Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Shari Shattuck: Tage wie Salz und Zucker

Leider kann ich nicht mehr herausfinden, wie ich über dieses Buch gestolpert bin, da es kein Beitrag war, der in meinem FeedReader angezeigt wird. Aber es war auf jeden Fall ein Leseeindruck, der grob aussagte, dass die Geschichte etwas kitschig und unglaubwürdig sei, das Ganze aber trotzdem so schön sei, dass man es lesen sollte. Da der Titel in der Bibliothek vorzumerken war, habe ich also einen Versuch gewagt und einen wirklich schönen Nachmittag mit diesem Buch verbracht. Die Geschichte rund um Ellen und Temerity ist wirklich extrem unglaubwürdig und trotz diverser Probleme, dramatischer Ereignisse und Herausforderungen gibt es am Ende für (fast) alle Beteiligten ein Happy End. Normalerweise würde mich das beim Lesen eher wütend machen, aber Shari Shattuck hat es bei „Tage wie Salz und Zucker“ geschafft, diese Anhäufung von glücklichen Zufällen und unrealistischen Ereignissen so zu verpacken, dass ich mich (abgesehen von einer „medizinischen“ Wendung am Ende) einfach nur gut unterhalten gefühlt habe. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht weiß, ob ich an einem anderen Tag und in einer anderen Stimmung ebenso glücklich mit dem Roman gewesen wäre.

Die Geschichte beginnt an einem Abend, als Ellen wie immer viel zu früh mit dem Bus zur Arbeit fährt. Während sie noch damit beschäftigt ist, sich die anderen Passagiere im Bus anzuschauen, steigt eine junge, blinde Frau zu und setzt sich neben Ellen. Für Ellen ist das ein regelrechter Schock, hat sie doch seit Jahren das Gefühl, für alle anderen Menschen unsichtbar zu sein – wobei sie auch ihr Leben lang alles dafür getan hat, um diesen unsichtbaren Zustand zu erreichen. Ellen wurde mit fünf Jahren von ihrer Mutter verlassen, die sie misshandelte und hungern ließ, und wanderte von diesem Zeitpunkt an von einer Pflegefamilie zur nächsten. Sie ist sich sicher, dass es Pflegefamilien gibt, die sich liebevoll um ihre Schützlinge kümmern, aber sie selbst hatte nicht dieses Glück. Inzwischen ist Ellen 24 Jahre alt, dauerhungrig und menschenscheu und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Putzfrau in einem Supermarkt. Ihr einziges Vergnügen besteht darin, knusprigen Bauchspeck zu essen und durch das Fenster ihres winzigen Apartments die Nachbarn zu beobachten.

Als sie nun von Temerity im Bus angesprochen wird und sieht, mit wie viel Humor die junge Frau mit ihrer Behinderung umgeht, wird Ellen neugierig. Sie folgt Temerity, als diese aus dem Bus aussteigt, und kann kurz darauf verhindern, dass der blinden Frau die Handtasche geraubt wird. Aus diesem  Moment entsteht zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft, die beiden guttut. Gemeinsam fangen die beiden an, sich in das Leben von Ellens Nachbarn und Arbeitskollegen zu mischen. Dabei beginnt das Ganze vollkommen harmlos mit einem falsch zugestellten Brief, von dem Ellen sich nicht sicher ist, ob sie ihn der wirklichen Empfängerin zukommen lassen soll, und steigert sich im Laufe der Zeit zu immer absurderen Aktionen.

Obwohl Shari Shattuck in ihrem Roman „Tage wie Salz und Zucker“ immer wieder tiefer gehende Themen anspricht, war für mich diese Geschichte wie Popcorn-Kino, denn da macht man sich auch keine Gedanken über den Realismus der diversen Wendungen oder die Risiken, die die Figuren eingehen, sondern genießt einfach eine lustige (und wohltuende) Geschichte. Unter dieser Voraussetzung hat es mir Spaß gemacht mitzuerleben, wie Ellen sich von der Beobachterin zur Akteurin entwickelt, wie sie immer häufiger kleinen Impulsen nachkommt und wie die Tatsache, dass sie Pläne für den Tag hat und eine Verabredung einhalten möchte, ihr Leben aufhellt. Im Vergleich zu Ellen bleiben die restlichen Figuren relativ blass, aber das ist nicht schlimm, denn die Geschichte dreht sich vor allem um Ellen und darum, wie selbst kleine Dinge Einfluss auf das Leben eines Menschen nehmen können.

Vielleicht funktioniert dieser Roman so gut, weil man sich einfach manchmal wünscht, dass das Leben so wäre, dass der kleine Drogendealer doch ein netter Mensch ist und Hunde mag, dass die verzweifelte junge Mutter jemanden findet, der sich um sie und ihr Baby kümmert, dass man trotz Trauer einen Weg findet, um auf positive Weise mit dem Verlust eines Menschen umgehen zu können, oder eben, dass man selbst den Mut findet, jemandem beizustehen, der in Schwierigkeiten steckt.

Tove Jansson: The Summer Book

Anfang März gab es „The Summer Book“ von Tove Jansson sehr günstig als eBook und da ich schon eine Weile neugierig auf Werke der Autorin bin, die sich nicht um die Mumins drehen, habe ich zugeschlagen. In den letzten Tagen habe ich dann nach und nach die Kapitel gelesen, während ich passenderweise in meiner Nachmittagspause in der Sonne lag – was perfekt zu den kleinen Geschehnissen in dem Buch passt. „The Summer Book“ spielt auf einer winzigen Insel im finnischen Golf, auf der die kleine Sophia mit ihrem Vater und ihrer Großmutter die Sommermonate verbringt. Dabei bekommt der Leser von der Autorin keine durchgehende Geschichte erzählt, sondern kleine Begebenheiten und Alltäglichkeiten des Insellebens. Die beschriebenen Ereignisse finden auch nicht alle in dem selben Sommer statt, werden aber vom Frühsommer bis zum Herbst erzählt, so dass man einen guten Einblick in den Verlauf eines Inselsommers bekommt.

