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Kate Griffin: Kitty Peck and the Music Hall Murders

Von Kate Griffin hatte ich vor einigen Jahren ein wirklich ungewöhnliches (Urban-)Fantasybuch („The Madness of Angels“) gelesen, das mich wirklich fasziniert hatte. (Auch wenn ich die Fortsetzungen immer noch ungelesen im Regal stehen habe, weil ich das Gefühl habe, ich müsste mir mal ganz in Ruhe Zeit für die Reihe nehmen.) Als ich also vor einiger Zeit mitbekam, dass die Autorin auch einen historischen Krimi geschrieben hat, dachte ich, das sei eine gute Gelegenheit, mehr von Kate Griffin zu lesen, ohne mich „langfristig“ auf etwas einlassen zu müssen. „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ spielt im Jahr 1880 in Limehouse (London), und die Handlung wird aus Sicht der siebzehnjährigen Kitty erzählt, die seit ein paar Jahren hinter den Kulissen einer Music Hall arbeitet.

Diese Music Hall gehört Lady Ginger, einer Drogenbaronin, in deren Händen das Schicksal der meisten Personen in Limehouse liegt und die es als persönlichen Angriff auf ihr Geschäft wertet, als nach und nach Music-Hall-Mädchen verschwinden. Obwohl keine Leichen gefunden werden, steht schnell fest, dass keines der Mädchen freiwillig verschwunden ist, und „natürlich“ kann eine Person wie Lady Ginger nicht die Polizei auf den unbekannten Täter ansetzen. Also wird Kitty damit beauftragt herauszufinden, was mit ihren Kolleginnen passiert ist. Dieser Auftrag sorgt dafür, dass sie – statt weiter hinter den Kulissen von „The Gaudy“ zu arbeiten – ganz neue Fähigkeiten lernt und als neue Sensation auf der Bühne ins Scheinwerferlicht rückt. Allerdings bedeutet das auch, dass ihr Leben keinen Penny mehr wert sein wird, wenn sie Lady Ginger nicht so bald wie möglich den Verantwortlichen für das Verschwinden der Mädchen präsentieren kann.

Es gibt zwei Punkte in der Geschichte, die mir Probleme bereiten. Einmal die Tatsache, dass sexueller Missbrauch ständig ein Thema und eine Bedrohung für Kitty ist, ohne dass diese Szenen mehr zur Handlung beitragen als zu zeigen, wie sehr das Wohlergehen der (noch jungfräulichen) Protagonistin von den Launen der diversen Männer abhängig ist – was spätestens nach der ersten solchen Szene deutlich genug ist, um nicht ständig wieder aufgegriffen werden zu müssen. Den zweiten Punkt finde ich aber noch gravierender, und das ist der Widerspruch, der sich für mich daraus ergibt, dass Kitty auf der einen Seite von anderen Personen immer als intelligent und einfallsreich beschrieben wird, aber auf der anderen Seite so gar keine Initiative entwickelt, wenn es um die Ermittlungen rund um die verschwundenen Mädchen geht.

Es gibt so viele Gründe, wieso es für Kitty wichtig ist, dass sie so schnell wie möglich herausfindet, was mit ihren Kolleginnen passiert sein könnte. Aber sie ist trotzdem wochenlang vollkommen zufrieden damit, als passive Beobachterin zu agieren – und die einzige Begründung, die den Leser*innen dafür geboten wird, ist, dass sie doch gar nicht weiß, wie Ermittlungen geführt werden. Von einer Person, die sonst nicht auf den Mund gefallen ist, die zumindest einige der Opfer sehr gut kannte und deren eigenes Wohlergehen von ihrem Erfolg abhängt, finde ich das etwas … schwach. Es gäbe so viele Dinge, über die sie zumindest hätte nachdenken können, und es gäbe so viele Personen, mit denen sie hätte reden können, aber statt aktiv Erkundigungen anzustellen, lässt sie sich von ihrem Chef und Lady Ginger wochenlang aufwändig für die Bühne trainieren, nur um dann als Köder zu enden.

Ein Köder, dessen Leben (oder Erfolg beim Mörderfang) nicht wichtig genug zu sein scheint, um von irgendjemandem beschützt zu werden. Was mich zu der Frage bringt, welchen Sinn so ein Köder haben soll, wenn eventuell gewonnenes Wissen nicht mehr weitergeleitet werden kann, weil die einzige Person, die darüber verfügt, leider ermordet wurde. Ich muss gestehen, dass ich spätestens nach dem ersten Drittel dieses Romans ziemlich frustriert war, weil ich so viele Punkte schrecklich unrund fand. Der Krimianteil ist von der Autorin wirklich schlecht und unlogisch konstruiert worden, und wenn eine bestimmte Person Kitty zeitnah eine Sache aus der Vergangenheit erzählt hätte, hätte sich der gesamte Fall innerhalb der ersten 100 Seiten erledigt. All diese unstimmigen Elemente rund um Kittys Ausbildung als Bühnen-Künstlerin, die Details rund um das verübte Verbrechen und dazu noch Lady Gingers Verhalten haben mich beim Lesen so unglaublich frustriert.

