Charlotte MacLeod: Die Familiengruft (Sarah Kelling und Max Bittersohn 1)

In der letzten Woche hatte ich überraschend große Lust auf Rereads und einer der Titel, den ich in den letzten Tagen mal wieder aus dem Regal gezogen habe, war „Die Familiengruft“ von Charlotte MacLeod. Über die Reihe hatte ich vor kurzem erst in dem Beitrag „Spannung ist weiblich“ etwas geschrieben, aber wirklich viel ist zu diesen Romanen der Autorin auf meinem Blog nicht zu finden, weshalb ich die Gelegenheit mal nutze, um etwas über Sarah Kelling, ihre Familie und die Leiche in der Familiengruft zu schreiben. Zu Beginn der Geschichte ist Sarah Kelling noch keine 27 Jahre alt und seit ihrem 18. Lebensjahr mit Alexander Kelling – einem entfernten und fast doppelt so altem Cousin von ihr – verheiratet. Gemeinsam mit Alexanders tyrannischer Mutter Caroline leben die beiden in dem alten Familiensitz im Beacon Hill in Boston, und schnell wird deutlich, dass Sarah mit der Situation nicht besonders glücklich ist.

Abwechslung kommt in ihren recht eintönigen Alltag, als die schon vor Jahrzehnten stillgelegte alte Familiengruft der Kellings geöffnet wird, um Sarahs vor kurzem verstorbenen Großonkel Frederik zu beerdigen, und dort ein Skelett gefunden wird. Schnell wird die unbekannte Leiche als die vor dreißig Jahren verschwundene Nachtclubtänzerin Red Ruby identifiziert, und während die Öffentlichkeit sich vor allem damit beschäftigt, dass Red Ruby ermordet wurde, fragt sich Sarah, warum die Leiche gerade in ihrer Familiengruft gefunden wurde und wieso ihr das Muster der Ziegelsteinmauer, mit der die Gruft entgegen sämtlicher Denkmalschutzbestimmungen verschlossen wurde, so vertraut vorkam. Als sich dann auch noch ihr Mann Alexander besonders erschüttert über den traurigen Fund zeigt und sich herausstellt, dass er die Tänzerin in seiner Jugend gut gekannt hatte, fragt sich Sarah, wie viel sie überhaupt über den Mann weiß, den sie schon ihr Leben lang kennt und liebt, und ob es vielleicht möglich sein kann, dass ihre Familie in den Mord verwickelt war.

„Die Familiengruft“ erschien im Original im Jahr 1979, und es finden sich im Laufe der Reihe immer wieder Anspielungen auf aktuelle Entwicklungen, Kleidung oder Musik, aber insgesamt wirken die Geschichten rund um Sarah Kelling und ihre alteingesessene Bostoner Familie sehr zeitlos. Während die Kriminalfälle – trotz diverser amüsanter oder skurriler Details – immer solide konstruiert sind und man beim Lesen schön „mitermitteln“ kann, besticht die Serie doch vor allem durch ihre Figuren und die Darstellung der Bostoner Oberschicht. Mit spitzer, aber liebevoller Feder porträtiert die Autorin eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich für etwas Besseres halten, obwohl (oder gerade weil) sie aus einem Haufen exzentrischer Personen besteht, deren Geiz legendär ist und deren Kontakt mit der restlichen Bevölkerung der Stadt sich auf Wohltätigkeitsarbeit und das Engagieren von Angestellten zu beschränken scheint. Natürlich verfügt nicht jedes Mitglied dieser alteingesessenen Familien noch über den Wohlstand, den seine Vorfahren angehäuft haben, aber gerade bei den Kellings scheint die Sparsamkeit so ausgeprägt zu sein, dass regelmäßiges Schnorren oder das Auftragen der ererbten Kleidung der Eltern zum Alltag gehört, so dass niemand sagen kann, ob die genügsame Haushaltsführung aus Not oder anerzogenem Geiz geschieht.

Vor dem Hintergrund dieser Familie wirkt Sarahs Leben – ebenso wie ihre Ehe – erstaunlich plausibel, auch wenn man sich heutzutage beim Lesen natürlich fragen muss, wieso eine vernünftige junge Frau jahrelang in solch einer Situation ausharren kann. In „Die Familiengruft“ sorgen die Ereignisse nach dem Fund der Leiche dafür, dass Sarah mehr Rückgrat entwickelt, sich immer wieder gegen ihre Schwiegermutter stellt und darüber nachdenkt, was sie eigentlich vom Leben erwartet. Ich verfolge immer wieder gern, wie Sarah sich gegen ihre Erziehung und das, was in ihrer Familie üblich ist, stellt und wie sie daran arbeitet, dass ihre Ehe mit Alexander auch langfristig weiter funktionieren kann. Obwohl die beiden eine seltsame Beziehung haben und Sarahs Liebe zu Alexander zu einem nicht geringen Teil darauf basiert, dass er als schon erwachsener Mann freundlich und großzügig mit seiner vernachlässigten kleinen Cousine umging, freue ich mich bei jedem erneuten Lesen darüber, wie die beiden sich im Laufe der Geschichte einander annähern.

Max Bittersohn (dessen Name natürlich nicht ohne Grund von mir in der Reihenbezeichnung mitaufgeführt wurde) kommt in diesem Roman relativ wenig vor, auch wenn er eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Kriminalfalls spielt. Allerdings fällt schon in diesem Debütroman schnell auf, dass er und Sarah anscheinend die einzigen bodenständigeren Personen in den Geschichten sind – und genau das liefert all die vielen kleinen und amüsanten Szenen, die dafür sorgen, dass ich seit Jahren immer wieder zu den Büchern zurückkehre und die Romane genieße. Wie Sarah immer wieder mit all den Eigenheiten (und Ansprüchen) ihrer exzentrischen Familienmitgliedern fertig werden muss, ist einfach amüsant zu lesen. Eine Familie, deren Mitglieder das Gefühl haben, dass sie über der öffentlichen Meinung stehen und die genügend Geld haben, um jeder ihrer Launen nachgehen zu können, bringt natürlich so einige skurrile Figuren hervor. Dazu kommen dann im Laufe der Zeit noch die einen oder anderen neuen Bekanntschaften, die Sarah so sammelt und die nicht weniger seltsame Eigenarten haben als ihre Familienmitglieder, und so gibt es in diesen Geschichten keinen Mangel an gut geschriebenen und sehr amüsante Szenen, in denen die Autorin die verschiedensten Charaktere aufeinandertreffen und miteinander agieren lässt.

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