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Erika Fatland: Die Grenze – Eine Reise rund um Russland …

… durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage. Über „Die Grenze“ von Erika Fatland bin ich bei Helma gestolpert, die das Buch erst auf Twitter und später in ihrem Blog so sehr gelobt hatte, dass ich es spontan in der Bibliothek vorgemerkte. Die Autorin beginnt ihren Reisebericht mit der – im Vergleich zu den restlichen Erlebnissen – überraschend entspannten Seefahrt entlang der Nordostpassage, und schon hier hat mich die Erzählweise der Autorin gut unterhalten. Erika Fatland hat ein Händchen dafür, ihre Reiseerlebnisse inkusive diverser Anekdoten zu den verschiedenen Menschen, denen sie während der Reihe begegnet, mit einer gut lesbaren Zusammenfassung der Historie einer Region zu vermischen. So lernt man nicht nur Land und Leute durch die Augen der Autorin kennen, sondern kann die verschiedenen Erlebnisse auch in einen Zusammenhang mit der Geschichte und der aktuellen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation der jeweiligen Region bringen.

Das Buch wurde von Erika Fatland in vier Abschnitte („Das Meer“, „Asien“, „Kaukasus“ und „Europa“) unterteilt, wobei die Autorin den letzten Teil ihrer Reise – die Reise entlang der Nordostpassage – als Einleitung ihres Berichts gewählt hat. Doch egal in welchem Gebiet entlang der russischen Grenze sich der Leser mit Erika Fatland bewegt, immer wird deutlich, wie sehr sich diese Grenze im Laufe der Zeit verschoben hat, wie groß Russlands Einfluss auf die Nachbarländer in den vergangenen Jahrhunderten war und wie wenig sich doch daran in den vergangenen Jahren geändert hat, auch wenn es die UdSSR schon lange nicht mehr gibt. Dabei muss man sich nicht einmal ein so gravierendes Beispiel wie die Ereignisse in den letzten Jahren auf der Krim-Halbinsel vor Augen führen. Auch ohne den Einsatz von Soldaten gibt es in „Die Grenze“ viele Beispiele, wie Russland auch heute noch die Länder auf der anderen Seite der Grenze durch seine wirtschaftliche oder politische Macht beeinflusst.

Ich muss gestehen, dass ich erwartet hatte, dass ich den asiatischen Teil des Reiseberichts am spannendsten finden würde, weil ich in der Region nicht besonders bewandert bin, wenn es um die Geschichte der verschiedenen Länder geht. Aber am Ende gibt es eigentlich kein Kapitel, das ich weniger spannend fand als die anderen. Selbst rund um Nordkorea – wo man einfach eingestehen muss, dass jede Person, die jemals in Pjöngjang gewesen ist, dasselbe zu erzählen hat – gab es in „Die Grenze“ so einiges Neues für mich zu entdecken, weil es der Autorin gelungen ist, in Gebiete außerhalb der Hauptstadt zu fahren und diese Erlebnisse dann in ihrem Bericht geschickt mit den historischen Ereignissen zu verknüpfen. Es war wirklich spannend, die verschiedenen Länder zu entdecken und dabei die ganze Zeit die Frage nach ihrer Verbindung zu Russland im Hinterkopf zu halten. Außerdem hat es mir (obwohl einige Berichte wirklich erschütternd waren) viel Freude gemacht, all die verschiedenen Menschen kennenzulernen, denen Erika Fatland während ihrer Reise begegnet ist und die einen Platz in diesem Buch bekommen haben.

Auch wenn ich nach dem Lesen ein wenig überfordert war mit all den Daten und Fakten über die Geschichte dieser vielen verschiedenen Länder, so gibt es doch viele Details und Personen, die einen bleibenen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Schuld daran ist die wirklich flüssige und nachvollziehbare Erzählweise von Erika Fatland, der es gelungen ist, einen persönlichen Blick auf all die Menschen, Städte und Landschaften zu werfen, ohne mir als Leser dabei das Gefühl zu geben, sie würde mir ihre Sicht aufdrängen. Selbst bei den Passagen, in denen deutlich wird, dass sie überfordert und übermüdet war und nicht glücklich mit ihrem aktuellen Aufenthaltsort, gelingt es ihr, nicht nörgelig zu klingen, sondern genügend Abstand zu diesem Punkt der Reise aufzubauen, um deutlich zu machen, dass ein Teil dieses Eindrucks eben aufgrund ihrer Verfassung entstanden sein könnte. Ich bin wirklich begeistert von Erika Fatlands Art, ihre Reiseerlebnisse mit der Geschichte der jeweiligen Region zu verbinden und dem Leser so einen (groben) historischen Überblick und gleichzeitig einen persönlichen Blick auf die vielen Länder entlang der russischen Grenze zu bieten. Und weil ich so angetan von „Die Grenze“ war, habe ich gleich noch „Sowjetistan“ von der Autorin in der Bibliothek vorgemerkt, obwohl ich mich im kommenden Jahr doch eigentlich auf die Sachbücher von meinem SuB konzentrieren wollte.

Lena Gorelik: Die Listensammlerin

Ich habe keine Ahnung mehr, wie und wo ich über „Die Listensammlerin“ von Lena Gorelik gestolpert bin, aber vor ein paar Wochen meldete mir die Bibliothek, dass das Buch für mich zur Abholung bereit stünde. Gelesen habe ich es dann (mal wieder) am Tag vor der Abgabe und habe so einen sehr intensiven Dienstag mit Sofia, Anna, Flox, Grischa, Anastasia und dem Rest der Familie verbracht.

