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Beate Sauer: Echo der Toten (Friederike Matthée 1)

„Echo der Toten“ von Beate Sauer ist der erste Kriminalroman rund um Friederike Matthée, die im Jahr 1947 als Polizeiassistentenanwärterin arbeitet. Erst seit wenigen Monaten ist die junge Frau bei der Kölner Polizei, und inzwischen ist ihre Vorgesetzte zu dem Entschluss gelangt, dass Friederike zu weichherzig für diese Arbeit ist. Eine letzte Chance bekommt sie, als der britische Militärpolizist Lieutenant Richard Davies um Unterstützung durch die Weibliche Polizei bittet, um einen Sechsjährigen zu befragen, der einen Mord beobachtet hat. Opfer dieses Mordes ist der Alteisen- und Schwarzmarkthändler Jupp Küppers, und obwohl der Mann illegalen Geschäften nachging und sich damit nicht nur Freunde gemacht haben konnte, finden Richard und Friederike anfangs niemanden, der ein Motiv haben könnte.

Ich mochte sehr, wie Beate Sauer in diesem Kriminalroman die Ermittlungen rund um den Mordfall mit den Beschreibungen des Lebens in Deutschland (bzw. in Köln und der Eifel) im Januar 1947 verknüpfte. Der Leser bekommt durch den Fall, der Friederike und ihren Vorgesetzten durch verschiedene Gesellschaftsschichten führt, einen vielseitigen Einblick in unterschiedliche Lebensgeschichten und Schicksale. Immer wieder kommt bei den beiden Polizisten die Frage auf, was die jeweilige Person, die gerade befragt wird, während des Krieges gemacht hat und welche privaten und politischen Entscheidungen sie wohl gefällt haben mag. Mir gefiel es, wie die Autorin die verschiedenen Schattierungen von Angst, bewusstem Wegsehen, Schuld und Verbrechen dargestellt hat und wie vielseitig und menschlich die Charaktere sind, die in der Geschichte vorkommen. Nur selten gibt es eine Figur, die man in eine Schublade stecken kann. Stattdessen zeigt Beate Sauer die vielen kleinen und großen Entscheidungen und Erlebnisse, die einen einzelnen Menschen formen und mit denen er für den Rest seines Lebens fertig werden muss.

So fand ich den Kriminalfall an sich zwar interessant und solide konstruiert, aber es waren vor allem die Figuren und die Darstellung der Lebensumstände, die dafür gesorgt haben, dass ich den Roman zügig gelesen habe. Allerdings reizten mich die Nebenfiguren fast mehr als die beiden Protagonisten, weil Friederike und Richard zwar grundsätzlich sympatisch und vielschichtig dargestellt wurden, aber eben auch in gewisser Weise zu den „Guten“ gehören mussten, damit sie als Hauptfiguren fungieren können. Friederike ist eigentlich eine Künstlerin, die behütet aufwuchs und sich nun vorwirft, dass sie die Augen vor den Verbrechen der Nazis verschlossen hat. Richard hingegen schwankt zwischen Mitgefühl mit den leidenden Deutschen und Hass auf die Menschen, die zugelassen haben, dass die Nazis an die Regierung kamen und ihre Gräueltaten ungehindert verüben konnten.

Beide Figuren sind stimmig ausgearbeitet, bieten aber weniger überraschende Elemente als die vielen verschiedenen Charaktere, denen sie im Laufe ihrer Ermittlungen begegnen. Trotzdem habe ich ihre Perspektive gern verfolgt und gerade bei Friederike war es immer wieder schön zu beobachten, wie sie von ihrer Neugier getrieben auch mal die Ermittlungen in die eigene Hand nahm (nicht, dass ihr das zugestanden hätte) und Details herausfand, die ein wichtiges Element zum Gesamtpuzzle hinzufügten. Einzig die zwischen den beiden Figuren aufkeimende Beziehung hätte es für mich wirklich nicht gebraucht, obwohl ich zugeben muss, dass die Autorin sich hier sehr zurückgehalten hat und man das Ganze für den Großteil des Romans als beginnende Freundschaft und Respekt gegenüber einem Kollegen lesen könnte. Letzteres hätte mir auch vollkommen gereicht, weil ich dieser Paarbildung in Kriminalromanen ebenso müde bin wie des problembelasteten (skandinavischen) Ermittlers. Die „Problembelastung“ von Friederike und Richard finde ich hier hingegen gut gemacht, da angesichts der Zeit und des Ortes, an dem die Geschichte spielt, alles andere unglaubwürdig gewesen wäre. Insgesamt hat mir der Roman so gut gefallen, dass ich neugierig auf den zweiten Band rund um Friederike bin.

Laura Powell: The Last Duchess (Silver Service Mystery 1)

Es gibt diese Geschichten, in die man sich schon auf den ersten Seiten verliebt, und „The Last Duchess“ von Laura Powell gehört für mich eindeutig dazu. Ich habe mich in Pattern verliebt, die schon als Dreizehnjährige eine der besten Schülerinnen in „Mrs. Minchkin’s Academy of Domestic Servitude“ ist. Wie es sich für eine zukünftige Kammerzofe gehört, ist Pattern ein unauffälliges Mädchen, das es beherrscht, vollkommen im Hintergrund zu verschwinden. Außerdem ist Pattern berühmt dafür, dass sie jeden Flecken entfernen kann, dass ihre Nähte geradezu unsichtbar sind und auch für die neusten Frisuren beweist sie ein gutes Händchen. Trotzdem ist es überraschend, dass gerade sie und nicht eine der älteren Schülerinnen von der Baronin von Bliven ausgewählt wird, um der Großherzogin von Elffinberg als Kammerzofe zu dienen.

So verlässt Pattern Jahre vor Beendigung der Schule London, um auf dem Kontinent in der Stadt Elffinheim ihre Stellung anzutreten. Ihre neue Arbeitgeberin ist nicht nur ungefähr so alt wie Pattern, sondern ebenfalls eine Waise, und so sollte man ja theoretisch davon ausgehen können, dass die beiden Mädchen genügend Gemeinsamkeiten finden, um – natürlich nur, soweit es der professionelle Rahmen erlaubt – eine freundschaftliche Beziehung zueinander zu finden. Doch die junge Großherzogin ist fest davon überzeugt, dass ihr Personal und auch ihr Onkel, der das Herzogtum bis zu ihrer Volljährigkeit regiert, auf ihr Leben abgesehen haben. Dass Pattern fremd in Elffinheim ist und keine Ahnung von den lokalen Gepflogenheiten, der Geschichte des Landes und seinen Legenden hat, hilft ihr auch nicht dabei, ihre neue Aufgabe mit der angestrebten Perfektion zu meistern.

