Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Leseeindrücke im Juni und Juli (1)

„Unholy Magic“ und „City of Ghosts“ von Stacia Kane hatte ich – ebenso wie „Unholy Ghosts“– von Hermia ausgeliehen und im Juni gelesen. Beide Bücher sind nicht gerade perfekt, wenn man etwas unkonzentriert ist, und an den Slang habe ich mich bis zur letzten Seite nicht richtig gewöhnen können, auch wenn er sehr gut zum Setting passt. 😉 Aber die Romane haben mir Spaß gemacht und ich finde die Welt, die Stacia Kane für diese Urban-Fantasy-Reihe erdacht hat, wirklich toll. Auch die Protagonisten mag ich und die Fälle, die Chess Putnam lösen muss, finde ich ebenfalls reizvoll. In Band 2+3 fand ich sie auch „professioneller“ in Bezug auf ihre Drogensucht, das hatte ich ja beim ersten Teil nicht so stimmig gefunden.

Allerdings gibt es hier auch ein paar Kritikpunkte von meiner Seite. So finde ich es nach drei Bänden schon etwas schade, wenn sie mit einem offiziellen Auftrag der Kirche und gleichzeitig mit einem „privaten“ Fall beschäftigt ist, dass beide unweigerlich am Ende zusammenhängen. Das nimmt der Handlung doch einiges an Spannung. Ebenso fand ich in allen drei Teilen wichtige Elemente der Auflösung der jeweiligen Fälle sehr vorhersehbar – vor allem durch die Verwendung altbekannter Klischees oder das Ignorieren von Erkenntnissen aus den vorherigen Bänden. Trotzdem habe ich es genossen mich insgesamt drei Romane lang mit dieser wirklich ungewöhnlichen Welt und der ebenso ungewöhnlichen Protagonistin beschäftigen zu können. 🙂

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Ich weiß nicht mehr, auf welchem Blog ich über „Der ungeladene Gast“ von Sadie Jones gestolpert bin, aber es klang nach einer reizvollen und mysteriösen Geschichte, so dass ich den Roman in der Bibliothek vorgemerkt habe. Gelesen habe ich das Buch dann an einem Tag und muss zugeben, dass mir die Handlung ohne den mysteriösen Teil deutlich besser gefallen hätte. Am Anfang bekommt man das Haus „Sterne“ und die im Jahr 1912 darin lebende Familie Torrington vorgestellt.

Emerald Torrington hat an diesem Tag Geburtstag, ihr Stiefvater reist trotzdem nach London, um Geld zum Erhalt des Anwesens aufzutreiben, und die – viel zu wenigen – Angestellten versuchen irgendwie alles für die Abendgesellschaft und die Gäste, die erwartet werden, vorzubereiten. Die zum Teil etwas exzentrischen Torringtons, der Stress, der mit dem Besuch einhergeht, und das Aufeinanderprallen der verschiedenen Charaktere am Abend  – das Alles hätte genügend Stoff für einen amüsante und spannenden Roman geboten. Aber Sadie Jones fügt noch ein weiteres Element hinzu, in dem sie in der Nähe ein Zugunglück geschehen lässt, dass nicht nur eine Gruppe gestrandeter Reisender nach „Sterne“ bringt, sondern auch einen Mann aus der Vergangenheit von Charlotte Torrington, Emeralds Mutter.

Die Passagen rund um diesen ungeladenen Gast und die Reisenden sind sehr atmosphärisch geschrieben, aber wirklich gefallen haben sie mir nicht. Die Auflösung fand ich vorhersehbar und hätte es nicht das Pony am Ende gegeben (mehr will ich wegen Spoilergefahr nicht schreiben), hätte ich das Buch sehr unzufrieden zugeschlagen. Die Idee an sich und den Schreibstil kann ich anerkennen, aber mir persönlich hätte die Geschichte schlichter besser gefallen.

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„A Vision in Velvet“ von Juliet Blackwell ist schon der sechste Band der Witchcraft-Mystery-Serie. Dieses Mal dreht sich die Geschichte rund um einen Baum, unter dem jemand ermordet wurde, und das Verschwinden von Lilys Vertrautem Oscar. Ich fand es besonders niedlich zu lesen, wie Lilys magische Freunde ihr die ganze Zeit erzählen, dass Oscar verloren ist und dass sie sich einen neuen Vertrauten zulegen soll, während gleichzeitig ihre „normalen“ Freunde, die nichts von Oscars wahrer Identität ahnen, einen riesigen Aufstand machen, um das verloren gegangene Hängebauchschwein wiederzufinden. Es bleibt dabei, dass ich die Reihe inklusive Krimianteil, Humor und Charakterentwicklungs sehr mag und ich freu mich jetzt schon darauf irgendwann einen weiteren Band zu lesen.

Lena Gorelik: Die Listensammlerin

Ich habe keine Ahnung mehr, wie und wo ich über „Die Listensammlerin“ von Lena Gorelik gestolpert bin, aber vor ein paar Wochen meldete mir die Bibliothek, dass das Buch für mich zur Abholung bereit stünde. Gelesen habe ich es dann (mal wieder) am Tag vor der Abgabe und habe so einen sehr intensiven Dienstag mit Sofia, Anna, Flox, Grischa, Anastasia und dem Rest der Familie verbracht.

Auf der einen Seite erzählt „Die Listensammlerin“ von der unglücklichen Autorin Sofia, die seit der Geburt ihrer Tochter keine einzige Geschichte mehr geschrieben hat, mit ihrem Leben nicht zurechtkommt und die ich ehrlich gesagt auch als sehr anstrengend empfunden habe. Sofia ist es auch, die Listen sammelt. Schon von Kindheit an erstellte sie Listen über alle möglichen Dinge, ergänzte und pflegte sie und hob sie auf. Ihre Listen geben ihr Halt, wenn ihr das Leben zu viel wird, wenn es zu einer Ausnahmesituation kommt oder wenn sie etwas verarbeiten muss. Dabei drehen sich die Listen um so gut wie jedes Themengebiet von „Sätze, die ich niemals sagen wollte“ über „Szenen meines Lebens, die aus einem (Hollywood-)Film stammen könnten“ bis zu „Momente, in denen ich Frank [das ist ihr Stiefvater] weinen sah“.

