Schlagwort: Seanan McGuire

Seanan McGuire: Every Heart A Doorway (Wayward Children)

Nachdem ich „Every Heart A Doorway“ von Seanan McGuire am Sonntag gelesen hatte, brauchte ich etwas Zeit, um die Geschichte sacken zu lassen. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sehr sich die verschiedenen Romane der Autorin voneinander unterscheiden und während „Sparrow Hill Road“ für mich eine großartige Mischung aus ungewöhnlichem Weltenbau (all diese Ideen rund um die Highways und um die Aufgabe, die Rose nach ihrem Tod übernommen hat) und sehr, sehr emotionalen Momenten war, hat „Every Heart A Doorway“ weniger meine Gefühle als meine Vorstellungskraft angesprochen. Vielleicht lag das an der Protagonistin Nancy, die relativ distanziert mit all dem Erlebten umgeht, da in „ihrer“ Welt jede extreme Reaktion ebenso verpönt war wie eine schnelle oder unbedachte Bewegung. Oder es lag an dem geringen Umfang der Geschichte, der dafür sorgte, dass sich der Schwerpunkt mehr auf die Informationen rund um die Türen zu anderen Welten konzentrierte, als auf die verschiedenen Figuren und ihre Entwicklung.

Auf jeden Fall hat es mir großen Spaß gemacht Nancy in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“ zu begleiten. Das Mädchen hatte eines Tages im Keller ihrer Eltern eine Tür gefunden, die in die Hallen des Todes führten. Dort hat sie viele Jahre verbracht, bis der Herr des Todes sie eines Tages aufforderte in ihre alte Welt zurückzukehren und erst wiederzukommen, wenn sie sich vollkommen sicher ist, dass sie den Rest ihres Lebens in seiner Welt verbringen will. Für Nancy hat sich die Frage nie gestellt, erst in der Stille und Ruhe in dieser geisterhaften neuen Welt hat sie sich wirklich zuhause gefühlt. Nach ihrem Aufenthalt dort ist es für sie unmöglich wieder zu dem Mädchen zu werden, von dem ihre Eltern sich wünschen, dass sie es wäre. Erst in Eleanor Wests Institution muss sie nicht mehr vorgeben jemand anderer zu sein als sie ist. Sie kann (relativ) frei von ihrer Welt erzählen und trifft auf Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht haben.

Dabei ist ihr neues Heim auch nicht perfekt. Sehr viele ihrer Mitbewohner waren in Welten, die laut und bunt und fröhlich sind, und haben kein Verständnis für den Reiz, den die Hallen des Todes auf Nancy ausgeübt haben. Immerhin freundet sie sich schon in den ersten Tagen – dank ihrer Zimmernachbarin Sumi – mit Kade, Jill und Jack an. Als es dann zu mehreren Morden in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“ kommt, werden natürlich als erstes diejenigen, die in unheimlichen Welten ihre Zuflucht fanden, verdächtigt. So beginnt für Nancy eine Zeit, in der sie auf der einen Seite bemüht ist, ihre Unschuld zu beweisen und es ihr auf der anderen Seite wichtig ist, dass die Toten mit dem angemessenen Respekt behandelt werden.

Obwohl die Tatsache, dass jemand in dieser ungewöhnlichen Institution zum Mörder geworden ist, das Grundgerüst der Handlung bildet, dreht sich „Every Heart A Doorway“ vor allem um die verschiedenen Welten, um die Türen in diese Welten und um den Grund, warum manche Kinder einen Weg in eine andere Welt finden. Neben all diesen Ideen und Theorien über die verschiedenen Welten, nutzt Seanan McGuire ihre Geschichte auch, um über Gender Identity, Vorurteile und die verschiedenen Arten des „Zuhausefühlens“ zu schreiben. Jede Person in Eleanor Wests Institution war anscheinend auf der Suche nach einem Ort, in dem sie sie selbst sein kann, ohne sich den Vorstellungen anderer anpassen zu müssen. Und während einige in ihren Welten ihren Platz und ihr Glück gefunden haben, konnten andere Welten nicht mit den Kindern umgehen, die sie besucht haben.

Ich mochte beim Lesen die vielen verschiedenen Ideen und Aussagen zu den einzelnen Welten so sehr. Auch fand ich Nancy. Sumi, Kade, Jill und Jack sehr sympathisch und habe gern meine Zeit mit ihnen verbracht. Spannend fand ich auch die Sicht, die die verschiedenen Figuren auf ihre jeweilige Welt hatten, ebenso wie ihre Versuche eine Erklärung dafür zu finden, dass die Welt, in der sie ein Zuhause gefunden hatten, sie anscheinend verstoßen hat. „Every Heart A Doorway“ ist definitiv nicht die berührenste Geschichte, die ich je von Seanan McGuire gelesen habe, aber es ist eine der Geschichten, die einem beim Lesen viele Denkanstöße geben, neue Ideen in einem keimen lassen und eine andere Perspektive auf vertraute Erzählungen wirft. Ich hoffe sehr, dass die Autorin die (bislang zwei) geplanten Romane, die diese Grundidee und einige der vertrauten Figuren aufgreifen werden, auch noch verwirklichen kann, damit ich noch mehr über die verschiedenen Welten und die ihnen innenwohnende Logik erfahren kann.

Seanan McGuire: Chaos Choreography (InCryptid #5)

Bislang habe ich jeden „InCryptid“-Band mit großem Vergnügen gelesen, aber anscheinend habe ich nur bei den Bänden rund um Verity das Bedürfnis darüber zu schreiben. „Chaos Choreography“ ist der fünfte InCryptid-Roman und der dritte, in dem Verity die Hauptfigur ist, nachdem die vorhergehenden beiden Bücher aus der Sicht ihres Bruders Alex erzählt wurden. In „Chaos Choreography“ bekommt Verity eine letzte Chance, um sich als Tänzerin zu beweisen. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass sie nach ihrem letzten Auftritt in „Dance or Die“ das Tanzen vergessen könnte, weil es nun ihre Aufgabe sei das „Familiengeschäft“ weiterzuführen. Doch als der Produzent eine besondere Staffel ankündigt, in der die vier besten Tänzer der vergangenen fünf Staffeln gegeneinander antreten sollen, gerät Verity in Versuchung. Ihre Identität als „Valerie Pryor“ wurde nie aufgedeckt und so scheint es sicher zu sein, noch einmal vor die Kameras zu treten und Amerika zu beweisen, was für eine fantastische Tänzerin sie ist.

