Schlagwort: Sachbuch-Challenge 2020

Hallie Rubenhold: The Five – The Untold Lives of the Women Killed by Jack the Ripper

Auf das Erscheinen der Taschenbuch-Ausgabe von „The Five“ von Hallie Rubenhold habe ich schon gewartet, als die Hardcover-Version noch gar nicht veröffentlicht war, weil ich den Ansatz, den die Historikerin für ihr Buch gewählt hat, einfach großartig finde. „The Five“ dreht sich um die „kanonischen“ fünf Opfer von Jack the Ripper und darum, dass die Faszination darüber, dass man die Identität des Mörders nie aufgedeckt hat, seit über 130 Jahren vollkommen die Tatsache überdeckt, dass da fünf Frauen getötet wurdet, die mehr waren als eine Seitenbemerkung in einem spektakulären Fall. Die Namen von Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary-Jane Kelly kennt wohl jeder, der jemals etwas über den Ripper gelesen hat, doch in all der Berichterstattung über die Mordfälle sind diese Namen nicht mehr als Teil einer Liste von Opfern.

Hallie Rubenhold hingegen hat sich in ihrem Buch auf das Leben dieser fünf Frauen konzentriert, wobei die Autorin damit beginnt, dass sie die Lebensumstände der Menschen in London im Jahr 1887 näher beleuchtet. Um die Tatsache, dass in diesem Jahr das goldene Thronjubiläum von Königin Viktoria gefeiert wurde, kommt man eigentlich kaum herum, wenn man sich mit dieser Zeit beschäftigt. Doch Hallie Rubenhold verweist nicht nur auf die überbordenden Feierlichkeiten, sondern auch darauf, dass in diesem wunderschönen Sommer die große Trockenheit für Missernten sorgte, die – zusätzlich zur schon herrschenden Rezession – viele Menschen vom Land in die Stadt trieben. Doch in den Städten herrschte nicht nur große Arbeitslosgkeit, sondern auch akuter Wohnungsmangel, so dass viele Personen sich gezwungen sahen, unter freien Himmel zu übernachten. Auf dem Trafalgar Square hatte sich ein regelrechtes Lager von obdachlosen Personen gebildet, die in all diesen Menschenmengen irgendwie überleben mussten. Im November 1887 führten die Bemühungen der Obrigkeit, gegen diese Ansammlung „potenzieller Umstürzler“ vorzugehen, zum „Bloody Sunday“, doch damit endeten die Unruhen rund um den Trafalgar Square noch lange nicht.

Auch Mary Ann „Polly“ Nichols war unter denen, die auf dem Trafalgar Square Unterschlupf gefunden hatten. Anhand von Volkszählungsdaten, Zeitungsberichten und Zeugenaussagen von Angehörigen und Bekannten rekonstruiert Hallie Rubenhold das Leben einer Person, die für eine Frau ihrer Zeit und Schicht in den ersten Jahrzehnten ihres Lebens eine relativ sichere Existenz führte. Erst als Polly die finanzielle Absicherung durch ihre Familie verlor, musste sie sich mit schlechtbezahlten Jobs und Betteln über Wasser halten – was dazu führte, dass sie sich regelmäßig keine Unterkunft für die Nacht leisten konnte und auf der Straße übernachtete. Annie Chapman hingegen war die Tochter eines Dienstmädchens und eines Soldaten und profitierte als solche von der Schulausbildung, die die Armee für die Kinder ihrer Soldaten zur Verfügung stellte. Überhaupt hatte Annie lange Zeit immer die besten Vorraussetzungen für ihr Leben, und doch verbrachte sie die Jahre vor ihrem Tod in einem Viertel, das für die Armut seiner Bewohner und seine Gefährlichkeit berühmt war.