Sofias Passagen erstrecken sich eigentlich nur über wenige Tage. Tage, in denen sie auf die dritte Operation ihrer mit einem Herzfehler geborenen Tochter wartet, in denen sie ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter im Pflegeheim besucht, in denen sie die frühere Wohnung der Großmutter ausräumt, in denen sie sich an die vergangenen zwei Jahre erinnert, in denen sie und ihr Freund Flox mit der Krankheit und dem möglichen Tod von Anna fertig werden mussten, in denen sie sich mit ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter Anastasia beschäftigt und in denen sie herausfindet, dass sie nicht die einzige Person in der Familie ist, die Listen schreibt.

Der andere Erzählstrang beginnt sehr viel früher in der Sowjetunion und erzählt von Grischa, der mit seinen Eltern, seinem großen Bruder Andrej und seiner kleinen Schwester Anastasia in einer Kommulka lebt. Grischa ist der Klassenclown, ein charmanter Junge, ein begabtes Kind – und gefährlich anders als alle anderen. Grischa hinterfragt Dinge, er will verstehen und wissen und – wie man im Laufe der Geschichte feststellen kann – er lernt nie, seine Fragen zu filtern, er lernt nie, wann er vielleicht besser den Mund halten sollte, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Grischa ist jemand, der anscheinend niemals Angst hat, während gerade dieser Punkt – ebenso wie seine kritische Haltung zum System – seiner Familie umso mehr Angst macht.

Die Kapitel rund um Grischa fand ich wunderschön. Eingeleitet wurden diese von Listen (zum Beispiel von „Männern mit schönen Händen“ oder „Sachen, die ich meiner Mutter wünsche“) und sie erzählten auf eine wunderschöne und sehr liebevolle Weise vom Anderssein, vom Hinterfragen eines Systems wie es in der Sowjetunion herrschte, und von dem Bedürfnis eines Künstlers, sich frei ausdrücken zu können. Überhaupt hat es Lena Gorelik geschafft, wunderschön zu beschreiben, wie Grischa seine Umgebung wahrnimmt, wie er sich die Bilder zu dem Erlebten vorstellt, wie er Stimmungen und Gefühle in Maltechniken (nicht Farben!) empfindet.

Sofia hingegen fand ich nicht so überzeugend. Nicht wegen ihrer Listen, die ich in gewisser Weise charmant fand, sondern weil ich sie als so anstrengend empfunden habe. Dabei muss ich zugeben, dass die Probleme, die ich mit der Protagonisten hatte, die gleichen Probleme waren, die die Protagonistin mit sich selber hatte. Sofia war so schrecklich überempfindlich. Während der aktuellen Szenen konnte ich es noch verstehen, die anstehende Operation belastete sie ebenso wie die Situation ihre Großmutter, zu der sie als Kind ein sehr enges Verhältnis hatte. Aber auch bei den Kindheitsszenen schien sie mir überempfindlich und immer undankbar, immer gereizt, immer bereit zum Angriff – mir fehlte da wirklich ein „schöner“ Ausgleich, ein Charakterzug, der vielleicht erklärt, warum jemand mit dieser Person überhaupt eine Beziehung eingehen würde. Auf der anderen Seite gab es viele Momenten zwischen Sofia und ihrer Familie und auch Grischa und seiner Familie, die wiederum in mir Erinnerungen an meine Familie geweckt haben und die ich als universell familiär empfunden habe.

Lena Gorelik erzählt beide Geschichten sehr episodenhaft. Sie erklärt viele Dinge nicht, gibt am Ende keine Antworten auf bestimmte Fragen, aber gerade das mochte ich, weil es Raum für die eigenen Gedanken bietet und weil die Handlung es auch nicht nötigt hat, dass alles geklärt wird. Wie schon gesagt, habe ich einen sehr intensiven Tag mit dem Buch erlebt und habe das sehr genossen. Auf der anderen Seite muss ich nach gerade mal zwei Tagen feststellen, dass abgesehen von einigen kleinen Szenen und einigen Gefühlen, die ich mit dem Roman verbinde, es eigentlich nur Grischa ist, der sich bei mir festgesetzt hat und der wohl noch ein wenig in Erinnerung bleiben möchte.

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Auch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker habe ich über Caroline entdeckt und dann überraschend schnell in der Bibliothek ausleihen können. Der Roman wird aus der Perspektive des Schriftstellers Marcus Goldman erzählt und beinhaltet mehrere miteinander verwobene Geschichten. Die Handlung dreht sich um die Frage, wer die junge Nola vor 33 Jahren ermordet hat, sie erzählt von der Freundschaft zwischen dem Autor Harry Quebert und Marcus Goldman, von all den Menschen, die durch Harrys Ankunft in dem kleinen Ort Aurora beeinflusst wurden und von denen, deren Leben durch Nolas Verschwinden sich veränderte. Außerdem erzählt der Roman von der Liebe zwischen Nola und Harry, von den kleinen Entscheidungen, die ein ganzes Leben beeinflussen können , von Verlust und von mehreren Büchern, die Marcus Goldman geschrieben hat.

Dabei beginnt für Marcus alles an dem Tag, an dem er von Harry einen Anruf erhält, in dem dieser ihm mitteilt, dass auf seinem Grundstück die Leiche der siebzehnjährigen Nola gefunden und er wegen Mordes verhaftet wurde. Für Marcus ist die Vorstellung absurd, dass Harry einen Mord begangen haben soll, auch wenn er wusste, dass sich der damals 34jährige Harry vor 33 Jahren in die junge Nola verliebt und eine Beziehung mit ihr geführt hatte. So macht sich der Schriftsteller auf in den kleinen Ort Aurora, um mehr über Nola herauszufinden und Harrys Unschuld zu beweisen.

