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Agatha Christie: Curtain – Poirot’s Last Case

Es ist kein Geheimnis, dass ich die Agatha-Christie-Romane lieber mag, in denen Miss Marple die Hauptfigur ist, aber das hindert mich natürlich nicht daran, einen Hercule-Poirot-Roman zu genießen. Nur bei „Curtain“ ist das mit dem Genuss ein Problem, denn das ist der Kriminalroman der Autorin, den ich am wenigsten genießen kann. Ich finde die Entstehungsgeschichte spannend. Denn der Roman ist während des 2. Weltkriegs geschrieben worden, weil Agatha Christie sichergehen wollte, dass Poirots Geschichte selbst dann einen Abschluss finden würde, wenn sie während des Kriegs sterben würde. Danach ruhte das Manuskript 30 Jahre lang in einem Banksafe, um 1975 (ohne weitere Anpassungen an die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte zu erleben) veröffentlicht zu werden.

Auf den ersten Blick hat die Geschichte alles, was einen guten Agatha-Christie-Roman ausmacht. Die Handlung ist unterhaltsam und spannend, die Autorin beweist wieder ein Händchen für stimmige Figuren (auch wenn man bestimmte Typen sehr häufig in ihren Bücher vorfindet) und die Grundidee ist – ebenso wie die Auflösung – einfach genial. Erzählt wird die Geschichte wieder aus der Sicht von Arthur Hastings, der sich dumm genug anstellt, dass sich der Leser überlegen fühlt, und dann wieder so mit sich beschäftigt ist, dass es mehr als verständlich ist, dass er bestimmten Aspekten keine Beachtung schenkt. Reizvoll finde ich eigentlich auch die Tatsache, dass der Roman wieder in dem Herrenhaus Styles spielt und so einen Bogen schlägt zur ersten Poirot-Geschichte. Denn in Styles haben Hastings und der kleine Belgier sich nach dem Ersten Weltkrieg kennengelernt, während der eine aufgrund einer Verwundung seinen Dienst als Soldat quittieren musste und der andere durch den Krieg gezwungen wurde, sein Heimatland zu verlassen.

Wie so oft konzentriert sich das Geschehen auf einen kleinen Kreis von Personen und alle relevanten Szenen spielen in einem – von der Außenwelt regelrecht abgeschlossen wirkenden – Haus. Dabei wirkt das Ganze wie aus der Zeit gefallen, was nicht nur daran liegt, dass Agatha Christie dieses Mal relativ wenige Verweise auf politische und gesellschaftliche Ereignisse eingebaut hat. In Styles haben sich lauter Menschen versammelt, die – wie es eine der Personen ausdrückt – „versehrt“ sind. Dabei leiden eigentlich nur Hercule Poirot (durch sein Alter) und Mrs. Franklin an körperlichen Einschränkungen, alle anderen Beteiligten sind – auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich ist – „nur“ durch ihr Leben gezeichnet.

Das führt zu dem Punkt, mit dem ich so große Probleme beim Lesen habe: Agatha Christie hat es geschafft, bei dieser Geschichte eine für mich ganz fürchterliche Atmosphäre zu schaffen. Auch wenn auf den ersten Blick alles normal und heiter wirkt (was es selten tut), so ist der Roman durchdrungen von Hilflosigkeit, Trauer, Reue, Desillusionierung und vielen anderen lähmenden oder frustrierenden Emotionen. Etwas Ähnliches hat Agatha Christie schon in anderen Romanen geschaffen, wie zum Beispiel bei „Tod auf dem Nil“ oder „Die Schattenhand“, Doch bei den anderen Büchern wurde die unangenehme Atmosphäre dadurch aufgebrochen, dass der Erzähler ein Außenstehender ist und durch die Ereignisse in der Geschichte wieder an Lebensmut gewinnt oder dass es Nebenfiguren gibt, bei denen man schon während der Handlung erahnen kann, dass es am Ende zumindest für sie zu einem glücklichen Ausgang führen wird. Hier hingegen ist der Erzähler Hastings genauso deprimiert wie all die anderen Beteiligten und dazu kommt, dass er eigentlich jedem Menschen vertrauen will – und sich doch aufgrund der Umstände, gezwungen sieht, jeden Einzelnen zu hinterfragen. (Was ihm, wie ich zugeben muss, nicht liegt und deshalb auch nicht besonders gut gelingt.) Einzig Poirot scheint ungebrochen zu sein – doch bei ihm zeigt es sich dafür, dass selbst der brillanteste Verstand manchmal nicht ausreicht, um einen Verbrecher aufzuhalten.

So finde ich – trotz all der ungewöhnlichen und tollen Ideen, die Agatha Christie in diesem Roman verwendet hat – „Curtain“ nicht wirklich schön zu lesen. Ich kann das Handwerk anerkennen, ich finde auch, dass der Roman nun mal dazu gehört, wenn man Poirots Fälle (oder Agatha Christies Werk) kennenlernen möchte, aber ich kann diese Geschichte nicht so sehr genießen wie all die anderen Romane der Autorin. Es fehlt bei „Curtain“ das ausgleichende Element, es fehlt die vertraute Leichtigkeit, die sonst oft bei Dialogen von Agatha Christie zum Tragen kommt. Ich gebe zu, dass zumindest Letzteres hier angesichts des Endes nicht passend wäre, aber das hindert mich nicht daran, diese helleren oder gar amüsanteren Seiten eines Agatha-Christie-Romans bei diesem Titel zu vermissen.

Höreindrücke im Juni

„Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie ist eines von gleich mehreren Agatha-Christie-Hörbüchern, das ich in den letzten Tagen gehört habe. Wenn der Kopf voll ist, dann halte ich mich eben doch eher an vertraute Autoren. „Tod auf dem Nil“ ist eine Poirot-Geschichte und nach dem Anfang, der in einem britischen Herrenhaus und einem Klub in London spielt, findet ein Großteil der Handlung auf einem Nil-Kreuzfahrtschiff statt. Ich mag den Roman, aber bei der von Gerd Anthoff gelesenen Hörbuchversion musste ich hier und da die Zähne zusammenbeißen. Der Sprecher ist nicht nur dann, wenn er die Frauen spricht, nur schwer erträglich. Immerhin fand ich seine Poirot-Interpretation gar nicht so schlimm, gerade das manchmal durchschimmernde „väterliche“ Verhalten des Belgiers, wenn er zwar die Gefühlsaufwallungen der jüngeren Mitreisenden versteht, aber eben auch weiß, dass das alles nicht so schlimm ist, wie es der Person in diesem Moment erscheint, war sogar ganz passend rübergebracht. Trotzdem werde ich um Gerd Anthoff als Hörbuchsprecher demnächst erst einmal einen großen Bogen machen!

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An „Crocodile on the Sandbank“ von Elizabeth Peters habe ich mich gewagt, nachdem ich „The Unexpected Mrs. Pollifax“ gehört und doch überraschend gut verstanden hatte. Nachdem ich im März oder April erst eine deutsche Hörbuchversion von „Im Schatten des Todes“ gehört hatte, hatte ich auch die Details der Geschichte noch so präsent, dass ich die erste Stunde durchgehalten habe, obwohl ich da noch deutlich weniger folgen konnte als bei Mrs. Pollifax. Da machte es sich deutlich bemerkbar, dass Elizabeth Peters doch einen anderen Schreibstil hat als Dorothy Gilman, denn an der Sprecherin konnte es nicht liegen, die war in beiden Fällen die gleiche. Barbara Rosenblat liest wunderbar – ich mag ihre Betonung, ich mag ihre Stimme und ich mag ihre Interpretation der Figuren. Ihre Evelyn war sanft, aber nicht weichlich, ihre Amelia war energisch, tatkräftig, aber auch an den richtigen Stellen etwas unsicher und auch ihre Männer waren überzeugend – vor allem Emerson war hinreißend und überzeugend (!) aufbrausend.

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„Emma im Knopfland – Eine verknöpft und zugenähte Geschichte“ von Ulrike Rylance ist eine niedliche kleine Geschichte mit gerade mal 2 Stunden und 41 Minuten Laufzeit. Hauptfigur Emma verschlägt es, als sie sich in ihren Ferien bei Onkel Hubert und Tante Mechthild langweilt, in ein Zimmer voller Knöpfe. Bevor Emma sich noch groß umgucken kann, fällt ihr ein großer goldener Knopf auf, der vor ihr davon zu rennen scheint – und als sie diesen berührt, landet sie im Knopfland. Dort muss Emma ein paar Abenteuer bestehen und schließt neue Freundschaften, bevor sie einen Weg zurück in das Knopfzimmer findet.

