Schlagwort: Agatha Christie

Ein detaillierter Vergleich zwischen dem ersten Kapitel von „They Came to Baghdad“ und „Sie kamen nach Bagdad“

Es ist schon seltsam, dass ich beim Lesen von „The Man in the Brown Suit“ ebenso wenig wie bei „The Secret of Chimneys“ das Gefühl hatte, dass sich das Original von der mir vertrauten deutschen Übersetzung groß unterscheiden würde. Zwar ist mir im ersten Buch eine Szene ins Auge gesprungen, die mir vollkommen neu erschien, während der zweite Roman mir vor allem das Gefühl gab, dass viele Redewendungen den Weg in die deutsche Ausgabe nicht gefunden haben, aber insgesamt hatte ich nicht das Gefühl, dass ich als Leser der Übersetzung groß etwas vom Inhalt oder der Atmosphäre vermissen würde.

Nun habe ich aber in der Bibliothek das Glück gehabt, dass ich sowohl „They Came to Baghdad“ (Harper Colins Publishers, 1993) als auch „Sie kamen nach Bagdad“ (Fischer Taschenbuch Verlag, 2006; übersetzt von Elleonore von Wurzian) ausleihen konnte, und somit wurden diese beiden Titel parallel von mir angefangen. Zum Inhalt werde ich in der (English-Challenge-)Rezension zur englischen Ausgabe noch etwas sagen, hier geht es mir gerade darum, mal detaillierter auf die Unterschiede einzugehen. Dabei musste ich anfangs wirklich die beiden Titel nebeneinanderlegen und Seite für Seite parallel lesen, obwohl in „Sie kamen nach Bagdad“ schon im ersten Kapitel mehrere kleine Absätze fehlten, die viel zur Atmosphäre beitragen. Aber so richtig fällt es eben nur ins Auge, wenn es nicht nur um die Stimmung, sondern auch um Informationsvermittlung geht.

Ich trage hier mal zusammen, was mir allein im ersten Kapitel aufgefallen ist. Auf der einen Seite kann der Leser hier eine Begegnung zwischen Captain Crosbie und Dakin verfolgen, auf der anderen Seite lernt er Miss Scheele, eine Sekretärin, kennen. Wenn ich auch auf die restlichen Kapitel eingehen wollte, dann würdet ihr einen Monat lang Beiträge dazu von mir lesen können.

Viele Passagen sind wirklich wörtlich übersetzt und so habe ich mir nichts dabei gedacht, als in der englischen Ausgabe Captain Crosbie nach 1 ½ gelesenen Seiten „into a large khan or court“ (S. 8) einbiegt, während er in der deutschen Ausgabe „einen großen Hof“ (S. 6) betrat.

Wegen eines solchen Worts stelle ich mich nicht so an, auch wenn ich in einem Roman, der im Orient spielt, an sich gern auf solche Ausdrücke stoße.

Auch Dakins Büro wird in der einen Ausgabe ausführlicher dargestellt als in der anderen. So heißt es im Englischen:

It was a high, rather bare room. There was an oil stove with a saucer of water on top of it, a long, low cushioned seat with a little coffee table in front of it and a large rather shabby desk. The electric light was on and the daylight was carefully excluded. (S. 8)

Während im Deutschen mal eben die Möblierung gestrichen wurde:

Es war ein hohes, kahles Zimmer. Das elektrische Licht brannte und das Tageslicht war sorgfältig ausgeschlossen. (S. 6)

Eine – in meinen Augen – akzeptable Kürzung, die aber doch schon eine Auswirkung auf meine Vorstellung von diesem Raum hat.

Lustig ist, dass Dakin im englischen Text noch bei der Arbeit ist:

He had before him a paper which he had just been busy decoding. He dotted down two more letters and said: „…” (S. 9)

Während er diese im Deutschen schon beendet hat:

Er hatte ein Schriftstück vor sich liegen, das er eben dechiffriert hatte. (S. 7)

Eine weitere Kürzung beraubt einen Charakter in der deutschen Ausgabe einer Facette – und hat somit eindeutig eine Auswirkung auf meine Wahrnehmung dieser Person – und lässt zusätzlich eine kleine spöttische Bemerkung unter den Tisch fallen, die ich schon als wichtig für die Atmosphäre empfinde:

„They’ve been talking about in the souk – for three days,“ said Crosbie drily.
The tall man smiled his weary smile.
„Top secret! No top secrets in the East, are there, Crosbie?”
„No, sir. If you ask me, there aren’t any top secrets anywhere. During the war I often noticed a barber in London knew more than the High Command.”
„It doesn’t matter much in this case. If the meeting is arranged for Baghdad it will soon have to be made public. And then the fun – our particular fun – starts.” (S. 9)

Und zum Vergleich:

„Sie sprechen im Souk schon seit drei Tagen davon“, sagte Crosbie.
„In diesem Fall macht das nichts. Wenn die Konferenz in Bagdad stattfindet, wird das bald publik gemacht werden müssen. Und dann fängt der Spaß – unser Privatspaß – an.“ (S. 7)

Bei einer solchen Veränderung fällt auch kaum auf, dass Crosbi recht salopp fragt, ob „Uncle Joe – thus disrespectfully did Captain Crosbie refer to the head of a Gread European Power – really mean to come?“ (S. 9), während es im Deutschen nur heißt: „Hat Onkel Joe ernstlich die Absicht zu kommen?” (S. 7), ohne dass man an dieser Stelle eine Erklärung bekommt, wer „Onkel Joe“ sein könnte.