In Aurora ist Marcus aufgrund seiner langen Freundschaft mit Harry kein Unbekannter, doch immer wieder lassen ihn die Einwohner spüren, dass er auch keiner von ihnen ist. Je mehr er in der Vergangenheit gräbt, je mehr er über Nola – und ihre Beziehungen zu ihrer Familie, ihren Nachbarn, ihren Mitschülern und ihrer Arbeitgeberin – herausfindet, desto mehr wird Marcus angefeindet. Immer wieder macht Marcus überraschende Entdeckungen und auch wenn nicht jede Wendung für mich ebenso überraschend war, so gelingt es Joël Dicker so viel Spannung und so viel Sympathie mit den Figuren aufzubauen, dass es mir keinen Moment lang beim Lesen langweilig wurde.

Der Autor hat eine sehr liebevolle Art mit seinen Charakteren umzugehen. Selbst Figuren, die auf den ersten Blick klischeehaft oder unsympathisch aufgebaut wurden, haben Facetten an sich, die dazu führen, dass man sie nicht verurteilt und dass man eigentlich gern von ihnen liest. Marcus Goldman zum Beispiel beschreibt sich selber als jemanden, der sich in seiner Jugend immer so durchlaviert hat, als jemanden, der immer den leichtesten Weg wählte, um sich im bestmöglichen Licht dazustellen, und auch sein Verhalten nach dem Erfolg seines ersten Romans zeigt deutlich, dass er immer noch jemand ist, der Schwierigkeiten damit hat einen „erwachsenen“ Umgang mit Situationen zu finden. Auf der anderen Seite ist da sein Glaube an seinen Freund und Mentor Harry, seine Hartnäckigkeit bei der Suche nach der Wahrheit und letztendlich auch Bedürfnis das „Richtige“ zu tun, so dass man ihn nur schwer für seine Fehler verurteilen kann.

Ebenso ergeht es einem mit Harry Quebert, dessen Beziehung zu einem gerade mal siebzehnjährigen Mädchen weder aus rechtlicher, noch aus moralischer Sicht akzeptable ist – und doch gelingt es Joël Dicker für den Leser nachvollziehbar zu machen, warum sich Harry in dieses Mädchen verliebt hat. Die ganze Vielfalt der Charaktere, mit all ihren Stärken und Schwächen, hat mich wirklich fasziniert. Ich habe mir Gedanken über die gealterte Schönheitskönigin und ihre unerfüllten Träume gemacht, ich hatte Mitleid mit einem jungen und überaus schüchternem Polizisten, ich habe um das zerstörte Leben eines jungen Malers geweint und mich gefragt, welche dieser vielen kleinen Enthüllungen in einem Gespräch nun Marcus auf seiner Suche nach der Wahrheit weiter bringt.

Wirklich neu ist die Geschichte nicht und die Überfrachtung mit so vielen Themen wäre bei einer weniger ruhigen Erzählweise vermutlich viel zu viel geworden, ebenso wie die eher belanglosen Schreibtipps, die Harry Marcus im Laufe der Zeit gibt, aber dank der eher gemächlichen und immer wieder abschweifenden Erzählweise habe ich „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ sehr genossen. Ich habe mich in all den kleinen Dramen verloren, habe die Beschreibungen der Stadt, des Strands und der vielen kleinen zwischenmenschlichen Momente gemocht und mich auch immer wieder von dem Roman an andere Bücher (oder Filme) erinnern lassen.

Natasha Farrant: Die Geschwister Gadsby

„Die Geschwister Gadsby“ von Natasha Farrant habe ich über Carolines Blog entdeckt und konnte das Buch dann sogar recht schnell aus der Bibliothek ausleihen. Die Geschichte wird aus der Sicht der dreizehnjährigen Bluebell (Blue) erzählt. Blue läuft den ganzen Tag mit einer Kamera herum, um ein Filmtagebuch zu führen, so dass man als Leser die Erlebnisse als „beschriebenen Film“ mitbekommt, und nur bei den Passagen, bei denen Blue aus irgendeinem Grund nicht drehen konnte oder durfte, fasst sie im Nachhinein schriftlich zusammen was passiert ist.

Anfangs wirkt Blues Familie zwar sehr chaotisch, aber auch recht zufrieden auf den Leser. Doch schnell wird klar, dass es so einige unausgesprochene Probleme gibt, die den Kindern zu schaffen machen. Während Blues Vater die Woche über nicht in London, sondern in Warwick lebt, fliegt die Mutter für ihren Beruf ständig durch die Welt. Auf die Kinder passt in dieser Zeit Zoran auf, ein Student, der eigentlich an seiner Doktorarbeit schreibt und eindeutig mit der Verantwortung für Blue und ihre Geschwister überfordert ist.

Blues sechzehnjährige Schwester Flora scheint ihre jüngeren Geschwister nur noch zu ignorieren, obwohl Blue einige liebevolle Erinnerungen daran hat, wie Flora sich früher um sie gekümmert hat. Ihre jüngeren Geschwister Jasmine (8 Jahre alt) und Twig (10 Jahre) wirken zwar auf den ersten Blick unbekümmert, aber auch bei ihnen wird immer wieder deutlich, dass auch sie das Gefühl haben, dass die Familie auseinander bricht. Blue selber scheint in ihrer Familie keine nennenswerte Rolle zu spielen, sie beobachtet nur, sie zieht sich ständig zurück, hat keine Freunde und auch in der Schule versucht sie so unsichtbar wie möglich zu sein.