Eigentlich ist die Geschichte nett und unterhaltsam, aber mir gab es dabei einfach zu viele „Anlehnungen“ an bekannte Kinderbücher. Vor allem „Alice im Wunderland“ wurde immer wieder von der Autorin herangezogen, so dass Hofdame Isolde (der große goldene Knopf) eine gewisse Ähnlichkeit mit der Herzkönigin hat, während Emma natürlich im Laufe der Handlung auch in eine Teeparty platzt und weitere Elemente dem Hörer immer wieder auffallen. Hätte ich das Gefühl, dass Ulrike Rylance aus diesen Dingen eine eigene Geschichte gemacht hätte, wäre das bezaubernd gewesen. Aber ohne eine spürbare individuelle Note ärgere ich mich eher über all die vertraut wirkenden Szenen. Gelesen wird das Hörbuch (bei dem ich übrigens nicht rausfinden konnte, ob es für diese Umsetzung bearbeitet wurde) von Fritzi Haberlandt. Die Sprecherin macht ihre Sache eigentlich sehr gut, verleiht den verschiedenen Charakteren eine eigene Note und sorgt dafür, dass selbst die Nebenfiguren einen recht hohen Wiedererkennungswert haben. Da ich das Hörbuch – trotz seiner Kürze – über einige Tage verteilt gehört habe, kam mir das wirklich zugute.

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„Das Böse unter der Sonne“ von Agatha Christie hat mich mehrere Tage lang sehr gut unterhalten. Ich mag die Geschichte (ich mag sogar die Verfilmung mit Ustinov, obwohl er definitiv nicht mein „Poirot“ ist, aber es gibt tolle andere Darsteller in dem Film und die Atmosphäre passt) und mit der ungekürzten Version hätte mir nur noch der Sprecher das Ganze verderben können. Aber stattdessen hat Jürgen Tarrach das Hörspiel – besonders Poirot, aber überraschenderweise auch die diversen Frauenrollen – wunderbar gelesen. Einzig seine Aussprache des Vornamen „Odell“ klang eher nach Oddl, aber ansonsten habe ich nichts zu kritisieren. Dank der tollen Umsetzung habe ich viele amüsante Stunden mit „Das Böse unter der Sonne“ verbracht – ich finde die Tatdurchführung immer wieder genial ausgedacht und mag die wunderbare Darstellung der vielen verschiedenen Figuren. Beim Hören kam mir übrigens der Gedanke, dass Agatha Christie wohl Schuld daran ist, dass ich bei vielen Krimis immer recht schnell auf den Täter komme, denn sie hat dafür gesorgt, dass ich in diesem Genre jede Nebenbemerkung als potenziell wichtig abspeichere.

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„Die Tote in der Bibliothek“ von Agatha Christie ist – wie all die anderen Hörbücher in diesem Beitrag – wieder einmal eine Leihgabe von Natira und ich hatte mich sehr auf mein – vorerst letztes – Agatha-Christie-Hörbuch gefreut. Die Geschichte ist ja recht bekannt und ich mag sie sehr. Alles beginnt mit dem Fund einer Mädchenleiche in der Bibliothek des Herrenhauses der Bantrys und während Mrs. Bantry anfangs das Ganze noch spannend findet (sie liest gern Kriminalromane), geht ihr nach kurzer Zeit auf, dass das gesamte Dorf ihren Mann verdächtigt. So animiert sie ihre Freundin Miss Marple sich des Falls intensiv anzunehmen und die Unschuld von Colonel Bantry zu beweisen. Wie gesagt, ich mag den Roman, aber dieses Mal habe ich die (auch noch gekürzte) Handlung nicht so genossen wie sonst, da mir die Sprecherin nicht so zusagte. Ich kann Traudel Sperber gar nichts konkretes „vorwerfen“. Ihre Stimme ist mir nur zu weich und zu jung für das Hörbuch und weder ihre Interpretation der Charaktere, noch ihre Betonung insgesamt sagt mir wirklich zu.

Laura Thompson: Agatha Christie

Wenn ich die Romane einer Autorin oder eines Autors sehr mag und auch noch die Zeit besonders interessant finde, in der sie oder er gelebt hat, dann greife ich auch gern zu (Auto-)Biografien, um mehr über die Arbeit, den Werdegang und das Leben zu dieser Zeit zu erfahren. Dass ich Agatha Christies Romane sehr gern lese (und höre), dürfte ja inzwischen jedem Blogleser bekannt sein, und so ist es auch kein Wunder, dass ich schon mehrere Bücher über sie (und über ihre Figuren und Romane) gelesen habe. Am besten haben mir bislang ihre Autobiografien („Meine gute alte Zeit“ und „Erinnerung an glückliche Tage“) gefallen sowie Charlotte Trümplers Buch „Agatha Christie und der Orient“ – Letzteres vor allem durch die Konzentration auf Agatha Christies Anteil an den Ausgrabungen ihres zweiten Mannes Max Mallowan und durch Berichte einer Freundin von Agatha Christie.

Die Biografien, die ich sonst so gelesen habe, hatten alle den großen Nachteil, dass sie sich vor allem aus Zitaten aus Agatha Christies Autobiografien zusammensetzen und mir so nicht das Gefühl gaben, dass ich etwas Neues darin entdecken könnte. Bei „Agatha Christie – Das faszinierende Leben der großen Kriminalschriftstellerin“ (was für ein Untertitel!) von Laura Thompson hingegen habe ich eine Menge Details gefunden, die die Verfasserin aus Briefen von und an Agatha Christie gezogen hat, aus Gesprächen mit Familienangehörigen und Freunden oder aus den Romanen, die diese unter dem Pseudonym Mary Westmaecott geschrieben hat. Diese – von den anderen Biografieverfassern in der Regel ignorierten – „Liebesgeschichten“ tragen wohl so einige biografische Züge oder beinhalten Figuren, die Agatha Christies Beschreibungen von sich selbst und ihrer Familie recht nah kommen, so dass Laura Thompson aufgrund dieser Romane der Schriftstellerin immer wieder Gefühle „unterstellt“, die Agatha Christie in ihrer recht distanzierten Art so nie geäußert hätte.

Obwohl manche dieser „Unterstellungen“ mir etwas zu weit gingen, klangen die Schlüsse, die Laura Thompson aus den Werken von Agatha Christie zu deren eigenem (Gefühls-)Leben gezogen hat, insgesamt recht stimmig und bringen die eine oder andere neue Facette der Autorin zum Vorschein. Die Verweise auf die Kriminal- und Mary-Westmaecott-Romane sorgen dafür, dass diese Biografie eine Menge Zitate enthält, aber diese werden so angenehm flüssig in den von Laura Thompson verfassten Text eingebaut, dass das Buch gut lesbar ist – was man ja leider nicht von jedem Buch, in dem viel zitiert wird, sagen kann. Neben dieser weniger distanzierten (und hin und wieder etwas verklärten) Sicht auf Agatha Christie haben mir doch vor allem die kleinen Informationen gefallen, die in anderen Biografien oft wegfallen, eben weil Agatha Christie auf diese Details ihres Lebens keinen Wert gelegt hat (oder nicht wollte, dass die Öffentlichkeit sich zu sehr mit diesen Aspekten beschäftigt).

Etwas unhandlich fand ich die vielen Fußnoten, da diese nicht am Seitenende aufgeführt wurden, sondern in einem separaten Anhang am Ende des Buches. Das sorgte entweder dafür, dass ich sie ignorierte, weil ich keine Lust auf das ständig Blättern hatte, oder dass ich im Text kaum voran kam, weil ich Fußnoten nachschlagen musste. Dabei besteht ein großer Teil der Fußnoten aus Quellenangaben, aber einige erklären auch weitere Zusammenhänge oder erläutern, welche Informationen Laura Thompson dazu gebracht haben, eine Situation auf diese Weise darzustellen.