Wirklich gestört hat mich aber vor allem folgende Veränderung, bei der sich Dakin recht desillusioniert über die kommende Veranstaltung äußert:

„I think he does this time, Crosbie,“ said Dakin thoughtfully. „Yes, I think so. And if the meeting comes off – comes off without a hitch – well, it might be the saving of – everything. If some kind of understanding could only be reached –“ he broke off.
Crosbie still looked slightly sceptical. „Is – forgive me, sir – is understanding of any kind possible?”
„In the sense you mean, Crosbie, probably not! If it were just a bringing together of two men representing totally different ideologies probably the whole thing would end as usual – in increased suspicion and misunderstanding. But there’s the third element. If that fantastic story of Carmichael’s is true –“ (S. 10)

Und die entsprechende Passage in der deutschen Ausgabe:

„Ich glaube, diesmal ja, Crosbie”, sagte Dakin nachdenklich. „Ja, ich glaube es wirklich. Und wenn sie stattfindet und ungestört verläuft – nun, dann kann sie vielleicht alles retten. Aber wenn diese fantastische Geschichte von Carmichael wahr ist …“ Er brach ab. (S. 8)

Nun, wer braucht schon Gedanken darüber, wie wichtig die kommende Veranstaltung ist, welche Auswirkungen sie auf die Welt haben könnte und wer vermisst schon philosophische Gedanken zum Thema „Verständigung“ … Bestimmt verliert die Geschichte nichts an Atmosphäre und Dringlichkeit, wenn man anfangs nicht mal eine Ahnung davon hat, worum es überhaupt geht. *seufz*

Bei einer langen Auflistung, welche Verbrechen in den letzten Tagen verübt worden sind, die mit Carmichael (dem Mitarbeiter, der anscheinend einen schlimmen Verdacht bezüglich der Veranstaltung hat) zusammenhängen könnten, fehlt nur ein kleiner Satzanhang am Ende:

“ […] A gardener at the Embassy, a servant at the Consulate, an official at the Airport, in the Customs, at the railway stations … all hotels watched … A cordon, stretched tight.” (S. 11)

Und zum Vergleich:

“ […] Ein Gärtner in der Botschaft – ein Diener auf dem Konsulat – ein Beamter auf dem Flughafen, beim Zoll, auf einem Bahnhof – alle Hotels überwacht.“ (S. 9)

Für mich eine vertretbare, wenn auch nicht nötige Veränderung des Textes.

Den gravierendsten Einschnitt gibt es allerdings am Ende der Passage über Crosbie und Dakin. So endet dieser Teil im Englischen:

In the middle of the spider’s web he wrote a name: Anna Scheele. Underneath he put a big query mark.
Then he took his hat, and left the office. As he walked along Rashid Street, some man asked another who that was.
„That? Oh, that’s Dakin. In one of the oil companies. Nice fellow, but never gets on. Too lethargic. They say he drinks. He’ll never get anywhere. You’ve got to have drive to get on in this part of the world.” (S. 12)

Während im Deutschen an Ende dies zu lesen ist:

Schließlich zeichnete er in einer Ecke des Löschpapiers ein Spinnennetz und in die Mitte des Spinnennetzes schrieb er einen Namen: „Anna Scheele“. Darunter setzte er ein großes Fragezeichen. (S. 10)

Solche Änderungen machen mich wirklich ärgerlich. Ich finde es schon relevant, dass Dakin in den Augen der Öffentlichkeit ein antriebsloser und vermutlich trinkender Angestellter einer Ölfirma ist – und diese Informationen werden mir in der deutschen Ausgabe komplett vorenthalten!

Der Text über Miss Scheele hingegen wird in der deutschen Übersetzung gleich mal um einen Satz erweitert:

„Have you got the reports on the Krugenhorf property, Miss Scheele?“ (S. 12)

Und:

In einem großen Büro eines New Yorker Wolkenkratzers saß ein Mann an einem Schreibtisch.
„Haben Sie den Bericht über das Krugendorf-Vermögen, Miss Scheele?“ (S. 10)

Dafür wurde dann bei der Beschreibung der guten Miss Scheele gleich ein Satz wieder eingespart:

She could organize the staff of a big office in such a way that it ran as by well-oiled machinery. She was discretion itself and her energy, though controlled and disciplined, never flagged.
Otto Morganthal, head of the firm of Morganthal, Brown and Shipperke, international bankers, was well aware that to Anna Scheele he owed more than mere money could repay. (S. 13)

Sie konnte den Stab eines großen Büros so organisieren, dass er wie eine gut geölte Maschine funktionierte.
Otto Morganthal, Chef der angesehenen Firma Morganthal, Brown & Schipperke, internationales Bankhaus, war sich bewusst, dass Anna Scheeles Dienste nicht mit Gold aufzuwiegen waren. (S. 11)

Keine Streichung, aber doch einen – in meinen Augen – merkbaren Unterschied bezüglich der Beschreibung von Miss Scheele beinhaltet für mich folgende Übersetzung:

He would indeed have been astonished if he had been told that she had any thoughts – other, that is, than thoughts connected with Morganthal, Brown and Shipperke and with the problems of Otto Morganthal. (S. 14)

Er wäre in der Tat höchst erstaunt gewesen, hätte man ihm gesagt, dass sie irgendwelche Gedanken hatte, die sich nicht auf Morganthal, Brown & Schipperke oder auf die Probleme von Otto Morganthal bezogen. (S. 12)

Inhaltlich eigentlich kein Unterschied, aber von der Aussage her schon eine spürbare Differenz.