Laura Powell hat mit Elffinberg ein sehr ungewöhnliches Herzogtum geschaffen. Gegründet wurde das Land von einem walisischen Prinzen, der in der Mitte Deutschlands (das anscheinend noch in mehrere Fürstentümer aufgeteilt ist) eine neue Heimat fand, nachdem er sein Geburtsland aus nicht näher bekannten Gründen verlassen musste. Berühmt ist Elffinberg für seine Porzellanherstellung, aber das ist auch schon das Einzige, was das Land regelmäßig verlässt – was auch daran liegt, dass die Einwohner nur dann ausreisen dürfen, wenn sie eine offizelle Erlaubsnis der Herzogsfamilie dafür bekommen. Schon früh keimt im Leser der Verdacht, dass hinter der freiwilligen Isolation, die sich das Land auferlegt hat, tiefere Gründe liegen und dass diese vielleicht sogar mit dem mysteriösen Verschwinden von Kindern zu tun haben, das Elffinberg seit einige Zeit plagt.

Ich sagte schon, dass ich mich auf den ersten Seiten in Pattern verliebt habe, weil das Mädchen so wunderbar liebenswert und patent ist. Trotz aller Herausforderungen, die Patterns neue Stellung mit sich bringt, versucht sie ihr Bestes für die Großherzogin zu geben. Das bedeutet nicht nur, dass sie sich um die Kleidung und die Räumlichkeiten ihrer Dienstherrin kümmert, sondern auch ihre Ängste und Sorgen ernst nimmt und eine Lösung dafür findet – sogar dann, wenn die junge Großherzogin sich mal wieder von ihrer anstrengenderen Seite zeigt. Dabei findet Pattern schnell heraus, dass ihre neue Arbeitgeberin gar nicht so paranoid ist, wie anfangs befürchtet, sondern dass wirklich fürchterliche Dinge in Elffinberg vorgehen, die zum Tode der Großherzogin führen könnten.

Richtig mitermitteln kann man bei der Geschichte als Leser nicht, weil man die Handlung aus Patterns Perspektive erlebt und diese nun einmal nicht über alle notwendigen Informationen verfügt. Aber es hat mir Spaß gemacht, mir Gedanken darüber zu machen, welche Motive welche Person haben könnte und welche Folgen eine Handlung für das Herzogtum, seine zukünftige Regentin oder für ihre treue Kammerzofe haben könnte. Außerdem habe ich es genossen, Patterns ungewöhnliche Lösung für eine ganz besonders große Herausforderung am Ende der Geschichte mitzuerleben. Denn zum Schluss wird „The Last Duchess“ noch einmal richtig dramatisch, obwohl der Roman vorher vor allem von all den vielen kleinen Szenen lebt, in denen man verfolgen kann, wie Pattern Fuß in ihrer neuen Stellung fasst oder doch so langsam das Vertrauen der Großherzogin gewinnt. Nachdem mir „The Last Duchess“ beim Lesen so viel Freude bereitet hat (und die Leseprobe zum nächsten Teil schon so nett beginnt), habe ich direkt im Anschluss die Fortsetzung „The Lost Island“ auf die Wunschliste gesetzt.

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten

Über „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski bin ich durch einen Tweet von Margarete Stokowski gestolpert, die mit der Autorin befreundet ist. Und da ich – neben all den leichten Unterhaltungsromanen – ja ganz gern Bücher lese, die mir von einer für mich vollkommen fremden Realität erzählt, war ich neugierig auf die Geschichte, die hinter den Strebermigranten steckt. Für Emilia Smechowski beginnt die Geschichte im Jahr 1988, als ihre Eltern eines Tages ohne Vorwarnung mit ihr und ihrer kleinen Schwester in Polen losfuhren, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Dank eines „deutschen“ Großvaters bekam die Familie schnell deutsche Pässe, Sprachkurse und für die Eltern die Chance auf einen Arbeitsplatz, der ihrer Ausbildung entsprach.

Nur wenige Jahre dauerte es, bis die Familie über den Wohlstand verfügte, von dem sie in den 80er Jahren in Polen nur träumen konnte, aber dieser makellose Integration hat ihre Spuren hinterlassen. Denn um dieses Ziel zu erreichen, haben Emilia Smechowskis Eltern ihre polnische Identität, ihre Sprache und ihre Traditionen (abgesehen von denen rund ums Weihnachtsfest) abgelegt, um – wie die Autorin es ausdrückt – deutscher aus deutsch zu werden. Für die Kinder bedeutete dies, dass auch sie dazu gedrängt wurden kein Wort mehr in ihrer Muttersprache von sich zu geben, keinen Kontakt zu anderen Polen zu suchen und immer ihr Bestes zu geben – wobei ihr Bestes anscheinend immer noch nicht gut genug für das neue deutsche Leben war. Die Autorin hat zwar recht früh gegen den Leistungsdruck und die Strenge in ihrem Elternhaus rebelliert, kann sich aber bis heute nicht ganz freimachen von der Scham, die mit ihrer polnischen Herkunft einhergeht, von der Hemmung, Polnisch zu sprechen, oder von dem Leistungsanspruch, der ihr von klein auf eingeimpft wurde. Auch wird im Buch immer wieder deutlich, wie schwierig es für sie ist, eine Identität zu finden, in der sie sowohl ihrer polnischen als auch ihrer deutschen Heimat gerecht wird.

Neben diesen ganz persönlichen Erlebnissen und Empfindungen geht Emilia Smechowski auf die politischen Veränderungen der vergangenen 25 Jahre ein – besonders auf den unterschiedlichen Umgang mit Migranten und die Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre. Denn bei aller Zerrissenheit, die die Autorin verspürt, wird doch auch deutlich, dass diese „perfekte“ Integration ihrer Familie nur gelingen konnte, weil den „Aussiedlerfamilien“ damals ganz andere Chancen geboten wurden, als sie viele andere Migranten bekamen und bekommen. Qualitative Sprachkurse, der problemlose Erhalt des deutschen Passes, die Anerkennung ihres polnischen Medizinstudiums und die Möglichkeit, zügig eine Sozialwohnung zu beziehen, statt längere Zeit in einer Massenunterkunft verbringen zu müssen, haben dafür gesorgt, dass die Eltern schnell wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen und sich – dank zweier Arztgehälter – eine wohlhabende Existenz aufbauen konnten.