Ich will gar nicht erst von der Grundidee anfangen, dass eine Verbrecherkönigin eine Siebzehnjährige als Ermittlerin einsetzt, statt einige Polizisten in der Hand zu haben, die für sie die Drecksarbeit machen, auch wenn ich zugeben muss, dass es am Ende der Geschichte fast so etwas wie eine Begründung für Lady Gingers Handeln gibt. Aber da die genauso wenig glaubhaft war wie viele andere Aspekte in diesem Buch, tröstet mich das auch nicht über diese schwache Ausgangsidee hinweg. Dabei hätte ich das Buch mit all seinen Details rund um das Leben in Limehouse wirklich gern genossen. Ich mag normalerweise Romane, die das Leben in einer Gegend zeigt, die so sehr von der Seefahrt und den dazugehörigen Schattenseiten geprägt ist wie das historische Limehouse. Ich freue mich, wenn solche Beschreibungen sich eher realistisch als romantisch anfühlen, und ich genieße es, wenn solche Geschichten dann auch die dementsprechende Vielfalt bei den Charakteren aufweisen. Aber obwohl Kate Griffin wirklich viele atmosphärische Szenen rund um das historische Limehouse in „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ eingebaut hat, konnten mich diese nicht über die restlichen Unstimmigkeiten in der Handlung hinwegsehen lassen.

Lese-Eindrücke Februar 2024

Ich habe im vergangenen Monat definitiv zu viele (kostenlose/günstige) eBooks gelesen und deshalb viel zu wenig SuB-Abbau betrieben. 😉 Damit diese eBooks nicht einfach aus meiner Erinnerung schwinden, gibt es hier ein paar Lese-Eindrücke dazu (plus eine Anmerkung zum aktuellen Band einer seit Längerem laufenden Reihe).

Leslie Gail: The Magic of Death (Dead End Witches 1)

Das war ein sehr netter cozy mystery rund um eine Frau Ende Dreißig mit dem Namen Star Bell, in deren Familie (fast) alle Personen übernatürliche Fähigkeiten haben. Stars Fähigkeit besteht darin, die Geister von Verstorbenen zu sehen, was für sie okay wäre, wenn sich nicht ausgerechnet der Geist ihrer jüngeren Schwester vor ihr zu verstecken scheinen würde. Als ihre Nichte, die von Star nach dem Tod ihrer Schwester aufgezogen worden war, in einen Mordfall verwickelt wird, nutzt sie ihre Fähigkeit, um mehr über die ermordete Person und ihr Umfeld herauszufinden. Ich mochte die Charaktere (auch wenn manche Eigenheit der älteren Generation etwas arg überzogen war), ich mochte den Mordfall und die Ermittlungen, und mir gefiel der kleine Ort, der seinen Namen „Dead End“ nutzt, um Touristen anzuziehen. Einzig die Tatsache, dass Leslie Gail noch keinen weiteren Roman veröffentlicht hat, hält mich davon ab, weitere Bände rund um die Dead-End-Witches zu lesen.

Seanan McGuire: Mislaid in Parts Half-Known (Wayward Children)

Schon der neunte „Wayward Children“-Band, und so langsam fühlt es sich für mich an, als ob Seanan McGuire sich auf das Ende der Serie vorbereiten würde. „Mislaid in Parts Half-Known“ ist eine der Geschichten, die in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“ starten und eine Gruppe von Schüler*innen in verschiedene Welten führt. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass es erstmals durchdachtere und ausführlichere Erklärungen zu den Türen, die in die magischen Welten führen, gibt, ebenso wie zu den „Auswahlkriterien“ für Kinder, die ihren Weg in diese Welten finden. Außerdem bringt dieser Band erstaunlich viele Personen nach Hause und gibt mir zum ersten Mal das Gefühl, dass Seanan McGuire so langsam die Geschichte von Kade einleitet. Am Schluss bin ich etwas zwiegespalten, weil ich diese Welt(en) noch lange nicht verlassen will, es aber auch immer sehr befriedigend finde, wenn eine Reihe, die ich so sehr mag, ein gutes Ende findet. Mal schauen, wie viele Bände hier noch veröffentlicht werden …

Sarah Painter: The Night Raven (Crow Investigations 1)

„The Night Raven“ von Sarah Painter habe ich schon ziemlich lange auf meinem eReader und bin irgendwie nie dazu gekommen, das Buch zu lesen, obwohl ich immer wieder auf der Suche nach Urban-Fantasy-Geschichten „für zwischendurch“ bin. Als ich im Februar dann feststellte, dass es die Reihe für Audible-Abonnenten umsonst zu hören gibt, habe ich mir dann doch mal den Roman vorgenommen und mich überraschend gut damit unterhalten gefühlt. Die Protagonistin Lydia Crow gehört zu einer von fünf Familie, die eine Art „magische Mafia“ bilden, die früher London beherrschte. Lydia selbst hat mit dem Familiengeschäft nichts zu tun und die letzten Jahre als Privatdetektivin in Edinburgh gearbeitet. Doch nun ist ihre Cousine Maddie verschwunden, und Lydia versucht herauszufinden, was mit ihr passiert ist. Ich mochte diese Mischung aus klassischer Kriminalgeschichte plus Mafia-Familienmitgliedern und einem Hauch von Magie. Lydia hat nicht viel von den magischen Fähigkeiten ihrer Familie mitbekommen, aber es reicht, um mit ihrem geisterhaften Mitbewohner zu kommunizieren und den einen oder anderen extra Hinweis zu bekommen. Insgesamt habe ich mich von „The Night Raven“ gut unterhalten gefühlt und werde die Reihe wohl demnächst mit den Hörbüchern fortsetzen.

