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Kate Griffin: Kitty Peck and the Music Hall Murders

Von Kate Griffin hatte ich vor einigen Jahren ein wirklich ungewöhnliches (Urban-)Fantasybuch („The Madness of Angels“) gelesen, das mich wirklich fasziniert hatte. (Auch wenn ich die Fortsetzungen immer noch ungelesen im Regal stehen habe, weil ich das Gefühl habe, ich müsste mir mal ganz in Ruhe Zeit für die Reihe nehmen.) Als ich also vor einiger Zeit mitbekam, dass die Autorin auch einen historischen Krimi geschrieben hat, dachte ich, das sei eine gute Gelegenheit, mehr von Kate Griffin zu lesen, ohne mich „langfristig“ auf etwas einlassen zu müssen. „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ spielt im Jahr 1880 in Limehouse (London), und die Handlung wird aus Sicht der siebzehnjährigen Kitty erzählt, die seit ein paar Jahren hinter den Kulissen einer Music Hall arbeitet.

Diese Music Hall gehört Lady Ginger, einer Drogenbaronin, in deren Händen das Schicksal der meisten Personen in Limehouse liegt und die es als persönlichen Angriff auf ihr Geschäft wertet, als nach und nach Music-Hall-Mädchen verschwinden. Obwohl keine Leichen gefunden werden, steht schnell fest, dass keines der Mädchen freiwillig verschwunden ist, und „natürlich“ kann eine Person wie Lady Ginger nicht die Polizei auf den unbekannten Täter ansetzen. Also wird Kitty damit beauftragt herauszufinden, was mit ihren Kolleginnen passiert ist. Dieser Auftrag sorgt dafür, dass sie – statt weiter hinter den Kulissen von „The Gaudy“ zu arbeiten – ganz neue Fähigkeiten lernt und als neue Sensation auf der Bühne ins Scheinwerferlicht rückt. Allerdings bedeutet das auch, dass ihr Leben keinen Penny mehr wert sein wird, wenn sie Lady Ginger nicht so bald wie möglich den Verantwortlichen für das Verschwinden der Mädchen präsentieren kann.

Es gibt zwei Punkte in der Geschichte, die mir Probleme bereiten. Einmal die Tatsache, dass sexueller Missbrauch ständig ein Thema und eine Bedrohung für Kitty ist, ohne dass diese Szenen mehr zur Handlung beitragen als zu zeigen, wie sehr das Wohlergehen der (noch jungfräulichen) Protagonistin von den Launen der diversen Männer abhängig ist – was spätestens nach der ersten solchen Szene deutlich genug ist, um nicht ständig wieder aufgegriffen werden zu müssen. Den zweiten Punkt finde ich aber noch gravierender, und das ist der Widerspruch, der sich für mich daraus ergibt, dass Kitty auf der einen Seite von anderen Personen immer als intelligent und einfallsreich beschrieben wird, aber auf der anderen Seite so gar keine Initiative entwickelt, wenn es um die Ermittlungen rund um die verschwundenen Mädchen geht.

Es gibt so viele Gründe, wieso es für Kitty wichtig ist, dass sie so schnell wie möglich herausfindet, was mit ihren Kolleginnen passiert sein könnte. Aber sie ist trotzdem wochenlang vollkommen zufrieden damit, als passive Beobachterin zu agieren – und die einzige Begründung, die den Leser*innen dafür geboten wird, ist, dass sie doch gar nicht weiß, wie Ermittlungen geführt werden. Von einer Person, die sonst nicht auf den Mund gefallen ist, die zumindest einige der Opfer sehr gut kannte und deren eigenes Wohlergehen von ihrem Erfolg abhängt, finde ich das etwas … schwach. Es gäbe so viele Dinge, über die sie zumindest hätte nachdenken können, und es gäbe so viele Personen, mit denen sie hätte reden können, aber statt aktiv Erkundigungen anzustellen, lässt sie sich von ihrem Chef und Lady Ginger wochenlang aufwändig für die Bühne trainieren, nur um dann als Köder zu enden.

Ein Köder, dessen Leben (oder Erfolg beim Mörderfang) nicht wichtig genug zu sein scheint, um von irgendjemandem beschützt zu werden. Was mich zu der Frage bringt, welchen Sinn so ein Köder haben soll, wenn eventuell gewonnenes Wissen nicht mehr weitergeleitet werden kann, weil die einzige Person, die darüber verfügt, leider ermordet wurde. Ich muss gestehen, dass ich spätestens nach dem ersten Drittel dieses Romans ziemlich frustriert war, weil ich so viele Punkte schrecklich unrund fand. Der Krimianteil ist von der Autorin wirklich schlecht und unlogisch konstruiert worden, und wenn eine bestimmte Person Kitty zeitnah eine Sache aus der Vergangenheit erzählt hätte, hätte sich der gesamte Fall innerhalb der ersten 100 Seiten erledigt. All diese unstimmigen Elemente rund um Kittys Ausbildung als Bühnen-Künstlerin, die Details rund um das verübte Verbrechen und dazu noch Lady Gingers Verhalten haben mich beim Lesen so unglaublich frustriert.