„The Summer Book“ wurde von Tove Jansson geschrieben, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. So trägt die Großmutter in dem Roman, wenn ich dem Vorwort von Esther Freud glauben darf, Züge von Tove Janssons Mutter, während die Enkelin Sophia wohl ebenso an Tove Jansson wie auch an ihre Nichte Sophia angelehnt wurde. Auch die beschriebene Insel lässt sich in Tove Janssons Leben wiederfinden, denn auch sie hat viele Jahre den Sommer auf einer winzigen Insel verbracht und dort in einem Häuschen gelebt, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder gebaut hatte. Auch ohne diese biografischen Bezüge finde ich „The Summer Book“ überaus lesenswert, wenn man als Leser damit leben kann, dass nichts Großes in dem Buch passiert.

Sophia und ihre Großmutter verbringen viel Zeit miteinander und beschäftigen sich mit den vielen kleinen Dingen, die ihnen die Insel bietet. Mal beschreibt Tove Jansson wie die beiden nach Treibgut suchen, dann wieder denken sie sich Geschichten zu den verschiedenen Dingen aus oder machen einen Ausflug auf eine andere Insel. So erlebt man wie die Insel im Frühling aus dem Winterschlaf erwacht, wie die Vögel balzen, wie die vielen kleinen Pflanzen wachsen und blühen, aber auch wie die drei Bewohner im Laufe des Sommers einander etwas überdrüssig werden, wie die neuen Nachbarn dafür sorgen, dass der seit Jahrzehnten gleiche Blick aufs Meer auf einmal durch ein kastenartiges Haus gestört wird oder wie ein Sommersturm auf die drei unterschiedlichen Menschen wirkt.

Ich mochte dieses ruhige Leben, das von keiner Uhr diktiert wird und in dem jeder zu machen scheint, wonach ihm gerade der Sinn steht. Ich habe mir beim Lesen gewünscht, ich würde mit der Großmutter an einer geschützten Stelle liegen und ein Nickerchen machen, während ihre Enkelin einen Pfad durch einen Wald schlägt, oder ich würde in der Nacht aufwachen und im Nachthemd zum Meer gehen können, um über das Wasser zu schauen. Auch fand ich es sehr schön zu lesen wie Sophia und ihre Großmutter über das Leben und das Sterben redeten. Sie haben sich Geschichten ausgedacht – zum Beispiel wie ein Engel wohl das Geschlecht eines anderen Engels herausfindet, wenn sie doch alle die gleichen Hemden tragen -, aber bei allem Humor wird doch deutlich, dass das Thema besonders für Sophia, deren Mutter früh gestorben ist, nicht einfach ist.

Mir sind diese beiden Personen (der Vater wird eigentlich nicht näher beschrieben und bleibt eher im Hintergrund) sehr ans Herz gewachsen. Sophia ist manchmal dickköpfig und mal ängstlich, sie kann schmollen und trotzen und sie ist voller Fantasie und Energie und genießt die Freiheit, die ihr der Sommer auf der Insel bietet. Ihre Großmutter ist ebenfalls voller Ecken und Kanten, voller Geschichten und Spinnereien, und während sie sich an manchen Tagen unheimlich viel Mühe mit dem Kind gibt, will sie an anderen Tagen nur ihre Ruhe und macht das auch deutlich. Ich mochte wie realistisch diese beiden beschrieben wurden und mir hat es gefallen, wie die beiden aufeinander aufpassen. „The Summer Book“ hat eigentlich nichts mit den Mumins zu tun und doch habe ich die ganz besondere Atmosphäre der Mumin-Bücher, die gleiche Liebe zur Natur und diese Bereitschaft eine Person ihre Ideen und Vorhaben ausleben zu lassen auch in dieser Veröffentlichung von Tove Jansson wiedergefunden.

Chimamanda Ngozi Aidichie: Blauer Hibiskus

Über den Titel „Blauer Hibiskus“ von Chimamanda Ngozi Aidichie bin ich schon häufiger gestolpert – unter anderem hatte Hermia vor einigen Jahren eine Rezension dazu geschrieben. Obwohl ich den Titel all die Zeit im Hinterkopf behalten habe, hatte mich erst eine Rezension zu „Americanah“ dazu gebracht, ein Buch von der Autorin aus der Bibliothek auszuleihen. Doch ehrlich gesagt war mir „Americanah“ zu dem Zeitpunkt zu viel (inhaltlich und sprachlich), um es auf Englisch zu lesen, und so habe ich mir nach dem Rückgabetermin lieber „Blauer Hibiskus“ vormerken lassen, um die Autorin erst einmal auf Deutsch anzutesten.

Die Geschichte in „Blauer Hibiskus“ wird aus der Sicht der (anfangs 15jährigen) Kambili erzählt, die die Tochter eines sehr angesehenen und mindestens ebenso wohlhabenden nigerianischen Zeitungsverlegers ist. Die Handlung spielt zum Großteil zu Beginn der Militärdiktatur 1993, als General Sani Abacha die Macht in Nigeria übernahm. Doch auf den ersten Blick spielt die politische Situation des Landes keine so große Rolle für Kambili und ihre Familie, viel wichtiger für das Mädchen ist das Verhältnis zu ihrem streng katholischen Vater. Hat man auf den ersten Seiten noch das Gefühl, dass das Mädchen den Vater verehren würde, so beschleicht einen nach und nach der Verdacht, dass der Mann eine ungesunde Macht über seine Familie ausübt.

Im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass Kambilis Vater sie, ihren Bruder und ihre Mutter regelmäßig misshandelt und alles tut, um die drei von jeglichem äußerem Einfluss abzuschirmen. Erst durch den Einfluss ihrer Tante Ifeoma entdecken die beiden Kinder, wie es sich anfühlen würde, wenn sie in einem liebevollen und unterstützenden Umfeld aufwachsen würden. Über das Leben, das Tante Ifeoma führt, bekommt Kambili auch mit, wie der Alltag – inklusive nicht gezahlter Gehälter, Benzinknappheit und eingeschränktem Zugang zu Wasser und Strom – für weniger reiche Nigerianer ausschaut.

