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Seanan McGuire: The Girl in the Green Silk Gown (Ghost Roads 2)

Als im Mai 2014 „Sparrow Hill Road“ von Seanan McGuire veröffentlicht wurde, sah es nicht so aus, als ob es jemals weitere Geschichten zu Rose Marshall zu lesen gäbe, was ich sehr schade fand, denn ich mochte den Hitchhiker Ghost und seine Welt sehr gern. In diesem Jahr ist dann mit „The Girl in the Green Silk Gown“ doch noch eine Fortsetzung erschienen, und im Gegensatz zu „Sparrow Hill Road“ wird hier die Handlung nicht in einzelnen und nur locker zusammenhängenden Episoden erzählt. Während man im ersten Teil Rose und ihre Art des Zwielichts kennengelernt und mehr über die wenigen Fixpunkte in ihrem Leben nach dem Tod herausgefunden hat, dreht sich die Geschichte in „The Girl in the Green Silk Gown“ um eine Auseinandersetzung mit dem Mann, der vor über sechzig Jahren für Rose‘ Tod verantwortlich war.

Bobby Cross (auch Diamond Bobby genannt) hatte Rose an dem Abend in einen tödlichen Unfall verwickelt, an dem sie auf dem Weg zu ihrem Abschlussball war. Statt ihre Seele zu fangen, wie er es eigentlich geplant hatte, konnte Rose ihm entkommen. Seitdem wird sie von ihm gejagt. Doch je länger Rose im Zwielicht unterwegs ist, je mehr Straßen sie als Hitchhiker Ghost bereist und je mehr sie über Bobby Cross und sein Geschäft mit den Crossroads lernt, desto entschlossener ist sie, ihm das Handwerk zu legen. Als Verbündete bei diesem Vorhaben stehen ihr die Routewitches zur Seite – allen voran Apple, die Königin der Routewitches von Nordamerika. Aber selbst so mächtige Verbündete können nicht verhindern, dass Rose zu Beginn von „The Girl in the Green Silk Gown“ in eine Falle tappt, die Bobby Cross ihr gestellt hat.

So dreht sich eigentlich die gesamte Handlung des Romans um das, was Bobby Cross Rose angetan hat, und um ihre Anstrengungen, die Folgen von Bobbys Falle wieder rückgängig zu machen. Dabei hat Rose zwar mächtige Freunde und Verbündete an ihrer Seite, aber Bobby hatte viel Zeit, seine Pläne zu schmieden, sämtliche Schritte von Rose vorherzusehen und ihr dementsprechende Hindernisse in den Weg zu legen. All diese Widernisse haben mir manchmal das Gefühl gegeben, dass gar nicht so viel in diesem Roman passiert, aber das war nicht schlimm, denn wie so oft sind es vor allem die ungewöhnlichen Details, die Beziehungen der Charaktere zueinander und der grandiose Umgang mit vertrauten Legenden und Mythen, die den Unterhaltungswert bei Seanan McGuires Büchern für mich ausmachen. Auch sorgt die Veränderung der Erzählform nicht nur dafür, dass die Autorin in „The Girl in the Green Silk Gown“ mehr Raum hat für die kleinen Alltäglichkeiten in Rose‘ Leben als Hitchhiker, die in „Sparrow Hill Road“ nicht zur Sprache kamen, sondern auch dafür, dass man den Roman wirklich zügig durchlesen kann.

Am Ende ist Rose‘ Auseinandersetzung mit Bobby Cross nicht endgültig besiegelt, was mich hoffen lässt, dass noch mehr Geschichten rund um den Hitchhiker Ghost von Seanan McGuire veröffentlicht werden. Mit jeder Veröffentlichung wird die Welt, in der Rose lebt, größer und detaillierter, und ich mag dieses unerbittliche und doch so viel schöne Momente und faszinierende Charaktere mit sich bringende Zwielicht. Ich mag die Melancholie, die Rose‘ Leben nach dem Tod durchzieht, ebenso wie die unglaublich traurigen Szenen, wenn sie einen Menschen nicht von seinem Weg abbringen und ihn am Ende nur noch ein Stückchen begleiten kann. Und weil eine Geschichte mit Melancholie und Traurigkeit nicht allein funktionieren kann, gibt es noch all die amüsanten Momente rund um Rose und ihr Umfeld und die vielen großen und kleinen überraschenden Wendungen in der Handlung, mit denen Seanan McGuire einen jedes Mal wieder erwischt.

Noch eine kleine Anmerkung zur veränderten Erzählform: Egal, ob Rose‘ Geschichte in einer Sammlung von einzelnen Episoden oder in einer durchgehenden Handlung erzählt wird, ich mag beide Varianten. Ich muss aber zugeben, dass mein Herz ein kleines bisschen mehr an den Kurzgeschichten aus „Sparrow Hill Road“ hängt. Denn dort mochte ich ganz besonders die Abwechslung, die vielen unvertrauten Figuren und das Gefühl, das Buch eine Weile aus der Hand legen zu können und ein Detail oder eine Idee noch etwas zu genießen, ohne mich die ganze Zeit zu fragen, wie es wohl weitergeht.

Seanan McGuire: Beneath the Sugar Sky (Wayward Children)

Nachdem „Down Among the Sticks and Bones“ dem Leser die Vorgeschichte von Jill und Jack erzählt hat, führt „Beneath the Sugar Sky“ einen anfangs zurück in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“. Dieses Mal erzählt Seanan McGuire die Geschichte vor allem aus der Sicht von Cora, die erst seit wenigen Wochen in Eleanor Wests besonderer Schule lebt und noch immer nicht so richtig angekommen ist. Immerhin hat sie in Nadya, die ebenso wie Cora vor einiger Zeit den Weg in eine Wasserwelt fand, bevor sie wieder zurück in ihre Geburtswelt musste, eine gute Freundin gefunden. Gemeinsam halten sich die beiden Teenager am Schildkröten-Teich hinter der Schule auf, als auf einmal ein Mädchen durch eine Tür in den Teich fällt.

