Schlagwort: Erfahrungsbericht

Christopher Skaife: The Ravenmaster – My Life with the Ravens at the Tower of London

Ich folge dem Ravenmaster schon seit einigen Jahren auf Twitter und finde es immer wieder spannend, wenn er von seinen Raben erzählt oder Fotos der schönen Tiere zeigt, weshalb ich natürlich auch neugierig auf sein Buch über sein Leben mit den Raben des Londoner Towers war. „The Ravenmaster“ lässt sich gut lesen, denn Christopher Skaife versteht es, unterhaltsam und interessant zu schreiben, auch wenn man stellenweise schon merkt, dass er als Yeoman Warder seit vielen Jahren tagtäglich mit Touristen zu tun hat und deshalb viele Fakten und Aussagen schon sehr, sehr oft wiederholt hat. Aber das macht das Buch nicht schlecht, es sorgt nur dafür, dass hier und da etwas Routine oder gar Verdruss durchblitzt, wenn es um (lästige) Fragen rund um den Tower geht, die häufig gestellt werden – etwas, das wohl jeder kennt, der schon mal einen Job mit viel Kunden-/Touristenkontakt hatte.

Das Buch beginnt mit dem alltäglichen Morgenprogramm des Ravenmasters und endet mit dem nächtlichen Einsperren der Vögel, wobei Christopher Skaife mit den einzelnen Tagespunkten seiner Arbeit Details über seine Raben, seine Arbeit als Ravenmaster, seine Kindheit oder seine Zeit in der britischen Armee verknüpft. Aber nicht nur solche persönlichen Elemente verflicht der Autor mit seinem Bericht über die Routine als Ravenmaster, sondern auch historische Begebenheiten rund um den Tower und seine Bewohner, die Rolle von Raben in der Literatur und allgemeine Informationen rund um Raben(vögel). Ich mochte diese bunte Mischung aus Biografie, Tätigkeitsbeschreibung und Liebeserklärung an die Raben des Towers, ich habe mich beim Lesen gut amüsiert, habe einiges über Raben gelernt und eine noch viel bessere Vorstellung vom Charakter der beeindruckenden Vögel bekommen als schon über den Twitteraccount des Ravenmasters.

Auch hat es mir gefallen, dass Christopher Skaife nicht verschweigt, dass ihm seine Raben zwar am Herzen liegen und er eine Menge für die intelligenten Vögel tut, dass es aber auch selbst für einen so geduldigen Menschen wie ihn nicht immer einfach ist, Ruhe zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. „Seine“ Raben sind keine Haustiere, sondern sehr intelligente Vögel, die immer wieder ihre Grenzen austesten müssen, sensibel auf Ungeduld oder Unruhe reagieren und eventuelles Fehlverhalten nicht so schnell verzeihen. So fand ich die Passagen, die sich direkt um die Tower-Raben drehten, eigentlich am spannendsten, weil ich mir vorher relativ wenig Gedanken darüber gemacht hatte, wie Vögel überhaupt im Tower gehalten werden, wie sich bei Raben zum Beispiel die Rangordung gestaltet und welche Folgen es hat, wenn so viele Raben (im Tower leben immer mindestens sechs von ihnen) so artgerecht wie möglich auf relativ engem Raum zusammenleben.

Das Buch hat mir große Lust gemacht, einmal den Tower und seine (gefiederten) Bewohner zu besuchen und ebenso hätte ich Lust, an einer Führung durch einen der Yeoman Warder teilzunehmen (und mich zu fragen, an welchen Stellen reale historische Begebenheiten erzählt werden und an welchen die Fantasie des Führenden eventuelle reale Ereignisse überlagert). Ich mochte den großteils humorvollen Ton, den Christopher Skaife in seinem Buch anschlägt, ebenso wie seinen liebevoll-spöttischen Blick auf seine Arbeit mit den Touristen und die Geschichten, die tagtäglich rund um den Tower erzählt werden. Auch ist mir aufgefallen, dass ich in den Tagen, nachdem ich „The Ravenmaster“ gelesen hatte, mit deutlich aufmerksamerem Blick die Vögel beobachet hatte, die ich regelmäßig auf und über den anliegenden Häuserdächern zu sehen bekomme. Am Ende war ich doch ein bisschen überrascht, wie sehr mir die Raben des Towers durch die Beschreibungen Christopher Skaifes beim Lesen ans Herz gewachsen sind und wie gern ich diese Vögel mal aus (relativer) Nähe sehen würde.