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Inzwischen ist Verity verheiratet und so benötigt nicht nur sie ein Identität, die dem „Covenant of St. George“ unbekannt ist, sondern auch ihr Mann. Außerdem kommt es am Set zu „Dance or Die“ schnell zu merkwürdigen Vorkommnissen, die dafür sorgen, dass Verity nicht länger ihr hartes, aber unbeschwertes Leben als „Valerie“ führen kann, sondern herausfinden muss, wer die ausgeschiedenen Tänzer der aktuellen Staffel umbringt. Gemeinsam mit Dominic, den „übernatürlichen“ Teilnehmern bei „Dance or Die“ und ihrer Großmutter Alice Price-Healy macht sich Verity auf die Suche nach den Mördern – und muss dabei natürlich die eine oder andere gefährliche Situation überstehen.

In „Chaos Choreography“ setzt Seanan McGuire wieder auf viele bewährte Elemente. Es gibt die verschiedenen fantastischen Wesen, die nicht nur für sich genommen spannend und interessant sind, sondern bei denen ich es auch faszinierend finde, wie sie in unserer modernen Welt ein Auskommen finden. Dazu kommt noch die Interaktion zwischen den verschiedenen übernatürlichen Wesen und Verity, die als Mensch eigentlich nicht vertrauenswürdig ist, aber doch als Kryptozoologin manchmal sogar zur Freundin wird. Dazu noch die Aeslin-Mäuse, die dieses Mal schon fast zu kurz kommen, denn ich habe die verschiedenen skurrilen Feiertage vermisst, und natürlich Seanan McGuires Händchen für humorvolle Szenen und Dialoge. Etwas vorhersehbar, aber trotzdem amüsant waren die Interaktionen mit Veritys Großmutter Alice Price-Healy, die ganz eigene Vorstellungen davon hat, wie man verdeckt ermittelt und keine Aufmerksamkeit erregt.

Doch was mich vor allem bei diesem Roman gepackt hat, waren die Momente, in denen Verity tanzte. Seanan McGuire gelingt es fantastisch diese Mischung aus harter Arbeit, körperlichen Schmerzen und Erschöpfung und absoluter Befriedigung zu beschreiben, die mit dem Erlernen einer Choreografie einhergeht. Ebenso fand ich es stimmig wie die Tänzer voller Nervosität auf ihren Auftritt warteten, um dann auf der Bühne alles zu geben, – und kurz darauf bestimmen wieder die Gesetze des Show-Business jede Geste, jedes Wort, denn natürlich nehmen die Tänzer nur deshalb an solch einer Show teil, um durch ihren Tanz und ihr Benehmen, die Sympathien des Publikums und somit ihre Stimmen zu gewinnen. Ich fand all diese Momente wirklich atmosphärisch dargestellt und es hat Spaß gemacht eine Urban-Fantasy-Geschichte in diesem Umfeld zu lesen.

(Und jetzt warte ich ungeduldig darauf, dass ich endlich im nächsten Jahr den ersten InCryptid-Band rund um Veritys kleine Schwester Antimony lesen kann. Denn auf die freu ich mich schon sehr!)

Seanan McGuire: Indexing – Reflections (Indexing 2)

Zwei Jahre nach dem Erscheinen von „Indexing“ von Seanan McGuire gibt es mit „Indexing: Reflections“ die Fortsetzung um Henry (Henrietta Marchen) und ihre Kollegen sowie ihren Kampf gegen Märchen, die danach streben, real zu werden. Auch bei diesem Band erschienen die einzelnen Kapitel zuerst als Fortsetzungsgeschichte für den Kindle und sind somit sehr gut mit ein paar Tagen Abstand zwischen den Episoden zu lesen. Dieses Mal geht es vor allem um die Nachwirkungen der Vorgänge im ersten Band. In „Indexing“ wäre es fast zu einer Katastrophe gekommen, da eine Geschichtenerzählerin („Mother Goose“) diverse potenziellen Märchenfiguren und ihre Geschichten manipuliert hatte. Aber auch nach der Ergreifung dieser Verbrecherin kommt es immer noch zu einem erhöhten Aufkommen an Märchenvorfällen, was für die Mitarbeiter des ATI Management Bureaus eine Menge Extraarbeit bedeutet.

Doch nicht nur das größere Arbeitsaufkommen macht Henry und ihrem Team zu schaffen. Durch die Vorgänge rund um die „Mother Goose“ wurde Henrys Geschichte aktiviert, ebenso wie die von Demi, die inzwischen ein fester Bestandteil dieser „Märcheneinsatztruppe“ ist. Also müssen Henry (ein aktives „Schneewittchen“), Jeff (ein „Schuhmacher“), Demi (eine aktive „Rattenfängerin“), Sloane (eine „böse Stiefschwester“) und Andy (der einzige im Team, der nicht von Märchen berührt wurde) dem ATI Management Bureau erst einmal beweisen, dass sie immer noch ihrem Dienst nachgehen können, ohne dass ihr Märchenhintergrund zu einer Gefahr für die Allgemeinheit wird. Zu ihren Gunsten spricht dabei, dass Henry und ihre Kollegen auch im inaktiven Zustand schon viel Erfahrung mit ihrer Märchenidentität sammeln können und sich der Risiken durchaus bewusst sind. Außerdem haben sie eine gute Erfolgsquote und sind eines der wenigen Teams, das mit Sloane gut zusammenarbeiten kann, Denn Sloane ist eine Mitarbeiterin mit einzigartigen und unverzichtbaren Fähigkeiten, deren Wohl dem ATI besonders am Herzen liegt. Wie einzigartig die potenzielle Giftmischerin ist, wird dabei erst im Laufe der Geschichte deutlich. ….

