Schlagwort: Schweden

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren

„Die Menschheit hat den Verstand verloren – Tagebücher 1939-1945“ von Astrid Lindgren habe ich im vergangenen Jahr zu Weihnachten bekommen – und dann stand das Buch eine Weile im Regal, bis ich bereit war, es zu lesen. Siebzehn Hefte hat Astrid Lindgren während der sechs Kriegsjahre mit all ihren Gedanken und Befürchtungen, aber auch mit einer Menge Zeitungsausschnitten und Abschriften von Briefen gefüllt. So entstand eine faszinierende Mischung aus Dokumentationen der jeweils wichtigsten Kriegsgeschehnisse (natürlich aus der Sicht einer relativ unbeteiligten Schwedin) und Alltagserzählung. Dabei fand ich es vor allem spannend, wie viel Angst in Skandinavien vor Russland herrschte und wie die schwedische Bevölkerung selbst in den späteren Kriegsjahren, als bekannt geworden war, welche Gräueltaten die Deutschen begingen, eher hofften, dass die Deutschen einmarschieren, als dass die Russen bis zu ihrer Grenze gelangen würden.

22. Juni 1941

[…] Es wird sicher anstrengend, mit Deutschland gegen Russland und mit England gegen Deutschland zu halten. […] (S. 116)

Bei Astrid Lindgren sorgt diese Angst vor den Russen zu einer genauen Beobachtung der politischen Lage, wobei sie viele Nachrichten und Zeitungsausschnitte mal entsetzt, mal spöttisch kommentiert. Stellenweise hatte ich das Gefühl, dass es ihr sogar die Sprache verschlagen hat – als hätte sie die Vorkommnisse zwar anhand der eingeklebten Ausschnitte festhalten wollen, dadurch aber so erschüttert war, dass sie ihre Gedanken dazu nicht einmal mehr niederschreiben konnte.

Auf der anderen Seite gab es viel über die alltäglichen (Familien-)Sorgen und Ereignisse zu lesen, wie eine Auflistung von Geschenken an Geburtstagen und Weihnachten, die Gedanken über Vorratshaltung während der Zeit der Rationierung und natürlich auch ihren Kummer über Krankheiten der Kinder oder die Untreue ihres Mannes. Dabei hat Astrid Lindgren viele dieser Dinge – obwohl die Tagebücher ja von ihr vollkommen privat geführt wurden – nicht ausformuliert oder nur angedeutet. Ohne das Wissen, das ich schon über das Leben der Schriftstellerin hatte, hätte ich mit einigen Aussagen gar nichts anfangen können, weil Astrid Lindgren es natürlich nicht nötig hatte, für sich ganz persönlich Dinge weiter auszuführen, die sie so tief bewegten.

Auffällig fand ich auch, dass ihre Karriere während einer Phase ihres Lebens anfing, in der mir ihre Tagebucheinträge das Gefühl gegeben haben, dass sich Astrid Lindgren nicht gut fühlte. Eine Phase, in der der Krieg rund um Schweden endlos zu sein schien, während die Nachrichten über all die Opfer nicht abrissen und Astrid Lindgren über ihre Arbeit private Briefe von Augenzeugen in die Hände bekam, die sie nicht so schnell losließen. Dazu kam der Kummer mit ihrem Mann und die Tatsache, dass sie dank eines verstauchten Knöchels nicht aus dem Haus konnte, um sich wie gewöhnlich bei einem Spaziergang oder eine Radtour die schlechten Gedanken aus dem Kopf blasen zu lassen. Das gab mir das Gefühl, dass sie sich anfangs in ihre Geschichten flüchtete, um eine Auszeit von ihrer Realität genießen zu können.

Ich fand es auf jeden Fall bereichernd, dieses Tagebücher zu lesen. Nicht nur, weil ich Astrid Lindgren als Person interessant finde und es spannend war, ihre Sicht auf die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs zu erleben, sondern auch, weil es – mir bislang nicht bewusste – Aspekte des Krieges rund um die skandinavischen Länder und ihre Bevölkerung präsentiert hat. Mein einziger Kritikpunkt wäre die Präsentation der verschiedenen Elemente in dieser Veröffentlichung. So liebevoll das Buch aufgemacht ist, so fand ich es stellenweise doch etwas schwierig zu lesen. Man bekommt erst die Tagebucheinträge eines Jahres als Übersetzung zu lesen, daran angehängt wurden die Faksimiles der Originaltagebucheinträge inklusive der eingeklebten schwedischen Zeitungsausschnitte und danach kamen die Übersetzungen der Zeitungsaussschnitte. Das bedeutete, dass ich bei jeden Verweis auf einen Ausschnitt das Lesen unterbrechen und zweimal blättern musste (einmal, um das Original zu betrachten, ein weiteres Mal, um die Übersetzung zu lesen), um alles zu verstehen. Ich bin mir sicher, dass es deutlich (arbeits- und platz-) aufwändiger gewesen wäre, wenn man versucht hätte, die Artikel samt Übersetzungen in der Reihenfolge in den Text einzubetten, in der sie auch im Original gewesen wären. Aber zum Lesen hätte ich es angenehmer gefunden, wenn ich innerhalb eines Jahres nicht immer hätte hin- und herblättern müssen.

Maria Lang: Nicht nur der Mörder lügt

„Nicht nur der Mörder lügt“ von Maria Lang habe ich bei Kiya entdeckt, die mich mit ihrer Rezension schon vor einer ganzen Weile neugierig gemacht hatte. Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Ich mochte es, wie man durch die Augen von Puck Ekstedt die Beteiligten kennenlernt und an den Ermittlungen teilnimmt. Gemeinsam mit der jungen Frau reist der Leser auf eine kleine Insel in einem See in der Nähe von Forshyttan, um dort ein paar entspannte Tage mit einer Gruppe Gleichgesinnter zu verbringen und den Sommer zu genießen. Das Ferienhaus auf der Insel gehören Rutger Hammar und seiner Frau Ann-Sofi und der Großteil der Gäste besteht aus Personen, die schon lange mit Rutger befreundet sind und die auf eine Weise miteinander verbunden sind, die für Puck manchmal nur schwer zu durchschauen ist.