Hanna Sandvig: The Frost Gate (Faerie Tale Romances)

Hanna Sandvig habe ich im vergangenen Frühling für mich entdeckt und ihre Märchen-Neuerzählungen ziemlich zügig hintereinander verschlungen. „The Frost Gate“ ist der fünfte Band ihrer „Faerie Tale Romances“, und obwohl die Geschichte für sich stehend gelesen werden kann, gibt es so viele Verweise auf vorhergehende Ereignisse, dass ich das Lesen in der Veröffentlichungsreihenfolge empfehlen würde. Die Handlung ist dieses Mal an das Märchen „Schneewittchen“ angelehnt, und die Protagonistin Neve ist nicht gerade begeistert, als sie erfährt, dass sie die Thronprinzessin eines magischen Landes ist. Noch weniger gefällt es ihr, dass von ihr erwartet wird, eine böse Hexe zu besiegen, um ihre Untertanen zu retten, während sie doch eigentlich nur das Café ihrer Adoptiveltern betreiben möchte. Ich mag diese Mischung aus Charakteren, die sich – statt nach der Schule zum College zu gehen – in einem magischen Land wiederfinden und in der Regel recht pragmatisch damit umgehen, aus erster (und überraschend unkitschiger „ewiger“) Liebe und amüsantem Geplänkel. Dazu gefällt es mir, wie Hanna Sandvig die diversen Märchenelemente in ihre Geschichten einbaut und wie ihre Feenwelt mit jeder Veröffentlichung ein bisschen runder wirkt. Für mich sind diese Jugendbücher die perfekte Entspannungslektüre, wenn mein Kopf voll ist und ich Erholung suche!

Benjamin Read und Laura Trinder: The Midnight Hour

Über „The Midnight Hour“ von Benjamin Read und Laura Trinder bin ich erst vor Kurzem gestolpert, als der dritte Band der Trilogie veröffentlicht wurde. Die Geschichte dreht sich um Emily, die zu Beginn des Romans vor allem ein Problem mit ihrem eigenen aufbrausenden Temperament und ihrer großen Klappe hat. Doch dann verschwindet ihre Mutter, nachdem diese einen geheimnisvollen Brief bekommen hatte, und wenige Tage später kommt auch Emilys Vater nicht mehr zurück von seiner Suche nach Emilys Mutter. Emilys einzige Hoffnung, mehr über den Verbleib ihrer Eltern herauszufinden, besteht darin, den Arbeitsplatz ihres Vaters aufzusuchen: die Night Post. Doch schnell muss sie feststellen, dass dies gar nicht so einfach ist, denn die Night Post befindet sich nicht in dem Teil von London, den Emily Tag für Tag sieht, sondern in der Midnight Hour. Die Midnight Hour ist eine magische Welt, in der ewige Nacht herrscht und die nur zwischen dem ersten und letzten mitternächtlichen Glockenschlag von Big Ben betreten werden kann.

Für Emily ist es ein großer Schock festzustellen, dass es nicht nur eine geheime magische Welt gibt, in der lauter Monster leben, sondern auch, dass ihre Eltern vielfältige Verbindungen zur Midnight Hour haben. Gerüstet mit einem Rücksack voller Sandwiches, einem halbverhungertem Igel und mehr Mut als Verstand, macht Emily sich in der Midnight Hour auf die Suche nach ihren Eltern. Im Laufe ihres Abenteuers muss sie sich mit unglaublich alten Mächten, Vampiren, Werbären und anderen Monstern herumschlagen, findet aber auch ein paar überraschende Verbündete, die ihr helfen, ihre Eltern wiederzufinden. Mir persönlich hat diese magische Parallelwelt, in der all die übernatürlichen Wesen überleben, nachdem unsere Welt für sie zu magiefeindlich geworden ist, gut gefallen. Es gibt so viele amüsante und fantastische Dinge in dieser Welt und vor allem die Night Post (wenn auch nicht unbedingt ihr Leiter) ist einfach großartig. Dabei sparen Benjamin Read und Laura Trinder nicht mit gruseligen oder ekeligen Elemente, übertreiben es aber nicht so sehr, dass es mich beim Lesen abgeschreckt hätte (und ich würde vermuten, dass ich da empfindlicher bin als die meisten Kinder es wären 😉 ).

Ich mochte auch Emily sehr gern. Sie ist unhöflich, impulsiv und unverschämt und reißt ihre Klappe immer viel zu weit auf – aber ihr ist auch bewusst, dass ihr Naturell es anderen Personen nicht einfach macht und dass sie regelmäßig zu weit geht. Auf der anderen Seite helfen ihr all diese Eigenschaften aber auch dabei, nicht den Mut zu verlieren und sich selbst gegen die unheimlichsten Gegner zu behaupten, so dass es oft überraschend amüsant ist, mitzuerleben, wenn Emilys Temperament mal wieder mit ihr durchgeht. „The Midnight Hour“ erzählt eine temporeich und flüssig zu lesende Geschichte, die voller spannender, aber auch amüsanter Momente ist. Ich mochte es, Emily dabei zu begleiten, wie sie die fantastische Welt erkundet, wie sie mehr über sich und ihre Familie herausfindet, wie sie Verbündete findet und sich gegen uralte Mächte stellt, obwohl all dies nicht immer einfach für sie ist. Mir hat es viel Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen, und ich freue mich darauf, auch die beiden anderen Bände („The Midnight Howl“ und „The Midnight Hunt“) rund um Emily und die Midnight Hour zu lesen.