Es ist wohl wenig überraschend, dass ich auch diesen Roman von Seanan McGuire sehr genossen habe. Die Autorin trifft immer wieder meinen Humor und ich liebe es, wie sie mit den verschiedenen Themen umgeht und wie sie eine ungewöhnliche Sicht auf vertraute Elemente beweist. Die Handlung von „Indexing“ war so weit eigentlich abgeschlossen, aber es blieben genügend Stränge offen, dass daran wieder angeknüpft werden konnte. Neben den ganzen Vorfällen rund um die kurz vor der Aktivierung stehenden Märchen fand ich es sehr spannend, mehr über die Entstehung des ATI Management Bureaus zu erfahren und mitzuerleben, wie aus Sloane eine „böse Stiefschwester“ wurde. Aber auch Henrys Auseinandersetzung mit ihrem (Ur-)Märchen und all die anderen neuen Figuren, deren Märchen schon aktiv sind, die aber anscheinend damit umgehen konnten, haben schöne neue Sichtweisen auf das Märchenthema gebracht. Dazu kam noch, dass die Geschichte einigen Anlass bot, um sich mit dem Schicksal der Personen auseinanderzusetzen, die von Henry und all den anderen im Laufe der Jahrhunderte daran gehindert wurden, sich als Märchenfiguren zu manifestieren.

So gab es immer wieder bitterböse, traurige, aber auch amüsante Szenen, wobei der „Märchenschwerpunkt“ weiterhin bei Henry und dem Schneewittchenthema lag. Seanan McGuire hat sich in diesem Band viel Zeit genommen, um auf die Vergangenheit des Schneewittchenmotivs einzugehen und um ihre Welt detaillierter vorzustellen. Das hat vielleicht die eine oder anderen Wendung nicht ganz so überraschend gestaltet, aber dafür gab es für mich sehr viele Anstöße, noch einmal über die verschiedenen Märchenvarianten und die Entwicklung und Verbreitung von Märchen nachzudenken. Außerdem mag ich es, wie die Autorin ihre Märchenfiguren in ein modernes Umfeld versetzt, ohne sich dabei zu sehr von dem märchenhaften Grundmotiv zu entfernen.

Mira Grant: Feed (The Newsflesh Trilogy 1)

Ich hätte wissen müssen, dass Seanan McGuire keine „normale Zombiegeschichte“ schreiben würde und trotzdem bin ich um „Feed“ (veröffentlicht unter dem Pseudonym Mira Grant) schon eine ganze Weile herumgeschlichen, weil Zombies eigentlich so gar nicht mein Ding sind. Aber „Feed“ ist genau genommen keine Zombiegeschichte (zumindest nicht in „Splatterfilm“-Tradition, die mir als erstes in den Sinn kommt) , „Feed“ ist eine solide und überzeugende Auseinandersetzung mit der Frage, was passiert, wenn moderne Heilmittel „unvorhersehbare Nebenwirkungen“ haben, und was mit einer Gesellschaft geschieht, die sich einer Bedrohung ausgesetzt sieht, die so sehr von innen kommt, wie man es sich nur vorstellen kann. Außerdem beschäftigt sich „Feed“ mit Politik, mit journalistischer Ethik und mit so vielen anderen Themen, dass ich immer wieder fasziniert davon war, wie die Autorin diese Elemente aufgegriffen und betrachtet hat.

Die Handlung wird in „Feed“ von Georgia „George“ Mason erzählt, eine der vielen Waisen, die nach dem Ausbruch der Infektion, aufgewachsen ist. Die Infektion ist übrigens durch das unglückliche Zusammenspiel zweier Heilmittel (eines gegen Krebs, eines gegen Grippe) entstanden und sorgt dafür, dass Säugetiere ab einer bestimmten Körpermasse nach ihrem Tod (oder durch „normales“ Ausbrechen der Infektion oder durch die Übertragung durch Körperflüssigkeiten) zu Zombies oder zumindest zu Überträgern der aktiven Infektion werden können. Die Tatsache, dass jeder das Virus passiv in sich trägt, führt zu einer besondere Brisanz, denn egal wie sehr sich die Menschen vorsehen, es gibt keine absolute Sicherheit.

Trotzdem haben die Menschen 30 Jahre nach Ausbruch dieser Seuche zu einer gewissen Normalität gefunden. Die Gesellschaft hat sich in manchen Bereichen radikal geändert, so sind gesellschaftliche Ereignisse, bei denen man aus dem Haus geht und mit anderen Menschen zusammentrifft selten geworden, Blogger haben einen gewissen Status erlangt, da sie direkt nach dem Auftauchen der ersten Zombies die einzigen waren, die diese absurd wirkende Situation ernsthaft behandelt haben, Bluttest gehören zum Alltag, ebenso wie die Tatsache, dass man jederzeit damit rechnen muss einen geliebten Menschen zu verlieren.

George, ihr Adoptivbruder Shaun und ihre Kollegin Georgette (genannt „Buffy“) gehören zu den Bloggern, die sich mit ihrer Seite in den letzten Jahren einen guten Ruf erarbeitet habe. George ist für die sachlichen und informativen Artikel zuständig, Shaun für die Action (er fährt mit Vorliebe in gefährdete Gebiete und setzt sich mit dem dortigen Zombiebefall auseinander), während Buffy für die Technik und Romantik (Geschichten und Gedichte) zuständig ist. Ihr Ruf ist inzwischen so gut, dass sie eingeladen werden die Präsidentschaftskandidatur von Senator Peter Ryman zu begleiten und darüber zu berichten. Dieses Setting bietet der Autorin nicht nur eine gute Gelegenheit kritisch mit dem politischen Moloch (nicht nur in den USA) umzugehen, sondern auch eine gute Spur Thriller in die Handlung einzubauen, nachdem es schon recht früh während der Wahlkampfkampagne zu einem Anschlag auf den Kandidaten und sein Team kommt.