Elizabeth Strides Lebensweg hingegen begann auf eine kleinen Bauernhof in Schweden, und obwohl Hallie Rubenhold viele Stationen von Elizabeths Leben nachverfolgen konnte, gibt es relativ wenig Details über sie und über die Personen, die dafür gesorgt haben, dass ihr Leben immer wieder einen unliebsamen Verlauf nahm. Über Catherine „Kate“ Eddowes‘ Leben ist hingegen wieder erstaunlich viel bekannt, von ihrer Kindheit in London (inklusive des Besuchs einer recht angesehenen Schule), den Jahren, die sie nach dem Tod ihres Vaters in der Obhut von Verwandten verbrachte, über die folgenden Jahren, in denen sie gemeinsam mit dem Mann, den sie als ihren Ehemann ansah, durchs Land zog und Balladen u.ä. Schriften vortrug und verkaufte, bis zu ihren letzten Lebensjahren, in denen ihr Verhalten zu einer fast vollständigen Trennung von ihrer Familie gesorgt hatte. Über Mary-Jane Kellys Leben hingegen gibt es so gut wie keine Informationen, und so basiert der Großteil der Dinge, die man heute noch über ihr Leben weiß, auf den Aussagen des Mannes, mit denen sie in den Monaten vor ihrem Tod zusammenlebte. Doch egal, wie viel oder wenig (belegbare) Daten Hallie Rubenhold über diese fünf Frauen zusammentragen konnte, in jedem einzelnen Kapitel wird deutlich, dass jede von ihnen ein Individuum mit ganz persönlichen Vorlieben und Abneigungen war, eine Person, über die es mehr zu erzählen gibt als nur die Umstände ihres Todes.

Ergänzt werden all diese Rechercheergebnisse durch Berichte von Zeitzeugen wie zum Beispiel dem Abgeordneten und Sozialreformer Charles Booth oder Mary Higgs, die sich als obdachlose Frau verkleidete, um aus erster Hand die Lebensumstände der Personen zu erleben, denen sie mit den Wohlfahrtsorganisationen, denen sie angehörte, helfen wollte. Diese Beobachtungen und Erlebnisse zeichnen nicht nur ein klares und häufig erschütterndes Bild vom Leben der ärmsten Bevölkerungsschicht im London dieser Zeit, sondern untermauern auch Hallie Rubenholds Theorie, dass weniger der reale Lebenswandel dieser Frauen, sondern die Vorurteile einer viktorianischen Gesellschaft (inklusive der ermittelnden Polizisten) und das Bedürfnis der Presse nach reißerischen Schlagzeilen dafür sorgten, dass alle Opfer von Jack the Ripper von Anfang an als Prostituierte angesehen wurden. Eine Frau, die ohne Ehemann oder zumindest den Schutz ihrer Familie (über)leben musste, konnte in den Augen dieser Zeit keine ehrbare Frau sein – und so hat sich der Mythos von den „Prostituiertenmorden“ des Jack the Ripper bis in die heutige Zeit gehalten.

Am Ende nehme ich aus „The Five“ nicht nur viele Details über das Leben von Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary-Jane Kelly mit, sondern auch sehr viele Informationen über das Leben in der viktorianischen Zeit. Ich finde es (immer wieder erneut) erschütternd, wie schnell eine Frau nach dem Tod ihres Vaters oder Ehemannes in die Armut abrutschen konnte und wie unmöglich es für Frauen war, sich selbst und eventuelle Kinder zu ernähren. Doch vor allem ist es das Bewusstsein dafür, dass wir uns trotz aller Bemühungen um Gleichberechtigung, fairer Bezahlung und sozialer Absicherung immer noch nicht besonders weit von den Umständen und dem Denken der viktorianischen Zeit entfernt haben, das mich beim Lesen immer wieder innehalten ließ. So hat Hallie Rubenhold meiner Meinung nach nicht nur diesen fünf Opfern von Jack the Ripper mit ihrem Buch ihre Würde zurückgegeben, sondern auch jeder Person gute Argumente geliefert, die sich für die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der verschiedenen Geschlechter einsetzt.

Erika Fatland: Sowjetistan – Eine Reise durch …

 … Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Nachdem ich im vergangenen Jahr so begeistert von „Die Grenze“ von Erika Fatland war, habe ich mir direkt nach dem Lesen des Titels auch das erste Buch der Autorin in der Bibliothek vorgemerkt. Während sie sich in „Die Grenze“ Russland von außen nähert und schaut, welchen Einfluss das Land (im Laufe der Geschichte bis heute) auf seine Nachbarländer hatte, hat sie sich in „Sowjetistan“ auf die fünf zentralasiatischen Ländern konzentriert, die nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden. Zu Recht merkt die Autorin dabei in ihrem Vorwort an, dass in der Regel nur sehr, sehr wenig über diese fünf Länder bekannt ist – ich glaube, ohne die „Last Week Tonight“-Folge, in der sich John Oliver mit dem turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedov beschäftigt, und natürlich „Die Grenze“ hätte ich persönlich fast vergessen, dass diese Länder überhaupt existieren.