So spannend ich all die Hintergründe um die (deutsch-)polnische Geschichte fand und so sehr mich Emilia Smechowskis Erfahrungen berührt haben, so waren es doch vor allem die kleinen Sätze, die in mir nachklangen. Die Sätze, in denen die Autorin erzählte, wie ernst sie auf all den Schulfotos dreinschaut, wie wichtig es war, dass sie zu den Besten ihrer Klasse gehörte, und wie wenig sie über ihre polnische Herkunft redete. Jedes Mal, wenn wieder so eine Aussage in dem Buch kam, musste ich an die eine oder andere Person denken, die ich früher kannte, und mich fragen, ob hinter dieser Mitschülerin, hinter jener Kursteilnehmerin oder hinter diesem Kollegen eine ähnliche Geschichte steckte. Erst durch „Wir Strebermigranten“ habe ich gelernt, dass (eingedeutschte) polnische Nachnamen für mich (in NRW aufgewachsen) deshalb so selbstverständlich sind, weil zum Ende des 19. Jahrhunderts sehr viele polnische Bergarbeiter von den Zechen im Ruhrgebiet engagiert wurden, um den hohen Bedarf an Arbeitskräften zu decken.

Ich habe mich beim Lesen dieses Buches wieder an die drei Mitschüler (zwei Cousinen und ihr Cousin) in meiner Grundschule erinnert, die ich wirklich mochte und die im Vergleich zum Rest der Klasse immer etwas zu ordentlich gekleidet und immer etwas zu brav und fleißig waren. Und auch wenn ich nach all den Jahren nicht sicher sein kann, dass diese Menschen, die ich mal gekannt habe, eine ähnliche Geschichte erlebt haben wie Emilia Smechowski, so bin ich froh, dass ich etwas über die polnischen Einwanderer dieser Generation, über polnische Geschichte und über die Schwierigkeiten einer Einwanderin, die die Identität ihres Geburtslandes abstreifen musste, gelernt habe.

Regina Stürickow: Mörderische Metropole Berlin – Authentische Fälle

Von Regina Stürickow hatte ich Anfang des Jahres schon „Kommissar Gennat ermittelt – Die Erfindung der Mordkommission“ gelesen und war damit nur teilweise zufrieden, was vor allem an der Präsentation der Informationen und der fehlenden Abstimmung zwischen dem Text, der schon in einer älteren Auflage veröffentlicht worden war, und dem Bildmaterial meiner Ausgabe lag. „Mörderische Metropole Berlin“ hat nun nicht einen einzelnen Polizisten als Aufhänger, sondern liest sich zu Beginn wie eine Stadtführung durch das kriminelle Berlin der 1920er Jahre, während später einzelne Fälle dargestellt werden, die damals passiert sind. Dieser Stadtführungsaspekt hatte dafür gesorgt, dass ich nach dem ersten Anlesen im Sommer erst einmal das Buch zur Seite gelegt hatte, weil ich darauf wenig Lust hatte. In diesem Monat hat es hingegen mit mir und „Mörderische Metropole Berlin“ hervorragend gepasst, und das nicht nur, weil die kurzen Texte sich in einen gut gefüllten Alltag einschieben ließen.

Mit diesem Titel präsentiert die Autorin Kriminalfälle, die sich in Berlin zwischen 1914 und 1933 ereignet haben. Dabei erfährt man als Leser nicht nur, was überhaupt passiert ist und wie die Polizei am Ende auf den Täter kam, sondern Regina Stürickow bietet auch sehr viele Details rund um das alltägliche Leben dieser Zeit und die dunklen Seiten der Gesellschaft. Deutlich wird dabei auch immer wieder, wie sehr schon damals die Menschen von Verbrechen fasziniert waren, und so verkauften sich nicht nur die Zeitungsausgaben besonders gut, in denen reißerische Geschichten über – mehr oder weniger – reale Verbrechen veröffentlicht wurden, sondern es gab auch gedruckte Reiseführer und Führungen (bei denen häufig Kriminalbeamte die Stadtführer spielten) durch das kriminelle Berlin oder von Kriminalkommissaren veröffentlichte Milieuschilderungen. Interessant finde ich, dass die Führungen bei den Betreibern der „Unterweltkneipen“ angeblich nicht so beliebt waren, schließlich vertrieben all die Touristen ihr eigentliches Klientel, auf der anderen Seite führten diese Touren auch nicht in die wirklich schlimmen Ecken der Stadt, schließlich konnten die Stadtführer nicht riskieren, dass ihre Kunden zu Schaden kamen.

Von den Mordfällen, die Regina Stürickow in „Mörderische Metropole Berlin“ aufführt, kannte ich einige schon aus „Kommissar Gennat ermittelt“. Es gab aber noch genügend neue Kriminalfälle, um das Buch zu einer interessanten Lektüre zu machen. Spannend fand ich zum Beispiel die Details rund um den Mord an dem ehemaligen osmanischen Großwesir Talât Pascha, bei dem der Täter freigesprochen wurde, obwohl es mehrere Zeugen für die Tat gab und der Mörder geständig war. Faszinierend waren dabei nicht nur die Gründe für den Freispruch, sondern auch die Informationen, die später noch zu den Hintergründen der Tat herauskamen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist für mich bei diesen Berichten die Intensität, mit der in einigen Fällen ermittelt wurde, und die Hilflosigkeit der Polizei in anderen Fällen. Es gab zu dieser Zeit noch kein festgelegtes Prozedere, wenn es um (Mord-)Ermittlungen ging, und die Spurensicherung steckte noch immer in den Kinderschuhen – es fehlte dabei meist nicht am Wissen, sondern an den Möglichkeiten (oder am Personal), dieses auch umzusetzen. Dazu kam, dass die wirtschaftliche Situation in Deutschland zu einer radikalen Erhöhung der Kriminalitätsrate führte und natürlich nicht genügend Beamte da waren, um all diesen Verbrechen die nötige Aufmerksamkeit zu widmen.