Lesezeit (2) – At Bertram’s Hotel

Meine heutige „Lesezeit“ verbringe ich mit „At Bertram’s Hotel“ von Agatha Christie – einem meiner Lieblings-Miss-Marple-Titel, auch wenn ich den Kriminalfall an sich etwas offensichtlich finde. Aber man erfährt in diesem Roman so viele Kleinigkeiten über Miss Marple, über ihr Leben und über ihre Familie, dass ich das Gefühl habe, dass ich bei jedem erneutem Lesen wieder eine neue kleine Facette über diese Figur mitnehmen kann. Viel Zeit habe ich heute Nachmittag nicht zum Lesen, aber ich habe Lust auch diesen Reread hier zu kommentieren, also gönne ich mir dafür einen weiteren „Lesezeit“-Beitrag.

Links die Taschenbuchausgabe von "At Bertram's Hotel", rechts eine große Tasse mit Milchkaffee und dazwischen liegt ein kleines japanisches KitKat (Geschmacksrichtung Schoko-Orange)

Ich liebe es, wie Agatha Christie in den ersten Absätzen das Hotel und sein (früheres) Klientel vorstellt. Obwohl ich weder die Zeit erlebt habe, noch je solche Personen getroffen habe, kann ich mir trotzdem genau vorstelle, was für Menschen im Bertram’s wohnten. Diese kurze Erwähnung von verwitweten Landadeligen, religiösen Würdenträgern, Schulmädchen, die auf dem Weg von ihrem oder in ihr gehobenes Internat sind, – alles so ehrbar, altmodisch und Edwardianisch, obwohl sich doch sonst alles im Laufe der Zeit verändert hat. Und alle Beschreibungen erfolgen aus der Sicht einer älteren Dame – nicht, weil Miss Marple schon eingeführt wurde, sondern weil einen die Autorin dazu bringt durch die Augen einer älteren, rheumatischen Person das Hotel zu betrachten. Und dementsprechend weiß man auch als Leser, der sonst vielleicht nicht auf solche Details achtet, den höflichen Portier, die von Kohlenfeuern erwärmte Eingangshalle und die bequemen, hohen Sessel, die dort stehen, zu schätzen.

Außerdem finde ich es großartig, wie Agatha Christie von Anfang an klarstellt, dass die altmodische Atmosphäre im Bertram’s nichts anderes als eine Kulisse ist. Ein kleines Gespräch zwischen dem Manager Mr. Humfries und dem zu Gast seienden Colonel Luscombe und schon weiß der Leser, dass das Bertram’s für manche Gäste „Sonderpreise“ einrichtet, weil diese eben zu den Personen gehören, die für die traditionelle, gediegene Atmosphäre sorgen. Und als Kontrast dann die erste Szene mit Jane Marple, die darüber nachdenkt, dass in St. Mary Mead eben nicht alles beim Alten geblieben ist und dass Veränderung nun einmal unabwendbar ist … Ich sollte vermutlich mehr lesen und weniger schreiben, aber genau dies sind diese kleinen Elemente, die ich bei Agatha Christies Geschichten so sehr liebe, und es bereitet mir Freude all diese kleinen Beobachtungen aufzuschreiben, statt sie nur beim Lesen kurz zu registrieren und dann weiterzublättern …

Oh, ich freu mich schon darauf in den nächsten Tagen Zeit mit diesem Buch zu verbringen. 🙂

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Dienstag (05.10.) – Kapitel 6 bis 10

Obwohl in den ersten fünf Kapiteln alle wichtigen Figuren vorgestellt wurden und man einen Eindruck von den ersten Verwicklungen bekommen hat, muss ich gestehen, dass ich in den letzten Tagen eigentlich nur über die Dinge nachgedacht habe, die diese ersten Kapitel von „At Bertram’s Hotel“ über Miss Marple verraten. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich mir vorher noch nie Gedanken darüber gemacht habe, dass ihr Vater anscheinend in ihrem Leben keine große Rolle gespielt hat. Was den Verdacht nahelegt, dass er früh verstorben ist, aber wenn ich mich richtig erinnere, gibt es darüber keine Informationen. Stattdessen verweist Jane Marple immer wieder auf Aussagen und Grundsätze ihrer Mutter und den Besuch in Bertram’s Hotel, den sie als vierzehnjähriges Mädchen so sehr genossen hat, verdankte sie einem Onkel. Außerdem habe ich mir – mal wieder – Gedanken über Miss Marples Status gemacht. Jane Marple ist nicht wirklich reich, sie ist darauf angewiesen, dass ihre wohlhabenden Freundinnen oder ihr erfolgreicher Neffe für größere Reisen zahlt und auch der aktuelle Aufenthalt im Bertram’s ist ein Geschenk gewesen. Auf der anderen Seite hat sie gemeinsam mit wirklich reichen und/oder adeligen Mädchen eine Schweizer Mädcheninternat besucht und genug Geld von ihren Eltern geerbt, dass sie nie arbeiten musste und sich sogar immer ein Dienstmädchen leisten konnte.