Erst mit dem Einzug des Nachbarjungen Joss ändert sich dies für Blue. Joss sieht wie unglücklich das Mädchen ist und sorgt – um ihr zu helfen – für einige Unruhe in ihrem Leben. So lustig viele der Szenen mit Blue und ihrer chaotischen Familie sind, so zieht sich doch eine gewisse Traurigkeit durch den Roman. Schon früh erfährt man, dass Blue eine Zwillingsschwester hatte, die vor drei Jahren gestorben ist, und wie sehr sie ihre Schwester Iris vermisst. So ist „Die Geschwister Gadsby“ eine wunderbare Mischung aus witzigen, nachdenklichen, traurigen und berührend alltäglichen Szenen. Blue wächst einem schnell ans Herz und auch ihre Familie mochte ich – ebenso wie den armen überforderten Zoran – sehr.

Obwohl es in der Geschichte auch einige ungewöhnliche Momenten gibt, besteht der Großteil des Romans aus beinah alltäglichen Szenen, in denen die einzelnen Charaktere deutlicher ausgearbeitet werden und man die vielen verschiedenen Untertöne mitbekommt, die zwischen den einzelnen Familienmitgliedern so mitschwingen. Und gerade die kleinen Dinge haben bei mir immer wieder dafür gesorgt, dass ich schmunzelten, dass ich den Kopf schüttelte oder mir eine Träne wegwischen musste.

Auch den Erzählstil habe ich sehr gemocht. Auf der einen Seite die – nur auf den ersten Blick – distanziert wirkenden „Filmszene“, auf der anderen Seite die Zusammenfassungen von Blue, die immer wieder ihre aktuelle Gefühlslage zum Ausdruck bringen. Diese Mischung hat für mich einfach gut funktioniert und es hat Spaß gemacht eine Geschichte mal auf diese Weise erzählt zu bekommen.

[Comic] Jim Henson und Jerry Juhl: Jim Henson’s Tale of Sand

Diesen Comic hatte ich schon im März bei der letzten „7 Days – 7 Books“-Aktion gelesen, war aber bislang noch nicht dazu gekommen, mehr zu dem Titel zu schreiben. „Tale of Sand“ basiert auf einem Drehbuch, an dem Jim Henson und sein Schreibpartner Jerry Juhl zwischen 1967 und 1974 gearbeitet haben. Bevor aus diesem Skript ein abendfüllender Film werden konnte, wandte sich Jim Henson der „Sesamstraße“ und der „Muppet Show“ zu. Dort hatte er anscheinend genügend Möglichkeiten, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, so dass „Tale of Sand“ in der Schublade verschwand und erst einmal vergessen wurde.

Um die skurrile Geschichte doch noch der Öffentlichkeit zu präsentieren, entstand unter der Leitung von Jim Hensons Tochter Lisa gemeinsam mit dem Künstler Ramón K. Pérez eine Comicumsetzung des Originalmanuskripts. Ich muss gestehen, dass ich zwar bislang alles mochte, was ich von Jim Henson gesehen habe, sich meine Kenntnis seines Werks aber vor allem auf die Sachen, die nach 1974 entstanden sind, beschränkt. Umso neugieriger war ich auf „Tale of Sand“, als ich von der deutschen Ausgabe hörte.

Die Handlung wird vor allem durch die Bilder erzählt, es gibt nur wenige Dialoge. Dafür wurden immer wieder Passagen des Originaldrehbuchs für die Gestaltung der Seiten verwendet – diese Elemente fand ich richtig spannend und würde zu gern mal das Skript in den Händen halten, mitsamt den ganzen Änderungen und Anmerkungen im Text. Die Handlung selbst ist recht bizarr, wenn auch nicht vollkommen „neu“, da ich einige Elemente schon in anderen Geschichten gesehen habe. Zu Beginn erreicht ein Mann eine kleine Westernstadt in der Wüste, wo gerade eine rauschende Feier stattfindet.

Bevor er sich noch orientieren kann, bekommt er eine Karte in die Hand gedrückt und wird darüber informiert, dass man ihm zehn Minuten Vorsprung gewährt. Er weiß genauso wenig wie die Leser, was es mit dieser ganzen Aktion auf sich hat, stellt aber schnell fest, dass er mit Überschreiten seiner „Startlinie“ zum Gejagten wird. Doch statt einfach nur eine Menschenjagd durch die Wüste zu verfolgen, bekommt man als Leser diverse skurrile Situationen präsentiert, die dieser Mann erlebt. Dabei sind die einzelnen Elemente an sich nicht immer besonders innovativ. Der Hai in der Wüste ist mir ebenso vertraut wie das Spiel mit kleinen Hütten, die ein umfassendes und vielseitiges Innenleben bergen, aber gerade das macht diesen Comic auf die charmanteste Art retro.

Pérez‘ Zeichnungen passen wunderbar zu so einer bizarren und in gewisser Weise altmodisch anmutenden Handlung, und auch wenn ich die eher zarten Farben anfangs etwas gewöhnungsbedürftig fand, unterstreichen sie die Atmosphäre des Comics gelungen. Von dem Panelaufbau bin ich sehr angetan und das Charakterdesign ist toll und erinnert mich an die Western und Krimis meiner Kindheit, die ich in den 70er Jahren gesehen habe. Mir hat „Tale of Sand“ richtig viel Spaß gemacht, und der Band hat mir persönlich eine weitere Facette von Jim Henson gezeigt. Dazu kommt noch, dass der Comic als liebevoll gestaltete Hardcover-Ausgabe mit zusätzlichen Charakter-Skizzen des Zeichners auf den Markt gebracht wurde, was mir besonders zusagt, da ich eine Schwäche für Skizzen habe.