Nachdem ich inzwischen ein paar Bücher gelesen habe, die sich mit der Balance zwischen dem modernen Leben und dem Erhalt der alten Traditionen in Afrika bzw. Nigeria beschäftigten, fand ich es spannend, mal eine Geschichte rund um eine katholische nigerianische Familie zu lesen – auch wenn Kambilis Vater natürlich ein sehr extremes Beispiel dafür ist. Doch vor allem hat mich natürlich beschäftigt, wie es Kambili und ihrem Bruder Jaja ergeht. Es war schön, zuzusehen, wie sich die beiden entwickelt haben, während sie bei ihrer Tante Ifeoma und ihren drei Kindern zu Besuch waren, aber das hat das Problem mit ihrem Vater nicht auf Dauer gelöst.

Ich mochte auch all die wunderschönen und atmosphärischen Beschreibungen vom Leben in Nigeria, angefangen bei dem Hibiskus und dem Duft, der nach dem Regen in der Luft lag, bis zu den Regenwürmern in der Badewanne. Aber insgesamt fand ich die ganze Geschichte schrecklich bedrückend. Mila meinte in einem Kommentar „Aber es gibt auch ganz viel Positives im Buch, …“, aber ich hatte am Ende nicht das Gefühl, dass alles für die Familie gut ausgegangen wäre. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich es ganz schlimm finde, was dem Bruder zugestoßen ist, und dass ich mir nicht vorstellen kann, dass für Jaja das Leben noch gut wird. Auf jeden Fall hat der junge Mann, der so selbstvergessen den Garten seiner Tante gepflegt hat, danach für Jahre ein Leben geführt, das ihn noch weiter kaputt gemacht hat.

Auch kann ich der Mutter nicht verzeihen, dass sie ihre Kinder nicht besser – und früher! – beschützt hat (und ja, mir ist bewusst, dass das nicht einfach ist, wenn man selbst von Kindheitsbeinen an Opfer von Misshandlungen ist – und so interpretiere ich die Aussagen über das Elternhaus der Mutter). Sogar die Zukunft von Tante Ifeoma und ihren Kindern sehe ich zwiespältig … So bereue ich es nicht, dass ich das Buch gelesen habe, denn ich fand es spannend und es gab wunderschöne Passagen darin. Aber ich bin doch ganz froh, dass der Roman nur eine Bibliotheksausleihe war und nicht in meinem Regal stehen wird, um mich immer wieder an das Gelesene zu erinnern.

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Über „Ein Leben mehr“ von Joycelyn Saucier bin ich durch einen Tweet von Papiergeflüster gestoßen, und da der Titel interessant klang, habe ich ihn letzte Woche in der Bibliothek ausgeliehen. Die Geschichte handelt von mehreren Personen, die an einem See in den nordkanadischen Wäldern aufeinandertreffen, und wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Angestoßen werden die Ereignisse von „der Fotografin“, die einige Jahre zuvor – durch eine zufällige Begegnung mit einer alten vogelfütternden Frau im Park – auf die Großen Brände aufmerksam wurde. Diese Brände haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganze Landstriche in Kanada ausgelöscht, es gab viele Tote und natürlich haben die Erlebnisse während der Brände die überlebenden Personen geprägt.

Eine Legende aus dieser Zeit dreht sich um den geheimnisvollen Ted, Ed oder Edward Boychuck, der nach dem Brand von Matheson tagelang durch das zerstörte Land irrte. Und um diesen Boychuck zu finden, macht sich die Fotografin auf in die Wälder, wo er angeblich leben soll. Doch statt auf Boychuck trifft sie auf Tom und Charlie, die sich in den letzten Jahren das Seeufer mit dem legendären Mann geteilt haben. Jeder dieser alten Männer hatte seine ganz eigenen Gründe, sich in die Wälder zurückzuziehen, jeder von ihnen suchte nach Einsamkeit und Ruhe, und doch lebten sie nah genug beieinander, um sich gegenseitig helfen zu können. Durch das Auftauchen der Fotografin, durch ihre Fragen und durch weitere Ereignisse wird das Leben von Tom und Charlie durcheinandergewirbelt.

Da nicht wirklich viel in diesem Roman passiert, will ich nicht zu viel über den Inhalt verraten – der Klappentext hat meiner Meinung nach schon ein Detail zu viel preisgegeben, was ich beim Lesen etwas schade fand. „Ein Leben mehr“ ist eine ruhige Geschichte über eine Handvoll Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen aufeinandertreffen und die man als Leser für gut ein Jahr auf ihrem Weg begleitet. Während die einen ein bescheidenes und anspruchsloses Leben führen und sich sicher sind, dass es genauso bis zu ihrem Tod weitergehen wird, machen sich andere Figuren überhaupt keine Gedanken um die Zukunft, sondern leben im Hier und Jetzt ohne jeglichen Ehrgeiz. Die Fotografin hingegen ist eindeutig auf der Suche – vordergründig nur nach den Überlebenden der Großen Brände, die sie ablichten will, bevor auch noch die letzten von ihnen versterben, doch es steckt mehr hinter ihrer Reise.

Viele Dinge werden in diesem Buch nicht ausgesprochen und es bleibt dem Leser überlassen, sich seine Gedanken zu machen. Es ist auf jeden Fall eine leise Geschichte über das Leben, die Liebe und den Tod und die Suche nach der richtigen Art, sein Leben zu verbringen. „Ein Leben mehr“ erzählt von den Neuanfängen, die sich in manchen vermeintlichen Sackgassen verbergen, davon, dass es nie zu spät ist, einen ungewöhnlichen Weg einzuschlagen, aber auch davon, dass es manchmal an der Zeit ist, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich nicht mit allen Wendungen glücklich war. Allerdings fand ich die kursiven Abschnitte, die vor jedem Kapitel etwas über die verschiedenen Personen erzählen, sehr gewöhnungsbedürftig. Anfangs war ich sogar teilweise verärgert, weil ich diese Passagen als überflüssig empfand. Die gleichen Informationen hätte man auch in den restlichen Text packen können, ohne das eine oder andere Ereignis schon einmal vorwegzunehmen oder Beschreibungen zu verwenden, die ich als irritierend ungenau empfand. Doch am Ende bleibt vor allem die Erinnerung an interessante Charaktere, die man ein paar Monate begleiten durfte, und an die wunderschöne, heilsame und erbarmungslose Natur Kanadas.