Ansonsten muss ich zugeben, dass ich die Figur Elvira Blake einfach nicht leiden kann und da ein Großteil der Handlung sich um sie dreht bzw. von ihr ausgelöst wird, ist es wirklich schwierig diese Passagen zu genießen. Umso schöner finde ich es, wie sich Jane Marple bei ihrem Einkauf in „The Army & Navy Shop“ an ihre Tante Helen erinnert und wie diese früher dort Vormittage verbrachte, an denen sie für alle möglichen Gelegenheiten in den kommenden Monaten einkaufte. Durch all diese Erinnerungen an vergangene Zeiten, erfährt man in diesem Buch so unglaublich für über Jane Marples Familie und ihre Kindheit und Jugend. Und dann natürlich noch die Person, deren Vergesslichkeit am Ende zur Auflösung des Falles beitragen wird, Canon Pennyfather. Dieser wird von Agatha Christie so rührend in seiner Hilflosigkeit beschrieben, dass ich am Liebsten jedes Mal dafür sorgen würde, dass er jemanden zur Seite gestellt bekommt, der dafür sorgt, dass er seine Termine, seine Mahlzeiten und alles andere auf die Reihe bekommt. *g*

Grundsätzlich muss ich aber zugeben, dass ich Agatha Christies Romane lieber mag, wenn sich der Kern der Geschichte weniger um „Wer schläft/schlief mit wem?“ dreht …

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Dienstag (12.10.) Kapitel 11 bis 15

Inzwischen wird Canon Pennyfather von seiner Haushälterin vermisst, während Miss Marple sich rundum in London vergnügt. Ich finde es sehr passend, dass ihre Ansicht von Vergnügen keine kulturellen Veranstaltungen oder ähnliches beinhalten, sondern die Suche nach Porzellan und Leinen und natürlich das Auffrischen von Erinnerungen. Letzteres tut sie natürlich, indem sie schaut, ob sie einige der Geschäfte wiederfindet, die sie von früher kennt. Und natürlich versucht sie beim Verlassen des Hotels den Pförtner zu vermeiden, der der Meinung ist, sie müsse unbedingt ein Taxi nehmen statt mit dem Bus oder der U-Bahn zu fahren. *g*

Was mir nicht so gut gefällt, ist, dass Miss Marple schon zum zweiten Mal zufällig über ein Paar stolpert, dass in einem altmodischen Café bzw. Teesalon absolut fehl am Platz ist. Das ist mir doch etwas viel Zufall in einer Stadt wie London und ich hätte es schöner gefunden, wenn Agatha Christie eine bessere Möglichkeit gefunden hätte, um ihre Hinweise in die Geschichte einzustreuen. Aber nun gut, wir hatten ja schon mehr zufällige Begegnungen, ohne die der Krimianteil des Romans überhaupt nicht zustande gekommen wäre, da stören zwei weitere Zufälle auch nicht mehr.

Und ich mag den erfahrenen Polizisten (Chief-Inspector „Father“ Davy), der das Bertram’s auf dem Kieker hat. Für unauffällige, aber fähige Polizisten hat Agatha Christie in ihren Romanen ja eine Schwäche und hier zweifeln sogar die etwas unerfahreneren Untergebenen an der Genialität ihres Vorgesetzten. Was mich auf einen weiteren Punkt bringt, den ich an Miss Marple mag: Sie ist überraschend diskret, obwohl sie doch so viel auszuplaudern scheint. Aber solange etwas nur seltsam ist oder sie das Gefühl hat, dass sie nicht das Recht hat sich einzumischen (zum Beispiel weil jeder Mensch nun einmal seine eigenen Fehler machen muss), behält sie viele Beobachtungen für sich und denkt sich einfach nur ihren Teil. Es ist nicht so, dass sie gar nicht tratschen würde, aber sie ist nie diejenige, die von sich aus Klatsch verbreitet. (Es sei denn, sie ermittelt gerade aktiv, aber das ist dann eher … eine Ausnahmesituation.)

Es bleibt dabei, es ist nicht der beste Kriminalfall, denn sich Agatha Christie da ausgedacht hat, aber ich mag die Idee so eine Geschichte rund um ein Hotel wie das Bertram’s zu spinnen, ich mag all die Informationen rund um Miss Marple und ich mag den ermittelnden Polizisten. Alles in allem fühle ich mich als wieder gut unterhalten.

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Dienstag (19.10.) Kapitel 16 bis 20

So langsam kommt Bewegung in die ganze Angelegenheit! Der arme Canon Pennyfather ist inzwischen wieder aufgetaucht und erinnert sich natürlich an gar nichts und Chief-Inspector Davy wendet sich an einen ganz hohen Finanzmenschen (Auftritt Mr. Robinson – ich finde es schön, dass Agatha Christie immer wieder auf ihn zurückkommt), um mehr über die Hintergründe des Hotels zu erfahren. Alles in allem passiert gar nicht so viel in diesen Kapiteln, abgesehen davon, dass der Chief-Insector Informationen sammelt, noch einmal mit Miss Marple redet (die überlegt, ob sie ihr Herz ausschütten soll, weil sie sich Sorgen um eine junge Frau macht) und Ohrenzeuge eines Mordes wird, gerade als er Miss Marple versichert, dass es keinen Mord geben wird …