Unübersehbar ist allerdings, dass es zu einer gewaltigen Störung des zuvor recht entspannten Ferienalltags auf der Insel kommt, als erst Lil Arosander unangekündigt den gutaussehenden George Malm mit zu Besuch bringt und dann noch überraschend Marianne Wallman, die früher einmal mit Rutger verlobt war, und Viveka Stensson einen Zwischenstopp auf der Insel einlegen. Von diesem Moment an kann Puck nur noch beobachten wie die anderen Inselgäste zwischen all den Gefühlen schwanken, die (unerwiderte) Liebe und Eifersucht mit sich bringen – bis es zu einem Mord kommt.

Ich mag es grundsätzlich, wenn sich ein Kriminalroman vor allem damit beschäftigt eine Gruppe von Menschen zu studieren und darzustellen wie sie miteinander interagieren. Da Puck die anderen Gäste bis zu ihrem Eintreffen auf der Insel eigentlich nur flüchtig kennt, beobachtet sie ganz genau, um herauszufinden, was da alles unter der Oberfläche brodelt und warum es Spannungen zwischen den verschiedenen Charakteren gibt. Dieses genaue Beobachten führt dann auch dazu, dass sie nach dem Mord eine Art „Assistentenstelle“ bei der Polizei einnimmt, obwohl sie strenggenommen ebenfalls zu den Verdächtigen zählt.

Neben den genauen Beschreibungen zu den verschiedenen Protagonisten spielt der schwedische Sommer auf dieser Insel im See eine große Rolle. Die Insel ist nicht gerade klein und weist eine überraschend abwechslungsreiche Landschaft auf, was dazu führt, dass man als Leser viele Szenen miterleben kann, die sich um die Natur drehen. Mir haben diese atmosphärischen Beschreibungen von heißen Sommernächten auf der Wiese vor dem Haus, von spontanen Bootstouren um die Insel, von Wanderungen, bei denen die Zapfen unter den Füßen knirschen, und vom Schwimmen im See gut gefallen. Und diese entspannten Sommerinsel-Beschreibungen bildeten einen wunderbaren Kontrast zu dem Mord und dem Wissen, dass einer der Gäste der Täter sein muss.

In einigen Rezensionen gibt es Vergleiche zwischen Agatha Christie und Maria Lang und ja, beide Autorinnen zeichnen ein Bild ihrer Zeit, konzentrieren sich mit ihrer Geschichte auf einen kleinen Personenkreis, den sie dafür umso intensiver beleuchten, und beide bauen Liebesgeschichten in ihre Kriminalromane ein. Aber Maria Lang setzt – zumindest mit diesem Roman – von Anfang an auf einen glaubwürdigen Einsatz der Polizei, außerdem ist sie viel deutlicher in ihrer Sprache und bei der Darstellung des Verhaltens der verschiedenen Personen. So wirkt „Nicht nur der Mörder lügt“ trotz einer relativ ruhigen Handlung weniger betulich und deutlich moderner als ein Agatha-Christie-Roman.

Liza Marklund: Prime Time (Annika Bengtzon 4)

Irgendwie schaffe ich es zur Zeit ständig, vierte Bände von Reihen in die Hände zu bekommen. „Prime Time“ von Liza Marklund war eine Spontanausleihe in der Bibliothek – es tut meinem Ausleihverhalten gar nicht gut, dass ich vom Vormerkregal aus immer an den Krimibeständen vorbeigehen muss, um zur Selbstverbuchung zu kommen -, weil ich das unbestimmte Gefühl hatte, ich könnte doch mal eine für mich neue Krimiautorin ausprobieren. Obwohl „Prime Time“ der vierte Roman rund um die Journalistin Annika Bengtzon ist, hat sich die Geschichte auch gut ohne Vorwissen aus den vorhergehenden Bänden lesen lassen. Allerdings hege ich die Befürchtung, dass ich nach dem Lesen dieses Romans die ersten drei Teile nicht so genießen könnte, weil ich schon zu viel über die privaten Entwicklungen der Protagonistin weiß, die darin beschrieben wurden.

Die Handlung beginnt am Mittsommertag in Stockholm, wo sich Annika gerade darauf vorbereitet, mit ihrem Lebensgefährten Thomas und den beiden gemeinsamen Kindern (und einem Haufen Gepäck) die Wohnung zu verlassen, um die nächsten Tage bei ihren Schwiegereltern auf einer Insel zu verbringen. Doch mitten in der Aufbruchsstimmung erreicht sie ein Anruf von ihrer Redaktion, in dem sie darüber informiert wird, dass eine bekannte Moderatorin in einem Schloss auf einer Insel vor Stockholm getötet wurde – und dass sie die Berichterstattung darüber übernehmen muss. Denn Annika kennt sich nicht nur gut in der Region aus, weil sie da aufgewachsen ist, sondern sie hat auch Verbindungen zur Umgebung der Ermordeten, da ihre beste Freundin Anne (die zu den Leuten gehört, die die Tote gefunden haben) mit der verstorbenen Michelle Carlsson zusammengearbeitet hat.