Ich mag es, wie sachlich der Ton in der Geschichte zum Großteil ist. Es gibt auch sehr berührende oder amüsante Momente, aber George erzählt von dem Erlebten in der Regel in dem gleichen Tonfall, in dem auch ihre Artikel gehalten werden, so dass viele Passagen informativ, wissenschaftlich und so objektiv beobachtend wie möglich erzählt werden. Das bedeutet nicht, dass George ohne Gefühle wäre, sie nutzt ihre journalistische Sicht eindeutig, um sich abzuschirmen und zu beschützen, aber eben auch, um die bestmögliche Arbeit abzuliefern, die sie leisten kann.

Dieser Ton hat bei mir dazu geführt, dass ich das Buch relativ langsam gelesen haben. Auf der einen Seite fand ich es spannend die verschiedenen Entwicklungen zu verfolgen und die Hintergründe der dargestellten Welt zu entdecken, auf der anderen Seite musste ich mir auch etwas Zeit nehmen, um all diese Informationen zu verarbeiten (und mir immer wieder vorzustellen, wie nah unsere Realität an der von George und ihrem Team ist). Und gerade weil der Grundton sachlich mit einem Spritzer Sarkasmus und Freundschaft ist, fand ich die Geschichte besonders berührend. Denn irgendwann reicht dieser sachliche Filter nicht mehr aus, um den Leser von den Ereignissen abzuschirmen, und ab einem bestimmten Punkt in der Handlung schaffen es selbst die besten Journalisten nicht mehr objektiv von dem Geschehenen zu berichten – und ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine Tränen gar nicht schnell genug wegblinzeln, um die nächsten Sätze zu lesen.

Wenn eine Geschichte mir am Ende das Gefühl gibt, ich habe eine emotionale Achterbahn mit lauter sympathischen und realistisch gestalteten Charakteren hinter mir, und dazu bekomme ich mit der Handlung noch lauter Informationen, Ideen und Details geliefert, die auf erschreckend stimmige Weise unsere Realität aufgreifen und weiterdenken, dann ist irgendwie alles gut, egal, ob es bei einer „Zombiegeschichte“ ein Happy End geben kann oder nicht …

Seanan McGuire: A Red-Rose Chain (October Daye 9)

Schon der neunte October-Daye-Band und mir wachsen die Charaktere und die Welt, die Seanan McGuire da erschaffen hat, immer mehr ans Herz. Wie schon beim vorhergehenden Band ist für October zu Beginn von „A Red-Rose Chain“ die Welt rundum in Ordnung. Dass das nicht lange so bleibt, ist natürlich abzusehen und so muss Toby kurz darauf miterleben, wie ein Mitglied des königlichen Hofes angegriffen wird und das Nachbarreich eine Kriegserklärung abgibt. Um die bevorstehenden Auseinandersetzungen zu verhindern, wird Toby als Diplomatin losgeschickt. Ihr ist dabei durchaus bewusst, dass sie als Diplomatin nicht gerade die beste Wahl ist und dass sie als Wechselbalg in einem Reich, in dem ausschließlich reinblütige Fae eine Rolle spielen, einen besonders schweren Stand haben wird.

Bei Amazon gibt es ein paar Rezensionen, in denen sich beschwert wird, dass in diesem Roman zu wenig passiert und dass Toby sich häufig im Kreis dreht. In gewisser Weise stimmt das und es ist definitiv nicht die actionreichste Geschichte, die Seanan McGuire geschrieben hat, aber mir hat das Buch trotzdem wieder sehr gut gefallen. Es fühlt sich für mich an, als ob die Autorin den Boden für den nächsten größeren Handlungsstrang bereitet, in dem sie dafür sorgt, dass Toby die Welt der Fae durchwirbelt und alte Strukturen aufbricht, während sie ihre Fähigkeiten auslotet und sicherer in ihrer Anwendung wird. Mir bereitet es großes Vergnügen auf der einen Seite zu sehen, dass Toby immer mehr in ihrer Welt Fuß fasst und dass sie gelernt hat, sich auf ihre Familie und ihre Freunde zu verlassen, während auf der anderen Seite Seanan McGuire immer detaillierter die dunklen Seiten ihrer fantastischen Welt ausarbeitet.

Als Diplomatin in dem „Kingdom of Silences“ findet Toby dort (aus ihrer Sicht) erschütternde Umstände vor. Der regierende König ist – selbst für ein Fae – erschreckend rassistisch, die Regeln, die Oberon für das Zusammenleben der Fae aufgestellt hat, werden dort Tag für Tag gebeugt und über die Lebensumstände der Untergebenen möchte ich gar nicht erst reden. So schwankt Toby ständig zwischen dem Gefühl etwas gegen diese Missstände tun zu müssen und ihrer Verpflichtung als Diplomatin. Obwohl eigentlich von Anfang an klar ist, dass ihre Mission vergeblich ist, so muss sie doch die drei Tage durchhalten, die ihr offiziell zur Verhinderung des Krieges zur Verfügung stehen – und sei es nur, um ihrer Königin die Chance zu geben, diese Zeit zu nutzen, um sich auf einen Angriff vorzubereiten. Ich mochte es, wie dieser Konflikt dargestellt wurde, und wie Toby und ihre Freunde mit der Situation umgingen, obwohl sie doch eigentlich aufgrund ihrer offiziellen Rollen so hilflos waren.