Ich bleibe dabei, dass ich es sehr schön finde, wie immer wieder in dem Roman durchschimmert, dass eine Person sich vielleicht nach „der guten alten Zeit“ zurücksehnen kann, dass es aber selbst in einem Hotel wie dem Bertram’s unmöglich ist wirklich die Zeit zurückzudrehen … Oh, und ich liebe die kleine Geschichte, die Miss Marple über ihre Großmutter und einen gemeinsamen Ausflug mit ihr und ihrer Mutter nach Paris erzählt! Ob das wohl auf einer eigenem Erlebnis mit Agatha Christies Großmutter basierte? Eine sehr hübsche Szene! 🙂 Nur noch eine Nachmittags-Leserunde mit dem Buch und dann ist es auch schon wieder vorbei.

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Dienstag (26.10.) Kapitel 21 bis Ende

Kapitel 21 beginnt mit einem Mutter-Tochter-Vergleich, der nicht sehr schmeichelhaft für Elvira ausfällt. Ich glaube, ich hätte es wirklich lieber gemocht, wenn Agatha Christie diesen Charakter sympathischer angelegt hätte, gerade weil es so viele andere Figuren in der Geschichte gibt, die (stellenweise etwas fischig, aber) ungemein charmant sind. Im Kontrast zu diesen Figuren kann Elvira nur verlieren, was bei mir dazu führt, dass ich grundsätzlich das Schlimmste von ihr erwarte – und deshalb auch erwartet hätte, dass Miss Marple weniger Mitleid mit der jungen Frau hätte. Ansonsten finde ich es wunderschön, wie der Chief-Inspector fleißig einen Hinweis nach dem anderen sammelt, immer wieder Bestätigungen für seine Theorien findet und dann am Ende mit Miss Marple redet und zu seiner Überraschung feststellen muss, dass sie – natürlich – sehr viele dieser gesammelten Details schon längst wusste (oder vermutete). Und am Ende der Geschichte bleibt ihr nur so etwas wie Trauer – Trauer für eine Zeit, die schon lange vergangen ist, und für ein Kunstwerk wie „Bertram’s Hotel“.

Ich bleibe dabei, dass das definitiv nicht Agatha Christies bester Roman ist, aber ich mag all die kleinen Elemente rund um Miss Marples Kindheit und um ihre Familie, die in dieser Geschichte erwähnt werden, und ich habe mich auch dieses Mal beim Lesen wieder wunderbar unterhalten gefühlt. 🙂

Tamzin Merchant: The Hatmakers

Vor ein paar Tagen habe ich „The Hatmakers“ von Tamzin Merchant beendet und mich dabei wunderbar mit diesem Debütroman amüsiert. (Wobei ich erst einmal einen Hinweis von Anette brauchte, um zu kapieren, dass ich der Autorin schon als Schauspielerin in der 2005er-Verfilmung von „Pride & Prejudice“ begegnet war. *g*) Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Cordelia Hatmaker erzählt, deren Familie seit vielen Generationen magische Hüte anfertig. Jeder Hut, der die Werkstatt der Hatmakers verlässt, beeinflusst mit seiner Magie seinen Träger oder seine Trägerin. Cordelias Familie ist sich nur zu bewusst, welche Verantwortung sie mit der Herstellung ihrer Hüte trägt, und so wurde Cordelia von klein auf eingeprägt, wie wichtig die richtigen Materialien, die Launen der Hutmacher und natürlich die Ausgewogenheit aller Bestandteile beim Herstellen sind. Umso schlimmer ist es, dass gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem der König dringend einen „Peace Hat“ benötigt, Cordelias Vater in einem Sturm vermisst wird. Natürlich versucht Cordelia alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Vater zu retten, und stolpert dabei über mysteriöse Ereignisse, die die Zukunft aller Maker-Familien gefährdet.

Für mich gab es am Anfang von „The Hatmakers“ so einige Elemente, die mich an Geschichten von Diana Wynne Jones erinnert haben, wie die magischen Hüte (Sophie aus „Howl’s Moving Castle“), das Zusammenleben der Hatmakers in ihrem großen Haus und die Rivalität der verschiedenen Maker-Familien untereinander (wie bei den Montana- und Petrocchi-Familien in „The Magicians of Caprona“). Aber da ich genau diese Dinge sehr mag und Tamzin Merchant aus diesen vertraut wirkenden Sachen eine wunderbare Geschichte gesponnen hat, störte mich das überhaupt nicht. Cordelia ist eine wunderbare Protagonistin, wild entschlossen, ihren Vater zu retten, und voller Einfallsreichtum, was die diversen Herausforderungen betrifft, die sie dabei zu bewältigen hat. Schon früh steht fest, dass das britische Königreich kurz vor einem Krieg mit Frankreich steht, während der König ein paar unerwartete Probleme beim Regieren hat. Und obwohl die Autorin die Gefahr, die durch diesen Krieg für die Bevölkerung entsteht, nicht verharmlost, gibt es so viele absurde und komische Momente rund um diesen Teil der Geschichte, dass ich ständig beim Lesen schmunzeln musste.