Während die Grundvoraussetzung mit dem Schloss auf der Insel, in dem eine kleine Gruppe von Menschen während der Tatnacht anwesend war, die alle ein Motiv für einen Mord gehabt hätten, an einen klassischen Whodunnit erinnert, lässt Liza Marklund den Leser durch die Augen der Journalistin Annika die Geschichte erleben, was für einen gewissen Abstand zu den verschiedenen Verdächtigen und eine „modernere“ Erzählweise sorgt. Zwar wechselt die Autorin immer wieder die Perspektive, so dass man eigentlich von fast allen Beteiligten einen Eindruck bekommt, aber nie erfährt man so viel, dass man eine Person wirklich einschätzen kann. So versucht Annika, so viel wie möglich über die Verstorbene und die zwölf Verdächtigen herauszufinden, und macht sich gleichzeitig Sorgen um ihre Freundin Anne, die ein starkes Motiv für den Mord gehabt hätte. Aber nicht nur die Frage, ob Anne schuldig ist, beschäftigt die Journalistin, sondern auch ihre Beziehung zu Thomas und welchen Stellenwert das gemeinsame Leben und die Kinder für ihn haben.

Ich glaube, dieser private Teil der Geschichte hätte mich bei einer anderen Autorin mehr gestört – was auch daran liegen kann, dass ich Thomas so unsympathisch fand -, aber es gelingt Liza Marklund, eine Verbindung zwischen Annikas Privatleben und ihrer Arbeit herzustellen, die ich stimmig fand. Je mehr Gedanken sich die Journalistin über die einzelnen Personen macht, je mehr sie darüber nachdenkt, wie das Verhältnis zwischen den Verdächtigen und der Ermordeten war, desto mehr erfährt sie auch über sich und ihr Verhalten gegenüber anderen Menschen und ihrer Arbeit. Bei dem Fall selbst war es mir ehrlich gesagt relativ egal, wer denn nun der Mörder ist, während ich es spannend fand, mehr über die verschiedenen Beteiligten herauszufinden. Obwohl – oder vielleicht gerade weil? – viele Figuren sehr klischeehaft dargestellt wurden, wollte ich mehr über sie herausfinden, wollte wissen, ob nicht noch mehr hinter ihrer Fassade steckt oder ob sie sich wirklich so schnell in eine „Schublade“ stecken lassen, wie es auf den ersten Blick wirkte. Außerdem mochte ich es, dass ich das Gefühl hatte, dass die Arbeit als Journalistin realistisch dargestellt wurde – was vielleicht aber auch daran liegt, dass der Klappentext den Leser darüber informiert, dass Liza Marklund selbst lange Zeit als Journalistin gearbeitet hat.

Am Ende des Romans ist bei mir allerdings nicht viel von der Handlung und den Figuren hängen geblieben. Ich habe nette Stunden mit dem Buch verbracht, ich habe mich beim Lesen wenig geärgert (und das heißt bei modernen Krimis schon etwas) und auch wenn mir kein Charakter so richtig sympathisch fand, konnte ich gut mit ihnen leben. Liza Marklund ist nun keine Autorin, die ich mir unbedingt merken muss, aber wenn mir in der Bibliothek noch ein anderes Buch von ihr in die Finger kommt, würde ich es vermutlich ausleihen. „Nett“ ist schließlich nicht immer das Schlechteste für eine Geschichte, die mich einfach nur etwas unterhalten soll.

Peter Englund: Verwüstung – Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Über „Verwüstung – Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ von Peter Englund bin ich durch Birthes begeisterte Rezension zu dem Titel gestolpert. Es hat dann gut ein Jahr gedauert, bis ich das Buch in der Bibliothek ausleihen und lesen konnte, aber das Warten hat sich definitiv gelohnt. Der Dreißigjährige Krieg war in meinem Geschichtsunterricht nicht viel mehr als eine Randnotiz, die mit dem Prager Fenstersturz eingeleitet und wenige Sätze später mit dem Westfälischen Frieden beendet wurde. Hätte ich nicht als Jugendliche „In dreihundert Jahren vielleicht“ von Tilman Röhrig gelesen, hätte ich wohl in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten gehabt, diesen Krieg auch nur grob zeitlich einzuordnen. Jahreszahlen in geschichtlichen Zusammenhängen liegen mir wirklich nicht.

Mit so wenig Vorwissen fand ich es sehr spannend, diesen dicken Schinken (848 Seiten inklusive Anhänge) zu lesen und mehr über den Dreißigjährigen Krieg zu lernen. Dabei macht Peter Englund es dem Leser recht leicht, indem er nicht nur über den Krieg (bzw. diese vielen Kriege, die rückblickend als Dreißigjähriger Krieg bezeichnet wurden) – natürlich mit schwedischen Schwerpunkt – schreibt, sondern auch immer wieder vom Leben und dem Glauben (sowohl im religiösen als auch im „wissenschaftlichen“ Sinn) der Menschen erzählt und skurrile, spannende oder faszinierende Begebenheiten aus dieser Zeit in den Text einflicht. Einen roten Faden in diesem Buch bildet das Leben des Erik Jönsson, dessen Tagebücher und Skizzen auch immer wieder vom (militärischen) Alltag zu dieser Zeit zeugen.

Trotz des großen Umfangs und all dieser Informationen, die das Buch beinhaltet, lässt es sich wirklich gut lesen. Peter Englunds Sprache hat mir persönlich sehr zugesagt und ich mochte die – manchmal vielleicht etwas flapsig formulierten – knackigen Beschreibungen der verschiedenen Charaktere. Obwohl wirklich viele Parteien und Personen in diesem Krieg eine Rolle spielen, hatte ich keine Probleme, die verschiedenen Gruppen und Personen auseinanderzuhalten und mich an frühere Erwähnungen zu erinnern. Auch die ausführlichen Schlachtbeschreibungen, die Birthe nicht so gefallen haben, fand ich spannend, weil man wirklich gut verfolgen konnte, welche Aspekte den Ausgang einer Schlacht beeinflussten, welche politischen Einflüsse dazukamen und wie sich die Art und Weise, in der eine Schlacht geführt wurde, im Laufe der Zeit (oder je nach Befehlshaber) verändert hat. Allerdings fand ich die kleine Schrift und die relativ wenigen Absätze sehr anstrengend, und sobald ich etwas müde wurde, hatte ich das Gefühl, dass meine Augen keinen Halt in der Textmasse mehr finden.