Fredrik Backman: Ein Mann namens Ove

Als ich vor einigen Wochen in der Bibliothek nur ein paar Bücher abgeben wollte, bin ich über „Ein Mann namens Ove“ von Fredrik Backman gestolpert. Von dem Titel hatte ich vorher nichts gehört (nach dem Lesen musste ich dann feststellen, dass es wohl im letzten Jahr ein Spiegel-Bestseller war), aber ab und an mag ich skandinavische Bücher über verschrobene ältere Menschen – und die Geschichte schien laut Klappentext in diese Schublade zu passen. Erwartet hatte ich nicht viel von dem Buch, aber das Schöne an Bibliotheksausleihen ist ja, dass man die Titel in Ruhe anlesen und einfach wieder zurückbringen kann, wenn sie einem nicht gefallen. Und dann habe ich den Roman an einem Tag ausgelesen, weil ich von Ove und seinen Nachbarn so hingerissen war.

Zu Beginn der Geschichte lernt man Ove nicht gerade von seiner nettesten Seite kennen. Er steht morgens auf, verjagt eine Katze von seinem Grundstück, dreht eine Runde durch die Nachbarschaft, um Falschparker aufzuschreiben und benimmt sich überhaupt wie der ekelhafte kontrollierende Nachbar, den wir alle garantiert nicht in dem Haus neben uns wohnen haben wollen, – und denkt kurz darauf darüber nach, wie er am Besten einen Haken in seine Wohnzimmerdecke dübeln kann. Auch wenn es nicht an dieser Stelle direkt ausgesprochen wird, so steht schon in diesem Moment fest, dass Ove sich umbringen möchte. Doch dann rammen der unfähige neue Nachbarn seinen Briefkasten, der Nachbar und seine Frau Parvaneh fangen an zu streiten und Ove sieht sich genötigt das Einparken des Anhängers der Nachbarn selber in die Hand zu nehmen, damit sich die Sache nicht noch endlos hinzieht.

Während es in den folgenden Tagen zu weiteren Störungen durch Parvaneh und ihre Familie kommt, lernt man als Leser Ove immer besser kennen. Er ist kein freundlicher oder gar geduldiger Mensch, aber ein Mann, der eine klare Meinung darüber hat, was richtig und was falsch ist, – und ebenso hat er genaue Vorstellungen davon wie ein Mann zu sein hat. In Rückblenden lernt man mehr darüber wie seine Kindheit war, welchen Einfluss sein Vater auf ihn hatte und wie er seine (inzwischen verstorbene) Frau kennenlernte. Es gelingt Fredrik Backman stimmig darzustellen, warum Ove so ein Prinzipienreiter geworden ist und warum er ständig das Bedürfnis hat gegen etwas ankämpfen zu müssen – und all das hat dafür gesorgt, dass ich Ove mit jeder Seite mehr ins Herz geschlossen habe.

Ove ist ein starrköpfiger Mann voller Vorurteile, er hat definitiv Probleme mit anderen Menschen umzugehen und es ist nicht leicht hinter seiner abweisenden Schale einen weichen Kern zu entdecken. Aber diese problematische Figur macht diesen Roman zu so einer wunderbaren Wohlfühlgeschichte, so dass ich locker darüber hinwegsehen konnte, dass die Handlung (griesgrämiger älterer Mann wird durch sympathisch-chaotische Familie „menschlicher“) an sich nicht neu ist oder dass Ove und seine Nachbarn schon etwas überspitzt dargestellt wurden. Auch hat mich der alte Mann mit seinem Bedürfnis zu werkeln, zu reparieren und zu bauen an so einige Menschen erinnert, die ich mal kannte und mochte.

Es hat mir einfach gut getan ein paar Stunden mit diesem Mann zu verbringen, der von sich aus kaum ein Wort redet und sich mit Werkzeug in der Hand deutlich wohler fühlt als in einem Gespräch. So haben auch die eher schlichte und klare Sprache des Romans, die – von Oves Seite aus – eher minimalistischen Dialoge und die immer wieder vorkommenden Wiederholungen von kleinen Alltagsszenen gut zu dem Roman und seinem Protagonisten gepasst. Ove erlebt keine großen Abenteuer, er entwickelt sich nicht von einem Tag auf den anderen zu einer neuen Persönlichkeit, aber es gibt am Ende kleine und entscheidende Veränderungen in seinem Leben und Menschen, die ihn immer mal wieder durchschütteln oder in den Arm nehmen – und das ist einfach nur wunderschön zu verfolgen. Ich habe beim Lesen geschmunzelt und geweint und mich geärgert, wenn dieser so gradliniger Mensch immer wieder durch die fehlenden Wertvorstellungen anderer verletzt wurde.

Lauren Graham: Lieber jetzt als irgendwann (Hörbuch)

Das Hörbuch zu „Lieber jetzt als irgendwann“ habe ich geliehen bekommen und dachte, dass es doch bestimmt ganz nett sei, eine Geschichte zu hören, die von Lauren Graham (die Schauspielerin, die die Lorelei Gilmore bei den „Gilmore Girls“ spielte) geschrieben und von Melanie Pukaß (Lauren Grahams Synchronsprecherin) gesprochen wurde. Irgendwie nett war es auch, aber leider nicht so nett oder gar amüsant, dass ich große Lust hätte die Geschichte weiter zu hören. Diese mangelnde Motivation die Geschichte zu beenden führte dazu, dass sich das Ganze für mich endlos zog. Dabei hätte die Grundidee eine hübsche Basis für ein unterhaltsames Hörbuch bilden können.

Die Hauptfigur Franny (Francis) Banks lebt seit 2,5 Jahren in New York und versucht ihren Traum von einer Karriere als Schauspielerin zu verwirklichen. Dabei hat sie sich einen Zeitraum von drei Jahren gesetzt, denn sie will nicht endlos erfolglos Energie in dieses Ziel stecken, wenn sich vielleicht herausstellt, dass sie nicht geeignet für ihren Traum von der Bühne ist. Wenn alles scheitern sollte, so hat sie es sich vorgenommen, dann würde sie ihren Studienfreund Clark heiraten, wie ihr Vater Englisch unterrichten und als Vorortehefrau glücklich werden. Doch das es nicht darauf hinauslaufen wird, ist dem Hörer eigentlich von Anfang an klar und so verfolgt man sechs Monate lang Frannys Leben.