Rini ist auf der Suche nach ihrer Mutter, denn ohne sie ist die Welt Confection, in der Rinis Mutter als Heldin verehrt wird, dem Untergang geweiht. Doch da Rinis Mutter eine der Personen ist, die in „Every Heart a Doorway“ ermordet wurde und die deshalb nie einen Weg zurück in ihre fantastische Welt fand, steht nicht nur Confections Schicksal, sondern auch die Existenz von Rini auf dem Spiel. Zum Glück findet Rini in einigen von Eleanors Schülern Quest-erfahrene Unterstützung, deren ungewöhnliche Talente für die Aufgabe unabdingbar sind. So findet sich Cora zu ihrer eigenen Überraschung gemeinsam mit Nadya, Kade, Christopher und Rini auf der Suche nach einem Weg, um Rinis ermordete Mutter zurückzuholen. Dass Seanan McGuire dieses Mal die Geschichte rund um eine Gruppe von Personen gewoben hat, statt sich auf eine Perspektive zu konzentrieren, macht „Beneath the Sugar Sky“ für mich zum bislang besten Band der Wayward-Children-Bücher, weil man so verschiedene Ansichten zu einem Thema kennenlernt und ganz andere Einblicke in die Begebenheiten erhält.

Zwar bekommt man vor allem Coras Perspektive präsentiert, aber das hat den Vorteil, dass Cora – die noch relativ neu in Eleanor Wests Schule ist – Fragen stellen kann, die bei den anderen Beteiligten unnatürlich wirken würden. Durch die Beteiligung der anderen Charaktere bekommt man nicht nur viele Details zu Confection präsentiert, sondern auch zu den Welten, in die Cora, Nadya, Kade und Christopher geraten waren. Doch was ich an dieser Geschichte besonders mochte, ist der Einblick in das Seelenleben der verschiedenen Figuren. Seanan McGuire zeigt nicht nur, warum die Charaktere sich in ihrer Welt nicht wohlfühlten und sich deshalb so sehr in die fantastische Welt zurücksehnen, in die sie durch ihre ganz persönliche magische Tür geraten waren, sondern auch, wie ihr Leben in dieser anderen Welt ausschaute. Einzig Kade möchte nicht zurück in die Welt Prism, denn dort wurde die Tatsache, dass er ein Junge ist, ebensowenig akzeptiert, wie seine Eltern damit leben konnten, dass ihr kleines süßes Mädchen doch eigentlich kein Mädchen ist.

Ich liebe diesen Einblick in die Gedanken und Gefühle der einzelnen Charaktere fast mehr als all die wunderbaren Details zu den verschiedenen fantastischen Welten (inklusive Erdbeer-Rhabarber-Limonaden-See und einem Schildkröten-Gefährten für ein ertrunkenes Mädchen). Obwohl die „Wayward Children“-Romane bei mir normalerweise eher den Kopf als das Herz ansprechen, hat mich diese Geschichte rundum gepackt, und während sonst die Gesetze und verschiedenen Aspekte der fantastischen Welten (inklusive der „Reisebedingungen“) in mir nachklangen, sind es dieses Mal die Figuren und ihr Schicksal, die mich noch eine Weile beschäftigen werden. Ich freu mich jetzt schon darauf, Anfang 2019 den nächsten Titel („In an Absent Dream“) lesen zu können.

Seanan McGuire: Down Among the Sticks and Bones (Wayward Children)

„Down Among Sticks and Bones“ gehört zu den „Wayward Children“-Büchern von Seanan McGuire. Der Roman ist keine direkte Fortsetzung von „Every Heart A Doorway“, sondern erzählt für sich stehend die (Vor-)Geschichte der Zwillinge Jack und Jill. Dabei holt Seanan McGuire erst einmal weit aus und beginnt die Handlung mit den Eltern der beiden Schwestern. Mr. und Mrs. Wolcott sind nicht gerade häusliche oder gar warmherzige Personen, und so entsteht in den beiden der Wunsch nach einem Kind vor allem aus dem Grund, dass sie dazugehören wollen. Chester Wolcott will auch einmal einer der stolzen Väter sein, die mit ihren wohlerzogenen und sportlichen Jungen angeben, während Serena Wolcott von einer kleinen Prinzessin im Rüschenkleidchen träumt, um die sie ihre Freundinnen beneiden.

Mit solchen Eltern ist es kein Wunder, dass die Kindheit von Jillian und Jaqueline vor allem von den Wünschen ihrer Eltern nach einem hübschen, ruhigen, kleinen Mädchen (Jaqueline) und einem „Tomboy“ – da Chester schon keinen Jungen hatte, musste er eben das Beste aus dem machen, was vorhanden war – geprägt wurde. Glücklich war keines der beiden Mädchen damit, und so ist es wenig überraschend, dass sie eines Tages eine geheimnisvolle Treppe in ihrem Elternhaus finden, die sie ins „Moor“ führt. Das Moor ist eine fantastische Welt, in der Vampire, Werwölfe, verrückte Wissenschaftler und ein unheimlicher roter Mond zu finden sind, und für Jack und Jill scheint dieses Reich anfangs ungewohnte Freiheit zu beinhalten. Doch seinen Platz im Moor muss man sich erst einmal verdienen und nicht immer ist es einfach, nach den befremdlichen Regeln einer fantastischen Welt spielen zu müssen.

Wie es Jack und Jill in dieser Welt ergeht, weiß man eigentlich schon, wenn man „Every Heart A Doorway“ gelesen hat. Trotzdem enthält „Down Among the Sticks and Bones“ viele Elemente, die neu und überraschend sind und die dafür sorgen, dass der Leser die beiden Schwestern in einem anderen Licht sieht. Obwohl mich auch dieser Band der „Wayward Children“ nur wenig emotional gepackt hat, habe ich das Lesen sehr genossen. Ich mochte, dass Seanan McGuire für diese Geschichte eine ganz eigene Erzählweise gefunden hat. In einer Rezension auf Amazon wird dieser Stil mit Roald Dahl verglichen und das trifft es ganz gut. Regelmäßig wird der Leser direkt angesprochen, immer wieder gibt es kleine Nebenbemerkungen, die auf die Handlungen und Entscheidungen der beiden Schwestern eingehen, und dazu kommt eine wunderbare Mischung aus sachlichen Beobachtungen über das Leben im Moor und atmosphärischen Beschreibungen einzelner Elemente.