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten

Über „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski bin ich durch einen Tweet von Margarete Stokowski gestolpert, die mit der Autorin befreundet ist. Und da ich – neben all den leichten Unterhaltungsromanen – ja ganz gern Bücher lese, die mir von einer für mich vollkommen fremden Realität erzählt, war ich neugierig auf die Geschichte, die hinter den Strebermigranten steckt. Für Emilia Smechowski beginnt die Geschichte im Jahr 1988, als ihre Eltern eines Tages ohne Vorwarnung mit ihr und ihrer kleinen Schwester in Polen losfuhren, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Dank eines „deutschen“ Großvaters bekam die Familie schnell deutsche Pässe, Sprachkurse und für die Eltern die Chance auf einen Arbeitsplatz, der ihrer Ausbildung entsprach.

Nur wenige Jahre dauerte es, bis die Familie über den Wohlstand verfügte, von dem sie in den 80er Jahren in Polen nur träumen konnte, aber dieser makellose Integration hat ihre Spuren hinterlassen. Denn um dieses Ziel zu erreichen, haben Emilia Smechowskis Eltern ihre polnische Identität, ihre Sprache und ihre Traditionen (abgesehen von denen rund ums Weihnachtsfest) abgelegt, um – wie die Autorin es ausdrückt – deutscher aus deutsch zu werden. Für die Kinder bedeutete dies, dass auch sie dazu gedrängt wurden kein Wort mehr in ihrer Muttersprache von sich zu geben, keinen Kontakt zu anderen Polen zu suchen und immer ihr Bestes zu geben – wobei ihr Bestes anscheinend immer noch nicht gut genug für das neue deutsche Leben war. Die Autorin hat zwar recht früh gegen den Leistungsdruck und die Strenge in ihrem Elternhaus rebelliert, kann sich aber bis heute nicht ganz freimachen von der Scham, die mit ihrer polnischen Herkunft einhergeht, von der Hemmung, Polnisch zu sprechen, oder von dem Leistungsanspruch, der ihr von klein auf eingeimpft wurde. Auch wird im Buch immer wieder deutlich, wie schwierig es für sie ist, eine Identität zu finden, in der sie sowohl ihrer polnischen als auch ihrer deutschen Heimat gerecht wird.

Neben diesen ganz persönlichen Erlebnissen und Empfindungen geht Emilia Smechowski auf die politischen Veränderungen der vergangenen 25 Jahre ein – besonders auf den unterschiedlichen Umgang mit Migranten und die Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre. Denn bei aller Zerrissenheit, die die Autorin verspürt, wird doch auch deutlich, dass diese „perfekte“ Integration ihrer Familie nur gelingen konnte, weil den „Aussiedlerfamilien“ damals ganz andere Chancen geboten wurden, als sie viele andere Migranten bekamen und bekommen. Qualitative Sprachkurse, der problemlose Erhalt des deutschen Passes, die Anerkennung ihres polnischen Medizinstudiums und die Möglichkeit, zügig eine Sozialwohnung zu beziehen, statt längere Zeit in einer Massenunterkunft verbringen zu müssen, haben dafür gesorgt, dass die Eltern schnell wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen und sich – dank zweier Arztgehälter – eine wohlhabende Existenz aufbauen konnten.