Oh, und noch ein Aspekt, der bei Amazon kritisiert wurde, ist die Darstellung der Geschlechter in der Geschichte. Das bezieht sich auf eine Figur, die bislang immer als Mann dargestellt wurde, und von der man nun die Information bekommt, dass sie als Mädchen geboren wurde. Ich weiß nicht, warum das vorher ein Thema hätte sein sollen, während es an dieser Stelle meinem Empfinden nach eine gute Erklärung dafür ist, dass die Person eben nicht auf den ersten Blick von Personen erkannt wird, die sie als Kind kannten. Wieso ist es für manche Leser so ein Problem, dass eine Figur in solch einem Roman das Geschlecht gewechselt hat, während es anscheinend kein Problem ist über Gestaltwandler, Brückentrolle oder ähnliches zu lesen?

Seanan McGuire: The Winter Long (October Daye 8)

Nachdem ich „Chimes at Midnight“ von Seanan McGuire beendet hatte, habe ich am nächsten Tag gleich zur Fortsetzung gegriffen. Eigentlich hätte ich nach dem siebten Band erst einmal eine Pause einlegen können, weil ich das Gefühl hatte, dass in der Hintergrundgeschichte ein Punkt erreicht worden sei, an dem der große Handlungsbogen zu einem befriedigenden Abschluss geführt worden sei. Aber da ich „The Winter Long“ schon daheim hatte und ich gerade so schön wieder in Tobys Welt drin war, habe ich natürlich die Reihe weitergelesen. Genau genommen habe ich gelesen bis ich am nächsten Morgens um halb fünf die letzte Seite geschafft hatte, weil ich den Roman dann nicht einfach mittendrin aus der Hand legen konnte.

Der Roman beginnt mit dem gleichen guten Gefühl mit dem „Chimes at Midnight“ endet. Toby ist zu einem Ball eingeladen und ihr größtes Problem ist, dass sie einfach keine Lust hat auf so eine Veranstaltung zu gehen. Nicht nur, dass sie in der Vergangenheit regelmäßig um ihr Leben fürchten musste, es ist auch so, dass sie sich einfach nicht wohlfühlt, wenn sie sich unter die „gehobene Gesellschaft“ mischen und sich amüsieren soll. Überraschenderweise wird der Abend dann doch noch ganz nett (und hält keine Attentate oder ähnliche Ereignisse für sie bereit). Es war schön noch einmal so präsentiert zu bekommen, wie sehr sich Tobys Leben in den vergangenen Jahren verändert hat und wie gut es ihr inzwischen geht. Aber natürlich bekommt man als Leser von Seanan McGuire solche Szenen nur geboten, um kurz darauf miterleben zu müssen wie zerbrechlich Tobys Glück doch ist.

Wieder schlägt die Autorin dabei den Bogen zum Anfang der Geschichte, doch während sie dies in „Chimes at Midnight“ nutzte, um Tobys Entwicklung aufzuzeigen, wird dieses Mittel in „The Winter Long“ verwendet, um noch einmal all die vergangenen Ereignisse um eine weitere Schicht zu bereichen, um viele bekannte Charaktere von einer neuen Seite zu präsentieren und die Hintergründe rund um die Geschichte der Feen zu vertiefen. Das ist nicht nur sehr, sehr cool gemacht, sondern an einigen Stellen auch ganz schrecklich nervenaufreibend. Nicht, weil die Handlung so rasant erzählt wird, sondern weil Toby nach und nach bewusst wird, wie wenig sie über die Personen weiß, denen sie Vertrauen geschenkt hat und wie sehr sie ihr Leben lang manipuliert wurde.

Neben einigen überraschenden Wendungen und Enthüllungen und großartigen Szenen mit der Luidaeg und Tybalt, finde ich es vor allem beeindruckend wie Seanan McGuire viele winzig kleine Elemente der vergangenen Romane aufgreift und so zu einem Gesamtbild zusammenfasst, dass das alles stimmig und richtig (und im Nachhinein überraschend alarmierend) zu sein scheint. Dazu kommt, dass einige Begegnungen mit Personen aus ihrer Vergangenheit (wie Simon Torquill, der dafür gesorgt hatte, dass Toby 14 Jahre in Fischgestalt verbringen musste, während ihre Tochter ohne Mutter aufwuchs) dem Leser ebenso wie Toby aufzeigen, wie sehr sie sich verändert hat und wie sehr sie an ihren Herausforderungen gewachsen ist.

Dabei finde ich es immer wieder schön, dass Toby zwar stärker wird und mehr über ihre ungewöhnliche Magie erfährt, aber ihre Siege nicht durch ihre „Superheldenfähigkeiten“ erringt, sondern durch eine Kombination aus Dickköpfigkeit und Freunden, die ihr zur Seite stehen, weil sie sie mit Respekt behandelt – etwas, das in der Feenwelt nicht gerade selbstverständlich ist. Überhaupt sind all diese Details über die Feenwelt, über die Magie und ihre Gesetze und Beschränkungen immer wieder toll zu lesen. Ebenso wie die immer vielfältiger werdende Historie der Feen und die Passagen, die von Oberon, Maeve und Titania und ihre Kindern erzählen.

Ich bin wirklich glücklich, dass sich diese Reihe so fantastisch entwickelt hat, und sehr gespannt darauf, was Seanan McGuire noch alles mit Toby anstellen wird. Langweilig wird es auch in Zukunft definitiv nicht werden, wenn ich nach all den neuen Erkenntnissen und dieser tollen Szene auf der vorletzten Seite gehe! *freu*

Seanan McGuire: Chimes at Midnight (October Daye 7)

Obwohl „Chimes at Midnight“ schon der siebte Band der October-Daye-Reihe von Seanan McGuire ist, denke ich, dass ich eine recht spoilerfreie Rezension zu dem Roman schreiben kann. Der Anfang dieser Geschichte fühlt sich vollkommen anders an als die vorhergehenden Bände. Zum ersten Mal scheint October (Toby) Daye an einem Punkt angekommen zu sein, an dem sie zufrieden mit ihrem Leben ist. Natürlich ist das Leben nicht auf einmal unkompliziert geworden, aber es fühlt sich gut an. Toby hat die großen Verluste der letzten Zeit verarbeitet, sie führt mit Tybalt eine wunderbare Beziehung (hach, so schöne Tybalt-Momente!) und es gibt keine aktuelle Bedrohung für ihre Freunde.