Mir gefiel auch sehr die Art und Weise, wie Tamzin Merchant Magie und Handwerk in ihrer Geschichte verknüpft hat und wie die verschiedenen Materialien und ihre Gewinnung beschrieben wurden. Und obwohl die Enthüllung der Personen, die im Hintergrund an den Fäden gezogen haben, keine Überraschung war, fand ich es spannend zu lesen, welche fiesen Taten sie sich als nächstes ausdenken würden – und wie Cordelia ihre Pläne (unwissentlich oder bewusst) sabotieren würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir für eine der bösen Personen ein anderes Ende gewünscht hätte (oder dass sie sich als nicht ganz so fies und rachsüchtig herausstellen würde), weil – und das ist die einzige Art, es ohne Spoiler auszudrücken – die Maker schließlich sieben Sterne in ihrem Logo haben.

Insgesamt habe ich mich aber einfach nur wohlgefühlt mit all den großen und kleinen Abenteuern, die Cordelia erlebt, ich habe mit ihr mitgelitten, wenn sie um das Leben ihres Vater gebangt hat, und mich gefreut, wenn sie eine Lösung für eines der vielen Probleme gefunden hat, die sie beschäftigen. Ich mochte Cordelia wirklich sehr als Protagonistin mit all ihrer Dickköpfigkeit, ihrem Einfallsreichtum und ihren großen und kleinen Fehlern, und auch die verschiedenen Nebenfiguren habe ich schnell ins Herz geschlossen und mich über jeden kleineren und größeren Auftritt gefreut, den sie bekamen. Da die Ideen hinter „The Hatmakers“ noch so einigen Stoff für weitere Geschichten bieten und Cordelia so eine wunderbare Protagonistin ist, freue ich mich sehr, dass im kommenden Jahr ein zweiter Band mit dem Titel „The Mapmakers“ erscheinen soll. Ich hoffe, dass es in dem Roman dann auch wieder sehr viele magische Elemente und sehr viele Szenen mit Cordelias Familie und Freunden geben wird.

Y. S. Lee: A Spy in the House (The Agency 1)

Über die Autorin Y. S. Lee bin ich in der „The Underwater Ballroom Society“-Anthologie gestolpert, und da mir ihre Kurzgeschichte „Twelve Sisters“ so gut gefiel, habe ich nach anderen Veröffentlichungen von ihr Ausschau gehalten. „A Spy in the House“ ist der Debütroman der Autorin, und mir hat die Geschichte rund um die siebzehnjährige Mary, die mit zwölf Jahren zum Tod durch den Galgen verurteilt wurde und stattdessen eine neue Identität und eine Ausbildung als Spionin bekam, sehr gut gefallen. Marys erster Auftrag führt sie in den Haushalt des Händlers Thorold, der unter dem Verdacht steht, aus Indien und China geschmuggelte Waren unterschlagen und seine Schiffe fälschlich als verloren gemeldet zu haben. Mary weiß nicht, wer den Auftrag erteilt hat, und als Anfängerin im Geschäft soll sie nur die Vorgänge in der Familie beobachten und alle verdächtigen Informationen an ihre Vorgesetzte weiterleiten. Doch natürlich möchte Mary beweisen, dass sie gut genug für diesen Job ist, und so beginnt sie, ihre Nase aktiver in die Angelegenheiten der Thorolds zu stecken, und entdeckt so einige schmutzige Geheimnisse.

Mir hat es sehr gut gefallen, dass Marys Charakter eine glaubwürdige Mischung aus Stärken und Schwächen aufweist, die dafür sorgen, dass sie immer wieder zwischen Überschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und Zweifeln an diesen schwankt. So findet sie zwar einige Dinge über die Familie Thorold heraus, indem sie ihre „nur beobachten“-Anweisung missachtet, stört damit aber auch die Ermittlungen ihrer (ihr unbekannten) erfahreneren Kollegin. Aber nicht nur Marys Darstellung hat mir gefallen, sondern auch die verschiedenen Nebencharaktere, die selten ins Stereotypische abgleiten und dafür im Laufe der Handlung Facetten zeigen, die sie stimmig und realistisch wirken lassen. So bekommt man die Geschichte nicht nur aus der Sicht von Mary erzählt, sondern auch aus der Perspektive von James Easton, der aus ganz eigenen Gründen versucht, mehr über die Geschäfte von Mr. Thorold herauszufinden.

Ebenso beeindruckend wie die Charaktere waren die atmosphärischen Beschreibungen von Y. S. Lee rund um das alltägliche Leben im Jahr 1858 in London, inklusive des Einflusses der Themse (und ihrer Verschmutzung) auf das Klima und die aktuellen Großbaustellen der Stadt. Die Autorin streift in „A Spy in the House“ die unterschiedlichsten Themen vom Leben in einem finanziell gut gestellten bürgerlichen Haushalt über die Lebensumstände einer Familie in ärmeren Verhältnissen und das Leben von ausländischen Seemännern in London bis zur Höhe von Bestrafungen für (kleinere) Verbrechen. Marys „verbrecherische“ Karriere, ihre überraschende Aufnahme in die Agency und ihre Herkunft bieten dabei für Y. S. Lee viele Ansatzpunkte, um all diese Aspekte natürlich in die Handlung einfließen zu lassen. Außerdem hat mich die Autorin immer wieder mit humorvollen Szenen überrascht, die ich an diesen Stellen der Handlung so nicht erwartet hätte, die mich aber wunderbar unterhalten haben.