In einigen Rezensionen wird empfohlen, diesen Band vor „Every Heart A Doorway“ zu lesen, weil man schließlich schon weiß, wie es mit Jack und Jill weitergeht, wenn man das erste Buch schon kennt. Ich persönlich fand es überhaupt nicht schlimm, dass ich schon wusste, dass auch Jack und Jill nicht für immer in ihrer magischen Welt bleiben können. Eigentlich fand ich es sogar besonders spannend, eine konkretere Vorstellung vom Elternhaus der beiden Schwestern zu bekommen, zu verstehen, warum ihr Verhältnis so zwiespältig ist, und wieso der Verlust ihrer Welt zu solcher Verzweiflung geführt hat, gerade weil ich schon ein paar Hinweise zur Geschichte der beiden im Hinterkopf hatte. Außerdem musste ich regelmäßig beim Lesen schmunzeln, weil ich mich regelmäßig an alte Horrorfilme erinnert fühlte, wenn eine Figur oder Szene beschrieben wurde. „Down Among the Sticks and Bones“ bietet diverse Momente, die ich mir sehr gut in einer Schwarzweiß-Verfilmung mit Boris Karloff vorstellen könnte, aber auch wunderbar alltägliche oder gar süße (Liebes-)Szenen – vor allem, wenn es um Jacks Leben im Moor geht.

Auch wenn ich mich wiederhole, so kann ich es nicht oft genug sagen: Ich mag Seanan McGuires Sicht auf klassischen Film-/Romanstoff, ich mag, wie die Autorin märchenhafte Elemente auf ungewöhnliche Weise in ihre Geschichten einflicht, und ich mag, wie stimmig und komplex sie Beziehungen darstellt. Im Januar kommt ein weiterer „Wayward Children“-Roman und ich freu mich schon darauf, dass ich dann eine weitere Geschichte rund um magische Türen, Charaktere, die auf der Suche nach dem richtigen Ort für sich sind, und fantastische Welten lesen kann.

Seanan McGuire: Magic for Nothing (InCryptid #6)

„Magic for Nothing“ ist der sechste „InCryptid“-Band von Seanan McGuire und der erste Teil, in dem  Antimony (Annie), die jüngste Price-Schwester, die Protagonistin ist. Nachdem ihre ältere Schwester Verity am Ende von „Chaos Choreography“ dem „Convenant of St. George“ den Kampf angesagt hat, bereitet sich nicht nur die Familie, sondern die gesamte nordamerikanische „übernatürliche“ Gesellschaft (also zumindest der Teil, der die Kampfansage mitbekommen hat) auf einen Angriff der Fanatiker vor. Doch effiziente Vorbereitungen kann man nur treffen, wenn man eine Ahnung davon hat, was der Feind plant – und so wird Annie als Spion beim Orden eingeschleust. Als einziges Mitglied der Price-Healy-Familie, das nicht zierlich, blond und kurvig gebaut ist, scheint sie die naheliegende Wahl für einen Undercover-Auftrag zu sein. Dummerweise weiß niemand in ihrer Familie, dass Annie seit einiger Zeit mit eigenen Problemen zu kämpfen hat, die bei Entdeckung dafür sorgen würden, dass der „Convenant of St. George“ sie auf der Stelle eliminieren würde.

Für Annie ist dieser Auftrag gleich in mehrfacher Hinsicht schwierig. Erst einmal hat sie vor einiger Zeit entdeckt, dass sie wohl die Magie ihres Großvaters Thomas geerbt hat, und so spucken ihre Hände immer wieder in unerwarteten (stressigen) Momenten Flammen aus. Wenn ihr das in Gegenwart eines Ordensmitglied passiert, würde sie auf der Stelle getötet. Außerdem ist es für Antimony, deren Mundwerk (und Wurfmesser) häufig schneller ist als ihr Gehirn, schwierig, sich in Gegenwart des „Convenant of St. George“ zurückzuhalten und nicht gegen all die Vorurteile und Abwertungen gegenüber den „übernatürlichen“ Wesen, die in ihren Augen genauso ein Recht auf Existenz haben wie jeder Mensch, vorzugehen. Noch herausfordernder wird ihr Auftrag, als auch der Orden sie auf eine Undercover-Mission schickt, die dafür sorgt, dass sie das Vertrauen von Personen gewinnen muss, die ihr sympathisch sind und die genau das Leben führen, nach dem sie sich immer gesehnt hat.

Wenn man bedenkt, dass Seanan McGuire Annie gleich in zwei Undercover-Aufträge schickt, ist es überraschend, wie wenig eigentlich auf den ersten Blick in diesem Roman passiert. Da die Protagonistin den Großteil der Handlung damit beschäftigt ist, sich das Vertrauen der diversen Personen zu verdienen, gibt es nur einen geringen „Action“-Anteil in der Geschichte. Dafür lernt man den „Convenant of St. George“, der schon so lange eine so bedeutende Rolle in der Welt der InCryptid-Romane spielt, von einer ganz neuen Seite kennen, und bekommt einen Einblick ins (amerikanische) Jahrmarktsleben und eine Vorstellung davon, warum Annie (und Seanan McGuire) so eine Schwäche für Roller Derby haben.

Ich muss gestehen, dass ich erwartet hätte, dass in „Magic for Nothing“ schlimmere Dinge geschehen würden, als dies tatsächlich der Fall war, und so ist dies eins der wenigen Bücher, bei denen ich regelmäßig eine Pause einlegen musste, weil ich Angst davor hatte, was als nächstes passieren wird. Eigentlich war die meiste Zeit alles gut – so weit für Annie unter den Umständen alles gut sein konnte -, aber ich war mir sicher, dass noch etwas Heftiges passieren würde. Alles andere hätte weder zu dieser Art von Geschichte noch zur Handlung und schon gar nicht zu Seanan McGuire gepasst. So musste ich mich langsam an den Punkt herantasten, an dem irgendetwas Schreckliches passiert, damit die Geschichte ihren Weg gehen kann. Und als dann der Höhepunkt der Geschichte kam, war es nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte, was mich mit dem Gefühl zurücklässt, dass das Ganze noch lange nicht zu Ende ist (und ich sehr viele Befürchtungen auf etwas konzentriert habe, das letztendlich gar nicht passiert ist).