Ich will gar nicht erst von der Grundidee anfangen, dass eine Verbrecherkönigin eine Siebzehnjährige als Ermittlerin einsetzt, statt einige Polizisten in der Hand zu haben, die für sie die Drecksarbeit machen, auch wenn ich zugeben muss, dass es am Ende der Geschichte fast so etwas wie eine Begründung für Lady Gingers Handeln gibt. Aber da die genauso wenig glaubhaft war wie viele andere Aspekte in diesem Buch, tröstet mich das auch nicht über diese schwache Ausgangsidee hinweg. Dabei hätte ich das Buch mit all seinen Details rund um das Leben in Limehouse wirklich gern genossen. Ich mag normalerweise Romane, die das Leben in einer Gegend zeigt, die so sehr von der Seefahrt und den dazugehörigen Schattenseiten geprägt ist wie das historische Limehouse. Ich freue mich, wenn solche Beschreibungen sich eher realistisch als romantisch anfühlen, und ich genieße es, wenn solche Geschichten dann auch die dementsprechende Vielfalt bei den Charakteren aufweisen. Aber obwohl Kate Griffin wirklich viele atmosphärische Szenen rund um das historische Limehouse in „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ eingebaut hat, konnten mich diese nicht über die restlichen Unstimmigkeiten in der Handlung hinwegsehen lassen.

Kate Griffin: The Madness of Angels (Matthew Swift 1)

Der Kauf von „The Madness of Angels“ von Kate Griffin war eine Folge meines Wühltischrausches im Mai, bei dem ich Band 2-4 der Matthew-Swift-Bücher und die beiden Teile der Folgeserie erstanden hatte. Die Geschichte spielt im aktuellen London, wobei für Matthew Swift und einige andere Personen Magie ganz selbstverständlich zu ihrem Leben gehört. Ich muss zugeben, dass ich anfangs ein paar Schwierigkeiten hatte, in die Welt und die Handlung reinzufinden, da die Autorin dem Leser nichts erklärt. Auf der einen Seite finde ich es wirklich gut, wenn eine Welt für den Protagonisten so selbstverständlich ist und der Leser sie sich deshalb selbst erarbeiten muss, auf der anderen Seite hat es für mich etwas gedauert, bis ich mich mit Matthew und seinen Erlebnissen wohlgefühlt habe. Wobei „wohlfühlen“ auch nicht ganz der passende Ausdruck ist, wenn man überlegt, wie düster seine Erlebnisse sind und wie befremdlich seine Perspektive stellenweise ist. Dazu hat es mich zu Beginn sehr irritiert, dass Matthew als Erzähler zwischen „ich“ und „wir“ schwankt, auch wenn natürlich von Anfang an klar war, dass er das nicht ohne Grund tat.

Matthew Swift war bis vor zwei Jahren ein durchschnittlicher Zauberer mit einem mehr oder weniger durchschnittlichem Privatleben, dessen einzige noch lebende Verwandte seine (etwas verrückt wirkende) Großmutter war. Doch dann passierte etwas Schreckliches mit Matthew, das – so nahm man zumindest allgemein an – seinen Tod zu Folge hatte. Für den Leser beginnt die Geschichte in dem Moment, in dem Matthew in seinem Schlafzimmer wieder zu Bewusstsein kommt und kurz darauf feststellen muss, dass fremde Menschen in seinem Haus leben. Da er niemandem vertrauen kann, irrt er wenig später durch die nächtlichen Straßen Londons und versucht herauszufinden, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist. Doch auch in der relativen Anonymität der Straßen ist es für ihn nicht sicher, und so startet sein Rachefeldzug damit, dass er von einem unheimlichen Monster, das aus Müll entstanden ist, angegriffen wird.

Wie gesagt, man muss sich erst einmal auf die Handlung und die Erzählweise einlassen und damit leben, dass es ein bisschen dauert, bis man eine Vorstellung davon bekommt, worum es in dieser Geschichte überhaupt geht. Auch macht es Matthew einem nicht so leicht, mit ihm warm zu werden, da er sehr distanziert mit all den Dingen umgeht, die ihm passieren. Aber ich fand die Grundidee hinter Matthews Verschwinden, seine Fähigkeiten und die Art und Weise, wie Kate Griffin sein Anderssein dargestellt hat, sehr faszinierend. Auch hat die Autorin für diese Variante eines modernen-magischen London ein vielseitiges Abstufungssystem für die unterschiedlichen Magieanweder verwendet, das ich sehr spannend fand.

Doch vor allem hat sie mich mit ihrer Darstellung von London fasziniert. Matthew nimmt die Stadt sehr detailliert war, wobei sein Fokus nicht immer dem eines normalen Menschen entspricht, und er liebt London in allen seinen Erscheinungsformen. So nimmt einen die Geschichte mit in die verschiedensten Bezirke der Stadt, lässt einen die unterschiedlichsten Bewohner kennenlernen und bietet von einem fast schon touristisch-verklärten bis zu einem beinahe desillusionierten Blick auf London alle Facetten, die eine so große und vielseitige Stadt aufzuweisen hat. Dazu kommt noch eine Handlung, die einen immer wieder an den Motiven der diversen Beteiligten zweifeln und darüber nachdenken lässt, wie weit jemand gehen darf, um das „Richtige“ zu tun. Auf jeden Fall war „The Madness of Angels“ ein Roman, der aus der Masse der Urban-Fantasy-Veröffentlichungen herausragt und eine spannende Geschichte erzählt.