Auch in diesem Buch bietet Erika Fatland eine gute Mischung aus historischen Daten und Fakten, Beschreibungen der aktuellen Situation in den verschiedenen Ländern und kleinen persönlichen Szenen rund um die Menschen, die sie im Jahr 2014 auf ihrer Reise getroffen hat. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass sie sich intensiver mit den einzelnen Ländern auseinandersetzen konnte, als sie es bei „Die Grenze“ getan hat – was nicht verwunderlich wäre, denn bei „Sowjetistan“ konzentriert sie sich halt auf gerade mal fünf Länder statt auf vierzehn. Bei „Die Grenze“ hatte ich das Gefühl, dass ich langfristig vor allem die kleinen Momente in Erinnerung behalte, die Begegnungen mit den Menschen, das Bild von dem Mann, der in einem Land schlafen ging und in einem anderen Land aufwachte (weil der Grenzzaun mal eben verschoben wurde), und natürlich die Beklemmungen, die einen bei einer solchen Reise begleiten, weil eben nicht jedes dieser Länder human mit Personen umgeht, die sie als Journalisten identifizieren, und weil sich einfach grundsätzlich jede Person in einer Diktatur (oder einem vergleichbaren System) nicht einen Moment des Tages in Sicherheit wiegen kann.

Auch bei „Sowjetistan“ gab es diese Momente für Erika Fatland, die Grenzüberquerungen, bei denen sie fürchten musste, dass man ihr nicht glaubt, dass sie nur eine Studentin und Touristin ist, oder die Gespräche mit den ihr zugewiesenen präsidententreuen Reisebegleitern. Doch dieses Mal bleiben mir wohl vor allem all die Absätze in Erinnerung, die (wieder einmal) zeigen, wie sehr die Sowjetunion mit ihrem Versuch der Gleichmacherei dem Land und den Menschen unter ihrer Herrschaft geschadet hat. Die verseuchten Gebiete in Kasachstan, in denen die UdSSR ihre Atomversuche durchführte, all die verödeten Landstriche, die als Kornkammern der Sowjetunion dienen sollten, aber nicht ohne Grund bis zu diesem Zeitpunkt nur als Heimat von Normaden dienten, willkürlich gezogene Landesgrenzen und natürlich die Menschen, die von einem Moment auf den anderen nur mit den Kleidern, die sie am Leib trugen, in einem dieser kargen Landstriche ausgesetzt wurden, in der Hoffnung, dass man so eine Volksgruppe oder eine Religion ausgelöscht bekommt. Zum Teil sind diese Vorkommnisse schon zwei oder drei Generationen oder länger her, und doch ziehen sich die Spuren, die diese Politik hinterlassen hat, durch das gesamte Buch.

Trotz dieser bedrückenden Sammlung von – historischen und aktuellen – Daten und Fakten liest sich „Sowjetistan“ aufgrund der Erzählweise von Erika Fatland und all den Begegnungen mit freundlichen, liebenswerten und skurrilen Menschen wirklich gut. Viel Szenen sind unterhaltsam und witzig – ich hätte zu gern das Gesicht der Autorin gesehen, als sie sich über den köstlichen Apfel freut, den sie in der für ihre Äpfel berühmten Stadt Alma-Ata bzw. Almaty gekauft hat, nur um dann zu erfahren, dass diese Frucht aus China importiert wurde. All diese kleinen Momente sorgen dafür, dass man neugierig auf die verschiedenen Länder und ihre Bewohner bleibt, auch wenn es einem oft genug die Sprache verschlägt, wenn man von Armut, Verfolgung oder brutalen Brautentführungen liest. Am Ende des Buches bleibt bei mir aber vor allem ein Gedanke hängen: Wie wenig ich doch über all die Länder der ehemaligen Sowjetunion weiß und wie wenig über viele von ihnen in den westlichen Medien berichtet wird. Ein bisschen habe ich diese Wissenslücke durch „Sowjetistan“ (und meine vorherige Lektüre von „Die Grenze“) ändern können, und ich hoffe, dass ich in Zukunft noch auf weitere – gut geschriebene! – Titel stoße, mit denen ich diese Wissenslücke etwas weiter schließen kann.