Sechs Monate, in denen Franny sich verliebt, in denen sie Vorsprechtermine und Schauspielunterricht hat, Erfahrungen bei Werbespotdreharbeiten sammelt, einen Agenten sucht und immer wieder darauf hoffen muss, noch einen Kellnerjob zu ergattern, damit sie die nächste Miete zahlen kann. Zwischen den verschiedenen Episoden gibt es immer wieder größere Pausen, was dazu führte, dass ich mich immer wieder neu orientieren musste, um herauszufinden, was gerade in Frannys Leben aktuell ist. (In der Buchversion scheint das einfacher zu verfolgen zu sein, da es da – laut den diversen Rezensionen – Kalenderseiten gibt, die mit Diätplänen und Terminen gefüllt sind, um die Lücken zu füllen.) Außerdem gibt es häufig zu Beginn eines neuen Abschnitts Anrufbeantworterpassagen, in denen Frannys Vater und diverse Personen, die beruflich mit ihr zu tun haben, Nachrichten hinterlassen.

Eigentlich war das alles ganz nett (irgendwie komme ich von diesem Wort einfach nicht weg), aber es gab so wenig Höhen und Tiefen. Franny hat als kleines Mädchen ihre Mutter verloren und eine besondere Beziehung zu ihrem Vater, aber ich als Hörer bekam nur seine eher informativen Anrufbeantworternachrichten mit. Franny geht zu einem Casting und statt sich auf die Rolle vorzubereiten, unterhält sie sich mit einer Kollegin (und beneidet diese um Figur, Größe und Frisur) – und anstatt das dieses Verhalten nun irgendwelche Folgen für Franny hätte, geht doch noch irgendwie alles gut. Wenn Franny peinliche Fragen stellt, dann finden die Leute sie witzig, wenn sie unvorbereitet ist, dann findet sie ganz aus Versehen doch den richtigen Ton für das Vorsprechen und so geht es immer weiter.

Natürlich fällt sie auch die eine oder andere falsche Entscheidung, aber nichts davon scheint wirklich spürbare Auswirkungen zu haben. Vielleicht liegt es an den Zeitsprüngen zwischen den verschiedenen Kapiteln, vielleicht auch an der Übersetzung, ich kann mir schon vorstellen, dass einige Szenen im Original pointierter rüberkommen (zumindest hoffe ich das!), aber insgesamt plätschert das alles so vor sich hin und mir ist es egal, ob Franny Erfolg hat oder nicht. Abgesehen davon, dass ich mir wünschte, sie würde hier und da die Klappe halten und erst einmal beobachten, was gerade los ist, statt gleich mit einer naiven Frage rauszuplatzen, berührte sie mich so gar nicht.

Auch die Sprecherin konnte mich nicht überzeugen – es ist zwar theoretisch Lauren Grahams deutsche Stimme, aber die Leistung von Melanie Pukaß als Hörbuchsprecherin ist bedauerlicherweise deutlich schlechter als ihre Arbeit als Synchronsprecherin. Es ist, als ob ihr die Bilder gefehlt hätten, um zu wissen, wie sie jetzt reagieren sollte und welche Stimmung sie den verschiedenen Charakteren jetzt verleihen muss. Jeder einzelne Satz war so gleichförmig „lustig-verzweifelt“, dass es auch hier an Höhen und Tiefen fehlte und ich eventuelle Scham oder Verzweiflung oder Freude nicht wirklich wahrnehmen konnte.

Oh, und die Botschaft des Ganzen? „Gib nicht auf und hör auf dein Bauchgefühl!“ – also ne, das habe ich in anderen Geschichten schon so viel besser, überzeugender und amüsanter verpackt gesehen! Ich kann mir zwar vorstellen, dass die Handlung selber gelesen etwas besser funktioniert, aber ich glaube nicht, dass ich Lauren Graham als Autorin nach diesem Hörbuch noch eine Chance geben möchte.

Lola Lafon: Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte

Ich weiß nicht mehr, wo ich über „Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte“ von Lola Lafon gestolpert bin, aber auf das Buch bin ich schon lange neugierig gewesen. Inzwischen habe ich den Roman gelesen und bin davon enttäuscht. Die Anfangsszene, in der beschrieben wird, wie 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal die Anzeige nicht in der Lage war, die 10.0 Punkte für die rumänische Turnerin Nadia Comăneci anzuzeigen – denn niemand hatte erwartet, dass so eine Wertung überhaupt jemals vergeben werden würde -, ist sehr eindringlich. Und auch die folgenden Kapitel, in denen beschrieben wird, wie Nadias Trainer Béla eine Schule gründete, begabte Turnerinnen suchte und mit ihrer Ausbildung begann, fand ich noch interessant. Doch je weiter die Geschichte – und es ist eine Geschichte und keine Biografie! – voranschritt, desto irritierter wurde ich beim Lesen, bis ich mich am Ende regelrecht über die Autorin ärgerte.

Ich wusste – und das wird zu Beginn des Romans auch noch einmal von Lola Lafon betont -, dass „Die kleine Kommunistin“ kein realistischer Bericht ist. Es ist eine romanhafte Auseinandersetzung mit einem Teil der rumänischen Geschichte, bei der eine fiktive Variante der Nadia Comăneci als Aufhänger fungiert. Die Autorin hält sich an bekannte Tatsachen und Daten wie die belegbaren Turniersiege der Sportlerin oder große politische Ereignisse, aber alles andere entspringt ihrer Fantasie – was man sich besonders bei dem fiktiven Mail- und Telefonaustausch zwischen der Autorin und Nadia immer wieder bewusst machen muss.

Diese Art, die Handlung zu erzählen, führt dazu, dass ich an vielen Stellen das Gefühl hatte, ich hätte ein Sachbuch in der Hand, bei dem ich mich auf keine einzige Aussage verlassen konnte. Das fand ich wirklich unangenehm. Auch gelingt es der Autorin nicht, sich selbst (als ein Teil des Gedankenaustauschs mit der fiktiven Nadia) oder gar der Sportlerin ein greifbares Profil zu verleihen. Beide Figuren schmollen und trotzen, jede wirft der anderen Manipulation vor, während die eine (die Autorin) das kommunistische Regime und die andere (Nadia) die Heuchelei der demokratischen Welt kritisiert.