Dafür muss sie sich Sorgen um die Wechselbälger in San Francisco machen, da in letzter Zeit ungewöhnlich große Mengen „Goblin Fruit“ auf den Straßen der Stadt zu erstehen sind – und diese Frucht ist tödlich für die Mischlinge, die menschliches Blut in sich haben. Da die „Goblin Fruit“ in der Feenwelt keine verbotene Frucht ist, kann nur ein Gebot der örtlichen Herrscherin dazu führen, dass dieser gefährliche Stoff aus San Francisco verbannt wird. So muss Toby die Königin aufsuchen und von ihrem Anliegen überzeugen – was natürlich gründlich schief läuft und damit endet, dass Toby aus dem Königreich verbannt wird. Gerade mal drei Tage bleiben ihr, um ihre Angelegenheiten zu regeln und die Grenzen des Regierungsbereichs der Königin hinter sich zu lassen.

Trotz ihrer Verbannung behält Toby das erste Drittel des Buches hindurch ihren Optimismus (sagte ich schon, wie schön das ist? ;D) und versucht einen Plan zu entwickeln, durch den sie ihrer Verbannung entgehen und die Wechselbälger vor der Gefahren der „Goblin Fruit“ beschützen kann. Dass bei diesem Plan nicht alles glatt läuft, muss ich ja kaum noch betonen, und dass die ganze Sache dann doch erschreckend schnell ganz schön gefährlich für Toby wird, vermutlich auch nicht.

Nachdem ich mir so lange Zeit gelassen habe, bis ich wieder in Tobys Welt zurückkehrte, habe ich das Lesen dieses Romans umso mehr genossen. Es war schön wieder mehr Details über die verschiedenen Elemente dieser fantastischen Welt zu erfahren, mehr Details über Tobys Familie und über ihre Fähigkeiten und mehr über die Charaktere, die mit ihre befreundet sind. Auch werden in dieser Geschichte neue Figuren eingeführt, die ich auf Anhieb mochte.

Obwohl nicht alle Enthüllungen wirklich überraschend kamen und manches Problem für Toby fast ein bisschen leicht zu lösen war, habe ich den Einfallsreichtum und den Humor (Evil Pie! Ernsthaft? *g*) von Seanan McGuire wieder genossen. Die Autorin nutzt dieses Buch unter anderem, um ihrer Stammbuchhandlung in San Francisco eine Liebeserklärung zu machen – und mit schön beschriebene Buchhandlungen (oder sympathischen Buchhändlern und Bibliothekaren) kann man mich auch immer fangen.

Überhaupt gibt es so viele San-Francisco-Szenen in diesem Buch, dass es sich ein wenig anfühlt, als ob Seanan McGuire mit diesem Band wieder zum Anfang der Geschichte zurückgekehrt wäre, um zu zeigen wie viel sich in der Zwischenzeit in Tobys Leben getan hat und wie sehr sie diesen Teil der Feenwelt durch ihre Aktivitäten verändert hat. Das hat sich – trotz der stellenweise wirklich ernsthaften Entwicklungen – nicht nur gut angefühlt, sondern auch eine schöne Grundlage für einen weiteren größeren Handlungsbogen rund um Toby und ihre Freunde geschaffen. Ich bin gespannt, was die Autorin noch mit dieser Figur vorhat!

P.S.: Ich bin übrigens froh, dass ich vor diesem Roman „Sparrow Hill Road“ gelesen habe. Denn obwohl beide Welten nichts miteinander zu tun haben, gibt es einen Moment, in dem Toby über die Unveränderlichkeit von Straßen nachdenkt und diesen Moment konnte ich – so kurz er war – viel mehr würdigen, weil ich die Geschichte von Rose noch im Hinterkopf hatte.

Seanan McGuire: Sparrow Hill Road

„Sparrow Hill Road“ von Seanan McGuire ist ein Einzelband mit Geschichten rund um Rose Marshall, ein in den 50er Jahren verstorbenes Mädchen, das seit Jahrzehnten immer wieder an amerikanischen Highways nach einer Mitfahrgelegenheit sucht ,.. Bevor ich mehr zum Inhalt sage, noch etwas zur Einordnung des Bandes in Seanan McGuires Romanwelt: „Sparrow Hill Road“ gehört nicht zu den „InCryptid“-Geschichten, aber die Ereignisse spielen in derselben Urban-Fantasy-Welt, auch wenn sich dies nur in ein, zwei Verweisen auf den Namen „Healy“ bemerkbar macht.

Wie schon bei „Indexing“ würde ich empfehlen, dass man sich beim Lesen von „Sparrow Hill Road“ Zeit lässt, um die einzelnen Geschichten zu genießen und langsam immer tiefer in diese Welt voller Geister einzutauchen. Das Buch ist dabei in vier Bereiche aufgeteilt, und während im ersten Abschnitt eher kleine und alltägliche Begebenheiten (also für Rose alltägliche Begebenheiten :D) geschildert werden, werden die späteren Geschichten immer intensiver und persönlicher. Jede Kurzgeschichte wird eingeleitet von einem Abschnitt, in dem etwas über diese Geisterwelt erklärt wird, etwas, das Rose in den vergangenen Jahrzehnten als „Hitchhiker-Ghost“ über die Highways des Landes und die Menschen und Geschöpfe, die dort existieren, gelernt hat.

Diese Erzählweise erfordert schon, dass man sich auf das Ganze einstellen und etwas Geduld haben muss, aber es lohnt sich definitiv, diese Geduld aufzubringen, denn Rose und ihre Geschichte sind meiner Meinung nach etwas Besonderes, und es hat mir – auf eine melancholische Weise – viel Spaß gemacht, „Sparrow Hill Road“ zu lesen. Die Sparrow Hill Road ist der Ort, an dem Rose mit sechzehn Jahren getötet wurde, in der Nacht, in der sie eigentlich mit ihrem Freund auf einen Ball gehen sollte. Doch er kam zu spät und sie wurde ungeduldig und machte sich allein auf den Weg – und wurde so zum Opfer eines getriebenen Mannes.

