Seanan McGuire: Come Tumbling Down (Wayward Children)

„Come Tumbling Down“ ist die fünfte Veröffentlichung der Wayward-Children-Geschichten von Seanan McGuire, und bevor man den Band liest, sollte man am Besten die vier vorhergehenden Bücher (oder zumindest „Every Heart A Doorway“ und „Down Among the Sticks and Bones“) gelesen haben. Außerdem fürchte ich, dass diese Rezension nur für die verständlich ist, die die vorhergehenden Romane kennen. Die Handlung von „Come Tumbling Down“ führt den Leser wieder ins Moor, in die Welt, in die Jack Wolcott den Leichnam ihrer Schwester Jill zurückgebracht hat, nachdem diese aufgrund der Ereignisse in „Every Heart A Doorway“ nicht mehr in Eleanor West’s Home for Wayward Children bleiben konnte. Denn der „Tod“ ist im Moor nicht unbedingt ein endgültiger Zustand, und in einer Welt, die zum Teil von (verrückten) Wissenschaftlern und Vampiren beherrscht wird, gibt es viele Möglichkeiten für ein Leben nach dem (ersten) Tod. Doch die Rückkehr ins Moor brachte für Jack mehr Herausforderungen, als sie erwartet hatte, und so steht sie viele Monate später wieder im Keller der Schule, um für sich und ihre Welt um Hilfe zu bitten.

So kommt es, dass sich Christopher, Cora, Sumi und Kade gemeinsam mit Jack und ihrer Liebsten Alexis aufmachen, um gegen Jill und ihren Vampirmeister zu kämpfen und damit nicht nur Jacks Leben (und Verstand) zu retten, sondern gleich das gesamte Moor. Wie schon beim Lesen der anderen Wayward-Children-Bücher ging mir die ganze Zeit die Frage durch den Kopf, wie eine Autorin so viel Inhalt in so wenig Text packen kann, ohne dass es gezwungen, gedrängt oder unstimmig wirkt. Wobei Seanan McGuire in „Come Tumbling Down“ dem Leser Teile des Moors vorstellt, die in „Down Among the Sticks and Bones“ keinerlei Rolle spielten, und so sehr ich diesen Einblick in die weiteren Gebiete des Moors mochte, so hatte ich dieses Mal ein bisschen das Gefühl, dass dieser Teil (inklusive Coras Erlebnissen, die damit zusammenhingen) fast ein bisschen zu kurz kam. Das ist aber auch der einzige (und wirklich sehr kleine) Kritikpunkt, der mir zu diesem Buch einfällt, und insgesamt habe ich es sehr genossen, wieder ins Moor zurückzukehren.

Diese fantastische Welt, in der Jack und Jill ein Zuhause gefunden haben, wirkt selbst auf den zweiten Blick nicht besonders einladend, und auch für die Schwestern war das Moor nicht schon bei ihren ersten Schritten dort die Zuflucht, die es im Laufe der Zeit für sie geworden ist. Besonders für Jack, die von ihren Eltern wie ein kleines hübsches Püppchen ohne eigene Bedürfnisse behandelt worden war, bot das Moor ganz ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Sie hat dort einen Ort gefunden, an dem sie die Antworten auf ihre vielen Fragen findet, an dem sie die Grenzen zwischen Leben und Tod überschreiten kann, und an dem sie mit Alexis einen Menschen gefunden hat, der sie so liebt, wie sie ist. Hätte Jill sie nicht nach ihrer Rückkehr ins Moor auf die schlimmste Weise hintergangen, hätte Jack bis zu ihrem (vermutlich gewaltvollen und viel zu frühen) Lebensende glücklich im Moor leben können.

Wie sehr Jack diese unbarmherzige Welt, die direkt aus einem alten Horrorfilm stammen könnte, liebt, wird deutlich, als wir das Moor durch die Augen von Christopher, Sumi, Cora und Kade entdecken. Dabei bekommt der Lesern die Ereignisse in „Come Tumbling Down“ vor allem aus Christophers Sicht erzählt und sogar für ihn, dessen Welt von lebenden Skeletten bevölkert wird, ist das Moor zu düster, zu grausam und zu erbarmungslos. Im Kontrast zu all den schrecklichen Geschehnissen und zu den – für den Leser bislang unbekannten – Bedrohungen, die das Moor zu bieten hat, stehen auf der einen Seite die bedingungslose Liebe und das tiefe Verständnis zwischen Jack und Alexis und auf der anderen Seite Sumis Persönlichkeit.

Da Sumi eines der ersten Opfer in „Every Heart A Doorway“ war, hat man als Leser bislang eigentlich nur einige wenige kurze Eindrücke von ihr bekommen, die auch noch durch die Sicht der jeweils erzählenden Person getrübt waren. In „Come Tumbling Down“ hingegen entfaltet sich Sumis Charakter mit jedem weiteren Kapitel mehr. Es gibt keinen bedrückenden oder gefährlichen Moment, der nicht von Sumi kommentiert und genossen wird – wobei sie häufig beweist, dass sie (auch aufgrund ihrer Erfahrungen mit einer Nonsense-World) eigentlich einen besseren Einblick in die Logik der Welt und die Motivationen der verschiedenen Charaktere besitzt als ihre Freunde. Erstaunlich ist dabei allerdings, dass ihre Freunde immer wieder von Sumis Durchblick verblüfft sind, aber so gibt es immerhin immer wieder überraschende und witzige Momente, die diese großartig geschriebene Geschichte voller Verzweiflung, Sehnsucht, drohendem Wahnsinn und Düsternis aufhellen.

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