Und an dieser Stelle wurde der Text im Deutschen mal wieder etwas gerafft:

So it was with complete surprise that he heard her say as she prepared to leave his office:
„I should like three weeks’ leave of absence if I might have it, Mr Morganthal. Starting from Tuesday next.”
Staring at her, he said uneasily: „It will be awkward – very awkward.”
„I don’t think it will be too difficult, Mr Morganthal. Miss Wygate ist fully competent to deal with things. I shall leave her my notes and full instructions. Mr Cornwall can attend to the Ascher Merger.”
Still uneasily he asked:
„You’re not ill, or anything?”
He couldn’t imagine Miss Scheele being ill. Even germs respected Anna Scheele and kept out of her way.
„Oh no, Mr Morganthal. I want to go to London to see my sister there.”
„Your sister?” He didn’t know she had a sister. He had never conceived of Miss Scheele as having any family or relations. She had never mentioned having any. And here she was, casually referring to a sister in London. She had been over London with him last fall but she had never mentioned having a sister then.
With a sense of injury he said:
„I never knew you had a sister in England?” (S. 14)

Daher traute er seinen Ohren nicht, als sie, im Begriff das Büro zu verlassen, sagte: „Ich möchte gern, wenn möglich, drei Wochen Urlaub haben, Mr Morganthal, ab nächsten Dienstag. Ich  möchte nach London fahren, um meine Schwester zu sehen.“
„Ihre Schwester?“ Sie war letzten Herbst mit ihm in London gewesen, ohne je zu erwähnen, dass sie eine Schwester hatte. Er sagte etwas gekränkt: „Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Schwester in England haben.“ (S. 12)

Für mich besteht zwischen diesen beiden Szenen ein riesiger Unterschied! Auf der einen Seite hat man eine zurückhaltende effiziente Sekretärin, die auch bezüglich ihres Privatlebens diskret ist und der man jede Information aus der Nase ziehen muss, während die deutsche Übersetzung eine Frau zeigt, die ihrem Chef auf Anhieb gleich alle Details verrät, damit sie Urlaub bekommt. Die „englische“ Anna Scheele hinterlässt bei mir einen komplett anderen Eindruck als die „deutsche“ Anna Scheele. Und das finde ich noch schlimmer als die fehlenden Informationen bezüglich Dakin am Ende seiner Passage.

Und hier noch die letzte Änderung im ersten Kapitel:

„All right, all right .. Get back as soon as you can. I’ve never seen the market so jumpy. All this damned Communism. War may break out at any moment. It’s the only solution, I sometimes think. The whole country’s riddled with it – riddled with it. And now the President’s determind to go to this fool conference at Baghdad. It’s a put-up job in my opinion. They’re out to get him. Baghdad! Of all outlandish places!” (S. 15)

„Schön, schön … kommen Sie so bald wie möglich zurück. Der Markt war noch nie so unruhig. Das ist dieser verfluchte Kommunismus. Das ganze Land gärt – gärt, sage ich. Und jetzt hat sich der Präsident entschlossen, zu dieser närrischen Konferenz nach Bagdad zu fliegen. Meiner Meinung nach eine abgekartete Sache. Sie haben es auf ihn abgesehen. Bagdad! Von allen ausgefallenen Plätzen gerade Bagdad!“ (S. 12)

Kaum ein Unterschied und doch wird uns die Angst vor einem möglichen Krieg in der deutschen Ausgabe unterschlagen … Aber wer braucht in einer Spionagegeschichte schon solche Details?

Da ich die Übersetzung insgesamt eigentlich ganz stimmig finde, gehe ich mal davon aus, dass bei den Kürzungen eher der Verlag die Finger im Spiel hatte als Elleonore von Wurzian, die den Text ins Deutsche transportiert hat. Und bei den kleineren Sachen – wie der Weglassung des „khan“ oder auch dem fehlenden Satz bei der Raumbeschreibung – würde ich mich auch nicht beschweren, aber einige der gekürzten Sätze und Passagen machen doch einiges an Atmosphäre und Inhalt aus!

Vor allem fehlen die Elemente, die zeigen wie gut sich die Autorin in Bagdad ausgekannt hat und wie sehr sie das Land in all seinen Schattierungen liebt. Auch finde ich es erschreckend, wie wenig in der deutschen Übersetzung noch von Agatha Christies Gedanken zum Thema Wirtschaft, Kommunismus und dem drohenden (Kalten) Krieg übrig geblieben ist. Mein Fazit aus diesem Vergleich ist, dass ich wohl in den nächsten Jahren meine Agatha-Christie-Sammlung so nach und nach durch die Originalausgaben ersetzen werde.

Dies und Das (8): Christie und Awards

Immer noch im Buchrausch …
Seit April habe ich eine Phase, in der ich nur noch lesen könnte. Ein Buch nach dem anderen landet auf dem Wohnzimmertisch und wird von mir verschlungen – und wenn mich das Wetter nicht regelmäßig so müde machen würde, dass ich gar nichts mehr tun mag, dann hätte ich meinen SuB wohl fest „unter 100“ etabliert. Nur blöd, dass ich entweder die Zeit zum Lesen oder die Zeit zum Schreiben habe … 😉

Christie-Fotos
Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich die Katzen in den letzten Tagen mehrfach vor der Kamera hatte. Und da das hier ein Blog über „Bücher, Katzen und anderes …“ ist, müsst ihr da einfach durch. 😉 Also gibt es hier wieder eine Runde Fotos:

Awards

Die Award-Schwemme hat auch vor mir nicht Halt gemacht – und ich freue mich über jeden einzelnen davon sehr! Aber den Zwang des Weitergebens mag ich nicht so sehr und so muss ich entweder gut überlegen, ob ich die dann weiterreiche oder ob sie bei mir versanden …

Was ich allerdings inzwischen wirklich hasse, sind viele der Bedingungen. Ob ich mich freue oder nicht, bleibt ja wohl mir überlassen und was „bedanke dich bei der Person, die dir den Award verliehen hat“ angeht – das ist ja wohl selbstverständlich und so etwas „vorgeschrieben“ zu bekommen, macht mich eher … äh … fuchtig. 😉

In den letzten Tagen erreichten mich folgende Awards:

Blätterauschen überreichte mir:

  • Binde den Award in deinen Blog ein oder veröffentliche ihn in einem Post.
  • Nominiere so viele Blogs, wie du gerne hast und verlinke sie in deinem Post.
  • Teile deinen Nominierten, per Kommentar mit, dass du ihnen diesen Anward verliehen hast.
  • Verlinke die Person, die dir diesen Award verliehen hat und bedanke dich herzlich bei ihr.