Was mich bei diesem Buch – ebenso wie beim Lesen von Mary Roberts Rinehards „Kings, Queens and Pawns – An American Woman at the Front“ (das ich auch endlich mal beenden sollte) – wieder sehr beschäftigt hat, ist, wie wenig sich die Menschheit doch in all der Zeit verändert hat. Bei Mary Roberts Rinehard sind es immer wieder die in der Rückschau sehr naiv anmutenden Aussagen der Autorin, dass die Welt doch aus den Ereignissen des Ersten Weltkriegs lernen muss, wie sinnlos und wie menschenverachtend Krieg doch sei, während mich bei „Verwüstung“ vor allem die Passagen rund um die Beweggründe der diversen Parteien beschäftigt haben. Es gab so viele Momente in diesen drei Jahrzehnten, zu denen man den Krieg hätte beenden können, aber eben auch so viele Parteien, die mit einem Gewinn daraus hervorgehen wollten, dass keine den ersten Schritt machen oder gar einen Verlust erleiden wollte. Das alles ist leider heute immer noch erschreckend aktuell, obwohl die vergangenen Jahrhunderte doch gezeigt haben, dass eine solche Haltung weder für die Menschen noch für Wirtschaft und Politik langfristig von Nutzen ist.

Fredrik Backman: Ein Mann namens Ove

Als ich vor einigen Wochen in der Bibliothek nur ein paar Bücher abgeben wollte, bin ich über „Ein Mann namens Ove“ von Fredrik Backman gestolpert. Von dem Titel hatte ich vorher nichts gehört (nach dem Lesen musste ich dann feststellen, dass es wohl im letzten Jahr ein Spiegel-Bestseller war), aber ab und an mag ich skandinavische Bücher über verschrobene ältere Menschen – und die Geschichte schien laut Klappentext in diese Schublade zu passen. Erwartet hatte ich nicht viel von dem Buch, aber das Schöne an Bibliotheksausleihen ist ja, dass man die Titel in Ruhe anlesen und einfach wieder zurückbringen kann, wenn sie einem nicht gefallen. Und dann habe ich den Roman an einem Tag ausgelesen, weil ich von Ove und seinen Nachbarn so hingerissen war.

Zu Beginn der Geschichte lernt man Ove nicht gerade von seiner nettesten Seite kennen. Er steht morgens auf, verjagt eine Katze von seinem Grundstück, dreht eine Runde durch die Nachbarschaft, um Falschparker aufzuschreiben und benimmt sich überhaupt wie der ekelhafte kontrollierende Nachbar, den wir alle garantiert nicht in dem Haus neben uns wohnen haben wollen, – und denkt kurz darauf darüber nach, wie er am Besten einen Haken in seine Wohnzimmerdecke dübeln kann. Auch wenn es nicht an dieser Stelle direkt ausgesprochen wird, so steht schon in diesem Moment fest, dass Ove sich umbringen möchte. Doch dann rammen der unfähige neue Nachbarn seinen Briefkasten, der Nachbar und seine Frau Parvaneh fangen an zu streiten und Ove sieht sich genötigt das Einparken des Anhängers der Nachbarn selber in die Hand zu nehmen, damit sich die Sache nicht noch endlos hinzieht.

Während es in den folgenden Tagen zu weiteren Störungen durch Parvaneh und ihre Familie kommt, lernt man als Leser Ove immer besser kennen. Er ist kein freundlicher oder gar geduldiger Mensch, aber ein Mann, der eine klare Meinung darüber hat, was richtig und was falsch ist, – und ebenso hat er genaue Vorstellungen davon wie ein Mann zu sein hat. In Rückblenden lernt man mehr darüber wie seine Kindheit war, welchen Einfluss sein Vater auf ihn hatte und wie er seine (inzwischen verstorbene) Frau kennenlernte. Es gelingt Fredrik Backman stimmig darzustellen, warum Ove so ein Prinzipienreiter geworden ist und warum er ständig das Bedürfnis hat gegen etwas ankämpfen zu müssen – und all das hat dafür gesorgt, dass ich Ove mit jeder Seite mehr ins Herz geschlossen habe.

Ove ist ein starrköpfiger Mann voller Vorurteile, er hat definitiv Probleme mit anderen Menschen umzugehen und es ist nicht leicht hinter seiner abweisenden Schale einen weichen Kern zu entdecken. Aber diese problematische Figur macht diesen Roman zu so einer wunderbaren Wohlfühlgeschichte, so dass ich locker darüber hinwegsehen konnte, dass die Handlung (griesgrämiger älterer Mann wird durch sympathisch-chaotische Familie „menschlicher“) an sich nicht neu ist oder dass Ove und seine Nachbarn schon etwas überspitzt dargestellt wurden. Auch hat mich der alte Mann mit seinem Bedürfnis zu werkeln, zu reparieren und zu bauen an so einige Menschen erinnert, die ich mal kannte und mochte.