An längsten haben mich die Fälle beschäftigt, bei denen es am Ende der Beschreibung hieß, dass sie nicht aufgeklärt wurden. Manchmal war das so, weil es einfach nicht genügend Hinweise auf den Täter gab, dann wieder gab es zwar einen begründeten Verdacht, aber keine Beweise, mit denen man den Mörder hätte überführen können. Interessant finde ich auch die Fälle, bei denen Jahre später eine Aussage der Akte zugefügt wurde, in der jemand die Identität des Mörders verriet, bei denen aber keine Verhaftung mehr erfolgen konnte, weil die Person schon verstorben war, oder der Zeuge nicht genügend Informationen zur genauen Identifizierung des Täters beisteuern konnte. Angesichts der Beschreibungen, die es zur Aktenverwaltung in diesem Buch (und auch dem anderen Titel der Autorin) gibt, scheint es mir fast schon ein Wunder zu sein, dass diese Information dann noch ihren Weg in die dementsprechende Akte fand. Auch mag ich mir kaum vorstellen, wie schwierig die Zusammenarbeit mit Ermittlungsstellen in anderen Teilen Deutschlands oder im Ausland war, und finde es dann umso bewundernswerter, wenn in einem Fall nach jahrelanger Arbeit doch noch Informationen aus dem Ausland zu weiteren Spuren bei einer Ermittlung führten.

Ich gebe zu, dass „Mörderische Metropole Berlin“ jetzt nicht so viele neue Informationen für mich enthielt, aber all diese kleinen Details zu entdecken, die mir ein genaueres Bild vom Alltag (und der Polizeiarbeit) dieser Zeit vermitteln, hat mir wieder sehr viel Spaß gemacht.

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum (Hörbuch)

Das Hörbuch „Unterm Birnbaum“ von Theodor Fontane ist eine Leihgabe von Ariana und gehört zur „Klassiker Hörbibliothek“ von steinbach sprechende bücher. Von Theodor Fontane kannte ich bislang nur Gedichte („John Maynard“ hat mich beim Auswendiglernen für die Schule damals sehr beeindruckt *g*) und mehr als die Inhaltsangabe wusste ich nicht über „Unterm Birnbaum“, als ich mit dem Hören anfing. Die Handlung dreht sich um Abel Hradschek, der eines Tages in seinem Garten unterm Birnbaum die vermutlich zwanzig Jahre alte Leiche eines französischen Soldaten entdeckt, was ihn zu einem Plan inspiriert, der sein dringendes Schuldenproblem mit einem Schlag lösen soll.

Gemeinsam mit seiner Frau Ursula setzt er das Gerücht in die Welt, dass seine Frau eine größere Geldsumme geerbt hat. So verwundert es die ewig neugierigen und viel zu gut informierten Nachbarn nicht, dass der Kaufmann Hradschek bei einem Besuch des polnischen Reisenden Szulski in der Lage ist, bei diesem die aufgelaufenen Rechnungen zu bezahlen und eine größere Bestellung in Auftrag zu geben. Auch fällt erst einmal kein Verdacht auf Hradschek, als Szulskis Kutsche kurz nach seiner Abreise am Damm verunglückt und seine Leiche nicht gefunden werden kann. Daran ändern auch all die Erzählungen der Nachbarin Jeschke nichts, die Hradschek angeblich mitten in der Nacht bei stürmischem Wetter im Garten graben sah.

Dem Hörer ist natürlich von Anfang an klar, dass Hradschek und seine Frau den Polen umgebracht und sein Geld an sich gebracht haben, und so geht es in dieser Geschichte weniger darum herauszufinden, wer der Mörder ist, sondern ob die Täter mit ihrer Tat am Ende durchkommen. Dabei fängt Theodor Fontane die Reaktionen der Nachbarn ebenso glaubwürdig ein wie die extremen Gewissensbisse von Ursula (die ursprünglich katholisch erzogen wurde und nur für die Hochzeit mit Hradschek zum evangelischen Glauben übertrat). Im Gegensatz zu Ariana, die in ihrer Rezension meinte, dass sie für Hradschek Sympathie empfunden hätte, war es mir relativ egal, ob er mit seiner Tat davonkommen würde oder nicht. Aber ich mochte die Darstellung der Charaktere sehr gern, ebenso fand ich die Beschreibungen, die vom damaligen Leben (die Geschichte spielt so um das Jahr 1830) zeugen, sehr spannend.

Ich fand es faszinierend, welche Verbindung selbst diese relativ einfachen Dorfbewohner in andere Regionen und Städte hatten, welche Güter als Luxus angesehen wurden und welche Gewohnheiten zum Alltag der Menschen gehörten. Auch hat Theodor Fontane die verschiedenen Personen und ihre Motive mit sehr spitzer Feder beschrieben, so dass ich das Gefühl bekam, dass eigentlich keiner von ihnen ohne irgendwelche (bewussten oder unbewussten) Hintergedanken handelte. Dazu kommt noch, dass der Autor mit dieser Geschichte sehr schön zeigt, wie einfach es sein kann, seine Nachbarn zu manipulieren, wenn man ihre Schwächen nur allzu gut kennt. Diese zwischenmenschlichen und historischen Elemente haben mir beim Hören – ebenso wie der verwendete Dialekt – überraschend viel Spaß gemacht, was zum Teil auch an dem Sprecher Wilhelm Götze lag.

Wilhelm Götze hat nicht nur eine angenehme Stimme, sondern seine „altmodische“ Sprechweise (man merkt, dass der 1978 verstorbene Sprecher einer älteren Generation angehörte) passt auch sehr gut zu der Erzählweise von Theodor Fontane. Ich kann nicht beurteilen, ob er den Dialekt des Oderbruchs passend gelesen hat, aber für mich klang seine Aussprache nach stimmigem Plattdeutsch und das hat mir während des Hörens großes Vergnügen bereitet. Auch mochte ich es, dass ich – ohne dass der Sprecher dabei übertrieb – oft schon an der Tonlage von Wilhelm Götze hören konnte, welche Person gerade zu Wort kam, bevor der Name der Figur überhaupt in der Geschichte genannt wurde. So hat Wilhelm Götze definitiv dazu beigetragen, dass mir das Hören von „Unterm Birnbaum“ Spaß gemacht hat, und ich freu mich, dass ich noch zwei weitere ungehörte Hörbücher mit ihm als Sprecher unter den Leihgaben von Ariana habe.

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Über „Weil wir längst woanders sind“ bin ich bei Natira gestolpert, die mir den Roman dann auch geliehen hat. Dieses Buch ist der Debütroman der Autorin Rasha Khayat, deren Geschichte von den Geschwistern Layla und Basil handelt, die als Grundschüler mit ihren Eltern von Jeddah (Saudi-Arabien) nach Deutschland umzogen. Geboren wurden die beiden in Jeddah, als Kinder einer deutschen Krankenschwester und eines saudi-arabischen Arztes, und so war für sie die Reise nach Deutschland anfangs nicht mehr als der übliche Sommerurlaub bei den deutschen Großeltern. Erst als sie nach den Ferien in Deutschland eingeschult wurden, beschlich die beiden der Verdacht, dass sie nun für längere Zeit in Deutschland leben würden. Wie lange die Eltern in Deutschland bleiben wollten, wird in dem Roman nicht gesagt, aber nachdem der Vater verstirbt, zieht die Mutter eine Rückkehr nach Jeddah nicht in Betracht.