Es gibt eine Menge Blogs, die ich gern habe, einige davon beschäftigen sich mit Büchern, andere mit anderen Themen und wenn ich sie alle aufführen würde, würde ich die Beitragsgrenze vermutlich sprengen. Also konzentriere ich mich auf den Begriff „adorable“ und verleihe diese Award

Pashieno’s Welt

für ihre bezaubernden, hinreißenden, charmanten und anbetungswürdigen Katzen, die sie so wunderbar auf Foto zu bannen wissen.

Von Bellxr’s Leseinsel) gab es:

· den Award an 5 Personen weitergeben und sie dies wissen lassen,
· die Verleiherin in Deinem Post erwähnen und
· die Verleiherin per Post informieren.

Sorry, aber ich mag mich nicht auf eine feste Personenzahl festlegen lassen, wenn ich einen Award weitergebe … Keine Ahnung, wer die „Masked Mommy“ ist, aber ich mag die Maske auf dem Award-Bild. 😉 Und weil ich dabei spontan an Kathrin von Natiras Zeit) – bei dir finde ich ganz neue Anregungen zum Lesen (was allerdings auch dazu führt, dass die gegenseitige Leihliste immer länger wird), liebevolle Fotos und interessante Berichte über die verschiedensten Dinge.

Katrin von den Katze mit Buch) – abgesehen von den tollen Kinder-/Jugend- und Bilderbuchrezensionen, liebe ich die Sparte mit den Kochbuchbesprechungen, die Berichte von den Veranstaltungen und die kleinen Einblicke in deine (zum Teil noch recht neuen) Hobbies.

So, jetzt noch die Fragen beantworten:

1. Welches ist dein Lieblingsbuch und warum?

Ein Lieblingsbuch? Ich lese sehr viele Genres und je nach Stimmung bevorzuge ich die unterschiedlichsten Autoren – und es gibt sehr sehr viele Bücher, die mich schon seit Jahrzehnten begleiten und die ich niemals hergeben würde. Wie soll ich denn da EIN Lieblingsbuch benennen?

2. Wie viele Bücher besitzt du und wie viele davon hast du schon gelesen?
Wieder eine Frage, die ich kaum beantworten kann und auf die ich schon mal eine Antwort suchen sollte, welche ihr

Agatha Christie: The Secret of Chimneys

Nachdem meine eigenen Christie-Bücher weiterhin in Umzugskartons schlummern, stille ich meine Lust auf die Autorin eben mit englischen Titeln aus der Bibliothek. Nur blöd, dass ich mit diesem Band nicht noch einen Monat warten wollte, sonst hätte ich mein Buch für die English-Challenge auch schon bei der Hand gehabt. „Die Memoiren des Grafen“ gehört zu den Geschichten von Agatha Christie, die ich immer mal wieder in die Hand nehme, weil ich sie so unterhaltsam finde. Auch wenn die Handlung von so vielen Zufällen geprägt ist, dass ich das einem anderen Krimiautor nicht verzeihen würde, mag ich die Geschichte und die Charaktere so sehr, dass ich die Schwachpunkte hier locker verzeihen kann.

„The Secret of Chimneys“ beginnt in Afrika, wo Anthony Cade auf seinen alten Freund Jimmy McGrath trifft. Während Anthony sein Leben als Reiseführer fristet, ist Jimmy gerade auf dem Weg ins Landesinnere, da er dort auf die Suche nach Gold gehen wird. Diese Goldsuche ist ihm so wichtig, dass er seinen Freund bittet, doch eine Aufgabe für ihn zu übernehmen. Denn der verstorbene Graf Stylptitch, herzoslowakischer Adliger und berühmter Diplomat, hatte Jimmy seine Memoiren zukommen lassen – und wenn dieser sie bis zu einem bestimmten Tag persönlich bei einem Londoner Verlagshaus abgibt, dann bekommt er dafür 1000 Pfund. Gegen ein Viertel der versprochenen Summer macht sich Anthony auf den Weg, im Gepäck nicht nur die Autobiografie des Diplomaten, sondern auch Liebesbriefe einer verheirateten Frau, die ihm ebenfalls von Jimmy anvertraut wurden.

In London hingegen warten mehrere Gruppierungen darauf, dass Jimmy McGrath mit den Memoiren des Grafen eintrifft. Sowohl die herzoslowakische Regierung als auch ihre politischen Gegner sowie die britische Regierung (die mit Herzoslowakien gerade sehr empfindliche Verhandlungen führt) und ebenso eine französische Verbrecherbande wollen in den Besitz dieser Seiten kommen. Während Anthony mit den diversen Angeboten und Diebstahlsversuchen fertig werden muss, versucht er nebenbei, Virginia Revel ausfindig zu machen – die Dame, mit deren Namen die verhängnisvollen Liebesbriefe unterschrieben wurden, die ihm von Jimmy ausgehändigt wurden.