In einigen Rezensionen wird Laura Thompson vorgeworfen, dass sie Max Mallowan, Agatha Christies zweiten Ehemann, nicht sehr positiv darstellt. Und ja, es gibt ein paar Sätze in dieser Biografie, die implizieren, dass Max Mallowan die Schriftstellerin wegen ihres Geldes geheiratet hat. Meinem Gefühl nach ist dies aber vor allem so dargestellt worden, weil diese Ehe eben keine himmelhochjauchzende Romanze war wie die von Agatha und Archie Christie und es für einen Außenstehenden schwer sein kann, eine eher kameradschaftliche Beziehung, die zwischen zwei (anscheinend in jeder Hinsicht) so unterschiedlichen Menschen besteht, angemessen zu beurteilen.

Auch unterstellt Laura Thompson immer wieder in den Passagen, in denen es um Max Mallowan und die Ausgrabungen in Ägypten geht, dass Agatha Christie selbst vielleicht gar nicht so sehr an den Ausgrabungen interessiert war, sondern nur so viel Zeit mit ihrem Mann dort verbrachte, um eine gute Ehefrau zu sein. Das finde ich dann doch etwas unglaubwürdig angesichts der Tatsache, dass sich Agatha Christie nicht nur schon vor ihrer Ehe mit Archäologie beschäftigt, sondern auch aktiv an der Erhaltung der gefundenen Objekte beteiligt hat.

Was ich dann wieder wirklich interessant fand, war der Teil über Agatha Christies Probleme mit der Steuer. Obwohl sie immer versuchte, sich korrekt zu verhalten, gab es fast 30 Jahre lang Schwierigkeiten, weil erst ihre US-Einnahmen zurückgehalten, dann die Steuergesetze in Großbritannien geändert wurden. So detailliert hatte ich das noch nirgends aufgeführt gesehen und ich kann mir vorstellen, dass es für sie nicht einfach war, mit dieser Situation zu leben.

Insgesamt fand ich die Biografie wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen. Hier und da muss man als Leser vielleicht etwas kritisch an das Gelesene herangehen, da Laura Thompson nicht gerade objektiv über Agatha Christie schreibt und auch ständig betont, was für ein Genie die Schriftstellerin war, aber es gab so einige neue Informationen für mich und ich bin inzwischen sehr neugierig auf die Mary-Westmaecott-Romane geworden. Oh, ein Manko an dieser deutschen Ausgabe besteht für mich darin, dass die zitierten Passagen alle (natürlich) aus den Scherz-Veröffentlichungen der Romane übernommen wurden, da auch die Biografie bei Scherz erschienen ist, und ich bin mir sicher, dass so für den deutschen Leser einige Verweise verloren gegangen sind. Schließlich sind die Scherz-Überarbeitungen von Agatha Christies Werken aufgrund der diversen Kürzungen nicht gerade die beste Quelle …

Agatha Christie: 16 Uhr 50 ab Paddington (Hörbuch)

Auch wenn ihr es vermutlich nicht mehr sehen könnt: Ich habe mal wieder ein Hörbuch mit einer Agatha-Christie-Geschichte gehört und ja, ich schreibe eine Rezension dazu. 😀 „16 Uhr 50 ab Paddington“ gehört meinem Gefühl nach zu den bekanntesten Miss-Marple-Geschichten – vor allem aufgrund der Verfilmung mit Margaret Rutherford, die nicht so ganz werkgetreu erfolgte. Die Handlung beginnt in dieser Geschichte mit Mrs. McGillicuddy, einer älteren Dame, die in London ihre Weihnachtseinkäufe erledigt, um dann eine Freundin auf dem Land zu besuchen. Während der Zugfahrt beobachtet sie, während ihr Zug und eine zweite Eisenbahn ein Stückchen parallel fahren, einen Mord an einer jungen Dame. Da sie den Täter nur von hinten sieht, kann sie ihn nicht besonders gut beschreiben. Allerdings hat sie den Eindruck, dass es sich bei ihm um einen großen Mann um die 40 Jahre handeln müsste.

Als sie ihre Beobachtung dem Zugpersonal meldet, glaubt ihr der Schaffner ebensowenig wie der Bahnhofsvorsteher der nächsten Haltestelle. Einzig Miss Marple, zu der Mrs. McGillicuddy unterwegs war, ist davon überzeugt, dass ihre Freundin sich nichts eingebildet hat (und sei es nur, weil Elspeth McGillicuddy die Fantasie dafür fehlen würde). Und obwohl sie ihren Einfluss bei der örtlichen Polizei gelten macht, muss auch sie zugeben, dass die Ordnungshüter in einem Mord nur dann ermitteln können, wenn sie zumindest eine Leiche vorzuweisen haben. So rekonstruiert sie gemeinsam mit Mrs. McGillicuddy soweit wie möglich die Ereignisse, grenzt das Tatgebiet ein und engagiert Lucy Eyelesbarrow, um in dem fraglichen Gebiet nach einer Frauenleiche zu suchen.

Lucy Eyelesbarrow ist eine gehobene Haushälterin, die vor einiger Zeit von Miss Marples Neffen beauftragt worden war, die alte Dame zu pflegen, während sie sich von einer Krankheit erholt. Beide Frauen haben eine hohe Meinung voneinander und so verschiebt die 32jährige Lucy ihren geplanten Urlaub und sucht sich eine Stelle in dem Anwesen Rutherford Hall. Schnell steht fest, dass das Verbrechen mit dem Herrenhaus und seinen Bewohnern zu tun hat, zu denen der alte Luther Crackenthorpe, seine Tochter Emma und die – nicht mehr daheim lebenden – Söhne Harold, Cedric und Alfred gehören. Außerdem sieht man sehr oft den ehemaligen Piloten Bryan Eastley, der mit Emmas verstorbener Schwester verheiratet war, seinen Sohn Alexander und den hiesigen Arzt Dr. Quimper auf dem Anwesen.

Ich mag die Geschichte sehr gern, bietet sie Agatha Christie doch die Gelegenheit sehr viele verschiedene Charaktertypen und ihre Stellung innerhalb einer nicht ganz einfach Familienkonstellation zu präsentieren. Auch Lucy ist mir schon beim ersten Lesen des Romans ans Herz gewachsen und das hat sich in all der Zeit nicht geändert. Die Frau ist patent, energisch und weiß, was sie will. So hat sie nach einem erfolgreich abgeschlossenem Mathematikstudium die Tätigkeit der Haushälterin aufgenommen, weil sie so nicht nur mehr Geld verdienen kann als mit ihrem studierten Beruf, sondern auch tagtäglich mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun hat. Ich glaube, „16 Uhr 50 ab Paddington“ zeigt einfach besonders schön, wie es der Autorin gelingt mit nur wenigen Worten einen Menschen lebendig werden zu lassen. Mrs. McGillicuddy zum Beispiel spielt eigentlich nur eine kleine Rolle zu Beginn (und eine noch kürzere zum Ende) der Geschichte und doch hat man nach diesen wenigen Momenten schon das Gefühl, man könne sie genau einschätzen, wüsste genau wie ihr Leben bisher verlaufen ist und in Zukunft verlaufen wird. Dass der Krimianteil gut konstruiert ist, muss ich vermutlich gar nicht mehr erwähnen, aber ich finde, dass einen die Autorin schön auf falsche Fährten schickt und doch dafür sorgt, dass die Auflösung des Falls stimmig und gut fundiert ist.

Katharina Thalbach als Sprecherin dieses Hörbuchs … nun, ich hätte sie nicht gewählt, muss aber zugeben, dass sie ihre Sachen deutlich besser gemacht hat als in „Ruhe unsanft“. Zu Mrs. McGillicuddy passte ihre Geschichte sehr gut und sogar Alexanders Freund James fand ich mit ihrer Stimme überraschend überzeugend. Trotzdem finde ich ihre Stimme und ihre Art ein Hörbuch zu lesen nicht gerade für diese Geschichte geeignet. Lucy und die verschiedenen Männer klangen bei ihr nur selten überzeugend, ihre Aussprache der englischen Namen war zwar auch besser als in dem anderen Hörbuch, aber nicht immer ausreichend. So wunderte ich mich, dass der Hausherr keinen „Benny“ für den Erhalt des Anwesens investierte (und ja, ich stand auf dem Schlauch, denn es hat wirklich gedauert bis ich darauf kam, dass Penny gemeint war) und die verstorbene Edith wurde anfangs auch gern mal „Ääädith“ ausgesprochen. Auch gab es diverse Stellen, an denen der Text Reaktionen vorgibt wie „sagte sie energisch“ – während Katharina Thalbach die Figur in dem Moment eher panisch klingen ließ.

