denen mir mehr Informationen oder eine Einordnung in den Gesamtzusammenhang fehlten. Der Kalte Krieg hat meine Kindheit sehr geprägt und ich hätte wirklich gern ein gut geschriebenes und umfassendes Sachbuch zu dem Thema gelesen, das auch noch einen weiteren Blick auf die Folgen dieser Rivalität zwischen den USA und Russland/der UdSSR wirft. Aber Odd Arne Westad hat mit seiner Ausdrucksweise leider dafür gesorgt, dass ich mich durch den Text kämpfen musste – und als es dann soweit war, dass ich das Buch wieder in die Bibliothek zurückbringen musste, hatte ich so wenig Lust auf weitere Stunden mit „Der Kalte Krieg“, dass ich den Titel nicht erneut vormerken ließ.

April bis August waren aufgrund der Nachrichtenlage und der Hitze keine guten Monate für mich, um Sachbücher zu lesen … Immerhin habe ich im letzten Drittel des Jahres dann wieder etwas aufgeholt

September
5. Tuula Karjalainen: Tove Jansson – Work and Love

Oktober
6. Karen Abbott: The Ghosts of Eden Park – The Bootleg King, The Women Who Pursued Him, and the Murder That Shocked Jazz-Age America

November
7. Magid Magid: Art of Disruption – A Manifesto of Real Change
8. Tom Reiss: The Black Count – Napoleon’s Rival, and the Real Count of Monte Cristo (General Alexandre Dumas)

Dezember
9. Eleanor Herman: The Royal Art of Poison – Fatal Cosmetics, Deadly Medicines, and Murder Most Foul

Unterhaltsam geschriebenes Sachbuch über Medizin bzw. medizinischen Aberglauben in den vergangenen Jahrhunderten und über einige verdächtige Todesfälle in Adelskreisen zwischen 1313 und 1821. Dabei hat sich die Autorin – so weit vorhanden – medizinische Unterlagen über den Krankheitsverlauf und den Zustand der Leichen angeschaut und mit heutigem medizinischen Wissen eingeordnet. Ich muss zugeben, dass mir das Buch nicht so viele neue Erkenntnisse brachte, weil eben sehr viele Aussagen auf Vermutungen basieren oder Informationen aufgreifen, die ich schon aus anderen Quellen kannte. Aber grundsätzlich ist es doch immer wieder faszinierend zu lesen, welche alltäglichen Dinge Menschen umgebracht haben und wo vielleicht allem Anschein nach wirklich nachgeholfen wurde.