Da Rose auf der Straße getötet wurde, wurde sie zu einem Hitchhiker-Ghost, einer Anhalterin, die ihr untotes Dasein damit verbringt, über die Straßen von Amerika zu trampen. Doch Rose ist mehr als eine geisterhafte Anhalterin, sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, zur Stelle zu sein, wenn Gefahr droht, dass ein Fahrer in einen tödlichen Unfall verwickelt wird. Manchmal kann sie dazu beitragen, dass derjenige, der sie in seinem Wagen mitnimmt, noch davonkommt, manchmal kann sie die Toten nur noch auf einem Stückchen ihres Weges begleiten, bis sie ihre Bestimmung nach dem Tod gefunden haben. Auch für Rose ist das „Leben“ auf der Straße nicht ganz ungefährlich, denn neben den diversen übernatürlichen Gefahren lauern z. B. auch Menschen auf sie, die aus den verschiedensten Gründen als Geisterjäger unterwegs sind. Doch niemand ist so schrecklich wie Bobby Cross, der Mann, der Rose getötet hat und nun auf der Jagd nach ihrer Seele ist.

Ich mag Rose sehr gern, sie ist hilfsbereit, aber nicht zu gut, sie hat Ecken und Kanten. Es gibt ein paar Freunde, die sie längere Zeit durch ihr untotes Leben begleiten, sowie einige Leute, die sie lieber meidet. Sie hat es geschafft, eine Nische nach ihrem Tod zu finden, mit der sie zufrieden ist – und im Laufe der Zeit lernt sie, ihre Angst vor Bobby Cross in Wut und Stärke umzuwandeln. Außerdem mag ich (mal wieder *g*) die Welt, die Seanan McGuire rund um Rose geschaffen hat. Es gibt ganz eigene Gesetzmäßigkeiten für eine Existenz nach dem Tod, und Rose weiß längst nicht alles, was in dieser Welt vor sich geht, aber gerade diese Mischung aus Wissen und Ungewissheit hat meine Fantasie befeuert.

Wenn man andere Kurzgeschichten von Seanan McGuire kennt, erkennt man vielleicht das eine oder andere Wesen (wie die Cheerleader-Walküren) wieder, aber auch ohne dieses Wiedererkennen machen die Figuren Sinn und es macht Spaß mitzuerleben, wie sie auf Rose treffen und was diese Begegnung für Rose bedeutet. Ich finde es auch immer wieder schön, wie es die Autorin schafft, mit wenigen Sätzen einer Figur so viel Profil zu verleihen, dass man das Gefühl hat, man hat eine klare Vorstellung von ihr. Manchmal reicht es schon, dass sie schreibt, dass jemand ein guter Mann ist, jemand, den man zum Freund haben möchte, und der eine Anhalterin nicht mitnimmt, weil er sich davon etwas erwartet, sondern weil er der Meinung ist, dass eine junge Frau nicht allein auf der Straße unterwegs sein sollte. Und nach diesen wenigen Sätzen bangt man so sehr um diesen Mann, dass man sich kaum traut, die nächste Seite umzublättern, weil man schließlich weiß, dass dort ein Unfall wartet und man befürchtet, dass Rose zu spät kommt, um ihn zu retten …

Seanan McGuire: Velveteen vs. The Multiverse (Hörbuch)

Im September hatte ich mit „Velveteen vs. The Junior Super Patriots“ den ersten Teil rund um Velma „Velveteen“ Martinez gehört und sehr genossen. Da Ariana so lieb war und unter den Teilnehmern ihrer Hörbuch-Challenge einen Gewinn verlost hat, startete für mich das Jahr gleich mit meinem gewonnenen Hörbuch. Seanan McGuire erzählt mit ihren Kurzgeschichten rund um ihre Spielzeug-belebende Superheldin, nicht nur von dem Kampf einer einzelnen Person gegen eine übermächtige Organisation (hier „The Super Patriots, Inc.“), sondern auch von den vielen kleinen alltäglichen Problemen im Leben eines Superhelden. Denn nur weil Velveteen inzwischen einen festen Job als städtische Heldin von Portland hat, sind ihre Probleme noch lange nicht vorbei.