Trotzdem bin ich nicht unzufrieden mit dem Roman, weil Annies Sichtweise viel von dem, was ich in den ersten fünf Romanen und den verschiedenen Kurzgeschichten rund um ihre Familie (von denen man die meisten übrigens kostenlos auf Seanan McGuires Homepage runterladen kann) erfahren habe, in eine neue Perspektive gerückt hat. Dazu kommt noch die Entwicklung, die Annie im Laufe der Geschichte durchmacht und die ich überaus stimmig fand. Vorher kannte man sie nur als zerstörerische und nervige kleine Schwester, die sich besonders mit Verity immer wieder ernsthafte Schlachten lieferte. Doch nach „Magic for Nothing“ kann man verstehen, warum Annie sich so verhält, wie sie es tut, während sie so langsam begreift, dass ihre Sicht der Dinge bislang etwas sehr einseitig und rosig war. Wie schwierig es sein kann, wenn man auf der einen Seite die übernatürliche Gesellschaft Nordamerikas beschütze und trotzdem noch ein Leben als eigenständige Person führen will. wird für Annie erst deutlich, als sie ganz auf sich allein gestellt ist und gezwungen wird, jeden um sich herum anzulügen.

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie es mit Antimony in „Tricks for Free“ (2018) weitergeht, denn ich habe das Gefühl, dass die Handlung aus „Magic for Nothing“ die Fortsetzung benötigt, um an einen befriedigenden Punkt zu kommen. Außerdem hoffe ich sehr, dass in dem nächsten Roman bestimmte Charaktere wieder auftauchen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind und die in meinen Augen eine Bereicherung für die Reihe sind. Spannend finde ich es auch, dass in diesem Band zum ersten Mal von der Autorin eine deutliche Verbindung zwischen den InCryptid-Geschichten und Rose aus „Sparrow Hill Road“ gezogen wird, während es anfangs hieß, dass Rose zwar in derselben Welt existiert, aber es keine erkennbare Beziehung zwischen ihr und den Price-Healys gab. Es wird bestimmt interessant, weiter die Entwicklung und Erweiterung diese Romanwelt zu verfolgen und herauszufinden, was Seanan McGuire für ihre Protagonisten noch so in petto hat.

Seanan McGuire: Dusk or Dark or Dawn or Day

Seanan McGuires neuste Veröffentlichung „Dusk or Dark or Dawn or Day“ ist wie „Sparrow Hill Road“ eine Geistergeschichte, spielt aber in einer Welt, wo die Geister ganz anderen Gesetzen unterliegen als Rose es als Hitchhiker-Ghost tat. Ich muss gestehen, dass ich dieses Mal sehr lange überlegt habe, ob ich mir wirklich das Taschenbuch zulegen soll, denn das Preis-/Leistungsverhältnis (gerade dann, wenn man es mit dem eBook-Preis vergleicht) ist schon recht unausgewogen bei 183 Seiten für 15 Euro. Aber nachdem ich die Leseprobe gelesen hatte, musste ich die Geschichte dann doch in einer „greifbaren“ Ausgabe haben. In „Dusk or Dark or Dawn or Day“ kann man verfolgen, wie Jenna – die vor 43 Jahren gestorben ist – versucht herauszufinden, was es mit den von einem Tag auf den anderen verschwundenen Geistern New Yorks auf sich hat. Es ist bei einer so kurzen Geschichte schwierig etwas über den Inhalt zu sagen, ohne dabei zu viel über die Handlung zu verraten, deshalb belasse ich es bei dem Satz mit den verschwundenen Geistern.

Besonders spannend fand ich die Regeln, die Seanan McGuire für ihre Geister in dieser Geschichte entworfen hat. So kann man davon ausgehen, dass sehr, sehr viele Menschen zu früh sterben (auch wenn niemand weiß, wie überhaupt festgelegt wird, was zu „früh“ ist) und als Geister dann „Lebenszeit“ nachholen müssen, bis sie endgültig weitergehen können. Wobei niemand weiß, was mit ihnen passiert, wenn der Tag kommt, an dem sie endgültig sterben. Da Geister nicht von sich aus altern, müssen sie diese „Lebenszeit“ von den noch Lebenden nehmen. Was nicht bedeutet, dass diejenigen, denen „Lebenszeit“ genommen wurde, früher altern, sondern sie bleiben im Gegenteil länger jung. Natürlich gibt es Personen, die herausgefunden haben, dass man Geister im Prinzip als Jungbrunnen benutzen kann, und die dieses Wissen missbrauchen. Vor allem vor Hexen müssen Geister auf der Hut sein, denn bei diesen hat ein Geist keine Kontrolle darüber, ob er Lebenszeit gibt oder nimmt, während er bei „normalen“ Menschen derjenige ist, der das Geben und Nehmen von Zeit kontrolliert.

Jenna fühlt sich nicht wohl damit, wenn sie ungefragt Lebenszeit von Menschen nimmt, und hat deshalb für sich ein System gefunden, mit dem sie sich dieses gestohlene Altern verdienen kann. Ihre Ansichten zu ihrem Dasein als Geist fand ich ebenso spannend wie die wenigen anderen Geister, die man als Leser der Geschichte kennenlernt. Dabei reißt Seanan McGuire die verschiedenen Figuren und ihr jeweiliges Schicksal nur soweit an, dass man eine Vorstellung von dem Charakter bekommt und Sympathie für ihn entwickeln kann. Überhaupt ist die Geschichte sehr begrenzt – sowohl vom Zeitrahmen her als auch von der Handlungsentwicklung her -, aber ich habe es geliebt all die kleinen atmosphärischen Momente mitzuerleben, in denen es um Familie, um Freundschaft, um Heimat und um den Versuch ging, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben.

Vielleicht wäre es noch befriedigender gewesen Jennas Weg zu verfolgen, wenn die Geschichte doppelt so lang gewesen wäre und mehr Raum für all die magischen und absonderlichen Elemente geboten hätte. Aber ich mochte den Roman so wie er ist. Und ich fand es toll, wie all die kleinen Andeutungen und Aussagen zu den Hexen, zu den Regeln der Geister und vielen anderen Dingen meine Fantasie beim Lesen befeuert hat und brauchte eigentlich nicht mehr Details zu all den ungewöhnlichen Ideen, die in „Dusk or Dark or Dawn or Day“ von der Autorin verwendet wurden. Ich mag es, wie jede (Geister-)Geschichte von Seanan McGuire so viele weitere Schichten zu beinhalten scheint. Hätte ich die Fähigkeit Geschichten zu erzählen, dann könnte allein schon dieser dünne Roman Inspiration für ganz viele neue (eigenständige) Erzählungen bieten.