Caroline Vermalle: Denn das Glück ist eine Reise (Hörbuch)

Inzwischen ist es drei Jahre her, dass ich den Roman „Denn das Glück ist eine Reise“ von Caroline Vermalle gelesen habe. Und da mir die Geschichte so gut gefallen hatte und ich gern ein Wiedersehen mit Georges und Charles feiern wollte, habe ich dankbar zugegriffen, als mir Natira das Hörbuch als Leihgabe anbot. Ich muss gestehen, dass ich mir anfangs nicht vorstellen konnte, dass die Passagen, in denen Georges SMS schreibt, vorgelesen funktionieren könnten, hatte mich da aber zum Glück getäuscht. So saß ich vorgestern da und mir kullerten dicke Tränen übers Gesicht, während ich beim Tapetenkratzen die letzte Etappe von Georges und Charles ganz persönlicher Tour de France verfolgte. Ganz ehrlich, wenn man weiß was passieren wird, dann ist diese Geschichte fast noch rührender als beim ersten Lesen …

Da die Hörbuch-Version von „Denn das Glück ist eine Reise“ ungekürzt ist, durfte ich wieder jede einzelne Etappe, die Georges und Charles auf ihrer Reise zurücklegen, genießen. Gelesen wurde das Hörbuch von Tobias Dutschke, der seine Sache ganz wunderbar gemacht hat, auch wenn ich mich anfangs etwas an seine Stimme gewöhnen musste. Das aber liegt daran, dass man die ersten Passagen aus der Sicht von Georges Enkelin Adèle erlebt und zu einer 23jährigen Frau passt die charismatische Männerstimme nicht ganz so gut wie zu dem 83jährigen Georges und seinem deutlich jüngerem (76! *g*) Nachbarn Charles.

Die beiden Herren erfüllen sich einen Jugendtraum und fahren die Etappen der Tour de France mit dem Auto nach. Zwei Monate nehmen sie sich Zeit, um all die Orte anzusehen, die sie nur aus dem Fernsehen kennen. Charles und Georges treiben sehr unterschiedliche Motive an und während man Charles Gründe für die Reise erst spät in der Geschichte herausfindet, so steht von Anfang an fest, dass Georges dieses Vorhaben als letztes Abenteuer seines Lebens geplant hat. Er ist schon seit vielen Jahren gesundheitlich angeschlagen, hat sich entmutigen lassen und seine Lebensfreude verloren. Für ihn ist diese Tour de France eine Möglichkeit noch einmal etwas zu erleben, statt eines Tages tot in seinem Sessel im Wohnzimmer gefunden zu werden.

Dass die Tour anstrengend sein würde, hatte Georges erwartet, doch dass ihm all die neuen Menschen, die er kennenlernt und die wunderschöne Natur der Bretagne neuen Lebensmut geben würden, hatte er nicht erwartet. Dazu kommt noch, dass ihm seine Enkelin Adèle auf die Schliche kommt und darauf besteht, dass er ihr jeden Tag eine SMS mit seinem Aufenthaltsort schickt. Aus diesen kleinen Nachrichten entsteht eine ganz neue Beziehung zwischen den beiden, nachdem sie in den letzten zehn Jahren kaum Kontakt hatten. Obwohl ich die Geschichte ja schon kannte, habe ich es genossen, wenn Georges und Charles sich einen gemütlichen Abend in einem Restaurant gegönnt habe oder wenn sie wieder einen schönen Strand, ein Hafenstädtchen oder ein Hotel mit einem gemütlichen Bett gefunden haben.

Doch vor allem die Beziehung zwischen Georges und Adèle, die Freundschaft zwischen Georges und Charles und all die Dinge, die Georges über sich selber herausfindet, machen dieses Hörbuch so hörenswert. Umso mehr, da Tobias Dutschke all diesen kleinen und größeren Momenten ganz wunderbar zum Ausdruck bringt. Neugierig wie ich bin, habe ich auf einer Seite, auf der man ihn buchen kann, mal sein Profil angeschaut, dort wird er für ein „Sprachalter von 30 bis 45 Jahren“ empfohlen – ich würde diese Empfehlung locker um 40 Jahre raufsetzen. Seine „Altherrenstimme“ ist wunderbar warm, schwankt zwischen Zerbrechlichkeit und Kraft und überzeugt sowohl bei den ruhigeren und bedächtigeren Passagen, als auch bei den emotionalen, spontanen und wütenden Momenten. Für mich werden Georges und Charles von nun an immer so klingen wie in diesem Hörbuch – und das macht mich sehr glücklich.

Nicholas Drayson: Kleine Tierkunde Ostafrikas

Die „Kleine Tierkunde Ostafrikas“ geschrieben von Nicholas Drayson ist der zweite Roman rund um den indischstämmigen Mr. Malik aus Nairobi. Seit den Ereignissen in „Kleine Vogelkunde Ostafrikas“ sind vier Jahre vergangen und obwohl Mr. Malik am Ende des ersten Teils seinen ganzen Mut zusammennahm, um beim jährlichen Ball mit Rose (in die er schon lange heimlich verliebt war) zu tanzen, hat sich ihre Beziehung keinen Deut weiterentwickelt. Stattdessen verbrachte Rose die letzten vier Jahre bei ihrem Vater in Schottland, während Mr. Malik weiterhin sein unauffälliges Ruheständlerleben führte, die Abende in seinem Club verbrachte und einmal die Woche eine brisante Kolumne über Politik für die Zeitung verfasste. Immerhin hatte er in all den Jahren auch Ruhe vor seinem Rivalen Harry Khan, da dieser wieder zurück ins Ausland reiste.

Sein Interesse für Vögel hat Mr. Malik in all der Zeit nicht verloren und auch sonst hängt sein Herz an der Natur Afrikas und so ist es kein Wunder, dass er den jährlichen Campigausflug seines Clubs organisiert. Dabei hängt sein Herz in diesem Jahr besonders an diesem traditionellen Vergnügen, da seine Tochter mit ihrem Verlobten daran teilnehmen wird. Die Hochzeitsvorbereitungen beschäftigen ihn schon einige Monate und so kann er es kaum erwarten, dass dieses Großereignis endlich über die Bühne geht. Währenddessen kehrt Rose nach dem Tod ihres Vaters zurück und auch ihr Sohn findet nach Jahren, die er in der Schweiz gearbeitet hat, eine Arbeit in Nairobi. Doch auch Harry Khan verschlägt es prompt zu dieser Zeit nach Afrika, immer auf der Suche nach lohnenden Investmentprojekten.