Matthias Heine: Verbrannte Wörter – Wo wir noch reden wie die Nazis und wo nicht

Ebenso wie „exit Racism“ hatte ich „Verbrannte Wörter“ von Matthias Heine im vergangenen Herbst in der Bibliothek vorgemerkt und erst zum Jahresende zur Verfügung gestellt bekommen. Das Sachbuch beschäftigt sich – wie man dem Untertitel schon entnehmen kann – mit dem Einfluss der Nazis auf unsere heutige Sprache. In seiner Einleitung betont Matthias Heine, dass es seiner Erfahrung nach zwei Gruppen von Menschen gibt: Die, die sich sicher sind, dass es Naziwörter gibt, und die, die Existenz nationalsozialistisch geprägten Vokabulars bestreiten und fürchten, man wolle ihnen vorschreiben, wie sie zu reden hätten. Die Philologen aber, die während der Herrschaft der Nationalsozialisten ihrer Arbeit nachgingen, hegten keinerlei Zweifel daran, dass diese sich einer ganz eigenen Sprache und Ausdrucksweise bedienten. So verweist der Autor in diesem Buch auch regelmäßig auf Victor Klemperer, der nach der Machtergreifung der Nazis Belege für die „Sprache des Dritten Reichs“ sammelte, und andere Veröffentlichungen dieser Zeit, die sich mit der Veränderung der deutschen Sprache aufgrund des Einfluss der Nationalsozialisten beschäftigten.

Matthias Heine zeigt in diesem Vorwort auch auf, wie die Nationalsozialisten gezielt durch eigene Wörterbücher und die Lehre der nationalsozialistischen Ideologie und des dementsprechenden Vokabulars im Schulunterricht an einer Änderung der deutschen Sprache arbeiteten. So ist es natürlich nicht verwunderlich, dass diese Begriffe auch ihren Einzug in allgemeinere Wörterbücher wie den Brockhaus, den Duden oder Meyers Lexikon fanden (Letzteres war so von der Ideologie der Nazis durchzogen, dass es von den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Bibliotheken entfernt und vernichtet wurde). Schon kurz nach dem Krieg wurden deshalb Schriften veröffentlicht, die aufzeigen sollten, wie sehr die deutsche Sprache von den Nationalsozialisten beeinflusst wurde und welche Wörter man nicht weiter nutzen sollte. In „Verbrannte Wörter“ beschäftigt sich Matthias Heine mit 87 Begriffen – von „Absetzbewegung“ bis „zersetzen“, die (teils zu Recht, teils zu Unrecht) mit den Nazis in Verbindung gebracht werden, erklärt die Herkunft der verschiedenen Wörter und beendet den jeweiligen Abschnitt dann mit einer Einschätzung darüber, ob man diesen Begriff heutzutage unbedenklich verwenden kann oder ihn besser (mit dem Wissen um die Hintergründe) aus seinem Vokabular streichen sollte.

Es gibt so einige Wörter in diesem Buch, die nicht zu meinem Wortschatz gehören und über die ich mir vorher nie Gedanken gemacht hätte, weil sie für sich genommen „unschuldig“ klingen. Ein Beispiel dafür ist der Begriff „alttestamentarisch“, den ich ohne Hintergrundwissen so verstanden hätte, wie er Anfang des 19. Jahrhunderts verwendet wurde, nämlich um auf etwas aus dem Alten Testament zu verweisen. Doch im Laufe der folgenden Jahrzehnte bekam dieses Wortes – mit Verweis auf die angeblich grausamen Inhalte des Alten Testaments – eine andere Bedeutung zugeschrieben, bis es während der Nazizeit gehäuft Verwendung fand, um gegen Juden zu hetzen. So schließt sich Matthias Heine in „Verbrannte Wörter“ der Deutschen Bibelgesellschaft an und empfielt stattdessen den Begriff „alttestamentlich“ zu verwenden, wenn man auf diesen Teil der Bibel verweisen möchte.

Schwierig fand ich an diesem Buch die Erwähnung verschiedener aktueller Ereignisse, die Matthias Heine in einige seinen Empfehlungen zur Verwendung der diversen Wörter einbaute. Natürlich hat der Autor recht damit, wenn er damit darauf verweist, dass in den letzten Jahren erschreckend viele Vorfälle bekannt wurden und Reden zu hören waren, die beweisen, dass das Gedankengut und die Sprache der Nazis immer noch in Deutschland aktiv sind. Aber wenn ich beim Lesen von „Verbrannte Wörter“, obwohl der Titel nicht einmal ein Jahr alt ist, Probleme habe, eine Anspielung einem (auf Lokalebene stattgefunden habenden) Ereignis oder einem bestimmten Vorfall zuzuordnen, dann hat diese so nichts in einer Veröffentlich zu suchen, die ein so wichtiges Thema behandelt und eigentlich langfristig lesbar sein müsste. In diesen Fällen hätte Matthias Heine vielleicht besser Beispiele genannt, die auf Bundesebene Aufsehen erregten, oder ganz auf diese Anspielungen verzichtet.