Mal muss sie sich mit reisenden Superhelden auseinandersetzen, bei denen nicht ganz klar ersichtlich ist, ob sie Held oder Schurke sind. Dann wieder pfuschen ihr die Super Patriots ins Handwerk, weil sie es nicht zulassen können, dass eine ihrer ehemaligen Junior-Heldinnen sich ihrem Einfluss entzieht, oder jemand ernennt sich zu Velveteens Erzschurken und macht Ärger in ihrer Stadt. Aber auch das Liebesleben eines Superhelden ist kompliziert, was schon allein sehr schön deutlich wird bei der Frage, wann der Zeitpunkt zur gegenseitigen Demaskierung gekommen ist. Doch vor allem muss sich Velveteen durch verschiedene Paralleluniversen inklusive diverser Herausforderungen kämpfen, um in ihrem Leben endlich an einen Punkt zu kommen, an dem sie das Gefühl hat, dass so langsam alles in Ordnung kommt.
Und natürlich gibt es auch in „Velveteen vs. The Multiverse“ wieder Episoden, die in Velmas Kindheit spielen. Dabei fand ich ihre erste Begegnung mit Jackie Frost (der zukünftigen Schneekönigin) und dem Weihnachtsmann besonders berührend, weil hier deutlich wird wie einsam Velma als Kind war und wie verstörend es für sie war von der Organisation der Super Patriots aufgezogen zu werden und wie sehr es sie verletzt hat, dass ihre Eltern sie an diese Firma verkauft haben. 
Auch dieses Hörbuch wird von Allison McLemore gelesen und ich hatte anfangs wieder etwas Probleme mich an ihren Akzent zu gewöhnen. Trotzdem hatte ich beim Hören nicht das Gefühl, ich hätte was verpasst. Außerdem mag ich ihre Art den verschiedenen Charakteren Profil zu verleihen und den Humor und die absurden Ereignisse in der Geschichte zu lesen. Die Kombination aus Seanan McGuires Schreibweise und Allison McLemores Arbeit als Sprecherin hat mich nicht nur regelmäßig beim Hören kichern lassen, sondern mir stiegen auch immer wieder Tränen in die Augen, weil ich so sehr mit Velveteen und ihren Freunden mitgelitten habe. 
Ich genieße die Geschichten rund um Velveteen, die anscheinend immer noch nicht so recht weiß, wer sie wirklich ist und wohin ihr Weg sie führen wird, sehr. Ich mag ihre Häschen, Barbiepuppen, Spielzeugsoldaten und Teddybären, die für sie kämpfen und nach Feierabend die Wohnung aufräumen und dafür sorgen, dass Velma nicht ohne Kuscheltier schlafen muss. Und ich amüsiere mich herrlich mit Velveteens Freunden, die alle ihre ganz eigene Rolle in einer Welt voller übernatürlicher Elemente spielen müssen – und diese oft auf sehr ungewöhnliche Weise interpretieren. Und ich freue mich darüber, dass Velveteens Geschichte noch lange nicht beendet ist, denn Seanan McGuire schreibt und veröffentlicht immer wieder neue Kurzgeschichten rund um ihre ungewöhnliche Superheldin. Mit etwas Glück bedeutet das, dass ich irgendwann in ferner Zukunft ein weiteres Velveteen-Hörbuch zu hören bekomme und das wäre einfach toll!

(Oh, und falls doch noch einer von euch neugierig auf die Geschichten geworden sein sollte, sich aber nicht das Hörbuch leisten will, der kann HIER anfangen zu lesen. Ich persönlich lasse mir Velveteens-Abenteuer lieber vorlesen. 😉 

Seanan McGuire: Velveteen vs. The Junior Super Patriots (Hörbuch)

Die „Velveteen“-Geschichten sind umsonst auf Seanan McGuires Homepage einsehbar, aber sie wurden von der Autorin für eine Veröffentlichung im Taschenbuchformat überarbeitete. Die Abenteuer von Velma „Velveteen“ Martinez spielen in einer Welt, in der Superhelden schon sehr jung von „The Super Patriots, Inc.“ aufgenommen, trainiert und vermarktet werden. Doch Velma ist nicht glücklich mit einem Leben als bezahlte und kontrollierte Werbefigur und verlässt die Gesellschaft. Doch dummerweise ist „The Super Patriots, Inc.“ der Meinung, dass Velma immer noch ihnen gehört und versucht sie wieder in ihre Gewalt zu bekommen.

Als ich von der Taschenbuchveröffentlichung hörte, hatte ich gehofft, dass ich die Geschichten in gedruckter Form in die Finger bekomme, aber es war überraschend schwierig die beiden Bände importieren zu lassen. Inzwischen habe ich die Hörbuchversion davon auf meinem mp3-Player und habe mich auf diese Weise in den letzten Tagen mit den skurrilen Erlebnissen von Velma gut amüsiert. Obwohl ich „Velveteen vs. The Junior Super Patriots“ deutlich schwieriger zu verstehen finde als ein Mrs.-Pollifax-Hörbuch, habe ich Allison McLemores Lesung genossen. Die Sprecherin verleiht den verschiedenen Figuren Individualität und betont die Absurdität und den Humor in den verschiedenen Geschichten.

Velma wuchs unter der Obhut der Gesellschaft auf und wurde berühmt als „Velveteen“ – eine Superheldin mit der Fähigkeit Spielzeug zum Leben zu erwecken. Nach ihrer Flucht aus der „Junior Super Patriots, Inc.“ versucht sie ein ganz normales Leben zu führen, während sie sich mit schlecht bezahlten Aushilfsjob über Wasser hält. Aber immer wieder stolpert sie über ehemalige Kollegen, fanatische Fans oder Unrecht, das nur durch einen Superhelden wieder gutgemacht werden kann. So gerät Velma regelmäßig in kritische Situationen, bei denen sie ihre Deckung auffliegen lässt oder sich entscheiden muss, ob sie die Rolle des Superhelden oder des Superschurken einnehmen möchte.

Erzählt wird Velmas Geschichte in zwei verschiedenen Zeitebenen. Ein Teil der Handlung geschieht aktuell, während Velma versucht ein normales Leben zu führen und immer wieder über neue Hindernisse stolpert, die restlichen Kapitel bringen den Hörer zurück in Velmas Vergangenheit und erzählen wie sie als Mädchen von ihren Eltern verkauft wurde, wie sie versuchte in der „Junior Super Patriots, Inc.“ zurechtzukommen und wie sie sich mit den anderen Superhelden anfreundet (oder eben auch nicht).

Ich fand die verschiedenen Kapitel sehr kurzweilig, sehr Seanan-McGuire-haft und freu mich sehr, dass ich in den kommenden Monaten noch ein weiteres Hörbuch mit Velma-Geschichten vor mir habe. Ich habe mit Velma gelitten, als sie von ihren Eltern an die Super Patriots verkauft wurde und habe mich gefreut, als sie neue Freunde fand und sich verliebte, aber noch spannender finde ich die Teile der Handlung, die sie als erwachsene Frau erlebt. Wenn sie mal wieder versucht einen Vorstellungstermin einzuhalten und dabei beinah von einer Gruppe jugendlicher Superhelden gefangen wird oder wenn sie doch nur nach dem Weg fragen möchte und stattdessen die Eroberungspläne eines Schurken aufhalten muss. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, skurrile Momente und neue Details zu den verschiedenen Charakteren.