Das Interessanteste an diesem Buch war für mich, dass Lola Lafon (u. a.) in Rumänien aufgewachsen ist. Allerdings sorgt diese Information auch für den Eindruck, dass die Autorin mit diesem Roman ihre Enttäuschung und ihre zwiespältigen Gefühle sowohl gegenüber Rumänien als auch gegenüber der berühmten Nadia Comăneci verarbeiten möchte. Immer wieder betont sie, welche Hoffnungen und Wünsche Nadias Erfolg in Montreal in den kleinen Mädchen ihrer Generation weckte, wie all die Mädchen freiwillig hungerten und trainierten, wie sie „Nadia spielten“ und davon träumten, auch einmal so anmutig über den Schwebebalken zu fliegen.

Dann gibt es all die Szenen am Ende des Buches, wo sie beschreibt, wie sie zur Recherche nach Rumänien reist und auf der Suche ist nach den tragischen Geschichten der Opfer der Ceaușescu-Zeit, nach den Frauen, die zum Kinderkriegen gezwungen wurden, nach denjenigen, die unter der gegenseitigen Bespitzelung litten. Doch vor allem fand sie Erinnerungen an glückliche Zeiten, bekam Aussagen präsentiert, deren Fazit nur mit „wir waren arm, aber glücklich“ zusammenzufassen ist und die von der Freiheit innerhalb der Grenzen des Regimes erzählten. Und bei all dem kann ich mir als Leser nie sicher sein, was davon der Fantasie der Autorin, was ihrer eigenen Erinnerung oder vielleicht den (wenigen) aufgeführten Recherchequellen entspringt.

Diese Unsicherheit darüber, was Fiktion und was Fakten sind, macht mich unzufrieden. Hätte ich ein Sachbuch gelesen, hätte ich mich intensiv damit auseinandersetzen können. Aber um so ein Buch zu verfassen, hätte sich Lola Lafon entscheiden müssen, ob sie über Nadia Comăneci oder die rumänische Geschichte schreiben möchte. Und sie hätte intensiver recherchieren und vielleicht sogar tatsächlich das Gespräch mit der Sportlerin (die seit 1989 in den USA lebt) suchen müssen. Ich wäre auch zufrieden gewesen, wenn die Autorin sich konsequent an die Aufgabe gesetzt hätte, einen reinen Roman über Nadia zu schreiben – ich bin mir sicher, das Leben der rumänischen Vorzeigesportlerin hätte vollkommen ausgereicht, um eine mitreißende und spannende Geschichte zu erzählen. Aber dieses Buch ist weder das eine noch das andere – und somit für mich eine wirklich frustrierende Lektüre gewesen.

Renata Petry: Hilgensee

„Hilgensee“ von Renata Petry habe ich in den letzten Tagen nur in die Hand genommen, weil das Buch zu den ältesten SuB-Leichen in meinem Regal gehört. Auf einen historischen Kriminalroman hatte ich eigentlich gar nicht so sehr Lust, aber das Buch reizte mich mehr als die fantastischen Romane, die neben diesem Titel auf dem Regalbrett standen. Überraschenderweise hat sich „Hilgensee“ nach einigen Seiten als unterhaltsamer und sehr entspannender Wohlfühlroman entpuppt – man darf als Leser nur nicht davon ausgehen, dass man es bei diesem Buch mit einem ernsthaften Krimi inklusive einer stimmigen Lösung zu tun hat.

Die Handlung spielt im Jahr 1906 in dem Damenstift „Hilgensee“ und man steigt als Leser (nach einem kurzem Prolog) an dem Tag in die Geschichte ein, an dem Annette (Änne) von Schalck dem Stift beitritt. Die erste Wochen über zweifelt Änne immer wieder an ihrer Entscheidung dem Stift beizutreten, denn ihre Stiftschwestern scheinen nicht sehr viel mit ihr gemeinsam zu haben. Außerdem neigt sie immer wieder dazu in diverse Fettnäpfchen zu treten und dazu findet sie die Vikarin Alwine von Hohenhagen, die ihrer Mentorin ist und ihr das Eingewöhnen erleichtern soll, ziemlich furchterregend.

Als dann auch noch der Hahn des Wirtschaftshofes kopflos in einem Baum hängend und eine ältere Stiftschwester leblos in der Orangerie des Stifts aufgefunden werden, wird Änne – gegen ihrer ausdrücklichen Willen – von Alwine von Hohenhagen und (der über 70 Jahre alten) Gertrud von Rhoda in die Ermittlungen verwickelt. Während die drei Damen versuchen, mehr über die diversen rätselhaften Vorfälle in Hilgensee herauszufinden, freundet sich Änne so langsam mit ihren beiden tatkräftigen Stiftsschwestern an, was zu so einigen amüsanten Szenen führt.

So ist es auf der einen Seite der Humor, der – trotz der Ermordung mehrerer Personen und Tiere – dafür gesorgt hat, dass mir das Buch beim Lesen Spaß gemacht hat. Auch wenn einige Szenen etwas überzogen dargestellt wurden (und man mit schwebenden Heiligen und anderen seltsamen Vorfällen zurechtkommen muss), so gab es viele Momente in der Geschichte, die für sich genommen realistisch wirkten und in der Summe dann dazu geführt haben, dass ich immer wieder beim Lesen vor mich hinkicherte (wobei ich zugeben muss, dass ich zwischendurch beim Lesen etwas übermüdet war und dann leicht zu erheitern bin).

Auch viele der Charaktere – allen voran Alwine und Gertrud – fand ich sehr sympathisch dargestellt. Während Alwine dazu neigt etwas zu kurz angebunden und zu bestimmend zu sein, aber hinter der abweisenden Fassade eine sehr warmherzige Person ist, ist Gertrud eine wunderbare spitzbübische alte Dame voller Lebenserfahrung. Sie ist die treibende Kraft, wenn einer Mitschwester, die dem Alkohol sehr zugetan ist, ein Streich gespielt wird, der sie vom heimlichen Trinken abhalten soll – wobei ich nicht verschweigen will, dass Gertrud zur Stärkung auch immer ein kleines Fläschchen mit sich führt. Und Gertrud ist es auch, die Änne ein wenig die Naivität austreibt und dafür sorgt, dass sie deutlich mehr Rückgrad entwickelt.