[Kurz und knapp] Agatha Christie: Ruhe unsanft (Hörbuch)

Wer meinen Blog etwas aufmerksamer verfolgt, wird jetzt vermutlich stutzen und sich fragen, warum ich nach gerade mal sieben Monaten schon wieder eine Rezension von Agatha Christies „Ruhe unsanft“ veröffentliche. Aber da ich mit der Version, die von Katharina Thalbach eingelesen wurde, nicht so glücklich war, habe ich dankbar die Chance ergriffen, als mir Natira eine Variante lieh, die von Gabriele Blum gelesen wurde. Wer sich über den Inhalt informieren will, kann gern auf die oben verlinkte Rezension zurückgreifen, ansonsten möchte ich hier nur kurz auf die Unterschiede zwischen beiden Versionen und auf die Leistung von Gabriele Blum eingehen.

Diese Version von „Ruhe unsanft“ ist nicht nur ungekürzt – was ganz wunderbar ist, weil so die verschiedenen Charaktere erst richtig vom Hörer erfasst werden können -, sondern transportiert auch eine ganz andere Stimmung als das Hörbuch mit Katharina Thalbach. „Ruhe unsanft“ ist eine recht ruhige Geschichte, bei der sehr viele Szenen zwischen Gwenda und Giles, einem jungen Ehepaar aus Neuseeland, und wechselnden dritten Personen spielen. In diesen Gesprächen versucht das Paar Informationen über Geschehnisse zu erhalten, die schon 18 Jahre in der Vergangenheit liegen. Das führt dazu, dass ihnen ihre Gesprächspartner auf der einen Seite mit Verwunderung und Irritation begegnen, aber auf der anderen Seite auch neugierig oder gar erfreut darüber, dass sie mal wieder über frühere Zeiten sprechen können.

Gabriele Blum hat bei all den vielfältigen Reaktionen, bei den unterschiedlichen Charakteren und in den verschiedenen Szenen meinem Gefühl nach so gut wie immer den richtigen Ton getroffen. Anfangs fand ich ihre Miss Marple ein klein wenig zu bedächtig, aber so ist es mir lieber, als wenn sie zu forsch klingt. Auch bei Gwenda hätte ich mir die eine oder andere kleine Nebenbemerkung etwas lebhafter vorstellen können, aber insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Sprecherin. Ganz dezent hat sie den Figuren unterschiedliche Facetten verliehen und die Atmosphäre des Romans wunderbar für dieses Hörbuch umgesetzt. Oh, und an ihrer englischen Aussprache hatte ich auch nichts auszusetzen. 😉 Ich fand ihre Interpretation der Geschichte wirklich wunderbar und habe jede Minute genossen und hoffe sehr, dass mir noch mehr Hörbücher mit der Sprecherin unterkommen.

(Bei meiner Suche nach weiteren Hörbüchern mit Gabriele Blum, bin ich darüber gestolpert, dass sie anscheinend eine ungekürzte Jane-Eyre-Version eingelesen hat. Wenn also einer von euch Audible-Abo-Besitzern damit mal einen Versuch wagen würde, wäre ich sehr neugierig darauf, wie das geworden ist.)

Agatha Christie: Ruhe unsanft (Hörbuch)

„Ruhe unsanft“ ist eine meiner Lieblingsgeschichten von Agatha Christie, und so habe ich das von Katharina Thalbach gelesene Hörbuch recht schnell in den Player geworfen, nachdem es in der letzten Woche bei mir ankam. Der Roman wurde von Agatha Christie 1940 geschrieben und dann für schlechte Zeiten zur Seite gelegt. Da sie aber bis zu ihrem Tod keinen Bedarf an diesem „Notfallmanuskript“ hatte, wurde die Geschichte posthum veröffentlicht.

In „Ruhe unsanft“ dreht sich die Handlung vor allem um die frischverheiratete Neuseeländerin Gwenda, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Giles nach England ziehen will. Da Giles noch aus beruflichen Gründen aufgehalten wird, sucht Gwenda allein nach einem Haus an der Südküste und wird auch schnell fündig. Noch während der Umbauarbeiten zieht die junge Frau nach „Hillside“ und fühlt sich Tag für Tag unwohler in dem hübschen Haus, da es immer wieder zu seltsamen Vorfällen kommt. Gwenda muss nicht nur feststellen, dass all die von ihr gewünschten baulichen Veränderungen dazu führen, dass das Haus in einen früheren Zustand zurückversetzt wird, sondern sie hat auch unheimliche Erinnerungen an eine tote Frau im Treppenhaus – und dies, obwohl sie noch nie zuvor in England war. Während Gwenda so langsam befürchtet, dass sie wahnsinnig wird (oder über übernatürliche Fähigkeiten verfügt), setzt Miss Marple – die Gwenda bei einem Besuch in London kennenlernt – eher auf naheliegendere Erklärungen.

Dieser Krimi gehört nicht gerade zu den ereignisreicheren Werken von Agatha Christie, vor allem, da Gwenda, Giles und Miss Marple sich mit Geschehnissen beschäftigen, die fast zwanzig Jahre zurückliegen. Aber gerade durch diese geruhsame Erzählweise und die eigenwilligen Charaktere, die in „Ruhe unsanft“ vorkommen, finde ich diesen Roman so wunderbar. Sehr schön ist zum Beispiel ein Gespräch, das Gwenda mit dem Gärtner führt. Dieser kümmert sich schon seit Jahrzehnten um den Garten von „Hillside“ und beklagt die ständigen Veränderungen. Er finde es schrecklich, dass es einfach keine Beständigkeit mehr gibt, dass Leute heutzutage Häuser kaufen und nach zehn Jahren wieder verkaufen – und überhaupt war früher alles besser. Während dieses Lamentieren wunderbar die Veränderungen zeigt, die in den letzten Jahren den kleinen Küstenort beeinflusst haben, beweisen die Ermittlungen von Gwenda und Giles, wie viele Menschen in dem Ort fest verwurzelt sind und auch heute noch von den Ereignissen bewegt werden, die doch schon vor zwanzig Jahre passiert sind.

Für die Version, die der Hörverlag veröffentlicht hat, wurde die Geschichte auf drei CDs heruntergekürzt. Aber wer den Roman nicht kennt, wird vermutlich nicht so viel vermissen. Ich hatte auf jeden Fall nicht das Gefühl, dass die Kürzungen zu Unstimmigkeiten geführt hätten. Dafür muss ich die Wahl der Sprecherin aufs Deutlichste beklagen. Katharina Thalbach für eine Geschichte zu wählen, die vor allem aus der Sicht einer Frau Anfang Zwanzig passiert, ist mehr als unpassend. Ihre raue Stimme klingt schon sonst brüchiger und älter, als man es bei einer Frau erwartet, die nicht mal sechzig Jahre alt ist, aber hier ist es mir besonders unangenehm aufgefallen. Dazu kommt, dass ihre englische Aussprache nicht immer erträglich ist – hätte ich nicht gewusst, dass die Protagonistin Gwenda heißt, wäre ich am Ende des Hörbuchs vermutlich davon ausgegangen, dass der richtige Name „Wanda“ lautet. Ich finde Katharina Thalbach als Hörbuchsprecherin selbst dann gerade noch passabel, wenn sie passend besetzt ist, hier aber fand ich sie richtig unangenehm.

[Figurenkabinett] Jane Marple

Eine Figur, die mir schon seit sehr vielen Jahren am Herzen liegt, ist Miss Jane Marple. Ihren ersten Auftritt hatte sie in der Kurzgeschichtensammlung, die auf deutsch unter dem Titel „Der Dienstagabend-Klub“ bei Scherz erschienen ist. In diesen Geschichten wurde Miss Marple beschrieben als eine alte Dame, die – ganz viktorianisch – in schwarze Spitze gehüllt daherkommt. Die schwarze Spitze hat sie für ihren ersten Roman dann abgelegt und stattdessen praktischen und adretten Tweed angezogen, aber viele Eigenheiten und ihre Nase für kleine Unstimmigkeiten hat sie behalten.