Wer nun vielleicht Lust auf die Geschichte hat und kein solches Seanan-McGuire-Fangirl ist wie ich, sollte wohl eher nach dem eBook (je nach Format kostet das gerade zwischen 1,60 und 2,60 Euro) schauen.

Seanan McGuire: Every Heart A Doorway (Wayward Children)

Nachdem ich „Every Heart A Doorway“ von Seanan McGuire am Sonntag gelesen hatte, brauchte ich etwas Zeit, um die Geschichte sacken zu lassen. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sehr sich die verschiedenen Romane der Autorin voneinander unterscheiden und während „Sparrow Hill Road“ für mich eine großartige Mischung aus ungewöhnlichem Weltenbau (all diese Ideen rund um die Highways und um die Aufgabe, die Rose nach ihrem Tod übernommen hat) und sehr, sehr emotionalen Momenten war, hat „Every Heart A Doorway“ weniger meine Gefühle als meine Vorstellungskraft angesprochen. Vielleicht lag das an der Protagonistin Nancy, die relativ distanziert mit all dem Erlebten umgeht, da in „ihrer“ Welt jede extreme Reaktion ebenso verpönt war wie eine schnelle oder unbedachte Bewegung. Oder es lag an dem geringen Umfang der Geschichte, der dafür sorgte, dass sich der Schwerpunkt mehr auf die Informationen rund um die Türen zu anderen Welten konzentrierte, als auf die verschiedenen Figuren und ihre Entwicklung.

Auf jeden Fall hat es mir großen Spaß gemacht Nancy in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“ zu begleiten. Das Mädchen hatte eines Tages im Keller ihrer Eltern eine Tür gefunden, die in die Hallen des Todes führten. Dort hat sie viele Jahre verbracht, bis der Herr des Todes sie eines Tages aufforderte in ihre alte Welt zurückzukehren und erst wiederzukommen, wenn sie sich vollkommen sicher ist, dass sie den Rest ihres Lebens in seiner Welt verbringen will. Für Nancy hat sich die Frage nie gestellt, erst in der Stille und Ruhe in dieser geisterhaften neuen Welt hat sie sich wirklich zuhause gefühlt. Nach ihrem Aufenthalt dort ist es für sie unmöglich wieder zu dem Mädchen zu werden, von dem ihre Eltern sich wünschen, dass sie es wäre. Erst in Eleanor Wests Institution muss sie nicht mehr vorgeben jemand anderer zu sein als sie ist. Sie kann (relativ) frei von ihrer Welt erzählen und trifft auf Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht haben.

Dabei ist ihr neues Heim auch nicht perfekt. Sehr viele ihrer Mitbewohner waren in Welten, die laut und bunt und fröhlich sind, und haben kein Verständnis für den Reiz, den die Hallen des Todes auf Nancy ausgeübt haben. Immerhin freundet sie sich schon in den ersten Tagen – dank ihrer Zimmernachbarin Sumi – mit Kade, Jill und Jack an. Als es dann zu mehreren Morden in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“ kommt, werden natürlich als erstes diejenigen, die in unheimlichen Welten ihre ZUflucht fanden, verdächtigt. So beginnt für Nancy eine Zeit, in der sie auf der einen Seite bemüht ist, ihre Unschuld zu beweisen und es ihr auf der anderen Seite wichtig ist, dass die Toten mit dem angemessenen Respekt behandelt werden.

Obwohl die Tatsache, dass jemand in dieser ungewöhnlichen Institution zum Mörder geworden ist, das Grundgerüst der Handlung bildet, dreht sich „Every Heart A Doorway“ vor allem um die verschiedenen Welten, um die Türen in diese Welten und um den Grund, warum manche Kinder einen Weg in eine andere Welt finden. Neben all diesen Ideen und Theorien über die verschiedenen Welten, nutzt Seanan McGuire ihre Geschichte auch, um über Gender Identity, Vorurteile und die verschiedenen Arten des „Zuhausefühlens“ zu schreiben. Jede Person in Eleanor Wests Institution war anscheinend auf der Suche nach einem Ort, in dem sie sie selbst sein kann, ohne sich den Vorstellungen anderer anpassen zu müssen. Und während einige in ihren Welten ihren Platz und ihr Glück gefunden haben, konnten andere Welten nicht mit den Kindern umgehen, die sie besucht haben.

Ich mochte beim Lesen die vielen verschiedenen Ideen und Aussagen zu den einzelnen Welten so sehr. Auch fand ich Nancy. Sumi, Kade, Jill und Jack sehr sympathisch und habe gern meine Zeit mit ihnen verbracht. Spannend fand ich auch die Sicht, die die verschiedenen Figuren auf ihre jeweilige Welt hatten, ebenso wie ihre Versuche eine Erklärung dafür zu finden, dass die Welt, in der sie ein Zuhause gefunden hatten, sie anscheinend verstoßen hat. „Every Heart A Doorway“ ist definitiv nicht die berührenste Geschichte, die ich je von Seanan McGuire gelesen habe, aber es ist eine der Geschichten, die einem beim Lesen viele Denkanstöße geben, neue Ideen in einem keimen lassen und eine andere Perspektive auf vertraute Erzählungen wirft. Ich hoffe sehr, dass die Autorin die (bislang zwei) geplanten Romane, die diese Grundidee und einige der vertrauten Figuren aufgreifen werden, auch noch verwirklichen kann, damit ich noch mehr über die verschiedenen Welten und die ihnen innenwohnende Logik erfahren kann.