Es hat mir einfach gut getan ein paar Stunden mit diesem Mann zu verbringen, der von sich aus kaum ein Wort redet und sich mit Werkzeug in der Hand deutlich wohler fühlt als in einem Gespräch. So haben auch die eher schlichte und klare Sprache des Romans, die – von Oves Seite aus – eher minimalistischen Dialoge und die immer wieder vorkommenden Wiederholungen von kleinen Alltagsszenen gut zu dem Roman und seinem Protagonisten gepasst. Ove erlebt keine großen Abenteuer, er entwickelt sich nicht von einem Tag auf den anderen zu einer neuen Persönlichkeit, aber es gibt am Ende kleine und entscheidende Veränderungen in seinem Leben und Menschen, die ihn immer mal wieder durchschütteln oder in den Arm nehmen – und das ist einfach nur wunderschön zu verfolgen. Ich habe beim Lesen geschmunzelt und geweint und mich geärgert, wenn dieser so gradliniger Mensch immer wieder durch die fehlenden Wertvorstellungen anderer verletzt wurde.

Johan Theorin: Inselgrab

Den vierten und leider letzten Öland-Band von Johan Theorin habe ich am vorletzten Samstag recht konzentriert durchgelesen, weil mir der Roman so gut gefallen hatte. Bei „Inselgrab“ hatte ich das Gefühl, dass der Schwerpunkt mehr auf Gerlof Davidsson lag als bei den anderen Romanen, aber das kann auch täuschen, weil ich diese Passagen recht intensiv wahrgenommen habe. Die Geschichte spielt während des Sommers auf Öland und so gelingt es Johan Theorin einen schönen Kontrast zwischen den beiden Handlungssträngen zu schaffen. Denn auf der einen Seite liest man vom Inselleben im Sommer, während die Touristen sich auf Öland ausbreiten, das Mittsommerfest gefeiert wird und die Insel voller Heiterkeit, Trunkenheit und Partyleben vibriert und auf der anderen Seite gibt es noch den Erzählstrang rund um Aron, der als Junge mit seinem Stiefvater Sven die Insel verlässt.

Sven hat Aron schon lange von dem „Neuen Land“ erzählt, in dem es ihnen besser gehen würde als auf der Insel, die kaum Arbeit für all die Bewohner bietet und wo Großgrundbesitzer das Sagen haben, während ihre Angestellten unter der Willkür der Reichen zu leiden haben. Doch auch das „Neue Land“ hat seine Schattenseiten, die die Neuankömmlinge viel zu schnell kennenlernen. Während Sven im Laufe der Zeit alle Hoffnung aufgibt. lernt Aron zu töten, zu täuschen und zu foltern, um in der neuen Heimat zu überleben.

Bindeglied zwischen den beiden Erzählsträngen ist die Familie Kloss, die inzwischen auf der Insel eine Ferienanlage betreibt und sich darauf vorbereitete in den wenigen Sommerwochen das große Geld zu verdiene. Doch statt sich auf ihr Geschäft zu  konzentrieren, kommt es immer wieder zu erschreckenden Vorfällen. Besonders schlimm sind diese Ereignisse für den jungen Jonas Kloss, der in seiner Familie keine Unterstützung findet und sich deshalb an Gerlof wendet, um mit all den Geschehnissen fertig zu werden.

Mehr möchte ich über den Inhalt gar nicht verraten, denn wie immer erzählt Johan Theorin die Geschichte zwar sehr ruhig, so dass vor allem die Atmosphäre zu zählen scheint, aber es verstecken sich eben auch viele kleine Hinweise in diesen scheinbar belanglosen Szenen. Besonders mit einer Enthüllung in der Mitte des Buches hat er mich dieses Mal erwischt, weil diese Entdeckung alles bislang beschriebene auf den Kopf stellt – doch, sehr schön gemacht. Trotzdem ist „Inselgrab“ kein Kriminalroman, der davon lebt, dass der Leser mitermittelt, in erster Linie packen mich immer die Atmosphäre, die Beschreibungen der Insel und Figuren wie Gerlof, der mir im Laufe der Zeit wirklich ans Herz gewachsen ist.

Abgesehen von der Anfangsszene, bei der es Klopfgeräusche aus einem frischvergrabenen Sarg zu hören gibt, gibt es eigentlich kaum „übernatürlich“ wirkende Szenen in diesem Roman, aber auch das ist passend, denn der Sommer auf Öland ist so kurz, dass man sich darauf konzentriert das Leben zu genießen – erst im Herbst kommt dann wieder die Zeit für Geistergeschichten. 😉 Dafür gibt es wieder viele Erinnerungen von Gerlof an frühere Zeiten, doch statt sich darüber zu grämen, wie sehr sich die Insel verändert hat, versucht er sich mit all den Neuerungen zu arrangieren. Dabei gibt es so wunderbare kleine Szenen wie der Moment, in dem Gerlof feststellt, dass er mit seinem neuem Hörgerät wieder die Vögel im Garten hören kann. Ich mag diese Mischung aus Abschiednehmen (wenn der Sommer vorbei ist, muss er wieder vom Sommerhäuschen in sein Pflegeheim ziehen) und dem Willen das Leben positiver zu sehen und mehr auf anderen Menschen zuzugehen. So sind es auch diese kleinen Szenen, die lange in mir nachklingen, auch weil sie in solchem Kontrast zu Arons Erlebnissen stehen.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt: Der Mann, der kein Mörder war

„Der Mann, der kein Mörder war“ von Michael Hjorth und Hans Rosenfeld war eine Empfehlung von Tine, die sehr begeistert von dem Roman war und ihn sehr spannend fand. Da ich ja immer auf der Suche nach neuen Autoren bin und regelmäßig versuche, meine Vorurteile gegenüber skandinavischen Krimis abzubauen, hatte ich mir das Buch in der Bibliothek vormerken lassen. Hauptfigur der Geschichte ist der Psychologe Sebastian Bergman und leider muss ich sagen, dass mir der Roman ohne diesen Charakter deutlich besser gefallen hätte – keine gute Voraussetzung, um eine Geschichte zu genießen.