Vielen Leuten fällt zu Miss Marple wohl als Erstes ihr Strickzeug ein, das sie ständig begleitet. Jane Marple bestrickt nicht nur die diversen Patenkinder oder ihren Neffen, sondern auch den Nachwuchs der verschiedenen Hausmädchen, für die sie sich auch lange Jahre nach deren Ausscheiden aus ihrem Haushalt noch verantwortlich fühlt. Doch vor allem scheint mir das Strickzeug ein Indiz dafür zu sein, dass Miss Marple – auch wenn sie einen Urlaub oder eine gemütliche Teestunde zu schätzen weiß – nicht in der Lage ist, untätig zu sein. So muss das Strickzeug in ihren letzten Lebensjahren auch so manche Stunde überbrücken, die die alte Dame gern in ihrem geliebten Garten verbracht hätte, was ihr aus gesundheitlichen Gründen aber verboten wurde.

Und auch die Tatsache, dass Jane Marple für jede Person anscheinend ein Pendant aus ihrem persönlichen oder dörflichen Umfeld zu kennen scheint, hat sich wohl in die Erinnerung vieler Leser eingeprägt. Manchmal wird ihr vorgeworfen, dass sie boshaft, arrogant oder klatschsüchtig sei, doch ich persönlich habe das nie so empfunden. Miss Marple – deren gesellschaftliches Umfeld trotz aller Bekanntschaften doch recht begrenzt ist – interessiert sich für die Menschen in ihrer Umgebung. Und ihre scharfe Beobachtungsgabe führt ebenso wie ihr (manchmal erschreckend) realistisches Menschenbild zu Schlussfolgerungen, die die meisten anderen Personen überraschend (und zynisch) finden.

Für mich hingegen ist Miss Marple eine der neutralsten Personen, die je in der Literatur geschaffen wurden. Ihre Lebenserfahrung sagt ihr, dass erschreckend viele Menschen dumm sind (oder besser gesagt dumm handeln) – ein Gefühl, das ich spätestens beim Blick in das nachmittägliche Fernsehprogramm teile 😉 – und dass gewisse Verhaltensweisen bei bestimmten Menschentypen immer wieder zu beobachten sind. Dabei hegt sie – für eine Frau ihrer Zeit – erstaunlich wenig Standesdünkel und hat keine Hemmungen, einen Lord mit ihrem örtlichen Metzger zu vergleichen, wenn das Benehmen des einen sie an den anderen (der übrigens jahrelang ein Verhältnis samt Kinderschar im Nachbarort finanzierte) erinnerte. Aber Jane Marple steckt die verschiedenen Menschen nicht auf Anhieb in eine Schublade, sie registriert diese Ähnlichkeiten, bleibt aber erst einmal zurückhaltend und hält der Person zugute, dass sie sich in ihrem Urteil irren kann. Sie weiß, dass Menschen nicht völlig gleich sind, auch wenn sich manche Verhaltensweisen zu wiederholen scheinen.

Mir tut Miss Marple häufig leid. Sie hat zwar viele Bekanntschaften, einen Neffen, der sich rührend um sie kümmert, und diverse Patenkinder, mit denen sie ebenfalls regen Kontakt hält, aber es gibt nur wenige Menschen, mit denen sie sich auf Augenhöhe unterhalten kann. In den Geschichten rund um den „Dienstagabend-Klub“ wird deutlich, dass sie zwar gesellschaftlichen Umgang mit dem „gehobenen“ Bürgertum in ihrem Dorf pflegt und sich für die Gemeinde engagiert, aber wirkliche Freunde hat sie in ihrer Nähe nicht. Erst durch Intervention von Sir Henry Clithering kommt engerer Kontakt zu Dolly Bantry zustande, mit der sich Jane Marple dann auch etwas enger anfreundet. Besonders traurig finde ich eine Aussage von Jane Marple, in der sie meint, dass eine der schlimmsten Nebenerscheinungen des Alterns ist, dass sich niemand mehr daran erinnert, wie man als junger Mensch war.

Jeder sieht nur die alte Miss Marple, die aufrecht mit ihrem Strickzeug im Sessel sitzt, die mit aufmerksamen Augen ihre Umgebung beobachtet oder erbarmungslos im Garten gegen jedes Unkraut ankämpft, aber diejenigen, die sie als junges und unternehmungslustiges Mädchen kennengelernt haben, sind inzwischen verstorben. Dabei muss Jane Marple eine aufgeweckte und recht gebildete junge Frau gewesen sein, deren Herz einmal für einen Mann in Uniform schlug und die eine so gute Freundin war, dass ihre Schulfreundschaften bis ins hohe Alter Bestand haben. Allerdings denke ich, dass die junge Jane es auch nicht so ganz einfach gehabt hat, denn ihre Mutter wird – in den wenigen Sätzen, in denen sie überhaupt Erwähnung findet – als eine sehr bestimmende Frau beschrieben, als eine Mutter, die genau zu wissen glaubt, was für ihre Tochter das Beste ist und die dementsprechende Maßnahmen ergreift. Auf der anderen Seite hat ihre Mutter Jane Marple auch eine grundsätzliche Auffassung von Recht und Unrecht – und dem, was sich für eine Dame gehört – beigebracht, die sie für ihr gesamtes Leben geprägt hat.

Auch gefällt mir an Jane Marple, dass sie sich selbst gegenüber ehrlich ist. Obwohl sie einige Freunde hat, die keine Engländer sind, ist sie sich ihrer Vorurteile gegen alles „unenglische“ durchaus bewusst. Nicht selten ertappt sie sich dabei, dass sie einen ausländischen Verdächtigen mit deutlich mehr Misstrauen beobachtet als den gleichermaßen verdächtigen Engländer. Und in einem Roman geht ihr durch den Kopf, dass es sehr praktisch wäre, wenn der Ausländer der Verbrecher wäre, denn dann müsste sie „ihre“ Gesellschaftsschicht nicht in Unruhe bringen. Doch so einfach macht es sich die alte Dame nicht, ihr ist nur eben bewusst, dass es angenehmer wäre, wenn ein Außenstehender derjeniger wäre, der eine Tat begangen hat, die sich – nicht nur in Miss Marples Gesellschaftsschicht – einfach nicht gehört.

Recht charmant finde ich, dass Jane Marple bestimmte Ansichten über Männer ihr Leben lang nicht abgelegt hat. Auch im hohen Alter scheint sie ein gewisses Rollenmodel im Hinterkopf zu haben, welches dafür sorgt, dass sie bestimmte Dinge von einem Mann erwartet. So serviert sie einem männlichen Gast nicht das gleiche Essen wie einer Freundin, bietet andere Alkoholika an und sucht männlichen Rat und Unterstützung, wenn sie bei einem ihrer Fälle über etwas gestolpert ist, das sie nicht allein bewältigen kann. Hätte Miss Marple je einen Ehemann gehabt, so hätte sich so manche Vorstellung von der Männerwelt wohl inzwischen etwas abgenutzt. 😉

Insgesamt betrachtet sie die Welt, ohne sich große Illusionen zu machen, was häufig dazu führt, dass der Leser sie als außenstehende Beobachterin wahrnimmt. Doch wenn ihr Gerechtigkeitsempfinden verletzt wird oder wenn Jane Marple feststellt, dass jemand sich respektlos oder verächtlich benimmt, dann kann sie überraschend energisch werden. Ich glaube, dass auch all die jungen Mädchen, die von ihr für eine Stellung als Hausmädchen ausgebildet wurden, sich – trotz Miss Marples Strenge – immer sicher sein konnten, dass sie sich mit ihren Fragen und Nöten an ihre ehemalige Dienstherrin wenden konnten.

All das hat zusammen mit Jane Maples (viktorianischer) Haltung, ihrem Engagement und ihrer Loyalität gegenüber Familie, Freunden und Personal dazu geführt, dass die alte Dame für mich zu einer Romanfigur geworden ist, deren Geschichten ich schon seit Jahren immer wieder mit großer Freude lesen mag. Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch keinen Miss-Marple-Roman auf Englisch gelesen habe und deshalb nicht sagen kann, ob man als deutscher Leser nicht schrecklich viele Facetten dieser Figur verpasst hat. Bei meinem Vergleich von „Sie kamen nach Bagdad/They Came to Baghdad“ hatte ich ja schon mal gezeigt, dass es da doch erschreckende Unterschiede bei den Ausgaben geben kann.