Seanan McGuire: Chaos Choreography (InCryptid #5)

Bislang habe ich jeden „InCryptid“-Band mit großem Vergnügen gelesen, aber anscheinend habe ich nur bei den Bänden rund um Verity das Bedürfnis darüber zu schreiben. „Chaos Choreography“ ist der fünfte InCryptid-Roman und der dritte, in dem Verity die Hauptfigur ist, nachdem die vorhergehenden beiden Bücher aus der Sicht ihres Bruders Alex erzählt wurden. In „Chaos Choreography“ bekommt Verity eine letzte Chance, um sich als Tänzerin zu beweisen. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass sie nach ihrem letzten Auftritt in „Dance or Die“ das Tanzen vergessen könnte, weil es nun ihre Aufgabe sei das „Familiengeschäft“ weiterzuführen. Doch als der Produzent eine besondere Staffel ankündigt, in der die vier besten Tänzer der vergangenen fünf Staffeln gegeneinander antreten sollen, gerät Verity in Versuchung. Ihre Identität als „Valerie Pryor“ wurde nie aufgedeckt und so scheint es sicher zu sein, noch einmal vor die Kameras zu treten und Amerika zu beweisen, was für eine fantastische Tänzerin sie ist.

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Inzwischen ist Verity verheiratet und so benötigt nicht nur sie ein Identität, die dem „Covenant of St. George“ unbekannt ist, sondern auch ihr Mann. Außerdem kommt es am Set zu „Dance or Die“ schnell zu merkwürdigen Vorkommnissen, die dafür sorgen, dass Verity nicht länger ihr hartes, aber unbeschwertes Leben als „Valerie“ führen kann, sondern herausfinden muss, wer die ausgeschiedenen Tänzer der aktuellen Staffel umbringt. Gemeinsam mit Dominic, den „übernatürlichen“ Teilnehmern bei „Dance or Die“ und ihrer Großmutter Alice Price-Healy macht sich Verity auf die Suche nach den Mördern – und muss dabei natürlich die eine oder andere gefährliche Situation überstehen.

In „Chaos Choreography“ setzt Seanan McGuire wieder auf viele bewährte Elemente. Es gibt die verschiedenen fantastischen Wesen, die nicht nur für sich genommen spannend und interessant sind, sondern bei denen ich es auch faszinierend finde, wie sie in unserer modernen Welt ein Auskommen finden. Dazu kommt noch die Interaktion zwischen den verschiedenen übernatürlichen Wesen und Verity, die als Mensch eigentlich nicht vertrauenswürdig ist, aber doch als Kryptozoologin manchmal sogar zur Freundin wird. Dazu noch die Aeslin-Mäuse, die dieses Mal schon fast zu kurz kommen, denn ich habe die verschiedenen skurrilen Feiertage vermisst, und natürlich Seanan McGuires Händchen für humorvolle Szenen und Dialoge. Etwas vorhersehbar, aber trotzdem amüsant waren die Interaktionen mit Veritys Großmutter Alice Price-Healy, die ganz eigene Vorstellungen davon hat, wie man verdeckt ermittelt und keine Aufmerksamkeit erregt.

Doch was mich vor allem bei diesem Roman gepackt hat, waren die Momente, in denen Verity tanzte. Seanan McGuire gelingt es fantastisch diese Mischung aus harter Arbeit, körperlichen Schmerzen und Erschöpfung und absoluter Befriedigung zu beschreiben, die mit dem Erlernen einer Choreografie einhergeht. Ebenso fand ich es stimmig wie die Tänzer voller Nervosität auf ihren Auftritt warteten, um dann auf der Bühne alles zu geben, – und kurz darauf bestimmen wieder die Gesetze des Show-Business jede Geste, jedes Wort, denn natürlich nehmen die Tänzer nur deshalb an solch einer Show teil, um durch ihren Tanz und ihr Benehmen, die Sympathien des Publikums und somit ihre Stimmen zu gewinnen. Ich fand all diese Momente wirklich atmosphärisch dargestellt und es hat Spaß gemacht eine Urban-Fantasy-Geschichte in diesem Umfeld zu lesen.

(Und jetzt warte ich ungeduldig darauf, dass ich endlich im nächsten Jahr den ersten InCryptid-Band rund um Veritys kleine Schwester Antimony lesen kann. Denn auf die freu ich mich schon sehr!)

Seanan McGuire: Indexing – Reflections (Indexing 2)

Zwei Jahre nach dem Erscheinen von „Indexing“ von Seanan McGuire gibt es mit „Indexing: Reflections“ die Fortsetzung um Henry (Henrietta Marchen) und ihre Kollegen sowie ihren Kampf gegen Märchen, die danach streben, real zu werden. Auch bei diesem Band erschienen die einzelnen Kapitel zuerst als Fortsetzungsgeschichte für den Kindle und sind somit sehr gut mit ein paar Tagen Abstand zwischen den Episoden zu lesen. Dieses Mal geht es vor allem um die Nachwirkungen der Vorgänge im ersten Band. In „Indexing“ wäre es fast zu einer Katastrophe gekommen, da eine Geschichtenerzählerin („Mother Goose“) diverse potenziellen Märchenfiguren und ihre Geschichten manipuliert hatte. Aber auch nach der Ergreifung dieser Verbrecherin kommt es immer noch zu einem erhöhten Aufkommen an Märchenvorfällen, was für die Mitarbeiter des ATI Management Bureaus eine Menge Extraarbeit bedeutet.

Doch nicht nur das größere Arbeitsaufkommen macht Henry und ihrem Team zu schaffen. Durch die Vorgänge rund um die „Mother Goose“ wurde Henrys Geschichte aktiviert, ebenso wie die von Demi, die inzwischen ein fester Bestandteil dieser „Märcheneinsatztruppe“ ist. Also müssen Henry (ein aktives „Schneewittchen“), Jeff (ein „Schuhmacher“), Demi (eine aktive „Rattenfängerin“), Sloane (eine „böse Stiefschwester“) und Andy (der einzige im Team, der nicht von Märchen berührt wurde) dem ATI Management Bureau erst einmal beweisen, dass sie immer noch ihrem Dienst nachgehen können, ohne dass ihr Märchenhintergrund zu einer Gefahr für die Allgemeinheit wird. Zu ihren Gunsten spricht dabei, dass Henry und ihre Kollegen auch im inaktiven Zustand schon viel Erfahrung mit ihrer Märchenidentität sammeln können und sich der Risiken durchaus bewusst sind. Außerdem haben sie eine gute Erfolgsquote und sind eines der wenigen Teams, das mit Sloane gut zusammenarbeiten kann, Denn Sloane ist eine Mitarbeiterin mit einzigartigen und unverzichtbaren Fähigkeiten, deren Wohl dem ATI besonders am Herzen liegt. Wie einzigartig die potenzielle Giftmischerin ist, wird dabei erst im Laufe der Geschichte deutlich. ….