Drehte sich in „Kleine Vogelkunde Ostafrikas“ alles um den Wettbewerb der beiden Männer, so konzentriert sich Nicholas Drayson in diesem Roman eher darauf die Korruption der Politiker anzuprangern. Mr. Maliks Klub droht seinen angestammten Platz zu verlieren, die Zeitung, für die er seine Kolumne schreibt, soll ihre Zulassung verlieren und es werden hinter vorgehaltener Hand Absprachen getroffen, um Grundstücke für ein Einkaufscenter nach amerikanischen Vorbild „freizustellen“. Trotz dieses „größeren Themas“ hat man das Gefühl, dass diese Passagen eher im Hintergrund ablaufen, während Mr. Malik mit seinen Freunden Tiere beobachtet, sich Gedanken um die Hochzeitsvorbereitungen macht und immer wieder auf einen Mordfall angesprochen wird, der vor langer Zeit in Nairobi geschah und dessen Täter man nie zweifelsfrei identifizieren konnte.

Dabei stehen auch dieses Mal vor allem die verschiedenen Charaktere im Vordergrund. Mr. Malik hatte ich ja auf Anhieb ins Herz geschlossen und auch dieses Mal habe ich seine liebenswerte, freundliche und doch sehr engagierte Art wieder sehr genossen. Ich mag seinen Einfallsreichtum ebenso wie seinen Gerechtigkeitssinn, seine Neugier und den Respekt, den er anderen Menschen erweist. Es gibt immer wieder Dinge, die er nicht verstehen kann – zum Beispiel das Verhalten seiner Tochter -, aber das hindert ihn nicht daran Zuneigung zu empfinden und die Leute einfach ihren Weg gehen zu lassen. Auf der anderen Seite kämpft er mit seinen Mitteln gegen Korruption und Ungerechtigkeit und setzt dabei auch schon mal grenzwertige Mittel ein.

Ich fühle mich in Mr. Maliks Ostafrika sehr wohl. Es ist ein Land voller Gefahren, Armut und Gauner, aber das alles wird auf eine Weise geschildert, die einen nicht hoffnungslos macht. Dafür gibt es einfach zu viele Figuren, die mit Witz und Verstand gegen diese Missstände vorgehen, die trotz aller Widrigkeiten die grundlegende Überzeugung hegen, dass man irgendwie doch etwas bewegen kann. Dass alles wird liebevoll in kleine Anekdoten, scheinbar belanglose Szenen und amüsante Momente verpackt, so dass ich das Buch von der ersten bis zur letzten Seite einfach genießen konnte. Ein wenig hatte ich ja Angst, dass Mr. Malik beim zweiten Band seinen Zauber nicht wieder so entfalten könne wie beim ersten Mal, doch auch wenn die Geschichte einen ganz anderen Unterton hat, so habe ich „Kleine Tierkunde Ostafrikas“ genauso genossen wie mein erstes Zusammentreffen mit diesem charmanten alten Herren.

Jonathan Tropper: Sieben verdammt lange Tage (Hörbuch)

„Sieben verdammt lange Tage“ von Jonathan Tropper hockt schon sehr lange auf meinem SuB, aber so richtig habe ich mich nie in der Stimmung für das Buch gefühlt. Umso erfreuter habe ich zugegriffen, als mir Natira das Hörbuch als Leihgabe angeboten hat. Grundsätzlich mag ich diese Art von Familiengeschichten sehr – vielleicht, weil mir meine Familie im Vergleich den Foxmans gleich sehr viel normaler vorkommt. Aber nach dem Hören dieses Hörbuchs, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich eine Protagonistin benötige, um mich mich wohlzufühlen. Und sei es nur, weil ich dann nicht ständig mit dem fehlenden Sexleben der Hauptfigur und seinen Gedanken und Reaktionen auf jedes einigermaßen attraktive weibliche Wesen konfrontiert werde.

Aber vielleicht sollte ich erst einmal ein paar Worte zur Handlung verlieren. In „Sieben verdammt lange Tage“ dreht sich die Handlung um Judd, der vor ein paar Wochen herausgefunden hat, dass seine Frau Jen ihn mit seinem Chef betrügt. Pikanterweise hat er Jen prompt an ihrem Geburtstag mit ihrem Liebhaber in in ihrem Ehebett erwischt, als er sie früher von der Arbeit kam, um sie mit einer Torte zu überraschen. Die Torte mitsamt den brennenden Kerzen landete dann im Hintern des Chefs und das war es dann mit Judds Ehe. Kurz darauf stirbt Judds Vater, der schon längere Zeit krank war, und um den letzten Wunsch des Toten zu erfüllen, sollen Judd und seine drei Geschwister – wie es sich nach dem traditionellen jüdischen Glauben gehört – sieben Tage Schiwa sitzen.

Während dieser sieben Tage, in denen sich die Mitglieder der Familie Foxman kaum aus dem Weg gehen können, kommen viele Gefühle hoch, die seit Jahren von allen totgeschwiegen wurden, und alte und aktuelle Konflikte lassen sich nicht länger ignorieren. Während Judds ältere Schwester Wendy von ihrem vielbeschäftigen Ehemann Barry mit den drei kleinen Kindern ständig allein gelassen wird und ihrem Jugendfreund hinterhertrauert, wirft sein Bruder Paul ihm vor, dass er seinetwegen nicht aufs College gehen konnte. Außerdem ist Paul mit Judds Ex-Freundin Alice verheiratet und die beiden versuchen seit Jahren vergeblich Kinder zu bekommen, während Judds Frau Jen gerade festgestellt hat, dass sie schwanger ist. Einzig Phillip, der jüngste der Foxman-Geschwister, scheint unbelastet durchs Leben zu gehen, doch natürlich trügt der Anschein.

