Schlagwort: London

Tamzin Merchant: The Hatmakers

Vor ein paar Tagen habe ich „The Hatmakers“ von Tamzin Merchant beendet und mich dabei wunderbar mit diesem Debütroman amüsiert. (Wobei ich erst einmal einen Hinweis von Anette brauchte, um zu kapieren, dass ich der Autorin schon als Schauspielerin in der 2005er-Verfilmung von „Pride & Prejudice“ begegnet war. *g*) Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Cordelia Hatmaker erzählt, deren Familie seit vielen Generationen magische Hüte anfertig. Jeder Hut, der die Werkstatt der Hatmakers verlässt, beeinflusst mit seiner Magie seinen Träger oder seine Trägerin. Cordelias Familie ist sich nur zu bewusst, welche Verantwortung sie mit der Herstellung ihrer Hüte trägt, und so wurde Cordelia von klein auf eingeprägt, wie wichtig die richtigen Materialien, die Launen der Hutmacher und natürlich die Ausgewogenheit aller Bestandteile beim Herstellen sind. Umso schlimmer ist es, dass gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem der König dringend einen „Peace Hat“ benötigt, Cordelias Vater in einem Sturm vermisst wird. Natürlich versucht Cordelia alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Vater zu retten, und stolpert dabei über mysteriöse Ereignisse, die die Zukunft aller Maker-Familien gefährdet.

Für mich gab es am Anfang von „The Hatmakers“ so einige Elemente, die mich an Geschichten von Diana Wynne Jones erinnert haben, wie die magischen Hüte (Sophie aus „Howl’s Moving Castle“), das Zusammenleben der Hatmakers in ihrem großen Haus und die Rivalität der verschiedenen Maker-Familien untereinander (wie bei den Montana- und Petrocchi-Familien in „The Magicians of Caprona“). Aber da ich genau diese Dinge sehr mag und Tamzin Merchant aus diesen vertraut wirkenden Sachen eine wunderbare Geschichte gesponnen hat, störte mich das überhaupt nicht. Cordelia ist eine wunderbare Protagonistin, wild entschlossen, ihren Vater zu retten, und voller Einfallsreichtum, was die diversen Herausforderungen betrifft, die sie dabei zu bewältigen hat. Schon früh steht fest, dass das britische Königreich kurz vor einem Krieg mit Frankreich steht, während der König ein paar unerwartete Probleme beim Regieren hat. Und obwohl die Autorin die Gefahr, die durch diesen Krieg für die Bevölkerung entsteht, nicht verharmlost, gibt es so viele absurde und komische Momente rund um diesen Teil der Geschichte, dass ich ständig beim Lesen schmunzeln musste.

Mir gefiel auch sehr die Art und Weise, wie Tamzin Merchant Magie und Handwerk in ihrer Geschichte verknüpft hat und wie die verschiedenen Materialien und ihre Gewinnung beschrieben wurden. Und obwohl die Enthüllung der Personen, die im Hintergrund an den Fäden gezogen haben, keine Überraschung war, fand ich es spannend zu lesen, welche fiesen Taten sie sich als nächstes ausdenken würden – und wie Cordelia ihre Pläne (unwissentlich oder bewusst) sabotieren würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir für eine der bösen Personen ein anderes Ende gewünscht hätte (oder dass sie sich als nicht ganz so fies und rachsüchtig herausstellen würde), weil – und das ist die einzige Art, es ohne Spoiler auszudrücken – die Maker schließlich sieben Sterne in ihrem Logo haben.

Insgesamt habe ich mich aber einfach nur wohlgefühlt mit all den großen und kleinen Abenteuern, die Cordelia erlebt, ich habe mit ihr mitgelitten, wenn sie um das Leben ihres Vater gebangt hat, und mich gefreut, wenn sie eine Lösung für eines der vielen Probleme gefunden hat, die sie beschäftigen. Ich mochte Cordelia wirklich sehr als Protagonistin mit all ihrer Dickköpfigkeit, ihrem Einfallsreichtum und ihren großen und kleinen Fehlern, und auch die verschiedenen Nebenfiguren habe ich schnell ins Herz geschlossen und mich über jeden kleineren und größeren Auftritt gefreut, den sie bekamen. Da die Ideen hinter „The Hatmakers“ noch so einigen Stoff für weitere Geschichten bieten und Cordelia so eine wunderbare Protagonistin ist, freue ich mich sehr, dass im kommenden Jahr ein zweiter Band mit dem Titel „The Mapmakers“ erscheinen soll. Ich hoffe, dass es in dem Roman dann auch wieder sehr viele magische Elemente und sehr viele Szenen mit Cordelias Familie und Freunden geben wird.