So spannend ich all die Hintergründe um die (deutsch-)polnische Geschichte fand und so sehr mich Emilia Smechowskis Erfahrungen berührt haben, so waren es doch vor allem die kleinen Sätze, die in mir nachklangen. Die Sätze, in denen die Autorin erzählte, wie ernst sie auf all den Schulfotos dreinschaut, wie wichtig es war, dass sie zu den Besten ihrer Klasse gehörte, und wie wenig sie über ihre polnische Herkunft redete. Jedes Mal, wenn wieder so eine Aussage in dem Buch kam, musste ich an die eine oder andere Person denken, die ich früher kannte, und mich fragen, ob hinter dieser Mitschülerin, hinter jener Kursteilnehmerin oder hinter diesem Kollegen eine ähnliche Geschichte steckte. Erst durch „Wir Strebermigranten“ habe ich gelernt, dass (eingedeutschte) polnische Nachnamen für mich (in NRW aufgewachsen) deshalb so selbstverständlich sind, weil zum Ende des 19. Jahrhunderts sehr viele polnische Bergarbeiter von den Zechen im Ruhrgebiet engagiert wurden, um den hohen Bedarf an Arbeitskräften zu decken.

Ich habe mich beim Lesen dieses Buches wieder an die drei Mitschüler (zwei Cousinen und ihr Cousin) in meiner Grundschule erinnert, die ich wirklich mochte und die im Vergleich zum Rest der Klasse immer etwas zu ordentlich gekleidet und immer etwas zu brav und fleißig waren. Und auch wenn ich nach all den Jahren nicht sicher sein kann, dass diese Menschen, die ich mal gekannt habe, eine ähnliche Geschichte erlebt haben wie Emilia Smechowski, so bin ich froh, dass ich etwas über die polnischen Einwanderer dieser Generation, über polnische Geschichte und über die Schwierigkeiten einer Einwanderin, die die Identität ihres Geburtslandes abstreifen musste, gelernt habe.

Novella Carpenter: Meine kleine Cityfarm

Dieses Buch hat mich recht zwiegespalten hinterlassen, was ich im Nachhinein vor allem auf die Autorin schiebe. Denn so richtig sympathisch fand ich Novella Carpenter nach all den Details aus ihrem (Privat-)Leben nicht, auch wenn man in diese Buch ein paar tolle Anregungen finden kann und immer wieder über Ideen stolpert, die man doch auch selber in seinem kleinen Stadtgarten, auf seinem Balkon, einem Blumenkasten am Fenster oder auf der Verkehrsinsel vor der Tür durchführen könnte.

In „Meine kleine Cityfarm – Landlust zwischen Beton und Asphalt“ kann man Stück für Stück verfolgen, wie die Amerikanerin sich an immer größere Experimenten in Richtung Natur und Selbstversorgung wagt, während sie in einem eher heruntergekommenden Gebiet von Oakland (das liegt am östlichen Ufer der Bucht von San Fransciso) lebt. Dabei hat Novella – obwohl sie ihre Kindheit auf einer Farm verbracht hat, die von ihren idealistischen Hippie-Eltern als Selbstversorgerprojekt gestartet wurde – keinerlei Erfahrung mit Landwirtschaft. Und die Erzählungen ihrer Mutter über all die Nachteile des Landlebens, die Einsamkeit und die Herausforderungen, haben auch dazu geführt, dass die Autorin niemals so leben wollte. Trotzdem ist da dieser Wunsch nach selbstangebauten Lebensmitteln, danach zu wissen, woher die Dinge kommen, die man isst, und die Lust am Experimentieren.

Für mich war es auch spannend den Kontrast zwischen den ersten Eindrucken ihrer neuen Wohngegend und ihren Erfahrungen dort zu erleben. Anfangs traut sich Novella in dem Ghetto, in dem sie eine Wohnung gefunden haben, nachts nicht vor die Tür, weil die Nachbarschaft so bedrohlich wirkt. Später hingegen hat sie das Gefühl, dass sie ihre Nachbarn mit all ihren Eigenarten (ein Obdachloser, der Schrott auf der Straße sammelt, Jugendliche, die trotz Gangmitgliedschaft eben doch nur Kinder sind, eine exzentrische Gruppe, die sich einmal die Woche trifft und künstlerisch tätig ist) so gut kennt, dass sie sich problemlos dort bewegen kann.