Wie schon erwähnt, mochte ich die Familienszenen in dieser Geschichte. Die Liebe zwischen den Geschwistern ist ebenso greifbar wie all die größeren und kleineren Verletzungen, die sie sich gegenseitig – mal mehr, mal weniger absichtlich – zugefügt haben. Auch das Verhältnis zu den Eltern ist nicht ganz ungetrübt und so langsam wird Judd und seinen Geschwistern klar, dass sie ihren Vater verloren haben und keine Gelegenheit mehr haben werden, um ihm näher zu kommen. Was ich nicht mochte – und ich muss zugeben, dass ich grundsätzlich ein Problem damit habe – ist die … ähm … sexuelle Bedürftigkeit von Judd. Seit der Trennung von Jen hat er mit keiner Frau mehr geschlafen (wobei im Laufe der Geschichte klar wird, dass der letzte Sex keine drei Monate her ist) und ist so „bedürftig“, dass er anscheinend an nichts anderen mehr denken kann. Ständig betrachtet und beurteilt er Busen, Beine und Hintern und das hinterlässt bei mir einen ziemlich fiesen Nachgeschmack …

Der Sprecher, Andreas Pietschmann, liefert solide Arbeit. Ich fand seine Lesung passend und unterhaltsam und er verlieh den einzelnen Charakteren einen ausreichenden Wiedererkennungswert. Dass die Frauenstimmen immer mal wieder etwas unnatürlich klangen, fällt nicht so schwer ins Gewicht, da er bei diesen Passagen nicht so extrem die Stimme verstellte wie manch anderer Sprecher – da kann ich das verzeihen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich jetzt weder die Stimme von Andreas Pietschmann, noch seine Leistung so herausstechend fand, dass er für mich einen Wiedererkennungswert besitzt.

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

Ich habe keine Ahnung, wieso „Mit Blick aufs Meer“ von Elizabeth Strout auf meiner Vormerkliste gelandet ist. Vermutlich habe ich auf irgendeinem Blog eine Empfehlung gelesen, aber wo und wann das war, kann ich nicht mehr herausfinden (wenn jemand sich „schuldig“ fühlt, darf er sich gern melden). Die Autorin wurde für diesen Roman im Jahr 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, aber das hat mich definitiv nicht zum Lesen veranlasst. *g* „Mit Blick aufs Meer“ ist eine Sammlung von lose zusammenhängenden Kurzgeschichten, die kleine und oft eher alltägliche Begebenheiten schildern.

Verknüpft werden die Geschichten durch den Schauplatz Crosby, einen kleinen Ort an der Küste von Maine, und häufig kommt die pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge in der Geschichte vor oder wird zumindest erwähnt. Neben der auf den ersten Blick eher alltäglich wirkenden Handlung ist allen Geschichten eine gewisse Melancholie gemein. Auch erscheinen nur wenige Charaktere wirklich sympathisch, aber dafür wirken sie stimmig und realistisch und in ihren – nicht gerade einfachen – Eigenarten sogar immer wieder liebenswert.

Olive zum Beispiel wird von den meisten Außenstehenden als furchteinflößend oder bestimmend wahrgenommen, und unrecht haben diese Personen mit ihrer Meinung bestimmt nicht. Oft genug steht die Frage im Raum, warum ihr sanfter und warmherziger Mann Henry sie überhaupt geheiratet und es all die Jahre mit ihr ausgehalten hat. Auf der anderen Seite kann man als Leser auch Olives Gedanken und Ängste miterleben – und so harsch sie auch über andere urteilt und so unhöflich sie auch in ihrem Benehmen ist, so kommt einem doch nicht selten der Gedanke, dass sie mit ihrem harten Urteil über andere vielleicht gar nicht so falsch liegt. Außerdem gibt es immer wieder die Momente, in denen sie überraschend aufmerksam handelt, in denen sie sich anderer Menschen annimmt und in denen einem klar wird, dass diese dicke alte Frau so gern gebraucht werden möchte.

Man erfährt viel von Olive und ihrem Henry, aber auch von ihrem Sohn Christopher (der Olive viele Vorwürfe über seine Kindheit zu machen hat) und vielen weiteren Bewohnern aus dem Ort. Doch Elizabeth Strout lässt bei all ihren Erzählungen – die voller genauer und atmosphärischer Beobachtungen sind – sehr viele Lücken, die vom Leser selbst geschlossen werden müssen. Wie es sich für eine klassische Kurzgeschichte gehört, überlässt die Autorin es einem selbst, die Geschichte weiterzuspinnen, sich zu fragen, ob eine junge Frau eine Arztpraxis in Brand setzen würde oder ob ein Paar bei aller Ungleichheit am Ende eine zufriedene Ehe führen wird. Diese kleinen Einblicke in das „ganz normale“ Leben dieser Charaktere erzählen von den verborgenen Sehnsüchten und Wünschen der Menschen, von den kleinen Sünden und schwarzen Gedanken, aber auch von der Liebe, die sie empfinden, und von den verschiedenen Momenten, durch die diese ausgelöst oder ins Bewusstsein gerückt wird.

Da der Roman aus so vielen Kurzgeschichten besteht, kann man zwischen den einzelnen Kapiteln gut eine Pause machen. Trotzdem habe ich das Buch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, und auch wenn ich nun nicht mehr viele Namen auf die Reihe bekomme, so klingen in mir gerade so viele Figuren und Einzelschicksale nach. Durch die Fülle an Personen gibt es wohl für jeden Leser jemanden, mit dem man sich verbunden fühlen kann (solange man mit der unaufgeregten Erzählweise zurechtkommt) und leider muss ich anmerken, dass mir die erste Geschichte fast am wenigsten zugesagt hat, so dass ich den Einstieg etwas schwierig fand. Aber nach dem Beenden von „Mit Blick aufs Meer“ freue ich mich sehr darüber, dass ich irgendwie auf dieses Buch aufmerksam wurde und einige Stunden mit Olive und ihren Nachbarn, ihren kleinen und großen Geschichten und vor allem mit der Sprache und all den Beobachtungen von Elizabeth Strout verbringen konnte.