Y. S. Lee: A Spy in the House (The Agency 1)

Über die Autorin Y. S. Lee bin ich in der „The Underwater Ballroom Society“-Anthologie gestolpert, und da mir ihre Kurzgeschichte „Twelve Sisters“ so gut gefiel, habe ich nach anderen Veröffentlichungen von ihr Ausschau gehalten. „A Spy in the House“ ist der Debütroman der Autorin, und mir hat die Geschichte rund um die siebzehnjährige Mary, die mit zwölf Jahren zum Tod durch den Galgen verurteilt wurde und stattdessen eine neue Identität und eine Ausbildung als Spionin bekam, sehr gut gefallen. Marys erster Auftrag führt sie in den Haushalt des Händlers Thorold, der unter dem Verdacht steht, aus Indien und China geschmuggelte Waren unterschlagen und seine Schiffe fälschlich als verloren gemeldet zu haben. Mary weiß nicht, wer den Auftrag erteilt hat, und als Anfängerin im Geschäft soll sie nur die Vorgänge in der Familie beobachten und alle verdächtigen Informationen an ihre Vorgesetzte weiterleiten. Doch natürlich möchte Mary beweisen, dass sie gut genug für diesen Job ist, und so beginnt sie, ihre Nase aktiver in die Angelegenheiten der Thorolds zu stecken, und entdeckt so einige schmutzige Geheimnisse.

Mir hat es sehr gut gefallen, dass Marys Charakter eine glaubwürdige Mischung aus Stärken und Schwächen aufweist, die dafür sorgen, dass sie immer wieder zwischen Überschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und Zweifeln an diesen schwankt. So findet sie zwar einige Dinge über die Familie Thorold heraus, indem sie ihre „nur beobachten“-Anweisung missachtet, stört damit aber auch die Ermittlungen ihrer (ihr unbekannten) erfahreneren Kollegin. Aber nicht nur Marys Darstellung hat mir gefallen, sondern auch die verschiedenen Nebencharaktere, die selten ins Stereotypische abgleiten und dafür im Laufe der Handlung Facetten zeigen, die sie stimmig und realistisch wirken lassen. So bekommt man die Geschichte nicht nur aus der Sicht von Mary erzählt, sondern auch aus der Perspektive von James Easton, der aus ganz eigenen Gründen versucht, mehr über die Geschäfte von Mr. Thorold herauszufinden.

Ebenso beeindruckend wie die Charaktere waren die atmosphärischen Beschreibungen von Y. S. Lee rund um das alltägliche Leben im Jahr 1858 in London, inklusive des Einflusses der Themse (und ihrer Verschmutzung) auf das Klima und die aktuellen Großbaustellen der Stadt. Die Autorin streift in „A Spy in the House“ die unterschiedlichsten Themen vom Leben in einem finanziell gut gestellten bürgerlichen Haushalt über die Lebensumstände einer Familie in ärmeren Verhältnissen und das Leben von ausländischen Seemännern in London bis zur Höhe von Bestrafungen für (kleinere) Verbrechen. Marys „verbrecherische“ Karriere, ihre überraschende Aufnahme in die Agency und ihre Herkunft bieten dabei für Y. S. Lee viele Ansatzpunkte, um all diese Aspekte natürlich in die Handlung einfließen zu lassen. Außerdem hat mich die Autorin immer wieder mit humorvollen Szenen überrascht, die ich an diesen Stellen der Handlung so nicht erwartet hätte, die mich aber wunderbar unterhalten haben.

Auch der Krimianteil in „A Spy in the House“ ist solide konstruiert und mit genügend Nebensträngen versehen, so dass man schön mitraten (und sich stellenweise in die Irre führen lassen) kann. Die Identität des „großen Bösewichts“ fand ich zwar am Ende nicht so überraschend, aber die Aufdeckung – inklusive des klassischen Geständnisses gegenüber dem nächsten Opfer – war gut genug geschrieben, dass ich damit definitiv nicht unglücklich war. Insgesamt bin ich mehr als zufrieden mit dem Roman und freu mich sehr, dass die Reihe rund um Mary und „The Agency“ vier Bände umfasst, so dass ich mich auf drei weitere Bücher freuen kann, die mir hoffentlich ebenso unterhaltsame Lesestunden bereiten wie der Auftaktband.