Die Krimihandlung kann man bei „Hilgensee“ eigentlich vergessen (vor allem angesichts der Tatsache, dass die Auflösung auch nicht so recht überzeugen kann), abgesehen davon, dass sie die Ausgangssituation für die Freundschaft zwischen Änne, Gertrud und Alwine schafft. Dafür bekommt man einen heiteren und kurzweiligen Roman voller netter zwischenmenschlicher Momente, skurriler Charaktere und appetitanregenden Tee- Cognac- und Plätzchen-Runden (die der Grund sind, warum ich heute Mittag noch Apfelkuchen backen werde, weil ich seit dem Lesen des Buches solchen Hunger darauf habe 😉 ).

Leseeindrücke im November

„Fischland-Mord“ von Corinna Kastner war mal wieder eine dieser Spontan-Ausleihen in der Bibliothek. Ein Teil von mir scheint immer noch nach neuen und unterhaltsamen Krimiautoren Ausschau zu halten, denn an ungewöhnlichen Kriminalromanen kann ich zur Zeit nicht vorbeigehen. „Fischland-Mord“ spielt rund um Wustrow an der Ostsee und gehört zu der Sorte Regionalkrimis, die ich mag. Die Hauptfigur Kassandra Voß hat vor einem Jahr ein altes Kapitänshaus in Wustrow gekauft und eine kleine Pension daraus gemacht. Nun findet sie eines Morgens einen ihrer Gäste ertrunken in seinem Bett liegend, dass der Tote ermordet wurde, steht selbst für Kassandra schnell fest und als die Polizei dann auch noch sie zu den Verdächtigen zählt, beginnt sie gemeinsam mit ihrem Nachbarn Jonas und seinem Freund Paul zu ermitteln.

Ich habe mich mit dem Buch wirklich gut unterhalten gefühlt. Der Fall an sich war zwar etwas überkonstruiert, aber nicht so absurd, dass ich nicht hätte weiterlesen mögen. Die Figuren fand ich großteils sympathisch (wenn auch ein paar Nebenfiguren etwas überzogen waren) und die Rolle, die das Fischland in diesem Roman spielt, hat mir auch gefallen. Corinna Kastner lässt Kassandra immer wieder am Meer spazieren gehen oder darüber nachdenken, wie wohl sie sich auf diesem Stückchen Land zwischen Ostsee und Bodden fühlt, ohne dass ich das Gefühl hatte, das wäre jetzt künstlich aufgepropft worden, um für „Lokalkolorit“ zu sorgen. Ich bin jetzt nicht so hingerissen, dass ich mir sofort die Fortsetzung kaufen würde, aber ich würde mich freuen, wenn sie mir in der Bibliothek in die Finger fallen würde. Mit „Fischland-Mord“ habe ich einen angenehmen und entspannten Nachmittag verbracht – und manchmal ist genau das alles, was ich von einem Buch erhoffe.

***

„Niemand ist ohne Schuld“ und „Zurück von den Toten“ (Band 3 und 4 der Dark-Village-Reihe) von Kjetil Johnsen haben mich ebenfalls gut unterhalten. Die Handlung ist zwar stellenweise vorhersehbar und entwickelt sich in immer absurdere und unglaubwürdigere Richtungen, aber bei dieser Serie kann ich damit gut leben. Die kurzen Kapitel, die kleinen Informationshäppchen und die verschiedenen Figuren halten mich so weit bei der Stange, dass ich mich beim Lesen wunderbar amüsiere. Inzwischen haben wir vier Tote, eine kriminelle Organisation, eine „Undercover Bösewichtin“, mehrere Mörder und natürlich einige verwirrte Teenager, die nicht so recht wissen, wie sie mit all den Vorfällen umgehen sollen. In der Regel schnappe ich mir den frisch ausgeliehenen Band am selben Tag, an dem ich ihn in der Bibliothek mitnehmen konnte, und gönne mir damit ein paar intensive Lesestunden. „Dark Village“ ist zwar keine Reihe, die ich mir kaufen würde, aber ich genieße die Bücher gerade wirklich und freu mich schon auf all die (vermutlich ziemlich überzogenen) Wendungen, die mich im Abschlussband erwarten. 
***
„Smoke and Mirrors“ von Tanya Huff ist der zweite Teil der Serie rund um Tony Foster und hat mich ebenso amüsiert wie schon „Smoke and Shadows“. Nachdem sich Tony im ersten Band mit Schattenwesen herumschlagen musste, die durch ein Dimensionstor das Filmgelände, auf dem er arbeitet, erobern wollten, darf er sich nun mit einem Haus voller Geister beschäftigen. Dass er dabei auch noch auf das Filmteam aufpassen muss, das in dem Haus gerade eine weitere Folge einer bekannten Vampir-Serie drehen will, macht die Aufgabe nicht leichter für ihn. Ich mag es immer wieder, wie Tanya Huff klischeebelastete Elemente in ihren Romanen aufgreift und so verwendet, dass ich mich beim Lesern wunderbar amüsieren kann. Ich mag den Humor der Autorin, ich mag ihre Art ein Geisterhaus zu beschreiben und ich mag die Art und Weise wie ihre Figuren miteinander agieren. So langsam landet Tanya Huff wirklich auf der Liste der Autoren, von denen ich mir jeden verfügbaren Titel besorge. 🙂

***

„Mädchenhimmel!“ von Lili Grün war eine Leihgabe von Hermia, die auch eine sehr passende und informative Rezension zu dem Titel geschrieben hat. Ich fand die Gedichte und kurzen Geschichten von Lili Grün wunderbar zu lesen und in vielerlei Hinsicht immer noch aktuell und treffend. Eigentlich könnte ich hier Hermias Rezension hinkopieren, denn sie hat meine Meinung zu dem Buch sehr schön zusammengefasst. 🙂 Gäbe es nicht einen kleinen Punkt, dann würde ich mir diesen Titel sofort auf die Wunschliste setzen. Aber ich muss zugeben, dass ich das Preis-/Leistungsverhältnis nicht so ganz angemessen finde, auch wenn ich verstehen kann, dass ein kleiner Verlag so einen Band nun einmal nicht zum Spottpreis auf den Markt werfen kann. Auch fand ich den Teil mit den Anmerkungen zum Großteil überflüssig, aber das kann an mir liegen, da ich durch mein Quer-durch-alle-Genres-Lesen kein Problem mit etwas altmodischen (oder österreichischen) Begriffen habe. Alles in allem bin ich Hermia sehr dankbar, weil sie mir das Buch geliehen und so sehr schöne Momente mit den Gedichten und Geschichten von Lili Grün bereitet hat.