Theoretisch dreht sich die Handlung um den Mord an einem Schüler, der – Tage, nachdem er von seiner Mutter als vermisst gemeldet wurde – mit 22 Stichen im Rücken und fehlendem Herzen in einem Waldstück bei Västerås gefunden wird. Da die örtliche Polizei schon Mist gebaut hatte, weil die Vermisstenmeldung erst verschleppt und dann nicht ernst genommen wurde, und zusätzlich der verantwortliche Polizist auch noch seinen Suchtrupp verlassen hat, so dass die – unangebrachterweise von ihm rekrutierten – jugendlichen Pfadfinder die Leiche fanden, wird das Team von Kommissar Höglund aus Stockholm gerufen, um die Ermittlungen zu übernehmen. 
Neben den Ereignissen rund um die Aufnahme der Ermittlungen bekommt man als Leser noch mit, wie der Psychologe Sebastian Bergman nach Västerås reist, um nach dem Tod seiner Mutter sein Elternhaus zu verkaufen. Dass sein Verhältnis zu seinen Eltern nicht gut war, steht von Anfang an fest, ebenso, dass er seit Jahrzehnten nicht mehr im Västerås war. Außerdem bekommt man schnell mit, dass Sebastian Frau und Kind bei einem tragischen Ereignis verloren hat und dass er grundsätzlich ein ziemlicher Mistkerl ist. Im Laufe der Zeit treffen Sebastian und Torkel Höglund aufeinander, und der Kommissar erklärt sich bereit, Sebastian an den Ermittlungen in dem Mordfall teilhaben zu lassen, da er früher mit dem Psychologen befreundet war, während dieser noch für die Polizei gearbeitet hatte. Sebastian hingegen hat ganz eigene Gründe, warum er wieder mit Torkel zusammenarbeiten möchte.
Erst einmal muss ich sagen, dass ich bei vielen skandinavischen Krimis den Eindruck habe, dass der Fall und sein Opfer nicht relevant sind. Es wird den Polizisten und ihren persönlichen Problemen so viel Raum zugesprochen, dass alles andere kaum noch Gewicht hat. Hier hätte mich das nicht so gestört, weil ich das Team rund um Torkel Hörlund eigentlich recht sympathisch und stimmig fand. Außerdem waren die Ermittlungen nicht einfach durchzuführen, da das Opfer kaum Außenkontakte hatte und durch die örtliche Polizei so einige Probleme verursacht wurden. Hätte der Roman also nur aus diesen Elementen bestanden, hätte ich mich ganz gut unterhalten gefühlt, ohne aber das Bedürfnis zu haben, die Reihe weiter zu verfolgen.
Die Figur des Sebastian Bergman hingegen hat dafür gesorgt, dass ich mich ständig beim Lesen geärgert habe. Ich kann mit unhöflichen und destruktiven Charakteren leben, wenn ich das Gefühl habe, dass es der Geschichte zuträglich ist und das Verhalten eine stimmige Ursache hat. Aber je mehr ich über Sebastian erfuhr, desto unerträglicher fand ich sein Arschloch-Verhalten. Dazu kamen dann noch die entsetzlich ausgelutschte Geschichte mit seiner Familientragödie und die vorhersehbare Wendung zu einer persönlichen Sache am Ende des Romans (okay, da hätte es zwei mögliche Auflösungen gegeben, aber überraschend war da nichts) und das führte dazu, dass ich mich nach der letzten Seite fragte, wieso diese Figur überhaupt so viele Fans gefunden hat. Ich habe nichts gegen kaputte Typen, die können wirklich reizvoll sein, aber wenn ein Charakter so konstruiert-kaputt gestaltet wird, dann empfinde ich ihn nur als Belastung für eine Geschichte.
Nachdem also Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt mich nicht überzeugen konnten, greife ich in den nächsten Tagen lieber wieder zu Lotte und Søren Hammer und hoffe, dass der zweite Teil um Kommissar Konrad Simonsen mich dafür gut unterhalten kann.

[Kurz und Knapp] Åsa Larsson: Denn die Gier wird euch verderben

„Denn die Gier wird euch verderben“ von Åsa Larsson hatte ich ja schon gestern erwähnt, als ich über meine Unentschlossenheit bei der Buchwahl gejammert habe. Und auch zwei Tage nach dem Lesen weiß ich nicht so recht, was ich von dem Roman halten soll. Aber erst einmal kurz zum Inhalt: In der Nähe von Kiruna (der nördlichsten Stadt Schwedens) wird eine Frau namens Sol-Britt ermordet. Ihr kleiner Enkelsohn, um den sie sich gekümmert hat, wird verstört im Wald aufgefunden, kann aber nichts über die Tat aussagen. Bei ihren Ermittlungen stellen die Staatsanwältin Rebecka Martinsson und die Polizeiinspektorin Anna-Maria Mella nicht nur fest, dass Sol-Britt einen heimlichen Liebhaber hatte, sondern auch, dass es in den letzten Jahren erstaunlich viele Todesfälle in der Familie gab.

Obwohl dieser Roman schon der fünfte Teil rund um Rebecka Martinsson und Anna-Maria Mella ist, hatte ich nicht das Gefühl, dass mir relevantes Vorwissen fehlen würde. Aber trotzdem denke ich, dass ich einige Personen besser hätte einschätzen können, wenn ich die anderen vier Bücher gekannt hätte. Und vielleicht hätte es mir dann beim Lesen nicht so viel ausgemacht, dass – gefühlt – jede der vielen Figuren irgendwie „versehrt“ ist. Die Häufung der angeschlagenen Charaktere wurde mir im Laufe der Zeit wirklich etwas viel, genauso wie die gesamte Atmosphäre mir zu trüb war. Aber das ist ein Problem, das ich häufiger bei skandinavischen Krimis habe – mir fehlen da viel zu oft die ausgleichenden Elemente, um als Leser mit der Melancholie einer Geschichte umgehen zu können. Dabei hat Åsa Larsson auch immer wieder witzige oder heimelige Szenen eingebaut, die die Handlung auflockern, aber das reichte mir nicht, um das Buch mit einem zufriedenen Gefühl beenden zu können.