Es ist wohl wenig überraschend, dass ich auch diesen Roman von Seanan McGuire sehr genossen habe. Die Autorin trifft immer wieder meinen Humor und ich liebe es, wie sie mit den verschiedenen Themen umgeht und wie sie eine ungewöhnliche Sicht auf vertraute Elemente beweist. Die Handlung von „Indexing“ war so weit eigentlich abgeschlossen, aber es blieben genügend Stränge offen, dass daran wieder angeknüpft werden konnte. Neben den ganzen Vorfällen rund um die kurz vor der Aktivierung stehenden Märchen fand ich es sehr spannend, mehr über die Entstehung des ATI Management Bureaus zu erfahren und mitzuerleben, wie aus Sloane eine „böse Stiefschwester“ wurde. Aber auch Henrys Auseinandersetzung mit ihrem (Ur-)Märchen und all die anderen neuen Figuren, deren Märchen schon aktiv sind, die aber anscheinend damit umgehen konnten, haben schöne neue Sichtweisen auf das Märchenthema gebracht. Dazu kam noch, dass die Geschichte einigen Anlass bot, um sich mit dem Schicksal der Personen auseinanderzusetzen, die von Henry und all den anderen im Laufe der Jahrhunderte daran gehindert wurden, sich als Märchenfiguren zu manifestieren.

So gab es immer wieder bitterböse, traurige, aber auch amüsante Szenen, wobei der „Märchenschwerpunkt“ weiterhin bei Henry und dem Schneewittchenthema lag. Seanan McGuire hat sich in diesem Band viel Zeit genommen, um auf die Vergangenheit des Schneewittchenmotivs einzugehen und um ihre Welt detaillierter vorzustellen. Das hat vielleicht die eine oder anderen Wendung nicht ganz so überraschend gestaltet, aber dafür gab es für mich sehr viele Anstöße, noch einmal über die verschiedenen Märchenvarianten und die Entwicklung und Verbreitung von Märchen nachzudenken. Außerdem mag ich es, wie die Autorin ihre Märchenfiguren in ein modernes Umfeld versetzt, ohne sich dabei zu sehr von dem märchenhaften Grundmotiv zu entfernen.

Mira Grant: Feed (The Newsflesh Trilogy 1)

Ich hätte wissen müssen, dass Seanan McGuire keine „normale Zombiegeschichte“ schreiben würde und trotzdem bin ich um „Feed“ (veröffentlicht unter dem Pseudonym Mira Grant) schon eine ganze Weile herumgeschlichen, weil Zombies eigentlich so gar nicht mein Ding sind. Aber „Feed“ ist genau genommen keine Zombiegeschichte (zumindest nicht in „Splatterfilm“-Tradition, die mir als erstes in den Sinn kommt) , „Feed“ ist eine solide und überzeugende Auseinandersetzung mit der Frage, was passiert, wenn moderne Heilmittel „unvorhersehbare Nebenwirkungen“ haben, und was mit einer Gesellschaft geschieht, die sich einer Bedrohung ausgesetzt sieht, die so sehr von innen kommt, wie man es sich nur vorstellen kann. Außerdem beschäftigt sich „Feed“ mit Politik, mit journalistischer Ethik und mit so vielen anderen Themen, dass ich immer wieder fasziniert davon war, wie die Autorin diese Elemente aufgegriffen und betrachtet hat.

Die Handlung wird in „Feed“ von Georgia „George“ Mason erzählt, eine der vielen Waisen, die nach dem Ausbruch der Infektion, aufgewachsen ist. Die Infektion ist übrigens durch das unglückliche Zusammenspiel zweier Heilmittel (eines gegen Krebs, eines gegen Grippe) entstanden und sorgt dafür, dass Säugetiere ab einer bestimmten Körpermasse nach ihrem Tod (oder durch „normales“ Ausbrechen der Infektion oder durch die Übertragung durch Körperflüssigkeiten) zu Zombies oder zumindest zu Überträgern der aktiven Infektion werden können. Die Tatsache, dass jeder das Virus passiv in sich trägt, führt zu einer besondere Brisanz, denn egal wie sehr sich die Menschen vorsehen, es gibt keine absolute Sicherheit.

Trotzdem haben die Menschen 30 Jahre nach Ausbruch dieser Seuche zu einer gewissen Normalität gefunden. Die Gesellschaft hat sich in manchen Bereichen radikal geändert, so sind gesellschaftliche Ereignisse, bei denen man aus dem Haus geht und mit anderen Menschen zusammentrifft selten geworden, Blogger haben einen gewissen Status erlangt, da sie direkt nach dem Auftauchen der ersten Zombies die einzigen waren, die diese absurd wirkende Situation ernsthaft behandelt haben, Bluttest gehören zum Alltag, ebenso wie die Tatsache, dass man jederzeit damit rechnen muss einen geliebten Menschen zu verlieren.

George, ihr Adoptivbruder Shaun und ihre Kollegin Georgette (genannt „Buffy“) gehören zu den Bloggern, die sich mit ihrer Seite in den letzten Jahren einen guten Ruf erarbeitet habe. George ist für die sachlichen und informativen Artikel zuständig, Shaun für die Action (er fährt mit Vorliebe in gefährdete Gebiete und setzt sich mit dem dortigen Zombiebefall auseinander), während Buffy für die Technik und Romantik (Geschichten und Gedichte) zuständig ist. Ihr Ruf ist inzwischen so gut, dass sie eingeladen werden die Präsidentschaftskandidatur von Senator Peter Ryman zu begleiten und darüber zu berichten. Dieses Setting bietet der Autorin nicht nur eine gute Gelegenheit kritisch mit dem politischen Moloch (nicht nur in den USA) umzugehen, sondern auch eine gute Spur Thriller in die Handlung einzubauen, nachdem es schon recht früh während der Wahlkampfkampagne zu einem Anschlag auf den Kandidaten und sein Team kommt.