Auf der einen Seite erzählt „Die Listensammlerin“ von der unglücklichen Autorin Sofia, die seit der Geburt ihrer Tochter keine einzige Geschichte mehr geschrieben hat, mit ihrem Leben nicht zurechtkommt und die ich ehrlich gesagt auch als sehr anstrengend empfunden habe. Sofia ist es auch, die Listen sammelt. Schon von Kindheit an erstellte sie Listen über alle möglichen Dinge, ergänzte und pflegte sie und hob sie auf. Ihre Listen geben ihr Halt, wenn ihr das Leben zu viel wird, wenn es zu einer Ausnahmesituation kommt oder wenn sie etwas verarbeiten muss. Dabei drehen sich die Listen um so gut wie jedes Themengebiet von „Sätze, die ich niemals sagen wollte“ über „Szenen meines Lebens, die aus einem (Hollywood-)Film stammen könnten“ bis zu „Momente, in denen ich Frank [das ist ihr Stiefvater] weinen sah“.

Sofias Passagen erstrecken sich eigentlich nur über wenige Tage. Tage, in denen sie auf die dritte Operation ihrer mit einem Herzfehler geborenen Tochter wartet, in denen sie ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter im Pflegeheim besucht, in denen sie die frühere Wohnung der Großmutter ausräumt, in denen sie sich an die vergangenen zwei Jahre erinnert, in denen sie und ihr Freund Flox mit der Krankheit und dem möglichen Tod von Anna fertig werden mussten, in denen sie sich mit ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter Anastasia beschäftigt und in denen sie herausfindet, dass sie nicht die einzige Person in der Familie ist, die Listen schreibt.

Der andere Erzählstrang beginnt sehr viel früher in der Sowjetunion und erzählt von Grischa, der mit seinen Eltern, seinem großen Bruder Andrej und seiner kleinen Schwester Anastasia in einer Kommulka lebt. Grischa ist der Klassenclown, ein charmanter Junge, ein begabtes Kind – und gefährlich anders als alle anderen. Grischa hinterfragt Dinge, er will verstehen und wissen und – wie man im Laufe der Geschichte feststellen kann – er lernt nie, seine Fragen zu filtern, er lernt nie, wann er vielleicht besser den Mund halten sollte, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Grischa ist jemand, der anscheinend niemals Angst hat, während gerade dieser Punkt – ebenso wie seine kritische Haltung zum System – seiner Familie umso mehr Angst macht.

Die Kapitel rund um Grischa fand ich wunderschön. Eingeleitet wurden diese von Listen (zum Beispiel von „Männern mit schönen Händen“ oder „Sachen, die ich meiner Mutter wünsche“) und sie erzählten auf eine wunderschöne und sehr liebevolle Weise vom Anderssein, vom Hinterfragen eines Systems wie es in der Sowjetunion herrschte, und von dem Bedürfnis eines Künstlers, sich frei ausdrücken zu können. Überhaupt hat es Lena Gorelik geschafft, wunderschön zu beschreiben, wie Grischa seine Umgebung wahrnimmt, wie er sich die Bilder zu dem Erlebten vorstellt, wie er Stimmungen und Gefühle in Maltechniken (nicht Farben!) empfindet.

Sofia hingegen fand ich nicht so überzeugend. Nicht wegen ihrer Listen, die ich in gewisser Weise charmant fand, sondern weil ich sie als so anstrengend empfunden habe. Dabei muss ich zugeben, dass die Probleme, die ich mit der Protagonisten hatte, die gleichen Probleme waren, die die Protagonistin mit sich selber hatte. Sofia war so schrecklich überempfindlich. Während der aktuellen Szenen konnte ich es noch verstehen, die anstehende Operation belastete sie ebenso wie die Situation ihre Großmutter, zu der sie als Kind ein sehr enges Verhältnis hatte. Aber auch bei den Kindheitsszenen schien sie mir überempfindlich und immer undankbar, immer gereizt, immer bereit zum Angriff – mir fehlte da wirklich ein „schöner“ Ausgleich, ein Charakterzug, der vielleicht erklärt, warum jemand mit dieser Person überhaupt eine Beziehung eingehen würde. Auf der anderen Seite gab es viele Momenten zwischen Sofia und ihrer Familie und auch Grischa und seiner Familie, die wiederum in mir Erinnerungen an meine Familie geweckt haben und die ich als universell familiär empfunden habe.

Lena Gorelik erzählt beide Geschichten sehr episodenhaft. Sie erklärt viele Dinge nicht, gibt am Ende keine Antworten auf bestimmte Fragen, aber gerade das mochte ich, weil es Raum für die eigenen Gedanken bietet und weil die Handlung es auch nicht nötigt hat, dass alles geklärt wird. Wie schon gesagt, habe ich einen sehr intensiven Tag mit dem Buch erlebt und habe das sehr genossen. Auf der anderen Seite muss ich nach gerade mal zwei Tagen feststellen, dass abgesehen von einigen kleinen Szenen und einigen Gefühlen, die ich mit dem Roman verbinde, es eigentlich nur Grischa ist, der sich bei mir festgesetzt hat und der wohl noch ein wenig in Erinnerung bleiben möchte.