Bei dem Kriminalfall bin ich auch zwiegespalten. Die Handlung hat sich wirklich gut lesen lassen, die Auflösung war zwar abzusehen, sprang einen aber nicht direkt an. Allerdings wurde die notwendige Information, die man benötigte, um das Motiv zu verstehen, erst sehr spät gegeben, was bei mir dazu führte, dass ich diesen Punkt eigentlich nur noch als letztes Puzzlestück registrierte, ohne das Gefühl zu haben, dass sich da nun ein Rätsel für mich löst oder ich die Befriedigung verspürte, Recht gehabt zu haben. Dafür hat der zweite Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielte, bei mir häufiger dazu geführt, dass ich lieber nicht weitergelesen hätte, weil ich schon wusste, dass dieser Teil der Geschichte mit einem Mord endet, und mir meine Fantasie den Weg dahin schlimmer ausmalte, als er im Endeffekt war.

Gut gefallen haben mir Åsa Larssons Fähigkeiten beim Charakterentwurf – so richtig gut! Es gibt ganz am Anfang des Romans einen Bärenjäger, der gerade mal ein paar Absätze lang vorkommt. Aber diese wenigen Sätze über diese Person haben mein Interesse so sehr geweckt, dass ich mir wirklich wünschte, er würde noch einmal irgendwo in der Geschichte vorkommen. Und obwohl ich mich fragte, warum Rebecka mit ihrem Freund zusammen ist (wer weiß, vielleicht erklärt sich das ja auch in den ersten Krimis der Autorin), so habe ich ihr ihre schwankenden Gefühle für diesen Mann doch abgenommen. Ich mag die Vielschichtigkeit, die die meisten Figuren aufweisen, die unterschiedlichen Motive, Stärken und Schwächen werden von Åsa Larsson glaubwürdig beschrieben, wobei sie bei den negativen Charakteren nicht ganz so überzeugt, so dass ich mir gewünscht hätte, dass auch die „Bösewichte“ in der Geschichte (z. B. der unfähige Kollege von Rebecka), weniger einseitig beschrieben worden wären.

Letztendlich weiß ich immer noch nicht so recht, was ich von dem Buch halten soll. Es gibt ein paar Szenen, die ich nie wieder lesen möchte – so wurde mir richtig übel, als ein Hund getötet wurde, obwohl es im Rahmen der Handlung stimmig war. Auf der anderen Seite bin ich auch drei Tage nach dem Lesen immer noch neugierig auf die Figuren, würde gern mehr über sie und ihren Hintergrund erfahren und frage mich, ob ich mir nicht die ersten vier Romane der Autorin auch noch besorgen soll …

Johan Theorin: Blutstein

Dank der örtlichen Bibliothek habe ich nun auch den dritten „Öland“-Band von Johan Theorin lesen können. Nachdem ich mit „Öland“ den Herbst und mit „Nebelsturm“ den Winter auf der schwedischen Insel erleben konnte, zieht mit „Blutstein“ der Frühling ins Land. Das Eis bricht, die ersten Zugvögel erreichen die Insel und Blumen erblühen. Noch ist es so früh im Jahr, dass die Insel nicht von Touristen und Sommerhausbesitzern überschwemmt wird, auch wenn die ersten Wochenendbesucher schon da sind.

Auch Per Mörner zieht es in diesem Frühjahr auf die Insel, nachdem er vor einiger Zeit ein kleines Haus an einem Steinbruch geerbt hat. Der Mann hat so einige Probleme im Leben und hofft, dass er vom Frieden auf der Insel profitieren kann. Doch der Leser weiß vom ersten Moment an, dass dieser Frühling nicht friedvoll wird, verrät der Prolog doch schon, dass Per in der Walpurgisnacht (am 30. April) um sein Leben kämpfen muss …

Wie es sich für einen Roman von Johan Theorin gehört, entwickelt sich die Handlung nach dem erschreckenden Prolog erst einmal recht gemächlich. Neben Pers Häuschen gibt es auch zwei neue Sommerhäuser am Steinbruch, die eindeutig betuchten „Stadtmenschen“ gehören. Eines dieser Domizile gehört Vendela Larsson und ihrem Mann Max – und so kann man als Leser aus Vendelas Sicht mitverfolgen, dass die Ehe der beiden nicht gerade harmonisch verläuft.

Während Max seinem Erfolg hinterherläuft, verliert sich Vendela in Geschichten über Trolle und Elfen, die sie in ihrer Kindheit gehört hat. Denn obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr auf Öland war, so ist sie doch in der Nähe ihres neuen Sommerhauses auf dem Hof ihres Vaters aufgewachsen und muss nun ständig an die Elfengeschichten denken, die ihr Vater ihr früher erzählt hat – doch mit diesen märchenhaften Erinnerungen kommen auch die längst verdrängten Ereignisse in ihn wieder hoch.

Auch Pers Leben wurde von seinem Vater Gerhard (der sich vor Jahren in „Jerry Morner“ umbenannt hat) geprägt. Dieser war als Produzent von Filmen und Zeitschriften reich geworfen, hatte aber selbst an den wenigen Wochenenden, die er seinen Sohn sehen konnte, keine Zeit für diesen. Obwohl sich Per schon lange damit abgefunden hat, dass sein Vater keine Liebe für ihn empfindet und sein Geld mit Pornos gemacht hat, versucht er doch keinen Kontakt zwischen seinem Umfeld und Jerry entstehen zu lassen. Nun aber kann Jerry nach einem Schlaganfall nicht mehr allein zurecht kommen und als sein altes Studio abbrennt, muss Per ihm beistehen.