Virginia hingegen bereitet sich auf ein Wochenende auf Chimneys vor, zu dem sie von Lord Caterham und seiner Tochter Eileen (genannt Bundle) geladen wurde. Sie soll ein bisschen Leben in die Wochenendgesellschaft bringen, die vor allem aus herzoslowakischen Adligen, britischen Diplomaten und Finanzmännern bestehen wird. Denn Chimneys wird schon seit Jahrzehnten als inoffizieller Treffpunkt für die Mächtigen und Reihen in Großbritannien genutzt – sehr zum Leidwesen von Lord Caterham, der im Gegensatz zu seinem verstorbenen Bruder so gar nichts mit Politik am Hut hat. Als dann noch ein Mord auf Chimneys geschieht, gerät auch Anthony in Verdacht …

Ich fürchte, ich kenne das Buch einfach zu gut, um eine objektive Meinung dazu zu schreiben. Ich mag Anthony, ich mag Virginia und ich mag den widerwilligen Gastgeber Lord Caterham und seine Tochter (die man übrigens in „The Seven Dials Mystery“ – die einzige Geschichte, bei der ich ständig den deutschen Namen vergesse – wiedersieht). Jedes Mal wieder verfolge ich mit Vergnügen, wie Anthony versucht, seinen Namen reinzuwaschen, Virginia zu helfen und mehr über die verschiedenen Rätsel herauszufinden. Da ist es mir dann auch egal, dass ich recht schnell weiß, wer von den verschiedenen Figuren nicht der ist, der er zu sein vorgibt – und warum sich der Diener des Ermordeten so ungewöhnlich verhält. Ach, verflixt, lest die Geschichte doch einfach selbst – gern auch auf Englisch, denn das klappt prima – und bildet euch eine eigene Meinung! 😉

Neben der Lust auf eine Agatha-Christie-Geschichte trieb mich auch die Neugier auf eventuelle Unterschiede zur Übersetzung an – und ehrlich gesagt, mir sind kaum Sachen ins Auge gesprungen! Wie bei „The Man in the Brown Suit“ hatte ich nicht das Gefühl, dass ich irgendeine Szene nicht kenne, allerdings sind mir diverse Redewendungen aufgefallen, die – meinem Empfinden nach – nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das ändert nicht viel an der Qualität der Geschichte, lässt aber die Charaktere hier und da lässiger wirken als in „Die Memoiren des Grafen“. Ich denke, ich werde mir noch mal ein paar weitere englische Ausgaben besorgen, wenn ich endlich meine Bücher auspacken kann – und dann vergleiche ich detaillierter.

Agatha Christie: The Man in the Brown Suit

Nachdem ich immer wieder in Texten über die Autorin über die Aussage gestolpert bin, dass Agatha Christies Romane in der deutschen Umsetzung deutlich gekürzt oder verändert wurden, wollte ich mir ein paar Titel der Autorin mal bewusst im Original angucken, um mir ein eigenes Bild davon zu machen. Außerdem passt „The Man in the Brown Suit“ so schön zur English-Challenge und bietet mir die Gelegenheit mal etwas anderes als einen Dresden-Files-Roman dafür zu besprechen.

„Der Mann im braunen Anzug“ ist wohl einer der unbekannteren Romane von Agatha Christie und gehört zu meinen Lieblingsbüchern der Autorin. Hier bekommt der Leser keine Miss-Marple- oder Hercule Poirot-Geschichte präsentiert, denn die Ereignisse drehen sich um die Abenteuer von Anne Beddingfeld. Anne ist die Tochter eines Gelehrten, der sich so sehr für seine anthropologischen Studien interessiert, dass er alles andere darüber vergessen kann. Während Anne ihm den Haushalt führt und gerade so mit dem kargen Einkommen des Vaters über die Runden kommt, bestehen die Höhepunkte ihres Lebens aus dem Lesen von Romanen aus der Leihbücherei und dem wöchentlichen Kinobesuch, wo sie die Episoden rund um die Abenteurerin Pamela genießt. So wundert es einen nicht, dass Anne nach dem Tod ihres Vaters sein Ableben zwar bedauert, darin aber auch die Chance sieht endlich ein aufregendes und abwechslungsreicheres Leben zu führen.

Zum Glück wird sie von einem Geschäftspartner ihres verstorbenen Vaters nach London eingeladen. Dort, so hofft Anne, wird sie eine Anstellung finden, die ihren Hunger nach Aufregung und Romantik befriedigt. Doch so einfach ist es nicht eine Beschäftigung zu finden, die Annes Ansprüchen entspricht – und so stürzt sich die junge Frau lieber auf einen rätselhaften Unfall, den sie in der U-Bahn beobachtet. Bei diesem Unfall stürzte ein – nach Mottenkugeln riechender – Mann unter seltsamen Umständen von der Plattform der Bahn und kommt dabei ums Leben. Ein geheimnisvoller Zettel, dem ebenfalls der Geruch von Mottenkugeln anhaftet, und ein Mord in einem leerstehenden Haus führen Anne auf die Spur eines Verbrecherrings, der vor allem während des Ersten Weltkriegs (die Geschichte wurde von Agatha Christie 1926 veröffentlicht) aktiv war. Und bei all diesen rätselhaften und bedrohlichen Vorfällen scheint ein Mann in einem braunen Anzug involviert zu sein. Ein Mann, der nicht nur Annes kriminalistisches Interesse weckt …

Erzählt werden die Ereignisse in erster Linie aus Annes Sicht, aber auch Tagebucheinträge von Sir Eustace Pedler werden in die Geschichte eingeflochten. Dieser schon etwas ältere Herr ist nicht nur der Besitzer des leerstehenden Hauses, in dem der Mord passierte, sondern er wird auch von der britischen Regierung gebeten ein politisch wichtiges und überaus geheimes Dokument nach Südafrika mitzunehmen. So spielt ein guter Teil der Handlung auf einem Schiff und später in Südafrika, wobei sich der Kreis der handelnden Personen auf einen recht engen Rahmen beschränkt, nämlich Sir Eustace Pedler und seine Angestellten, Anne Beddingfeld, eine wohlhabende Weltenbummlerin, einen attraktiven schweigsamen Mann, der für den Geheimdienst arbeitet, und einen nicht sehr sympathischen Missionar.