Weder für Basil noch für Layla war die Umstellung auf das Leben in Deutschland damals einfach, aber immerhin konnten sie füreinander da sein. Trotzdem begreift Basil erst viele Jahre später, wie belastend das Ganze für die damals siebenjährige Layla war, als diese sich als erwachsene Frau ohne Abschied nach Jeddah aufmacht, um das Land ihres Vaters und ihrer Kindheit neu kennenzulernen. Wenige Monate später fliegt Basil nach Saudi-Arabien, um mit der dort lebenden Familie Laylas Hochzeit mit einem Mann zu feiern, den sie zwar nicht liebt, von dem sie sich aber ein Leben verspricht, in dem sie zufrieden sein kann. Für Basil ist diese Hochzeit Anlass, um über seine Eltern, seine Kindheit, seine Schwester und seine eigenen Erfahrungen in Deutschland und in Saudi-Arabien nachzudenken. So begleitet man als Leser Basil zwar nur wenige Tage, erfährt aber viel darüber, wie das Leben zwischen zwei so unterschiedlichen Ländern sein kann und wie schwierig es ist, wenn einen die Umgebung in Schubladen steckt, gegen die man nicht ankommt.

Ich habe mich mit Natira kurz über das Buch unterhalten, als diese bei uns zu Besuch war, und sie meinte, dass sie Laylas Entscheidung nicht nachvollziehen könne und dass dies den Roman für sie zu einem unbefriedigten Leseerlebnis gemacht habe. Ich hingegen kann – wie am Ende auch Basil – mit Laylas Hochzeit leben. Die junge Frau geht eine Ehe mit einem Mann ein, der sie ebenso wenig liebt wie sie ihn. Aber dafür hat sie das Gefühl, dass da jemand ist, der sie so akzeptiert, wie sie ist. Sie fühlt sich in Jeddah nicht in irgendeine Schublade gesteckt, hat nicht das Gefühl, sie müsse sich dafür verteidigen, dass ihr Vater aus einem arabischen Land stammte, oder irgendwelche Vorurteile aufklären. Ich glaube, dass es sehr erleichternd sein kann, wenn man zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben das Gefühl hat, man könne sich auf Augenhöhe mit jemandem unterhalten, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie man selbst.

Dabei verschweigt die Autorin nicht, dass es in Jeddah sehr unterschiedliche Lebensweisen gibt. Während der Teil der Familie, der Basil und Layla nahe steht und der auch die Hochzeit organisiert, recht entspannt mit vielen Themen (wie Religion, Verschleierung, Alkohol, Zusammenleben von Männern und Frauen innerhalb einer Familie) umgeht, gibt es natürlich auch Verwandte, die sehr viel konservativer leben. Ebenso gibt es eine Szene, in der Rasha Khayat zeigt, dass es immer häufiger Vorfälle mit „Religionswächtern“ gibt. Ich persönlich fände es auch schwierig, unter solchen Umständen in einem Land zu leben, aber für Layla ist Jeddah eine Zuflucht voller liebevoller Familienmitglieder und ihr zukünftiger Mann jemand, der weiß, wie es sich anfühlt, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen.

Rasha Khayat lässt in „Weil wir längst woanders sind“ vieles ungesagt, so richtig kommt es auch nicht zu einer Aussprache zwischen Layla und Basil. Und weil Basil nicht richtig mit seiner Schwester sprechen kann, muss er sich darauf beschränken, über all die Menschen in seiner Umgebung nachzudenken. Das führt zu so einigen – für ihn – neuen Erkenntnissen und Fragen, die dem Leser auch immer wieder vor Augen führen, dass es weder bei Layla noch bei sonst jemandem um ein Land oder eine Kultur, sondern um ein Individuum geht. Verpackt wird das Ganze in eine reduzierte Erzählweise, die einem viel Raum für eigene Gedanken bietet.

Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt – Die Erfindung der Mordinspektion

Über Regina Stürickow und ihre Veröffentlichungen rund um Berliner Kriminalfälle und Kommissar Gennat bin ich im vergangenen August das erste Mal gestolpert, als mein Mann und ich ein „Mörderisches Wochenende“ verbrachten. Als Folge dieses Wochenendes und der intensiven Beschäftigung mit dem Film „M“ von Fritz Lang landeten zwei neue Titel auf meiner Wunschliste, die beide inzwischen auch bei mir eingezogen sind. Einer davon ist „Kommissar Gennat ermittelt – Die Erfindung der Mordinspektion“, und weil ich so neugierig darauf war, habe ich in den letzten Tagen bei jeder Gelegenheit darin gelesen. Wichtig ist es mir noch, anzumerken, dass „Kommissar Gennat ermittelt“ die überarbeitete Neuauflage des 1998 erschienenen Titels „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ ist, wobei für diese aktuelle Veröffentlichung die Texte überarbeitet und neues Bildmaterial und weitere Kriminalfälle eingefügt wurden.

Kommissar Gennat war mir zwar schon länger ein Begriff, aber da ich ihn vor allem aus Romanen kannte, die die reale Person in fiktive Geschichten einbetteten, fand ich es spannend, mehr über diesen ungewöhnlichen Kriminalbeamten zu erfahren. Die Zeit, in der Ernst Gennat bei der Polizei arbeitete, war von vielen Umbrüchen geprägt. So ist er 1904 mit 24 Jahren in den Dienst der Polizei getreten und blieb bis zu seinem Tod im August 1939 bei der Kriminalpolizei. Während er also den Ersten Weltkrieg und das Ende der Kaiserzeit, die Weimarer Republik und die ersten Jahre des Nationalsozialismus erlebte, erwarb sich Ernst Gennat – in der Regel sogar relativ unabhängig von der aktuellen Politik – einen Ruf als unvergleichlicher Kriminalist und nutzte diesen, um zur Gründung der ersten Kriminalpolizeilichen Abteilung in Deutschland beizutragen (und diese im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln).

