Camilla Läckberg: Die Eishexe

„Die Eishexe“ von Camilla Läckberg war eine spontane Ausleihe in der Bibliothek, und erst nachdem ich den Kriminalroman schon angefangen hatte, habe ich festgestellt, dass es schon der zehnte Teil rund um die Schriftstellerin Erika Falck und ihren Mann Hauptkommissar Patrik Hedström ist. Ich glaube, dass das dann auch der Hauptgrund dafür war, dass ich mich die ganzen 750 Seiten lang fragte, ob ich das Buch lieber abbrechen sollte oder nicht. Denn einerseits fühlte ich mich vollkommen erschlagen davon, dass ich allein auf den ersten zwölf Seiten schon über sechzehn Personen „kennengelernt“ habe und zum Großteil nicht zuordnen konnte (vermutlich weil mir das Vorwissen aus den ersten neun Bänden fehlte), andererseits schreibt Camilla Läckberg gut genug, dass ich schon wissen wollte, was hinter den beiden Kriminalfällen, die im Roman vorkamen, steckte.

Der aktuelle Fall dreht sich um das Verschwinden der vierjährigen Linnea Berg, die einen Tag, nachdem eine große Suchaktion nach dem Kind startete, ermordet im Wald gefunden wurde. Die Tat an sich ist schon schrecklich genug, doch die Tatsache, dass dieser Mord an ein Ereignis erinnert, das dreißig Jahre zuvor stattfand, macht den Fall besonders brisant. Damals hatten zwei dreizehnjährige Mädchen gestanden, dass sie die vierjährige Stella ermordet hatten. Besonders auffällig ist dabei, dass Stella vor dreißig Jahren auf dem gleichen Hof zuhause war wie Linnea heute, und dass die beiden Kinder an derselben Stelle ermordet aufgefunden wurden. Für den Leser bedeuten diese Parallelen, dass man die beiden Fälle bruchstückweise verfolgt. Der aktuelle Fall entwickelt sich langsam, während man die verschiedenen Beteiligten kennenlernt und die Ermittlungen Stück für Stück vorangehen. Der frühere Fall wird in kleinen Einschüben zwischen den aktuellen Ereignissen erzählt, so dass man auch da relativ gemächlich mehr über den Mord erfährt.

Diese zwei Fälle wären meiner Meinung nach schon genug Stoff für einen Kriminalroman, aber Camilla Läckberg hat noch eine weitere Geschichte in die Handlung eingeflochten, und so verfolgt man noch das Schicksal von Elin, die im Jahr 1671 zur Witwe wird und deshalb als Magd für ihre eher herzlose Schwester Britta auf dem Pfarrhof arbeiten muss. Dieser Handlungsstrang scheint erst einmal nichts mit den anderen beiden Ereignissen zu tun zu haben, auch wenn Elin ebenfalls eine junge Tochter hat. Mir persönlich wurde das Ganze etwas arg viel, vor allem, da die vielen Perspektivwechsel (nicht die Zeitwechsel!) ohne große Kennzeichnung vonstatten gingen, so dass ich mich vor allem am Anfang regelmäßig wunderte, wieso die Person, von der ich gerade las, jetzt in einem ganz anderen Umfeld und bei einem ganz anderen Thema war. Allerdings muss ich der Autorin zugutehalten, dass ihre Charakterisierungen recht prägnant sind, so dass ich trotz der Menge an Figuren in dem Roman immer relativ schnell wieder eine Vorstellung davon hatte, welcher Charakter nun in welchem Verhältnis zu den anderen stand und was die letzten Informationen waren, die ich zu dieser Person bekommen hatte.

Auch hat Camilla Läckberg es geschafft, in mir so viel Anteilnahme für die verschiedenen Charaktere zu wecken, dass mich diese bei der Stange gehalten haben, obwohl ich die Erzählweise mit den drei Handlungssträngen nicht mochte und auch sonst noch einige Kritikpunkte an „Die Eishexe“ gefunden habe. Mit all den vielen Figuren und ineinander verflochtenen Vorfällen hätte ich zum Beispiel auf die Einbindung eines Flüchtlingsheims inklusive Brandanschlägen und rassistischen Vorurteilen in die Geschichte gut verzichten können. Diese Elemente sind zwar leider sehr realistisch, sind aber in dem an sich schon überfrachteten Roman meinem Gefühl nach fehl am Platz gewesen. Auf der einen Seite hat die Autorin diesem Teil der Ermittlungen nicht genügend Raum zusprechen können, auf der anderen Seite haben diese Handlungselemente die überladende Geschichte noch unübersichtlicher gemacht.

Wenn ich dann überlege, dass ich trotz all dieser vielen verschiedenen Figuren und Fälle relativ früh schon wusste, in welche Richtung sich die verschiedenen Ermittlungen und Vorfälle auflösen würden, dann habe ich am Ende – trotz der gut geschriebenen Figuren – ein bisschen das Gefühl, ich hätte meine Zeit mit diesem Roman verschwendet. Aber ich denke auch, dass ich das Buch vielleicht anders beurteilen würde, wenn ich die Hauptfiguren, ihre Kollegen und Familienmitglieder schon neun Romane lang begleitet hätte. Dann würden mich all die vielen kleinen Szenen, die ich zwar als schön geschrieben, aber eher belanglos empfunden habe, vielleicht befriedigter zurücklassen, weil damit ein Handlungsstrang fortgesetzt würde, der schon vor einigen Büchern seinen Anfang genommen hat. Momentan weiß ich nicht so recht, ob ich noch einmal einen Kriminalroman von Camilla Läckberg lesen würde – wenn dem der Fall sein sollte, würde ich auf jeden Fall darauf achte, dass ich den ersten Band in die Finger bekomme und nicht so spät in eine Reihe einsteige.

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