***

„Teatime mit Tante Alwine“ von Ellen Jacobi wird vermutlich meine Mutter zu Weihnachten bekommen und war genau das richtige Buch, als ich vor kurzem wegen Bauchschmerzen eine schlaflose Nacht verbracht habe. Locker, flockig erzählt, nicht besonders anspruchsvoll, aber eine nette Geschichte mit dem einen oder anderen amüsanten (wenn auch arg übertriebenen) Moment. Ich mochte die kleinen „Backszenen“ – mit manchen Themen kann man mich eben immer locken – und die energischen und dickköpfigen Damen, die in der Handlung vorkommen. Es hat mich jetzt nicht so begeistert, dass ich noch mehr von der Autorin lesen müsste, aber die Geschichte bot entspannende Ablenkung und ließ sich auch übermüdet gut lesen. 

François Lelord: Die kleine Souvenirverkäuferin

Den Roman „Die kleine Souvenirverkäuferin“ von François Lelord hatte ich letztes Wochenende beim „Herbstlesen“ gelesen und sehr genossen. Eigentlich hatte ich in den dazugehörigen Beiträgen schon einiges über die Geschichte verraten, aber ich habe das Bedürfnis noch mehr zu dem Buch zu schreiben. Laut der Inhaltsangabe geht es in dem Roman um eine Liebesgeschichte zwischen einem französischen Arzt und einer vietnamesischen Souvenirverkäuferin, doch für mich war das Buch eher eine Liebeserklärung an Vietnam.

Der größte Teil der Handlung wird aus der Sicht von Julien erzählt. Julien ist ein relativ junger französischer Arzt, dessen Prinzipien verhindert haben, dass er in Paris Karriere in der Wissenschaft machte, und der deshalb einen Posten als Arzt in der französischen Botschaft in Hanoi angenommen hat. Jede Woche lernt er mit einer vietnamesischen Studentin die Landessprache und macht sich dabei nicht nur Gedanken über die gelernten Vokabeln, sondern auch darüber, was die Sprache und die Wörter über ein Volk aussagen.

Die titelgebende Souvenirverkäuferin Minh Thu (Herbstlicht) lernt Julien kennen, während sie illegalerweise am Ufer eines Sees in Hanoi Souvenirs verkauft, aber man bekommt auch ihre Sicht der Dinge mit, lernt ihre Familie kennen und die Umstände, die die junge Frau gezwungen haben in die Stadt zu gehen und Geld zu verdienen. Daneben gibt es auch noch Passagen aus der Perspektive eines schon älteren vietnamesischen Arztes und einer britischen Ärztin, die sich ebenso wie Julien in das Land (aber auch in den französischen Arzt) verliebt hat.

Den roten Faden bildet das Auftreten einer Virusinfektion, die zu Beginn der Geschichte zum Tod einer älteren Nonne führt. Schnell steht die Befürchtung im Raum, dass die Erkrankung der Nonne hochgradig ansteckend und tödlich wäre und man erlebt als Leser wie die vietnamesischen Entscheidungsträger diesen „Vorfall“ unter den Teppich kehren, während die Mediziner den Ursprung der Krankheit erforschen und natürlich eine weitere Ausbreitung verhindern wollen. Das Ganze klingt jetzt sehr dramatisch und es gibt auch weitere Todesfälle, aber eigentlich bildet es nur den Rahmen für Juliens Betrachtungen des Landes, seine Gedanken über die Personen, denen er begegnet, und auch sich selbst.

Julien selber ist mir nicht übermäßig sympathisch. François Lelord hat den Arzt so gestaltet, dass er anscheinend unwiderstehlich für Frauen ist, aber selber Probleme damit hat sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Diese emotionalen Probleme werden mir etwas zu sehr thematisiert, aber immer auf eine sehr unaufgeregte Weise. Überhaupt ist der Roman sehr ruhig, sehr leise, sehr melancholisch, aber auch sehr liebevolle geschrieben. Man merkt, dass François Lelord Vietnam liebt und sich bemüht hat viele kleine atmosphärische Elemente in seine Geschichte einzubauen, die den Leser nicht unbeeinflusst lassen. Ich fand es sehr spannend nebenbei so viel über die Vergangenheit des Landes zu erfahren.

Einige Rezensenten haben kritisiert, dass Julien in dem Roman immer wieder auffällt, dass die Vietnamesen sehr in der Vergangenheit verhaftet sind und Ausländer bedauerlicherweise immer noch als „Kolonialherren“ wahrnehmen – während der Arzt selber regelmäßig eine Kolonialherrenmentalität durchschimmer lässt, obwohl er sich doch selber als so fortschrittlich und modern wahrnimmt. Ich persönlich sehe da keinen Widerspruch, sondern ein Spiel des Autors mit der Selbstwahrnehmung und dem eigentlichen Verhalten Juliens, aber eben auch einen Hinweise darauf, welche Probleme es gibt, wenn Menschen verschiedener Völker nach so vielen Jahren gemeinsamer, aber eben nicht gleichberechtigter Vergangenheit einen Umgang miteinander finden muss.

„Die kleine Souvenirverkäuferin“ gehört für mich zu den Romanen, bei denen die eigentliche Handlung fast irrelevant ist. Dafür habe ich es genossen all die kleinen und atmosphärischen Beschreibungen zu lesen, habe immer wieder innegehalten, um mir den See mit dem kleinen Teepavillon in Hanoi und die alten Kolonialbauten vorzustellen und mich über die vielen Nebenfiguren gefreut, die mir das Gefühl haben, ich könnte einen kleinen Blick in auf die vietnamesische Perspektive werfen.