Von politischer Seite aus scheint Ernst Gennat bis 1933 recht freie Hand gehabt zu haben, auch wenn er – dank seines mangelnden Ehrgeizes – nie in eine so hohe Position kam, dass er seiner Arbeit auf diese Art und Weise ohne wohlwollende Vorgesetzte hätte nachgehen können. Nach 1933 wurde es für die Mordermittlung deutlich schwieriger, weil die Kriminalpolizei nun auf der einen Seite zum politischer Handlanger wurde (und das häufig zur Freude derjenigen Ermittler, deren Gesinnung ebenso rechts war wie die neue Regierung) und es auf der anderen Seite keine Fahndungsaufrufe oder ähnliche Möglichkeiten für die Ermittlungsarbeit mehr gab, damit die Bevölkerung in dem Glauben gehalten werden konnte, dass es unter dem rechten Regime zu keinen großen Verbrechen mehr kommen würde.

Insgesamt ist mir im Laufe des Buches aufgefallen, wie wenig eigentlich über den Menschen Ernst Gennat bekannt ist. Es gibt Informationen über seine Eltern und seinen Bruder, über sein abgebrochenes Jurastudium und über seine extreme Vorliebe für Kuchen, die auch schon mal dazu führte, dass auf der Fahrt zu einem Tatort eben noch an einer Konditorei angehalten wurde. Aber von diesen wenigen Details abgesehen sind wohl wirklich nur Informationen über seine Arbeit als Kriminalist erhalten geblieben. Eine Errungenschaften bei seiner Arbeit war, dass es ihm extrem wichtig war, dass ein Tatort so erhalten blieb, wie er vorgefunden wurde, bis alle Fakten festgehalten werden konnten. Etwas, das heute selbstverständlich ist, während das damals vollkommen unüblich war. Auch die Einführung des sogenannten „Mordautos“ – ein Fahrzeug mit allen notwendigen Gerätschaften für die ersten Arbeiten am Tatort sowie mobilem Arbeitsplatz für eine Sekretärin – wird ihm zugeschrieben. Dabei hat wohl nicht nur seine akribische Arbeitsweise, sondern auch die Tatsache, dass sich Gennat gut mit all den Kriminellen verstand, mit denen er zu tun hatte, zu seinen Ermittlungserfolgen geführt. Er gab den Tätern das Gefühl, er würde sie verstehen und nachvollziehen können, wie es zur Tat gekommen war. Und anscheinend hat er auch oft genug in seinen Berichten an die Staatsanwaltschaft erwähnt, welche mildernden Umstände zum Tragen kommen könnten, um zum Beispiel bei einem Mörder die Todesstrafe zu verhindern und ihn stattdessen nur zu lebenslanger Haft zu verurteilen.

Spannend fand ich in diesem Buch auch Details, die eher wenig mit der Person Ernst Gennat zu tun hatte, wie die Aussage, dass die Fotos, die damals an Tatorten gemacht wurden, großartiges Material für Historiker bieten, weil sie das Leben und Wohnen quer durch alle Bevölkerungsschichten genau abbildeten. Wenn man da mal genauer drüber nachdenkt, dann ist das wohl das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass man nicht durch Ausgrabungen, Gemälde und Haushaltsbücher Informationen über das Leben der Menschen bekommt (und das vor allem über Personen, die über ein gewisses Einkommen verfügten), sondern über detailliertes Festhalten des aktuellen Zustands einer Wohnung und der darin lebenden Menschen in Zusammenhang mit einem Kriminalfall.

Leider habe ich auch einige Kritikpunkte bei diesem Buch gefunden, die mich – obwohl ich die Lektüre sehr interessant und spannend fand – sehr gestört haben. Erst einmal mag ich es nicht, wenn man alte Fotos für eine Veröffentlichung so bearbeitet, dass einzelne Elemente rot aus den schwarzweißen Bildern herausstechen. Das ist unnötig reißerisch und lenkt von anderen Details ab, die ich persönlich in der Regel viel interessanter fand. Aber ob einen dieses Bildelement stört, ist ja Geschmackssache. Viel unangenehmer fand ich, dass Text und Foto häufig nicht zusammenpassten. So beschreibt die Autorin in einem Absatz ein Ereignis, bei dem alle zu dem Zeitpunkt aktiven Kriminalkommissare anwesend waren (inklusive Charakter, Arbeitsweise und zum Teil zukünftigem Werdegang der Personen), aber das folgende Foto wurde bei einer ganz anderen Gelegenheit aufgenommen und zeigt nur einen der erwähnten Männer. Ich vermute, dass solche Fehler durch die Überarbeitung der alten Auflage (und das eventuelle Auslaufen von Bildrechten) passiert sind, aber es ärgert mich sehr, wenn ich im Text zum Beispiel explizit auf einen Mann mit Goldrandbrille hingewiesen werde und er im ganzen Kapitel auf keinem einzigen Foto auftaucht.

Ebenso gab es stellenweise Probleme mit der Anordnung von Bild und Texte, weil dort lieber auf eine nicht so statische Präsentation gesetzt wurde statt auf die Lesbarkeit der historischen Dokumente und Zeitungsausschnitte. Kleine Textzeilen und Bilddetails, die im Falz liegen, sind nun einmal nicht erfassbar, wenn man nicht das ganze Buch dafür auseinandernehmen möchte, Und ich verstehe so eine Anordnung bei einem Sachbuch auch nicht, wenn man das Bild genauso gut auf eine Seite und den Text gegenüberliegend hätte platzieren können, so dass alles für den Leser problemlos zu erkennen gewesen wäre. Auch sonst wurden die Fotos meinem Gefühl nach oft unpassend platziert, wenn man zum Beispiel über einen bestimmten Kriminalfall liest und auf der gleichen Seite ein Bild zu sehen ist, das sich auf einen anderen Fall bezieht. Selbst wenn diese beiden Fälle oft genug zusammenhingen oder zeitgleich von Gennat in diesen Fällen ermittelt wurde, so konnte ich beim Lesen dieses Foto erst einmal nicht zuordnen und musste dann, wenn ich auf den nächsten Seite dann endlich den Bezug herstellen konnte, wieder zurückblättern, um das Gelesene mit dem Bild in Verbindung bringen zu können.