Auch der Krimianteil in „A Spy in the House“ ist solide konstruiert und mit genügend Nebensträngen versehen, so dass man schön mitraten (und sich stellenweise in die Irre führen lassen) kann. Die Identität des „großen Bösewichts“ fand ich zwar am Ende nicht so überraschend, aber die Aufdeckung – inklusive des klassischen Geständnisses gegenüber dem nächsten Opfer – war gut genug geschrieben, dass ich damit definitiv nicht unglücklich war. Insgesamt bin ich mehr als zufrieden mit dem Roman und freu mich sehr, dass die Reihe rund um Mary und „The Agency“ vier Bände umfasst, so dass ich mich auf drei weitere Bücher freuen kann, die mir hoffentlich ebenso unterhaltsame Lesestunden bereiten wie der Auftaktband.

Christopher Skaife: The Ravenmaster – My Life with the Ravens at the Tower of London

Ich folge dem Ravenmaster schon seit einigen Jahren auf Twitter und finde es immer wieder spannend, wenn er von seinen Raben erzählt oder Fotos der schönen Tiere zeigt, weshalb ich natürlich auch neugierig auf sein Buch über sein Leben mit den Raben des Londoner Towers war. „The Ravenmaster“ lässt sich gut lesen, denn Christopher Skaife versteht es, unterhaltsam und interessant zu schreiben, auch wenn man stellenweise schon merkt, dass er als Yeoman Warder seit vielen Jahren tagtäglich mit Touristen zu tun hat und deshalb viele Fakten und Aussagen schon sehr, sehr oft wiederholt hat. Aber das macht das Buch nicht schlecht, es sorgt nur dafür, dass hier und da etwas Routine oder gar Verdruss durchblitzt, wenn es um (lästige) Fragen rund um den Tower geht, die häufig gestellt werden – etwas, das wohl jeder kennt, der schon mal einen Job mit viel Kunden-/Touristenkontakt hatte.

Das Buch beginnt mit dem alltäglichen Morgenprogramm des Ravenmasters und endet mit dem nächtlichen Einsperren der Vögel, wobei Christopher Skaife mit den einzelnen Tagespunkten seiner Arbeit Details über seine Raben, seine Arbeit als Ravenmaster, seine Kindheit oder seine Zeit in der britischen Armee verknüpft. Aber nicht nur solche persönlichen Elemente verflicht der Autor mit seinem Bericht über die Routine als Ravenmaster, sondern auch historische Begebenheiten rund um den Tower und seine Bewohner, die Rolle von Raben in der Literatur und allgemeine Informationen rund um Raben(vögel). Ich mochte diese bunte Mischung aus Biografie, Tätigkeitsbeschreibung und Liebeserklärung an die Raben des Towers, ich habe mich beim Lesen gut amüsiert, habe einiges über Raben gelernt und eine noch viel bessere Vorstellung vom Charakter der beeindruckenden Vögel bekommen als schon über den Twitteraccount des Ravenmasters.

Auch hat es mir gefallen, dass Christopher Skaife nicht verschweigt, dass ihm seine Raben zwar am Herzen liegen und er eine Menge für die intelligenten Vögel tut, dass es aber auch selbst für einen so geduldigen Menschen wie ihn nicht immer einfach ist, Ruhe zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. „Seine“ Raben sind keine Haustiere, sondern sehr intelligente Vögel, die immer wieder ihre Grenzen austesten müssen, sensibel auf Ungeduld oder Unruhe reagieren und eventuelles Fehlverhalten nicht so schnell verzeihen. So fand ich die Passagen, die sich direkt um die Tower-Raben drehten, eigentlich am spannendsten, weil ich mir vorher relativ wenig Gedanken darüber gemacht hatte, wie Vögel überhaupt im Tower gehalten werden, wie sich bei Raben zum Beispiel die Rangordung gestaltet und welche Folgen es hat, wenn so viele Raben (im Tower leben immer mindestens sechs von ihnen) so artgerecht wie möglich auf relativ engem Raum zusammenleben.

Das Buch hat mir große Lust gemacht, einmal den Tower und seine (gefiederten) Bewohner zu besuchen und ebenso hätte ich Lust, an einer Führung durch einen der Yeoman Warder teilzunehmen (und mich zu fragen, an welchen Stellen reale historische Begebenheiten erzählt werden und an welchen die Fantasie des Führenden eventuelle reale Ereignisse überlagert). Ich mochte den großteils humorvollen Ton, den Christopher Skaife in seinem Buch anschlägt, ebenso wie seinen liebevoll-spöttischen Blick auf seine Arbeit mit den Touristen und die Geschichten, die tagtäglich rund um den Tower erzählt werden. Auch ist mir aufgefallen, dass ich in den Tagen, nachdem ich „The Ravenmaster“ gelesen hatte, mit deutlich aufmerksamerem Blick die Vögel beobachet hatte, die ich regelmäßig auf und über den anliegenden Häuserdächern zu sehen bekomme. Am Ende war ich doch ein bisschen überrascht, wie sehr mir die Raben des Towers durch die Beschreibungen Christopher Skaifes beim Lesen ans Herz gewachsen sind und wie gern ich diese Vögel mal aus (relativer) Nähe sehen würde.