Trotz dieses kleinen Kreises gelingt es Agatha Christie ganz wunderbar eine Atmosphäre zu schaffen, die einer Spionagegeschichte und einer Handlung rund um eine Verbrecherbande gerecht wird. Doch vor in erster Linie mag ich die verschiedenen Charaktere, allen voran Anne und Sir Eustace Pedler, denen die Autorin jeweils eine ganz eigene Stimme verleiht. Während Anne ihr Abenteuer in vollen Zügen genießt und nur hier und da bei ihr der Gedanke aufkommt, dass sie sich doch recht blauäugig in so manche Gefahr begibt, scheint der alte Herr nichts und niemanden ernst zu nehmen und trotzdem nie so ganz zufrieden mit dem Benehmen seiner Mitmenschen zu sein. So fragt er zum Beispiel ganz am Anfang der Geschichte den Beamten, der ihn als Kurier nach Südafrika anheuern soll, warum man dafür nicht einfach die britische Post bemühen würde. Eine Briefmarke wäre doch deutlich weniger umständlich zu finden, als eine vertrauenswürdige Person, die den langen Weg nach Afrika auf sich nimmt …

Zwei Absätze finde ich dabei recht typisch für den Erzählstil dieser Geschichte:

„It reminded me forcibly of Episode III in „The Perils of Pamela“. How often had I not sat in the sixpenny seats, eating a twopenny bar of milk chocolate, and yearning for similar things to happen to me! Well, they had happened with a vegeance. And somehow it was not nearly so amusing as I had imagined. It’s all very well on the screen – you have the comfortable knowlege that there’s bound to be an Episode IV. But in real life there was absolutely no guarantee that Anna the Adventuress might not terminate abruptly at the end of any Episode.“ (Anne Beddingfeld, S. 118)

„I am inclined to abandon my Reminiscences. Instead, I shall write a short article entitled „Sectretaries I have had“. As regards secretaries, I seem to have fallen under a blight. At one minute I have no secretaries, at another I have too many. […] Yes, „Secretaries I have had“. No.1, a murder fleeing from justice. No.2, a secret drinker who carries on disreputable intrigues in Italy. No.3, a beautiful girl who possesses the useful faculty of being in two places at once. No.4, Miss Pettigrew, who I have no doubt, is really a particularly dangerous crook in disguise!“ (Sir Eustace Pedler, S. 142)

„The Man in the Brown Suit“ ist ein wunderbar unterhaltsamer Kriminalroman, der vielleicht nicht zu Agatha Christie kompliziertesten oder spritzigsten Geschichten gehört, der mir persönlich aber immer wieder sehr gut gefällt. Ich mag die romantische und abenteuerlustige Anne und bewundere ihre Courage, auch wenn ich nicht so recht nachvollziehen kann, warum sie sich von dem Mann im braunen Anzug so angezogen fühlt. Nun, das könnte aber auch daran liegen, dass er gut aussieht, unhöflich ist und seinen Beschützerinstinkt nicht immer unterdrücken kann …Wer mal einen Roman der Autorin ausprobieren will, der nichts mit Miss Marple oder Hercule Poirot zu tun hat, der könnte eindeutig eine schlechtere Wahl treffen. 😉 Achja, großer Unterschiede zu meiner deutschen Ausgabe habe ich nicht feststellen können, abgesehen davon, dass mir zwei kleine Szenen unvertraut vorgekommen sind. Allerdings habe ich „Der Mann im braunen Anzug“ beim Lesen auch nicht bei der Hand gehabt und konnte so keinen direkten Vergleich anstellen. Oh, und zu meiner eigenen Überraschung (bei Kriminalromanen habe ich einfach immer Angst, dass ich nicht genug Feinheiten mitbekommen würde) lässt sich die Geschichte auch ganz wunderbar im Original lesen.

Agatha Christie: Passenger to Frankfurt

Über „Passenger to Frankfurt“ bin ich in einer der Agatha-Christie-Biografien gestolpert, die ich letztes Jahr gelesen habe. Da stand, dass dies der einzige Roman sei, der nicht ins Deutsche übersetzt worden sei – und natürlich war ich neugierig, was das für eine Geschichte ist. (Inzwischen habe ich übrigens rausgefunden, dass das Buch 2008 ins Deutsche übersetzt wurde, allerdings scheint die Ausgabe nicht mehr erhältlich zu sein.) Auf jeden Fall ist „Passenger to Frankfurt“ kein gewöhnlicher Christie-Roman, obwohl das nicht das einzige Buch ist, in dem sich die Handlung um Spionage dreht. Aber in diesem Buch bezieht sich die Autorin ungewöhnlich oft auf die „jüngste“ Vergangenheit (der Roman erschien 1970) und es fallen einige kritische Bemerkungen zu Politik und Diplomatie.

Hauptfigur dieser Geschichte ist Sir Stafford Nye, ein junger Diplomat, der die großen Hoffnungen, die einst in ihn gesetzt wurden, nicht erfüllt hat. Denn für seinen Beruf verfügt er über einen überaus unpassenden Humor, der ihn zu einem unberechenbaren Gesprächspartner macht, was einem Karriereaufstieg deutlich im Wege steht. Und sein Humor und sein Sinn für absurde Situationen sind es auch, die ihn auf einem Heimflug in Schwierigkeiten bringen. Denn als er in Frankfurt darauf wartet, dass der Nebel in London sich soweit verzieht, dass der Flug weitergehen kann, wird Stafford von einer jungen Frau angesprochen. Diese Dame wurde durch die Zwischenlandung in Frankfurt in große Schwierigkeiten gebracht und benötigt nun Hilfe, um sicher weiter nach England reisen zu können. Von seiner Abenteuerlust angestachelt, lässt sich Sir Stafford Nye dazu überreden ihr seinen ungewöhnlichen Mantel und seinen Pass zu überlassen, damit sie in seine Rolle schlüpfen und so sicher heimkehren kann.