In dieser Umgebung nehmen Novella und ihr Freund Bill eine Brachfläche neben ihrem Haus in Besitz und nutzen sie für ihre kleine Landwirtschaft. So bauen die beiden nicht nur Gemüse an, sondern halten auch Bienen, Geflügel, Kaninchen und später sogar Schweine und Ziegen. So schön und spannend ich es fand, durch Novellas Augen mitzuerleben, wie aus einer vermüllten Brachfläche ein grüner Garten entstand, der nicht nur genügend abwarf, um die Autorin und ihre Nachbarschaft zu ernähren, sondern auch um Gemüse an soziale Projekte zu spenden, so gab es doch auch so einige Aspekte, die mir nicht gefallen haben.

Novella Carpenter scheint dazu zu neigen, sich ohne gründliche Vorbereitung Tiere anzuschaffen – und dann über Bücher und Gleichgesinnte genügend Wissen zu sammeln, damit die Haltung auch funktioniert. Mich irritiert es, wenn jemand loszieht, um sich zwei Ferkel zu kaufen, und dann nicht einmal weiß, ob er eine Sau, einen Eber oder einen Kastraten mit nach Hause nimmt. Genauso wäre es für mich wichtig zu wissen, wie groß meine beiden Ferkel am Ende werden und ob ich ihnen dann immer noch ein artgerechtes Leben bieten kann. Ich hatte zwar am Ende nicht das Gefühl, dass es den Tieren nicht gutging, dafür hat die Autorin zuviel Energie und Erfindungsreichtum in die Haltung gesteckt, aber ich glaube, dass das auch damit zusammenhing, dass sie höllisch viel Glück hatte. Und ich mag es nicht, wenn eine gute Tierhaltung vor allem dank „Glück“ funktioniert. 😉

Auch schreibt sie offen über die Probleme, die es zu Beispiel mit den Nachbarn gab. Da mussten diese damit leben, dass der Truthahn ständig in ihren Gärten auftauchte, und die entlaufenden Schweine wurden zu Verkehrsrisiken – und meine Fantasie ist dann doch zu lebhaft, als dass ich lässig über den Beinahunfall mit einem Bus hinweglesen kann. Auch wurden der Lärm und Gestank natürlich nicht von allen Nachbarn einfach so hingenommen … Die Futterbeschaffung war ebenfalls eine Herausforderung, denn Novella Carpenter hatte sich vorgenommen nichts zu kaufen, sondern die Tiere mit dem zu ernähren, was sie sammeln oder im Garten anbauen konnte. Also hat sie für das Geflügel in den städtischen Grünanlage Unkraut gezupft und die Schweine aus den Abfalltonnen ernährt, die sie Nacht für Nacht in Chinatown geplündert hat.

Schön fand ich hingegen die positiven Auswirkungen auf die Nachbarschaft. Nicht nur verteilte die City-Farmerin ihre Erzeugnisse freigiebig in der Nachbarschaft, sie ermöglichte es den Ghettokindern auch  mal ein Kaninchen auf dem Arm zu halten oder ein Schwein beim Fressen zu beobachten. Und bei den asiatischen Nachbarn kam die Erinnerung an ihre Heimat auf, wo der Gemüseanbau und die Haltung von Kleintieren im städtischen Hinterhof einfach zum Leben dazu gehören.

Auch hat mich dieses Buch sehr nachdenklich gemacht. Seit dem Lesen gehe ich mit anderen Augen durch die Stadt, sehe Brachflächen zwischen den Häusern und fragte mich, ob man da nicht etwas anbauen könnte. Und in meinem kleinen Blumengarten (der immer noch überfüllt ist mit Pflanzen, die die Vormieter dort hinterlassen haben) suche ich inzwischen kleine Eckchen, in denen ich vielleicht etwas Gemüse anbauen könnte. Es würde bei mir vermutlich nicht so einfach gedeihen, wie im sonnigen Kalifornien, aber eine frisch geerntete selbstgezogene Gurke schmeckt doch deutlich besser als eine, die schon einige Wegstunden hinter sich gebracht hat oder gar einen Aufenthalt im Supermarktkühlhaus erlebte. Noch habe ich Hemmungen die gesunden Blumen auszurupfen und auch der Schweinehund, der sich sicher ist, dass so ein Nutzgartenanteil doch noch mehr Arbeit macht, muckt, aber los lässt mich der Gedanke an mein eigenes Gemüse seit dem Lesen von „Meine kleine Cityfarm“ nicht.