Außerdem meint Regina Stürickow im Vorwort, dass sie hier und da Details frei ergänzt habe, und auch das hätte es für mich nicht gebraucht. Natürlich liest es sich flüssiger, wenn einem ein Kriminalfall als Geschichte inklusive Nebenbemerkungen zum Charakter des Opfers oder des Täters erzählt wird, aber das sorgt bei mir auch immer dafür, dass ich mich frage, welche Details nun aus den Polizeiakten stammen und welche die Autorin hinzugefügt hat. Ich möchte mich bei einem Sachbuch nicht fragen, welcher Teil nun „wahr“ ist und welcher Teil „ergänzt“ wurde. Ebenso stören mich Elemente wie ein fiktives Interview mit Ernst Gennat. Auch wenn es viele Artikel gibt, die die Meinung des Polizisten zu den diversen Themen und Fällen wiedergaben und ich davon ausgehen kann, dass die ihm zugeschriebenen Antworten auf die Fragen stimmig sind, so brauche ich kein Interview als „Zusammenfassung“ seiner Ansichten und Aussagen, wenn ein solches Interview so nie stattgefunden hat.

Das klingt jetzt alles sehr nörgelig und ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen wirklich häufig geärgert habe. Aber trotz dieser Kritikpunkte hat sich „Kommissar Gennat ermittelt“ für mich wirklich gelohnt, weil ich so viele Details über das Leben (in Berlin) zwischen 1904 und 1939 erfahren habe. Auf die Veränderungen in der Polizeiarbeit geht Regina Stürickow eher allgemein ein, ich vermute mal zugunsten der Autorin, dass da gar nicht so viele Informationen über schrittweise Weiterentwicklungen erhalten geblieben sind. Stattdessen bekommt man als Leser Dinge erzählt wie die Tatsache, dass Ernst Gennat bei dem Versuch, eine umfassende Verbrecherdatei aufzubauen, auch schon mal die abgeschlossenen Fälle anderer Dienststellen anforderte und dann „vergaß“, sie zurückzugeben. Solche Elemente finde ich interessant, weil sie einem eine Vorstellung von dem Charakter eines Menschen vermitteln.

Auch finde ich es spannend, wenn die Autorin statistische Zahlen zum Beispiel zur Einfuhr von Milch und Eiern nach Berlin in den Text einfügt, um die wirtschaftliche Entwicklung in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aufzuzeigen und zu erklären, warum es zu einer solchen Steigerung der Kriminalitätsrate kam. Und so sehr ich den Umgang mit dem Bildmaterial kritisiert habe, so faszinierend fand ich doch in der Regel die Fotos. Es ist eben ein Unterschied, ob man nur liest, dass eine sechsköpfige Familie plus „Untermieter“ in einer 1-Zimmer-Wohnung lebt, oder ob man ein Foto von diesem Zimmer betrachten kann und eine konkretere Vorstellung davon bekommt, unter welchen Umständen die Menschen in dieser Wohnung gehaust haben. So interessant ich dieses Buch fand, so werde ich mit dem Lesern von „Mörderische Metropole Berlin“ von der selben Autorin noch ein bisschen warten, da ich davon ausgehe, dass es die eine oder andere Überschneidung mit „Kommissar Gennat ermittelt“ geben wird.

Hatice Akyün: Verfluchte anatolische Bergziegenkacke

Im Juli war ich über einen Artikel, in dem sie über ihre Kindheitserlebnisse mit einem Bücherbus schrieb, auf die Journalistin Hatice Akyün aufmerksam geworden. Den Artikel hatte ich euch HIER verlinkt und danach habe ich mal geschaut, welche Bücher es so von Hatice Akyün in der Stadtbibliothek zu finden gibt. Ende September habe ich dann „Verfluchte anatolische Bergziegenkacke – Oder wie mein Vater sagen würde: Wenn die Wut kommt, geht der Verstand“ ausleihen können. In dem Buch sind eine Menge Kolumnen, die die Journalistin für den „Berliner Tagesspiegel“ geschrieben hatte, zusammengefasst worden.

Die einzelnen Kolumnen sind um die zwei Seiten lang, was ich wunderbar fand, um nur eben zwischendurch ein bisschen zu lesen, was ich aber auch schrecklich verlockend fand, weil „nur noch eine Kolumne“ erstaunlich oft mein Schlafengehen verzögerte oder dafür sorgte, dass meine Pausen etwas länger wurden. Wobei mich die Kürze der einzelnen Artikel zwar häufig gereizt hat, noch ein Stückchen zu lesen und ich mich auch gut unterhalten gefühlt habe, auf der anderen Seite durfte ich aber nicht zu viel am Stück lesen, weil sich dann doch bestimmte Elemente zu sehr wiederholten und sich auch die Idee mit dem väterlichen Sprichwort, das zitiert wurde, etwas abgenutzt anfühlte. Aber das ist ja immer ein Problem, wenn Veröffentlichungen, die über einen längeren Zeitraum geschrieben wurden, gesammelt in einem Band erscheinen.

Ein weiteres Problem an den Artikeln war für mich die Tatsache, dass sie eben schon älter waren. Die erste in diesem Buch abgedruckte Kolumne erschien am 28. Februar 2011, die letzte am 19. Mai 2014, und auch wenn ich bei manchen Themen fasziniert davon war, dass ich ein Ereignis oder einen „Aufreger“ schon wieder vergessen hatte, der damals breit durch die Medien ging, so merkte man anderen Aspekten an, dass sie inzwischen schon deutlich veraltet sind und man sogar nach so wenigen Jahren zum Teil ganz anders darüber denken oder damit umgehen würde. So fand ich die Passagen, die sich auf tagesaktuelle Ereignisse bezogen, in der Regel deutlich weniger interessant als die Texte, in denen sich die Autorin mit ihrer türkischen Abstammung beschäftigt und von ihren Erfahrungen als Deutsch-Türkin erzählt. Überhaupt lag mir der „persönliche“ Teil der Kolumnen eher als die allgemeineren Texte. Insgesamt war das Ganze eine nette und unterhaltsame Lektüre, aber nichts, was länger in meiner Erinnerung haften bleiben würde.

Juliane Käppler: Die sieben Tode des Max Leif

„Die sieben Tode des Max Leif – Ein Hypochonder-Roman“ von Juliane Käppler ist einer dieser Romane, bei denen ich das Gefühl hatte, ich hätte ihn auf so gut wie jedem Buchblog gesehen – was mir normalerweise überhaupt keine Lust auf eine Geschichte macht. Neugierig hat mich dann die Rezension von Anja gemacht, die sie im Februar geschrieben hat, so dass der Titel doch auf meiner „irgendwann aus der Bibliothek ausleihen“-Liste landete. Am Ende kann ich Anja in so gut wie allen Punkten zustimmen und muss zugeben, dass mir die Geschichte überraschend gut gefallen hat.