Auf eine Auflistung der Miss-Marple-Romane verzichte ich ausnahmsweise mal, da diese Informationen mit Leichtigkeit online oder in einem der Werke über Agatha Christie zu finden sind.

Agatha Christie: They Came to Baghdad

Ich bin selber ganz erstaunt, dass ich schon wieder einen Spionageroman von Agatha Christie erwischt habe, das war keine bewusste Wahl. Meine Auswahl beschränkte sich im Moment halt auf die Titel, die in der Bibliothek sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch zur Verfügung standen, weil ich mal einen detaillierten Vergleich zwischen den Büchern machen wollte. So habe ich einerseits meine Neugierde bezüglich der Veränderungen bei den deutschen Übersetzungen endlich mal gestillt und auf der anderen Seite auch in diesem Monat pünktlich mein Buch für die English-Challenge geschafft.

„They came to Baghdad“ spielt um 1950 und der Leser wird zusammen mit der jungen Victoria Jones in eine klassische Spionagegeschichte rund um eine wichtige Veranstaltung in Bagdad geworfen. Anfangs weiß man nicht viel mehr, als dass sich zwei Herren (Captain Crosbie und Dakin) über die Festsetzung eines Termins unterhalten. Wenn man diese beiden glauben darf, dann könnte dieses Treffen (zu dem wohl auch der amerikanische Präsident erscheinen wird) über Krieg und Frieden entscheiden.

Dementsprechend gibt es nicht nur Parteien, die alles dafür tun wollen, damit diese Veranstaltung reibungslos über die Bühne geht, sondern mindestens eine Gegenpartei, die auch nicht davor zurückschreckt jeden Dahergelaufenen zu ermorden, nur weil er Carmichael, einem von Dakins wichtigsten Mitarbeitern, ähnelt. Dieser ist nämlich im Besitz von Informationen, die für das Treffen entscheidend sein könnten, wenn es dem Mann gelingt rechtzeitig und lebendig in Bagdad einzutreffen.

Während Victoria einzig und allein nach Bagdad reist, weil sie sich innerhalb eines kurzen Treffens in einen Mann verliebt hat, der sich prompt am nächsten Tag von London in den Orient aufmacht, stolpert sie kurz nach ihrer Ankunft in Bagdad über einen Toten. So wird die junge Frau in die Ereignisse rund um das politisch so wichtige Treffen hineingezogen und erlebt einige Abenteuer in dem fremden Land. Obwohl ich die Geschichte recht unterhaltsam finde und mich in dieser englischen Version vor allem Agatha Christies Beschreibungen von Bagdad und den dort lebenden Menschen unterhalten haben, muss ich zugeben, dass es nicht einer der besten Romane der Autorin ist.

Ich habe das Gefühl, dass die Qualität der Handlung immer dann leidet, wenn Agatha Christie ihre Gedanken zum – für sie damals – aktuellen Weltgeschehen mitteilen wollte. So macht dieser Part (der in der deutschen Ausgabe fast komplett weggekürzt wurde!) für mich den größten Reiz an der Geschichte aus, während die Spionagegeschichte ebenso wie die (Liebes-)Geschichte von Victoria vorhersehbar und nicht mehr als „ganz nett“ ist. Einige Elemente haben mich sogar sehr an „Passenger to Frankfurt“ erinnert, vielleicht hatte sie die Grundidee zwanzig Jahre später für ihre „Frankfurt-Geschichte“ noch einmal aufgenommen, auch wenn sie in „They Came to Baghdad“ den Kalten Krieg und nicht Überreste der Nazi-Zeit thematisiert hat und mir die Abenteuer in Bagdad deutlich besser gefallen haben.

Ich muss zugeben, dass ich dieses Buch parallel auf Deutsch und Englisch gelesen habe, weil ich nach dem ersten Kapitel so fassungslos darüber war, wie sehr die deutsche Übersetzung den Text verfälscht. Während die englische Ausgabe lauter atmosphärische Beschreibungen enthält und viele einzelne Wörter, Zitate oder Verse davon zeugen, wie gut sich Agatha Christie im Orient ausgekannt hat, fehlen nicht nur diese Elemente, sondern auch einige – in meinen Augen relevante – Informationen in der deutschen Fassung.

Wer allerdings nicht beide Bücher nebeneinanderliegen hat, wird vermutlich nicht so schnell auf den Gedanken kommen, dass da so gravierende Einschnitte vorgenommen wurden. Ich zumindest habe mich bislang auch mit den deutschen Ausgaben gut unterhalten gefühlt.  Jetzt aber, da ich weiß wie gut die Originalversion verständlich ist und welche gravierenden Unterschiede zwischen den beiden Versionen bestehen, werde ich wohl meine (so gut wie vollständige *sniff*) Christie-Sammlung auf Dauer durch die englischen Ausgaben ersetzen.

Ein detaillierter Vergleich zwischen dem ersten Kapitel von „They Came to Baghdad“ und „Sie kamen nach Bagdad“

Es ist schon seltsam, dass ich beim Lesen von „The Man in the Brown Suit“ ebenso wenig wie bei „The Secret of Chimneys“ das Gefühl hatte, dass sich das Original von der mir vertrauten deutschen Übersetzung groß unterscheiden würde. Zwar ist mir im ersten Buch eine Szene ins Auge gesprungen, die mir vollkommen neu erschien, während der zweite Roman mir vor allem das Gefühl gab, dass viele Redewendungen den Weg in die deutsche Ausgabe nicht gefunden haben, aber insgesamt hatte ich nicht das Gefühl, dass ich als Leser der Übersetzung groß etwas vom Inhalt oder der Atmosphäre vermissen würde.

Nun habe ich aber in der Bibliothek das Glück gehabt, dass ich sowohl „They Came to Baghdad“ (Harper Colins Publishers, 1993) als auch „Sie kamen nach Bagdad“ (Fischer Taschenbuch Verlag, 2006; übersetzt von Elleonore von Wurzian) ausleihen konnte, und somit wurden diese beiden Titel parallel von mir angefangen. Zum Inhalt werde ich in der (English-Challenge-)Rezension zur englischen Ausgabe noch etwas sagen, hier geht es mir gerade darum, mal detaillierter auf die Unterschiede einzugehen. Dabei musste ich anfangs wirklich die beiden Titel nebeneinanderlegen und Seite für Seite parallel lesen, obwohl in „Sie kamen nach Bagdad“ schon im ersten Kapitel mehrere kleine Absätze fehlten, die viel zur Atmosphäre beitragen. Aber so richtig fällt es eben nur ins Auge, wenn es nicht nur um die Stimmung, sondern auch um Informationsvermittlung geht.

Ich trage hier mal zusammen, was mir allein im ersten Kapitel aufgefallen ist. Auf der einen Seite kann der Leser hier eine Begegnung zwischen Captain Crosbie und Dakin verfolgen, auf der anderen Seite lernt er Miss Scheele, eine Sekretärin, kennen. Wenn ich auch auf die restlichen Kapitel eingehen wollte, dann würdet ihr einen Monat lang Beiträge dazu von mir lesen können.

Viele Passagen sind wirklich wörtlich übersetzt und so habe ich mir nichts dabei gedacht, als in der englischen Ausgabe Captain Crosbie nach 1 ½ gelesenen Seiten „into a large khan or court“ (S. 8) einbiegt, während er in der deutschen Ausgabe „einen großen Hof“ (S. 6) betrat.

Wegen eines solchen Worts stelle ich mich nicht so an, auch wenn ich in einem Roman, der im Orient spielt, an sich gern auf solche Ausdrücke stoße.

Auch Dakins Büro wird in der einen Ausgabe ausführlicher dargestellt als in der anderen. So heißt es im Englischen:

It was a high, rather bare room. There was an oil stove with a saucer of water on top of it, a long, low cushioned seat with a little coffee table in front of it and a large rather shabby desk. The electric light was on and the daylight was carefully excluded. (S. 8)

Während im Deutschen mal eben die Möblierung gestrichen wurde:

Es war ein hohes, kahles Zimmer. Das elektrische Licht brannte und das Tageslicht war sorgfältig ausgeschlossen. (S. 6)

Eine – in meinen Augen – akzeptable Kürzung, die aber doch schon eine Auswirkung auf meine Vorstellung von diesem Raum hat.