Wieder einmal haben mir die atmosphärischen Beschreibungen der Insel und ihrer Einwohner gefallen. Ein paar liebgewonnene Charaktere habe ich in „Blutstein“ wiedergetroffen und ein paar neue sympathische Figuren kennengelernt. Vor allem Per Mörner in seiner ganzen Unbeholfenheit, seinen Versuchen für seine Kinder Nilla und Jesper da zu sein und seine Bemühungen mehr über seinen – ungeliebten – Vater herauszufinden, ist mir schnell ans Herz gewachsen. Vendela fand ich stellenweise etwas zu sehr verloren in ihrer Traumwelt, aber Johan Theorin hat es geschafft mir auch das verständlich zu machen. Würde ich eine solche Ehe führen oder auf eine solche Kindheit zurückblicken, dann würde ich vielleicht auch Zuflucht bei Elfen suchen.

Obwohl Vendelas und Pers Geschichten kaum miteinander etwas zu tun haben, fand ich, dass sich die beiden Handlungsstränge gut ergänzt haben. Auf der einen Seite ein ungeschickter, aber liebevoller Vater, der zwischen Brandstiftung, Mord und Pornogeschäft versucht  etwas Licht in diese schmutzigen Vorgänge zu bringen und auf der anderen Seite die Flucht vor der Wirklichkeit, die Hoffnung auf übernatürliche Hilfe und die eine oder andere Szene, die sich einfach nicht mit Logik erklären lässt.

Das alles führt zu einer faszinierenden Geschichte, die zwar nicht gerade als atemberaubend bezeichnet werden kann, mich aber auch einfach nicht losgelassen hat. Wie schon bei „Öland“ und „Nebelsturm“ konnte ich „Blutstein“ nicht lange aus der Hand legen, weil ich einfach wissen wollte wie es weitergeht. Ich finde es großartig, dass Johan Theorin mit seinen Kriminalromanen Geschichten schafft, deren Verlauf ich nicht einfach vorhersagen kann und die immer wieder eine überraschende Wendung für mich bereithalten.

Johan Theorin: Nebelsturm

Gerade weil ich „Nebelsturm“ vor „Öland“ gelesen habe, kann ich sagen, dass man diese Roman wirklich unabhängig voneinander lesen kann. Aber da ich schon wusste, welche Figuren in „Nebelsturm“ vorkommen, wurde mir am Ende von „Öland“ auch ein wenig die Spannung genommen. Wer also einen Blick in diese Krimis werfen will, dem empfehle ich die richtige Reihenfolge. Außerdem hatte ich bei „Nebelsturm“ das Gefühl, dass man sich noch stärker auf die gemächliche Erzählweise des Autors einlassen muss. Die zählt in meinen Augen übrigens zu den großen Stärken von Johan Theorin, aber ungeduldigeren Lesern ist das Erzähltempo vermutlich zu langsam.

Wie in „Öland“ wird auch die Handlung in „Nebelsturm“ aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei die – gerade erst auf den Åludden-Hof auf Öland gezogene – Familie von Joakim und Katrine Westin im Mittelpunkt steht. Das Ehepaar will die zum Hof gehörenden Häuser liebevoll renovieren, so wie sie es schon mit ihrem früheren Haus gemacht hat, und hofft, dass sie ihren beiden Kindern auf der Insel ein schöne Umgebung bieten könnten. Doch bevor sie noch richtig Fuß in ihrem neuen Heim fassen können, kommt es zu seltsamen Vorkommnissen und einem Todesfall.

Parallel zu ihrem Erzählstrang erfährt der Leser noch die tragische Geschichte des Hofes und der dazugehörigen beiden Leuchttürme. Diese Vergangenheit wirft schnell ihren Schatten auf das Leben der jungen Familie. Verschlimmert wird das Ganze auch noch dadurch, dass Katrines Mutter vor einigen Jahren dort gelebt hat und für ihre Tochter einige Schauergeschichten über den Hof aufgeschrieben hat. Zuletzt verfolgt man noch die Sicht von Tilda, einer jungen Polizistin, die gerade ihre neue Arbeit auf der Insel angetreten hat und deren verwandtschaftliche Beziehungen zu der Insel ihr einen ganz eigenen Einblick in die Geschehnisse geben.

Wie schon erwähnt, so ist das Erzähltempo von Johan Theorin in diesem Roman recht gemächlich. Die Spannung entsteht nicht aus nervenzerreißenden Geschehnissen, sondern aus dem Spiel zwischen atmosphärischen Beschreibungen der Insel, kleinen Schauerelementen und Geistergeschichten und den vielen kleinen Geheimnissen der verschiedenen Personen. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen ständig zwischen „das ist doch alles Einbildung“ und „also doch Geister auf dem Åludden-Hofes“ schwankte. Besonders hat es mir gefallen, dass jede Beschreibung von der Person gefärbt wurde, aus deren Sicht man die jeweilig Szene las – und so konnte man sich nie sicher sein, dass das Erzählte auch wirklich „wahr“ war.

Wer klassische Ermittlungen verfolgen will, sollte von Johan Theorins Bücher wohl lieber die Finger lassen. Aber wer sich auf eine atmosphärische Handlung mit leichten Anklängen einer Geistergeschichte, ungewöhnliche Hauptfiguren, eine eher unaufgeregte Erzählweise und eine klare und direkte Sprache einlassen kann, der bekommt mit „Nebelsturm“ einen Roman, der einen auch nach einigen Monaten noch nicht ganz losgelassen hat. Richtig perfekt ist „Nebelsturm“ übrigens an einem richtig kalten Wintertag, wenn draußen der Schnee stürmt – also eindeutig ein Fall für die Weihnachtswunschliste!