Ich mag es, wie sachlich der Ton in der Geschichte zum Großteil ist. Es gibt auch sehr berührende oder amüsante Momente, aber George erzählt von dem Erlebten in der Regel in dem gleichen Tonfall, in dem auch ihre Artikel gehalten werden, so dass viele Passagen informativ, wissenschaftlich und so objektiv beobachtend wie möglich erzählt werden. Das bedeutet nicht, dass George ohne Gefühle wäre, sie nutzt ihre journalistische Sicht eindeutig, um sich abzuschirmen und zu beschützen, aber eben auch, um die bestmögliche Arbeit abzuliefern, die sie leisten kann.

Dieser Ton hat bei mir dazu geführt, dass ich das Buch relativ langsam gelesen haben. Auf der einen Seite fand ich es spannend die verschiedenen Entwicklungen zu verfolgen und die Hintergründe der dargestellten Welt zu entdecken, auf der anderen Seite musste ich mir auch etwas Zeit nehmen, um all diese Informationen zu verarbeiten (und mir immer wieder vorzustellen, wie nah unsere Realität an der von George und ihrem Team ist). Und gerade weil der Grundton sachlich mit einem Spritzer Sarkasmus und Freundschaft ist, fand ich die Geschichte besonders berührend. Denn irgendwann reicht dieser sachliche Filter nicht mehr aus, um den Leser von den Ereignissen abzuschirmen, und ab einem bestimmten Punkt in der Handlung schaffen es selbst die besten Journalisten nicht mehr objektiv von dem Geschehenen zu berichten – und ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine Tränen gar nicht schnell genug wegblinzeln, um die nächsten Sätze zu lesen.

Wenn eine Geschichte mir am Ende das Gefühl gibt, ich habe eine emotionale Achterbahn mit lauter sympathischen und realistisch gestalteten Charakteren hinter mir, und dazu bekomme ich mit der Handlung noch lauter Informationen, Ideen und Details geliefert, die auf erschreckend stimmige Weise unsere Realität aufgreifen und weiterdenken, dann ist irgendwie alles gut, egal, ob es bei einer „Zombiegeschichte“ ein Happy End geben kann oder nicht …

Seanan McGuire: A Red-Rose Chain (October Daye 9)

Schon der neunte October-Daye-Band und mir wachsen die Charaktere und die Welt, die Seanan McGuire da erschaffen hat, immer mehr ans Herz. Wie schon beim vorhergehenden Band ist für October zu Beginn von „A Red-Rose Chain“ die Welt rundum in Ordnung. Dass das nicht lange so bleibt, ist natürlich abzusehen und so muss Toby kurz darauf miterleben, wie ein Mitglied des königlichen Hofes angegriffen wird und das Nachbarreich eine Kriegserklärung abgibt. Um die bevorstehenden Auseinandersetzungen zu verhindern, wird Toby als Diplomatin losgeschickt. Ihr ist dabei durchaus bewusst, dass sie als Diplomatin nicht gerade die beste Wahl ist und dass sie als Wechselbalg in einem Reich, in dem ausschließlich reinblütige Fae eine Rolle spielen, einen besonders schweren Stand haben wird.

Bei Amazon gibt es ein paar Rezensionen, in denen sich beschwert wird, dass in diesem Roman zu wenig passiert und dass Toby sich häufig im Kreis dreht. In gewisser Weise stimmt das und es ist definitiv nicht die actionreichste Geschichte, die Seanan McGuire geschrieben hat, aber mir hat das Buch trotzdem wieder sehr gut gefallen. Es fühlt sich für mich an, als ob die Autorin den Boden für den nächsten größeren Handlungsstrang bereitet, in dem sie dafür sorgt, dass Toby die Welt der Fae durchwirbelt und alte Strukturen aufbricht, während sie ihre Fähigkeiten auslotet und sicherer in ihrer Anwendung wird. Mir bereitet es großes Vergnügen auf der einen Seite zu sehen, dass Toby immer mehr in ihrer Welt Fuß fasst und dass sie gelernt hat, sich auf ihre Familie und ihre Freunde zu verlassen, während auf der anderen Seite Seanan McGuire immer detaillierter die dunklen Seiten ihrer fantastischen Welt ausarbeitet.

Als Diplomatin in dem „Kingdom of Silences“ findet Toby dort (aus ihrer Sicht) erschütternde Umstände vor. Der regierende König ist – selbst für ein Fae – erschreckend rassistisch, die Regeln, die Oberon für das Zusammenleben der Fae aufgestellt hat, werden dort Tag für Tag gebeugt und über die Lebensumstände der Untergebenen möchte ich gar nicht erst reden. So schwankt Toby ständig zwischen dem Gefühl etwas gegen diese Missstände tun zu müssen und ihrer Verpflichtung als Diplomatin. Obwohl eigentlich von Anfang an klar ist, dass ihre Mission vergeblich ist, so muss sie doch die drei Tage durchhalten, die ihr offiziell zur Verhinderung des Krieges zur Verfügung stehen – und sei es nur, um ihrer Königin die Chance zu geben, diese Zeit zu nutzen, um sich auf einen Angriff vorzubereiten. Ich mochte es, wie dieser Konflikt dargestellt wurde, und wie Toby und ihre Freunde mit der Situation umgingen, obwohl sie doch eigentlich aufgrund ihrer offiziellen Rollen so hilflos waren.

Oh, und noch ein Aspekt, der bei Amazon kritisiert wurde, ist die Darstellung der Geschlechter in der Geschichte. Das bezieht sich auf eine Figur, die bislang immer als Mann dargestellt wurde, und von der man nun die Information bekommt, dass sie als Mädchen geboren wurde. Ich weiß nicht, warum das vorher ein Thema hätte sein sollen, während es an dieser Stelle meinem Empfinden nach eine gute Erklärung dafür ist, dass die Person eben nicht auf den ersten Blick von Personen erkannt wird, die sie als Kind kannten. Wieso ist es für manche Leser so ein Problem, dass eine Figur in solch einem Roman das Geschlecht gewechselt hat, während es anscheinend kein Problem ist über Gestaltwandler, Brückentrolle oder ähnliches zu lesen?