Insgesamt fand ich „Verbrannte Wörter“ sehr interessant, wenn auch nicht immer einfach zu lesen, weil man nun einmal keinen Titel über die Sprache der Nazis schreiben kann, ohne auf die Taten und die Propaganda dieser einzugehen. Bei einigen Einträgen war ich überrascht, dass Matthias Heine mit dem Hinweis endete, dass die Wörter eigentlich nur noch ironisch und mit dem Wissen um ihre ursprüngliche Bedeutung verwendet werden, weshalb ihr Gebrauch in Ordnung sei. Bei anderen Begriffen wiederum war ihre Verwendung während der Nazizeit ebenso offensichtlich wie die Tatsache, dass sich deshalb jede heutige Nutzung von vornherein verbietet. Hier und da bin ich über Begriffe gestolpert, bei denen ich die Verbindung zu den Nationalsozialisten nie hergestellt hätte. So hätte ich zum Beispiel nicht gedacht, dass das Wort „Eintopf“ erst durch die häufige Anwendung während des Zweiten Weltkriegs und die Einführung des „Eintopfsonntags“ so einen selbstverständlichen Platz in unserem Wortschatz eingenommen hat. Sehr viel wird sich durch das Lesen von „Verbrannte Wörter“ wohl nicht an meinem persönlichen Wortschatz ändern, aber ich habe das Gefühl, dass mich das Buch aufmerksamer gegenüber einigen Formulierungen gemacht hat und mir noch stärker deutlich wurde, wie sehr Sprache etwas über denjenigen verrät, der sie benutzt.

Tupoka Ogette: exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen

Eigentlich hatte ich ja die Sachbuch-Challenge für dieses Jahr geplant, um mal meinen Sachbuch-SuB in Angriff zu nehmen, aber bevor ich das tun kann, musste ich erst einmal die aus der Bibliothek ausgeliehenen Bücher vor Ablauf der Ausleihzeit lesen. „exit RACISM“ von Tupoka Ogette hatte ich irgendwann im vergangenen Herbst vorgemerkt, und da so viele Menschen den Titel lesen wollten, hat es bis Ende Dezember gedauert, bis ich das Buch in die Finger bekam. Irgendwie finde ich es schön, dass sich so viele Personen mit diesem Thema auseinandersetzen. Denn auch wenn die meisten Menschen, die ich kenne, nicht bewusst rassistisch sind, sind wir doch alle mit einem allgemeinen Alltagsrassismus aufgewachsen, der es notwendig macht, dass wir immer wieder über unser Verhalten und unsere Vorurteile nachdenken.

Tupoka Ogette hat sich beim Schreiben von „exit RACISM“ an den von ihr durchgeführten Anti-Rassismus-Seminaren orientiert, was das Buch zu einer sehr guten Lektüre für Personen macht, die gerade anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Dabei startet sie mit einer Erklärung zum „Happyland“ – ein Begriff, den ein Seminarteilnehmer von ihr geprägt hat, als er sein Leben vor dem Anti-Rassismus-Seminar (als er sich dank seiner Ignoranz noch in einem „Happyland“ wähnte) mit seinem Leben danach verglich. Trotz seiner Kürze (das Buch umfasst gerade mal 130 Seiten) geht die Autorin mit „exit RACISM“ auf viele verschiedene Themen rund um Rassismus in Deutschland ein. Sie macht nicht nur deutlich, wo und wie Schwarze Personen und People of Color in Deutschland tagtäglich mit Rassismus konfrontiert werden, sondern auch, welche Folgen das für das Leben der von diesem Alltagsrassismus betroffenen Personen hat.

Dabei ist der Ton, den Tupoka Ogette verwendet, freundlich und sogar regelrecht verständnisvoll, sie wirft den Leser.innen den vorhandenen Rassimus nicht vor, sondern fordert dazu auf, das eigene Denken und Verhalten anhand der verschiedenen Fakten und geschilderten Situationen zu überdenken. Immer wieder gibt es Stellen in dem Buch, an denen Raum für diese Reflexionen geboten wird, an denen Fragen gestellt werden, die einen dazu bringen sollen, dass man seine eigenen Gefühle und Gedanken zu den eben gelesenen Passagen überdenkt. Dem vorangestellt wurden die fünf Phasen, die normalerweise ihre Seminarteilnehmer durchlaufen, wenn sie mit dem Thema Rassismus konfrontiert werden. Diese Phasen sind Happyland, Abwehr, Scham, Schuld und Anerkennung, so dass man jederzeit überprüfen kann, in welcher Phase man sich während des Lesens befindet.