Nach dieser ungewöhnlichen Ausgangssituation zieht sich die Geschichte erst einmal ganz schön hin. Sir Stafford Nye wird bei seiner Heimkehr misstrauisch vom Geheimdienst beäugt, weil er sich in Frankfurt angeblich hat betäuben und ausrauben lassen und weil sein Pass ohne ihn heimgeflogen ist. Die Behörden sind sich nicht sicher, ob der Diplomat nicht vielleicht in unsaubere Geschäfte verwickelt ist – auch wenn der eine oder andere Beamte den Verdacht hegt, dass Stafford harmlos ist und nur sein allseits bekannter Humor ihn in diese Situation gebracht hat. Stafford hingegen versucht mehr über die geheimnisvolle Frau herauszufinden, fragt sich, ob sie heil nach England gekommen ist – und muss feststellen, dass jemand seine Schritte genau im Auge behält. Letztendlich entwickelt sich die Handlung zu einer eher unglaubwürdigen Geschichte rund um eine geheimnisvolle Organisation, die versucht die Weltherrschaft an sich zu reißen. Mehr will ich dazu gar nicht verraten, für den Fall, dass einer von euch das Buch noch lesen will.

Obwohl  immer wieder Szenen und Figuren auftauchen, die ich als sehr typisch für Agatha Christie empfinde – vor allem Staffords Großtante Matilda erinnerte mich an so einige meiner „viktorianischen“ Lieblingsladys in den anderen Krimis-, konnte mich „Passenger to Frankfurt“ nicht so recht überzeugen. Die Handlung zieht sich hin und bei einigen Passagen habe ich mich gefragt, zu welchem Zweck sie überhaupt in das Buch eingebaut wurden. Während anfangs Sir Stafford Nye als Hauptfigur fungierte, wird die Spionagegeschichte letztendlich doch von einem Haufen Politikern und Geheimdienstmitarbeitern beendet – und auch wenn ich mich immer wieder über ein Wiedersehen mit Mr. Robinson (der Mann, der einfach alles über Geld weiß) freue, so sind diese Szenen doch eher langweilig zu lesen. Doch vor allem habe ich mich über die Unglaubwürdigkeit der Geschichte geärgert. Eigentlich gibt es einige interessante Ansätze, wie die geheimnisvolle Begegnung am Flughafen, die faszinierende Spionin und die unheimliche Organisation, aber letztendlich kann Agatha Christie keinen Handlungsstrang überzeugend zuende führen.

Ich bedauere nicht, dass ich „Passenger to Frankfurt“ gelesen habe, denn so habe ich auch diese Seite von Agatha Christies Werk kennengelernt, aber noch einmal werde ich die Geschichte bestimmt nicht lesen. Nur gut, dass ich das Buch aus der Bibliothek ausleihen konnte. Oh, und „Passenger to Frankfurt“ ist mein Februar-Buch für die „I’m in English“-Challenge gewesen.

Charlotte Trümpler: Agatha Christie und der Orient – Kriminalistik und Archäologie

Ich hatte das große Glück und konnte durch die örtliche Bibliothek dieses Buch ausleihen, sonst wäre ich wohl nicht so schnell darüber gestolpert. In ihren autobiografischen Werken („Meine gute alte Zeit“ und „Erinnerung an glückliche Tage“) hatte Agatha Christie viel über die Ausgrabungen ihres Mannes Max Mallowan geschrieben und darüber, wieviel Freude es ihr immer bereitet hatte, dass sie dabei sein durfte.

Dabei hat die Autorin ihren eigenen Anteil an seiner Arbeit immer recht nebensächlich beschrieben. Viel mehr als „ich bekam eine Dunkelkammer zugewiesen“, „Elfenbeinschnitzereien lassen sich hervorragend mit meiner Gesichtscreme reinigen“ und „ich bin fasziniert von Keramik“ bekommt man von ihr direkt nicht erzählt. Nur zwischen den Zeilen kann man lesen, wie viel sie zu den Ausgrabungen beigetragen hat – und dies alles, obwohl sie „nebenbei“ weiterhin an ihren Romanen schrieb.

„Agatha Christie und der Orient“ ist als Begleitmaterial zu einer Ausstellung über die Autorin und ihre Arbeit bei den Ausgrabungen ihres Mannes entstanden und wurde vom Scherz Verlag veröffentlicht. Leider ist das Buch nur noch gebraucht zu bekommen, dabei möchte ich es eigentlich jedem ans Herz legen, der sich für die Person Agatha Christies und für Archäologie interessiert. Denn hier bekommt man Einblick in die Ausgrabungen Max Mallowans und in das Leben an einem solchen Ausgrabungsplatz. Das Buch zeigt Bilder von den verschiedenen Orten (und was mir besonders gefiel: Es gibt auch sehr viele Bilder von Agatha Christie bei den Ausgrabungen – was bei der scheuen Autorin ja nun doch ein Glücksfall ist).

Verschiedene Autoren berichten von der Bedeutung der Entdeckungen Max Mallowans für die Archäologie, extrahieren aus den Büchern des Ehepaares Agathas Anteil an diesem Werk ihres Mannes (so hat sie definitiv finanzielle Unterstützung geleistet, hat die Arbeiter medizinisch versorgt, hat Keramiken wieder zusammengesetzt, Elfenbein gereinigt, die Fundstücke fotografiert und für das Wohl aller Beteiligten gesorgt, in dem sie ihre Fantasie nutzte, um zum Beispiel Eclairs mit Büffelmilchsahne zu servieren, damit es den Briten in der Fremde nicht an dem gewohnten Luxus fehlt *g*).