Lustig ist, dass Dakin im englischen Text noch bei der Arbeit ist:

He had before him a paper which he had just been busy decoding. He dotted down two more letters and said: „…” (S. 9)

Während er diese im Deutschen schon beendet hat:

Er hatte ein Schriftstück vor sich liegen, das er eben dechiffriert hatte. (S. 7)

Eine weitere Kürzung beraubt einen Charakter in der deutschen Ausgabe einer Facette – und hat somit eindeutig eine Auswirkung auf meine Wahrnehmung dieser Person – und lässt zusätzlich eine kleine spöttische Bemerkung unter den Tisch fallen, die ich schon als wichtig für die Atmosphäre empfinde:

„They’ve been talking about in the souk – for three days,“ said Crosbie drily.
The tall man smiled his weary smile.
„Top secret! No top secrets in the East, are there, Crosbie?”
„No, sir. If you ask me, there aren’t any top secrets anywhere. During the war I often noticed a barber in London knew more than the High Command.”
„It doesn’t matter much in this case. If the meeting is arranged for Baghdad it will soon have to be made public. And then the fun – our particular fun – starts.” (S. 9)

Und zum Vergleich:

„Sie sprechen im Souk schon seit drei Tagen davon“, sagte Crosbie.
„In diesem Fall macht das nichts. Wenn die Konferenz in Bagdad stattfindet, wird das bald publik gemacht werden müssen. Und dann fängt der Spaß – unser Privatspaß – an.“ (S. 7)

Bei einer solchen Veränderung fällt auch kaum auf, dass Crosbi recht salopp fragt, ob „Uncle Joe – thus disrespectfully did Captain Crosbie refer to the head of a Gread European Power – really mean to come?“ (S. 9), während es im Deutschen nur heißt: „Hat Onkel Joe ernstlich die Absicht zu kommen?” (S. 7), ohne dass man an dieser Stelle eine Erklärung bekommt, wer „Onkel Joe“ sein könnte.

Wirklich gestört hat mich aber vor allem folgende Veränderung, bei der sich Dakin recht desillusioniert über die kommende Veranstaltung äußert:

„I think he does this time, Crosbie,“ said Dakin thoughtfully. „Yes, I think so. And if the meeting comes off – comes off without a hitch – well, it might be the saving of – everything. If some kind of understanding could only be reached –“ he broke off.
Crosbie still looked slightly sceptical. „Is – forgive me, sir – is understanding of any kind possible?”
„In the sense you mean, Crosbie, probably not! If it were just a bringing together of two men representing totally different ideologies probably the whole thing would end as usual – in increased suspicion and misunderstanding. But there’s the third element. If that fantastic story of Carmichael’s is true –“ (S. 10)

Und die entsprechende Passage in der deutschen Ausgabe:

„Ich glaube, diesmal ja, Crosbie”, sagte Dakin nachdenklich. „Ja, ich glaube es wirklich. Und wenn sie stattfindet und ungestört verläuft – nun, dann kann sie vielleicht alles retten. Aber wenn diese fantastische Geschichte von Carmichael wahr ist …“ Er brach ab. (S. 8)

Nun, wer braucht schon Gedanken darüber, wie wichtig die kommende Veranstaltung ist, welche Auswirkungen sie auf die Welt haben könnte und wer vermisst schon philosophische Gedanken zum Thema „Verständigung“ … Bestimmt verliert die Geschichte nichts an Atmosphäre und Dringlichkeit, wenn man anfangs nicht mal eine Ahnung davon hat, worum es überhaupt geht. *seufz*

Bei einer langen Auflistung, welche Verbrechen in den letzten Tagen verübt worden sind, die mit Carmichael (dem Mitarbeiter, der anscheinend einen schlimmen Verdacht bezüglich der Veranstaltung hat) zusammenhängen könnten, fehlt nur ein kleiner Satzanhang am Ende:

“ […] A gardener at the Embassy, a servant at the Consulate, an official at the Airport, in the Customs, at the railway stations … all hotels watched … A cordon, stretched tight.” (S. 11)

Und zum Vergleich:

“ […] Ein Gärtner in der Botschaft – ein Diener auf dem Konsulat – ein Beamter auf dem Flughafen, beim Zoll, auf einem Bahnhof – alle Hotels überwacht.“ (S. 9)

Für mich eine vertretbare, wenn auch nicht nötige Veränderung des Textes.

Den gravierendsten Einschnitt gibt es allerdings am Ende der Passage über Crosbie und Dakin. So endet dieser Teil im Englischen:

In the middle of the spider’s web he wrote a name: Anna Scheele. Underneath he put a big query mark.
Then he took his hat, and left the office. As he walked along Rashid Street, some man asked another who that was.
„That? Oh, that’s Dakin. In one of the oil companies. Nice fellow, but never gets on. Too lethargic. They say he drinks. He’ll never get anywhere. You’ve got to have drive to get on in this part of the world.” (S. 12)

Während im Deutschen an Ende dies zu lesen ist:

Schließlich zeichnete er in einer Ecke des Löschpapiers ein Spinnennetz und in die Mitte des Spinnennetzes schrieb er einen Namen: „Anna Scheele“. Darunter setzte er ein großes Fragezeichen. (S. 10)

Solche Änderungen machen mich wirklich ärgerlich. Ich finde es schon relevant, dass Dakin in den Augen der Öffentlichkeit ein antriebsloser und vermutlich trinkender Angestellter einer Ölfirma ist – und diese Informationen werden mir in der deutschen Ausgabe komplett vorenthalten!

Der Text über Miss Scheele hingegen wird in der deutschen Übersetzung gleich mal um einen Satz erweitert:

„Have you got the reports on the Krugenhorf property, Miss Scheele?“ (S. 12)

Und:

In einem großen Büro eines New Yorker Wolkenkratzers saß ein Mann an einem Schreibtisch.
„Haben Sie den Bericht über das Krugendorf-Vermögen, Miss Scheele?“ (S. 10)

Dafür wurde dann bei der Beschreibung der guten Miss Scheele gleich ein Satz wieder eingespart:

She could organize the staff of a big office in such a way that it ran as by well-oiled machinery. She was discretion itself and her energy, though controlled and disciplined, never flagged.
Otto Morganthal, head of the firm of Morganthal, Brown and Shipperke, international bankers, was well aware that to Anna Scheele he owed more than mere money could repay. (S. 13)

Sie konnte den Stab eines großen Büros so organisieren, dass er wie eine gut geölte Maschine funktionierte.
Otto Morganthal, Chef der angesehenen Firma Morganthal, Brown & Schipperke, internationales Bankhaus, war sich bewusst, dass Anna Scheeles Dienste nicht mit Gold aufzuwiegen waren. (S. 11)

Keine Streichung, aber doch einen – in meinen Augen – merkbaren Unterschied bezüglich der Beschreibung von Miss Scheele beinhaltet für mich folgende Übersetzung:

He would indeed have been astonished if he had been told that she had any thoughts – other, that is, than thoughts connected with Morganthal, Brown and Shipperke and with the problems of Otto Morganthal. (S. 14)

Er wäre in der Tat höchst erstaunt gewesen, hätte man ihm gesagt, dass sie irgendwelche Gedanken hatte, die sich nicht auf Morganthal, Brown & Schipperke oder auf die Probleme von Otto Morganthal bezogen. (S. 12)

Inhaltlich eigentlich kein Unterschied, aber von der Aussage her schon eine spürbare Differenz.