Max Leif ist kein Charakter, der es dem Leser einfach macht. Als man ihn kennenlernt sitzt er gerade in einem Flugzeug und alles, was man von ihm weiß, ist, dass er während seines Sansibar-Urlaubs zu viel getrunken hat, mit zu vielen Frauen im Bett war und nicht wieder nach Hause will. Ach ja, und dass sein Freund Paul gerade erst gestorben ist. Die Trauer, die Max verspürt, ist erst einmal das Einzige, das ihn sympathisch wirken lässt. Dass er so sehr um seinen Freund trauert, der ihn seit Schulzeiten begleitet hat, beweist, dass mehr hinter Max stecken muss, als man anfangs sieht.

In den folgenden Wochen krempelt Max sein ganzes Leben um, wobei er immer wieder beim Arzt landet, weil er – für ihn unerklärliche und bedrohliche – Symptome aufweist. Ihm ist sogar sehr früh bewusst, dass er sich mit seinen Eigendiagnosen, die auf Internetrecherche basiert, nichts Gutes tut, aber er fürchtet sich so sehr vor einer gravierenden Krankheit, dass er trotzdem jedes Mal in Todesangst zum Arzt rennt. Für den Leser ist eigentlich von Anfang an klar, was Max eigentlich fehlt, auch wenn man nicht alle Hintergründe kennt. Aber Max muss natürlich selbst herausfinden, was mit ihm los ist und wie er dafür sorgen kann, dass sein Leben für ihn wieder lebenswert wird.

Ich mochte die Nebenfiguren wie zum Beispiel Maja, die mürrische Barista, die seinem Lieblingscafé arbeitet, oder seine Putzfrau Jekaterina, die sehr feste Vorstellungen davon hat, wie Max sich zu benehmen hat, und diese natürlich auch freimütig äußert. Ab und an hatte ich ernsthafte Probleme mit der Einstellung, die Max hat, vor allem dann, wenn es um sein Selbstbild als Mann oder sein Verhältnis zu Alkohol geht. Aber in der Regel wurde das wieder ausgeglichen durch die netten Momente mit ihm. Er gibt sich in vielen Bereichen wirklich Mühe, ist zwar nicht der aufmerksamste Mensch, aber ein guter Freund und ein großzügiger Arbeitgeber. So habe ich ihm während des Lesen wirklich gewünscht, dass er dazu lernt und dass er in der Lage ist sich soweit zu verändern, dass er wieder Fuß fassen kann. Außerdem mochte ich diese Mischung aus Melancholie und Schmunzelmomenten, war neugierig darauf, wie sich die Geschichte weiterentwickelt und war selbst in seinen schlimmsten Phasen nie so sehr von Max genervt, dass ich das Buch hätte abbrechen wollen.

Patrycja Spychalski: Heute sind wir Freunde

Über dieses Buch bin ich bei Tine gestolpert und war nach ihrer begeisterten Rezension neugierig genug geworden, um „Heute sind wir Freunde“ von Patrycja Spychalski in der Bibliothek vorzumerken. Die Geschichte dreht sich um fünf vollkommen unterschiedliche Schüler, die während eines Unwetters allein in ihrer Schule zurückbleiben und die Nacht dort verbringen. Ich muss gestehen, dass ich die Figuren (und die Grundsituation) anfangs wenig kreativ fand. Gerade die Charaktere lassen sich doch sehr leicht in eine Schublade stecken. Anton ist der Streber, der keine Freunde hat, Leo ist der Coole mit der Lederjacke, Valeska die unnahbare Schöne, die von allen beneidet wird, und Nell und Chris sind die „Normalen“ (wobei beide eine künstlerische Begabung haben).

Obwohl sich die fünf zumindest vom Sehen kenne, haben sie nie zuvor miteinander zu tun gehabt. Aber jeder von ihnen glaubt, dass er die anderen einschätzen kann – und dass sie nichts miteinander gemein haben. Im Laufe der miteinander verbrachten Stunden stellt sich dann natürlich heraus, dass es nicht so einfach ist, sich ein Bild von einem Menschen zu machen. Jeder von ihnen hat Facetten, die die anderen nicht erwartet hätten und die für unerwartete Sympathien sorgen. Dabei lässt die Autorin Patrycja Spychalski jeden der fünf Schüler zu Wort kommen, so dass der Leser auch die Gedanken mitbekommt, die die Teenager – trotz der im Laufe der Zeit aufkommenden Offenheit und Nähe – für sich behalten.

Wie gesagt, ich fand die Figuren etwas arg „schubladig“ dargestellt und die Ausgangssituation auch etwas abgenutzt, aber das ändert nichts daran, dass ich die Geschichte trotzdem sehr süß fand und gern gelesen habe. Die Charaktere werden einem schnell sympathisch (auch wenn Leo mir in der Realität vermutlich schnell auf die Nerven gegangen wäre), haben ihre Schwächen und Stärken und es ist schön mitzuerleben, wie sie sich gegenseitig besser kennenlernen. Auch fand ich es stimmig, dass diese eine Unwetternacht und die Nähe zu den anderen nicht jeden im gleichen Maße beeinflusst. Für Anton und Valeska bieten diese Stunden die Möglichkeit, loszulassen und Dinge auszuprobieren, die sie sich sonst nie wagen würden. Auch für Nell und Chris entstehen durch dieses Unwetter viele Chancen, aber da sie als Figuren nicht so extrem angelegt waren wie die anderen drei Protagonisten, hatte ich das Gefühl, sie würden nur einen Stups bekommen, um danach offener und ein bisschen mutiger durch die Welt zu gehen. Leo hingegen ist in erster Linie jemand, der anstößt und Veränderungen auslöst …

Schön finde ich, dass Patrycja Spychalski es offen gelassen hat, wie es nach dieser Nacht mit den fünf Schülern weitergeht. Obwohl sie sich im Laufe dieser gemeinsam verbrachten Stunden so gut kennengelernt und zum Teil so eine intensive Zeit miteinander verbracht haben, ist allen Beteiligten bewusst, dass ihre frisch aufgekeimte Freundschaft vielleicht gerade mal bis zum kommenden Montag halten wird. Aber selbst wenn es so ist, ist es gut. Und es gibt ja immer noch die Möglichkeit, dass der eine oder andere sein gewohntes Verhalten auch im Alltag abstreifen und die während des Unwetters entdeckten Facetten seiner Persönlichkeit zeigen kann. Mir hat es auf jeden Fall viel Spaß gemacht, nach dem Ende des Romans noch darüber nachzudenken, wie es nach dieser Nacht in der Schule am kommenden Montag mit den fünf Figuren, ihren Eltern und ihrem Verhältnis zu ihren Mitschülern weitergehen könnte.