Sehr schön fand ich es auch die Eindrücke von Joan Oates zu lesen, die mit der Autorin befreundet war und sich an so manchen gemeinsamen Einkaufsbummel über den Bazar erinnerte. Auch wird auf den Einfluss ihrer Erlebnisse im Nahen Osten auf ihre Arbeit als Kriminalschriftstellerin hingewiesen, denn nicht nur in „Rächende Geister“ (ein Krimi, der während der 11. Dynastie in Theben spielt und bei dem ihr ein Kollege ihres Mannes bei der Recherche geholfen hatte), sondern auch einige der modernen Titel sind davon sehr geprägt worden. Ich werde nach dieser Lektüre einige Agatha-Christie-Krimis auf jeden Fall mit anderen Augen betrachten.

Dabei habe ich gar nicht mal so viel neues erfahren, wenn man von dem archäologischen Anteil des Buches absieht (ich finde das zwar interessant, beschränke mich da aber normalerweise auf Romane, die in diesem Umfeld spielen 😉 ), aber ich habe eine neue Sicht auf einige Dinge bekommen  – und ich habe die Fotos genossen! So viele alte Abbildungen von den Ausgrabungen, von den Landschaften und von den Menschen. Fotos von Agatha Christie, die zeigen, wie sie die Ausgrabungen wahrgenommen hat, was ihr damals ins Auge gefallen ist und was für sie so wichtig war, dass sie es trotz der hohen Materialkosten abgelichtet hat. Aber auch Bilder, die die Autorin zeigen, wie sie entspannt auf einem Hügel spazieren geht, wie sie neugierig in ein Ausgrabungsloch späht und wie sie mit den anderen in der Wüste an einer Teetafel sitzt. Wer von euch die Möglichkeit hat, der sollte auf jeden Fall einen Blick in das Buch werfen – und wenn er dabei nur die Fotos betrachtet!

Agatha Christie: Meine gute alte Zeit

„Meine gute alte Zeit“ ist Agatha Christies Autobiografie, die sie 1950 mit sechzig Jahren begann und die erst nach ihrem Tod (sie starb 1976) veröffentlicht wurden. Dieser über 500 Seiten dicke Band bietet einem einen Einblick in die Zeit, in der sie aufgewachsen ist, ihre Familienverhältnisse und ihre Persönlichkeit. Wobei von Anfang an auffällt mit wieviel Zurückhaltung die Autorin auf viele Momente in ihrem Leben eingeht.

Ein großer Schwerpunkt dieses Buches liegt auf ihrer Kindheit und Jugend und man erfährt fast schon ein bisschen zuviel darüber, dass sie ein schüchternes Kind war, dass ihre Mutter sehr eigenwillige Ansichten über Agathas Erziehung hatte und wie sehr sie sich als kleines Mädchen mit sich und ihrer eigenen Fantasie beschäftigen musste. Letzteres war ihrer Meinung nach der Grundstein für ihre Karriere als Schriftstellerin. Ich glaube, Agatha Christie hat es genossen mit sechzig Jahren auf ihre Kindheit zurückzublicken – und diese auch ein wenig zu verklären.

Andere Bereiche ihres Lebens, wie zum Beispiel ihr aufsehnerregendes Verschwinden im Jahr 1926 (kurz nach dem Tod der Mutter und nachdem ihr Mann sie um die Scheidung gebeten hatte), klammert sie hingegen vollständig aus ihrer Erzählung aus. Ich finde das zwar verständlich, aber auch schade, dass sie die Gelegenheit nicht genutzt hat, um ihre Seite dieser Ereignisse darzustellen. Sehr spannend fand ich die Zeit nach ihrer Scheidung, als sie auf Reisen ging und die Welt für sich entdeckte.

Agatha Christie war schon früher viel gereist, aber als alleinstehende Dame war das Ganze doch ein deutlich aufregenderes Unternehmen – vor allem, da sie keine Lust hatte sich von den englischen Siedlern betüddeln zu lassen. Ich fand es faszinierend wie neugierig und abenteuerlustig die Autorin auf die fremde Umgebung zuging, aber auch spannend, dass bei aller Offenheit und Toleranz immer wieder kleine Vorurteile oder ein Hauch von Überheblichkeit in ihren Schilderungen durchschimmerten. Dabei bin ich mir sicher, dass sie (vor allem für eine Frau ihrer Zeit) unglaublich vorurteilsfrei und fortschrittlich war, aber die viktorianisch geprägten Ansichten ihrer Mutter und Großmutter haben wohl ebenso Spuren hinterlassen wie das vorherrschende britische Kolonialdenken. 😉

Ihre Romane spielen in „Meine gute alte Zeit“ eine eher geringe Rolle, Agatha Christie erwähnt nur nebenbei, dass sie zu einer bestimmten Zeit an diesem oder jenen Roman gearbeitet hat, dass sie durch einen Bekannten zu einer Geschichte inspiriert wurde oder wie sehr ihr der Verdienst eines Romans geholfen hat, wenn sie aus irgendeinem Grund Geld benötigte. Ich muss zugeben, dass ich von sehr viele Eigenarten Agatha Christies mit einem Schmunzeln gelesen habe, weil mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf schoss „Das kenne ich von mir!“ – leider haben diese Ähnlichkeiten nicht dazu geführt, dass ich eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde. 😀

Auch wenn sich der Anfang etwas hinzieht, so fand ich „Meine gute alte Zeit“ hochinteressant – nicht nur als Autobiografie, sondern auch als Abbild eines Lebens vor den beiden Weltkriegen, einer Zeit, in der ein Gentleman oder eine Dame genau wussten, was sich gehört und was nicht, als man als junge Frau zwar mit einem Mann alleine Golfspielen, aber nicht in einem Hotel Tee trinken durfte, als es noch keine Flugzeuge gab und ein Mädchen eine Saison in London (wenn das Geld reichte, ansonsten ging es eben ins Ausland) erlebte, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden … Mir hat das Lesen viel Spaß gemacht, ich habe ein paar neue Dinge über eine meiner Lieblingsautorinnen erfahren und wieder einiges über die Zeit zwischen 1890 und 1960 gelernt.