Christopher Skaife: The Ravenmaster – My Life with the Ravens at the Tower of London

Ich folge dem Ravenmaster schon seit einigen Jahren auf Twitter und finde es immer wieder spannend, wenn er von seinen Raben erzählt oder Fotos der schönen Tiere zeigt, weshalb ich natürlich auch neugierig auf sein Buch über sein Leben mit den Raben des Londoner Towers war. „The Ravenmaster“ lässt sich gut lesen, denn Christopher Skaife versteht es, unterhaltsam und interessant zu schreiben, auch wenn man stellenweise schon merkt, dass er als Yeoman Warder seit vielen Jahren tagtäglich mit Touristen zu tun hat und deshalb viele Fakten und Aussagen schon sehr, sehr oft wiederholt hat. Aber das macht das Buch nicht schlecht, es sorgt nur dafür, dass hier und da etwas Routine oder gar Verdruss durchblitzt, wenn es um (lästige) Fragen rund um den Tower geht, die häufig gestellt werden – etwas, das wohl jeder kennt, der schon mal einen Job mit viel Kunden-/Touristenkontakt hatte.

Das Buch beginnt mit dem alltäglichen Morgenprogramm des Ravenmasters und endet mit dem nächtlichen Einsperren der Vögel, wobei Christopher Skaife mit den einzelnen Tagespunkten seiner Arbeit Details über seine Raben, seine Arbeit als Ravenmaster, seine Kindheit oder seine Zeit in der britischen Armee verknüpft. Aber nicht nur solche persönlichen Elemente verflicht der Autor mit seinem Bericht über die Routine als Ravenmaster, sondern auch historische Begebenheiten rund um den Tower und seine Bewohner, die Rolle von Raben in der Literatur und allgemeine Informationen rund um Raben(vögel). Ich mochte diese bunte Mischung aus Biografie, Tätigkeitsbeschreibung und Liebeserklärung an die Raben des Towers, ich habe mich beim Lesen gut amüsiert, habe einiges über Raben gelernt und eine noch viel bessere Vorstellung vom Charakter der beeindruckenden Vögel bekommen als schon über den Twitteraccount des Ravenmasters.

Auch hat es mir gefallen, dass Christopher Skaife nicht verschweigt, dass ihm seine Raben zwar am Herzen liegen und er eine Menge für die intelligenten Vögel tut, dass es aber auch selbst für einen so geduldigen Menschen wie ihn nicht immer einfach ist, Ruhe zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. „Seine“ Raben sind keine Haustiere, sondern sehr intelligente Vögel, die immer wieder ihre Grenzen austesten müssen, sensibel auf Ungeduld oder Unruhe reagieren und eventuelles Fehlverhalten nicht so schnell verzeihen. So fand ich die Passagen, die sich direkt um die Tower-Raben drehten, eigentlich am spannendsten, weil ich mir vorher relativ wenig Gedanken darüber gemacht hatte, wie Vögel überhaupt im Tower gehalten werden, wie sich bei Raben zum Beispiel die Rangordung gestaltet und welche Folgen es hat, wenn so viele Raben (im Tower leben immer mindestens sechs von ihnen) so artgerecht wie möglich auf relativ engem Raum zusammenleben.

Das Buch hat mir große Lust gemacht, einmal den Tower und seine (gefiederten) Bewohner zu besuchen und ebenso hätte ich Lust, an einer Führung durch einen der Yeoman Warder teilzunehmen (und mich zu fragen, an welchen Stellen reale historische Begebenheiten erzählt werden und an welchen die Fantasie des Führenden eventuelle reale Ereignisse überlagert). Ich mochte den großteils humorvollen Ton, den Christopher Skaife in seinem Buch anschlägt, ebenso wie seinen liebevoll-spöttischen Blick auf seine Arbeit mit den Touristen und die Geschichten, die tagtäglich rund um den Tower erzählt werden. Auch ist mir aufgefallen, dass ich in den Tagen, nachdem ich „The Ravenmaster“ gelesen hatte, mit deutlich aufmerksamerem Blick die Vögel beobachet hatte, die ich regelmäßig auf und über den anliegenden Häuserdächern zu sehen bekomme. Am Ende war ich doch ein bisschen überrascht, wie sehr mir die Raben des Towers durch die Beschreibungen Christopher Skaifes beim Lesen ans Herz gewachsen sind und wie gern ich diese Vögel mal aus (relativer) Nähe sehen würde.