Und an dieser Stelle wurde der Text im Deutschen mal wieder etwas gerafft:

So it was with complete surprise that he heard her say as she prepared to leave his office:
„I should like three weeks’ leave of absence if I might have it, Mr Morganthal. Starting from Tuesday next.”
Staring at her, he said uneasily: „It will be awkward – very awkward.”
„I don’t think it will be too difficult, Mr Morganthal. Miss Wygate ist fully competent to deal with things. I shall leave her my notes and full instructions. Mr Cornwall can attend to the Ascher Merger.”
Still uneasily he asked:
„You’re not ill, or anything?”
He couldn’t imagine Miss Scheele being ill. Even germs respected Anna Scheele and kept out of her way.
„Oh no, Mr Morganthal. I want to go to London to see my sister there.”
„Your sister?” He didn’t know she had a sister. He had never conceived of Miss Scheele as having any family or relations. She had never mentioned having any. And here she was, casually referring to a sister in London. She had been over London with him last fall but she had never mentioned having a sister then.
With a sense of injury he said:
„I never knew you had a sister in England?” (S. 14)

Daher traute er seinen Ohren nicht, als sie, im Begriff das Büro zu verlassen, sagte: „Ich möchte gern, wenn möglich, drei Wochen Urlaub haben, Mr Morganthal, ab nächsten Dienstag. Ich  möchte nach London fahren, um meine Schwester zu sehen.“
„Ihre Schwester?“ Sie war letzten Herbst mit ihm in London gewesen, ohne je zu erwähnen, dass sie eine Schwester hatte. Er sagte etwas gekränkt: „Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Schwester in England haben.“ (S. 12)

Für mich besteht zwischen diesen beiden Szenen ein riesiger Unterschied! Auf der einen Seite hat man eine zurückhaltende effiziente Sekretärin, die auch bezüglich ihres Privatlebens diskret ist und der man jede Information aus der Nase ziehen muss, während die deutsche Übersetzung eine Frau zeigt, die ihrem Chef auf Anhieb gleich alle Details verrät, damit sie Urlaub bekommt. Die „englische“ Anna Scheele hinterlässt bei mir einen komplett anderen Eindruck als die „deutsche“ Anna Scheele. Und das finde ich noch schlimmer als die fehlenden Informationen bezüglich Dakin am Ende seiner Passage.

Und hier noch die letzte Änderung im ersten Kapitel:

„All right, all right .. Get back as soon as you can. I’ve never seen the market so jumpy. All this damned Communism. War may break out at any moment. It’s the only solution, I sometimes think. The whole country’s riddled with it – riddled with it. And now the President’s determind to go to this fool conference at Baghdad. It’s a put-up job in my opinion. They’re out to get him. Baghdad! Of all outlandish places!” (S. 15)

„Schön, schön … kommen Sie so bald wie möglich zurück. Der Markt war noch nie so unruhig. Das ist dieser verfluchte Kommunismus. Das ganze Land gärt – gärt, sage ich. Und jetzt hat sich der Präsident entschlossen, zu dieser närrischen Konferenz nach Bagdad zu fliegen. Meiner Meinung nach eine abgekartete Sache. Sie haben es auf ihn abgesehen. Bagdad! Von allen ausgefallenen Plätzen gerade Bagdad!“ (S. 12)

Kaum ein Unterschied und doch wird uns die Angst vor einem möglichen Krieg in der deutschen Ausgabe unterschlagen … Aber wer braucht in einer Spionagegeschichte schon solche Details?

Da ich die Übersetzung insgesamt eigentlich ganz stimmig finde, gehe ich mal davon aus, dass bei den Kürzungen eher der Verlag die Finger im Spiel hatte als Elleonore von Wurzian, die den Text ins Deutsche transportiert hat. Und bei den kleineren Sachen – wie der Weglassung des „khan“ oder auch dem fehlenden Satz bei der Raumbeschreibung – würde ich mich auch nicht beschweren, aber einige der gekürzten Sätze und Passagen machen doch einiges an Atmosphäre und Inhalt aus!

Vor allem fehlen die Elemente, die zeigen wie gut sich die Autorin in Bagdad ausgekannt hat und wie sehr sie das Land in all seinen Schattierungen liebt. Auch finde ich es erschreckend, wie wenig in der deutschen Übersetzung noch von Agatha Christies Gedanken zum Thema Wirtschaft, Kommunismus und dem drohenden (Kalten) Krieg übrig geblieben ist. Mein Fazit aus diesem Vergleich ist, dass ich wohl in den nächsten Jahren meine Agatha-Christie-Sammlung so nach und nach durch die Originalausgaben ersetzen werde.

Dies und Das (8): Christie und Awards

Immer noch im Buchrausch …
Seit April habe ich eine Phase, in der ich nur noch lesen könnte. Ein Buch nach dem anderen landet auf dem Wohnzimmertisch und wird von mir verschlungen – und wenn mich das Wetter nicht regelmäßig so müde machen würde, dass ich gar nichts mehr tun mag, dann hätte ich meinen SuB wohl fest „unter 100“ etabliert. Nur blöd, dass ich entweder die Zeit zum Lesen oder die Zeit zum Schreiben habe … 😉

Christie-Fotos
Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich die Katzen in den letzten Tagen mehrfach vor der Kamera hatte. Und da das hier ein Blog über „Bücher, Katzen und anderes …“ ist, müsst ihr da einfach durch. 😉 Also gibt es hier wieder eine Runde Fotos:

Awards

Die Award-Schwemme hat auch vor mir nicht Halt gemacht – und ich freue mich über jeden einzelnen davon sehr! Aber den Zwang des Weitergebens mag ich nicht so sehr und so muss ich entweder gut überlegen, ob ich die dann weiterreiche oder ob sie bei mir versanden …

Was ich allerdings inzwischen wirklich hasse, sind viele der Bedingungen. Ob ich mich freue oder nicht, bleibt ja wohl mir überlassen und was „bedanke dich bei der Person, die dir den Award verliehen hat“ angeht – das ist ja wohl selbstverständlich und so etwas „vorgeschrieben“ zu bekommen, macht mich eher … äh … fuchtig. 😉

In den letzten Tagen erreichten mich folgende Awards:

Blätterauschen überreichte mir:

  • Binde den Award in deinen Blog ein oder veröffentliche ihn in einem Post.
  • Nominiere so viele Blogs, wie du gerne hast und verlinke sie in deinem Post.
  • Teile deinen Nominierten, per Kommentar mit, dass du ihnen diesen Anward verliehen hast.
  • Verlinke die Person, die dir diesen Award verliehen hat und bedanke dich herzlich bei ihr.

Es gibt eine Menge Blogs, die ich gern habe, einige davon beschäftigen sich mit Büchern, andere mit anderen Themen und wenn ich sie alle aufführen würde, würde ich die Beitragsgrenze vermutlich sprengen. Also konzentriere ich mich auf den Begriff „adorable“ und verleihe diese Award

Pashieno’s Welt

für ihre bezaubernden, hinreißenden, charmanten und anbetungswürdigen Katzen, die sie so wunderbar auf Foto zu bannen wissen.

Von Bellxr’s Leseinsel) gab es:

· den Award an 5 Personen weitergeben und sie dies wissen lassen,
· die Verleiherin in Deinem Post erwähnen und
· die Verleiherin per Post informieren.

Sorry, aber ich mag mich nicht auf eine feste Personenzahl festlegen lassen, wenn ich einen Award weitergebe … Keine Ahnung, wer die „Masked Mommy“ ist, aber ich mag die Maske auf dem Award-Bild. 😉 Und weil ich dabei spontan an Kathrin von Natiras Zeit) – bei dir finde ich ganz neue Anregungen zum Lesen (was allerdings auch dazu führt, dass die gegenseitige Leihliste immer länger wird), liebevolle Fotos und interessante Berichte über die verschiedensten Dinge.

Katrin von den Katze mit Buch) – abgesehen von den tollen Kinder-/Jugend- und Bilderbuchrezensionen, liebe ich die Sparte mit den Kochbuchbesprechungen, die Berichte von den Veranstaltungen und die kleinen Einblicke in deine (zum Teil noch recht neuen) Hobbies.

So, jetzt noch die Fragen beantworten:

1. Welches ist dein Lieblingsbuch und warum?

Ein Lieblingsbuch? Ich lese sehr viele Genres und je nach Stimmung bevorzuge ich die unterschiedlichsten Autoren – und es gibt sehr sehr viele Bücher, die mich schon seit Jahrzehnten begleiten und die ich niemals hergeben würde. Wie soll ich denn da EIN Lieblingsbuch benennen?

2. Wie viele Bücher besitzt du und wie viele davon hast du schon gelesen?
Wieder eine Frage, die ich kaum beantworten kann und auf die ich schon mal eine Antwort suchen sollte, welche ihr