Lisa O’Donnell: Bienensterben

Wie ihr sehen könnt, bin ich in dieser Woche fleißig dabei meine Bibliotheksbücher zu lesen und zu besprechen – und dazu gehört auch „Bienensterben“ von Lisa O’Donnell. Rezensionen zu dem Roman habe ich auf mehreren Blogs gesehen, letztendlich war es wohl Arianas Meinung, die mich dazu verleitet hat, den Titel vorzumerken. Die Handlung in „Bienensterben“ beginnt rund um Weihnachten, am 15ten Geburtstag von Marnie und dem Tag, an dem sie mit ihrer elfjährigen Schwester Nelly ihre toten Eltern im Garten vergräbt. Dass die Eltern keines natürlichen Todes gestorben sind, steht schnell fest, ebenso wie die Tatsache, dass die Mädchen eigentlich ganz erleichtert sind, dass sie die beide losgeworden sind, doch Details dazu erfährt man erst nach und nach.

Im Laufe der Geschichte, die ungefähr ein Jahr umspannt, lernt man als Leser Marnie und ihre etwas merkwürdige Schwester Nelly immer besser kennen. Man erfährt von all den Momenten in ihrer Kindheit, in denen sie von den Eltern vernachlässigt wurden, dass Marnie in gewisser Weise Nelly aufgezogen hat und dass Alkohol und Drogen zum Alltag der Familie gehörten. Aber man kann auch die innige Beziehung der beiden Schwestern zueinander miterleben (obwohl die beiden die Handlungen und Gedanken der anderen nicht immer nachvollziehen können), lernt Marnies Freundinnen kennen und den homosexuellen Nachbarn Lennie, der in der gesamten Stadt als Perverser verschrien ist und doch nichts anderes ist als ein alter Mann, der um seinen (heimlichen) Lebensgefährten trauert.

Erzählt wird dieser Roman aus den Perspektiven von Marnie, Nelly und Lennie – und die Autorin beweist ein wirklich tollen Händchen bei der Darstellung der verschiedenen Charaktere und ihrer Ansichten. Marnie wirkt am Anfang unheimlich abgebrüht. Sie arbeitet für einen drogendealenden Eisverkäufer und versucht so genügend Geld für den Lebensunterhalt der Mädchen aufzutreiben. Dass sie flucht, raucht und selber hin und wieder von den zu vertickenden Drogen nascht, scheint bei ihrer Vergangenheit unumgänglich zu sein. Doch so hart Marnie nach außen erscheint, so zerbrechlicher wirkt sie im Laufe der Geschichte. All die Lügen, die sie erzählen muss, die Verantwortung für die kleine Schwester, Auseinandersetzungen mit Dealern, die Geld von ihrem „verschwundenen“ Vater haben wollen, und andere Herausforderungen wachsen ihr fast über den Kopf.

Nelly hingegen wirkt anfangs sehr unschuldig und mädchenhaft, so dass es kein Wunder ist, dass Marnie sie vor allem beschützen möchte. Doch neben ihrer genialen Begabung fürs Geigenspiel und der wunderlichen Angewohnheit sich sehr altmodisch und gestelzt auszudrücken, zeichnet sich Nelly auch immer wieder durch eine überraschende Zähigkeit und Härte aus. Dabei ist ihre Sehnsucht nach einem „richtigen“ Zuhause so groß, dass sie bereit ist einige erschreckende Kompromisse einzugehen. Nelly war der Charakter, der mich im Nachhinein eigentlich am meisten beschäftigt hat, denn ihre Beweggründe und ihre Handlungen waren oft so verdreht, dass ich sie nicht recht verstehen konnte, weil sie so sehr in ihrer eigenen Logik gefangen war.

Der Nachbar Lennie hingegen ist einfach nur ein Schatz. Sehr höflich, sehr zurückhaltend, aber auch ungemein besorgt über die Zustände im Nachbarhaus. Nach und nach erwirbt er das Vertrauen der Mädchen, auch wenn sie ihn natürlich nie darüber aufklären, wohin ihre Eltern wirklich verschwunden sind. Durch Lennie erfahren Marnie und Nelly zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, wenn sich ein erwachsener und verantwortungsbewusster Mensch um einen kümmert. Er versucht ganz behutsam den Mädchen ein Zuhause zu bieten und verwöhnt sie mit regelmäßigen und üppigen Mahlzeiten. Obwohl gerade Marnie ihn manchmal als sehr bevormundend empfindet, fand ich es beeindruckend, wie zurückhaltend sich Lennie den Mädchen gegenüber verhielt, wie vorsichtig er seinen Rat anbot und wie genau er von Anfang an spürte, dass er sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen musste, ohne sie dabei einengen zu dürfen.

Es gibt im Laufe der Geschichte einige schlimme Entwicklungen und immer wieder müssen Marnie und Nelly schwere Entscheidungen treffen, trotzdem gibt es neben den schrecklichen und melancholischen Momenten sehr viel Humor in diesem Roman (Wobei ich nicht verschweigen will, dass die ersten Seiten, in denen es um die Beseitigung der Leiche des Vaters geht, recht unappetitlich zu lesen sind). So schildert Lisa O’Donnell überraschend witzig, wie sich ein Drogendealer und seine Frau in Marnies Zuhause prügeln oder wie Marnie und ihre Freundinnen sich bei einem Ausflug die Zeit vertreiben. Dass jede dieser Szenen von einem nicht geringen Maß an Traurigkeit oder Resignation durchzogen sind, lässt sie nur noch eindringlicher wirken.

Auch wenn es mir etwas merkwürdig vorkommt ein Buch, in dem es um Vernachlässigung von Kindern, Tod, Misshandlung, Alkohol- und Drogenmissbrauch geht, als „schön“ zu bezeichnen, so hat mir „Bienensterben“ wirklich sehr gut gefallen. Dieser Roman verfügt über individuelle und faszinierende Protagonisten, eine tolle Erzählweise und eine Handlung, die mich – zum Teil gerade wegen diverser skurril wirkender Entwicklungen – sehr gepackt hat.