Ergänzt werden viele der Kapitel durch QR-Codes, die einen mit der dementsprechenden App zu Videos bringen sollen, die Interviews oder Dokumente zeigen, die das jeweilige Thema vertiefen. Da ich leider kein Gerät besitze, mit dem ich die Codes hätte auslesen können, waren diese für mich nicht nutzbar. Ich habe allerdings ein paar der Videos durch die Nutzung der Suchmaschine finden können – habe mir aber nicht bei allen die Mühe gemacht, weil ich normalerweise den Laptop bewusst außer Reichweite halte, wenn ich lese, damit ich mich auf meine Lektüre konzentrieren kann. Die QR-Codes aber sind auf jeden Fall eine gute Möglichkeit für Menschen, die gern mehr als nur eine Zusammenfassung oder ein Zitat aus einer Dokumentation oder einem Interview sehen möchten, um einen intensiveren Eindruck zu bekommen. Insgesamt bietet „exit RACISM“ dem Leser ein gutes Fundament, um sich über die Geschichte des Rassismus in Deutschland und über die Auswirkungen von Rassismus (nicht nur für die Betroffenen) zu informieren, um über sein eigenes Verhalten nachzudenken und aktiv gegen den (häufig unbewussten) Alltagsrassismus in seinem eigenen Leben und seinem Umfeld angehen zu können.

Sachbuch-Challenge 2020

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Sachbuch-Challenge ins Leben gerufen, um mal all die Sachbücher in Angriff zu nehmen, die ich seit längerer Zeit auf dem SuB liegen hatte. Wenn ich ehrlich bin, dann hat die Challenge vor allem dazu geführt, dass ich auf neue Sachbücher aufmerksam wurde, die ich mir dann gekauft oder in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Auf der anderen Seite stieg so wirklich die Zahl meiner gelesenen Sachbücher und die Challenge-Auswirkungen hielten auch nach den Jahren 2014 und 2015, in denen die Challenge stattfand, an.

Inzwischen ist es aber wieder so, dass ich einen Haufen interessanter Sachbücher angesammelt habe, für die ich mir in den letzten Monaten nicht genügend Zeit genommen habe. Da es immer netter ist, wenn es Leute gibt, mit denen ich mich über meine Lektüre austauschen kann, dachte ich mir, dass ich auch im kommenden Jahr wieder eine Sachbuch-Challenge anbieten kann. Vielleicht gibt es ja unter euch welche, die mitmachen mögen. So wenig Sachbuchleser.innen gibt es unter den Buchblogger.innen ja nicht.

Die Regeln für die Challenge lauten wie folgt:

  • Die Challenge beginnt am 01.01.2020 und endet am 31.12.2020.
  • Das oben eingefügte Logo kann selbstverständlich mitgenommen und für eigene Beiträge zur Sachbuch-Challenge verwendet werden.
  • In diesem Zeitraum sollen mindestens acht Sachbücher gelesen werde.
  • Jedes gelesene Sachbuch soll auf dem Blog rezensiert oder zumindest mit einem einigermaßen aussagekräftigen Leseeindruck bedacht werden.
  • Als Sachbuch gilt jedes Buch mit einem nicht-fiktiven Inhalt (Biografien, Reiseberichte, Fachbücher, Kochbücher, Ratgeber usw.) unabhängig von der angestrebten Zielgruppe (also auch Kinder-Sachbücher).
  • Wer ebenfalls Lust auf die Sachbuch-Challenge hat, der sollte sich bitte mittels eines Kommentars unter diesem Beitrag anmelden und mir einen Link zu einer Challenge-Übersichtsseite hinterlassen, auf der die Fortschritte im Laufe des Jahres vermerkt werden.

Es geht mir nicht darum, dass wir uns gegenseitig mit den Mengen an gelesenen Sachbüchern erschlagen, sondern um den (hoffentlich regelmäßigen) Austausch, um das Lesen der gehorteten Schätze und natürlich auch irgendwie um das Neuentdecken von interessanten Titeln. Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn wir uns wieder gegenseitig zum Sachbuch-Lesen inspirieren könnten!

***

Teilnehmer.innen:

Anette
Ariana
Caroline
Daniela
Helma
Kerstin
Kiya
Konstanze
Lisa (Verrückt nach Büchern)
Lisa (Lieschen liest)
Martin
monerl
Natira
Neyasha
Peanut
Rike
Rosa
Sayuri